c 15 PffennigJ Wöchenllich 85 Pf, monatlich Z.80 M. im voraus zahlbar, Postbezug 4,32 M. emschließlich bvPsg.Postzeitungs- und 72 Pfg. Postbestellgeb ühren. Auslands- abonnement 8,— M. pro Monat. -st Der„Vorwärts" erscheint wochentög. lich zweimal, Sonntags und Montag, einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend", Illustrierte Beilagen„Boll und Zeit" und„Kindersreund". Ferner „Ilnterhalwng und Wissen",„Frauen. stimme",„Technik",„Blick In die Dücherwelt" und„Jugend-BorwSrts". 2. Sonderausgabe mit Bilder-Beilage l�-f> Nerltmee Voiösblatt �15 pfsnnlg� nt«t» fp»ltlg« HeapertüUztiit SO Pfennig. Retlamezeil» S— Reichs- mcrt �ldleine Anzeige«"' da, fettgedruckte Wort 25 Pfennig fzulifstg zwei fettgedruckt« Worte), jede» weiter« Dort l2 Pfennig. Stellengesuche da, erste Wort 15 Pfennig, jede, wettere Wort 10 Pfennig. Wort« über 15 Buchstabe» zähle» für zwei Worte. Arbeitmnartt Zelle« Pfennig. FamMen an zeige» Zeil» td Pfennig. Anzeigenannahme doHanpb- geschift Lindenstraß« 17 wochentäglich oon 8Vi dl, 17 Uhr, Jentealsvgan der SozialdemoLraiisOen Vaetei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff L92— LS?. Telegraunn-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Moniag, den-12. August il929. Postscheckkonto: Berlin 57636.— Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellte» und Beamten, Wallstr. 66. Diskonto-Gesellschast, Deposit enkass« Lindeustr-ß, Triumph der Republik. Glänzender Verlauf der Meiern in Berlin und im Mich. Hohe Erwartungen sind an den gestrigen Tag geknüpft worden. Die Wirklichkeit hat sie weil überlroffen. Die Republik ist gestern nicht bloß gefeiert, sondern von Millionen erlebt worden. Ihre Gegner hakten sich im voraus getröstet, dies alles werde nur ein offizielles Aeftgepränge mit„anbefohlener Begeisterung- sein. Henke müssen sie wissen, daß diese letzte Rotlüge nicht mehr hält und daß in Deutschland Volk und Republik eins geworden sind. Versuche, diese ungeheure Kundgebung herunterzureißen. zu beschmutzen und gewaltsam zu stören, haben weiter keinen Erfolg gehabt als den, die klägliche Ohnmacht ihrer Urheber zu enthüllen. Berlin, das arbeitende Berlin, steht zur Republik. Deutschland, das arbeitende Deutschland steht zur Re- publik. Wer in Deutschland Politik treiben will, muß mit dieser Tatsache rechnen, mag sie ihm lieb oder leid sein. Das ist die Lehre des 11. August 1929, der, dem Gedächtnis eines geschichtlichen Tages gewidmet, selber ge- f ch i ch l l i ch e r Tag geworden ist. Die Feier vor dem Reichstag. Um IVA Uhr bereits ist der riesige Platz der Republik dicht gedrängt besetzt. Von einer Menschemnauer, die geduldig in der brennenden Sonne ausharrt, ist der freie Platz vor dem Reichstag für die Ehrenikompagnie umsäumt. Von zroei riesigen Masten wehen die Fahnen der Republik; auf allen Masten der umliegenden Hausbücher und zwischen den Säulen des Reichstags- portals wiederholt sich der Farbendreiklang Schworzrotgold. Von der Schweizer und der Hamburger Gesandtschast, den Botschaftsgebäuden Japans, der nordeuropäischen Staaten in der Alsenstraße grüßen die fremden Flaggen das Banner der deutschen Republik. Durch die Lust ziehen schwarzrotgold bewimpelte Presse- flugzeuge und Maschinen des Flugverbandes der Werktätigen „Sturmvogel" ihre Kreise, bevor dann bei Beginn der Feier die Ehren st affel der Lufthansa mit zwölf Flugzeugen (erscheint, die eine Stunde lang den Platz umfliegt. Eine Unzahl von Photogmphen und Filmoperateuren hat ihre Apparate ringsum an allen möglichen und unmöglichen Stellen postiert, sogar in schwindelnder Höhe auf dem Dachsims des Reichs- tagsgebäudes kurbelt ein verwegener„Aufnahmemann". Auf den Ballonen des Reichstags und den Dächern der umliegenden Häuser drängen sich Massen von Schaulustigen. Die Sänger des Deutschen Sängerbundes marschieren in langer Kolonne an und nehmen auf der Freitreppe Aufstellung. Inzwischen ertönt Marschmusik, und die Ehrenkompagnie der Reichs- wehr mit ihrer Musikkapelle rückt an und bildet die Front zum Reichstag. Der Stadtkommandant von Berlin, General von Schleinitz, ist anwesend. Ueber den Beginn der Feier im Reichstag werden unsere Leser in der illustrierten Ausgabe unterrichtet. Da wir die Rede des Reichsinnenministers Genossen Severins wegen Schluß des Bilderdienstes nur unvollständig wiedergeben konnten, tragen wir noch: Die Nede Severings. Genosse Severing führte aus:„Herr Reichspräsident, liebe Bolksgenossenl Es ist nicht das erstemal, daß die Verfassungsfeier der deutschen Republik in eine Zeit fällt, in der Schicksalsfragen der deutschen Nation, Schicksalsfragen der ganzen Welt zur Entscheidung stehen. So ist es auch heute. Deshalb richten sich truch bei dieser Feier unsere Blicke nach dem Haag, wo die Wertreter der deutschen Regierung mit den Bertetern der Regie- Tungen Europas und der West sich mühen, aus den Friedens- ansängen des Jahres 1919 nun den wirklichen Frieden herzustellen, den Krieg endgültig zu liquidieren. Und ich glaube, wir Ministerreife nach dem Haag. Die Reichsminister W i s s e l l und S e v e r i n g sind gestern abend nach dem Haag gereist. Zweck der Reise ist eine Aussprache mit den dort weilenden Reichsministern über innerpolitisch« Fragen, wobei die Probleme der Arbeitslosenversicherung im Vordergrund der Erörterungen stehen. können diesen Tag nicht besser einleiten als dadurch, daß wir der Hoffnung Ausdruck geben, daß es den Bemühungen der Staatsmänner der ganzen Welt gelingen möge, dieses Programm der Völkerverständigung auch durchzuführen, damit die Völker Ruhe und Frieden bekommen, die Wirlschasl der Well Stetigkeit bekommt, daß Wohlstand und Glück allen Völkern erblühen mögen. Ein Tag der Freude soll nicht geschmälert werden durch Schlacken der Kleinlichkeit und des Alltags. Deswegen werden Sie von mir nicht erwarten, daß ich in einer Betrachtung dessen, was geschaffen ist, die aste Zeit, die Vergangenheit schmähe. Wer das tut, wer das Gute der Bergan genheit nicht ehrt, ist einer besseren Zukunft nicht wert. Es ist auch an sich unrichtig, daß das neue Deutschland etwa die Verbindung mit der Vergangenheit a b- lehnen könne. Auch in der Vergangenheit, auch unter der alten Staatssorm haben wir Großes erlebt, und die Demokratie von Weimar ist nicht erst in Weimar entsprungen, sondern langsao» herangereist, schon in der Vergangenheit unter der altert Staatssorm. Das Werk des Freiherrn v. Stein, die Kämpfe der Achtundvierziger, die Geschichte der Paulskirche, das allgemeine, g« Heime und direkte Wahlrecht, die Selbsterziehung der AobeiterschafI in den sozialpolitischen Körperschaften,— alles das sind Meilensteins auf dem Wege der Demokratie. Wenn wir so das Gutq der Vergangenheit ehren, dann dürften wir erwarten, daß diejenigen« die noch mit ihrem ganzen Gefühlsleben in der Vergangenh«! wurzeln, dem Neuen dieselbe Achtung entgegenbringen. Aber man fragt uns: was hat die Republik, was hat da» Deutschland der Weimarer Verfassung geleistet?, und schon im Ton dieser Fragestellung liegt eine negierende Antwort. Manl konzediert der Republik und dem neuen Deutschland höchstens, daß die Demokratie von Weimar das Land vor dem Zerfall, vor dem Die Konferenz tagt weiter. Snowdens„gutes Herz"— der persönliche ZwischenfaN erledigt— Gonntagsaussprache der„großen Sechs". V. Seh. Haag, 11. August.((Eigenbericht.) Die für Sonntag vormittag in Aussicht genommene Sitzung der sogenannten sechs einladenden Mächte hat stattgefunden und eine unverkennbare Entspannung gebracht. Die Sitzung begann erst gegen Mittag, weil Dr. Stresemann Wert darauf legte, an dem evangelischen Gottesdienst aus Anlaß des deutschen Verfassungstages teilzunehmen, während Dr. Wirth eben- falls einem katholischen Hochamt beiwohnte. An der Beratung, die eineinhalb Stunden dauerte, nahmen fast ausschließlich die Haupt- delegierten, also auf deutscher Seite die vier Reichsminister teil. Die Stimmung unter den Hunderten von Journalisten, die auf das Ergebnis im Hof warteten, war überaus pessimistisch. Man erwartete allgemein einen Beschluß ans Vertagung der Konserenz nm einige Wochen, also einen verschleierten Abbruch. Die angelsächsischen Kollegen schlössen bereits Wetten ab, und zwar schwankten die Odds zwischen 4: 1 und 5: 1 im Sinne des Abbruches. Daraus mag man ersehen, wie e r n st die Situation beurteilt wurde, besonders nach dem Zwischenfall Snowden-Cheron, der durch das Kommunique kaum gemildert worden war, wonach die Worte„lächer- lich" und„grotesk" aus dem Protokoll gestrichen worden seien, nach- dem sich herausgestellt hatte, daß sie im Französischen ein« beleidi- gende Bedeutung hätten, die sie im Englischen nicht besäßen. Die be- greifliche Spannung wuchs mit jeder Minute, als plötzlich als erster an der Schwelle der Treppe zum Konferenzsaal H i l f e r d i n g erschien und ein Sturm der Hunderte von Journalisten auf Ihn einsetzte. Mit den wenigen Worten: „Milderung der Gegen sähet" klärte er die Harrenden über das Ergebnis der entscheidenden Aussprache auf. Nach und nach erschienen auch die übrigen Dele- gierten und bestätigten dieses Gesamturteil. Später erfuhr man Näheres über den Verlauf der Sitzung. Der Vorsitzende I a s p a r hatte die Beratung damit eröffnet, daß er deren bestimmten Zweck umschrieb: Es handelte sich im wesentlichen darum, die Streitfragen zu klären, erstens ob und inwiefern die Vereinbarungen zwischen Poincare und Churchill vom November 1928 eine Anrechnung der französischen Schuldenrückstände bet der künftigen Reparalionskonferenz bezweckten, zwettens ob infolgedessen eine Aenderung des Verteilungsschlüssels von Spa tatsächlich erfolgt sei oder nicht, und drittens, ob das britische Schatzamt von den englischen Sachverständigen Wer diese beabsichtigte Aenderung rechtzeitig in- formiert sei und sie dazu ermächtigt habe. Es entspann sich eine ausführliche Debatte, die sofort durch eine Erklärung Snowdens einen freundschaftlichen Charakter erhielt, indem der britische Schatzkanzler nochmals versicherte, daß er niemanden habe beleidigen wollen, daß man im englischen Unterhaus die bewußten Wendungen oft gebrauche, die in England als durchaus parlamentarisch gelten, und daß im übrigen er in England dosthj bekannt sei, daß er „manchmal eine bitlere Junge, aber stets ein gutes her;" habe. Cheron beeilte sich, mtt besonderem Eifer zu beteuern, dasj er den persönlichen Zwischenfall als erledigt betrachte und e» entwickelte sodann, unterstützt von Loucheur, verschiedene Argument» zugunsten der französischen These in der zur Debatte stehendsul juristischen und historischen Streitfrage. Es sprachen dann der Italiener P i r e l l i und der Belgier F r a n c q u i, die als ehe» malige Sachverständige der Pariser Konferenz gewissermaßen al»: Zeugen über ihre Auffassungen und Erfahrungen aussagfen. Si» 5 bekundeten, daß nach ihrem Wissen die englischen Sachverständigert j in den kritischen Tagen der Pariser Konferenz mit dem Schatzamt? in London in telephonischer Verbindung gestand«»' haben, um dieses über die Schwierigkeiten auf dem laufenden ztf; halten. Demgegenüber blieb aber Snowden dabei, daß auch sein Vorgänger Churchill die französische These über den Sin»"]' seiner Abmachungen mit Poincare niemals anerkannt hätte und daß das Schatzamt die englischen Sachverständigen Stamp Addis niemals zu einer Aenderung des Sparschlüssels m ä ch t i g t hätte. Es steht also nach wie vor in dieser Streits Behauptung gegen Behauptung. Eine Milderung des sachliche, Gegensatzes hat auch die heutige Sitzung nicht gebracht, wohl eine entschiedene Entspannung im persönlichen Verkehr. Das wlrdj auch von englischer Seite unterstriche». Es wurde ferner beschlösse». die Sitzung der Finanzkommission am Montag vormittags* abzuhalten, in der die Generaldiskussion über das Problem dep Sachlieferungen weitergeführt werden soll. Zu einem allzu großen Optimismus liegt natürlich noch kerrt Anlaß vor. Wer die Tatsache, daß die Konferenz die schwere Krssrt vom Sonnabend überhaupt überstanden hat, läßt hoffen, daß e» vielleicht doch noch gelingen wird, ein Kompromiß zu find«»« Aus deutscher Sette ist man der Auffassung, daß wir alles Interesse daran haben, eine Ueberbrückung der Gegensätze zwischen England und seinen Rtitgläubigern zu wünschen — natürlich sofern sie nicht aus Kosten Deutschlands erfolgt—, zumal die Erfahrungen der früheren Jahre beweisen, daß Deutschland bei einer ernsthaften Krise unter den ehemaligen Alliierten meist de» leidtragende Teil ist und weil diese Gefahr im Falle de» Scheiterns der Haager Konferenz zweifellos in ganz besonderem Maß« bestände. Snowden telephoniert mit Macdonald. V. Sch. Haag. 11. August.(Eigenbericht.) 1 Es verlautet, baß Snowden am Sonntag nachmittag irt telephonischer Verbindung mit Macdonald stand, um ihn Wer die Loge zu unterrichten. Gerüchtweise wird versichert. daß diese Rücksprache im Zusammenhang steht mit einem sranzö- fischen Kompromißvorschlag, dessen Ei�elheiten jedoch zurzeit noch völlig unbekannt sind. Die 50000 it Die Reichsregierung, die Preußische Regierung und die Stadl DerNn hatten für den Sonntag nachmittag eine große verfassungsseier im Grunewald-Stadion arrangiert. Zum ersten Male, seitdem der Tag der Geburt der deutschen Verfassung vom Volke gefeiert wird, ist es den genannten Veranstaltern möglich gewesen, solche Massen zu einer Feier zu versammeln, die nicht mit Musik und Reden, sondern mit einer symbolischen Darstellung des Werdens der Reichs- Verfassung ausgefüllt wurde. Das riesige Oval des Stadions mit seinen etwa SV 0 0 0 Sitzplätzen war bis zum letzten Winkel gefüllt, als die vereinigten Kapellen der Berliner Schutzpolizei unter Leitung von Polizeiobermeister Hahn mit Fanfarenklängen und dem Florentiner- marsch den Einzug der studentischen Abordnungen einleiteten. In dem langen Zuge der in vollen Wichs mit ihren Bannern und Stan- darten marschierenden Studenten fielen besonders die republika- nischen und sozialistischen Studentengruppen der Berliner Hoch- schulen auf, die, allerdings in Zivil, schwarzrotgoldene und rote Fahnen vorantrugen. Ein neuer Fanfarenstoß, und unter der Lei- tung von Musikdirektor Wiedemann singen 7300 Schulkinder das Gelübde„Ich Hab' mich ergeben mit Herz und mit Hand". Schlicht und klar tönen die frischen Kinderstimmen durch das Sta- dion, die Verstärkung durch die Lautsprecher ist fast unnötig. Dann hält der Reichsverkehrsminister Guerard eine kurze Ansprache: In schwerster Zeit der Sorge und der Rot ist die Ver- fassung geschaffen worden, eine Verfassung, die das Vaterland zur Sonn« der Freiheit führen soll. Ohne Weimar hallen wir kein deulsches Vaterland, ohne die Verfassung wäre Deutschland nie wieder ein so gewalliger Faktor in der Politik geworden, wie es gegenwärtig der Fall ist. Deshalb sollen die Tage, an denen die Derfasiung geboren wurde, im Volk immer lebendig bleiben. Sie soll für uns kein Sommer- nachtstraum sein; wir wollen an ihr weiterarbeiten mit bester Hin- gäbe, wobei uns jeder willkommen ist, der guten Willens ist. Deutschlands Söhne und Töchter! Ihr seid die Zukunft, an euch wird es fein, den deutschen Reichsbau zur Vollendung zu führen. Setzt euch ein, jederzeit, überall, wo es auch sei, für das Vaterland. Einer für alle, alle für einen! In diesem Sinne werden unsere Kinder jetzt singen:„Stimmt an mit hellem, hohem Klang, des Baterlandes Hochgesang". Während noch Flugzeuggeschwader, geschmückt mit schwarzrot- goldenen Wimpeln, über der Feswersammlung kreisten, begann auf der grünen Rasenfläche des Stadions dos von Joseph von Fielitz verfaßte und unter der Leitung des Reichskunstwartes Dr. Reds- l o b aufgeführte Festspiel. Ein Männersprechchor des Deutschen Arbeiter-Sänger-Bundes begann: Bruder am anderen Ufer höre: Wir sind ein Volk Wir schaffen ein Werk Das lebendige Reich! Aber die getrennt aufgestellten Chöre, die deutschen Werkleute darstellend, können nicht zusammenkommen: sie sind uneinig. Sehn- süchtig und doch eine neue, bessere Zeit erhoffend, klingt der Kinder- chor dazwischen:„Freiheit, die ich meine..." Da flattert lebendige Jugend in die Arena. Sie will den Werkleuten zu Hilfe kommen, k im Stadion l Grunewald. das Werk zu vollenden. Schnell füllt sich das große Oval mit Junger! und Mädeln, die, mit buntem Tuch behangen, die �Farben bei? deutschen Freistaten darstellen. Sie scharen sich zusammen um diq Werkleute, die sie freudig empfangen: Glaube der Jugend, Reinheit der Jugend, Siegkraft der Jugend Vollende das Werk! Vereinten Kräften gelingt, was vorher den getrennten Werkleickevl unmöglich war. Aus einzelnen goldenen Stangen wird ein riesiger Fahnenmast zusammengesteckt und im gleichen Augenblick stürmeul Tausende und Abertausende Schulkinder, in Schwarz rot gold ge- kleidet, herein und gruppieren sich am Knauf des Fahnenmastes zq einem unendlich großen schwarz rot goldenen Reichsbanner. Das Wert ist vollendet, Mast und Fahne werden im Stadronl herumgetragen. Volkstänze und sportliche Spiele zeigen die Freud«! der Jugend am geschaffenen Werk. Die Glocken läuten, Fanfare» schmettern, die Kinder smgen:„Mein Vaterland, mein Heimatland"- Während des Gesanges steigt in der Mitte des Platzes an einen, hohen weißen Mast ein Reichsbanner empor, stürmisch b(* jubelt von der zuschauenden Menge. Die Werkleute und die lebeiw den Landesfarben schließen den Mast in ihrer Mitte und jubelnd tönt der Schwur des Volkes als Bekenntnis zum Reich: Vaterland, Dir geweiht: Glaube des Herzens. Dir geweiht: Reinheit der Trämne, Dir geweiht: Wille zum Sieg! Mächtig flattert das riesige schwarzrotgoldene Tuch im Winde!- Die Musik intoniert das Deutschlandlied und stehend singt die ve« sammelte Menge den ersten und den dritten Vers. In der Höhe kreisen andere Flugzeuge, die der„Sturmvogel", der Flugverband der Werktätigen, zu der Feier entsandt hat. In prächtigem Fluge ziehen die schwarzrotgold geschmückten Riesenvögel ihre Bahn, um dann wieder in der Ferne zu verschwinden. Die Anwesenheit der Reichs- und preußischen Minister und vieler Mitglieder der Städtischen Körperschaften gab dem Fest eine besondere Rote. Volk und Führer taten sich zu einer Einheit zm sammen, um den Berfassungstag so zu feiern, wie es in anderen Ländern längst üblich ist. In musterhafter Disziplin und Ordnung hielten die 30 000 Zuschauer aus. Alle waren eins in dem Gedanken: die Verfassung ist der Grundstein, mif dem Volk und Vaterland ge- deihen kann._ Die VersassunßSseiern im Reich. Nach den bis Sonntagabend vorliegenden Meldungen sind dl«! Verfassungsfeiern in ganz Deutschland bei schönstem Wetter und stärk« ster Beteiligung der Bevölkerung überall ruhig oerlaufen. In Königsberg enthüllte der preußische Ministerpräsident Otto! Braun eine Ebertbüste und hielt dabei ein Ansprache mit bcmer« kenswerten grundsätzlichen Ausführungen über den demokratisch« sozialen Volksstaat, über den wir in der heutigen Abendausgabe bo« richten werden. Rokschewismys errettet habe. Wäre das müh im? das einzige Bs» dienst, es wöge schwer genug. Aber die Republik, die Ver- fassung von Weimar, hat Größeres geleistet: Sie hat die Reichseinheit erhalten und, was mir als Vertreter der deut- schen Arbeiterschaft zu betonen besonders am Herzen liegt, die Demokratie von Weimar hat die Arbeiterschaft zum Staat ge- führt, hak der Arbellerschaft das Gefühl beigebracht, daß dieser neue Siaal ihr Slaal sei. Dieses Gefühl, das lebendig geblieben ist und lebendig bleiben wird, dieses Gefühl der Schicksals- Verbundenheit mit allen Kreisen des Volkes, das ist es, was wir als das sicherste Fundament für den Weiterbau am Hau» der deutschen Republik betrachten können. Die Freude am neuen Staat hat sich gleich zu Beginn in der Abwehr feind- licher Angriffe auf Deutschlands Grenzen und Deutschlands Boden, auf Deutschlands Unabhängigkeit gegeigt. Als die Kämpfe in der Nord mark zu bestehen waren, haben trotz aller Lockungen von dänischer Seite alle Schichten der nordmärkischen Bevölkerung mit dem Stimmzettel in der Hand diese umstrittenen Landesteile für Deutfchland erhalten. Als in Ostpreußen an den Abstimmungstagen die Frage zur Entscheidung stand, ob oft- preußisches Land polnisch werden oder deutsch bleiben sollte, da haben auch die ostpreußischen Arbeiter und gerade sie mit dem Stimmzettel in der Hand sich für Deutschland entschieden. Und daß Oberschlesien deutsch geblieben ist in den Iahren 1921 und 1922, das verdanken wir neben allen anderen Erwerbsständen nicht zuletzt der Treue der deutschen Arbeiterschaft. Das neue Deutschland wird blühen und gedeihen, wenn es sich de« einen Boraussetzung bewußt bleibt, die auch im Deutschlandliede Hoffmanns v. Fallerslebens anklingt, daß es stets zu Schutz und Trutz« brüderlich zusammenhält. Für dieses Deutschland des brüderlichen Zusammenhalts, für dieses Deutschland der Soli- darität aller Stände, für dieses Deutschland tämpfen wir und schaffen wir. An dieses Deuifchland glauben wir. und dieses Deutschland wird von innen heraus und von außen her unüberwindlich fein. Das beweist uns die Betrachtung der letzten zehn Jahre: das be- weisen uns die Erfolge unsere» gemeinsamen Schaffens in der deutschen Wirtschaft. Das beweist uns der Tag, den wir heute be- gehen: Ursprünglich eine Verfassnngsfeier. die nur dem Gedanken an die Verabschiedung des Verfassungswerkes gewidmet war: heute schon ein Tag der Republik und der Republikaner, und lassen Sie mich die Hoffnung an diese Feststellung knüpfen— morgen und In nächster Zukunft ein Tag der deutschen Ration.(Lang anhaltender stürmischer Beifall.) Das Berliner Sinfoni«-Orchester spiette hierauf die Ouvertüre „N a m e n s f e i e r" von Beethoven. In Vertretung des erkrankten Reichskanzlers Hermann Müller Nahm dann Reichswehrminister Groener das Wort zu folgenden Ausführungen: Das deutsche Volt begeht heute zum zehntenmal die Feier des Tages, an dem die republikanische Verfassung Rechtskraft erlangt hat. Wir gedenken pietätvoll der Vergangenheit, geben uns Rechen- Ichaft über die letzten zehn Jahre und geloben, für die Gestaltung der Zukunft unser Bestes einzusetzen. Deutsche Arbeit, deutscher Fleiß und der Lebenswille des deut- schen Volkes gewährleisten uns die Zukunft und geben uns das Recht, auf«inen gesicherten und geachteten Platz im Leben der Völker. Einigkeit und Recht und Freiheit waren die Zauberworte, die uns über das Schwerst« hinweggebracht haben: sie mögen auch die Wegweiser in eine bessere Zukunft sein Dankbarkeit und Pflicht mahnen uns an dem zehnjährigen Ge- tzenktage der Weimarer Verfassung des ersten Präsidenten der Deutschen Republik zu gedenken, dessen lautere Liebe zu seinem Vaterland uns Wegweiser war. Wir beugen uns mit Ehrfurcht vor der hehren Gestalt unsere» jetzigen Reichspräsidenten, der uns in Deutschlands schwerster Zeit Führer war und dessen Leben und Arbeit auch künftighin unser Symbol ist. Das in der Republik geeinte deutsche Volk, es lebe hoch! Reichspräsident v. Hindenburg und die Versammlung erhoben sich und stimmten begeistert in das Hoch ein. Der gemeinsame Gesang der ersten und dritten Strophe des Deutschlandliedes beendete die Feier im Plenarsaal des Reichstages. Nach der Feier begab sich Reichspräsident v. Hindenburg in Begleitung des Reichstagspräsidenten L ö b e, des Reichswehr- Ministers Groener und der übrigen Mitglieder des Reichskabinetts sowie zahlreicher Parlamentarier durch die mit Wappenflaggen der Länder geschmückte Kuppelhalle des Reichstages über die große Freitreppe zum Platz der Republik, von den vielen Tausenden von Zuschauern mit stürmischen Hochrufen begrüßt. Unter den Klängen des Präfentiermarfches schritt der Reichspräsident in Begleitung des Reichswehrministers und des Berliner Stadtkommandanten v. Schleinitz die Front der zwischen Reichstag und Bismarck- denkmal aufgestellten Ehrenkompagnie ab, während über dem Platz zwei Flugzeuggeschwader kreisten. Nach dem Abschreiten der Front bestieg der Reichspräsident seinen Kraftwagen und fuhr lang- sam unter erneuten Hochrufen und Tücher, und Hüteschwenken des Publikums zum Reichspräsidentenpalais zurück. Während der Feier im Reichstag spielte auf dem Platz vor dem Reichstag die Militärmusik und der Berliner Sängerbund erfreute das Publikum mit Gesangsvorträgen. Großflugtag des„Sturmvogel" Massenbesuch in Tempelhof.— Eine Ansprache Severings. Da steht man nun wieder auf dem Tempelhofer Feld. Wie sah das doch hier vor fünfzehn Jahren zu Wilhelms Geburtstag aus? Eine wette, öde Fläche. Aufmarsch des Gardekorps. Weiße Hofen, bunte Helmbüsche. Welch anderes Bild bietet heute das Tempelhofer Feld! Heute, am Nationalfeiertag des neuen Reiches! Der„Swrmoogei", der Flugverbond der Werktätigen, veranstaltet einen Volksflugtag, veranstaltet Rundfiüge zu ermäßigten Preisen. Und Zehntausende kommen. Kurz vor drei Uhr startet E r n st U d e t auf seinem roten Flamingo. Kaum hat seine Maschine den Boden wieder berührt, donnern die Propeller der 13 Großflugzeug« los, die die Rundflüge ausführen. Zum ersten Male ist den Proletariern Gelegenheit ge- geben, Berlin aus der Vogelperspektive zu betrachten. Um sechs Uhr klettern wir mtt der neuen dreimotorigen Ford- Maschine in die Höhe. Der Flugplatz rutscht unter uns hinweg. Wir fliegen. Das ist eine sehr einfache Sache. Aber wie sieht dieses Berlin heute aus! Nicht trostlos und grau, aus der Tiefe leuchtets herauf. In allen Straßen schwarzrot- goldene Fahnen, die in der Abendsonne leuchten, auf allen Straßen Menschen, in allen Park». Berlin hat sein Festkleid angelegt. Wsr sind kaum der Maschin« entstiegen, hören wie Händeklatschen, be- geistert« Zurufe. Reichainnenminister Severing besteigt da» mit schwarzrotgoldenen Fahnen bedeckte Großflug- zeug. Und während oben in der Luft noch einige Flieger lärmen, spricht Seoering.„Wenn man heute durch Berlin geht, dann sieht man, daß der Berfassungstag ein Volksfest im besten Sinne des Wortes ist. So soll es aber auch fein. Ja, es soll noch besser werden. Dieser Derfassungstag ist aus dem Bedürfnis des Volkes entstanden, fein Werk zu ehren. Und das deutsche Volk ehrt sich selbst, wenn es feine Verfassung feiert." Zum Schluß seiner t«m- peramentvollen Ansprache betonte Severins, daß er nicht die Ab- sicht habe, in Tempelhof eine Parade abzunehmen. Er wolle unter dem Volke sein. Sich mtt dem Volke freuen.„Als mich der Vor- stand des.Sturmvogels, aufforderte, am Bolksflugtag eine An- spräche zu halten, sagte ich mit Freuden zu. Jedes Flugzeug, das mit den schwarzrotgoldenen Fahnen am Rumpf ins Ausland fliegt, wirbt für das neue Deutfchland, für die Republik, ist«in Beweis dafür, daß auch in den Lüsten der Volkswille regiert." Begeistert stimmt die Menge in das Hoch auf die Republik ein. Das Deutschlandlied ertönt. Und dann feuert Alfred B e t e r l e Verse von Herwegh in die Masse. „Note Kahne" beschlagnahmt. Wegen Aufreizung zum Bürgerkrieg. Die am Sonntagmorgen ausgegebene Ausgabe der„Roten Fahne" ist, wie es in der amtlichen Mttteilung heißt,„wegen ihres aufreizenden Inhalts auf Grund des Z 23 Ziffer 3 des Reichspressegesetzes in Höhe von 30 000 Exemplaren beschlagnahmt worden". Der angezogene Paragraph des Reichspressegesetzes besagt, daß eine Druckschrift ohne richterliche Anordnung durch die Polizei be- schlagnahmt werden soll, wenn sie zum Widerstand gegen die Staats- gewalt auffordert oder zur Gefährdung des öffentlichen Friedens anreizt und wenn„die dringende Gefahr besteht, daß bei V«r- zögerung der Beschlagnahme die Aufforderung oder Anreizung ein Verbrechen oder Vergehen unmittelbar zur Folge haben werde". Die vor der Beschlagnahme in den Berkehr gebrachten Cxem- place der„Roten Fahne" enthiellen z. B. über die Berliner Der- fassungsfeier des Reichsbanners und der Regierungen folgende Sätze: „Mögen die Hörsing-Garden, die Reichsbanner-Horden, die chauvinistischen Mordbengels, di« man aus ganz Deutschland zu- sammengetrommell und nach Berlin verfrachtet hat, am heutigen Tage mtt Messern und Stahlruten, mit Rollkommandos und„Zivil- aufklärern" ihre ganze konterrevolutionäre Gemeinheit beweisen!... Mögen sie das arbeitende Berlin mit dem heuchlerischen Ruf „Frei Heil" oerhöhnen! Das Berliner Proletariat, die deutsche Arbeiterschaft antwortet ihnen mit grenzenloser Feindschaft und Verachtung." Di«„Rote Fahne" nannte zugleich den Volksstaat di«„Republik der Arbeitermörder" und kündigte hysterisch an, daß das Proletariat „das nächste Mal mit euch, den Kapitalisten und Sozialfaschisten, russisch reden" würde. Das ganze Blatt bestand fast nur aus ähnlichen Hetzereien gegen die Sozialdemokratie und das Reichsbanner, so daß angesichts der gespannten Lage und der tagelang vorhergegangenen Provokationen nur durch di« Beschlagnahme des Blattes ein unblutiger Verlauf de» V« r fa s su n g s ta g e s gesichert erschien. Feiger Lteberfall auf Reichsbannerleute. Drei Kameraden schwer verletzt. Die Rächt zum Sonntag ist im allgemeinen recht rnhlg verlaufen. An zwei Stellen der Stadt, in Zehlendorf und im Osten Berlins, am Weldenweg, ist es jedoch zu blutigen Zwischenfällen gekommen. Zn beiden Fällen waren es Reichsbannerleute, die von links- und rechtsradikalen Strolchen überfallen und niedergestochen wurden. In Zehlendorf wurden gegen 1 Uhr zwei auswärttg« Reichsbannerkameraden, der köjährige Wilhelm Binder aus Frankfurt a. M. und sein 33jähriger Sohn Adolf von einem Trupp Hakenkreuzler überfallen und niedergestochen. Die Kameraden, die das Abtetlungsbanner bei sich führten, befanden sich auf dem Wege zu ihrem Quartier in der Ahornstraße, Die Rowdys müssen ihnen unbemerkt gefolgt sein. In der ab- gelegenen und stillen Ahornstraße sielen sie dann mit Messern und Dolchen über ihre Opfer her, die bald blutüberströmt zu Boden sanken. Dann raubten die Strolche das Banner und fluche t e t e n. Als das alarmiert« Ueberfallkommando am Tatort erschien� war von den Tätern keine Spur mehr zu entdecken. Die Ilriminal« polizei hat inzwischen die Ermittlungen aufgenommen. Die schwerverletzten Reichsbannerkammeraden wurden von de? Polizei ins Zehlendorfer Hindenburgkrankenhaus ge« bracht. Wie wir aus dem Krankenhaus erfahren, haben die Ueber« fallenen zwar erhebliche Verletzungen davongetragen, doch bestehen für ihr Leben glücklicherweise keinerlei Vesürchwngen. Dieser feige Ueberfall ist das Resultat der völkischen Hetze, die sett Wochen gegen die Derfassungsfeier in der schamlosesten Weise be- trieben wurde. Hoffentlich gelingt es der Polizei recht bald, die Täter zu ermitteln, denn der republikanischen Bevölkerung hat sich in dem sonst so stillen Zehlendorf große Erregung bemächtigt. Am Weidenweg wurden am Sonntag früh m e h r e r e Rcichsbannerleute angefallen. Die Moskowiter, die mit langen Holzlatten, an deren Enden sich große Nägel befanden, die Straßen durchzogen, rissen damit alle ererichbaren schwarzrol- goldenen Fahnen und Guirlanden herunter. Als sie von den Reichs- bannerleuten deshalb zur Rede gestellt wurden, fielen die Fahnen- räuber, die sich in großer Ueberzahl befanden, über die Reichsbanner- leute mit den L a t t e n, D o l ch e N und Messern her. Der Reichs« bannermann K. wurde erheblich, mehrere ander« leichter verletzt. K. mußte ins Krankenhaus am Fricdrichshain gebracht werden. Als das alarmierte Ueberfallkommando eintraf, suchten die kommunistischen Rowdys das Weite und entkamen. Bis gestern abend um 11 Uhr waren insgesamt etwa 130 Per« sonen— zum größten Teil Kommunisten— wegen verschiedener Delikte zwangsgestellt worden. Sämtliche Festgenom« menen wurden der Abteilung 1.�. im Polizeipräsidium vorgeführt. Berantwortl. füc die Redaktion' Fritz Narstiidt, Berlin; Rnüe'gen: Th. Glocke Berlin. Verla«: Borwärt» Verlag<5. m. b. Berlin. Druck: Vorwärt» Vuch- druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin TW 68, Lindenstrake 3. Hierzu X Beilage.