BERLIN Mittag 19. August 1929 10 Pf. Nr. 366 B192 46. Jahrgang. erschetottizltch aasterSanntag«. Zugleich Abendausgabe de«.DorwSrl«'. Bezuzsxrei« beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, S,60M. pro Monat. Redaktion und Lkredition; Berlin SWSS.Zindenßr.» 7Myfu>w� l akeiseo»rei«i Die einspaltige Nonparekllet«tl» so Pf.. Reklame, eilt 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. »stscheckkont»; DorwirtS-Verlag G. m. b.H� Berlin Nr.<7526. Fernsprecher: Dönhoff SS2 bi« 2S» Zeppelin in Tokio gelandet. Das Lustschiff hat etwa 13000 Kilometer in 5% Tagen zurückgelegt. Das Lastschiff„V ras Z c p p cl i, ias sich am Donnerstag vormittag vergangener Woche«och über Berlin zeigt/:, ist hente früh gegen 11 Uhr mittel- europäischer Zeit aus dem Flugplatz Kasimu» q a u r a in der Nähe der japanischen Hauptstadt Tokio glatt gelandet. Es hat damit die zweite Etappc seines Wcltflugcs New Bork— Friedrichs. Hafen— Tokio zurückgelegt. Die Fahrt von Friedrichs» Hasen nach Tokio dauerte rund lOOStundcn.d. h. etwa 3 1,2 Dagc. dieser Zeit wurden schätzungs- weise 12 000 bis jiSOOO Kilometer durchflogen. In der Halle von Kasimugaura. Tokio. IS. August. ..Traf Zeppelin" ist um 18.40 Uhr japanischer Zeit <10.40 Uhr MEZ.) vor der Flngschiffhalle von Kasimu- gaura glatt gelandet. Die Landung hatte sich infolge der Windverhältnisse um rund eine Stunde verzögert. so dah der Zeppelin vor seiner Landung rund anderthalb Stunde« über dem Flugfeld zu kreuzen gezwungen war, ehe er endgültig festgemacht werden konnte. Die japa- nische« Mannschaften brachten das Schiff unter Leitung des Flughafenkommandanten. Konteradmiral Pedahara. bald darauf in die Halle. Die Begeisterung der unübersehbaren Menschenmenge war überwältigend groß. Selbst aus entfernten Ort- fchafte« waren Tausende und aber Taufende, darunter auch viele Arbeiter und Bauern, gekomme«, um dem Schauspiel beizuwohnen. Die deutsche Kolonie von Tokio und Kobe war vollzählig versammelt. Die Be- grüßung durch die Vertreter der japanische« Behörden war sehr herzlich. Nachdem die Mannschaft das Luftschiff verlassen hatte, wurde sie zunächst nach japanischer Sitte mit geröstete» Kastanie« und Wein be- Wirt et. Am heutigen Montag nachmittag wird Dr. Eckener vom Kaiser von Japan empfangen werde». (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Atteniai oder Oummerjungenflreich? Neuer Zwischenfall imNegierungsbezirk Lüneburg Lüneburg. 19. August. Am Sonnlag morgen gegen 4 Uhr explodierte bei dem Hamburger Erholungsheim Uhlenbusch bei Hanstedt ein Feuerwerkskörper. In kurzem Abstand folgten mehrere kauonenarlige Schläge. Zm gleichen Augenblick war das große heim von einem dicken schwarzblauen Pulverdamps ersülll. Das heim war am Wochenende mit etwa 80 Personen belegt. Rings um das Haus, das inmitten der Heide liegt, waren Sprengkörper gelegt. Im ganzen wurden etwa sechs Explosionen gehört. Beobachtet wurden zwei Männer, die umniltelbar nach den Explosionen fluchtartig dem Walde zustrebten. Die Kriminalpolizei aus Harburg war gegen 7 Uhr zur Stelle und nahm sofort die Ermittlungen aus. Es wurden noch einige Sprengkörper gesunden, kleine würfelarligc Packungen von etwa 3 Zentimeter Kantenlängc, dicht mit Bindfaden umwickelt. Au» einer Seite steht der Z ü n d st i s t hervor. Vor dem Eingang des Gebäude» muß eine ganze Packung solcher Sprengkörper niedergelegt worden sein: denn man fand angeschwärzte Stücke der Pappumhüllung und Bindfaden, die an den Snickpunkten rauch. geschwärzt waren. Dieses Paket ist anscheinend zuerst explodiert. Der Knall wurde bis über 13 Kilomelex Entfernung deutlich vernommen. Sachschaden ist nicht entstanden. Man nimmt an, daß es sich nicht um ein regelrechtes Attentat handelt, da die hier verwendeten sogenannten kanonenschläge übliche Feuerwerkskörper sind. Ein Grund für einen Anschlag ml» ernsteren Zerstörungsabsichten ist nicht ersichtlich. Anderer. seit» erscheint die Tot als ein Dummerjungenstreich zu ver- brecherisch, da Leben und Gesundheit der Heimbewohner ge- sährdet werden konnten. An den Ermittlungen beteiligen sich auch Berliner Kriminalbeamte sowie die Staatsanwaltschast in Lüneburg. ffieichsarbeHerfporUag in ffierlin .ftm Sonnlag fah der Tolkspark Stehberge den grollen Jtufmarfch der Sterliner bundestreuen Jtrbeiterfportler. linier Siild steigt die SBanner der SParleiorganiiationen im Seft suge. näherer Slerichl in der Sporlbeilage. Organisierter Heimwehrputsch Zwei Schuhbündler toi, viele verleßt.— Feuergefecht in Steiermark. Wien, 19. August.(Eigenbericht.) In St. Lorenzen(Steiermark) ist es am Sonntag zu einem schweren Zusammenstoß zwischen heimwehr und Schuhbund gekommen. Die heimwehr hatte ihre Veranstaltung offiziell abgesagt, so daß man glaubte, die sozialdemokratische Kundgebung werde ungestört verlausen können. In Wirklichkeit hatte aber die heimwehr den sozialdemokratischen Festplah beseht und in Flugzetteln angekündigt, daß sie mit den Sozialdemokraten schwere Abrechnung halten werde. Die Sozialdemokralen haben, da der Fest- plah beseht war. ihre Veranstaltung auf dem hauplplah ab- gehalten, während der Versammlung hat die heimwehr einen Angriff auf den hauptplah unternommen, wobei sie mit Ge- Versldicningsltradi In franhlutl. Bf esenverlnsfe/ Beratangen In Berlin n-FranKfnrf Bericht 2. Seite wehren vom Kirchturm Herab aus die Sozialdemokraten schoß. Es kam zu einem regelrechten Gefecht. Bach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten wurden vom Schuhbund ein Mann getötet und mehrere verletzt; bei der Heimwehr sollen neun Mann schwer ver- letzt sein. Außerdem wurden verschiedene Zivilpersonen, die ganz unbeteiligt waren, verletzt. Unter den Verlehlen ist auch der sozialdemokratische Landesrat Regner. Wien. 19. August.(Eigenbericht.) Aus St. Lorenzen wird gemeldet: Es ist unzweifelhaft, daß der heimwehrüberfall planmäßig vorbereitet und organisiert war. hinter dem Pfarrhof befindet sich ein Baucrngehöft, in dem sich die heimwehr nach ihrem Abmarsch vom Festplatz sammelte. Dort wurden die Gewehre und Revolver gnaden, worauf sich die heimwehr in drei Gruppen teilte. Eine Abteilung marschierte rechts auf der Straße um den Pfarrhof herum, die zweite Abtei» lung versteckt« sich links auf der Straße, um den Abmarsch der Ar- beiter aufzuhalten. Eine dritte Abteilung drang in den Psarchos und den Pfarrgarten ein und benutzte die Mauer des Pfarrgartens als Schützendeckung. Die Arbeiter wurden also planmäßig in eine Feuersolle gedrängt. Die heimwehr griff gleichzeitig von der Straße rechts und vom Pfarrhof an. Daß die heimwehr mit der Absicht zu schießen nach St. Lorenzen gekommen ist, geht auch daraus hervor, daß sie bei ihrem Einzug in den Ort vielfach gerufen hat:„heute wird S o z i- b l u t fließe n!" „heule machen wir ein roles Goulasch!" „heute schlagen wir euch die Knochen ein!" Die heimwehr hat so- gar hinter fluchende Bauernfrauen geschossen. Einen unbeteiligten Motorradfahrer, der aus Wien kam, schlug ein Heimwehrmann mit einem Spaten vom Motorrad herunter und zertrümmerte das Rad. Auf dem Bahnhof rissen die heimwehrler einen Lokomotivführer von der Lokomotive herunter und wollten ihn erschlagen. Rur dem Eingreifen des Stationsvorstandes und einiger Eisenbahner ist es zu danken, daß er gerettet wurde. Als die Wiener Arbeiterschaft heute früh von dem lieberfall der heimwehr erfuhr, bemächtigte sich ihrer außerordentliche Erregung. In den meisten Wiener Großbetrieben der INetall- indusirie wurde die Arbeit eingestellt. Den Vertrauensmän- nern und den Betriebsräten gelang es. die Arbeiterschaft dazu zu bringen, daß die Arbeit wieder ausgenommen wurde und daß die Beschlüsse der Heuligen vertrauensmännerkonserenz abgewartet werden. Es soll heute abend eine große Bertroucnsmännerkonferenz der Wiener Sazialdemokatie stattfinden, an der die Betriebsräte und die Gewerkschaftsvertrauensmänner teilnehmen und in der zu den Er» eigniffen Stellung genommen werden wird. Ein zweiler Schuhbündler ist seinen Verletzungen heule morgen erlegen. » Maschinengewehr gegen Arbeiier. Wien, 19. August.(Eigenbericht.) Heber den Straßenkomps liegt folgender Bericht vor: Als die Arbeiterschaft von Bruck a. d. Mur nach Lorenzen marschieren wollte, wurde sie zunächst vom Bezirkshouptmann zurückgehalt«», d«r jede» einzelne» Mann nach Waffen untersuchen ließ. Dadurch gewann die Heimwehr Zeit, sich des Festplatzes zu bemächtigen. Dadurch entstand die Gefahr eines Zusammenstoßes. Infolgedessen ließen die Führer der Arbeiterschaft die Versammlung auf dem Haupt platz abhalten. Die Heimwehr ging gegen diese zum Angriff über. Äe stellt« ein Ultimatum von>10 Minuten. Diese Zeit wurde aber nicht eingehalten, sondern die Heimwehr unternahm bald darauf den Angriff auf die Versammlung. Die führenden Genossen suchten sie noch aufzuhalten, dabei erhielt Landesrat Regner einen wuchtigen Schlag mit einem Gummiknüppel in das Gesicht. Im nächsten Augenblick trachten schon Schüsse aus den Reihen der heimwehr und aus verschiedenen Fenstern. Ein Geschoßregen prasielte auf die dichtgedrängten Versammelten. Ein Schutzbündler sank tot zu Boden, ein Geschoß hatte seinen Leib durchbohrt. Andere Arbeiter fielen schwerverletzt zu Boden. Es entstand eine furchtbare Panik. Die Arbeiter brachen Latten aus den Zäunen und wehrten sich gegen die Heimwehrleute, die mit Bajonetten, Spaten, Revolvern, Knüppeln usw. aus dem Platz zusammenzogen. Unterdessen hatten die Heimwehrleiter auch Gewehr« herbeigeschafft. Am Rande eines Waldes wurde ein Maschinengewehr ausgestellt, es schoß hier nur ein« kurze Zeil, später wurde es auf dem Haoptplah wieder ausgestellt und schoß dauernd. Bald war«in wilder Straß«nkampf im Gange. Nach einer halben Stunde tonnte man feststellen, daß außer dem einen Toten viel« Schwerverwundete auf dem Schlachtfeld blieben. 53 Ver- letzte wurden ins Krankenhaus gebracht, unter ihnen 6 Schweroerletzt«, etwa 200 Leichwerletzte wurden von der Rettungs- Mannschaft verbunden und konnten zum Teil selbst den Schauplatz oerlassen. Auch ein Arbeiter-Samariter wurde schwer verletzt. Di« Heimwehrl«ute haben auch in bestialischer Roheit aus flüchtende Frou«n geschossen. Llm die Räumung. Unmögliche Termine? V. Scii. Haag. 19. August.(Eigenbericht.) heute sollen die Besprechungen stallsinden, bei denen Briand seine Räumungstermine angeben will. Infolgedessen herrscht eine gewisse Gewitterstimmung, weil man allgemein annimmt, daß Termine für Deutschland völlig unannehmbar sein werden. Es sind zwei Besprechungen in Aussicht genommen. Eine um Z Uhr nur zwischen Briand und Slrcsemann und eine zwischen 3 und 4 Uhr mit allen Besahungsmächlen. Gerüchtweise verlautet, daß, wenn die Termine, die Briand Stresemann gegenüber nennen würde, allzu skandalös wären, der Reichsaußenminister um die v e r t a g u n g der zweiten Besprechung ersuchen würde. Die Finanzsachverständigen der Gläubigermächte haben heute vormittag mit der ziffernmäßigen Prüfung des tat- sächlichen Wertes des Angebotes der vier Mächt« an England be- gönnen. Auf Wunsch Snowdens besteht diese Kommission aus- drücklich aus solchen Experten, die nicht Mitglieder der Pariser Sach- verständigenkonferenz waren, so daß zum Beispiel Francqui, Palamentier, Pirelli usw. ausscheiden. Mit Ausnahme des englischen Unterstaatssekretärs Leith Roß sind«s fast nur wenige bekannte Beamte der einzelnen Finanzministeri«». Für heute nachmittag 5 Uhr ist eine Besprechung der Finanzminister der Gläubigermächte in Aussicht genommen, um den Bericht der Expertenbcratung entgegenzunehmen. Privatgeschäste der Direktoren Oer Versicherungskrach in Frankfurt.* Die deutsche Finanzwelt ist in größter Aufregeung. Die Ver- luste der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs-A.-G., neben der „Allianz" der größte deutsche Versicherungskonzern, haben sich als erheblich größer herausgestellt, als man zunächst annahm. Die Frank- furter Gesellschaft ist im Augenblick zahlungsunfähig, an der Berliner und Frankfurter Börse ist ihr Aktienkurs bis auf einen Bruchteil ihres Wertes heruntergestürzt. Fast sämtliche großen pri- vaten Banken sind an den Verlusten, die mit 20 Millionen Mark wahrscheinlich nicht zu hoch angesetzt sind, beteiligt. Der größte Teil des Aktienkapitals der Frankfurter Allgemeinen von 25 Millionen Mark wird jetzt schon als verloren angesehen. Der finanzielle Zusammenbruch der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs-A.-G. ist der schwerste, der seit dem Zusammenbruch des Stinn«s-Konzerns zu oerzeichnen war. Seine Tragweite ist des- halb besonders groß, weil es gerade das Versicherungs- g e s ch ä f t ist, das im allgemeinen und wegen der Reichsaufsicht für besonders sicher gehalten wird und weil auch die Kapitalanlage in Versicherungsaktien bisher als risikolos galt. Es ist ganz klar, daß auch der Versicherungsgedanke selbst und insbesondere das Ansehen der privaten Versicherungsgesellschaften durch diesen finanziellen Zu- sammenbruch leidet. W o die Verluste entstanden sind, scheint heute schon ziemlich klar zu sein. Die Direktoren der Frankfurter Allgemeinen haben mit den versicheruugsgeldern Geschäfte gemacht. teilweis« offenbar auch, um sich persönlich dabei zu bereichern, die mit d«m Verficherungsgeschäft an sich nichts zu tun haben. Seit Jahren schon besteht eine Reihe von Tochtergesellschaften(Frank- furter Industrie-Kredit-G. m. b. H., Süddeutsche Bank A.-G. u. a.), die sich mit der Absatzfinanzierung für Autos, Möbel, Tep- piche, Nähmaschinen, Schreibmaschinen usw. beschäs- tigen, darüber hinaus große Finanzierungsgeschäste gemacht haben und alle diese Geschäfte schließlich mit den Einnahmen durchführten. die das große Versicherungsgeschäft brachte, und mit Krediten, die auch die Bonken wegen der Sicherheit des Versicherungsgeschäftes glaubten gewähren zu können. Der Skandal ist deshalb riesengroß, weil es die Direktoren der Frankfurter Versicherungs-A.-G. selbst sind, außerdem der Vorsitzende des Auffich!srates des Versicherungs- konzerns, die als Direktoren be! den Tochtergesellschaften fungierten. Das Reichsauffsichlsamt für Privatversicherungen trifft in dieser Sache eine sehr schwere Verantwortung. Es scheint nicht niit Unrecht gesagt zu werden, daß dieses Reichsamt mehr eine private als eine öffentliche Angelegenheit ist, und es ist ganz klar, daß das Reichsaufsich-amI feine Aufsichtopflkh« auf das schwerste verletzt Systematische Falschmeldungen. Lieber eine Einigung bezüglich der Arbeitslosenversicherung. Wir erholten vom Vorstand des ADGB. folgende Mitteilung: Di« demokratische Presse, die bereits seil dem Frühjahr Haupt- Wortführer im Kampf gegen die Arbeitslosenversicherung ist, gefällt sich seit einigen Togen darin, falsch« und durch keinerlei Unterlag«» begründete Nachrichten über ein« Einigung im Kampfe um, die Arbeitslosenversicherung zu veröffentlichen. Bald sind es die politi- schen Parteien, bald die gewerkschaftlichen Spitzenorganisation«», die sich üb«r«ine Lösung des Streites verständigt haben sollen. Di« Sonnabendmorgenausgobe der„Voffffchen Zeitung" vom 17. August berichtet über«ine Verständigung der Parteiführer„in den wesentlichsten Punkten", so insbesondere auch darüber, daß jür die Saisonarbeiter die Wartezeit auf zwei oder drei Wochen neben einer Kürzung der Unterstützungssätze„über die Vorschläge der Sachverständigen hinaus auf die Hälfte zurück" erfolgt sei. Die Verknüpfung von Anwartschastsdauer und Unterstützungshöhe soll nur noch für die bestbezahlten Saisonarbeiter stattfinden und sür Er- werbslose mit kurzer Versicherungszeit«intreten. Diese Nach- r i ch t war in all ihren wesentlichen Teilen absolut falsch. Die„Vossische Zeitung" hatte von demokratischer Seite kommend« Vorschläge, die keine Beachtung fanden, zu„Ergebnissen einer Einigung" umgedichtet. In den Ausgaben vom Sonntagmorgen bringen„Vossische Zeitung",„Berliner Tageblatt" und„Frankfurter Zeitung" Nach- richten über Verhandlungsergebnisse der gewerk- schaftlichen Spitzenverbände. Auch diese Nachrichten sind wieder falsch und beruhen auf bloßen Kombinationen eines unbefugten Berichterstatters. Daß über«ine Reihe von Reform- vorschlügen, die im Sachverständigenausschuß ein st immig an- genommen wurden, Einigkeit herrscht, ist längst be- k a n n t. Aber gerade über den beabsichtigten allgemeinen Abbau der Versicherungeleistungen, der über die Beseitigung von Mißbräuchen hinausgreift, geht der Streit. Hierüber ist die von der demokratischen Presse angedeutete Verständigung der gewerk- schaftlichen Spitzenorganisationen nicht erfolgt. Der Bundesausschuß des ADGB. hat seine Stellung zu den Vor- schlügen der Sachverständigenkommission ganz unzweideutig fest- gelegt. Mißbräuch« sollen und müssen beseitigt werden. Zu einem allgemeinen Abbau der Versicherungsleistungen wird der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes nie seine Zustimmung »eben. Das bezieht sich sowohl auf die verlängerte Warte- zeit, wie auch auf«ine grundsätzliche Senkung der Unterstützung für solche Arbeitslosen, die nicht eine Anwartschaftszeit von 52 Wochen erreicht haben. Ebenso sind auch die besonders von demokratischer Seite kommenden Vorschläge über die Regelung der Unterstützung für Saisonarbeiter völlig undiskutierbar. Es wäre besser, die ohnehin äußerst schwierigen und politisch sehr heiklen Verhandlungen nicht noch durch Tartarennachrichten zu er- schweren. Wenn auch bei der demokratischen Press« der Wunsch, auf die freien Gewerkschaften einen Druck auszuüben, die Ursache ihrer systematischen Falschmeldungen sein mag, so sollt« sie doch wissen, daß«in solcher Druck ohne Wirkung bleibt. Nach der Baumwolle die Wolle Neue Lohntürzungsaktion in Snalanv. Der von den Unternehmern der Baumwollindustrie herauf. beschworene Lohnkonflikl ist noch nicht beendet und schon ist es zu einem neuen Konflikt in der Wollindustrie gekommen. Die Wollherren wollen ihren Klassengenossen in der Baumwolle nickst nachstehen und propagieren deshalb ebenfalls eine Lohnkürzung in dem etwa» bescheidenen Ausmaße von„nur" etwa 9 P r o z.. anstatt der 12� Proz. in der Baumwolle. Nach dem uns vorliegenden Bericht war der Vollzugsausschuß der Arbeitnehmerverbänd« bereit, einer Kürzung von 7% Proz. zuzu- stimmen(?). Er hat jedoch in einer Volloersammlung der Arbeit- nehmervertreter Anweisung erhalten, keine Kürzung anzu- erkennen und auch ein Schiedsgerichtsverfahren ab- z u l e h n e n. Rund 200000 Arbeiter werden von dem Lohn- streit betroffen. Die Arbeit in den Baumwollspinnereien von Lancashire wird am heutigen Montag zum größten Teil wieder aufgenommen. Dampfer— Bahn— Lustschiff. Die Rekordfahrt des Zeppelin. Ein Rekordflug. Zeppelin" stellt die beiden Der neuest« Rekordflug des„Graf Amerikafahrten weit in den Schatten. Di« Riesenstreck« von Friedrichshafen bis Tokio, insgesamt 13 445 Kilometer, hat der Luftriese im etwas mehr als einhundert Stunden bewältigt. Das Großartig« dieser Leistung kommt erst voll zu Geltung. wenn man die Fahrzeiten der schnellsten Dampfer, bzw. die Reise- dauer mit der transsibirischen Bahn der Fahrtdauer des Zeppelin gegenüberstellt. Die schnellsten englijchen und japanischen Dampfer der Asienlinien benötigen von London au» eine Fahrtdauer von durch- schnittlich sechs bis sieben Wochen. Hierbei ist allerdings zu be- rücksichtigen, daß verschiedene Häfen angelaufen werden, in denen die Dampfer oft ein bis zwei Tage vor Anker liegen, um Kohlen ein- zunehmen usw. Im allgemeinen, so teilt uns hierzu die Direktion des„MER." mit, wird«in« Seereise nach Pokohama bzw. Tokio von einem Mittelmeerhasen, Genua oder Marseille, angetreten. gelegt worden, so daß also die Durchschnittsgeschwindigkeit 115 bis 120 Kilometer in der Stunde betragen hat. Diese Leistung muß an sich als außerordentlich günstig bezeichnet werden, da die Führung des Schiffes mit Rücksicht auf die ungeheure Entfernung und uner- wartete Zwischenfälle, die sich bei der Fahrt über die unbewohnten Einöden ereignen konnten, daraus bedacht sein mußte, die Motore auf Schonung zu fahren. Man hat mit vollem Bewußtsein h ö ch- stens 70 bis 80 Proz. der Bestleistung aus den fünf Maybachmaschinen herausgeholt und hat Rücksicht auf die noch begrenzten Bestände an Triebgas und Benzin nehmen müssen. Es muß zugegeben werden, daß„Graf Zeppelin" be! seiner Fahrt vom Glück begünstigt gewesen ist, denn er hat über weite Strecken hinweg seitlichen Schiebewind oder sogar Strömungen gehabt, die ihn schnell vorwärts brachten. Zeitweilig ist das Luftschiff nur mit drei Motoren ge- fahren, um die Krastreserve, auf die, Dr. Eckener von jeher sür diese Etappe Wert legte, zu vergrößern. Das Lufffchiff ist nach den bisherigen Meldungen noch mit einem beträchtlichen Vorrat Die Fahrt- des JjrgF Zeppelin' nach Tokio dauert die Fahrt noch immer j ü n f bis sechs Reisezeit verkürzt sich demnach nur um sechs bis Aber auch dann Wochen. Die sieben Tag«. Die Fahrt mit der Eisenbahn beträgt von Friedrichshafen bis Tokio unter Benutzung der transsibirischen Route über Mandschuria unter normalen Verhältnissen 14 und von Berlin bis Tokio 13 Tage. Wegen der zurzeit an der russijch-chinesischen Grenze herrschenden Unruhen geht der gesamt« Eisenbahnverkehr nach Japan jetzt aber über Wladiwostok, das bedeutet eine Der- längerung der Fahrtdauer um drei volle Tag«. Man wird die Rückkehr Dr. Eckeners abwarten müssen, um von ihm Erklärungen über die Eignung eines Zeppelins zu einer ständigen Luftschisfverbindung nach den astatischen Ländern zu er- halten. Wit dem Lustschiss nach Tokio 3� Tage, mit der Lahn 14 bzw. 17 Tage, mit dem Dampfer 6 bis 7 Wochen. Dies« Zahlen sprechen für sich! Zeppelins zweite Weltflug-Etappe. „Graf Zeppelin" hat mit dieser überaus schwierigen Fahrt alle Langstreckenrekorde geschlagen, die bisher von Zeppelinschiffen oder den Lenkballonen anderer Länder jemals auf- gestellt worden sind. In der lOOstündigen Fahrt, soweit es sich bis- her berechnen ließ, eine Strecke von über 11 500 Kilometer zurück- an Benzin eingetroffen, da man zuerst natürlich das Blaugas benutzt hat, dessen Verbrauch keine Abgabe von Wasserstoss notwendig machte, um aus diese Weise den Gewichtsverlust des Lufffchiffes auszugleichen. Der Verlauf dieser Fahrt hat gezeigt, daß auch bei viöl weniger günstigeren meteorologischen Verhältnissen die Durch- fllhrung hätte gelingen mllsien, zumal auch die Annahme, daß die Funkoerbindung zeitweilig unterbrochen werden würde, sich er- freulicherweise nicht bestätigt hat.„Graf Zeppelin" hat sortlaufend auf den kurzen Wellen Nachrichten senden und Wettermeldungen aus Norddeich und Moskau, zuletzt aus Tokio aufnehmen können, ohne auch nur einen Zlugenblick die Verbindung mit der Umwelt zu verlieren. Die Fahrt Friedrichshafen— Tokio stellt jedenfalls die beste L e i st u n g dar, die ein Zeppelin-Lustschisf bisher vollbracht hat Die Fahrten des ZR. III, der jetzigen„Los Angeles", und des „Graf Zeppsl'n" von Friedrichshafen nach Lakehurft, sind erheblich kürzer gewesen, und boten, obwohl die Reise nur über See ging, doch weniger Gefahren, weil die Führung des Luftschisfes, nament- lich in der Nacht, stets sicher sein konnte, daß man nicht überraschend auf irgendein Hindernis zusteuerte. Die Fahrt über Asien hinweg hat jedoch schon jetzt gezeigt, daß die vorhandenen Karten keineswegs richtig waren, und daß man beim Ueber- fliegen der Gebirge Höhendifferenzen feststellen muhte, die zur höchsten Vorsicht zwang. hat. Das Reichsaufsichtsamt ist gegenwärtig, nachdem es das Kind in den Brunnen hat fallen lassen, in Frankfurt an den Beratungen beteiligt. Es wird auf jeden Fall zweckmäßig sein, daß alle Krait daraus verwendet wird, im Interesse der Versicherungsgläubiger den Konkur« zu vermeiden._ Emil Höllein gestorben. Ucberraschen.d kommt die Nachricht, daß der kommunistische Reichstagsabgeordnete Emil H ö l l e i n, noch nicht 5<1jährig, an einem Gallensteinleiden gestorben ist. Höllein war sicher einer der mefftgenamÄen Mitglieder des Reichstags, Seinen Ruhm verdankt er dem Umstand, daß er das Schimpfen parlamentsfähig gemacht hat. Die massiven Ausdrücke, die er mit ungeheurer Lungenkrast in den Saal zu schleudern liebt«, riefen anfangs Entsetzen hervor, später, als man sich an sie gewöhnt hatte, wurden sie nur noch mit Heiterkeit aufgenommen. Bei den bürgerlichen Parteien war Höllein wegen seiner Art, in die Oede trockener Debatte etwas Leben zu bringen, geradezu beliebt. Höllein war von Hause aus Dreher und hatte seine Jugend in Belgien verbracht, welchen Umstand er die Kenntnis der französischen Sprache oerdankle. Später wurde er Sprachlehrer und trat der Sozialdemokratischen Partei bei, eine politische Rolle hat er aber erst als Kommunist gespielt. Sein Nachfolger im Reichstag est der Lehrer Nikolaus Pfaff. Sumpf im Liebknecht-Hause. Bolschewistische„Opfer"- Methoben. Zu wiederholten Malen haben wir darauf hingewiesen, wie die anonymen Drahtzieher in der KPD. unter den rosigsten Versprechun- gen Strohmänner betören, als„Verantwortliche" ihre Haut zu Markte tragen und wie diese schließlich sang- und klanglos im ■Stich gelassen werden. Der erschütternde Fall des mit einigen zwanzig Mark nach der Tschechoslowakei abgeschobenen früheren verantwortlichen Redakteurs der„Roten Fahne", Wilhelm Liese, ist noch in aller Erinnerung. Neuerdings erfahren wir folgende erbaulichen Einzelheiten: Das Schicksal derjenigen Redakteure, die für die Desperado- Politik der„R. F." verantwortlich zeichnen müssen, aber nicht wagen dürfen, auch nur um ein« ruhigere Tonart irgendeines Schimpfartikels nachzusuchen, ist nicht etwa besser ge- worden. Mit der Ergebenheit eines Mamelucken müssen sie Monat um Monat Freiheitsstrafen hinnehmen, die die unverantwortlichen Drahtzieher des„Apparates" durch ihre verbrecherisch« Schreib- weise ihnen zudiktieren. Man sollte meinen, die KPD. sorge wenigstens für ihre Opfer, die sie ins Gefängnis gebracht hat: ober weit gefehlt. Nach Wilhelm Liese zeichnete Arnim Hauswirth verantwortlich für die„R. F.". Das brachte ihm innerhalb von neun Monaten über 50 Prozesse ern, die mit einem Jahr Festung, sechs Monaten Gefängnis und Tausenden von Mark an Geldstrafen endeten. Kostete es schon regelmäßig einen harten Kampf, die Geldstrafen durch den Verlag bezahlt zu erhalten, dies meist erst im Angesicht des Gerichtsvollziehers, so zeigte man Hauswirth vollends die kalte Schulter, als er für die Zeit seiner Haft auch nur die Weiter- Zahlung eines halben Monatsgehalts verlangte. Der Verlag lehnte das glatt ab. Ja, der damalige Geschäfts- Die Macht der Subventionen. Oer Schwerindustrielle:„Na, sehen Sie, Hitler, ohne mir ist doch nichts zumachen!* führer der„R. F.", Walter Wolf, ging sogar soweit, Hauswirth die Zahlung des Fahrgeldes nach de? Festung Gollnow zu ver- weigern, er empfahl ihm, sich auf seinem Polizeirevier zum Straf- antritt zu melden und auf die entwürdigende Art des G e- fangenenschubs, zusammen mii Zuchthäuslern, sich nach Gollnow transportieren zu lassen. Es illustriert nebenbei den Kampf aller gegen alle in der KPD., daß der Wolf selbst mit dieser Zumutung seine Position bei den Berliner Fleischtöpfen auch nicht halten konnte, einige Zell später verjagte ihn die Thälmann- Elique, um einer ihrer Kreaturen den Geschäftssührerposten zuzu- schanzen. Nicht besser erging es einem anderen Redakteur. Da Not am Mann war— die Drahtzieher sind immer unentbehrlich und dürfen nicht zeichnen— mußte Karl Schräder daran glauben. Er gab für eine gewisse Zeit seinen Namen her, erkrankte aber bald schwer an einem alten Leiden, das er sich durch eine Schußverletzung im mitteldeutschen Aufstand 1S21 zugezogen hatte. Anstatt dem siechen Mann zu helfen, schickte man ihm genau an dem Tag, wo seine Zeit der Zeichnung ablief, kaltblütig die Kündigung ans. Krankenbett. Der Mohr konnte gehen, die KPD. benötigte «einer nicht mehr. Jetzt lernt ein anderer die Bolschewisierung der KPD. kennen. Otto Steinicke. Während er auf Urlaub war, hatte man seinen 'amen unter das Blatt gesetzt und wüstet« nur so draus los Neben impflich abgelaufenen Prozessen brachte ihm dieser sein U r- "iiibsmonat eine Strafe von 3 Monaten Festung 'aen Vorbereitung zum Hochverrat«in. Aus seiner bisherigen "llung als Feuilletonredakteur hat man ihn entfernt. Und so ß auch Otto Steinicke jetzt bei den jungen Leuten der Thälmann d Konsorten antichambrieren, um sich im wahrsten Sinne des 'ortcs einige Groschen zusammenzubetteln, damit seine Familie ährend der Dauer der Inhaftierung nicht exmittiert wird und ■ Thungert._ 16 Seeleute ertrunken. Oampferzusammenstoß in der Nordsee. London, IS. August. Der in Bilbao beheimatete 241« Tonnen große anische Dampfer„L g o n o" ist am Sonntag vormittag nit dem britischen Schleppdampfer„King Croß" in der Nordsee zusammengestoßen und gesunken. 1 K M a n n der Besahung der„Lgono" einschließlich des Kapitäns sind ertrunken. Da, Schiff befand sich mit einer Ladung Eisenerz von S i l b a o imlerwegs und stieß etwa 50 Silometer von der Mündung des H u m b e r entfernt mit dem Dampfer zusammen, der von der Tees- buch« nach der Insel wight fuhr. Die..Ogono" wurde mitschisss getroffen und sank innerhalb sechs Minuten. Die 25 Mann starke Dcsatzung hatte keine Zeit mehr, die Rettungsboote herabzulassen nd sprang über Bord. Acht von ihnen wurden von der„King Eroß" aufgenommen. Zwei andere wurden etwas später, der Funker l o!l, ausgefischt. Kunstausstellungen. Kunst in Berlin. Bon Nr. Paul J. Schmidt. Zwei größere Ausstellungen von deutschen Aquarellen versuchen die bisherige„tote Saison" dem Stadium der lebhafteren Herbst- betätigung entgegenzuführen, beide mit künstlerisch gutem Erfolge, den man ihnen auch auf materiellem Gebiete wünscht. Die Deutsche Kunstgemeinschaft im Schloß, deren Räume in hellen wechselnden Farben geschmackvoll neu hergerichtet sind, prä- sentiert eine große Anzahl von Künstlern und Werken, unter denen man als Höhepunkte die außerordentlichen Aquarelle von Nolde und Schmidt-Rottluff hervorheben möchte, die ihrem längst gefestigten Ruf als Meister der Aquarellkunst entsprechen. Unter den anderen sind zu nennen der junge H o e r n e r, der sich zum Spezia- listen des heutigen Städtebildes heranbildet, in seinen köstlichen Segelschisf-Bildern aber auch von der Unmittelbarkeit der Matrosen- kunst ein gutes Teil übernommen hat(wie man sie etwa in der Kirche der Madonna del Mare bei Fiume prachtvoll beisammen sieht): Rudolf Iacobi, Kleinschmidt(mit einem ganz Herr- lichen Distelstilleben), L. Sandrocks malerisch lockere Lokomotive, Honigberger, Heckrott und neben Dettmann die aus- gezeichneten Aquarelle von Chr. Arnold, Viktoria Bob- lenz und'Erich Borchert, dessen halb abstrakte geistreiche Er- findungen zum Interessantesten der Schau gehören. Die Moderne Galerie Wertheim am Leipziger Platz zeigt eine gesiebte Auswahl von„Deutscher Landschaft" im Aquarell: vorzugsweise Dresdener Künstler. Erich H e ck e l und Schmidt- Rottluff, die im Mittelpunkt stehen, können ihrer Herkunft nach als ältere Dresdener gelten(von den Zeiten der„Brücke" her): P o l Cassel, der sich schon einen Namen gemacht hat und hier wieder mit einer merkwürdigen Mischung phantasievoller Wildheit und farbiger Anmut in seinen eigenwilligen Landschaftsausschnitten auf- tritt, Fritz Winklers lyrisch anmutende, zuletzt ein wenig nach Nolde orientierte Landschaftsstimmungen, Gelbke, Grewenigs weitschweisig-zierliche Illustrationen, Ladengasts zarte morose Erfindungen schließen sich an. Rohlfs, der Alte vom Berge, der ewig junge Nestor der Bewegung, ist mit schönen tieffarbigen Blättern dabei. Justi stellt im Kronprinzenpalais in sehr geschmackvoller und in- struktiver Aufmachung das neueste Werk von Rudolf Belling aus. Es ist ein versilberter Bronzeschild mit den Köpfen eines Menschenpaares in der leicht vortretenden Mitte, bestimmt für den Schalterraum des Konsumvereins De Volharding im Haag. Das neue Heim erbaute der ausgezeichnete holländische Architekt Jan B u i j s: Metall und Glas sind sein Material, nachts erstrahlt das durchsichtige Gerüst in wunderbarer Leuchtschrift von oben bis unten. Aufnahmen vermitteln den Eindruck des Ganzen und des Schalter- raumes, in dem Bellings neuestes Meisterwerk vor Opakglas angebracht werden wird. Es ist ein überzeugendes und sehr einfaches Symbol kooperativer Einigkeit: Mann und Weib im Kreisrund, zwei Köpfe von herrlicher Eindringlichkeit, streng im plastischen Stil und von großem Ernst und geschlossener Kraft des Ausdrucks. Die Unterschrift des Schildes, in schönsten Antiquabuchstaben sich dem Ganzen anpassend, lautet in deutscher Uebertragung:„O Mann, o Frau, sag' nicht mehr„Ich", sag'„Wir",„Ich" schnürt die Ketten fester,„Wir" macht frei". Das flache Dach. Gedanken zur Breslauer Werkbund-Ausstellung. Es gehört heute kein Mut mehr dazu, sich für die neue Bau- kunst einzusetzen und zu hoffen, daß sie vor allem die soziale Frage zu lösen hilft. Denn sie erweist sich nicht nur wegen äußerer Dinge, wie Baupreis und Luftigkeit, sondern wegen ihrer nüchternen und sachlichen Struktur als sozial, da sie als erste sich auf die unbemsttelte Bevölkerung einstellt und ihr nicht ein Kleid, das ihr nicht paßt, und das ursprünglich für andere. Glücklichere, bestimmt war, aufzwingt. In diesen Häusern äußerster Nüchternheit, wie sie in Breslau zu sehen sind, kann sich ein jeder den Raum nach seinen Wünschen gestalten und braucht sich nicht durch wesensfremde Umgebung be- engt fühlen. Der stärkste Bruch mit der Tradition liegt in unseren nördlichen Ländern in der Bedachung der Häuser. Das flache Dach resp. das grüne Dach, also der Dachgarten, werden an die Stelle des Steildaches gesetzt. Damit hängen mehr oder weniger alle ande- ren ästhetischen Probleme zusammen: starke Betonung der Horizon- tale, des rechten Winkels, der Aneinanderreihung einzelner Bau- blöcke von verschiedener Höhe. Das flache Dach wird entweder durch Zementbelag so massiv gebaut, daß es betreten und bepflanzt werden kann, oder leichter konstruiert. An die Stelle des Zementbelages tritt dann ein Luft- räum zwischen der oberen Rauhspundschalung und den Isolierplatten oberhalb des Deckenputzes, der entweder ein einfacher Hohlraum oder bei soliderer Konstruktion durch dreieckige, hohle Zementkörper gesichert ist. Zur Isolierung wird meist Torf genommen, der, wie bei Rabitzwänden, nochmals durch Drahtgitter zusammengehalten wird. Als obere Bedachung benutzt man Metalle, wie Zinn, Kupfer und Aluminium(Kupfer ist billiger als Aluminium!) oder Papp- dächer aus Ruberoid oder Durumfixbelag. Bei Anlegung eines Dachgartens find Metallbelage unbrauchbar. Der immer noch bestehende Argwohn der Bevölkerung gegen diese Dachform ist unberechtigt und durch die guten Erfolge, die bereits erzielt sind, längst überholt. Er sollte endlich übermunden werden! Dr. Olxa Bloch. Oie Ikvellers in der Gcala. Ein Varitöprogramm, das nur aus Spitzen- leistungen besteht, umgibt sie: aber was diese fünf Künstler— vier Sänger, der fünfte am Flügel— uns zu geben haben, ist von besonderer und vielleicht einmaliger Art. Eine liebenswürdige Spezialität, zu so raffinierter Vollkommenheit ent- wickelt, daß, gewiß, sie sich zur Scala-Attraktion eignet, und der Beifall wächst von Nummer zu Nummer zu stürmischer Be- geisterung: doch zugleich, vom Musikerstandpunkt gewertet, Kunst höchsten Ranges, so bescheiden, so anspruchslos scheinbar die Gat- tung, in der sie sich bestätigt. Die Revellers haben ihre Schall- plattengemeinde in der Welt, man kennt sie bei uns von Electrola her; der persönliche Eindruck bestätigt und übertrifft die Wirkung, die uns die Platte vermittelt. Diese unfehlbare Musikalität, ton- lich« Reinheit und rhythmische Genauigkeit, äußerste Feinheit der dynamischen Stufungen, Abgewogenheit und Ausgeglichenheit des Klangs, dazu diese menschliche Zartheit, zarte Leichtigkeit, leichte Anmut des Singcns und Musizierens: Zeichen und Glück dieser Zeit, daß Kunst solchen Grades nicht in Bezirken angesiedelt ist, die sich hochmütig nur dem Publikum der Kenner erschließen. X. P. OieHöhederstaatlichenTheaierzuschüsse Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit:„Die„Pommersche Tagespost" behauptete kürzlich in einem Artikel„Becker-Kultur", auf den im übrigen einzugehen der Mühe nicht verlohnt, es sei geplant, die staatlichen Theaterzuschüsse, die bisher für Stettin, Greifswald und Stralsund vorgesehen gewesen seien, zu beseitigen. Pommern solle von der Theaterbeihilfe ausgeschlossen werden. Bei dieser Behauptung berief sich die„Pommersche Tageszeitung" auf sozialdemokratische Zeitungen. Wie der Amtliche Preußisch« Pressedienst hierzu mitteilt, ist es unrichtig, daß Pommern von der Theaterbeihilfe ausgeschlossen werden soll. Das Pommersche Bundestheater in K ö s l i n, das die Theatergemeinden Powmerns zu einem Bunde zusammenfaßt, hat aus Mitteln der Preußischen Landesbllhne auch im Jahre 1S29 22 500 llR.' erhalten. Lediglich die Stadttheater Stettin, G r e i f s w a l d und Stralsund, die im vorigen Jahre einen Betrag von je 5000 M. erhalten haben, konnten in diesem Jahre bei dem stäkeren Bedarf der Theater im besetzte» Rheinland- gebiet leider nicht berücksichtigt werden. Mit der Frage der staatlichen Fürsorge für das Theaterwesen beschäftigte sich ferner vor einigen Tagen„Der Iungdcutsche", der in einem Artikel„Grenzlandtheater— und der preußische Staat" ausführte, der preußische Staat stelle■ seinen Staatstheatern in Berlin, Kassel und Wiesbaden insgesamt 17 Millionen Mark Zuschuß zur Verfügung: mehr als die Hälfte' dieses Zuschusses falle auf die Berliner Staatsbühnen. Den bedrohten Grenztheatern gegenüber müsse man„leider bei den zuständigen Stellen eine be- schämende Gleichgültigkeit" hinsichtlich der von diesen Theatern zu leistenden kulturellen Aufgaben feststellen. Auch diese Ausführungen treffen nicht zu. Es ist unrichtig, daß Preußen seinen Staatstheatern in Berlin, Kassel und Wiesbaden einen Zuschuß von insgesamt 17 Millionen Mark zur Versügung stell«, wovon die Hälfte auf die Berliner Staatsbühnen entfall«. Nach dem Staatshaushalt für 1929 betragen die staatlichen Zuschüsse für die�Theater in Berlin..... 5 041 300 M. für das Theater in Wiesbaden.... 1 703 300„ für dos Theater in Kassel..... 1 12.5 100„ zusammen: 7 874 700 M. Die D'.refllon der Volksbühne bat mit der Schuldcputation der Stad Berlin einen Veitraa abgeschlossen, nncb dein eine Reibe von Schüler- aulsübrungen an Nachmittagen in der Volkdbübne statlsinden werden. Die erste Vorstellung sür die Schüler wird die ErössnungSoorstellung der Spiel- zeit 1323/30»Danton« Tod" von Georg Büchner sein. Die weiße Gchichi. Eine Neklame-AnekSote. Im Anschluß an den nun beendeten Weltreklamekongreß sei an eine kleine Anekdote erinnert, die sogar den Vorteil haben soll, aus purer Wahrheit zu beruhen. Sie illustriert— gewiß nicht das ganze Wesen der Reklame— aber doch eine Seite von ihr. Die Leitung einer französischen Schokoladenfabrik entdeckte eines Tages zu ihrem Schrecken, daß ihre sämtlichen Schokoladen- Vorräte im Werte von über einer halben Million Franken(alter Valuta) sich mit einer weißlichen Schicht überzogen hatten. Man riet hin und her, auf welchem Fabrikationsfehler diese Erscheinung beruhen könne, und beschloß endlich, den ganzen Vorrat einzu- schmelzen und neu zu gießen. Nach kurzer Zeit zeigt« sich wieder die ominöse weiße Schicht. Di« verzweifelte Fabrikleitung setzte nun einen hohen Preis für denjenigen aus, der ein Mittel entdecken würde, die Schokoladen- Vorräte zu retten und die Fabrik vor dem Ruin zu bewahren. Alle technischen Gehirn« des Unternehmens studierten und probierten wochenlang,— vergeblich. Bis eines Tages sich ein junger Mann meldet« und versprach, die Fabrik nicht nur vor Schaden zu be- wahren, sondern ihr sogar noch zu einem besonderen Ztutzen zu ver- Helsen. Mißtrauisch— denn er stammte nur aus der kausmännischen Abteilung— nahm man sein« Vorschläge entgegen. Sie lautsten: Inserieren Sie: „A i g l o n- S ch o k o l a d e ist die einzige Schokolad« der Welt, die sich beim Liegen mit einer weißen Schicht überzieht. Es beruht dies auf der Eigenschaft der allerbesten Kakaobohnen, beim Lagern gewisse Stoffe zu entwickeln, die usw. usw." Die Fabrikleitung soll den Preis für den jungen Mann ver- doppelt haben. Zck. Verfassungsfeier und LtraussüHrung. Bauern und Arbeiter spielen. Zur Versassungsseier kam in Nettelstedt bei Lübbecke in West- falen ein„Heimatspiel"„W i t t e t i n d" von Heinrich Römer, dem früheren, langjährigen Dramaturgen der Volksbühne am Bülowplatz, zur Uraufführung. Bauern und Arbeiter spielten, der Lehrer Wilhelm Körte leitete das Spiel. Die 0000 versammelten Zuschauer spendeten lebhaften Beifall. Keine idealen Autoren mehr? Der Preis B r i e u x in Höh« von 30 000 Franken, der all- jährlich von der Acad6mie Francaise verteilt werden soll, ist, so lesen wir in der„Literarischen Welt", in diesem Jahre nicht vergeben worden. Di« Jury behauptet, daß sich kein Autor gefunden habe, der fähig sei, ein Stück zu schreiben, das„von einer hohen und edlen Idee getragen" sei. Die Verurteilten sagen, daß die Unfähigkeit bei den alten Herren vom literarischen Olymp liege, die nicht mehr imstande seien,„hohe und edle Ideen" zu erkennen. Ein unbeteiligter Dritter findet, daß beide recht haben. D!« Welttagung sür neue Erziehung. Im Rahmen der ZVclt- tagung für neue Erziehung in Helsingör fand am Sonntag ein großer Elterntag statt, zu dem«die Teilnehmer aus Kopenhagen mit einem Extrazug befördert werden mußten. Auf der Veranstaltung sprachen u. a. die Vorsitzende der ZLelttaguna, Miß Ensor-England, zwei amerikanische und«in österreichischer Vertreter in der Person von Dr. Dengler.— Vorausgegangen war der Elternversammlung eine stürmisch« Generalversammlung der dänischen Landesoereinigung für die Freie Schule. Auf der Versammlung kam«s zu heftigen Zusammenstoßen zwischen der gemäßigteren und dz« radikalen Richtung, so daß der bisher dem gemähigten Flügel angehörige Vor- sitzende mit seinem Rücktritt drohte. Schließlich endete jedoch alles in Versöhnung. Die Tagung der Krankenkassen. Eröffnungssihung in Dürnberg.— Kamps der Gozialreakiion. Nürnberg. 18. August.(Eigenbericht.) Am Sonnlag morgen wurde im festlich geschmückten tuitpolder Hain der ZZ. Srankentassentag des Hauptverbandes veutscher Krankenkassen durch Stadlrat A h r e n s- Berlin er- öffnet. Ahrens verwies auf die günstig« Entwicklung der Organisation iruch im verflossenen Jahre. Gewachsen seien aber auch ihre Gegner. Richteten sich ihre Angrisfe früher nur gegen die Tätigkeit und die Leistungen der Kassen, so werden jetzt auch di« Grund- logen der gesamten Sozialversicherung angegriffen. Die Verantwortung der Kassen gegenüber dem Volt und der Volks- gesundheit verpflichte sie aber, sich durch das Vorgehen der Gegner nicht beirren zu lassen. Unter Zustimmung stellte der Redner fest, daß auch diese Tagung in Nürnberg die Aufgab« habe, die Leistungsfähigkeit der deutschen Krankenversicherung weiter aus- zubauen. Genoff« Hermann Müller-Lichtenberg begrüßte im Name« de» Llllgemeinen Deutschen Gewertschaftsbundes die Tagung. Oberbürgermeister Luppe, Nürnberg, zugleich als Vertreter d« (©tädtetoges, wandte sich besonders gegen c>nc Zerschlagung der Sozialversicherung. bis UM so absurder sei, da die deutsche Sozialversicherung heute als Vorbild einen Sicgeszug durch die ganze Welt angetreten B>abe. Auch in Amerika, wo bis jetzt keine Sozialversicherung bestand, seien Bestrebungen zur Schaffung einer Invalider», und Llltersoersicherung im Gonge. Die Zkrankenkossen hätten da» gleiche Interesse an dem Ausbau und der Festigung ihrer Selliftverwaltung, »vie die Städte. Die Zusammenarbeit zwischen den Versicherungs- trägern, den Wohlfahrtsämtern und Keineiirden fei notwendig, um eine nutzlose Doppelarbcit zu vermeiden. Ministerialdirektor Dr. Griescr vom Rcichsarbeits- m i n i st e r i ii in sprach das Bedauern des Rcichsarbeits- in i n i st e r s aus, durch die schwierigen Verhandlungen wegen der ölrbeitslosenversicherung am Erscheinen verhindert zu sein. Er wandte sich ganz besonders gegen die kürzlich erschienenen Schriften von chartz„Irrwege der deutschen Sozialpolitik" und eines Professors lh o r n e f f c r- Gießen, der die Sozialoersicherung als„F r e v e t am deutschen Volke" bezeichnet. Dieser Ilniversitätsprafessor sagte, die Sozialversicherung stamme ans einem sentimentalen Rausch des riergangenen Jahrhunderts und sei heute das Verderben des deutschen Volkes. Aber wie schon früher werde auch bier das deutsche Volk gegen die llnwersitätsprosessoren seinen Weg gehen. Molthias Eldersch-Wien, Präsident des österreichischen National rats, sprach den Wunsch aus, daß beim Zusammenschluß die äster- reichische Sozialversicherung d?n hohen Stand der deutschen er- reicht Hobe. Dr. Erdmann als Arbeitgcbervertreter betont das positive Interesse an der Materie, erkennt den Wert und die Be> ideutung der Kronkenoerficherung in wirtschastlicher, sozialer und kultureller Hinsicht an, sprach ober seine ernste Sorg« um die Zukunft der Wirtschast aus und wies darauf hin, daß letzten Endes rinfere Krankenversicherung auch auf das Ausland Rücksicht nehmen müsse. Geheimrat Dr. Stauder. Vorsitzender des L e i p z i g e r A e r z t«< verbgndes, sprach von..d«r. Notwendigscit der Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen'und Äcrzten und betonte den Willen zu einer Einigung. Dann nahm der geschästsführendc Vorsitzende Den oss« Helmut Lehmann das Wort zu seinem Vortrag: „Zur Reform der Reichsvcrsicherungsordnung." Er begann mit der Frage, ob sich eigentlich die Ausgaben lohner», tue von den Arbeitgeberverbonden zur Bekämpf ung der ß 0 zi o l v e r s i ch e r u n g in der Presse ausgegeben werden. Er wies darauf hin, daß wir seit dem Jahre 19U nicht allein in Deutsch- land, sondern in ganz Europa in einer Ucbergangszeit stehen, und sprach die Hoffnung aus, daß die voraussichtliche Entlastung durch den Doung-Plon auch der deutschen Sozialversicherung zugute kommen werde. Aber, wie die Industrie, bei der man es als selbst- verständlich annehme, müsse man auch bei der Sozialversicherung zu einer Rationalisierung kommen, die sich t. in einer Zu- sammenfassung der finanziellen Kräfte äußert und sich deshalb bei einer Aufrechterhalwng des stsrus quo gegen «ine geplante Zersplitterung der Krankenkassen wendet. 2. Möge endlich der Reichsversassung Genüge geschehen, die den Versicherten einen entsprechenden Einfluß in den Kasse norganen zubilligt. Andererseits möge die Kranken- Versicherung örtlich gegliedert und stärker zusammengefaßt werden. Der Referent wies darauf hin, daß gerade der Betriebs- krankenkafferverband sich gegen eine Konzen- t r a t i o n der Kassen und«ine Vermehrung des Einflusses der Der- sicherten wendet, was letzten Endes nur ein Beweis für die Unsicher- heit der Arbeitgeber sei. Lehmann wandte sich dann scharf gegen die Mitwirkung des preußischen wohlfahrtsministerium» bei der Absplitterung und Schaffung neuer Zunungskronkenkassen: attein in B e r k i n stehen UNS einige Dutzend Jnnungskrankcnkassen bevor. Gerade beim Vorsitzenden des Saziolpolitischen Ausschusses des Reichstags, dem Zentrumsabgcordncten Esser, vermisse er das notwendige Verständnis für eine Rationalisierung der Kranken- Versicherung. Auf dem Vertretertag des Handwerks in Düsseldorf führt« Herr Esser u. a. aus, er sühle sich als ein Vertreter des Handwerks»nd er betrachte die Schaffung von In- nungskrankenkafsen als ein Vorrecht des Hand- we r t s. Diese Ansicht verstoße gegen di« Grundgedanken der Reichs- Verfassung, daß es in Deutschland keine Vorrechte mehr gibt. Er führt« dann Zahlen des Reichs statistischen Amtes an, aus denen er die Wirtschaftlichkeit der großen Kassen- gebilde bewies. Es würde heute immer von der Gefahr der Mammutkrankenkassen gesprochen, obwohl kein Mensch sagen kann, wo das Mammut beginne und was hier ein Liliputaner sei. Die Arbeitgeber wollen Krankenkassen mit mehr als 40 000 Mitglieder zerschlagen, während wieder di« Innungskrankenkasien zur Schaffung leistungsfähiger Verbände die Mitgliederkassen auffordern, sich zusammenzuschließen. Das Retchsftatistisch« Amt stellt fest, daß auf 1000 Versicherte bei den Ortskrankenkasscn 1,99 Angestellte beschäftigt werden, bei den Betriebs- krankenkasfcn auf die gleiche Zahl 2,11, bei den Jnnungskrankenkasjcn 2,89. Weiter gehören zur Rationalisierung einheitliche Vertrage mit Krankenhäusern, Schaffung gemeinsamer Badeanstalten. Veschäfti- gung von Vertrauensärzten, Vereinheitlichung der joziolhygienischen Volksbelehrung, des Krankentransportmesenz u. a. m. hierzu sei die Bildung von örtlichen Zwangsverbänden notwendig..Ein sinon- zieller Lastenausgleich sei bei der Verschiedenheit der wirtschaftlichen Lage, der sozialen Struktur der einzelnen Gebiete, nicht möglich, und die angestrebte Verbandsbildung kann keine Wirtschaft aus dem großen Topf bedeuten. Gen. Lehmann stellte dann fest, daß die Ausführungen des Essener Aerztetages nicht geeignet seien, zu dem erstrebten reibungs- losen Zusammenarbeiten zu führen. Er wandte fich gegen jede Einmischung der Aerzteschast bei Organisatiops fragen der Krankenkassen. Gerade von dieser Seite würde gegen eine Zentralisierung Sturm gelaufen. Die ins Auge gefaßte heraufsetz ung der Versichc- rnngsgrcnze auf 6000 M. erfasse nach genauen Berechnungen nur etwa 76 000 Angestellte, von denen nur 40 000 sür die Orts- krankenkassen in Betracht kommen. Zum Schluß warnte er ganz besonders die Arbeitgeber- verdöndc, durch ihre Agitation gegen die Sozialoersicherung politische Gegensätze in die KassenvorstSno« hineinzutragen, und bs» tonte dann, daß di« Krankenkassen im Znteresse der Volksgesundheit und im Interesse ihrer Mitglieder einen rücksichtelosen Kampf gegen die von verschiedenen Seiten gezeigte soziale Einstellung führen müßten. Als erster Diskussionsredner sprach' S y n d i k u s E r d m a n n, Düsseldorf. Er wandte sich gegen eine Erhöhung der Pflegesötz« der Kronkenanstalten, gegen die Ausdehnung der Der- sicherungspflicht, den Zwang der organisatorischen Zusammen- schließung und trat für eine Abstufung des Krankengeldes nach dem Familienstande ein. Genosse A l b r e ch t- Berlin, der Vertreter der besonderen Ortskrankenkossen, gibt die Erklärung ab, daß diese noch der Auffassung und Aenderung der Leitsätze diesen zustimmen würden. Genosse Lehmann führte im Schlußwort unter Bezug auf die Satzungsänderungen aus. daß eine Neuorganisation des Krankenkassentages erfolgen müßte, noch der auf je öOOOO Mitglieder ein Delegierter kommen soll, wodurch dann das etwa 3000 Delegierte umfassende Plenum auf etwa 2ö0, also ein richtiges kleines Parlament, herabgesetzt würde. Professor Kantorowicz, Bonn, sprach über„vor. beugend« Zahnpflege". Es müsse erstens durch Bekämpfung der Rachitis im Kindesalter, zweitens durch«ine systematische Be- kämpsung und drittens durch eine planmäßig« Fortsetzung der Schul- Zahnpflege bei den jugendlichen Erwerbstätigen mit Hilfe der Krankenversicherung eine Besserung des Gesundheitszustandes erreicht werden. Es müssen aber auch die Fortbildungsschul» Pflichtigen von der Schulzahnpflege erfaßt«wrden. Zur plan- maßigen?lssanierung der Gebisse fordert er eine jährlich« einmalig!: systematische Durchuntersuchung aller jugendlichen Erwerbstätigen. vr. weck. Norbert Marx. Die Lubiläumsfeier der Vergarbeiier. Dortmund, 18. August. Die Feier des 40jährigen Bestehens de» Verbandes der Berg- bauindustriearbeiter wurde durch eine kleinere Feier am Samstag abend im Goldsaale der Ivestsalenholle eingeleitet. h u s e m a n n begrüßte die Erschienenen und nahm dann die Ehrung der ZK9 Z u b i l a r e vor, denen eine künstlerische ous- gesührie Ehrenkundc überreicht wurde. Zw Anschluß hieran überbrachte der Vizepräsident der Bergorbeitcrinternatio- nale, Dujardin(Belgien), herzliche Grüße. Um 2 Ahr schie sich der F e st z u g zur Westsolenholle in Bewegung. Der zweite verbandsoorsihende Schmidt(Bochum) hielt die Ansprache, in der er noch herzlichen Worten der Begrüßung aus die verbondsgeschichte näher einging und zu weiterem Zu- sommenhalten aussorderle. Bei dem Aufmarsch der Tausend« war es zu verschiedenen kleinen Zwischenfällen gekommen. Einer mit weißen Hosen und weißen Hemden bekleideten Schalir. eienkapellc der Kommuni st en. die sich im vorderen Teil der Balkenstraßc ausgeslclll Holle, gelang es. sich d e m F c st, n g anzuschließen, doch wurde sie bald bemerkt und schon in der Hansastraße ohne viel Aushebens abgedrängt. Nach der Rede Schmidts versuchte ein Kommunist haible ou» Essen dos Wort zu ergreisen. Er konnte ober nur sein„Nieder mit der SPV.!" ausbringe«, als ihn auch schon verschiedene Polizeibeamte ou» der Halle hinausdrängten. Die Sowjetkreuzer„Proiintern und„Aurora" siind in Swine« münde eingelaufen. Die italienischen Kriesschiss« haben Kiel wieder verlassen. � weller sür Berlin: Teils wolkig, teils heiter, keine wesentlichen Niederschläge, etwas wärmer, westliche bis nordwestlich« Winde.— Für Deutschland: Im Nordwesten ziemlich kühl und veränderlich. Im übrigen Reiche trocken und ziemlich heiter mit Wiedererwärmung. Berantwortl. für die Redaktion:»olfgang Schwar,, Berlin: Anzeigen: Th. Sloile, Berlin. Berlag: Borwärt, Berlag®. m. d. S.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch- druckerei und Berlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW KS, Lindenstnch« 3. Sierzu 1 Beilage. Staats-Oper Unter d. Linden Getdilira! Staats-Oper Am Fl.d.Republ, Montag, IQ. 8. StädL Oper Bismarckstr. 7% Uhr Volksvorslellg Fidelio Kein Kartenverkauf Staatl. Sdiausph. am Gendarmeomarkt besdiiDuen! Staatl. Schiller-Iliester.Charltlj. Geschlossen. »ss»»ss»e»iOsssss»s» JjiJ Sommer-Garten-Theater « Berliner Prater G N 58, Kast.-Allee 7-9. Tel. Hb. 2246 2 Sastspld Bast«) Beer, Grctsl Uilsn Die liistlse Witwe Operette von Franz Lehär Duo der»rohe Variete teil. Anfang Konzert 4.30. Burleske u. Variete 0 Uhi. Opsmlls 0.30. ledeo Uonncrsiaj oroOer Volksiag. jed. Mittw, KlcHcrlesl b. Verlosung ieeeeeeeeeieeeeeeeeee Tägl. 5 u.«IS Sonnt. 2. S a 6 u __ Alex. E. 4. EO66 J INTERNAT. VARIETE Tftglidi 8 Vi Uhr Der neue Eronnungs- Schlager Wem ßßliörl mein Mann! S Hose- | Thealer, Gro$e Frankfurter Str. 1S2. Täglich 8.15 Uhr . Gsr kleine Kuppler 1 Lustspiel f.3Akt.v.Armontu.Gcrbldon | Caartenbühnc 5.30 Uhr [ Konzert und bunter Teil 8.15 Uhr; „Bis trüh um fQnte" rgrOeu Sit Abonnent des Bosc-Tbenltrs Verlangen Sie kostenlose Zusendung der Abonnements-Bedingungen »'/, Uhr Barb. 9256 ____» | oriB.-amennanieeiiu Reveiier» u»w. CASINO-THEATER Lothringer Strafe 37. Dazu ein erstkl. bunter Teil. Für unsere Lesen Gutschein für 1—4 Personen Fauteuil nur 1.25 Sessel 1.75 M., Sonstige Preise: Parkett u. Rang CSV M. ftelchshallen-Theaier AllabcndUdi| 6| Uhr. stettiner sanger Sonntag, 2. Aarust: Erste doibralHaos-Vnniellnng zu halben Preisen mit vollem Programm, VarielA Oönhoft- Bre Ende gegen II Zum 76, Male; Die Fledermans Musik v.Joh.StrauS. Regie: Max Reinhardt. Musik. Einrichtung und Leitung E.W. Komgoid. Ausstattg. L. Kainer äarnowsky- äülineD fheater in der Xdniggrätzer Straße Wieder eröffnet Tägliches1/'« Uhr Riva 9 en Kom�dlenhaus Täglich 8 Vi Uhr iioüizeitsreise mit Georo AlBiandet Jm iBrennpunld NM; BAHN HO| Z-m � Eüeüöl IFRIEDRICHSTRJ CAft piM- �BARETT ElNTRllT FREI (KAßARm-KÄFFEE• fÄNTTÄLÄm 'FklEDMCHSTP.. 96 AM BAHNHOF Kleines Theat. Merkur 1624 Täglich SV, Uhr Max Adalbert in NaOoferTroiken? Thui.aniKoitb.ror Kottb. Str. 6 Tägl. 8 Uhr Litte- 'Sänger Die August- Sensation Strippke's in der Sommerfrlacbe Theat. it. Westens Täglich 8V, Uhr Sonntag 4 u. SV« Franz Lehan Wellerfolg t Friedeilke Lotte Carola Willy Thums, Telephon Steinplatz u931 u. 5121 Metropol-Th. Tägl. 8V, Uhr Sonntags 4 u. SV« Blaubart Operette von Olfenbach Kammersinger «alter Urehhoff. Lustspieinaus Täglich S'I, Uhr Du wirst mich heiratenl Rundfunkhörer halbe Pr-:-- DObren. Flligi y.rsaisiello fraialista aratle MlaoLCo. uruh ata, «a Alexanderplatz Neu« Kdnigatp.43 fiei JUERGEN5 Winter ★ Garren* 0 Uhr» ZtDir. 2B1B• Baomen«nanbi Internat. Variete* Jnwitr neu. immer gut Verkäufe Möbel MSbellänler atcrlc Kredit und bar Möbelba««». grob« Auswadl. kleine Beeile! Beispiele: Schialilimmer 453, Speilezimmer 343. äermuimnirr 260. Spieaelschrönke 118, Aiirichteküchcn 75, Kieidcrlchrimke 43, Koiebetlftellen 48, Shailclonques 28, Metallbeiien 16, Aufieaematraben 13, Sonftiae Möbel entsprechende Breise. Teilaohlunn auffdilaoftei. Wochentaten, Mcnotsroten. Kleine Amadlunoen. Kalsa-Ziabatle bis zehn Prozent. Kredits bis itmei Jahre. Mäkine.Zinsen. Kauvt. neschölt Slenlik. Echlokltrake 107: 2. De» schüft Neukölln. Kermannplatl 7; 8. De- schöit Belle. Allioncc. Strohe 95. Unter» orundbahn: 4. Kllchenahteilunn: Neu» kölln. Hermannplab 4; 5.(Sefdiäft neu eröffnet Kottbusser Sttafte Nr. 23. am Tor.• " Musikinstrumente «ftnlpianos, überaus preiswert Piano» •obrif Link Brunnenfirobe 35• «lonlers. 175,—. 290.—. 375,-, 425,—. nedrauchte, neue, probe Auspiahl. Zah» lunnserleichterunp, Satanticfchein. Korr» buifer Damm 64. L �skri'ä�ei' Teilzablunp, kulante Bedipgpngen, Fabrikpreise, nur Qualitötsröder. nähr» radhau..Wima- Ackerliroke dreibia Sedrauchte iZahrräder, qrößte Sus» wohl, 13.—. 20.-. 25.-. SO,-. S5,—. Machnow. Deinmeisterüraße 14.* Kaufgesuche tzabnaeblsfe. Platinabsölle. Lötzinn, Blei, Quecksilber. SilberschmelAe, Sold» Ichmeläerei Christlonat, Köpenicker- flrad« 39(Haltestella Sdalherttzraße).* (Seilage Montag, 19. August 1929 Btrffinmb StiöLwigaß» Ja t�rWaWk Heinrich Hemmer: .Li« haben Peter und Paul gesessen,' rief uns der Wirt des R i st o r a n t e V o l p i zu. als wir auf dem Pinienhügel hinter der Bafilica San Paulo anlangten, und machte eine großartig ein- ladende Teste, die das Auto wie von selbst zum Stoppen brachte. Im Kellergewölbe zeigte er uns auch den alten Tisch, an dem die zwei Apostel(der Wirt schwor darauf— schwor!) vor der Be- tretung Roms bei einem guten Tropfen von der langen Fuß- Wanderung ausgeruht und sich gestärkt haben sollten. Aber Miß Goldenhair, eine wirklich goldige Amerikanerin, der ich die römischen Spezialitätenkneipen zeigen wollte, guckt«, während uns der Wirt die Vongole, den Muschelrisotto des chaujes und Wein von den Albaner Bergen kredenzte, ungläubig um stch. Es gab in dem rohen Gemäuer allerhand neuzeitliche Flirt- nischen, die schrecklich unheilig aussahen, und Katakomben-Separäes, in denen die Lebewelt Roms stch gütlich tat..Lier sollen Peter und Paul gesessen haben?,' sagte das Amerikamödel, mit ihren schmalen Aechselchen zuckend, als ob es in dieser Gegend immer so fidel und ungeniert zugegangen sein müsse.... „Sicuro,' brummt«, mit strengem Hinweis auf die großen Apoftel-Wandgemälde, der Wirt und kehrte uns pikiert den Rücken. Man darf in diesem Ristorante sich wohl unheilig benehmen, aber daran zweifeln, daß die beiden Kirchenväter wirklich hier gesessen und sich gestärkt haben, darf man nicht. Das ist die eine groß« Pietätlosigkeit, die man an dieser geweihten Stätte begehen kann. Dos ist wirklich sündhaft. „Andiamo, gehen wir,' sagte ich, als die Gläser leer waren, „wir haben heute noch einiges vor.' „Rupeta Tar.peia,' rief begeistert ein Assyrolog«, der sich uns angeschlossen hatte(wir waren zurückgefahren, zu einer schwer zu entdeckenden, unscheinbaren Hausfront unter dem Tarpeischen Felsen, über den die zum Tode verurteilten Verbrecher des antiken Rom herabgestürzt wurden)—„wo einst Blut floß, Miß Goldenhair, fließt heute Wein: ein Wein mit einem barm- Herzigen Namen: Lacrime Christi.' Der Gelehrte,«in berufenerer und, wie es anfangs schien, uninteressierterer Cicerone als ich, geleitete uns einen Stock hinab, und noch einen. Miß Goldenhair glaubte in dem Zweitausend- jährigen Gemäuer versteinerte Köpf« und Gliedmaßen herab- gestürzter Verbrecher zu entdecken, aber der Assyrologe erklärte, daß es ausgegraben« Statuenfrogmente seien, und unten gab es nichts Schreckhafteres als Weinfässer voller Lacrime(zwischen denen wir Platz nahmen), neapolitanische Weisen, complimenti und amore... „Wenn Sic nach Palermo kommen, bcllissima Signora,' seufzte zu Miß Goldenhair tretend ein Marchese Maretti, „dann steigen Sie, prego, in meinem Palazzo ab.' Conte Tacchi zog seinen dreisten Freund, den Marchese, beim Rockzipfel weg:„Hch trappe lacrime," sagte er entschuldigend zur Miß, die mir immer mehr abhanden kam..... er hat gerode Ebristustränen getrunken, und sollten Sie übrigens einmal nach Verona fahren, kommen Sic, bitte, zu mir auf mein Schloß, jetzt gehen wir Carcioffi essen.' 36� Wir aßen Carcioffi an weißgedeckten Tischen im Freien, auf der von alten düsteren Palästen umgrenzten Piazetta des Hügels der Beatrice Ccnci. Fische, Vögel, Schlangen mit elektrischen Lichtern in ihren Mägen betrachteten uns freundlich leuchtend van oben, und was die Artischocken betrifft, so bestellt« der Conte sie für die Miß allo gudea: in Teig gebacken, und der Marchese alla Romana: in Oel gedünstet, mit dursterregenden Würzen zwischen den Blättern. Als aus einem der alten Paläste Arien herübertönten, neigte sich der Assyrologe zur Miß Amerika und sprach:„Nichts ist lang- weiliger als so eine aristokratische Abendunterhaltung in einem römischen Palazzo: wir saßen aus goldenen Sesseln in einem kühlen Steinsaal, flüsterten gezwungene Höflichkeiten noch rechts und links, und nach jeder Gesangsstrophe murmelten wir einander zu: ob cbc bello, che hello...* „Andiamo," sagte ich, um wieder einmal zu Worte zu kommen, aber schon hatte sich ein Wiener Professor Z. angeschlossen, römischer Korrespondent vieler Zeitungen, der außer dem Wort „andiamo" wenig italienisch versteht, aber immer im„Gehen" be- griffen ist, von einer Kneipe zur andern, auf der Such« nach besseren Weinen. A()(i� „Ecco la Bibloteca del Valle," sagte der Professor und führte uns in eine merkwürdige unterirdische Bibliothek hinab, mit Bücher- stellagen rund um die'Wände, auf denen die wahren Erkenntnisse der Welt ruhten— in Flaschen abgezapft. Der Professor bestellte „Aqua di Trevi*, ein feuriges, schäumendes Wasser, das ölglatt die Kehle hinabfließt, ein süßes Prickeln auf der Zunge zurück- lassend. Rompilger aller Herren Länder schienen i>� dieser Bibliothek zu studieren, und ihre Köpfe färbten sich auf der Suche nach Wahr- heit röter und röter, so wie auch die Glatze des Professors, die in der Beziehung ein wunderbarer Alkoholmesser ist. „Die Güte des Weines hängt vom Stoppel ab." erklärte der „Bibliothekar", und setzt« uns auseinander, was die spanische vor der portugiesischen, diese vor der französischen und die vor der algerischen Korkeiche vpraus hat, und was es ferner ausmacht, ob der Korken mit der Hand geschnitten, gekocht, getrocknet, in Oel gebadet wird, und was noch alles sonst, und wie wichtig es ist, den Geist der Bibliothek fest verschlossen zu halten und vor dem Ber- rauchen zu hüten. Aber man kann nicht vom Geist allein leben, und da es in der Bibliothek nach 10 Uhr abends nur. mehr gebrannte Haselnüsse gibt: „andiamo" sagte«in Kölner Maler, dem das frisch verliehene päpstliche Verdienstkreuz vom Knopfloch baumelte. Er wünschte wie all« Ausländer das Eine, Lange. Dünne, die Spaghettis, und, sagte er, di« müsse man bei cavalliere Alfrede� essen, der sie selbst kredenzt, gemischt mit einer geheimen weißen Sauce... oder bei C i c o r e l l a in der Neopolitanerort m-t Paradiesmark. etwas Knoblauch und grünen höllisch scharfen Paprikas... und er wolle Miß Goldenhair als„Madonna in der Rosenlaube' malen. „Andiamo piutosto nach Trastevere," sagte der Assyrologe mit Autorität. Und wir folgten dem berühmten Manne. Er ent- zisfert in der vatikanischen Bibliothek assyrische K?iljchrijtcn. Jedes Anöiamo! Sommernacht In Horn Wort, das er entziffert, ist quasi für ihn eme Ruhmestat. Er hatte es(in sechs Monaten des vorigen Jahres) bis zu dreiundvierzig gebracht. Er mußte bald heimreisen, und dos vierundvierzigste Wort spukte ihm im Kopf herum schon dies« ganzen letzten Tage, ober ach, weder die Lacrime noch das Aqua di Trevi konnten es, das halb gegorene Wort, zu Tage befördern. Jetzt versuchten wir? mit Frascatti(den man nur in Rom echt be kommt, da er keinen Transport verträgt). In der Trattori a alla Cisterna fanden wir große Familien mit Kindern, reichliches Abend- brot auskramend: abaccbio, gebackenes Lämmernes und Rissen- fchüsseln mit Salat. Der Wirt lieferte den Frascatti und Bestecke. „Favorisca," sagte di« Matrone an unserem Tisch und reichte die Schüsseln herüber— das ist so römische Sitte. Aber können noch so liebenswürdig offerierte abaccbio, oder frisch bereitete Back- und Truthändel jemals ein assyrisches Wort zutage befördern, das könnt« nicht einmal der Frascatti, dem wir lange und reichlich zusprachen____ aber wie wärs mit dem Allcatico, das ist der best« Wein Roms!„Andiamo" riefen wir alle und lenkten auf Gesamt- beschluh unsere Schritt« zur Sora Nana, der„schönen Römerin." Nicht die Sora Nana ist di« schöne Römerin, die war es einmal, jetzt ist die Reihe an der Tochter. Di« Tochter, darauf sieht die Mutter, ist eine ehrbare, eine absolut unnahbar« Schönheit. Man kann nicht einmal mit ihr sprechen, sie ist nur zum Ansehen da, ganz Marmor und Geschäft.„Sehen Sie dieses Römerprofil an, Miß Goldenhair, die antik-edlen Linien, und sehen Sie herum, wie man starrt, gasft, sich yerliebt. Aber sie, di« schöne Römerin, bleibt kalt. Sie fasziniert nur und stellt Rechnungen aus.' Wir bestellten ein jeder eine Flasche Alleatico, und bekamen sie ein jeder anders aufgerechnet. Die Rechnungen werden nach dem Grade der Verehrung bemessen, nach dem Kunstgenuß, den man hier gehabt hat. Der dekorierte Maler sollte mehr bezahlen als der Professor, und ich weniger als der Affyrer. Leider zeigte der Maler wenig inneres Verständnis für römisches Leben. Der Marchese und Conte schworen, sie hätten sich glücklich geschätzt, durch eine so exorbitante Rechnung geehrt zu werden, sie würden damit rcnom- mieren— während der Maler reklamierte. Wir glichen uns alla Romana aus: jeder zahlle den gleichen Teil der Gesamtzechc— und Verehrung. Dann wurde ,chle schöne Römerin" geschlossen: noch ehe das 44. Wort gefunden war. Wohin, wohin? „Andiamo, wo die Amerikanerinnen hingehen," sagt« Miß Goldenhair,„im findet man immer das richtige Wort." Die golden« Miß führte uns in einen in einer allrömischen Therme gelegenen Futuristenklub. Der Halle eben erst auf- gemacht, er ist immer voraus, wenigstens um einen Tag.„Bro- gaglia" heißt dieses Lokal nach dem futuristischen Inhaber, der furchtbar ernst ist, zu jeder noch so späten Stunde, denn di« Zukunft ist immer in Dunkel gehüllt. Mit ominös-dllsteren Iutesäcken sind auch die Wände des Lokales austapeziert. Die Sessel sind ganz einfach pechschwarz. Eine Amerikanerin nach der andern machte ihr Entree, die meisten ohne schützend« Begleitung. Allo taten sie sehr römisch. Verx roman ipdeed. Langsam entflammten sie sich an der Jazz- musik und dem Wein. Und— und der Marchese sowie der Conte kamen uns abhanden..,2lndiamo,' hieß es wieder, eh noch das Wort gefunden war: Bragaglia schloß um 6. Wir wurden von der Jazzband die Treppe hinaufgcleitct und gebeten, ein Sovenire in einen Teller zu legen. .Llndiamo zur Caoourbrücke," seufzt« der Assyrologe, au» tiefen Gedanken erwachend. An der Brücke gab es noch Spaghettis, schlichte, morgendliche, verschlafen servierte Spaghetti». „Was ist los mit Ihnen?" fragte auf dem Heimweg die goldene Miß den Keilschriftforscher: es schien, als bekäme er einen epilep- tischen Anfall, er sank auf die Knie vor ihr. Die junge Amerikanerin zeigte das größte Verständnis für die unglückliche Lage des gelehrten Mannes, sie neigt« sich mitleidsvoll zu ihm herab und gab ihm— einen regelrechten Kuß. Da verdrehte er die Augen, fein Schnurrbart knisterte und fein Mund sprach es verzückt, das Wort, das langgesuchte, dos 44.„Eilöwju," stammelt« er. Und dann wars zu End« mit dem ewigen Andiamo: wenigstens was den Keilschriftmonn anlangt, und seine Miß. Die gingen nach Hause und ich stand alleine da. Nie wieder mache ick) andiamo mit einer schönen Amerikanerin. lLP.-HaröcN'Fctc Wie mglifche Arbeiter feiern Als ich vor kurzem in Englands.Hauptstadt zu Besuch weilte, bekam ich auch eine Einladung zu einem„Garden Fete", da» die Bezirksgruppe East Surrey der Labour Party in Croydon an einm Sonnabendnachmittag veranstaltete. Der Zweck der Veranstaltung war natürlich, die etwas mager gewordene Parteikasse wieder frisch aufzufüllen. Auä) bei uns in Berlin macht man das so, daß man dann irgendein kleines Fest inszeniert Aber welch Unter- schied! Unsere Sommerfeste spielen sich dann gewöhnlich in einem Restaurant draußen in Treptow oder auf dem so beliebten Span- dauer Bock ab. Und verschlingen aus diese Art große Summen des gerade neu eingekommencn Geldes. Nicht so in England! Dort stellt ein wohlhabendes Mitglied der Partei seinen Garten zur Verfügung, selbstverständlich kostenlos. Auf dessen großen Rasenflächen können sich dann die Festteilnehmer vergnügt tummeln. Das ist doch unbestreitbar viel schöner, als in staubigen Biergärtcn zu sitzen. Und greift zudem nicht die Parteikasse an! Jedes Jahr wird auf diese Art einmal im Sommer gefeiert. Dieses Jahr hatte Mr. I., der bei den letzten Wahlen durch- gefallene Kandidat für East Surrey, feine Gesinnungsgenossen zu sich geladen. Und viele kamen, für ein geringes Eintrittsgeld sich ein wenig zu vergnügen. Ein richtiges Volksfest: Buden, Rum- m e l. Monchk Genossen hatten Kleidungsstücke gestiftet, wie Schür- zen, Kinderkleidchen, Mützen usw., alles nagelneu. Das wurde nun hier verkauft. Eine andere Bude mit Kuchen. Alles„kome-made". Jede Hausfrau steuert etwas dazu bei. Ein kleines Mädelchcn, Puppenhausmütterchen, zeigt mir strahlend den Kuchen, dessen Teig sie selbst gerührt hat. Weitere Buden mit Obst. Verkauf unter der' Devise: Eßt mehr Frücht«! Alles stammt wieder aus den Ob st gärten der Parteigenossen. Bei 35 Grad Hitze slo- riert am besten natürlich der Eisoerkauf. Auch englische Kinder essen furchtbar gern Eis, genau wie die deutschen, und betteln Vater oder Mutter um einen Penny. den sie gleich in Vanilleeis anlegen. Dann gibt es selbstverständlich auch«in bißchen Rummel, so für Kinder zwischen 5 und 30 Jahren. In einer schattigen Ecke des Gartens stehen papiergedeckte Tische, an denen Tee serviert wird. Bekanntlich trinkt der Engländer immer dann Tee, wenn der Deutsche Kaffee trinkt. Zwei Tassen Tee mit zwei Stück Kuchen gibt es auf die Eintrittskarte. Wer größeren Durst und größeren Hunger hat. muß alles weiter« bezahlen. Alkohol wird nicht verkauft. Außer Tse nur noch Limonade. So sitzen nun Prole- tarier mit ihrer Familie und Leute aus den wohlhabenden Klassen mit eigenen Häusern und Autos zusammen beim Tee und lauschen den Klängen einer Kapelle, die auf der Veranda des Hauses ihren Sitz hat und auch sich wieder aus Patteigenossen zusammen- setzt, die unentgeltlich ihren Nachmittag hingeben, um andere zu unterhalten. Vorn unter der Veranda ein großes Bild des eng- lischen Arbeiterführers Ramfay Macdonald. Drüben wird er von allen Leuten nur beim Vornamen genannt. Er ist augenblicklich der populärste Mann in England. Für 6 Uhr ist di« Hauptattraktion des ganzen Festes angekün- digt: ein M.P.(auf deutsch: M. d. R.) Miß Ellen Wilkinson spricht. Kurz vor der angegebenen Zeit gruppiett sich alles halb- kreisförmig um die Veranda herum. Und dann kündet ein Gong- schlag ihr Nahen. Ueber Ramsays Bild gebeugt steht nun«in« rot- blonde, temperamentvolle Frau erst«in paar Augenblicke im Kreuz- feuer, wenn auch nicht der Pressephotographen, so doch ihrer Partei- genossen, die alle ein Bild von ihr mit nach Hause nehmen wollen, und begeistert die Menge du'-ch die schon gelösten Ausga»en der noch so jungen Labourreoi�rung.„Dos, was dä«.alle Ko.l:..c!t Nicht in fünf Jahren erreichte, sihafst das neue in zwei Monaten." Beifall und„Hütt, hört!" tönt aus der Menge. Voller Stolz berichtet sie weiter: über dos Gesetz,, dos Gelder fordett zum Bau billiger Mietwohnungen, die in den gereinigten„slums" von London neu entstehen sollen, über Einrichtung und Reformen neuer Schulen, über die sofortige Räumung des Rheinlandes, die vom neuen Kabinett oerlangt wird. Jedesmal erschallt neuer Beifall aus dem Zuhörerkreise, von mir kräftig unterstützt, sehe ich dach, daß die Engländer um dasselbe kämpfen wie wir Deutsche. Zum Schluß ein Had) auf„Ramsay", auf den Mann, mit dem das gegenwärtige Kabinett steht und fällt. Ein Arm voll Blumen soll der Sprecherin den Donk der Menge übermitteln. Und dann kommen die Jungen beim Tanz auf grüner Rasenfläche zu ihrem Recht. Wie wäre es mit solchem Fest bei uns? Anne-siiese Lücke. Krieg um einen<-imer Aus weichen geringfügigen Ursachen in früheren Zellen Krieg« entstanden, zeigt folgende Geschichte. Zu der Zeit, als das heutige Italien noch in Dutzende oer- schiedener Herzog- und Fürstentümer zerfiel, die sich untereinander meist feindlich gesinnt waren, defertietten im Jahre 1000 zwei aus Modena stammend« Soldaten aus dem Söldnerheer Bolognas. Um ihre Flucht erfolgreich durchführen zu können, nahmen sie einen großen Eimer und toten so, als ob sie Wasser für die Soldaten pferd« holen wollten. Ihr Plan gelang ausgezeichnet: sie erreichten dos Staatsgebiet von Modena unbehelligt, und nahmen den boiognesischsn Wassereimer zum Andenken mll nach Hause. Damit war Bologna jedoch keineswegs einverstanden, wie es schien: denn es sandte eine reichlich unverschämte Note wegen dieses Eimers an die Machthaber von Modena und fordette in gereiztem Ton sein« mwerzügliche Rückgabe. Modena verbat sich daraufhin jede Anzüglichkeit und lehnte die Herausgabe des Eimers ob. Bo- logna wiederholt« fein Ersuchen daraufhin in noch schrofferer Form und Modena antwortete ebenso, ohne den Eimer herauszugeben. Die Folge davon war, daß Bologna Modena den Krieg erklärte. Blutig« Schlachten wurden geschlagen, Dörfer und Städte verwüstet, un- schuldige Menschen niedergemetzelt, mißhandelt und geschändet, ohne daß der Sieg sich endgültig auf die Seite eines der Bruderstaatcn geneigt hätte. Schließlich entschied man sich dafür, den König von Sardinien, den Sohn des deutschen Kaisers Heinrich II. zum Schiedsrichter zu wählen, aber als dieser sich dann auf die Seite Modenas stellte und die Schuld am Kriege Bologna zuschob, ergrimmten di« Bolognesen derart, daß sie schwuren, nicht eher zu ruhen, bis sie den König in ihrer Gewalt hätten. Es gelang ihnen auch, ihn zu fangen und ihn in den finstersten Kerker Bolognas zu werfen. Umsonst bot der deutsche Kaiser Bologna«ine golden« Kelle— die länger war, als sämtliche Grenzen Bolognas— als Lösegeld für seinen Sohn. Bologna lehnte ab: es wollte seine Rache. Und so mußte König Heinrich von Sardinien zweiundzwanzig Jahre, ge- fesselt an Händen und Beinen im Kerker leben und schließlich ohne jede Hilfe sterben: denn auch sein Vater war längst tot. Der Krieg zwischen Bologna und Modena war inzwischen be« endet, aber niemand hatte gesiegt. Beide Staaten waren einfach so sehr erschöpft, daß sie Schluß machen mußten. Der Eimer aber, dessentwegen der Krieg ausgebrochen war, wurde in der Kathedrale von Modena in einem eisernen Käfig aufgestellt, wo cr noch heute von de» Fremden besichtigt werden kann. Copyright by Merlin-Verlag G.m.b.H., Baden-Baden (28. Fortsetzung.) „Die Grundstücke gehören mir," erwiderte Calvin Füller eisig. „Und da die Behörden sich von den Roten bestechen liesten und mir oerweigerten..." Eine Faust fiel dröhnend auf den Tisch nieder. Der Bürger- meister, der angeheiratete Reffe des alten Birch, schnellte auf. „Wie wagen Sie es, so etwas zu behaupten, Füller? Ich werde Sie wegen Verleumdung anzeigen. Sie haben uns mit Ihrem ver- fluchten Starrsinn schon genug Unannehmlichkeiten verursacht. Hüten Sie sich!" Calvin Füller lächelte höhnisch. „Sie folgen dem neuen©tern, unserem lieben Birch." „Hören Sie, junger Mann," brüllte der alt« Birch und die Zldern auf seiner Stirn schwollen an.„Danken Sie Gott, daß ich Sie nicht wegen Brandstiftung anzeige. Was glauben Sie denn eigentlich? Sollen wir uns von Ihnen das ganze Geschäft ver- derben lassen, Sie Leuteschinder!" „Saul unter den Propheten, Gamaliel Birch unter den Roten!" höhnt« Calvin Füller. „Man könnte eher sagen: Calvin Füller unter den Roten!" entgegnete der alte Birch.„Sie spielen ja den Leuten in die Hände, als ob Sie es absichtlich täten. Sie hätten nur heute unsere .Liberalen' reden hören soll«nl Die halbe Stadt ist gegen Sie. Und wir, die wir nichts getan haben, leiden darunter." Calvin Füller zuckte die Achseln. „Sie sind mein Konkurrent, Birch, Ihre Worte haben daher für mich wenig Bedeutung." Jetzt erhob sich eine Stimme, die für Calvin Füller und alle übrigen Geschäftsleute der Stadt Bedeutung hatte. An, der Spitze des Tisches sah, die kleine hagere Gestalt fast völlig im Lehnstuhl verschwunden, ein verhutzelter alter Mann. Sein Gesicht hatte die Pergamenffarb« der Magenleidenden. Die große Rase sprang wie ein Erker zwischen den eingefallenen Wangen vor, die tiefliegenden kleinen blauen Augen leuchteten in fast unheimlichem Glanz. Herbert Harrison, der Präsident der Ersten Nationalbank hob die magere Greisenhand, an der die Adern blau hervortraten und ließ sie sanft auf den Tisch fallen. Dann sprach er leise: «„Der Gang der Geschäfte darf nicht durch den Starrsinn eines einzelnen gehemmt werden. Darf nicht, sage ich. Berstehen Sie mich, Füller?" Ob Calvin Füller ihn verstand! Die leise Stimme des alten Mannes hatte eine weit erschreckendere Drohung ausgesprochen als das Gebrüll des alten Birch. „Ich weiß nicht, meine Herren, was Sie von mir wollen," begann er zögernd. „Wir wollen nicht länger von einem Brandstffter unsere In- dustrie lahmlegen lassen!" schrie der alte Birch. „Ich muß Sie bitten, diesen Ausdruck sofort zurückzunehmen, Birch. Niemand kann mir beweisen, daß..." „Ich kann es!" sprang der Bürgermeister, der angeheiratete Nesse des alten Birch, in die Bresche.„Sie zahlen Ihre Leute zu schlecht, Füller. In meinem Safe liegen vier eidesstattliche Aussagen der Männer, die die Zelte mit Petroleum begossen haben. Die ein« ist von Michael Cardigan unterzeichnet." Calvin Füller biß sich auf die Lippen; das hatte er nicht er- wartet. Dann jedoch faßte er sich rasch. „Die Aussagen von Geheimagenten! Dielleicht fragen Sie Gamaliel Birch, wieviel er dafür gezahlt hat." Das hätte er nicht sagen dürfen. Der alte Birch wurde puterrot im Gesicht. Er sprang von seinem Sitz und hielt Calvin Füller die Faust vor die Nase. „Nehmen Sie sich in acht, junger Mann. Ich kann gegen Sie auch noch eine andere Klage erheben: die des Mordes, des Bruder- mordes!" Ein peinliches Schweigen folgte diesen unbeherrschten Worten. Die Mitglieder der Kaufmanns- und Industriellenvereinigung wechselten verlegene Blicke. Soweit hätte der alte Gamaliel nicht gehen dürfen. Calvin Füller verlor die Ruhe nicht. Er maß den Gegner von oben bis unten und lachte. „Sie blasen ins Horn der Roten, Birch. Sind ein undankbarer Mensch. Bedenken Sie doch, wieviel Sie an dem Streik in meinem Betrieb verdient haben!" „Und wieviel ich jetzt durch Ihre Dummheit verlieren werde!" fauchte der alte Birch. „Meine Herren, bleiben wir bei der Sache," sprach Patrick Fitz-Iames, der Vorsitzende der Bereinigung.„Wir sind nicht her- gekommen, um einander zu beschimpfen, sondern um Herrn Füller zu einem vernünftigen Beschluß zu bewegen." „Bewegen," höhnte der alte Birch.„Kern Füller hat sich je durch gute Worte zu etwas bewegen lassen. Zu zwingen, das ist dos rechte Wort." „Ja," tönte die sanfte alte Stimme des alten Herbert Harrison auf.„Zu zwingen, wenn es nottut." Calvin Füller war zumute, als wanke der Boden unter seinen Füßen. Hier, wo er Verbündete erwartet hatte, fand er plötzlich erbitterte Gegner. Sie müssen einsehen, Herr Füller, daß Ihre Handlung den Generalstreik veranlaßt hat," erklärte Pattick Fitz-Iames.„Und müssen auch wissen, daß die Industrie nicht in der Lage ist, einen länger währenden Generalstreik auszuhalten. Ich habe," er legte die Hand auf ein Bündel Telegramme, die vor ihm auf dem Tisch lagen, „aus Columbus, Cincinnati und anderen Industriezentren des Lau- des beunruhigende Nachrichten erhalten. Es ist anzunehmen, daß der Streik sich ausbreiten wird." „Ich verstehe nicht recht, was Sie von mir wollen, meine Herren." „Daß Sie zu Kreuz kriechen und Ihren Arbeitern die gefordert« Lohnerhöhung gewähren!" brüllte der alte Birch.„Wir sind ja unter uns, und ich will zugeben, daß ich Ihnen den Mord an Ihrem ver- rückten Bruder verzeihen kann, nicht aber die eigensinnige Dumm- heit, die uns noch allesamt ruinieren wird." „Hier ist von keinem Mord die Rede, Birch," warf Herbert Harrison mit leisem Vorwurf ein.„Es handelt sich einzig und allein um den Streik. Und da bin ich völlig Ihrer Ansicht, Füller muß nachgeben, muß es," Calvin Füller hörte aus den Worten des Bankpräsidenten die versteckte Drohung und fühlte, wie ihm der Schweiß aus den Poren drang. „Um des Friedens willen," fuhr die milde alle Stimme fort. „Ich weiß, daß jeder siegreich durchgeführt« Streik das Rückgrat dieses roten Gesindels steift, habe noch nie zu einer Einigung geraten. Heute jedoch steht die Sache anders;— dank Ihrer unbedachten Tat, lieber Füller. Sie werden jetzt, nach dem Brand des Zeltlagers, die Leute nicht unterkriegen. Geben Sie nach. Ich sage Ihnen: Sie müssen nachgeben!" „Niel Ich lasie mich von dem Gesindel nicht unterkriegen." Gleich einem Zauberspruch schienen Calvin Füllers Worte die eleganten gepflegten Herren der Kaufmanns- und Industriellen- Vereinigung mit einem �Schlag in primitive, tobende Rowdys zu ver- wandeln. Sie schnellten von ihren Sitzen auf, fuchtelten mit den Armen, drohten Calvin Füller mit der Faust, schrien wild durch- einander:» „Wir lassen uns nicht von Ihnen ruinieren!" „Sie werden schon sehen, daß wir Sie zwingen können!" „Sollen wir alle unter Ihrer Dummheit leiden?" „Wer glauben Sie denn, daß Sie sind, um uns Trotz bieten zu dürfen?" Eine sanfte Stimme sprach milde: „Wollen Sie fürderhin nur Bargeschäfte machen, lieber Füller? Das dürste Ihnen etwas schwer fallen." Und ein wütender Baß tobte: „Brandstifter! Mörder! Bleiben Sie bei Ihrem Geschäft, aber ruinieren Sie nicht ehrbare Staatsbürger!" Der alte Birch war neben den alten Harrison getteten. Calvin Füller betrachtete die beiden. Die konnten ihn zugrunde richten, das wußte er. „Was sagen Sie zu einer Revision des Gordon-Prozesses?" schrie der alte Birch.„Mit anderen Belastungszeugen? Mein Schwieger- söhn, der Gouverneur.. „Lieber Birch," unterbrach ihn sanft der alte Harrison.„Wir wollen doch dieses peinliche Thema unberührt lassen. Einstweilen. Jetzt handelt es sich mir darum, daß Herr Füller uns das Ber- sprechen gibt, sich mit seinen Arbeitern zu einigen. Wenn er be- denkt, was für uns alle, auch für chn, auf dem Spiel fleht, wird n es bestimmt tun." Calvin Füller schwieg. Er wußte, daß er das Spiel verloren hatte. Aber er wollte sich nicht dem Willen anderer beugen, er, der solange der Herr von Fullersville gewesen war. „Geben Sie mir Bedenkzeit, meine Herren," sagte er schließlich. „In drei Tagen sollen Sie meine Antwort haben." Und während dieser drei Tage sollen unsere Betriebe stillstehen!" tobte der alte Birch. Herbert Harrison mochte eine abweisende Gebärde. „Gut, lieber Füller, wir kennen Sie, wissen, daß Sie ein patriotisch gesinnter Mann sind, der nicht um einer Laune willen die Industrie gefährden wird." Patrick Fitz-Iames erklärte die Sitzung für geschlossen. Auf der Rückfahrt im Auto war Calvin Füller zumute, als sei er grün und blau geschlagen worden. Alle Glieder schmerzten ihm, in seinen Schläfen hämmerten die Pulse. Und durch das Rattern des Motors glaubt« er«ine Stimme zu hören, eine helle triumphierende Frauenstimme, die ihm in die Ohren sang: „Es kommt eine Zeit und das Volk erwacht..." Zum ersten Male in seinem erfolgreichen Leben fragte der Herr von Fullersville sich mit geheimein Schauder: „Ist die Zeit schon gekommen?" Der dritte Grad. Der Generalstreik dauerte nun bereits drei Tage. Während dieser Zeil ließ Calvin Füller sich nicht blicken. Der einzige Mensch, mit dem er träglich für kurze Zeit zusammenkam, war Diana Lang- trey. Ihr gegenüber verbarg er den Zorn und den Haß nicht, die ihn gegen seine früheren Freunde erfüllten. „Gib nach," bat Diana Langtrey.„Du kannst nicht gegen Gamaliel Birch und den alten Harrison aufkommen." „Ich habe noch zei Tage Zeit. Inzwischen soll der alte Birch nur sehen, wie seine Betriebe still liegen. Ich schenke ihm nicht eine Stunde." „Was hat das Ganze für einen Sinn, Calvin?" „Gar keinen," gab er unvermittelt zu.„Ich weiß es. Weiß auch, daß ich geschlagen bin, besiegt von dem Gesindel." Er starrte Diana Langtrey düster an. „Das ist der Anfang vom Ende, Diana. Die Macht entgleitet unseren Händen. Ich muß mich dem Willen der Vereinigung fügen, aber— die.Vereinigung fügt sich, ohne es zu wissen, dem Willen der Arbeiter. Einen Schlag freilich kann ich ihnen noch versetzen: David Gordon wird heute nacht nach Columbus übergeführt." Diana Langtrey schauderte zusammen. „Calvin, wir wollen am Tag der Hinrichtung nicht in Füllers- ville sein. Komm mit mir nach Miami. Laß uns dort alles ver- gessen." „Ich kann nicht fort, solange der Streik dauert." „Einige dich mit den Arbeitern. Schenke mir ein paar glückliche Tage." Er blickte sie bekümmert an. „Du bist blaß und mager geworden. Diana. Fehlt dir etwas?" (Fortsetzung folgi.) WAS DER TAG BRINGT. ................................................................................................................................................... Pulver— die Nahrung der Zukunft?! Es heißt, daß die Marsbewohner— für den Fall, daß sie existieren— seit langem im Besitze eines Universalernährungs- mittels sind und in dem kurz nach dem Kriege überall gezeigten phantastisch und technisch ausgezeichneten Marsfilm„Das Himmel- schiff" wurde es uns sogar vorgeführt. Aber in Kürze werden die sagenhaften Marsbewohner uns Erdenwürmern mit ihrem Universal- ernährungsmittel nicht mehr viel voraus haben; denn soeben hat ein Chemiker in Masachusetts«in« Erfindung gemacht, die— wenn sie sich praktisch für die Allgemeinheit verwenden läßt— das Ende des Kochherdes bedeutet und uns unserem Ziele der Universalernährungs- mittel, wesentlich näher bringt. Professor C. H. Millner, so heißt der Erfinder, unterwirft ein großes Stück Fleisch einer intensiven elektrischen Strahlung und gleichzeitig einem Strom warmer Lust; dadurch wird das Fleisch zusehends in ein Häuflein trockenen Pulvers verwandelt, von dem eine Messerspitze voll genügt, um einen Menschen für einen Tag zu ernähren. In Zukunft wird man also die Nahrung, die man etwa in einer Woche braucht, bequem in der Westentasche bei sich tragen können; denn nicht nur Fleisch wird in Pulver verwandelt, sondern auch andere Stoffe. Zur Bereitung einer Tasse Schokolade benötigt man künftig nur noch einen nach der Millnerschen Methode hergestellten Körper von der Größe eines Stecknadelknopfes, ganz« Speckseiten werden in winzig kleine Würfel verwandelt und kein Mensch kann sagen, was Prosessor Millner nächstens noch alles zu Pulver machen und konden- sieren wird. Fragt sich nur, ob man von den Müllnerschen Pülverchen satt wird! �ootn«,!?. August. Berti». 16.00 Hanns Butanier:„Die Qrapbik als Aosdrack des modernen Lebens." 16.30 Priedrieb Berschel liest ans eltenen Werken. 16.36 Generalmusikdirektor Prof. Ernst Wendel(Bildfunk)� Anschließend: Hnzo-Woiif-Lieder,(Antust Jordan, Tenor. Am PIQtel: Theo Mackeben.) Anscbließcitd Unterhaltuntsmnsik. 19.00„Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen in der Berliner Bekleiduntsindnstrie" (Willi Lehmann, Vorsitzender des Dentschen Bekleidnntsarbeiter-Ver- bandes). 19.30 Baiaieikaorchester. 30.00..Junge Lyrik".(Gelesen von Gertrud Eysoldt.) 30.30 Internationaler Programmaustausch. Orchesterkonzert. Dirigent: General- Musikdirektor Prof. Ernst Wendel. I.Beethoven: Ouvertüre zu„Coriolan", 3. Pr. Schubert: Lieder. 3. H. Ungar: Levan tinisch es Rondo, op. 33. 4. Wagner: a) Am stillen Herd; b) Walthers Preislied(Walter Kirchhof». 5. J. Brehms; Sinfonie Nr. 3 D-Dur.(Berliner Punk-Orchester.) Nach den Abendmeldungen bis 0.30 Tanzmusik. Wehrend der Pause Bildfunk. Könlgsvusterbausen. 13.00 Englisch für Schüler.'„Polk Dance Tones". 13.30 Homoeord-Platten. 15.40 Jonny Behm: Berufsfrauen und ihr Aenßeres. 16.00 Englisch. Kulturkundlich literarische Stunde. 16.30 Hofer: Die Rokokooper. 18.00 Krammer: Kulturgeschichte des Reisens. 1�.30 Englisch für Anfänger. 18.55 Dr. Bewerunge: Rheinischer Weinbau. 19.30 Martin; Das Automobil und seine Behandlung. 30.00 Portsetzang des Balalafka-Ozchester-Konzertes von Berlin. Mrs. Pankhurst in der Nationalgalerie. Wie die Sekretärin des Mrs. Pankhurst Memorial Fund mit- teitt, wurde auf persönliche Jnterventton Maedonalds ein Porträt der bekannten englischen Suffragettenführerin von der Englischen Nationalgalerie angenommen. Das Gemälde stammt von einer Lieblingsschülerin der Pankhurst, Ms. Brackenbury. Gedäch tnisversich erung. Daß berühmte Filmstars, Schauspieler und Artisten männlichen und weiblichen Geschlechts ihre schönen Arme, Beine, Hälse, Augen oder Stimmen gegen Verletzungen und Verlust versichern ließen, ist bekannt. Die Versicherungsgesellschaften können dabei jede Schädi- gung der Lersicherungsobjekte jederzeit feststellen und entsprechende Maßnahmen treffen. Ein Nooum dürfte es jedoch sein, daß eine Versicherungsgesellschaft ein gutes Gedächtnis versichert. Allerdings handelt es sich dabei um das ganz phänomenale Gedächtnis eines englischen Artisten, der als Gedächtniskünstler an den großen Darietebühnen auftritt. Wie jedoch eine eintretende Minderung des Gedächtnisses einwandfrei festgestellt werden kann, bleibt das Ge- heimnis der Gesellschaft, die sich sicherlich nicht nur auf die Ehrlich- keit des Artisten verläßt. Affen als Wegelagerer. In Südindien sind die Affen so zahlreich, daß sie jetzt sogar eine gefährliche Rolle als Wegelagerer spielen. Der Affe gilt ja, ebenso wie der Pfau, den Hindus als«in heiliges Tier, und man hält sie daher in großen Scharen in der Umgebung der Tempel des Affen- gottes-Hanuman. Es gibt eine indische Eisenbahnstation, die buch- stäblich in den„Händen" der Assen sich befindet; sie sitzen zu Dützen- den aus dem Dach, und wenn ein Zug einläuft, dann klettern sie behend« an den Wagen empor. In den Zügen sind daher Warnung?- tafeln angebracht, die den Reisenden anraten, die Fenster zu schließen, bevor man in den Bahnhof einläuft. Wird diese Vorsichtsmaßregel nicht befolgt, dann klettern die Affen sofort in die Abteile und ent- führen, was nicht niet- und nagelfest ist. Noch schlimmer sind die Zustände in dem Ort Matheran in der Nähe von Bombay. Bei hellerlichtem Tage rauben die Assen hier Frauen und Kindern Nahrungsmittel aus ihren Körben, und in mehreren Fällen sind organisierte Banden aufgetreten, die in die Läden«inbrachen und alles mögliche mit fortführten.. Der Teufel geht um,.. In dem„Zweigroschenblatt", das mit Hilfe eines ganzen Apparates von Psarrämtern, katholischen Jungfrauen- und Jünglings- vereinen in Massen unter der Landbevölkerung Oesterreichs ver- breitet wird, schildert ein Jnnsbrucker Professor die Gefahren, die dem„mitfahrenden Mädchen" vom Motorrod her drohen, und der Herausgeber hebt drohend den Finger:„Der Teufel geht herum— man könnte auch schreiben, fährt herum— als wie ein brüllender (rottender) Löwe und sucht, wen er oerschlingen könne. Widerstehe ihm mit Starkmut im Glauben!"— Er schließt mit den klassischen Versen, die in keinem Morallesebuch fehlen sollte: Töff, lösf, töff, mit grellem Scheine Ein Motorrad rast vorbei; Auf dem Soziussitz saß eine, Scherzte, lachte, bestimmt, ich meine, Daß es sie gewesen sei. Wieviel Unglück« geschehen Durch den Sturz vom Soziussitz! Wie wird ihr es heut ergehen? Wird der Kranz vom Haupte wehen? Blut var Angst beinah ich schwitz!,.. Heerschau des Arbeitersportes Der RAST, das Volksfest der 50000! Der glänzende verlaus des Reichsarbeilersporktages im neugeschafsenen Volkspark Rehberge war der untrügliche Beweis jür die Gesundung und die fortschreitende Aufwärtsentwicklung der Groh-Berliner Arbeitersportbewegung. Die Vlassenbeleiligung nicht nur von Turnern, Sportlern, Rad- sahrern, sondern auch von 1400 Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterjugend, von den»Roten Falken", den Volkslanzkreisen. der Volksbühne, dem Arbeiterradiobund und zahlreichen Fahnenabordnungen der Sozialdemokratischen Rarlei beweisen, dah die Arbeitersporller und Turner als wichtiges Glied der freien Arbeiterbewegung erkannt werden. Auch die Teilnahme der Behördenvertreter lähl erkennen, dah au mah- gebenden Stellen die Tätigkeit der Arbeiterlurner und -sportler geschäht wird. Auher dem Reichsinnenminister Severing wohnten der Veranstaltung noch bei: Bürgermeister Leid. Sladtverordnetenvorsteher hah, Stadträte K u l i s ch. Vahle, die Stadtverordneten S a w e r a u und Dr. L ö w y, ferner die Vertreter der freien Gewerkschaften. die der Zentralkommisfion für Arbeitersport und Körperpflege Wildung und Ruck. Noch gegen 12 Uhr zeigt sich das Bild in der Umgegend des Lleopoldp'atzes unverändert. Das drohende und dann stürmisch her- einbrechende Gewitter hat alle Ctraßenzüge menschenleer werden lassen. Aber kaum ist der letzte Regentropfen gefallen, da marschieren schon die Arbeitersportler heran. Die Anlagen des Leopoldplatzes füllen sich: die Kapellen des Spielmannzuges Groß-Berlins, Branden- burgs, Rathenows und der Freien Turnerschaft Groß-Berlin ver- anstalten unter dem Beifall der Bevölkerung ein Platzkonzert. Die Straßenbahn, die Untergrundbahn, groß« doppelte Lastwagenzüge bringen immer neue Scharen heran. Riesenzüge von Arbeitersporklern aller Arten, die sich vorher auf ihren Stellplätzen versammelt hatten. ziehen heran. Jetzt erscheinen die Naturfreunde, die„Roten Falken" und die Sozialistische Arbeiterjugend in ihrer freundlichen, kleidsamen Tracht. Der Verkehr, das Gewimmel nimmt in den Nebenstraßen ständig zu, so daß es schwierig ist, den Haupt- iammelplatz zu erreichen, und noch immer nimmt der Zustrom kein Ende Das Knattern der Motoren bei den„Solidarität s"- Kraftfahrern kündet an, daß sich der imposante Festzug der 9000 in Bewegung setzt. Tausende von Sportlern warteten bereits auf den Sportplätzen der Rehberge, sie waren an den Vorläufen beteiligt. Auf blumengeschmückten Rädern folgen die Radfahrer: Reigen- und Renn Mannschaften mit ihren lustig im Winde flatternden Wimpeln und Fahnen. In den Straßen bildet eine unübersehbare Menschen- menge Spalier, freudig die sehnigen und gebräunten Kinder, Burschen und Mädel, Männer und Frauen begrüßend. Jehl trippeln die AllerNeiasten heran: „Wir sind jung, die Welt steht offen...!" Recht so, ihr kleinen freunde, die Jahre vergehen, und ihr sollt später an unsere Stelle ' eten! Die Wassersportler folgen mit riesengroßen, weithin !.'lichtenden Wimpelm Neben den Freien Schwimmern fällt die starke Beteiligung der Ruderer, Kanufahrer und Segler, die sämtlich in Sportkleidung marschieren, besonders auf. Transparente und Vereinsbanner beleben den Festzug und melden: „Arbeiterruderer 1913 und 1926, die Freien Faltbootfahrer, Freie Kanuunion, Butab, Ruder, und Kanuverein 1924, Collegia, Kanu- verein Schweiffterne." In sportgerechter Kleidung folgten die Der- "me des„Freien Seglerverbandes":„Fraternitas, Seglerklub 1928, Berliner Iollensegler, Segelklub Schöneweide, Tourensegler Grünau und Tegel, Wendenschloß, Wassersportverein Nordstern." Schmucken und flotten Eindruck machen die zahlreichen Tennisspieler von Tennis-Rot und der Freien Turnerschaft Groß-Berlin. �Der Gesang der alten Marsch- und Turnerlieder kündet das Nahen der Riesensäulen von Arbeiterturnern und-sportlern der Freien Turner- schaft Groß-Berlin, des Athletik-Sport-Club, der Brudervereine Moabit, Saxonia 28, Schöneberg,.Tegel, Weißenfee. Köpenick, Wildau, Cladow, Schönow, Zehlendorf. Erkner und vieler, vieler Delegationen aus der Provinz. Endlos scheint der Zug: die Schwerathlet ikvereine, Artisten, Boxer, Ringer zeigen, daß auch sie in unverbrüchlicher Treue mitmachen. Während die Spitze die Anmorschstraße zum Volkspark bereits erreicht, warten Unzählige van den Naturfreunden, der Sozialistischen Arbeiterjugend und den „Roten Falken" immer noch auf den Abmarsch. Die Sozialdemokralische Partei ließ es sich nicht nehmen, durch überaus zahlreich« Fahnenabovdnun- gen ihrer Sympathie mit den Arbeitetturnern und-sportlern Aus- druck zu geben. Einen so gewaltigen Aufmarsch an bundestreuen Sportlern hat Berlin noch nicht gesehem Das war ein frohes Singen, ein Jubeln unter den Bannern des Arbelter-Turn- und Sport- b u n d e s! �ehatousende im Volkspark, Alle Zugangswcge, Terrassen, Anhöhen sind besetzt— nein, belagert von einer begeisterten Menge, die mit Spannung das Ein- trefft n des Sportlerzuges erwartet. Jetzt kommen die ersten an: Mit tausendfachem„Frei Heil" begrüßt! Ein farbenprächtiges Bill» entfaltet sich, die sehnigen, sonnengebräuMen Gestalten füllen den weiten Raum der Stadionwiese. Unter einem Wald von Fahnen marschieren die vundeslreuent Nürnberg-Erinnerungen werden wach. Jede neue Abteilung der 20 Arbeitersportkartelle wird mit jubelnden Zurufen begrüßt. Frisch flattern die Wimpeln der Kinderabteilungen, hell schallt aus den jungen Kehlen des Nachwuchses der frohe Sang.— Der grün« Plan füllt sich unter den Klängen der Turnerkapellen. Endlich— nach über eine Stunde ist der Aufmorsch beendet. Oben in den Lüsten naht der„S t u r m o o g e l", der als Flugverband der Werktätigen mit seinem Gruß aus den Lüften seine Sympathien mit der Ar- bcrtersportbcwegung bekundet. Tücherschwenken und Händeklatschen grüßen die dicht über dem Platz kreisenden Flieger. Unter dem Bei- fall aller Festteilnehmer erscheint jetzt der Reichsianenminisier Severing. Nach kurzer Begrüßung durch den Kartellvorsitzenden B a r t h e l- mann, der auch ein Grußtelegramm des Bundesvorstandes aus Leipzig bekannt gab, nahm Minister Severing das Wort: Liebe Festgenossen! Der Sportbewegung bringe ich selbstver- ständlich das größte Interesse entgegen, aber eine sozusagen aktive Verbindung mit dem Sport habe ich persönlich nicht mehr. Da hat zur rechten Zeit eine Berliner Zeitung entdeckt, daß ich als Wander- redner der SPD. an der heutigen Feier teilnehme. Das gibt mir eine Art AktivlegitiMbtion, denn wenn das Reden auch noch nicht gerade zum Sport gehört, das Wandern ist Sport. Die kommunistische Presse weiß selbstverständlich im voraus, was ich auf dem Feste der Arbeitersportler sagen werde. Sie, die offenbar nur eine Walze kennt, schließt von sich auf andere. Ich mein« aber, daß sich eines nicht für alle schickt und daß Wiederholungen lang- weilig sind. Immerhin stehe ich zu den Ausführungen, die ich im vergangenen Jahre auf dem Feste der„Deutschen Turnerschast" ge- macht habe, und ich werde es immer wieder sagen: Die körper- liche Weiterbildung der deutschen Turn?r gilt einer F r i e d e n s m i ss i o n und nicht kriegerischer Vorbereitungen! Ich wäre ein schlechter Deutscher, ein schlechter Sozialdemokrat gewesen, wenn ich mit dieser Feststellung gerade am Rhein, zwei Jahre nach Abzug der Besatzungstruppen, zurückgehalten hätte. Das heutige Fest, das zwar örtlichen Charakter trägt, ist eine der schönsten Feiern, die ich bisher in Verlin mlkerlebt habe. Was hier von der Stadt Berlin geschaffen ist, ist vorbeugende Ge- sundheitspflege im besten Sinne und verdient Nachahmung. Wer in dieser Art aus Sand und mit Sand baut, der baut nicht auf Sand uich soll getrost weiterbauen. Und wie der Festplatz, so die Festteilnehmer. Ich begrüße es mit besonderer Genugtuung, daß die Arbeitersportbewegung unbeschadet eines gesunden Wettbewerbs mit dem Unfug der Spitzenleistungen nichts zu tun haben will, daß sie vielmehr Wert legt auf die Betätigung der werktätigen Massen im Sport. Denn es kommt nicht darauf an, einige besonders geübte Fechter Läufer und Schläger herauszustellen, sondern durch Leibesübungen der Masse die körperlichen und seelischen Schäden der Arbeitsteilung, der Rationalisierung und Typisierung des modernen Produktions- apparats auszugleichen. So betreibe der Sportler nicht mehr öde Vereinsmeierei, so leistet der Sportler Dienst am Volke, Dienst an der Aufwärtsentwicklung des Menschengeschlechts. Aber der Sport darf nicht Selbstzweck werden. Er soll einen gesunden Körper für ein gesundes und fröhliches Herz erziehen, das Freude in sich aufzunehmen imstande ist, Freud« am(Schaffen, Freud« für das Schöne. Und auch die Trainierung des Hirns darf nicht zu kurz kommen. Wer insbesondere noch nicht erkannt hat, daß auch im Arbeitersport Einigkeit stark macht, der sollte zunächst bei seinem Hirn täglich einige Klimmzüge anstellen. Man hat euch, liebe Sportgenossen, die„Spalter" genannt, das ist nicht richtig. Spalter sind vielmehr die, die da geglaubk haben, den in einer bewährten demokratischen und sozialistischen Tradition erzogenen deutschen Arbeitern die Diktate und Parolen ausländischer Gewalthaber aufzwingen zu können! sStürmischer Beifall!) Ein schönes, gelungenes Fest führt leicht zum Ueberschwang, darum vergeßt nicht: noch ist die Welt nicht frei. Festesfreude kann und soll die Alltagsarbeit erleichtern, aber der gute Arbeitersportler weiß, daß nur durch zähe Arbeit auf allen Plätzen der endliche Erfolg zu erreichen ist. In diesem Sinne an die Arbeit, in diesem Sinne geloben wir, für die deutsche Arbeiter- bewegung in allen ihren Heerfäulen unsere Pflicht zu tun! Ein dreifaches brausendes Frei Heil! und tosender, nicht enden- wollender Beifall der fünfzigtausend Festteilnehmer war die Zu- stimimmg zu diesem Versprechen. O Kaum ist nach der Begrüßungsansprache der Platz geräumt, be- ginnen auf allen Sportplätzen di« manigfaltigen Vorführungen. Alle beteiligten Vereine zeigen Ausschnitte aus ihrem Uebungsbetrieb. Die Kinder eröffnen den Reigen, während gleichzeitig die leichathle- tischen Wettkämpfe beginnen. Fast gibt es zuviel zu schauen, denn während die Radfahrer mit guten Mannschaften im Kunstfahren aufwarten, führen Ringer, Heber, Boxer schwerathletische kämpfe durch, sehen wir außerdem an anderen Stellen Vorführungen im Jiu-Jitsu und sehr gute artistische Darbietungen. Im Tanzring zeigt die Arbeitersportschul« modern« Gymnastik der Männer und. Frauen, auf der großen Wiese spielen die„Roten Falten" und die Sozialistische Arbeiterjugend abwechselnd mit dem Volkstanzkreis. Jetzt künden Trompetensignale den Beginn der Nürnberger Bundesfest frei Übungen an, und die Radfahrer rüsten zu einem farbenprächtigen Achterreigen. Ein rechtes Volksfest war geplant und das ist es in jeder Beziehung auch gewesen. Wo- hin auch da« Auge blickt: Leben und Bewegung! Auch die S ch a ch- Lrn Blick von der großen Tribüne. spieler jetgea das geistvollste aller Spiele: Schach, während als Schlußdarbietung im Tanzring der Bewegungschor der Freien Turnerfchoft Groß>Berlin„Eine Gymnastikftunde� und den Aufbau «ine» Chorwerkes zeigt. Auf vier Tennisplötzen wurden Frauew einzel- und Männereinzelspiele, Frauen- und Männerdoppelspiel und gemischte Doppelspiele zwischen„Tennis-RoT und der Freien Turnerfchoft Groß-Berlin ausgetragen. Die letzten Stafettenläufer � Umkreisen unter dem Beifall der Zuschauer die Bahn, die Radfahrer Reichsmnenmlnüter Severing am Mikrophon ; beenden einen reizenden und wirkungsvollen Kostümreigen und schon p erscheinen die Fußballmannschaften zum Städtekompf i Leipzig— Berlin. Das reichhaltige Programm erreichte erst nach Sonnenuntergang ! seinen Abschluß, als der Leiter der Veranstaltung, Fritz Barthel- mann, in kurzen treffenden Worten nochmals auf die Bedeutung des Tages hinweist und gleichzeitig für den überaus zahlreichen Be i such den Erschienenen dankt. Ueber den Platz braust tausendfach der ' alte Bundcsgruß„Frei Heil" gleich einem Gelöbnis: 3n unentwegter alter Dundeslreue auch hier in Berlin die Arbeitersporlbcwegung wieder erstarken zu lassen! -Aussdmitt aus dem Sportbetrieb. Slrafjenfahren von„Solidarität*. Do sich in den Rchbergen keine Gelegenheit zum Rennfahren .bat. so leiteten die bundestreuen Radfahrer den Rast mit einem Straßenrennen ein. Zum Auttrag kamen Mannschastswett- bewerbe, in denen drei Fahrer eine Mannschaft bildeten. Das Rennen sollte ursprünglich in Ahrensfelde beginnen und enden, doch hatte sich dort die„Opposition" gleichfalls ein Stelldichein gegeben, iso daß Start und Ziel nach Blumberg verlegt. werden mußten. Won hier ging das Rennen über Seefeld, Werneuchen, Wcrstpfuhl, Ticffensee, Lcuenbcrg, Frendenberg«? und Eberswolder Chaussee, Tieffcnsee und zurück. Groß« Kämpf« hat es auf der Streck« nicht gegeben, da die Mannschaften sich völlig gleichwertig waren und vom Stark gselch in einem möchtigen Tempo davon zogen. Kurz hinter tLeiienl'erg gingen Gebrüden Rcichenbach und Schwarz an die sehr zgul fahrende Charlottenburger Mannschaft Schlichting, Wothe. Beyer vorbei, wohl waren letztere bestrebt, die Lichterfelder wieder hinter sich zu lassen, doch scheiterten alle Bemühungen an der Rautin« der Lichlcrfesdcr. Sie hatten nach die Mannschaft Köllncr, Prause, chänsch vor sich, die vier Minuten früher gestartet war, sie war bei der guten Klasse von Köllner und Prause nicht mehr auszuholen, der Gewinn war mir eine Minute. Die Charlottenburger Gebrüder Rübekohl, Peters sowie die Berliner Bruno Dietrich, Neumann, "Flörckc haben vom Start bis zum Ziel ein« gute gleichmäßige Fahr- «veis« gezeigt, so daß ihre Position unverändert geblieben ist. Er- geb nisse: Sieger Gebrüder Reichenbach und Schwarz, Lichter- selbe, Zeit 1:12:10. Zweiter:.Köllner. Prause, Hänsch, Berlin 1:13:.?. Dritter: Schlichting, Wothe, Beyer, Charlottenburg 1:14:13. Vierter Gebrüder Rübekohl und Peters, Chorlottenburg 1:18:3p [ Die Handballspiele. | Mit allen Mannschaften waren die Arbeiier-chandballer zum j Rast angetreten. Die Städte Mannschaft spielte am Vormittag gegen die Mannschaft des 2. Bezirks und gewann mit 6:2(3:0), �»röhrend sie am Nachmittag mit 2:0(2:0) siegt«. Die Städtcmann- ! Ichaft konnte die Spiel« vermöge ihrer besseren Kombination für sich entscheiden. FIGB.-Süden Frauen schickten Velten mit 3:0 <1:0) heim. Die Veltener fanden sich schlecht zusammen, aber trotzdem verhinderte die Torhllterin durch ihre gute Arbeit ein höheres Re- lultat. Bei Süden entschied die schnellere Durchbruchsarbeit. FTGB.- Stralau und Erkner trennten sich 1:3(0:1). Während des Spieles »varen sich beide Mannschaften gleichwertig, nur hatte Stralau etwas .»renig Schießvermägen. FTGB.-Adlershpf konnte durch die Ichnelleren Schüsse gegen FIGB.-Baumschulenweg einen Sieg von ,•4:2(3:1) herausholen. In der zweiten Halbzeit wurde Baumschulen- weg etwas besser. Wilmersdorf gewann gegen FTGB.-Pankow mit 3:0(2:0). Das Spiel war sehr abwechslungsreich, das Resultat zeigt nicht das Spielverhältnis. Pankow setzte viele Schüsse ungenau. IFTGB.-Südost 2 gegen FTGB.-Süden 3 siegte 4:0(1:0). Bon FTGB.-Nordwcst mußte Wilmersdorf eine Niederlage von 4:0(2:0) - Ihiiinehmen. Nordost war während des ganzen Spieles überlegen. fFTGB.-Südsst und Kaulsdorf trennten sich mit 6:3(3:1). Südost zeigte auch hier das bester« Abfpiel, Südost' Halblinker schoß die er- «ungenen Tore Hockey. In den Spielen des Bezirks Nördring der'sreien Turnerschaft Groß-Berliy und dem Athlet! k-Sportklub gewann Nordring 4:1. Die Nordringleute waren während des ganzen Spieles die besseren, die Zusammenarbeit war. einheitlicher und zielbewußter, während beim ZlSC. mehr Einzelleistungen wirkten. Vorbildlich der Mittel- läuser in seinem Zerstörungs- und Aufbauspiel, aber es klappte nicht im ASC.-Sturm- Bielleicht ist es ein Fehler, ddn Linksaußen an diesem Plag zu belassen. Wenn er wieder als Berreidiger spielt, würde die Mannschaft bedeutend gewinnen. Der sehr gepflegte Boden war infolge zu reichlicher Befprengung sehr naß und be- ihindertc anfänglich. Wenn der Sieger sich trotzdem zu einem flüssigen und guten Hockspiel verstand, so zeigt sich, daß der leichtathletisch« Training währeich der Sommerzeit für die Spielform von großen Nutzen ist. knhball Berlin-Leipzig 1: 0. Beim angesetzten Fußballspiel mußte man bei der Zu- sammensetzung der Mannschaften von vornherein eine starke Anteil- nähme der Besucher erwarten. Es zeigte sich«in flottes und faires Spiel. Die Leipziger Mannschaft war technisch überlegen, tonnte ab« dennoch die Berlin« nicht überwinden, und so fiel in der 13. Minute durch den Halbrechten Berlins das erste und einzige Tor. Beide Mannschaften hinterließen einen guten Eindruck. Hit den» Sturmvogel zun» RAST. Kurz nach 3 Uhr sind die„S t u r m o o g'e I'-MaMnen, die zum Flug nach den Rehbergen zum Rast bestimmt sind, startbereit. Zuerst rollt unsere otersitzige Dornier-Komet-Maschine, die vom Swrmvogel-Ehefpiloten Neun geführt wird, durch spritzende Pfützen über das Feld. Nach kurzem Anlauf einige Kurven über dem Flug- platz— dann ist in ein paar hundert Meter Entfernung die vom Piloten S ch l e n k e r geführte dreisitzige Focke-Wulk-Maschine neben uns. Es ist als hinge sie an unsichtbaren Fäden still in der Luft, denn wir fliegen in 800 Meter Höhe mit gleichbleibender Geschwindigkeit unserem Ziel entgegen. Vom Westen her bricht Sonnenlicht durch die diesige Luft— im Osten zieht das Gewitter, das dos Fest der Arbeitersportler bedroht hatte, dunkel quirlend davon. Schon nach wenigen Minuten werden die Rehberge sichtbar: erst der Blick aus der Vogelschau offenbart die Größe des von einem sozialistisch verwaltetem Bezirksamt geschaffenen Werkes. Und dann bietet sich den Augen aus dem tiefer und tiefer gehenden Apparat ein packendes Bild: von den verschiedenen Anmarschstraßen her marschieren unend- liche Züge, Taufende und aber Tausende von Menschen in das Oval des Sportplatzes ein. Bald sind Tribünen und Rasenmitte dicht besetzt. Mit jubelndem Propellergesang braus«» wir über das bunte Gewog« unter uns, viele taufend Gesichter blicken empor. Mit roten Bannern, Fahnen und Wimpeln, die von den Trägern be- geistert hin- und hergeschwenkt werden, begrüßt die freudig erregte Menge die Swrmvogel-Flugzeuge, von deren Körpern die schwarz- rotgoldenen Fahnen leuchten- Die innere Bewegung der Moste, die die beiden Flugzeuge nicht aus den Augen läßt, ist bis zu uns hinauf deutlich spürbar. Mit Stolz erfüllt uns dos Bewußtsein von der Tatsache, daß sich das arbeitende Volk eineneuePofilion, di« Luftfahrt erobert hat. Auch der Arbeitersport und die Luftfahrt sind zwei Begriffe geworden, die, so jung ihr« praktischen Beziehungen noch sind, nicht mehr isoliert voneinander stehen. Don- nernd ziehen wir unsere Bahn über die hin- und herwogendcn Masten, zu denen in wenigen Minuten Genosse Karl Severing sprechen wird. Ein letztes Tücherwinken,— wir nehmen Abschied... Zteber- Weltmeisters chatt verregnet. Rousse und Bcrtolazzi Straftenmeister. Gestern sollte auf der Oerlikoncr Bahn der Endlauf der Steher- Weltmeisterschaft über 100 Kilometer ausgefahren werden. Infolge der ungünstigen Witterung— abgesehen von kurzen Unter- brechungen regnete es ständig— mußte der Lauf in der 33. Runde abgebrochen werden. Krewer hatte Startimmmer 1. dahinter folgten Paillard und Linart vor Sawoll mit Stoptnummer 4 und Benoit. Bis zur 18. Runde änderte sich nichts an dieser Placierung, aber dann in der 19. Runde ging Frankreichs Meister mit einem plötzlichen Vorstoß an Krewer vorbei an die Spitze. Benoit versuchte in der 33. Runde einen Angriff auf Sawoll, wurde aber abgewiesen. Dann setzte der Regen ein. Paillard lag 80 Met« vor Krewer. An Dritt« Stell« folgte Linart mit 130 Meter Rückstand vor Sawoll mit 230 und Benoit mit 230 Meter Abstand. All« fünf Fahrer lagen osto noch in einer Runde. Das Rennen wird am Montag um 17 Uhr wiederholt. Die Straßenweltmeisterfchaft üb« 200 Kilometer verteidigte bei den Berufsfahrern der Belgier Georges Rousse in erfolgreicher Weife, bei den A m a- teuren trat der Italiener B e r t o l a z z i das Erbe seines Lands« mannes Grandi an, der inzwischen Professional geworden ist. Die deutschen Amateure— bei den Berufsfahrern waren wir bekanntlich nicht vertreten— Hoffmann und Thierbach konnten sich mar bescheiden placieren. * Die vBll.-Renoeu verregnet! Am Sonntag wollte sich die Orts- gruppe Berlin der Deutschen Radfahrerunion auf der Rütt-Arena ein Stelldichein geben. Da die Bahn infolge der Nässe nicht befahrbar war, mußten die Rennen auf Dienstag, 20 Uhr, verlegt werden._ Mercedes'Benz siegt in«Tourist'Trophy*. Im internationalen Automobilrennen des Rsyal-Automobil- klubs von Großbritannien um die internationale T o u r i st T r o p h y, das am Sonnabend in der Nähe von Belfast ausgetragen wurde, siegte der Deutsche Caracciola aus Mercedes-Benz, zweiter wurde Campari auf Alfa Romeo, dritter Fräser auf Nash- Austin. Das rund 630 Kilometer lange Rennen ging über ein« sehr schwierige Strecke: teilweise war sie infolge heftigen Regens fehr schlüpfrig. Insgesamt nahmen 63 Wogen an dem Rennen teil, und zwar 35 britische, 10 französische. 10 italienische, 3 amerikanische. 4 deutsche und ein österreichischer Wagen. Bald nach der ersten Runde übernahm Caracciola die Führung, die er während des größten Teiles des Rennens inne hatte. heut« keine Abeudrennen in Marien darf. Di« Trabrennen in Mariendorf werden nicht als Abendrennen abgehalten, sondern be- ginnen bereits um 13 Uhr. Die Gesellschaft sagt, wegen„unerfüll- barer Forderungen des Stallpersonals". Karlshorster Hürden' Ausgleich A»irP».Zagdrrn»e». I. Ojtnta tZipfeO: 2. fflotiba: Z. Lubwia Tboma. Toto: nz: 10. Pia»: 26. 28, 15: 10. Seen« liefen; Susdenl, Pfnltflct. Leite, («cf.), Benus IV. Romulus.... �. Littoral. Hürden rennen. 1. Rohrpost s Hauser): 2. Beel; 3. Martoniu� Toto: 30: 10. Platz: 15, 27. 30: 10. Serner liefen: Porademarsch. Teia. Hella X. Wiesbaden(«,.>. Leuchtturm, Comptendorf. Srundoberg. Z«>Iaod rennen. 1. No Seiend In. Götz); 2. Alletuia; 3. Kutas. Toto; 23: 10. Platz: lt. 1t: 10. Serner lief: Ienoe„„a., Großer ttarfshorfter Hürden-Pu-oleich. 1. Mareellu- sPinter): Z. Lord Bat; 3. Prellstein. Toto: 36: 10. Platz: 12. lt. 12: 10. Serner Hefen: Zlad'0. Anton. Mojesta. Kili. Pergola...... Parsifal-Zaqdrennen. 1.(tzawan sHauser); 2. Echlehblute; 3. Ovvonent. Toto: 18:10. Platz: 12, 1t: 10. Serner lief: Lichtstrahl tzef.). � �„ Eleatzar Zapdreaaen. 1. Alkmene l Oftermann): 2. Ger Muck; 3. Peckmeiser. Toto- 8t: 10. Platz: 25, 16. 11: 10. Seiner liefen: Hidigeigei. Marlena. Gal. nello II(aef,), Reaan. La Paloma. Minute. Sonnlaamorgen saef.), Sern. Prei»»o»»örfeld«. I. Cardinal II(n. Boecke); 2.«uaenhtenex; 3. Elton. Toto: 10: 10. Platz: 11, 12, 16; 10. Serner liefen; Bardez Bruder. Stromer. Limanova, Satastrophal. Oirnendiebstähle. Meinigkeiien in Moabit. Neulich standen vor dem Schnellrichler zwei M ä d- che» der Straße. Voneinander grundverschieden; ver. schieden war auch die Art ihrer Diebstähle! Die«in« dürft« dem Metier noch nicht lange nochgehen. Sie nannte sich Hausangestellte, ihr« Gesichtszüge waren ruhig, sauber und feingeschnitten, ihre Sprache bescheiden: man merkte ihr in nichts die Dirne an. Sie war nicht vorbestraft und hatte ihre letzte Stellung vor einem Jahre verlassen. Si« lernt« einen Herrn kennen, mochte Reisen, hol heute einen anderen Herrn und verpönt auch sonst nicht Herrenbekanntschasten. So sprach sie eines Abends in einem Lokal ein Junggeselle an, der eine ,.Wirtsd)af- t c r in* brauchte. Sic suchte eine Stellung, ging aber mit d«m Herrn auf der Stelle mit. Er hatt« eins zuviel getrunken, sie war nüchtern. Als er um 6 Uhr morgens aufwachte, stand sie am Fenster. Unter seinem Kopfkissen fand«r sein Portemonnaie, dos er in der Hosen- tasche glaubt«. Bon den 19,50 TO. fehlten 4,50 TO. Natürlich hotte si« das Geld genommen. Er durchsuchte sie und fand nichts. Als sie schon gehen wollt«, bemerkt« er in ihren Händen«ine Zünd- Holzschachtel. Darin lag«n 4,10 M. Sie beteuerte, es wäre ihr Eigentum und verließ die Wohnung. Er folgte ihr, sie bestieg«ine Taxe, er zwang sie, auszusteigen, sie lief in einen 5)ausflur, er ließ sie verhaften— alles wegen der 4,30 M.— nach«in«r Honorar- losen Nacht. Vor Gericht sagte er: Ich hätte ihr natürlich was gegeben, aber... Sie beteuerte nach wie vor, sie habe nichts g«- nommen, das Geld gehöre ihr, sie könne Zeugen dafür benennen,«r sei beschwipst gewesen und müsfe das Geld ausgegeben haben. Der Staatsanwalt meinte, an den Aussagen des Zeugen könne nicht gezweifelt werden: er beantragte fünf Tage Gefängnis und stellte dem Gericht anHeim, eine Bewährungsfrist zuzubilligen. Das Urteil lautete" auf fünf Tage Gefängnis m i t Bewährungsfrist. Das junge Mädchen wurde zu Händen des Pflegeamtes entlasten. Wenn fi« aber das Geld wirklich nicht genommen haben sollt«? Und selbst wenn fi« es g«nommen haben sollte— als Honorar— hätte das Verfahr«» nicht wegen der Unbedcutendheit des Objekts ein«. gestellt werden sollen? Jetzt ist sie eine vorbestraft«„Dirne*. Di« zweit« war von einer ganz anderen Sorte. Energisches Gesicht, dunkler Teint, um die Lippen ein Anflug von Schnurrbart, keine unschöne Erscheinung, aber auch nicht ganz ungefährlich. Auf der Leipziger Straße sprach si« ein 5öjährig«r Bäcker- meßstcr an. Man besuchte ein Lokal in der Zlähe des Potsdamer Platzes und ließ sich auf einer lauschigen Bank im Tiergarten nieder. Und als sie in käuflicher Umarmung ihn an sich drückt«, merkt« er eine kaum spürbare Bewegung an der Brieftasche.... Dann ging man gemeinsam zur Omnibushaltestelle, er stieg ein, und als er zahlen wollte, verschwand sie schleunigst in einer dunklen Allee: von den 163 Mark, die lose in der Briestasche lagen, fehlten 133. Am nächsten Tage traf er seine„teure* Bekanntschast von gestern und übergab sie dem Schutzmann. Oh, er erkennt sie mit Bestimmtheit wieder; sie war es, niemand anderes: schon am Anfluge des Schnurrbartes erkennt er sie. Und der Kellner vom Lokal vom Pots- damer Platz erkennt sie gleichfalls sowohl am Schnurrbart als am lauten Organ. Eine ganze Stunde lang hat er sie angesehen— sie wird dem Kellner wohl gefallen haben.„Na, Angeklagte, was sagen Sit dazu?"—.�sch nehme nix an, ich bin von?«10 bis 2 Uhr nachts auf dem Bahnhof Zoo mit meinem Freunde zusammen gewesen— und der Kriminalbeamte Ulrich von der Streife kann das bestätigen.* Ein Beamter Ulrich ist aber nicht festzustellen. Die Angeklagte er- klärt nochmals:„Ich nehme nix an* und kommt nach Moabit in Untersuchungshaft. Der Richter hatt« die Sache vertagt. Vielleicht war sie es doch nicht gewesen. Oer Tod der Hilde Zepernick. Noch keine Aufklärung des KindeSmordes. Das verbrechen an der elfjährigen Hildegard Z e p e r- nick ist immer noch Gegenstand eingehender polizeilicher Ermittlung en. Durch weitere Zeugenvernehmungen ist jetzt der Zeitpunkt des Verschwinde»? au f 19 Uhr festgelegt. Zu dieser Zeit wurde das Kind gerufen, um seine Schularbeiten zu machen, antwortete jedoch auf diesen Ruf nicht mehr, nachdem es wenig« Minuten zuvor noch gesehen worden war. Der verdächtige Wächter ist, wie die Aussogen ergeben hoben, in den fraglichen Stunden von nie- mandem mit dem Kinde gesehen worden. Er hat sich, wie er angibt, in seinem Aufenthaltsraum befunden und auch dos Rufen nach Hilde gehört, sich darum aber weiter nicht gekümmert. Der Festgenommene gibt weiter an, daß er zwischen 19 und 20 Uhr sein Abendbrot verzehrt und dann um 20 Uhr seinen Kontrollgang durch den ausgedehnten Reuboublock angetreten habe. Es ist durchaus möglich, daß sich, von dem Wächter un- bemerkt, ein Fremder in den Bau eingeschlichen und dos Ver- brechen an dem Kind« verübt hat. Er hat es dann vielleicht nur deshalb getötet, und verscharrt, um von seinem kleinen Opfer nicht wiedererkannt und so verraten zu werden. E» kann aber nur jemand sein, der in der Gegend und auch auf dem Neubau ganz genau Bescheid weiß. Wie die Angehörigen des Wächters bekunden, hat er niemals Neigung zu Roheiten und Ausfchreiiunhen weder zu seiner Frau noch gegen feine eigenen Kinder gezeigt. Der Wächter wird vorläufig auf dem Polizeipräsidium fest- gehalten, da das Belastungsmaterial, das noch immer gegen ihn vorliegt, nach Ansicht der Behörde nicht genügend ent- k r ä f t e t ist. * Heule r ittag ist die vl o r d k o m m i s s i o n mit einer größeren Zahl von Beamten nach der westendallee hinausgefahren, um die gesamte Belegschaft, etwa 140 Arbeiter, zu ver- nehmen. Mo» hat sich zu dieser Riesenarbeit entschließen müssen, um so das verbrechen vielleicht klären zu können. Alle auf dem Bau veschöfligten sollen ihr Alibi— wann sie ihre Arbeitsstätte verlassen haben und wann sie ihre Wohnung erreicht haben, bzw. wo sie sich in der Zwischenzeit aufgehalten haben— beibringen. Eisenbahnunglück in den LtGA. Dreizehn Tote. Rem Bork. 19. August. Bei henrietta im Staate Oklahoma entgleiste ein per- s o u e n z u g. ver Lokomotivführer und der Hetzer sowie elf Fohrgäste wurden getötet. Die Ursache des Unglück, wird daraus zurückgeführt, daß der Zug in der Röhe de, Bahnhof» heurtetta ei- Signal überfuhr.