B 192 46. Jahrgang BERLIN Sonnabend 21 August 1929 erscheiattSgltch aosterGoantag«.»**#\f§g t M« a,« t s e n» r e t« i Die einspaltige Noupareilleleil« Zugleich Abendausgab« des.Vorwärts'. Bezuzerrei» J IX..".mJ»«0 Pf.. Reklameieile S M. Ermäßigungen nach Tarif. beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche. 3,6oM. pro Monat., fj9 JlOX mm �Zi�rtArfl Poßschcckkoot»- Vorwärts-Verlag G. m. b.H.. Redaktion und Eiwedition; Berlin SWes.Lindenßr.S/ nr xw Berlin Nr.»7SZ6. Fernsprecher: Dönhoff 2S2 bis 29? Hie Hepp, hie Hugenberg! Oer Krach im„nationalen" Lager. Ein besonderer Kenner der im deutschnationnlen Vereinsbrei wirkeirden Kräfte fchrcivt uns: Just in demselben Augenblick, da die vom Reichslandbundführer Hepp gegründete Chriftlichnationale Bauernpartei die„Banaufenausfälle" des deutschnationalen Landesführers Dr. Schiele- Naumburg durch ein Ultimatum zu parieren sucht, behauptet Hugenberg in einem Dementi, daß fein Reichsausschuß für Serienvolksbegehren in seiner Stärke und Einmütigkeit durch nichts erschüttert werden könne! Allein schon der Konflikt mit den Hepp-Agrariern beweist zur Genüg«, daß Hugenbergs starke Töne nur über die jämmerliche Wirklichkeit hinwegtäuschen sollen, die durch weitere Konflikte und die Zustände in den„Landesausschüssen" des Adelsbegehrens, vornehmlich im Thüringer Machtbereiche Dr. Schieles hinreichend charakterisiert wird. Der gegenwärtige Streit um Dr. Schiele sieht die Deutschnatio- nale Volkspartei in äußerst unangenehmer Lage, da dieser rührig« und ehrgeizig« Gründer des„Ausschusses für das liberale Bürgertum in der Deutschnationalen Volkspartei" unmöglich zum zweiten Male abgeschoben werden kann, nachdem man ihn bereits einmal vor aller Oeffenttichkeit verleugnete, als er neben Traub hervorragend am Kopp-Putjch beteiligt war. Schiele kann aber auch deswegen unmöglich von neuem ab- geschoben werden, weil es sich bei seinen„Vanausen-Angriffen" aus die Hepp-Agrarierpartei keineswegs nur um persönliche Entgleisun- gen handelt, sondern um den öffentlichen Ausbruch eines schweren Konflikts. der schon Monate hindurch unter der Oberfläche und Mitbeteiligung Hugenbergs tobt. Zunächst fochten nur der deutschnationale Ab- geordnete Dr. K a u f h o l d und D ö b r i ch, Abgeordneter der Christtichnationalen Bauernpartei, mit Berichtigungen und langen Erklärungen gegeneinander, bis man schließlich mit Interviews mit Minister a. D. Schiele und Hepp sowie Briefen des Grafen Kalckreuth heftig gegeneinander operierte und Hugenberg ge- zwungen wurde, in den immer hitziger werdenden Streit«ii�ugreifen. Er schob hierbei sein vom Reichslandbunde hergeholtes neues Ge- schäftsführendes Vorstandsmitglied, den Major o. D. Nagel, vor, der durch vertrauliches Rundschreiben vom 15. Fe- bruar 1929 den Landesverbänden und Fraktionen der Deutsch- nationalen Direktwen geben mußte. In diesen vertraulichen Rundschreiben nimmt der ehemalige Londdündler Nagel schärfste Stellung gegen die Christlichnatio- nale Bauernpartei, aber auch gegen den Reichslandbund. dem er Begünstigung der Heppschcn Agrarpartei und Störung der deutschnationalen Aussichten bei den bevorstehenden Kommunal- Wahlen vorwirft. Außerdem werden Hiebe gegen alle Landbund- direktoren ausgeteilt, die aus egoistischen Gründen die Christ- lichnationale Bauernpartei zum Schaden der Deutschnationalen för» dern. Schließlich werden alle deutschnationalen Landesverbände an- gewiesen, bei den Gemeindewahlen unter allen Umständen „alles Liebäugeln" mit Verbindungen„auf breiter Basis" zu unter- lassen, vornehmlich wenn sie zum Beispiel unter den Namen„Lorch- listen" oder„Landvolklisten" auftauchen. Aus diesen Vorgängen ergibt sich unheilbare Gegnerschaft zwischen den Hepp-Agrariern und den veoksch. nationalen. Daran vermag, keine noch so friedfertige Erklärung Hugenbergs zu den„Vanausenaussällen" des Papp-Putschisten Schiele auch nur das geringste zu ändern! In diesem Zusammenhange gewinnt die Zusammen- setzung der in diesen Tagen überall entstehenden Landes- a u s s ch ü s s e des Adelsbcgehrens— und unter ihnen vor ollem der thüringische als Schulbeispiel— besondere Bedeutung. Nach dem Bericht der konservativ-deutschnotionalen„Kreuz- Zeitung"(Nr. 269) fehlt die Christlichnational« Bauernpartei in diesem Landesausschuß natürlich— zum größten Kummer der Deutschnationalen. Denn in Thüringen befindet sich unter Baum die Reichsparteileitung der christlichnationalen Hepp-Agrarier. Es fehlen aber auch die Nationalsozialisten; und das ist nicht minder schmerzlich, wenn auch selbstverständlich, da die Deutsch- völkischen mitmachen. Für den Ausfall im thüringischen Landesausschuß— und auch sonst— sucht sich das Hugenbergsch« Adelsbegehren durch „doppelte Buchführung" zu trösten. Diese doppelte Buch- führung besteht darin, daß man mehrere beteiligte Orgam- salionen zweimal aufzählt. So den Landbund einmal als „Thüringer Landbund" und einige Zeilen weiter als„Landbund der Provinz Sachsen", der somit noch zweimal bei den Landesaus- schüsien in Halle und Magdeburg auftauchen, also sogar dreimal gezählt wird. Auch die Dculschnationale Partei erscheint doppelt, (Forts etzuug auf der 2. Seife) 3« der Mitte des Stillen Ozeans. Zeppelin wird Dienstag in Los Angeles sein. Bisher ige Fährt desßnsFJeppeiin überden Or.-Ozeen San Franzisko. 34. August. Nach de« bisherigen Meldungen hat der„Graf Zeppelin", der in Verbindung mit den Funfstationen an der Küste des Stillen Ozeans steht, anscheinend noch keine Verbindung mit der großen Marinefunkstation auf den Priciloff-Jnseln. Ein Funkspruch vom„Graf Zeppelin" meldet: Das Luftschiff befindet sich 10 Uhr vormittags MEZ. auf 170 Grad östlicher Länge und 4Z Grad 20 Minuten nördlicher Breite. Der Amateurfunker, der bereits um S Uhr früh MEZ. eine Meldung des Luftschiffes auffing, hat um 7.15 Uhr eine tveitere Meldung vom„Graf Zeppelin" empfangen, in der angegeben wird, daß sich das Luft- schiff auf 4Z Grad nördlicher Breite und 108 Grad 5 Minuten östlicher Länge befinde. Die Meldung besagt weiter: Wir können die Station Saint Paul gegenwärtig nicht erreichen, ungeachtet Eures Ersuchens, eine Verbin- m- SEeppelins WeUeransager. Die Luftsah rtradiostation in Glendale, Los Angeles, die„Gros Zeppelin" stündlich mit Berichten über das Wetter über dem Kasiflt verforgt. dung herzustellen. Nach der oben angegebenen Stqndort- Meldung befand sich das Luftschiff 7.15 Uhr MEZ. rund 2 000 Kilometer vom Flugfeld Kasumi- gaura entfernt. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit seit dem Wiederaufstieg betrug bis dahin also 122 Stundenkilometer. Tokio. 24. August.(Meldung der„Associated Preß".)! Das Luftschiff folgt der Dampferroute nach Seattle. Wenn das Luftschiff die Geschwindigkeit beibehält, wird es Los Angeles etwa Dienstag um 2 Uhr morgens erreichen. Aus den Standortmeldungen des„Graf Zeppelin" geht hervor, daß das Luftschiff mutig in die weiten Strecken des Stillen Ozeans hineinsteuert, statt der Groß-Zirkelroute zu folgen und sich in der Nähe der langgestreckten Inselgruppen zu halten, die sich von Japan bis nach Alaska hinziehen. Dr. Eckener bekundet dabei hinsichllich der Wetterlage die gleiche Beobachtungsgabe, die schon bei den früheren Flügen den Erfolg gewährleistete. Obgleich das Lustschiff auf dem südlicheren Kurs, dem es jetzt folgt, eine größere Strecke zu bewältigen hat, so entgeht es doch de in ungünstigen Wetter, das nördlich seines jetzigen Standorts herrscht. Die japanische Funkstation Ochiischi erhielt heute vormittag, 19 Uhr Tokioter Zeit(2 Uhr früh MEZ.), einen Funkspruch vom„Graf Zeppelin". Hiernach ist das Luftschiff von Kasumigaura etwa 2290 Kilometer entfernt. Eine etwas spätere Meldung gibt die Position des„Graf Zeppelin" mit 1359 Kilometer südlich und etwas östlich von der Südspitze der Halbinsel Kamtschatka an. Das Luftschiff verfolgt nach dieser Meldung nordöstlichen Kurs in Richtung auf die Aleuten. Passagiere und Mannschaft befinden sich in bester Verfassung._ Klugzeugkatastrophe bei Kulda. Oer Pilot und drei Znsassen getötet. Fulda. 24. August. Heute vormittag gegen 0 Uhr ereignete sich bei E l m in der Nähe von Fulda ein schweres Flugzeugunglück. Das Flugzeug D 757, das von Frankfurt auf dem Wege nach Erfurt war, geriet Plötzlich in Nebel und stieß in dem bergsgen Waldgelände gegen die Bäume, wodurch es zum Absturz gebracht wurde. Der Führer der Maschine. Bauer, und drei In- fassen, ein Amerikaner Josef Groß aus Louisville, der Polizeioberwachtmeister Rückert aus Frankfurt a. M. und ein Fräulein Neubauer aus Berlin kamen dabei ums Leben. Die vierte Insassin, die Ehefrau des Polizeioberwachtmeisters Nücke rt. erlitt schwere Verletzungen. Da der Pilot tot ist. ist noch nicht fest- gestellt worden, ob das Flugzeug, eine F o k k e r- Maschine, bei einer Notlandung auf die im Nebel ver- hüllten Bäume gestoßen ist, oder ob sich der Pilot infolge der. schlechte« Sicht tu der Höhenlage geirrt Hat. t Kamilientragodie... Die Mutier suchte mit zwei Kindern den Tod. Zerrüttete EheverhSltnlsse haben die 27jährige Zrau Gertrud des Arbeiter» Teuber in der vergangenen Nacht zu einer furchtbaren Verzweiflungstat getrieben. Das Ehepaar hatte im 4. Stockwert des linken Seitenflügels im Haufe Reichenberger Str 113 a eine aus vtube und Küche be- stehende Wohnung inn«. Die Ehe, der z w e i Kinder, ein Junge und ein Mädchen, entsprossen waren, war zuletzt sehr Unglück- l i ch. Den Anlaß dazu soll der Mann gegeben haben, der häufig angetrunken heimkehrte, wobei es dann immer zu erregten Auftritten kam. Als gestern nacht Teuber heimkehrte, fand er keinen Einlaß: die Wohnungstür war von Innen verrammelt. Nachdem der Mann vergebens versucht hatte, Einlaß zu bekommen, entfernte er sich wiödcr und hielt sich bis heute früh bei Bekannten in der Nachbarschaft auf. Hausbewohner hatten zwar bemertt, daß Teuber vergeblich oersucht hatte, in seine Wohnung zu gelangen, man hatte aber keineswegs den Verdaut, daß die Frau sich zu einer Verzweiflungstat hatte hinreißen lassen und glaubte zunächst an nichts Böses. Heute vormittag gegen 3 Uhr kehrt« Teuber aber- mals heim und fand wieder keinen Einlaß. Jetzt stiegen dem Manne wohl doch Bedenken auf und er begab sich zu der Feuerwache in der Reichenberger Straße, wo er bat, daß man die Wohnung öffnen möge. Teuber entfernte sich darauf. Die Feuerwehrbeamten drangen gewaltsam in die Wohnung ein. 3m Schlafzimmer bot sich den Eintretenden ein erschütternder Anblick. 3n dem völlig mit Gas erfüllten Raum lagen Frau Teuber. der zweijährige Sohn und die einjährige Tochter leblos In ihren Betten. Alle Wiederbelebungsoersuche blieben leider ohne Erfolg. Die Leichen wurden von der Kriminalpolizei beschlagnahmt. Oer Wilmersdorfer Lteberfall. Architekt Schubert wieder aufgefunden.— Sin Nerven- Zusammenbruch. Nach dem nächtlichen Ueberfall auf seinem Gärtnereigrundstück war, wie mitgeteilt, der Architekt Emil Schubert spurlos ver- schwunden. Heute früh traf ihn ein Gärtner, der früher bei Schu- bert beschäftigt war, in Falkensee, wo er planlos umher- r t e. Auf die Frage, was er denn so weit draußen zu tun habe, gab Schubert nur verwirrte Antworten und machte auch sonst einen sehr hinfälligen Eindruck. Der Gärtner nahm sich seiner an, brachte ihn bis zum Bahnhof Falkensee und benachrichtigte von dort aus durch Fernsprecher die Familie. Diese holte den Ver- mißten in einem Auto ab. In seiner Wohnung ergab es sich, daß er ärztlichen Beistand in Anspruch nehmen mußte. Er hat allem Anschein nach einen schweren Nervenzusammenbruch er- litten und ist, wie zu vermuten stand, seit Freitag unterwegs ge- wesen. Mit Rücksicht auf sein Befinden kann er von der Kriminal- Polizei auch noch nicht befragt werden. Ob die Kopfverletzung mit zu dem Nervenzusammenbruch beigetragen hat, wird der Arzt festzustellen haben. Vorläufig ist an eine Vernehmung nicht zu denken. e- Das Verschwinden der 1Z Jahre alten Handelsschülerin R o s e m a r i e Otto aus der Kleiststraße ist noch nicht geklärt. Nachfragen bei Bekannten und Verwandten, bei denen das Mädchen gesucht wurde, sind ergebnislos verlaufen. Am Montag war der Großvater gestorben, über dessen Ableben das Mädchen zunächst tief betrübt war. Am Dienstag sprach sie davon daß sie sich das Leben nehmen wolle. Ganz unerwartet aber erfuhr ihre Stimmung am Nachmittag desselben Tages einen Umschwung. Don einer Freundin lieh sie sich öll Pf. und äußerte, daß sie sich„amü- sieren" gehen wolle. In der Schule, in der sie zu den begabtesten der 22 Klasseninsasscn zählte, hatte sie keinen Anlaß zu Klage ge- geben. Eine Klassenkameradin hat sie am Freitag nachmittag kurz vor 4 Uhr noch in der Meininger Straße gesehen und gesprochen. Oer rasende Tod. Drei Todesopfer eines betrunkenen Chauffeurs. D a« z i g, 24. August. »in furchtbares Autounglück ereignete sich am Freitag abend in der Großen Allee zwischen Danzig und Langsuhr. Der Maurermeister Bruno Reu mann, Sohn eines Ziegelei- besißers aus Brentau, unternahm mit dem Kraftwagen seines Vaters eine Vergnügungsfahrt, zu der er drei Männer und drei junge Mädchen eingeladen hatte und auf der dem Alkohol reichlich zugesprochen worden war. Reumann, der stark betrunken war. brachte den Magen in der Großen Allee ins Schleudern. Das Auto kippte in rasender Fahrt um. so daß die Räder des Kraftwagens nach oben zu liegen kamen. Der Führer und die sechs 3nsossen wurden herausgeschleudert und flogen vor eine gerade von Langfuhr herankommende Straßenbahn auf die Schienen. Dabei wurden der 24jährige Bautechniker Werner Schmitz und der 25jährige Maurerpolier Kurt R e m n s sowie ein junges, bisher noch nicht bekanntes Mädchen sofort getötet. Dem Mädchen war n. a. der Kops vom Rumpf getrennt und ein Arm abgerissen. Die anderen 3nsassen wurden schwer verletzt ins Kranken- Haus eingeliefert. Reumann erlitt nur geringfügige handver- lctzungen. Sepp und Hugenberg. (Fortsetzung von der 1. Seile.) nämlich noch als Bismorck-Bund, der bekanntlich nichts weiter als eine Unterabteilung der Partei ist. Außerdem wird nebe« dem Stahlhelm seine Frauenabteilung„Kömgin-Luise-Dund" als besondere Organisation aufgeführt, während schließlich die Kriegervereine als„Kyffhäuserverband" und.Landeskriegerver- band" erscheinen. Dabei Hot die Leitung des Kyffhäuserverbandes der Kriegeroereine ausdrücklich erklärt, daß seine Unterverbände dos Adelsbegehren nicht unterzeichnen dürft«. Damit ist die doppelte Buchführung allerdings noch nicht er- schöpft. Denn außer dem„Deutschen Offiziersbund" und dem „Nationalverband deutscher Offiziere" erscheinen ein mysteriöser „Neichsofsiziersbund" und— noch mysteriöser—„die ländlichen Arbeitervereine Thüringens", also eine völlig unbekannte, namen- lose Größe. Demgemäß können selbst die jetzt, z. B. in Hamburg, mit großem Trara veranstalteten Kundgebungen des Adelsbegehrens nicht über die jämmerliche Wirklichkeit hinwegtäuschen. Diese Wirk- l'chteit wich gekennzeichnet durch doppell gebuchte Organisationen, mehrfach gezählte Mitgliedschaft der Einzelmitglieder und Krach überall: Krach mit den Hepp- Agramern, Krach mit dem Landbund, kommender Krach mit den Nationalsozialisten, die— airgefeuert durch die unv-ersöhnlichen Feinde der Deutschnationalen im Lager der Nationalsozialisten, nämlich die Kunze, Kube, Reoentlow und S t ö h r— sicher nicht widerspruchslos die Beschimpfung durch das deutsch- nationale Zentralorgan„Unsere Partei"(Nr. 13) hinnehmen werden, in welchem in groß aufgemachter Annonce gesprochen wurde von den„höchst fragwürdigen Elementen", die„in der nationasioztelisti- schen Partei ihr Unwesen treiben". Oer Endkampf im Haag. Die andern Mächte noch uneinig. V. 5cb. Haag, 24. August.(Eigenbericht.) Auf fast allen Verhandlungsgebietcn werden in den ununter- brochenen Besprechungen Tag lind Tag Fortschritte erzielt— nur in der Kernfrage kommt man nicht vorwärts. Seit- dem Snowden das letzte Zlngebot der Gläubigermächte bezüglich einer Erhöhung des Gesamtanteils Englands als ungenügend ob- gelehnt hat, ist man in diesem Kardinalpunkt der Konferenz nicht weiter gekommen. Als Jnspar am Freitagmittag bei Snowden erschien, um dieses Angebot mündlich zu erläutern, behauptete er, daß damtt 36 Mil- lionen von den 48, die England jährlich mehr fordert, attfgebracht seien. Snowden nahm einen Rechenstist und stellte nach«inigen Se- künden fest, daß-nach seiner Ausfassung es nur 28 Millionen seien.„Ungenügend" lautet« seine Zensur. Heute morgen hatte er in einer Note an Iaspar seine Antwort schriftlich wiederholt und außerdem um schriftliche Fixierung dieses Angebotes ersucht. Die Wut der Franzosen, Belgier und Italiener über dies« Hart- nockigteit Snowdens wird immer größer, obwohl sie sich allmählich an den Gedanken haben gewöhnen müssen, daß sich der englische Schatzkanzler nicht übers Ohr hauen läßt. In den anderen Reparationsfragen, Sachlieferungen und der- gleichen kommt man langsam vorwärts, doch wird noch dauernd ver- handelt. Man hofft jedenfalls in diesen Punkten eine vorläufige Einigung protokollarisch im Haag fixieren zu können, um auf dieser Grundlage später in Genf oder anderswo zu einer definitiven Regelung zu gelangen. Diese Fortschritte gelten auch für die politischen Fragen. Die„Rheinmächte" besprachen heute mittag stundenlang die Frage der Vergleichstommisston. Dr. Wirth scheint hier etwas Wasser in den Zentrumswein gegossen zu haben. Selbst der Entwurf, dem Dr. Gauß grundsätzlich zugestimmt hat, gilt nach wie vor als Dis- lusstonsg rundlag«. Oie Nheinlandraumung. Beratung, aber noch keine Verständigung. Haag, 24. August. Di« vier an der R h e i n l a n ds r a g e interessierten Mächte behandelten in ihrer heutigen Vormittagssitzung die Fragen der Räumung und vor allem der Vergleichskommission. Die Verhandlungen dauerten zweieinviertel Stunden. Die Diskusston war, wie man vernimmt,«ine lebhafte, aber in versöhnlichen Formen gehalten. Der beiderseitige Standpunkt wurde während dieser Be- sprechung präzisiert, und wenn auch«im Verständigung noch kaum festzustellen ist, so läßt doch der Fortgang dieser VerHand« lungen auf den allseitigen Willen zu einer Verständigung schließen. Die Verhandlungen gehen nachmittag um 6 Uhr weiter. Konferenz der Konfusionen. Oie Haager Verwirrung spiegelt sich in pari». Pari», 24. August.(Eigenbericht.) Betäubt durch den blitzschnellen Wechsel der Ereignisse im Haag ist die Pariser Presse kaum imstande, auch nur ein Stimmungsbild von der Konferenz zu geben. Die Rechtspresse nennt die Konferenz nur noch„P o k« rpa rtie" oder ein„Meer von Konfusionen": „Oeuvre" gibt der allgemeinen Skepsis Ausdruck mit dem Satz: „Alles, was man bisher erreicht hat, ist eine Vertagung der Vertagungen." Die„Republique" der Radikalsozialisten beschränkt sich auf Aphorismen. Sie erklärt, die Haager Konferenz habe die europäische Atmosphäre so„versteift", daß man nun ernst- lich darangehen müsse, die Liquidation der„Liquidierungskonferenz" vorzubereiten. Bizher habe es zwei international« Verhandlungs- Methoden gegeben, die der alten Geheimdiplomatie und die modernere Methode von Genf. Im Haag sei»och eine dritte Methode zur Anwendung gekommen, die sänztliche Nachtelle der Geheimdiplomatie und der Genfer Methode in sich vereinige. Die Cailloux nahestehende„Volontö" wendet sich scharf geizen die Behauptungen der französischen Rechtspresse, wonach die deutsch« Presse eine Kampagne gegen Frankreich begonnen habe. Da» Blatt weist darauf hin, daß die Sozialdemokratie eine Aenderung der deutschen Außenpolitik ab lehn«, und erinnert an die zahl- reichen Beweist des deutschen Annäherungswillens. Die 7. Jahresversammlung der Deutsche» Bereinigung des Weltbundes für internationale Freundschastsarbeil der Sirchen wurde am Freitag in Kassel von dem Vizepräsidenten des preußischen Obcrkirchenrates D. Dr. V u r g h ar t, Berlin, in Gegenwart von Vertretern der Reichs- und Staatsbchörden eröffnet. Am die Heimarbeiter. Sozialausschuß über Arbeitslosenversicherung. Im Sozialpolitischen Ausschuß des Reichstags wurde heute unter dem Vorsitz des Abg. Esser(Z.) die Einzelbe- ratung der Novelle zum Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung fortgesetzt beim 8 75h. Er lautet nach der Vorlage: „Unständige Beschäftigungen sind nur oersicherungspslichtig, soweit der Verwaltungsrat der Reichsanstatt diese mtt Zustim- mung de» Reichsarbeitsministers anordnet. Die Anordnung kann sich auch auf solche unständigen Beschäftigungen erstrecken, die geringfügig(8 75 Abs. 2) sind." Abg. Aushäuser(Soz.) beantragte, im Eingang des 8 7db das Wort„nur" zu streichen, weil sonst leicht alle unständig Be- schöftigten von der Versicherung ausgeschlossen werden würden. Der Antrag auf Streichung des Wortes„nur" wird mit großer Mehrheit angenommen. Beim 8 76c, der die Tätigkeit von„Zwifchenmeistern" für ver- sicherungsfrei erklärt, tellte auf eine Anfrage des Abg. Graß- mann(Soz.) Ministerialdirektor Dr. weigert mit, daß„Akkord- f ü h r e r" im Baugewerbe nicht zu den versicherungsfreien „Zwischenmeistern" gehörten: e« sei hierbei nur an die Zwischen- meister in der Heimarbeit oder im Hausgewerbe gedacht, das sei in der Begründung klar zum Ausdruck gekommen. Abg. Dr. Pfeffer(D. Vp.) äußerte Bedenken gegen die Vor- schriften über die Zwischenmeister. Sie seien eine Schädigung der Arbester und der Unternehmer. Die Heimcrrbviteroerhöltnisse er- forderten«ine andere Regelung als hier. Frau Abg. Schroeder(Sog.) wandte sich gegen die völlig« Herausnahme der Heimarbeit aus der Verficherung. Die Heimarbeiter seien die schlechlest gestellten Arbeiter, die man bei einer Arbeitslosigkeit nicht völlig ausschalten dürste, sei es, daß man Versicherungsgruppen, Familienversicherung oder sonst etwas schaffe. Die Regierungsvorlage habe den Wünschen des Sachverständtgen- ausschusses nicht voll Rechnung getragen. Abg. Schwarzer(Bayr. Vp.) verwies auf die außerordent- lich verschiedene Lage der Heimorbeiter. Er nannte dabei die Töpfer aus Oberammergau, die Geigenbauer aus Mittenwald im Gegensitz zu der Berliner Konfektion— um zu beweisen, daß eine einheitliche Regelung für diese Leute unmöglich sei. Abg. Graßmaan(Soz.) verwies auf die Kleincisenindustrie im Bevgrschen Land, wo z. B. ein Messer zu feiner Herstellung manchmal durch zwanzig Hände gehe, der Zwischenmeister nur den ersten und letzten Schritt dabei we. Er bat deshalb, keine weitere Erschwerung bei der Versicherung dieser Heimarbeiter herbeizuführen 8 75c wurde unverändert genehmigt. Di« Beratung dauert fort. Blinder Eifer. Kommunistische Widersprüche. Die„Rote Fahne" ist in ihrem Eiser, den Moskauer Auf- traggebern alle» recht zu machen, reichlich ungeschickt. Hat sie vor einigen Tagen trotz ihrer unausgesetzten hysterischen Polemiken gegen die Sozialdemokratie eine förmliche„HymneaufdenRe- formismus" gebracht, von der wir gebührend Notiz nahmen, so ocröffentticht« das kommunistische Blatt gestern frank und frei das Eingeständnis, daß die Sawsetunion gezwungen fei,„an die umliegenden Staaten Konzessionen" zu machen. Damit wollte die„Rote Fo-hne" den Besuch der russischen Kriegsschisse im deutschen Hasen entschuldigen. Wenn ein soziatdemo- k r a t i s ch e s Blatt die Behauptung aufstellen würde, Sowjetrußland mache an die kapitalistischen Staaten Konzesstonen, dann wäre das ein großer sozialsaschistischer Verrat an der Weltreoc- lution! Merten wir uns das Eingeständnis der„Roten Fahne": wir Reformisten haben ja von jeher behauptet, daß es nicht möglich ist, nach bolschewistischem Muster die Welt umzugestalten. Die sowjetrusfischen Konzessionen bestätigen unsere Behauptung. Die„Rote Fahne" wird gut tun, doch ein wenig vorsichtiger zu sein, wenn sie polemisiert. Wie dumm und d r e i st das Kommunistenblatt„Politik" macht, ist auch an dem folgenden Satz zu erkennen, den es heut« morgen im Zusammenhang mit politischen Vorgängen in Sachsen veröffentlicht: Di« Hermann Müller und Wels, die bisher immer sehr schnell den Spuren der ASP. folgten, werden ihre Annäherung an die Faschisten wohl auch bald stärker betreiben. Was ist das? Annäherung der Sozialdemokratie an die Faschisten? Seit Wochen hat doch das Schandblatt„Rote Fahne" behauptet, die Sozialdemokraten seien schlimmer wie Faschisten, sie seien Sozialfaschisten— jetzt mit einem Male wollen Hermann Müller und Wels erst di« Annäherung der SoziaAtemotratie an die Faschisten betreiben! Wenn wir di« Polemiken der„Roten Fahne" sehr ernst nehmen wollten, dann könnten wir ja behaupten, daß mit chrer„Annähe- rungs-These" die gesamte kommunistische Hetz« der letzten Zeit schmählich zusammengebrochen ist. Da wir und mit uns die gesamte Arbeiterschaft der„Roten Fahne" n i ch t die Ehre antun können, sie sehr ernst zu nehmen, so bleibt uns für die u n- zähligen kommurnstischen Widersprüche nur«in mitleidiges Lächeln. Oer Salomon von Zhehoe. Landvölkler vor Gericht. 3hehoe, 24. August. In Itzehoe wurde gestern der erste einer Reih« gegen die Itze- hoer Zeitung„Das Landvolk" schwebenden Prozesse verhandelt. An- geklagt war der Hauptschristleiter Bruno von Solomon wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz in fünf Fällen. begangen durch Artikel im.Landvolk", in denen die republikanische Staatssorm verächtlich gemacht wird. Der Staatsanwalt, der be- tonte, daß Bestrafung auch nach der Aufhebung des Republikschutz- gesetzes erfolgen müsse, da die Artikel erschienen, als das Gesetz noch in Kraft war, beantragte insgesamt fünf Monate Gefängnis und 1000 M. Geldstrafe. Das Gericht erkannte anfzweiWochen Gefängnis für jeden Fall, die durch Zahlung von je 200 M. abgegolten werden können. Weiter wurde gestern gegen Solomon, den Schriftleiter Kühl und einen Landmann Kelting wegen Beleidigung des Jtzchoer Kriminalfekretärs Giese verhandelt, dem in öffentlicher Versammlung Spitzeldienste vor- geworfen worden waren. In diesem Fall beantragte der Staatsanwalt für Saloman 75 M., für Kühl und Kelting je 50 M. Geldstrafe. Das Gericht sprach Kühl und Kelting frei und verurteilte Solomon zu 50 M. Geldstrafe und zu Dcrösfentlichung des Urteils in der„Itze- hoer Nachrichten". Da» Gelände um verdun wird Anfang Sevtember wieder ein- mal der Schauplatz großer Kavalleriemanöver sein. Die Manöver haben den Zweck, die Bewegungsmöglichkeiten und Artillerieesfekte, die sich aus der Reorganisation der französischen Armee vom 5. Mai ergeben haben, zu studieren. Die Besatzung des argentinischen Schulschisses hat an der Hamburger Biistc des Reichsprä sidcuten Ebert einen Lorbeerkranz niedergelegt in Erinnerung an den Besuch Eberts auf dem Schul- schiff aus seiner ersten Reise nach dem republikanischen Deutschland Achtung, Wir„irudeln" und fliet Trotzdem Ozeanflüge fast zu einer Alltäglichkeit geworden sind, und Douerflüg« von mehr als zehn Tagen in Amerika schon zu einem beliebten Sport gehören, hat da» Interesse der Menschheit am Flugwesen nicht nachgelassen. Im Gegenteil: es ist gestiegen! Gerade der in der letzten Zeit sich durch die unerhörten Leistungen deutscher Iungflieger auszeichnend« Segelslug beweist die Liebe zum Fliegen als Ausdruck ewiger, ungestillter Jkarossehnsucht. Trotzdem muß ich undankbarer und fanatischer Amateurflieger gestehen, daß ich, als an einem schönen Sonnabend auf dem Flug- platz Fliegerhorst bei Frankfurt(Oder) die Flieger«imrasen, um am nächsten Tag im Rahmen eines Flugtages ihre Künste zu zeigen, gern auf den angebotenen Rundflug verzichtete und an den Chef- Piloten Rothe- Leipzig von der Leipziger Aero�5xpr«ß-Lust- betriebs-Gesellschaft die„bescheidene" Bitte richtet« mit mir doch einmal ein paar Loopings zu drehen und auch noch einige andere Kapriolen zu unternehmen. Zu meiner großen Verblüffung und noch größeren Freude versprach er, meine Bitte zu erfüllen. Und er hielt Wort. Kurz nach S Uhr wurde der offene Flamingo- Doppeldecker O 1323(eine 13 war dabei— toi-toi-toi!) fertig gemacht. Der Monteur lieh mir Kappe und Brill« und schnallte mich auf dem vorderen Sitz an. Mit dicken, breiten und über die Brust gekreuzten Gurten, die mit einem Eisenstift verschlossen wurden. Eine Sekunde lang kam ich mir so hilflos dem Geschick ausgeliefert vor, wie«in Todeskandidat auf dem elektrischen Stuhl. Dieser dunkle Gedanke verslog ober im Nu, als ich im Spiegel das pfiffige, verwegene Gesicht des hinter mir sitzenden Piloten sah. Endlich saß ich fest. Noch einmal die Gurte angezogen, den Eisen- stift gesichert, und dann riß der Monteur den Propeller herum. „Frei!"— der silberne Bogel sang sein Iubellied. Bon den Rädern werden die Bremsklötze gezogen. Langsam wenden wir. Fahren federnd über das Rollfeld. Dann wieder eine Wendung— der Abendsonne, die Goldstrahlen aus der grauen, tiefhängenden Wolkenwand wirft, entgegen. Tänzeln durch das Wiesengras. Westwind greift unter die Flügel— nach kurzem Anlauf verlassen wir den Boden und schrauben in steiler Kurv« empor. Das Herz klopft unterm Gurtband. In dem durch die Erschütterungen des Motors bebenden Spiegelglas sehe ich mein zitterndes Gesicht. Optische Täuschung— bange machen gilt nicht. Der Pilot locht ins vpiegelglas zurück. Wir sind beide sehr vergnügt— es kann losgehen. Kurz vorher noch einen Blick aus das Land unter uns: wieder das alte, herrliche Bild! Weithin die dunkelgrünen Kiefern- wölder, dazwischen ausblinkende Tümpel und Teiche, dann Aecker und Felder, hübsch säuberlich nebeneinander gereiht, als wären sie nie Streitobjekte zwischen den Menschen, sondern Abbild einer» gerechten Weltordnung. Straßen und Chausseen ziehen sich zu Bändern zusammen. Im Westen, am silbern blitzenden Oderstrom, liegt langgestreckt Frankfurt. Spielzeug eines Riesen, Rot getupft die Dörfer Schwetig und Reipzig. Hinter uns, in der Ferne, auf Hügeln in blauem Rauch schwimmend, Lebuc. Eine Kurve reißt olles aus dem Blick. Das historische K u n e r s- dor f taucht auf. Der Höhenmesser zeigt indessen fast 800 Meter. Der Pilot brüllt mir eben etwas ins Ohr, und ehe ich ihm begreiflich machen kann, daß ich nicht verstanden habe, steigt der Apparat plötzlich ganz steil empor, Himmel und Erde wechseln in Sekunden drei-, viermal vor den Augen, ein warmes, ziehendes Gefühl geht durch den Leib, die Füße werden schwer wie Blei und sind wie magnetisch an den Boden gepreßt, die Augen suchen und suchen— bis sie endlich wieder über sich Himmel und Wölken und unter Looping? en auf dem Rücken... sich das grüne Land finden. Das war also ein Looping! Der kam«in bißchen überraschend. Im Spiegel sehe ich ein feixendes Gesicht. Ich nicke ihm zu zum Zeichen, daß es mir gefallen hat. Und kaum habe ich mir vorgenommen, nun ordeinlick aufzupasien, um die nächste Sache gründlich zu genießen, da steigt sie auch schon buchstäblich. Ein kleines Aufbäumen,«in Schwirren in den Ver- sponnungen, und Himmel und Erde wechseln vor mir je nachdem ich den Kopf nach unten hängen lasse oder ihn auf die Brust drücke: wir fliegen auf dem Rückenl Ich hänge in den Gurten wie eine Padde. Die Füße, die ich nicht in die Steuerung bringen darf, presse ich fest an die Seitenwände. Das linke Bein wird ganz heiß,«s muß gegen irgendein« Röhre gekommen sein. Wir sausen durch den Raum, und ich lasse Himmel und Erde zwei Dinge sein, die mir nicht verloren gehen, und bitte die Gurte, nicht zu reißen, denn ab jeder öligen Faser häi>ge ich buchstäblich mit allen Fasern meines Lebens. Verliebt betrachte ich auch den Eisenstist, den ich ebenfalls bitte, nicht die Fassung zu verlieren, denn sonst könnte es mit meiner Fassung auch vorbei sein. Aber plötzlich findet mein Götzendienst, bei dem ich fast zum Fetischisten wcktde, ein jähes Ende, denn es ist, als ob wir haltlos seitlich abrutschen... Die Erde kommt rasend näher— die Bein« werden wieder schwer, dam: leichter, ufs! wir steigen wieder, wir fliegen wieder normal. Mit einer„halben Rolle" sind wir„rausgegangen" und dann ab- sichtlich wirklich„abgerutscht". Liebkosend geht der Blick über das weite Land, das sich wie ein plastischer und bunter Globus unter uns wegdreht. Im nächsten Augenblick saust es aber wie warmer Wind durch den Körper, als wenn die Poren Lächer wären. Die Erde, das grün« Land, kommt uns blitzschnell entgegen, wir fallen bei abgestelltem Motor und singendem Gestänge senkrecht hinab, links und rechts ein paar Fetzen Himmel, dann ein deutlich spür- bares Auffangen, der wilde Torkeltanz, der alles wie in einem irrsinnig gewordenen, die Bilder ständig vergrößenden Kaleidoskop zeigte, hört auf, in den Beinen fließt wieder das Blei, oerschwindet und der Blick sieht olles wieder hübsch der Reihe nach.(Wir sind „getrudelt", wie mir der Pilot sagte, als wir unten waren.) Und dann gehts wieder empor! Steil zum zweiten Looping nahe bei Kunersdorf. Fest im Gurt, die Beine an die Seitenwände gepreßt, genieße ich ruhig und mit aufgerissenen Augen den Kreis, den wir um eine unsichtbar« Achse drehen. Sozusagen mit Galopp geht es dann dem Flugplatz zu, von dem gerade eine Maschine, klein wie eine weihe Motte, aufsteigt. Wie ein Raubvogel stoßen wir hinab— wieder kommt grünes Land«mporgefaust, und deutlich kann ich mir bei dieser Geschwindigkeit die Wucht eines Aufschlags vorstellen. Es macht aber einen Heidenspaß, mit dem Kops nach unten senkrecht dem grünen Kiefernwald entgegenzusausen und dicht über ihm dos Abfangen der Maschine bis in den Körper hinein zu spüren. Denn man ist beseligt von dem Bewußtsein, daß es ja nur ein Spiel ist. Ein herrliches Spiel!(Es war ein„Slip".) Einen einzigen Augenblick nur hatte ich Angst, für die man überhaupt keine Zeit hat: als beim Weiterfliegen dicht über dem Flugplatz der Motor aussetzte und ich dachte, daß jetzt wieder«in „Ding gedreht" werden soll.. Dos ist in geringen Höhen gefährlich. Ein Luftloch, eine Böe, und man„sackt" ab und macht„Bruch". Aber—'der Motor ist nur zur Landung gedrosselt. Ueber da» Feld kommen uns die Zuschauer entgegen und wollen sehen, ob ich „blaß" bin. Schit ut... Di« Einladung«ines Bekannten, mit dem Motorrad zur Stadt zurückzufahren, lehne ich dankend ab. Motorrad? Das ist mir zu gefährlich!.Alkreck Fritzsch«. Klage eines„Gekreuzigten". Gegen den Arzt, der ihm Hände und Füße durchbohrte. Es ist noch nicht allzulang« her, da fand man eines Tages in der Berliner Ringbahn«inen Mann, der an ein Kreuz genagelt war. Der Fund erregte großes Aufsehen. Später stellte sich dann Heraus, daß man es nicht etwa mit einem neuen Heiland zu tun hatte, sondern mit einem A r t i st e n, der sich diesen„ge- schmackvollen" Trick ausgedacht hott«, um auf seine„Arbeit" in dieser sonderbaren Weise hinzuweisen. Erfreulicherweise zeigte das Publikum«inen bcsser«n Geschmack, als dieser Auch-Artist angenommen hatte, es blieb den Bor- stellungen fern. Und das dürfte der Grund sein, daß der Fall jetzt ein gerichtliches Nachspiel hat. Der betreffende Artist klagt« geg«n«inen bekannten Professor der Chirurgie, der nebenbei noch an der Berliner Universität tätig ist, auf Schadensersatz. Der Herr Professor hatte nämlich dem Artisten die Hände und Füße auf dessen Wunsch durch- meißelt, um die für die tägliche Annagelung erforderlichen SteroUe im SEellengefängnis. Im Zell«ngefängnis in der Lehrter Straße, das unser Bild zeigt, brach dieser Tage eine kleine Revolte aus, die bald unter- drückt werden konnte. MeHme Sträflinge, die in einer Ge- meinschaflszelle saßen, verweigerten seit vier Tagen die An- nähme des Essens und demolierten das Schloß d«r Zellentür, so daß man schließlich Gewalt anwenden mußte, um in die Zelle zu gelangen. Hier hatten die Gesangenen Barrikaden ausgerichtet, die aber bald beseitigt werden konnten. Die In- fassen wurden in Einzelhast übergeführt. Löcher zu schaffen. Er hott« garantiert, daß die Wunden ver- norden und daß keinerlei Folgen auftreten würder». Tatsächlich aber entzündeten sich die Narben nach jeder Vorstellung. so daß der Artist arbeitsunfähig wurde. Völlig mittellos wandt« cr sich an den Professor, der sür die Operation ein Honorar von 2000 M. ausbedungen hatte, und bat um«in« Unterstützung. Als diese verweigert wurde, oerklagte der Artist den Unioersitäts- Professor auf Schadensersatz. Er hatte mit seiner Klage ebensowenig Glück wie mit seiner „Kunst". Denn das Gericht stellte fest, daß d«r ganz« Vertrag zwischen den beiden unsittlich sei und daß darauf kein« An- spräche gestellt werden könnten. Bleibt abzuwarten, wie sich die Aerzt« tammer zu dem Professor stellt, der derartige sittenwidrig« V«rträg« abschließt. Daß man von einem„Artisten", der auf die niedrigsten Instinkte der Massen spekuliert, nichts erwarten kann, ist nachgerade bekannt. Aber ein Universitätsprofessor, der solch« Bestrebung«« unterstützt, in der Erwartung daraus finanziell« Vorteile zu ziehen, ist doch keine alltägliche Erscheinung. Fest im Fischtalgrund. Die schöne Siedlung Tautscher Schöpfung im Fischtal- grund in Zehlendorf, die wohl viele Berliner als Sehens- Würdigkeit schon kenn««, rüstet für den 1. September zu einem großen Fest. Es spricht für den Gemeinsinn der„G e h a g"- S i ed l e r, daß fast alle Anwohner, die Eigenheimbesitzer und auch die Mieter dieser gepflegten Ortsstätte, in«inen: Verein zusammengeschlossen sind, der jetzt über 700 Mitglieder ersaht und tatkräftig alle gemeinwirtschoft- lichen Fragen gegen nicht gering« Widerstände von draußen zum Erfolg verhitft. Verschwieg«» darf dabei nichr werden, daß die Be- mühung«» der Bezirksverwaltung und rechtsgerichteter Verbände der Entwicklung Zehlendorf» in republikanisch-demokratischer Richtung einen Riegel vorzuschieben, an der Einmütigkeit der Einwohner g e s ch e i t e r t sind, auch fast sämlich«„Gagsa"leut- der Konkurrenz- siedlung sind dem Siedlerverein b e i g« t r e t e n. Nur als Dokument kleinlichen politischen Jnteressenneide» stehen die ebenso niedlichen wie teuren Ergebnisse des Baupreisausschreibens der Gagfasiedlung am Rand« der Tautschen Flachdächer, Häuser, die größtenteils bis heut« noch nicht vertaust wurden, weil sie zu teuer sind. Schon um diese Gegensätze einmal zu studieren, lohnt ein Besuch des Festes. 418 neue Eigenheime sind am Waldrande neu im Entstehen, man hofft, auch noch in diesem Jahr die Verlang«- rung der U-Bahn Thielplatz bis zum Fischtalgrund hinaus- zusithren. Der Presse war Gelegenheit gegeben, die Bauweise der Gehaghäuser einmal gründlich innen unö außen kennen zu lernen. Es würde zu weit führen, alle die Einzelheiten dieser ebenso be- quemen wie hübschen Wohmveise zu schildern. Die Bedingungen sind auch bei den R-uanlagen noch g ü n st i g zu nennen und stellen die Erwerbung eines Eigenheims für jeden sparsamen Arbeiter in Möglichkeit. Die licht- und luftdurchsluteten Straßen, die blühenden Gärten, die zu joder Wohnung gelhören und zum Teil noch mit Kiefer nbestand des Grunewalds durchsetzt sind, geben ein un- gemeinfei«rtägiges Bild, was selbstverständlich sich auch auf die Seele der Bewohner auswirken muß. So hat sich der Ge- weinschafts- und Genossenschastsgedank« nirgends stärker entwickelt als in der Sehagsiedlung unter Leitung sazialdemotratischer Genossen. Dos groß« künstlerisch ausgezogene Fest mit großem Umzug mit 12 Festwogen. Straßenschmückung in den Farben der Republik und der Stadt Berlin. Fackelzug, großer Tombola. Kinderfest usw. soll in seinem Erträgnis zur Errich- tvng«ines Kinderheim» mit Spielplatz dienen. Der Weg der Selbsthilfe, den die Siedler hier beschreiten, wird um so erfolgreicher sein, je mehr Gäste von auswärts heraus- kommen und dieses Wunder unseres jüngsten Stadtteils Groß- Berlins selbst betrachte,», „Schuht eure Töchter." primuö-palast. Dieser Film will weder durch photographischc noch durch Regie- künste bestechen, er will nur Inhalt sein. Das berührt von vorn- herein schon jeden sympathisch, der endlich einmal aus der üblen Sphäre der Filmgrasen und ihrer Geliebten herauskomm«» möchte. Das Material trug der Präsident der Iugendgerichtspflege von USA. zusammen. Man fühlt es instinktiv, in Los Angeles sitzt ein Mensch, der nicht nur das Amt eines Richters, sondern«in Herz für die Jugend hat. Er liebt die Jugend und daher findet«r den Mut, die Erwachsenen zu tadeln. Seine Anklage richtet sich gegen die reich«» Amerikaner. Er ist kein Mucker. Er will«in« frei« Erziehung,«in kameradschaftliches Verkehren b«ider Geschlechter, denn er möchte sicher«, selbst prüfen könnende Menschen heranbilden. Aber nie und nimmer will er di« Freiheit der Erziehung, die aus einer Bequemlichkeit der Eltern entsteht. Er wünscht nicht, daß die Eltern die Kinder unkontrollierte Wege gehen lassen. Er verweist auf die Notwendigkeit des Vertrauens und d«r elterlichen Leitung, damit nicht, wie im Film, junge Menschenleben zugrunde gehen, bevor sie überhaupt bewußt zum Leben erwachten. Helen F oster und Virginia Royce sind die beiden Schauspielerinnen, die lebenswahr den Untergang zweier junger Menschenkinder schildern. Wie sie ihre Rollen erleben, das ist der Erfolg des Films. Sie sind nur neugierig« Kinder, di« sich amüsieren wollen, haltlose, sich selbst überlassen« Geschöpf«, die harmlos ins Verderben taumeln. Der Regisseur Parter war so klug, beide Schauspielerinn«» wirtlich au» sich heraus spi«len zu lassen und sie mit einer Stafsag« junger, frischer Menschen zu umgeben. Der Film ist«in« Warnung an gut situierte Eltern und ein amerikanisches Sittenbild zugleich.«. b. GonderveranstaliungenderVolksbühne Die Voltsbühne wird auch im neuen Spleljahr neben den Vorstellungen, die von den Mitgliedern zu besuchen sind, wieder«ine Reihe von Sonderoeranstaltungen ohne Besuchsverpflichiung d«r Mitglieder bieten. Es handelt sich dabei einmal um Studioauf- führungen im Theater am Bülowplatz, sür die bereits drei Werke erworben wurden, sodann um zehn Konzerte, um sieben Tanz- matineen sowie um eine Reihe von Autoren-, Rezitations- und Vor- tragsabenden. Di« ersten Sonderoeranstaltungen zeigen folgendes Programm: eine„Fllmmusikalische Matinee", eine Tanzoorführung der Iutta-Klamt-Gruppe und«ine Tanzmatinee Poonne Georg! und Harold Kreutzberg, eine Vorlesung Walter von Molos aus seinen Werken, einen„Lustigen Abend" von Resi Langer und einen Dostojewsti-Ab«nd von Willy Buschhoff sowie«inen Vortragszyklus von Dr. Fritz Schiff._ Der erste Wolkenkratzer wird abgebrochen. Dos an der Ecke der Madison- und La-Salle-Street in Chicago stehende„Tacoma-Haus" wird fetzt niedergerissen, um Platz für ein neu zu errichtendes .40stöckigez Gebäude zu schassen. Das., Tacoma-Haus" war der erste Bau der Erde, dessen Gerüst ganz a»s Eisen war und der als erster Wolkenkratzer der Welt angesprochen wurde. Der Grund de» „Tacoma-Hauses" ist durch seine Lage einer der teuersten in Chicago. -12000 Mormonen in Oeuischland. Wie bereits kurz gemeldet, wollen die Mormonen, die sich auch ,.5)eilige der letzten Tage" nennen, eine großzügige Propaganda zur Ausbreitung ihrer Lehre in Europa«inleiten. Die Missionare sollen in London bereits 6000 neue Mitglieder geworben haben und be- absichtigen, ihr« Tätigkeit demnächst auch nach Deutschland zu ver- legen. Es dürfte nicht ollgemein bekannt sein, daß die Gemeinschaft dieser Heiligen schon jetzt in Deutschland viel Anhänger zählt. Es werden Zahlen bis zu 12000 genannt. Deutschland ist in ver- schieden« Missionsgebiete«ingeteilt, das deutsch-ästerreichifche, dos von Dresden aus geleitet wird, und das deutfch-fchweizerifche, dessen Mittelpunkt Bafel ist. Die Hauptstadt der Mormonenkirche ist, wie bekannt, Saltlake City im Staate Utah, den die Mormonen aus einer Salzwllste in ein fruchtbares Land verwandelt haben. Sie leben übrigens nicht, wie man allgemein annimmt, in Vielweiberei. Die Polygamie ist bei ihnen feit langem abgeschafft und war von ihnen auch weniger als Bestandteil ihrer Lehre denn als Aushilis- mittel gegen die Prostitution gedacht. Ferndirigieries Völkerbundskonzen. Bei dem Dölkerbundskonzert, das am 1. September zu Ehren der in Genf versammelten Delegierten stattfindet, wird Dr. Erich Fischer in, Fernamt Zürich mittels des von ihm erfundenen Fern» dirigierverfahrens«in Orchester leiten, dessen Mitglieder in folgenden Städten spielen: in Berlin, London, Paris, Mailand, Wien und Zürich. Diese Veranstaltung soll symbolisch das Zusammenwirken der Nationen darstellen. Daneben soll durch di« Veranstaltung gezeigt werden, daß auch räumlich weit voneinander getrennte Musiker zusammenwirken können. Die Veranstaltung wird von den deutschen Rundfunksendern übernommen werden. Mißerfolge der Wünschelruie. Nach einer Mitteilung der Preußischen Geologischen Landesanstalt haben die unter ihrer Aufsicht in letzter Zeit wiederholt stattgefundenen Versuch« mit Wünschelrutsn- gängern ein völlig negatives Ergebnis gehabt. Unter anderem versagten drei vom Internationalen Verein der Rutengänger ge- prüfte nud empfohlen« Herren vollständig, als sie unter genauer Kontrolle von Beamten der Geologischen Landesanstalt nach Wasser und Mineralien fuchteu. Dos Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Wünschelrute ist in wissenschaftlichen Kreisen in letzter Zeit ganz außerordentlich gesunken Erweiterung der Bildnissammlima der Nationalgalerie. Der Erfolg der Neuordnung der Bildnissammlung in d«r National- galerie hat den Gedanken angeregt, die Sammlung bedeutend zu er- weitern: und zwar soll diese bis in dl» Gegenwart fortgeführt werden. Ueber den Schlüssel zur Auswahl der Persönlichkeiten, tercn Bildniss« in die Sammlung ausgenommen werden sollen, schweben gegenwärtig Erwägungen. Di« Bildnisfammlung wird voraussichtlich in der Schinkel-Akademi« untergebracht werden, wofü- weitere Räume freigemacht werden sollen. Der Städtetag in Kiel. Siellungnahme zur Arbeitslosenversicherung. Im weiteren Verlauf der Tagung des Reichsstädtebundes sprach Universitätsprofessor Dr. Peters über„Die Bedeutung der Klein- und Mittelstädte für Volk und Staat". Dr. Peters ging in seinem Vortrag davon aus, daß Bevölkerungszunahme und Industriali- sierung den Typus der Großstadt neu entwickelt hätten, die olles neben sich in den Schatten zu stellen such« und dadurch den Eindruck erwecke, als feien Mittel- und Kleinstädte eine nicht mehr recht zeitgemäß« Organisationsform. Die Behandlung der Mittel- und Kleinstädte bei den letzten preußi- schen Umgemeindungsgesetzen sei ein Ausfluß dieser Auf- sassung. Der Redner vertrat den Standpunkt, daß, je größer ein Gemeinwesen, je schwerfälliger sein organisatorischer Apparat sei, um so stärker wirkten sich die bureaukratischen Tendenzen aus. Die Mittel- und Kleinstädte seien heute am meisten durch die viel- fach übertriebenen Eingemeindungen bedroht. Vizepräsident Dr. Voigt, Berlin, bezeichnete die über- sichtliche Verwaltung her Klein- und Mittelstädte geradezu als die Grundschule für den Politiker. Die Klein» und Mittelstädte, in denen 28 Proz. der Bevölkerung wohnen, seien Förderstätten staatsbürgerlicher Gesinnung. Die Ideen d» Freiherr v. Steinschen Selbstverwaltung hätten sich nicht in den Großstädten, sondern in den Klein- und Mittelstädten am reinsten erhalten. Die Klein- und Mittelstädte seien neben dem platten Lande die großen Zubringer und Erhalter der Großstädte. Die letzten Kommunalgesetz« seien leider ausgesprochen klein- und mittel- stadtfeindlich. Die sozialdemokratische Gruppe hat eine Entschließung einge- bracht, in der die Notwendigkeit einer Reform der Arbeits- losenversicherung anerkannt wird, dagegen gegen jede Ein- schränkung der Versicherungsleistungen die stärksten Bedenken geltend gemacht werden. Ein Abbau der Leistungen der Arbeitslosenoersiche- rung bedeute lediglich ein« Verschiebung der Lasten von der Reichs- anstalt auf die Gemeinden. Auf sozialdemokratischen Antrag wurde eine Entschließung zur Frage der Arbeitslosenversicherung angenommen: aus Antrag des Zentrums wird allerdings statt„nicht gerechtfertigten Einschränkung der Arbeitslosenversicherung" gesagt„nicht jede un- bedingt gebotene Einschränkung.. Die Entschließung lautet: Die Mitgliederversammlung des Reichsstädtebundes erkennt die Notwendigkeit einer Reform der Arbeitslosenversicherung an, durch die die nachweislich vorhandenen Mißbrauche beseitigt werden und eine gesicherte finanzielle Grundlage der Versicherung geschaffen wird. Dagegen erhebt die Mitgliederversammlung gegen jede Einschränkung der versicherungsleistunge« die stärksten Bedenken. Ein Abbau der Leistungen der Arbeitslosenversicherung bedeutet lsdiglich eine Verschiebung der Lasten von der Reichsanstalt auf die Gemeinden. Eine solche Auswirkung ist sowohl angesichts der allgemeinen Finanzlage, als auch der besonderen, durch steigende Wohlfahrtslasten der Gemeinden hervorgerufenen Aus- gaben unerträglich. Die Versammlung warnt vor einer solchen durch die tat- sächlichen Verhältnisse nicht unbedingt gebotenen Einschränkung der Arbeitslosenversicherung. Sollte trotzdem ein über die Beseitigung her nachgewiesenen Mißbräuche hinausgehender Abbau der Ver- ficherungsleistungen beschlossen werden, so müßte durch entsprechende Aenderungen der Finanzausgleichsgesetze im Reich und der Lasten- ausgleichsgesetze in den Ländern, Gemeinden und Gemeinde- verbänden ein A u s g l e i ch für diejenigen notwendigen Mehr- belastungen gegeben werden, die der gemeindlichen Wohlfahrts- pflege im Falle einer Neuregelung die Leistungen der Arbeitslosen- Versicherung ersetzt. In der Debatte zu den Referaten wandte sich Dr. S a l o m o n- Luckenwalde(Soz.) gegen die falschen Klagen über die angeblich be- drohte Selbstverwaltung. Im Reichsstädtebund herrsche wie in den Parteien ein großer Meinungsunterschied über Selbstverwaltung und demokratische Kommunalpolitik. Heute stelle man zuerst die Zwangs- läufigen Ausgaben fest, um von ihnen ausgehend die Ein- nahmen festzulegen. Wer die Auffassung vertrete, daß der Mttel- stand zu hoch belastet sei, müsse mit der Sozialdemokratie für die Offenlegung der Steuerlisten eintreten. Es sei P f l i ch t der Volksgesamtheit, für die Erwerbslosen zu sorgen. Gewiß sei es richtig, daß ohne gesunde Finanzpolitik kein« gesunde Kulturpolitik möglich sei: aber es sei doch zu fragen, welche kulturellen Pstichten als unerläßlich angesehen werden. Es fei ein Recht der Jugend, ein« ihr gemäße Bildung zu fordern. Jener Standpunkt, Bildung sei dasselbe wie der vollendete Besuch einer höheren Schule, ist überHoll. Der Redner wandte sich schließlich noch gegen die„lyrischen Er- güsie" des Bundespräsidenten Dr. B e l i a n über die U m g e m e i n- d u n g i m W e st e n. Man könne unmöglich das Umgemeindungs- gesetz dem Versailler Vertrag gleichsetzen. Die Umgemeindung im Westen sei notwendig geworden durch jene ganz besonderen Ver- hältnisse, wie sie sich dort herausgebildet hätten. Bei solchen Eni- scheidungen gehe es um da» Volk, um den Kullurwillen des ganzen Volkes, und da hätten organisatorische Bedenken zweiten Ranges zurückzutreten. Bürgermeister Eckert- Moers(D. Dp.) verteidigte die Haltung Delians in der Umgemeindungsfrag«. Die Städte sollen soziale Für- sorge nur soweit gewähren müssen, als sie dazu in der Lage seien. Ost durch heitere Zwischenrufe unterbrochen, versucht ein sächsischer Kommunist in der sozialdemokratischen Kommunalpolitik Widersprüche auszudecken. Der demokratische Oberbürgermeister Dr. Renner stimmt dem sozialdemokratischen Referenten Stoll zu. Wo sich Mißstände herausgestellt hätten, verlange auch die Demokratisch« Partei deren rücksichtslose Beseitigung. Der Zentrumsredner forderte weitergehende Unterstützung der sozialen Fürsorge. Stürmisch wird die Tagung bei der Rede des deutschnationalen Bürgermeisters Dr. Z i s s e l e r- Lehrte, der gegen die Sozialdemo- kratie und die Behörden redet. Im Schlußwort fertigt Genosse Stoll seine Gegner witzig ab. Angenommen wird noch eine Entschließung, die den Schutz des Staates für den Bestand der Klein- und Mittelstädte fordert. Nächster Tagungsort Leipzig._ Hundeireue bis in den Tod. Der Vorfall, der sich in der Nacht vom 2i. August in der Zägerflraße zu Neukölln abspielte, daß ein Hund seiner Herrin dos Leben rettete, beweist wieder einmal, wie intelligent dieses treuefle aller Haustiere de» Menschen ist. Ts handelte sich im Neuköllner Falle um einen nichtabgerichleten Schäferhund, einen Findling. Von einem anderen, ähnlich gelagerten Falle wußten vor nicht langer Zeit amerikanische Blätter zu berichten. Ein« Frau L. war aus einem nicht näher bekannten, aber an- scheinend zwingenden Grunde mit ihrem verkrüppelten, kränklichen Sohn Karl von C h i k a g o nach den Rocky Mountains, den Felsengebirgen Kolorados, ausgewandert. Im Felsengebirge angc- langt, strebten die beiden ihrem Bestimmungsort zu. Als die Mut- ter unterwegs nach beschwerlicher Wanderung die Unmöglichkeit ein- sah, mit dem völlig ermatteten Jungen die Fußtour fortzusetzen, brachte sie ihn samt dem Foxterrier„T i p" und einem geringen Zehrvorrot in einem einsamen Holzschuppen unter, indem sie ver- sprach, spätestens in vier Tagen zurück zu sein. Aber die beiden Verlassenen warteten vergebens. Bald war der karge Proviant aufgebraucht, und zwar teilte der Knabe brüderlich mit dem Hunde, was er in Verwahrung hatte. Zu dem körperlichen Elend gesellte sich der H u n g e r. Da schien dem Terrier„Tip" ein Verständnis der Lage aufzugehen, denn er begab sich auf die Suche nach Rah- rung. Nach etwa eintägiger Abwesenheit kehrte er mit einem wilden Kaninchen zurück, das von den beiden roh verspeist wurde. Bei einem zweiten Ausflug geriet„Tip" auf das Anwesen eines Ran- chcrs, der in ausgedehntem Maße der Geflügelzucht oblag. Meilen entfernt lag der Hof von der Berghütte, aber täglich arbeitete sich das Hündchen durch, und jedesmal kehrte»s mit einem jungen Huhn zurück, das die beiden hungrigen Kreaturen sodann miteinander teillen. Eines Tages aber blieb„Tip" aus. Der Rancher erzählte später, daß er dem Hühnermarder«ine Falle gestellt, und als er einmal zur Nachtzeit verdächüge Geschäftigkeit im Hof« wahrgenom- men, kurzerhand einen Schrotschuß in der Richtung des Geräusches abgefeuert hätte. Drei Tage nach dieser Begebenheit fand der Jäger James Gower den abgezehrten Knaben auf dem Boden des Schup- pens liegend und brachte ihn mühselig über etwa 69 Meilen unwirt- lichen Berggeländes, zum Teil einen ehemaligen indianischen Saum- psad entlang, nach dem Städtchen Loveland, wo er ihn in ärztliche Behandlung gab. Auf das Flehen des Knaben, dem Verbleib des Tieres nachzugehen, das sicherlich nur die Fährte verloren habe und zum Schuppen zurückgekehrt sein mochte, unternahm der Jäger er- neut den beschwerlichen Marsch. In der Hütte fand er den durch Schrotschüsse schwer mitgenommenen Leichnam„Tips", des Terriers. Die Todeswunde im Körper, hatte sich der Hund durch einen meilen- langen Wald und über steinige Bergschründe geschleppt, um an der Seite seines jungen Herrn den Tod zu erwarten. Er mußte ein- sam sterben. Der Terrier„Tip" und die Schäferhündin„Senta" aus Neu- kölln— zwei würdige Vertreter des Hundegeschlechts, das jetzt zu Maulkorbzwang verurteilt sich in Berlins Straßen alles weniger als wohl fühlt. Theaier der Woche. Vom 25. August bis 2. September. Volksbühne. Thea ter«m»ölowpl-l,: Bis Z0. geschlossen. ZI. geschlossene Vorstellung: Danton» Tod. Ad l. Dantons Tod. Theater a» Schiffbaiierdamm: Ab 23. Hovvn End. Slaalstheater. Ooer Unter den Linden: 1. Rolenkavalier. 2. Caoallcria Ziusticana und Bajauli. Oper o« Blnd der Repudlit: l. Der ssrcischiih. 2. Salome. Städtische Oper Tharlottenbnrg: 35. und 29. Madame Butterfln. 26. Troubadour. 27. Sin. 28. Tannbauser. 30. Die schwarze Orchidee. ZI. Mldschith. 1. Ti>ll. 2. Die lustigen Weiber von Windsor. Schanlpielbans am Sendarmcumarlt: 31., 1. und 2. Salome. Schi llcr-Thea ter: 31., 1. und 2. Treibjagd. Theater mit festem Spielplan. Deutsche« Tbeatee: Die ffledermaus.— Sommerspiele: Bis 30.(beschlossen. Ab 31. Der Unwiderstebliche.— Die flomädie: freudiges Ereignis.— Theatee am Ziollendorsplati: Ab 30. Der Kousman» von Berlin.— Theater in der Aöniggräjier Straße: Bis 30. Rivalen. Ab 31. Lonnibal ante Portas. Somedienhaus: Bis 30. Lochzeitsreise. Ab 31. Ebarleys Tante.— Tbcater des Westen«: Friederike.— SentfäSes Knustlcr-Tbeater: 26. bis 28. geschlossen. Ab 23. Die andere Seite.— Lustspielhaus: Bis 30. Du wirst mich beiralen. Ab 31. Grand-Sotel.— Lesssug-Tbeater: Josef.— Tbeatee in der Behren. siraße: Welch« war's?— Trianon-Theater: Bis 23. geschlossen. Ab 30. Das kommt doch alle Tage vor.— gentral-Theater:„ssräulein, vardon..."— Rketropol.Theater: Blaubart.— Deutstbes Dolkstbeater: Der arme Leinrich.— »leine, Theater: Elubleute.— Renaissanee-Tbeater: Die heilige Klamme.— Ealmo- Theater: Wem gebort mein Mann!— Rose. Theater: Der kleine Kupv- ler.(bartenbtihne: Die Scheidunasieise.— Plaza, Wintergarten, Scala: Jnicr» nationales Variete.— Reichshallen-Theater: Stettiner Sänger.— Theater am »ottbnsscr Tor: Elite-Sönger. Theaker mit wechselndem Spielplan. Lnstlpirlhans: Bis 30. Du wirst mich heiraten. Ab 31. Drand-Lotel. Nachmittagsvorstellungen. BolksbShne, Theater am Bülowplati: 1., 12 Uhr: Trauerfeier für lbeorg Springer.— Theater de» Westens: 25.. 1. Kriederike.— Metro pol-Theater: 23., 1. Blaubart.— Rvse.Tbeater, Eartenbühne: Konzert und Bunter Teil.— Plaza: Internationales Baricto.— Wintergarten, Senln: 23., 31., 1. Internationales Lariete.— Reich-Hallen. Theater: 25., 2. Stettiner Sänger. Erstaufführungen der Woche. Donnerstag. Deutsches Künstler. Theater: Die andere Sei.'ei' Theater am Schiffbauerdamm: Lappti End.— Krcitag. P i s- cator-Bühne: Der Kaufmann»an Berlin. Trianon-Theater: Das kommt bod) alle Tage vor.— Sonnabend. Kamm erspiele: Der Unwiderstehliche. Theater in der Königgräßer Straße: Hanni- bal ante Portas. Deutsches Boltsthealer: Ter arme Heinrich. Lustlpielhaus: Erand-Lotel. Großes Schauspielhaus: Dia drei Musketiere.— Sonntag. Volksbühne: Dantons Tod. S t ä d t. Oper: Toll._ Wetter für Berlin: Ziemlich warm und zeitweise heiter, südwest- liche Winde.— Für Deuischland: Im größeren Teil d«s Reiches warm und meist trocken, nur im Küstengebiet stärkere Bewölkung und etwas Regenneigung. Berantwortl. Mr die Redaktion: Wolfgang Schwarz. Berlin: Anzeigen: Th. Glocke, Berlin. Verla«: Vorwärts Verlag G. m b. S.. Berlin Druck'. Vorwärts Buch- druckcret und Vcrlagsanstali Paul Singer& So.. Berlin SW 68, Lindenftraße 3. Hierzu 1 Beilage. Staats-Oper Unter ck. Linden Mllltm! Staats-Oper Am Pl.d.RepubI. GesdiM Staatl.Sebiller-' Sonnab., 24. 8. Stadt Oper Bismarckstr. 8 Uhr Turnus IV Die tdiwarze Ordiidee StaatLSdiaosph. am 6mdarmMinirlrt OesAM heater.Charltb. Geschlossen. Rose- | Thealer, GroHeFranWarter Str. Ul. Täglich 8.16 Uhr , Der Kieme Kuppler Lustspiel i.3Aki.v.Armontu.Gcrbidon Oarlenbfibnc 5.30 Uhr { Konzert und bunter Teil 8.15 Uhr „Bis trau um mute" Werden Sie Ihonnetil des Roie-Ttealers Verlangen Sie kostenlose Zusendung der Abonnements-Bedingungen Direktion Dr. Robert Klein Deutsches KOnstler-Thetter Barbarossa 3937 Donnerstag, 29. Aug. 7',> Uhr Dtsch, Uraufführ. Die aadere Seite von R C Sherritf Regie:HeinzHilpert Der Vorverkauf isf eröffnet. TDeat d. Westens Täglich 8'/» Uhr Sonntag 4 u. S'/t Franc Lehnn Welleriolchl Friederike Lotte Carola Hanns Wilhelm Telephon Steinplate 0931 u. 5121 Netropol-Tb. Tägl. 8'/« Uhr Sonntags 4 u. 8V< Blaubart Operette von Offen bach Grete Finkler, Stieber- W aller Lustspielhaus Täglich 8'b Uhr Du wirst mich heiraten 1 Rundfunkhörei halbe' Preise. Lessing-Theater Norden 10846 Grnppe langer Schauspieler Täglich 8", Uhr Josel iBkubovtkl-DraiEa Von Eleonora Kalkowska Im(ßrennpunld �hofy Sommer-Garten-Theater Berliner Prater N 58, Kast-Allee 7-9. Tel. Hb. 224« iBstsplsl Bostel Beei. Grete! Ulier Die lustlse Witwe Operette von Franz Lehär Dazu der große VarletäieiL Anfang Konzert 4.30. Burleske u Variet« 0 Ulli. Opeiette 8.30. ledeo Donnersiaa sroBer Valkstoo. jed. Mittw. Ktoderlesi s. Verlosnno ••••••••••■••eeeeeee : Vorverkauf auch im Pävillon der Rein- hardtbühnen. Kurfürstendatnm. Ecke UhlandstraSe Bismarck 448/449 Oeotsdies IHeatei Norden 12310 Ende gegen 11 D.I. SU- Die Fledermans Musik v.Joh. Strauß. Regie: Mac Reinhardt. Musik- Einrichtung E. W. Korngold. Ausstattg. UKainei Planetarium am Zoo w /■rBij. Jodiauttuler Sinti B.5 Barbarossa5578 16V« Uhr Stombilder des Sommer« 18V, U. Von Pol zu Po am Sterneohimmel 20", Uhr Der Bluttiali der Sonne Tägl.außer Montags u. Mittw.\ Erwachs. Mk, Kinder 50 Pf. Mittw.; Erwachsene 50 Pf, Kinder 25 Pi. CASINO-THEATER Lothringer S trage 57. Täglich SV« Uhr Der neue Erottnungs- Schlager Wem(fehörl mein Mann! Dazu ein erstkl. banter Teil. 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Mancher, der srisch Alles SSauerngehöfl und froh in Stettin den Dampfer bestieg, kam an seinem Ziele bleich und abgezehrt an, dieweil Sturm und kurzer Wogengang Schiff und Menschen in Aufregung und Unruhe brachten. Für die klein« Reisegesellschaft, in deren Mitte ich vor kurzem auf Ein- ladung des lettischen Journalisten- und Schriststeller-Bereins eine Fahrt nach Riga und von dort durch den neuen baltischen Staat machen durste, hatte die Ostsee jedoch ihr freundlichstes Ge- ficht herausgekehrt. Spiegelglatt lag die Wasserfläch« und freund- lichster Sonnenschein lockte förmlich zum Gedankenfwg in die Weite... Noch vor knapp tS Jahren gehörten die heutigen Staaten, die als„baltische Rondstaoten" nach dem Krieg« neu erstanden sind, als Provinzen zu dem russischen Zarenreich, dos trotz aller offi- zieller Verbindungen immer ein geheimnisvoller Fremdkörper in Europa blieb. Seit der bekannte Offiziersputsch den kleinen Dik- tator Woldeinaras zum Gewaltherrscher in Litauen gemacht hat, ist dieser südlichste der Rondstaoten wieder zu einem solchen Fremd- körper im demokratisierten Europa geworden. Aber der nördlich von ihm gelegenen« Freistaat Lettland, dem unser Besuch galt, nimmt sich trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten und natio- naler Differenzen um so kultivierter aus. Das kleine Land zählt auf feinen rund 66 000 Quadratkilometern zwar noch nicht 2 Millionen Einwohner, aber man sieht auf allen Wegen die Anzeichen einer stark entwickelten europäischen Kultur. Di« po- litische Verfassung des Landes ist rein demokratisch-parlamentarisch und sehr verwandt mit der deutschen, wenn sie auch in ihrem ge- schriebenen Text sich nur auf die praktische Seit« beschränkt, von den Grundrechten und ähnlichen theoretischen Dingen jedoch voll- ständig Abstand genommen hat. Die gesetzgebende Gewalt hat der Landtag(S a e i in a), der auf Grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechts nach dem Verhältnissystem auf drei Jahre gewählt ist und hundert Abgeordnete umfaßt. Der Nationalität nach sind mehr als 75 Prozent der Bcvölke- rung Letten, die weder Slaven noch Germanen sind, sondern mit den Litauern eine besonder« indogermanische Völkergruppe bilden. Die D« u t s ch e n zählen auf dem Staatsgebiete heute nur noch 3,39' Prozent der Bevölkerung. Russen, Polen und Juden teilen sich in den Rest der Minderheitsanteile. Es spricht sür die demo- kratische Grundstimmung des neuen Landes, daß den Minderheiten, also auch und in erster Linie den Deutschen ein« fast vollständige Kultur- und Schulautonomie zugestanden wurde. Uebcr- all, wo eine Mindestzahl von 30 Kindern einer Minderheitssprache nachgewiesen wird, muß für diese eine selbständige Grundschul« eingerichtet werden, die ebenso wie die lettisch« vom Staate unter- hallen wird. Soweit höhere Schulen in Frage kommen, die ganz auf die Minderheitsbevölkerung zugeschnitten sind, müssen sie aller- Vings von den Minderheiten selbst unterhalten werden. Im Kul- tusministerium der Republik sitzt je ein von den Minder- heiten bestimmter aber vom Staat« besoldeter Beamter mit dem Range eines Ministerialdirektors, der als Chef des Bildungswesens die Schulangelegenheiten des Minderheitenvolkes unabhängig von den anderen Volksgruppen regelt und überwacht, wobei felbstvec- ständlich ist, daß auch in den Minderheitsschulen das Lettische neben der Grundsprache des Mindecheitenvolkes gelehrt wird. So hat Heues gehöfl(nach der Aufteilung enlflanden) das deutsche Schulwesen in Lettland sich auch nach den aufgeregten Zeiten des Krieges und der ersten Nachkriegsjahre auf bemerken-- werter chähe halten können. Wirtschaftlich herrscht in dem Lande die Bauernschaft vor. Seit der großen Agrarreform, die nach dem Krieg« die Enteignung der großen Liegenschaften brachte, ist eine Neuaufteilung des Lan- des erfolgt. Es sind fast durchweg kleine Bauern stellen neugeschaffen worden, auf denen hauptsächlich Viehzucht nach dänischem Mujter beirMes-M� dicjem Getnete Zech pm» es ja �ett. lond bereits zu einem hohen Grade der Entwicklung gebracht. Die sehr erhebliche Milchproduktion wird dauernd noch dem Fettgehalt kontrolliert, die Milch in den zahlreichen Genossenschaftsmolkereien verarbeitet und die dort gewonnenen Produkte, hauptsächlich die Butter, werden unter staatlicher Kontrolle zur Ausfuhr gebracht. In einem großen staatlichen Kühlhause in Riga wird die von den Molkereien angelieferte Butter in Einheitssässern auf ihre Güte kontrolliert, bevor sie dem Exporteur übergeben wird. 85 Prozent der lettischen Butter wird nach Deutsch- land ausgeführt, während deutsche Jndustrieprodukte, besonders Maschinen aller Art dort drüben sehr beliebt sind. Es ist begreis- lich, daß die lettischen Politiker mit lebhafter Sorge aus die Be- strebungen blicken, die in Deutschland die„Erziehnngsgölle" zugunsten der deutschen Landwirtschaft wesentlich erhöhen wollen und damit den deutsch-lettischen Warenaustausch gefährden. Neben der Landwirtschaft beginnt sich auch die lettische Industrie wieder zu regen. Schon die Hauptstadt Riga, die vor dem Kriege ein bedeutender Jndustrieort war, dann ober wäh- rend des Krieges von den abziehenden Russen seiner großen in- üustriellen Anlogen vollständig beraubt wurde, zeigt manche An- sätze zum industriellen Ausbau. Mer noch ragen rings um den ausgedehnten Hasen die Ruinen früherer Herrlichkeit. Fabrik- gebäude von riesigen Ausmaßen sind ihrer Dächer und ihres In- Haltes beraubt. Damit die vorhandenen Maschinen nicht den nachrückenden Deutschen in die Hände fielen, wurden sie von den Russen „evakuiert", das heißt auf Bahnwagen geladen und nach Peters- bürg weiter transportiert. Viele dieser Maschinen sollen unterwegs an der Bahnstrecke abgesetzt und dem Verrosten überlasten worden sein. Die Stätten aber, an denen früher Tausend« von Arbeitern beschäftigt waren, stehen heute wüst und leer und nur die Um- fassungsmauern der hohen Fabrikgebäude zeugen von verfchwun- dener Pracht. Roch schlimmer fast sicht es in Li bau aus, der einst so blühenden Stadt mit dem großen Kriegshäsen. Sie ist heute fast verödet. Von einer Einwohnerzahl von rund 125 000 ist sie auf kaum 60 000 zurückgegangen. Der Ausgang des Weltkrieges und die neuen Grenzziehungen haben ihr wie so mancher anderen Stadt die Lebensader durchschnitten und sie ihres Hinterlandes beraubt. 9tiga Aber so schwer auch die Kriegssolgen aus dem Lande lasten, so regt sich doch überall neues Leben und neue Ansätze zu wirt- schaftiichem Gesunden machen sich geltend. Es ist unverkennbar, daß das lettische Volk, das unter dem Zarenreich sich nur mühsam seine Stellung erkämpfen konnte, starke Energie entwickelt und mit Selbst- oertrauen in die Zukunft schreitet. hrsnr Klühs. Querschnitt durch Dänemark Abschluß der agrarpolitischen Studienfahrt In O d e n s e e wurde am Freitag, dem 26. Juli, früh, die Filiale eines' E i e r ö e r sä n d b e t ri e b e s besucht. Sie erhält frei vom Bauer, von Kausleuten und von 33. Sammelstellen rein« Eier geliefert. Der jährlich« Umsatz des Gesamtunternehmens, beträgt 18 Millionen Kilogramm. Zehn Millionen Stück werden ein- gekalkt und zumeist nach England exportiert. Die Standardisierung ist vorbildlich. Tausend Menschen werden während der Saison beschäftigt. Freitogabend trug uns die Eisenbahn durch den welligeren Nordwesten Fünens nach Middelfart. Man sieht schlechtere Bodenklassen, gut bestellt, aber doch geringerer Fruchtstand. Die Fähre führte uns über den kleinen Belt nach der früheren Festung Fredcricia und die Eisenbahn von da nach der Stadt A a r h u s. Hügel, Sand, Fjorde mit Fischerdörfern und mäßig ertragreichen Aeckern zeigten einigen unserer Dänemarkschwärmer, daß in Gegenden mit geringer Bodenklasse auch in Dänemark erst nur Ziegen weiden können und Bychweizen angepflanzt werden muß. Gelegentlich Laubwald auf Mergelboden, öfter aber auch Fichte oder gar Kiefer auf den Hügeln längs der Fjorde. Ein Zeichen der Dürftigkeit der Wiesen erscheint: die Kühe sind nicht mehr ge- tütert(festgebunden), sondern weiden frei auf den Koppeln. A a r h u s besitzt wie Kopenhagen, Helsingör und 22 andere Städte Dänemarks eine sozialistische M e h r h e it im Stadt- Parlament. Die SPD. hat hier 13 von 21 Abgeordneten, auf 76 000 Einwohner kommen 6000 Parteimitglieder, und die Arbeiter- jugend zählt 600 Mstgileder. In Aarhus ist es wieder eine Baucrngenostenschaft, die eine der größten Futtermlttelfabriken Europas betreibt. In der Futtermittelfabrit werden aus Sonnenblumen-, Palmkern-, Kokosnußkuchen und Getreideschrot Futtermittel in gegebenen Mischungen hergestellt. Die Gesellschaft heißt„Illt- ländisch« Genossenschaft für Futtermittel". Sie bezieht Getreide- und Futtermitlelstoff« aus aller Welt. Auch deutsche Oelfabriten sind stark beteiligt. Die Landwirte werden durch Eintritt in lokale Organisationen gleichzeitig Genossen der Futermittelfabrik. Der einzelne Landmann bestellt bei der lokalen Organisation. Es wird nur mit Mitgliedern von ganz Jütland verhandelt. Staatszuschüsse gibt«s nicht(der Staat gibt überhaupt keine Zuschüsse an private Organisationen). Die Mitglieder brauchen keinen Pfennig einzuzahlen, liefern aber einen Garantieschein für jede Kuh in ihrem Besitz ob. Die Gewinn- beteiligung besteht in der Form, daß auf je 100 Kilogramm Futter- mittel am Schluß des Jahres eine Vergütung gezahlt wird. Der Rest wird zum Reservefonds geschrieben. Der Genossenschaft ge- hören �6 000 Mitglieder in 853 Lokalvereinen(mit 311000 Kühen im Besitz der Landwirte) an. Di« Futtermittelgenossenschaft zählt außer der Aarhuser Zen- trale noch acht Fabrikationsstätten und 18 Filialen. Das Hauptkontor ist in Kopenhagen. Die Aarhuser Zentrale, die von uns eingehend besichtigt wurde, zählt 18 000 Tonnen Fassung»- räum sür Futtermittel, 11000 Kubikmeter für Getreide, 12000 Quadratmeter Lagerraum für Futtermittel. Es werden Sommer- und Winterfuttermittel in verschiedenen Mischungen hergestellt«nt- sprechend der Grünfütterung, dem Weidegang und der Stallfütterung der Tier«. Viele Bauern und Husmänner taufen nur die Grund- stoffc bzw. Kuchen und stellen sich die Futtermittelmischungen selbst her. Der Freiheit und Selbstbestimmung wird also hier in Dänemark weitgehend Rechnung getragen, der Landwirt tut hier aus eigener Initiative das ohne Gesetz, was in Preußen erst dur� AeMidje Maßnahmen txpolmm werde»«nch, Ae;> Direktor— der uns führte und in liebenswürdigster Weise nähere Aufklärung gab— hat von der pike aus gedient und nach dem Besuch der Volksschule als vierzehnjähriger Lehrling angefangen. Di« Zahl der Arbeiter ist verschieden, sie werden im Tagelohn und Akkord beschäftigt und nach Toris bezahlt. Hier muß ich kritisch einschalten, daß mir auf Grund von mehr als einem Dutzend Privatgesprächen mit dcutschsprechenden dänischen Arbeitern aller Betriebe ihre soziale Lage trotz höherer tariflicher wie außertarif- licher Löhne nicht besser erscheint als die der vollbeschäftigten deutschen Arbeiter ähnlicher Betriebe. Die Lebenshaltung in Dänemark ist sehr teuer, in der Mehrzahl der Arbeiter-, aber auch in vielen Landwirtschaftsbetrieben wird zum Beispiel nicht Butter, sondern fast ausschließlich Margarine im Haushalt verwendet. Aus Sparsamkeitsgründen benutzten wir am Nachmittag die Eisenbahn, um quer über Jütland nach C s b j« r g an der Nordsee zu kommen. Di« Mitte von Jütland wie überhaupt weite Gebiete der Halbinsel zeigen Sand, Heide, Torf und dürftig kultivierte Felder. Ich halte die durchsahrcncn Oedlandstrecken sür noch schwerer zu kultivieren, als die meisten Moor- und Oedlandgebicte in Deutschland. Unterbrochen wird das Bild der Heide aber manch- mal von Seenmulden, die an die m a s u r i s ch e L a n d f ch a f t in Ostpreußen erinnern, nur die Wälder um den Seen sind unschein- barer, sie zeigen niedrigen Nadelholzbestand, der oft von Mischholz unterbrochen wird. Doch es muß anerkannt werden, daß die dänische Regierung der Kultivierung dieser Gebiete mit großer Energie zu Leib« geht: Neu« Bahn st recken in die jütländische Heide hinein und überall zwischen den weitauseinanderliegenden alten 5)öfen zahlreiche neue Siedlungshöfe in schmucken Rohbauten. Der nächste Tag bracht« uns noch die Besichtigung der großen Exportanlagen dieser im amerikanischen Tempo aufstrebenden Hafenstadt, die erst 50 bis 60 Jahre alt ist. Sie zählt jetzt 25 000 Einwohner, meist Arbeiter. Die Sozialdemokratische Partei hat mit etwa 7500 Stimmen immer die absolute Mehrheit. Die 2000 Hafenarbeiter sind zu 100 Proz. sreigewertfchaftlich organisiert, wie ja die Gewerkschaften in ganz Dänemark 95 bis 99 Proz. der Arbeiter umfassen, wovon in der Sozialdemokratischen Partei in Land und Stadt 20 bis 50 Proz. organisiert sind. Sämt- liche Industrien hier in Esbjerg stehen in Verbindung mit dem Hafen. Wir besichtigten aber ausführlich wieder eine modern« O e l f a b r i k, in der am lausenden Band die Sojabohne verarbeitet wird. Der Berarbeitungsprozeß von der Bearbeitung der Bohnen bis zu der Verpackung der Endprodukte(Schrot und Maschinenöl) dauert genau eine halbe Stunde. Das Oel wird mit 70 Oer« pro Kilogramm verkauft, der Schrot mit 18 Oere pro Kilogramm bzw. 18 Kronen pro Doppelzentner.(In Deutschland kostet der Doppelzentner 24 bis 26 Mark.) Zusammenfassend, kann man sagen: In Dänemark werden auch in den besten Gegenden Fruchtstand, Körnerertrag usw. deutscher landwirtschaftlicher Musterbetriebe nicht erreicht, Getreide- und Hackfruchtbau in Fünen und Seeland stehen aber auf gleichmäßig hoher Kultur. In der Umstellung aus Viehproduktion und ent- sprechende �Verwertung der Erzeugung ist der genossenschaftlich geschulte und organistertc dänische Bauer— der dem Großgrundbesitzer nicht nochläuft— dem deutschen Bauern überlegen. Genossen- schastliche Betätigung und durchgehend gute Schulung des Dänen sind die Haupturfachen der Erfolg« der dänischen Landwirtschast. .L Koryetzuag auf der Z geitcj J* y. (1. Fortsetzung� Ein solck�cr Bau kann schon festes Gottvertrauen erwecken, darin mußte Schwarzbach der Wirtin recht geben. Alt wie ihr Glaube schien die Kirche. Die Steinstufen waren tief ausgewetzt, und die pausbackigen Englcin schauten schon ein wenig grimmig vom Tür- bogen herab mit ihren von Wind und Regen abgewetterten Nasen und Ohren. Sie blickten zu den tiefliegenden Kirchcnfenstern auf, die vom Orgelklong erzitterten. Ein Verlangen stieg in Schwarzbach hoch: Da drin gäbe es sicherlich manch Wissenswertes, was sich an seine Darsgenossen berichten ließe, denn denen war der katholische Glaub« ebenso fremd wie ihm. Und als sich noch einige Nachzügler dem Eingang näherten, ergriff er Heinrichs j?and, und sie folgten in die in Dämmerlicht und Weihrauch gehüllte Kirche. In einer dunklen Ecke ließen sie sich auf einer kurzen Bank nieder. Mehr neugierig als andächtig schauten sie zum Altar hin, wo der Geistliche, bald lobend, bald klagend, aber in fremder Zunge mit seinem Gott Zwiesprache hielt. Zuweilen betete er kniend, aber immer das blutrote Kreuz auf der Rückseite seines Gewandes der Ge- mcinde zuwendend. Weihrauch schwenkende Ministranten umtnieten den Betenden und hüllten ihn in ein« blaugraue Wolke. Endlich wandte sich der Priester um. und die Gemeinde sank, wie vor dem Antlitz eines Gottes, kurz in die Knie. Da» machte Vater Schwarzboch verlegen. Doch gleich zog er cheinrich mit hernieder, und beide sprachen flüsternd nach, als der Geistliche, halb singend, begann:„heilige Mutter Gottes, bitte für uns. Reine Gebenedeitc erhöre uns. Ausenvählte Gnadenmutter, vergib uns.---" Stöhnend erhebt Schwarzbach erst das eine, dann das andere Knie, aber der mächtige Chor betet die ins hundertfältig gewandelten Bitten monoton immer weiter— weiter--- Sich plötzlich erhebend, wendet sich Schwarzbach mit fleinrich eilends dem Ausgange zu.„Gott vergib mir die Sünd'! Junge, Mir scheint's, wir fein hier unter Mohammedaner geraten. Wer soll das ausholten: das ist ja reiner Götzendienst! Es gibt einen Gott- oater. Sohn und heil'gen Geist, nicht« weiterl— Eine Neujahrs- prcdigt wollt ich hören.— Aber so was, nein, das ist ja sündhaft!" Schwarzbach beruhigte sich erst, als sie, durch schmale Gäßchen schlendernd, hie und da zu niedrigen Fenstern hineinschauten. Da waren Schlosser» und Sattlerwerkstätten, Backstuben, Töpfereien, auch einer Seilerbahn waren sie schon begegnet. Und je länger sie sich umschauten, desto besser gefiel dem Vater das Städtchen. An den Gehöften sah er, wie es mit Ackerbürgern vermischt war. Gut so. Da kain der cheinrich nicht unter so hosfährtiges Stodtvolk. Begegneten sie einem Heiligenbild, einer Muttergottes oder gar dem gekreuzigten Heiland selber, dann standen sie wie Kinder davor, und Schwarzbach fand es großartig, wenn Heinrich die sonderbaren Schriftlichen in Worte formte und sie laut vorlas. Die kleine Holzkapelle stand ganz unerwartet vor ihnen, durch deren dünne Wände der Gesang des Schluhliedes erklang. Gleich begann auch das Glöcklein zu bimmeln, und die ersten Kirchgänger kamen durch die Pforte. „Komm." Schwarzbach stich Heinrich an, und sie verließen eilends den Kirchplatz. Das sähe ja gar zu aufdringlich aus, meinte er. Und sie schritten erst in einiger Entfernung hinter den letzten Kirchgängern dem Innern der Stadt zu. Nachdem sie den Schnee von den Füßen gestampft hotten, traten sie in Timms Haus. Ermahnend blickte Voter Schworzbach auf seinen Jungen.„Nun aufgepaßt! Mütze ab: Hand geben." Weiter kam er nicht. Die Stubentür öffnete sich und«in« Bauersfrau trat heraus, ehe er anklopsen konnte. Nun standen beide in der offenen Tür. „Immer herein, herein! Zum Aufsperren ist'» zu kalt!" Der Alte milderte die Aufforderung durch ein freundliches Lächeln, als Schwor, zbach schon zu reden begann.„Setzen Sie sich ein paar Herzschläge", fügte er hinzu. Dann richtete er weiter« Fragen an den n«ben ihm sitzenden Bauern, dessen Schwein er wegen Trichmengesahr versichern sollt«. Schwarzbach war ärgerlich. Die alte Bäuerin trug Schuld an der verunglückten Einführung. Was mochte der Meister von ihm denken, der ein rechter Gestudierter zu sein schien. Er warf Hein» rich«inen scharfen Blick zu. Wonach sich dieser das Halstuch fest- zog, den obersten Knopf ain Rock zuknöpft« und sein krauses Haar, soweit es möglich war. hinter die Ohren strich. „Na, was führt Sie zu mir?" Der Meister erhob sich nun end- lich, den Fremden die Hand reichend. „Wir kommen aus Neuhof." „O, aus dem Freystädter Kreis?" Des Alten Neugier stieg. Das gab Vater Schwarzbach Mut, und geläufiger, als er es sich zugetraut, trug er sein Anliegen vor. „Ja, ja, sehr schön, mein lieber Freund, aber wie Sie wohl sehen— ich bin sechsundsechzig Jahre alt— und es ist sehr fraglich, ob ich's die vier Jahr« noch durchhalten werde. Hätten Sie nicht den weiten Weg gemacht, würde ich ohne langes Reden ablehnen. „Rös'l!" Er rief durch eine Tür. Ein behendes Mütterchen mit freundlichem Gruß trat ein. (Fortsetzung von der 1. Seite.) Unter gleichen Vorbedingungen(Boden, Zinsfuß, Export» Möglichkeit. Schulung, Genossenschaftswesen, staatliche Grundwert- steuer— die einen besonderen Aussatz mit ihren Unterschieden zu der gestaffelten Grundwertsteuer in Anhalt erjorderlich macht—) würde auch die deutsche Landwirtschaft im Durchschnitt gleichgroße Erfolge erringen. Auch Dänemark kennt soziale Röte, Arbeitslosigkeit und Teuerung für die arbeitenden Volksschichten und lehrt uns, neben dem Eintreten für die Produktionszweige Landwirtschaft und Industrie die sozialen Nöte der Hand- und Kopfarbeiterschast nicht in den Hintergrund treten zu lassen. Dos ist schließlich die Haupt- aufgahe der sozialistischen Bruderparteien in den befreundeten Ländern.» Für die deutschen Bauern und Kleinbauern aber ist es notwendig, d«m Beispiel ihrer dänischen Berufsgenossen zu folgen und wie diese im Bunde mit der Sozialdemo» k r a t i e eine besser« Zukunft auch für die Landwirtschast zu erkämpfen. Max Simon, M. d. L. „Was meinst, fvll ich di« Welt nochmal mit einem Tischler be- schenken? Sprich du, Rös'l, ich mag's nicht allein entscheiden." „Nu freilich, Adchen: Ausgaben muß der Mensch haben, das gibt neuen Lebensmut.— Und das Jungel gefällt mir." Si« reichte Heinrich beide Hände.„Schon lang« wünschte ich mir so«in junges Leben ins Haus. Und versteh» werd'n wir uns schon. Hast ja so gute Augen und— und einen Wuschelkops haste", dab«i fuhr sie ihm lachend übers Haar. Vesriedigt lächelnd strich sich der Alt« den grauen Vollbart.„Er muß ihr halt zuerst a biß'l zur Hand gehn.— Ich mein', in d«r Küche und so. Es soll sein Schaden nickst sein", fügte er, an Schwarz- dach gewandt, hinzu. Nach dessen Sinn war da» zwar nicht, aber das freundlich« Wesen der beiden Alten ließ keinen Widerspruch in ihm aufkommen. „Willst in die Werkstatt, Alterchen?" Gleich hielt die Meisterin ein« blaue Schürze hin, und der Alte schob den Kopf durchs Hals- band.„So, nun bist du angeschirrt." Si« klopst« ihm auf den Rücken.„Haft d«n Kirchcnanzug an, daß du's weißt!" Der Geruch von frischem Holz und Politur steigerte in Heinrich die alte Sehnsucht, als sie zur Werkstattür eintraten. „Guck hier, dein« künftige Freundin." Der Meister wies auf einen Berg zerbrochener Stühle und Holzabfälle: erst nach längerem Zusehen entdeckte Heinrich di« Hobelbank darunter. „Und hier ist mein Reich." Der Alte schwenkte seine Rechte über den hinteren Teil der Werkstatt.„Was ich hier treib«, gehört wohl nicht alles zum Tischlerfach, aber es gibt manch Stückchen Brot." An der Wand ging ein eilendes Schwenken und Ticken durch- einander, als liefe das Zeitenrod noch gar nicht schnell genug. Und da die Zeiger auf Zwölf wiesen, setzte ein surrendes Läuten und Ticken ein, wobei die kleinen Seiger di« gemächlich schwenkenden Schwarzwälder rasch überholten. „Das sind unsere Antreiber," sprach der Alt« weiter,„die sind rücksichtslos, sie dulden keine Gegenwart und verwandeln sie gleich in die Vergangenheit. Hast auch sicherlich schon unseren Stadt- kommandanten gesehen, der oben auf dem dicken Turm seine goldenen Arm« schwenkt", wandte er sich an Heinrich.„Den wirst du dann all« Tage pünktlich bedienen müssen, damit sich die ganze Stadt nach seinem Anweisen richten kann." Hier hätte Vater Schworzbach gern etwas erwidert, denn in all diesen Dingen vermachte er keinerlei Verwandtschaft mit dem Trschlerhondwerk zu finden. Jedoch der Meister ging schon auf ein neues Gebiet über, indem er ein paar Wandtüren auseinander- drückte. Dahinter standen Büchsen, Gläser und Töpfe in bunter Reihe, nach Art der Farben geordnet und mit Aufschriften versehen. Da war Ockererde in Berliner, Preußisch- und Nürnberger Rot bis zum Kasseler Braun gebrannt. Daneben standen Bleifarben in Blei-, Kremser-, Schiefer- und Venezianer Weiß, in Bleigelb bis zu roter Mennige gebrannt. Und in wassergefüllten Töpsen steckten Pinsel in ollen Farben und Größen. „Tja, unser Gewerbe ist gar vielseitig, es greift in viele andere Handwerke über." Und schon wandte sich der Meister einer anderen Berufsart zu. Da lagen Eichenstöcke mit frischgebogenen Krücken zwischen Eisenstiften, wie auf ein Folterbrett, gezwängt. Diele hingen gefeilt, geschliffen und sauber poliert, mit blanken Zwingen ver- sehen, daneben. Timm strich mit der Hand über«inen der knotigsten Stöck«. Jzier ist's anders als sonst im Leben, hier gilt der mit den größten und zahlreichsten Buckeln am m«isten. Der öltest« Sohn unsere» Herrn Oberamtmann bemühte sich sogar eine Zeitlang mit der Züchtung d«r kleinen Buckelmacher, die die jungen Eichenstämme anbohren und ihre Eier unter deren Rinde legen. Aber die Tierchen starben in der Gefangenschaft. Da Hab ich sie unter Glas bringen müssen, umrahmt von lauter solchen Geschwülsten, die sich wie ein Mutterleib am jungen Eichenbäumchen wölben, währenddem die Wespenkindcr in ihnen wachsen." Während dieser naturwissenschastlichen Betrachtung waren sie vor der Feilbank angelangt, wo neben dem Schraubstock ein kleines Fitscheldrehwerk angebracht war und Schlosser- und Klcmpnerwerk- zeug« in geordneter Reihe neben dem Feuerherd mit Blasebalg lagen. „Ja, hier gibt's kein lang Besinnen," erklärt« der Meister weiter,„hier wird geschmiedet, gelötet und gedreht, daß die Funken sprühen! Denn ob in der Kirche di« Orgel oder bei Oberamtmanns di« Dreschmaschine versagt, Meister Timm muß helfen. Aber brauchst dich nicht bangen darum, mein Jungel", fuhr er, sich wieder an Heinrich wendend, mild fort,„"s ist a biß'l viel auf einmal, aber wenn du die Augen aufmachst, lernst du das alles so nebenbei. Und wenn du dann auch mal ein solch alter Graubart bist wie ich und an die vierzig, fünszig Jahre gehobelt, gesägt, gestemmt und poliert host, dann wird dir solche abwechslungsreiche Arbeit Freude machen." (Fortsetzung folgi.) Sonnabead, 24. August. Berlin. (6.00 Stnitiurat Dr. Paul Frank: Mediiiniscb-hygienische Plauderei. 16.30 Hermann Kasack: Zeitschrift und Leser- 17.00 Orchesterkonaert. Anschließend Mlttellunren des Arbeitsamtes Berlin-Mitte. 19.00 Mandolinenorchester. 19.25 Zusammenstellung eines Straußentransportes(Bildfunk). 19.35 Forich'ingsreisender Paul Spata:„Wenn man mit Tieren reist... oder mit Menschen." 20.00 Kabarett vor 25 Jahren, Nach den Abendmeldungen bis 0.30 Tanzmusik. WShrend der Pause Bildfunk. Königswusterhausen. 16.00 Ilse fliidebrandt: Die gemeinsame Erziehung der Geschlechter. 16.30 Prot. Peters: Welche Aufgaben ergeben sich aus der Neuordnung der Qemeindevcrfassung? 17.00 Von Hamburg: Nachmitlagskonzert. 18.00 Kurz vor der Station.(Ein Gespräch zwischen Lokomotivführer, PosU schaflncr und Mitreisenden.) 18.30 Französisch für Anfänger. 18.55 Dr. med. Schindler, Dr. med. Kunkel, Dr. Karl Würzburger; Individual- Psyehologie und Psychoanalyse In der Präzis. 19.20 Frank Warschauer: Die kuiturpessimistische Utopie. 20.00 Sendespiel-„Robert der Teufel", Oper von Meyerbeer. Sonntag, 25. August. Berlin. 6.30 Friihkonzert. 8.00 Für den Landwirt. 8.55 Stundenglockensplel der Potld. Garnisonkirehe. 9.00 Morgenfeier. Glockengeläut des Berl. Doms. 10.00 Wettervorhersage. 11.00 Matthias Claudius. Am Mikrophon: Artur Kraußnecfc. 11.30 Wann lügen die Kinder?(Zwiegespräch: Marianne Simion und Dr. Klopfer.) 12.00 Miltagskonzert. M.OO Lustiget Allerlei. Am Mikrophon; Eugen Reg. 1-1.30 Aus Bayern(Schallplattcn-Konzert). 15.30 Dr. Dollttles Abenteuer.„Dr. Dolittle und seine Tiere" als HBrspiel bearbeitet. Regie: Hermann Kasack. 16.30 Reger; Sonatine op. 89(Maria Proelß, Klavier). Brahmt. Mussorgsky, Trunk: Lieder(Elli Zimmermann-Behm. Alt; am Flügel: Maria Proelß). 17.00 Teemusik. 19.20 Zeichnung zum Sendespiel„Der Feldprediger"(Bildfunk). 19.30 Frankfurter Humor.(Gelesen von Oskar Ebelsbacher.) 20.00„Der Feldprediger", Operette von Karl Milldcktr. Regie: Cornelia Bronsgeest. Dir.: Bruno Seidler.Winkler. Anschließend Zeit. Wetter. Tagesnachrichten, Sport. Anschließend bis 0.30: Tanzmusik. Während der Pause BiMfunk. Kanigswnsterhanten. 18.30 Zu Goethes ISO. Geburtstage: Liebeaduette Goethe— Marianne v. Willen, u« (Dr. Ernst Weiß. Einführung; Lulu Mysz-Omeiner, Gesang; Knapstein, am Flügel; Michaelis, Rezitation). 19.20 Louis von Kohl: Kultur der Wikingerzelt. 20.00 Eine bunte HSrfolge.(Mit*.: Ernst Steifan. Gesang; Helmuth Hesse, Xylophon; Nemcth-Ouartett; Fritz Wenneis. Harmonium.) Ais Einlage: Reportage. 21.30 Unterhaltungsmusik. Rätsel- Ecke des„Abend". vniiiiniiiiiiiiiiiiniumiiiiiiiiiiitiHiniiiiiiininiiiniiiiiiiniiiiiiiimuaiiiiiuumnuiiHUiuiiuuiiuuiiimiaiiuiiBHiuniiuuiiiuiuumnonnuiiiumumniinniuniiniiHiiiiuiiininimin Kreuzworträtsel. Wagerecht: 3. Haustier: 4. Blutkanal: 7. Mittel zur Ertüchtigung des Körpers: 10. Reiseausweis: 12. Organ des Gesichtesinns: 14. französisches Geschlechtswort: 16. Verhältniswort: 17, Gut- schein: 18. persönliches Fürwort: 20. Faultier: 21. Gewürzpflanze: 23. Baumfrucht: 25. edel, freigebig: 27 Kröte: 28. Luftströmung.— Senkrecht: 1. Fahrzeug: 2. Frühling: 5. Schornstein: 6. Futteral: 8. Postskriptum, abgekürzt: ü. ehemaliges Zeichen sür„Radium": 11. Gebirg«: 13. Gestein; 15. Drehpunkt: 19. Wiederkäuer; 20. Schulfestsaal: 22. Himmelsrichtung, Abkürzung: 23. im Volks- mund:„nein": 24. Wasserfahrzeug: 26. Himmelskörper. sie. Kammrätiel. AA.ADDDEEEEE Die Buchstoben in neben» x tz) N l r, E stehender Figur sind so zu ordnen. ■w\r v xr v v daß die lenfrechten Reihen Wörter IT„ f! f,__ folgender Bedeutung ergeben: 0 R R E T tT z Stadt im ehemaligen West- 17 V IV Y Y Z preußen: i. Stadt in Rheinhessen: 3. Stadt in Ostpreußen: 4 italienische Provinz: 5. russischer Fluß: 6. deutsche Hafenstadl.— Die wagerechte Leiste nennt ein Oftseebad. dl. Leistenrätsel. A A B B E E L L N R 3 TT AAEEGGIKMMRRU A B E B H I K L N N S s Di« Buchstaben in nebenstehender Figur sind so zu ordnen, daß die senkrechten Leisten Wörter folgender Bedeutung ergeben: 1. Nebensluß des Rheins; 2. Fluß in Thüringen; 3. Nordwest- europäer; 4. Sportgerät: 5. Seemännische Bezeichnung: 6. Neben- fluß der Donau: 7. russischer Fluß: 8. Deutscher Badeort: S. Gebirge; 10. Nebenfluß der Donau; 11. Gebirgsmulde; 12. Bezirk; 13. Ge- wässer.— Di« durchgehende Mitlelleiste nennt ein deutsches Gebirge. hl. Silbenrätsel. Aus den Silben: ar e ges he i ka kan la II mi mi ne ne nur pen ran re rei ren sa ja so.« I«r stan strich ta tan te te ti tung ze zei sind 12 Wörter zu bilden, deren End- und Ansangsbuchsiaben. von oben nach unten gelesen, eine Wahrheit ergeben,— Di« Wörter bedeuten: 1. Gebirgsweg; 2- Teil einer Maschinenfabrik; 3. Hauptstadt von Persien; 4. Wurstsorte: 5. tägliche Lektüie; 6. Staat n Nordamerika; 7 Unsallsentschädigung: 8. Düngemittel; 9. Teusel; 10. Fußbodenbelag: U. Frauenname; 12. bekannter Läuser (Auflösung der Rätsel nächsten Mittwoch.) Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer. Kreuzworträtsel. Wagerecht: 2 Pirol; 4 Base: 5. Erna; 7. Esch«: 11. Ampel: 14. ar; 15. Tau: 17. oh!: 20. Februar; 23. ha; 25. Ast 27. as; 28. hupen; 30. Ungar; 34. Tuba; 36. Luch: 36. Tirol.— Senkrecht: 1. Ural: 2. Pech: 3. Leim: 4. Boe: 6 All; 8. Sau; 9. er.; 10. et; 11. Au!: 12 Po; 13. Ehe: 16. Arras; 18 n?n: 19. Max: 21. Uhu: 22. US«.; 24. AP: 25. an; 28 TU.; 27, A G.; 28. Hut: 29. Etat; 31. Null, 32. roh: 33. Torf. Buchstabenrätsel: J. Fee: 2. Rar; 3. Ida; 4. Eta; 5. Don: 6. Rot: 7. Ill: 8. Cid: 9 chut: 10 Eli: 11. Not: 12. Gnu; 13 Eva; 14. Lob; 16. Sam.— Friedrich Engels. Magisches Quadrat: 1. Ella: 2. Leid; 3. Lira; 4. Adam. Za h l e n r ä t s e l. Schlüsselwörter: Fritz. Gas, Kelch, Mob, wund.— Ausspruch von Eduard Poung:..Wenn der zehnte Teil des Elends, dos gefühlt wird, gesehen würde, so müßte uns dieser An- blick mit Graujen durchdringen." Nr. 396 46. Jahrgang Sonnabend 24. August 1929 Umwälzung in der Eisen- und Stahlgewinnung? Bei der gewaltigen Bedeutung der Eisen- und Stahlindustrie können neue Eisen- und Stahlgcwinnungsmethodcn eine völlige Revolution der ganzen Wirtschaft bedeuten. Der überzeugendste Beweis dafür wurde geliefert durch die Entdeckung und Einführung des Thomasverfahrens vor etwa St) Jahren. Diese Erfindung(einer basischen Ausfütterung der Bessemerbirne) ermöglichte die Anwen- dung des Beffener-Windsrischversahrens auch für die Phosphor- haltigen deutschen Eisenerze. Die deutsche Eisen- und Stahlindustrie, die bis dahin fast völlig von England abhängig war, wurde selb- ständig, nahm einen ungeheuren Aufschwung und überslügelt« sogar zu Beginn des neuen Jahrhunderts die alteingesessene englische Eisenindustrie. Eine verhältnismäßig einfache technische Erfindung hat die Weltwirtschast und die mit ihr zwangsläufig zusammen- hängende Weltpolitik ungemein stark beeinflußt. In neuester Zeit wurden und werden nun mehrere neue Eisen- und Stohlgewinnungs- Methoden ausgearbeitet, die unter Umständen wieder eine Um- wälzung der Eisen- und Stahlindustrie, ja vielleicht der Weltwirt- schoft hervorrufen können. Bei dem heute fast ausschließlich angewandten Verfahren der Eisengewinnung werden die Eisenerze, meist Sauerstoffverbindungen des Eisens, mit Kohlenstoff(Koks) in den bekannten Hochofen reduziert, das entstandene Roheisen geschmolzen und von Zeit zu Zeit durch eine Abstichöffnung am tiefsten Teil des Ofens abge- zogen. Dieser Hochofen prozeß besitzt einige schwer- wiegend« Nachteile, an deren Beseitigung schon s«it längerer Zeit gearbeitet wird. Er erfordert vor ollem einen gewaltigen Wärmeaufwand und Temperaturen bis zu ISlll) und lhtzl) Grad Celsius, weil das Eisen, die Gangart und die schlackenblldenden Zuschläge geschmolzen werden müssen. Außerdem nimmt das flüssige Roheisen verschiedene schädliche Derunreinigun- gen auf, die bei der Weiterverarbeitung in schmiedbares Eisen und Stahl wieder mühsam entfernt werden müssen. Diese Nach- teile suchen die neuen„Eisenschwammverfohrcn" zu vermeiden. Bei ilmen werden die Eisenerze auf Erbsengroße zerkleinert, vorge- röstet und nur auf etwa 85<) bis 9 Grad Celsius erhitzt, also nicht mehr geschmolzen. Die Reduktion(Entziehung des Sauerstoffes) erfolgt entweder durch Ueberteiten von hocherhitzten Gasgemischen aus Kohlenoxyd, Wasserstoff und Methan, oder durch Zugabe von zcrkleiöerter fester Kohle. Man erhält stark poröses Eisen, eben den sogenannten Eisenschwamm, mit einer Reinheit von etwa 96 Proz. Er wird in Kugelmühlen weiter zerkleinert, durch Magnet- scheider von dem tauben unmagnetischen Gestein getrennt und schließlich für die Weiterverarbeitung in Brikettform gebrächt. Durch die geschilderte direkte Eisenreduktion wird also der Hochofen mit seinem großen Wärmevufwond zur Schmelzung der Erze vermieden, doch muß der gewonnene Eisenschwamm erst durch weitere Prozesse in Stahl usw. umgewandelt werden. Noch einen Schritt weiter geht der schwedische Bergingenieur Flodin, der schmiedbares Eisen und Stahl durch einen einzigen Prozeß gewinnt, indem er die feinstgemahlenen Erze mit Kohlen- staub und Kalkstaub in Brikettform preßt und im elektrischen Ofen schmilzt. Das Verfahren steckt jedoch noch im Versuchsstadium, so daß sich noch kein abschließendes Urteil fällen läßt. Die Verfahren zur Gewinnung von Eisenschwamm sucht man gegenwärtig, natürlich mit mancherlei Abänderungen wegen der verschiedenen Erz- und Kohlensorten, gleichzeitig in Norwegen, in Deutschland, in den Vereinigt en Staaten, in Japan usw. für den kontinuierlichen Großbetrieb brauchbar zu machen. Auch verschiedene wirtschaftliche Auswirkungen der neuen Elsengewinnungsmethoden beginnen sich bereits zu zeigen. So muß z. B. Norwegen fast seinen ganzen Eisenerzbedarf aus Schweden einführen, weil seine eigenen Erze für die Verwertung im Hochofen zu schlecht sind. Sie haben sich aber für das Eisenschwammverfahren als brauchbar erwiesen, so daß die norwegische Eisenindustrie unab- hängig werden kann. Auch Japan besitzt große Eisenerzlager, die seinen Eigenbedarf auf einig« Jahrhunderte decken können, heute ober nicht verwendbar sind, weil es sich um eisenhaltigen Sand handelt, der bei der Verhüttung im Hochofen durch die zugeführte erhitzte Lust herausgeblasen wird. Hier erwies sich ebenfalls das Eisenschwommverfahren als Helfer in der Not und wird von den Kuji Iran Works Mit gutem Erfolg angewandt. Auch in Deutschland ist man auf diesem Gebiete nicht untätig. Gegen Ende des vorigen Jahres wurde gemeinsam von Krupp und den Vereinigten Stahlwerken(Ruhrtrust) die Eisenschwamm G. m. b. H. gegründet. Sie erbaut gegenwärtig in Bochum eine Groß- von Edelstählen, wie sie im Automobilbau usw. immer mehr Der- wendung finden, braucht man außer gutem Hochosenrohcisen auch große Mengen von Schrott, also Hütten- und Walzwcrkabsälle, Alt- eisen usw., deren Beschafsung immer schwieriger wird. Der Eisen- schwamm ist ein sehr guter Ersatz für den Schrott und erhöht sogar noch die Qualität des Edelstahls. Die Deutsche Edelstahlwerke A.-G. Unser Bild zeigt eine Scheune, deren Dich aus verzinkten Stahllamellcn hergestellt wurde. Der Stahlhausbau hat in den letzten Jahren eine immer größer werdende Bedeutung erlangt. Das einspaltige Bild, das einen Wohnungsbau in Stahlskelettbauweise zcißt, l%5f erkennen, daß man von einem eigentlichen Hausbau im früheren Sinne nicht mehr sprechen kann. Der Stahlskelettbau wurde aus Amerika übernommen. Er gestattet, die in der Werkstatt bereits vorgearbeiteten Steine mit verhältnismäßig geringem Aufwand auf der Baustelle zusammenzufügen und die Bauzeit dementsprechend zu verkürzen. anlag« für Eisenschwammgcwinnung, die nach dem Edwinverfahren der Norsk Staal(Norwegisches Stahlwerk) arbeiten sollen und nach den letzten Mitteilungen bis End« Oktober dieses Jahres in Betrieb gehen dürfte. Das Eisenschwa mm oerfahren wird wegen der besonderen Beschasfenheit der �deutschen Eisenerze kein Kon- kurrent für den Hochofen werden, seine Bedeutung für Deutschland liegt aus einem anderen Gebiet. Bei der Herstellung in Bochum, ein« Tochtergesellschaft der Vereinigten Stahlwerke, und die Krupp A.-G. sind die beiden größten deutschen Edelstahlerzeuger und decken heute schon den größeren Teil des deutschen Bedarfs. Durch die Gründung der deutschen Eisenschwamm G. m. b. H. machen sie sich von der Schrottversorgung unabhängig und vergrößern da- durch noch den Vorfprung gegenüber ihren Konkurrenten Böhlcr, Röchling, Henkel usw. G. M. Benziimiotor oder lletdromotttr? fiaslurbinc/Dicselmofor/Dampfmasdifne/dzcfyicn/NapiiialiR/GasoUen In Deutschland ist im praktischen Betrieb bisher nur der Benzin- niotor als Antriebsquell« des Automobils benutzt worden. Der Elektromotor als Automobilantrieb wird erst dann wieder praktisch in Erscheinung treten und für längere Strecken oerwandt werden, wenn der leichte Akkumulator erfunden ist, oder eine drahtlose Energieübertragung möglich wird. Und doch' sind Männer am Werke, die eine andere Krastquellc für das Automobil suchen und somit den Betrieb eines Kraftwagens wesentlich verbilligen wollen. Nach dem neuesten Stand der Technik ist der Dieselmotor soweit aus- gebildet, daß er im Lastwagen eingebaut vielfach als Antriebs- Maschine Verwendung findet. Der Betrieb ist vollkommen zuver- lässig und vor allen Dingen billig. Gilt für Deutschland der Diesel- motor als Lastwagenantrieb, so ist für Frankreich der Antrieb durch Gasogen, ein Gas, das auf dem Fahrzeug durch einen Generator aus Abfällen von Holz, Leder usw. hergestellt wird, maßgebend. Der Antrieb durch die alte, gute Dampsmaschine ist dagegen in Eng- land und den Kolonien sür den Lastwagen maßgeblich. Ueberall ist man bestrebt, sich von dem Benzin freizumachen, den Wirkungsgrad des Benzinmotors, der nur zu t3 Proz. ausgenutzt werden kann, dadurch zu erhöhen, daß man einen anderen Antriebsstosf oder andere Kraftquellen zur Fortbewegung des Automobils benutzt. Ist als Automobilantrieb die Dampfmaschine sogar schon im Personenwagenbau eingeführt— es sind schon Geschwindigkeiten von 205 Kilometer-Stunden erzielt worden—, so ist der Antrieb durch Gasogen nur auf Lastwagen verwendbar. Der Dieselmotor ist jetzt schon als Flugzcugantriebsmaschine von Prof. Junkers erprobt und eingeführt.— Die Wissenschaft arbeitet daran, andere leicht explosive Stoffe, wie- Azetylen, Naphtalin und ähnliche als Kraft- quellen des Explosionsmotors zu finden. Es hat jedoch den An- schein, als ob einige Kreise der Industrie gar nicht damit einvcr- standen sind, daß durch einen billigen Antriebsstoff das Automobil «ine noch weit größere Verbreitung finden kann, als durch das Benzin. Die Machthaber der Benzingewinnungskonzerne sehen sehr ungern die Arbeiten der Wissenschast, die darauf hinzielen, bei dem einmal eintretenden Benzinmangel ein billigeres und auch besseres Prodult als Kraftstoff für Automobilantriebsmaschinen zu fetzen. Der Benzinverbrauch der Welt wächst von Tag zu Tag, der Benzin- oerkauf ist in den Händen einer kleinen Zahl von Konzernen, die die Preise diktieren. Wenn das Benzin wirklich der ideale Brenn- stoff sür den Berbrennungsmotor wäre, könnte man vielleicht den Kampf der Benzinmachthaber verstehen. Aber das Benzin wird beim Verbrennungsmotor nur bis höchstens k3 Proz. ausgenutzt, und 87 Proz. gehen in die Luft. D. h. wenn 100 Liter Lenzin 30 M. kosten, gehen nind 27 M. in die Luft. Hier könnte nur die Gasturbine als Friedensstifter zwischen Wissenschaft und Benzinkapital wirken. Leider gibt es noch keine Gasturbine, die sich für den Einbau in ein Kraftfahrzeug eignet und zuverlässig arbeitet. Sollte es möglich sein, ein« Gasturbine zu konstruieren, f« würde das Benzin weiterhin als Kraftstoff in Frage kommen, da der Wirtungsgrad der Turbine bedeutend höher liegen wird, als der des Motors. Aber auch hier wird sich mit der Zeit irgendein anderer Brennstoff in den Vordergrund drängen, da das Benzin doch immer für einige Länder Jinportware sein wird. Wasser für die Dampfmaschine, Abfälle sür den Gasogenmotar und Disselmotorschweröl wird säst überall zu haben sein. Für die Zukunst kann man wohl nach dem heutigen Stande der Technik und Wissenschaft sagen, daß der Benzinmotor ols solcher nicht mehr lange als Automobilantrieb in Frage kommt. Sollte es möglich sein, den Wirkungsgrad des Benzinmotors wesentlich zu er- höhen, so werden wir jedoch noch unsere Enkelkinder mit dem Benzin- motor fahren sehen. Der Dieselmotor, die Dampfmaschine und der Gasogcnantricb werden sür Lastwagen die gegebenen Antriebs- quellen sein. Auch im Pcrsonenwogenbau wird die Dampfmaschine berücksichtigt werden. Aber auch die Gasturbine wird, sosern sie die an sie gestellten, Forderungen erfüllt, in Zukunft als Antriebs- Maschine berücksichtigt werden. Mit dem Augenblick aber, wo e« möglich sein wird, die Elektrizität drahtlos zu übertragen oder das Gewicht der Akkumulatoren wesentlich zu verringern, ist der Benzin- motor ein Ding der Vergangenheit, und uns werden keine Auspuff- gase und eingefrorene oder laufende Kühler mehr ärgern, die Zünd- kerze wird Museumsobjekt werden und der Elektromotor Beherrscher der Straß« sein. Jng. C u r t G e h r. dpjjr�iM�QJffiLel Der erste Boxabend. K. o's. im Sportpalast. Ueberraschungen waren das Ergebnis des ersten Box- abends im wiedcreröffneten Sportpalast. Bei teilweise gutem Sport gingen nur zwei Kämpfe über die angesetzte Distanz: Rudi Wagners Tressen mit Ernst Gühring und der Kamps Pistullas init Hulsebus. Der Titelkampf um die deutsche W e l t e r g e- w i ch t s m e i st e r s ch a f t stand für den Verteidiger S c i f r i e d nicht gerade gut, als Lauer, der Herausforderer, eines Tiefschlages wegen disqualifiziert wurde. Lauer hat schnell, sehr schnell und sicher schlagen gelernt und Seifried hatte mit der Abwehr allerlei zu tun Die Gewinnrunden für ihn waren nicht zuviel, sein rechtes Auge, bereits in der zweiten Runde aufgeschlagen, behinderte ihn stark. Wer weih, ob der grohe Kranz mit der blauen Schleife nach der fünfzehnten Runde in seine Ecke gekommen wäre. Rudi Wagner hatte gegen den jüngeren Gühring nicht viel auszurichten. Er war oft am Rande des k. o.'s, schaffte aber doch noch die acht Runden, um dann seine Niederlage gegen Gühring zu vernehmen. Wagner sollte recht bald eine— Sportschule aufmachen! Der kleine Belgier, Federgewichtler Pele- m a n s fing bereits in der vierten Runde einen Magcnschlag von Paul N o a ck ein, der ihn niederstreckte. So fiel vorzeitig ein Borer aus, der sich schnell viel Sympathien erivarb. Man wünscht ihn bald wieder zu sehen. Pistulla, der Examateurcuropa- meister, bestand seinen ersten Profitampf glänzend. Er schlug H u l s e b ii s, der doch immerhin schon einige Zeit Professional ist, nach Gefallen und erntete viel Beifall. Schließlich gaben noch der deutsche Flicgengewichtsmeister Karl Schulze und ein sechzehnjähriger Engländer Nigger P a t D a l y eine Borstellung, die an sich gefiel, bei der man aber iin Interesse des englischen Kindes gewünscht hätte, daß sie unterblieben wäre. Zwar nahm Schulze, ein sehr unrühmliches Ende, indem er die fünfte Runde nicht mehr überstand, aber einen in der k ö r p c r- lichen Entwicklung stehenden Knaben als Berufsboxer auftreten zu lassen— nein, ihr Herren vom Boxsport, habt ihr lein« ausgewachsenen Leute? Oder sollte ein Kind als Boxer auch den Sportpalast füllen helfen? k-ta�mairns zweiter Amerikakampf. Der deutsche Schwergewichtsmeister Ludwig Hoymann, der bei feinem Amerikadebut Eddie Johnson schon nach 29 Sekunden k. o. schlug, bestreitet am Dienstag, 27. August, seinen zweiten Kampf auf amerikanischem Boden, und zwar wiederum in New Dork. Sein diesmaliger Gegner ist Jack Shaw,-ein zur jüngeren Gene- ratio» zählender Mann, der als Draufgänger gilt und im vorigen Jahr von zehn Kämpfen sechs durch k. o. gewann. Ztädtespiele. Arbeiter Handballer- Tennis- und Hockeyspieler Hin auch in Berlin wie beim Bundesfest in Nümberg die Stärke der Spielbewegung zu zeigen, veranstalten die Arbeiterhand- baller am Sonntag einige Städtespiele. Im Handball stehen sich die Berliner und die Hallenser Mannschaften gegenüber. Hier dürfte eins der interessantesten Spiele stattfinden, konnte doch Berlin beim letzten Spiel Halle nur mit li: 4 schlagen. Wenn auch der Ausgang dieses Spieles un- gewiß fein wird, so geht die Berliner Mannschaft doch mit Zu- verficht in den Kampf. Die H. o ck e y m a n n s ch a ft, die Leipzig als Gegner hat, wird die Uebcrlegene sein, sie konnte in Nürnberg auch die Spiele mit Vorsprung gewinnen. Bei den Tennis- spie lern findet ein Bereinskampf zwischen TennisRot und Groß- Berlin und Tennis-Rot und Groß-Hamburg statt. Ausgetragen werden Einzel-, Doppcl- und gemischte Doppelspiele für Männer und Frauen. Die an Spielerfahrung reicheren sind die Berliner Tennisspieler. Der Beginn der Städtewettkämpfe ist aus 16 Ilhr festgesetzt, sie finden auf dem Sportplatz im Humboldthain statt. Der Eintritt beträgt an der Kasse 69 Pf., im Vorverkauf 50 Pf., für Jugendliche 29 Pf. Zteber m Piötzensec. Sawall wieder in Berlin. Der Start des kleinen Manera ist die Zugnummer des Pro- gramms der Olympiabahn am Sonntag. Doch auch Hilles Engage- ment wird von allen Radsportfreunden begrüßt. Der Leipziger Nach- wuchsfahrer lieferte im Stadion in der Meisterschaft ein. bewunde- nnigswürdiges Rennen und spielt heute bei den Dauerfahrern die Rolle, in die sich Ehmer nicht finden konnte, lieber M a r o n n i e r braucht nichts mehr gesagt zu werden, sein Sieg im klassische.! Goldenen Rad kennen die Berliner noch. Er brachte Sawall die erste diesjährige Berliner Niederlage bei und ist neben Paillard der beste Franzose. Maronnier kann hinter Heßlich, dem gegenwärtig besten deulschen Schrittmacher, leicht einen weiteren Berliner Sieg landen. Auch T h o l le m b e e k ist in größter Form, denn die letzten Rennen standen stets in seinem Zeichen. Dazu kommt die Rivalität seines Schrittmachers Gedamke mit Heßlich, dem Führer van Maronnier, und mit dein Exweltmeister Sawall. Gedamke will in Berlin mit dein Belgier gewinnen und beweisen, daß er auch in der Reichshauptstadt keinen Gegner zu fürchten hat. Wir sehen in Thollembeck trotz Maronnier und Sawall den Sieger. Sawall hat in Zürich den Titel verloren, was zu bedauern ist. Ein Mensch ist aber keine Maschine und der Berliner hatte einen schlechten Tag. Ilm so mehr wird er diesmal seiy ganzes Können einsetzen und zeigen, daß er noch der alte ist. S a l d o w ist in diesem Jahre auf der Olympiabahn entgegen früheren Jahren häufig gestartet und nie bat er enttäuscht. Stets fuhr er ein Rennen, auf Grund dessen ihn Werner Krüger erneut engagieren mußte. Mm was uns Jung-Frankreich beneidet! Man schreibt uns: Gelegentlich des Empfanges d«r f r a n- zöfifchen Schüler durch die Stadt Berlin im Freibad Wann- see kam ich an der Kaffeetafel neben einem jungen Franzosen zu sitzen, der sich, mit seiner Umgebung ungemein lebhaft über all die empfangenen Eindrücke unterhielt. Es gefiel ihm scheinbar bei uns sehr gut, denn sei»„oh, serrr schön" und„ah, serr interessant" kamen recht häusig aus seinem Mund. Nun wollte ich doch gar zu gerne wlsien, was ihm« unferem.Berlin am besten gefallen unfc somit den stärksten Eindruck hinterlassen hätte: Ob Theater oder Natur, historische oder neuzeitliche Kultur, Technik oder Wirtschaft? Der junge Pariser, der recht gut zu plaudern wußte, erwiderte mir auf meine Frage mit leuchtenden Augen:„Am aller- allerbesten hat mir hier der Sport gefallen! Bei uns zuhause haben wir nur zwei Turnstunden die Woche und auch die verschiedenen Sportarten werden nicht so ausgebaut und ge- pflegt wie hier. Wir müssen so viel lernen, jeden Vormittag und jeden Nachmittag bis 6 Ilhr, wir haben so sehr wenig Zeit für Sport und Spiel, für Ausslüge und körperliche Er- tüchtigung." lind alle sein Kameraden stimmten im Chor in den bcocisterten Ruf ein:„O ja, der Sport in den Schulen, er ist hier wirklich großartig, viel, viel schöner wie bei uns zuhause!" Beim Fortgehen betrachtete er dann mit recht wehmütigen Augen nochmals den schönen Wannsecstrand mit seiner großen Wasserfläche und meinte noch:„Das haben wir auch nicht bei uns in der Heimat!" „Bitte schleppen Sie midi ab!" Die„Autohilfe" ist da. Erste Autohilfe auf der Landstraße— das ist das Neueste, was man auf outomobilistischen Gebiete erreicht hat. Die großen Automobilklubs haben in Verbindung mit Behörden und gewerkschaftlichen Organisationen eine sogenannte„Autohilfe" ins. Leben gerufen, die es dem Automobilfahrer, der auf einsamer Chaussee eine Panne oder einen Unfall erleidet, ermöglicht, schnell Hilfe zu bekommen. Auf der Chaussee noch Leipzig, die zu den meistbefahrensten Ausfallstraßen von Berlin gehört, ist die Autohilfe fertig ausge- baut. Etwa alle vier Kilometer steht auf der Chaussee ein weiß- gestrichener Mast, der in einem wasserdicht verschlossenen Gehäuse einen Tclephonapparat beherbergt, mit dessen Hilfe der Autofahrer von der nächstliegenden angeschlossenen Reparaturwerkstatt Man- teure, Hilfswagen, Werkzeug und. Material anfordern kann. Bei Unglücksfällen sorgt die angerufene Werkstatt auch gleichzeitig für ärztliche Hilfe und Krankenwagen. Bei der Besichtigung sunt- lionierte die Autohilfe sehr gut. Etwa elf Kilometer von Pot?t>am entfernt wurde eine Panne markiert, der Chauffeur lief zum nächsten Fernsprecher und nach genau 22 Minuten war der Hilfswagen aus Potsdam da. Selbst fiir die Nacht ist vorgesorgt, indem die Reparaturwerkstätten einen Wachdienst zu unterhalten verpflichtet sind. Die Kosten für den einzelnen Automobilbesitzcr sind recht ge- ring: er zahlt jährlich 13 M. an die Autohilfe, erhält dafür einen Schlüssel, der zu allen Telephonapparaten paßt und hat sich so die Möglichkeit geschaffen, die Autohilfe in Anspruch nehmen zu können. Die Strecke Berlin— Leipzig ist fertig, Berlin— Magdeburg im Bau, die Strecke nach Mecklenburg hinauf projektiert, und so will man im Verlauf von yier bis fünf Jahren alle Hauptchausseen Deutsch- lands mit dein Fernsprechnetz der Autohilfe überspannen. Erwerbs- absichten find mit dem Betrieb nicht verbunden und gestattet, die Autohilfe soll ein gemein» ü tz i g c s Unternehmen der Auto- mobil fahrenden Kreise sein. �eistersdiatten der Kegler. FKBD. kegelt in Südcndc. Der Freie Kcglerbund Deutschlands trägt am 31. August, 1. und 2. September in Berlin seine diesjährigen Bundes- kämpfe aus. Die schönste Sporthalle im Parkrestaurant Süd- ende'teht ihm zu diesen hochinteressanten Kämpfen zur Verfügung. Die Ausscheidungskämpfe in allen deutschen Gauen sind abge- schlössen, es werden sich also in Südende die besten Sportkegler Deutschlands treffen. Bei dem ungeheueren Aufschwung, den das Kegeln in den letzten Jahren genommen Hot, lassen die Kämpfe eine rege Anteilnahme erwarten. Geht es doch um die höchsten Auszeichnungen, die Bundesmeisterschoften auf allen Bohnarten in Einzel- und Mannschoftskämpfen. Die Veranstaltung wird mit einem Festzug eröffnet, der am Sonntag, 1. September, 14 Uhr, vom Wilmersdorfcr Platz abmarschiert. Während es bisher infolge der Eigenart des Sportes unmöglich war, die Sportkegler in einem größeren Aufmarsch zu sehen, wird hier erstmalig in Berlin dor- getan. daß es auch für den„in die Jahre" kommenden Sportler eine Sportort gibt, die den anderen in nichts nachsteht. Kegeln ist Leibesübung, ein Volkssport im besten Sinne des Wortes. Dies beweist nicht nur die große Ausdehnung und die von allen Sportbehörden erfolate Anerkennung, sondern vor allen Dingen die in allen Städten Deutschlands sehr zahlreich erfolgte Gründung von Jugendgruppcn. Auch hier geht der„Freie Keglcrbund Deutsch- lands" bahnbrechend voran. Heben und Ringen! Zum Sportfest der Arbeitcrathlctcn. Der Kreiswettstreit im Ringen und Heben de? bundestreuen Arbeiterathlcten des 4. Kreises(Berlin-Brandenburg), der im Moabitcr Schützcnhaus, Nordufer 28, am SonMog. 1. September, stattfindet, bringt ein immer größer werdendes Mcldeergebnis. Aus allen Kreisen des Reiches laufen die Meldun- gen ein, so daß mit einer großen Zahl von Teilnehmern zu rechnen ist. Da der Wettstreit im Ringen und Heben in sieben Gewichts- tlafsen ausgetragen wird, hat sich die Leitung veranlaßt gesehen, den Wettstreit schon um 9 Uhr beginnen zu lassen, um damit eine korrekte Durchführung des Wettstreits zu gewährleisten. Die bundes- treuen Arbeiterathleten aus dem Reiche bekunden durch ihre a.eil- nähme, daß sie sich durch die kommunistische Spaltungsarbeit nicht beeinflussen lassen und stc werden den Beweis erbringen, daß sie mit dem 4. Kreis die sportlichen Beziehungen stets aufrecht erhalten wollen, fester als je zuvor. Einen ganz besonders schönen Kampf wird es bei den Hebern geben, denn dort startet die Bundesmeister- Mannschaft des Vereins„Lichtenberg-Friedrichsfeldc", die versuchen wird, alle von ihr gehaltene Bundesrekord« zu überbieten. Auch die A r t i ft e n s p o r t e des Arbeiterathletenbundcs Deutschlands hat ihre Mitwirkung zugesagt, so daß ab 16 Uhr im Garten ein gutes Varieteprogramm zur Abwicklung kommen wird. Die Arbeiterathleten bitten schon jetzt die Freunde des Arbeiten. sports, sich den Tag frei zu halten und sie mit ihrem Besuch zu unterstützen. Da sich schon ein großer Teil der auswärtigen Sportler zum Sonnabend angemeldet hoben, bitten sie um Freiquartier. Meldungen nimmt entgegen Karl Frohne, Berlin O. 34, Gubener Straße 59, Telephon Königstadt 4539. Die große Reise. 6-Tagc-Motorradfahrt beginnt. Die im Jahre 1913 begründete Internationale Sechs-» tagcfahrt der Motorräder erlebt vom Montag, 26., bis Sonnabend, 31. August, eine Neuauflage. Im Gegensatz zu früheren Jahren, wo die Durchführung immer in den Händen eines einzelnen Landesverbandes lag, führt die große Prüfungsfahrt im 23. Jubi- läumsjahr des Internationalen Verbandes durch fünf Länder, und zwar Deutschland, Oesterreich, die Schweiz, Italien und Frankreich. Zum ersten Male seit Bestehen dieses Wettbewerbes wirken daher auch deutsche Verbände als offizielle Veranstalter mit. Die Beteiligung ist ganz hervorragend ausgefallen, stehen doch Vertreter von 14 Nationen im Wettbewerb. Die größten Anstren- gungcn macht die englische Industrie, die ihre Bemühungen, den kontinentalen Markt zu erobern, bei dieser Prüfung mit dem gewal- tigen Aufgebot von 62 ihrer besten Fahrer und Maschinen fortsetzt. Deutschland steht mit 59 Meldungen an zweiter Stelle vor Holland und der Schweiz mit je 12, Oesterreich mit 8, Irland mit 6, Schweden, Frankreich, Belgien, Dänemark mit je 3, Tschechoslowakei, Rumänien, Italien und Ungarn mit je einer Meldung. Charak- teristisch für die„Six Days" sind die verschiedenen Mannschaftswett- bewerbe. Der Gewinner der„Internationalen Trophäe" erwirbt das Recht, daß die Fahrt im darauffolgenden Jahre in seinem Heimat- lnnd durchgeführt wird. Für Deutschland wurden für den Kamvf Henne und Soenius auf BMW. sowie Trapp auf Vittoria-Seiten- wagen gemeldet. Zum Wettbewerb um die„Silberne Vase" sind zwei, zum Kampf um die„Goldene Medaille" weitere elf deutsche Mannschaften beordert. Die Strecke führt über 1694 Kilometer von München über Garmisch. Vaduz, Pallanza, Moutier, Chomonix nach Genf. Unmittelbar nach dem Eintreffen am Ziel haben sich die Bewerber einer einstllndigcn Schnclligkeitsprüfung auf einer 6,35 Kilometer langen Genfer Rundstrecke zu unterziehen. Grund- legend für die Gesamtwertung wird die Einhaltung einer bestimmten Durchschnittsgeschwindigkeit sein. 563 Kilometer erreicht! Englische Flieger beim„ Schneider pokal". In der englischen M a r i n e f l u g st a t i o n Calshot herrscht seit Tagen Hochbetrieb, haben doch hier die englischen Schneidcrpokal-Piloten mit ihren unheimlich schnellen Wasserfluz- zeugen ihr Trainingsquartier aufgeschlagen. Schon die ersten Ver- suchsslüg« der Engländer haben gezeigt, daß der auf 512,776-Stunden- Kilometer stehende, von Major de Bcrnardi-Jtalien im März v. I. in Venedig aufgestellte Geschwindigkeitsweltrckord über 3 Kilometer die längste Zeit bestanden haben dürfte. Mit dem Gloster-Napier 4 kam Lt. Atcherlcy beim zweimaligen Abfliegen der Rennstrecke bei Cowes auf Geschwindigkeiten Von mehr als 549 Stundenkilometer. Vor Einbruch der Dunkelheit wurde dann das neue Wasserflugzeug startscrtig gemacht, das die Bezeichnung„Goldener Pfeil" führt und von dessen Leistungsfähigkeit man sich Wunderdinge erzählt. Offiziell als Gloster-Napier 6 kenntlich gemacht, besitzt die Maschin« einen über- komprimierten Napier-Motor, der theoretisch eine Stundengeschwin- digkeit von etwa 649 Kilometer entwickeln kann. Daß damit nicht zu viel gesagt ist, bewies der Probeflug, den ebenfalls Lt. Alcherley mit der Maschine machte. Leicht und elegant hob sich der„Goldene Pfeil" aus dem Wasser und mit immer größer werdender Geschwin- digkeit jagte er davon. Der Versuch siel zur vollsten Zusriodenheit aus, denn die Maschin« hatte die phantastische Geschwindig- kcit von 563.159 Kilometer in der Stunde erreicht, wobei der Pilot noch nicht einmal das letzte aus dem Motor herausgeholt hatte. Man nähert sich also jetzt schon der 6(iV-Kilometer-Gr«nzc. Die moderne Technik wird noch schnellere Moschinen herzustellen in der Lage sein. Wo liegt aber die Grenze, über die hinaus der menschliche Körper solchen Geschwindigkeiten nicht mehr folgen kann? Sportfest bei„Alt-lvedding". Morgen, Sonntag, veranstaltet der Sportklub Z.Alt-Wedding 1883", angeschlossen dem Arbeiter- Athletenbund, eine Sport- und Varietevorstellung anläßlich des 25jährigen Sportjubiiöums seines zweiten Vorfigendcn August Pct'i. Das Fest findet im Moabiter«chützenhaus am Nordufer statt und beginnt um 13 Uhr. Eintritt 35 Pf. Anschließend Tanz. Freie Turnerschost Groß-Berlin. Vcz. Pankow. Zur Ergänzung der Hockeymannschoft und zur Bildung �ciner Fußballmannschost nimmt der- Bezirk noch einige für diesen Sport interessierte Sport- lcr auf. Meldungen Montags und Donnerstags auf dem Sportplatz Kissingenftroße und Freitags in der Turnhalle Görfchstraße(Fern- heizwerk). Freie Ruderer und kanufahrcr, 1. Kreis. Zu einer Auffahrt zum Gewerkschaftsfest in Treptow, treffen sich alle Ruderer und Kanuvercine der Obcrspree um 16 Uhr vor Bootshaus Ruderoerein Vorwärts. Abend-Trabrennen in Mariendorf. Montag, 26. August, 18 Uhr. finden in Mariendorf wieder Zlbcndrennen statt. Die wertvollste Nummer ist der Ruhlebcner Pokal, in dem die beste Klasse des Dcrbyjahrganges sich über 3999 Meter trifft.