BERLIN Donnerstag 26.Septeinber 1929 10 Pf. Nr. 452 B 225 46. Jahrgang. erscheiattigltch außer Sonntag«. Zugleich Adendausgabe de«.VorirSrU'. Bezugspreit beide Ausgaben 85 Pf. proWoche. s.koM. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SWöL.Lindenstr.S SfuUaaigaße xlei nietgenpretCDie einspaltige NonpareMeiekl« «o Pf., Reklamezeile b M. Ermäßigungen nach Tarif. «stscheckkont«: Votwärts-Vcrlag G. m. b.H., Berlin Nr.»7SZS. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Deutsche Mefenbank ent Fusion der Deutschen Bank und der Diskontogesellschast. Die Disconto-Gesellschast wird von der Deutschen Bank im Wege der Fusion übernommen. Die entscheiden» den Aufsichtsratssitzungen sind im Gange. * Es gibt in der Welt des Kapitals und der Goschäfte noch lieber- raschungen von einxzn Ausmaße, wie sie der phantasienreichste Film- rcgisseur kaum zu erfinden wagt Man muß sich vorstellen, daß die Deutsche Bank mit einem Aktienkapital von 15» Millionen Mark und die Disconio-Gesellschaft mit einem Kapital von 135 Millionen Mark in Wirklichkeit nichts anderes als die Tpitzengesell- schaftcn der beiden größten deutschen Finanzkonzerne sind. Sooft sie sich m den jüngst vergangnen Iahren im Finanzierungs- gcsihaft und bei anderen Gelegenheiten auch getroffen und nicht selten gestoßen haben, sie blieben doch beide Großkonzerne von aus- geprägter Eigenart. Von der Deutschen Bank hat nian schon immer gesagt, daß sie die Fusionen en xros betreibe, und tatsächlich hat die Deutsche Bank seit ihrer Gründung im Jahre 1870 auch kaum ein Jahr vorübergehen lassen, ohne ander« große Bankinstitute auf- zusaugen. Schon in der Vorkriegszeit übernahm sie die R h e i- nischc Kreditbank, die Württembergische Vereins- bank, die channooerfche Bank und die Essener Kredit- n n st a l t. Während der Krieges wurde der schon lange kontrollierte Schlesifche Bankverein fusioniert, dann kam die Nord- deutsche K r e d i t a n st a l t an die Reihe. Die Jnslationsjahr« bildeten einen Höhepunkt regster Ausbreitungstätigkeit. Es jagten sich die Geschästsausdchnungen und Vollfusionen. So wurde die Deutsche Bank zu dem stark zentralistisch geleiteten, riesenhaften Finanzinstitut, dessen plan- maßige und stark aktive Aolle im Konzentrations- Prozeß der jüngsten Jahrzehnte die privatindustriellc Entwicklung entscheidend beeinflußt hat. Das Eigenartig« dieses Finanzkonzerns blieb dabei, daß das eigent« liche Muttcrunternehmsi,— die Deutsche Bank— inmitten eines Kreises äußerlich selbständiger Provinzbanken, die sie sich ange- gliedert hatte, regierte. Deswegen hatte sie auch in ganzen Länder- gebieteu Deutschlands nicht nötig, eigene Filialen auszubauen. Die Entwicklung der Disco nto-Gesellschaft ist von ganz anderer Art. Die Disconto-Gcsellschaft hat heute in Deutsch- land 42 Filialen und 51 Zweiostellen, dazu kommen noch 35 Depo- sitenkassen in Berlin. Aber diese Ziffern besagen noch nichts über die eigenartige Bedeutung der Disconto-Gcsellschaft; denn an sich hat ja die Deutsche Bank sogar mehr Niederlasiungen und Depositenkassen als die Disconto-Gcsellschaft. Ab:r die Tisconto-Gesellschaft hat es verstanden, in die gesamte Privatindustrie ihre Verbindungen vor- zutreiben, so daß sie heute als dasjenige Finanz- institut zu betrachten ist, das am weitesten mit der industriellen Produktion und mit dem Großhandel verknüpft ist. Auch die Disconto-Gescllschaft Hai fortgesetzt ihre Macht über Finanzinstitute ausgedehnt. Es seien auch hier nur einige Namen genannt, die zu ihrem Herrschaftsbereich gehören: Schaaff- hausen scher Bankverein, Rheinische Bank. Magdeburger Bankverein, Schlesifche Handels- dank, Bank für Thüringen usw usw. Zu den bedeutsam- stcn Beziehungen der Disconto-Gesellschast gehört nicht nur die Norddeutsche Bank und die Vereinsbank mHam- bürg, sondern auch die Verbindung zu den beiden bekannten Kölner Bankhäusern Oppenheim jr. und Levy. weiter diejenigen zur Bayerischen Hypotheken- und W e ch s e l b a n k und zur A l l g« me i n e n Deutschen Kredit- a n st a l t. (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Gefängnis für Zweikampf. ,Wa6— keine fidele Festung mehr?� Versammlungsschlacht. Hakenkreuzler und Kommunisten prügeln sich.— Zahlreiche Verletzte. S t u l k g a r k, 2S. September.(Eigenbericht.) In einer nationalsozialistischen Versammlung für das Volksbegehren entstand eine allgemeine Schlacht zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Die Prügeleien sehten sich aus der Straße weiter fort. Die Polizei mußte mit starken Krästen einschreiten. Sie sperrte das ganze Stadtviertel eine Stunde long ab. Bei der Prügelei wurden zahlreiche Personen verletzt. Die Polizei hat umfangreiche Verhaftungen vorgenommen. Ungarisches Dorf in Klammen. Drei Tote � 50 Häuser und Gebäude niedergebrannt. Budapest. 26. September. In der Gemeinde S z e n t p e t e r s a im K o m i t a t E i s e n b u r g(dicht ai, der burgenländischen Grenze) geriet Mitt- woch nachmittag eine Scheune in Brand, der, durch den Wind begünstigt, rasch um sich griff. Bis Mitternacht wurden 8 0 Wohn- Häuser und Nebengebäude eiiigeäschert. Zwei Kinder und eine ältere Frau fanden in den Flaminen den Tod. Zur Bekämpfung des Brandes ist aus Steinamanger«ine Kompagnie Militär und die Feuerwehr der Stadt ausgerück:. An den Löscharbeiten, die durch den Wassermangel sehr erschwert werden, nehmen auch die Feuerwehren aus 20 Ge- meinden teil. Um Mitternacht war es noch nicht gelungen, des Feuers Herr zu werden. Herriot über Deutschland. Gpoti über die Verschwörer im Smoking. Paris, 26. September.(Eigenbericht.) „C r e N o u v e l l e" veröffentlicht heute einen Leitartikel aus der Feder H e r r i o t s, in dem er sich mit der Rolle Deutschlands und den europäischen Einigungsbestrebungen und den deutsch- französischen Geheimverhandlungs-Standal aus- einanderfetzt. Herriot beginnt mit einer Würdigung der seinerzeit in Berlin tagenden 15. Interparlamentarischen Konse- re nz, deren Bedeutung er in erster Linie darin erblickt, daß sie eine Synthese zwischen pazifistischer Ideologie und demokratischer Doktrin verkörpert, und fährt dann fort: „Es ist eine seltsame Ueberraschung, daß es gerade die deutsche Republik ist, die heute den Ideen des Pazifismus und der Demokratie das sicherste Obdach gewährt. Niemals hätten wir Preußen eine solche Umkehrung der Ideen, in deren Zeichen seine Vergangenheit stand, für sähiggchalten. wir müssen den Blut haben. Deutschland für die Garantien, die es dem demokratischen Geiste bietet, unseren Dank auszusprechen. Die Rede Htlferdings ist in dieser Beziehung von einer ab- soluten Korrektheit. Die Definition der Bedeutung des Friedens, die Hilferding in seiner Rede gab. ist ausgezeichnet, ist genau das, was wir wollen. Wir glauben aber, daß Deutschland, vorausgesetzt, daß dort die demokratischen Elemente ain Ruder bleiben, mi t u n s e i n i g ist in den Bestrebungen, die Well- Wirtschaft zu reorganisieren oder, um sich moderner auszudrücken, Europa zu rationalisieren. Indem er diese Bestrebungen fördert, schafft Hilferding die e r st e Grundlage für den ökonomischen Zusammenschluß Europas, wobei er betont, daß dieser Versuch sich gegen keine andere Nation, sich nicht gegen die Vereinigten Staaten von Amerika richtet. Zur selben Zeit hören wir von gewissen geheimen Unter- redungen zwischen deutschen Industriellen und namhaften französi- schen Parlamentariern. Wenn wir uns der Kübel voll Bc- Uidigungen erinnern, die diese Verschwörer im Smoking über uns ausgegossen haben, könnte man versucht sein, ihnen jetzt Gleiches mit Gleichem heimzuzahlen und von Gcheimdipwmane, Skandal, Hochverrat sprechen. Aber Lachen scheint der Situation angenehmer. Diese ganzen Unterhaltungen über den Korridor usw. ähneln mehr einem hauemeistergeschwäh als einem Komplott von Staatsmännern." Orkan überdenBahama-Infeln Sin Dampfer bereits verloren. New Park. 26. September. Au» Aliami(Florida) kommen Alarmnachrichten. Ein Orkan, der gestern die Bohama-Znseln heimsuchte, zieht jetzt in Richtung auf die Ostküste von Florida. In Nassau, der Hauptstadt der Bahama-Znseln, siel die Temperatur plötzlich aus 30 Grad Fahrenheit. Alle Schisse an der Atlantischen Küste sind g e- warnt worden, aber schon ist ein �erstes Opfer zu verzeichnen. Der ZSbO-Tonnen-Dampser„Domira" ist aus der höhe von Abaco Island(Vahama-Inseln) auf Grund geraten. Die Besahung befindet sich in einer verziveiselten Lage. Die Rettungsboote sind ge- brauchsunsähig geworden, so daß die Besatzung das von den Wellen hin- und hergeworsene Schiss nicht verlassen kann. Wie aus Westpalmbeach gemeldet wird, wurden dort be- reits Schutzmaßnahmen getroffen, um eine Wiederholung der im letzten Jahr« angerichteten Sturmschäden zu verhüten. Die Ab- teilungen des Roten Kreuzes wurden bereits mo- b i l i s i e r t. Der Schiffsverkehr von Havanna nach Florida wurde auf Grund von Warnungen der Wetterbureaus, wonach ein Zyklon sich mit wachsender Stärke aus die Ostküste von Florida zu bewege, vorläufig eingestellt. Zahlreiche Orte und Siedlungen sind bereits geräumt worden. Frauen und Kinder wurden in der Stadt untergebracht. Nur die Männer blieben zurück, um Vorkehrungen zur Bekämpfung des Sturmes zu treffen. Ueberall werden die Fenster und Türen der Häuser mit Bettern vernagelt. An vielen Stellen sind behelfsmäßige Rcttunoe- stationen errichtet worden. Deutsche Riesenbant. Schobers Mischmasch-Kabinett. Halb parlamentarische, halb Beamtenregierung. Wien, 26. September. Potizeipräsibent Schober hat sich heute endgültig bereit erklärt, die Kabinettsbildung zu übernehmen. Er wird voraussichtlich bereit» heute nachmittag in der Lage sein, eine ZU i n i st e r l i sl e in Vorschlag zu bringen, so dajz noch heule die Neuwahl des Kabinetts vorgenommen werden könnte. Dem Vernehmen nach werden dem neuen Kabinett vier Parlamentarier angehören, und zwar werden der bisherige Heeres- minister v a u g o i n als Vizekanzler und Landwirlschastsminister Fondermayer die Ehrifllichsozialen. Zustizminister Dr. S l a m a die ÖJrohdeutschen und Vizekanzler S ch u m y als Innenminister den Landbund in der Regierung vertreten. Die übrigen Ressorts werden mit Beamten besetzt werden, und zwar sollen, wie verlautet, Sektionschef 3 u ch das Ainanz- Ministerium, llnioersitölsprofessor Dr. Eiselsberg das Ministerium für soziale Verwaltung übernehmen. Diese Minislerlislc soll heut« nachmittag dem hauplausschutz vorgelegt und von ihm genehmigt werdea, woraus dann sofort der Ralionalral zusammentreten wird, um die Reuwahl der Regierung vorzunehme«. « Diese Liste ist noch unvollständig, sie deutet aber auf das Be- streben, die Gegensätze nicht zu verschärfen und«inen direkten heim» wehreinfluß fernzuhalten. Während der neue Vizekanzler Vau» Schober Oeflerreichs neuer OSundeskanzler g o ri n, der offenbar das von ihm jahrelang im reaktionärsten Sinne verwaltete heeresmimsterium beibehalten soll, den Seipel- Flügel der Thristlichsozialen vertritt, gilt im Gegenteil der Landwirt- schastsminister Foedermayer als der Exponent des bisher demo- kratischen Flügels(Gürtler-Kunschak) dieser Partei. Professor Eiselsberg ist ebenso bekannt als Äliniker wie als Erzreaktionär, während I u ch ein politisch unbeschriebenes Blatt ist. Durch die Beibehaltung von Schumy, der bisher Vizekanzler war und an Stelle Streeruwitz das Innenministerium übernimmt, ist der kompromißfreundlichere Flügel der Landbündler im Ministerium geblieben. Von den Großdeutschen bleibt nur der reaktionären Ausflüssen stark zugängliche Justiz- minister Dr. S l a m a. währcnls sein Parteifreund Dr. Schürff dos von ihm fett vielen Iahren ununterbrochen geleitete Handels- und Verkehrsministerium verliert. Vorgeschichte der Krise. Wien, 26. September. lieber den unmittelbaren Anlaß, der zur Demission des Kabinetts Streeruwitz geführt hat, erfährt die„Neu« Frei« Presse": Noch gestern vormittag wurde im Schöße der Regierung und mit dem Vorstand der christiichsozialen Partei über die V e r s a s s u n g s- r e f o r m und die Regierungserklärung, die bei ihrer Einbringung in der morgigen Sitzung abgegeben werden sollte, verhandelt. En:- gegen den heute in Umlauf gekommenen Gerüchten über ein U l t i- matum des Landbundes an die Regierung, das mst der Drohung verbunden gewesen sein soll, den Vizekanzler Schumy aus der Regierung abzuberufen, wurde versichert, daß der Landbund in einem Schreiben an den Bundeskanzler bloß darauf aufmerksam ge- macht hat, die Einbringung der Verfassungsvorlagen ohne vorherige Beratung der Mehrhestsparteien erscheine ihm unzweckmäßig. Der Landbund habe gegen einzelne Bestimmungen des Regierungs- entwurfs Bedenken und finde andere Bestimmungen zu u n g e- nügend, um restlos zustimmen zu können. Zugleich machte der Landbund auf die Wirkungen aufmerksam, die sich infolg« der politi- sehen Entwicklung auf wirtschaftlichem Gebiete geltend machen. Dieses Schreiben trug dazu bei, daß im Schöße der christlichsozialen Partei die Frag« aufgeworfen wurde, wie diesen Erscheinungen auf wirtschaftlichem Gebiet« zu begegnen wäre und die Ver. trauenskrise bezüglich der Beständigkeit der inneren Verhält- nisse m Oesterreich befestigt werden könnt«. Wie verlautet, hat Finanzminister Dr. Mittelberger in diesem Zusammenhang für seine Person die Absicht geäußert, aus der Regierung auszuscheiden, und sein« Rücktrsttsabsichten in nachdrücklich st er Weise wiederholt und damit den Anstoß zur Gesamtdemission gegeben. Die neuerlich gegen die bisherigen Arbeiten auf dem Gebiete der Lerfasfungsrefvrm erhobenen Bedenken des Landbundes haben nun den Bundeskanzler Streeruwitz dazu bestimmt, bei seiner Partei die Einberufung einer Konferenz der Vertreter der Mehrheitsparteien zu beantragen, in der er die ErNärung abgab, er sei entschlossen, angesichts der politischen Situation und ihrer Auswirkung auf das Wirtschaftsleben die Reform der Verfassung einer anderen Regierungzu überlassen. In parlamentarischen Kreisen ist man der Ansicht, daß das Kabinett Schober spätestens am Sonn« abend gebildet sein wird. Nach der morgigen Sitzung im National- rat tritt der Hauptausschuß zusammen, um über die Neuwahl der Regierung zu beraten. Reichsbanner und Oesterreich. Magdeburg, 26. September.(Eigenbericht.) Wiener bürgerliche Blätter veröffentlichten heute morgen Aus> züge aus einem angeblichen schriftlichen Appell, den der Repu- blikanische Schutzbund an das Reichsbanner gerichtet hoben soll. Darin wird gesagt, daß es am 29. September losgehen wird. Die heimwehr werde auf Wien marschieren, der Schutzbund sei zum bewaffneten Widerstand bereit.„An das Reichsbanner," heißt es zum Schluß,„ergeht die Aufforderung, sich an diesem Tage eben- falls bereitzuhalten." Dazu erklärt die Bundesleitung des Reichsbanners, daß ein Schreiben dieses oder ähnlichen Inhalts niemals an sie gerichtet worden ist. Die ganze Nachricht ist offenbar von der heimwehr zu Zwecken der Panikmache in die Welt gesetzt worden. (Fortsetzung von der I.Seite.) Schon diese kurzen Angaben zeigen, welche Finon.pnächte jetzt sich zusammenschließen. Dabei sst immer wieder zu betonen, daß das Bedeutsamste nicht der Zusammenfluß der Aksienkapitalisten ist. Das Entscheidendste ist die Zusammenfassung der beiden Finanzorganisationen und die Nebeneinander- schaltung der beiderseitigen Verbindungen, Interessen und Be- Ziehungen. Im Auffichtsrat der Deutschen Bank sitzen«7 von den ÄOO Leuten, die Deutschland privatindustriell be- herrschen. Am Aufsichtsrat der Disconto-Gesellzchaft sitzen 46 solche Männer. Ihr Machtbereich, und im besonderen ihr« Beziehungen, reichen so weit, daß sie sich gegenseitig fortgesetzt berühren. Für sie ist des- wegen der Zusammenschluß der Deutschen Bank und der Diseonto- Gesellschaft eine Klärung für viele Geschäftskämpf«. Die Motive des Zusammenschlusses bei der Leitung der beiden Banken mögen zu einem Teil« die gleichen gewesen sein. Im übrigen spricht man davon, daß die leitenden Männer der Diseonto- Gesellschaft— Solomon söhn und Urb ig— sich vom Geschäft zurückziehen wollen. Das nächste wird sein, daß eine neue sogenannte Rationali- sierungswell« aus diesem Zusammenschluß entsteht. Di« beiden Bankenkonzerne werden gegenseitig ihre Kreditkonten ausdecken. Damit wird der Einblick in die finanzielle Si« t u a t i o n ganzer Industrien für diese Ba nk- direktoren in weitem Umfange vergrößert. Aber man wird nicht nur bei der Geldkreditierung rationalisieren. E» wird auch das Filialnetz sicher sehr bald neu gegliedert werden. Die Deutsche Bank beschäftigte 1926 rund 13 36 0 Angestellte und Beamte, die DiscontoGesellschaft beschäftigt« 7l>l)l> An- gestellte. Dazu kommen noch tausende von Bankangestellten in den äußerlich selbständigen Konzerninstituten. Es wird auch über diese Droletarier an der Schreibmaschine und mil dem Federhalter die Ralionalisierungswelle hinweggehen. Die Verschmelzung der Deutschen Bant mit der Diseonto- Gesellschaft beleuchtet wieder einmal blitzartig den Tatbestand, daß das Finanzkapital, wenn auch nicht immer freiwillig, so aber doch tatsächlich heute weite Gebiet« der deutschen Industrie beherrscht. Das Finanzkapital ist ein Staat im Staate. Oer Raiffeisen-Gkandal. Sine wichtige Aussage gegen Präsident Semper. In der fortgesetzten Vernehmung, des Stoatssinanzrats O g r o w s k i durch den Untersuchungsausschuß, brachte dieser zur Sprache, daß er nach reiflicher Ueberl.-gung sich erinnere, mehr- fach gegen die Kreditgewährung an die Raisseisen-Bank im Direk- torium der Preußenkasse Bedenken erhoben zu haben. Be- sonders lebhaft seien seine Bedenken gewesen, als im September 1925 die Reichsbank ein Wechselpaket zurückwies mit dem Bemerken. daß die Reichsbank Wechsel der Worenanstalten der Raifseisen- Rank für ihr Portefeuille nicht geeignet halte. Nach der Darftellung Ogrowslis ist das Direktorium der Preußenkafse hierdurch aufs äußerste bestürzt gewesen, weil man durch die Zurückweisung ersah, daß auch die Rcichsbank von dem ungünstigen Stand der Raiffeisen-Institute Kenntnis erhalten haben mußte. Ferner berichtete der Zeuge einen Fall, in dem das gesamte Direktorium beschlossen hatte, der Raiffeisen-Bank den Kredit zu sperren. Grund für diesen Beschluß war««ine Denkschrift des Freiherrn von Braun, die beabsichtigte, das Genossen- fchaftsgeschäst von der Preußenkosse aus die Reichs-Rentenbankkredit- anstalt zu überführen. Ueber diese Denkschrift sei bereits im Ver- woltungsrat der Rentenbankkreditanstalt verhandelt worden. Der Beschluß des Direktoriums sei jedoch vom damaligen Präsidenten Semper beanstandet und nicht aus- geführt worden. Präsident Semper erklärte hierzu, daß er den Beschluß beanstandet habe, weil er ihn für unsinnig gehalten hätte. Er gab allerdings zu, entgegen der Dienstvorschrift die Sache nicht noch einmal noch vierzehn Tagen zur Sprach« gebracht zu haben. Wettlauf der Lüge. Die„Rote Zahne" von der„Deutschen Zeitung" geschlagen Alles ist heutzutage Sport, auch das Lügen. Bisher hatte die „Rote Fahne" darin die unbestrittene Weltmeisterschaft. Und räch ihrer neuesten Feststellung, daß die Macdoirnld-Regi.'rung in Lon- don und die Müller-Regierung in Berlin den Krieg gegen Rußland mit allen Mitteln vorbereite, schien ihre Stellung unangreifbar. Da ober kommt die alldeutsche„Deussche Zeitung" und stellt einen neuen Rekord auf. Man höre, was sie aus Wien zu erzählen weiß! Die Wahl des bisherigen Poiizeipräsiverrteir Schober zum Bundeskanzler und des cheeresministers Vaugoin zur» Vizekanzler bedeutet imr, daß das letzte Stündlein der Austro- Marxisten geschlagen hat. Dr. Schober hat an, 15. Juli 1927 durch sein tatkräftiges Vorgehen mit Unterstützung der— damals freilich noch in den Kinderschuhen steckende»— Herr» wehrbeweg ung den von Moskau befohlenen Umsturzversuch der Bauer, Adler, Renner und Genossen vereitelt. Er ist seitdem der bei den Roten bestgehaßte Mann gewesen. Ueber zwei Jahre hindurch haben die austromarxistischen Führer jede persönliche Berührung, auch jeden amtlichen Verkehr, nrit ihm abgelehnt, bis schließlich unter dem Zwang der Verhältnisse der role wiener Bürgermeister Pollacksohn-Seih den Eonossagang antrat und ssch zu persönlichen Berhandlungen mit dem Nerhaßten bequemte.... Möge es seiner starken Hand gelingen, das rote Ungezicjer für immer aus seinen Nestern zu vertreiben, und nicht nur der alte» Kaiserstadt an der Donau, sondern auch der ganzen deutschen Südostmark den feit mehr als 10 Jahren so heiß ersehnten Frieden zu bringen. Ja, da bleibt selbst der„Roten Fahne" die Spucke weg! Da kann sie nicht mehr mit! Der Existenzkampf der litauischen Sozialdemokralie. Gegen die Entziehung der Rechtssähigkeit hatte der Partei- vorstand der sozialdemokratischen Partei Litauens seinerzeit Ein- s p r u ch erhoben. Die Verhandsung dieser Beschwerde ist immer wieder hinausgezögert worden. Nunmehr ist endlich als Termin iür die Berhandlung, die allgemein mit größter Spannung erwartet wird, der 27. Oktober bestimmt worden. Aächtliche Schießerei. Inder Gneisenaustraße.- Ein Unbeteiligter niedergeschossen kaum eine Rocht vergeht, in der nichi irgendwo Links- uud Rechtsradikale aneinander geraten und sich regelrechte Slrahenschlachten liefern. Gestern abend war der Kampfplatz die Gneisenaustraße. Hatenkreuzler und K o m in u n r st e n schlugen dort wieder einmal aufeinander ein und selbst ein Schupobeamter einer Streife war der wütenden Horde gegenüber machtlos. Der Beamte eilte darauf auf die andere Straßenseite, um von einer Gastwirt» schaft aus das Ileberfallkommando zu rufen. Der Polizist hatte noch nicht das Lokal erreicht, als plötzlich ein Schuß krachte. Ein Aufschrei ertönte; ein völlig unbe- teiligter Passant, der 34iährige Maler Ka r l Thomas aus der Vorckstroße, der seiner Wohnung zustrebt«, war von der Kugel in die Schulter getroffen worden. In schwerverletztem Zustande wurde Thomas ins Urban-Krankenhaus gebracht. Als das Uebersallkommando anrückte, hatten die Rowdys die Flucht ergriffen, sie entkamen unerkannt. Die Polizei hat die Ermitte- lungen nach dem Revolverschützen ausgenommen Feuer in einer Privatklinik. Die Gefahr schnell beseitigt. 3u den Rlillagsslunden wurde die Feuerwehr nach der Apostel- Paulus- Straße 12 in Schöneberg ge- rufen, wo im Dachgeschoß einer Privatklinik Feuer ausgebrochen war. Angestellte der Klinik nahmen plötzlich Brandgeruch wahr, und als man der Ursache nachging, wurde in der im 4. Stockwerk gelegenen Waschküche und dem angrenzenden Trockenboden Feuer entdeckt. Die Feuerwehr rückte auf den Alarm sofort mit vier Löschzügen unter Leitung des Oberbaurats Berg von der Ranke. wache an. Durch das rechtzeitige Erscheinen der Wehren konnte der Brand im Keime erstickt werden. An einer Stelle hotte sich das Feuer bereits zu dem darunterliegenden Stockwerk durchgefressen. Es wird angenommen, daß der Brand durch Selbstentzündung von Preßkohlen, die in der Waschküche lagerten, entstanden ist. Das Feuer hat offenbar schon die ganze Nacht hindurch geschwelt. Die Decken mußten ausgehauen werden, um die Brandnester, die sich überall zeigten, zu zerstören. Nach einstündiger Tätigkeit rückten die Wehren wieder ab. Die Patienten, denen sich eine begreiflich« Erregung bemächtigt hatte, konnten schnell beruhigt werden. Oer Eberswalder Mord. Damitz schildert den Verlauf der Tat. Der Mörder der Witwe Ellebrand, Johannes Damitz. der. wie bererl» berichtet, am 13. d. M. bei einem Vefuch seiner Freundin in Eberswalde festgenommen wurde und der bereits ein Geständnis abgelegt hat. ist gestern nachmittag zu einem Lokaltermin an den Tatort geführt worden. Dem Lokaltermin wohnten außer den Berliner Beamten auch Vertreter der Landjägerei und der Gerichtsbehörden bei. Die Dar- stellung, die Damitz vom Verlauf der Tat gab, zeigte viele Wider- spräche und die Annahme, daß es sich um einen vorbedachten Raubmord handelt, erscheint nicht unberechtigt. Am Montag, dem Tattage, stahl er seinem Ouartierwirt ein altes Jackett und«ine alte Hose. In der sogenannte» Oberheide oerwahrte er seinen eigenen Rock, Kragen und Schlips unter Moos, zog das alte Jackett an und über seine Kniehose die lange seines Wirtes. Seine Behauptung, daß er den Kleiderwechsel zum Zweck der Unkenntlichmachung vorgenommen habe, ist unglaubwürdig, denn Frau Ellebrand kannte ihn genau und hatte ihn bereits in verschiedenen Kleidern gesehen. Wahrscheinlicher ist vielmehr, daß er durch das 11 eberziehen anderer Sachen die eigenen davor bewahren wollte, mit Blut b«' sudelt zu werden. Er muß also von vornherein mit der Möglichkeit gerechnet haben, daß es zum Blutvergießen kommen würde. Als er den Laden betrat, war Frau Ellebrand in der Küche. Er versuchte, die Ladentass« auszurauben, konnte aber das Sicherheits- schloß nicht ausbringen. Er erinnerte sich aber von früheren Ein- täusen, daß Frau E. mit einem größeren Schein stets in ihr Wohn- zimmer ging, um ihn dort umzuwechseln. Dort mußt« also Geld zu finden sein. Während er noch sucht«, kain Frau E l l c b r a n d aus der Küche; sie hielt«ine Birne und ein Messer in den Händen. Sie erkannte den Eindringling sofort und schrie um Hilfe. Damig will die Frau gebeten haben, nichts zu sagen, weil er erst vor kurzem 7 Jahre Zuchthaus verbüßt hatte. Da die Geängstigte ader weiter schrie, habe er jetzt den starken Meißel geholt und damit aus si« «ingeschlagen. Nachdem er seine blutigen Hände gesäubert hatte, habe«r noch die Ladeukasse mit Gewalt aufgebrochen und sei geflüchtet. Er kehrte aber noch � einmal um, um den Meißel zu holen. Bisher ist noch kein Zeuge ermittelt, der den Meißel jemals im Haushalt der Frau Ellebrand gesehen hat. Es besteht daher der Verdacht, daß Damitz ihn selbst besorgt und mitgebracht hat. Ans- geschlossen ist das nicht, denn frühere Straftaten des Damitz be> weisen, daß er zu Gewalttätigkeiten neigt. Nach Abschluß der Untersrichung wird er de« Staateonwalischaft in Prenzlau zuge- führt werden. Im„Kirchkrugspiel" von Tetenbüll Bon Hans Bauer. Iaeschke und Weschke. Was treiben die„privatangefiellten"? Im Lübecker„Volksboten" behandelt der Reichstagsabgeordnete Dr. Leber noch einmal den Fall des bei der Reichswehr prival- angestellten Oberstleutnants Iaeschke. Er zitiert aus der arnt- lichen Erklärung den Satz:„Der Angestellte des Reichswehr- standortes Lübeck Iaeschke kannte Herrn Weschke persönlich aus seinem früheren Ausenthalt in Itzehoe" und führt zu ihm aus: Wie sich das harmlos anhört, als ob es sich um i r g e n d e i n e n i Garnisonschreiber handelte, der früher mal in Itzehoe Handlungsreisender gewesen war. In Wirklichkeit ist dieser Iaeschke Oberstleutnant a. D. und war bis vor kurzer Zeit A r- tilleriesührer in Itzehoe und damit Garnisonältester und Vorsteher des Ofsizierkasinos, in dem Dombenattentäter Weschke aus- und einging. Weshalb oerlieh Oberstleutnant Iaeschke seine schöne Stellung in Itzehoe? Weil die Polizei feststellte, daß unter seiner Duldung die berüchtigten Hetzer der Landoolkbewegung ihre Feste in seinem Ossizierkasino feierten, wobei unglaubliche Taktlosigkeiten gegen die heutige Staatsmacht vorkamen. Iaeschke wurde dann von seinem Reichswehramt enthoben, um als„Angestellter" des Standorts Lübeck weiteroerwendet zu werden. Pension und Angestelltengehalt trösteten ihn über den Verlust seines Postens hinweg. Dieser„Angestellte" hat dann, immer nach der Erklärung des Ministeriums, ohne Wissen seiner Vorgesetzten Verbindung mit Itzehoe? Landvolkkreisen genommen und hat sein«„Eindrücke" über diese Bewegung der Reichswehrbehörde mitgeteill. Wobei er genau das berichtete, was ihm sein alter Bekannter Weschke erzählte, daß nämlich diese ganzen Bombenleutc hormlose Mitbürger seien. Uns scheint, dah dieser Punkt der Erklärung an die Kernfrage der Angelegenheit rührt: Was sind die eigentlichen Aus- gaben dieser aus Privatdien st vertrag ange- st eilten höheren Offiziere? Ursprünglich sagte man, es handle sich um eine Versorgungseinrichtung für e n t- lassene Heeresangehörige. Davon hört man jetzt nichts mehr. Dafür erfährt man. dah sie Berichte anfertigen über gewilse politische Bestrebungen. Und der krampfhaste Eiser des Wehr- Ministeriums, womit es diesen Bericht als eine persönliche Lieb- haberei des Iaeschke hinstellt und womit es weiter betont, daß die Reichswehr ihre Erkundigungen bei den zuständigen Z i o i l d i e n st st e l l e n einziehe, ist sehr verdächtig. Denn erstens wissen wir genau, daß die Reichswehr solche Erkundigungen bei den in Frage kommenden Dienststellen niemals geholt hat. Und zweitens war bei allen möglichen Anfragen im Reichstag oder im Hauptausschuß über Dinge, die die Zioilverwaltuug genau wiiß'e, festzustellen, daß die Reichswehrbehörden völlig ahnungslos waren und immer erst Informationen ein» ziehen mußten. Die Erklärung beweist auch in diesem Punkt sür Eingeweihte das Gegenteil dessen, was sie behauptet. Diese Privatdienst' stellen sind nach wie vor Verbindungsstellen mit ge- wissen Verbänden. Und die Lübecker Persönlichkeiten, die bisher genannt wurden(neben Oberstleutnant Iaeschke der noch be- lanntere Major Tiedemann). sind ein weiterer Beweis für die Auf- fasiung. Sie hallen Verbindungen nicht nur zum.Land- v o l k"(Tiedemann, obwohl auch einfacher �.Angestellter", war dabei der Verlrauevsmann.Iaeschkes), sondern zu allen möglichen R e ch t s v e r b ä n d e ni Wenn dann das Wshrministeriüm zum Schluß mit einem milden Erleichterungsseuszer feststellt, daß die Reichswehr also in keinerlei Beziehung zu den Bombenattentaten steht, so ist auch das»ur ein- Darstellung sür sehr anspruchslose Geister. Denn niemand hatte behauptet, dah dies« Oberstleutnants und Majore mit den Bombenattentaten Verbindung hätten, wohl aber mit den Bomben- attentötern. Und das kann die Erklärung ja beim besten Willen nicht in Abrede stellen. Zum Schluß noch eine sachliche Feststellung: Die Reichs- wehr braucht angeblich Ossiziere aus Privatdienstvertrag zu Bureauzwecken, um die etatmäßigen Offiziere für den Truppendienst freizumachen. Dürfen wir darauf hin- weisen, daß die Reichswehr über zwei- bis dreimal mehr Stabs- ossiziere verfügt als die entsprechenden Einheiten des alten Heeres? Weshalb.sind dazu noch prioatangestellte Stabsoffiziere nötig? Osienbar, um unter allen Umständen das Geld unterzubringen, über das Deutschland in so reichem Maße verfügt. Das literarische Iung-Oesterreich. Vor einer kleinen Zuhörerschaft referierte gestern abeich, als Gast des Deutsch-Oesterreichischen Volksbundes, der Wiener Schriftsteller Dr. Erwin Stranik über„Das litera- rische Jung- Oesterreich in seinen Beziehungen zu Deutschland". Der informatorisch außerordentlich wertvoll« Vortrag blieb zwar in sozio- logischer und allgemein zeitkritischer Hinsicht die letzte Klarheit schul- dig. zeigte aber dennoch in der Gliederung des Materials einige interessant« Entwicklungperspektioen aus. Vor allem war die Fest- stellung bezeichnend, daß die Problem« der alten österreichischen Dichtergeneration, die sich fast ausschließlich in der Darstellung spe- zisisch österreichischer Charaktere und Seelenstimmungen erschöpften, keine Gültigkell mehr besitzen. Das k. u. k. Oesterreich ist Historie geworden. Was ist in der Literatur an seine Stelle getreten? Dr. Stranik betont, die Nachkriegszeit sei der„reinen Poesie" nicht günstig. Den jungen österreichischen Dichtern fehl««ine wichtige Boraussetzung: die Gesellschaft, aus der heraus ein Kunstwerk gestaltet werden kann. Nach wie vor schr ergiebig sei das bodenständige Schrifttum der Alpenländer— heute charakterisiert durch Nomen wie Paula Grogger, Oberkofler, Baumgärtner,— während die junge städtische Dichterschaft, unter der einige Vertreter das Tableau der Inflation packend formten(Franz Theodor Csokor. O. M. Fontana). heute weithin durch den Mangel an geeigneten Stoffen eingeengt sei. Politische Problemstellung«», so heißt es, feien verpönt. Doch wird als Ausnahmesall Rudolf Geist registriert, dessen letztes Werk„Der anonyme Krieg" mit anklägerifcher Eindringlichkeit die hintergrün- digen Akteur« des Völkermordens in» Licht rückt. Aber gerade dieser junge Wiener beweist für unser Empfinden, wohin der Kurs auch der österreichischen Literatur künftig gehen wird, gehen muß, sosern dies« Literatur eine wesentlich« Macht darstellen soll: die Literatur muß mit Weltweit« die sozialistische Aufgab« klarstellen. Der Redner schloß mit dem Appell an die reichsdeutschen Berlage, Zeitungen und Theater, das künstlerische Schaffen der jungen öfter- reichischen Dichter zu unterstützen und dadurch den Anschluß Oester. reich? an die deutsche Republik geistig schon heut« zu vollziehen. Vf. Leb. Wetter für Berlin: Weiterhin trocken und heiter bei wenig ge- änderten Temperaturverhältnissen, jedoch Frühnebel, meist schwache Luftbewegung.— Für Deulsthiand: Ueberall Fortbestand der herbst. lichen Schönwetterlage, schwache Lustbewegung. Tetenbüll— wer hatte bis vor vierzehn Togen, zu welchem Zellpunkt der Name des Dörfchens im Zusammenhang mit dem Namen des Bombenattentäters Hamkens auftauchte, des Führers der schleswig-holsteinischen Landoolkbewegung, jemals etwas von i Tetenbüll gehört! Tetenbüll, dachte ich mir, das wird also nun wohl das Gottoerlasienste auf der ganzen deutschen Erde sein: Ein hinterwäldlerisches Nest, sture Bauern dämmern dort dahin, ihr Horizont geht über die Mistgabel nicht hinaus, sie nähren sich von nationalistischen Phrasen, sehen in jedem Städter«inen Erbfeind, im Wirtshaus hocken wortfaule Gesellen beieinander, hinterhältig ihr Blick, oerbohrt ihre Meinung, der Wirt ist ein Grobian, die Wirtin trägt einen Kauz und poltert, nach Ziegenstall riechend, mit aufgeschürztem Rock durch die Stuben. In den Schaufenstern liegt Kram, gesättigt von Fliegendreck, dörren vergilbte Pappkartons dahin. Ich bin in Tetenbüll gewesen. Es liegt tatsächlich recht abseits. Man fährt von Itzehoe nach Katharinenkoog, setzt auf einer Fähre über die Eider. kommt in Tönning an, fährt mit der Kleinbahn nach Katharinenheerd. Dann muß man noch dreiviertel Stunde laufen. Ich war fast ein bißchen beklommen, als ich mich dem Dorf näherte. Würde auch nicht sensenbewaffnetes Landvolk die Gassen besetzt halten und stier und flapsig über jeden herfallen, der den Anschein erweckte, dem„großen Bauernhelden" Hamkens slep- tisch g-genüberzustehen...? Nein, Tetenbüll war ruhig. Die Leute, denen ich begegnete, erwiderten freundlich meinen Gruß. Die Straßen waren sauber. In den Schaufenstern der Geschäft« lagen eben die Atrappen aus, die man in der Potsdamer Straße sehen kann. Dann ging ich ins Gasthaus. Es hieß„Zum Kirchkrugspiel", hatte sauber gedeckt« Tische und die mich nach meinen Wünschen fragte, die Wirtstochter, war«in entzückendes junges Mädel mit kurzem Rock und Bubi- kvpf. Ich knüpfte«ine Unterhaltung an und es wurde von ihrer Seite das Gespräch geradezu kultiviert geführt. Dann fuhr ein Ausstellung des Verlages Piper. Von der Reclam-Bibliothek hat einer einmal mit Recht gesagt, daß sie sür die Entwicklung der deutschen Kultur mehr bedeute als eine ganze Serie von Kullusministern. Man kann das Wort variierend auch auf den Verlag R. Piper u. Co., München, anwendeii in Hinsicht aus die Verbreitung der Kunftkenntnis und des Kunst- geschmacks. Der Verlag, der jetzt sein 2öjähriges Jubiläum feiert, hat in der Berliner Sezession, Tiergartenstr. 2la, sein Werk ausgestellt, nicht nur die Bücher und die Mappen, sondern auch 500 farbige Faksimiles nach Bildern und Zeichnungen aller Zeiten. Ein schön ausgestatteter Katalog mit Beiträgen aus Derlagswerken und gutgewählten Bildern orientiert über das Gesamtprogramm. In der schönen Literatur steht an erster Stelle die große muster- gültige Dostojewsti-Uebersetzung, die klassisch« Gesamtausgabe der Reden Buddhas von Karl Eugen Neumann und die große kritisch« Schopenhauer-Apsgabe. Unter den neueren Dichtern ist vor allem Christian Morgenstern zu nennen. Seine Haupttätigkett yat der Verlag aber der Erschließung der Kunst gewidmet. Die ersten Namen unserer kunsthistorischen Forscher sind hier oertreten. Meier-Gräfe, Worringer, Dvorschak, Hausenstein, Wölfslin, Scheffler und viele andere haben hier ihre Werke publiziert. Daneben hat der Verlag durch große Mappenwerke dazu beigetragen, Kunstwerke alter und neuerer Zeit in größere Kreise zu verbreiten. Mit gleicher Liebe ist die alte und neue Kunst bedacht, Schongauer und Holbein, Dürer und Breughel sind ebenso gut vertreten wie Delacroix und Manet oder Gauguin und Münch. Einige der Kunstbücher haben weitest« Ver- breitung gefunden, wie etwa„Die schön« deutsche Stadt". Ein besonderes Verdienst um den Kunstgenuß hat sich der Verlag durch seine Piper-Drucke erworben. Kunstwerke ältester und neuester Zeit werden hier in vortrefflicher Auswahl in einer farbigen Reproduktion geboten, die den höchsten Anforderungen enispeechen. Die Preise bewegen sich zwischen 10 und 60 Mark. Sie scheinen zwar im Vergleich zu anderen Reproduktionen hoch zu sein: wenn man aber ihre Oualitäten vergleicht, lasten sie all«» ander« weit hinter sich, und dos verschwenderische Lob, das ihnen von Künstlern und Kunstkennern gespendet wurde, ist keineswegs übertrieben. Die Ausstellung gibt Gelegenheit, diese Urteile nachzuprüfen. Man sehe sich zum Beispiel Cranachs„Ruhe auf der Flucht" an oder Dürers „Madonnenbild" oder Rembrandts„Lachendes Selbstbildnis", man wird erstaunt sein, wie jedesmal die Eigenart des Künstlers zum Ausdruck kommt. Glücklicherweis« hat man sich nicht auf die alte und ältere Kunst beschränkt— ganz hervorragend ist die Wiedergabe der„Vier Jahreszeiten" von Breughel—. man findet auch die besten Künstler der neueren und neuesten Zeit, etwa Menz:l> Renoir, Cezanne. Wohl das Höchstmöglichst« an malerischer Wiedergabe ist in den Blättern nach Daumier und van Gogh geleistet. V. „Kluchi vor der Liebe." Universum. Scheinbar hat das„K»pp5 end" abgewirtschaftet.„Flucht vor der Liebe" wagt, mit einer Distonanz zu enden, denn der vornehme Botschaftssekretär heiratet nicht die Geliebte, die Tochter eines Schaubudenbesitzers, sondern die Trennung ist definitiv, nachdem der ebenso vornehme Botschafteroater gleich seinem Kollegen George Germont aus der„Traoiata" bedeutende Worte über Mesalliance, Karriere und Vaterschinerz gesprochen hat. Das Manuskript Viktor A b e l s ist nicht originell, aber durchaus filmisch empfunden. Schließlich interessiert sich heute ein vernünftiger Zuschauer wenig für Standesvorurteile und anhere schöne Dinge aus dem Archiv der Geschichte, wenn sie nicht eine zwingende künstlerische Form erhalte». Dies- gibt der Regisseur Hans Behrendt dem Stoff, den er ernst, ohne ironische Schlaglichter behandelt, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit. Geblieben ist seine Lieb« für das charakteristische Detail, für kleine Szenen, spielerisch aufgebaut, die das Porträt eines Menschen über den engen Rahmen der Handlung hinaus vervollständigen. Ieimo Iugo ist die Geliebte, nuancenreicher und ousdrucks- stärker als sonst. In der Abschiedsszen«, der man die Derdische ,.Traviata"-Musik als Begleitung wünscht, wächst sie über das Mittel- format und weit über ihr übliches Schema. Ennco B« u f e r präsentiert sich als Liebhaber, der sich erfolgreich zu spielen bemüht, und Kurt G e r r o n, der Schaubudenbesitzer, läßt hinter der Maske des geschäftstüchtigen Biedermannes das Herz eines getränkten Vaters ahnen. Vorher ein kleiner Tonfilm mit Morgan,«in Sketch, ein Witz mit einer guten Pointe, und die prachtvollen Stepptänzer Patti Moore und Sonny Lewis. i-.L. Lastauto vor. Der Vertreter einer Spirituosenhandlung betrat dos Lokal und setzte das wöchentliche Pensum hinter die Theke. Er machte ein paar gut« Witze, wie sie auf dem Hausvogteiplatz auch nicht besser gemacht werden können und verabschiedete sich mit lustigen Worten. Später kam ein Bauer, der gar nickst holzig, gar nicht ledern war, sondern frisch, geschmeidig von seiner Feldarbeit erzählte. Allmählich geriet das Gespräch auf Hamkens. Er sprach spöttisch von ihm, als vom„Landesvater" und gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß dieser schlechte Landwirt und Vereins- meier, von dem in Tetenbüll nur ein paar Narren etwas besonderes hielten und der sich lieber um seine Wirtschaft kümmern sollte, in Schleswig-Holstein draußen so viel gelte. So sieht es in Tetenbüll aus, Post Garding, Kreis Eidfeldte, Regierungsbezirk Schleswig. Es ist möglich, daß dieser Bauer und das nette Bubikopfmädchen am Wahltage ihre Stimme den Deutsch- nationalen geben, ich möchte es sogar für wahrscheinlich halten, aber sie tun es nicht aus innerer Ueberzeugtheit, aus Haß gegen die Republik, aus bewußter Frontstellung gegen die Ideen des So- zialismus: sie tun es aus Tradition, aus Nichtwissen um die zur Debatte stehenden Problem«, sie tun es, weil es so in den„Eid- feldter Nachrichten" steht. Wenn es auf Tetenbüll ankommen sollte — und es kommt darauf an—, denn es ist der Heimatort des un- bestrittenen Landvolkführers Hamkens und somit symptomatisch: nach Bauernkrieg riecht es in Tetenbüll nicht im entferntesten, und es ist durchaus ermutigend für jemanden, der aus einer völlig an- deren geistigen und geographischen Welt in diesen verschollenen Winkel gerät, zu fühlen, daß man sich in Wahrheit gar nicht so fremd ist und daß die städtische Vorstellung von der finsteren Ver- knöchertheit des Dorfes nicht weniger falsch als die bäuerliche Vor- stellung von der degenerierten Verluderlheit der Großstadt ist. Der Bubikopf, die Vorlieb« für eine lustig« Unterhaltung, die ironische Haltung gegenüber einem radikalen Schwätzer haben Tetenbüll be- rcits teilweise erobert: das andere wird sich auch noch finden. „Tannhäuser." Staatsoper Unter den Linden. Im Oktober 1928 ist hier die Wiederaufnahme des Dresdener Ur-„Tannhäuser" als Verdienst und zeitgemäße Tot der Städtischen Oper gepriesen worden. Unmöglich, im September 1929 die Er- Neuerung des Pariser„Tannhäuser" als Tat und Verdienst der Lindenoper zu buchen. Doch, Pariser oder Dresdener Fassung, Tannhäuser bleibt Tannhäuser: in so kurzer Zeit die zweit« Neu- inszenierung desselben Werks, das ist«ine Spielplanwirtschaft, tue weder planvoll noch wirtschaftlich genannt werden kann. Die un- vergleichliche, unoergeßlich« Elisabeth der Städtischen Oper, Maria Müller, ist nun auch die Elisabech der Lindenoper: nächstens vielleicht wird sie wieder aus der städtischen Bühne erscheinen— so, wie man Fidesser, den Florestan, mit dem er der„Fidelio"- Aufführung der Republik-Oper angehört, bald in der Bismarck- straße, bald Unter den Linden singen läßt. Vor acht Tagen hat Generalmusikdirektor Blech„Samson und Dalila" in Charlotten- bürg, gestern hat er„Tannhäuser" in Berlin herausgebracht. Opern wandern, Sänger wandern, Kapellmeister wandern: die Unter- schiede, die Grenzen verwischen sich. Nur die Republik-Oper— dank ihrem sozial-kulturellen Programm, dank der Führerpersönlichkeit Klemperers, dank der konsequenten Zielbewußtheit des Intendanten Legal— wiedersetzt sich dem Prozeß der großen Angteichung. Aber Stadt- und Lindenoper sind in der wechselseitigen Annäherung nun so weit, daß man sich bald ernstlich wird fragen müssen, wozu wir da noch zwei Häuser mit dem Luxus getrennter Verwaltungen brauchen. Besser Verschmelzung als Groß-Berliner Wandcroper. Jännhäuser ist Lauritz Melchior, Sänger von außerordent- lichen Stimm-Mitteln: in der Darstellung mit fesselnden Einzel- heilen, doch die sich nicht zu einem einheitlichen Bild fügen. In den übrigen männlichen Rollen ein ungewöhnliches Aufgebot schöner Stimmen: voran Schluß nus als Wolfram: und List, Ro s- waenge, Jätens. Aber die dramatische Rolle der Venus, von Wagner nachträglich mit Isolde- und Kundry-Zügen ausgestattet, ist mit einer undramatischen Altistin nicht glücklich besetzt. Für das musikalische Gesamtniveau der Aufführung gibt die Unfehlbarkeit Leo Blechs Gewähr: das alt« Werk in sozusagen neuschöpferischer Ursprünglichkeit zu ergreisen, war wohl nicht seine Sache. Franz Ludwig Hörths, des Operndirektvrs, anspruchsvolle Regie läßt solchen Willen zur Erstmaligkeit des Neuerlebens spüren: richtiger, sie verrät den Vorsatz und di« Absicht. Auf den gewiß zeitgemäßen Vorstoß in die Mentalität des Tonfilms— bildhafte Verdeutlichung der Ouvertüre— hätten wir nicht ungern verzichtet. Aber die Frag« ist erlaubt, welche aus dem Geist der Gegenwart geboren« Forderung dem Regisseur oerbietet, im zweiten und vierten Bild, wie wir s von Wagner und von altersher gewohnt sind, di« Wartburg zu zeigen, die nun einmal dazu gehört? Und daß im zweiten der Austritt der Pilger fehlt, war«in dramaturgisch- operativer Eingriff und Fehlgriff, der nicht zu erklären und nicht zu rechtfertigen ist...„Diese Tannhäuser-Aufführung reift di« Städtisch« Oper in die Höh« ihrer größten, unvergleichlichsten Abende", stand vor eis Monaten im„Vorwärts": man hätte daran lieber nicht erinnern'sollen. IC iP. 216 religiöse Sekten in den Vereinigten Staaten. Nach einer Zusammenstellung von Charles W. Ferguson gibt e» 216 verschiedene religiöse Glaubensbekenntnisse in den Vereinigten Staaten. Darunter befinden sich 19 verschiedene Formen des Metho- dismus,. 18 baptistisch«. 9 presbyterianische Sekten und 22 ver- schieden« Zweig« der Lutherischen Kirche: die Mennoniten haben 17 Sekten und die griechisch-orthodoxe Kirche scheidet sich in sieben Abteilungen. Außer diesen wichtigsten Kirchen, �u denen noch die Römisch-Katholischen und die Juden kommen, gibt es mehr als 100 kleinere Sekten, deren Namen und Glaubenssormen dem durch- schnittlichen Amerikaner unbekannt sind. Viele dieser Sekten sind aber recht verbreitet und haben Anhänger bis zu zwei Millionen. „Weit entfernt davon, in einem Zeitalter des Unglaubens zu leben," erklärt« Ferguson,„befinden wir uns in einem Zeitalter unglaub- sicher Glaubensstärke. Wir können als kein irreligiöses Volk be- zeichnet werden: wir sind so religiös, daß sogar nicht selten dar- aus ein Zerrbild der Religion entsteht." Die Sowjek« und der Zirkus. Die russisch« Sowjetregierung, die dem Zirkus als Zerftreuungsmittel für das Volk große Bedeutung beilegt, hat beschlossen, neue feste Zirkusgebäude in Stalingrad. Irkutsk, Archangelsk, Minsk und. einer Reihe weiterer Städte zu errichten. Außerdem sollen 30 Wanderzirkusse zusammengestellt werden, die das Land bereisen sollen. Für diese Pläne sind fünf Millionen Mark bereitgestellt worden. (Sin Kuckucksei. Oichierakademie und staatsfeindliche Schulprämie. Das Zentralblatt für die gesamte UnterrichtsverwaltunK Pmihens— also das amtlich« Organ des Preußischen Volksbildungs- Ministeriums— oeröfstntlicht« in seinem 10. chest vom 20. Mai 1929 «ine Liste von Werken, die nach der Meinung der Preußischen Dichterakademie bzw. einzelner Mitglieder als Prämien für Schüler höherer Lehranstalten bzw. zur Aufnahme in Bibliotheken geeignet seien. Zwar erfolgte diese Veröffentlichung im nichtamtlichen Teil, aber immerhin doch im amtlichen Organ des Ministeriums. Als letztes empfohlenes Werk stand da:„Das Reich als Republik von August Winni g". Unglaublich zwar, aber es ist wirklich so. D.-s amtliche Organ eines republikanischen Mi- nisteriums empfahl für Schüler ein Buch, das in jeder Hinsicht staatsfeindlich ist und dessen Verfasser diesen Staat auf das heftigste angreift. Winnig, dieser Kapp-Putsch-Teilnehmer, dieser Leitartikler der „Berliner Börsenzeitung", dieser Herausgeber der Zeitschrift„Der Widerstand", dieser„Altsozialist", wird dem heranwachsenden Ge- schlecht der Republik als Prämie in die Hand gespielt, und gar noch mit Hilse der Organe der Republik selbst. Es ist dabei humoristisch, daß diese Ehr« durch dos Ministerium einem Manne erwiesen wird, der den preußischen Kultusministerien das Zeugnis ausstellt, sie seien„ahnungslos« Spätlinge der Ausklärung", aber„begeistert wie die jugendlichen Ve- wunderer Rousseau- vor ISO Iahren"(S. 311). Und das im Amts- blatt des Ministeriums selbst:„Ahnungslose Spätlinge". Wir können aus der überlangen Reihe der die Republik herab» letzenden Stellen dieses Pamphlets nur einige herausheben. Deutschland ist diesem heute noch von der Republik bezahlten früheren Oberpräsidenten a. D. vom„Fremd- und Spätgeist" bc- herrscht. Diesem Staate fehlt„das Bewußtsein der Selbstherrlich- keit".„Da- Wort von der Hoheit des Staates wirkt als inhaltslose Phrase und tote Formel"(S. 337).„In seinem(des republikanischen Geistes) Machtbereich ist jeder Ausdruck deutschbewußten Geistes geächtet, und es hat sich der Widersinn herausgebildet, daß es als staatsfeindlich und staatsgefährdend gilt, für die Freiheit, Größe und Machterhöhung des Staates zu arbeiten und einzutreten" (S. 340). „Im republikanischen Deutschland ist die militärische Ohnmacht des Staates zu einem Glaubensartikel geworden"(S. 340). Welche Begeisterung müssen die Schüler hieraus gewinnen I Da zieht Winnig gegen die Entfernung der Kaiserbilder aus den Schulbüchern zu Felde; da behauptet er gegen alle Wahrheit, das Gebet und das Kirchenlied seien aus den Schulen und Kranken- Häusern entfernt worden, atheistische Schulaufsichtsbeamte ließen sich Ausschreitungen zuschulden kommen, der Gegensatz zur Justiz rühre vom„Spätgeist" her. Da wird dem Staate vorgeworfen, er stehe nicht da, wo das Gewissen der Nation lebt und ihr Herz schlägl. Er stehe unter der Herrschaft derer, die„selber Hörige eines fremden Geistes sind, für welche die Nation ein überwundener Begriff ist" (S. 341), ja, diesen, Staat wird vorgeworfen, er habe aufgehört, Ausdruck des volklichen Lebenswillens zu sein, und er werde ein Werkzeug zur Niederholtung des natürlichen Dranges nach natio- naler Freiheit und Größe"(S. 341). Daß die Reichsfarben in Beziehung zu Deserteuren und Fran- zosensöldlingen gebracht werden(S. 114), nimmt nach dem Vorher- gegangenen nicht mehr wunder. Nichts weiß dieser„Geschichtschreiber" Winnig davon, daß Weimar das Reich rettete. Der Nationalversammlung wirft er vor, sie sei beherrscht gewesen von dem„Geiste des Kleinmuts, der Ent- sagung und Unterwürfigkeit, der Domestikation"(S. 167). Und wie hier mit bösem Willen ein Zerrbild gezeichnet wird, so werden den Staatsmännern, die das Reich aus dem Zusannnenbruch retteten, Zeugnisse ausgestellt, die sie in den Augen der urteilsunfähigen Jugend geradezu verhabt erscheinen lassen müssen. Zwar läßt Winnig Ebert, Scheidemonn, auch Hellpach und beschränkt auch Naumann gelten, aber all« anderen werden mit nationalistischer Phrasen- drescherei abgetan. Der Widerstand im Ruhrkampf wurde nach Winnig durch die bodenständige Industrie und die hinter ihr stehende Landwirtschaft geleistet(S. 252), die Interessen der raumgelösten(!!!) Wirtjchasts- kräfte, der Banken ujw. aber„legten sich bald als hemmender Druck auf die Führung des Kampfes"(S. 253). So ist Winnig der weitere Ruhrkampf nichts als aufgetragener und bezahlter Streik"(S. 253). Den Sozialdemokraten, Gewerkschaften und dem deutschen Ar- beiter wird das nationale Bewußtsein abgesprochen(S. 325, 361, 327), ja Winnig hat die Stirn zu schreiben, sie seien dem politischen Geist des Westens Untertan und empfingen von ihm ihr« politischen Ideale und Losungen(S. 327). Damit aber nicht genug: Die �nationale Opposition" hat W.s ganzes Herz.„Es war selbstverständlich, daß der Unwille über solche Haltung(der Regierung gegenüber dem Friedensdiktat) hell aus dem Volke herausschlug. In dieser Zeit wurde die nationale Bewegung zur Opposition"(S. 190).„Es hatte sich in ihnen(den Selbstschutz- verbänden) der best« Teil des Frontsoldatentums zusammengefunden" (S. 191). Man fühlt dos starke Bedauern W.s darüber, daß der Staat endlich die Fememörder faßte.„Damit(mit der Annahm« des Friedensdiktates) nahm man(nämlich das Kabinett) dem Volke das Letzt«, was es aus dem Zusammenbruch gerettet hatte, man nahm ihm den Glauben an sein Recht, man nahm ihm den Stolz auf sein Opfer"(S. 191). Brauchen wir noch werter Zeugnis wider dieses Mannes Mach-- werk, das das Organ des Preußischen Volksbildungs» Ministeriums durch die Dichterakodemie für geeignet hält, als S ch u l p r ä m i e und für Büchereien empfohlen zu werden? Kein anderes Geschichtswerk wird empfohlen, keines von Delbrück, keines von Ziekursch, Wüssing. Brandenburg, Valentin. Nein, ausgerechnet das einer ausgesprochenen Staatsfeindschast. Es wird nur wenig« geben, die diesen Vorgang nicht als einen der größten Ungeheuer- lichkeiten ansehen, die sich im Volksstaate bisher ereignet haben. Das Buch ist ein Schlag ins Gesicht der Republik. Und das empsiehlt man als Auszeichnung! Man kann das Urteil darüber kurz so zusammenfassen: Hier wird dem Nachwuchs der Republik ein Mittel unwahrster Geschichtz- klitterung in die Hand gespielt, das natürlich jede Hochachtung vor diesen! neuen Staat und seinen aufkeimenden Kräften vollkommen untergräbt oder gar im Keime ersticken muß. Wer trägt die Ber- antwortung für diesen ungeheuerlichen Vorgang? Und was gedenkt das Ministerium zu tun. um den angerichteten Schaden zu beseitigen und weiteren zu verhüten? Was auch, um den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen? Wie konnte ein solches Kuckucksei in das Nest der Republik gelegt werden. Oberstudiendirektor K. Müller. Donnerstag, 26. September. Berlin. 15.30 Weil: OrienUliselier Bazar. 16.00 Chefarzt Bendix: Die Berliner Kassen-Ambulatorien. 16.30 Hans Sochaczewcr liest eieene Dichtunzen. 17.00 Konzert, 18.15 Schach-Stunde.(Mimzowitsch und Nebermann.) 18.45 Heitere Kunstfertigkeit. 19.35 Heilfron: Rechtsfragen des Tages. 30.00„Louis Ferdinand Prinz von Preußen." Von Fritz von Unruh. Könizswnsterhausen. 16.00 Die Rechenmethodik der Volksschulen und der höheren Schulen. 16.30 Ernst Lissauer liest aus eigenen Werken. 17.00 Nachmittagskonzert. 18.00 Müller-Jabusch; Weltpolitische Stunde. 18.30 Spanisch für Fortgeschrittene. 18.55 Urbach: Düngemittellehrgang. 19.30 Hausdorf: Künstlerische Werbetätigkeit, 30.00 Nänie. Von Schiller. Für gemischten Chor und Orchester, op. 82, kom. poniert von Brahms. 20.20 Von Leipzig: Volkstümliches Orchesterkonzert. 21.00 Chaplinaden. 21.20 Hausmusik aus klassischer Zeit. üetantroortlid) für die Slebaltitm: Frenz Jtlfihs, Berlin: Anzeigen: Th. Elutte. Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag®. m. b. S.. Berlin. Druck: Vorwärts Buih. htuictel und Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW 68. Linbenftraße 3. Sietin I Beilage. Donnerst. 26. 9. Staats-Oper Unter d. Linden A.-V. 202 19 Uhr Schatz- gräber Staats-Oper Am Ptd.Republ. Vorst 54 19-,- Uhr Der Freisdifltz Donnerst, 26.9. SfödL Oper Bismarckstr. Turnus I 20 Uhr Ii Staat). Sdiaasph. am Gendarmenmarkt A.-V. 179 20 Uhr Haas im Sdinakeolodi Staat!. Sehiller-Theater.Cbaritli. 20 Uhr Der Kaufmann y. Venedig Gustav Härtung Renaissance-Theater Ueber 50 Mal; 71t Ubr Die heilige Flamme v. W.S.Maugham. SegirGust. Härtung steinplatz 0 1. 0901 u. 2583/04. Hardanbernatr. 6 I I neu«i Freitag, den 27. Septbr. nadun. 5 Ohr 3ür den Sierm kauft man gut und preiswert Hüte, Mützen, Oberacmdcn, Krawatten, sowie alle mouernen Herrenartlkei im:dpezia!geschäft 3>aMl Itlenasel Küpenick, Scfalo�strake 17. Vereinshaus .Vineta" vv Vinetaplatz 7 Verkehrslokai der SPD. und Gewerkschaften. Inhaber Max Dahin. 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Heute ist der Fischfang an den Lofoten industrialisiert. In diesem Sommer sahen wir ein Flugzeug, das nach Heringszllgsn spioniert«... Nach Mitternacht kamen wir in S v o l v ä r an, einer kleinen Stadt und wichtigen Station, die auch einen guten Fischerhafen besitzt. Aus jenen Zeiten, die von Hamsun und Bojer be- schrieben werden, sahen wir»och die Spuren: die großen Handels- Herren sitzen fest in jenen kleinen Städten, sie sind auch heute noch die ungekrönten Könige und beherrschen durch ihre wirtschaftliche llebermacht das ganze Gebiet. In Svolvär gibt es drei Hotels, zwei Banken, viele Kaufläden, in denen man Zigarettenetuis mit dem Bilde von Amundsen kaufen kann: das alles gibt es. aber kein Krankenhaus! Auf den ganzen Lofotinfeln gibt es kein Kran kenhaus. Das Krankenhaus liegt viele Fahrt- stunden entfernt in Bodö... Wir fahren am nächsten Tag mit einem Motorboot nach einer Felseninscl, lassen die hohen Berge hinter uns, neue Gebirge wachsen aus dem Aleer. Die Brandung zerbricht sich an den Klippen und Schären, die schwarzen Kormorane erheben sich schwerfällig aus dem Wasser, die großen wilden Mooen quaken und schreien. Ueber eine Stund« fahren wir, wir sehen«inen Leuchtturm und viel« Schiffsmarkie- rungc», und dann öffnet sich vor uns der Ocstnessund und zeigt seine zerrissenen, schneebedeckten Berge. Di« Insel, auf der wir einige Wochen bleiben, ist typisch für lie ganz« Landschaft. An ihren Rändern liegen zwei, drei klein- Dörfer, verstreute Siedlungen und Gehöfte. Die hohen Felswände f eigen steil empor, auf dem versumpften Plateau liegen zwei Seen und viele Moore, auf den Matten weiden hörnerlos« Kühe, draußen aus den Schären bleiben auch im Winter die schwarzen Schafe. An den geschützten Stellen der Insel liegen klein« Felder: Kar- toffeln werden angebaut, der Hafer schießt in die Halme. Gemüse- becte sind durch alte Fffchernetze vor dem Vieh geschützt. Ueber den alten mit Gras gedeckten Holzhäusern wipscln einige Birken oder Ebereschen. Die Wiesen sind fett und oersumpft oder vom Geröll der Berg« verschüttet. Der kurz« Sommer zaubert seine Blume» hin: wilde Stiefmütterchen und Glockenblumen. Nach den Bergen zu blühen Pechnelken, wilde Rosen, Heidekraut. Heidel- beeren, Multebecren und Himbeeren wuchern. Wacholder klettert über die Steine. Mächtige Farne entfalten sich. Kleine Birken und Eschen wagen sich in die Höhe und sind kümmerlich und stürm- zerzaust. Die Berghänge und die Wiesest duften. Im Salzwind des Meeres schwebt der Geruch von Fischen und Tran. Der weiße Korallcnstrand leuchtet. Die Inselbewohner sind Fischer und bearbeiten im Sommer ihre Felder und Wiesen. Im Juli wird Torf gestochen, Heu ge- erntet, das Vieh versorgt, ein wenig gefischt und für den Winter vorbereitet. Jni Winter brausen die Stürme, das Meer ist auf- gewiegelt, aber laßt das Meer brüllen und zischten, im Winter kommen die vielen Fische, die Dorsche rücken an. Sagenhafte Schwärme kommen vom Ozean und schwimmen in riesenhaften„Fischbergen", die bis zu SV Meter hoch sind. Im letzten Winter zum Beispiel wurden rund 3v Mil- lionen Stück Dorsche gefangen, das sind 8V Millionen bis 9V Mil- lionen Kilo Fisch. Und im Winter sind auch die großen Lohntage für die Fischer. Der Fang wird sofort bezahlt. Für ein Kilo Dorsch gibt es acht bis zehn Pfennige. Die Köpfe, die Gräten und die Leber der Fische w«rden extra aufgekauft und berechnet. Ilngesähr-lv Pfennige bringt ein Dorsch von drei Kilo Gewicht dem Fische�. Was verdient nun ein Fischer im Jahr? Der Mann, bei dem wir wohnten, hatte mit sei»«n drei Söhnen bei den großen Fischzügen 12 000 Dorsche gefangen. Also kommt auf den Mann jür drei bis vier Monate schwer« Arbeit rund 1000 Mark... Das Hauptgeschäft machen natürlich die großen Händler und auch die Fischmehlsabriken. Den Letzten beißen die Hunde, und die Letzten sind die Fischer, die nur mit kleinen Prozenten am Fang beteiligt sind. Wir sahen an d«n Fels«nküsten überall die großen Holzbaracken stehen, in denen die Wintersischer hausen. Es sind primitive Hütten und nur so hingestellt für einige Stunden Rast während der angestrengten Arbeit auf dem Meer. Die Fische müssen gefangen werden, w«nn sie kommen. Und sie werden auch gefangen, mit den Netzen, mit den Angeln, sie werden ans Land geschleppt und geschlachtet. Sie werden ganz aufgeschnitten, gesalzen, aus den Felsen getrocknet und dann zu- sammengestapelt. Das sind die sogenannten„Klippfische", weil man sie„klippct", also spaltet. Aber man dörrt auch den Dorsch und hängt ihn auf Holzgestelle bis in den Sommer hinein. Die Fische werden dann hauptsächlich nach Bergen oersrachtel und nach Spanien verkauft. Spanien liefert dafür an Norwegen'«in bestimmtes Ouantum Süßwein. Als die H a n> a in Bergen re- gierte, machte sie den ganzen Norden von sich abhängig Die Hansa wurde ausgelöst, die Abhängigkeit des Nordens vom Süden ist geblieben. Der Norden will sich selbständig machen, wirffchasllich unab- hängig. und zu diesen Versuchen gehören auch die sechs Fabriken sür Fischmehl, die auf den Lofotinseln liegen. Jnteresiant ist die Geschichte einer kleinen Siedlung. die wir besuchen. Der Ingenieur spricht Deutsch, er hat in Darm- stadt studiert und die Deutschen sind überhaupt in Norwegen be- liebt. Zuerst kommen die Engländer, sie brachten ja viel Kapital ins Land und stellen jetzt noch die meisten Touristen. Also die Engländer kamen in das kleine Nest vor fünfzig Iahren als Kapi- talisten und machten eine Fischmehlfabrik auf. Sie setzten in diese heroische Landschaft die häßlichen Blöcke ihrer Anlagen, baulen Line LandungÄ> nicke sür de« Schisse, erhoben den Ort zur Station Von Max Barthel und kauften die Millionen Dorschköpfe und Gräten auf. Sie sorgten auch für das Wohl der Arbeiter: sie richteten einen großen Kauf- laden ein, in den, es alles zu kaufen gibt: Margarine, süßes Weiß- brot, spanischen Wein, Bananen, Geschirr, Manufaktur usw., sie stellten eine Reihe liebloser Wohnhäuser hin, und das alles grup- pierte sich um die Fabrik, um die toten, stinkenden Fifchköpfc und stachlichen Gräten. Diese Fabrik gehört jetzt einer norwegischen Gesellschaft. Englisch oder norwegisch, es ist alles eins: der Stundenlohn be- trägt 70 Oere, davon kann kein Fett angesetzt werden, und dann fließt der Verdienst in der Hauptsache eben durch den Kaujladen wieder in die Tasche der Gesellschaft. Di« ehemals freien Fischer sind Proletarier geworden. Die Gewcrk- schaft ist sehr schwach, aber der ganze Norden ist radikal. Von den 14 Reichstagsabgeordneten des nördlichen Norwegens sitzen g Ver- treter der Arbeiterprtei im Storthing in Oslo... Auch an dieser Fabrik also stinken die hohen Stapel der Köpfe und der Gräten in den Himmel. Diese Bude verarbeitet im Jahre vier bis fünf Millionen Fischköpfe. Für 100 Köpf« oder 1000 Gräten zahlt die Gesellschaft dem Fischer 2 Kronen� Der Betrieb ist sehr einfach: die Köpf« und die Gräten werden in groben Mühlen zer- mahlen, gehen in feinere Mühlen und rieseln als weißer: geschmack- loser Staub in die bereitgestellten Säcke. Die Hauptabnehmer für norwegisches Fischmehl sind die deutschen Schweine- Züchter. Die Fabrik stinkt, aber das Geld stinkt nicht, und so ist alles herrlich eingerichtet auf der Welt... Wir verlassen dies« Fabrik und sehen dann von unserem Hause die Küste leuchten. Dort hinter den Schneebergen liegt H a m- s u n d, die kleine Siedlung, die dem großen Dichter Knut P e h- d e r s e n den Namen gegeben hat. Fast alle Romane Hamsuns spielen im hohen Norden, und wir sehen sein« Menschen leibhaftig um uns: die Ortskönige, die einsamen und melancholischen Schwärmer, die kühlen Rechner und die demütigen Trottel, die verschlossenen Bauern, die geschwätzigen Weiber und die schönen, triebhaften Mädchen. Wir sprechen auch über den Dichter mit einigen Leuten. Sic kennen ihn, aber sie lehnen ihn ab. Er ist ihnen zu heidnisch. Wir gehen noch nach Witternacht an den weißen korallenstrand und sehen die hängenden Büsch« des Tangs, wir wandern nach den Schären, wenn die Ebbe zurückgeflutet ist, wir klettern auf die Berge und waten in den Sümpfen, die Elstern schreien, wir sammeln Muscheln, Heidelbeeren und Pilze, wir starren auf die märchenhaft« Lofotenwand mit den Bergen, die manchmal wie Krater aussehen, wir sind faul, wir arbeiten, die Tage vergehen, wir vergessen die großen Städte und ihreii''Tumult. Wir streifen aus der Insel um- her und fahren eines schönen Tages nach dem Trollsjord. Von der Landungsbrllcke springen junge Burschen ins Meer. Unter ihnen leuchtet der röeiße Sand, dunkeln die Gärten des Tangs. Die Mädchen haben ein Boot genommen und fahren nach den Schären ins Bad. Das kleine Motorboot kncitert heran, die norwegische Fahne flattert, wir fahren an den Schären und an den badenden Mädchen vorüber, Enten fliegen auf, Mövcn schreien, Quallen treiben in der grünen Flut. Dann fliegen die Lummen auf oder tauchen unter, Kormorane erheben sich schwerfällig und sausen davon. Die Berge blühen im Licht, ihre Schneefelder schim- mern. Ja, und nun hebt«in Seehund seinen runden Kopf aus der Flut und verschwindet blitzschnell. Manchmal verirren sich auch junge Wale hierher. Wir biegen in den Oestnessund ein. Unsere Insel zeigt ihre ausschweifenden Gebirge, ihre Tele- graphenstangen und kahlen Widen. Wir sehen einsame Siedlungen und Höfe daliegen, und die Birkengebüsche sehen wie Olivenhaine aus. Auf einem Felsen am Meer stehen drei Kühe und glotzen uns nach. Wir lassen sie glotzen und wenden uns den unerhörten Bergen auf der linken Seite zu, die gelassen aus dem Sund auf- steigen und ihre Dolomitcnkette tausend Meter hoch aufbauen. Manchmal stürzt ein kleines Bächlein von den fernen Firnen und Gletschern. Moränen fallen versteinert in die Tiefe. Schneefelder grüßen. Aber über dem Schnee grünt smaragdenes Gras, leuchtet das Moos. Das Boot jagt weiter und treibt viel« Kolonien schwimmender Möven, Lummen und Kormorane hoch. Und vollkommen geschichtlos kauern einige Fischerhütten am Strand. Kein Grün, kein Gras, kein Feld und kein Garten ist um sie. Nur der nackte Stein. Von Westeraalen starren Schneeberg«. Es ist märchenhaft schön. Viele Felsen sind von der Gewalt des Eises zersprengt und klaffen mit langdahinlaufenden Rissen. Dann kom- mcn wir in den Raftsund und bald liegt vor uns ein Juwel: der T r o l l f j o r d, eine schmale Rinne, die alle Sterne der Reffe- Handbücher tausendfach verdient. Ja, dieser Fjord ist ein Wunder. Gegen achthundert Meter hoch stellt sich«ine gewaltig« Wand aus dem Wasser, wir fahren, starren, sind still, und dann sehen wir die Gletscher und die mit ewigem Schnee bedeckten Zacken und Zinnen hoher Berge. Kein Mensch ist zu sehen, kein Touristen- schiff lärmt in billiger Begeisterung. Nur die Einsamkeit musiziert und läßt das leise Donnern abstürzender Wasserbäch« laut werden. Wir drosseln den Motor ab, wir landen und steigen durch ver- sumpfte Wissen, in denen die Farne wuchern, nach dem großen Gletschersee empor. Di« dünnen Birkenwälder liegen bald hinter uns. In den reißenden Gebirgsbächen blitzen Forellen. Wir mühen uns auf unkenntlichen Wegen in die Höhe, der Schweiß rinnt, der Wind von den Schneefcldern kühlt, wir steigen und steigen, und dann siszen wir atemlos auf einem Hügel und sehen unter uns den Gletschersee liegen, das cisklare Gefäß reinster Schönheit. Die Sonne flammt. Auff dem grünen Gewässer schwimmen Eisschollen Die Welt ist schön. Und als wir endlich abstiegen und den Fjord vor uns sahen, war dort der Teufel los. Im Waffer jagten Delphin« oder Seehunde. Zu vielen Hunderten sprangen da die silbernen Fische aus der Flut. Sie sprangen vergebens. Ueber dem Wasier lauerten die blitzenden Möven auf das zappelnde Futter. Generaistreik anno 1793 Eine bedeutsame Episode aus Breslau Es ist eine viel verbreitete, aber trotzdem irrige Annahme, daß die Streikbewegungen erst eine Folge der modernen Arbeitsentwick- lung seien, und daß man in früheren Zeiten einen allgemeinen oder „Generalstreik" überhaupt nicht gekannt habe. Demgegenüber dürfte es von Interesse sein, nähere Einzelheiten von«in«m Generalstreik kennenzulernen, an dem sich im Jahre 1793 sämtliche Hand- wcrker und Arbeiter Breslaus beteiligten, zu dessen Unterdrückung sogar Militär aufgeboten wurde, der aber trotzdem mit einem vollkommenen Sieg der Ausstündigen endete. 'In dem genannten Jahre hatte ein Schneidergeselle, ein Ungar, aüs unbekannten Gründen den Dienst seines Meisters verlassen und war trotz wiederholter Aufforderungen nicht zu ihm zurückgekehrt. Nach den damals in Breslau bestehenden polizeilichen Bestimmungen wurde ein Handwerksgeselle, der seinen Meister ver- ließ, ganz gleich, welche Gründe vorlagen, sofort ins Ge- sängnisgefetzt und dies geschah auch in d«m vorliegenden Falle. Darauf legten alle übrigerr Schncidergesellen der Stadt die Arbeit nieder und zogen vor das Polizeihaus, um die Freilassung ihres verhafteten Kollegen zu fordern. Dies« Freilassung er- reichten sie aber nicht, sondern sofort wurden„w-aen Aufsässigkcrt" weitere hundert Gesellen vom Platze weg ver- hastet, denen bald daraus die Verhaftung aller Breslauer Schneidcrgesellen folgte, weil sie sich weigerten, die Arbeit aufzu- nehmen. Auf die Kunde von dieser Gcwaltmahregcl traten alle übrigen Arbeiter und Handwerksgesellen der Stadt in den Streik, es waren dies Schmiede, Maurer, Schlosser, Zimmerleute, Bauhandwerker, Schuhmacher usw., so daß jede Arbeit in der Stadt stockte. Angesichts einer solchen Streikausdehnung, die man in den polizeilichen Kreisen denn doch nicht vorausgesehen hatte, würde man gern die oerhafteten Schncidergesellen wieder in Freiheit gesetzt haben, nun aber, da sich alle übrigen Arbeiter mit tihnen sali- dorisch erklärt hatten, weigerten sie sich, das GefängnisGrüher zu verlassen, als der unterdessen heimlich ausgewiesene ungarische Kollege wieder nach Breslau zurückgekommen fei. Da man mit polizeilichen Mitteln der Bewegung nicht mehr Herr werden konnte, so wandte man sich an den Befehlshaber der in Breslau liegenden preußischen Truppen, der auch sofort das gewünschte Militär zur Verfügung stellt«. In den ersten Tagen waren die militärischen Erfolge den Streitenden gegenüber sehr gering, da man trotz aller Versprechungen und Drohungen den Wider- stand der Arbeiter nicht brechen und sie nicht zur Aufnahme der Arbeit bewegen konnte. Darüber erbittert, fuhr man jetzt Ge- schütze auf, und zwar mit solcher Wirkung, daß von der ersten Salve 37 Streikende sofort getötet und 44 verwundet wurden, von denen später noch weitere lö starben. Der preußische Minister v. 5) o y m, d«r sich damals in Breslau aufhielt und erkannte, daß er trotz seiner Kanonen den Streikwillen der Ausständigen nicht zu beugen vermöge, gab angesichts des vergossenen Blutes nach und ver- kündete eine allgemeine Amnestie, wobei der Uebereifer der Truppen ausdrücklich hervorgehoben wurde. Zugleich mit dieser Amnestie erklärte Hoym, daß die Getöteten auf Kosten des Staates mit militärischen Ehren beigesetzt werden sollten, ebenso werde der Staat die Pflegekosten sür die Verwundeten tragen und den Hinter- bliebenen der Opfer besondere Pensionen aussetzen. Die inhaftierten Schneidergesellen sollten sofort aus dem Gefängnis entlassen werden und für die versäumten Arbeitstage eine Entschädigung erhalten. Mit dieser Lösung allein waren die Ausständigen nicht zusrieden. Sie erklärten, im Streik oerharren zu wollen, wenn nicht der heimlich aus Breslau ausgewiesene und über die Grenze geschaffte Kollege zurückgebracht würde. Auch hierin gab die Regierung nach und der Ausgewiesen« wurde nicht nur von den übrigen Schneider- gesellen am Weichbilde der Stadt erwartet und in feierlichem Zuge zur Schneiderherberge geleitet, sondern auch von den Regie» rungsvertreter wieder„ehrlich" gemacht. Dies geschah dadurch, daß der Kammerreferendar v. K a m e k? ihm beim Betreten der Stadt „Gesundheit und Willkommen" zutrank und sodann mit ihm in alle Handwerksherbergen zog, wo der Heimgekehrte sein« Kollegen und die übrigen Arbeiter begrüßte. Dr. Karl Hauck. Vinetas Untergang Das sagenhaste Dineta hieß eigentlich Iumneta, lag an de. Mündung der Swine und wurde um das Jahr 1119 von dem dänischen König Niels nahezu vollständig zerstört. Nach dem Abzug der Dänen brach dann eine gewaltig« Naturkatastrophe über die Landschaft Zum, deren Hauptstadt Iumneta war, herein und ließ die Trümmer und Reste der verwüsteten, weltberühmten slawischen Handelsstadt im Meer versinken: wenigstens stellt sich der Untergane Vinetas, bzw. Iumnetas nach den neuesten Forschungen so dar. Wie weil sich übrigens die Beziehungen der alten Stadt er streckten, kann man zum Beispiel daraus ersehen, daß ihr Unter- gang in dem großen geographischen Werk des Arabers El-Edrisi er wähnt wird. Sie war also selbst im Orient nicht unbekannt unl das wollt« in der damaligen Zeit gewiß allerhand heißen. Die vielfach vertretene Anficht, daß das alt« Vineta identisch sei mit dem heutigen Wollin kann nicht mehr aufrechterhalten werden: denn es steht fest, daß lediglich das Dorf Loddin bei Koserow mit dem einstigen Vineta oder Iumneta in engem Zusarmnenhang ge- standen hat. (3. Fortsetzung.) Sie saß allein auf einer dunklen Bank und war selber dunkel. Sie ditchte an ihre Flucht. Si« hatte plötzlich Heimweh nach dem Vater und der stillen Ruhe ihrer kleinen Stadt. Ja, die Menschen nannten sie närrisch, die alten Weiber verhöhnten sie, die jungen Frauen waren eisersüchtig. Aber es war doch die Heimat, wenn sie auch ein geschlossener Käsig war. Und Berlin? Berlin war«in offener Käsig, die Raubtiere schlichen auf samtweichen Sohlen durch die Straßen. Sie dachte an die Begegnungen mit Lyssander, an das Cafe, an Kcmpinfki und dann schmerzhaft an das Hotel. Wieder kamen ihr die Tränen. Durch die Tränen sah sie auch die Stern«, aber sie brachten keinen Trost. Die Bäume rauschten. Die Wege lagen in Dunkelheit. Auch ihr Weg war dunkel. Dann kam ein Liebespaar. Das Kleid des Mädchens schimmerte wie«ine weiße Fahne. Das Liebespaar war so tief in sich versunken, daß es die Trauernde nicht bemerkt« und�sich auf derselben Bant ihrer Liebe hingab. Da floh Mariann«. Sie ging weiter und kam noch an vielen Bänken vorüber, aus denen die Liebe die steinerne Stadt und die ganze Welt vergaß. An einem kleinen See, der silbern erglänzte, blieb sie lange stehen und wollte ins Wasser gehen. Aber sie ging nicht ins Wasier. Sie ging ihren dunklen Weg weiter, verfolgte den Landwehrkanal und fand«in« versteckte Bank. Dort schlief st« endlich«in. Sie schlief tief und traumlos einige Stunden. In der dritten Morgenstunde wurde sie von einer Polizei- Patrouille geweckt. Sie entging mit großem Glück einer Der- Haftung und erzählte den Polizisten eine hübsche Geschichte von einem verspäteten Theaterbesuch und einem vergesienen Haus- schlüssel. Sie erzählte das alles mit so rührender Unschuld und ließ dabei ihre schönen Augen sprechen, daß sich di« Beamten viele Male entschuldigten und oerlegen abzogen. Der Morgen rötete sich langsam. Die Vögel begannen zu singen. Di« Eisenbahnen donnerten eisern durch die Stille. Im nahen Zoo erwachten die Tiere und brüllten heiser. Das Mädchen hörte das wilde Geschrei und schlenderte langsam dem Brandenburger Tor zu. Die Weg« waren still und schön. Manchmal schienen sie den ihr so gut bekannten Wegen des kleinen Waldes ihrer Heimat verfchwistert zu sein. Durch dos flammende Grün und schattenoolle Blau der Bäume und Gebüsche schimmerten weihe Statuen. Denkmäler leuchteten auf und waren wie klein« Gletscher anzusehen. Kein Mensch war zu sehen. Die Luft war vollkommen klar. Kühler Wind wehte. Si« atmete tief und wusch sich an einem stillen Gewässer den letzten Schlaf aus den Augen. Immer gingen ihre Gedanken hin zu Lyssander und von da heimwärts zum Dater. Wenn sie an den Vater dachte, wurde sie fröhlicher. Ja, sie war nach dem Dater geraten. An die Mutter erinnerte sie sich kaum. Die Mutter war gestorben, als sie zwei Jahre alt war. Dom Vater hatte sie das abenteuerliche Blut geerbt. Die Vögel sangen immer lauter. Marianne war getröstet. Dieser große Park war ja wie ein einziger Trost inmitten der vermauerten und erbarmungslosen Stadt. In diese Stille wurde sie flüchten, immer flüchten, wenn sie einmal el«nd und verzweifelt sein sollte. Aus dem gelinden Sausen der nun aufglühenden Buchen rauschte der Frieden. Auch si« fand den Frieden und summte ein kleines, schwäbisches Lied vor sich hin. Dann verstummte sie. Zwei Menschen kamen ihr entgegen. Sie trat in das Versteck blühender Rhododendren und beob« achtet« die morgendlichen Spaziergänger. Der ein« war ein älterer Mann in den fünfziger Jahren und hatte ein dramatisches Gesicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen, der Mund war wi« ein schmaler und blutleerer Schnitt. Der blaue Anzug oerriet lässig« Eleganz. Der ander« Mann war vielleicht dreißig Jahre alt und sah wie ein Bürger aus. Sein Gesicht war klug und skeptisch. Der Alte blieb stehen, zündete sich«ine Zigarette an und stieß den blauen Rauch genießerisch in den jungen Tag. „Das ist die Wollust der Welt, Alfred", sagte er zu seinem Be- gleiter,„von der nackten Erde hin zum nackten Tag. Der Bürger in seinem Faulbett verschläft die Zeit." „Das Faulbett ist ein« Wohltat und großartig« Erfindung der Menschheit, Meister, ich habe genug von der einen Nacht. Ich bin müde und sehne mich nach dem Behagen des Schlafzimmers. Von der nackten Erde und dem nackten Tag habe ich vollkommen genug." „Blind, ewig blind!" rief der Alte pathetisch aus.„blind seid ihr alle und taub. In eure Ohren müssen die Gewitter neuer Um- stürze krachen! Unser Ruhm sei leise und ewig wie das Rauschen der Bäume am frühen Morgen." Sein Begleiter knurrt« noch ein wenig Was«r leise inurrt«, konnte Marianne nicht verstehen.. Der Alt« lächelte nachsichtig, nahm den Arm des Mürrischen und zog ihn mit sich fort. Der Mann mit dem dramatischen Gesicht war ein bekannter Schauspieler und gab sich manchmal als Prophet einer neuen Philosoph!«, die das Lob der Einfachheit und Armut verkündete. Sein Freund war Re- gisseur. Er hatte ihn zu unerhörten Sensationen und Mysterien un Tiergarten überredet. Und was waren die Sensationen und Mysterien? Der leise Schrei der Landschaft mitten in der Stadt, das Geflüster der Liebenden und die schweren Träume der Obdach- losen im Park. Mit diesen beiden Männern kam Marianne später zusammen, aber jetzt'setzt« auch sie ihren Weg fort und dachte über die Worte des Alten nach. m f Vornan von 1 1 lax Marthel Copyright 1929 by„Der fcQcherkreis G. m b. H", Berlin SW 61. Am Kemperplatz, nahe der Siegesallee, stieß sie auf einige junge Leute, die auf den harten Bänken ihren Rausch verkühlten. Sie hatten die ganz« Nacht in den Lokalen der Potsdamer Straße ge- tanzt, gesungen und getrunken. Nun saßen sie erloschen und blöd« auf einer Bank und waren betrunken. Einer von ihnen sprang auf die Füße, als er das Mädchen sah. Er taumelte ihr entgegen, riß sich mit dem tierischen Ernst der Betrunkenen zusammen und stellte sich vor: „Gestatten, gnädiges Fräulein, Schmitz. Herbert Schmitz!" Er starrte sie einig« Sekunden an, verbeugte sich, sagte noch viel« Mal« seinen Namen und ging dann unsicher zu sei»«n Ka- meraden zurück. Autos liefen Über den glatten Asphalt. Die heldenhafte Marmorbäckerei der Siegesallee leuchtet« matt. Immer noch sangen di« Vögel und in ihren Li«d«rn und Schluchzern war der betörende Lockruf der freien Landschaften. Nun rollte eine Kutsche die Siegesallee«nllang, und das gepuderte Mädchen, das in dem Wagen saß, ließ vor den Betrunkenen anhallen. Si« lächelte und winkte den jungen Leuten zu. Herbert Schmitz erhob sich und ging zu dem Wagen. Dort sagte«r feierlich seinen Namen, das Lächeln im Gesicht des Mädchens erfror und wurde Grimasse. Aber sie half doch den jungen Menschen in den Wagen, gab dem Kutscher ihre Adresse an und entrollte mit ihrem Kavalier. Herbert Schmitz schlief auf der Fahrt einem weichen Bett entgegen. Am oierten Tag aber mußte er«inen Speziolarzt aufsuchen. Es war in der fünften Stunde. Berlin lag im letzten Traum. 'In den grauen Massenquartieren des Ostens und des Nordens erwachte das Volk und rüstete sich zur Arbeit. Die große Völker- Wanderung des Werktags begann. Ueber der Erde und unter der Erde klirrte schon der rasselnde Alarm der elektrischen Bahnen. Die Stadtbahnzüge donnerten. Di« Autobusse schwankten überfüllt mit ihren schweigsamen Lasten. In den zehn Markthallen wurde das Futter für den Bauch der Weltstadt oerhandelt. Das flache Land kam in di« Stadt, di« Ernten unendlicher Gebiete wurdew an einem Tage aufgegessen. Auf dem Schlachthof wurde das Vieh hingemetzelt. Die Straßenkehrer waren noch an der Arbeit. Was geschieht in den Augenblicken, wenn die Vögel im Tier- garten singen? Kinder sprechen im Traum oder weinen Ein« Familie vergiftet sich mit Gas. Ein Dichter schreibt an seinem neuen Roman. Ein altes Mädchen wacht auf und denkt ihrer frühen Jahr«. Auf den Dachböden schlafen alt« Bettler. Im Landwehrkanal landet eine Ertrunkene. Einbrecher rauben ein Juweliergeschäft aus. Das alles und noch viel viel mehr geschieht in der Sekunde. in der Mariann« Hull durch den Tiergarten wandert und Herber: Schmitz mit dem geschminkten Fräulein in die Stadt fährt. Marianne wußte davon nichts. Der Park löste sich langsam auf und schlug die rauschende Brandung seiner alten Bäume wi« eine Brandung des grünen Meeres an die glatten Mauern und Wände der Stadt, hinter denen sich tausendfaches Schicksal erfüllte. Dann ging die Sonne über Berlin auf. Di« Sonne ging auf. Si« vergoldet« die goldenen Flügel des Engels auf der Siegessäule. Sie schüttete auch Gold auf die Kuppel des Reichstags. Sie zündete Feuer um das Brandenburger Tor und glühte auch in der stillen, dunklen Spree. Mariann« hatte den Tiergarten verlassen und wandert« nun die Spree aufwärts zur Weidendammer Brücke. Im Bahnhof Friedrichftraße klirrt« der Expreßzug Warschau— Paris. Das Mädchen liebte die Bahnhöfe sehr. Ein Bahnhof: das war für sie immer Tor zur Welt, Station einer herzklopfenden Reise und hier in Berlin Vorhalle zum Tempel des Ruhms. An einer Litfaßsäule studierte sie die knallenden Film- plakat« und fand dabei das Bild und den Namen ihres Verehrers der ersten Nacht: Herr Eugen Lyssander gab sich die Ehre, seinen neuen Film anzuzeigen: Triumph der Liebe. Triumph der Liebe? Marianne lacht« böse auf. Jetzt am Morgen triumphierte das Mädchen. Sie hatte Lyssander mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Oh nein, er hatte bei ihr nicht triumphiert. Sie haßte den Mann, und als sie sein lächelndes Ge- ficht sah, ballte sie di« Fäuste und schlug auf das tot« Bildnis, wie sie in der Nacht in das trunken« Gesicht geschlagen hatte. Lyssander wollte ihr helfen, sie sollte wie eine Sonne über Deutsch» land ausgehen, hatte er gesagt, aber sie sollte ihren Aufstieg mit ihren Küssen und ihrem jungen Blute bezahlen Ihr Gesicht wurde verächtlich. Dann lief sie zum Bahnhof, besah sich die Fahrpläne und stellte im Geist eine Reise nach Paris zusammen. Aber bis zur Wirklichkeit war noch«in langer Wg. Bis zum Wartesaal waren es nur einige Schritte, und bald saß sie im Wartesaal, nahm an einem kleinen Tische Platz und bestellte Kaffee. Sie trank und studierte das Publikum. Es waren wenig Reisende darunter. Hier im Wartesaal sammelten sich am frühen Morgen hauptsächlich Bummler, die von der Polizeistunde aus den Lokalen vertrieben waren. Aber auch Obdachlos« waren zu sehen, unter ihnen bemerkt« das Mädchen auch die beiden Männer aus dem Tiergarten. Zum dritten Male kreuzten sie ihren Weg. Es waren die beiden Männer, di« in der Nacht an ihr vorbeigingen, als si« auf der Bank faß, dann kam die Begegnung am Morgen und jetzt hier auf dem Bahn- Hof. Sie führten«in lautes Gespräch und einige Fetzen davon hört« auch Marianne. „Nein, Meister", sagte der jünger« Mann,„das Lob der Armut ist ein Lob des Kerkers. Der Kerkermeister heißt Schande. Und in diesem Kerker wächst das Verbrechen groß." „Die größten Verbrecher sind die reichen Leute, Alfred Bencke". antwortete der andere.„Ich will dir die Geschichte von Daniel Kreß und seinem Aufstieg erzählen..." Seine Stimm« dämpfte sich und verlor sich in einem leisen Geflüster. Marianne hätte diese Geschichte gern gehört, der Mann mit dem Schauspielergesicht interessierte sie sehr, aber sie hörte nichts als dos leise Flüstern. Plötzlich fühlt« sie«inen brennenden Blick im Nacken. Sie drehte sich langsam um und sah in ein schönes Gesicht mit wilden Augen. Sie bekam Herzklopfen und mußte an den Abend im Zirkus denken. Sie dachte an den Siebzehnjährigen, der si« zum ersten Male geküßt hatte. Der jung« Mann erhob sich und kam näher. Mariann« zitterte, und wußte es nicht, vor Seligkeit. Es war wie ein Traum: der junge Mensch war Henry Marteau! (Fortsetzung folgt.) «« PUR DEN KLEINGÄRTNER. luiunuiuimnimiiiNininiiuiuiniiiimiiiiiuininHuiiiiiiuiiiiiiiuimmuuiiiiuiniiiiiiitiiinimminiiiiuiimniiuiiiimtiiiiniiiuiuiiiiiiiuiiiiiiiiiiüaiuiiiiiniiiiiimuiiiiiimuiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiumiiiiniuinR Wie man Schweine hatten und züchten soll, Wenn man nicht selbst die Zucht von Schweinen richtig betreiben will, lasse man beim Ankauf solcher Tiere, die man lediglich zur Most haben will, die größte Vorsicht walten: denn es ist sehr leicht mög- lich, daß durch Schweine Seuchen eingeschleppt werden. Das ist be- sonders da der Fall, wo der Hausierhandel mit Schweinen blüht. Vielfach wird dann auch beim Ankauf von Masttieren zu wenig Wert aus die Rasse gelegt. Man findet oft, daß ein Landwirt oder Ackerbürger, der schöne, fette Schweine züchten will, sich grobe, ver- edelte Landschweine im Aller von drei bis vier Monaten kauft, und dann sofort intensiv mit der Mästung beginnt. Das ist grundfalsch: denn Schweine, die derartig behandelt werden,„verwachsen" einen großen Teil des Mastfutters und nehmen infolgedessen nicht zu. Der Mäster wird also nicht bloß ein schlechtes Geschäft machen, sondern auch noch den Aerger obendrein haben. Hat ein Landwirt also grob veredelte Landschweine in er- wöhntem Alter gekauft, so muß er sie erst noch einige Monate mit selbstgezogenem Futter, dem er ein wenig Kraftfutter beigibt, er- nähren, und sie dann im Aller von acht bis neun Monaten zur Mast stellen. Er wird dann an dem Resultat der Mästung seine wahre Freud« haben: denn das so behandelte Schwein wird ihm einen großen Reingewinn bringen. Doch weiter: die meisten Züchter versäumen es oft. ihren Schweinen die Möglichkeit zu geben, sich hin und wieder bei ent- sprechender Witterung im Freien zu bewegen. Ein ständiger Stall- nu'enchalt schädigt die Gesundheit und die günstige Entwicklung aller Haustiere. Dazu kommt, daß gerade die Ställe der Schweine in hygienischer Beziehung sehr oft viel zu wünsechn übrig lassen. Gottliarck Brockt. Der Lehm. Biel« Leser werden schon bei vorübergehend zur Schau ge- stellten Anlagen bemerkt haben, daß Rosen in reinem Lehm ein- gepflanzt sich dem Auge darboten. Und wenn man von den schönen Britzer Rosen spricht, so bekommt man sicher zu hören: ja, die Britzer haben auch Lehmboden. Aber nicht nur für Rosen, sondern für die meisten Pflanzen ist ein lehmiger Boden von Vorteil. Namentlich in heißen Sommern zeigt sich der Nutzen von Lehm im Boden: er hält die Feuchtigkeit fest und fördert dadurch das Wachstum. Lehm- boden ist meist eine Mischung von Sand und tonigen Bestandteilen. Je nach der Mischung spricht man von sandigem oder mildem Lehm- boden und tonigem oder strengem Lehmboden. Letzterer ist für Wasser nicht sehr durchlässig und hat auch nur eine geringe Durch- luftung: als G e m ü s e b o d e n ist er daher bei weitem nicht so gut wie der milde Lehmboden. Ist dieser noch mit Kalk ver» sehen, so wird dadurch die Zersetzung aller organischen Stoffe ge- fördert.— Will man nun lehmfreien Boden durch Aufbringen von Lehm bereichern, so sollte man ihn nur im trockenen Zustand« an- wenden. Frischer Lehm wird getrocknet, man bringt ihn unier Dach und bedeckt ihn mtt Brettern. Nach dem Trockenwerden wird er zerklopft und entweder untergeharkt oder flach mit dem Spaten untergebracht. Wenn man dann im nächsten Jahre diese obere Bodenschicht durch Graben oder Pflügen nach unten gefördert hat, so behandell man die neue obere Schicht noch einmal ebenso und hat dann einen gleichmäßig mit Lehm durchsetzten Boden Hasen- und Kaninchenfraß. Wenn der Winter naht, machen die Hasen und Kaninchen sich wieder unliebsam bemerkbar, namentlich stellen sie neben Kohl den Nelkenbeeten nach. Man muß daher eine dichte Drahtzäunung entweder um den ganzen Garten oder um das Nelkeuquartier ziehen. Wenn Schnee liegt, find die ausgehungerten Tiere aber bestrebt, sich die fehlende Nahrung durch das Anknabbern der Baum- rinde, namentlich junger Bäume, zu verschaffen. Sie bilden da- her«ine Gefahr für die Obstbäume, und es ist zweckmäßig, schon zu Beginn der Winterzeit die Bäume durch Drahthüllen, sogenannten Drahchosen, zu sichern. Sonst empfohlene Mittel wie �Bestreichen der Bäume mit Karbolineum oder Kalt sind zwecklos: das Um- wickeln der Bäume mit Stroh hat den Nachteil, daß bei nicht zu starker Kälte der Stamm zu warm gehalten, also verzärtelt wird. Sind Fraßschäden eingetreten, so werden die Wunden mit Baum- wachs oder Daumsalbe überstrichen. Hat man solche Mittel nicht zur Hand, so mache man aus Lehm und frischem Kuhdung einen Brei, mit ihm bestreicht man die Wunde. Hieraus wird mit einem Tuch die Stelle umwickelt. Ein Dichter als Lehrmeister! Die auch deutschen Schülern nicht ganz unbekannten Fabeln des Franzosen Lafontaine enthalten eine, deren Weisheit noch heme unsere Anerkennung verdient. Ein auf dem Sterbebette liegender Bauer sagt zu seinen Kindern: im Acker ist ein Schatz vergraben, aber ich kann euch die Stelle nicht angeben. Nach seinem Tode wühlen die Kinder den Boden gründlich durch— sie finden keinen Schatz, aber der so gründlich bearbeitete Acker trögt»ine viel reichere Ernte als in den früheren Iahren.— Die poetische Lehre kann nicht oft genug wiederholt werden: jeder ungenutzt liegende Boden ver- schlechiert sich, wenn«r nicht durch Graben oder Pflügen der Wirkung der Luft, Sonne und des Regens offen gehalten wird. Und beim bestellten Acker muß das Hacken dieses Offenhalten besorgen Himbeeren anbinden! Da die Entwicklung aller Frücht« davon abhängt, daß sie gut von der Sonne getroffen werden, so ist die Zwischen- Pflanzung von Himbeeren nicht zu empfehlen. Zu starke Be- schattung hindert das Ausreifen Aber für die Erlangung wohl- schmeckender Früchte ist es überhaupt notwendig der Sonne den Zugang zu den Blütenbüschen zu ermöglichen, weshalb eine durch Anbinden der Triebe erreichbare Freistellung dieser Teile geboten ist. Di« einfachste Methode ist Anbinden an parallel- laufende Drähte. Eine weiter« Forderung ist gründlichste Bodenbearbeitung sowie Düngung und ausreichende Be- Wässerung. Auch sind olle überflüssigen Ausläusertrieb« zu entfernen. Magdeburgs Sportausstellung. Vom Spiel der alten Acgyptcr zum Sport der Jetztzeit. Magdeburg, 26. September.(Eigenbericht.) Die herrlich am Adolf-Mittag-See gelegenen Ausstellungshallen der Stadt Magdeburg beherbergen für die Zeit vom 25. September bis zum 13. Oktober ein« Ausstellung, die sich zum Ziel gesetzt hat, den deutschen Sport ausstellungsmäßig darzustellen. Sie soll nicht den Sport um des Sportes willen zeigen. Das wurÄe bei der Eröffnung, über die wir im Mittwoch-„Abend" kurz berichteten, immer wieder betont, und der Ausbau der Aus- stellung beweist denn auch, daß es den Veranstaltern gelungen ist, den Sport als Leibesübung zu propagieren. Das Ausstellungsamt der Stadt führt die Besucher zunächst in eine wissenschaftliche Abteilung, die, vom Hygiene-Museum in Dres- den zufammengestellt, erfreulich wenig Wissenschaftliches an sich hat. An vielen beweglichen Modellen genießt der Sportintevessent leben- digsten Anschauungsunterricht. Er kann selbst den Brustkorb eines hölzernen Menschen mit einem Blasebalg aufpumpen, um den Wert der richtigen Atmung erkennen zu können, und er kann durch die An- und Abspannung imitierter Muskeln künstliche Arme und Beine bewegen, auf daß er die Arbeit richtig betätigter Fleischbündel be- greife. Das ist mehr wert, als gelehrte Vorträge. Wer sich über die Notwendigkeit der Leibesübungen bereits im klaren ist, der kann dann aus der bildlichen und handgreiflichen Darstellung des Uebungs- wertes jeder Sportart das für ihn zusagende feststellen, wenn er es nicht vorzieht, die auf der Ausstellung befindliche Sportärztliche Beratungsstelle in Anspruch zu nehmen. Eine historische Abteilung unterrichtet über die Entwicklung der Leibesübungen von den Zeiten her. wo sich am Nil Pharaonen Pyramiden bauen ließen, bis zur Gegenwart, wo von gewisser Seite der Rekord als das Erstrebens- werte im Sport hingestellt wird. Aber, wie gesagt, Rekordtabellen findet man im amtlichen Teil der Ausstellung nicht. Was an Sport» Historie in Gestalt von Uebungsgeräten und ähnlichem auf die Jetzt- zeit überkommen ist, das hat das Berliner Museum für Leibe». Übungen hergelichen. So bildet dessen Sonderschau eine sehr wert- voll« Ergänzung des„wissenschaftlichen" Stoffes der wissenschaftlichen Abteflung. Ein Schritt in der Halle weiter und der Sportbegeisterte ist mitten drin im praktischen Sportbetrieb. In den Kojen der Magde- burger Sportvereine werden alle Geräte, all« Sportstätten, seien sie auf dem Lande, im und auf dem Wasser, gezeigt. Und hier emp- fängt der Beschauer, falls er den Sport immer noch als eine„neu- trale" Angelegenheit betrachten sollte, den besten Anschauungsunter- richt über die Gegensätzlichkeit zwischen Arbeitersport und bürger. lichem Sport. Während es sich die Arbeitersportvereine in ihren wohlausgestatteten Ständen angelegen sein lassen, das Wie und Warum ihrer Betätigung an Beispielen, bildlichen und graphischen Darstellungen, an Platzmodellen und sonstigem Anschauungsmaterial kundzutun, haben die bürgerlichen Vereine ihre Kojen mit silbernen, goldenen und blechernen„Ehrenpreisen" vollgestopft. Wie grundsätzlich verschieden wird hier das Warum, das Wozu betrachtet: Der bürgerliche Rtlderverein weiß nur seinen Renneiner, auf dem im letzten Jahre die T-Meisterschaft gewonnen wurde, auszustellen: der Arbeiter-Wassersportverein zägt Paddelboote, die Erwachsene und Lehrling« im Selbstbau herstellten. Rekordsport und Massen- spart, Sport der Leistung und der Person halber, und Leibesübung des Körpers wegen: Wie weit geht hier die E'hik des Sport- gedankens auseinander! Das ist das Wertvolle an dieser Aus- stellung. daß sie dem Sportnovizen die Wahl nicht schwer macht: der Ausstellungsleitung ist es zu danken, daß sie den Vereinen die Verantwortung für die Wahl ihrer Werbemittel selbst überließ. Was in den vielen Nebensälen noch zusammengetragen ist, ist sehenswert und lehrreich zugleich. Das städtische Gesundheitsamt erfaßt den Sport, wie er dem Körper nützlich ist und wie er bei Uebertreibung und falscher Betätigung zerstörend wirken kann. In einer Sunsischau ist„Der Sport in der deutschen Kunst" durch Maler, Graphiker und Bildhauer fast lückenlos zur Darstellung gebracht. In„Wo der besten Sportphotos" haben Photographen lichtbildne- risch alle Arten des Sportes erfaßt. Nicht zu vergessen die Aus- stellung slugsportlicher Bereine und des Reichsverbandes für deutsche Luftfahrtindustrie. Das Reichsbanner Schwarz-Rol-Gold bringt ein Riesenmodell seiner Bundes- und Sportschule, die am Ort des Bundesvorstandes ihrer Vollendung entgegengeht. Auch hier soll Hervorragendes für die geistig« und die körperliche Ertüchtigung der deutschen Jugend geleistet werden. Schließlich stellt noch die Polizei die verschiedenen Arten ihrer sportlichen Betätigung zur Schau. Magdeburg ist fast die Zentrale des bürgerlichen Rekord- sportes, aber Magdeburg, die Industriestadt, hat auch das passende Gegengewicht in vielen und großen Arbeitersportvereincn, deren Mitglieder zwar nicht Rekord-Weltreisen unternehmen, die aber fast bis zur Selbstverleugming daran arbeiten, Uebungsstätten selbst zu bauen, Tausenden das Schwimmen beizubringen und den großen und kleinen Klassengenossen den vernünftigen Gebrauch ihrer Glieder und ihres Leibes zu lehren. D a s ist die Ethik des Arbeiter- sportes—, die Ethik der anderen liegt in der silbernen Suppen- terrin«! Daß das handgreiflich zum Ausdruck kommt, ist das Schöne an Magdeburgs Sportausstellung l hlax Mehner. bfatoendige Abwehr. Ruderverein«Vorwärts" gegen die Quertreiber. Unter der Ueberschrift„Rückwärts statt Vorwärts" brachte kürz- lich«in sogenannte» revolutionäre» Abendblatt ein« Notiz, die dazu führen sollte, den Verein, der sich in jahrzehntelanger, mühevoller und zielbewußter Arbeit zum größten Arbeiterruderverein entwickelt hat, in seinem Ansehen und seiner Achtung herabzusetzen. Es sollte der Anschein erweckt werden, als fei die Mitgliedschaft mit den Bc> jchtüssen der Bereinsleitung nicht einverstanden. Di« letzte, äußerst stark besuchte Versammlung des Ruder- Vereins, �Vorwärts", um den es sich handelt, nahm nun hierzu Stellung und mit übergroßer Mehrheit rückt« sie weit ab von der sogenannten Opposition. Darüber hinaus aber beschäftigte sich die Versammlung mit der Stellungnahme des Vereins zu den Farben Schwarz-Rot-Gold. In der Diskussion wurde mehrfach zum Ausdruck gebracht, daß man als Arbeiter. sportverein auch den Farben der Republik die ihr gebührende Achtung zu erweisen habe. Ein in diesem Sinne gestellter Antrag, welcher besagt, daß Boote mit der schwarzrotgoldenen Flagge als Gast so zu behandeln sind wie die der Bundesvereine, wurde mit übergroßer Majorität gegen nur 10 Stimmen angenommen. Aus allem ergibt es sich, daß, entgegen allen anderen Be- richten, der Ruderverein„Vorwärts" in seiner Gesamtheit mit derartigen Berichten nichts gemein hat und es ganz energisch ab- lehnt, sich von einem halben Dutzend kommunistischen Quertreibern in seiner weiteren Entwicklung aufhalten zu lassen. Der Verein, der mit seinen Einrichtungen an der Spitze der Arbeiterruderver- eine steht, und dem die Oppositionsvereine auch nicht annähernd etwas ebenbürtiges entgegensetzen könneit, steht nach wie vor zum Arbeiter-Turn- und Sportbund und wird sich auch fernerhin mit aller Kraft für die weitere Entwicklung der Arbeitersportbewegung einsetzen. Wer in diesem Sinne mit ar- besten will, der sei allezeit willkommen. Ein Jiu'Jitsu-Kursus. Nachdem der„Sportklub Einigkeit 1926" schon einmal einen Iiu-Iitsu-Kursu» abgehalten hat, hat sich die Lestung des Klubs dazu entschlossen, am 3. Oktober wieder mit einem Jiu-Jitsu» Kursus zu beginnen. Zu diesem Kursus ist jeder sozialistisch denkende freie Gewerkschaftler eingeladen. Schon der«chische Wert der Körperschulung beim Iiu Iitsu sollt« zur Teilnahm« omegen, ohne den Vorteil der ohne Kräfteaufroand auszuführenden Selbst» Verteidigung in den Vordergrund zu stellen. Jeden Montag und Donnerstag von 19 bis 22 Uhr finden die Uebungsftunden des „Sportklub Einigkeit" in der Turnhalle Koppcnstraße 84. nah« Schlesischer Bahnhof, statt. Da die Zahl der Teilnehmer groß sein wird, müssen die Meldungen möglichst bald in der Uebungsstunde oder beim 1. Vorsitzenden A. Dietze, Berlin O. 17. Madaistraß« 2. abgegeben werden. Die Uebungsftunden im Heben, Ringen und Artistik finden ebenfalls Montag und Donnerstag von 19 bis 22 Uhr statt. Todesfälle im Boxsport. In letzter Zeit ist verschiedenen Boxern in der allen und neuen Welt das Malheur passiert, daß sie ihren Partner durch einen wohl- geziellen Hieb versehentlich in» Iensests befördert haben- Ein argentinisches Abendblatt nimmt in einem längeren Aufsatz die armen Boxer, denen so ein Mißgeschick passieren mußte, also nickst etwa diejenigen, die tot geschlagen wurden, sehr energisch in Schutz und meint, man solle solche Unfälle nicht dem Fausttamps zur Lost legen, sonst müsse man mit der gleichen Berechtigung auch gegen den Autosport vorgehen, der mehr Opfer fordere als das Boxen. Uns will scheinen, daß man nicht so begeistert feurige Kohlen auf das Haupt der„unglücklichen" Schläger sammeln sollt«: denn die Tätig. keit vieler Athlctikoereine beweist, daß es bei der Ausübung des Boxsportes auch ohne Tote geht. Man müßte dann allerdings auf die Austragung großer Berufskämpfe und Titelmeisterschaften ver- zichten und dafür sorgen, daß der Boxsport seine eigentliche Auf- gäbe nicht überschreitet, nämlich Erhöhung der Körperkraft, Ge> schicklichkeit und Geistesgegenwart im friedlichen, sinnvollen Wett- bcwerb zu erreichen._ hlw. „B€hörden"arbcit. Gegen dos Rummelboxcn. Die Boxsportbehörde Deutschlands beschäftigte sich in ihrer am Dienstag in Berlin abgehaltenen Sitzung mit den Vorgängen im Leipziger Kristallpalast. Bekanntlich waren dort Diener, Czirfon und Z i e m d o r f in Trainingskämpfen und Schaukämpfen aufgetreten, die auf Grund der Reklame nach außen hin den Eindruck rummelmäßiger Veranstaltungen erweckten, zumal an diesen Vorführungen auch solch« Leute teilnahmen, die dem Verband deutscher Faustkämpfer nicht angehören. Die BBD. kam zu folgendem Beschluß:„Die Vorführung von Trainings- Übungen und Sparringkämpfen wird unseren Boxern(BDF.) unter- sagt, da durch die angekündigte Reklame in der Oeffentlichkeit der Eindruck erweckt wird, daß unsere Boxer sich an sogenannten Herausforderungskämpfen beteiligen. Eine Fortführung wird nur dann gestattet, wenn die Kämpfer, die von der BBD. nicht lizensiert sind, nicht auf dem gleichen Programm stehen und die Reklame entsprechend berichtigt wird." Was sind die Leute doch empfindlich gegen die Konkurrenz. Dabei ist es doch wirklich dasselbe, ob der Boxrummel im Leipziger Kristallpalast oder im Berliner Sportpalast unter Aufsicht einer hochweisen Boxsport„behörde" stattfindet. Mehr als einen Rummel hat auch dies«„Behörde" nicht aus dem Boxsport machen können! die Kartell ver eine! Das Kartell für Arbeitersport und Körperpflege Berlin tellt mit: Die Fahrpreisermäßigungsantrög« für Jugend» pflegefahrten im Jahr« 1939 müssen jetzt erneuert werden. Wir bitten, dies« Anträge bis zum IS. Oktober an die Geschäftsstelle des Kartells für Arbeitersport und Körperpflege, Berlin N. 6S, Hoch- städterstraße 19, einzusenden. Dort können auch die notwendig werdenden Führerausweis« unentgeltlich angefordert werden. Alle Vereine, di« schon im Besitz der Fahrpreisermäßigung waren, brauchen beim Antrag nur die Nummer anzugeben, unter der sie eingetragen waren, und welche Veränderungen im Bestand der jugendlichen Mitglieder und der Iugendführer(Führerausweise) eingetreten sind. Sämtliche Eingaben gehen nur durch die Geschäfts- stelle de» Kartells. Der Geschäftsführende Ausschuß. I. A.: Robert Oehlschläger. Sonntägliche Schleusenbctricbszciten. Einer Anregung aus Wassersportkreisen folgend, hatte sich die W a s s e r w a ch t e. V. an den Regierungspräsidenten wegen Ver- längerung der sonntäglichen Schleusenzeiten gewandt. Der Eingabe der Wasserwacht folgend, hat der Regierungspräsident ver- anlaßt, daß di« sonntäglichen Schleusenbetriebszeiten der für den Berliner Ausflugsverkehr vornehmlich in Betracht kommenden Schleusen Pinnow und Friedenthal, sowie di« Schleusen des Werbellinkanals bis auf weiteres auf die Zeit von 7 bis 29 Uhr verlängert werden. In L e h n i tz ist die Betriebszeit gleich. falls bis auf 29 Uhr verlängert worden. «Solidoritäf in Wonnscc. Die Bahnrennen der bundestreuen Rennfahrer Groß-Berlins finden Sonntag, 29. September, nicht im Stadion Grun«w«td statt, sondern auf der Radrennbahn in Wannsee, am Rathaus, Chausseestr. 27. Alle Fahrer, Funktionäre und Mitglieder müssen um 13 Uhr auf der Rennbahn Wannsee zur Stell« sein. WerßUrurtr ftdJt l Zu der am kommenden Sonntag stattfindenden Woche.n«nd- fahrt nach Frankfurt a. d. O., die unter Führung des Stadtbaumeisters Gesing stattfindet, sind noch einige Teilnehmer- karten zu hoben, ebenso für die am ö. und 6. Oktober stattfindende Wochenendfahrt zum Besuch der Städte Tangermünde und Stendal. Die Karten sind erhältlich in der Geschäftsstelle des Touristenvereins„Die Naturfreunde", Berlin N., Johannisflr. 14/13, oder bei Schmidt, Berlin W., Rankeftr. 39, Walter, Neukölln, Sieg- sriedstraß« 53, Meckelberg(„Vorwärts"-Spcdition), Treptow, Graetz- strahe 59, Sinn, Berlin N., Stettiner Straße 39, Thomas, Berlin N., Luxemburger Strahe 1. Das Reisebureau des Tourifteiwereins„Die Naturfreunde" ver- anstattet ab Abschluß seiner diesjährigen Ferienfahrten für alle Teilnehmer mit Angehörigen ein geselliges Beisammen- sein am Sonntag, 13. Oktober, 15 Uhr, im„Lindengarten" in Spandau-Hakenfelde. Diejenigen Gäste, die an einer Nachmittags- Wanderung teilnehmen wollen, treffen sich pünktlich 13 Uhr an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 128 in Heiligense«. Fahrge- legenheit nach Hakenfelde bis Spandau-West und dann mit Straßen- bahnlinie 73 nach Hakenfelde. Näheres durch das Reifebureau. Am 28. und 29. Oktober fährt die Abteilung Mitte des Touristen- Vereins„Die Naturfreunde" in die S ch o r f h e i d e. Abfahrt 29.40 Uhr vom Stettiner Fernbahnhof bis Joachimschal. Dort Treffen am Bähnhof. Arbeitcrsporllcr retteten 32 Menschen. Durch die tatkräftig« und opferfreudige Tätigkeit der Mitglieder des Arbeiter-Wasserrettungsdienstes in Magde- b u r g- A l t st a d t kann dief« Wachstation in diefein Jahre die an- sehnliche Zahl von 32 Retttingen aus der Gefahr des Ertrinkens buchen. Außerdem wurden eine sehr große Anzahl Unfälle allge- meiner Art behandelt. Neue Bücher. „Unter Körper in Formung. Schulung, Kraft und Schönheit." Der Arbeiter-Turn- und-Sportbund hat sich ein Verdienst erworben mit der Herausgabe dieses Buches. Anläßlich des Bundesfestes in Nürnberg fanden im dortigen Apollo-Theater Vorführungen der Bundesschule statt, die einen Emblick in die vielgestaltige Arbeit der Schule ermöglichten. Wer das hundert Seiten starke Buch zur Hand nimmt, durchlebt noch einmal die Vorsührungsfolgen:„Von Kindern für Kinder" und«Unser Körper". Dabei ist der mit 51 Bildern ausgestattete Inhalt des Buches so zusammeugestellt, daß auch der-' jenige, der den damaligen Vorführungen nicht beiwohnte, von der Tätigkeit unserer Bundesschule sich ein Bild machen kann. Der Text bringt nicht eine bloße Aneinanderreihung trockenen Unterrichts- stoffes. Der Schulleiter Benedix versteht es vorzüglich, den Lefer mit den Grunkchegristen über„Formung des Körpers" und der dazugehörigen Gymnastik vertraut zu machen. Was das Buch aber besonders wertooil macht, ist die Gegenüberstellung von Uebungs- gruppen seit dein ersten Fest in Leipzig und den Nürnberger Uebungen. Dadurch ist erst erkennbar, welche große Wandlung sich auf dem Gebiet der körperlichen Erziehung vollzogen hat. Nicht mehr„Schaugymnasttk" treiben die. Arbeitersportler, sondern ,.Z w e ck g y m n a st i k", die es ermöglichen soll, den gesamten Organismus in körperlicher und geistiger Beziehung auf die Forde- tungen des heutigen Lebens natürlicher vorzubereiten. Die weiteren Mitarbeiter an der Bundesschule si d mich in diesem Büchlein mit Beiträgen vertreten. Unter den Abschnitten: Gymnastische Zweck- formen. Gymnastische Grund- und Steigerungsformen, Gymnastische Berbindungssormen, Gymnastische Schnurren finden wir Anregun- gen, die für jeden einzelnen— nicht nur für den technischen Leiter — brauchbar sind. Besondere Beachtung verdient der Teil, der sich mit dem natürlichen Geräteturnen sür Schüler und Schüleriimen beschäftigt und der Abschnitt„Die Leibesübungen des Kieiickindes". Dann folgen nach Ausschnitten aus der Schule de, Handballspieles die bunte Reche reizender Singspiele, die sich sür Kinder und Jugend- liehe vorzüglich eignen. Wer dann in der Uebungsstunde imstande ist, auch auf Ausdruck und Lebendigkeit genügend zu achten, nutzt den Inhalt von der ersten bis zur letzten Seit« richtig aus. Dieses neue großartige Buch ist nicht nur ein Erinnerungsbuch an Nürn- bcrg, der Inhalt macht es zu einem Nachschlagewerkchen, das jeder gern in die Hand nimmt. Bei dem niedrigen Preis von 1,25 M. wird es bald allenthalben zu sehen sein. Es liegt in der FTGB.- Geschäftsstelle, Lichtenberger Straße 3(am Landsberger Platz), zur Ansicht aus und kann von dort zum Originalpreis von 1,25 M. de- zogen werden. kl. 8. Aus der Industrie. Adler in Paris. Zu den großen deutschen Firmen, die auf der diesjährigen Pariser internattonalen Automobilausstellung vertreten sind, gesellen sich auch die Adt erwerke vorm. Heinrich Kleyer Aktiengesellschaft, Fronksurt a. M., mit ihren neuen Modellen „Adler Favorit", Adler Standard 6" und„Adler Standard 8". Die letzten Erfolge der Adlerwagen aus internationalen Veranstaltungen haben den Export der neuen Adler-Typen in einer Weise gefördert, daß die Ausstellung in Paris nicht mehr zu umgehen war, um so mehr, als dos internationale Interesse sich den Adlcrwagen auf den Ausstellungen Wien, Genf, Amsterdam in ganz befonderer Weife zuwandte und somit die Werke gewissermaßen verpflichtet sind, als eine der bedeutendsten deutschen Automobilsabriken die deutsche Auto- mobilmdustrie in Paris würdig zu vertreten. Di« Adlerwerke ent- sandten zum Poriser Salon 2 Favorit-Innensteuer-Limousinen, 2 Adler Standard 6-Jnnensteuer-Luxusljmousinen und die auf den letzten internationalen Schönheitskonkurrenzen wiederholt prämiiert« AÄer-Standard 8 Piillmann-Limousinc„Typ Wiesbaden". ■■ «rbeiter-Rad- nah Ataftfabttrbaak �alifiorttnt", Ortsqruppc Droft-Borli», Bezirk 1, 2 und 21.®«fd)8tt»ftcne SRobftt Rothbarth. EW. 11, SdjiJncbctrtcc Straft« 17a. Am Sonntag, beut 29. September, machen wir folaenbc Fahrten, ,u benen(Bäfte stets Willkomm«» sind. I. Abt.: 9 Uhr Wansdorf, bei Paufin. tZ Uhr Picheiswerber, Nackwift. Slnri: Biilowstr..Vi.— 2. Abt.: 6 Uhr Blumental. Start: Lohenstaufenplah fRormaluhr). Jeden Diensta« beim- abend im Fuaendheim Wassertorstr. 9.—!>. Abt.: 29. September. 17 Uhr Liepniklee. 29. September.» Übt Birtenwerber. BalbschlSftchen. Start: Lands- berqer Blak.— I. Abt.: 8 Uhr Briese. Birkenwerder. Start: Etoipische Str. 36, ldoldschmidt.— 8. Abt.: 8 Uhr Brieselang. 13 Uhr Picheiswerder, Alter Freund. Start: Triftftr. 33.— Abt.«lharlottenbar«:« Uhr Stolgenhagener See. Start: Kanal, Ecke Wilmrrsdorlcr Strafte.— Abt. Sebimeber«: 8 Uhr Ziosenthal�ehLnwalbe. Start: Slubenrauchste. 5a. 3. Ottober 31. Stistungssest in den Eolibri-FestlSIen. Um recht rege UnterlUlftuna wirb aebete».— Abt. Aealila: 7 Uhr Streiiallae durch den Grunewald. Start: Hobenwllernplaft.- Abt. Treptaw-Baumlchnlealpea: 5 Uhr Werbelinsee. Start: Babuhof Treptow. — Abt. vberschbneweibe: 8 Uhr Ahrensteide. Starr: Wilhelminenhofstr. 54.— Weiftealee-bainersdarf: 8 Uhr Rundfahrt Kijniaswusterhausen. Start: Weiften. see, Langhansstr. 102.— Motorfahrer. Abt. Kreudberp: 9 Uhr Teupift. Tornows kidnll. Start: Sermannplaft.— Abt. Fried richshain: 7 Uhr RHeinsbera. Start: Londsberger DIaft.— Abt. Realölla: 6 Uhr Wijrliher Part. Start: Hohen. «ollernplaft.— Abt. Lichtenberp: 7 Uhr Tiefensee. Start: Friste. Zunpstr. 29. — Abt. vberfchtnewrib«: 13 Uhr Luckenwalde. Start: Wilbelminenhofstr. 3«.— Abt. Paalow: 7 Uhr Teupist, Marwitz. Start: Kaiser-Friedrich-Strafte Ecke Prenst- lauer Promenade. 15.«rzirkslartell Treptow. Nächste BegirkÄarteUsttzunp Montau. 30. Sep- tember, 20 Uhr, bei Grahl. Berliner Strafte, am Bahnhof Rirderichäneweid.. Freie» Sportaerria Weiftensee. beute. Donnerstap, Bereinspersammluu.: ! inn 20 Uhr bei Minpe. Lothringen Itr. 32. �(BdiMIfc-Jütjeiger töezirß Jlovden-Csten. 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