BERLIN Montag ii.Aovember 1929 10 Pf. Nr. 530 B 264 46. Jahrgang ErscheinttSglich außerS-llut-gi. Zugleich Abmdaukgabe de«.Vorwärts'. Bezugspreis beide Ausgabe» 85 Pf. pro Woche, S,S0M. pro Moual. Redaktion und Expedition; Berlin SW68, Lindcllstr.3 SfuUcuüujfaße de6„Ibwasfa Anzeigenpreis: Die einspaltige Vonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: VorwärtS-Verlag G. m. b.H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Die neuen Jfoichsmuiister. Curiius Außenminister, Moldenhauer Wirifchastsminister. Elektrischer Zug entgleist. Fünf Tote, vier Schwerverlehte bei Dessau. Der Reichspräsidenk hat auf Vorschlag des Reichskanzlers den Abg. Dr. C u r t i u s. unter Enthebung vom Amt des Relchswirlschaftsminlsters. zum Reichsaußeumiulslec und Professor Dr. Moldenhauer zum Reichswlrt- schaftsminister ernannt. * Die beiden neuernannten Minister sind Mitglieder und Abgeordnete der Deutschen Bollspartei. Dr. C u r t i u s, der ous Duisburg stammt, war ursprünglich dort Rechtsanwalt. Von 1911 bis zum Kriegsausbruch staatswisienschaftlicher Arbeiter in Heidelberg, wohin er auch nach dem Kriege zurück- kehrte. Seit 1921 war er Rechtsanwalt am Kammergericht in Berlin. Das Reichswirtfchastsministerium verwaltete er seit 1927. Nach Stresemanns Tode hat er provisorisch bis heute auch das Außenministerium verwaltet. Prof. Moldenhauer, der dem Reichstag feit 1929 angehört, ist gleichfalls Rheinländer. Er ist 53 Jahre alt und amtiert seit 1919 als ordentlicher Professor für Versicherungs- Wissenschaft an der Universität Köln. Die Wahl in Lübeck. Starke Wahlbeteiligung.— Sozialdemokratie an der Spitze Lübeck, 11. November. tElgenberliht.) Tie Wahlen zur Lübecker Bürgerschaft, die am Tonntag»ach einem lebhaften.Wahlkampf und bei einer Wahlbeteiligung von 83 Prozent vor sich gingen, hatten folgendes Ergebnis: 1S2Neiche. Bor dem Stellwert entgleiste die elektrische Lokomotive und stieß dabei mit einem auf dem Nebengleis stehenden Güterwagen zusammen. Der Packwagen des Zuges wurde zur Seite gerissen und nahezu völlig zertrümmert. Der Zugführer, der in diesem Wagen sah, wurde wie durch«in Wunder gerettet. Eine Reihe anderer Wagen ist schwer beschädigt worden. Die Dessauer Feuer- wehr mit Sanstätsautos und ein Arzt waren wenig« Minuten nach dem Unglück an der Unfallstelle. Der Hilfszug aus Hall« brauchte, abgesehen von dem Geräiewagen, nicht mehr in Tätigkeit zu treten. Don einem Mitreisenden des Unglückszuges Magdeburg—, Leipzig wird folgende Darstellung des Unglücks gegeben. Wir fuhretz 6.14 Uhr von Magdeburg ab. Der Zug war nur schwach besetzt. Kurz vor 8 Uhr, ungefähr 1 Kilometer von Dessau entfernt, bemerkte ich, daß der Zug ungewöhnlich hart bremste. Ich sprang auf, erhielt aber«inen so starken Stoß, daß ich an die rückwärtige Wand des Abteils geschleudert wurde. Zugleich hörte ich Krachen und Splittern und im nächsten Augenblick laute Hilferufe. Als ich aus dem Wagen sprang, sah ich, daß dieser mit der Lokomotive und den ersten Wagen entgleist war. Der erste Wagen nach der Lokomotive war umgestürzt. Bei dem Unglück hat der Zug einen auf dem ?leb«ngleis stehenden Güterzug gestreift, wodurch das Unglück»och vergrößert wurde. Aus dem Führesitand der elektrischen Lokomotive hing der Heizer tot heraus. Einem jungen Mädchen waren beide Beine abgequetscht, es war aber bei vollem Bewußtsein. Ein anderes junges Mädchen, dem der Fuß über dem Knöchel abgeschnitten war, hielt krampfhaft ihre Handtasche fest. Zwischen den Trümmern eines Wagens befand sich ein Mann, der unausgesetzt um Hilfe schrie. Cr kante erst nach langen, mühevollen Arbeiten befreit werden. Auch ihm war ein Fuß abgequetscht worden. Da keine Tragbahren zur Stelle waren, wurden die Verletzten erst auf Bretter gelegt. Ziemlich schnell kamen einig« Reichswehrsoldaten zu Hilfe, die sich mit dem Eisenbahnpersonal an den Rettungsorbeiten beteiligten. Der Arzt erschien etwa nach 20 Minuten. Lokomotive fährt in Arbeiterkolonne. Schweres Unglück in Altona.— Vier Tote! Alton«, 11. November. Die Pressestelle der Reichsbahndirektion Altona teilt mit: Bei der Eisenbahnüberführung in der Nähe der Parfümeriefabrik Bictri in Altona, am Kreuzweg, hat sich Sonntag früh gegen drei Uhr ein schweres Un- glück ereignet. Eine Rotte von Streckenarbeitern war damit beschäftigt, einen sogenannten ArbeitSzug, der während der Nachtbetriebspause auf einem Stadtbahn- gleis ausgestellt war, mit Schienen und cberbaustoffen zu belade». Hierbei Ware« die Arbeiter genötigt, das Ferngleis Hamburg- Altona zu betreten, das durch eine« Anffichtsposten gesichert war. Dieser Sicher- heitsposten hat eine uns dem Ferngleis von Hamburg kommende Lokomotive anscheinend nicht rechtzeitig bc< merkt, ans welchem Grunde, steht noch nicht fest. Tie Lokomotive fuhr in die A rbeite r k o 1 o nn e hinein. Hierbei wurde« zwei Personen getötet. acht Personen teils schwer, teils leicht verletzt. Tie Ber- letzte» wurde« nach Anlegung von Notverbänden von der Feuerwehr mittels Krankenautos in das Städtische Krankenhaus in Altona übergeführt. Zwei Schwerver- letzte starben bald nach der Einliesernng im Krankenhaus. Die Namen der Toten sind: Die Arbester Kracht, Schmidtke, Gudow und B u ch m a n n. Schwer verletzt siegen noch im Krankenhaus der Reichsstahnrottenführer G i e s e l e r, der Bahnunterhaltungsarbester Henning sowie der Arbeiter Langemeier, Drei Leichtverletzte tonnten wißder entlassen «erde», Nicht zurück, sondern vorwärts. Severins im Berliner Osten.— Otto Wels am Wedding. Vormarsch in Niederösterreich. (Fortsetzung von der 1. Seite.) Mehrheil. 3n Glödnih und Stockerau, die heftig umkämpft waren, wurde die sozialdemokratische Mehrheit behauptet. GSdnih ist das Zentrum der uiederöstcrreichifchea Helmwehr. An vLrgermeifierposten hat die Sozialdemokratie nach den bisherigen Ergebnisten acht neu erobert. *-t Wien, 11. November. Nach den heute früh vorliegenden Meldungen über die Ge- meindewohlen in Nicderösterreich liegen von den 1711 niederöster- rcichischen Gemeinden, die gestern gewählt haben, Ergsbniste von 1698 Gemeinden vor. In diesen haben die nichtsozialistischen Par- leien insgesamt 18 246(gegen 16 938 im Jahre 1924), die Sozial- dnnokraten 4111(gegen 3639) Mandate erhalten. Der Mandats- Zuwachs beträgt für die nichtsozialistischen Parteien 1398, für die Sozialdemokraten 481 Mandate und 13 Bürgermeisterämter. Die Sozialdemokratie hat, angesichts einer allgemeinen Vermehrung der Mandate, um 13 Proz., die anderen 4 Parteien um 7 Proz. z u- genommen. Wahltampf in mexikanischer Art. Straßenkämpfe in Mexiko-Stadt- Mexiko- Eity, 11. November.(Eigenbericht.) In der mexikanischen Hauptstadt kam es am Sonntag zu einem regelrechten Straßenkampf zwischen Anhängern d«» Präsidentschasts- kandidaten Daseonzelos und Anhängern des Gegenkandidaten Rubis. Drei Personen wurden getötet, 1Z schwer verletzt. Unter den Schwerverletzten besindet sich auch der Ehef der Polizei von Ätcxiko-City, der mit einem Gewehrkolben niedergeschlagen wurde. Als etwa 390 Anhänger von Daseonzelos nach einer Versamm. lung an dem Hauptquartier der Anhänger des Präsidentschaftskand!- bäten Rubio vorbeizogen, wurden sie aus dem Hrniptquartier heraus plötzlich beschossen. Es entstand ein großer Tumult, der schon riach rvcnigen Minuten zu einem regelrechten Straßen» kämpf misartets. Alis beiden Seiten wurde scharf geschosten. Erst nach Aufbietung sämtlicher Polizeikräftc und nach stundenlangen Auseinandersetzungen konnten die gegnerischen Parteien auseinander» gebracht werden. Aber kaum war die Polizei abgezogen, als An» Hänger von Vajeonzelos das Hauptquartier der Rubiontsten in Brand st eckten und die Feuerwehr verhinderten, di« Lösch» arbeiten auszunehmen. Sämtliche Bureaus wurden zerstört, Schreib- Maschine»/ und Utensilien vernichtet. Die Straßen in der Umgebung des Hauptquartiers der Rubionisten waren dicht mit Akten besät. Aus anderen mexikanischen Stadien werden ähnliche Vor» sälle gemeldet. Das Barometer steht danach wieder einmal auf Stebchitze. Die Wahlen finden am 17. November statt, so daß lm Berlauf dieser Woche noch schwere blutige Aueeinanderseßungen befurchtet werden. Bombenwerfer und Meineidiger. «Syndikus Wefchke auch wegen Meineids angeklagt. 3a der Untersuchung gegen die der Bombenanschläge verdächtigen ist gegen den Syndlku» wefchke die Voruniersuchung entsprechend dem Antrage der Staalsanwailfchask aus Meineid au». gadehnl. wefchke ist jetzt geständig, an dem Bombenanschlag in Beldensleth keilgenommen zu haben. Er Halle, im Barver. s a h r e n als Zeuge zur Erreichung einer wahrheiisgctreuen Aussage unter Eid vernommen, bekunde», daß er Z» den Bombenanschläge in keinerlei Beziehungen stände. Die Strafkammer hat am Freilag die haslbeschwerde des Frei- Herrn von Oncken-vtlo zurückgewiesen. Der Bombenallentäler Volk, der am Sonnabend an der schweizerischen Grenze bei Lörrach festgenommen wurde, ist noch am gleichen Tage nach Berlin übergeführt worden. Außer Volk ist auch besten Frau, die sich in seiner Begleitung befand, festgenommen worden. Schweres(Straßenbahnunglück in Belgien. 32 Verlehte!- Versagen der Bremsen? Brüssel, 11. November. Ein schweres Slraßenbahnunglück ereignete sich gestern aus der Streck« Hastelt— lougre». Ein Straßcnbahnsondcr- zug, bestehend aus 21 Wagen und 2 Lokomotiven, der etwa 100Ö Personen von den Fußballwettspielen in longres zurückbrachte, kam aus dem sogenannten Gefälle von Hennegau in ein« solche Geschwindigkeit, daß an einer Biegung beide Lokomotiven sowie die ersten drei wagen au» den Schienen sprangen. Der vierte wagen kam quer über die Gleise zu stehen, so daß die beide« nächsten wagen mit voller Wucht gegen diesen anrannten und vollständig zertrümmert wurden. Bisher konnten 32 verletzte geborgen werden, darunter zehn Schwerverletzte. Einem Schaffner wurden beide Beine abgefahren. Die Ursache des Unglücks konnte i»och nicht ermittelt werde». Es scheint, daß di« Bremsen der einen Lokomotive im entscheidenden Augenblick v« r so g t haben. Pilzvergiftung in einer Kochschule. 22 Schülerinnen erkrankt. Bitterseld, 11. November. Die erste Klasse der Pestalozzijchule hatte, wie allwöchentlich, Kochunterricht. Dabei wurden PI l z e veruxndet, die dann wie üblich von den Schülerinnen gegessen wurden. Nach Schluß des Unterrichts klagten bereits einige Mädchen über U e b e l k e i t s- erfcheinungen. Man»naß dem aber nicht allzu große Beden- tung bei. Gegen Abend stellte sich jodoch bei 22 Schülerinnen B r e ch- reiz und U e b« l k« i t ein. Die Erlrankten wurden im Kreis- krankenhau» sofort in ärztlich« Behandlung genommen. Lcrschi.'- denen wurde der Magen ausgepumpt. Lebensgefahr soll bei keiner der Erkrankten bestehen. Man nimmt an, daß sich unter den von einem hiesigen Kauk- mqnn«rstyndenen Pilzen giftige befunden haben. Die Lehrerin behauptet, die Pilze seien von ihr geprüft und als einwandfrei b«. fustden worden. Tfchitfcherin verabschiedet. Moskau. 11. November. Da» Politbureau der K«nnmunistis6i«n Parte! ha» das Rück- trittsgesuch Tschttscherine genehmigt, der damit vom Amte de» Slußentommiste» wegen seines schlechten Gesundheitszustandes«nt- blinden wird. Tschitscherin wird sich weiter in Wiesbaden aushalten. Vi« Arbeiterführer in den Berliner Arbeitervierteln! Gestern sprach Relchslnncnmlnister Geaaste Severing im Bezirk Friedrichshaln und der Vorsitzende der Sozialdemo. krollschen Partei Otto wel» am Wedding. Mit Absicht hallen sie sich Bezirke gewählt, in denen kommunistischer Wahnwitz und rechtsradikaler Uebermut sich besonders breit machen. Das weite Rund der Plaza am Schlcsischen Bahnhof war schon vor 19 Uhr überfüllt Der Männerchor Friedrichshain leitete die Veranstaltung ein. Dann sprach Genosse Severing. „Heute tritt der Arbeiter gleichberechtigt mit dem Kommerzienrat, gleichberechtigt mit dem Großgrundbesitzer an die Wahlurne. Die Demokratie hat ihm dieses Recht gegeben. Wenn wir am näch- sten Sonntag die Vertreter in den Kommunen wählen, dann trei- den wir gleichzeitig hohe Politik Wenn auch der Poung-Plan uns 700 Millionen Mark ersparen wird, so ist doch auch weiterhin unser« finanzielle Deck« kurz. Diel« aber, Reich, Länder und Ge- meinden sollen unter dieser Decke Platz haben. Da wird in den Gemeinden entschieden, wo gespart werden soll, ob etwa an kulturellen und sozialen Ausgaben, und wer die Lasten tragen soll, der Besitzende oder der Schassende. Der Wahl- kämpf geht nicht etwa, wie politisches Pharisäertum durch Verletzin- dung und Skandal uns vortäuschen will, um eine Hose oder um einen Pelzmantel. Di« schmutzig« Angelegenheit der Herren Sklarek wird ja von gewisser Seite nur aufgebauscht, um gegen die So- zialdcmakrati« zu kämpfen. Dieser erbitterte, mit allen Mitteln gejührte Kamps ist uns ein Beweis unserer Stärke. Wenn bei uns etwas nicht in Ordnung ist. dann sind wir gewohnt, selbst schleunigst Remedur zu schassen. Mit unseren Leistungen aus kommunalem Gebiete können wir den Wettkamps mit den Bürgerliche» qelcost aulnchmen. In der VorlGicgszeit sorgte man durch gi», ungerechtes Wahlrecht in den Kommunen für eine bevorrechtete Minderheit. Wir arbeiten für das Volk in seinen weitesten Schichten. Das Bürgertum will in sozial- und kulturpolitischen Fragen nicht nur bremsen, sondern zurückschrauben. Darauf lassen wir i.ns unter keinen Umständen ein. Und sind für unsere Arb'ite.ckinder die beste» Schulen und die fürsorglichste Gesundheitspflege gerade gut genug. Möge sich besonders der Mittelstand über- legen, was geschieht, wenn die Sozialgesetze abgebaut werden. Zch weiß al» früherer preußischer Poltzeiminlster au» den Notjahren 1S22/23. da sich der Zorn des hungernden nicht gegen die Villen der Großbefiher im Berliner Westen, austobt, sondern gegen die Läden de» kleinen Schlächter», de» kleinen Bäckers, des kleinen Soloaialwarenhändlers im Arbrllervicrtel. Nicht nur innenpolitisch, auch außenpolitisch sind die Wahlen vorn 17. November von größter Bedeutung. Wir wissen, welchen üblen Eindruck das knappe Gelingen des Hugenbergfchen Volksbegehrens namentlich in Paris gemacht hat. Der wahre Volksentscheid fällt nicht am 22. De- zember, sondern am nächsten Sonntag, am 17. November. Wir gehen zu diesem Volksentscheid mutig und siegesgewiß. Wir verteidigen uns nicht, fondern w ir greisen an— zum Segen Berlins und zum Segen des gesamten deutschen Volkes." Der Bürgermeister des Bezirks Friedrichshain Genosse M i l i tz leitete dann mit kurzen Worten die Vorführung des wirkungsvollen Films„Aus dem Alltag empor" ein, der von uns letzchin im„Vorwärts" besprochen wurde. Cr führte aus: Die Höfe und Schächte, in denen gerade in unserem fünften Verwaltungsbezirk die Proletarier hausen müssen, sin» ein Vermächtnis der Ver- gangenheit, sind das Erbe des K ö m m u n a l f r e i s i n n S, das wir übernehmen mußten. Von den 104 000 Wohnungen in unserem Bezirk sind 90 000 Kleinwohnungen. Wir Sozialdemo. kraten haben uns bemüht, in diese Enge etwa» Lust zu bringen und vor allem dem heranwachsenden Geschlecht durch Schaf- fung von Spielplätzen und Heimen etwas Licht und Sonne zu geben, kurz Oasen in der Wüste der Großstadt zu schassen. Unsere Arbeit befriedigt uns in keiner Welse, wir wollen mehr schassen, ober dos können wir sagen: was zu schaffe» war, haben wir getan, bekämpft von der Reaktion rechts und links van uns. D!« K o m< m u n i st« n sind gerode in unserem Bezirk unserer aufbauenden Arbeit immer in den Rücken gefallen, sie haben nicht, wie es Pflicht einer Partei wäre, die sich Arbeiterpartei nennt, uns geholsei» und unsere Arbeit gefördert, sie haben unser« Bezirksversommluna zu einem Tummelplatz wüster Radauszenen gemacht. Wer sich!n pnserem Bezirk umsieht, muß wissen, wie er sich am 17. November zu entscheiden hat: gegen jede Reaktion, mag sie link» oder rechts stehen, für die Sozialdemokratie. Um 14 Uhr marschierten die Parteigenossen vom Wedding im Schillerpark auf. Di« Männer und Frauen der Arbeiter- klasse rückten in imposanten Zügen mit Schildern:„wählt sozial- demokratisch! Für Liste 11 Lest den.vorwärts"!" an. Nach Be- grüßungsworten des Genossen Frank sang der Arbeitcrchor Met- neck« unter Leitung des Genossen Joseph. Dann sprach Ge- nasse Wels: Als 1916 die Fürsten veriogt wurden und das bis dahin rechtlose Volk polltisch frei wurde, wußten wir aus der Not Autodiebe auf Gchreckensfahri. Drei Personen schwer verletzt. Am Sonnlagabend gegen Z�g Uhr ereignet« sich am Fehrbelllner Platz in Wilmersdorf ein schweres Autounglück. bei dem der Direktor der Olexwqrke, Karl Adler, aus der Konstanzer Straße 27, dessen Frau Maria und der Chausfeur Wilhelm Helaemana ans der warlburg- straße 27, schwer verletzt wurden. Direktor Adler wollte ein Theater aufsuchen. Beim Einbiegen in den Fehrbelliner Platz wurde da» Auto von einem in rasender Fahrt herankommenden anderen Wagen seitlich ge- rammt. Der Chauffeur verlor dqbei die Herrschaft über die Steuerung, das Auto geriet auf den Bürgersteig und ptattte in voller Fqhrt gegen«inen Licht m oft. Der Wogen wurde völlig zertrümmert, und der Chauffeur sowie die Insassen erlitten schwere Verletzungen. Direktor Adler und sein» grau wurden in das Weftsanatorium übergeführt, während der Chauffeur Heiner mann im Wilmersdorfer Krankenhaus in der Achenbachstroße Aufnahme gefunden hat. Der Führer und der Insasse des schuldigen Autos flüchteten, al» sie sahen, was sie angerichtet hatten. Pon der Polizei wurde der Wagen, der gleichfalls erhebliche Belchädi- qungen aufwies, sichergestellt. Wie später ermittelt wurde, gehör« dieses Auto den, Schauspieler Paul Lange. Autodiebe sahen den Wagen auf dem Fallerslebenplatz stehen und fuhren mit ihm auf und davon, dis sie am Fehrbelliner Platz ihr Geschick ereilte. der Zeit heraus, daß der Komps schwer sein würde. Aber wir ahnten nicht, daß der Gegner schon nach 11 Jahren so dre.st und frech auftreten würde, der Gegner, der sich damals verkroch und versteckte. Di« Reaktion dank» ihren Mut»ich« zum wenigsten den komna- nisten. die den Bruderzwist in der Arbeiterklasse hegen und pflegen und Ihr so die MSglichkeil geben, nach ihrem Wahrsprnä) „Teile und herrsche" gegen die Arbeilerschost tälig zu sein. Rußland ist kein Land cs Glücks und des Segens. Die deutsche Arbeiterfrau denkt mit Schrecken an die Zeit, wo sie um eine Brot-, eine Fett-, eine Fleischration auf Karten hin anstand. In Ruß- land stehen noch heute die Aibeitersrauen mit ihren Karten vor den Geschäften an. Das ist nicht der Weg, den wir Sozioldemo- traten gehen wallen. In Deutschland beträgt trotz seiner schweren Reparotionelasten der Sozialetat 1399 Millionen Mark, in dem riesigen Rußland weist er 199 Millionen Rubel aus. T>aß Lllcst und Verleumdung sprechen für uns unsere Taten! D'e Hugenberger haben der Reaktion in den Nachbarländern neu s Wasser auf die Mühlen gegossen. Das beweist das Verhalten d r Männer um Tardisu und' Mag. not in der Räumungsfroge. Treffen wir am 17. November den richtigen Volksentscheid, dann wird es vorwärts gehen, innen- und außenpolitisch. Darum wählen wir sozialdemokratisch! Der Bürgermeister des Bezirks Genosse Leid schilderte die Arbeit der Sozialdemokratie am Wcdding. Kommunale Er- füllungspolitik besteht für den Sozialdemokraten darin, für die Schassenden alles nur möglich« herauszuholen. Jeder Sehende erkennt an, daß gerade im Wsdding Leistungen aufzuweisen sind, das zeigen die Besichtigungen durch ausländische Gäste. so auch durch eine Kommission aus Sowjetrußland. Der deutsche Arbeiter braucht nicht, um kommunale Leistungen zu sehen. nach Rußland zu fahren, er kann sich In Berlin umsehen D> einzige Kulturtat der Kommunisten im Verwaltungsbezirk Weddirg war, daß sie noch ihrem S P o r t j« st im August den Platz in einen Zustand versetzten, der nur als s ch w c i n e m ä ß i g bezeichnet werden kann. Für jeden Denkenden gibt es am kommenden Sonnlag mir eine Entscheidung, die Entscheidung für Liste 1. llcberall veranstaltete die Sozialdemokratie gestern in Berlin Kundgebungen und Umzüge. Leider gestattet uns der Raum nicht, alle Leranftoltungen zu besprechen. Ein» zeigt« sich immer wieder: die Partei geht in die Wahlschlacht mutigund siegesbewußt. Sie ist der Ueberzeugung, daß die Berliner Bevölkerung am Sonn- tag die richtig« Wohl, die Wahl der sozialdemokrallschen Liste 1 treffen wird. Kommunistenheld Lange flüchtet zu Zörgiebel. Di« Weddingcr Sozialdemokratie marschierte gestern in drei machtvollen Werboumzügon zu der Wahlkundgebung im Schiller- park. In der Lynarstraße ging plätzlich der kommunistische Sjadt verordnete Lange demonstrativ neben dem Zuge her. Einig' PoxtÄgenossen erkannten den Burschen und sagten ihm einig- Wahrheiten. Leichenblaß flüchtet« der.„Held" Long«-' sofort zu den Schutzpolizisten und ersucht« um Beistand, ohne kos-, dazu der geringste Anlaß bestand. Das wird den sauberen Herrn natürlich nicht abhalten, bei der nächsten Gelegenheit mit altbe kannter Lungentraft gegen„Zörgiebel und seine Banditen" zu hetzen. * Eine sehr gute und wirksame Unterstützung fand die geste n überall durchgeführte Wahlagitation der Sozialdemokratie durch 12 riesige Propagandawage«, die der Bezirksverband Berlin der SPD. eingesetzt halle. In Zügen von s« drei Wagen wurde die ganze Stadt durchfahren. Die Wände der Möbelwagen sind mit riesigen Plakaten betleidet, die Seitenflächen haben ein« Größe von 8x2,59 Meter. U eberall standen di« Wagen im Mittelpunkt des Interesses der Straßenpassanten. Die sehr wir- tungsoollen Bilder verfehlten ihren Eindruck nicht. Di' Karikaturen, die sich mit dem Treiben der Kommunisten und Hotenkrcuzler beschäftigen, wurden oft belacht Und fanden die volle Zustimmung der Berliner. Ein Riesenplatot, da» Kommunisten und Nazi» in treuer Gemeinschast mit Stinkbomben bowafmet zeigt. fragt:»Berliner, soll diese Sorte im Sladtpariamcnt regieren?" Ein anderes Plakat fordert den Wähler auf:„Den Kläffern einen Tritt, am Aufbau helfe mtl!" Die Wagen fahren in der kommen- den Woche wahrend des ganzen Tages durch die Straßen der Stadt. sie werden auch di« entferntesten Winkel aufsuchen und so jedem Berliner vor Augen kommen. * In unserem im Sonntag-„Vorwärts" veröffentlichten Bericht über eine Steglitzer Wahlkundgebung muß es selbstverständlich heißen:„Ein ausgearbeitetes Kommunalprogramm, dos der Lebens- Wichtigkeit kommunaler(nicht wie versehentlich gesetzt kommu- nistischer) Aufgaben entspricht, hat nur die Sozialdemokratie" Lampel beim Fememord. Eine neue Verhaftung. Liegnih, 11. November. Die Iuslizpcessestelle teilt in der zurzeü von dem Liognitzer UiUersuchungsrichter b«arbeiteten Femeangelegenheit folgendes mit: Di« Leiche des Köhler ist bisher noch nicht gefunden wvlden. Die Grabungen mußten aus technischen Gründen einst- weilen ausgesetzt werden, sollen aber nach einigen Tagen ihren Fortgang nehmen. Di« Verhafteten. L a m p e l und der Diplomingenieur Schwe ning er- Bochum, hoben zugegeben, daß im Jahr« 1921 Fritz Kölker in Wockerau bei Reustadt erschossen worden ist und daß sie bei Ausführung der Tat zugegen gewesen sind, lieber ihr« aftioe Beteiligung an der Tat haben sie widersprechende Angaben gemacht, di« noch der Klärung bedürfen. Beide haben einen gewissen Ulrich o. Beul» witz au« Spandau erheblich belastet, die übrigen fing«. schuldigten hingegen entlostet. Beulwitz ist bereits ver- haftet und in Liegnitz eingeNefert worden. Der verhaftete Müller ist am Sonnabend au» der Haft«nt- lassen worden. Er hatte sich lelnerzett u a. dadurch verdächtig ge- macht, daß er über Im wesentlichen feststehende Tatsachen wechselnde Angaben mochte und nach und nach zugab, was er zunächst bestritten hatte. Diese Widersprüche tonnten jedoch inzwischen«msgeklärt werden. Heute findet die Vernehmungen de» Beulwitz statt. Die Lüge von Laagemarck. Ein Verbrechen der Heeresleitung- keine Heldentat? „Schlicht nwtfret« am 14. November ber Heeresbericht-„West- lich Longemarch brachen jung« Regimenter unter dem Gesang« „Deutschland, Deutschland, üb«r alles" gegen die erste Linie der feind- liehen Stellungen vor und nahmen sie." So schreibt die Hugenberg- Presse wiederum in ihrem Bericht über die Langemorck-Gedöchtmsseier im Sportpalast.?n diesem Sinne wurde dort ein Ereignis zur Perherriichung des Militarismus ge- feieri, da» in Wahrheit die schwerste Anklage gegen ihn ist. Die«rnsthaste Geschichtssorschung hat inzwischen seftgestellt— und selbst das offiziell« deutsche Werk über den Welt- krieg, herausgegeben vom Rcichsarchin, muß es bezeugen— dos; jedes Wort de»„schlichten" Heeresberichts vom lt. November 1914 eine krasse Unwahrheit ist. Erstens ist nicht w e st l i ch von Langemarch gestürmt worden, da Langemarck von den Deutschen niemals eingenommen wurde. Dann standen in den lagen vom Iii. und 11. November überhaupt keine jungen Regimenter an diesem Gerechtsabschnitt. Die Ercigniisc, aus die der Heeresbericht anspielt, hatten sich vielmehr schon mehr«r«Wochenvorher,inder Zeit vom 19. bis 23. Ottober, ober anders zugetragen. Daß der amtlich« Heeresbericht sie erst am 11. November in gesölschter Form meldete, hatte einen Zweckgrund: man suchte nach einer Meldung, durch deren begeisternden Inhalt man die Heimat über die gleichzeitigen Mißerfolge im Osten(Rückzug von Warschau urtd Iwangorod) hinwegtäuschen konnte. Geschehen war in den Oktobertogen folgendes: Das 22., 23., 26. und 27. Reservekorps— all« aus fast völlig unausgebildetcn Kriegs« freiwilligen und jüngsten Jahrgängen bestehend— waren am 11. Oktober au» ihren Garnisonen verladen, vom 13. bis 18. Oktober in den Ctappen-Endstationen auegeladen worden, um bereits am liV und 2-1. Oktober zu schwersten Kämpfen eingesetzt zu werden. Das ffmtJiche Kriegswerk stellt fest, daß es sich um „unvollkommen ausgebildete, jeder militärischen Erfahrung entbehrende, milizartige verbände" handelte, deren Führung es als sehr erwünscht bezeichnet hatte, ihre Truppen zunächst„durch leichtere Gcfechtsausgaben gegen schwacher« Feinde zunächst an den Krieg zu gewöhnen". Trotz ernstester Gegenvorstellungen der Truppenleiwng befohl aber General Falken Hayn am 20. Oktober, diese Truppen zum Generalangriff auf die verschanzten feindlichen Stellungen einzusetzen. Dabei waren diese armen Kriegsopfer, durchschnittlich nur vier bis sechs Wochen ausgebildet, überdies noch völlig unzureichend ausgerüstet. So meldet« nach dem amtlichen Kriegewerk der Führer de» 26. Reservekorps, daß feine Leute sich mangels Schanzzeug» nicht einmal eingroben könnten. Diese armen jungen Menschen, die weder die Taktik des Aus- ichwärmene, noch des Deckungnehmens(Hinlegens) kannten, die zudem nicht einmal Spaten besaßen, wurden drei Tage lang gegen d!« feindlichen Stellungen vorgetrieben, darunter am 23. Oktober auch gegen Langemarck. Ausrecht stürrnteli die ahnungslosen Jünglinge der 51. Reierue&ivifion in geschlossenen Truppenkörpern über pin deckungsloses Gelände von Kilometertiefe gegen rinzeschr-s'-me feindliche Artillerie und«ingegrabene Maschinengewehre. Sie ix-uden— wie selbstverständlich— elend zusammen- beschossen. Einzelne Bataillone meldeten 80 Proz. Verluste. ?n zehn Tagen zählten die vier jungen Korps 40 000 Tote und verwundete. So sah Langemarck in Wirklichkeit aus— nach der amtlichen d»utschen Geschichtsschreibung. Aus diesem Verbrechen der Heeres- keitung«ine Heldenlegende der Jugend zu machen, dazu gehört die ganze unverfroren« Verlogenheit eines Militarismus, der sich auch noch aus seinen schlimmsten Sünden Ruhmeskränze flicht! Reaktion verzögert Räumung. Das Volksbegehren liefert den Vorvond. Vari«. 11. November.(Eigenbericht.) Trotz der schweren Enttäuschung, die die Kammersttzung am Sonnabend mit dsn Roden Briond» und Tardieus ollen denen, die auf«ine reaktionäre Wendung in der französischen Außen» Politik gerechnet haben, bereitet hat, sucht die Rechtspresse immei' noch wenigsten» aus den nicht ganz eindeutigen klaren Wendungen in der Tardieuschen Rede das herauszulösen, was ihr genehm ist. Insbesondere über die Frag« der Räumung der 3. Zone ist wieder ein« lebhaft« Diskussion im Gang«, in der mit ollen Mitteln der künstlich hervorgerusei«» Mißverständnisse versucht wird, au» dem Tode Gtresemanns und der durch das Hugenbergsche Plebiszit ver- schoben«« Lag« Kapital zu schlagen. Di« Erklärungen Tardieu». schreibt dar„Temps", über die Rhumung der 3. Zone sollten In Berlin mit befpnderer Mkmerk- iamkeit aufgenommen werden, denn st« stehen in kategorischem Widerspruch zu senen, die behaupten, daß die Räumung der 3. Zone unter ollen Umständen am 30. Juni beendet werden soll. Man versucht jetzt glauben zu machen, daß dl« Interpretation des französischen Ministerpräsidenten im Widerspruch mit den Haager Verträgen steh«. Es sei demgegenüber daran sestzu holten, daß das Datum des 30. Juni unter der Voraussetzung festgesetzt wurde, daß der Voung-Plan durch die Parlamente noch im herbst diese» Jahr«, ratifiziert werden würde uns» daß daher genügend Zeit- für den Vollzug ver Räumung?- operation zur Verfügung stehe. Da aber selbst deutscherseits aner- könnt wird, daß die Ratifikation die Grundlag« der Räumung biet«, da ferner infolg« de» Hugenbergsche« Plebiszit» mit einer Ratifizierung nicht vor Januar zu rechnen ist, ist es selbstverständlich, daß all« vorgesehenen Termine eine Verzöge- r U n g erfahren werden. Im„Echo de Pari»" reitet Perlinax wieder eine heftige Attacke gegen Briond. Er vertritt den Standpunkt, der im Gegensatz zu der ossiziösen französischen Außenpolitik steht, daß die Besetzung der 2. und 3. Zope immer noch ein m i li t ö r i s ch«» Pfand füt die Sicherheit Frankreichs darstell«. Di«.L'bertk!" schließlich sucht mit einer zweifelhosten Dialektik ebenfalls den Text der Haoger Verträge zu verdrehen. Aus diesem Text gehe heropr, daß die Räumung der Mainzer Zone„in ununterbrochener Folg," vollzogen werden müsse. Unter dieser Voraussetzung sei der Termin de» 30. Juni genannt worden. Da ober die Räumung der 3. Zpn« im Gegensatz zu gewissen M«l> düngen deutscher und französischer Linksblatter noch gar nicht de» gönnen hohe— schreibt die„Liberte"— so kann sie auch lpgischer. west« nicht unterbrachen sein und alle Konsequenzen seien dadurch hinfällig.__ Etwa 100 000 polnisch« Wanderarbeiter lehren im Lansä dieser 'Woche aus Deutschland nach Polen zurück. Tanz/ Theater/ Musik. Das Wigman-Lubilaum. Ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Mary W i g m a n zu n erstenmal in Berlin austrat. Ein Jahrzehnt, ereignisreich für die gesamte Kunstentwicklung, zielweilend, grundlegend und wegbahnend für den Tanz. Man muß schon in alten Jahrgängen der Berliner Zeitungen nachlesen, sonst würde man c» nicht glaube», mit welcher sprudelnden Fülle von Unwissenheit, Anmaßung und undurchdring- lichcr Dickselligkeit dos Phänomen Wigman bei seinem ersten Er- scheinen empfangen wurde. Die Tanzkritiker, fast durchweg Mu- siker, merkten nichts, und das Publikum war nicht viel scharf- sinniger. Inzwischen ist man immerhin ein Stück weitergekommen. In der Tanzentwicklung erfreulich weit. In der Erziehung des Publi- kums und seiner journalistischen Wortführer wenigstens äußerlich ein Stückchen: wo man nicht ehrlich nri stuhlen kann, mimt man Enthusiasmus. Anläßlich der zehnten Wiederkehr des Tages, an dem die Wig- man zum erstsnmal in Berlin aufgetreten ist, hatte ein Komitee, dem Vertreter des preußischen Kultusministeriums, des Reichsmini- sterium» des Innern, bekannte Künstler und Kirnsstchriftsteller an- gehörten, zu einem Empfang im Hotel Bristol eingeladen. Alles, was innerlich oder äußerlich mit dem neuen Tanz verbunden ist, war erschienen. Darunter ein« weißhaarige stille Dame: Marys greise Mutter. Ministerialrat H a s l i n de vom Kultusministerium hielt die Begrüßungsansprache. Dann sprach die Wigman. Klar, frei, klug und herzlich wie immer. Sprach von den Kämpfen and Leiden, die sie durchmachen mußte, bis sie ans Ziel gelangt war. Verschwieg nicht, daß man sie noch ihrem Berliner Debüt als ein „hysterisches Monstrum" bezeichnet hatte. Daß sie damals zweisei. Haft geworden sei, ob sie nicht besser täte, die Kunst an den Nagel zu hängen. Dankte ihren Mitarbeitern und Förderern und schloß mit einein Hoch aus die Zukunft der Tanzkunst. Dem Empfang im Bristol war ein Tanzabend im Bach- s a a l vorangegangen.„Schwingende Landschaft" hieß der Zyklus von sieben neuen Tänzen, den die Wigman vorführte. Die Stimmung eines Feiertagsmorgen» erblühte aus den Rhythmen eines„Seraphischen Liedes". Elockentöne, ferne Orgelklänge. In langsamem Schreiten Anbetung de» Himmels, der Erde. Ein gc- tanzter Choral. Das„Gesicht der Nacht": Furcht, Angst, Schauder vor dem schwarzen Nichts. Versuch, es zu bewältigen, durch Berührung des Körpers, der Mutter Erde, durch Ekstase, die an die Grenze des Irrsinns führt. Schließlich Zusammenbruch. Noch dem düsteren Traumgespenst ein sonniges Idyll:„Pastorale". Sie liegt auf der Wiese, lauscht den Vögeln, betrachtet eine Blume. Erhebt sich(in wundervoll leichten Schwüngen). Badet tanzend in der Luit. Faltet sich müde zusammen. Entschläft glückselig. Es folgte ein leichtgeschürzter„Festlicher Rhythmus", in kurzen, scharfen, schmissigen Schwüngen und kraftvollen Spannungen energisch vorwärts und rückwärts führend: Reif«, Füll«. Erfüllung und ein stolzes Blühen im„Sommerlichen Tanz". Haltung und Bewegung in sich geiestigt. Selbst im leichten Spiel majestätisch, selbstbewußt. Zum Schluß des ersten Teils, in rotem Schleiergewand, ein hinreißender Wirbel:„Sturmlied". Die drei ,.Z i g« u n« r w e i s e n", die den kurzen zweiten Teil bildeten. Tanz» von herrlichem Elan, in dumpf arrnnaftschcr Wut, in prachtvoll sieghafter Lebensbejahling. Sollen wir„Kritik" üben? Etwa darauf hinweisen, daß die Ausdrucksmittel der Wigman sich mehr und mehr auf den Ober- körper, die Arm-, Hand- und Fingeraktioi, konzentrieren? Daß die berühmten Kehrtsprünge und ähnlich« technische Bravourleistungen kaum noch in Anwemdung kommen? Es gibt einen Gipfel der künstlerischen Vollendung, der jede Kritik als unwürdige Nörgelei erscheinen läßt. Erfreuen wir un» an dieser unerhörten Fülle tänzerischer Kraft, an der Tiefe und Reinheit der Phantasie, an der unvergleiehlichen Sicherheit künstlerischer Gestaltung. Geben wir uns freudig einem Genuß hin, um den uns spätere Generationen beneiden werden.__ John Schikowski. Studio des Staatstheaters. X Äontoch:„Ein Held unserer Tage". Der Hauptmotador des Stücks, ein Herr Kriegfch, ist der Held unserer Tage. Nach der Erkenntnis de» Dichters gehört er zur Aristokratie der Heiratsschwindler. Ihm wird dt« Sache insofern leicht gemacht, als seine lßjsttim« Gattin sich au» unerwiderter Liebe aushängt urtd die künstige Gattin de« Betrüger», die nebenbei ein hübsches Vermögen besitzt, aus angeborener Willensschwäche nicht allein schlafen kann. Doch dieser Schwindler ist ein saftiges Exempilor, ein�fixer, liebenswürdiger Kerl,«ine erotisch» Großschnauze, ein Schwerenöter, der sogar einen alten Afrikaner in seine Netz« fängt. Der Heiratsschwindler kaust Gehrock und Zylinder bei einer Alt-lleidertroWerin, doch er steckt di« ganze Welt in d!« Tasche. Sogar der verdiente Kolonioilsoldot, der sich noch heute freut, in gesegneter Vergangenheit die für das Baterland hingeschlachteten Neger gesehen zu haben, gibt dem Schwindler den Bruderkuß. Allerdings ist dieser Koloniolheld ein prächtiger Neger- fresser. Jeder Schuß ein Schwarzer. Wird dem Mann besonders weich zurnut, dann schießt er aus die Scheibe. Sein göttlichster Traum ist, daß er mit jedem Schrots chuh einen eingebildeten Nigger hopla gehen läßt. So kann man sich nicht wundert», daß dieser wertvolle Soldat kühl bleibt, als seine vom Schlag getroffene Gattin injtie ewigen Gesikde eingeht. Der Spaßmacher Van loch s«tzt kein Stück zusammen, sondern ein« Photomontage der Meschuggenen. Er kaim ohne Zweifel amüsant« Dialoge skizzieren. Für solche Sketschs reicht es durch- aus. Für ein Stück, für eine Posie, oder gor für eine grund- legende Datire ist er noch zu asthmatisch. Am Staatstheater hatte Herr Vantoch hilfsbereite Freund« gcfundeiu Vor allem Paul Litt, den Regisseur des Ulks und den Träger der Hauptrolle. Bill als Heirateschwindler sprüht Keßheit und Gemeinheit und Munterkell und Psiffigkell. Außerdem wirkt bei diesem Experiment nicht etwa die drill« Gar- nllur. sondern die beste Garde des Stavtstheaters mit. Bei ihr hat sich da« Sonntagsgenie Vantoch, das wir noch nicht entdecken, sondern nur au» woller Ferne wittern konnten, sehr respektvoll und demütig.zu bedanken. M,x Hoehdvrf. Herbstkonzert des Berliner Ltthmaunchors. Der Uthmann-Ehor. der im Saaldau Friedrichshain konzertiert«, hat sell etwa vier Monaten einen neuen Dirigenten, Joses Schmid. Man darf sich den Namen wohl merken. Der große, stattlich« Ehor ist heute aus einer Höhe, die er in de« letzten Iahren nie erreicht hat. schöne, runde, weich« und rein« Ehorclang, das Spinnen des Tones, das Ausllingsu der Phrasen, das dialogartig«, ganz selbstverständliche gegenseitige Eichau swirtan der Stimmen, die hochintclligente Toxtbshandiung und die mustka- lisch« und poetische Ausdeutung der Werke such im einzelnen un-- als Ganzes auf höchster Höhe. Die Dvtkslisder erklingen mll aller naiven Liebs und Sinnigkell, ein russisches auch mit echtem Kosakcntemperament. Ein Schubert und das selten gesungene, tiefgreifende und wieder den ganzen Poeten enthüllende Uthmanusche „Noch dem Sturm auf Westerlond-Sylt", etwa ein Gegenstück zum „Unbekannten Soldaten", waren hervorragende, stilvolle, aber von modernem Geist erfüllt« Leistungen, denen dann zwei Ei-ler sich würdig anschlössen: die schon bekannte„Baucrnrevolution" mit ihrer hinreißenden dramatischen Schlagkraft, eines der besten Tendenz- lieber, und das ebenfalls bedeutsame, mehr ruhige, aber kaustisch philosophische, urausgesührte„Zur Erinnerung an 1914". Für»ier ausgefallene Svlolieder desselben jungen, revolütionär-sutiirtstischen Tondichters las der begabte Schweizer Arthur Wolti aus Uptsn Sinclairs„Boston" einige ergreifende und von der Zuhorerscha't begeistert aufgenommene Kapitel aus den letzten Tagen von Sacco und Lanzetii. Außerdem erfreute die bekannte Sopranistin Dor« Busch wieder mit ihrer ernsten, bedeutenden Kunst, die für den Liedgesang prädestiniert ist und ohne alle billigen Mätzchen ihre Hörer mitreißt. dl. H. Konzert der„Berliner Liederfreunde". In der Singakademie veranstalletcn die„Berliner Liederfreunde"(Mllglicd des DASB.) unter Leitung ihres Dirigenten Alfred Göpel das erste Konzert dieses Winters. Das Programm, reichhaltig zusammengesetzt, zeigte das große Neper- toire, über das der Ehor verfügt. Göpel legt den Hauptakzent auf den Msdruck und auf dsn Gegensatz von Forte und Piano. So entsteht in Uthmann?„Du fernes Land" ein Lied der Sehnsucht. Zwischen zwei getragenen, dumpfen Partien steigern sich plötzlich die Stimmen zu starkem, dramatischem Ausdruck. Der Eindruck ist groß, ebenso bei der Stiebitzschen Vertonung von Dehmels„Erntelied". Der Chor leistet hier Vorzügliches. Oskar Wappen- schmitt ist der Solist des Abends. Er spielt unter anderem zw.'i kleme Stücke von Mozart, meisterhaft in Ausdruck und Technik. — t. Ein neuer Volkschor. Vor knapp einem Jahr entstand der Voltschor Moabit aus der Verschmelzung des Männerchovs Moabit und des gemischen Chors Norden. Jetzt gab dieser neue Bolkschor in der Shaa t- liehen Musikhochschule sein erstes öffentliches Konzert. Schon das Programm zeigte, daß der Ehor und sein Leiter Richard G ü t t e r sich hohe Ziele gesteckt haben. Ein beachtens- werter künstlerischer Geschmack hatte bei der Auswahl und bei der Zusammenstellung gewaltet. Uiller den Vorträgen fand sich nicht eine einzige jener bekaimten, billigen Effekt erstredenden Gesang- nummern. Besonders erfreulich ist es, daß der Ehor auch der älteren Musik, vor allem den Volksliedern, in größerem Maße Beachtung schenkt. Ihre einfachen, eindrucksvollen Melodien sind für die Bildung des Musikgeschmacks der Sänger, aber auch der Zuhörer nicht zu unterschätzen. Man hört« eine ganze Anzahl dieser - Lieder, in der Hauptsache aus dem 16. Jahrhundert. Sehr relzooll waren auch zwei Volkstänze in der Bearbeitung des leider zu früh verstorbenen Walter Moldenhauer, die der Männerchor zum Vor- trag bracht«. Der drastische Humor dieser derben Weisen riß die Hörer zu jubelndem Beifall hin. Auch der Frauenchor allein trug recht wirkungsvoll einige Lieder vor. Aber es zeigte sich doch wieder deutlich, daß der gemischte Ehor«inen weit größeren Reich- tum an künstlerischen Slusdrucksmöglichieiten besitzt, als der Männer- oder Frauenchor allein, für di« es natürlich auch ein« ganze Reihe schöner Kompositionen gibt. Es ist deshalb besonders zu begrüßen, daß der Volkschor sich die Pflege aller drei Gesangsarten zur Auf- gab« macht. Carola Zellenka ergänzt das Konzert durch eine Zlnzahl virtuoser Violinvorträge.'—•«. „Brülle China." Uraufführung im Schauspielhaus Frankfurt a. M. Diese» Drama in neun BÄdern von S. T r e t i a k v m hat die politisch« Propagartdakrast und Anschaulichkeit des Potemkinfflms. Gekämpft wird gegen den englischen Imperialismus— für das unterdrückte, ausgebeutete China-, gegen den Hochmut der weißen— für di« Gleichberechtigung der gelben Rasse.. Stoff de» Stückes gibt ein Vorfall in der Stadt Wanhsien, wo ein englischer Kanonenbootkommandant die Stadt bombardieren ließ, well angeblich ein chinesischer Schiffer den Handelsvertreter einer amerikanischen Firma umbrachst«. Die Bitten des chinesischen Gouverneurs, daß der. flüchtig« Schiffer unschuldig sei und der Kapitän nicht zwei andere dafür zum Tode verurteilen könne,— bleiben erfolglos. Jede Geldentschädigung wich ausgeschlagen, der Gouverneur verhöhnt, wie er sich vor dem Kommondamen demütigt. Zwei Unschuldige werden gehängt, das Volk rsbelsiert und ermordet den Kapitän. Als Vergeltung wird die Stadt bombardiert: Frauen und Kinder getötet. Sterbend, untergehend gelobt di« Bevölkerung: einst wechen die fremden Ausbeuter, Unterdrücker verjagt werden und China frei sein. Tretiakow arbeitet mit groben Mitteln. Der Engländer ist nur Scheusal, der Chinese nur Edelmut. Keine Abstufung,— doch sie ist gleichgültig vor der stärkeren Tatsache, daß wehrlose Völker von rapitalistischckriegerischen Staaten ausgebeutet, unterdrückt, miß- handelt, gemordet werden. Die über politische Tendenz— der Kampf um Menschenrecht— gibt diesen Szenen die erschütternde Wlrtungskvaft. Die Aufführung von außergewöhnlich sorgfältiger Durch- arberdung, hatte lebendigen Atem und große Spannung. Beifall bei offener Szene. Das Publikum fühlte sich solidarisch mit dem unterdrückten China. Ein beispielloser Erfolg. I Kurt Olfenburg. Der verein Berliner Dresse bemühte sich Sonntag aus einem Nachmittagstee im Hotel Kaiferhaf, semsn Gasten ein gutes Programm zu bieten. Johannes Riemann trug eine Kinder- geichichte Fred Hildendrands vor, Lucio Mannheim fang am paar zeine Schlager, Dolly Haas fang.zwo! Lieder. Rudolf Nelson saß am Klavier. Franz Lahor begleitete Richard Tauber und Käthe Dorsch � v. S.»M. va» Znstttut für ZNeereskuude veranftattet vom 12. November ab regel- mäßig Di-nStaaS mn 8 Uhr abend» öffentliche Lichtbildervorträge über Meere»kund« and Ssesohrt. Dl« erst« Reib« wird eröffnet mtt etnem Vor- irag von Dr. Köster über Seesagen und MeereSsvuk. In der weiteren Folge wird u. a. Prof. Tolwatschew über Forschungen im Taimyrtand berichten und Kopltän Ptstartu» den Film über die Eibbrecherhilfe der Ueichs- martne Im letzten schweren Winter vorführen. Eintritt 0,50 M VI« photoauiflelluao im Lichthof de» ehemaligen Sunstgewerbemuieums Prwz-AIbrecht-Str. 7, wird Sonntag, den 17., um 2 Uhr geichl-ssen. Li« dahin ist sie täglich(außer Rontag») von ü— ällhr(Sonntag» a~3 Uhr) geöffnet. Die Wahrheit über die Wohnverhältnisse in Moskau 168,7 Familien auf 100 Wohnungen! Ungeheuerliches Wohnungselend! Da die gotnmimiffcn auf keinem Gebiet praktische Erfolge aufzuweisen habe« und sie nun mit völlig leeren Händen vor ihre Wähler treten müssen, versuchen sie durch lügenhaste Darstellungen über die..herrlichen" Lebensbedingungen in der Sowjetunion Dumme zu fangen. Die ungeheuerlichsten Lügeu wurde« kürzlich von ihnen über die Wohuuugsver. HSltulsse Moskaus verbreitet. Zu einem soeben«r. schienenen wissenschaftlichen werke.Die Volkswirtschaft der Sowjetunion und ihre Probleme" weist iL Zugow nach, daß in der Sowjetunion im Durchschnitt oller Städte aus l00 woh- nungeu lös,? Aamilieu entfallen, welches unermeßliche wohnungselend durch diese Zahlen ausgedrückt wird, zeigt die Tatsache, daß in Deutschland— wo die Bekämpfung der Wohnungsnot unsere größten Kräfte beansprucht— auf 100 Wohnungen 108,2 Mamillen entfallen. Im Wahlkampf um die am nächsten Sonntag zu wählende Stadt- verordnetenversammlung spielt das Kapitel„W ohnungswirt- s ch a f t"«ine erhebliche Rolle. Nicht nur die Deutschnatio» n a l e n, sondern auch die K o m m u n i st« n bestreiten mit diesem Thema zu einem nicht unerheblichen Teil ihr Wahlprogramm. Der Tenor ihrer Ausführungen— sowohl der Deutschnationalen als auch der Kommunisten— ist etwa folgender: Die Wohnungsnot tst sehr groß, daß wir ihr in Berlin noch nicht Herr werden tonnten, daran sind die Sozialdemokraten schuld. Die Deutschnationale« wie die Kommunisten verschweigen bei diesen Ausführungen, die im Parlament, in der Presse und in Flugblättern alle gleichlautend sind, daß die Schuld am Wohnungselend und an der Wohnungsnot die Privatwirtschaft der Vorkriegszeit trägt. Sie ver- suchen aber auch, das von der Sozialdemokratie in der Nachkriegszeit auf diesem Gebiet Geleistete zu verringern. Dabei versäumen die Kommunisten nicht, hierbei zu behaupten, daß es in R u ß l a n d auf diesem Gebiet viel besser aussehe und daß allein die Arbeit nach ihrem und nach russischem Programm die Beseitigung des Wohnungselends gewährleisten könne. Gerade noch rechtzeitig, um den inneren Wert der kommunistischen Behauptung nachprüfen zu können, erschien ein Artikel in der„Roten Fahne", von Wilhelm Swienty-Moskau gezeichnet. Der Artikel erscheint unter der Ueberschrift:„Moskaus Kampf gegen die Wohnungsnot! Gewaltige Erfolge auf dem Gebiete des Wohnungsbaues und der Wohnungsaufsicht.— Verschwinden des proletarischen Wohnungselends mit dem Aufbau der sozialistischen Dohnungswirtschaft." In einem Dorwort der Redaktion wird gesagt:„Rachfolgender Beitrag enthüllt das Lügengeschwäß des„Vorwärts" über die Mos- kauer Wohnungwirtschaft." Der Artikel schildert in dankenswerter Offenheit, wie es in Moskau auf diesem Gebiet bestellt war und was in den letzten Jahren geschehen ist. Obwohl diese Darstellungen ein unerhörtes Wohnungselend, wie es in Deutschland in den schlimmsten Zellen nicht festzustellen war. aufweist, kann es sich der Artikelschreiber zum Schluß nicht versagen, mit folgenden Worten zu schließen: „Moskau— Berlin, die Arbeit für die werktätig« Bevölke- rung— hie Kommunalwirtschaft im Zeichen Sklareks!— Hie sozialistischer Aufbau in den roten Kommunen im Zeichen des Fünfjahrplanes— hie finanzkapitaliftische„Spardiktatur" über die Kommunen. Zwei Welten, die nicht miteinander zu vereinen sind!" Der Artikel beschäftigt sich zunächst mit dem Anwachsen der Be- völkerung in der Stadt Moskau, ein« Erscheinung, die auch Berlin aufzuweisen Hot, wenn auch nicht im gleichen Prozentoerhältnis wie Moskau. Er teilt dann mit. nneviel Quadratmeter Wohnfläche auf den Kopf der Bevölkerung entfallen und stellt hierbei fest, daß diese Quadratmeterziffer vom Jahre 1912 ab bis zum Jahre 1930 sich in einem dauernden Rückgang befunden hat und von 7.4 auf S.2 Qua- dratmeter gefallen ist; der erste Nachweis für die„Besserung" des Wohnungsbaues. In einer Tabelle stellt der Verfasser fest, daß sich die Zakst der Personen, die sich durchschnittlich in den Wohnunzen aufhalten müssen, von 1912 bis 1923 verringert hat. Die für 1923 aufgeführten Ziffern geben aber ein so erschütterndes Bild von der Anhäufung der Menschen in den Wohnun- gen, daß wir sie hier wiedergeben müssen, und daß es uns dringend notwendig erscheint, sie mit den Berliner Zahlen in Vergleich zu bringen. Nach der Angabe von Swienky verfügten 1923 in Moskau über eine« Wohnraum von 1 Zimmer und mehr SL prozeul der Bevölkerung. in Berlin verfügten im Jahre 192? über den gleichen Wohnraum S0,3 Prozent der Bevölkerung. Wieder nach der Angab« von Swienty verfügten über«in halbes Zimmer— d. h. es mußten zwei Personen sich mit einem Wohnraum begnügen— 3 4L Proz. der Bevölkerung, in Berlin waren es nach der Reichswohnungszählung vom 16. Mai 1927 40,9 Proz. der Bevölkerung. Swienty stellt dann weiter fest, daß 31 L Proz. der Bevölkerung über ein Fünftel bis zu ein halb Wohnraum verfügten. d. h. von der G«samtbevölkerung mußten sich 31,8 Proz. in einem Raum aufhalten, der zwei bis fünf Personen zum Wohnen diente. In Berlin wohnten 1927 nur 8,7 Proz.(und auch das sind immer noch viel zu viele!) der Bevölkerung in den gleichen mißlichen Wohn- Verhältnissen. Weiter heißt es in dem Artikel, daß in Räumen, die mit mehr als 5 Personen belegt waren, 4L Proz. der Moskauer Be> völkerung wohnen mußten. Unter dem gleichen Wohnungselend hausten 1927 in Berlin nach den Angaben der Reichswohnungs- zählung nur 0,07 Proz. der Bevölkerung. Bei einem Vergleich der vorgenannten Ziffern wird der objektiv« Beurteller selbstverständlich sofort die Taffache beachten, daß die Zahlen aus Moskau aus dem Jahre 1923, die Zahlen aus Berlin aber aus dem Jahre 1927 stammen. Er wird sich sagen, die Kommu- nfften in Moskau werden starke Anstrengungen gemacht haben, um die Verhältnisse in Moskau gegenüber 1923 zu verbessern. Was sagt der Artikel hierüber? Er stellt fest, daß vom Jahre 1923/24 bis 1928/29 für 3ö7 000 Menschen Wohnungen in Moskau geschaffen worden sind. Gr muß aber in dem gleichen Artikel die Feststellung niachen, daß in derselben Zeit 960000 Menschen nach Moskau zugezogen find. Sachlich ist also dadurch festgestellt, daß die für 1923 angeführten Mostauer Zahlen sich nicht ver- bessert, sondern wesentlich veffchlechtert haben und daß das wohnungselend and die Wohnungsnot in Moskau von 1923 bis 1929 noch eine wesentliche zbnungsno« in Verschärfung erfahren hat. Das ist der„gewollige Erfolg" auf dem Gebiete des Wohnungs- wesens, der„Aufbau der sozialistischen Wohnungswirtfchaft" in Sowjetrußland. Nicht unbeachllich sind noch die Darlegungen, die Swienty in seinem Artikel über die Finanzierung der Woh- nungen in Moskau macht. Er sagt hierüber wörtlich folgendes: „Die Finanzierung des Wohnungsbauc, geschieht durch Kredite der Zeutraleu Kommunalbank und der Moskauer Stadkbaak, die an die Baugenossenschaften smeist Gewerkschaflsorganisakloueu bzw. Fobriksowjets) bei einem Zinsfuß von höchstens 1 proz.. der aber iu sehr viele« Fällen bis aus 14 proz. ermäßigt wird, aus 60 Jahre gegeben werden, hinzu kommen Zuschüsse des Moskauer Ar- beikerrates und Zuschüsse aus der Industrie, die einmalige, nicht rückzählbare Beihilse» darstellen. Ein Teil der Kosten(bis zu IC proz. der Kreditsumme) wird durch die Mitglieder der wohnuugsbaukoope- raliveu selbst aufgebracht." Mit dem zuletzt Wiedergegebenen stellt also Swienty fest, daß die Träger der Wohnungswirtfchaft die Lauge- uo s sens chaft« n und die B au k o o p« ra t i v e n sind und daß die Mitglieder derselben 10 Proz. der Kreditsumme einlegen müssen, wen« sie übarhavpt zu« Wohnungsbau g«� laugen wolle«. In Berlin fordert die Wohnungsfürsorge» gesell schaff der Stadt Berlin von den gemeinnützigen Bauorgani. sationen, daß sie 3 Proz. Eigenmittel nachweisen müssen. Es gibt auch eine Stelle in Berlin, die ein« Abänderung dieser Bestim- mungen der Wohnungsfürsorgegesellschaff fordert und verlangt, daß auch den gemeinnützigen Bauorganisationen auserlegt werden soll, 10 Proz. eigenes Kapital nachzuweisen. Die Kreis«, die diese Forderung in Berlin erheben, sind den Kommunisten nicht unbe- lannt, ez sind dies die bürgerlichen Vertreter der Privatwirtschaft. Die Darlegungen von Swienty zeigen in ihrer ungeschminkten Offenheit, wo das größte wohonngsclend zu suchen ist und wo positiv« ArbeU im Interesse der Werktätigen geleistet worden ist. und daß die vorwürfe gegen die Arbeit der Sozialdemotralle nichts andere» darstellen als elende Heuchelei. Nach der eingangs wiedergegeben«« Durchschnittswohnfläche, die auf den Kopf der Bevölkerung entfällt, hat jeder Mensch in Moskau 5,2 Proz. Quadratmeter Wohnfläche zu beanspruchen. Wie Fach- kenner auf dem Gebiet der Wohnungswirffchast. die Moskau wieder- Holl besucht haben, berichteten, beträgt der Anspruch für die Unter- mieter sogar nur 4L Quadratmeter pro Kops. Es sei die Regel in Moskau, daß eine Arbeiterfamilie über nicht mehr Wohnraum als durchfchnitllich IS Quadratmeter verfügt. Ein« Küche wird von drei oder vier Arbeiterfamilien gemeinfchafflich benutzt, für jede Familie ist in der Küche ein Petroleumherd untergebracht, auf dem die Mahlzellen bereitet werden. So also sieht es 1« Wahrheit in dem gepriesene« Moskau aus! Die Moskaujsinger dürfte« mit ihre« Dnmme«fa«g wenig Erfolg habe«. Die deutsche» Arbeiter und Angestellte» werden sich am 17. November für die praktische«nd erfolgreiche Arbeit der Sozialdemokratie entscheide«. Das wird die einzig richtige Antwort auf die unproduktive Maul- athletii der Kommunisten sein. Montag. 11. November. , Bertis. 16.05..CrinoeraDZea tt Alt-Bertis." Pul Linden bert. 16 JO Koerert. 17.30 Aktuelle Abteilus*. 18.00 Hotel Bristol: UnterheltunjsiBUsIk. 18.50 Otto Specbt:„Jagdliche Sitten sad Gebräuche". 19.10„Staatsbürger und Konmuualvahles". Misisteriahat Hans Goslar. 19.35 Zktatlle Abteilung. 20.00 Lieder,(Björn Talds. Tenor. Am Flügel: Bruno Seidler-Wmkler.) 20.25„Was haben Sie gegen Gedichte?" Mitwirkende: Gina Meyer, Feyg Hollaender. 31.00 Volkstümliches Orehesterkongert. 22.30 Funk-Taarunterricht. Anschließend Tansmusik. 0.30 Nachtmusik. Kdsitsvssterhastes. 16.00 Französisch(knltarkandllch-literarische Stunde). 17.30 Dr. Ka/I Beck: Gottfried Keller in Berlin. 18.00 Prof. Dr. F. Lampe: Marco Polo. .18.30 Englisch für Anfänger. 18.55 Viktor; Winterarbeitea am landsrtrtsdiaWtchen Mesehlnenpark. 19.20 Dir. Jany: Kartoffeln als Pferdefutter. 19.3» Hormann Sörgel! Da» Sörgelsche Paneuropa-Profe'st. 19.55 KroII-Oper(.Am Platz der Republik):„Hans Helling". Von Hcfsridi Marschner. Dirigent Fritz Zweig. SetantmectL'üt hie Sftboölon: Oolfgcng Schmers, Berlin:«naeieen: Th. Stack«, Berlin. Vrrlop: Sotmütts Bering®. IN b. Berlin. Druck: Barwürta Buch- druckrrei imh SerlagsanltaU Paul Singer& Sa.. Berlin SB 68, Binhenfttalc 3. Sictju 1 Beilage. Montag, 11. 11. Staats-Oper Unter d. Linden A.-V. 246 19'fc Uhr Montag, 11. 11. Stadl Oper Bismarcks tr. m/s Uhr Gudilm VortfellDM Staats-Oper Am PI.d.Republ. Vorst 81 20 Uhr Heilius StaatLSdiaosph. am Geodarmaumarkt R.-S. 58 20 Uhr Staatl.Schiller-Ilieater.CliarltlL 20 Uhr: Des Kaisers Soldaten IPniseHM.««teit,.: 5 0.5DPI-3«. Geraldina u. Joe, Ittd, Power usw. lägt. S u.«Ii I souLS.sa a" j Alex. E. 4. 8066 i INTERNAT. VARIETE PI« Aza Winter ★ uarren* um. enn. 281 u• Rtnuuen erfmiDi Jlse Sola, Jrvte SUtera etc. Sonnabenü u. Sonntag Ja2Vorsta0angea 3»>ad Unr. 3"° Kleine Preise. Reichshallen-Theater Abende Q Sonnleg nachm. Bei de Stettiner" Ulk-Bense. Kachmittaus halbe Preise, volles Programm I Blllettbest Zentrum 11263. Oönhoff-Brattl: Fnmilien-Vnrietd— Köngen— Tau. ROSE •THEATER btSSiT Teleph.: Alexander 3422 q 3494 Täglich S» Uhr: (Sonntags SV» und 9 Uhr) Ol« IdcM« Joden Sannaband 1 I u. laden Sonntag 2» Unr„ Frau Holle Großes Aasstattungsmärchen laden Mittwoch 3 Dir; Das tapfere SdmeiderleiH Das lustigste aller Märchen- CASINO-THBATBR Lothringer S trage ST. neui Ttgiub•>/> uhr Kern «ertagte Hochzaittnacmt und ein erstklassiger bunter Teil Für unsere Lesen Gutschein für 1—4 Personen Fauteuil nur 1.28 M, Sessel 1.75 M, Sonstige Preis«: Parkett u. Rang 0L0 M GROSSES SCHAUSPIELHAUS • Uhr: 3 Musketiere Regie; ERIK GHARELL S Somag oaoun. aootfc. hau# fr. Renaissance-Theater TägUcfa Pk Uhr firanldieU der lugend Regie flutt Härtung. Fieiropoi-Tti «tfi Uhr Lehär dirigiert Das Land des Lächelns Vera Sdrvara. Richard Tanbar Sonntag 2 u. 5 Uhr Pagantni VolKsMUine rheitir loBUovpliti 8 Uhr Mitlings Erwachen StutLSAilisr-Ih. 8 Uhr Oes Kaisers Soldaten Staaluparasiniu MrUtpiMIk 8 Uhr Hans HelUng 8-,. Uhr PennSler D.I. Norden 12310 8V- Uhr UHU Tarsttliaainl Dar Dienstag. 12. Nov. 7Uj Uhr Zorn 1. Male: Zargell. Antidir Lustspiel von Frederlk Lonsdale Regie; Gustaf Oründgens Trlanon-Th.MS,kr «-/. Uhr Elisabath Strickrodt in „Die Ballerina des Königs" Sonntag 2Vj Uhr tdneevUtdMB Sonntag 5 Uhr Johanalsteuor Die SomStile J 1 Bismck. 3414/7516 7V> Uhr Zum 1. Male Tom Teorel goholl von Knut Hamsum Regie. MaiRefobardt Bühnenbilder Caspar Naher Norden 10846 Gruppe j ander Sdianspleler Täglich SV« Uhr cyankali « 218 von msonm koii Planetarium — am Zoo— lirQig.JsiduiKtlti!wStnfc B. 5. Barbarossa 5578 16 bis 19 Uhr lieht. Bildanasstnllung 19bisl9VaUhr Oer ibendhiramsi 20V« Uhr DssWottah ImUchtbild Tb. a. bollcDdorfplatt Vorvk. 10-2. Kf. 2001 Täglich SV. Uhr Gastsglsi des Dcaiaßso Tlsstsn Die Mm hgit: Mq liiilnitt. Kleines Tbeat. Merkur 1624 Täglich 8Vi Uhr Max Adalbert als Kante am Flügel Rudolf Nelson neat. 1 Westen? Tckgl.8V.Uhr Marieita 'datlt v. OUir strans Käthe Dorsch Michael Bohnen Sonntag 2Vi Uhr Fncdeime Lnstsplelhus Fried rieh str. 236 Bergmann 2922 Täglich 8V« Uhr Grand Hotel Lustspiel von Paul Frank Berliner|| Ik-TrlO Mchukölla. rnß UfeMto-M/Ai WM Theaiei 0.1. Norden 1231V PI, Uhr Zum 25 Male Der Kaiser v.Amerlka von Bemard Shaw cauMafewat ff Die Horchwerke Akt.- Ges. Abteilung„Gebrauchte Wägen" Berlin-Reinickendorf, Berliner Straße 97 Fernsprecher: Reinickendorf D 9, 2231 geben zu billigen Preisen und sehr günstigen Zahlungs-Bedingungen einige wenig gebrauchte Personenwagen, welche aus bestem Hrivatbesitr in Zahlung genommen worden sind, ab: 10/30 PS N A. Ct., stach bereift, maschinell und äußerlich in sehr gutem Zustande, mff zwei Karosserien(otfen und geschlossen)..... RM 075.— 10/45 PS Brsaaabor, 6 Cylinder, Phaeton mit Allwetterverdeck. 6 fach ballon- bereift, maschinell und äußerlich tadellos erhalten..... RM 1750. 14/55 PS Audi, Limousine, 6 ach bereift maschinell und äußerlich fahrfertig besonders preiswert.. 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November 1929 DprftöcnD Bebels Wahlen zum Reichstag Nach Dokumenten des Leipziger Ratsarchivs— Von Arno Kapp-Leipzig 5m Kriegsjahre 1871 fandm die Wahlen zum Reichstag arn 3. März statt unter— wie Bebel selbst sagt—„Glockengeläute und Kanonendonner", da am gleichen Tage der Präliminarfriede in Versailles unterzeichnet wurde. Bebel hotte zwar im 17. sächsischen Wahlkreis mit 7344 Stimmen gegen Schulze-Delitzsch nnt 4679 Stimmen gesiegt, war aber in Leipzig seinem Gegenkandidaten, dem Bizebürgermeister Dr. Stephan i, unterlegen. Trotzdem war das Resultat, Bebel hotte 2576 und Stephani 7312 Stimmen er- halten, ein günstiges. Die Ianuarwahl des Jahres 1875 bracht« Bebel abermals einen Stimmenzuwachs, trotzdem er auf der Festung chubertusburg interniert war. Das Wahlkomitee der Leipziger Sozialdemokratischen Partei brachte folgenden Aufruf unter die �°bler:„Reichslagswahli Es ist Tatsache, daß es in Leipzig Wähler genug gibt, die eine Wiederwahl des seitherigen Vertreters der Stadt un Reichstage, des Vizebürgermeisters Stephani, nicht wünschen, die keinen Vertreter wollen, der in Berlin zu allem 5a und Amen sagt, die einen Vertreter wollen, der nicht die Wünsche der Regie- rung, sondern nurdasWohlundInteressedesVolkes im Auge Hot, der demgemäß auch den Mut hat. gegen alle volks- feindlichen Bestrebungen, gegen jede Beeinträchtigungen der Volks- interesien ein mannhaftes Veto einzulegen. Ein solcher Mann ist August Bebel, Drechsler in Leipzig, derzeit aus Hubertusburg." Die Ianuorwohl brachte von 12 953 gültigen Stimmen 3729 für unseren Bebel. Da Dr. Stephani bereits im Mörz dieses Jahres sein Mandat niederlegte, fand am 11. Mai 1875 Nachwahl statt. Bebel stand mit Dr. G o l d sch m i d t im Wahlkampfe. Er erhielt 3976 Stimmen, sein Gegner 8204. Am 11. Mai des Jahres 1878 hatte Hödel sein Attentat auf den Kaiser ausgeführt. Das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie war auf dem Wege. Der 30. Juli brachte die Wahlen zum Reichs» tage. Bebel kandidierte wieder in Dresden und Leipzig. Letzteres hatte damals 26 807 Stimmberechtigte, die auf 40 Wahlbezirke ver- teilt waren. Aufgestellt als Kandidaten waren von der Bevölkerung Dr. S t e p a n i. K a r l h e i n e und A u g u st B e b e l. Der Kampf der Bürgerlichen war scharf. Man fürchtet« die Sozialdemokratie. Das geht mit aller Deutlichkeit aus einer Reche von Stimm- zetteln hervor, die für ungültig erklärt werden mußten und den Wahlakten beiliegen. Wir lesen auf diesen u. a.: „Ich wähle Stephani. um Bebel zu beseitigen!" „Herrgott, führe alles zum Besten, erleuchte den vorgenannten Herrn fStephani) und vernichte die Sozialdemokratie!" „Die schlechtesten Wespen sind es nicht, die an den Früchten nagen!"'-. Bebel hatte sich damals schon auch unter der Bürgerschaft Leipzigs eine Menge Freunde erworben. Ein großer Teil übte des- halb Stimmenthaltung. Anstoß bei vielen Wählern hatte die hohe Pension Skephauis erweckt. So lesen wir auf einem für ungültig erklärten Wahlzettel (Nr. 161) in echtem Leipziger Idiom: „Ich wähle den Vizcwachtmeister W i l Helm Spieß in Leipzig, weil mich derselbe ebensogut meine Interesien wahren wird, wie der Vizebürgermeister a. D. Stephani in Setpztg... Ueberdies nimmt mein Mandatar, solange er arbeitsfähig ist, aus Scham keine Penfill n." Das Ergebnis war folgendes: Bebel 5822 Stimmen, Heime 236! und Dr. Stephani, der sich in Berchtesgaden zur Kur auf- hielt und dort das Resultat erwartet«, 11 940 Stimmen. Stephan« war also gewählt. Oberbürgermeister Dr. Tröndlin, der als Wahl- leiter in Leipzig anwefned fein mußte, sandte dem Bizebürgermeister folgendes Telegramm: „Nach Feststellung des Wahlergebnisses habe ich Sie heute als Vertreter des 12. Wahlkreises proklamiert. Ich bitte umgehend« briefliche Erklärung wegen Annahme der Wahl — weil auch verreisen möchte!" Die nächste Reichstagswahl im 12. Wohlkreise fand am 27. Ok- tober des Jahres 1881 statt.(3.) Die Sozialdemokratie stand unter dem Ausnahmegesetz. Jede öffentlich- Pro- paganda war ihr untersagt. Di« Furcht vor der Partei zeitigte auch in dieser Wahl eine Reihe Blüten. Auf einem Flugblatt der Bürger- lichen für Stephan! finden wir am Schluß folgende Notiz: Möchte am 27. Oktober der gesunde Sinn der Wählerschaft über" die zeitweilige Verblendung siegen und Leipzig vor der Schmach bewahren, einen Sozialdemokraten seinen Abge- ordneten nennen zu müflen— Leipzig, der Sitz des Reichs- gerichts!" Ein demokratischer Wähler glossiert auf seinem Stimmzettel fllr. 284) die Kandidaten in folgendem Poem: „Stephani ist gut national wohl— hier gefällt mir sein Bekenntnis. hiitt' er für das. was sonst uns frommt. nur auch das richtige Verständnis! V i r ch o w mag ein Gelehrter sein, von Wirtschaftssragen nur indesien versteht der gute Mann so viel, als wie der Ochs vom Schädelmessen. Der M o t h e s. wär' der nur daheim geblieben— daß ich es nur sag«—! Man wählt doch wohl den Reichstag mcht zur Lösung bloß der Lehrlingsfrag«? Der Bebel, ja der wäre recht. der furcht' ssch nicht vor Hindernissen; der kennt des Volkes Not. allein— ich will vom Aukunstsstaat mchts wissen!.. Und ein anderer Stimmzettel(Blatt 106 der Akten) wird noch dautlicher in der Ablehnung der bürgerlichen Kandidaten. Er lautet: „Stephan! mag ich nicht. Mothes will ich nicht, Virchon» brauch' ich nicht. Bebel soll und darf ich nickst wählen, darum sage ich soviel: Euer ganzer Kram ist Sch----!" Das'Ergebnis der Wahl war folgendes: Step hau»... 8894 Stimmen Bebel..,,. 6482«stmmen Blathe,.,.. 4746 Stimmen . e» 1729 Skmmen. Die Stichwahl zwischen Bebel und Stephani wurde für den 10. November angesetzt. Bebel war aus Leipzig ausgewiesen, sein Wohnort unbekannt. So stand's in der Uebersichtstobelle des Rates für die Stichwahl am 10. November 1881 verzeichnet. Die Ordnung-- Parteien hatten folgendes Flugblatt herausgebracht: „Die unterzeichneten Komitees für die Reichstagswahl Leipzigs betrachten es als eine unabweisbare Pflicht, bei der bevorstehenden Stichwahl, olle Meinungsverschiedenheiten beiseite lassend, gemeinsam gegen die sozialdemokratischen Bestre- bungen einzutreten.. Die Wahlakten bewahren auch das Original eines sozial» demokratischenFlugblattes auf. Als Herausgeber zeichnet die Redaktion„St. Best in Plauen", als Drucker„Schwartze u. Co. in Chemnitz:. Das Flugblatt lautet: „An die Wähler der Sladi Leipzig! Donnerstag, den 10. Novembee sollt Ihr nochmals an die Wahlurne treten und entscheiden zwischen dem seiner politischen Ueberzeugung halber aus Leipzig vertriebenen hochachtbaren deutschen Bolksmann, Drechstermeister August Bebel-Leipzig und dem vom Schweiße der Bürger und Arbeiter lebenden pensio- nierten Bürgermeister Dr. Stephani Wähler! Leute, die Euch sonst nicht kennen, kommen und betteln um Eure Stimme für Stephani, für denselben Mann, der mit dafür gestimmt hat, daß jeder Ehrenmann seiner Ueberzeugung halber ohne Richterspruch durch polizeiliches Machtgebot von Weib und Kind vertrieben werden kann, der überall mit dabei war, wenn es galt, die körglichen Rechte des Volkes noch mehr zu beschneiden, der für die Losten, welche Euch ollen auferlegt sind, und welche Ihr zu tragen kaum noch imstande seid, mit verantwortlich ist. Wähler! Diesen Leuten, die Euch bloß als un» «issende» Stimmvieh betrachten, zeigt die Tür! Zeigt, daß Ihr zu unterscheiden versteht zwischen Volksvertretern und Volksverrätern, zwischen dem mit den Rechten des Volkes schachernden Dr. Stephani und dem kühnen Kämpfer für Volks- wohlfahrt und Volksfreiheit, dem Drechslermeister A u g u st Bebel- Leipzig. Für diesen Mann einzutreten, der seit vielen Iahren Euch allen durch sein mannhaftes Eintreten für die Rechte des Volkes wohl bekannt ist, sei Eure höchste Aufgabe. Laßt Euch nicht ein- schüchtern noch abhallen, sondern wählt alle mit uns am Tage der Wahl, Donnerstag, den 10. November, den Drechslermeister August Bebel-Leipzig. Der Sieg der Wahrheit usid des Rechts muß unser werden! Wir empfangen soeben folgende Zuschrift: „3ch erkläre hiermit, daß die Gerüchte, wonach ich erklärt hätte, die Wahl für Leipzig nicht anzunehmen, erlogen find. 3ch nehme die Wahl an! A u g u st B° b e l." Unterzeichnet war dieses Flugblatt mit den Worten:„Viele Wähler aus dem Bürger- und Handwerkerstande Leipzigs". Die Gehässigkeit des Bürgertums gegen die Sozialdemokratie während der Stichwahl tritt klar in Erscheinung aus den Aufzeich- nungen einer Reihe von Stimmzetteln, die den Wahlakten als un- gültig beigelegt worden sind. Wir lesen auf ihnen u. a.„Nieder m i t B e b e l!" und:„Den roten Sozialisten wollen wir heut' ausmisten!" Trotz alledem-erhielt der bürgerlich« Kan» didat von 21 684 gültigen Stimmen nur 11 863. Bebel war zwar mit 9821 Stimmen unterlegen, aber die Sozialdemokratische Partei Leipzigs hatte einen gewaltigen Stimmenzuwachs erhallen. Und das, trotzdem August Bebel ausgewiesen war und die Partei unter den Schikanen der Polizei infolge des Sozialistengesetzes zu leiden hatte!«s Besuch Im Tonbergwerk Die Industrie der Stadt Klingenberg Auf von fröhlichen Wanderscharen vielbegangenam Wege im fränkifckzen Maingau liegt das mittÄalierliche Städtchen Klingen» b e r g. An die spalierbedeckten Hänge des Hohbergs und des Schanz- bergs kuschen sich altfränkische, über Eck stehende Häuser— hier«in Renaissaneegiebel. dort eine Holzschnitzerei, ein alles Tor. ein Dotivbild,«in Fochbauwevk mit Erker. Und auf halber Höhe haftet der Blick an«wer Burgruine,, dem einstigeu Sitz der Dynasten von Jnneres einer SchachihilHe Klingenberg, die gelegentlich— wie ihr« Adelsgeiwsscu der Gegend — auch dem Raubritterhandwerk oblagen. Klingenberg ist m der ganzen Well bekannt wegen der vor- züglichen OuaRtot des dort gewonnenen Tons. In einer Mulde des Mainsandsteins, etwa zwei Kilometer vom Städtchen entfernt, liegt das Tonoorkommen, das fast die einzige Einnahmequelle der Stadt bildet, aus der die Gemeinde säst sämtliche Unternehmungen smanziert, zugleich Beschäftigungsort der meisten Klingenberger Ein» wohner. Die fette, keinen größeren GeHall an abschlönnnbarem Sand führende Tonart soll von einem Töpfer der 11. römischen Legion auf ihren Wert erkannt und zu Töpserarbeiten verwendet worden sein. Nach dem Iurisdiktionalbuch von 1567 hatte die Stadt ein«, Lettengrub«", ober keinen Bergbau. Erst später verlieh man die Gewinnung aus offener Grube(Tag- bau) und nahm bergmännischen Stollenbau aus, bis 1855 zumeist in Pacht, worauf die Stadtverwaltung dein Raubbau der Pächter durch Uebernahm« des Werks in eigene Regie ein Ende berellet«. Das Tonbergwcrk, das als staubfreie Grübe von den Häuern mit offener Azstylenlampe befahren werden kann, ist ein sogenanntes„bewegliches" Wert. Unmerklich aber stetig senken sich die Massen der geschmeidigen Cdelerde nach unten im Maßstab des Abbaues, so daß die Holzversprießungen, sofern sie nicht knicken, sich millimeterweise dem nachdrängenden Ton eindrücken. Di« Beweg- lichteit der Grube ist auch daran schuld, daß an Rollwagenbetrieb nicht zu denken ist. Lediglich im Horizontalstollen, durch den„ein- gefahren" wird, finden Schubkarren Verwendung. Der Häuer(Berg» mann), dar von draußen seinen Eimer Wasser mitnimmt, srrebt an der Gestewsgrenze vorbei durch den Schacht nach dan Leitar» g ä n g e». die er abwärts tlimint, bis er von einer der Bühnan aus seinen jeweiligen Standort mühelos erreicht. Ist auch der Ton- tiefbau mit weniger Gefahren verbunden als die Arbeit des Kumpels in der Kohlengrube, so ist trotzdem die Gewinnung des wert» vollen Materials mit Mühe und Beschwer verknüpft Ein Glück, daß stärker« Tonschichten für Wasser undurchläffig sind! Der Tagesdurchschnitt des Häuers ist gegenwärtig 600 Schollen, von denen jede ein Gewicht von 10 Kilo hat. Er taucht zu diesem Zweck die Hack« in das mitgebrachte Wasser, und als erfahrener Tonberg, mamr hat er sein Schollengewicht fast unfehlbar getroffen Aus vier Schächten wird der Ton nach oben gefördert, wo Arbeiter ihn nach drei verschiedenen Wertbef chaffenheiten sortieren. Früher kannte man nur zweierlei Güte, als noch der Ton in die privaten Glashütten im Spessart, nach London, an den Niederrhein und nach Holland ging. Diese beiden Sorten wurden kurzweg„G l a s e r d e" und„Hafenerde" genannt. Die Fördersohle liegt etwa.55 Meter unter der Erde. Eine unlängst angestellte Bohrung ergab an be- nachbarter Stelle bei 9 Meter Tief« ein Tvnvvrkominen, das erst bei 60 Meter aufhörte. Der Klingenberger Ton ist an Bildsamkeit und Bindefähigieit allen bekannten Tonen überlegen. Er läßt sich kneten wie Wachs und verbindet und kittet selbst die ungleichartigsten Be- standteil«. Daher kommt seine Hauptaufgabe namentlich bei der Graffit-Schmelztiegelfabrikation zur Gellung. wo er die spröden Grafsitteile einhüllen muß, um sie vor Verbrennung zu schützen, und sie fest verkitten muß. um dem Tiegel einen festen Holt selbst bei stärksten Temperaturschwankungen zu geben. Man kann einen glühenden Tiegel ins kalt« Wasser werfen, ohne daß er Schaden leidet. Sorgfällige Versuche ergaben, daß ein Tiegel aus Klingenberger Ton 9vmal zu Schmelzungen benutzt wurde, bis feine Wände so dünn waren wie ein stärkeres Schreib- papier. Die Amerikaner nennen den Klingenberger Ton wegen seiner Güte„crown branck clay", d. h. Kronen-Drand-Ton. Wegen | seiner vorzüglichen Bindekrast wird der Ton auch zur Bindung von Schmirgel w den bekannten Schleifscheiben, ferner bei dar Fabri- kation von Bleistiftminen, zu Porzellankapseln. Zinnkapfeln usw., und auf anderen Gebieten verwandt. An Werktagen entrollt sich um die Mittagszeit ein eigenartiges Bild. Vor die Häuser Klingenbergs werden die Essen» kästen gestellt, um mit Pserdewagen hinaufgeschafft zu werde» zu den im Bergwerk arbeitenden�Häuern. Kasseroleu kennt man hier nicht. Es sind langgestreckte, dunkle Kästen, die die Frau des Arbellers vor die Tür stellt. Sie sind aus... Töpferwn gefertigt. Mit der Tonindvftri« steht und fällt die Existenz dieses Stödt» chens, das einst von seinem Weinexport lebte. Der Winzer ist Proletarier geworden: er arbeitet im Bergwerk um Ausfehrl durch den Stollen Wvchenlohn. Seinan Feierabend umgibt da» Mittslalter, das Ge» ficht seiner Vaterstadt', seinen Werktag dagegen die Nene Zeit, dos Gesicht der Industrie. - Der Ton stellt Zersetzungsprodukte feldspathaltiger oder gl immer» reicher Gesteine dar und besteht aus kieselsaurer Tonerde. Die ver» schiedene Färbung hängt mit der Verunreinigung durch Kalk, Mag- nesio. Eisen- und Manganhydroxyd, Quarzsand usw. zusammen. Man unterscheidet Kaolin, Porzellanerde,(Bildhauer-, Modellier») Ton, Lehm, Löß. Walkerde, Mergel. Der weißlich« Töpserwn, der fast unschmelzbar ist, wird für Pfeifen, Steinzeug, Fayence und feuerfeste Tonwaren verwendet. Der in der Hitze ve'glasende Töpfer- ton dient zur Anfertigung von Topfwaren, Backsteinen, zum Mo- de llieren usw. Cawc. (3. Fortsetzung.) Venito wurde aber doch mit seinen Studien fertig und mnchie sein Examen als Volksschullehrer. Er versuchte sogar den anfge- zwungenen Beruf auszuüben, aber in einer Schulklasse konnte er nicht atmen. Er brauchte Raum, Ausblick auf neue Fernen. So ließ er Schule und Lehrbuchund ging in die Schweiz, wo er die Bor- kcsungen von Vilfrcdo Pareto an der Universität Lausanne hörte Er war dort Maurer, Propagandist, Journalist. Als er zum Militär- dienst«ingezogen wurde, stellte er sich nicht. In Lausanne hat es sich bei einer Versammlung zugetragen, daß Mussolini in einer Erwiderung an einen protestantischen Geist- lichen dem allmächtigen Gott der Gläubigen zurief, er mög» einen Beweis seines Daseins geben. Vor dem sprachlos erstaunter, Publi- kum zog er seine Uhr heraus „Sie sagen, Herr Pastor, daß Gott allgegenwärtig und all- mächtig rst. Ich gebe ihm fünf Minuten Zeit, mich niederzustreckend Mussolinis Vater. Er wartete, bis die fünf Minuten vorbei waren und sagt« dann: „Sie sind ein Betrüger, Herr Pastor, es gibt keinen Gott." Von Lausane aus machte sich Mussolini zu Fuß auf die Reise nach Paris. Er hat unter den Brücken der Seine geschlafen, ist an den Stätten der Revolution herumgeschweift und hat wohl bei jedem Schritt den Schatten Marats um sich gesehen, den er vor allen liebte. Eines Nachts wurde er verhastet und in einem Asyl für Obdachlose untergebracht. Dann ging er zurück nach der Schweiz. Aber jetzt hatte er Heimweh. Cr kehrte nach Italien zurück, blieb kurze Zeit zu Hause und stellte sich dann zum Militärdienst. Seine Maserungen waren jedoch noch nicht zu Ende. Wir finden ihn nachher als Redakteur des Parteiblattes von Trient, das Casare Battisti leitete, der während des Krieges als italienischer Freiwilliger den Oesterreichern in die Hände siel und im Schloßhos von Trient gehängt wurde. Vielleicht hat unter seinem Einfluß Mussolinis Äntipatrlotismus und Herocismus den ersten Stoß erfahren. Er selbst hat es so dargestellt. Immerhin erscheint er in Forst unverändert, nachdem ihn die österreichische Polizei aus Trient ausgewiesen hat. Sein erweiterter Horizont, seine größeren Kenntnisse, neue Veziehungen, Vertraut- höit mit der französischen und deutschen Sprache scheinen seine revolutionäre Entschlossenheit verstärkt zu haben. Das von ihm gegründete Wachenblatt„Der Klassenkampf" ruft allwöchentlich zum Aufstand auf. Er mag vor Studenten, vor Arbeitern oder Bauern sprechen, immer ist es derselbe Refrain: Revolution, Revolution! Wenn die Anarchisten von New Dock Bomben gegen eine Bant schleudern, so verteidigt Musiolim ihre Tat:„Eine Bombe ist mehr wert»ls hundert Reden" Ohne ein Republikaner im traditionellen Sinne zu sein, haßt er die Monarchie im allgemeinen und die Dynastie im besonderen. Als ich eines Tages verhaftet wurde, um wegen Mojestätsbeleidigung angeklagt zu werden, weil ich bei Ge- legcnheit des Attentats von D'Llba erklärt hatte, wir würden um den Tod des Königs keine Träne vergossen haben, brachte Mussolini die ganz« Stadt in Ausruhr. Er hielt eine Hetzrede gegen die Monarchie. „Laßt doch den Bürger Saooyen unter einer Revoloerkugel fallen, das ist uns völlig gleichgültig. Es wäre sogar Gerechtigkeit." Schon damals faßte Mussolini den politischen Kampf als eine revolutionäre Gymnastik auf und als eine Machtfrage. Er verstand es, die Menschen hinzureißen. Sich den Weg«robern, war seine strategische Regel. An dem Tage, wo die Nachricht von der Hinrichtung Ferrers in Spanien nach Italien kam, durchzuckten Entrüstung und Zorn die antiklerikale Bewegung des ganzen Landes. In Forst brachten die von Mussolini geführten Demonstranicn eine Säule auf dem Marktplatze zu Fall, die ein Bild der Mutter Gottes trug. Der künftige Diktator von Italien führte damals ein außer- ordentlich einfaches und ärmliches Leben Er aß sich nicht jeden Tag satt und wies trotzdem eine ihm angebotene Gehaltserhöhung zurück, weil er„nicht mehr verdienen wollte wie ei» Arbeiter". Man hielt ihn für ein wenig oerrückt. Er war scheu und einsam und liebte es, allem auf dem Lande herumzustreifen. In der ParteihewegUng trat er als Gegner des Reformismus und de, Parlamentarismus auf. Auch verbarg er es nicht, daß er sehr wenig Vertrauen auf die Gewerkschaften und Genossenschaften setzte, tn denen seiner Ansicht nach die revolutionären Instinkte von den Interessen der Individuen oder der Gruppen verdrängt wurden. Alles in ollem galt er in feiner Parte! als Eingänger und In- ' dioidualist. Durck) den Prozeß von Forli und dann durch den Parteitag von Rsggio Emilia wurde er bekannt. Die revolutionäre Richtung hatte soeben die Mehrheit in der Partei erlangt. Ep fehlte ihr an Führern und Mussolini wurde zum Chefredalteur des „Avanti" berufen. Binnen kurzem eroberte er Mailand und dann die Partei. 3. Die„Rote Woche" und der Krieg. Im April ISli hielt die sozialistische Partei ihren Parteitag in Ancona ab. Die Stadt war nicht sozialistisch. Dl« Republikaner waren in der Mehrheit und die Anarchisten spielten eine bedeutende Rolle, besonders unter den Hafenarbeitern. Es war nur wenige Monate vor dem Krieg, dessen Vorzeichen niemand zu deuten vermochte. Unter den Linksparteien bestand eine Art Waffenstillstand. Der Kampf gegen den Militarismus stand im Bordergrund. Ich leitete damals in Ancona ein« republi- konische Wochenzeitung, den„Lucifero", dessen Gründung in die Zeit des Risorgimento zurückreichte. Molatesta, der große anarchistische Revolutionär, hatte sich, aus dem Ausland zurückgekehrt, in Ancona niedergelassen. Schon seine bloße Anwesenheit hatte revolutionäre Bedeutung. Der kleine alte Mann, den die Last der Jahre schon gebeugt hatte, war das Urbild des Rebellen und Berfchwörers. In seiner Jugend hotte er bei den Aufständen Bo- kunins und Cafieros eine wichtige Rolle gespielt. Er hatte auch an jener Verschwörung von Benevent teilgenommen, die iiz der Gc- schichte der italienischen Landorbeiter eine der ersten sozialen Be- wegungen darstellt. Er war ein kleiner, schmalschultriger Mann, mit kurzem grauen Bart und außerordentlich lebhaften Augen. Ma- latesta verstand es, zu den Arbeitern zu sprechen, nicht als Künstler der Rede, nicht als Politiker, nur ganz einfach, wie ein Voter zu seinen Kindern spricht, mit schlichter, bezwingender Logik. Und der beständige Refrain seiner Reden waren die Worte:„Ihr werdet immer Sklaven sein, wenn ihr euch nicht zum Ausstand ent- schließt." Es lag etwas in der Luft, das das Nahen entscheidender Zeiten ahnen ließ. Kein Monat verging ohne irgendeinen Zusammenstoß, oft mit tragischen Folgen, zwischen dem Proletariat und der Polizei. In allen Parteien kamen die extremen Richtungen zur Geltung. Der Kolonialkrieg in Tripolitanien, der viel länger dauerte, als man vorausgesehen hatte, die wirtschaftliche Kns«, die gewerk- schostlichcn Kämpfe, das Erwachen der ländlichen Schichten, oll dies bewegte das Land, wie elektrische Ströme«inen Körper. Neues Vlut floß den Adern der Parteien und Organisationen zu. Die Veteranen der ersten Kämpfe wurden durch jung« Leute ersetzt. Von den Universttöken bis zu den Werkstätten fpärte man überay eine Wiedergeburt des revolutionären Geistes. Der Giolit- tismus auf der einen, der parlamentarische Reformismus auf der anderen Seite waren flügellahm geworden. Man hatte genug von Kompromissen, genug von den Korridorintrigcn, man wollte den Kampf. Verschiedene Umstände hatten zur Schaffung dieser Stimmung beigetragen: die Haltung des„Avanti" unter Mussolini hat Zweifel» los wesentlichen Einfluß ausgeübt. Kaum war dieser moderne Barbar in Mailand eingebrochen, so hatte er sich daran gemacht, seinen Traum zu verwirkstchen: er wollte die Straße erobern, die bis jetzt den Syndikalisten und An- archistcn gehörte. Jetzt wurde ihm sein Eingängertun: zur Stärke. Auhsr seiner nächsten Umgebung hatte er weder Beziehungen noch Freundschaft. Zwischen ihm und der osstziellen Weit, der Welt der Bourgeoisie, lag ein Abgrund. Cr kannte keinerlei gesellschaftliche oder persönliche Rücksichtnahme, ebensowenig wie er gefühlsmäßige Hemmungen kannte. Er liebte das Volk nicht. Er gehörte zu ihm, was durchaus nicht dasselbe sagen will. In den Arbeitern, mit denen er sprach, sah er keine Brüder, sondern eine Macht, ein Mittel, dessen er sich bemächtigen wollte, dos er sich dienstbor machen wollte, um die Welt umzukehren. Wenn er vor einem jener Restaurants oder Luxushotels vorbeiging, die durch ihr Licht und ihr« Prachl blenden, so verzerrte sich sein Gesicht. Er hott« ein Grauen vor Bettlern, die waren ihm gleichsam das Syntbol der Ergebung. Ob- wohl er«inen gewissen mystischen Fonds hotte, vielleicht von der Mutter her, so war er in leidenschaftlicher Weise antireligiös, we 1 er in der Religion das Opium der Völker sah. So sehen wir ihn an die Eroberung Mailands gehen, nachdem er sein heimatliches Dorf verlassen hat. Aber die 5)auplstadt der Lombardei hatte ihre Götzenbilder und es war nicht leicht, sie zu »rsttzsn. Uili ppo Turati. den zur Flucht in die Verbannung gc- zwungen zu haben ein« Schande der Diktatur ist. war der allgem.in geliebt« und geachtete Führer der gemäßigten und lsgalitären Rich tung des Sozialismus. Im Parlament wie im ganzen Lande genoß er ein ungeheures Prestige. Die sozialistische Partei, zu deren Be- gründern er gehörte, vergoß es ihm nicht, daß er in den Tagen der Reaktion. 185)4 und 1898, tapser standgehalten hatte. Weder da» Kriegsgericht noch das Gefängnis hatten seinen Mut gebrochen. Aber die Demokratisierung des Staates und das aufgezwungene Wohlrecht hatten ihn zu der'Ueberzeugung gebracht, daß sich nun- mehr der Kampf im Rahmen der Gesetzlichkeit abspielen müsse. Die von ihm geleitete„C r i t i c a sociale", die von 1899 bis 1909 der Vertiefung der marxistischen Studien gedient hittc, wurde nun- mehr zum Organ der Rechten unserer Partei. Trotz ihrer Ent- wicklung nach links, bewahrte die Partei ihrem einstigen Führer die größte Achtung. Obwohl die proletarischen Massen nicht reformistisst waren, empfanden sie es doch deutlich, daß sie allzeit auf Turat's Rat und den seiner Mitarbeiter zählen konnten, auf Anna Kuli- s ch o f f, die bis zum Tode tapfer und tröstend dem Führer zur Seit« stand, und aus Claudio Trevcs. Als ein Tribun des Synditalismus hatte dumals F i l i p p o C o r r i d o n i viel Anhang, ein junger Mensch voll revolutionären Feuers. Er verstand es, zum Herzen der Massen zu sprechen. Er stürzte sich von einem Kampf in den anderen, ohne Ermüdung zu kennen, der Tuberkulose spottend, die ihn verzehrte. Die Reaktion hatte ihn besonders aufs Korn genommen: er hatte nur Spott für ihre Verfolgungen und da» entrückte Lächeln seines Glaubens an die dicht bevorstehende Revolution. Mussolini erlebte nunmehr ein rapides Umsichgreifen feines Einflusses. Freilich hotte die von ihm als Gegenaltar der reform'sti- schen„Critica sociale" gegründete Zeitschrift„U t o p i a" innen tieferen Nachhall im geistigen Leben der Partei, aber aus dem „Avanti" mathte er ein ganz revolutionäres Blatt, �ei Massen- demonstrationen übernahm er die Führung, sein:r taktischen Regel folgend, daß man vor allem die Straße erobern muß. (Fortsetzung folgt.) WAS DER TAG BRINGT. Marconi, Volpi und noch einer... In der Wiener„Arbeiter-Zettung" lesen wir folgende nett« Ge- schichte: Der Senator M a r c o n i geht in die Bant, um einen Scheck einzukassieren. Man kennt ihn nicht und bittet ihn, sich auszuweisen. Da er keine Papiere hat. führt er vor den Augen der erstaunten Bankbeamten mit einer improvisierten Antenne ein Radiokunststück aus...Das genügt vollkommen, um Sie zu identifizieren," sogt der Herr am Schotter und zahtt. Kommt der Finanzminister, auch ohne Papiere. Der Beamte bemerkt schüchtern, er könne den Scheck nicht bezahlen. Seine Exzellenz Marconi hätte sich durch seine besondere Geschicklichkeit ausgewiesen.»„Wenn's weiter nichts sst," sagt Exzellenz Aolpi,„sehen Sie einmal nach, ob Sie Ihr Portefeuille noch haben." Der Beamte sucht, dos Portefeuille ist weg. aber der Finanzminsster ist identifiziert und bekommt sein Gold. Endlich kommt der Unterrichtsminister, auch«r ohne Papier« und mit einem Scheck. Der Beamte macht ihm klar, daß er die Unter- schrift nicht kennt, und berichtet, daß sowohl Marconi ais Volpi in durchaus überzeugender Weis« ihre Identifizierung ermöglicht hätten. Dielleicht könnte auch der Herr Unterrichtsminister?„Ich kann aber gar nichts," sagt dieser.„Ich dank«. Exzellenz, das genügt voll- kommen", bemerkt- der Beamte und bezahlt... Galgotzy tot, 90 Jahre stilt ist der Habsburgergeneral Galgotzy gez korben. Er hat einmal als der aussichtsreichst» Armee führ« in dem stets befürchteten Krieg mit Rußland gegolten und war deshalb lang« Korpstommandant in Przemysl, der großen Festung in Mittel- galizien. Er war ein Original, saugrob— aber nicht gegen die armen Teufel von Scldaten, desto mehr gegen die Offiziere. Einmal hatte er einen Erzherzog in der Division. Als Galgotzy eine seiner gefürchteten Kritiken abhielt, flüsterte der Erzherzog seinem Nachbar etwas zu: der General richtet sich iin Sattel auf und ruft:„Meine Herren, wenn ich Besprechung führe, hallen olle anderen— keine Besprechung!" Vorher kommandierte Galgotzy in Bosnien. Man trug ihm auf, eine Brücke zu bauen, schickte ihm Geld dafür— und hört« trotz aller Meldungen nichts rnchr, nur daß die Brücke stand. Schließlich gelingt es dim Kriegsministerium, von Galgotzy eine Abrechnung zu erlangen. Die lautete: Für einen Brückenbau erhalten.. 59999 Fl. Für einen Brückenbau ausgegeben 59999„ War's nicht glaubt, ist ein Esel. Galgotzy. FML. Wutentbrannt lief der Generalintendant zum Kaiser. Franz Josef las und sprach:„Der Galgotzy schreibt, wer'? nicht glaubt, ist ein Esel. Ich glaub'?— Sie nicht?" Auf sein Aeußeres hielt der Haudegen wenig. Als er zum 100 Mrte.r: 1, Lbarlottenbnra 335Vi; s. Kellas 4.U; z. Zteukälln iAöVi.— Räovcrxeödclsiafrtt« 4X25 Meter: 1. Svandau 2,36%t 2. Tbarlottenvurq 2.2!*i.— SRänalltfr« Iraer.dbeusltchwimmen 100 Meter: 1. Oettreich-Sella» IJSV*: 3. Lempe.Reukölln 1.20 W.— z lauen et, ckelltchwtmmen 100 Meter: 1. Aulln-Ciarlaltenburq 1.44-.'.: 2. Älswei>e.Kreu.4l>cra I>52%.— Rännertveinaen: 1.!Z!.Icher,Neutälln. 3" Punkte: 2. Poerschte.dllarlettenburq. 28 Vunit».—?l>!äneerbrust!4— Männliche Zuaendtreiftilltasette 0- 50 Meter: 1. Kellas 3,10?*: 2. Cllarlntten. bvrg 3.23'2.— Rännerfreittil. 200 Meter. Sl.>: 1. ibvülin.Cliorlo'tenburg 2.32: 2. Nealin-Evonöau 2,44%; 3. lllchilles, Kaiberstadt 2,4s1*.— Männer- rnckenlchwimme», 100 Meter. Sl. A: 1. Surickkau 1,1!«»; 2. Sräberl-Kella» 1,24. — Wagerballlpiel«, Zunend: Mtitenberae— Tllarloitcnbura 1: 0. Männer: Crimmitschau— llbarlottendura II 1:3: Neukölln— Charlotlenbur« I 3: Z. W asserball-Scricnspiclc, Am vergangenen Sonnabend fand ini Lunabad das erst« A r b e i t e rwosserbollfpiel zwischen Lichtenberg. und Ber- lin 12 statt. Beides sind Neulinge in der X-Klasj«. Lichtenberg spielt an und es golingt ihnen auch, eine gute Note in das Spiel zu tragen. Di« Kombination im Anfang ist gut was auch den ersten Treffer einbringt. Doch Berlin 12 gleicht in der 3. Minute aus. Berlin 12 zeigt gute Ballbehandlung, doch fehlt das Zusammenspiel, während die Lichtenberger das erster« vermissen lassen. Dadurch gelingt es den Sreglitzern, das Resultat bis zur Hälft« auf 3: 2 zu stellen. In der zweiten Hälfte spielen die Lichtenberg« reichlich zerfährkn. Sie versuchen es mit Durchbrüchen, die jedoch stets an der Steglitzer Verteidigung scheitern. Auch bei ihnen reicht es mir noch zu einem Tor. Mit 1: 2 für Berlin 12 endet das Spiel. �pidsonnta� im Arbeitersport. Fu�beül-r Handball— Kodtey. In Lichtenberg gewinnen die bundsstreuen Arbcitcrfuß- ballvereine immer mehr Interessenten. Am Sonntag stellten sich an 300 Zuschauer«in, um dem Kampf der beiden Ortsrioalen -V folgen. Lichtenberg 1 und Lichtenberg II ständen sich im Gesellschaftsspiel gegenüber. Von Anfang an waren die Leute k« zweiten Abteilung diejenigen, die das Tempo angaben. An der überaus sicheren Hintermcknnschost der ersten Abteilung lcheiterten aber alle Angrisse. Auch fehlte e? im Sturm am ent- sckeidenden Torschuß. Der Sturm der eichen Abteilung ließ es hier- e n nicht fehlen. Zur Pause stand das Spiel 1:0. In der zweiten Halbzeit gelang es den„Ersten" den Torwart der„Zweiten" noch wehrt al zu überwinden und somit das Resultat auf 3:9 zu stellen. — Einen schönen Kamps lieferten sich die Iugrndmonnschoften von Lichtenberg I und Küstrin. den die Lichtenberg« mit 1:0(1; Ol für sich entscheiden konnten.— Emen hohen Sieg tonnte Reu- kölln üb« Nowawev� erringen. Mit 13:0(8:01 geschlagen mußten die„Nudelberger" die Helmreise antreten.— In Lücken- tralde waren die Einheimischen tananoebend. Die II. Abteilung gewann gegen G«mama mit 8:1: die I. Abteilung gegen Eiche- Köpenick 8: 0: Woltersdorf gegen Weißcnsce 1: 0. Die Handballspiele. »od« Resultate. FTGB.-Neutölln spielte gegen Freie Turnerschast Wilmersdorf. ?j«ukölln war üderlegemir, mußte es aber doch erleben, daß Wilmersdorf in den zehn Minuten zwei Tore buchte. Tor drei fiel iünf Minuten vor der Pause, während in der zweiten Halbzeit Wilmersdorf in den ersten zehn Minuten zwei Tore buchte. Tor drei fiel vor Wilmersdorfs Heiligtum auf, konnte aber nicht zum Erfolg kommen-, denn Wilmersdorf legte sich auf Verteidigpugsarbeit, da- durch war fast während des ganzen Spieles die Neuköllner Läufer- reih, ungedeckt. Neuköll!'. war aber im Zuspiel ungenau und setzt« viele Schüsse an die Latte. Die Velten« hatten ihren Gegner Sportverein Moabit zu leicht eingeschätzt. Velten hatte Anwurf. aber der Angriff wurde durch Abseits unterbunden. Mpabst ging gleich vor und das erste Tor war durch leichtsinnig« Abwehr fällig. Jetzt dachte Velten daran, daß ernst« Arbeit nötig ist. Fünf Minuten später folgte auch der Ausgleich. I.i der ersten Halbzeit konnie Vellen noch dreimal ein- senden, während Moabit kurz vor der Pause das zweite Tor buchte. In der zweiten �Halbzeit schoß Moabit bald Tor drei. Jetzt war Vellen wieder erfolgreich und konnte den Deröacht des Uncnt- schieden bald zerstören. Viermal waren sie erfolgreich, während Moabit das viert« Tor schießen und Velten dann kurz vor Schluß dos neunte Tor buchen konnte. Einige davon kamen in schneller Folge. Moabits vier Tore wären nicht nötig gewesen, wenn Vellens Torhüter nicht so leicht in der Abwehr gewesen wäre. Die Vellener zeigten dagegen Spieleiser und leisteten gute und flinke Störungsarbeit. Moabit tonnt« darum mit fein« langsamen Spiel- weise nicht aufkommen. Ein« höhere Niederloge oerhindert« der Moabiter Torhüter, der die vielen freistehenden Schüsse in blender- der Manier abwehrte. FTGB.-Nordring.gegen FTGB.-Pankow 3:1(1:0), Nord- ring 2 gegen Bernau 1 2:3(1:2), Hennigsdorf gegen FTGB.- Nordost 9:0(3: 0), Wilmersdorf 2 gegen Berlin 12 1:6(0: 4), Wilmersdorf-Frauzn gegen FTGB.-Adlershof 4:9(4:9). Arbeiter-Hockey. Leipzig-Paunsdorf— FTQB.-Ostrrag 4: 0. Erstens kommt es anders und...! Da ist nichts zu mache». Die Leipziger Gäste zeigten sich von einer sehr schußfreudigen Seite. Ihr Spiel ist ohne jede Künstelei und zweckmäßig aus Erfolg eingestellt. Alle Vorstöße brachten stets sehr gefährlich« Minuten für die Einheimischen und wenn es nur zu vier Toren kam, so ist das dem Berliner Torwächter zu verdanke». Das Spiel war sehr schnell. Die Leipziger waren außerdem sehr stocksicher und immer am Boll und hatten einen für dieses Spiel unüberwindlichen Tor- wächter, der sich auch in den Großkampfminuten immer zurecht fand. Ostring war, beim Torwächter begonnen, bis zur Läuferreihe gut. M>«r der Sturm—? Die Ersatzleute fivlen ganz aus. Am Schuß n«ng«lte es sehr, dos Zusammenfpiel war zerfahren. Bon jhein bereits vor Halbzell schönen Flonkenschützen von der rechten Seite tonnt« nichts vsrwandelt werden. Abgesehen von der oersagenden Schußkrost Ostrings fohlks es an sicherer Stockarbeit. Zsir Gäste war in diesem Spiel entschieden totkrästiger und ballsichu« und gc- wannen zwar etwas hoch ab« verdient. Halbzeit 2: 0.— Im Spiel der Zwesten Mannschaften beider Derein« siegten ebenfalls Leipzig- Paunsdorf 7:1. In den Serienspiele nder �-Gruppe siegten Freie Turnerschast Nordring I mit 8:3 über den Athletit-Sport- klub I. Beim Sieger klappte es gut. Nur im Vergleich zu der sehe gut spielenden linten Sturmseite des Sportklubs war der rechte Läuser Nordrings etwas benachteiligt und dem äußerst schnellen Tampo nicht gewachsen. Beim ASC. klappte es in der PerteidigUNg gar nicht und machte einen übermüdeten Eindruck. Nordring spielie eindrucksvoll und dürfte in der jetzigen Verfassung kaum zu schlagen sein. Die Bezirke Nordring II und Maricndorf I spielten unentschieden 2: 2. Lange sah es nach einem Sieg der Nordringmannschait aus. Aber bei dem sehr schnellen Tempo und der besseren Technik der Mariendorfer konnten letztere nach der Paus« die beiden Tore aus- holen. Die Mariendorfer linke Stürmerseiie ist noch etwas rück- ständig und unsicher.— Tennis Rot I muß vom Sportklub Moabii ein« 3: D-Niederlage einstecken. Zu Beginn gab Tennis einen einigermaßen ebenbürtigen Gegner ab, mußte» sich aber dann dem von Zeit zu Zeit besser einspielendem System der Moabiter beugen. — In der K-Gruppe konnte der Bezirk Reukölln der FTGB seine Erfolgserie fortsetzen. 4: D besiegte er die zweite Mannschast von Tennls-Rot. Es ist erfreulich, die steigende Spislstärke der Neu köllner erneut feststellen zu können, Im gleichen Maße versteht es Pankow, feine Kräfte zu verbessern, so daß der Athletik-Sportklub i 1 alle Mühe Halle«in 5: 4-Resulat für sich zu erkämpfen. Nordring III und Ostring III trennten sich 8: 2 und im Francnspiel siegte Nordring über Ohrina 1• 9 Artisten im Wettkampt. Arbciterathleten im Rampenlicht. Am Sonntag fand in der„Nauen Welt" der vom Arbeiter- Alhletenbund Deutschlands, 4. Kreis Berliii-Brandenb�g, veranstaltete Kreis-Artistenwottstreir statt. Ein Treffen sportbegeisterter junger Arbeiter, ein Kräftemessen ehrgeiziger, ernst- haster Menschen, die sich auch im Spiel und Sport ihrer wenigen Freistunden ein Ziel gesetzt haben. Da stehen sie nun im Rampenlicht, vor vollbesetztem Hause und zeigen gute, ehrliche artistische Arbeit, die sich an Qualität vielfach den Leistungen der Berufsartisten würdig zur Seite stellen kann. Aus den verschiedensten Städten des Reiches, aus Leipzig, Dresden, Liegnitz,'Magdeburg, aus Guben, Dessau, Görlitz, Schkeuditz und Finsterwalde hatten sich Bundesniitgliedcr eingesunden, die gemein- sam mit ihren Kollegen aus Berlin und Tegel ein reichhaltiges, außerordentlich gutes Variete programmäßig zum besten gaben, All« artistischen Leistungen waren vertreten: Akrobaten und Equili- bristen, plastische Darstellungen, Gymnastik. n', Kunstmaler, Exzentriker und Humoristen in Gebärde und Wort, Turner, Jongleure, Tänzerinnen und Kontorsionisten. Auf srcisiehender Leiter führten die 3 Willings(Dresden) einen prächtigen Balanceakt, kombiniert mit Zahnkraftarbeit vor, die 3 Tretons(Leipzig) boten beste Kraft- leistungen in schönen, plastischen Darstellungen und der Luftakt der 3 Alfons(Dessau) zeichnete sich durch besonders wirkungsvolle Tricks, wie z. B das Fallenlassen am Trapez zu dritt, bei guter sicherster Arbeit, aus,»Zwischen all der herkulisch gebauten, kraft- strotzenden Männlichkeit kam dann auch das zarte Geschlecht zu Worte, vertreten durch die D a m« n r i c g e der Freien Turnerschast Tegel, die gut einstudierte Freiübungen zum besten gaben. Die 3 Fcrcttis(Leipzig) brillierten mit einem prächtig ausgearbeiteten Kraftakt, wohe! besonders der Untermann Hervor- ragendes leistete: der Reck-Barrenakt der Original Rivals(Leipzig) bot ein wirkungsvolles Gemisch guter turnerischer Arbeit und ulkiger Clownerie. Die 3 Harris(Leipzig) und Stalin!, der Schlangen- mensch(Finsterwalde), zeigten sich als Kontarsionisten von Rang: sie sind völlig Herr ihrer Gliedmaßen, die sie je nach Wunsch über- cllhin dirigieren und in den grotcskesicn Verrenkungen noch allerlei schwierige Kunststücke vollführen. Ein« Einlag« zeigte«inen ISjährigcn Herkules, der jingerdicke Stabeisen über dem Knie bog und zerbrach und schließlich einen tzsihrveren Granitstcin auf seinem Kopf zerspalten ließ. Luri- Luri(Berlin), ist eine akrobatische Exzentriknummer von Klasse, der Zauberkünstler Fred Pauli(Berlin) veräppelte das Publikum mit verblüffender Geschicklichkeit nach Strich und Faden: Vogini, ein Balljongleur(Berlin) ist verheißungsvollster Raftellinachwuchs. Alle Darbietungen zeichneten sich neben qualitativer Arbeit auch durch gute Aufmachung und Art der Bewegung aus und der starke Beifall der Anwesenden war der beste Beweis, daß diese Amateurarbeit von starker Publikumswirkung ist. Ein bedauerlicher Zwischenfall, der aber glücklicherweise ohne ernsthaste Folgen blieb, trübte ein paar Augenblicke lang die frohe Stimmung: Die 3 Achilles(Magdeburg), die«inen sehr guteu Zahn- krastokt zum besten gaben, stürzten bei ihrem schwierigen Schluß- trick, ohne sich jedoch erhebliche Verletzungen zuzuziehen. Artisten, die hier infolge Raummangel nicht erwähnt wurden, mögen die- nicht etwa als böse Absicht ausfassen: lobenswert war jede einzelne Darbietung, denn jeder gab fein Bestes und was er brachte, war gut. Die am Schluß des Programms erfolgte Publikumswcrtung ergab folgende Resultate: I. Preis 2 Rivals(Leipzig), 2. Preis Luri-Luri(Berlin), 3. Preis 3 Fsrettis(Leipzig), 4, Preis 3 Alfons (Desiau) und 3. Preis Vogini(Berlin). Arbcitcr-Schadi. Die Abtsitung Humboldthain der bundestreuen Freien Arbeiter-Schach-Vereinigung Kroß-Berltn, veranstaltet Dienstag, 12. November, 20 Uhr,«inen Vortragsabend im Spicllokal, Lrunnenstraße 79. Der Schachtheoretiker Markert spricht über, „Das Domengambit und der Weltmeisterschaftskampi". Eintritt frei. Gäste willkommen. Der freie S o n n to g s j cha cho e r k« h r der Abteilung Mitte sällt, der Gemeindewahlen halber, am 17. November aus. Zln den folgenden Sonntagen des Winterhalbjahres findet der Ver- kehr wieder regelmäßig von 10 bis 13 Uhr in den Räumen ZionS'- tirchplatz 11, Ecke Swiiiemünder Straße, statt. Unterricht und Zutritt frei. Gäste willkommen. Zupigeigenkonzerl der Ilalurjreundc. Dienstag, 12.'Nooember, 20 Uhr. findet in der Abteilung Norden, Jugendheim, Soimenburger Straß« 20. ein Konzcrtabend der neugebildetcn Zupfgeigenkapelle statt. Gäste willkommen.— Das Herbstfeft der Abteilung Norden findet am 18, November, 20 Uhr. im Pantgrafen, Pankow, Schloß- stroße, in altbekannter Weiss, jedoch mit neilin Einlagen, statt. Karten»IM. find im Borverkauf bei Stiller, N. 113, Griesene'- Straße 23, bei Hallwaß, Schönhauser Allee 122, lind am DIeiist-g in der Abteilung zu haben. Xaaitkicuoei« ,»i« SUtwtfnatEfcc".!V-»tl«l- JBie«. BW. SritStidwfeia: 1J. 3}n»fm5er, J» Uhr. K«n!su>!rr All«» 80<. Ütdjait.'bctnocttog; ,9ha»! Iwt—«u. fftitben«)!; Sienstoa. 12. Noormd-r, 20 Ufu. Dffcnbotf)-:: 4tr.. 5«: Mktalicdcrv-rsammlun«.— R-Uxn- Dirn»ton, II, ätoojjph«.« Ubr. Snnumiurarr MuAlb-nK.- Bit. 6>uiU»IW. iom:©f-n«c«. 13. JtooeB®«. 30 ITfir., Echoust-lustr. I:..Sa» ftommuntftlfAt 9Tlcm4eft".— Cfte«:»Uta»*, 18.»nuemji«. 30 Uhr.©hMcr- krofit 61:»h-va«.— BbL BMnuUoe» 0*»: Thirn-rslag. 14. Novrnwcr, 20 Uhr. Sannifltr Str. 62. Sataie III.MM" lNnerrnt Dr. Mae SchlltteZ.— BM. OriiuibHnuMa: DonnarWaa. 14. ZUwanbor. 20 Uhr. Pank,(feft Wiesrn. liraß«: Mirolieökrvcrkamniwna.— Bbt. T>«ia«rtc»: Dvnnrrstaa. 14. Novrm. her. 20 U8r. Srhrter Ztr. 18—10:(Ocfdio-tliifccB.— Bkt. Sldilcnbcm: Donners- to«, 14. No»«inl>«r. 30 Uhr.®untnttr. 44: Aortraa.— Bbt. Siibwrst: Donner-. 14. Ztov-mb«. 20 Uhr. Pofckftr. U:»Brdeiterlvart und Sommunn! hl-n".- aumtbuitiia« 14. Rovimbrr, 20 Uli'. _____ iliflr. 15: JhrturfirohTMwi'BtfieW".— 9emttr»to«, 14. •flrtNc, 30 Ilhr, P!ffvr!> 24:.WlHrlfilMm'ft lmlt C:Ä)tSUbern). Die Gosse! Ein Wort zur Kennzeichnung der kommunistischen presse. Cs ist lang« her, daß die Jauche durch die Straße» der Reichs- �uvptstadt stoß> Die moderne Kanalijation hat diese unerfreulich« Erscheiimng beseitigt. Dafür«rgießt sich heute eine andere trübe Schlammflut über Berlin, auf dem Wege über di« Presse! Hier ist allerdings notwendig, sofort eine Einschränkung zu machen. Der größte Teil der Berliner Zeitungen, ob nun politisch oder unter dem neutral«» Signum„unpolitisch", hält sich wenigstens in den Grenzen journalistischen Anstondcs. Dies« Blätter verfecht«» und propagieren mehr oder weniger offen die politischen und wirtschaftlichen Forde- rvngen der hinter ihnen stehenden Parteien und Gruppen. Die sozialdemokratische Presse muß sich mit ihnen sachlich auseinander- seßen, steht nrit ihnen im harten Kampf. Soweit es sich namentlich um die erzr«aktionäre Presse handelt, wird man oft an das Wort üafsallcs denken: „Das sind diese modernen Landsknechte von der Feder, das geistige Proletariat, das stehende Heer der Zeitungsschreiber, das öktentlick)« Meinung macht und dem Volke tiefere Wunden ge- schlagen hat, als das stehende Heer der Soldaten i denn dieses hält doch nur durch äußere Gewalt das Volk zu Boden, jenes bringt ihm die innere Fäulnis, vergiftet chm Blut und Säfte!" Das sagt« Lassclle im Jahre 1863. Ein hart«? aber treffendes Urteil! Er fällte es im Namen der deutschen Arbeiterschaft, die er zur selbständigen politischen Partei sammelte und die sich so machtvoll entwickeln sollte. Aber erahnte nichts von der kommu- nistischen Presse des Jahres 19 2g, die ebenfalls vorgibt im Namen der Arbeiterschaft zu spreche». Was damals Lassall« von der Z e i t u n g s p e st sprach, di« den Volk-geist verdirbt und bis in seine Tiefen zugrunde richtet, von den Zeitungsschreiber», die dem Volke tagtäglich ihre st u p i d e U n- wissen hei t, ihre Gewissenlosigkeit. ihren Eunuchen haß einhauchen, dem Volke, das gläubig und ver- trauend nach diesem Gifte greift, alles das— ein Blick in di«„Rote Fahne" und„Die Welt am Abend" genügt— trifft heute in erhöhtem Maße aiif die kommunistische Presse zu. Alles, was sich heute eine gewisse Boulevardpresse an Geschmack- lofigkeiten und Senfatliznen leistet, wird bei weitem übertroffen von der Gewissenlosigkeit, der Verantwortungslosigkeit, von«iner nur noch pathologisch zu wertenden Verleumdungssucht der kommunistische» Presse, die sich nur und ausschließlich gegen die Sozial- demokrati« richtet und die einem blinden„Eunuchenhaß"«ntspringt. Slbcr vielleicht gehen wir mit dieser letzten, durch Lassalles Wort gekennzeichneten Motivierung schon zu weit.%)aß, auch derjenige der Eunuchen, braucht nicht immer einer unedlen Quelle zu entspringen. Aber mair lese einmal— soweit man es ohne Uebelwerden fertig bringt— aufmerksam die„Rote Fahne". Was sich da in einer cinzigen Nummer häuit an Schimpfworten llnd Gsmeinheilen wie „sozialfaschistisches Gesindel, Massenmörder, Lumpen. Verbrecher, Kettenhunde des Kapitals", an zotigen Redewendungen, an unbs- wiesencn Behauptungen und Verleumdungen bis zur ver- steckten und offene» Aufhetzung z u Gewalttaten g egenein, z eine Vertreter der Sozialdemokratie. das ist keine Bcrranntheit. keine Verblendung mehr, kein abgrund- tiefer Haß, das ist die Kaltschnäuzigkeit i a t t c r Sold- schr eiber von Moskau, denen man anmerkt, daß sie ohne innere Anteilnahme ihre„stupide Nuwiüenhcit" mit förmlich gesuchten und ausgeklügelten Schimpiworten verdecken. Gemuz, die politische Kampfarena ist kein höhere? Töchterpensionat. Alm die jungen Leute der kommunistischen Redaktionen, die von dem historischen Werden und von den Kampfbedingungen der deutschen Arbeiterklasse offenbar nick» die blassest« Ahnung haben und ebenso- wenig die Eigentümlichkeiten des Rcichshauptstädters kennen, suchen Berliner Volkstümlichkeit, fanden aber nur den To» der Kaf ch e m n> e. In üppigster Entfaltung zeigen sich die Sumpfblüten des kommunistischen„Journalismus" gerade in diesen Wochen. Zwei Dinge find es, die die Pseudoniarxisten in den kaimniinistischen Redaktionen zu höchstem Eifer anspornen, lagtäglich ihren Unrat fast ausschließlich über die Sozialdemokratische Partei zu entleeren: der Wahl- kämpf und die sehr betrübliche Sklarek- Affäre. Ein ge- fundencs Fressen für gewissen- und verantwortungslose Zeitungs- schreiber! Dabei verschlägt es den kommunistischen Redakteuren absolut nichts, daß die Exponenten der KPD. im„Roten Haufe", die Stadträte G a e b e l und D e g n e r, solange klassenbewußte Bieder- und Ehrenmänner waren, bis sie, von einem bös«n Schicksal ereilt, als Freunde der Betrüger entlarvt wurden. Vor einem solchen Pech kann sich schließlich keine Partei schützen und selbstverständlich hat eine Arbeiterpartei zu allererst di« Pflicht, auf Sauberkeit zu halten. Aber was in diesen Togen sich in den kommunistischen Blättern häuft an Schmutz und Verleumdung gegenüber der Sozialdemokratie, ist bald keiner Steigerung mehr sähig. Man arbeitet noch der Devise: verleumde frisch draus los, es bleibt doch immer etwas hängen. Was nüßen da Berichtigungen, di« nicht erscheinen, was Klogen, di« später mit Verurteilungen enden. Di« Hauptsache ist, man hat im Wohl- kämpf sein Ziel erreicht. Und dos olles geschieht imNamenderPressefretheit! Wir gehen nicht so weit, gerade im Namen der Pressefreiheit und im Namen eines anständigen Journalismus das Verbot solcher politischen Schmutzblätter zu fordern. Wir sind der Meinung, daß der gesunde Sinn der Berliner Arbeiter aus sich heraus solche Methoden des poli- tischen Kampfes ablehnt. Das beweift zur Genüge die geringe Auf- lageziffer der„Roten Fahne". Das weiß auch insbesondere Herr Münzenberg, den wir um seinen Beinamen als„kommunistischer Hugenbcrg" durchaus nicht beneiden. Auch für Münzenberg ist die Politik ein Geschäft. Ist es mit der„Roten Fahne" nicht zu machen, so wird es nach dem Vor- bild bürgerlicher Abendblätter andersherum versucht durch Sp«ku- lation mit der Sensationslust und Lüsternheit einer urteilslosen Masse. Weil man weiß, daß kommunistische Phraseologie aus die Per- liner Bevölkerung keinen Eindruck mehr macht, veröffentlicht man in sensationell aufgemachten und wochenlang in Fortsetzungen erscheinen- den Berichten in dem Abendblatt des Herrn Münzenberg unter dicken Ueberschriften Schauerberichte über„Jack, den Frauenmörder und Bauchaufschlitzer", die bis ins kleinste Detail gehen und an die niedrigsten Instinkte der Masse appellieren. Da bringt man bis ins Kleinste hinein den Lebenslauf eines männlichen P r o st i- tuierten. So beklagenswert solche Erscheinungen am Ges«ll- schaftskörper sind: Herr Münzenberg wird sich nicht etwa lächerlich machen wollen mit der Behauptung, daß die Veröffentlichung solcher Schmutzgeschichten ein Teil des Kampfes gegen die bürgerliche Gefell- fchaftsordnung ist. Es ist die unsauber« B e r q u i ck u n g von Politik und Geschäft, das sich zu nähren sucht durch Senso- tionslust, Blutrünstigkeit und perversen Kitzel Solche schiwpilichen Methoden im Klassenkampf einzuführen blieb der Kommunistischen Partei und ihrer Presse vorbehalten. Es fei zur Ehre der deutschen Zlrbeiterschait gesagt, daß ss« sich in ihrer übergroßen Mehrheit von solchen Methoben mit Ekel abwendet. Mit einem ehrlichen Kampf aus innerster Ueberzeugung heraus für den Sozialismus bat ein solches Treiben nichts zu tun. Es kann deshalb auch nur höchstens einen zeitlich begrenzten Erivlg bringen. Die innere Ilnwabrhastiokeit der kommunistischen Presse liegt so offen zutaoe, daß sie sich über kurz oder lang damit selbst abwirtschaften muß. Das kann nur im Interesse der deutschen Arbeiterbewegung liege». Aber es schien gerade in diesen Togen notwendig, dies« Sorte von Presse gebührend zu kennzeichnen und zur Ehrenrettung der deutschen Arbeiter noch außen hin sehr laut und deutlich zu sagen, daß sie damit nichts zu tun hoben will. Es ist das trübe fließende und übelduftende Rinnsal der Gosse. Die Sozialdemokratie verschmäht es, sich init den kommunistsscheu Soldjchreibern sachlich auseinanderzusetzen. Sie weiß, daß ihr di« Zukunft gehört, auch über den Erfolg des 17. Nooeniber hinaus. O. M. Konferenz für Kremdenrechi. Znternattonale Völkerbundskonferenz eröffnet. Auf dem iu Paris jetzt zusammengetretenen Völker- bundskongrcß für die Feststellung des Fremden- rechts sind S3 Sraatcn, darunter Amerika und Rußland, mit l-lO Delegierten vertreten. In seiner Eröffnungsrede betonte der französische Vorsitzende Devoze:„Wir müssen es zu einem int er- ii a t i o ii a l e n'A b k o in m e n bringe», damit alle u n b e j ch o l- t e n e Ii Fremde» überall, wie auch ihre Nationalität sein mag, eine freundliche Aufnahme finden. Man darf dabei aber nicht in de» Fehler oersallen, zu wenig zu wünschen, um das Ab- kommen allen Mächten ohne weiteres annehmbar zu niachen. Eben- sowenig darf ein Zuviel auf einmal gefordert werden, wenn man nicht einem Mißerfolg in die Arme lausen will." Der allgemeine Eindruck der Generaldebatte ist, daß die Mehr- zahl der vertretenen 50 Regierungen dem vorliegenden Entwurf freundlich genübersteht, daß man aber mit vielen Abänderungs- vorschlügen im einzelnen rechnen muß. Es wurden vier Kam- misssionen eingesetzt, und zwar eine Kominission zur Regelung der Garantien in bczug auf den internationalen Handel und die Niederlassung ausländischer Staatsangehöriger unier dem Bor- sitz des Engländers Sir Sidney Chapmon, eine Kommission, die insbesondere die fiskalischen Bestimmunoen des Entwurfs be- arbeitet unter dem Vorsitz von Guerrero(El Saloador), eine Kam- Mission zur Beratung über die Behandlung ousläiidischcr Gesell- schoflen unter dem Borsitz des deutschen Delegotionsführcrs Gc- heimrat Martins und eine Kommission zur Behandlung allgemeiner Fragen unter dem Lorsitz des Italieners de Michelis. Deutschland hat während der Vorarbeit für die Konferenz stets darauf gedrungen, daß auch die Frag« der Zulassung von aus- läirdischeii Arbeitern, Angestellten und Firmen international einheitlich geregelt werde. Es ist ihm leider nicht g e l u n- gen, die gndercn Staaten dafür zu gewinnen. Der Kouventionsentwiirf fordert im Prinzip Gewährung o ö l- 4- Uffiahn im Qruneivald Site.arbeiten am lBa« der Untergrundbahn au .Onkel Vonu JtiiHr* im Qrunenald frhrellen rüflig rornrärl*. HieJCinie. dürfte in naher Zukunft eröffnet werden. * l«g«r Gleichberechtigung für die zugstassen« VafBbhat und ausländischen Firmen mit den inländischen Personen und Fir- wen, gleich« Freiheit des Verkehrs, gleiche Freiheit in der Wahl des Aufenthalts, der Niederlassung und gleiche Behandlung in der Steuerbeloswng. Die Besteuerung von Unternehmungen und Niederlassungen soll sich auf das in dem betreffenden Land im» vestierte Kapital beschränken. Die roto Schlachtwefle. Protest der ligo für Menschenrechte. Die Deutsche Liga für Menschenrechte erklärt zu den neuerding« verübten Erschießungen in Rußland: Rußland ringt um seine politische und wirtschaftliche Existenz. Daher muß ein einfacher Vergleich des gegenwärtigen Schutzes der Menschenrechte in Deutschland, den Vereinigten Staaten von Amerika usw. und in Sowjetrußland zu irrigen Schlußsolgerungen führen. Die entscheidende Frage wäre vielmehr: Verletzt der um sein« Existenz kämpfende sowjetrussische Staat häusiger und schwerer die Menschcnrechie als ein um seine Existenz kämpfender kapitalistischer Staat? Selbst wenn ein objektiver Beurteiler dies« Frage mit Nein beantworten wollte, lehnt die Liga für Menschenrechte, die auch gegenüber den Interessen des Staates die Rechte des einzelnen Menschen zu wahren berufen ist, eine derartige Entschuldigung für die Mastenhinrichtung russischer Staatsbürger rundweg ab, zumal da diesen nicht einmal das elementar sie Menschenrecht zugebilligt wurde, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Die Deutsche Liga für Menschenrechte hält diese Erschießungen für eine durch nichts zu rechtfertigende Barbarei und erhebt dagegen nachdrücklichst Protest. Betriebsraisstreit bei Aschinger. Darf der Aetriebsraisvorsihende die Arbeit unterbrechen? Der Borsitzende des Betriebsrats der Firma Aschinger bot dreiarbeitssrei« Tag« in der Woche, um sein« Betriebsrats- geschäfte zu erledigen. Aber diese Zeit reicht nicht immer aus. In dem großen Betriebe, dessen Gaststätten über die ganz« Stadt*zer- streut liegen, kommen manchmal Fälle vor, die keinen Aufschub ver- tragen und ein sofortiges Eingreifen des Betriebs- ratsvor sitzenden erfordern. In solchen Fällen hat dann der Vorsitzende auch während der Arbeitszeit seine Betriebsrotspflichten erfüllt. Selbstverständlich hat er, wenn er die Arbeit verlassen mußte— er ist Maschinist im„Rheingold"— seinem Dorges«tzten Mitteilung davon gemacht, so daß für Vertretung gesorgt werden konnte. Eine Störung d«s Betriebes ist also durch gelegentliche Unier- brechungen der Arbeit durch den Betri«bsratsvorsitzenden nicht ein- getreten. Bcgr«ifliche Mißstimmung entstand erst im Betriebe, als die Direktion«ingriff mit einem Schreib en andenBetriebs- ratsvorsitzenden, worin es heißt: „Mr warnen Sie aus dos eindrmglichske, sich noch einmal der» artige Eigenmächtigkeiten zuschulden kommen zu lasten, und hoben Ihren ZNeister angewiesen. Ihnen ohne ausdrückliche Genehmigung keinen Urlaub mehr zu erleilen." Also, der Betriebsratsvorsitzende soll in jedem Falle, wo er einmal während seiner Arbeitszeit an irgendeiner Stelle des Be- triebes eingreifen muß, um vielleicht einen drohenden Kon- flikt zu oerhüten, erst die Direktion um Erlaubnis fragen. und wenn diese nicht erteilt wird, die Ausübung seiner Amtspflicht unterlassen. Der Vorsitzende erklärt das als eine Beeinträchtigung seiner ihm nach dem Betriebsrätcgcseh zustehenden Rechte, er ist auch der Mei- nung, daß die Anordnung der Direktion in den meisten Fällen praktisch nicht ausführbar ist und Hot ihr deshalb nicht Folge geleistei.— Die Direktion hat dann dem Vekriebsra>»- Vorsitzenden gekündigt, obgleich der Betriebsrat der Kündi- gnng nicht zugestimmt hat. In der Kündigung sowie in dem Verlangen, nicht ohne an?- drückliche Genehmigung der Direktion Bctricbsrotsgeschäft« wäh- rend seiner Arbeitszeit auszuüben, erblickt der Betriebsrotsvor- sitzende«inen strasbarcn verstoß der Direkliou gegen das Betriebs- rälegeseh. Er hat deshalb Anzeige bei der Staatsanwalt- s ch o s t erstattet und Klage beim Arbeitsgericht erhoben. wodurch festgestellt werd«n soll, daß der Betriebsratsvorsitzende nach pflichtgemäßem Ermessen selbst zu beurteilen hat. ob er außerhalb der ihn, zustehenden arbeitsfreien Tag«, wen» es unbedingt not- wendig ist. Arbeitszeit versäume» darf, und daß wegen solcher Versäumnisse Verwarnung. Kündigung und Entlassung nicht«rfolgcn darf. Die F i r m a hat den Ausgang dieser Klag« nicht a b g e- wartet, sondern die Zustimmung zur Kijndigpng des Letriebsraisoorsitzenden beim Arbeitsgerich» beantragt. Lei der Verhandlung dieser Str-itiälle stellte sich der Vertreter der Firma aus den Standpunkt, der vetrieb»ratsvorsltze»de sei außer- halb seiner arbcitssrcten Tage ein Arbeitnehmer wie seder andere. er dürfe die Arbeit nicht eigenmächtig verlassen: wenn er es dennoch tue. so habe die Firma das Recht, ihn sogar fristlos zu entlassen. Der Betriebsralsoorsjtzende und sein Vertreter vom Verband der Hotel-, Restaurant- und Casäangestellten bezeichneten dies« An- ficht als den Bestimmungen des Betriebsrätegissetzes widersprechend, aus das sie sich zur Begründung ihres Standpunktes beriefen. Nach lebhaften Auseinandersetzungen zwischen den Parteien gelang es dem Vorsitzenden des Gerichts, sie zu oeranlassen, ein« außergerichtliche Verständigung zu versuchen, und wenn eine solche nicht gelingen sollte, das Gericht zur Ent- scheidvng nochmals anzurufen? Ehrung deutscher nnd französischer Kriegsgräber. W'« dem..Journal des Debats" ans Ar ras gsmeldet wird, hat sich anläßlich des Waffen st ill st onhes eine deutsche Delegation unter Führung des Obcrpräsidenten der Rheinpromnz nach dem deutschen Kriegerfriedhoi Maison Blanche bei Ne.uville-St. Bast begeben»nb dort Blumen niedergelegt. Edento hat die Delegation auf dem benachbarten französischen Sol- dotenfriodhos von L a Torgette eine Blumenspend« niedergelegt. Wetter für Berlin: Meist bewölkt mit Pegenföllen und starken westlichen Winden, vorübergehend etwas ansteigende Temperowren. — Für Deutschland: Allgemein stark wolkiges Wetter mir verbreitsten Regem allen. An der Küste stürmisch« westlich« Wind«. ÄnxugStoffe •ngUchcr F&brikaie von WeUraf— nur bot Koch& Seeland QtrttMuUmttoaSe 30—XU