BERLIN Mittag 2. Dezember 1929 10 Pf. Nr. 564 B 281 46. Jahrgang Erschetnttäglich aujer Sonntags. Zugleich Abendausgabe de«.Vorwärts'. Bezugsprei« beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,soM. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW es, Lindenstr.s AnjeigenpreittDie einspaltige Nonpareillejeile 80 Pf.. Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Dorwärts-Verlag G. m. b.H.. Berlin Nr. 27530. Fernsprecher: Dönhoff 2S2 bis 297 Freiheit und Friede! Die Befreiungsfeiern am Z�hein.— Friedenskundgebung der französischen Sozialisten.— Otto Wels spricht in Champigny. Die französische Sozialdemokratie veranstaltete am Sonn. tag ans dem Schlachtfeld von Champigny eine Frieden». kundgebung. Aus ihr hielt der Vorsitzende der Sozialdemo. kralischen Partei Deutschlands, Otto DJ c l s, die folgende Ansprache: Cs gibt zweierlei Methoden, an Gröbern von Kriegs- gefallenen zu demonstrieren. Die eine besteht darin, sogenannte vaterländische Reden zu halten, oft mit chauvinistischem Anstrich, die militärischen Tugenden zu rühmen, die Kriege der Vergangenheit zu verherrlichen, wen» man dem siegreichen Lande und auf künstige Revanchen anzuspielen, wenn man dem besiegten Staate an- gehört. Di« andere Methode besteht darin, die wahre, die einzige Lehr« aus dem Opfer zu ziehen, das die Gefallenen gebracht haben: nämlich die Toten zu beklagen, daß sie Opfer der Fehler der Menschheit wurden: die Menschen und noch mehr die Ideen zu verfluchen, die für die Massenschlächtereien verantwortlich sind, welche die Welt bis in«in« noch junge Vergangenheit heimgesucht haben. Seinen Willen zu verkünden, für die Besserung der Menschheit zu arbeiten und zu kämpfen ebenso gegen die Menschen, die auf- den Gedanken des Krieges nicht verzichten wollen, wie auch gegen die sozialen und wirtschaftlichen Erscheinungen, die nach unserer sozialistischen lieber- zeugung die Tiefen und wirklichen Ursachen der Kriege darstellen. Di« kriegerischen Kundgebungen auf den Gräbern der Kriegs- gefallenen oder vor den Denkmälern, die ihnen zu Ehre errichtet wurden, die wollen wir anderen überlassen. Wir Soziali st en sowohl in Frankreich wie in Deutschland und in der ganzen Inter- nationale, wir akzeptieren nur die andere Methode des Gedenkens an di« Opfer des Weltkrieges. Es ist die Methode, die sich in jenes Gelöbnis zusammcnsossen läßt, dos Millionen von sozialistischen Arbeitern in unseren verschiedenen Ländern ablegen: Zlie wieder Krieg! Und darum Genossinnen und Genossen, habe ich die Einladung unseres Freundes Albert Thomas und der sozialistischen Gemeinde- Vertretung von Ehampigny angenommen, in meiner Eigenschast als Vorsitzender der Deutschen Sozialdemokratie, an der heutigen Kund- £rHHem "Heinsbenft'ßdil Geifefi-\/v Tf /drehen 3, Jülich». Herzogenrath k. Bachem 2. Zone. Euskirchen"� | RneinbacJi-K- AhmJur?'* Sinzig Adenau '•» ZONE WV} Cochem •«; f—' Grenze.der Z- Zone. * Annektiertes Getief. Reichsgrenze. ___ gebung teilzunehmen. Ich habe diese Einladung angenommen, ob- wohl mein« Pflichten als Abgeordneter mir die Reise von Berlin nach Paris gerade im jetzigen Augenblick sehr schwer machen. Denn gerade In diesen Tagen spielt sich in unserem Parlament ein für die, Idee des Friedens wichtiger Kampf ab. Es handelt sich um die von dem deutschen Rationastsmus eingeleitete Offensive gegen das Reichskabinett unter der Führung meines Freundes her- mann Müller. der vor seiner Reichskanzlerschast zusammen mit mir den Vorsitz in der Partei führt«. Ein Volksentscheid bereitet sich gegen die Politik friedlicher Abmachungen vor, die in Locarno eingeleitet und "'M''-■'i« ■ m' Am 30. tlovember wurde die xweHe Xheintandxone endgültig ton der SSefatxung frei. Unfer ißild meigt das fogenannle 3)eulfrhe Eck hei Slohlenx, wo ITlofel und Xhein sufammenfließen. in Genf und im Haag fortgesetzt wurden,— stets unter dem An- trieb der sozialistischen Parteien Frankreichs, Deutsich- lands, Englands und Belgiens. Das Endergebnis dieses Volks- «Utscheids ist nicht zweifelhaft: Sein vollständiger und kläglicher Mißerfolg ist voll- kommen sicher. So kam ich, in Ihrer Mitte an dieser anderen Kundgebung gegen den Krieg und gegen den Geist des Krieges teilzunehmen. Der Geist des Krieges, das ist jener, der darin bestand, sowohl im Jahre 1870 wie auch 50 Jahre später den Tod menschlicher Wesen jeweils zu seiern oder zu beklagen, je nachdem er mit der Idee des Sieges oder der �Niederlage verknüpft war. den Tod von Menschen, die sich noch nie gesehen hatten, die sich nicht kannten, die sich nie etwas zuleide getan hatten und die dennoch gezwungen waren, sich gegenseitig abzuschlachten. Der Geist des Krieges wurde systematisch in die Herzen der Kinder gepflanzt, man schürt« bei ihnen Haß gegen ander« Völker. Und dabei verkündet die Gesellschaft, daß das Menschenleben heilig sei. Wehe dem, der sich an ihm vergreift. Ihn trifft in jenem Lande die volle Schwere des Gesetzes, der Massenmord aber ist sakrosankt. Er bringt Ehre und Ruhm. Unter rauschenden Festen wird der Sieger gefeiert. Wer fragt nach dm Witwen, die Weisen, nach den Klagen der Bräute oder Mütter, die ihr Teuerstes auf den Schlachtfeldern ließen. Nein, vor dem Gewisien der Mensch- hest tragen alle di« Feste der Sieger den Stempel der Unwahrheit. Die Wahrheit liegt im alten deutschen Wort: «Doch der Lärm von kausend Siegen Sann den Zammer einer Mutter um ihr Kind nicht überwiegen.' Hier auf einein der Schlachtfelder von 1879 empfinden wir aufs neue und besonders lebhaft dqs Erinnern an dos grausig« Morden des letzten vierjährigen Krieges. Noch bluten di« Wunden, die er schlug. Noch ist der Frieden der Welt nicht wiedergekehrt.. Eine den Frieden gefährliche Mentalität ist im Faschismus erstanden. Sein Hoherpriester Mussolini hat dje kriegerisch« Periode Italiens für das Jahr 1935 verkündet. Seine Expansionspolitik droht, den Balkan wiederum zum Säiauplatz der ersten Kämpfe zu machen. In Österreich und Polen bereitet der Faschismus sich zum Kampf gegen die Demokratie. Jeder, welcher Notion er auch angehören mag, ist berufen, dieses Attentat auf die Kultur, diese Vernichtung so vieler für die wirtschostliche ExiKenz der Menschheit unerläßlichen Güter zu verhindern. Der Bölkeraund wurde als ein Organ geschaffen, um dem Frieden zu dienen. In seinem Statut steht rn seiner Begründung geschrieben, daß der letzte Krieg wörtlich dev letzte gewesen sein sollte. Und doch starrt heute die Welt»och iu Waffen. Damit dieser Zustand oushöre, müssen wir in der Welt den Inter- nationalen Geist verstärken. Wir müssen den Menschen begreiflich machen, daß ihre Arbeit und ihre Produktionsmittel über die Grenzen hinweg miteinander solidarisch sind. Nie habe ich selber dieses Gefühl in solchem Grade gehabt wie im Lause des gestrigen Tages, als ich von Berlin bis Paris, vom Morgengrauen bis zur Nacht, durch ein Industriegebiet nach dem anderen fuhr. Schon waren die Betrieb« der deutschen Hauptstadt in vollster Tätigkeit, ehe der Tag angebrochen war. Einige Stunden später fuhr ich an den großen Werken von Hannooer vorbei, am Nach- mittag durch das gewaltig« Industriegebiet der Ruhr mit den Türmen seiner Kohlenschächte und seiner Hochöfen. Später, nach Einbruch der Dunkelheit, bot sich das gleiche Bild der Arbeit in der Gegend von Lütt ich und Eharleroi. Endlich, in den letzten Stunden des Tages, von Mau beuge bis Paris, sah ich noch immer di« Lichtfluten von Fabriken in voller Tätigkeit. Nun, ob Deutsche, Belgier oder Franzosen, es ist dasselbe Schassen, es ist das gleiche Leben, es ist dieselbe wirtschaftliche Aktivität, die nur im Frieden und aus der Grundlage politischer und wirtschasllicher Abmachungen inleraaiie- naler Art gedeihen kann. nicht zu vergessen die internationalen Abkommen sozialer Art, die nicht weniger unerläßlich und wohltätig sind und die unser Freund Albert Thomas an der Spitze des Internationalen Arbeitsamtes sich mit steigendem Erfolg bemüht, zu verwirklichen und dabei die wohlverdienten Früchte seines Glaubens und seiner Hartnäckigkeit erntet. Wenn wir Sozialisten uns„International" nennen, dann leugnen wir keineswegs, die Bedeutung und den Wert der ein- zelnen Nationen. War es nicht euer großer Jean I a u r st s, der diese elementar« Wahrheit in einer wunderbaren Formel ver- kündete: „Die Zlaüonen sind das Schohtästlein des menschlich Gegebenen." Und hat«r nicht selber durch sein Leben und durch seinen Tod den schönsten Beweis dafür geliefert, daß man ein guter internarionäler Sozialist sein kann und zugleich«in guter Franzose? In seinem Geiste, der auch der Geist von Bebel, von Marcel Scmbat und von Ludwig Frank war, und der mehr denn je der Geist aller Sozialisten Frankreichs und Deutschlands gc- MiAea ist, verkünden rotr die Notwendigkeit nicht allein der An- nicherung zwischen unseren beiden Ländern, sondern auch der Freundschaft znzischen ihnen. Denn olle schmerzlichen und blutigen Lehren der Vergangenheit beweisen, daß der Friede der welk in erster Linie abhängt von dem Frieden Zwischen Deutschland und Frankreich. Indem wir für die deutsch-französtsche Versöhnung wirken, erfüllen wir nicht allein eine Pflicht gegenüber unseren eigenen Völkern. sondern gegenüber der gesamten Menschheit. Die ungeheure Mehr» heit in unseren beiden Ländern will den Frieden. Jene, die den Frieden stören, sind nur eine geringfügige Minderheit im Dienste von Sriegsgewinnern. von Militaristen. von Herstellern von Geschützen und Granaten. Da diese aber über viel Geld verfügen, können ste auch viel Lärm erzeugen und über ihre wirkliche Schwäche täuschen. Unsere beiden Länder sind demokratische Republiken, in denen der Wille der Mehrheit zum Frieden sich in den Taten und in der Politik der Regierungen mchern kann und äußern muß. Darum legen wir deutsche Sozialdemokraten Wert darauf, unseren direkten Einfluß auf die Regierungsmacht zu üben. Indem wir an der Regierung teilnehmen, übernehmen wir ei»« oft undankbare Aufgabe, »vir erfüllen aber zugleich eine nolroe ichige Friedensmission. (Es ist zum Teil ein Opfer, dos wir der ganzen Internationale darbringen. Nie hätten die Fortschritte, die in den letzten Iahren erzielt worden sind, verwirklicht werden können, wenn wir die Regierungsgewalt der Reaktion überlassen hätten. Als ich gestern durch Aachen, die letzte deutsche Stadt auf meiner Strecke, fuhr, war es gerade ein Freudcntog für die dortige Bevölkerung. Sie feierte ein nicht nur für sie, sondern für uns alle geschichtliches Datpin: den Tag des endgültigen Abzuges der freindcn Truppen nach einer Bcfetzungsdauer von mehr als elf Jahren. Dieses Ereignis stellt eine wichtige Cwppe auf dem Wege zur deutsch-französischen Versöhnung dar. Wir verdanken diesen Sieg der Zdee des Friedens vor allem dem gemeinsamen Handeln der sozialistischen Arbeiter Frank- reichs und Deutschlands. Und so geschieht es, daß, muhmid die falschen Aposteln des Christentums ihre Religion so weit erniedrigen, daß sie die Jnstrm inente des Massenmordes segnen, wir Sozialisten, die wir uns nicht auf Gott verlassen, die aber Vertrauen haben in die Fortschritte der Menschheit, dank der wachsenden Kraft unserer Ideen und unserer Organisationen, wir durch unsere Taten das Wort des Evangeliums verwirklichen: Friede aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.' Friedenskundgebung eingefchränki. Wegen kommunistischer Drohungen/ Massenbesuch auf dem Schlachtfeld. Paris, 2. Dezember.(Eigenbericht.) Die sür Sonntag m Chatnpigny von den französischen Sozialisten geplante Friedenskundgebung wurde am Sormtog kurz vor ihrem Beginn auf Anordnung der Regierung verboten. Das Verbot erfolgte auf Grund der kommunistifchen Drohungen und der dadurch gegebenen Möglichkeit zu Zusammenstößen und Zwischenfällen. Tagelang hat die Pariser„Humamtä" gegen die Friedenskundgebung gehetzt und ihre Anhänger aufgefordert, nicht nur in Champigny zu erscheinen, sondern die Verottstaltimg möglichst auch gewaltsam zu stören. Diese Hetze bot der Regierung Tardieu einen billigen Vorwand zum Verbot der Kundgebung. Allerdings wurde den Sozialisten gestattet, in kleinen Gruppen mit ihren Fahnen an dem Kriegerdenkmol von Champigny vorbeizuziehen. Auch wurde gestattet, daß an dem Denknral selbst, unter dem sechzig deutsche und französische Opfer des Krieges von 1870 ruhen, eine T a f e l mit folgender Inschrift angebracht wurde:„Für den Frieden durch die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich." Zwischenfälle»varen nirgends zu verzeichnen, da die Regierung eine ungeheure Polizei in acht aufgeboten hatte. Die Kundgebui»g, an der sich trotz der Einschränkungen durch die Regierung etiva 10 000 Personen beteiligten, verlief in völliger Ruhe. Den Rednern war es schließlich doch noch möglich, zu den Massen zu sprechen. Hugenberg sogar in Frankreich erledigt. Paris, 2. Dezember.(Eigenbericht.) Die Niederlage Hugenbergs im Reichstag hat selbst die wildesten nationalistischen Blätter in Frankreich davon überzeugt, daß»nan init Hugenberg keinen Staat»nehr machen kann. Die französischen Zuschauer scheinen die Niederlage Hugenbergs als so endgültig und so vollkommen zu beurteilen, daß jedermann in Frankreich daraus verzichtet, Hugenberg weiter als den schivarzen Mann zu beimtzen, um den friedlichen Bürger zu schrecken. Bezeichnend genug ist der Kommentar, den am Sonntag der„Temps" der Reichstagssitzung vom Sonnabend widmet. Die Volkspartei könne jetzt ilicht»nehr »int den Deutschnationalen zusailunenarbeiten. Der Reichsinnen- »uinister Severing aber habe die Hauptursache der Hugenberg-Hetze richtig charakterisiert, wenn er ste als einen Angrisf nicht gegen den Frieden, sondern gegen die deutsche Republik bezeichnete. Hilgen- berg müsse sich darüber klar sein, daß sein Versuch, die Republik zu stürzen, mir dazu geführt habe, den Trümmerhaufen zu vergrößern, unter dem seit der Niederlage iin Kriege die Mon- archi« und die Hohenzallerndynastie begraben liege. 26 Kälteopfer in Amerika. New Bork, 2. Dezember. Die Kältewelle, die im Tiiden bis nach Florida reichte, ist vorüber. Nach den Blättern sind ihr insge- samt 2 6 Menschen zum Opfer gefallen, davon 11 in Illinois und S in Ohio. Die Sachschäden find sehr groß. Katastrophe eines Ausflüglerzuges. Acht Tote, 17 Schwerverletzte in Virginia(USA.). Nach Berichten aus Onlcy in Virginia ist ei» Slnsflüglerzug der Pennsylvania. Eisenbahn in der Richtung nach New Bork bei Onley entgleist. Da» bei kamen, wie bisher feststeht, acht Menschen ums Leben, während 17 schwerverletzt wurden. Fünf Wage» des Zuges sprangen, wie man annimmt, infolge Beschädigung der Schienen ans den Gleisen und im An- schlich daran überschlugen sich zlvei Wagen. Die Arbeiten Das Rheinland feiert. Die Nefreiungsjubel in der zweiten Zone. Aachen, 2. Dezember. Um die Milternachtsstunde vom Sonnabend zum Sonntag be- ging die Stadt Aachen ihre Befreiung von fremder Besatzung mit einer Feier, an der die gesamte Einwohnerschaft teilnahm. Der große Platz vor den» alten Rathause war van gedrängten Menschen- Massen gefüllt. Die umliegenden Häuser waren festlich er- leuchtet, über den Lichtern wehten die Fahnen des Reiches, Preußens und der alten Kaiscrftadt. Vor dem Rathause brannten in riesigen Schalen die D a n k f e u c r. Die Vereine waren mit Pechfackeln und bunten Lampions aufmarschiert. Kopf an Kopf bis tief in die Seitenstraßen hinein standen die Menschen. Alle Fenster»varen dicht besetzt: auf den Dächern sogar drängte man sich, »im in dieser historischen Stunde dabei zu sein. Aber der breite Platz S)ie dteichsflagge Heigi auf dem ShrenbreUflein bei Xoblenm, wo elf Jahre die franxöfifche Trikolore gewchl hatte. reichte nicht aus. Durch Lautsprecher mußten die Reden zu anderen Plätzen übertragen werden.„Wir trugen es in Trauer und Treue." mit diesen schlichten Worten berichtete der Obcrbürger- meiste? über die schwere Zeit, die jetzt hinter Aachen liegt. Und es war Jubel und Freude,»vos heute nacht, ivas den ganzen Tag. seit- dem die belgische Fahne vom Hauptquartier der Befatzungsarmee niedergeholt roar, Aachen erfüllte. Nach einer Ansprache des Oberbürgermeisters R o in b e r t stihrte Reichsmimster Dr. W i r t h aus:„In dieser einzigartigen Stüde ist es mir eine herzliche Freude, im Namen der Reichsregis- rung die tapfere, treue und»nutige Bürgerschaft der alten Kaiser- stadt herzlich zu begrüßen. Wir nennen diese Mitternachtsstundc eine heilige Stunde, weil wir sie nicht einsam feiern, sondern in der Gemeinschaft. Große Feierstunden erleben wir nur in der Geincinschast, zunächst in der Gemeinschaft der Familie, dann in der größeren Gemeinschaft der Gemeinde und endlich in der großen Geineinschaft des deutschen Volkes, der deutschen Nation und des Deutschen Reiches. Aber noch schlägt die Stunde der Frecheit»richt der ganzen Nation. An der Mosel und am Rhein steht noch der feindliche Machthaber, und gerade die nächsten Monate werden noch Tage höchster Spannung bringen. Wir überwinden auch das letzte Hindernis, wenn in unserem Volk« der Gedanke lebendig ist, daß wir nur in der Gemeinschaft und in treuer Arbeit an» Ganzen die Freiheit wieder criDerben können. Darum ruf« ich über den weiten Platz: Stehet zusaimnen in der Gemeinde wie im Staate! Ohne Freiheit keine Wohlfahrt, ohne Dienst an der Gemeinschaft kein Aufstieg! Mit z-isanunenschlagenden Herzen erleben wir heu« die Gemeinschaft und erleben das in der deutschen Republik geeinte deutsche Volk. Mit Gott ooriDärts und aufwärtsl" Koblenz frei? Koblenz, 2. Dezember.(Amtlich.) Extrablätcr der Zeitungen hatten dafür Sorge getrogen, daß die Pariser Meldung von dem Einverständnis der Botschafter- konferenz mit der Räunmng der zweiten Zone noch in den Abendstunden in der ganzen Bevölkerung bekannt»mirde. Dann: war der Feier am Deutschen Eck erst die rechte Stiminung gegeben. In, Lause des Nachmittags hatten sich die Hauptstraßen trotz des onhaltcndcn Regenwetters in«in wahres Fahnenmeer ver- wandelt. Aber erst die Nachricht, daß Koblenz nunmehr auch politisch völlig frei sei, harte den seelischen Druck von der Bevölkerung genommen. Nach 8 Uhr abends rückten von Köln aus 100 Schupo- lcutc ein, freudig von der Bevölkening begrüßt. Gegen 10 Uhr abends setzte ein gewaltiger Zustrom der Bc- völkerung nach den» Deutschen Eck ein, der Regen hatte inzwischen aufgehört. Nirgends wurde lärmende Lustigkeit laut. Als um Mitternacht«ine Signalraletc auf dem Rcuendorfer Ufer und das Aufleuchten der großen Feuer an Rhein und Mosel, be- gleitet von dem feierlichen Geläut der zahlreichen Kirchenglocken den Beginn der Befreiungsstunde verkündeten, entblößten stck> olle .Häupter. Laullose Still« trat ein, und in tiefen� drei Minuten dauerndem Schweigen durchwanderten die Gedanken der Ver- sanmrclten nochmals die schrvere Zeit des Krieges und die nicht minder schrveren Jahre der Besetzung. Wuchtig und eindrucksvoll wie ein Dankgebet drang die erste Strophe des Liedes„Großer Gott, wir loben dich" zum nächtlichen Himmel empor. Rcichsminrster von Guerard ergriff dann das Wort. Ober- Präsident Dr. Fuchs verlas die Telegramme des Reichsprästdentcn und des Reichskanzlers. Beethovens„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", vorgetragen von rund 700 Mitgliedern des Mittel- rheinischen Sängerbundes, schloß die Feier. der sofort entsandten Rettungskolonnen wurden durch die herrschenden außerordentlichen Schlechtwettcr- Verhältnisse beeinträchtigt. Mehrere Stunden nach dem Unglück waren die Schienen noch nicht wieder freigemacht. Die Verwaltung der Pennsylvania-Eisenbahn teilt weiter mit. daß wahrscheinlich unterbrochene Tele» graphenlinien als Ursache des Unglücks anzusehen sind. »- Gefangener enthauptet sich. Grauenhafter Selbstmord eines Sonnenburger Sträflings. Ein Strafgefangener» der in der Strafanstalt Sonnenburg eine wegen schweren Raubes verhängte 15jährige Zuchthausstrafe zu verbüßen hatte, verübte auf grauenhafte Weise Selbstmord, indem er sich selbst enthauptete. Die Anstalt besitzt eine elektrische Papier- schneidcmaschine. an der der Gefangene zuweilen ar- beitete. Der unglückliche Gefangene steckte seinen Kopf während einer Pause zwischen die Greifmesser und guillotinierte sich so selbst. Ehe noch jemand das Unge- heuerliche verhindern konnte, brachten die scharfen Messer dem übtann den ersehnten Tod, indem sie den Kopf vom Rumpf trennten. Der Vorgang hat sich bereits am Freitag abgespielt. Ein Be- anüer aus Berlin ist mit der Untersuchung des Falles beauftragt worden. Ein anülicher Bericht liegt, wie das Strafvoll- zugsamt mitteilt, noch nicht vor. Der Strafgefangene soll in der letzten Zeit an Wahnideen gelitten haben. Er trug ein aufgeregtes Wesen zur Schau. Der Arzt des Smmenburger Zuchthauses hat aber bei ihm bisher keine unzweifelhafte Geisteskrankheit feststellen kölmen._ Stahlhelmkrawall in Hessen. Chef der Landespolizei ins Gesicht gestochen.- Kriminalrat niedergeschlagen! Darmsiadt, 2. Dezember.(Eigenbericht.) Am Sonnabend und Sonntag hielt der Landesverband Hessen des Stahlhelin in Darmstadt eine Tagung ob, an der Stahlhelmvertretungen aus allen Gegenden Deutschlands teilnahmen. Im Verlauf der Veranstaltung wurde beschlossen, daß der Landes- ve�hand Hessen in Zukunft die Gebiete des Staates Hessen und von Hessen-Nassau umsassen solle. Der Bundesvorsitzendc Seldte war in höchsteigener Person er- schienen. Er erklärte, Hessen sei das Aufnahmegebict für den aufgelösten Stahlhelm im Rheinland. Es bedürfe aller Kräfte der zähen und trainierten Soldaten, um Deutschland wieder aufzubauen. Der Stahlhelm wisse, daß nach dam 9. Ro- vember eine neue Zeit angebrochen ist, deren Probleme nicht mit einer Politik der Mitte oder mit zehn Fragen eines Ministers zu lösen sind. Der Stahlhelm wurde zu einer Selbstschutzvereinigung, zu einem Bunde, dann zu einer Organisation und dann bewußt zur Stütze der deutschen Freiheitsbewegung. Wir find bewußt zu einer politischen Organisation geworden, die ihr Velo einlegt zu den Tages- fragen. Der Stahlhelin will nicht zu einer politischen Partei werdcn Aber sollte er einmal verboten»Verden, so steht er in der letzten Stunde da als die unbequeme Partei verdeutschen Frontsoldaten. Wir wissen, daß wir bei dem Volksentscheid nicht di Mehrheit bekommen. Aber der Volksentscheid bedeutete für den Stahlhelm eine Zählung der Nationalgesinnten in Deutschland. Wir sind zu neuen�Volksbegehren bereit! Als nach Schluß der Stahlhelmveranstaltung am Sonntag abend ein Trupp von ungefähr 200 Stahlhelmern di« Rückreise nach Frank. fürt antreten wollte, tan, es auf dem Darmstädter Hauptbahnhos zu einer Auseinandersetzung zwischen Stahlhelmern und Zivilisten. Der Chef der hessischen Kriminalpolizei Regierungsrat Bach versuchte den Streit zu schlichten und wurde dafür von von einem Stahlhelmmann aus einem abfahrenden Zuge heraus mit einem spitzen Gegenstand unter das linke Ange gestochen, so daß er sofort ins Krankenhaus transportiert werden mußte. Sein Be- gleiter, Kriminalrat R e i n b o l d,»vurde durch Stockfchläge übel zugerichtet. Die Frankfurter Polizei, di« von den Vorfällen sofort telcphonisch unterrichtet wurde, nahm auf dem Frankfurter Haupt- bahnhof etroa 200 Stahlhelmer fest. Die hessische Regierung wird sich voraussichtlich schon heute dar- über schlüssig werden, ob der am Sonntag in Darmstadt gegründete Gau Groß-Hessen des Stahlhelms zu verbieten und a u f z u> läsen ist, nachdem Seldte osfe» mitgeteilt hat, daß der neugegrün- dete Gau auch die Mitglieder des verbotenen Landesver- bandes Rheinland-Westfalen umfassen soll. Nichts passiert? Oder wohl: Hussong hat nichts bemerkt! Au' Hugenberg Reichstagskatastrophe stimmt sein Schreiber Hussong im„Lokal-Anzeiger" die Trauerharfe.(Hugenberg und Hussong. welch ein symbolisches„Hu-Hu" hat hier der Zufall zusammengekoppelt!) Herr Hussong entlädt seinen Schmerz in Schelttvorten über den bösen Reichstag, der so gar kein Verständnis für die Seelengröße der Hugenbergschen Kneifmethoden hat. Er schilt: „Im Reichstag gibt es keine Ueb erraschungen. Das geschieht dort nur, was man schon vorher an den Knöpfen abzählen kann. Es geschieht dort in einem tieferen Sinn« gar nichts. Das ist das Wesen des Porlomerüarismus." Nun,»Denn Helden wie Hugenberg feiern... Aber hall, es ist doch etivas geschehen: als bei der Abstimmung über den ß 4 des Hugenbergbegehrens 14 Deutschnationale ihren Führer im Stich ließen, das war doch immerhin ein Er- «ignis, namentlich für Herrn Hugenberg?! Aber— merkwürdig: dieses Ereignis ist Hugenbergs treuem Hussong ganzentgangen. In den 200 Druckzeilen seines Kommentars zur Reichstagssitzung fehlt auch das kleinste Sätzchen über dieses Mißgeschick. Die schönsten Ereignisse nützen eben dem Journalisten nichts, der sie partout nicht bemerken will' Der sozialdemokratische Landlagsabgeordnei« Meyer(Rheine) »st am Sonntag nachmittag 6.15 Uhr gestorben. Infolge eines »m Sommer erlittenen Schlaganfalls lag Meyer fest etroa sechs Wochen im Krankenhaus. Vor zu>ei Tagen wiederholte sich der Schlaganfall. Meyer verlor das Bewußtsein, das er nicht wieder- erlangte. Der Verstorbene stand im 58. Lebensjahre. Er war von Beruf Zigorrenarbeiter und zuletzt Gewerkschaftsjekretär in Rheine Das Theater der„Opposition" Die APD. mit ihren revolutionären Statisten. Der ioinmmristis6)e Gewerkschaftskongreß»erlief auch am Tonntag völltg programmäßig. Die Diskussion ging vorschriftsmäßig bis gegen m Uhr. In ihr ließen u. a. das Mitglied der früheren kommunistischen Zahlstellenleitung der Berliner Zimmerer Schilf sowie der„Führer" des Berliner Rohrlegerstreiks Nieder- k i r ch n« r ihren Haßgefühlen gegen die Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei freien Lauf. Schilf macht« die be- merkenswerte Aeußerung, daß es für einen richtigen Kommunisten ein Unding sei, die Statuten und Beschlüsse der Gewerkschastcn ein- zuhalten, wenn er nicht mit seiner Partei in Widerspruch geraten wolle. Zwischendurch wurde öfter zur Belebung der Stimmung die Aufnahme von parteilosen Kongreßteilnehmern in die KPD. bekannt- gegeben. Besonders lebhaft begrüßt wurde die Aufnahme einer Delegierten, die..jahrelang m führender Stellung in der Heilsarmee- tätig gewesen war. Die zahloeichsn Telegramme nach dem Ausland sowie' die inehrere Druckseiten umfassenden länglichen Entschließungen zu dem Referat Merkers und die„Richtlinien", die die Taktik der Gewerkschaftsopposition bei den kommenden Betriebsrätewahlen ieftlegen, wurden natürlich„einstimmig" angenommen. Diese Entschließungen waren größtenteils schon vor Beginn des Kongresses sertiggestellt worden. Das Programm wurde zum Schluß iwch etwas belebt durch den Einmarsch einer Gruppe des verbotenen Roten Frontkämpferbundes in voller Kriegsausrüstung und der Rede ihres Truppführcrs. Roch dem Gesang der Internationale senkte sich der Vorhang über diese Karikatur von Gewerkschaftskongreß. Bon den Uli Wir sparen... czoczczzz □□□□□ □□□□□ □□□□□ □□□□□ □Q0E3Q □□□0E1 „Was ist denn das?" .Das wissen Sie mchf? Das ist der neuerrichiete Büro- palast des von der Deutschen Doltspartei verlangten ?leichssporkommissars." Teilnehmern sind angeblich 7Zg freigewerkschastlich organisiert, 826 waren„Betricbsvertreter", 152 Vertreter der Ausgeschlossenen, 191 Vertreter der Erwerbslosen und 5 Vertreter der Notstands- Arbeiter. Zur Förderung der.revolutionären Gewerkschaftsopposition" wurde«in Reichskomitee mit Herrn Merker an der Spitz« gebildet, und zwar nur aus Berlinern, damit dieses„Reichskomftee" in engster Fühlung mit der KPD.-Zentrole, d. h. unter deren Kontrolle stehen kann. „Proletarier oller Länder oereinigt euch!" nmhnten Karl Marx und Friedrich Engels. Die Moskauer aber scheuen sich nicht, sich auf Karl Marx zu berufen, um ihre Versuche zur B e r u n e i n i g u n g der Arbeitnehmer und zur Spaltung ihrer Organisationen zu betreibe!,. Diesem verbreäzerischen Treiben muß energischer als bisher gesteuert werden. Oer Hauseinsturz in Marseille. 12 Tote und 11 Verlehte geborgen. Paris, 2. Dezember. Die Ausräumungsarbeiten bei dem hauseinsturz in Marseille wurden die ganze Räch! hindurch bei Scheinwerferlichl und am ganzen Sonntag mit großem Eiser sortgesetzt. Visher wurden 12 Zofe und 11 Verletzte geborgen. Räch der Ansicht der Sachverständigen hatten die beiden eingestürzten Häuser sowie eine Anzahl anderer Sauwerke in derselben Straße wegen der drohenden Einsturzgefahr schon längst geräumt werden müsse. Die schwerste« Vorwürfe richten sich gegen dea Hausbesitzer, der von den Behörden vernommen werden wird, da er Warnungen, die ihm bereits 24 Stunden vor der Katastrophe zugegangen sind, ein- fach unbeachtet ließ. Marseille. 2. Dezember. Gestern nachmittag wurden au, den Schutmassen der beiden eingestürzten Häuser die Leiche eines fünfjährigen Knaben ausge- graben. Die Zahl der Toten steigt damit ans 1Z. Es ist immer noch nicht gelungen, die Trümmer vollständig fortzuräumen und man ver- mutet, daß noch weiters fünf Leichen darunter liegen. Drei der Unfallstelle zunächst gelegene Häuser mußten von chren Bewohnern geräumt werden, da sich gleichfalls Riffe in den Mauern zeigten und man ihren Einsturz befürchtet. Gestern abend ver- suchten die Kommunisten vor den Trümmern gegen die an der Katastrophe verantwortlichen Personen zu demonstrieren. Die Polizei zerstreute schließlich die Ansammlungen. Der Bürgermeister hat bereits Sanktionen gegen die Beamten angekündigt, die eins von den Mietern der eingestürzten Häuser vor einigen Tagen ein- gereichte D« n k s ch r i f t, in der auf die Gefahr aufmerksam gemacht wurde, völlig unbeachtet gelassen hatten. Die australische Regierung kündigt eine weitere Begrenzung der bereits auf 30 Proz. herabgesetzten Einwanderungsquote füx das nächste Jahr an. Nur noch die engsten Angehörigen der in Australien angesiedelten Personen werden Einreiseerlaubnis»nd Unterstützung erhalten. Theater/ Tanz/ Musik. „Die Gezeichneten." Städtische Oper. Die„Gezeichneten", das sind die von der Natur Benachteiligten. belastet von Geburt, doppelt belastet durch das drückende Bewußt- sein ihrer schicksalshaften Benachteiligung. Ein allgemein mensch- lichcr Stoff, so ergiebig nach der psychologischen wie nach der sozialen Seite, vom Leben unendlich oft zur Tragödie geformt. Ein echter Tragödienstoff, aber Franz Schreker, besangen in der Thematik des nachwagnerisch-romantischen Musikdramas, hat dos Lebensproblem ganz auf die Spezialität der«rotischen Gehemmt- heit zugeschnitten. In solcher Abgrenzung freilich— ein miß. gestalteter Mann, der nicht zu werben wagt: ein Mädchen, das nicht lieben darf— wird es nicht viel mehr als«in interessanter Sonder- fall. Di« Schwächen des Borgangs, der sich zwischen den Seelen des buckligen Aloino und der Herzkranken Carlotto anspinnt und ein bischen gewaltsam zum trogsschcn Ende geführt wird, verdeckt eine phantastisch-wirre Rahmenhandlung. Sie spielt in Genua, zur Zeit und in der Welt der Renaissance: ein seltsames Etablissement, ein« Art Liebesparadies, geschaffen für den Adel der Stadt, der den männlichen Teil der Besucher stellt— den weiblichen liefert, minder freiwillig, das Bürgertum— spielt darin eine beherrschende Rolle. Für den Komponisten Schreker hat der Dichter dieses Opernbuch geschrieben. Mit dem ausschweifenden Reichtum seiner orchestralen Phantasie und seiner Harinonik. mit seinem innersten Wider- stand gegen fest umrissene Formen und klare Linien, ist Schreker der Musiker der schimmernden, schillernden Farben, des ver- fließenden, verschwimmenden Klanges, Meister der vagen Zwischen- tönigteit. In der gehemmten Erotik des zweiten Aktes, in der orgomsierten Verworrenheit des dritten ist er in seinem Element und im Bereich seines ureigensten Talentes.„Die Gezeichneten" sind gewiß sein eigenartigstes Wert und auch, wie sich von neuem gezeigt hat, sein bühnenwirksamstes(trotz erheblichen Längen, gegen die es immerhin noch ein Mittel gäbe. Die Aufführung, unter Hürths szenischer, Sebastians musikalischer Leitung, ist so sehcns- wie hörcnswert. �>ie unhcldifchen Helden der Oper, Cor- lotta und Aloiano, erhalten in. der Darstellung durch Delia Reinhardt und Josef Burgwinkel menschliche Echtheit ihres abseitigen Lebens und Leidens. Dem Stärkeren, hem beide erliegen, leiht Herbert Janssen(auch er übrigens, wie Delia Reinhardt und Hörth, von der Staatsoper) die sieghafte Kraft feines herrlichen Organs und einer überzeugenden Persönlichkeit. Stürmischer Premierenersolg. ein großer Abend der Städtischen Oper, wenn auch nicht durchaus aus eigenen Kräfter. K. F. Hans Adler:„Drei Herren im Krack." Tribüne.» Erster Herr: der Generaldirektor der Filmgesellschaft Ramses, mit dem Scheckbuch. Herr seiner Filmdiva, mit dem Herzen ihr Sklave, mit beiden Füßen im Leben, mit einem Fuß im Zuchthaus. Zweiter Herr: jugendlicher Anbeter der Diva, von Beruf Innen- architekt, aus Verrücktheit noch der Diva leichtsinnig genug, um dem dritten Herkn zu folgen, der ein Gentlemon-Einbrecher und außer- dem noch«in Rheumatiker und Ehrenmitglied im Völkerbund der Ganoven ist. Die Filmdiva hat zwischen den drei Herren zu wählen, und da der Generaldirektor schon das fünfzigste Jahr passiert hat und der Innenarchitekt zu schüchtern ist, entschließt sie sich, den Gentleinan-Einbrecher zu nehmen, der sich als«in sehr praktischer, ordentlicher und welterfahrener Mann entpuppt. Das wäre eine lustige, wenn auch etwas krumme Geschichte. Doch der Koniödienschreiber klebt zu begierig am Wortwitz, den schon bessere Spaßmacher vor ihm abklapperten. Darum konmit es nicht flott genug zum Klappen, und die Schauspieler müssen sich quälen, damit es vorwärts geht. Es puwert sich besonders Frau Maria Fein zu einer virtuos schillernden Filmkanaille auf, es blödelt und wienert Herr E d t h o f e r herrlich seinen grünen Anbeter. Die Herren E t l i n g e r und Jordan spielen in dem Quartett, das zu oft zur Langeweile detoniert, mit der Forschheit erprobter Komö- dianten. M. H. „Reserviert für Herrn Gaston." Berliner Theater. Max Wolfs, Opernkomponist und Librettist, hat einen reizen- den Bühnenscherz geschrieben, eine Anekdote mit vielen lustigen Ein- fällen, die in 24 Bildern, von der geschickten Hand des Regisseurs Forster-Larrinaga geleitet, flott und lebendig vorüberrollt. Die Hauptrolle spielt dabei ein Fehpelz, der von Hand zu Hand wandert und dabei allerlei überraschend« Verwirrungen stiftet. Der Richter beschenkt sein« Freundinnen regelmäßig mit einem kostbaren Pelz. Auch Luise, seine letzte Freundin, freut sich königlich über dos Geschenk. Aber wie soll sie ihrem Mann den Besitz eines so teuren Mantels erklären? Sie bekommt einen famosen Einfall. In einer schmierigen Pfandleihe versetzt sie den Pelz für eine lächer- lrch kleine Summe und schwindelt ihrem Mann vor, sie hätte den Pfandschein auf der Straße gesunden. Er soll ihn einlösen und ihr den Pelz schenken. Leider geht die Sache schief. Dem treuen Gatten kommt der Pfandschein sehr gelegen, er hat bessere Verwendung für den Pelz. Eilend bringt er ihn seiner Geliebten. Das kluge Frauchen merkt natürlich etwas und versucht, ihrem Mann den Pelz wieder abzujagen. Inzwischen wechselt der Fehmantel mehrfach seinen Be- sitzer und bringt alle Beteiligten in scheußliche Verlegenheit� Zer» würfnisse, Scheidung, Anklagebank sind die Folge. Es ist schon eine verflixe Sache mit einem billigen Pelz. Zum Schluß tritt eine über- raschende und alle befriedigende Wendung ein. Dieser Fehpelz ist gewiß kein Biberpelz. Aber jedes von den 24 Bildern ist ein famoser Spaß und sprüht vor Uechennut. Den Schwank spielt ein richtiges Ensemble: von der kleinsten bis zur größten Rolle ist jeder an seinem Platz: Johannes Riemann, elegant, charmant und liebenswürdig: Käte Haack in reizender, be- schctdener Verlegenheit: Hilde W a ge n e r sehr routiniert, von über- wältigcnder Komik, Hans Brousewetter, Erhart S i e d cl und Ludwig S t ö s s k l. Rosa V a l e t t i und Max Ehrlich bieten in chrer Psandleiherszene eine Extravorstellung, die an Komik alles übertrifft. dff- 3n der Gefellfchost der OlofiaNsche Sooft spriiit am Dienitaa. 8 Ubr, Dr. Anna Berliner über den Teetiilt in Japan. Staatliche Kunstdidliothek. 3m 3nfH