BERLIN Zreitag 27. Vezember 1929 10 Pf. Ar. 605 B301 46. Jahrgang ErscheinttSglich außer Soantaz«. Zugleich Abendausgabe de«.Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben KäPf. pro Woche. 3,6<)M. pro Monat. Redaktion und Crpedltivn; Berlin SWöS.ündenstr.Z Sfialauigaße de*„MnHfiasfa Anzeigen» reit: Die einspaltige Nonpareillezcil« so Pf., ReNamezeile ü M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwärtt-Vcrlag G. m. b.H., Berlin Nr. 37SZ0. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Minister erschießt Abgeordneten Ein Mord im brasilianischen Parlament.— Attentat auf den argentinischen Präsidenten. Hertz und Moldenhauer. Geringe Gehnsucht nach Ministerposten.- Was wird nach der �eichsfinanzreform New Bork, 27. Dezember. fSigcnbericht.) Tie Politische Spannung, die angesichts der bevor- stehenden Präsidentenwahlen in Brasilien herrscht, führte im Bundcsparlamcnt in Rio de Janeiro zu einer Schietzcrci, in deren Verlauf der Deputierte Sonza Filho von dem Lppositionssührer und früheren Ackcr- bauminister Simocs Lopez niedergeschossen wurde. Die Parlamentssivung mutzte infolge des ausgebrochencn wilden Aufruhrs abgebrochen werden, ssilho. ein angesehenes Mitglied der Regierungspartei, verstarb auf dem Wege zum Hospital. Tic Bundcstruppen umstellten so- fort zur Vermeidung von Demoustratwnen das Abge- orduetcnhaus. Lopez stellte stch freiwillig den Polizei» behördcn. Nach Zeugenaussagen Hot sich der Vorfall folgendermahen ab- gespielt: Im Anschlutz an eine heftige Auseinandersetzung griff der Sohn des'Abgeordneten Lopez den Abgeordneten Filho an und be- arbeitete ihn mit Storkschlägen. Als Jilho darauf ein Messer zog, um sich zu verteidigen, gab der Vater des Lopez mehrere Schlisse auf Filha ab. Das Attentat in Argentinien. V u e n o s Aires. 27. Dezember. Auf den Präsidenten von Argentiuien, Zrrigoyen. wurde am Dienstag nachmittag ein Reoolveranjchlag verübt. Der Präsident befand sich auf der Fahrt nach dem Regieruogsgebäude, begleitet von einem politischen Kommissar, als aus unmittelbarer Nähe plötzlich drei Revolverschüfse abgegeben wurden. Ein Schutz lras den Ehousfeur tödlich, während durch einen zweilcn Schutz der Kommissar verlehl wurde. Der dritte Schutz ging um wenige Zentimeter am Präsidenten vorbei. Bevor der Ällentäler erneut feuern konnte, wurde er von einem Beamten niedcrgcschossen. Die Polizei hat im Anschluß an Ken Revolvcranschlag auf den Präsidenten Irrigoyen etwa 200 Anarchisten festgsnonnncn und eine Razzia in verschiedenen Geheinckluds vorgenominen Es steht fest, daß der Airschlag keinerlei politische Hintergründe gehabt hat. Aller- Vings dürfte der Attentäter M a r i n c l l i die gespannte inner- politische Lage bei seinem Anschlag ausgenutzt haben. Die gcsanite Presse verurteilt den Anschlag mit aller Schärfe schon aus dem Grunde, weil er dem Ansehen Argentiniens, wo seit länger als 30 Jahren wedcr Revolutionen nach Anschlage aus Staatsoberhäupter zu verzeichnen gewesen seien, abträglich sei. Außerdem könne die persönliche Lauterkeit des Präsidenten, unbeschadet der Willkür seiner Regierungssührung, nicht angezweiselt werden. Die Regierungs- presse schiebt der Opposition die moralische Schuld an dem An- schlag zu._ Der Nationalkongreß im Zelt. Die Inder sollen den Parlamenten fernbleiben. London, 27. Dezember. Der indische Ralionalkongreh ist am ersten Weihnachts- seierlag in Lahore eröffnet worden. Die Tagung, an der elwo 2600 Vertretet aus allen Teilen Indiens teilnehmen, findet in einem grohen Zeltlager vor der Stadl stall. Die Polizei hat einen umfangreichen Sicherheitsdienst eingerichtet. Der Kongreh soll über die weitere hallung Indiens gegenüber den ongckündiglea britischen Resonnpläoen Beschluß fassen. Bis dahin lugt ein Ausschutz der indischen Führer, der die dem Kongreß vorzulegenden Cnl. schlietzuugen ausarbeiten wird. Gandhi und Motilol Rehru hoben«in« Rothe von Entschlietzun- gen abgefaßt, die der Exekutivausschutz des indischen Rational- tongrestcs vorliegen. In den Entschließungen wird der Bomben- a n s ch l a g auf den Zug des Vizekönigs veru rte»lt Swaraj als vollständige Unabhän gigleit für Indien definiert, sämtliche Kongreßmitglieder aufgefordert, die zentrale gesetzgebende Körperschaft sowie die gesetzgebenden Körperschaften der Provinzen zu boykottieren, und schlicßtich der aUindische Kongreßaus- schuh ermächtigt, eine Kampagne für Unbatmößigkett der Zivil- personell und Nichtbezahlung der Sieucrn«inzuleite», sobald dies notwendig erscheine. Vom Rundfunk war es sicher eine ausgezeichnete Idee, einmal einen über die Gründe sprechen zu lassen, aus denen er nicht Minister werden wollte. In manchen Kreisen ist noch immer di.' Vorstellung verbreitet, es tzäbe in der Welt nichts Schöneros als einen Minifterpostcn, und es müßte ein jeder, dem ein solcher angeboten werde, mit beiden Händen zugreifen. In der Kaiserzeit mag es ja im allgemeinen so gewesen sein: da waren die leitenden Stellen in Reich und Staat richtige Sinekuren. Die Minister ließen ihre Aehoimröte regieren und lebten einen guten Tag. Heute sind die höchsten Reichs- und Staatsamter nicht nur ganz anders m:t Arbeit und Sorgen beschwert, sondern auch ihr« Leiter haben vor den Parlamenten die Verantwortung zu tragen für olles, was in ihnen geschieht. Kein Wunder, daß das Gedränge nach diesen Ministerposten gar nicht so besonders groß ist! Indes war es nicht Bequemlichkeit und nicht Furcht vor Vor- antwortung, die Paul Hertz bewogen, die Berufung zum Reichs- finanzminister abzulehnen. Die Gründe dafür, die er gestern mit ausgezeichneter Sachlichkeit auseinanderlegte, waren hochpoliti- scher Natur. Es ergibt sich aus ihnen, daß sich die sozial- demokratische Reichs togsfraktion in der Frage der Finanzresorm keineswegs mit der Regierung identifiziert, daß vielmehr auf diesem Gebiete ganz erhebliche Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind.„Da die Regierung," sagte Hertz,„sich an ihr früheres Finqnzprogramm gebunden er- achtet, mußte die Besetzung des Zlmics des Reichsfinanzministcrs mit einem Manne erfolgen, der auf dem Boden dieses Programms steht und glaubt, es verwirklichen zu können." Als«in solcher Plann hat sich inzwischen der neue Reichsfinanz- minister Dr. Moldcnhauer im„Berliner Börsenkurier" vor- gestellt. Moldenhauer vergleicht die gegenwärtige Situation mit der des Winters 1923/21, um dann fortzufahren: Nur eigene Entschlossenheit kann uns auch diesmal retten. Wir müssen das Trennende zurückstellen und uns darauf besinnen, Nach dem Fest Oer Familienvater:„Alles leer. Nun könnte ich eigentlich ?teichsfinanzmimster werden." daß wir Ansehen und Weltgeltung erst dann endgültig erringen können, wenn wir zeigen, daß wir im eigenen Haus Ordnung holten können. Dazu gehört iene Sanierung der Fi- nanzen nicht nur des Reiches, sondern auch der Länder und Genieinden. Dazu gehört eine Finanzresorm, die dem zurzeit.schwer da- nicderliegendcn Gewerbe und der Landwirtschast die zum Leben nötige Steuererleichterung bringt. Beides steht nichr im Widerspruch miteinander, sondern im harmonischen Zusammen- hang. Eines ist nicht ohne das andere möglich. Deshalb kein hemmungsloser Pessimismus, kein leichtfertiger Optimismus, sondern Handeln, wie es die Zeitumstände, wie es die bittere Not verlangen. Herr Moldenhauer will also als Rcichssinanzminister die Finanzen des Reichs, der Länder und de� Gemeinden sanieren und gleichzeitig oder wenigstens im Zusammenhange damit auch Steuer- crleichterungcn durchführen. Man darf sehr darauf gespannt sein, wie er dieses Kunststück fertigbringen wird. Er hat dabei jede Frei- heit, nur darf er es nicht vollbringen, indem er die Kosten den Massen des arbeitenden Volkes miscrlcgt. In diesem Fall würde er auf den härtesten Widerstand der soziakdemo- kratischen Fraktion stoßen. Schiffskatafirophen. 23 Mann im Marmaromeer, 30 an der spanischen Küste ertrunken. Sofia, 27. Dezember. lEigenberieht.) Die hier vorliegenden Meldungen über den Zusammen- stotz des bulgarischen HandelSdampserS„W a r n a" mit einem griechische» Handelsdampfer im Marniara- meer besagen, datz von dem innerhalb fünf Minuten ge- snnkcnen bulgarischen Dampfer 23 Mann der B e- satznng in den Fluten umgekommen sind und nur zwei Matrosen gerettet wurden. Paris, 27. Dezember. Nach einer Havas-Meldung aus Madrid ist bei dem Schifsbruch des norwegischen Dampfers„Asland"«»- weit Bahona an der spanischen Westküste die gesamte Be- sahung von dreißig Mann ums Leben g e- kommen. An derselben Stelle ist vor drei Fahren be- reits ein anderer norwegischer Dampfer gestrandet und im September dieses Jahres ein englisches Schiff. -12 Opfer eines Bahnüberganges. Personenzug gegen Autobus. 21 t h e n, 27. Dezember. Ein Personenzug der Linie iEanthi— Drama überfuhr bei Qkehilar einen mit 18 Personen b e- scfeten Autobus. Von den Insassen wurden>2 gc- tötet und v schwer verletzt. Einsturz eines ganzen Giockwertes. 42 Personen verletzt. Quarryville sPennsylvauien). 27. Dezember. Zufolge Einsturzes des obersten Slockwerkes eine» der Ortsgruppe der amerikanischen Legion gehörenden Gebäudes wurden zwei Personen schwer und 40 leicht verletzt. Die Ursache der Kalostrophe ist noch nicht ermillelt. Gm passiver Vorsitzender. Vach dem Schweidnitzer Prozeß. Es ist noch nicht öfsentlich mitgeteilt worden,, ob du.- Staats- .uiwaltschast gegen das mchr als milde Schweidnitzcr Urteil Be- rusnttg einzulegen gedenkt. Das Gericht hat die angeklagten Natio- luilfozialisten bekanntlich nnr. wegen Körperverletzung ver- urteilt und bei einer großen Anzahl von ihnen nicht einmal plan- mäßige Versamnrlnngssprengung angenommen. Es ist«in besonderes Charakteristikum, der schlesischen Justiz, alles, was von rechis ge- ichieht, mit besonders milden Augen anzusehen. Di? Siaalsamvalt- schait selber hat sich dqn Weg zur Berufung teilweise dadurch ver- baut, daß sie unergärlicherweise die Anklage wegen Land- friede irsbrud) es fallen ließ. Dennoch muß verlangt werden, daß sie durch Einlegung der Berufung versucht, wenigstens hinsichtlich des. S t r a f ni a ß e s zu einer gerechten Sühne für den brutalen. Versammlungsüberfall zu gelangen, bei dem eine ganze Anzahl Personen von den nationalsozialistischen Raufbolden schwer verletzt worden sind. Das Gericht hat seine Muderungsgrüude geradezu an iyt Haaren herbeigezogen. Die„Erregung des Wahl- tampfes" wird mertwürdigerweisc immer gerade den Parteien zu- gute gohalteiz, die durch ihre Art der Agitation, nämlich durch persönliche Beschimpfung der Gegner, durch Verbreitung demago- gischer Lüg«n und Märchen die desondere Erregung erst hervorrufen. Es ist eine ganz eigenartige Logik, daß gerade die Leute unter Hin- weis auf die Verrohung der politischen Sitten milde behandelt werde», die diese Verrohung planmäßig herbeigeführt haben! Das milde Urteil kamr nur verstanden werden im Ausammen- lMig mit der gesamten Verhandlungsführung. Drei Wochen lang hat der Vorsitzende, Landgerichtsdirettor Beer, den nationalsozialistischen Zeugen wie Angeklagten das provozie- rende Auftreten ungerügt gestattet. Es wurde hier schon er- wähnt, daß die demonstrative Begrüßung Hitlers durch die Angeklagten vom Vorsitzenden stillschweigend geduldet wurde. Ebenso ließ es der Vorsitzende ohne«inzuschreiten geschehen, daß ein anderer nationalsozialistischer Zeuge von dem preußischen Innen- minister sprach als ,dsm Mann, dessen Namen ich nicht aus- sprechen kann". In diesem dreisten Ton bewegten sich ungefähr f amtliche Aussagen. Das Justizministerium sollte sehr ernsthaft ein- mal nachprüfen, ob diese Passivität des Vorsitzenden nicht einen Grund zu disziplinarischen, Einschreiten bietet. Jedenfalls macht sie die Milde des Urteils erklärlich. Auf die Laien» beisitzer kann es nicht ohne Eindruck bleiben, wenn den Angeklagten «in derartiges Austreten gestattet wird. Sie werden dadurch sehr leicht zu der Ansicht gebracht: Wer ungerügt sich vor Gericht derart dreist benehmen darf, dessen Bergchen können doch wohl kmim in die Waagschal« fallen. * Mit besonderer Lorliebe regen sich die Nationalsozialisten über .Korruption" ihrer Gegner ans, indem sie Einzelfälle verallgemeinem. Aus diesem Grunde muß darauf hingewiesen werden, daß die Natio- natsoziaflstifchc Partei keineswegs selber blütenweiß dasteht. Soeben wurde vom Großen Schöffengericht Liidwigslnst einer der sftrhrer der Hitlerpartoi in Mecklenburg, der Kasienrsndant A h l g r i m m, wegen sortgesetzter Anllsunterfchlagung zu 2� Zahren Zuchthaus verurteilt. Ahlgrimm hatte die ihm anvertraute Kasse um das hübsche Sümmchen von 62 WO M. erleichtert. Noch keine alliierte Ginigung. Französische Sachverständige verhandeln in pmi« weiter. Paris. 27. Dezember.(Eigenbericht.) Die Pariser Konferenz der alliierten Sachoer st än- d i g e n über die Vorbereitung der Haager Schlußkonferenz ist, wie amtlich mitgeteilt wird, mit einer„vollen Einigung in den ineisten Fragen" beendet worden. Augenscheinlich aber hat man sich über die im Haag von Frankreich und Belgien versprochen« Er- hühung des englischen Anteils an der deutschen Annuität nicht restlos zu«inigen vermocht. Di« französischen Sachverständigen >v«rden sich daher unter Führung des Gouverneurs der Bank von Frankreich Morreau am Sonntag noch einmal nach London begeben. um dort mit dem Schatzamt zu verhandeln. Am Dienstag sollen die Abgesandten wieder zurückkehren, damit die französische Ber- Handlungsdelegation am Donnerstag früh pünktlich nach dem Haag nbreifen kann. Chikago vor der Zahlungseinstellung. Im letzten Au�enblitk vermieden. Chikago, 27. Dezember(Eigenbericht.) Der•Stadt Chikago geht es hinsichtlich der finanziellen Verhältnisse schon seit Monaten ähnlich wie der deuischen Reichshaupt» ftadt. Auch Chikago befindet sich in finanziellen Schwierigkeiten und tonnte dieser Tage die GehAter der Lehrer nur pünktlich zahlen, weil es ihr gelungen war, in letzter Minute und nach langem Hin und Her endlich eine Anleih« von 3,1 Millionen Dollar aufzunehmen. Allgemein hatte man bereits erwartet, daß Chikago die Lehrergehälter mit einer Verspätung von 11 Tagen zahlen würde. Oer Kampf gegen die Prohibition. New Bork, 27. Dezember. Der Kamps zwischen den Anhängern und den Gegnern der Prohibitionist durch«inen unerwarteten Ausfall Borahs gegen die Schlappheitder Behörden erneut aufgeflammt. Hoover hatte eine lang« Besprechung mit Borah. Er beabsichtigt, das Pro- hibitionsgesetz im nächsten Jahr ivesentlich zu verschärfen. Mit eiserner Faust will er, so erklärte der Präsident, die Mängel be- scitigen, die dem Gesetz anhaften. Geplant ist die Vereinheitlichung der Grenzwachen, die Beschränkung der Zahl der Anlegehäfen für Lchiffe aus Kanada und der weitere Ausbau der Prohibitionspolizei. Die Regierung wird zu diesem Zweck neue Kredite fordern. Mexiko-präsident besucht Hoover. Washington. 27. Dezember. Der ncugewählte mexikanische Präsident Ortiz R u b i o uiachlr dein Präsidenten Hoover seine Auswartung und wurde, obwohl er sein Amt noch nicht angetreten hat, mit großen Ehrungen ewpfan- gen. Ein Extrazug hatte ihn von Baltimore, wo er sich zurzeit im Ilniversitätsk rankenhaus behandeln läßt, mit einer Chreneskorle nach Washington gebracht. Hier wurde er von Stimfon und anderen j hohen Beamten begrüßt. A» den Besuch bei Hoover. den dieser alsbald erwidert, schließt sich ein viertägiges Fest program in kür den Ehrengast. Sesandtschosten in Arabien. Die britische Regierung erhebt ihre Vertretung in Arabien zum Rang einer Gesandtschaft. Man nimmt an. daß der gegenwärtige Konsul Bond zum Geschäftsträger ernannt )vird. Frankreich hak bereits denselben Schritt getan, dem noch -eitere Mächte folgen werden. 9 Ein Mittelmeerpakt soll Paris. 27. Dezember. Das franzöfische Meuwranduin zur Flottenabrüstung, das End« vergangener Woche den Regierungen in London, Washington, Rom und Tokio überreicht worden war, ist veröffentlicht worden. Es ist ein etwa sieben Schreibmaschinenseiten umfassendes Dokument, in dem die französische Regierung ihren Standpunkt hinfichllich der für die Abrüstung maßgebenden Prinzipien und Methoden auseinander- fetzt. Dos Memorandum betont, daß die Londoner Konferenz ledig- lich die Aufgaben der vorbereite!, den Abriistungstommtssio» des Völkerbundes und einer später einzuberufenden allgemeinen Abrüstungskonferenz erleichtern solle. Nach«lnein Hiiuveis auf die Unvollständigkeit des Kellogg-Paktes, der zwar einen Fortschritt zur Erhaltung des Friedens darstelle, aber im gegenwartigen Zu- stand nicht ausreiche, um die Sicherheit der Völker zu garantieren, wird erklärt, der Wlkerbundspakt liefere jetzt schon die Grundlage eines vollständigeil Sicherheitssystems durch Anwendung der Methoden zur friedlichen Regelung von Streitfällen und zur Unterstützung angegriffener Staaten. Die Nationen könnten ihre Rüstungen nur in dem Maß« herabsetzen, als sie aus äußere Hilfe rechnen dürsten. Ein allgemeines technisches Avrüstungs- abkommen setzte ein vorheriges politisches Abkommen und ein vollständiges Zlottenabiommea, eine Verständigung über die Freiheit der Meere voraus, bei der die Rechte der Kriegführenden und der Neutralen gewahrt würden und die eventuelle Mitarbeit der anderen Flotten gegen die des angrerfenden Landes vorgesehen sei. Die Londoner Konfe- renz werde ihr Ziel nur dam, erreichen, wcni, sie rn Gens ein all- gemeines Abkommen über die Methoden zur Begrenzung der See- rüstungen ermögliche. Es folgen dann vier Richtlinien, von denen sich die franzosische Delegation in London leiten lassen wird: 1. Ein von allen Regieningen, auch den in London nicht ver- tretcnen, annehmbares Abkommen könnte nur auf der Grundlage des Artikels 8 des Völkerbundspaktes vorbereitet werden, der eil,« allgemeine Abrüstung auf das mit der Sicherheit und den inker- nationalen Verpflichtungen jedes Landes zu vereinbarend« Mindest- maß unter Berücksichtigung der geographisHen Lage und besonderer Umstände vorsieht. Die französische Regierung werde den Mildes Winlerwelier. Aufheiterung nur vorübergebend. Die Frostperiodc hat durch den plötzlichen Wetterumsturz eiu jähe» Ende gefunden. Mit dem Eintreten des Schneefalls am Heiligabend stiegen die Temperalureu in kurzer Zeil ganz erheblich und am vormitkag des ersten Feiertags ging der Schnee ln Regen über. Aber nicht nur im Rianeulande, sondern auch ia den westdeutschen Gebirgen und im Harz ist es mit der winterlondschasl vorläufig zu Ende. Außer in den höhereu Lagen der schlesischen Gebirge gibl es dort keine Wintersporlmöglichkeilen mehr. lieber W« st- und M i t t e l e u r o p a hat sich nach einer Met- dung des Amtlich sn Wetterdienstes eine sogenannte W e st w i n d- läge eingestellt. Die D Nickoerteilung zeichnet sich durch ein weit- verbreitetes Tief aus, das über dem Atlantischen Ozean liegt und dessen Kern sich südwestlich von Island befindet. Dieses Tiefdruck- gebiet reicht von NeufuiMand bis nach den Ostfeeprovinzen. Sogar Finnland liegt noch im Bereich des Tiefs. Am Südrande des Tief- druckgebietes entwickeln sich sortlaufend Störungen, die nach Osten ziehen. Sie bringen im allgemeinen Wetterverschlechterung und auch der letzte Regen über Berlin ist auf diese Ursache zurückzu- führen. Die zurzeit herrschende Aufheiterung ist nur von vorübergehender Dauer, es wird wieder starke Bewölkung eintreten mit Neigung zu einzelnen Niederschlägen. Die Teinpe- raturen bleiben weiter mild und werden kaum wieder unter den Nullpunkt sinken. Während die gestrigen Höchstteniperawren 4 Grad Wärme betrugen, wurden heute mittag sogar 3 Grad Wärme gemessen. Frost und Schneefall im Schwarzwald. Freiburg, 27. Dezember. Nachdem föhnartige Witterung vor und während der Weih- nachtsfeieriage, verbunden mit starken Regenfällen bei erhöhten Tem- peraturen aus dem Schwarzwald fast die ganze Schneedecke weg- geschmolzen hatte, ist mit dem zweiten weihnachtsfeiertag ein witlernngsnmschlag eingetreten. Die Temperatur ist bei ausgiebigen Schneefällen stark gesunken. In den höheren Lagen ist wieder eine N e u s ch n« e d e ck c bis zu 30 Zentimeter vorhanden. Der Temperaturunterschied betrug heute früh gegenüber dem ersten Feiertag 18 Grad. Der Weihnachtsverkehr. Der Berkehr auf der Stadt-, Ring- und Vorortbahn ging in den Feiertagen kamn über den Betrieb an anderen Sonn- tagen hinaus. Am ersten Feiertag wurden 1 160060 und am zweiten Feiertag 1 200 000 Personen befördert. Die Zahlen im Weihnachts- oerkehr sind ein wenig gegen die des Vorjahres zurückgeblieben. Insgesamt wurden vom 21. bis 23. Dezember 360 000 Reisende im Fernverkehr befördert. Der Verkehr war 3 Proz. schwächer als im Vorjahr, aber noch um 15 Proz. stärker>013 zu Weihnachten 1927. Raubmord an einem Kahrradhändler. Furchtbare Verstümmelung des Opfers. Täter festgenommen Stuttgart. 27. Dezember. Der Zöjähnge Fahrradhändler Joseph B e ch e r e r aus Frmten- zell(Bezirk Kempten) wurde seit den, 13. Dezember vermißt. Nach langen Bemühungen gelang es der Gendarmerie, die zu- sammen mit den Ortseinwohnern Nachforschungen anstellte, die Leiche des Becherer in einem Waldstück zu jinden. Sie war mit einem Zementsack und mit Reisig zugedeckt. Bei der Leichenössimng zeigte sich, daß der Mörder seinem Opfer furchtbare Verletzungen zugefügt hatte. AnscHei- nenü ist Becher er zuerst durch einen Schroischuß aus nächster blähe niedergestreckt worden. Da die Uhr und der Geldbeutel fehlten, war Raubmord ai, zunehmen. Am Wdihnnchtsmorgen gelang es. den T ä t« r in Untermettenberg festzunehmen. Es handelt sich um den 26jährigcn Dienstknecht Joseph Heinrich, der seit Iahren in der Nähe von Frauenzell beschäftigt war. In der Nacht zum 13. Dezember ging er nach Frmienzcll und erkundigte sich, ob das Mllchgeld onsbezalstt werde. Daraufhin lauerte er Bechcrcr auf und ermordete ihn. ineforderungen. neue Garantien geben. bereits 1927 von ihrer Delegation gemachten Kompromißvorfchlog für die Flottenabrnstungskonferenz— Festsetzung der Gesamttovnage. ergänzt durch ein« veröfsent- lichung der Tonnagevertciiung aus die hauptschissklassen und durch Bestimmungen für die Ueberführung von Schiffen von einer klaffe in die andere — annehmen, wenn dadurch eine allgemeine Verständigung crmög- licht weide. 2. Die Genfer Vorbereitungsorbeitcn hätten einen engen Zu- sammenhang zwischen den Land-, See- und Luststreitkräften inner- halb der gesamte,, Rüstungen eines Laiches ergeben. Dos sei ein grundlegendes Prinzip für die französische Landesverteidigungs- politik. Die sranzösische Regierung wolle in London nicht die mit der Land- und L u s ta b r ü stu n g zusammenhängende» Fragen aufrollen, könne aber nicht unerwähnt lassen, daß die den Bedürf- nisjen der französischen Seevertesdigung entsprechende Tonnag« vom Stand der Land- und Luftrüstungen abhänge. 3. Die französische Regierung bekundet die Absicht, ein« den nationalen Bedürfnissen entsprechende Tonnage zu fordern, unier Berücksichtigung der Lage Frankreichs an drei Wecrev und der Bedeutung eines Reiches von 11 Millionen Ouadralkilomekera mit 60 Millionen Einwohnern. Bei der Festsetzung dieser Bedürfnisse werde Frankreich weitgehend den Sicherheitsgarantien Rechnung tragen, die noch zustande kommen könnten. 4. Die sranzösische Regierung erklärt sich für den Abschluß eines Garantie- und Nichtangriffspaktes zwischen den M i t t e l m e e r l ä n d e r n, an dem auch die in London nicht vertretenen Staaten, in erster Linie die wichtige Mittelmeermacht Spanien, beteiligt werden soll. Zum Schluß betont die Not« d«r französischen Regierung, die bestehenden Schwierigkeiten nicht für m, lösbar zu halten, serner, daß sie, wie alle in Lenden vertretenen Regierungen, auf einen Erfolg der Verhandlungen vertraue, damit der Weg für die all- gemeine Abrüstungskonferenz frei werde, die allein dem gemeinsamen Friedenswillen befriedigen könne. Ausländervorrechte beseitigt. VankingsVorstoß gegen die Mächte. Nanking. 27. Dezember. Der politische Zentralrat beschloß in einer außerordentlichen Sitzung, am 1. Zanuar einen Erlaß zu verösseutticheu. durch den die Exterriloriallläl aufgehoben wird und die in Ehina ansässigen Ausländer den chluesifcheu Gerichten unterstellt werden. Ein mit diesem Erlaß verkündekes Gesetz regelt die Rechtsverfahren zwischen Chinesen und Ausländern. Meuterei portugiesischer Kolonialtruppen. Hongkong, 27. Dezember. In der portugiesischen Garnison Macao brach«in« Meuterei aus, die ernster war, als die Bchörden zugaben. Die Meuterer ergaben sich erst nach zwei Tagen. Zuerst waren vier Forts daran beteiligt. Am Sonntag gaben die Soldaten in drei der Forts nach. Die Meuterer im vierten Fort, das im Mittelpunkt der Stadt liegt, verjagten drei ihrer Offizier« und schlössen die Tore. Am Montag wurde ihnen ein 24stündiges Ultimatum gestellt Sie ergaben sich jedoch erst am Dienstag früh, als die Truppen, die das Fort um- zingelt hotten, mehrere Geschützsalven odfeuerten und ein Flugzeug«inen Dcmonstrationsslug unternahm. Eine halbe Stunde später wurde die weiße Flagge gehißt, und«in Offizier nickte an der Spitze eines Halbbotaillons vor und nahm di« Uebergabe entgegen. Die Meuterer wurden auf einer kleinen Insel bei Macao interniert. 300 Koreaner verhastet. Tokio, 27. Dezember. Im Zusammenhang mit der Aufdeckung eines angeblichen Kom- plotts, das zum Ziele hatte, dos Außenministerium zu stürmen, sind 300 Koreaner verhaftet worden. Die Mehrzahl der Verhasteten sind Studenten. Nie Bombenaiieniaisunierfuchungen. Eine neue Verhastung. In der BombenatteMatsuMersuchung hat sich der Untersuchung?- richier am Weihnachtsabend zu einer neuen Berhastung veranlaßt gesehen, nachdem durch die Vernehmungen- einiger Hamburger Zeugen das Attentat auf das Finanzamt Oldenburg zum großen Teil klargestellt werden konnte. Als Mittäter an diesem Unternehmen konnte der Expedient Otto Riep er- Hamburg er- mittelt werden, der in seiner Wohnung festgenommen wurde. In- folge des erdti ckenden Belastungsmaterials hat Rieper bereits ein teilweiscs Geständnis abgelegt. Der Untersuchungsrichter hat infolgedessen die Vornntersuchung auch auf ihn ausgedehnt und Hatt- befehl erlassen. Unter den Rädern der v-Bahn. Heute jrüh gegen 7 Uhr warf sich aus dem Untergrundbahnhof Schönhauser Tor ein junges Mädchen vor die Räder eines einfahrenlen Zuges. Mehrere Wagen gingen über den Körper der Lebensmüden hinweg. Die Feuerwehr mußte alarmiert werden, und nach längereit Bemühungen gelang es, das Mädchen noch lebend zu bergen. Mit lebensgefährlichen Berletzungen wurde das Mädchen, die als eine 19jährige Charlotte K. aus der Grenadierftraße fest- gestellt wurde, ins Krankenhaus an, Friedrichehain gebracht. Der Untergrundbahnbetrieb war durch den Borfall nahezu eine halbe Stunde gestört.— In der Fasanenstraße im Tiergarten wurde heute vovmtttag ein noch unbekannter Mann an einem Baum erhängt aufgefunden. Die Kriminalpolizei hat die Ermiillungen ausgenommen. Die Ranking-Regierung hat die von Japan vorgeschlagene Er- nennung Obotas zum japanischen Gesandten in Nanking endxüitig abgelehnt. Da ausreichende Gründe für diese Ablehnung fehlen. hat die japanische Regierung d'e Nanking-Regierung oufgeferdert, ihre Hallung einer nochmaligen Prüsung zu unterziehen. Sie wies gleichzeitig auf die ernsten folgen des Borgehens der chinesischen Regierung hin. Oer Sinn der heutigen Baukunst. Unter unseren Augen, von den wenigsten bemerkt und richtig gedeutet, vollzieht sich eine so grosie Wandlung der Kunst, wie Europa sie seit tausend Jahren nur zweimal erlebt Hot. bei Eni- stehung der Gotik und des Borods; eine Wandlung, die ausschließlich architektonischer Art ist. lind weil hier eine grundstürzendc Aenderung in der Baukunst stattsindet und die anderen Künste vor- läusig fast unberührt bleiben: darum ist sie so sundameiüaler Natur, daß man eine neue Kulturepoche daraus dotieren wird. Denn in allen sür die Entwicklung der Erde wichtigen Zeiten ist es stets die Baukunst gewesen, die Richtung und Simi gegeben hat; die anderen Künste folgten und dienten ihr lediglich, man mag an die älteste Kultur in Aegypten oder Mittelomerika, an Indien und Arabien oder die Gotik und das Rokoko denken. Daß es im 19. Jahr- hundert anders geworden, daß Malerei und Musik zur Herrschaft gelangten und die Bedeutung der Architektur aus den Nullpunkt herabsank: das ist das stärkste und ein unwiderlegbares Symptom vom Verfall des europäischen Kulturlreises. Wem ist nicht schon die unvereinbare Differenz zwischen jedem Vorkricgsbau und einem Werk unserer heutigen Architekten aus- gefallen? Je nach Geschmack und Gesinnung hat er darüber ge- schimpft oder frohlockt. Am auffälligsten stirb die Acußerlichkeiten: radikale Beseitigung jeder Schmucks orm, glatte weiße Mauern mit langen Fensterstreisen. unregelmäßig über die Fläche verteilte Oefj- nungen, flaches Dach und kubische Gcsamterscheinung; überall ein Betonen der horizontalen Linien, kühne freitragend« Konstruktionen und große Glasflächen. Das alles könnten willkürliche Seltsam- leiten sein, erdacht, nur um Neues auf jeden Fall zu produzieren. Geht man auf das Innere der Bauten ein. so kommt man dem Sinn schon näher. Haus oder Fabrik, Warenhaus oder Kino werden nicht von außen, von der Fassade her. entworfen, wie das bis zum Kriege der Fall war, sondern vom Innenraum und seiner Funktion aus(weshalb der Stil auch„ funkt ionalistisch" genannt wirdf. Türen, Fenster, Balkonvorsprünge, Oeffnungen und Airfbouten sitzen da, wo Grundriß, Beleuchtung, Gebrauchsnotwendigkeit sie verlangen. nicht, wo das äußere Schaubild sie gern haben möchte; Höhe und Breite, bauliche Gruppierung. Wahl von Konstruktion und Material werden von diesem Gesichtspunkt aus geordnet: höchste Gebrauchs- iähigkest, reibungsloses Fungieren der baulichen Zwecke. Das ist allerdings ein Standpunkt, der zur Baugesstmung der Vorkriegszeit in schroffstem Gegensatz steht, und es ist nicht zu ver- wundern, wenn dos Resultat ein so wellenwest verschiedenes von den Pasästen des 1k>. Jahrhunderts ist.' Denn früher sah man zunächst und immer auf den schönen Schein, aus die Fassade, selbst da, wo sie gänzlich unangebracht war-, wie bei den Mietkasernen der Arbeiterviertel: wie es dahinter aussah, ob die Räume ihrem Zweck entsprachen, war äußerst nebensächlich. Wer nun gewohnt ist. den Dingen auf den Grund zu gel)«», fragt sich: Warum find die Architekten erst jetzt, nach dem Krieg, auf den Gedanken gekommen, daß ein Bau zunächst einmal seinen Zweck erfüllen müsse, und daß eine„Fassade" nicht nur überflüssig, sondern schädlich sei und keine Existenzberechtigung mehr habe? Sie ist es möglich, daß ein so grauenhafter Irrtum über das Wesen t?r dem Menschen wichtigsten Kunst big zum Weltkrieg unentwegt I Irschen konnte— und warum sind im europäischen Bölkerkreis i n-r um diesen handelt es sich) die Baumeister so einhellig und s, kühn auf die Idee des Funktionalismus verfallen— die freilich i an. nach vollbrachter Tat. als das einzig Mögliche erscheint? Will man eine befriedigende Antwort, die über die bloße Fest- s rllung„es ist eben so" hinausgeht, so muß man sich erinnern, lag Architektur nicht nur eine Form ist, menschliche Notdurft zu besriedigen. sondern höchster Ausdruck der sozialen, ethischen und phitosophischen Gesinnung ihrer Epoche; daß sie das sichtbarst« und iemit lebendigste Symbol ist für das religiöse Bedürfnis der Menschheit. Hier heißt religiös: sittlich und geistig fchledsthin; der Begriff hat ja auch wirklich von Ratur aus nichts mit Kirche und Dogina zu tun, sondern bezeichnet einfach das Verhältnis des Menschen -ur Gottnatur, zu den Rätseln seines eigenen Daseins, über die nur Dummheit und Ignoranz sich niemals Gedanken machen. Es handelt sich nicht um Äonsessio-n, sondern um Weltanschauung, kurz: um den Menschen als solchen. Man muß so hoch greifen, um den fundamentalen Unterschied der Architektur von vormals und heute zu verstehen. In unserem Sinne ist Marxismus genau so Religion wie der Kacholizismus des l7. Jahrhunderts. Von hier aus erkennen wir m der sinnlos nachahmenden Vau- kunst der Vorkriegszeit den stärksten Ausdruck nicht nur des geistigen Materialismus, sondern vor ollem auch des wirtschaftlichen Kapi- talismus. Beide sind ja letzten Grundes ein und dasselbe; ihr Abbild in der Kunst ist der Naturalismus— deutlich in der Malerei l Impressionismus, ideenlose Spiegelung der Wirklichkeit), vermummt in der Architektur als Wiederholung aller alten Stil«, und zuletzt als Vertikalisnms. Well man keine eigene religiös« Anschauung hatte, die sich w einer Architektursonn hätte offenbaren können, griff man zu den alten„Tillen", die die Fasiad« hergaben, d. h. dem mehr oder weniger schönen Anschein einer begründeten Kultur. Die Ratlosigkeit in allen geistigen Fragen, das Bodenlose im Dasein des 19. Jahrhunderts spiegelt sich treulich in der Hetzjagd nach Stil- fassaden, die gar keinen praktischen Zweck haben und darum auch kein weltanschauliches Symbol sein können. Erst um 1999 erfand sich in Deutschland(und Amerika) der gänzlich materiell eingestellte Ikapitalismus das Symbol der Vertitalarchitektur, d. h. er erbaute sich durch s«ine Heroorragenden Architekten wie Messel und Peter Vehrens Paläste. Fabriten. Warenhäuser, die den Herrenstandpunkt unvergleichlich deutlich bezeichnen. Man denke an den Wertheim- Bau in Berlin, au die deutsche Botschaft in Leningrad, die lauter gereiht« Senkrechte aufzeigen. Rückblickend werden wir von diesen Meisterbauten aus die Tendenz der ganzen Vorkriegszeit als„vertikal" bezeichnen können: als eine Architektur des Kapitalismus, als ein meist verhülltes, manchmal offenbares Bekenntnis zun, Unternehmerstandpunkt'. die gereihten Vertikalen besagen: hier ist der Besitzer Herr im Haus«. Gegen diese Gesinnung bedeutet die Horizontalität, die Ein- iachheü, die Zweckhastigkeit der neuen Baukunst den vollkommenen Gegensatz, die endgültig geglückte Revolution. Die Künstler haben sich ihr Recht auf prophetisches Bannertragen genommen; sie setzten dem kapitalistischen das kollektivistische Prinzip entgegen: aus dem Bedürfnis der Masie. aus dem Gefühl des Zusammengehöre ns aller Menschen heraus sprang mit Ungestüm der Gedanke des Funktiona- lismus. Der Erde, der Gesamtheit; dem Genuiuschaftewillen gehört von mm an der Vau. dem Volke selber. Die neue Baukunst ist stärkster Ausdruck des neuen Lebensgcfühl-. Dieser Tallsktivismus ist nun frellich durchaus nicht eine prak- nsche Tatsache; er besteht zum größten Teil immer noch in der Idee Von Nr. Paul K. Gchmtdi. und in der Sehnsucht der Menschen. Wirklich erfüllt haben die Idee nur die Künstler, die wieder einmal sich als Propheten er- weisen. Es steht ja nicht ja. daß nun imsere Bauten nur von kollekliveu Auftraggebern bestellt oder sür Menschhoitszmecke er- richtet werden; nach wie vor handelt es sich überwiegend um Wohn-, Fabrik- oder Bureaubauton. Aber der Geist dieser Architektur ist verwandelt, er weist in die Zukunft. Es wird auf Hygiene, Brauck)- barkeit, Licht und freundliche Geräumigkeit gesehen; vor allem aber durchzieht der Gedanke der Aufrichtigkeit unser ganzes Bauen: daß nicht nur ein dummes Prestige, sondern der Mensch selber Sinn der Arbeit und der Kunst sei. Gegenüber allen Einwendungen noch nicht erfüllter Wünsche ist zu sagen, daß mir erst am Anfang stehen und daß auch das Tempo des sozialen Fortschreitens sich in der Architektur wird aus- drücken müssen. Der gotische Stil hat fast ein Jahrhundert bis zu seiner vollen Entfaltung gebraucht. Der Funktionalismus kann in mancher Beziehung mit jenem verglichen werden; vor allem in der Zweihcit der bestimmenden Elemente, die zur Entstehung eines Stils zusammenwirken müssen: dem geistig-sozialen, wir sagten auch religiösen, Unterbau, und der Eroberung der Technik und sonstiger Praxis zur Durchführung der neuen Gedanken.(In der Gotik war es das Auskommen der Mystik im katholischen Glauben und die Erfindung des Gewötbebaus mit Rippen mid Etrebepfellern.) Bisher war beim Funktionalismus nur die Rede von den gci- stigen Bedingungen. Für die Praktiker und auch für die Anschauung des Laien scheint wichtiger das materielle Element: feine Entstehung aus den neuen Materialien des 19. Jahrhundert», Eisen. Eisenbeton und Glas. Die technische Geschichte des neuen Stils reicht mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Sie hat sich vornehmlich in Frank- reich abgespielt, das schon im 12. Jahrhundert auf eine erstaunlich analoge Art Erfinder und Vollender des gotischen Systems gewesen ist. Wer sich gründlich von dieser Führerrollo der Franzosen in der modernen Baukunst überzeugen will, lese dos glänzende Buch van Siegfried Giedion:„Bauen in Frairkrsich— Bauen in Eisen— Bauen in Eisenbeton." Die Franzosen haben, schon seit etwa>860. die Möglichkeiten der neu erstandenen Baumaterialien durchgebildet bis zur letzten Konsequenz. Keine andere Nation kommt ihnen darin gleich. Die kühnste Eisenkonstruktion ist innner noch der Eiffelturm; die Bahn- brechen des Bewnbaus und feine technisch-künstlerischen Vollender sind Garnier, Freyjsinet und Perret, deren Hauptwerk« vor und während des Krieges entstanden sind. Der Vollender des Betonstils in funktionalem Geist ist der Westschweizer Le Corbusier, dem unsere deutschen Architekten die stärksten Anregungen verdanken. Dazu kommt der bedeutende Einfluß des Amerikaners Frank L. Wright, der das Prinzip horizontaler Lagerung, vor ollem in seinen Villenbauten, ganz streng und ästhetisch einwandfrei durch- geführt hat. Weitere Entwicklung, besonders auf dem Gebiet des Kleinwohnbaus und der stadtbaulichen Siedlung, ist in Holland ge- schehen, das mustergültig wurde in ausgedehnter Verwendung der neuen Möglichkeiten auf ganze Städte; kein Staat ist bisher so konsequent i» einheitlicher Durchführung funktionsmäßiger Bauweise verfahren. Deutschland kommt erst an vierter Stelle, obwohl es vor dem Kriege die meisten Experimente unternommen hat und sich an- schickte, mit Namen wie Tesfenow, Laos. Gropius, Taut an die Spitze einer Erneuerung zu stellen. Die Abschiütrmlg von der allgemeinen Entwicklung seit 1914 ließ es stark ins Hintertreffen geraten; seine lebendigsten Kräfte versuchten sich während der Revolutconszeit in ausschweifenden Utopien von ungeheuerlichem Ausmaß, well die Aufträge fehlten. Sobald aber praktische Bautätigkeit mit großen Ausgaben einsetzte, hat unser Laich in wenigen Iahren das Vor- säumte nachgeholl. die Anregungen von Frankreich. Amerik:, Holland übernommen und einen beispiellosen Aufschwung der neuen Architektur erlebt, der heute bereits die deutschen Baumeister an die Spitz« im Kamps um den sunktionalistischen Stil stellt proletarische Feierstunde. „Kreuzzug der Maschine." Zum ersteiunal seit längerer Zeit wieder hat der Bezirks- ousschuß für sozialistische Bildungsarbeit eine „Proletarische Feierstunde" veranstaltet. An, zweiten Weihnachtsfeiertog im Großen Schauspielhaus. Eine kurze Zllrfprache des Genossen Alexander Stein erläutert ihren Sinn und Inhalt. Man hat ein« glückliche Wahl getroffen: Lobo Franks„Kreuz zu g der M a f ch i n e" mit der Musik von Arthur Wolfs, Werk der Masse für gemischten Chor. Einzeffprecher, Sprechchor, Kinderchor und Orchester. Werk und Wiedergab« sind hier gelegentlich der Ilraufführu-tg, zu der im vorigen Monat der Berliner Volkschor jenes gebracht hat, ausführ- lich besprochen worden. Diese erst« Wiederholung und zwelle Ms- führung also— oder, wir wollen lieber von„Aussülirung" reden: kenn in.diesem Rahmen ist«s nicht so. gemeint, daß ein Kunstwerk wie im bürgerlichen Theater oder Konzertsaal„ausgesührt" werde vor kritisch oder genießerisch eingestelltem Publikum, sondern Mit- wirkende und Empiangeiwe sollen als Glieder eines Ganzen zur Einheit, zur Einhell„Masse", verbunden werden und sie sind es—, die Ausführung also zeigt in manchem em verändertes Bild, und das Bild hat an Geschlossenheit, an Straffhell und Eindringlichkeit merklich gewonnen. Zum Vorteil des Gesanlleindrucks hat man sich zu erheblichen Kürzungen entschlossen, fühlbare Schwächen der musi- kalischen Komposition sind beseitigt, unter Dr. Ernst Zanders Leitung hat sich der Kontakt zwischen den einzellien Chor- und In- strumentalgruppeu gefestigt, und vor allem das zur Musik ge- sprochene Wort— Heinrich Witte, der begeisterte Sprecher proletarischer Kampsdichtung, und Gustav Knuth, beide vom Staatstheater, waren für die schwierige Aufgabe gewonnen— kommt zu mitreißender Wirkung. „üreuzzug der Maschine" als proletarisch« Weihnachtefeier? „Sellen haben sich in die Klange der Weihnachtsglocken und der Märchrnlkder so hart und gellend die Sturmruf« des pollltschen Kampfes gemischt wie in diesem Jahre," hat in der Wechnachts- nummer des„Vorwärts" Kart Seosring geschrieben. Und Erich Kuttner:„Indem sie die Sache der Menschheit zur ihrigen gemacht hat. hat die Arbeiterklasse ihren Befreiungskampf vom Fluche der Bornierthell erlöst, der auf jedem engherzigen Interessenkampf lostet." Aus diesen Führerworten schien unsicher das Mollo der Veranstaltung gewoben: man hätte ihr keinen besseren, keinen passenderen Inhall geben können als mit diesem proletarischen Kampfwerk der Menschhellsidealc. Wenn zum Schluß, organisch aus der dilhterischen Situation erwachsend, die Internationale angestimmt wird und von allen mitgesungen in dem mit roten Fahnen festlich geschmückten Haus, dann wird der Sinn dieser„Prole- tarffchen Feierstunden", die mehr und anderes sein wollen als Aus- sührung und Varführung von Werken der Kunst, von neuem offen- bar. Daß er der Berliner Arbellerschast nicht verlorengegangen ist. haben Besuch, Verlauf und Erfolg bewiesen. Mögen Kritiker im bürgerlichen Lager über„Politisierung der Kunst" klagen: uns ist es um künstlerische Gestaltung des Lebens zu tun. Daß dabei ein Werk der Gegenwart, von unseren Genossen und Zeitgenosse« geschaffen, mithilft, dürfen wir mit besonderer Genugtuung begrüßen. Denn so hoch wir auch die große Musik der Vergangenheit als Vildungselemmt und Kulturfaktor im Leben des heutigen Arbeiters schätzen: am. nächsten stehen uns die Lebenden: und noch wichtiger ist es darum, die künstlerisch schaffenden Kröite der Gegenwart in den Strom der Arbeiterbewegung zu lenken. KI»us?ringsf>eim. Konzert in Adlershofv „Von»Kampf und Arbeit" betitelle Ludwig Belitzer («in Konzerk mit den, Männer, und Gemischten Chor Adlershof am zweiten Feiertag im.Lustgarten" von Wöllstein.' Der Titel kehrt erfreulicherweise immer öfter wieder. Di« Vortrogssolgen könne» dadurch nur gewinnen, wem, sie auch in der Vorbersitung etwas mehr Schweiß kosten. Einen erbebeichen Anteil daran hatten die von Molden und Scherchen meisterhast bearbeiteten rusflschen Volkslieder, darunter zwei weniger bekannte,«in Trauermarsch aus die von den Kosaken meuchlings niedergemetzelleu Proletarier von 1995 und das höchst natürliche und erschütternde„Brüder, wir haben geschlossen", ein russisch-jüdisches Proletarierlied. Das Konzert nahm einen straffen, erfreulichen Verlauf, wie man e» b:i den erst- kiassig geleiteten Chören Velltzers gewohnt ist. Tadellos ist die lext- lich-nmlitalifche Vchandlung, das lyrische Au»tönen und der yohe 5)orizont der Interpretationen, verwunderlich einige kleine llnvor- sichtigkeiten in, Tenor und Sopran, die leicht abzustellen sind. Das Leitdoaische.Glockenlied" könnte noch charakteristischer gefaßt wer- den. der sonst grandios hingestellte.Rotgardistenmarsch" etwas ton- reiner.'„He-llchla". das im Sprechgesang ganz meisterlich geratene und temperamsntfprühende„Dubinuschko", Stubbes.Erntelied", Lendvais.„Kllrr, Sense, klirr" und die beiden Scherchenschen Schluß- gesänge waren Slon.zleistungen, denen auch tiefere Urtüne nicht fehlten. Ii. M. Verjüngung durch Röntgenstrahlen? Prof. Lasareff, Mitglied der rusiischen Akademie der Wissen- schaften. hat umfassende Untersuchungen abgeschlossen, die das Ver- jüngungsproblein in einem neuen Licht erscheinen lassen Durch längere Versuche am mikroskopischen Lebewesen ist erwiesen worden, daß Röntgenstrahlen, in geringen Dosen verabreicht, bei mikro- skopisch kleinen Lebewesen, Verlängerung der Lebensdauer(Ver- jüngung) bewirken, während groß« Dosen beschleunigtes Absterben des Organismus(Allern) zur Folge haben. 1 2ln Hand eingeheickier Forfckiungen konnte weiter festgestellt werden, daß derartige Erscheinungen an sämtlichen Geweben und Organen unier der Einwirkung van Röiitgenstrahlen wahrzunehmen sein müssen. Gestützt auf diese Ergebnisse, wird man jetzt die Krebs- theorie und die bisherigen Krebsbehandlungeverfahren einer Revision unterziehen können. Dortragsabead Zofeph Plaut. Gestern ueranstaltete Joseph Plaut im Veethovensaal einen Abend, der dem guten Humor gewidmet war. Der Saal war bis auf den letzten Platz be- fetzt. Das Publikum folgte den wirklich amüsanten guten Vorträgen mit Begeisterung. Plaut begann mit kleinen Humoresken von H. C. Aichersen, Manfred Kieber, Campanil«, Stephen Leacock. Mark Twain. Dann brachte er einen Ab schnitt Dialektfcchtung aus Fritz Reuters„Hanne Nute". Es folgten nun eigene Schöpfungen Plauts. Bei der urkomischen Tiergeschichte„Detmolds schwarzwe:ße Ratte" hielt sich der ganze Saal vor Lachen den Bauch. 5 ds Schützenüors kontraktbrüchig? Der Sänger Leo Schüben- d o r f von' der Staatsoper halle vom Gn,-ralmustkdirektor Klei- der Urlaub für ein Gastspiel im Theater des Westens erhallen. Dieser Urlaub war vom Generalintendanten T i e t j e n nachträglich nicht bestätigt worden. Da Schützendarf trotzdem un Theater des Westens gastiert, droht Tietjen, ihn für kontraktbrüchig erklären zu lassen. Ueber den Streitfall wird das Bühnenschiedsgericht dem- nächst zu entscheiden hoben. (bin neuer Komet. Wie die Sternwarte von Pino bei Turin meldet, hat sie den am 20. Dezember in Krakau entdeckten neuen Kometen am 24. Dezember beim Stern Gamma festg-stellt. Der Komet wird al» ein solcher achter Größe geschätzt und soll viel heller sein als alle in diesen, Jahre entdeckten. Eine philosophische Enzyklopädie des Marasmus. Die konunu- nistrsche Akademie m Moskau unternimmt die Herausgabe einer philosophischen Enzyklopädie in acht Bänden, deren Hauptziel die systematische wissenfchasrlichc Erforschung der marristlschen Welt» anschauuna ist. Nach der„Slavischen Rundschau" ist die Enzyklo. pädi« in süill Abteilungen gegliedert, die den dialeltiischen Materialismus, die Geschichte der Philosophie, die neueste und zeit- genössische Philosophie, den historischen Materialismus und die Dialektik der Natunvissenschaft behandeln. MUlionensiiswng sür die Uuiversilät Pari». Wie verlautet, hat der amertkanlsch« Millionär R o ck e f e l l e r der Pariser Universität eine» Betrag von 150 Millionen Franken in Aussicht gestellt, der für den völligen Neubau der medizinischen Klinik Verwendung finden soll, falls die französische Regierung bereit ist,«inen ebenso hohen Betrag zu bewilligen und die erforderlichen Grundstücke zu beschaffen. Älvesl« sei« de» Lolksbühv«. Am 31., 33 Uhr, wird im Theater avi Vülowplatz die I X. S q m b b o n I e von Beethoven zur Aufführung utlangen. Leitung: Openidirektor Gustav B r» ch» r-Leivzig. A>>- wirkende» Leonord, Ellger, AoSwaengc, Scheh, Bruno Kittels Her Shoi, va» verltärkte Philhanmmiiche Orchester. r-NsbShne. Die Erstanfiüdrmni von Grogmonn» und Hess»!»»altt- stück.Apollo. Brvnnenstrotz»".»as unter der Regie von tzturge» stedlwp, mit Musik von Theo Mackeken und mit BfihnenhIIdern von Edward Tubr im Theater am Bülvwpkah herauskommt, ist auf de» S. Januar festgesetzt worden. Slilluug für einen deutschen Lehrstuhl in Stockholm. Der UnIverfUüi Stockholm sind von verschiedenen Nörverschasteu und einzelnen Personen in Teutschland und Schweden sür Errichtung eines Leirstuhl» der deutsche" Sprache und Lllcrnbir 350 000 Kronen gespendet worden. Das Verkehrsnetz der BVG. -122 Kilometer neue Strecken im Lahre-1929, Die Verllaer Verkehrs- V.-G. hat im Zohrel&g 172 Silometer neue Strecken in vetrleb genommen. Davon cntfallen aus die Straßenbahn rund 89 Kilometer, aus den Omnibus 76,8 Silometer und auf die U- V a h n 5.97 Kilometer. Dieser Slrcckevausbau entspricht der Etil- sernung von Verlin nach Halle(162 Kilometer) bzw. nach Leipzig(165 Kilometer). Durch die Aufnahme des Verkehrs auf diesen neuen Strecken führt die BVG. eine Mehrleistung durch, die etwa der(Sc- samtoerkehrzleistung von Großstädten wie Königsberg oder Stettin entspricht. Die nachfolgende Ueberstcht der neuen Strecken zeigt das Bestreben, die an der Peripherie liegenden Siedlungen dem Größsiadtzentrum näherzubringen. Durch die verkchrstechniiche Erschließung dieser Außenbezirke und- Siedlungen ergibt sich eine Förderung der Sisdlungs- und Wohnungsbautätigkeit. Die Straßenbahn hat(in der Reihenfolge der Jnbetrieb» nähme) im Jahre 1923 folgende neue Linien eingeführt: Linie 17, Weißensce— hindenburgdamm, Streckenlänge 23,04 Kilometer: Lim« 16, Lichtenberg— Gößlows kystraße(14,65 Kilometer): Linie 168, Wittenau— herzbergstraßc(19,36 Kilometer): Linie 184, Altglienicke— Bahnhof Friedrichshogen(12,43 Kilometer). Hinzu kommt noch ixe Verlängerung einer ganzen Reihe von bereits bestehenden Straßenbahnlinien. Beim Omnibus wurden an neuen Linien «ingeführt: A 15, Seestraße— Hermsdorf(9,5 Kilometer); A 41, Hohenschönhausen, Degnerstraßc— Landsberger Chaussee, Ecke Dingelstädter Straße(3,52 Kilometer): A27, Köpenick, Schloßplatz— Kaulsdorf-Süd(5 Kilometer): A 26, Bahnhof Wittenau— Bahnhof Tegel(5 Kilometer): Linie 5. Pankow— Schildow(9,25 Kilometer): A 7, Reichskanzlerplatz— Zehlendorf(12,48 Kilometer): A 25, Lichterfclde-Ost— Roseneck(8 Kilometer): A42, Prenzlauer Promenade— Buch(11 Kilometer): Linie F, Spandau— Falkcnsce(3,25 Kilometer). Dazu kommen auch hier, wie bei der Stroßestbahn, die Linienverlängerungen. Außerdem wurden die Linien Köpenick— Müggelheim und Friedrichshagen— Heffenwintel in den Einheits- tarif einbezogen. Bei der U-Bahn wurden folgende Strecken fertiggestellt und eröffnet: Boddinstraß«— Leinestraße(775 Meter): Flughafen— Tempelhof(940 Meter): Thielplatz— Krumme Lank« (3053 Meter) uich Sjadion— Ruhleben(1200 Meter). Das gesamte Streckennetz der BVG. beträgt Ende 1329 rund 1082 Kilometer(Berlin— Paris). Davon entfallen auf die Straßenbahn 724 Kilometer(Berlin— Berchtesgaden), den Omnibus 237 Kilometer(Berlin— Hamburg) und auf die U-Bahn 64,44 Kilometer(Berlin— Brandenburg). Außen Stahl, innen Holz. Oie neuen Personenwagen der Reichsbahn. Zur Erhöhung der Sicherheit der Reisenden verwendet die Reichsbahn neuerdings beim Bau der Personenwagen für die Gerippe Stahl an Stelle von Holz. Bei den neuen Stahlwagen sind Untergestell, Seitcnwänd« und Dach zu einer einzigen fest- vernieteten Tragkonstruktion durchgebildet worden, die gegenüber deb früheren Holzbouart«ine bedeutend erhöhte Festigkeit aufweist. Die Konstruktion der Stahlwagen ist so durchgebildet,' das; etwaige Zerstörungen des Wagenkastens bei Unfällen auf die Bor- räume an den Stirnfeiten der Wagen beschränkt bleiben, so daß die dahinterliegenden Personenabteile weitgehend geschützt sind. Zu diesem Zweck sind die Stirnwände durch stählerne Ramm- konstncktionen— besonders kräftige Durchbildung der Berbindung zwischen Stirnwand, Seitenwand und Dach— gesichert. Bei der Innenausstattung der Wagen ist man jedoch beim Holz verblieben, da dieses gegenüber dem Stahl hier ganz andere Wir- kungen ermöglicht. Die Reichsbahn ist heute mehr denn je daraus bedacht, den Fahrgästen den mehrstündigen Aufenthalt in den Wagen- räumen so behaglich wie möglich Zu gestalten. Stahl hat auch Nachteile— wie z. B. die große Wärmeleitfähigkeit und die große Geräuschzunahme während des Laufes, die ihn zur Innen- ausstattung weniger geeignet machen. Di« Reichsbahn unternimmt jedoch zur Zeit Versuche, um bei der Inneneinrichtung dos Holz durch einen Kunststoff zu ersetzen. Der verwandte Kunststoff besteht aus zerfasertem Holz, dos weder brennt noch splittert und sich genau so wie das bisher gebräuchliche Holz verarbeiten läßt. Oer 3-1. Oezember und die LtnsaNrente. Achtung, Berufskranke! Der 3l. Dezember 1323 ist der letzte Termin, an dem für j e d e Berufskrankheit ein Anspruch aus Unfallrcnte geltend gemacht werden tonn, wenn die Krankheit 1. durch«ine Belchästi- gung verursacht worden ist, die nicht weiter als bis zum l. Zanuar 1923 zurückliegt: 2. in einem Botriebe einstanden ist, der der Unfolloersichcrungspflicht unterlag. Nach dem 3l. De- zcmber 1929 können nur noch Rentenansprüche aus solchen Berufs- krankheiten erhoben werden, die noch dem 1. Januar 1323 zum erstenmal zum Ausbruch gekommen sind. Als Berufskrank- Helten gelten alle Erkrankungen, die in der„II. Verordnung über Ausdehnung der llnfallversichening auf Berufskrankheiten vom 11. Februar 1929 unter Spalte II in Verbindung mit Spalte III aufgeführt sind(oder Spalte II und lll). Rente na»träge find an' die für den Betrieb zuständige Berufsgenossenschaft zu richten. Wenn die Berufsgenossenschafi nickst mehr rechtzeitig ermittelt werden kann, dann kann die Frist auch gewahrt werden, wenn die Avtrktg« Mf gam 91. Dezemd«? h.& dek dem flir tot Wohnsttz toj Kranken zuständigen Bersicherungsamt oder bei einer beliebig.'» Berussgenossenschoft schriftlich oder, mündlich eingereicht werden. Es ist angebrocht, die Anträge aus den§ 12 der„II. Verordnung über Ausdehnung der Unfallversicherung auf Berufskrankheiten" zu stützen. Blinde feiern Weihnachien. Wie alljährlich, veranstaltete im Verwaltungsbezirk Friedrichshain die dort arbeitende Blindenrommision auch in diesem Jahre wieder sür ihre Blinden eine Weihnachts- bcscherung. Dank der Opferwilligkeit von Personen aus ollen Bevölkerungsschichten war es wieder möglich geworden, den Blin- den ein paar frohe Stunden zu schaffen und ihnen eine kleine Freude zi: bereiten. Nach Bewirtung mit Kosfee und Kuchen wur- den sie mit musikalischen Darbietungen unterhalten, bei denen der Bandoniumvcrein 1921 und die Sänger Gillc und Roche mitwirkten und großen Beifall crntcten. Stadtrot Genosse Mann, der Dezernent für die Wohlfahrtspflege des Bezirks, wies in seiner Festansprache aus die schöne Aufgabe hin, hilfsbedürftigen Me n s ch e n zu helfen. Bei der Bescherung sah man überoll frohe Gesichter der Blinden, die ihre Geschenke mit tastenden Händen prüften. Die ganze Veranstaltung wirkte wie ein Familien- fest, das die Kommission ais„Weihnacht sniann" ihren Pfleglingen bereitet �attc. » 17 Weihnachtsfeiern der Kindergärten,-horte und-lesehallen init 2229 Kindern veranstaltete dos Jugendamt Treptow. Es waren echte Kinderveronstoltungcn, wie man sie selten zu sehen bekommt. Die Programme der einzelnen Feiern wurden ous- nohmslas von Kindern bestritten. Hierdurch wurde von vonchcr- ein die rein kindliche Rote der Feiern gesichert. Infolgedessen herrschte überall echte kindliche Freude und Fröhlichkeit. Bon den üblichen Ansprachen prominenter Erwachsener war ab- gesehen worden. Die Darbietungen ihrer Altersgenossen wirkten auf die Kinder sehr eindringlich. Diese Wechimchtsseiern waren in der Tat Kabinetsstückchen kindlicher Darstellungskunst. An die Feiern schloß sich die Bescherung der Kinder. Ein jedes Kind erhielt eine Weihnachtsstolle, einen bunten Teller und ein Spiel- zeug._ Seine Verhaftung des Chaufscurmörders. Im Norden der Stadt war das Gerücht oerbreitet, daß in Wcißcnsee der Mörder des Chauffeurs von Schalepanski verhaftet worden sei. Das trifft je- doch nicht zu. Ein 20 Jahr« alter Mann namens Gr. hatte sich dort durch Redensarten verdächtig gemacht, doch kommt er für den Mord nicht in Betracht. Da er aber durch Haftbefehl von Alt-Landsberg her gesucht wurde, um zu einem Termin dort zu erscheinen, wurde er angehalten und wird nach Alt-Landsberg gebracht werden. Wetter sür Verlin: Stark wolkig und anfangs noch etwas Regen, Temperaturen über Rull, südwestliche bis westliche Winde.—• Für Deutschland: U eberall wolkiges Werter»nd vieifoch leichte Regensälle, Temperaturen, besonders im Westen, mehrere Grad über Rull. Beranlwortl. blc Sic Rkdattion: B»lf»ang Schwor,,«rrlin:«n,-io«n: Ztz.»locke. Verlag ffi. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts Buch- Berlin. Berla«: Borwärts:_____. druckerei imi Lcrlagsanstalt Paul Singer Sc Co.. Berlin SW l Sier,» l Beilage. 3, Lindenstraß« 3. WT'- r n r> �■«, r IM I Tkcaiev, Lickispiele usw. j Freitag, 27. 12. Slaats-Oper | Unter d. Linden A.-V. 280 Wh Uhr DleMaM mMi Staalsflper Am Pl.d.Republ. Vorst 110 20 Uhr flollüDiler Freitag, 27. 12. Stadt. Oper Bismarckstr. Tomas ll 20 Uhr DerTenor StutLSAaBsph. um fieodarmenfflarki A.-V. 256 20 Uhr Staat!. Scbiller-Theater.Ciiaritli. 20 Uhr Hans im scnnahenioch Preist 1-611. Wodwntq.: 5 0. 50 P(.-3«. UslraT-Sdlin. RiIRi. Sianley«. Hat. Peresoll& Co.. Borat« Pamcr usw. { Tägl.» u.«l* Sonnt.?, 5b 8" | Alan. C. 4. 8066 INTERNAT. VARIETE CASINO-THEÄTEB Lothringer Strafte 37._ Der neue Schlager! Familie Hannemann and ein erotkL banieo Progn Für unsere Leser Gutschein tür t— 4 Personen Fauteuil nur 1.25 M-, Sessel 1.75 5L. Sonstige Preise; Parken u. Rang OM M. Reichshallen-Theater Abend«£0 Sonntag naehm. Q Das grolle itfeihluohU- Programm der Slclflncr-Sänöer zi.Deeember; Or. Sf yester-UlV-Vorsttll. _ Oönhoft-Brattl: Vor eis- Tanz- Konzer. 31.: Dil alti inditioiuili lihaarfiiv Theater i. d. Behrenstr. 53-54 8'/» A 4 Zentrum«26/927 8U. ... Vater setn. dagegen 8Ä,f VoUlsvMme llie/. Uhr fioslsplsl des Dsulsdien TBtaigrs Di! Fledeum : Ulli BÜJÜUfil Operettenbaas Alte Jabobstr.;0/32 (Zentral-Thealer) Täglich"■* Uhr Oer Soldat der marie (juetav Matzner, Bora Rracb. F.rich Sorchert, der König des Jazz. ROSE -THEATER fiÄttiTr Teleph.; Alexander 3422 u. 3494 Täglich 8" Uhr: Sonntags 5.13 und 9 Uhr Die csardastorstin Grolle Operette von Emmeridi Rähnän. Für die Kinder: Sonnabend, den 23. Dezember 5 Uhr Frau Holle Sonntag, den 29. Dezember 2J0 Uhr „Max und Moritz" und dar Woihnachtomonn Vorverkauf für die nächsten 8 Tage täglich von 11—1 Uhr IN. und von 4— 9 Uhr abends. GROSSES SCHAUSPIELHAUS 8 Uhn 3 Musketiere Regie: ERIK CHARELL IWULir-afiiTiM AM BAHNHOF FRIEDRICHSTP-9A GßOSSf WEIHNACHTS FESrVOBSTELLUNG MACHMITTAGS 4UHß-ABENDS 619 CLA/PE WALDQFF HELLMUTH KRÜOEP p WILL Y POS EN-H EWERS» £M.GÖNDÖßf?.HEPefG UNOWEITEBf 6 ATTRAKTIONEN KASINO uB/YEDNKE LIEß VMM Oiroktion Dr. Hortin Zickel»MW Komische Oper Frlodrlchetr.l 04. Merkur 1401.4330. WloderorSffnung oaeh vollotänd. Umbau Täglich 8'/» Uhr Uraufführung Hulla di Bulla Schwank von Arnold und Bach mit Guido Thlelac tar, Friti Schult. Helsr. Schreth, Eugen Sarg, Hilde Hildsbrand� Margot Waltar. Sarrison, Flink, Bahraer. Wanck ©o M Programm vom 27.— 30. Dezember Potsdamer Strafte 36 Pai und Paiacfaon im Rakelea- omnibus Ein HoadelebeB mit Charlie Chaplin Jugendliche haben Zutritt! Rhemstraftc 14 K�aSe) Die Welt Sb Flammen mit Rid&ard Darthelmeft Lapfno Lanc nntcr SeerSnbera Odcon, Potsdamer Sir. 75 Das Mädel mit der Pcifcdic mit Annr Ondra, Werner Facti CT er, Siegfried Arno Dec grobe Rennen{Sensationsfilm) Furmstraftc 12 Daa Mädel mit der Peitadie mit Annr Ondra Daa drohe Rennen(Sensationsfilm) Alexandcrstr. 39-40 (Paaaa�e) Den ganzen Tag geöffnet! Fran Im Moad mit Gerde Mennu, Willy FHtsch Der GrenxtUeger von Texea Jugendliche haben Zutritt Sa o- und Feier aga nachm. 4 Uhr: Frau ohne Kusst Lustspielhaus Fricllrichcfr. 256. Bersmann 2922 23. Täglich SS* Uhr .. mfflesS«saiae«l" Lnstspiel von LndisUae Fodor Käthe Haack, Nora Oregar. Paul Heitfemaan, Bariiot, Hartha H. Mawes. Saudi, Stsrm, Platen, Beckmann. Fuchs Vorverkauf in beiden Hägtern ab 10 Uhr ununterbrochen. Renaissance-Theater Täglldi 8 Vi Uhr PARISER LEBEN Operotto von Offenbach. Regie: Gustav Härtung. Musikalische Leitung; Theo Mackeben. - steinalatr C 1. 0901 u. 2583/04.—— Kleines Tiieat. Merkur 1624 Täglich 8'/« Uhr ülax Adalbert in Das ParrOm meiner Frau Lustsp v. Leo Lenz TBtat. a. Rotn.Tor Kottb. Str. 6 Tagt 8 Uhr auchSonnt. nachm. 3U Elite- f Sänger. Daa tinzlg dastehende. vielaeltlg« Wolhnacht»-Pr. Direktion 3t. Roberl Klein Deutsebes lOnstler-Tbeat Barbarossa 3937 .8 Uhr Enden10 Sellsames üqi«: Oiiar Hlliiart Montag, den 30. Vh Uhr Zum 1. Male; ÄzwEi.ilfe." und„Soiper" von M o 1 n a r. Berliner Theater Dönhoff 170 •iVjUhr Ende>61 1 Letzte AnffOhrangen Rsserviert tor Herrn ßaston. Regie: Forster Larrinaga Ab 1. Januar Seittamet zwltmenoplel Baruowsky- Bahnen Theater in der KOaiggrätzar StraBe Täglich 8>!i Uhr Die erste mrs. seiby mit Frltzl mtsary Komödienhaua Täglich SV« Uhr Der Lügner und die Könne mit CUM 88tZ Residenz-Theatei KgsLZZS Blumcnst.9 Täglich sV* Uhr Tolksst mit Mibü o. Tanz, Rundfunkhöre r tialöe Preise. öbel-Nolte. 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Dem Aerbienst Gustav Stresemanns sein« Bürgcrkrone, aber, bitte, kein« Stresemann-Legenbe! Schon Rochus Frecherr von Rheinbabcn hatte in der Einleitung zu einem Stresemann- Buch einen Anlauf dazu genommen, inbcni er bei ihm eine„fori- laufeiche Linie der Politik"««checkte, und Dr. Heinrich Bauer setzt in seiner Biographie.Stresemann. Ein deutscher Staatsmann" (Verlag Georg Stilk«, Berlin 1930) den Versuch am untauglichen Objekt fort. Daß Preußen für ihn ,chie geniale Schöpfung der Hohen- zallern-ftönige", Friedrich der Große.der Deutschesten einer", Deutschland chas Land eines programmtreucn Idealismus" ist, sagt genug. Aber wie macht er erst aus seinem Herzen keine Mördergrube, wenn er von Sachsen in» Spätsommer 1923 sagt:... unter einer linlssogialdemokratischen Regierung wahr- Haft chaotische Zustände. Recht und Gesetz waren ausgehoben, der Pöbel terrorisierte die gesamte Oesfentlichkeit... Russische Agenten, russisches Gold arbeiteten in, Lande. Di« Soivjetrepublik hoffte, durch ihr fanatisches Werkzeug Dr. Zeigner..." Dafür umfassen für Dr. Bauer die sogenannten Vaterländischen Verbände„jene von begeistertem nationalem Wollen erfüllten Kreise, die usw.": Frei- korps, Schwarze Reichswehr, Fememord«—.hier flammte zum erstenmat seit Ausgang des Krieges ein schöpferischer, wahrhaft national«? Geist in der deutschen Jugend hoch und lieh erkennen, welche Kräfte in der Tief« unseres Volkes schlummerten". Eni- sprechend primitiv und subaltern, unpsychologisch wie ein Bilder- bogen»on Gustav Kühn in Reuruppin, ist die Darstellung von Stresemanns Entwicklung: im Grunde steht nur ein eingiger guter Satz auf diesen 2K6 Seiten, und der ist nicht von Bauer, sondern von Ernst Moritz Arndt.„Alle Staaten", prophezeite der durchdrungene Patriot im Frühjahr 1814,„die noch keine Demokratie sind, werd«n von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr demokratisch werden." Von ganz anderem Kaliber ist Rudolf O ld c n s„S t r e s c- mann"(Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 19Z9). ein Werk, das nicht nur die Geschichte Deutschlands in der wilhelminischen Pauken- und Trompetcnära ohne Scheuklappen betrachtet, sondern auch den Werdegang des Staatsmannes von Locarno einfühlsam und ver- stöndnisvoll, doch nicht unkritisch und beschönigend verfolgt. Diel- leicht ist die Methode Oldens zu individualpsychologisch, um die legten historischen Zusammenhänge zu entschleiern, aber gut kommt in seiner Schilderung heraus, wie Stresemann wurde und wuchs, strebt« und irrte, sich endlich fand und zu seinem geschicht- lichen Beruf«ntsaltet«. Viele Eigenschaften, die den Politiker machen, hatte er van Nowr mitbekommen. Außer einem nie versagenden Gedächtnis verfügt« er über ein« blendende Rednergabe, aber was weit wichtiger war: Die Witterung, da« untrüglich« Ahnungsvermögen für die Stärke und Schwä6>c des Verhandlungspartners, dafür, wo er weichen wtrv, wo er unbeugsam bleiben muß, der Blick d«s� Trappers, der Geruch des Jagdhundes für die Fährten und Schliche des Gegners am grünen Tisch. Eigenschaflen. die kein wissen, kein Verstand gibt. nur da» Ingenium, und die nirgends seltener sind als in unserem Land, sie waren Stresemann zu eigen. Ebenso bewies er den echten Politikern darin, daß der�Drang nach Oesfentlichkeit, nach Aktivität, danach, der Well den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken, stärker als alles andere bei ihm entwickelt war. Auch nützt« dem Mann, der noch in späteren Jahren zu einem autobiographischen Roman die Feder ansetzt«, eine gewiss« künst- lerische Begabung. Zu Goethe hotte er ein nahes Verhältnis, wenn auch«in Aesthet unter sein«« Mitarbeitern bekanme, es lauf« ihm jedesmal kalt über den Rücken, wenn der Minister Go«lhesche Verse vortrage. Dafür staunten andere Hörer, wie mussich be- schwingt Stresemann in guten Stunden in der Diskussion zu sein vermochte..Die Musen", umreißt es Olden,„verwehrten ihm ihr eigenes Reich. Aber in das der Politik begleiteten sie chn." Was für«in Politiker Stresemann war, hing jedoch von anderen Umständen ob. Das Kleinbürgertum, dem er entstammte, war wirklich die Grundlage seines politischen Daseins. Wie Brionds Vater stand auch der Stresemanns als Budiker hinter der Theke: in der Köpenick«? Straß« 66 zu Berlin hatte«r eine kleine Weißbierkneipe. Der begabte Junge, der aus dieser be- engten und beengenden Umgebung über Gymnasium und Universi- tät den Flug ins.Höhere" nah«', hatte weder die Selbstsicherheit des Junkers noch des Bourgeois noch des Proletariers, von denen jeder fest in einer starken Klasse wurzelte: daß er vielmehr einer Zsßischenschicht angehörte, di« von der kapitalistischen Entwicklung rastlos und unbarmherzig zerrieben ward, haftete chm auch in der Periode seines Aufstiegs noch lange hemmend an. Wer die Be- griffsbestimmung kennt, die Marx und Engels von der zwie- fchlächtigen Gemütsverfassung des Kleinbürgertums geben, staunt nicht weiter über das Bekenntnis Stresemanns, er krage zwei Seelen in seiner Brust, «ine nationale und ein« liberale, und zwar sei er einmal ultra- national, dann wieder ultrallberal. In der Tot schwankte sein Wesen zwischen den beiden Polen Romantik und Nüchternheit hin und her. Den Studenten bestrickte der Couleurz-ruber einer Reform- burschenschaft, aber zugleich Friedrich Rau manns Utopie vom sozialen Kaisertum. Der junge Doktor der Nationalökonomie sam- inelte die sächsischen Industrielle» in einom Äampfverbovd. ab«r Scharfmacher, etwa Gegner des Äoalitionsrcchts, war er nie. Den Nationalliberalen, zu denen er nach allem paßt«, predigt« er Macht- willen, ober trabte dann geduldig in den gouvernementalen Bahnen des Firmenchefs Bassermann. Hurra und Trara der wilhelmi- Nischen Herrlichkeit mußten den Budikersohn so hinreißen, daß er vor dem Krieg unter den Militaristen und Imperialisten der lautesten einer war: gewaltige Armee, starke Flott«, viele Kolonien, größeres Deutschland— damit war der Horizont Stresemanns um- greift. Im WetUrieg wurde er vollends der Romantiker hemmungsloser Annexionspläne. Vor der Obersten Heeresleitung stand er stramm, schwor auf„Ludendorffs Hammer", hieß allgemein „der junge Mann Ludendorfss". Flandern, das Erzbecken von Briey und Longwy, di« baltischen Provinzen— alles betrachtete Stresemann schon als gute Beute: General Ho ff mann notiert«, nachdem er ihn aus der Nähe gesehen hatte, in sein Tagebuch:„Alldeutscher, Militarist und Annexionist". Um so wuchtiger schmettert« ihn, der sich bis zuletzt den Glauben an den deutschen Sieg und den deutschen Frieden suggeriert hotte, der Zusammenbruch nieder, den andere minder romantische Po- litiker längst vorausgesehen und befürchtet hatten. Aus der Ent- täuschung über das Versagen der militaristischen Halbgötter, denen er blindlings vertraut hatte, erwuchs Mißtrauen und Mochtwille. Aber einen Tag von Damaskus, der aus dem militaristischen Saulus einen pazifistischen Paulus gemacht hätte, hedeutete das Kriegsende für Stresemann keineswegs. Auch der Führer der neuen Deutschen Volkspartei, der Erbin der entschlafenen Rationallibcralon, schwärmt« noch von dem Schwert«, das wir einst besaßen, „und es war der köstlichsten eines, das einem Volt« gegeben wurde. Aber wir zerbrachen es mutwillig in den Schandlagen der Revolution und ziehen deshalb zunächst als Volk und Reich in eine Zukunft von Elend und Schande". Auch schickte er Wilhelm dem Ehemaligen«in Glückwunsch- telegramm zum Geburtstag nach Holland, machte dem Ex-Kron- Prinzen auf Wi-ringen einen Besuch, lieh sich on schwarz weiß rotem Fanotismus von niemandem übeetrcffen. Aber in diesen Jahren, da der Ehrgeizige und Machthungrige auf seine Stunde warten mußte, klärte es sich in seinem Innern, er entwickelte sich und reift« zu seiner Ausgab« heran: der britische Botschafter d' A b e r n o n, der sich höusig mit ihm unterhielt, fand, daß er zweifellos ein« groß« Persönlichkeit" sei. Stresemann bewies es, als er im Herbst 1923, angesichts des Chaos, nein, mitten im Chaos mst der Reichskanzlcrschoft betraut wurde. Für ein»,. simplen nationalistischen Demagogen lag die Lockung nahe, sich billig? Lorbeeren bei dem unbelehrbaren Teil des Volkes zu holen, indem er sich mit kroftstofseliger Gebärde weigerte, das Notwendige zu tun. Stresemann aber tat, weilGdi« Nüchternheit in ihm über die Romantik siegt«, das Notwendige: er stellte den Ruhrkrieg ein uno betrot die Bahn der Verhandlungen. Jnnerpolitijch stand er deshalb zur Republik immer noch kühl bis ans Herz hinan: der Einmarsch der Reichswehr in Sachsen bildet das schwärzeste Blatt seiner Bio« graphie: im besten Fall suchte er ein« Brücke zu schlagen„von dem alten Deutschland, das wir lieben" zu„dem neuen Deutschland, jü; das wir leben". Aber die Logik der Tatsachen setzte sich durch. Je mehr Stresemann an der Spitz« des Auswärtigen Amtes die Politik der Völkerverständigung betrieb, die die Sozialdemokratie seit je befürwortet hatte, je mehr Erfolg« ihm diese Politik brachte. indem sie über Locarno, Gens, Thoiry und dem Hoog zur Befreiung des Rheinland« führte, je mehr er sich als guter Europäer fühlte, dem schon die europäische Münze, die europäisch« Bricsnrarkc und die Wirtschaft- liche Vereinigung der europäischen Staaten nicht nichr als Utopie erschienen, desto mehr wandelt« er sich auch innerlich zum Re- publikoner: Der Vorgang war so«insach. Er hatte die Republik gerettet. als sie zu tiefst im Elend lag. Als sie langsam hochkam, hatte er sie geführt. Die Republik ist schwarzrotgald Sie war seine Republik geworden. So war auch er jetzt schwarzrotgald. Stresemann als Pazifist und Republikaner— wer holte noch 1919 nicht über ein« solche Voraussage gelacht! Aber seine Wandlung war eben doch nicht rein individuell fondern ging mit der wachsenden Erkenntnis weiter Kreis« der Bourgeoisie, daß Monarchisinus und Militarismus«in schlechtes Geschäft sind, Hand in Hand. Olden schließt sein Buch:„Es mag fem. wie es will. In diesen Jahren, an der Wende der Zeit war er Deutschland." Vielleicht! Aber sicher war er, verkörperte er die Bekehrung eines Teiles des deutschen Bürgertums zur politischen Vernunft. Bilder vom Lande lleber die, Grüne Grenze"! Welcher Reichsdeutsche ahnt überhaupt, wie schwierig es ist, auf legalem Weg von Polen nach Deutschland zu kommen! Di- erste Verbindung dazu ist das Erlegen van 3 99 Zloty Paßgebühren.(Jetzt betragen die Poßgebühren nur nach 250 Zloty.) Jedenfalls ist das Erlangen von Paß und Visum mit derartig viel Schwierigkeiten verbunden, daß es für mich unmöglich war, mir Paß und Visum innerhalb von drei Togen zu besorgen. In dieser Zeit aber mußte ich in Deutschland sein, um eine liebe, nahe Verwandte noch einmal vor schn>ercr, entscheidender Operation zu sehen. So blieb mir kein anderer Weg übrig als der, den viele Leute in ähnlicher Lage beschreiten: der Weg über die Grüne Grenze. Es gibt an der deutsch-polnischen Grenze genügend Orte, wo man für Geld einen Führer für den Weg über di« Grenze bekommt. Der gegebene Ort für mich war Usch- Di« Stadt Usch ist durch die Festlegung der Netz« als Grenze zwischen Deutschland und Polen in zwei Teile geteilt: die Stadt Usch gehört zu Polen, der Bahnhos Usch(Deutsch-Usch) zu Deutschland. Eine Brücke oerbindet Bahnhossgebiet und Stadt. Es gilt also, über diese Brücke zu kommen. Somit sind alle Erwartungen aus ein romantisches Schleichen durch nächtliche Wälder mit den nötigen Begleiterscheinungen hinfällig. Pünktlich traf ich in Usch ein. Gegen Abend begab ich mich in die mir als Treffpunkt bezeichnete Kneipe, um meinen Führer zu erwarten. Doch wußte ich weder wie er aussah, noch wie er hieß. Lediglich das Kennwort»»r durch dritte Personen festgelegt. Es mochte 8 Uhr abends sein, als ein Mann an meinem Tisch vorbeiging, der das Wort„Metropolit" flüstert« und dann das Lokal verließ. Ich folgte ihm unauffällig. Draußen auf der Straße gesellte er sich zü mir und ging wortlos »eben mir her. Vor der kritischen Brücke instruierte er mich kurz:„Der Posten ist mein Teilhaber, di« Kontrollbeamten in der Bude nicht. Gehen Sie deshalb unauffällig am Kantroll- Häuschen vorbei, ich werde mich solange in voller Breite vor dos Schalterfenster stellen und meinen Grenzübcrschreiwngsschein ab- stempeln lassen." Genau so geschah es. Während der Führer am Schalter stand. huschte ich hinter seinem Rücken vorbei auf die Brücke. Im sel- den Moment richtete sich eine B a j o n et t s p i tz e auf meine Brust und ich hob instinktiv die Hände hoch. Gleichzeitig sah ich in die gurgelnden Fluten der Netze unter mir. Kein Zweifel, durch irgendeinen unglücklichen Zufall stand heute der Teilhaber nichl Posten, und alles war verraten. Diese Gedanken schössen mir im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf. Doch hörte ich schon die Stimme meines Führers, der schnell herzugeeill war und dem Posten zurief: „Stachu, bist du oerrückt geworden?" .Ach so", antwortete der,.wo bleibst du denn? Um ein Haar hätte ich„Swj" gerufen." Ohne eine Antwort, zu geben, schritt der Führer mit mir weiter. Die gesährsiche Kontroll«»»r nun überstanden und erhobenen Hauptes gingen wir über die Brücke. Wir erreichten das Ende derselben—, wir waren in Deutschland. Die ganze G r« n z ü b e r s ch rei tu n g hatte sich in etwa vier Minuten abzejjpielt. Ein« halbe Stunde später reichte ich dem Führer aus dem Ab- teil meines' Zuges d-n vereinbarten Lohne einen Fllnfzigzlotyschein (etwa 24 Mark).; . Heut««sitzen" bereits Führer und' Grenzbcamtcr. Beide sind' zufällig erwischt worden. So ist Usch nicht mehr ein Tor in der grünen Grenze. Ein Ersatz entstand in der Stadt..... Doch nein, das darf ich heute noch nicht sagen. Franz. Franz ist Knecht. Seine Mutter hat irgendwo hinten in Pommern ein« Hülle mit vier Morgen Land. Das reiäst gerade für Kartoffeln. Ein älterer Bruder ist auch noch da, und so muß Franz, als er vierzehn Jahr« alt ist, sein Brot selbst verdienen gehen. Er hat„Glück". Ein Gutsarbcitcr, Antke, der selbst keinen erwachsenen Sohn hat, nimmt Franz als Scharwerkcr, Hofgänger. Die Arbeit ist schwer, doch Franz ist's gewöhnt. Er murr� nicht. Wäre ja auch zwecklos! Jeden Abend ißt er müde seine Grützsuppe, manchmal gibt es auch Pellkartoffeln. Ost muß er noch schwerer, schmutziger Tagesarbeiier auf dem Gute„zu Hause"— bei Antke natürlich— noch stundenlang für den Privatbedars Holz hacken. Des Nachts quäkt dann noch zuweilen eins von den vielen Kindern Antkes. Antke selbst ist nicht gut und nicht schlecht zu Franz. Gewiß. manchmal prügell er ihn, aber das läßt sich ertrogen. Zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten backt Antkes Frau einen Kuchen. Das sind schöne Tage. Von dem spärlichen Lohn schickt Franz regel- mäßig seiner Mutter Geld. Für ihn bleibt nicht viel übrig. Wenn er sich dieses Jahr einen Anzug kauft, reicht es nächstes Jahr nicht für neue Unterhosen. Di« Jahre gehen. Franz kommt nicht mehr nach Haus«. Nur dos Geld schickt er regelmäßig. Jahr für Jahr zieht er mit Antke von Gut zu Gut. Ucberall dieselbe Arbeit, dieselben Anschnauzereien. Abends haut«r sich hin. morgens muß er ausstehen, seine Arbeit mit Kühefüllern beginnen. Buch oder Zeitung nimmt er schon seit Jahren nicht mehr in die Hand., Wozu?! Anderes bewegt ihn. Er ist zwanzig Jahre alt,«in hübscher Bursche, nur etwas mager. Die Mädchen sehen ihn gern. Früher hat er sich regelmäßig in ein« Tochter seines jeweiligen Brotherrn oerliebt. Das ist nun vorbei. Ihm sind aus seiner Umgebung zwar etwa zwanzig Bezeichnungen für sexuelle Begriffe bekanrn, doch ist er rein wie selten«in Mensch. Verkehr mit Mädchen kenn» er nicht. Selbst was man so Jugentrnnart nennt, ist ihm unbekannt. Man verlacht ihn. Franz aber träumt. Er träumt von einem Mädchen, das ist wie er. Die Träume nehmen nicht feste Form o" Ein Sehnen, ein Suchen nur ist es. Bis er stirbt. Das geschieht, als er einundzwanzig Jahre all ist. Antke hat ihn zum Sornhole» mitgenommen.„Stehlen" nennt da« der Besitzer. Aber wenn das Mehl nicht reicht, muß man sich Roggen holen. Hungern und arbeiten tan» man nicht. Auf dem Rückweg springt Franz mit eineinhalb Zentner Roggen auf dem Rücken über einen Graben, zerreißt sich etwas innerlich und stirbt im Krankenhaus. Verlasien und allein Seine Muller kann nicht zum Begräbnis kommen, weil ihr das Geld fehlt, und Antke fehlt di« Zeit. Franz hat durch seinen Tod nur Schaden angerichtet. Seine Mutter bekommt kein Geld mehr, Antke muß sich einen neuen Schar- werter suchen, und dem Gutsherrn fehlt bis dahin eine Arbeitskrnft. • v..... i (4. Fortsetzung� „Gut/ beruhigte ihn Jliereftoter,„dann werde ich ein Dapür?« für dich kaufen/ „Was sagst du da?" „Ein Vapürte." � Mereyntje lachte. Er verinutete, dag er veralbert würde, und um zu zeigen, dag«r ihn wohl erkannt hatte, fragte er: „Das ist gewiß ein Furz in einem Netz?" „Was sagst du da?" rief Fliereflöter. und begann laut zu lachen. „Wein, kleiner Schelm, das ist kein Furz im?!etz... hahahahahal ... das ist ein Schiff oder eine Lokomotive, die von ganz allein? fahren." Mereyntje sah chn prüfend an. Diese Erläuterung konnte seine Bermuhing. oeralbert zu werden, noch nicht beseitigen. Zögernd fragt« er: „Das schwindelst du doch wieder/ „Gott bewahre. Junge, wirklich nicht/ „Wie ist denn das möglich?" fragte Mereyntje ungläubig. „Eine Lokomotive oder»in Schiff, die von ganz ollein? fahren?... Das gibt's doch gar nicht/ „Na, das gibt«s doch, und du wirst es sehen, wenn ich es aus Antwerpen für dich mitbring«. Du brauchst nur an einen, Schlüffel zu drehen und das Ding fährt." „Das muß ich aber doch erst sehen." „Wenn Gott es will, wirst du es sehen." „Wirtlich?" „Na. Donnerwetter, ich sag' es doch schon, ja!" Mereyntje sprang wie ein ZüHein und klatschte vor Freude in die Hände. Er vergegenwärtigt« sich schon, wie er, hoch über allen anderen, glürklich sein würde in dem Besitz eines solchen Zauberdingcs, das ein Bapürke hieß und ein unbekanntes, geheimnisvolles, leben- des Wunder war. ./laben sie da in Antwerpen lauter solche Zauberdinge? flogt« er neugierig. „Oh. Junge, Antwerpen»st«ine Stadt der Wunderl Da sind Geschäfte, viel größer als bei uns hier die ganze Kirche und die Herberge zusammen: gar nicht zu übersehen. Und die Häuser, in denen die Leute wohnen, sind hock), zwei, drei, fünf Etagen hoch... Und Schiff« sind da, die höher über de» Kai hinausragen als die höchsten Häuser des Dorfes../ „Haaa, haha!" juchzte Mereyntje.„Denkst du vielleicht, daß ich dir dos glaube? Ich bin doch kein kleines Kind mehr! Du bist«in Schwätzer. Fliereflöter. Verkohl' dich selber, aber mich nicht." Flieresiäter gab es auf. seinen kleinen Freund zu überzeuge»! er.mußte zu sehr lachen. Mereyntje betrachtet« dies als'.a Bekenntnis und lachte mit. zufrieden, daß er den Betrug entdeckt habe. „Ich habe Blosekriekskc«ine bunte gläserne Kugel kür ihre Wohnung geschenkt," erzählte er.„Die hat sich aber gefreut, du! Und sein sah sie aus, du, oben auf einem blauen Kandelaber, prächtig!" „Sie hat eine feine Puppenwohnuug da im Schuppen, was, Mereyntje?" „Ja, sie ist«in Wunder, so schön! Ich habe ihr versprochen, daß ich alles, was ich finde, für sie ausheben werde." „Du weißt den Weg zum Herzen der Mädel," lobte ihn Fliere- flöter.„Wenn du so fortfährst, rarst du viel Glück im Leben habrn, Mereyntje." Mereyntje erwog, ob er auf diese unbegreifliche Tirade mit einer Frage oder einer heftigen Antwort eingehen sollte: aber er war noch nicht zu einem Entschluß gekommen, als Fliereflöter plötzlich stehen blieb und Mereyntje zurückhielt: „Pst! Still!" flüstert« er,„sieh dort...«in Rotkehlchen..." Er zeigst: auf di« Hecke, und da sah der kleine Jung« ein.zierliches Bögelchen, das fem glänzendes, zinnoberrotes Brüstchsn mit dein spitzen Schnäbelchen bepickte, sich schüttelte, sein« Federn sträubte und mit den grau-bräunlichen Flügeln schlug, woraus es das Köpfchen reckte und ein zartes Frühlingslied anstimmt«: ein fröhliches, hohes Liedchen, sanft und lieblich. Plötzlich schwieg es und flatterte erschreckt davon. Doch kaum ein paar Schritte weiter flog es von neuem in die Heck« und blinzelte mit den dunklen, blinkenden Perlaugen neugierig auf das Paar am Weg«. „Ach!" wunderte sich Mereyntje..Lst das ein Rotkehlchen?... Wir haben in der Schill? eine Geschichte davon gelesen, aber gesehen hatte ich noch teins." Fliereflöters Gesicht war«» sinziger großer Vorwurf. Er schüttelt« den Kopf und sagte unzufrieden: „Ich dacht«, daß du bester au« den Augen gucken würdest, Mereyntje! Mir scheint, km bist wahrhaftig auch schon genau so«in Mucker wie die anderen Bauern hier und überall: sie sitzen mitten zwischen den herrlichsten Dingen, und wenn sie bisweilen davon erzählen hären, denken sie, daß es Wunder sind au» einer anderen Welt... Ich wette, daß du noch nicht mal einen Zeisig von eweni Stieglitz unterscheiden tanast?" „Nein," gab Mereyntje niedergeschlagen zu.„die habe ich auch noch nie gesehen." Mit Erstaunen und Freude betrachtete er da« Rotkehlchen, da« immerzu vor ihnen Herslog und dann und wann sich niederließ, um sie zu beobachten. Je—»HHe! daß solch« prachtvollen, bunten Vogel so einfach m ihrer Gegend herumflogen!... ..Paß' auf. ich werde dich die Vögel kennen lehren/ versprach ihm Fliereflöter. Auf einmal unterbrach er sich! ..Holla l... wa« ist denn dort los?" Er bliab stehe», und auch Mereyntje stand stocksteif vor Schrecken. Au« einem nahen ArbeitarhSuscho» hört«, sie di« Schrei««ine? Frau, da, Gebrüll oon Kinderstimnien und zwischendurch ein« grob« Männerstimme, di« fluchte und unvarständuch tobt« und schrie. Ce klirrte etwas auf den Fußboden, Teller oder Schüst«!». und da, Angst. geschrei wurde schriller. Wareyntje war bleich gewürden. Cr faßte Fliereflöter an der Hand und sagte mit bebender Siimme: „Komm, Fliereflöter, wollen wir nicht weitergehen?... Da- ist Toon Utklman», den sie alle„Tchnofis" nennchi. Et ist sichek S wieder besoffen, und dann schlägt er sein« Frau und seine Kinder immer. Komm lieber!" Aber Fliereflöter schüttelte Mereyntje? Hand ungeduldig ab und betrachtete finster d9-30 Wovon man spricht 20.00 Kabarett 22.»-23.15 OberuiJ. S4ajikieJ KartraiBlj änd FteEiIJpeklof Sebeib«; Drafit- loaar Emptanjr{araar featleaaa. AnscklieBend bbs 0.30; Tanzmusik. K« n i» t W a s t s r il a a k e U. 16.00 Stad.-Rat Thiel; ÜKr find Kalender. 16.30 Nsolmtiitarskcnfert von Lclprlr 17-30 Rainer Maria Rilke.(ReritatiM: Klte Foeräet.) 18,00 Dr. V. d. Qablaar: Aktienbllinz und Volkswirtschaftsbihnr. IS..30 EnilisCh für fortrcSchritteiie. I8.5S OürHet) Waberei(3). 19.20 WissenscbaHIJcher V ort ras flf Tifrh'rzte. 22.25 Tanzmusik. Ein Mann und zwei Frauen. Der Bnndesangestellle O. war Witwer. Cr tröstete sich mit einer Frau K. Test 1929 führte er mst ihr gemeinsamen Haushalt. Frau K. war verheiratet. Der Mann, der in Jugoslawien lebte, wollte sich mst dem Berschwindcn seiner Gastin nicht zufrieden geben. Um seine Freundin vor ihrem Gatten besser zu verbergen, meldete der Bundesangestellte sie unter dem Name» seiner verstorbenen Frau an. To wurde sie seine Ehefrau. Er erhielt für sie die Frauen- und Haushaltungszulage und als sie starb, auch den Begräbniskostenbeitrag. Dann erfuhr man aber, daß sie gor nicht seine Frau gewesen und belangte ihn wegen Betruges. Da- Gericht sprach ihn frei. Es nahni an, der Angeklagte fei im guten Glauben gewesen der.Lebensgefährtin gebühre die gleiche Frauenzulage wie der angetrauten Gattin. Die Indianer vermehren sich wieder. Bei der diesjährigen Voltszählung der indianischen Bcvölkc- rung der Bereinigten Staaten mit Ausnahme Alaskas zeigte sich gegen das Borjahr ein Anwachsen der Kopfzahl um über 2999. In-- gesamt wurden 349 595 Indianer gezählt, oon denen die loestaus größte Anzahl in den Indianer-Resorvatianen des Staates Okla- homa angesiedelt sind. In New, Bork leben etwa 6999 Rothäute. Der älteste Briet von Amerika. lieber den Berkaus des ersten Briefes/ der von Amerika nach Europa gesandt wurde, weiß di«.Kunstauktion" zu berichten. Es yandest sich um ein Schreiben des Diego Kolumbus eines Sohnes de» Entdeckers, an den Erzbifchof von Toledo, das am 12. Januar 1512 abgeschickt wurde und das interessanteste der drei Schriftstücke ist, die wir von der Hand des Diego Kolumbus besitzen. Dieser, der im Jahr« 1526 im Alter von 52. Iahren starb, beschreibt hier die ersten Jahre setner Tätigkeit in der Neuen Welt und die erste Expedition nach Kuba: vom Erzbifchof verlangt er die Entsendung neuer leistungsfähiger Missionare. Für den Brief sind 147999 Mark gezahlt worden: er wird vermutlich nach Amerika zurückkehren. Ein Krösus, der als Bettler stirbt, Der frühere Londoner Advokat John Wllins, der. von krank- hafter Menschenscheu befallen, das Leben eines Hungerleiders führte, wurde kürzlich im Keller des prunkhasten Hauses, das er im vor- nohmsten Viertel Londons bewohnte, tot aufgefunden. Sieben Jahre hatte er einsam und-verlassen in dem Palast gehaust. Trotz seinem ungeheurem Reichtum hatte er sich standhast geweigert, Steuern und einlaufend« Rechnungen zu bezahlen, so daß ihm Gas, Wasser und elektrischer Strom gesperrt worden waren. Als er sich mehrer« Tage oicht gezeigt hatte, schritt die Polizei zur gewastsamen Oeffnung des Hauses Dabei fand man den Alten tot auf«insm Haufen alter Kleider liegen. Das Haus hast« fast keine Möbel: unter den Papieren des Verstorbenen fand man unter anderem«Inen Scheck über'2A0 Pfund Sterling, den er seiner Bank Nicht überwiesen hatte. Lateinische Schrift tür Sowjetrußland? D'.e von der Sowjetregierung bereits einmal einschneidend ruorganisierte Rechtschreibung soll setzt noch w«ster umgestaltet wer- den. Zu diesem Zweck sind drei Kommissionen gebildet, von denen zwei sich mit R«chtschreibuna»frogen zu befassen haben, während e» Ste Ausgab« her bristen ist, die Möglichkeit dar Einführung de» lateinisch»» Alphabet» für da» russische Schrifttum zu prüfen und entsprechende Vorschläge auezuarbeiteiL Bereits am 15. Dezember wird eine Sigmig der drei Kommissionen unter Hinzuziehung von Bertreier» fast aller wissenschaftlichen Institutionen und des Schul- ressarts stattfinden, um weitere Beschlüsse zu fassen. Gleichzeitig hoben auch dl« Deutschen der Wolgarepublik einer Kömmlsslon die flingestakkung vzw. Modernisierung der Rechtschreibung iidertrogen. > UfyyrfundoJfiLel W eihnachissport« Arbeheraihleten und-Artisien. Jin Tegeler Strandschlog bot die„Freie S p o r t v e r e i n i- g il 11 g Tegel 1899", Mitglied des Zlrbeiter-Turn- und Sport- bundes,rt>»st. Soiliuzbeilb. A. Dkzember. 19>. lvlr.'S.'ncrelocr. saumiluvs b«i Schill.,, ikarmen-Siiloe-Skr. ZI. SlnschlirHcild ilntcrlililiimg.z- eben». Areic Schivimmec Sroj-Aerli», t. B. Eiuvpc Stitte: isrucraliiersaaimiunli mit äcnotoorftanti Sonitfoff, Ä.?«.?nirbcr, 15 Uhr. Kirolraa-zchik-e, Schön- lxmser ÄUre A. ÄnschlieecnS«!>«:> Eoimtmi Rodel fttuc. Start S1, Uhr Deiftftr. 63.— 10. Abt.: 39.?ciemdcr. 13 Uli:. Star: Petersburger Str. ö, bei Witlschuä.— Rennfahrer Abt.: 29. Te.iembrr. 8!i Uhr. Treffetr bei Lohan. Briiderslr. 16. Tonnerstag. 2. Januar. 19?-: Uhr, Trai- ning. Tnrnhalle Növenicker Slr. 122.— Abt. Sharlottenbnrq: 39. Dezember. 13 Uhr, Ziel am Start«anal- Lckc Witmersborfer Straße.— Abi. Sicalölln: A. Dezember. 13 Uhr,.Jiel am Star: Sohenioilcr»v!vß. Abt. Steglit,: 29. De.fenrber. 12 Uhr, Weihuackilsfeier im Vercinslotal S. Schul,. Birtbufch- ftraßo M.— Abt. Weißensce-Scineraborf: 38.?e.,embrr. 30 Ubr. Pereinslotai Baranir. Keiuersdors. Kaifer.WiIl»c!m.Str. 12.— Motarradfahrer. Abt. berg: 2S. Dezember. 13 Uhr. wird Ziel an: Starr belairntgcgcben. Start Siirdi- Quelle, Reichenberger Str. 91.— Abt. Zriebrichshai»: 31 Tezeniber. 30 Ahr. Silvefierfeier. fsortnna�Sale. Strausberger Str. 3. Donnerstag. 2. Januar. 30 Uhr. Sißung ebeirda.— Abt. Reuiölln: 13 Uhr Ziel am Siart Dohr>- zolernnlati. ?TGP.. Mnsitkae»«. Nächste Uebungsstimdc Montag. 30. Te/icinber.. Streicher 19 Uhr, Bläser 29 Uhr, Aernlannstr. 1>. Neitaurgnt Utte. Neujahrs tag Partie nach Rahnsdorf. Restanrant Waldkchlößäicn iilhnoid). Trefromät 13?: Uhr Bahnhof Jr>idrichsl>agri>. kepublilcaiAiscke Sportler in l'iroi. A. S. Innsbruck. 25. Dezember. Der republikamjche„Deutsche Winterspoitverband" und die Reichs banner-Wmtersportabteilung haben die Weihnachts- feiertage zu einer Fahrt in das T: r o l e r Land ausgenutzt. Kurz vor Weihnachten ging's los, der Münchcner v-Zug brachte die stattliche Reiseschor nach dem Süden, noch Innsbruck. Der Schnee lockt, feder will recht schnell die Bretter unter die Füße bekommen, nn, auf dem weißen Teppich in die Berge hineinzufahren. Wetterstein- und Karwendelgebirge zeigen sich im weißen Feiertagskleid. Die Mittenwaldbahn führt hinein in die Wunder- weit des Schnees, die Bergriefcn rücken immer enger zusammen. Durch das enge Tal schlängelt sich der Inn, hin und wieder leuchtet aus dem weißen Schnee cm Dorf auf. Am Bahnhof Innsbruck begrüßen die österreichischen Eisenbahner die deutschen Republi- kaner mit ihrem F reundschajtsgruß. Die Landeslcitung des Tiroler Schutzbundes geleitet die Freunde aus dem Reich in das Gewerk- schaftshaus„Goldene Sonne", wo alles zum Empfang osrbereiiet ist. Schnell geht es an den reichgedeckten Mittagsiisch und dann in die Stadt. Die Tiroler zeigen ihr Land von oben, die Hungerburg- bahn führt in die Berge. Ein Herrlicher Weitblick in die Welt der Bergriesen bietet sich hier. In den Straßen flammen die Lichter auf. die Bergesspitzen machen sich zur Nachtruhe bereit, sie ziehen ihre Nebeltappe über. Das ist auch für die Winierjportler das Aeichen zur Rückkehr, dem unten im Gewertschaftshans erwarten sie die Schutzbund-Mannschaften nnd die sozialdemokratischen Parteimitglieder zu einem geselligen Abend. Der Saal des Gewerkschaftshouses war überfüllt, als dos Programm begann. Nach Ntusikvorträgcn sprach im Auftrage der Laichesleitung der Vorsitzende des Tiroler Schutzbundes die Bc- grüßungsworte: er drückte seine besondere Frei'de darüber au-, daß die Republikaner praktische Zlnfchlirßarbeit dadurch leisten. daß sie im gegenseitigen Besuch imnwr wieder die sreundschastlicheu Bande erneuern. Die Tiroler Bevölkerung steht ireit zur Republik und hat in den letzten Wochen einen scharfen Abwehrkampf gegen die Heimwehrsaschisten durchführen müssen. Nirr weil sie die Ruhe bewahrten, konnten sie auch für sich den Sieg buchen.'Noch ist der Hennwehrfaschismus nichtvendgültig gc schlagen» die Tiroler Sozialdemokraten und Schutzbundnütglieder stehen aber bereit, um jedem Anschlag gegen die Freiheit entgegen zutreten. Besonders herzliche Worte fand der Sprecher des Schutz- bundes über den Empsang. den das Reichsbamier im August in Berlin zum Verfasslingsirrge oeranstaliek hak. Noch heute schwärmen die Schutzbundmitgliedcr von diesem imposanten Aufmarsch uai» der aufopfernden Gastfreundschaft der Berliner. Im Austrage der deutschen republrtanijchen Wintersportler dankte Breslauer für See herzliche Aufnahme und den so gut gelungenen geselligen Abend. Stundenlang mußten die Tiroler ihre Heimatlieder singen und Schuhplaitlerlänze vorführen, die selbstverständlich Beifallsstürme bei den Berlinern auslösten. Steuerpflicht bei Sportvereinen. Gemeinnützigkeit von Sport-Wirtschaftsbetrieben anerkannt! 3m.Abend" vom 12. Dezember hakte unser DlilarbeUer Rottamm die Möglichkeil zur Skeuererleichteruug und Steuerbefreiung von Sportvereinen mit eigenen Grundstücken erörtert. Ein Arbeitcrfportverein, der nach seinen Satzungen gemein- nützigen Charakters und demzufolge von der Zahlung der Steuern befreit ist, errichtete auf seinem eigenen Gelände ein massives Vereinsheim mit einem Kostenaufwand von rund 70000 Mark. In diesem Heim ist eine Wirischaft untergebracht, in der Scretnsmii- glisdern für billiges Geld— d. h.. nicht teurer als anderwärts— Speisen und Getränke verabreicht werden. Die Tatsache, daß der Verein mit Hilfe geliehener Gelder dieses Heim ausgebaut hat, genügte dem Zinanzamk, dem verein die Gemeinnützigkeit abzuerkennen und ihn aufzufordern, rückwirkend Vermöge ns-undKörp«r- schastssteuer zu bezahlen, was zur Folge hatte, daß auch die Gemeinde die Zahlung einer Gewerbesteuer forderte. Ws Gründe für diese Auflage führte das Finanzamt u. c. an: Nach der Satzung wäre nicht die vom Gesetz verlangt« Unmittelbarkeit und Ausschließlichlest des gemeinnützigen Zweckes gegeben. Nach dem Text der Satzung sei nicht der gemeinnützige Zweck die Hauptsache, sondern der Besitz und der Betrieb der Grundstücke zeige sich zu- nächst als Hauptzweck, und erst in zweiter Lim« sollten gemein- nützige Bestrebungen verfolgt werden. Das unter Aufwand großer Kosten errichtete Bereinsheim diene allen möglichen Bestrebungen gesellschaftlicher, sportlicher und politischer Art. und der Ausbau des Hauses dessen Kosten weit über den Dereinszweck hinausgingen. mußt«'zur Folge haben, daß für den gemeinnützigen Zweck kein« Mittel mehr übrigblieben. Der gegen diesen Bescheid beim Finanz- goricht eingelegte Einspruch hatte Erfolg. Das Finanzamt beruhigte sich ober nicht und legt« die Rechts- b« ich werde beim Reichsfmanzhos ein. der sich das Reichsfinanz- mimfkrhtm anschloß. Die von dem Geschäftsführer ber Gesellschaft für Vermöge nswahrung und-Verwaltung(einer Abteilung der Ar- vettachaitf) eingelegte Rechtsbeschwerde beim Reichssinauzhos Helte Erfolg. Der erste Senat kam gemäß Urteil vom 27. April 1929 zur Ab- Weisung der Forderung des Finanzamts und auch des Reichs- stnanzmtnisteriums. Dem Arbeltcrsportoerein wurde dt« GemeinvÜtzigkeit belassen: die bereits ge- zahlte Körperschafts- nnd V e rm ö gen s st e n e r wurde zurückoergütet. Wesentlich und von ganz prinzipieller Be- deulung sind die Ausführungen des Urteils, soweit es sich mft der Frage befaßt, ob einer Körperschaft gemeinnützigen Charaktö?:., sosern sie einen Mirtschastsbe trieb führt, die Gemeinnützigkeit aus diesem Grunde abzusprechen ist. Das Urteil besagt jn seinem wesentlichen Teil:, „Die Tatsache der Führung eines lvirtschastsbetriebes behindert die Avertsiinung der Gemeinnützigkeit nicht, wenn aus dem Mrtschaslsbelrieb die Alitlel erreicht werden, den gemeinnützigen Zweck zu erfüllen." „Wenn von einem lNeirfchen gejagt wird," jährt dos ikteil fort,„daß er ausschließlich seinem Vaierlande gedient habe, so ist damit gemeint, daß der Betreffende alle die Tätigketten, in denen er die Erfüllung seines Lebenszweckes erblickt, lediglich im Interesse feines Vaterlandes geübt Hobe. Der Betreffend« hat währenddem natürlich geatmet, gegessen und sich auch seinen Lebensunterhalt erarbeitet» also Tätigkeiten ausgeübt, mit denen cr der Erhaltung seines Körpers„gedient" hat. Niemand wird ober bei der moralischen Wertung— und die Prüjung der Ge- meimilltzigkeit ist zu einem guten Teile auch eine maralische Wer- tung— die zur Erhalwng des Daseins!?otwendigen Handlungen als egoistische werten und damit den Charakter der ousschließ- | lichen Selbstlosigkeit einem solchen Menschen absprechen. Wie die physischen Personen, müssen auch die Körperschaften und Vermögens masseu Tätigkeiten ausüben, um sich am Leben zu erhalten. Diese Tätigkeiten sind nicht unmittelbar gemeinnützig und können es nicht fein. Wer also verlangt, daß alle Tätigkeiten einer nach§ 9 Absatz 1 Rr. 7 des Körperfchastsgesetzes befreiten Körperschaft uumittel- bar gemeinnützig sein sollen, schneidet diesen Körper- schaften die Leb en sm öglichkeit ab und hebt damit die ganze Befreiungsvorschrist tatsächlich auf." Der Reichsfinanghof kommt nach Widerlegung der umfangreichen Ausführungen des Reichest naitftn'msstermrrra zn dem End- urteil, indem es sagt, ,datz der Senat an der beretts aetrojfcnen Entscheidung seschätt. daß eins Körperschaft als ausschließlich gemeinnützig anevkannt worden kann, auch wenn sie sich die Mittel zur Verfolgung ihrer Zwecke durch«inen Gewerbebetrieb erwirbt. Da festgestellt ist. büß der Zweck des Vereins ist. einer zahlreichen Gruppe der Bc- völkerung Belegenheit zum Aufenthalt und Spiel in freier Luft und im Grünen zu geben, zu Geselligkeit ohne Alkoholzwang. aber doch mit der Möglichkeit. Erfrischungsimttel zu bekommen". ist dem Antrag ' traf«netfer tttirg der Ger-em:"tz'g?:.: fs�-tgeben worden. U. Heitflbcfg. / v;>■ �yy-'T'■' 'Das „Weiße Staus" Die Anüsttohnung des 3>räfi üenten der Verein igten Staaten, in der am Iteih nachlsabend ein Strand ausbrach. Das Scucr ift durch ein iindichlesOfenrohrentftanden Jahresbilanz des Faschismus. Aussöhnung mit dem Vatikan.- Zentrum der Weltreaktion. Locarno, End« Dezember 1S29. Bei einer Rücrjchau aus Italiens Politik im abgelaufenen Jahr gebührt dem Friedensschluß mit dem Vatikan die erste Stelle. Er war das wichtigste Ereignis des Jahres, als Symptom und Merkmal einer seit langem heranreifenden Situation, deren Wirkungen zeitlich und räumlich weit ausstrahlen. So paradox es klingt, bedeutet dieses Bündnis den Verzicht de» Faschismus auf die Gewinnung der breiten INaffen mit eigenen Mitteln. Der Faschisnius hat«ingesehen, daß er keine Werbekraft gegenüber d«r breiten Masse hat, trotz der gewaltigen demagogischen Begabung seines Führers. Schwer einzusehen war das nicht, denn die der arbeitenden Klasse v»m Faschismus zugeteilte Rolle, Kinder zu zeugen, für den geringsten Reallohn aller europäischen Länder zu arbeiten und sich im übrigen ihre Uebcrzcugungen, ihre Gefühle und sogar ihre armseligen Drcigroschenfeste vorschreiben zu lasse», ist nicht danach angetan, ein Proletariat des zwanzigsten Jahr- Hunderts zu begeistern. Der Gegensatz zwischen Faschisnnis und Arbeiterschaft ist ja nicht zufälliger und vorübergehender Art, sondern folgt aus der beiderseitigen Wesenheit. Der Faschismus will eine bevorzugte Minderheit zum Lenker der Geschicke des Landes bestellen, für die di« eigene privilegierte Stellung der eigcnt- liche Sinn und Zweck d«s Staates ist. Zu dieser Staat-anfsassung und Praxis wird man nun und nimmer eine Mehrheit bekehren tonnen. Alsogilt es, gegen diese Mehrheit zu regieren, und dazu braucht man Bundesgenossen. Wer nicht Wurzeln schlagen kanl?, wo er steht, braucht äußere Stützen. Aus dieser Sachlage ist der Lateransvertrag entstanden und entstehen weiter die Bündnisse mit den aufstrebenden faschistischen Bewegungen der anderen Staaten. Sie yerniehren zweijellos die Fähigkeit d«s Faschismus, sich zu be- haupten, aber sie verwandeln ihn allmählich aus einer nationa- listffchen Bewegung, in der sich italienische Eigenart entfalten sollte, zu einem internationalen Sachwalter der Reaktion. Was hätten denn Vatikan und Faschismus sonst gemeinsam, außer der Reaktion? Soweit sie diesseitige Zwecke hat, will die Kirche ihre Macht und nicht die des Faschismus: ihr« jenseitigen Zwecke sind durchaus individualistisch. Es ist ja die große gefchicht- liche Tat des Christentums, das Individuum als Selbstzweck— mit feiner zu rettenden Seele— aus der Masse, die dem antiken Staate nur Mittel war, herauszuheben. Der Faschismus stellt dagegen in seiner offiziellen Theorie den Staat als Zweck auf und die Menschen als Mittel. lind was haben die österreichischen Heimwchrleute und die deutschen Hitler- und Stahlhelmmänner mit Mussolini gemeinsam, außer der Reaktion? Absolut nichts. Höchstens den Haß gegen Frank- r�ich, der dem Faschismus um den Preis der nalienischen Emi- gMuleu f«il wäre. Der Faschismus hat jede Eigenort abgestreift, um sich zu behaupten. Aus einem Bannerträger italienischen Wesens. als der er sich cingesllhrt hat, ist er zum Handlanger der inter- nationalen Reaktion geworden� die auf sein ganzes„nationales. Pro- granun" pfeift und sein internativnales Mittel hoch hält. So bc- hauptet sich der Faschismus, indem er sich aufgibt. Nichts ist also natürlicher und war mit größerer Bestimmtheit zu erwarten, als die absolute llnverträglichkcit der Frischoersöhnten Keiner traut dem anderen. Wäre das Bündnis auf Grund gemeinsamer Ziele erfolgt, so könnte es den beiden gleichgültig sein, wer die Jugend im Sinn« dieser Ziele erzieht; nun aber jeder weiß, daß er die Jugend wo anders hinführen will, muß es zu Konflikten kommen, wie es in der Folge bei der Austeilung aller Machtgebiete kommen wird. Diese Konflikte sind.natürlich jetzt viel giftiger als sie vor der Versöhnung waren, weil der Vatikan wie de? Faschismus sich in dem Selbst- betrug freuen, ihr Bündnis einer anderen Gemeinsamkeit als der der Reaktion ziizuichreibcn., Daß der Fafchisnuts gänzlich den Gedanken aufgegeben hat, jemals anders als gegen die Massen zu regieren, geht auch daraus hervor, daß er im Jahr« 1929 keine einzige der Knebelungsmaßnahmen des Regimes abgebaui hat. Das Spezialgericht hat weiter gewütet, hat den Genasien Pertini wegen ontifafchistsicher Berichterstattung im Austand zu zehn Jahren sechs Monaten Zuchthaus verurteilt und den Slowenen Gorton zum Tode, als Anstifter eines ilcbersolls auf ein« zur .Wohl" kommandierte Bquernschor- Es hat den Schweizer Bürger Giuseppe Peretti aus zwei Jahre ins Zuchthaus gesteckt, well er Geldspenden unter den Familien der politischen Gefangenen verteilt hat, und hat auch über«inen der Seinen zu Gericht sitzen müssen, über Cesare Rossi, einen der Mitverantwortlichen für die Ermordung Matteottis, der die Kunst des Schweigens nicht ver. standen hatte. Während andere Mitschuldig« Ministerpräsid«nten, Minister und administrative Generalsekretäre der Part«! sind, bekam Roffi dreißig Jahr« Zuchthaus, wegen Verbrechens gegen den Staat, das er durch Ausplaudern begangen hatte. Der Faschismus verzichtet auf keins seiner Represiionsmittel, weil er sie alle heute noch nötiger Keucht als am ersten Tage. So hat man«s nicht einmal gewagt, den Lateranspakt durch«ine politisch« Amnestie zu feiert� Mussokrni hat ennnal g-sagt. der faschistisch« Staat unterschiede sich vom liberalen darin, daß der liberale sich verteidigt und der sa« s ch i st i s ch e angreift. Das klingt wie hundert pra.zentiger Un- sinn, hat aber doch seine Methode. Denn was der Faschismus Staat nennt, dos sind die Nutznießer des Staates, und diese sind im fa- schistischen Regime eine kleine Minderheit, die nicht nur alle ein- träglichcn Stellen als ihr Monopol betrachtet, sondern auch«in besonderes Strafrecht zum eigenen Schulz hat und besondere Richter für ihre eigenen Gesehesverlehungen. Wer einen Faschisten angreift, kommt vor das faschistische Spezial- gericht und Hot di« im heutigen Strafgesetz noch nicht vorgesehene Todesstrafe zu gewärtigen; wo dagegen ein Faschist selbst die Gesetze verletzt, wie der Podcsta von Mailand, B c l l o n i, durch seine Riesenunterschleife, so ist er vor den gewöhnlichen Gerichten sicher und kommt vor«in Parteigcricht. dessen Urteil der Genehmigung Mussolinis bedarf. Diese privilegierte Minderheit, die sich mit dem Staate identifiziert, greift tatsächlich an, macht Ausfälle gegen die Recht« der Bürger und hat nachgerade die Hoffnung aufgegeben, dem eigenen Lande je anders als in Trutzstcllung gegenüberzustehen. Aus dieser Stellung heraus ist das neue Strafgesetzbuch und die neue Strafprozeßordnung entstanden, die nur noch der Formalität der Annahinc durch Kommer und Senat bedürscn, um in ihrer mittelalterlichen 5inrte über Italien hereinzubrechen. Der faschistische Staat greift tatsächlich sein«igenes Land an, wie«ine Krebsgeschwulst den eigenen Körper zerstört, indem sie lebt. Ja, aber dos neue faschistische Versossungsgebäudc, der Ständestaat? Wie tonn man Rückschau über das Jahr 1929 halten, ohne dieses Ständestaates zu gedenken, der in diesem Jahre vollendet wurde? Dieses großartige Gebilde faschistischer Gcstoltungskrast Übersicht man leicht; es gibt wohl in ganz Italien keinen Menschen, Mussolini und Roceo einbegrissen, die sich bei diesem Papicrgespenst irgend etwas denken können. Das Ganze ist wie«in Kartenhaus aus Worten, deren jedes einen Rat, einen. Ausschuß, eine Kam- Mission oder ein Komitee bedeutet und wortgcmäh zusammengefügt werden muß, um in ein« Spitze Mussolini auszulaufen. D«r ganze Unterbau ist überflüssig; die Spitze weiß ganz allein, was sie will, und wo sie es nicht weiß, bezieht sie di« Ideen in keiner Weis« von den Räten, Ausschüssen, Kommissionen des Komitees, die ihrem Ursprung nach gar nicht dazu befähigt sind, die Bedürfnisse der sozialen Gruppen zu crfasicn und wcitcrzulciten, als deren Ausdruck sie gelten. Der foschistischc Ständestaat, der keine Gewaltentrennung kennt, sondern nur eine alles in sich vcreinigcitde Exekutive, hat drei der Regierung beratend zur Seite stehende Körperschaften: den hohen Rat, dos Parlainent und den Rat der Knrpo- ratio ncn, den als„neuen Meilenstein der Weltgeschichte" Kammer und Senat soeben von sich zu geben im Begriff stehen. Der hohe Rat besteht aus von Mussolini ernannten Partcifunktio- nären; er schlägt beim Wechsel der Ministerpräsidcntschaft der Krone die Nachfolger vor, hat auch bei der Thronfolge mitzureden und trifft die Auewahl unter den von den Berussvcrbänden vorgeschlagenen Abgeordneten. Die Kammer wird somit von Mussolini ernannt unier dem Uinweg über den hohen Rat; der andere Teil des Parla- ments, der Senat, wird auch von Mussolini ernannt, unter dem Um- weg über den König. Der Rat der Korporationen hat, wie d«r hohe Rat, Mussolini zum Vorsitzenden und besteht aus Funktionären und Delegierten der Arb«it«rsyndtkate und der Unternehnierverbände. Er kann den unter den Syndikaten und Verbänden getroffenen oll- gemeinen Vereinbarungen Gesetzeskraft geben und soll die Pro- duttion regulieren, ohne der privaten Initiative Abbruch zu tun. Sobald ihm diese Quadratur des Zirkels gelungen ist, werden wir uns gebührend mit ihm beschäftigen. Einstweilen genüge es, festzustellen, daß durch dieses dritte Anhängsel der vom Ministerpräsidenten aus- geübten Exekutivgewalt der Ständestaat im achten Jahre faschistischer Zeitrechnung seine Vollendung erfahren hat. Wie das Zebra dazu dient, den Buchstaben„Z" in der Fibel zu illustrieren, so dient der Ständestaat einstweilen dazu, der nach Argumenten verdursten- den Presse des Faschismus den„Puzzle* zu liefern: was ist der Ständestaat? Vielleicht können wir im nächsten Johresschluhbericht die Antwort oerraten. Wirtschaftlich geht es Italien schlecht. Die Industrie klagt wegen der sinkenden Kaufkraft des inner«» Marktes. Die unmöglich« Ausgabe,«in Land mit 131 Ein- wohn«rn auf den Quadratkilometer, mit vielem B«rglond und un- fruchtboren Küsten in ein reiches Agrarland zu verwandeln, ist auch im Jahre 19Z9 ihrer Losung nicht näher gekommen. Die gewaltsam« Ruralisierung. die durch Abschieben aus den Städten vollzogen wird, ergibt natürlich zahlenmäßige Resultate, die man. wenn nicht bei der Loltsvermehrung. so doch bei der Volksverschiebung durch Polizeimaßnahmen«rzielen kann. Aber sie führt zur Ver- elendung des Landes und durch Verminderung seiner Kaufkraft zur Krise der Industrie Die Finanzgebarung des Staates ist nach wi« vor dunkel. Dem Zuge nach abwärts hat die konsolidierte Liga nur in minimaler Weise nachgegeben. Der Faschismus baut mehr auf gute Miliz als auf gute Finanz. Für ihn bedeutet da» abgelaufene Jahr eine Verschiebung fctowt Schwerpunktes. Er rechnet nicht mehr damit, im« i g e n e n Dolk «ine Grundlogo zu finden, die ihm die Abrüstung erlaubte. Er ist auf Unversöhnliches gestoßen; daher die Versöhnung mit dem Vatikan. die Bündnisse mit der Reaktion in allen Ländern. Di« Fiktion, eine „zentralifierto Demokratie" und der„wahr« Volksstaot" zu werden, ist fallen gelassen worden. Der Faschismus begnügt sich jetzt damit, die Zentrale der internationalen Reaktion zu sein. Das ist eine Drohung und eine Verheißung. Sie Besetzung von Berlin. Was französische Generale Ende ilSIS nicht erreichten. General Mordacq, der frühere Chef des MilitärkabineUs von Clemenceau, macht seit einigen Monaten wieder viel von sich reden. In der Zeitschrist„Revue des Dcux Mondes" vom 20. Dezember veröffentlicht er«inen Artikel unter der Ueberschrist:„Hätten wir in Berlin einziehen sollen?" Hier untersucht er die Frage, ob es 1918 nicht viel besser gewesen wäre, den Waffenstillstand in Berlin unterzeichnen zu lassen. Dann wäre auch nicht die „Dolchstoßlegende" ausgetaucht, sondern man hätte den Deutschen wirklich vor Augen geführt, daß sie militärisch besiegt worden sind. ,Ln den ersten Novembertagen des Jahres 1918 konnten die Deutschen nur noch 880 000 Mann im Westen(184 Divisionen, wovon 17 Rcscrvedivisionen, darunter nur zwei srischc Reser»«- divisioncn) den 1 300 000 Mann der alliierten Truppen entgegen- setzen(102 französische Divisionen, 60 englische, 12 belgische und 29 amerikanische, die den doppelten Mannfchoftsbestand der anderen hatten). Der Angriff des Generals de Castelnau in L o t.h r i n g e n mit 22 Divisionen, einem Kavallcriekorps und einer amerikanischen Armee gegen sechs deutsche Divisionen hätte den Deutschen eine entscheidende Niederlage, ein neues Sedan, bei- gebracht. Marschall Fach soll von den politischen Persönlichkeiten um seine Ansicht gefragt, ein derartiges Zerschmettern der feindlichen Kräfte habe vermeiden wollen, um kein Blut unnütz zu ver- gießen. Kalholisch-rcligiösc Gründe dürsten hier bei Fach maß- gebend gewesen sein:„Bor solchen Gefühlen kann man nur schweigeild den Hut ziehen, was jedoch nicht verhindert, von einem anderen allgemeinen Gesichtspunkt aus fein Bedauern darüber ctus- zusprechen!" Mordacq stellt die Frage, ob wohl Wision(im Gegensatz zu dem General Pershing), der englisch« Marschall Haig und Orlando einen Weitermarsch der französischen Truppen bis Berlin gebilligt hätten, und er verneint sie offen.„In Frankreich war eine große Zahl von Generälen und Offizteren s ü r die Fortführung des Krieges. aber das war nicht die Mehrheit. Diese Mehrheit wollte Ritterlichkeit üben. Sie kannte nicht die deutsche Mentosttät und den Sinn der Berliner Ereignisse. Sowohl vom st rate- zischen wie vom politischen Standpunkt aus haben die Alliierken damals einen Irrtum bc-- gangen." Mordacq erzählt weiter: Am 5. November 1918 faßte der Oberste Rat den Beschluß, Deutschland im Falle iveiteren Widerstandes von Salzburg mit 12 französischen und italienischen Divisioncn und von Innsbruck aus mit 10 italienischen Divisionen onzugreisen. Deutschland hätte an dieser Stelle nur 2 Divisionen einsetzen können.„Damals wären wir knapp vor München gewesen! In den ersten Dezembcrtagen des Jahres 1918 hätten unsere Truppen auf bayerische ni Gebiet gestanden!* Die Unterzeichming des Waffenstillstandes hat«s Deutschland enpart, daß Clenienceau sein Weihnachtssest 1918 linier den Linden in Berlin beging. K. L._ H Ein alier Berliner. Wilhelm Knütter, der Senior der Sektion der Kraft- fahrcr der Berliner Bezirksoerwaltung des Deutschen Verkehr- bundes, einer der seltenen alten Herren, die sich trotz der Jahre noch jung fühlen, wurde ain ersten Wcihnachtsseicrtag 7 5 Jahre alt. Nach Beendigung seines Studiums auf der höheren Gemcindcschule seiner Geburtsstadt Berlin, bestand Wilhelm mit Glanz sein hoch- notpeinlichcs Examen als Droschkenkutscher 1. Klasse. Doch nicht allzu lange blieb er seiner Rosinante treu. Bold vertauschte Knütter Leine und Peitsche mit der Feder. Das Ver- trauen seiner Berufskollegen berief ihn Anfang der 90er Jahre zum 1. Vorsitzenden des Vereins Berliner Droschken- k u t s ch e r. Hier redigierte er gleichzeitig dos Fochorgan„Die Fahrzeitung*. Im Jahr« 1906 vollzog der Bcrein sodann seinen Anschluß an den damaligen Deutschen Transportarbeiterverband. 1910, bei der Zusammenlegung der Ortsverwaltungen zu einer ein- heitlichen Bezirksoerwaltung wurde Knütter zum st« l l v e r- tretenden Bezirksleiter bejördert und übernahm die Aus- kunits- und Rechtsschutzabteilung der Organisation, in der er bis kunfis- und Rcchtsschutzabteilung der Organisation, in der er bis zu stand mit großer Umsicht woltew. Aber auch nachher sprang Knütter noch sehr oft hilfsbereit ein. sobald Not am Mann war und ihn die Organisonon rief. Durch jahrzehntelange Tätigkeit in der Partei und als ehrenamtlicher B- z i r k s v o r st e h e r hat er sich auch die Achtimg seiner Partei- genossen erworben. Ucücrall stand und stehr Wilhelm Knütter seinen Mann. Niemals in seinem Leben hat er versagt. Ein Ansnahmeseiertagskind im besten Sinne des Wortes. Unsere herz- lichsten Glückwünsche begleiten ihn sür sein ferneres Erdenleben. Die Arbeiterschaft gedenkt ihrer Vorkämpfer. Jubilar- und Weihnachtsfeier der Maschinisten. Am Freitag hotte die Ortsgruppe Berlin des Zentralverbandes der Maschinisten und Heizer ihre I u b i l a r c sowie einen Teil ihrer alten invaliden Kollegen zu einer Jubilarseier nach dein Berliner Gcwerkschastshaus eingeladen. Erschienen waren über 100 Pioniere der Gewertschaftsbcwe. gung. In der Ansprache wurde daraus hingewiesen, daß gerade die Erschienenen diejenigen seien, die den Gedanken der freien Gewerk- schafen unter den Mitgliedern unermüdlich propagiert haben und auch zum Aufstieg der Organisation an erster Stelle mitwirkten. Als Vertreter des Aerbandsoorstandes überbrachte Schlich- t i n g die Grüße des Berbandsvorftondes. Verschönt wurde die Festoersammlung durch Mitwirkung eines Quartetts des Uchmann-Chores sowie Mitgliedern des Musikerver» bqndcs. 4780 Mark wurden alz Weihnachtsunterstützung verteilt. Krlegsrenten und Arbeltslofenunterstützung. Sie werden nicht angerechnet. Kriegsrenten werden bei der Arbeitslosenunterstützung nicht angerechnet, sie müssen jedoch dem zuständigen Arbeitsamt gemeldet werden. Das Arbeitsamt kann vom Bersorgungsamt«ins entsprechende Bescheinigung verlangen. Die Anrechnung der Renten bei der Arbeitslosenunterstützung unterbleibt M>r, wenn dem Ar- datsamt die Bescheinigung des Berjorgunzsomtes vorliegt.