BERLIN Mittwoch 9. April 1930 10 Pf. Tfr.ies B 84 47. Lahrgang Erscheint täglich außer Seantng». Zugloch Abendausgabe de«.Vorwärts'. Deinzsprei« beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, S.MM. pro Monat. ßledaktioo und Erpedition; Berlin SW68,!indenstr. 8 „VrfwtLfh i »leigenpretg: Die einspaltige Nonpareillezeii« 00 Pf.. Reklametetl» b M. Ermäßigungen nach Tarif. »ßscheekkoat»! DvrwärtS-Verlag G. nub.H� Berlin Nr. S7M&. Fernsprecher: Dönhoff 292 biS A? Bürgerblock! Hochschuhzoll! Bürgerliche Mitte und Oeutfchnationale auf dem Wege zur Einigung. Im Reichstag hat seit gestern abend die Stinmmng umgeschlagen. Den der Auflösung ist jetzt nicht mehr die Rede; desto mehr aber von dem in Bildung begriffenen Bürgerblock und von dem großzügigen Handelsgeschäft zwischen der Mitte und den Deutschnationalen, wobei die Deutschnationalen die not- wendigen Steuern akzeptieren sollen, wofür die Mitte den Groß- teil der agrarischen Hochschutzzollforderungen zu verwirr. lichen bereit ist. Roch vor wenigen Wochen hat die bürgerliche Mitte mit der Sozialdemokratie gemeinsam ein Programm agrarpolitischer Maßnahmen verabschiedet, von dem sie annahm, daß es durchaus ans- reichen werde, um den tatsächlich vorhandenen Notständen zu be- gegnen. Wenn jetzt die bürgerliche Mitte bereit ist, ein Programm zu verwirklichen, das über das eben erst beschlossene in ungeheurem Ausmaße hinausgeht, so geschieht das nicht, weil etwa ein Wechsel der Ueberzeugungen eingetreten wäre, sondern weil die bürgerliche Mitte jetzt in die Lage versetzt ist, den Deutschnationalen für die Annahme der Steuergesetze jeden Preis bewilligen zu müssen. Im Steuerausschutz ist heute vormittag auch die Biersteuer abgelehnt worden. Das ganze St'euerprogramm des Herrn Molden- Hauer ist bis auf einig« ganz kümmerliche Rest« vernichtet. Die Regierung hat sich aber auch davon überzeugen müssen, daß es mit der Anwendung des Artikels 48 nicht ganz so einfach ist. Denn die Dekretierung vonSteuern.die soeben erst vom Reichs- tag abgelehnt worden sind, mit Hilfe des Diktoturparagraphsn wäre ein Vorgang, den auch die gewagteste Interpretation mit Wort- laut und Geist des Artikels 48 nicht mehr in Einklang zu bringen vermöchte. Dazu kommt, daß di« Regierung verpflichtet ist. alle aus Grund des Artikels 48 getroffenen Maßnahmen dein Reichs- tag, also eventuell dem neugcwählten Reichstag vorzu. legen und sie aufzuheben, wenn er es verlangt. Die Regierung Brüning befand sich also auf dem weg zu einem Versassungskonslikt, für den die noch zu ihr stehenden Parteien vor dem Volke kaum die Verantwortung übernommen hätten. Innerhalb j>on acht Tagen hatte sie sich in eine Lage hineimnanöoriert. in' der sie allen Erpressungen der Rechten geradezu widerstandslos aus- gesetzt ist. Jetzt ist die Rechte daran, sich diese Notlage der Regie- rung zunutze zu machen. Sie will sich di« Bewilligung der Steuern teuer bezahlen lassen und das Volk wird es sein, das zu zahlen haben wird. Die geplanten H a chs ch>' tz Z o ll m a ß n a h m e n bilden eine Bedrohung für die bestehenden Handelsverträge und für die Stellung der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt. In Kreisen der Wirtschaftsführer beginnt man auch schon zu rechnen, wobei sich herausstellt, daß die neue Aera des hochschohzolles viel mehr kosten wird als alles, was die Sozialdemokratie für die Arbellslosenversicherung gefordert hat. Politisch hat die bürgerliche Mitte ihre Abwendung von der Arbeiterfront und ihren Anschluß an die Grüne Front vollzogen. Damit glaubt sie zunächst, etwa bis zum Herbst, die Auf- lösung vermieden zu haben. Aber die letzte Entscheidung liegt bei den Deutschnationalen. Agrarprogramm der �eichsregierung. Aus dem Hochschutzzollprogramm der Schiele-Brüning-Regie- rung geben wir einige Stichproben: Einfuhrschciue. Bis zum 31. März 1931 erhält di« Reich-r-g-erung die Er- mächtigung, den Wert der Einfuhrscheine für Getreide und Hülsen- fruchte, Erzeugnisse hieraus, lebende Schweine, Schweinefleisch und Schweineschinken beliebig bis zur Höhe der von ihr bestimmten Zoll- iätz« festzusetzen. Die Reichsregierung wird außerdem ermächtigt. Einsuhrscheine für Rindvieh. Rindfleisch, Schafe, Schafsleisch und Kartasfelerzeugnisse einzuführen. Getreide: Je nach der Entwicklung des Roggsnpreise« kann die Reichs- Regierung den Zollsatz für Roggen herab- und heraufsetzen, tgortfetzung auf der S. EetteI Piratenschiff„Falke". Oer Menschenraubprozeß in Hamburg. Hamburg, 9. April. ver mit Spannung erwarkete Prozeh gegen die R e e d e r und den Kapitän des D a m p s e r s„Z a l t e" hat heule seinen Anfang genommen. Dom frühen Morgen an hatten Polizeibeamtc schwere Arbeit, die herandrängenden Neugierigen zurückzuhalten. Um 10 Uhr be- gann die Verhandlung im vollbesetzten Saal des Schwurgerichts. Stark vertreten sind das Auswärtige Ami, die fremden Kon- sulgte, besonders die südamerikanischen. Man sieht serner den Reichskommissar beim Seeamt. Admiral v. Uslar sowie Oberstaatsanwalt Bruemmer, zahlreiche Juristen, Schiffahrts- und Handelsvertreter von Rang und selbstverständlich die Presse des In- und Auslandes. Di« Verteidigung liegt in den Händen der Anwälte Dr. Alsberg- Berlin. Dr. L e o i- Altona und Dr. B a ch m a n n- Hamburg. Bar Verlesung des Eröffnungsbeschlusse» erhält Dr. Alsberg auf seinen Wunsch das Wort zu einigen Ein- Wendungen verfahrensrechtlicher Natur, weil nach seiner Ansicht den Angeklagten ein« ungenügende Erklärungsfrist zur Anklag« gegeben worden ist. Nach Ansicht der Verteidigung sollen sich in den Annahmen der Slaalsanwaltschafk Widersprüche befinden, indem sie anfänglich eine Berbringung in fremd« Kriegs- dienst« zum Gegenstand der Anklage machte, später aber Verbringung in fremden Seedienst. Da u. a. auch der Pariser Vertrag nicht herangezogen wurde, fühlt sich die Verteidigung in ihrer Tätigkeit unrechtmäßig«ingeengt, denn dieser in Paris abgeschlossen« Kon- trakt bezüglich des„Falke" ist der eigentliche Beginn des ganzen Unternehmens. Rechtsanwalt Dr. Alsberg rügt dann noch die Eil«, init der das Verfahren zur Hauptverhandlung getrieben war- den sei und beantragt nochmals eine kurze Hinausschiebung im Interesse einer griindiichen Klarstellung des Sachverhalts. Staatsanwalt Rose weist die Angaben des Verteidigers als unrichtig zurück. Di« Verteidigung habe vor Abfassung der Anklage- schrist Gelegenheit genug gehabt, sich eingehend zur Sache zu äußern und entsprechende Anträge zu stellen. Abwegig sei auch die Behauptung einer Umwandlung der Be- griffe Kriegs- und Schisssdienst. Die Vernehmung der Pariser Zeugen habe nur Interesse für diejenigen, die das geplante hochverräterisch« Unterneh- men gegen Venezuela aufzuklären hätten, aber die Regie- Einfachste Lösung. Wie sich das Kabinett Brüning die Lösung der . Finanzsrage vorstellt. rung von Venezuela Hab« von dem ihr zustehenden Recht auf Er- Hebung dieser Anklage keinen Gebrauch gemacht und die genannten Pariser Zeugen seien für das Gericht wertlos, weil sie als Mittäter in Frage kämen und deshalb doch nicht vereidigt werden könnten. Als Orte der Tat seien außerdem klar und deutlich Hamburg und Edingen genannt. Staatsanwalt Stein wies nach, daß die Verteidigung in reichstem Ausmaße zu allen Punkten der Anklage tatsächlich Stellung genommen habe. Dr. Alsberg verwahrte sich gegen den Vorwurf, er hätte un> richtige Angaben gemacht und erklärt nochmals, daß er nur gegen die Konstruktion der Anklage Einwendungen erhoben habe. Weitere Kommunisten«Verhastungen. Empfindliche Bresche in die Zersetzungsarbeit. wie wlr heule früh mllleilten. ist es der p olttlscheu Polizei abermals gelungen, eine kommunistische Geheim- druckerei auszuheben. Im Zusammenhang mit der Aus- Hebung sind noch im Dause de» gestrigen Tages fünf meliere Festnahmen erfolgt. Es handelt sich hanpt- sächlich um Personen, von denen die Zersetzuugsschrifien In Reichswehr und Schupo lanciert worden find. Ergänzend wird hierzu aus dem Berliner Polizei� Präsidium noch folgendes mitgeteilt: Im Verlaufe der weiteren Nachsorschungen nach Herstellern kommunistischer Zersetzungsschriften für Schupo und Reichswehr hob die Abteilung I A gestern erneut ein« Druckerei in der W i lh elm st r a ße in Lichten, b erg aus. Reben großen Mengen von Zsrfetzungsschriften, ins- besonder« solchen für die Reichswehr, wurde umfangreiches Druck- und Beweismaterial vorgefunden und beschlag- nahmt. Es handelt sich durchweg um Zersetzungsmaterial aus der letzten Zeit, wie Flugblätter:.Reichswehrkameraden I"„2>i« rote Armee marschiert."„Klar Frontl" und eine Zeitschrift„Die Reichs- wehr, Polizeibeantt« usw.", die sämtlich in größerer Auflage her» gestellt worden sind. Insgesamt sind bisher fünf Personen vor- läufig festgenommen worden, u. a. der Inhaber der Druckerei in Lichtenberg Felix Lenz und dessen Sohn. Inzwischen ist eine weitere Druckerei ermittelt worden, die sich ebenfalls mit der Herstellung von Zersetzungsschriften besaßt hat. Alle dies« Fest- stellungen haben ergeben, daß zwischen dem vor einigen Tage» dem Richter vorgeführten Schriftsteller Ernst Friedrich»md den hier erwähnten Druckereien ein enger Zusammenhang besteht. Thorberg gestorben. Stockholm, S. April. Der Vorsitzende des Gewerkschnftsbundes, Reichs- tagsabgeordneter Arbid Thorberg, wurde während der hentigen Sitzung der Ersten Kammer von einem Schlaganfall getroffen. Er starb nach wenigen Minuten. Fünfzehn Zentner Dynamit explodiert. Glücklicherweise nur ein Toier. Montreal» S. April. In einer in der Näh« der Stadt gelegenen Fabrik explodierte« gestern 15 Zentner Dynamit. Ein Mann fand den Tod. Eine bisher noch nicht fest» gestellte Zahl der weitere« in dem Gebäude beschäftigte« Sv Arbeiter wnrde verletzt (Schwergeburt eines(Staatspräsidenten Siebenmal vergebliche Wahl in Lettland. Riga, S. April.(Eigenbericht.) Das lettische Parlament macht« am Dienstag siebenmal vergeblich den Versuch, einen neuen Staatspräsidenten zu wählen. Di« Rechte hat den Wg. Albert K w i e s i s als Kandi- baten ausgestellt, während di« Stimmen der Linken sich aus den gegenwärtigen Parlamentspräsidenten Kalnin vereinigten. Der Kandidat der Rechten hat es bis jetzt auf 49 Stimmen gebracht. S1 Stimmen find zu feiner Wahl notwendig. Die Nazis v Feme mit Äierglas.- Verleitung; Detmold, 9. April.(Eigenbericht.) Zu der vor kurzem erfolgten Verhaftung der Nationalsozialisten Winkelmonn und Genossen werden jetzt noch folgende Einzel- heiten bekannt. Es handelt sich bei dem eingeleiteten Verfahren nicht um eine politische Aktion, sondern um ein ordnungsgemöh eingeleitetes Unterfuchungsversahren auf Grund von Straftaten, die der Strafoerfolgungsbehövde bekannt wurden. In einer nationatsozialistifchen Weihnachtsfeier, die am 15. Dezember im Odeon in Detmold stattfand, war plötzlich der Bezirks- leiter der Nationa�ozialistischen Partei Bruno F r i ck e erschienen, der schon einmal.wegen Begünstigung eines{feine- mordes verurteilt wurde, und wies mit Hilfe der mitgebrachten Sturmabteilung die Gäste aus dem Saal. Dann gab er den Befehl, den Nationalsozialisten Lerch, den man kurz vorher aus der Partei ausgeschlossen hotte, in den Saal zu schaffen. Dabei wurde Lerch stark verprügelt. Winkelmann schlug ihm von hinten mit einem Bierglas auf den Kopf, so daß der Ueberfallene eine erhebliche Verletzung davontrug und sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Lerch erstattete Anzeige und es wurde ein Ver- fahren wegen Körperverletzung eingeleitet. Später lief eine vertraulich« Nachricht ein, aus der hervorging, daß es sich nicht— wie es anfangs schien— um«in« gewöhnliche »n Detmold. um Meineid.— Beihilfe zur Flucht. Wirtshausrauferei handelte, fondern um einen planmäßig vorbereiteten Ueberfall, der die Beseitigung des Lerch zun» Ziele hatte. Es wurde ein ehemaliger Vertrauter des nationatsozsa-- listischen Bezirkslftters Fricke vernommen, der unter Eid in einer richterlichen Vernehmung im wesentlichen die Angaben bestätigt«, die sich aus der vertraulichen Nachricht ergaben. Dieser Zeuge gab unter Eid auch an, daß Winkelmann bereits mit Geld und mit einem Empfehlungsbrief an Parteifreunde oersehen war, damit er nach der Tat sofort die Flucht ergreifen könne. Der Vertraute des Fricke gab auch an, daß Versuche unternommen wurden, Tat- zeugen zu oeranlassen, falsche Aussagen zu machen, daß also versucht wurde. Dritte zum Meineid zn oerleiten. Erst nachdem diese eidlichen Aussagen vorlogen, hat die Strosversolgungsbehörde die Haussuchungen und Verhaftungen an- geordnet. Infolge einer Indiskretion, zu deren Aus- klärung ein« Untersuchung eingeleitet ist, konnten die National» sozial« st en gewarnt werden, so daß ste wichtiges B e» lastungsmaterial beseitigen konnten. Trotzdem wurde noch wesentliches Material beschlagnahint. Unter anderem fand man auch den Empfehlungsbrief an Parteifreunde, der Winkel- mann die Flucht erleichtern sollte. Es läuft auch noch ein weiteres Verfahren wegen Unterschlagung gegen die Hakentreuzler. Da« neue Agrarprogramm. (Fortsetzung von der 1. Seite.) wobei ein Mindestdurchschnittspreis von 239 Mark je Tonne gilt. Für Weizen und Spelz soll die Reichsregierung dasselbe Recht unter Zugrundelegung eines Mindestpreises oon260Mart je Tonne erhalten. In beiden Fällen ist die Notwendigkeit einer Zollöndening jeweils spätestens nach Ablauf einer Frist von sechs Monaten zu prüfen. Wenn die Entwicklung der Wirtschaftslage es erfordert, kann die Rcichsregierung den Zollsatz sür Gerste und Haser beliebig ver- ändern. Vieh und Fleisch: An Stell« der bisherigen Schweinezollregelung, die bei einem Schweinepreis von unter 70 Mark einen Höchstzoll von 27 Marl vorsah, tritt folgende Iiegelung: Der Zoll für Schwein« er- höht sich solange auf 27 Mark, als em Durchschniklsschweineprels von „nler 75 Mark besteht. Der erhöhte Zollsatz von 27 Mark bleibt solange bestehen, bis ber Schweinepreis im Durchschnitt zweier Wochen 85 Mark je Zentner Lebendgewicht erreicht Falls durch steigende Einsuhr der Schweinepreis auf dem deutschen Markt er- heblich gedrückt wird, est die Reichsregierung ermächtigt, den Schwcinezoll bis agif 36 Mark heraufzusetzen. Das Gesetz über zollfreie Einsuhr von Gesriersleisch lrilt am 1. Zuli 1930 außer Krafk. Außerdem wird§ 12 des Fleischbeschau- gefttzcs wieder eingeführt, wodurch die Gefrierfleischein- fuhr überhaupt praktisch u n te r b u n de n.wird. Auch die Bestimmungen der Verordnung über Einftchrerleichterungen für Fleisch vom Jahre 1923, wonach die Erleichterungen für die Einfuhr von Gefrier- oder Kühlsteisch mindestens bis 31. Dezember 1933 m Kraft bleiben sollten, wird aufgehoben. Der Zollsatz für Rindertalg und für Liesen wird von 2,50 HL bzw. 7 M. ans 20 VI. heraufgesetzt! Der Cierzoll wird von 6 M. nuf 40 M. erhöht. Mehl, Graupen, Grieß und Grütze werden mit dem doppelten Weizenzoll plus 1,50 M. belastet. Dasselbe gilt für sonstige Müllerei- erzeugmsse aus Getreide oder Hülsenfrüchten. Sago und Sagomchl, Graupen und Grieß aus Kartoffeln erholten einen Zollsatz von 45 M. stall bisher 15 TN.! -Frischer TO o st erhält einen Zollsatz von 90 TO. gegen bisher 80 TO. Alle übrigen Weinzölle werden durchschnittlich um rund 10 Proz. erhöht. Dazu wird die Reichsregierung ermächtigt, den Zollstrtz zur Herstellung von Schaumwein, je nach Lage der Markt- verhäftnisse festzusetzen. Der Zollsatz für Keltertrauben wird von 60 auf 90 M. heraufgesetzt. Der Beimahlungszwang wird in der Vorlage beide- halten. In das Zollgesetz wird eine Bestimmung aufgenommen, wonach durch vertragsmäßige Abmachungen die Regelung des Schweinezolls nicht verhindert werden darf. Reichspräsident und Biersteuer. Er empfängt den bayerischen Anttfieuerführer. Durch die Ablehnung der Biersteuererhöhung im Steuerausschuß des Reichstags hat die innerpvlittsche Loge ein« wesentlich« Ber- schärfung erfahren. Wie verlautet, hat bereits gestern abend zwischen Reichskanzler Brüning und dem Prälaten Leicht. dem Frakttonsvorsttzenden der Bayerischen Volkspartei, eine Aus- spräche stattgefunden, die zu einer beiderseitigen Verstimmung geführt haben soll. Der Vorsitzende der Bayerischen Bolkspartei, Lcmdtagsabgeordneter S eh S f f e r, der schon am Montag nach Berlin gebeten worden ist, wurde heute vom Reichspräsi- denken empfangen. Die letzten Gchleifungsarbeiten. ZranzSsifche Bemängelungen.- Der NSumungstermin wird eingehalten. In der Rede vor dem französischen Senat, mit der er für die — inzwischen fast einstimmig erfolgte— Annahme des Poung-Plans eintrat, hat Tardieu u. o. auch eine Not« an Deutschland an- gekündigt, in der Frankreich auf die angeblich noch unvollkommen« oder zu langsam vor sich gehende Schleifung von Festungs- bauten hinweist. Darob großes Entrüstungsgeschrei in der Ngtionolistenpresse, die schadenfroh eine neu« Verzögerung der Rheinlandrämmmg heraus- zulesen bemüht ist. Inzwischen ist aber durch amtliche Erkundi- gungsn in Paris festgestellt wordn, daß di« französische Regierung am Endtermin der Räumung(30. Juni 1930) festhält. Di« Bemän- gelungen sollen sich lediglich aus einige Werk» bei Kehl, um Kasematten in Mainz und um kleinere Flugplätze, so b« Griesheim, handelt. Im ganzen also Lappalien, über die man sich selbswerständlich leicht einigen wird. Gerade weil es sich aber um Kleinigkeiten handelt, hätte Ministerpräsident Tardieu besser getan, von einer formellen Rote abzusehen und sich mit mündlichen Hinweisen zu begnügen. Und sei es nur, um den Nationalisten hüben und drüben keine Gelegenheit zu neuen Stän- kereien zu geben. Inzwischen ist gestern Botschafter von Hoesch bei Briayd gewesen, und dabei dürste auch diese Angelegenheit grundsätzlich geregelt worden sein, von der man nur bedauern kann, daß Tardieu sie überhaupt in seiner Senatvrede erwähnt hat. Konrad Ludwig 50 Lahre. szeute feiert Genosse'K o n ra d Ludwig, neben dem Genossen Barteis Kassierer der Partei, seinen 50. Geburtstag. Der frische Schreiner au« dem Frankenland, der seit Iahren den Wahlkreis West- salen-Siid im Reichstag oertritt, hat sich durch seine energische, herz- hast zupackende und doch immer versöhnende Art in weiten Partei- kreisen große Sympathien erworben. Sie werden an diesem Halb- jahrhundertstag sich in Glückwünschen-äußern, denen wir uns gern und aufrichtig anschließen. Der frühere Diktator pangalos. der sich fast drei Wochen lang wegen umstürzlerischer Umtriebe vor einein»ondergencht zu ver- aiilworten hatte, wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der »nitangeklagt« ftüher« Unterstoatssekretär Wogopulo» erhielt zwei- einhalb Jahre Gefängnis. Edgar wallace Varlamentskandidat. Der Schriftsteller Edgar Wallacc, der durch seine Kriminalromane berühmt geworden ist, hat sich im Wahltreis Aylesbury als liberaler Kandidat für die nächsten Parlamentswahlen aufstellen lassen. Der preußische Mnisterpräsidenl hal gegen die in Itzehoe erscheinende Zeitung„Das Landvolk" Strafantrag wegen Bc- leidigung durch e,»en in der genannten Zeitung veröffentlichten Artikel:„Brauns neueste Rüpelei gestellt. SO Fahre Handelstag. Festiagung in Berlin. Der Deutsch« Industrie- und Handelstag, der als Spitzenorgani- sation sämtlicher Industrie- und Handelskammern in Deurschland wirtschaftspoli tisch s-hr einflußreich ist, hielt heute unter starker Beteiligung seine 50. Mitgliederversammlung ab. Bon Re- gierungsinitgliederu waren der Reichswirtschaftsminister Dietrich und der preußische Handelsminister Schreiber zugegen. Außerder. sah man den Reichsbankpräsidenten Dr. Luther und den General- direktor der Reichsbahn Dorpmüller. Der Präsident der Berliner Handelskammer Mendelssohn eröffnete die Sitzung mit dem Hinweis, daß die erste gemeinsame Tagung Deutscher Industrie und Handelskammern als Borbote der deutschen Einigung, bereits 1861 stattfand und daß damals sogar die Vertreter der österreichischen Wirtschaft teilnahmen. Zweck und Ziel des Deutschen Industrie- und Handelstages sei von jeher die größt- niögliche Einheit innerhalb des Reiches gewesen, wofür auch in der heutigen Zeit noch große Aufgaben zu lösen seien. Das erste Hauptreferat erstattete der jetzt„volkstonservatwe" Abgeordnete Moritz K l ö n n e über die Frage„Arbeit und Kapital im'Dien ste der Volkswirtschaft". Das Pro- blem„Arbeit und Kapital" erfordere in einer Zeit, wo sich starke kollektivistische Strömungen in der Wirtschaft immer deutlicher ab- zeichneten, die allerstärtste Beachtung. Die Kapitalbildung habe seit 1924 zweifellos Fortschritte gemacht und das neugebildete Kapital sei in den Wohnungsbau, in die Ratio- nalifierung gesteckt sowie sür den Bau von Verkehrsstraßen, die Entwicklung von Licht und Kraft usw. verwendet worden. So vorsichtig sich Klönne im allgemeinen ausdrückte, tonnte er ja doch an der in Unternehmerkreisen so gern gehörten Forderung eines Lohnabbaues nicht vorübergehen. Immerhin schien auch für Klönne Lohnabbau ein so h e i ß e s E i s e n zu sein, daß er zum Schluß als besten Borschlag der verschiedenen Reformanträge einen mehrjährigen Lohnsrieden propagierte. Der zweite Redner, derBolksparteiler Reichsminister a. D. Hamm, nahm zu den allgemeinen finanzpolitischen Problemen Stellung, ohne wesentlich Neues zu bringen. Zum Schluß sprach Herr v. Siemens, der im Berwaltungs- rat der Deutschen Reichsbahn das Präsidium führt, über dos alte und neue Reichsbahngesetz. Man merkte dem Redner deutlich den Schmerz an, den er über die aktive Reichsbahnpolittk der Regierung empfand. Mit besonderem Nachdruck betonte er die Notwendigkeit, die Finanzlage der Reichsbahn stets so günstig zu halten, daß die Beschaffung neuer Kapitalien zu möglichst billigen Zinssätzen ohne Schwierigkeiten vor sich gehen könne Durch eine rigorose Politik der Ausgabendrosselung und Tarif- erhöhung habe die Reichsbahn ihre Finanzen bisher in Ordnung halten können. Wenn die Wirtschaft darunter auch jetzt sehr zu leiden hätte, würde man es der Reichsbahnoerwaltung in späteren Iahren danken. In Zukunft würde der gesamte Berwalwngs- rat von der Reichsregierung ernannt werden. Von seiner Zu- sommensetzung wird in hohem Maße das Gedeihen der Gesellschaft abhängen. Die Mitglieder des Verwaltungsrates dürften stch nicht als Vertreter irgendweicher Gruppen fühlen. Wenn der Berwaltungs- rat zu einer Interessenvertretung herabsinke, so würde' die selb- ständige wirtschaftliche Form zum Unglück führen. Blutige Ehikago-Wahlen. Tote und Verwundete.-- Bombenexplosionen.— Auto- entführnng.— Sine Frau kandidiert. * Ehikago, 9. April. Bei einer Senatsvorwahl Im Staate Illinois kam es in Ehikago zu Ausschreitungen, z« deren Bewältigung stark« Polizei- kräfte ausgeboten waren. Ein Wähler wurde durch Revolverschüss» g«töt«-t. Mehrere wurden schwer oerletzt in die Krankenhäuser eingeliefert. Sieben schwer bewaffnete Banditen versuchten einen Stadttat in' Auto zu entführen. Sie wurden aber durch recht- zeitiges Eingreifen einer Polizeiabteilung daran gehindert. Drei der Entführer wurden verhaftet. In der Wohnung des Politikers Gerbier explodierte eine Bombe. Das Haus wurde zerstört, doch kam glücklicherweise kein Einwohner zu Schaden. Außerdem wurde auch auf das Haue des Bürgermeisters Bill Thomson ein Bomben- anschlag verübt. Es handelt sich bei der Aorwahl darum, die republikanischen Kandidaten für die im November stattsindenden Senatswahlen aufzustellen. Der Senator Deneen dürfte noch den bisher vorliegen- den Teilergebnissen von einer Kandidatin, der Witwe des Senators Mae Eormick mit grohei/Mehrheit geschlagen worden sein. Als Wahlparole war der Beitritt der Bereinigten Staaten zum Internationalen Gerichtshof ausgegeben worden. Frau MaeEormick war gegen Deneen und für den Beitritt. Zn Kabul wurden elf Anhänger des Usurpator» Habibullah hingerichtet. Sie wurden vor die Mündung von Geschützen ge- blinden, die dann abgefeuert wurden,,» d Gozialisiisch-liberale Freihandelspolitik. Gemeinsame Schutzzollbekämpfung in England. London, 9. April. Gegenüber den fortwährenden Vorstößen der konservattoen. Press« zugunsten von Hochschutzzöllen ist e, bemerkenswert, daß im nächsten Monat ein gemeinsamer Feldzug von Liberalen' und Mitgliedern der Arbeiterpartei für die Erhaltung des engtischen Freihandels eingeleitet werden soll. Am Dienstag hat im Haufe des Schatzkanzlers Snowden ein Esten stattgefunden, bei dem neben zahlreichen Vorkämpfern für den Freihandel und einer Reih« Mitglieder der Arbeiterpartei auch eine Anzahl Führer der Liberalen, wie Lloyd George, Stt Herbert Samuel und andere zugegen waren. Es wurde beschlossen, im Mai in den verschiedensten Pro- vinzzentren Konserenzen abzuhalten, wo die Lage der Industrie und das Jitterest« an der Aufrechterhat tung des freihändterischen Zu-- standes dargelegt werden soll. Weiter wird ein großer Propaganda- feldzug ftir den Freihandel geplant, an dem zahlreiche führende Per- sönlichkeiten des englischen politischen Lebens teilnehmen sollen. RäuberüberfaN auf einen Zug. Oer Postwagen ausgeraubt. Sydney, 9. April. Gestern nacht wurde in N e u s ü d w a l e s ein Postzug von Räubern überfallen. Die Räuber, die stch durch Masken unkennt- lich gemacht hatten, drangen, während der Zug sich in voller Fahrt befand, in den Postwagen ein und entwaffneten die Wächter. Ein Schaffner, der sich widersetzte, wurde niedergeschlagen. Di« Räuber bemächtigten sich hierauf einer Kiste, die 4000 Pfund Ster» l i n g in Noten und 600 Pfund Sterling in Silber ent- hielt, warfen si« aus dem Zuge, sprangen selbst ab. als die Fahrt- geschwindigkeit kurz vor einem Tunnel vermindert wurde und ent- kamen ungehindert._ Offizier stürzt sich von der Atropolis. Sin Selbstmord mit merkwürdigen Folgen. Athen. 9. April. Am Dienstag stürzte sich ein ehemaliger Hauptmann der griechi- schen Armee in selbstmörderischer Absicht von der A t r o p o l i s. der alten athenischen Burg, herab. Er fiel auf ein von einer alten Frau bewohntes Häuschen, besten Dach zusammenbrach. Der Haupt- mann war sofort tot, di« Bewohnerin des Häuschens wurde schwer verletzt. Flugzeugzusammenstoß über Athen. Ueber dem Flugplatz Patoi in Athen stießen zwei Flugzeuge zusammen. Beide Apparate stürzten ab und wurden vollständig zertrümmert. Drei Insassen fanden dabsi den Tod. Hastentlassung in Frankfurt. Die Versicherungsleiter auf freiem Fuß. Aranksurl a. Hk„ 9. April. In der Angelegenheit der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs- A.-G. hat der Unteifuchungsrichter im Einverständnis mit der Staatsanwaltschaft angeordnet, daß die Angeschuldigten Becker und Kirschbaum gegen Sicherheitsleistung in Höhe von je 100 000 M. und bei Erfüllung einer Reihe anderer Austagen von der weiteren Untersuchungshaft verschont werden. Diesem Entschluß liegt zugrunde, daß VerbunkeUingsgefahr und Fluchwerdacht nach durchgeführter Klärung der Angelegenheit nicht mehr als vorliegend angesehen werden. Mit der Beurteilung der Schuldsrage durch die Staatsanwaltschaft hat die Haftentlassung nichts zu tun. Die Gerichtsverhandlung wird erst voraussichtlich nach einer Reihe von Monaten stattfinden. Das ist Giahlhelm-Heldenium. Wegen Sachbeschädigung muhten sich der 20jährige Bildhauerlehrling Kurt Eb e rt aus Nowawes und der 21jährig« Schioster- lehrling Georg R o l l f i n g ebenfalls aus Nowawes, beide Mit- glieder des S t a h l h e l m s. vor dem Potsdamer Schöffen- g e r i ch t verantworten. Die Anklage wirft ihnen vor, in der Nacht zum 30. Dezember vorigen Iahree in Nowawes die Friedrich- Ebert-Gedächtnis- Linde mutwillig umgebrochen zu haben. Eberl gab die Tat zu, es fei beschlossene Sache gewesen, die Cbert-Lind« zu beseitigen. Nach der Tat hatte sich dieser Ange, klagte gedrückt. Rollfing bestreitet jede Beteiligung. Das Schöffen- gericht unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Dr. W a r m u t h ver. urteilt« Ebert dem Antrage gemäß zu 230 Mark Geldstrafe. Rollsing wurde freigesprochen. Mit den heimtückischen aber im übrigen gefahrlosen Fällen einer Ebert-Linde fängt es an, mit Revolver- Überfällen und Meuchelmorde wie in Röntgental endet es: so erziehen die deutschen Nationalisten ihre jugendlichen Anhänger zum Deutschtum der Tat. Der spanische Sozialistenführer Große Kundgebung zum Andenken Zglesias. Madrid. 9. April.(Eigenbericht.) Im„Theatre Pradina" fand zu Ehren-des vor fünf Jahren verstorbenen S o z ia l i fte nf ü h r« r s Pablo Jglefias eine Massenversammlung statt, an der auch Delegiert« ausländischer Sozialistenverbände teilnahmen. Die Redner betonten, daß Spanien heute nur dem äußeren Anschein nach in ein Stadium normaler politischer Entwicklung getreten sei. Selbst unter der Diktatur habe Spanien nicht eine so schwere politisch« Krise durchgemackst wie jetzt. Es sei nicht zu glauben, Sias Grabmal für ZPoblo Jglefias daß es bakd zu den heiß ersehnten Wahlen kommen werde, und selbst wenn dies geschehen sollte, so würden die Wahlergebenisse gefälscht werden. Im Anschluß an die Versammlung bildeten sich verschiedene Demonstrationszüge. Eine Gruppe jugendlicher Sozialisten, die die„Internationale" anstimmten, wurde von Polizeitruppen gewaltsam zerstreut. Drei Personen wurden verhaftet. Freiwillige Lohnsteuern. Das System der Sowjet-Sammlungen. kowno, 9 April. Die seit Jahren in Sowjetrußland eingebürgert« Praxis, zu Staats- und Parteizwecken notwendige Summen einfach dadurch aufzubringen, daß allen Arbeitern ein bestimmter Hundertsatz ihres Lohnes abgezogen wird, hat schon des öfteren zu starken Mißfallens- öußerungen aus Arbeiterkreisen geführt. Es ist bekannt, daß selbst Zwangsmaßnahmen ange- wandt wurden, um verschiedene Sammlungen zu Propagandazwecken durchzusühren. In diese Rubrik gehören auch die„freiwillig" von den Arbeitern und bäuerlichen Kleinwirtschaften aufgebrachten Summen, mit denen dann Flugzeuge. Tralloren usw., wie die„Un- sere Antwort an Chamberhain".„Unsere Antwort an den Papst", an- geschafft wurden. Jetzt hat der Vorstand der Gewerkschaftsverbände in einer Entschließung auf die Notwendigkeit einer Verringerung der verschiedenartigen Sammlungen und Abzüge hingewiesen. Diese belasteten den Haushalt des Arbeiters bis zur Unmöglichkeit. Auch die Gewohnheit des Abarbeitens, der Ueberstunden und der Verzichte aus die Feiertage müsse unbedingt auf- gegeben werden. Die Abzüge aller Art müßten einen wirklich freiwilligen Charakter tragen: selbst die dahingehenden Beschlüsse der Mehrheit der Betriebsversammlungen dürften nicht zwangsweise durchgeführt werden. Auch die kommende Kampagne für die Zeichnung der neuen Jndustrialisierungsanleihe inüss« so geführt werden, daß Beschlüsse zur Jeichnungsbeteiligung nur in allgemeinen Arbesterverfammlun- gen gefaßt werden dürste», wobei der Zeichnungsanteil jedes ein- zelnen Arbeiters für ein Jahr unter keinen Umständen über die Höhe eines Halbmonatslohnes hinausgehen dürfe. t Oiebifche Elstern in der Laube. Der 81 Jahr« alt« Rentner O. hatte eines Abends im Mai des vorigen Jahres in seiner Laub« den Besuch zweier junger Mädchen empfangen, die behaupteten, Hunger zu haben. Der alte Mann, dem die Besucherinnen nicht unbekannt waren, ließ sie sofort ein. Er wollte für die späten Gäste Kaffee kochen und Stullen zurechtmachen. Eine der Besucherinnen hatte auf dem Sofa Platz genommen, auf dem die Hos« des alten Mannes lag, in der sein« Geldbörse steckte. Ohne daß er es bemerkte, grift dos Mädchen in die Tasche des BeinNeldes und stahl aus dem Portemonnaie einen Betrag von 19 Mark. Der Greis war erstaunt, daß die Mäd° chen plötzlich so große Eile hatten und aufbrechen wollten. Auf seine Bitte nahmen sie noch Stullen und einige Eier mit. Zum Abschied umarmten und küßten die Besucherinnen den alten Mann. Wahr- scheinlich sollte«r abgelenkt werden, damit der beabsichtigte Dieb. stahl besser ausgeführt werden konnte. AI« sie weg waren, mertt« O-, daß ihm 10 Mark fehlten. Nun ging er hin und erstattet« Anzeige. Box tzem Amtegericht Lichtenberg war die wohnungslose Hedwig M., die ihm den Geldbetrag entwendet hatte, wegen Diebstahls im strafschärfenden Rückfall angeklagt. Die M. war erst kürzlich zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten»er- urteilt worden. Das Gericht erkannte auf ein« Zufatzftrafe von einem Monat Gefängnis. Der 42. Kongreß fiir innere Medizin. Vom 7. bis 10. April tagt in Wiesbaden der 42. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für inner« Medizin. Der Vorsitzende, Professor V o l h a r d, Frankfurt a. M.. wies in seiner Eröffnungsrede mit Stolz hin auf die großen Fort- schritte, die die inner« Medizin in den letzten 30 Jahren erzielt hat. Sie zeigen sich auf diagnostischem Gebiet am klarsten in der Röntgenuntersuchung der Lunge, des Herzens und der Verdauungs- organe, die die Erkennung ganz früher,»och heilbarer Krantheits- stadien ermöglicht. Sie zeigen sich weiter in der Unenibohrlichkeit des chemischen Laboratoriums für die erfolgreiche DeHandlung vieler Erkrankungen, wie der Zuckerkrankheit und der Nierenleiden. Blutdruckmessungen und Aufzeichnung der elektrischen Herzströme haben die Beurteilung der Nieren- und Herzer krankungen in neu« Dahnen gelenkt. Marksteine der Krankheitsforfchung sind die Ent- deckung der Hormone und Vitamine, der Blutdrüsen und der Mangel- krankhetten. Di« so gewonnenen Erkenntnisse«oschlossen neu« Woge einer wissenschaftlich klar begründeten(rationellen) Therapie. Di« Volks- seitchen hoben mit Ausnahm« der Grippe ihr« Bedeutung verloren. In der chemischen Therapie bedeuten Saloarfan(Syphilis), In- sulin(Zuckerkrankheit) irnb Vigantol(Engtische Krankheit) Triumph«, die nicht wegzuleugnen sind. Die Diätbehandlung ist in 40 Jahren aus einer gefühlsmäßig betriebenen und nur wenigen zugänglichen Kunst zu einer von jedem Arzt erlernbaren Methode geworden Die exakt«, vor allem auch therapeutische Forschung wünscht der Kongreß auf das dringendste. Vorzüglich sind die großen Kranken« Häuser dazu geeignet. Der Kongreß will weiter die Anwendung der Forfchungsergebniss« in der praktischen Heilkunde fördern Es gibt keinen Beruf, der in gleichem Maße wie der ärztlich« verlangt, täglich hinzulernen und umzulernen Hypophyse. Der wettere Teck des ersten Dormittags war der Hypophyse gewidmt, dem Hirnanhang, einer der Drüsen ohne Ausfüh- rungsgang, die nur auf dem Wege über das Blut ihre Säfte(In- trete) dem Körper zuführen können Die Aufgab« dieses Hirn- anhangs stellt sich als immer vietseitiger dar, sie übertrifft alle anderen Organe an Ausdrucksfähigkeit., Professor P. Trendelenburg, der Pharmakologe der Universität Berlin, erstattet« dos erste Referat: Die Schwierigkeiten, die sich der Klärung unserer Kenntnisse über die Hypophyse ent- gegenstellen, find besonders deshalb so groß, weil die Erkrankung« n der Hypophyse oft auf das Gehirn selbst(Zwischenhirn) übergehen, so. daß es sehr häufig unmöglich ist, sicher zu entscheiden, ob ein Krankheitszeichen wirklich der Hypophysenerkrankung zur Last zu legen ist oder der Gohirnbetettigung. Di« klarsten Ergebnisse konnten dadurch gewonnen werden, daß man die Extrakt« der verschiedenen Hypophysenlappen Versuchslieren einspritzte und die Folgen an diesen beobachtete. So stellte sich dabei heraus, daß die Hypophyse nicht weniger als 7 verschiedene wirksam« Stoffe, sogenannt« Hormone, produziert: der Vorderlappen, ein Hormon, dos aus das Wachstum begünstigend wirkt, eines, das die Keinidrüsenausbildung fördert, und ein weiteres, das wichtigste Aufgaben bei der Men- sttuation der Frau erfüllt: auf den letzten beiden, die bei der Schwangerschaft in großen Mengen im Harn ausgeschieden werden. bauten Aschheim und Zondek ihr« praktisch so gut bewährte Schwangerfchastsdiagnose auf. Die anderen Lappen enthatten an praktisch wirksamen Stoffen besonders solche, die den Blutdruck steigern, die Harnausscheidung regeln, die Muskulatur der Gebär- mutter erregen— letzteres ist in der Geburtshilfe von größter Wichtigkeit. Die theoretischen Ausführungen des Pharmakologen wurden ergänzt durch die klinischen von Professor Li chtwitz- Altona: Die uirgeheure Mannigsalligkett dieses Organs kommt in der mensch- lichen Pathologie noch stärker zum Ausdruck, als in der Experi- mentalwissenfchaft. Kaum«in Organ entzieht sich ganz dem Ein- fluß der Hypophyse: Merkmal« des Geschlechts und der Rosse, unter anderem das stärkere Längenwachstum unserer Rasse in den letzten 20 Iahren, stehen in seiner Sphäre: die Harnproduktion kann bei der Erkrankung der Hypophyse nach den verschiedensten Richtungen gestört sein, besonders im Sinne der Ausscheidung von ungeheuren Hornmengen: zwischen Hypophysenftörungen, Magen- und Nierenerkrankungen, schwerer Anaemle und anderen Bluter krankungen bestehen ursächliche Aufammenhänge. Auf dem Ge- biete des Zucker- und Fettstoff wechiefs, der Temperatur- und Blut- druckregulation ist ihr Einfluß zu spüren, gang besonders aber ain Knochen- und Gelentsystem.— Das Ergebnis der Forschungen der letzten Jahr« ist eine Erweiterung des Kreises der krankhaften Pro- zesse, die zur Hypophyse und Zwischenhirn in Beziehung stehen. Di« neuen Crkennwisfe vermitteln die Möglichkeit einer Früh- diagnose und ist von der größten praktischen Bedeutung.— An die beiden Hauptreferate schloß sich ein« lang« Aussprache an. Iriedenshetze. Von Paul Guhnann. Die deutsche Sprache ist in unserer Zeit um«in neues Wort be- reichert worden, das interessante Rückschlüsse auf einen gewissen neu- deutschen Geist gestattet. Wir wußten bisher, was die Hetze zum Schlimmen bedeutet, aber daß man auch zum Guten hetzen kann, diese Entdeckung ist neu. Ein Kritiker eines sich mehr durch stramme Haltung als durch Geist auszeichnenden Zeitungsverlages schrieb an- läßlich der Uraufführung eines Dramas, in dessen Mittelpunkt der Kampf um das Recht steht, der Verfasser halte sich erfreulicherweis« von jeder Friedenshetze fern. Die Kriegshetzer, deren schändliches Gewerb« In seiner Verwerflichkeit immer mehr auch dem bisher Ahnungslosen offenbar wird, lenken von sich, als den ertappten Dieben, ab und verdächtigen die Sache des Gegners als Friedenshetze. Man muß alles, was die Menschheit bisher als Kultur ver- standen hat, auf den Kopf stellen, um die Absurdität jener Begriffs- Verdrehung zu begreifen. Bon allen Kanzeln aller christlichen Be- kenntniss« wird die Nächstenliebe gepredigt, auf ollen höheren Schulen und Universitäten gelten di« Humanität der Griechen und unser deutscher Humanismus immer noch als di« Fundamente der vom Staat beglaubigten Bildung. Schön und gut zu sein, war, wie jeder Tertianer weiß, für den Griechen die reifst« Frucht der Menschlichkeit. Goethe, der noch immer nicht ganz Derottete, be- kannte:„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Aber der Neu- deutsche, diese herrlichste Blüte am Baum der Menschheit, weiß nicht, daß die Objektivität, womit ein Dramatiker auch den von ihm ge- haßten Gegitern gerecht zu iverden oersucht, edelste Menschlichkeit ist und preist sein Fernbleiben von jeglicher„Friedenshetze". Es wird dieser Geistesrichtung nichts anderes übrigbleiben, als di« bisherige Menschheitsgeschichte im neudeutschen Sinn zu refor» mieren. Was war die Bergpredigt anderes als eine verwerfliche Friedenshetze, für deren Vertündung ihr Urheber mit Recht zum Tod am Kreuz verurteilt worden ist. Kant, Herder. Lessing. Goethe waren jämmerliche Friedenshetzer. Schon früher war ja für Mensch. lichkett das Wort Gefühlsduselei erfunden worden, aber zu jener Zell des dicksten Friedens spielle man nur mit derartigen Begriffen, war man sich einer scharfen Gegnerschaft zum Sinn der Dinge nicht bewußt. Gefühlsduselei, die etwas überhebliche Formel im Mund schneidiger Oberlehrer, gesinnungstüchtiger Assessoren und forscher Reserveoffiziere, bezeichnet« nicht im entserntesten die Kulturfeindschaft des Begriffs Friedenshetz«. Es war ein Intellektuelles Säbel- rasseln. Heute, wo auch mit Worten Nacktkultur getrieben wird, find di« Ausdrücke unoerhullter, die Gesinnung schamloser. Lange vor Platon und Aristoteles und sogar bis zum heutigen Tage bemühen sich die Philosophen aller Kulturvölker,«inen sitt» lichen Maßstab für das menschlich« Handeln zu finden. Soll die Um- kehrung aller ethischen Werte stattfinden, so möge man konsequent sein. Wenn das Streben zum Guten als Friedenshetz« gebrandmarkt werden soll, dann war alles, was Chinesen, Inder, Griechen, Juden, Germanen und Romanen bisher als Kultur verherrlichten, ein Un- sinn. Dann häng« man in die Kirchen an Stelle des Kreuzes«inen Säbel, predige den Krieg aller gegen all« und preise aus Gymnasien und Unioersitöten de» Menschenfresser al» höchstes Ideal. Nur keine Halbheit! Man rühme einen Verstorbenen als ausgezeichnet schlechten Menschen, freue sich der Geliebten, Frau oder der Kinder als be- sonders wilder Hyänen und lasse statt eigener Tränen da» Blut der anderen fließen. Das Strafgesetzbuch lese man als ein« Sammlung veratteter Witze, und die Gefängnisse verwandle man in Tanzlokal«. Das einzige Verbrechen, da» unter diesem neuen S'ttengesetz zu be- strafen sein wird, Ist die Friedenshetze, die Hetz« zu altmodischer Ethik, und hierfür gibt es nur eine Strafe: den sofortigen Tod durch Erschießen. Ein entlarvter Eensationsmacher. Die„Gesellschaft für Erdkunde" zu Berlin hat da» treiben ihres Mitgliedes, des Rechtsanwalts Dr. Ado B a e ß l e r, untersucht und gebrandmarkt. Dem vom Vorstand beschlossenen Ausschluß kam Baeßler durch Austritt zuvor. Die Gesellschaft ver- öffentlicht aber das Ergebnis ihrer Untersuchung. Herr Baeßler hat danach über seine Reifen in Südamerika in Zeitungsberichten und Vorträgen sensationelle, vielfach völlig unzutteffeiche und erfundene Schilderungen gegeben, die zum Teil nicht einmal aus seiner Feder stammen. Sehr merkwürdig war auch di« Art, wie er die Auf. merksamkeit auf sich zu lenken wußte: mit einmal hieß es, er sei ver- schollen und dann kam ein sensationeller Rettungsbericht. Sein Verhalten wird al» eine unmittelbare Gefahr für das Ansehen der deutschen Wissenschaft ttn Ausland und eine Gefährdung für ernst- haste Forschung in den von seinen Berichten betroffenen überseeischen Ländern charakterisiert. Wie kam aber dieser aus großindustriellen Kreisen stammend« Mann in die„Gesellschaft für Erdkunde"? Sind Geldbesitz und Be- Ziehungen immer noch alles in Deutschland? Ltihnenchrovit. Da Direktor Hennann Hall er da« von Ihm ge. pattete.Theater am Schifibauerdamm» wieder hat aufgeben massen, wird e» wieder von Direktor A u f r t cht abernommen. Er «rössnet dl« neue Eaiion am t. September mit Offenbach«.Prtnzeissn von Trapezunt'. Für einen Ipäieren Zeitpunkt wird mit der Direktion der »Tribüne* für einen Zeitraum von etwa ,wei Monaten ein Lu«tausch beider HSuier geplant. Di«»ribün« scheint«In«astspiel Elisabeth»erzner« in dem andern Hause»» beabstchtigen. Zm cesfinq-AIuleum findet Donnerstag, S Mr. ein Friedrich. Kaytzler-Äbend statt. Die Urania bringt Freitag, g'/, Uhr. im Langenbeck-Virchow-Hau«. Luisen stt. ö«/SS. einen Dorttag von Jean P a i n I e r> 4. Paii«, über den wissenschastlichen Film in Frankeich, mit DorsüHrung von Filmen. 3« der Stilb tischen Oper wird der sür Donnerstag angekündigte ,D o n, K i o v a n n i" aus Sonntag verlegt. Donnerstag, 10. Aprll.M t g n o n* mit Maria Jvogün. „Das Lied vom alien Marti." Alhambra. Nach Motiven von Maxim G o r t i, diesem großen russischen Schriftsteller, der die Abgründe des Leben» kennt, wurde„Das Lied vom alten Markt" zu Bildern geformt. Artem wird vom raufenden, saufenden Menschen, dem«in Tot- schlag nur eine kleine, nebensächliche Angelegenheit ein«» Tage« be- deutet, zum alles verstehenden, geläuterten Menschen, der von der steghaften Zukunftshoffnung des Soziallsmus erfaßt wird. Führer wird ihm ein immer getretener und dabei doch seelisch hoheitsvoller, erbärmlich armer jüdischer Flickschuster. P. Petrow-Bytow ist verantwortlich für Manuskript und Regie. Er kennt keine Mache, bei Ihm sst alle» getragen von der starken Ursprünglichkeit wahren Könnens. Ihm ist das Leben nicht nur interessant, er ringt sichtlich nach Inhalt. Darum stören auch ge- wisse Längen und die»in wenig übertriebene Bewegung in den Marktbildern nicht allzusehr. Der Regisseur wird unterstützt von realistischen Darstellern, wie man sie packender sich nicht denken kann: denn Georgii Uwarow. Jelena Jegorowa. Emil Gal und Nicolai Simon ow sind ganz groß« Menschengestalt«?. Natürlich würden dl« Russen nie so elementar wirken und zum stärksten, ja. lastenden Miterleben zwingen, wenn die amerikanische und die deutsche Filmindustrie nicht gar zu ausgiebig dem Kitsch ge- huldigt hätte. Freilich sind die Russen derart p-irteipolitisch ein- gestellt, daß selbst ihre Kunstwerke parteipolitisch ausgewertet werden, sowohl vom Produzenten wie von den Zuschauern- Der Film schließt mit den Worten:„C» kommt ein schöner Tag für alle Menschen: diesen Tagen möchten viel» Menschen nun gerade nicht unter der Sonne des Bolschewismus erleben. e. b. vi» Roilonalgalerie zeigt gegenwärtig Im ehemaligen«ronprinzenpalai« ihre Erwerbungen der beiden letzten Jahre. Ankäuje de» Vereins.Freunde der Nationalgalerie», Ueberwetsungen de« Ministerium» und tzlnkäuf» au« Mitteln der Malerte. Im Obergeichost find au« der Sammlung von Otto Ralfs in Braunschwetg 60 Zeichnungen von Pain Klee ausgestellt. Llnter der Fuchtel des Landbundes Hugenberg strampelt gegen die Ltmklammerung. Die deutschnalionale Parleizentrale gibt von Zell zu Jett „vertrauliche- Rundschreiben über politische Fragen von sich. Da» letzte, wohl noch vor dem Umsall hugenbergs versohte Rundschreiben befaßt sich mit dem neuesten Bundesgenossen der Deutschnalionalen, dem Zentrum, und, noch mehr, mit den engeren Bundesbrüdern, dem Landbund. Das Rundschreiben, das vom„Berliner Tageblatt- verössenlllcht wird. ist sehr aufschlußreich für den intimen Konkurrenzkampf um die politische Macht, der zwischen der Deutschnalionalen Partei und dem Dandbund entbrannt ist. Man muß davon ausgehen, daß jede politische Gruppe, nicht nur die Parteien, nach möglich st großer Macht strebt, um mit dieser Macht das, was die Gruppe allgemein-politisch oder inter- effen-polittsch für richtig hält, durchzuführen. Auf der mchtmarxisti- schen Seite muß dieser Machtkampf in erster Linie zwischen dem Zentrum und der Houptträgerin des nationalen Wollens, der Deutschnationalen Volkspartci, ausgefochten werden. Außerparla- mentarisch greift in diesem Kampf die große landwirtschaftliche Ge- werkschaft, der R e i ch s l a n d b u n d, ein, der allerdings oftmals geschoben und gezogen wurde, wo er selbst zu schieben oder zu ziehen gedachte. Er wollte die rechtsstehenden PaNs>en beherrschen nach dem System„Teile und herrsche- Der Reichslandbund mußte in dieser Einstellung ein Interesse daran haben, jede Bewegung zu fördern, die £ine Zersägung der großen nationalen Partei in einzelne kleine Gruppen. die sich leichter beherrschen lassen, im Gefolge hatte, um sich die eigene Vormacht st ellung, das Primat des Bundes gegenüber den Parteien, mehr und mehr auszubauen. Bon ihm ging die Gründung der Christlichnationalcn Bauernpartei aus, er be- grüßte innerlich die Bildung der W i rt s cha f t s pa r t e i, er benutzte jede Gelegenheit, die Deutschnationale Volkspartei und ihre Führung zu schwächen, wo es nur ging. 1924 erschienen Vertreter in der Dessauer Straße— dem Hauptquartier des Landbundes. D. Red.— und machten Stimmung für die Annahme der Dawes- Gesetze, nachdem der Reichslandbu-ndcsvorstand sich 24 Stunden vorher für ein„Rein- ausgesprochen halle. Vertreter der Dessauer Straße waren es, die auf den Artikel 4 beim Volksbegehren oorsorg- lich hinwiesen und damit den beabsichtigten Austritt aus dem Reichsausschuß vorbereiteten. In der Dessauer Straß« wird m Verbindung mit dem Deutsch- nationalen Handlungsgehilfenoerband die Zeitungskorrespondenz herausgegeben, die jederzeit— unter neutraler Firma— als Sondersprachrohr benutzt werden kann, wenn es gilt, die Parole„hinein in die Regierung- ins Land zu senden, die dann als Stimmung aus dem Lande auf die Parteiführung zurückwirken soll. Kann man dchn Reichslandbund aus der Ausnutzung seiner in zehn Iahren sorgfältig ausgebauten Organisation einen Vorwurf machen? Keineswegs, man muß sie bewundern, aber auch zugleich bedauern, daß die Machtausübung des Reichslandbundes, so wie sie geschah, zu einer Stärkung der Rlikle geführt hak, zu einer Stärkung des Zentrums, unter dessen Führung lue agra- rifchen Interessen niemals so gut vertreten werden können, wie unter der Führung einer großen Rechtspartei. Der Reichslandbund hat jetzt seinen geschäftsführenden Präsi- deuten Or. K. c. Schiele ins Kabinett Brüning gesandt. Teil- und Zeiterfolge werden für die Landwirtschaft erreicht werden: viel- leicht genügen sie, um manchen Betrieb über Wasser zu halten. Der Reichslandbund hat eine große Verantwortung übernommen: sein Dauerziel, auch unabhängig von der Deutschnationalen Partei, in die Regierung zu gehen, hat er diesmal erreicht. Der Reichs- landbund ist seinerzeit aus dem Reichsausfchuh für das Volksbegeh- ren misgetreten, um„völlig« Handlungsfreiheit- zu haben. Hat er sie jetzt, in Gefolgschaft des Zentrums, das ihm nicht einmal den polnischen Handelsvertrag abändert? Hat er die Freihett in der von Hermes gehandicapten Grünen Front, die ihm verbot, seinen diesjährigen Reichslandbundtag abzuhalten, damit sich die enttäusch- ten Landwirt« nicht allzu hefttg gegen die Regierung aussprächen? Aber ein Ziel— ein Ziel des Zentrums und ein Ziel der Dessaurr Straße— wurde nicht erreicht: Die Zerschlagung der Deutsch- nationalen Volkspartei. Der Landbund hatte von seinen in der D-utschnallonalen Partei befindlichen Abgeordneten gefordert, nicht gegen das Mißtrauensvotum zu stimmen. Zwölf Abgeordnete waren bereit, dieser Weisung zu folgen. Das hätte eine weitere Zersplitterung der Fraktion bedeutet. deren Rückwirkung aus die Landesverbände, namentlich die vor- wiegend ländlichen Bezirke, unübersehbar gewesen wäre und einer Zerschlagung der Partei in diesen Bezirken gleichgekommen wäre. Das hat der schwere Entschluß des deutschnationalen Führers ver» hindert.... Die bisherigen Manöver der Dessauer Straß« waren: Irrweg deutscher Rallonalpolillk.- Wmdischgraetz straffrei! Er fordert noch Riesenentschädigung? Wien, 9. April.(Eigenbericht.) Der„Arbeiter-Zeitung- wird berichtet: Die Regierung Bechlen hat nun die Assäre Windischgraetz endgültig liquidiert. Unter völliger Uobergehung der Oesfentlichkeit ist Windischgraetz, der nach dem Frankensälschungsprozeß wegen angeblicher Krankheit auf freien Fuß gesetzt wurde, amnestiert worden. Ein militärisches Ehrengericht hat„festgestellt-, daß er keine ehrenrührigen Hand- hingen begangen habe und ihm eine große Entschädigung vom ungarischen Staat gebühre. Jetzt verlangt Windischgraetz nicht weniger als vier Millionen Pengö(2ih Millionen Mark) als Entschädigung und droht mit einem Prozeß! Mit dieser Wendung hängen gewisse Aenderungen der ungarischen Innenpolitik zusammen. Da ein Teil des Offizierkorps unter Führung des Oberkommandanten I a n k y sich mit der Reha- bilitierung des Prinzen Windischgraetz nicht abfinden wollte, mußt« Iawky zurücktreten. Der Oberfaschist Gömbös, der frühere Kriegsminister, wurde mit der Reorganisation und Leitung der Armee betraut. Dazu bemerkt die„Arbeiter-Zeitung-: Wie der Ausstieg des Gömbös mit der Frankenfälschungsafsäre seinen Anfang ge- nommen hat, so findet er mit der Rehabilitierung des Franken- fälschers sein« Fortsetzung. Ausfische Einladung. Komm oder totgeschossen werden...! London. 9. April. Dom russischen Generalkonsulat in London wurde heute eine von der„Morning Post- gebrachte Meldung b e st ä t i g t, dcrzusolgc ungefähr 29 in England lebend« Russen auf- gefordert worden sind, nach Rußland zurückzukehren. Darunter sollen sich mehrere führende Mitglieder der russischen Handelsvertretung in London befinden. Es wurde ihnen gleich- zeitig mit der Aufforderung zur Rückkehr bekanntgegeben, daß sie sich in Uebereinstiinmung nüt den russischen Gesetzen der Beschlag- nähme ihres Privateigentums und der Verurteilung zum Tod« aussetzen, wenn sie der Aufforderung nicht nachkommen sollten. Reichsminister a. D. Robert Schmidt erstattet Freitag, den 11. April, von 17.5S bis 18.29 Uhr vor dem Mikrophon der „Deutschen Well«- einen..Bericht über die Zoll- f r i ed e n s k o n fe r« ii z". Der Redner wird auf die Genfer Tagung eingehen. Rcichswirtschastsminister Schmidt nahm als Vertreter Deut fchlands an der Konferenz teil. Wetter für Verlin: Wolkig bis heiter, ohne nennenswerte Temperaturänderung, schwache Luftbewegung.— Für Deutschland: Ueberall Fortdauer der beständigen Witterung. Retriebsräiewahlen im Opel-Werk. Starter Rückgang der KPO. Rüsselshelm, S. April.(Ngeaberichl.)' � Bei den Velriebsrälewahlen wurden für die List« der freiett Gewerkschoflea 4S11 Stimmen abgegeben, gegen 4392 im Borstchre, für die Liste der kommunistischen.Opposition" 1469 Stimmen gegen 3273 im Vorjahre, für die christliche List« SIS(Sg?) Stimmen nnd für die Liste der Gelben 139<24S) Stimmen. Troß der Verminderung der Anzahl der beschäfkigten Arbeiter von rund S000 im Borjahre aus 7090. haben die Gewerkschaften noch einen ansehnlichen Sttmmenzuwachs zu verzeichnen, während alle übrigen Gruppen, vor allem die KPD., einen Rückgang ver. zeichnen müssen. KPO.'Kaiastrophe in Augsburg. Augsburg, g. April.(Eigenberichi.) Zn den Werken der MAR.(Maschinenfabrik Augsburg-Rüruberg) gingen 3960 Werksangehörige, das sind SS Prozent, zur Wahlurne. Die Liste der freien Gewerkschaften vermochte einen beträchtlichen Stimmenzuwachs zu buchen. Statt bisher 11 sitzen jetzt 12 Frei- gewerkschafler im Arbeiterrat, während die Kommunisten 6S2 Stimmen und 3 Sitze verloren. Sle haben nur noch 2 Sitze im Arbeilerral. Eines ihrer Mandate gewannen die gelben hakenkrenzler. die bisher im Arbeilerrat nicht verkrelen waren. Die Ehristen haben sich mit 3 Sitzen behauptet. Zu allen übrigen Betrieben der Augsburger Metallindustrie hallen die Kam- munisten keine eigenen Listen aufgestellt. 3n den Großbetrieben der Textilindustrie haben sich die Kommunisten überhaupt nur in einem einzigen Betrieb, der Spinnerei und Weberei Augsburg, gehalten, wo S Freigewerkschaflern 3 Kommunisten und 3 Ehristen gegenüber- stehen. Zn allen übrigen Betrieben ist die kommunistische Opposition völlig verschwunden. pflegestellcn für Säuglinge gesucht. Im Bezirk Lichtenberg werden Pslegestellen für Säugling« beiderlei Geschlechts und jür Knaben im Alter von 1 bis 12 Jahren gesucht. Erforderlich für die Unterbringung der Pfleglinge sind geräumige und gesund« Wohn- räume sowie ausreichendes eigenes Einkommen, das für genügende Verpflegung Gewähr bietet. Außerdem werden Familien gesucht, die bereit sind, schulentlassene Jugendliche mit oder ohne Kost gegen Eni- qelt aufzunehmen. Meldungen werden im Jugendamt Lichtenberg. Türrjchmidtstraße 25, Zimmer 27, entgegengenommen. Achtung! 128. Abk. Pankow. Der heutig« Zahladend der 3. Gruppe findet entgegen der heutigen Notiz im„Vorwärts- im Lokal von Boreik, Berliner Str. 97/98, statt. Mittwoch, 9. ApriL B e r i i i. 16.no Szenen aus..Schluck und Jan*4, Von Qerhart Hanptaumu 17.00 Opcrcttenlieder und Chansons. ts." 17.30 Oberingcnicur Karl Bibel: Persona! sdrahtag and Varvärtskomraeo in de? Intfustrie.'•-.7 17.55 Anton Göggel: Der Blinde und sein Hand.. �-w 18.20..Sozialistische Bildnng'4(Sprecher: A, Stein. K. ScferWer). V|i r 1 18.45 Unterhaltungsmusik. 20.00 Wovon man spricht 20.30 Sendespiele:„Rausch44, Komödie Ton Atf. Strindbcrf. Reffe: Onsta� Härtung a. O. 22.30 Dr. F. Anders: Kartenspiele.> Anschließend bis 0.30 Tanzmusik. Könifssrasierhtviea. 16.00 Englisch. Knlturkundlich-litcrarische S&nnde. 16.30 Von Hamburg: Die Nürnberger Puppe. 17.30 Erich von Gudenberg und Mitwirkende: Der Chorat 17.55 Prof. Dr. F. Beckmann: Wirtschaftskrise nnd LandwIrtscfcalC 18.20 Dr. Löser: Auf Urlaub in Brasilien. 18.40 Spanisch für Anfänger. 19.05 Dr. Hans Prinrhorn: Was erwartet man von der Psydhofotfe? 19.30 Dr. Alice Salomen, A. Mcurcr; Männer irad Frauen in der Wohlfahr pflege. 20-30 Von Mönchen: Unterhaltungskonzert 21.35 Von München: Konzert des Rcgcnsburgcr Domchora. lUeAiet. LicUlspxcle usw Tägl. 5 u.S'l, Uhr. u S HarD. 8236 P/. 1-6M Woohentg. 5 U 50 Pf.-3 M. Wild Amerikas I OtO berühmtester Clown und 8 wehere VarieU-Neuheiten {INTERNAT. lägt. S u. 815 SatUL 2.3 0. Bu Alex. E 4. 8066 VARIETE * Uhr bs Lied uo HoboKen n NeeerstOck )ld-Weisenborn Musik; W. Qrosz Staalüdiiller-Th. 8 Uhr Der Ü'MWMNÜ Piicaisr-Bälioe Vallotr• TDealcr) 8 Uhr §218 FraogniDülot Staatsoper Am PI. d. Republik 71* Uhr in FteiiMl Kaminerspiele S 2 Weidindamm 5201 • 8V. Uhr Die liebe Feindin KoaUii ran*. P. lotoiH Rqit: Untat Crtsdjtu Die Komödie II Bismck.Z4H/75l6 «>/. Uhr Die Krealnr Sditaipiil ng fird; Sradnn J Bagl«: Mai Bulnbarti Deetsdi« meaier 0 2 WiidndaiDni 5211 ragt. 8>/. uhr Der Kaiser v.Amerika von Bernard Shaw Reg.: Ma* Reinhard, REVUE JSERVUS 1930 Residenz-Thtatei KQnstl. Leitung Gallon Briete Täglich SV. Uhr Sonnlag 4 Uhr Elsrleke BnadlanKh. hau« Pr. Letzte Woche! iHurDodi bis Freitag, lUpril 1930§ Täglich 8 16 |Die Qoldne Meisterinj Traute Kose im IRose-Theaterl | Große Frankfurter Straße 1321 1 Billettkasse: Alex. 3422 und 34941 | Ab Sonnabend, d. 12. April, d is| die Rokoko-Operelte (ihre Hoheit die Tänzerinj in 3 Akten v. Walter W Goetzel 1 Sonntag, 13 April, nachm. 2.30 i | dasenuQckendeamerlkanischcl Lustspiel Der Mustergatte [Vorverkauf lägl. v. 11—1 vorm und 4—9 abends. GROSSES SCHAUdPIELHAUo a Uhr Nor noch 22 Vorslellnngen! 3 Musketier« Regie; ERIK CHARELL H Sobdud nadun. nnaak. hall» Pr. ■■■ Oirektiun: Or. 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Amerika Lustspiel von Frank und Hlrschfeid Theater Ld.Belirenstr. 53-54 A 4 Zentrum 926-927 OlrekUon Ralph Arthur Roberts 8'/« Uhr ... Vater sein, dagegen sehr Sonntag auch nachm. 4 Uhr(halbe Pr) SarDowsky-SDtiDDD Theaidr In der Streseraannslr. ((rühir KSnigjrttantr.l Gastspiol Moyertolds «askauor Staatstbuter Heute 7'h Uhr Premiere Oer Wald Isnltii von Ostravskj Komödlenhau. Täglich S'/o Uhr MdIbd Sdivester DDd idi Musik t. Ralph Bioatzky Tbut. a. Koitb.Toi Kottb. Str. 6 Tägl. 8 Uhr auchSoam nachm. 3 1 Elite- Sanger. Das phloom. österanqramiD mit i. boliobtn Casttcnor Kutrt Wanger Melropol-Th. Täglich S'U Uhr Der Bettelstudent Pattiera, Alpac, schützen dorr, Jökea Donnerstag, denlO.Apriij nadua. 3 mar Beilage Mittwoch, 9. April 1930 §JUauLQa4G 4UU&*tuKLr& Serliii—Wien Häusliche ZULUagsslimmung in zwei Städten/ Von U. Hemmer SeFlzzx Ein Schritt vom eleganten Zentrum, und ich bin zu Hause: in einer A r m e l e u t e-„P e n s i o n". wo(dos ist eine Berliner Spezialität) gar keine Pension zu haben. ist. Es ist ein weitläufiger. ober fast leerstehender, von einer mysteriösen Kaufhausfirma(ohne Kaufhaus) ausgemieteter Bau, in dem wir. ich und allerhand andere kuriose Leute, in protzenhafter Stille für uns abgeschlossen wohnen, während Wohnungen für mehr als ein Dutzend Familien freistehen fest Jahr und Tag. Arme Teufel, so wir sind, wir besitzen wenig- stens das in einer Großstadt so seltene Gefühl phantastischer Raum- Verschwendung, denn von dem uns umbrausenden Leben dringt schier nichts in den stillen Hof mit den öden Fensterscheiben und verlassenen Balkons: und hinten, an der Qnerstraße, stehen gar zwei riesenhaft«, durch Cisentraverfen festgehaltene Etagen ohne Wände(denn die Firma hat plötzlich zu bauen aufgehört), dicht an einem allermondänsten Tanzetablissement. Ich wundere mich nur in warmen Mondnächten, daß die Paare nicht auf dies« freiliegenden Betonparketts hinausschwärmen. Gegen diesen lustigen Bau zu steht mit dem Tor nach dem verlängerten Hos, so daß ich von meinem Balkon aus alle sehen kann, so hier eintreten(und es sind schoinbar Tausende, raschen Schritts oder langsam, in sich ver- funken oder entschlossen, alle, all«, alle, ich kriege nie heraus, wie das möglich ist), eine klein-winzige Synagoge. Zlbcr nur an seltenen Tagen dringt der Schall von Psalmen- ihören zu mir heraus, öfter das Kichern der Mädchen eines Schuh- Warenhauses, die, in Schichten, auf einem vergitterten Balkon (nach der anderen Seite vU-a-vis) wie Haremsdamen zu ver- fchiedenen Tageszeiten ihren Tee einnehmen. Warum sie so viel kichern müssen, wurde mir klar, als ich mit einer Dam« einmal das Schuhwarenhaus betrat und zusah, wieviel Lachlust man da über d:e zutage tretenden Eitelkeiten und Prätentionen fortwährend hin- unterschlucken mutz. Ein« Westend-Dame beobachtete ich, die ließ sich hintereinander 32 Paar Schuhe anziehen und unter verschiedenen Grimassen wieder ausziehen, während das Fräulein Schachteln über Schachteln Herunterschleppte, aufklappt«, präsentiert«, wuner wieder wurde vergeblich anprobiert, ausgustiert, nichts war der Schachtel recht aus Bergen von Schachteln und überall reckten sich ander« Beine vor und wurden wieder andere, konträre Dinge verlangt und andere Schachteln geöffnet und— zu befriedigen gesucht. Herrgott, nnih auf all das eine Tasse Tee gut schmecken, und ein gründliches Sichauskichern. Ich habe nicht das Herz, da- gegen zu protestieren. Die Straße vorm Hmis istdieStratzederEitelkeiten. Ich habe wohl mehr Reichtum, aber nirgends mehr Ostentotion zur Schau getrogen gesehen. Die Parade der Eitlen dauert Tag und Nacht, Jahr und Tag, sie geht bis in die Unendlichkeit fort und zwischendurch, durch diese alltäglich« Eitelkeit, schiebt sich der Alltag des Gelderwerbs, die einen fragen sich immer, wie sie sich in Szene setzen, und die anderen, wie sie sich ernähren sollen. Mir gegenüber schreibt ein blosser, sunger Pensionsgenossc Dramen und Romane, schreibt und schreibt in ein mächtiges Folio- buch: 200 Zeilen täglich: darin gibt es keinen Pardon. Aber in allen Pensionszimmern, und überoll rundum, wo nur eine Gar- dinc am Fenster hängt, spinnt das Leben seine eigenen Romane mrd schreibt Millionen Seiten täglich in das Buch der Ewigkeit und hört nie zu schreiben auf, obwohl es kaum einer recht versteht, was es sagen will. Auch bei dem Blassen klopft manchmal die Wirtin in Gestalt eines 75jährigen jungen Mädchens, das bisweilen einkaufen gehen möchte— nein muß. Und eine arme Sprochlehrerin mit nur IM Schülern wohnt neben dem Romancier, die von Italien herauf- kam vor ich weiß nicht welcher Nachbesteuerung fliehend, und jetzt wieder zurückfliehen will, denn das Elend, das man vor sich sieht, ist immer gerade dasjenige, vor dem man unter allen Umständen daoonrennen möchte(und rennt dabei oft in noch ärgeres hinein). Bei der Wirtin aber sitzt abends über einem Rock oder einer Hose, die er liebevoll zurechtnäht, der jüngste Mieter des Hauses, ein hoffnungsvoller Schneidermeisteraspirant, im trauten Gespräch, dos wie ein Flirt zu mir herüderklingt und mich an meine Pariser jungen Jahre erinnert, wo ich Beruhigung auch nur im Gespräch mit einer jungen Wirtin von 75 Jahren finden tonnte, der ich mein übervolles und reichlich törichtes Herz auszuschütten pslegte. Bleibt außer einem Mann, der die staunenswerte Eigenschaft besitzt, große Packen von win,zig«n Gummischlingen abzusetzen und einem komponierenden und pfeiserauchenden Musikcheoretiler, der sich mit besonderem Eifer durch die ganze einschlägige Literatur frißt. und den überall dazugehörigen, mehr oder minder paffenden jungen Damen, die ihrerseits reichlichen Stoff für neu« Romankapitel abwerfen.... Bleibt nur der Sohn des Hauses, der, so geniale Berliner gibt es, wiewohl außerwärts verheiratet, in den rück- wärtigen, ab und zu zur Derfügung stehenden Wasch- und Koch- räumcn des Hauses eine heimliche Großwäscherei eingerichtet hat, deren einzelne Prozeduren mich in maßloses Erstaunen versetzten So sehe ich zum Beispiel plötzlich in der Badewanne wunderbar tarierte, stolze Herrenhemden mit neckischen Fähnchen des anderen Geschlechtes herumschwimmen und sich blähen, mährend von der Korridordecke herab in langen Reihen weiße Friseur- oder Zahnarzt- kittel hängen, auf dem Küchentisch sich zu gewissen Zeiten Pyramiden zusammengerollter Wäsche austürmen, dann geht wieder das Tele- phon und Frau Souttdso srägt, was denn mit ihren Soundsos sei, ab sie fertig wären, und ein Fahrrad rast mit einer Schachtel durch den stillen Hof, in den auch die ab und zu in der Küche wirtende Büglerin i-n den Zwischenräumen ihrer Arbeit hinabblickt, die sie mit unerschütterlichem Gleichmut verrichtet, einem Gleichmut, aus dem sie nur d a n n gerissen wird, wenn ich beim Nach-der-Uhr-Sehen die Türe offenstehen lasse: da ziehts an die Beene. Winter und Sommer wirds über dem Alltag des großen Hofes. die spärliche Natur grünt und stirbt ab in diesem Refugium von so verschiedenerlei Menschen, in das der Himmel allerlei Licht und Schatten wirft, während die Fähnchen an einem heruntcrragenden Dachzipfel die Jahreszeiten-Sonderwochen und Spezialgelegenheiten denen ins Gedächtais rufen, die Geld genug besitzen. Gelegenheiten wahrzunehmen... Dann ist wieder ein Jahr vergangen, man ist wieder älter und trotzdem nicht klüger geworden über dem halb Sonderbaren, halb Alltäglichen, das man jederzeit erlebt, ob man will oder nicht, und der Roman geht weiter: usw., usw., usw.... Wien Em Schritt vom eleganten Zentrum, und ich bin daheim: im Hotel zur Pleite. Ein heruntergekommener 100-Zimmer-Bau (etagenweise abgestuft von Talmiprunk bis zur ehrlichsten Schäbig- keit), in dem zu bewegten Zeiten der Generalstab aus- und einging und heute der Gerichtsvollzieher dasselbe tut. Leute aller Stände wohnen hier, die alle das Ihrem Stand angemessene Geld nicht besitzen und ihrem Rang entsprechende Schulden machen, die für uns Aermste, im fünften Stock Wohnende, auf ein schrecklich tiefes Niveau herabgestimmt sind. Von den Ersterstockleuten gibt es welche, denen man sich wegen ihres hohen Schuldkontos gar nicht zu kündigen getraut, die man im Gegenteil sehr respekwoll behandelt: während man unsereinem in kritischen Monaten den Schlüssel, der beim Portier hängt, nicht eher ausfolgt, als bis 5 Schillinge a conto hinterlegt werden. Oft sah ich, in der Portierloge sitzend, die zu späteren Stunden ein« Art geheimer Bar wird, einen vergeblich heimkehrenden Hotelgast-sich auf Suche nach Fonds wieder hinaus in fein Stammcafö begeben und manchmal kam er wieder und manchmal nicht. Ich„vergesse" daher vorsichtshalber regelmäßig meinen Zimmerschlüssel abzugeben. Das Haustor sperrt der Nacht- portier auf und quittiert das empfangene Sperrgeld, je nach Höhe mit einer entsprechenden Anzahl„Küß die Hand", die einen bis in die 1. und 2. Etage hinauf begleiten mögen. Schade, daß ich nie so viel Geld übrig habe, mir soviel devoten Dank bis in die 5. Etage nachfliegen zu lassen. Wien ist die Stadt, in der man für relativ wenig Geld sich die extravagantesten Genüsse leisten kann. Bis zu der Stunde, wo noch der Lift in Betrieb ist, finden auch in diesem Zusammenkünste von heimkehrenden Hotelgästen statt, die sich oft unter Vermittlung des mitfahrenden Nachtportriers lange ausdehnen— wir standen einmal Vi Stunde zwischen zwei Stockwerken still und ich lernte dabei viele interessante Persönlich- keiten kennen, darunter eine adlige italienische Chiromantin aus Linz, die über fabelhafte Konnexionen verfügt, und, wie viele von uns, vom Tag auf den nächsten den Eingang von großen Summen erwartet. Wir leben alle in der Zukunft, und es handelt sich nur immer gerade darum, den gegenwärtigen Tag irgendwie zu überbrücken, und dazu muß herhalten, wer kann. Alle, sogar der Haus- diener werden um Kleingeld angegangen, eine einzig« kleine Münze hilft schon über die nächste halbe Stunde hinweg, eine Zigarette tröstet: ein« h a l M Zigarette, eventuell. Es ist ein Hotel voller Möglichkeiten und sie werden alle erschöpft, dann ist immer wieder die P l e i t e da.> Der G a st w i r t ist Pächter und kann die Pacht nicht bezahlen, noch auch(bisweilen) das Bier, so daß Vorschußzahlungen aus den Abendkonsum von den Gästen erhoben werden, die zufällig bei Kasse sind, während andere ärmere„Gäste" mit der Vorschußsumme in der Nachbarschaft ein Faß Bier auszuborgen versuchen und wenn; es geht heranrollcn— es läßt sich immerhin auch damit einiges weniges dringend Nötiges verdienen. Der Hotelier kann seiner- seits auch nicht zahlen, bleibt Steuern, Löhn« und auch gelegentlich das Essen beim Gastwirt schuldig, der dann in eine besondere Rage gerät. Und wir, die„Gäst«"— dos Wort wird auch vom Personal oft sehr ironisch ausgesprochen— kriegen dann die Kassiererin, die alt« Fannie mit der quittterten Rechnung auf das focht fried- liche Zimmer geschickt, die sie allecdings noch langen Debatten und großartigen Beteuerungen wieder mitnehmen muß. Dennoch ist sie eine gläubige Seele, die gute Fannie, und betet und betet in der Kirche gegenüber, aber es wird dennoch alles nicht besser. Von meinem dürftigen, aber mit Jeitschriftenumschlägen roman- Usch ausgeschmückten Schlauchzimmer, in das ich mir zu Reinmachezeiten passende Objekte von den auf den Korridor ge- stellten Mobiliarstücken zusammenstehle, sehe ich gerade in die Nische des Erzengels Gabriel hinein, auf dessen flammendem Schwert unruhige und reine Tauben, einander verdrängend, liebend, hassend, herumturnen, und tief unten gehen die E r st eb ez i r k- W i« n e r und-Wienerinnen ihren immer noch gelassenen Schritt, so daß einen, wenn man nicht an die Pleite erinnert wird, ein Gefühl des Wohlseins überwältigt: man glaubt immer, es geht einem herrlich, wunderbar, bis man in die Tasche langt und das leere Futter herauszieht. Dann fragt man nebenan. Aber schon unterwegs begegnet man der kleinen F l i r t e f r a u mit dem süßen Baby, die auch gerade anfragen wollt«, ab— denn ihr Mann reist in der Tscheche!, hat«inen fabelhaften Abschluß gemacht und schickt jetzt, oh, viel: viel Geld. Dann gehen wir beide zur„roten G r ä s i n", die ist, bitte, nur äußerlich rot gekleidet. sowie auch ihr Zimmer, ihre Zahnbürste, ihr Koch- und Wasch- geschirr, jedoch sind alle nur denkbaren Nuancen um sie und an ihr vertreten— aber ach, ihr Zimemr steht leer— sie führt Fremde durch ihr schönes Wien, in diesen unschönen Zeiten. Hinten, im Korridor, wo der Flriogenspiegel steht, in den Neu- ankömmlinge immer hineinrennen, kommt das hübsche ungarische Kindermädchen flennend aus dem Zimmer: die Herrschaft ist. während sie Ausgang hatte, ausgezogen, hat den Lohn nicht bezahtt. Das Gepäck, das sie nicht wegschassen konnten� steht noch da... ach, und die drei so lieben Kinderchen sind, ich weiß nicht wo und wie... Was tun die vielen Fremden im Hause, die auch kein Geld haben und nichts verdien?» und nicht die vielen Schliche kennen, das Sichdurchschlängeln... Der Pars« hungert durch Wochen, er hat ein Exportbüro, aber keinen Stuhl darin, der Schau- spieler geht immer zum Armenrat: der könnte sich eigentlich in diesem Hotel niederlassen, er ist die dringend nötigste Persönlichkeit für alle Gäste. Und o b wir feine Herren haben(von Damen nicht zu sprechen)! Zwei Ausgleichsverwalter von Konkursen wohnen— wohl als Symbol«— im Hotel. Manchmal steigen biedere. Deutsche ab und ihres Staunens ist kein Ende. Sie machen praktische Vorschläge, wie den Uebelständen abzuhelfen wäre, ober da? eine Uebel zieht das ander« mit sich: wenn man irgendwo etwas ändert, stürzt dieser ganze künstliche Bau in sich zusammen. Praktisch ist nichts auszurichten, da setzen wir uns lieber zum Wirt und theoretisieren. Endlos fließt die Rede:-wir bekämpfen ein- ander, drücken einander an die Brust— und es bleibt zum Schluß alles' beim alten. Die Mieter wechseln, die Z u st ä n d e bleiben dieselben. Es wird warm und kalt, die Winterkleider werden ausgelöst und die Sommergarderobe ins Dorocheum getragen, dem großen Leihhaus- palaft, der sich wie eine rot« Sonne über dem armen Wien erhebt. Ein Jahr ist um, man lacht noch immer beim Heurigen, wenigstens behaupten es die Plakate an den Anschlagsäulen. Jedenfalls lächelt man, geht lächelnd über Dinge hinweg, was da kommt, wie es da kommt, Romane, Tragödien, Komödien, Farcen, Berge, die sich türmen, immer höher: usw. usw. usw.... Friedrich Clk: Unsere Kakteen Die Aimahme, daß für die Kakteen die magerste Erde die beste sei, ist irrig. Das Heimatland der Kakteen sind vegelationsarme und trockene Gegenden. Die hier bestehenden Voraussetzungen können in unseren Blumentöpfen nicht geschassen werden. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß den Kakleen in der heimattichen Erde mineralische Nährstoffe in Hülle und Fülle zur Ver- fügung stehen. Unter dem Einfluß der Sonnenglut kalziniert der kalklialttge Boten, die nachfolgende Regeiizeit zersetzt ihn wiederum zu salpetersauren Salzen und anderen Pflanzennährstoffen. Wollten wir also Kakteen auf ausgesprochen magerem Boden ziehen, ]» würden die Pflanzen kränkeln und anfällig gegenüber dem Un- geziefer werden. Ebenso schädlich ist ein Uebermaß an Nährstoffen: die Kakteen werden dann schwammig und sind in diesem Zustande sehr fchroer zu überwintern. Manche Kakteenfreunde ziehen schwere, zum größten Teil leh- mige Erde vor: andere wieder behaupten, mit leichter san- diger Mistbeet- oder Komposterde die richtige Mischung gefunden zu haben. Hier das Richtig« zu treffen, hängt davon ab, wie die Möglichkeit der Ueberwinterung der Kakteen ist. Schwerer« Erde wird vorzuziehen sein, wenn die Umstände eine kühle Ueberwinterung erfordern, die Pflanzen also trocken gehalten werden müssen(von November bis Anfang März). Ist die Mög- lichkeit einer Ueberwinterung bei 10 bis 12 Grad Wärme möglich und kann man die Pslanzcn wöchentlich mindestens einmal begießen, dann verwendet man vorteilhafter leichtere, gut durchlässige Erde. Zu guter Letzt hat man das Alter der Pflanzen zu berücksichtigen: je älter und kräftiger,, desto schwerer die Erde. Als Mittelweg wird man folgende Mischung ansprechen können: Ungefähr zwei Teile Laub- oder Mistbeeterde, einen Teil Rasen« rd« mit Lehmzusatz. Sand oder Kalkschutt: außerdem, unter die Erde gemischt, ein kleiner Teil Ziegelsteinbrockcn in Erbengröße. Um das Versauern des Bodens zu verhindern, ist ein Zusatz von ungefähr ein Sechstel kleingeschlagener Holzkohle sehr vorteilhaft. Die Beimiscknmg von Naturdünger ist unzweckmäßig, da jederzeit in idealer Weise mit künstlichem Dünger(am besten Kali-Harn- stoss-Phosphormischung) nachgeholfen werden kann. Die Vermehrung der Kakteen durch Aussaat ist einfach. Frische Saat, leichte sandige Erde in einem reinen Gesäß und reich- lich Luft und Wärme bürgen für«in gutes Auflaufen. Der Samen wird zunächst, sollte er noch im Fruchtfleisch eingebettet sein, von diesem durch Auswachsen befreit. Dadurch vermeidet man die Schimmelbildung in den Saatgefäßen und ein Umfallen der Sämlinge. Ist der Samen wieder getrocknet, daß die einzelnen Körner nicht mehr aneinonderkleben, dann werden sie auf die vorher pein- lich gesäuberten und geebneten Töpfchen oder Schalen gleichmäßig verteilt. Durch ein feines Sieb wird soviel Erde darüber- gesiebt, daß der Samen ungefähr doppelt so hoch bedeckt ist, als er selbst dick ist. Nicht mehr, sonst wirb ein Ausgehen in Frag« ge- stellt. Nachdem dies geschehen, wird sorgfältig angefeuchtet und das Ganze mit einer Glasscheibe bedeckt. Um der Gefahr des Aus- trocknens vorzubeugen, lege man über oder unter das Glas zum Schutz« gegen die Sonne weißes Papier. Auch ein lieber- streichen mit Kalkmilch tut gute Dienste. Nach etwa 12 bis 14 Tagen, manchmal auch schon nach 5, zeigen sich hellgrüne, senskorngroße Kügelchen, die nun im vollen Licht stehen sollen, nicht aber in der vollen Sonnenglut. In der Mittagszeit ist also nach dem Ausgehen des Samens auch noch zu schattieren. Ungefähr drei Wachen später werden diese Sämlinge in sondige, leichte Erde ver- stopft. Dieser kann nun schon etwas K a l k s ch u t t beigemengt werden. Verpflanzt wird, sooft und sobald die Erde grün und sauer wird. Es ist gut, Sämlinge im ersten Jahr immer unter Glas zu halten. Die beste Aussaat fällt in die Monate März bis April. Möglich ist auch Stecklingsvermehrung. Die beste Zeit hierfür sind Frühjahr und Frllhsommer. Mit«inen, scharfen Messer wird der Kopfsteckling wagcrecht so abgeschnitten, daß die neu« Pflanze gleich ein möglichst tadelloses Exemplar abgibt. Et- ivaige kranke Stellen lasse man lieber am Stumpf der alten Pflanze. Der gewonnene Steckling muß einige Tage an der Luft oder Sonne bleiben, damit die Schnittfläche soweit abtrocknet, bis sich darauf ein glotter, Hautortiger Ueberzug gebildet hat. Erst dann kommt der Steckling(kleiner Topf bzw. flache Schale) in landige Erde oder Torsmull. Ein« Beimischung von reingewasche- nem Sand und Holzkohlcnpuloer ist zu empfehlen. Der Steckling wird nun 1— 2 Zentimeter tief eingesteckt und zwar so. daß die Schnittfläche auf eine Unterlag« von Holzkohlenpulver zu stehen kommt. Die Erde um den Steckling wird ringsherum gleichmäßig festgedrückt und befestigt durch mehrere beigesteckte Stäbchen. Seitensprosse schneidet man so, daß die Schnittfläche mög lichst klein ausfällt, also dicht an der Mutterpflanz«. Bis zur Wurzelbildung ist es gut, die Stecklinge geschlossen z> Halden. Deshalb stelle man die kleineren Töpfe mit den Stecklinge in einen großen Topf und bedecke diesen mit einer Glasschei' Gegossen wird möglichst wenig. (1. Fortsetzung� .Letzt glauben Sie. daß ich mindestens einen Mord begangen habe." Der Franzose versucht zu scherzen. ..Aber Sie sind perfolgt." Ihr« Stimme bricht sich. Sie drückt sich fest in die Ecke. Er schlägt eine helle Lache an:„Wie naiv Sie sind." „Sie müssen mir alles gestehen", drängt sie. Er faßt imch der Hand, die sich ihm entziehen will.„Beruhigen Sie sich, Mylady. Sie haben es mit einem Mamie zu tun, der das Gegenteil von dem ist. was Sie in ihm vermuten. Verlange ich von Ihnen ein Geständnis? Beunruhigt es mich, nicht zu wissen, wer Sie sind, und welcher Zufall, welches verworrene Geschick Sie in mein Leben getrieben hat?" Er drückt ihre Hand und hält sie fester als zuvor. „Sie dürfen mich um nicht» in der Welt fragen. Ich spring« Ihnen sonst au» dem Wagen." Es schüttest und wirft sie. Un- willkürlich tlan>merr sie sich an den Mann. Er weiß, daß sie nicht aus dem Wagen springen wird und fester sitzt als zuvor. „Ich will auch nach nichts mehr fremen." Sie sagt es wie ein gehorsame» Kind.„Ich bitte Sie nur, gut zu mir zu sein", steht sie„Ich weiß ja nicht, was ich beginnen soll. Es liegt alles so dunkel vor mir. Sie können mich nicht verstehen. Ich weiß es: es ängstigt mich nicht mehr vor Ihnen. Glauben Sie mir. Und viel- leicht ist e» gerade da», was mich in dieser Stunde mtt Ihnen ver- bindet, was mich vorhin in so lächerliche Unruhe versetzt hat. Jetzt könnte ich sogar wissen, Sie wären ein Mörder, ein Dieb und wer immer, es würde mich gleichgültig lassen." Sie schweigen. Di« ernste Aussprach« ist beendet. Sie fühlen ee beide wie einen Abschnitt in dem Kapitel einer Begegnung, die sich vom anfänglich Abenteuerlichen entfernt hat. Sie haben sich nicht» mehr mittel» Worten zu sagen. Etwa» Schattenhafte» ist an ihnen. Sie sehen sich und ihr Leben nur in schwarzen Konturen, die sich verlaufen und in ein Düster verfließen. Sie werden gleichsam von ihm aufgezogen. Selten grellt ein vorübersausender Lichtstrahl her- ein. Merkwürdig, sie schrecken dann zusammen und schlagen sich ins Dunkle zurück. Haben sie vielleicht doch Angst voreinander? Ist dos nicht olles ein Verstecken in der eigenen Haut? Es ist eine gegenseitig« Ueberantwortung, aber der tierische Instinkt der mensch- lijien Kreatur geht nach Verantwortungslosigkeit. Es ist eine Ab- kfflr vom eigenen Ich, oft sogar eine Flucht. Diese Frau, die augenblicklich an der Seite eines fremden Manns» sitzt, st« mag noch so unberührt und keusch sein, der Mann könnte sie küssen, sein« Arme schonungslos um st« schlingen, sie gebrauchen und dann wegwerfen, und sie ließe es mit sich geschehen. Viellejcht bliebe sie empfindungslo» und stumpf. Aber sie würde sich ihrem animalischen Triebe vollständig unterordnen, sich über- wättigen lasten. Das sind die Gedanken des Mannes, der das Weib spürt, noch ihrem Atem lauscht. Wie ein heißer Windhauch'weht er zu ihm herüber. Sie fahren planlo, durch die Straßen und Gewinkel. Siimlos rattert der Motor, stumpfsinnig hockt der Führer auf seinem Sitz und lenkt, ohne«in Ziel zu wissen. Fährt mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit, stoppt an. schleicht und kriecht, gleitet dahim Es kqnn Minuten, es kann Stunden dauern. Er weiß es nicht, und die beiden, die im Fond hocken, auch nicht. „Wie stellen Sie sich da» Ende vor, Mylady?" Der Franzose beugt sich zu ihr hinüber. „Welche» Ende— ..Da» End« unserer Begegnung" „Ich weiß es nicht." „Wir bleiben zusammen" „Vielleicht." Wieder dieses gähnende Schweigen. Diesmal ist es wie Lauern Dann:„Wir können ein Etablissement aufsuchen und dort den Morgen abwarten.". „Nein." „Also ja", denkt der unbekannte Kavalier der noch unbekannten Dame. Er füblt sich erleichtert. Seine Unruhe, unbehagliche Ge- danken und alles, was ihn bestimmt hat, wie ein Verfolgter die Stadt in diesem-Schweinewetter zu durchhetzen und sich von dem niederträchtiaen Naß aufweichen zu lassen, fallen von ihm ab. Die schwere Walke in seiner Stirngegend hat ein scharfer schneidender Wind zerristen. Und nun oerrinnt und zerstäubt sie In das Himmel- blau seiner Gedanken, die frisch und lebendig in seinem Kopfe springen. Er findet so manches, was ihn noch vor wenigen Stunden zersägte, überflüssig, lächerlich übertrieben, einfach überspannt und seiner Lebensart gegensätzlich. Frohlaune überkommt ihn Sein romanisches Temperament lebt auf. Es wird ihm zwar nicht durch- gehen, denn er oerfügt über einen gewisten Grad kühler Be- herrschung, was feiner Charakterveranlagung und nicht einer kultivierten, gebügeltey Lebensart eytfpricht. Wäbrend er sich abschätzt, vergißt er nicht die Frau an seiner «est«. Die scheint längst nicht so ausgeglichen mit sich zu sein Sie stellt für ihn keinen herkömmlichen Fall dar. Die Sache dürste nicht so unkompliziert sein und mit sckweren Gefühlsmomenten.zusammen- hängen. Sie hat ein S�icksol. Wer weiß es? Vielleicht ist es ganz unbedeutend. vieUeickt kommt es ihr nur so bedeutend vor. Das kommt auf die Einstellung zum Leben an und auch mif die Kon- stitution des Seelenapparats. Der Herr, der sich so aufgeregt darüber unterhält, erinnert sich an das. was vor ungefähr vier Stunden geschehen Ist. Und beschließt seine Betrachtungen folgende rmaßen: Es ist alles aussichtslos, was /JcfcfrtefißP- man beginnt, um vor sich den Hut zu lüften und zu sagen: Sie sind ein Mensch, der schwer zu leben weih, oder Sie haben gut oder schlecht getan, gescheit oder dumm, gewissenhaft oder ehrlos. Sie sind ein Schwein, warum nicht ein Kalb. Dann lacht er in sich hin- ein, hebt seine Brust und weiß, daß er über Ueberlegenheit nach Kräften verfügt. In den Gliedern prickell es ihn. Mit dieser Frau. die er aufsichtslos und ohne Ende spazieren führt, muß etwas ge> schehen. Sie gefällt ihm, mehr noch: sie hat einen ganz wilden Ein- druck auf ihn gemacht. Ihn aus seinem Kaller gerissen. Ihn gc- schleift. Also kann er sich auf dieses sinnlose Unternehmen nicht länger mehr einlassen. Uebrigens wird es dem' Chouffeur, wenn er Amerikaner ist, doch genug werden. Er wird im zweifelhaftesten, unsichersten Viertel Schanghais stoppen und sie mitten auf die Straß« setzen: denn es ist grundsätzlich unmoralisch, mit einer Dame eine Nacht lang im Auto zu fahren. Dies setzt er ihr in launiger Weise auseinander. Und min ver- wickett sich Wort in Wort, Satz in Satz. Gedanken in Gedanken, bis sich die Frau verwirrt, versängt und hilflos im Netz zappeft, nach Luft schnappend. Bei ihr ist es, als täte sie das eine nur um das andere. Ungefähr: Man rettet sich vor dem Flarnmentode, in- dem man sich vom fünften Stockwerk in die Tief« stürzt. Diese Lcgik entspricht ihrer Weiblichkeit, die für ihren Begleiter noch-un- entdecktes Neuland bildet. Seine Sinne sind geweckt. Aber nicht stellen sie seinen Verstand kalt. Er spürt nicht allein das Fleisch der Geschlechikpartnerin, sondern einen unüurchdnngbaren Komplex Der liegt im Blute. E» reizen nicht allein die natürlichen Vorzüge der Fnru, sondern auch die Undurchdringlichketten des Menschen. Begierde und Bernunft stoßen aufemander, bis sie sich gegensettig treiben und schließlich in jenem Affekt gipfeln, der Rausch heißt. Das Auto hält mit einem energischen Ruck. D.er Stoß geht beiden durch den Leib. „Wir wollen ein« Kleinigkeit zu uns nehmen", sagt der Gentleman mit höflicher Förmlichkett und räckelt sich aus dem Wagen. Es ist eine enge, nicht allzu hell« Gass«, in der sie halten. Es gießt noch immer mtt eintöniger Gleichmäßigkeit. Mtt Geschick hebt der Kavalier die Dame aus dem Wagen, stellt sie In«inen mäßig beleuchteten Flur und schlägt sich mit dem Chauffeur um die Tax« herum. Der Mann am Volant ist kein Gentleman, und das Lokal nicht die American-Var. Dann empfängt ein übertrieben freundlicher Chinese, dem der Bauch zu Boden fällt, die beiden Gäste, über die er sich zu wundern scheint. „Sie wollen gewiß ungestört sein, Mylady", sagt ihr Begleiter. Sie antwortet nicht. Als sie etwas sagen will, steht sie bereits in einem zierlichen, mtt Luxus ausgestatteten Räume und dem Manne gegenüber, den sie groß und forschend anblickt. Schlank und hoch die sehnige, geschmeidige Gestalt. Eine wider- standsfahige Stinte, darüber stramm gebürstet das Haar. Augen, die lebhast und verschlagen blicken. Dagegen ein Mund, weder sirrn- ljch noch pervers, sondern nüchternste Entschlojsenhett. Im Gegen-- satz dazu ein schmales, wie ein feiner Strich gezeichnetes Schnurr- bärtchen, geschnitten nach der letzten Pariser Mode. Bielleicht sieht sie ihn auch anders, will sie ihn anders sehen. Sie nippt bloß an dem Drink, läßt die Augen von chm nuht ab. Und weil auch er die Augen von ihr nicht läßt, sehen sie sich unentwegt an und vergessen des öfteren zu sprechen. Obwohl ihre großen Augen rot umrändert sind, ihr gewiß sonst glatt gekämmtes kastanienbraunes Haar unordentlich in dünnen Strähnen über die Stirne sällt, die Flügel einer edel geschnittenen Nase stottern, der schmale ausdrucksvolle Mund zuckt und ztttert, verliert sie keineswegs an Persönlichkeit für den Mann. Dieses eng- schultrige Mädchen, vieles an ihr noch unausgeglichen und ver- holten, hält ihn in Atem. Diese augenblickliche Unordnung in ihrem Aeußeren, dos Chaotische. Verstörte verleiht ihr einen seltsamen unwiderstehlichen Reiz. Die Durchbildung des Anlitzes uns der fast noch unentwickelte junge Körper schaffen ungewöhnliche Gegensätze. Der Mann denkt nur das eine: Diesen Menschen, dieses Weib zu durchdringen, sie besitzen, sie besessen haben. -Sie nippt nicht mehr, sie trinkt. Nicht weil von nebenher ein« traurige, erbärmlich« Musik wimmert, nicht, weil das olles so ist, wie es sein muß— oh, sie ist ganz unromantisch— nein, sie trinkt. weil es sie fortschwemmt, sie sich auflöst in Empfindungen, die sie verwirrt haben. „Und sollen wir nie einer vom anderen wissen, wer er ist", preßt sie der Mann an sich. Sagt:„Ich liebe dich", weil er nichts anderes zu sagen weiß. Und sie fühlt, daß sie nicht mehr�ist, daß alles um sie ausgehört hat zu sein. Und dann wird sie müde, sehr müde, schlägt über den Tisch hin, weint, lacht, staunt mit den Augen wie ein Kind, beißt die Zähne übereinander, wirft die blut- geschwellten Lippen auf und die Arme von sich. (Fortsetzung folgt.) eBuch 3oe£ederer„lllufik der llachl'. Fragil und etwas abseitig war schon Joe Lederers erstes Buch„Das Mädchen George". Lavendelduft lag darüber, denn man diskutierte Dinge, die prätenziös erscheinen, weil das Leben heute die Menschen stärker durchrüttelt als vielleicht zur Zeit der Im- pressionisten. Ein Andante in tiefen Streichern, dem ein paar helle Trompeten Rückgrat gaben. Diese Instrumentation fehlt dem neuen Buch„Musik der Nacht"(Universitas) der jungen Autorin. Alles geschieht hier gedämpft wie etwa in Schnitzlers ersten Prosawerken oder auch in Arnold Zweigs„Novellen um Claudio". aber das Leben dieser Geschöpfe— Luxuswesen, die Reichtum vor unsimsten Berührungen bewährt— verläuft in zu engen, indi- visuellen Bahnen, bleibt zu sehr auf die Schicht der vom Schicksal Erwählten beschränkt, um über diesen Rahmen hinauszuwachsen. Sybil, die Junge, Reiche und Glänzende, ist durch unheilbare Krankheit ein todgeweihtes Haupt. Sie erfährt es aus einem entwendeten Brief ihres Berlobten an«ine Freundin und macht darauf freiwillig ihrem Leben«in Ende. Aber dieses erschütternde Thema wird nur als Melodiefetzen verwandt, hin und wieder virtuos mit Motiven der Angst vor dem.Unbekannten instrumentiert. Ii, der Hcmptsach« jedoch überwiegen andere Thepien wie das der Liebe zu einem anderen Mann. Auch hier Allgemeingültiges, wenn nicht diese Leidenschaft, jedenfalls in dieser Form, ollein In der Sphäre subtilster Gefühlskulturen möglich wäre, von Gefühiskulturen, die nur inmttten einer von materiellen Sorgen befreiten Zell und eines beruhigten Lebenerhythmus gedeihen können. Eine zarte, lyrisch verbrämte Dekadenz umweht die Menschen. Joe Lederer schlägt jetzt eine Melodie an, die andere vor ihr bester geführt haben. Sie schwebt in der Gefahr, sich zu isolieren und einem preziösen Stil und Siosfgebiet zu verfallen. Schon das Buch„Musik der Nacht" klingt wie„aus der Ferne längst ver- gangener Zeiten". F. Seh. Rät seh Ecke des„Abend". Kr-u,-za»rS«s-l. lAlAlAl amm aararaaaaaa Hier heißt es, die Buchstaben so umzustellen, daß die waagerechten und senkrechten Reihen Worte ergeben, die die gleichen sind: 1. Tierisches Arzneiprodukt: 2. Ansammlung von Himmelskörpern: 3. Toilettenartikel für Herren.* Frühlings-Problem. A ADE E E E E H H J J J J L M MNNNRRUU pyramidenrätsel Die Buchstaben in der Pyramide sind so um- zustellen, daß die waagerechten Reihen er- geben: l. Buchstabe: 2. weiblicher Vorname; 3. biblische Person: 4 weiblicher Bornamc; 5. europäischer Staat Die drei Seiten der Pyramide ergeben dann: 1 deutschen Flutz, 2 deutsche Funkenstation, S. europäischen Staat.* Silbenrätsel. Aus nachstehenden 48 Silben sind 18 Wörter zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben, beide von oben nach unten gelesen, einen sozialistischen Kampfruf ergeben a a al an bürg der di di doc dour e ei en en es gue is lan land lao li lim ma m« ming nach ne ne ne o vhro po rat re ro ro rouf feau sei tai te ten ten ther ton trig vi vid Die Wörter bedeuten: 1 Musikinstrument: 2. Architektonislbe Verzierung: 3. Römischer Dichter: 4 Kletterpflanze: S. Buch der Bibel: 6. Wendenfürst; 7. Griechiiche Göttin: 8. Käseart: K Griechische Sagengestalt: 10. Tierprodukt: 11. Bekannt« Schreibmaschine: 12. Gebirge in Asien: 13 Deutsche Stadt: 14. Beamter: 15. Salat- pflanze; 16. Französischer Dichter-Philosoph; 17. Französisch« Land- schast; 18. Stadt am Rhein. lr. Kettenräisel. Haus, Holz, bor, Berg, Hast. Werk, Schrank, statt, Schloß. Geld. Wirt, Tür, Stück, Schast. Land.— Aus vorstehenden 15 elusilbiqen Worten sind 15 zweisilbige zu bilden, wob«' jedesmal di« letzte Silbe eines Wortes di« erste des folgenden bildet.* (Auflösung der Rätsel nächsten Sonnabend.) Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer. Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Nordpol: 8. suesz (süß): 11. an: 13. la: 14 m: 15. oh: 18. Einer: 20. Eisbaer.— Senkrecht: 2. OS: 3 Rum: 4, be; 5. pst: 0. OS: 7. I; 9. Main: 10. Zahn: 12. nn; 13. So; 16. bis; 17. Lea: 19. NB. Silbenrätsel:! Weekend: 2. Anhalt: 3. Satire; 4. Bremer- ven: 5. Beorganisation: 6. Ingenieur: 7. 71.ma: 8 Goethe; Turgeniew: 10. Zehnt«: 11. Utensilien: 12. Eiweiß: 13. Höhenzug: 14. Richard: 15. Sdinson: 16. Rase.—„Was bringt zu Ehren, sich wehren!" Goethe. Streichrätsel:„Eine Riesenmuschel ist die Welt, die als Perle dich enthält." Berwandlungsaufgab«: Petz, Pelz, Pilz, Milz, Malz. Male. Made. 9� Bürgerliche Zentralisation Auf dem Wege zum Einheits-Sportverband? Di« sozialPische Arbeiterschaft ist durch ihre Zuisammensassung m Großorgamsationen zu einer Macht geworden, das Bürgertum sieht darin eine Gefahr, es strebt ebenfalls nach Konzentration der Kräfte. Wie in der wirtschaftlichen und politischen Arena die Ein- heitsfront propagiert wird, so strebt nun auch der bürgerliche Sport den Zusammenschluß aller Verbände an. Zunächst ist eine Arbeits- gemeinfchaft gebildet worden. Dadurch treten die gegensätzlichen Interessen der Sparten fast ganz in den Hintergrund In den Vordergrund schieben sich große wellanschauliche Richtungen: hie bürgerlicher Sport, hie Arbeitersport. Der gegenseitige Konkurrenz- kämpf wird auf eine große Linie gestellt, deren Entwicklung ein hohes öffentliches Interesse hat. Der neue Borsitzende der„Deutschen Turnerschaft", Staats- minister a. D. D o m i n i c u s, prcAisierte die Stellung seiner Or- ganisation folgendermaßen:„Mein dringlichster Wunsch geht dahin, die unfruchtbare und unerquickliche Streiterei zwischen den Turn- und Sportverbänden, insbesondere denen, die auf gleicher well- anschaulicher Grundlage stehen, aus dem Wege zu räumen." Im amtlichen Organ des Westdeutschen Spielverbandes im Deutschen Fußballbund heißt es:„Die sogenannte unparteiische, unpolitische und weltanschaulich neutrale Bewegung der Leibesübungen bedarf des Zusammenschlusses, um die durch keinerlei Nebeninteressen ge- hemmte Entwicklung der Leibesübungen gegenüber der„Kon- k u r r e n z" wirksam zu fördern, bei Behörden, Schulen nud im Spiegel der öffentlichen Meinung." Diese Konkurrenz ist der Ar- beitersport, dessen Ausbreitung den Herren schwer im Magen liegt. Der Turntag der Deutschen Turnerschaft im Oktober 1323 beschloß folgendes:„Unter dem Gedanken der deutschen Volksge- mcinfchast sind Verhandlungen einzuleiten mit dem Ziel, den Zu- sammenschluß dieser(bürgerlichen) Verbände herbeizuführen. Bis zur Verwirklichung dieses Zieles ist eine Arbeitsgemeinschaft an- zustreben." Die erste Vereinbarung dieser Art kam mit dem Deutschen Schwimmverband zustande. Am 12. und 13. April wird der Hauptausschutz der Deutschen Turnerschaft endgültig über einen weiteren Vertrag mit der Deutschen Sportbehörde für Leicht- a t h l e t i k und dem Deutschen Fußballbund beschließen. Vor- gesehen ist eine lnternakionale, nationale und örtliche Arbeitsgemein. schafl. Der Vertrag tritt am 1. Mai 1930 in Kraft und gilt für drei Jahre. Zur Durchführung der Bestimmungen wird ein V e r- waltungsausschuß aus Vertretern der Verbände gebildet, ferner sind Fach- und Unterausschüsse vorgesehen. Bei Meinungs- Verschiedenheiten, die durch den Verwaltungsausschuß nicht erledigt werden können, tritt ein paritätisch zusammengesetztes S ch i e d s- g e r i ch t in Funktion, für das eventuell das Reichsministerium des Innern den Vorsitzenden benennen soll. Aufgaben der Arbeits- gemeinschaft sind: einheitliche Vertretung der Belange der Verbände bei allen in Frage kommenden Stellen und GelegenHoiten; Regelung des gegenseitigen Wettkampfverkehrs: gemeinsame Durchführung der deutschen Meisterschaften: Regelung der internationalen Vertretung: Festlegung der Wettkampfbestimmungen und Spielregeln. Für die Spartentätigkeit sind bereits Richtlinien herausgegeben. Vorstehend geschilderte Konzentration bedeutet eine große Wendung im bürgerlichen Sport. Warum diese Wendung? Di« Ursache liegt hauptsächlich in der vollständigen Isolierung der Deutschen Turnerschaft, dem Desertieren der Mitglieder in die Sportverbände, weil sie in der„verkalkten" Turnerorganisation keine Gelegenheit zu großen sportlichen Wettkämpfen hatten. Die Deutsche Turnerschaft klebte noch immer am alten wilhelminischen Staat, an der nurvaterländrschen Theorie und der Abneigung gegen die„Erbfeinde". Aber die Well ist neu gestaltet. Die Bölker streben zur Versöhnung. Auch die Sportler wollen internationale Verbindung. Diesen Weg der Jnternationalität mußte auch die Deutsche Turnerschaft beschreiten, und dieser Weg war nur mög- l i ch über die Verbindung mit den Sportverbänden. Der zweite Grund liegt in dem Wunsch, noch größeren Einfluß auf Behörden, Schulen und Oefsentlichkeit zu gewinnen, um dem Arbeitersport eine geschlossene bürgerliche Front entgegenstellen zu können. Im Auftrage des Vorstandes des Arbeiter-Turn- und-Sport- bundes hat Redakteur Daß- Leipzig in der„Sportpolitischen Rundschau" den bürgerlichen Zusammenschluß richtig als ein fion- zentrolionsmanöver gegen den Arbeitersport gekennzeichnet. Ab- gerundet wird das Bild noch durch einen Nürnberger Schildbürger- streich. Dort haben die bürgerlichen Sportler boi den Gemeinde- wählen im Dezember 1929 eine eigene Wahlliste„Volksgefun- dung" aufgestellt, um den starken Einfluß des Arbeitersportkartells zu brechen. Zu diesem Zweck ist der„politisch-neutrale" Sport eine Listenverbinhung mit der Fraktion„S ch wa rz- W e i ß- R o t" eingegangen, aber glänzend durchgefallen. Schade! Wir hätten gern das erste öffentliche Auftreten dieser neuen schwarzweißroten Arbeitsgemeinschaft beobachtet.— Der Arbeitersport geht seinen Weg weiter, dessen Ziel feststeht: Deni arbeitenden Volke gilt's, während wir zu spielen scheinen. Theorie und Praxis „Die Vertragschließenden verpflichten sich zu gegenseitiger käme- vcrdsthcrftlicher Unterstützung bei allen Gelegenheiten, wo es gilt, die Belange der Leibesübungen zu vertreten oder zu fördern." So heißt es in den einleitenden Zeilen des zwischen den bürgerlichen Sportverbänden geschlossenen Vertrages. In der Praxis steht es nicht so heiter aus. Das katholische Volksblatt in Mannheim berichtet über die letzte Ortsausschuß- sitzung der bürgerlichen Verbände: „... Es hat nicht mehr viel gefehlt, und der Ortsausschuß Hütte gestern nach zehnjährigem Bestehen zu existieren ausge» hört... Aus die Vorgänge des gestrigen Abends näher einzugehen, sei erlassen... Nach diesen unerfreulichen Vorkommnissen, bei denen sehr unparlamentarische Worte in großer Fülle fielen... Der Kampf Fußball gegen Turnen kam schärf wie noch nie zuvor zum Ausdruck." Das ist immerhin sehr starker Tobak für Organisationen, die soeben einen Freundschastsvertrag abgeschlossen haben, sich„gegen- seitiger kameradschaftlicher Unterstützung" versichern und was der schönen Worte wehr sind. Wenn s o die vielgerühmte Einigung aussteht, dann ist kaum auszumalen, wie es vorher dort aussah. » Während man aus Sportkreisen bisher keinerlei ablehnende Stellungnahme gegenüber dem Vertrag, der die Arbeitsgemeinschaft zwischen Turnerschaft, Sportbehörde und Fußballbund schaffen soll, beobachten konnte, machen sich im Lager der Turnerschaft Zeichen bemerkbar, die einen gewissen Widerstand erkennen lassen. Schon die Haltung der Turnwarte, denen die Beschickung des Königsberger Alterstreffens am 3. August wichtiger erschien als die Austragung gemeinsamer Meisterschaften, läßt nicht gerade freundschaftliche Gefühle erkennen. Und jetzt kommt der Kreisturn- wart der sächsischen Turnerschaft mit einem Beschluß, den er der Hauptausschußsitzung am Sonnabend in Berlin unterbreiten wird und der klipp und klar gegen den Vertrag Stellung nimmt. Das �echs-Tage-Bennen der Motorrader Die ersten 24 Stunden der vom ADAC, veranstalteten Sechs» tagefahrt für Motorräder, dir bekanntlich auf dem Nürburgring mit vom Allgemeinen Deutschen Automobilklub den Fabriklägern entnommenen unvorbereiteten Serienmaschinen vor- genommen wird, verliefen verhältnismäßig störungsfrei. Es siel den Fahrern schwer, das verlangte Stundeumittel von 25 Kilometern einzuhalten, da die meisten von ihnen an Nenntempo gewöhnt sind. Es wurde deshalb viel auf Borrat gefahren und die Folge davon war. daß manche stundenlang vor der Kontrolle warten mußten. um die vorgeschriebene Zeit innezuhalten. Der erst« Ausfall setzte bereits in der Nacht ein. Ein« Jmperiomaschine mit den Stuttgartern Frey und Krauther sowie dem Kölner de Ball als Führer schied 2.45 Uhr morgens wegen Kipphebelbruches aus. Wie sich nachher herausstellte, war der Kipphebel wegen eines Härtefehlers gebrochen. Mit dem am Motorrad befindlichen Werkzeug konnte der Defekt nicht repariert werden und so mußte die Maschine aus dem Rennen genommen werden. Dieser Aussall hatte noch das Ausscheiden eines Fahrers im Gefolge. Der Frankfurter Reinhardt, ebenfalls zum Imperio- team gehörig, muhte ausgeschlossen werden, da er entgegen den Ausschreibungsbestimmungen seinem Kollegen ein Ersatzteil bringen wollte. Dann passierte der Ardie-Mannschast ein böses Mißgeschick. Sie fuhr bei der Zehnrunden-Kontrolle infolge eines Irrtums in der Zeitrechnung um eine Stunde zu früh ein. Jeder der drei Maschinen mußten daher 55 Strafpunkte zudiktiert werden, womit das Team vorläufig in aussichtslose Position zurückgefallen ist. Weitere Defekt« sind sonst nicht zu verzeichnen gewesen. Mit Be- ginn des zweiten Tages, am Dienstag nachmittag, steht das ver» langte Durchschmttstempo eine Geschwindigkeit von 35 Kilometern für beide Wertungsgruppen vor. Durch die in der Nacht eingetretenen Zwischenfälle sind von den zehu ins Rennen gegangenen Fabrikmannschaften nur noch acht strafpunktfrei, und zwar je zwei DKW., Zündapp, Roll., sowie je eines der Marken FR. und O-Rad. Das Jmperiateam ist durch das Ausscheiden einer Maschine gesprengt, das Ardieteam hat 165 Strafpunkte.__ Gymnastik bei den Lehrern Um einem großen Kreis der Berliner Lehrerschaft in« Möglich- keft zu pncktftcher Betätigung in der Gymnastik zu geben, veran- stallet bi« Arbeitsgemeinschaft de- Verein- für Leibesübungen der Berliner Lehrerschaft E. V. m den Monaten Mai bis September zu günstigen Bedingungen Gymnasttkeinführungskurs« für Damen und Di« Kurse werben im Freien auf den Bereinsplätzen durchgeführt. Unter Leitung der besten Kräfte der Bade-, der Loheland- und der Wigmanschute werben an zehn Nachmittagen zweistündig« llebungen abgehalten, die gleichzeitig in das Wesen dieser Systeme einführen sollen. Di« llebungen finden statt: B o d e s ch u l e 5.. 12., 19. Mai, 16—18 Uhr, LohÄand-Gymnastik-Schule 2., 23., 30. Juni, 16 bis IL Uhr. WigenmsSchute Ii, 18, 25. August und L September, 16—18 Uhr auf den Sportplätzen des Vereins in Tempethof, Base- sttaße(verlängert« Parkstraße). Die Einzahlung von 6 M. aus Postscheckkonto 1947 01 Verlin, A. Landschulz, NO. 55, Marienburger Straße 26-, gilt als Anmeldung und als Teilnahmegebühr für alle drei Kurse. Zusendung der Teilnehmerkarte erfolgt ditrch Post. Warnung 1 Wiederholt hat die„Rote Fahne" Ankündigungen einer Ihr nahestehenden Organisation gebracht und dabei den Namen des Arbeiter-Samariter-Bundes mißbraucht. Der Arbeiter-Samariter-B-unb, Kolonne Berlin, Hamburger Straße 20, Telephon Norden 3340, bittet uns um die Feststellung, daß er mit dieser kommunistischen Organisation nichts zu tun hat. ★ Der Bundesvorstand des Arbeiter-Rad- und Kraftsahrerbundes Solidarität schreibt uns: In Schreiben der kommunistischen „Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Ar- beftersport' wird oerlangt, daß unsere Ortsgruppen Stellung nehmen und Delegierte wählen sollen zur Reichskonserenz der oppo- s i t i o n e l l e n Arbeiter-Rad- und Kraftfahrer in Leipzig am 19. und 20. April. Auch in anderen Städten sind Veranstaltungen von der Interessengemeinschaft geplant. Der Bundesvorstand warntdieOrtsgruppenvorständevor solchen Beschlüssen und Wahlen. Geschieht das doch, wäre der Bundesvorstand ge- zwungen, Bundesmitglieder, die die Beranstalümgen der Opposition oder der Interessengemeinschaft besuchen, aus dem Bunde auszu- schließen. Zu allen Wettbewerben oder sonstigen Veranstaltungen, an denen Fahrer oder Mannschaften aus einem anderen Gau teil- nehmen sollen, dürfen die Fahrer nur durch die zuständig« Gau- sportleitun« ausgefordert werden. Verpflichtungen oder Anforde- rungen von Fahrern durch die Ortsgruppen sind nicht statthast. -k Das Bundesturnier des Arbeiter-Schachbundes, das Ostern in Köln stattfinden sollte, ist verlegt worden. Elemente der Interessengemeinschaft haben aus den Verein in Essen Einfluß genommen, ohne daß die Mitglieder damit einverstanden waren. Der Verein kann nun nicht mehr als Teilnehmer an der Endrunde um die Schachbundesmeisteefchaft betrachtet werden. äfra�enlaut des Ostens Der„Sportklub 1912" konnte am Sonntag vormittag bei einer Massenbeteiligung der Sportler und Zuschauer seinen „5. Straßentauf des Osten" durchführen. Ehrenprotektor der Veranstaltung war der Bürgermeister Mielitz, Chrenstarter Stadtrat Günther. Vor der Gemeindeschule in der Rüdersdorfer Straße war Start und Ziel des Straßenlaufs. Der„Sportklub 1912" ist eine Gründung dieser Schule und verbindet die ehemaligen VüknSnwSttstrSit der Arbeitersportler Sonnlag, 13. April, 11 Uhr, im Mercedes- Palast, Neu- kölia, HermanntiraHe 212. Eintritt 60 Pfennig, an der Kasse 75 Pfennig. Turnen und modernste Gymnastik ais Wettstreit! und Heutigen Schüler in einer Sportgemeinschaft. Die Rennstrecke war gut bezeichnet und führte bis zum Bahnhof Warschauer Straße. Mit einer Max-S«lchow-Gedenkstafsel begannen die Wettkämpfe. Der Sportverein Humboldt, der mit dem veranstaltenden Verein einen Wanderpokal verteidigte, hatte sein« besten Mannschaften an den Start geschickt, die auch überlegen gewannen. Im 3000-Meter- Laus für Jugend Klasse A gewann Joswiak in 9: 28,1 Minuten. Den Mannschastslauf dieser Klasse halte sich der Sportklub 1912. In der Klosse S gewann Matuska in 9: 45,4 Minuten und den Mann- schaftslaus der Neuköllner Jugendverein. Im 6-Kiloineter-Lauf zeigte Hahn vom Sportklub 1912 einen überlegenen Lauf. Schon nach 3000 Meter hatte er allein die Spitze und zog mit über 100 Meter Vorsprung unter starkem Beifall durch das Ziel. Zweiter wurde Juch. Im Schülerlauf gewann Woiwode. ?oto-- kllrn' Arbeiterschaft Unter diesem Motto veranstaltet der Arbeiter. Lichtbild- b u n d Donnerstag, 10. April, 20 Uhr, im Städtischen Saolbau Neu- kölln, Bergstraße 147, eine öffentliche Kundgebung. Es werden typische Veispiel« schlechter und guter Film- und Photoausnahmen gezeigt, filmische Demonstrationen, die dies veranschaulichen, sind ebenfalls vorgesehen. Es sprechen der Regisseur Eugen Schüfftan über„Der Film von heute" undi Gottlieb Roes« über„Film und Photo und ihre Bedeutung für die sozialistische Kulturarbeit". Etn-- tritt frei. galtboottabm Berlin. Donnerst«». 10. April. Suionrmcnftmft tin ..Sockcschen öof, Rosentkalcr Etr. 41, 20 Uhr. Vortran:„Verkelnsfraiien flies dem Wasser". Geiste willkommcn. Die Dhotoaropheu bdeiliaen sich an der stundarbun« des..Adbeiter-LichtSilichnndes". Neukölln, B4r«str. 147. Eflnniaa. IZ. April. Anpaddeln nach giitltenwaldl-bnuflelsderii. Absähet 6.39 Uhr Bahnhof üriedrichstrah« oder 6.64 Dahnhos Strolau-Rummclsburg lin Erkner um- steipeni. Montfl. 14. April, liunktionärsthun«,»Zur Linhe", Uferstr. 13. Tourlstenpenein»Di« Ratuesrrunde", Bhotoormeinschast. Donnerswa, 10. April, 20 Uhr. Teilnahme an der«undachuna des Arbeiter-Lichtbundes, Neukölln. Berastr. 147. _ Kreier«örperkulturkrei, streu, Hern. Dsnn-rstaa. 10. April. 20 Uhr, llupeirdheim Wastertorstr. 9, Aussprackicabend rtder„Ecmeinsckiastsarbeit ihr «reis". Eonntaa. I». April, Arbeiislonntfl« aus d«m Geliinde. Abfahrt 7,4« Uhr vom lSiirliher Bahnhos. isrcic Schwimmer Groh'Berlio S. B. Sauptausschuststhunn Donnerstaa, 10. April. 21 Uhr. Gewerkschaftshau«. Die im«cstriae.i Abend veröffentlichte Technikersthuna findet nicht statt. Dereinsseranünunaiausschuh Sonnabend, 12. April. 20 Uhr.««peniiker Str. 137. Lokal Deicht. B«»irk»kartcll«Spefliik. Eihuna Mvnian, 14. April, 20 Uhr, Schloß- stralie ZI, l. Berewstechniter mitdrinoen. ffSOB., stanube.rirk. 10. April, 20 Uhr. Briirksversammluna im ssalcken- steiner. tzaltkensteinstrafie, Bortra» Uber Rettunnsschwimmen. u» April Beteilicwna beim Schm'inmbejiri.— Rnderbc/nek. 10. April, 20 Uhr, ffiihuna im Restaurant Ernst Schmidt, Riede rlckiöneroeide, Berliner Str. 97— R. Mit- alieder können ,ur Zeit noch ausoenoimnen roecden. Meldunn und Auskunft in den Sistunaen. „Soliba ritäP, Motorsahrrr. Eonntaa. 13. Avril. Treffen aller Motor- fahrer des 1. und 2. Btaitks in»Eroh. Ziethen"(Lokal Britz) um 0 Uhr»um Tcmvofahrcn. Da»u starten dl« Abtoilunacn: TriedritteHain um 8 Uhr Land«-- derarr Bloh. Edarlottenbura um 8 Uhr Wilmersdorscr Str. 21. Norden um 8 Uhr Lermannplatz lSalenheide Eck« Scrmannstratzcl. Lichte nbera um 7 Uhr bei Senkel. Oder- Ecke ssinowstratz«. Neukölln«m SM Uhr Sohcniollernplatz. Auch die Abteilungen, die kein« Starts»u dirler Bcranstaltuna einaesandt haben, stnd ebenfalls verpflichtet, daran tttliunehmen. Abt. streuiberp um SM Uhr Bcich.-nberiier Str. 91.— Berfa mmluiraen: Lichtenberg. 10. April bei Senkel, Oder- Eck« ginowstratze. Organisatorische Klarstellung im DAKB. Die Arbeiterkegler in der Zentralkommissign Im Sommer des vergangenen Jahres vollzog sich die Ausnahme des Deutschen Arbeiter. Kegler-Bun des in die Zen- tralkommission für Arbeitersport und Körperpflege, der Reichs- Spitzenvrgonifatton des gesamten deutschen Arbeitersports. Die Mitgliedschaft in der ZK. bedingte den Anschluß der Unterorganisa. tionen(Giue, Bezirke) des DAKB. an die örtlichen Spori- kartelle, der sich mit Ausnahme des Gaues Berlin im ganzen Reiche fast reibungslos vollzog. Hier hafte sich nach der Spaltung im Arbeitersport der Gau 4(Berlin) im September 1928 dem kam- munistischen Kartell angeschlossen und er hat es bi- heute beharrlich unterlassen, fein« Stellungnahme»ach der Aufnahme des Bundes in die ZK. bekanntzugeben. Obwohl der Gau Berlin in der langen Zell wohl die Möglichkeit gehabt hätte, die ZK.-Frog« zu erledigen, ist trotz Fristsetzung alles unterblieben, um die An- gefegenhett gemäß den Bundestagsbeschlüssen zur Klärung zu bringen. Der Bundesvorstand erblickte nunmehr in der Weigerung des Gaues Berlin ein vorsätzliches, den Bund schädigendes Verhatten und hat in seiner Sitzung vom 15. März d. I. beschlossen, alle Funktionäre des Gau-, Bezirks- und Ortsgruppenvorstandes Berlin mit sofortiger Wirkung ihrer Äemter zu entheben. Die kommissarische Leitung des Gaues Berlin wurde bis zur Neu- wcchl der Funktionäre Siegfried Zöllner als Vorsitzenden und Leo Lindemann als Kassierer übertragen: die Kasse sowie alles sonstige Gau- und Bundeseigentum find sofort an die kommissarische Gauleiwng' abzuliefern. Der bisherig« Gautaffierer hat kein Recht mehr, Gelder zu kassieren und alle Klubs haben ihre Bundesbeiträge an den Gaukassierer Leo Llndemann, Berlin SW. 68, Zimmerstr. 62, abzuführen. Der Bundesvorstand betont aber hierbei besonders, daß er an Ausschlüssen aus dem Bund kein Interesse hat, er setzt aber voraus, daß auch von den Mitgliedern, in erster Linie aber voy den Funktionären die Bundestagsbeschlüss« innegehalten werden und die Anmeldung zum Berliner Kartell für Arbeitersport und Körperpflege sofort erfolgt. Mit diesen Beschlüssen des Bundesvorstandes ist nun endlich die notwendige Klärung herbeigeführt worden, die von den bundes- treuen Arbeiterkeglern schon lang« ersehnt wurde. In Groß-Berlin und vielen Orten der Provinz Brandenburg hat der Kegelsport als Leibesübung in den letzten Jahren an Ausdehnung bedeutend ge- wonnen, groß Ist die Zahl der Einzelkegler und Kcgleroerein«, die, auf dem Boden der Arbeiterbewegung stehend, bisher den Weg zum Deutschen Arbeiter-Kegler-Bund noch nicht gefunden haben. Alle dies« müssen sich chrer Pflicht als Arbeiter bewußt werden und zur Stärkung der Arbeitersportbewegung beitragen. Auskünfte erteilt Siegfried Zöllner, Berlin SW. 19, Kommandantenstr. 77. Fernruf: Merkur 5277. Kommunistische Maifeier. Nicht„AtbeitSruhe*-»politischer Massenstreik". Der kommunistische„Parteiarbeiter" gibt die Parolen zur „revolutionären" Maiseier aus. Eine proletarisch« Ein- heitsfront gemeinsam mit der sozialfaschistischen Bürokratie kann es nicht geben.„Jloch breitere Massen", als sie die KPD. ani l. Februar und am ö. März und bei den Betriebsrätemahlen sammelte, sollen am 1. Mai zur geschlossenen Niederlegung der Ar- beit und zur Demonstration herangezogen werden.— Ein sehr begreiflicher Wunsch. Losungen des revolutionären Massenkampfes sollen ausgegeben werden. Arbeitsruhe ist„refonnistisch", Massenstreik „revolutionär", als Probemobilisierung. Die Massen sollen isoliert werden von den sozialfaschistrfchen Agenten der Gewerkschaftsbüro-| tratie. Das sollen besondere Maikomitees„aus breitester Basis" schaffen durch Heranziehung parteiloser, sozialdemokratischer und christlicher Arbeiter. „Jetzt schon darf keine Gewerkschaftsversammlung. vorübergehen, in der nicht unsere Genossen den Antrag auf Streik und Demonstration unter den Parolen des revo- lutionären Klassenkampfes am 1. Mai einbringen. Das ist besonders in den Bezirken der„linken" SPD. eine Frage, durch die wir die sozialfaschistischen Gewerkschaftssührer in Gegensatz zur Arbeiter- masie bringen können." Die Demonstrationen sollen auf Betriebsgrundlage durchgeführt werden. Durchaus sympathisch scheint uns die folgende Anweisung: „Es versteht sich von selbst, daß wir die Veranstaltungen der Sozialfaschisten, ob sie nun parteimäßig oder als Gewerkschaslsver- fammlungen aufgezogen sind, boykottieren." Doch es müßte nicht die KPD. sein, wenn sie dabei bliebe: „An Schlägereien und Zusammen stoßen bei diesen Demonstrationen haben wir nicht das geringste Interesse, wohl aber muß man versuchen, unser Agitationsmaterial auch an die bei solchen Kundgebungen versammelten Slrbeit� heranzubringen." Da wir tatsächlich an Schlägereien und Zusammenstößen nicht das geringste Interesse haben, werden die als„sozialfaschistisch" beschimpften Parteigenosien und Gcwerkschastsgenossen den Be- mrftrvgten der DektrevobMoiwfpebulant« da» kommunistische Agitationsmaterial nicht einmal geschenkt abnehmen, geschweige dem» noch Geld dafür hingeben. Wer Schmutz ansaht, b«, sudelt sich. i Die Rotlage der Besitzenden. Produktionseinschränkung der Diamantenindustrie. Antwerpen, 9. April. Der Arbeitgeberverband der belgischen Diamantenindustrie be- schloß, die Produktion um 50 Proz. einzuschränken, und zwar derart, daß vom 14. April ab bis auf weiteres die Betriebe in jedem Monat zwei Ivochen stillgelegt werden. Das bedeutet, daß auch die Lebenshaltung der Diamantarbeiter auf die Hälfte herabgedrückt werden soll. In der privatkapita- listischen Wirtschastordnung sind weder die Arbeiter, die die schwarzen Diamanien zu Tag« fördern, noch die Arbeiter, die die echten Diamanten für den Luxusbedarf zurccht schleisen, vor Feierschichten und Arbeitslosigkeit geschützt. föezitk tfuden-Weften. BAUHOTTE BERLIN G M B H BERLIN SW 48/ WILHELMSTRASSE 106 TELEFON: ZENTRUM 3205-3207/3284 GLASERHUTTE Gesellschaft mit beschränkter Haftung Industrie- u. 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