BERLIN Sonnabend .S.Znli 193« erscheint tiglkch«oterSonntag«. Zugleich Abendausgabe des.Vorwirts". Betugsxreis beide Ausgaben SSPf. pro Woche, Z.eoM. pro Monat. Kedaktionund Erpedition; BerlinSW6S,?indenstr.3 ffibwasfa 10 Pf. Nr. 310 B 154 42. Jahrgang Unzaigenprei«: Die einspaltige Nonxareillezeile «o Pf., Reklamejeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Dorwirts-Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37SZ6. Fernsprecher: Dönhoff SS2 bis 297 Brot nach Gewicht. Endabstimmung im Reichstag/ Die Stellung der Gozialdemokra ie. Der Reichstag fetzte heut«, um 12 Uhr. zunächst den von der Wirtschaftspartei«ingebrachten Gesetzentwurf über Arbeits- d i e n st p f l i ch t von der Tagesordnung ab.— In der zweiten Beratung des Brotgefetzcs gab Abg. Simon-Zranken(Goz.) folgende Erklärung ab: Bereits am 3. März ist dem Reichstag von dein damaligen Ernährungsminister Dietrich der Entwurf eines Brotgesetzcs vorgelegt worden. Er sah vor«ine scharfe Unterscheidung zwischen Roggenbrot und Weizenbrot und die Der- pftichtung, Brot künftig nur noch Gewicht zu verkaufen. Beide Bestimmungen dienten dem Schutze der Verbraucher bei gleich- zeitiger Förderung des Verzehrs von Roggenbrot. Aus diesem Grunde stimmte die Sozialdemokratie in der ersten Lesung des Volkswirtschaftlichen Ausschusses die sein Gesetzentwurf zu, der auch angenommen wund«. Daß er trotzdem nicht in Kraft trat, beruht auf der Tatsache, daß die Deutschnational« Bolkspartei und die Wirtschaftsportei unter dem Einfluß von Abgeordneten, die damit ihre persönlichen Berussintercssen bedroht sahen, j>>:g«gcn stimmten, die zweite Lesung im Ausschuß verzögerten und damit das rechtzeitige Inkrafttreten dieses Gesees am 1. Mai un- Abgeordnete geraubt. JCappisten verschleppen Kommunisten aus dem Reichstag HelsingforS, 5. Juli. In den Tibungssaal des Grundgesebausschusses d«S Reichstages drangen heute vormittag vier unbc- kannte Männer ein. Tie ergriffen zwei kommu- n i ft i f ch e Mitglieder des Ausschusses, schleppten sie in Autos und verschwanden. Giner der Gindringlinge wies daS Abzeichen der �entralkriminalpolizei vor. Der Borsihcnde des Ausschusses zeigte den Vorfall beim Staatsministerium an. möglich machten. Die Nachteil«, die dodurch für die Landwirtschast eingetreten sind, habe» daher ausschließlich die angeblichen Der- treter der agrarischen Interessen zu verantworten. Der nunmehr vorliegend« Entwurf des Ausschusses enthält gegenüber dem ursprünglichen Entwurf der Reichsregierung V e r- schlcchterungen. Wenn trotzdem die Sozialdemokratie dem vorliegenden Gesetzentwurf ihre Zustimmung gibt, so geschieht das aus zwei Gründen, erstens, weil auf ihren Antrag ihrer seit Jahren erhobenen Forderung nach gesetzlicher Festlegung des Brotverkanss nach Gewicht cnlsprachen worden ist, und zweitens, weil sie den Versuch einer Förderung des Roggenoerbrouchs, wie ihn das Ge- setz in der Hauptsache bezweckt, als geeignetes Mittel zur Ueber- Windung der Notlage aus dem Roggenmarkt bejaht. Abg. Krau Wurm(Soz.): Das deutsche Volk hat nach dem Abg. Rieseberg weiter keine Sorgen, als sich schleunigst mit Roggenbrot ein- zudecken. Von meiner Fraktion ist in den Ausschußberatungea immer wieder betont worden, daß die G e w i ch t s b e st i m in u n- gen wesentlich für uns und die gesamte V-rbraucherschaft sind. Dieses Gesetz hat nicht dieselbe Formulierung, wie der von der Regierung Müller eingebrachte Gesetzentwurf. Unter der Regierung Müller wurde das' Gesetz gegen die Stimmen der Deptschnatw. nalen und Wirtschastsparteiler in erster Lesung angenommen. Die- selben Parteien haben dann durch ihren Widerspruch das In» krasttreten des Gesetzes über den l. Mai hinaus ver» zögert. Trotz der Mängel des neuen Gesetzes wurden wir ihm zustimmen. Fallen aber die V e r b ra u ch c r s ch u tz b e st i m•> vi u n g« n weg, sinl> wir nicht dazu in der Lage. Je mehr die Koirsumgenossenschoftcn geschmäht werden, desto besser haben sie sich bisher entwickelt. Wenn also nach der Absicht der Wirtschafts- Partei und der Deutschnationalen der Z i des Gesetzes mit den Schutzbestimmungen sällt, so erkläre ich für meine Person, daß wir gegen das Gesetz stimmen.(Lebh. Beifall b. d Soz.) Abg. Drewitz(Wirtschp.) erklärt, daß das Brotgewicht in Vn Berliner Bäckerläden schon längst angegeben werden niüsse. Di« Eewichtsbestimmungen des§ 4 seien aber schikanös und undurch- sührbar. 3n der Abstimmung zur zweiten Lesung wird die Streichung des§ 4 abgelehnt und da» Lrolgcsetz in der Ausschuhsassung angenommen. Um 1314 Uhr vertagt sich das Haus aus M o n t a g, 3 Uhr: Haushalt des Reichsfinanzministeriums, neue Deckung-vorlagen, handelspolitisch« Vorlagen. Krick in der Minderheit. Aber- er klebi irohdem am Ami. Weimar, Juli.(Gigenbericht.) In der gestrigen Landtagssitzung kam eS nach stunden- langer erregter Debatte um Mitternacht zur Abstim- m u n g über die von der sozialdemokratischen Fraktion eingebrachten MißtraucnSanträgc gegen den Minister Frick und den nationalsozialistischen Staatsrat M a r s ch l c r. Dabei wurden für das Mißtrauen ab- gegeben 25 Stimmen lTozialdemokraten, Kommunisten und Demokraten), dagegen nur 22! Tie Volks- Parteiler enthielten sich der Abstimmung. To war Frick in die Minderheit geraten. Aber da nach der Landesverfassung ein Mißtrauensvotum zum Rücktritt nur zwingt, wenn mehr als die Hälfte der 2lbgcordneten dafür stimmt, so gedenkt Frick ruhig im Amte zu bleiben. Für die fünf Volksparteiler stimmte der Abg. Witzmann ein Klagelied über die Nationalsozialisten an, indem er ausjührte: ' ,Jn wiederholten Erklärungen habe ich. bei. verschiedenen An- lassen namens der Fraktion der Deutschen Volkspartci ausgeführt, daß und aus welche» Gründen wir die gegenwärtige thüringische Regierung nur unter schweren Bedenken mitgewählt und seither durch Stellung eines Staatsrates u n t e r st ü tz t haben. Die grundsätzlichen Gegensätze, die uns von den Rational- sozialisten trennen, machen uns ein Zusammenarbeiten mit ihnen naturgemäß schon an und für sich schwer. Die Art und Weise aber, in der auch führende Vertreter der nationalsozialistischen Bewegung im Reich und in den Ländern und auch bei uns in Thüringen vor- gehen, und in der sie gerade auch unser« Partei angreifen, hat in unseren Reihen sehr starke Verstimmung hervor- gerufen: zahlreiche klagen von Parteifreunden aus den verschiedenen Teilen des Landes und des Reiches, die uns in den letzten Wochen und Monaten zugegangen sind, zeigen deutlich, welch tiefe Erregung sich weiter kreise in unserer Partei bemächtigt hat. und wie schwer uns dadurch die Mitarbeit an der Regierung gemacht wird. Der gestern verössentlichte Brief des Rektors der Uni- oersität Jena gegen den Herrn Minister Dr. Frick stellt Zustände an der Universität Jena und in dem Verhältnis des Lehrkörpers der Universität zu dem Volksbildungsminister an das Licht, die aus die Dauer schlechthin nicht ertragen werden können. Diese Zustände sind hervorgerufen worden einmal durch die Verletzung des V o r s chl a g s r e ch t e s bei der Professur von Dr. Günther und dann durch das die Autorität des Senats schädigende Eingreifen d«s Ministers in das Verhältnis zwischen Lehrkörper und Studentenschaft. Wir müssen aus rasche und g r ü n d- liche Beseitigung dieser Mißhelligkeiten den größten Wert legen.- Dringend notwendig erscheint uns auch, daß Streitigkeilen mit Völkischer Bruderzwist „Himmeldonnerwetter, es muß sich doch feststellen lassen, ver von uns das stärkere Brett vorm Kopf hat!" dem Reich nach MöglichkeU vermieden werden. Sie sind dem An- sehen unseres Landes abträglich, nehmen Zeit und Kraft oller Bc- teiligt«» unnötig und über Gebühr in Anspruch und verursachen. zumal wenn sie ungünstig für das Land ausgehen, außerdem noch erhebliche Kosten. In letzter Zeit sind ferner von der Regierung— und zwar teils unmittelbar von dem nationalsozialistischen Minister, teils unter maßgebender Mitwirkung der nationalsaizalistischen Regierungs- mitglieder— verwaltungsmaßnahmea getroffen worden, von denen nach unserer Aufsassung zu erwarten steht, daß sie vom Gericht als mit den geltenden geschlichen und rechtlichen Bestimmungen nicht vereinbar erklärt und deshalb werden zurückgezogen werden müssen." Trotz aller dieser„schweren Bedenken" und Vorwürfe erklärte der Redner schlechthin, daß sich die Volksparteiler der Stimme eni- halten würden, weil sie selbst entscheiden wollten, wann sie das Mißtrauen aussprechen. So blieb Frick als volksparteilicher Nazi- mann im Amte! ,» 4» Der achtzehnfache Parlamentarisnnis, dessen wir uns in Deutsch- laiid erfrenen, zeitigt mitunter seltsame Blütein Hier ist der Fall passiert, daß ein leidcnschastlich uinkämpfter Kleinstaatniinister nach allen Regeln des parlamentarischen Systems gestürzt ist, aber dennoch im Amte bleiben kann, weil die-Verfassung des Landes ihm das erlaubt. An sich läßt sich ja manches dafür anführen, daß man den Länderregierungen gegen politische Kriscnmacherei einen gewissen Schutz oerleiht— in diesem Fall aber wird aus Vernunft Unsinn, denn hier verhindert die Krisenschutzbestinnnung die V e e n d i- gung einer Ktise. Seit die Volkspartei durch ihr Hinzutreten die Bildung der Frick-Regierung in Thüringen ermöglicht hat, befindet sich dieses Land in schwerstem Krisenzustand. Die Volkspartei konme gestern diesen Krisenzustand beseitigen, indem sie für den sozial- demokratischen Antrag stimmte. Sie hat sich dazu nicht entschließen können und hat sich der Stimme enthalten. Damit kann sie aber natürlich auf die Dauer nicht durchkomme». Es liegt in ihrer Hand. Frick zu beseitigen: solange sie das nicht tut, bleibt sie auch mit ihrer Stiinmersthaltung für das Fortbestehen dieses Skandals verantwor:- lich. Sie bleibt verantwortlich für den Konflikt Thüringens mit dein Reich, sie kann sich dieser Verantwortung nicht durch eine Fluchr in die Neutralität entziehen. Sic muß Frick stützen oder sie muß ihn stürzen! Der kleine Diktator von Weimar befindet sich in einer tragi- komischen Situation. Er hat gegen Berlin die größten Bogen ge« spuckt und muß jetzt bemerken, daß er nicht einmal die Mehrheit seines eigenen Parlamentchens hinter sich hat. Anständigerwetse müßte er jetzt, auch ohne Zwang der Verfassung, zurücktreten, aber wahrscheinlich denkt er gar nicht daran. Er will warten, bis er durch die Freundlichkeit der Volkspartei in Sachsen eine gleich- gestimnite Seele zum Kollegen bekommt. Eine Reichsregierung, die über einige Autorität verfügt, könnte freilich sehr rasch mit dem ganzen Theater Schluß machen! Llnterfiützungsabbau beschloffen Weil ein Kommunist fehlte— Zentrum behalt sich alles vor Der Soziale Ausschuß des Reichstags hat Sonnabend früh die zurückgestellten A b st i m m u n g« n vorgenommen. Vor Eintritt in die Abstimmung wiederholt grau Abg. Teusch(Z.) heute noch- mals ihre Erklärung, daß das Zentrum alle Abstimmungen in der ersten Lesung nur unter Vorbehalt vornehme und daß es sich für die zweite Lesung eine veränderte Haltung vorbehalten müsse. Der entscheidend« Abbauparagraph 105a, wonach Erwerbs- l o s« mit weniger als 52 Wochen B e s ch ä s t i g u n g s- z e i t nur noch die Sätze der Krisensürsorge erhalten sollen, wird mit 12 gegen 11 Stimmen angenommen. Wären die Kommunisten statt mit zwei mit den ihnen zustehenden drei Ausschußmitgliedern anwesend gewesen, so wäre dieser llnkerstühungsabbon mit Stimmengleichheit abgelehr, worden. Die in der Regierungsvorlage vorgesohen« Kürzung bei Eheleuten, tne beihe erwerbslos sind,«kt» gegen bk Stimmen der Sozialdemokraten, und Kommunisten in folgender Fassung angenommen: „Trifft eine Hauptunterstützuim der Lohnklasse VII bis XI mit einer Hauptunterstützung des Ehegatten zusammen und wird dazu kein Familienzuschlag gewährt, so mindert sich die «ine Unterstützung, und zwar bei verschiedener Höhe der Unterstützungen, die niedrigere um die Halste.' Die Verlängerung der Wartezeit für die Ledigen aus 14 Tag« wird gegen di«l«lbe Mehrheit bei Stimment- Haltung von Frau Abg. Teusch angenommen. Die Regierungsvorlage sieht weiter vor, datz künftig keine Unter st lltzung gezahlt wird, wenn der Versicherte ein« E n t- schädig un g oder Abfindung auf Grund des Betriebsräte- giesetzes oder des Handelsgefetzbuches bezieht. Abg. A u f h ä u s e r (003.) bekämpft diese willkürliche Wegnahme eines dem Erwerbslosen zugesprochenen Schadenersatzes. Der sozialdemokratische An- trag auf Streichung dieses Regierungsvorfchlages wird a n- fl e n 0 m m e n. Beamtenbund gegen Preußen. prolest gegen die Ausschaltung von Aationalsozialisten. Die Zejtschrist de» Deutschen Deamteubuude»„Der Beamtenbund' nimm» zu dem Crlatz des preußischen Staats. Ministeriums über die Beteiligung an der liatlonal» sozialistischen und der kommunistischen Partei Stellung und teilt als Auffassung des Deutschen Beamleabundes unter anderem folgendes mit: „Der Deutsche Beamtenbund beobachtet seit langem mit wachsen- der Besorgnis die zunehmende Verrohung der politi- s ch e n Sitten. Besonders muß er verurteilen, daß auch Beamte sich an der Austragung politischer Gegensätze in einer Form beteiligt haben, die sich mit der Beamtenstellung nicht oerträgt. Dennoch kann er den Erlaß der preußischen Staotsregienmg nicht billigen. Die Reichsverfassung gewährleistet allen Beamten die Freiheit ihrer poliaischen Gesinnung. Dieses ver« fassungsmäßige Grundrecht gibt nicht nur die Frecheit, eine b«- stimmte politische Auffassung zu haben, sondern berechtigt auch, sich zu dieser politischen Auffassung zu bekennen. Jede Beeinträchtigung dieses Rechtes ist mit der Reichsverfassung nicht ver- e i n b a r. Das muß um so mehr gelten, wenn es sich um die Teil- nähme an einer politischen Richtung handelt, die im Reichstag und in den Landtagen durch Abgeordnete oertreten ist. Diese Auffassung steht in Einklang mit der Rechtsprechung der Disziplinargerichte. Der Erlaß des preußischen Staatsministeriums, der schon in der Teil» nähme, also auch in der bloßen Mitgliedschaft in bestimmten Parteien ein Dienstoergehen erblickt und daher diese Teilnahme oerbietet, ist deshalb mit der Reichsoerfassung nicht vereinbar. Di« Tatsache, daß die Reichsverfassung in stärkerem Maße als früher auch die staatsbürgerlichen Rechte der Be- umten sicherte, wurde allgemein als ein Fortschritt angesehen und sollte auch ein Fortschritt sein. Dem widerspricht es aber, wenn dam wichtigsten Statsbürgerrecht, nämlich dem Recht, sich zu einer bestimmten politischen Auffassung zu bekennen, eine derartige Schranke gezogen wird. Abgesehen von der rein recht- lichen Seite muß da» Borgehen des preußischen Staatsministeriums auch aus diesem Grunde abgelehnt werden. Sosern ein Beamter bei seiner politischen Betätigung auch für die von dem preußischen Staatsministcrium genannten Parteien die Grenzen überschreitet, die ihm durch die Disziplinargesetze ge- zogen sind, kann nach Maßgaben des geltenden Disziplinarrechtes ohnehin gegen ihn vorgegangen werden. Der Deutsche Beamtenbund vertritt daher die Auffassung, daß die Reichsregierung alle Maßnahmen zu treffen hat, um die sta a t s b ü r g e r l i ch e Freiheit der Beamten sicher- zustellen.' * Wenn man den Deutschen Beamtenbund richtig versteht, will er die Brüning-Regierung gegen die Regierung Braun In Be- wegung setzen, damit sie den Angehörigen der Schtogring- und Revolverparteien das volle Beamtenrecht sichere, mag das Staats- gefügt auch durch die Parteien des bewaffneten Aufstandes zerrütte! und zerstört werden._ Auch Baden greift durch. ?!azi können nicht Staatsbeamte sein. Karlsruhe, S. Juli.(Eigenbericht.) In Uebcreinstiinmuug mit dem Tcsamtministenum Hai der badische M i n i st« r für Kultus und Unterricht gegen mehrere Lehrer, die sich als Organisatoren der Nationalsozalisti- s ch e n Partei betätigten, die sofortige Entlassung aus dem D i e n st angeordnet und ein Disziplinarverfahren auf Dienst- entlassung eingeleitet. In einer amtlichen Erläuterung zu dieser Mahnahme heißt es: „Es kann nicht geduldet werden, daß Staatsbeamte, die für ihr außerdienstliches Verhalten gezogenen Grenzen gröblich verletzen. Die Nationalsozialistische Partei ist«ine staatsfeindliche Partei. Nach der Rechtsprechung v e r st ö ß t die positive Be- tätigung für diese Partei gegen die Treup flicht, die der Beamte dem Staat gegenüber eingegangen ist. Eine öffentlich« Werbetätigkeit und die Annahm« von Parteiämtern in der genannten Partei ist daher allen Staatsbeamten 0 e r b 0 t e n. Wer diese verbotene praktische Tätigkeit für eine slaatsseiudUche Partei ausübt, hat die unnochsichttiche Dienst- enthebung zu gewärtigen.' » Das Lemberger Bluigen'chi. Revision versprochen. Wi? die Deutsche Liga für die Menschenrechte mitteilt, hat Ernst Toller gelegentlich einer Dortrogsreise(Thema: Deutsch- polnische Verständigung) im Ministerpräsidium zu Warschau einen schriftlichen Protest gegen das Lemberger Urteil überreicht, das drei Jungkommunisten wegen Propaganda hinrichten lassen will. Toller sei im Namcy des Ministerpräsidenten geantwortet worden, das Lemberger'Urteil werde vom Obersten Gerichtshof wohl näch- stens revidiert werden. Toller habe auch in seinem Radiovortrog den Protest gegen da? Lcmberger Urteil erwähnen können Eine kommunistische Protestkundgebung gegen da? Lembergcr Urteil wird auch aus der.Hauptstadt des tschechoslowakischen Kar- pathorußland, Uz hör od(früher Ungv�r) gemeldet. Dort warfen Versammlungsbesucher im polnischen Konsulat die Fenster- scheiden ein. Der polnische Vizekonsul berichtet, daß be! der Demonstration auch geschossen worden sei. Die Polizei hat mehrere Kommunisten verhaftet. Kall Meußdörs Bezahltes Mordgeständnis.- Das obersränkische Städtchen Kulmbach, berühmt durch seine Biere, kam im November vorigen Zahres in aller Leute Mund durch die sensationelle Verhaftung des Direktors der Mönchsbrauerei Heinrich Meußdörfer. Er war in den Verdacht geraten, seine Frau ermorde! zu haben. Am 7. Zult steht die Sache vor dem Bayreuther Landgericht zur Verhandlung. Angeklagt ist ober nicht wegen Gattenmordes der Kbjährige Kommerzienrat, sondern zwei vorbestrafte Arbeiter Schubert und Popp verantworten sich wegen Tötung der Frau Meußdörfer. Am 5. November 0. I. gegen 11 Uhr abends fand der 66jährige Kommerzienrat Meußdörfer noch seiner Heimkehr sein« Frau mit einem Knebel im Munde und an den Händen gefesselt in ihrem Bette liegen. Sie lebte noch. Er entfernte Knebel und Fessel und begab sich in das Speisezimmer, sein angefangenes Bier zu Ende zu trinken. Als er zurückkam, war die Frau tot. Dies die Schilderung des Kommerzienrats. Arzt und Polizei benachrichtigt« er erst am nächsten Morgen. Dieses eigenartige Verhalten, wie auch der Umstand, daß anscheinend nichts auf einen fremden Täter hinwies— erst viel später fand man verdächtig« Fußspuren— führte zu seiner Verhaftung. Hinzu kam das Gutachten des gericht- lichen Sachverständigen, Frau Meußdörfer sei am E r st i ck u n g s- tode ge starben, die Fesseln ihr aber erst nach dem Tode angelegt worden. Polizei und Staatsanwalt vermuteten ein Täuschungs- manöver. Der Kommerzienrat leugnete auf dos entschiedenste seine Täterschaft. Irgendwelche stichhaltigen Motive für die Tat schienen nicht vorzuliegen. Man munkelte von irgendeiner Weiber- geschichte. Anfang Februar wurde die Presse plötzlich durch eine Erklärung des Verteidigers Meußdörfers alarmiert. Es hätten sich zwei vor- bestrafte Arbeiter Schubert und Popp— des letzteren Mutter war früher jahrelang Köchin in der Meußdörferschen Villa— der Tat bezichtigt: sie seien in die Villa eingestiegen, um zu stehlen, und hatten Frau Meußdörfer getötet. Die Staatsanwalt- schaft weigere sich aber hartnäckig, den Kommerzienrat freizulassen. Man erfuhr ferner, daß der Kulmbacher Stadtrat gegen die Justiz- behörde beim Regierungspräsidenten Beschwerde eingelegt habe. Eine gewisse Presse nahm leidenschaftlich Partei für den Kommerzien- rat und legte in aller Ausführlichkeit seine Unschuld dar. Schubert befand sich bereits seit dem 11. November in einer anderen Sache in Strofhast, Popp wurde verhaftet. Meußdörfer befand sich zur Zeit in einer Irrenanstalt. Da platzte wie eine Bombe die Veröffentlichung des Bayreuther sozialdemokratischen Blattes„Fränkische Volkstrlbllne". Es brachte den Wortlaut einer Quittung, ausgestellt vom Bruder des verhas- teten Meußdörfer, aus der hervorging, daß Balkonabflurz in Hirschgarten. Zwei Handwerker mitgerissen und schwer verletzt. Aus einem Landhausgruudstück in der Stern- all ee 1 in hirschgarten ereignete sich heule vormittag ein seltsamer Unfall, bei dem zwei Handwerker schwer zu Schade?, kamen. Der SSjährige Zimmermann Gustav Magdeburg aus der Seestraße 136 und der övjährige Arbeiter Hermann Schleuse aus Friedrichshagen, Scharnweberstraße 121. waren auf dem hölzernen Balkon des Landhauses mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Plötzlich brach der ganze Balkon ab und riß die beiden Arbetter aus etwa 16 Meter Höhe mit in die Tiefe. Die Ver- unglückten erlttten schwere innere Verletzungen und Knochenbrüche: sie wurden in das Köpenicker Kreistrankenhaus übergeführt. Eine polizeilich« Untersuchung über die Schuldfroge ist eingeleitet worden. Zu Anrecht verurteilt— And noch immer nicht freigelassen. San Franziska. S. Zuli.(Eigenbericht.) Die Begnadigung der Arbeiterführer M 0 0 n y und B I l l l a g s. die hier fett über 13 Zähren schuldlos im Zuchthaus sitzen, wurde auf Empfehlung des obersten Gerichtshofs von Kalifornien von dem zu- ständigen Gouverneur Poung abgelehnt. Die beiden Arbetter- sührer sind im Zahre ISI? unter dem verdacht, auf einen patriotischen Straßenumzug ein Bombenaltentat begangen zu haben, zum Tode verurteilt und später zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe begnadigt worden. In der Zwischenzeit ha« sich ergeben, daß das da- malige Urteil ein Fehlurteil ist und nur durch die Aussagen bestochener Zeugen möglich war. Die Ablehnung der Begnadigung ist um so unversläudllcher, als die damaligen Richter und Geschworenen für sie eintraten. Die Haltung des obersten Gerichtshofs von Kalifornien findet überall heftige Kritik. Diktatur bleibt. Jugoslawische Regierung denkt nicht an Reform. Belgrad, S. Juli. Die südslawische Regierung hat eine Erklärung veröffentlicht, in der sie den Willen kundtut, keine Zugeständnisse in der Ausfüh- rung ihres ursprünglichen Programms zu machen. In der Kund- gebung wird ausdrücklich betont, daß im Regierungssystem keinerlel Aenderungen bevorstünden. Diese Kundgebung wurde dadurch her- vorgerufen, daß in der letzten Zeit in der südslawischen Oeffentlich- feit Gerüchte verbreitet waren, daß eine Rückkehr zum parla- mentarischen Parteiensystem m Südslawen bevorstünde. Diese Ge- Nichte wurden vom Ministerpräsidenten in einem im gestrigen Ministerrat erstatteten Bericht als völlig unbegründet und bös- willig bezeichnet. Gespräch mit Japan. Drahtloser Zernsprechverkehr Berlin-Tokio. Bor kurzem ist zum ersten Male ein Bersuchsgespräch mit Japan in beiden Richtungen geführt worden. Einseitig nach Japan ist schon mehrfach telcphoniert worden. Heber die Einführung des drahtlosen Fernsprechverkehrs mit Japan wer- den augenblicklich zwischen der Deutschen Reichspost und der Trans- er vor Gericht. - Polizei gegen Justizbehörde. Schubert für sein Geständnis eine Anzahlung von 1660 Mark erhallen Hobe und weitere S000 Mark bei der Bayerischen Vereinsbant deponiert und nach rechtskräftiger Verurteilung in dieser Sache zahlbar seien. Es bracht« ferner einen Brief, den Schubert an feine Frau aus dem Gefängnis geschrieben hatte: er erklärte darin, daß er mit der Sache nichts zu tun und nur seine Frau habe versorgen wollen. Man sprach von Schiebung. Es fiel das Wort: gekaustes Geständnis! Der Eindruck war niederschmetternd. Meußdörfers Verteidiger ließ ein« neue Erklärung vom Stapel: die Anzahlung fei mit Wissen von Staatsanwaltschaft und Untersuchungsrichter durch Vermittlung des Kriminalkommissars gemacht worden. Schubert habe nur unter dieser Bedingung die .Wahrheit' sagen wollen. Popp habe aber die von ihm geschilderten oerblüfsendcn Einzelheiten, ohne von irgendeiner Seit« beeinflußt zu sein, bestätigt. Gleich darauf eine neu« Sensation: Schubert und Popp widerriefen ihr Geständnis. Meußdörfers Ver- wandten erklärten, der Widerruf sei erzwungen worden. Jetzt trat endlich auch die Staatsanwaltschaft in die Oeffentlichkeii. Es sei richtig, ließ sie verlauten, daß die Geldversprechungen an Schubert mit Einwilligung der Justizbehörden erfolgt seien: das geschah im Interesse der Wahrheitsfindung. Nach Lage der Dinge bestehe der Verdacht gegen Meußdörfer nach wie vor. Den Kampf der Presse- Meinungen und Behörden übertönte am 7. Februar die Explosion im Hause Oberhaken 7. in der die Familien Schubert und Popp wohnten. Die alte Frau Popp blieb unter den Trümmern tot liegen. Sie hatte Selbstmord begangen: in der Hoffnung, auch die Familie Schubert, der sie die Schuld an der Verführung ihres Sohnes zuschreibe, gleichfalls in die Lust zu sprengen, behaupteten die einen: aus Scham wegen ihres Sohnes, glaubten die anderen. Schubert beging im Gefängnis einen Selbstmordversuch. Am 26. Fcbruar wurde Meußdörfer gegen eine Kaution von 166 666 Mark plötzlich auf freien Fuß gesetzt. Es hieß, die Landeskriminalpolizei Nürnberg habe die Angelegenheit in die Hand genommen. Schubert und Popp hätten unter Widerruf ihres Widerrufes noch einmal ein eingehendes Geständnis abgelegt: es durch genaue Angaben über den Versteck des gestohlenen Veranda- schlüssels und einer ebenfalls gestohlenen Taschenlampe bekräftigt: hinzu kämen ein mißlungenes Alibi und verschiedene andere Einzel- Helten. Dieser an Wechselfällen so außerordentlich reiche Kriminalfall der die Gefahren gewisser Untersuchungsmethoden offenbart, kommt nun am 7. Juli zur Verhandlung. Man wird also Gelegenheit haben, sich davon zu überzeugen, was es mit dem Geständnis der beiden Angeklagten auf sich hat. L. R. radio A.-G. einerseits und dem japanischen Lerkehrsministerium andererseits AerhaMungen geführt. Zur Erprobung der technischen Durchführbarkeit müssen noch weitere Versuche angestellt werden. Bei günstigem Ausfall der Ver- suche wird die Frage der Aufnahme des Funksprechverkehrs mit Japan nähergerückt sein Deutscherseits wird über die von btg vt Telefunkengesellschaft errichteten Kurzwellenanlagen in Nauen ge- I'prochen. Der Veranstaltung wohnten auf deutscher Seite Vcrlreicr der japanischen Presse und einig« japanische Herren, die zur Zeit an der Wcltkrast-Konserenz teilnehmen, darunter der Generaldirektor Dr. Inada vom japanischen Verkehrsministerium in Tokio, bei. Auch die japanische Gesandtschaft in Berlin hatte einen Vertreter entsandt. Wie aus Japan berichtet wird, war die Sprache klar und deutlich verständlich. Die Llnierfuchungen in Lübeck. Das Reichsgesundheitsamt zum Impfskandal. Das Reichsgesundheitsaml hat soeben vor der Presse Mitteilungen über seine Untersuchung der Ursachen des Lübecker Kinder st erbens gemacht. Die Untersuchung geht nach drei Richtungen: 1. ob die Kulturen aus dem von Calmetle verordneten Nährboden angelegt worden sind: 2. ob es zu einer Verwechslung dieser Kulturen ml» virulenlen Tuberkelbazillen gekommen ist: und Z. ob sonst irgendwelche Verunreinigung vorgefallen ist. Di« Untersuchung ffl noch nicht beendel und es dürften bis dahin noch vier Wochen vergehen. Die Staatsanwaltschaft führt die Untersuchung gegen Professor Deyke in Lübeck, weil er an dem Tage des ersten Todesfalles, am 26. April, den gesamten Impfstoff hat vernichten lassen, angeblich vor Schreck und Angst; weiter geht die Untersuchung gegen Professor Klotz. Obermedizinalrat Altstedt und Laboratoriumsschwester Anna, teils wegen Weiterimpfung, teils weil man zu der Annahme einer Derunreini- gung neigt. Das Reichsgesundheitsamt scheint jedoch irgendein per- sönliches Verschulden in Lübeck nicht annehmen Zu wollen Auch darin, daß Professor Deyke die Kulturen sofort vernichten ließ, statt sie nun erst recht für die Untersuchung zu sichern, scheint das Reichsgesundheitsamt nichts besonderes zu finden. Ebensowenig hat es sich um die ihm bekannten persönlichen Differenzen zwischen Deyke und Klotz gekümmert, weil es dieser persönlichen Spannung einen Einfluß auf die Kindertragödie nicht einzuräumen geneigt ist. Dabei wird doch behauptet, daß eben wegen dieser Feindschatt her eine Professor dem anderen nichts von dem ersten Todesfall und dem Obduktionsergebnis, das die Impfung als Ursache ergab, mitgeteilt hat, so daß mtt den gefährlichen Mitteln weitergefüttert wurde. E- ist festgestellt, daß das Gesundheitsamt Lübeck den Eltern der Neugeborenen die Jmpkung mit Ealmette durch Merkblatt usw. empfohlen hat, obwohl der Reichs- gesundheitsrat und das Reichsgesundheitsamt 1627 noch vor der Zln- wendung gewarnt haben, womit allerdings Nicht seine Erprobuny in Einzelfällen verhindert werben sollte. M i t Professor Ealmett« steht das'Reichsgesundheitsamt in einem freundschaftlich- kollegialen Briefwechsel, zumal der Sachbearbeiter ein Schüler Calmettes gewesen ist. Die Zwei- sprachigkcit dieses Briefwechsels hat zu Mißverständnissen und dadurch auch zu irrigen Mtteitlungen in der Presse geführt. Fest steht auf jeden Fall, daß die erste Feststellung eines Todes- falls infolge der Lübecker Impfung in den letzten Tagen d e s A p r i l erfolgt ist, das Reichsgesundheitsamt aber erst Mitte Mai unterrichtet wurde. In Lübeck selbst ist nach Behaup- tung des Reichsgesundheitsamts zunächst eine Scheinimpfung fort- gesetzt worden, um nicht durch das plötzliche Aufhören mit der Talmetteimpsimg die Bevölkerung noch mehr zu beunruhigen. Im ganzen kann man nicht behaupten, daß die traurige Angelegenheit jetzt erheblich weiter geklärt wäre. Verbrecher und Gesellschaftsordnung. Von Lewis E. Lowes(New iM), Direktor des Zuchthauses Sing-Sing. Neulich stellte ein Gerichtshof in New Pork acht cho rotte ristische Mertmole fest, die einen Venbrecher schon physisch erkenntlich machen sollen:.Zurückspringendes Kinn, hervortretende Backenknochen, un- bewegtes Vorsichhinstarren, gesenktes linkes Augenlid, niedrige Stirn. knotige Brauen, strcsses Haar und abstehend«, im rechten Winkel zum Kopfe stehende Ohren." Wenn vier solcher Merkmale aus ein Indwiduum passen, könne kein Zwewel»b seiner kriminellen Vsr- antegung b estchen. Wenigstens ein halbes Dutzend bekannter Männer haben zu- mindest ftins der angerührten Merkmale von diesen acht. Der Präsi- dem einer führenden amerikanischen Universität,«in großer eng- lisch« Theologe,«in französisch« General, ein russischer Staats- mann,«in bekannter spanischer Schriftsteller und einer der weit- berühmtesten, größten Erfinder. Der Gedanke, daß«z Menschen gebe, die durch ihr« physische Konstruktion zum Derbrech« bestimmt feien, wurde bekanntlich von Cesar« Lombroso, dem italienischen Krtminaiisten, theoretisch be- gründet. Diese Theorie wurde aber bald durch Dr. Charles Garing widerlegt, der bewies, daß ebensoviele von Lombroso ausgestellte Merkmale unter Nichwerbrechern wie mit« Verbrechern gesunden werden können. Es ist allen führenden Wissenschasttern und Kriminakisten be- kaum, daß ein.geborener Verbrechertypus" nicht existiert hat und auch nicht existiert. Diese Mythe wurde nur durch die Einbildungs- trast des Publikums, durch Schilderung, Bühne und Kino ermöglicht. Di« Beamten der Wach- und Schließgescllschaften behaupten, daß neun unter zehn Männern mögliche Berbrecher sind, daß da- gegen Frauen viel ehrlich« seien al« Männer. Andererseits be- Haupte» wieder die Chess der Warenhausabteilungen, daß die Mchr- zahl der Männer grundehrlich, dagegen unter zehn Frauen neun Diebinnen sein können. Dagegen behaupten wieder Hotelangestellt«, daß Männer und Frauen als Gäste gang gleich stehen. Mit anderen Worten: die allgemeinen Verbrechertheorien stimmen nicht mit dm praktischen Erfahrungen üb«ein. Wer ist also ein Verbrecher und warum ist er es? Wenn es kein« Gesetze gäbe, gäbe es kein« Verbrecher und keine Verbrechen. Ein Ver- brecher ist daher jeder, der eine durch das Gesetz verbotene Hand- lung nicht beachtet. Jedermann, der stiehlt, sei es einen Apfel oder «in« Sv-Dollarnote, eine Wassermelone oder«inen Wagen» ein Taschentuch oder einen Pelz, hat einen Diebstahl begangen und ist im wahren Sinn« des Wortes ein Verbrecher— ohne Rücksicht daraus, ob er schon angeklagt und verurteilt wurde od« nicht. Och habe über diese Sache mit Hunderten von bedeutenden Männern diskutiert, und die meisten unter ihnen haben zugegeben, zu einer gewissen Zeit das Gesetz verletzt und«in Derbrechen begangen zu haben, das chnm eine FreiheUsstrase eingetragen hätte, wenn man sie erwischt hätte. Manche von ihnen räumten sogar Verbrechen von solcher Art ein, daß sie nach dem Gesetz, da»«in«„lebens- längliche Zwangsarbeit" fordert, wenn jemand mehr als viermal rückfällig wurde, lebenslänglich i» den Kerler gekommen wären. Die wenigen, die«in begangenes Verbrechen nicht zugaben, räumten ein, daß sie unter gewissen Umständen ein« verhrecherischen Handlung sähig gewesen wären. Goethe sagt, daß es keine Verbrechen gäbe, das« nicht unter gewissen Verhältnissen selbst hätte begehen können. Den geborenen Verbrecher gibt es nicht. Jeder ist unter gewissen Bedingungen eine» Verbrechens sähig. So manch« Finanzman» hat seine Erfolge durch Betrug und durch Bestechung öffentlicher Beamten erzielt. Man vermag mir «ine kleine Anzahl von Missetätern unter Anklage stellen� es ist in der Regel so, daß man die kleinen Diebe hängt und die großen freiläßt. „Die gewagtesten, hossnungslojesten. hartgcsotteiyicn, grau- samsten, geschicktesten und verwegensten Verbrecher der ganzen Well"— nennt man die Verbrecher der Stadt New Varl und Um- gebung, die in Sing-Sing sitzen. Und doch kann kein Zweisel darüber bestehen, daß die Sing-Sing-Verbrecher genau so schlecht und so gut sind wie alle anderen. Seit der Zeit, da ich hier Direktor wurde, seit dm, 1. Januar 1920, sind mehr als 10000 dieser „schlechten" Menschen durch meine Hände gegangen, ui�» ich he. merkte eine große Anzahl von Widersprüchen. Der schießende Mörder bewies sich als zartherzig, der verwegene Räuber ote furchtsam, der Dieb als anständig. Der Direktor eines Zuchthauses ist durch das Gesetz verpflichtet, im Zuchthaus« zu leben. Das Zuchthausstatut ficht vor, daß sein Bedienungspersonal Sträfling« sind. Daher habe ich einen Koch, der ein Giftmörder war, ich lasse mich von einem Mann rasieren, der einem anderen die Gurgel durchschnitt und mein« fängst e Tochter, die jetzt sechs Jahre alt ist, sährt außerlMv der Gefängnis- mauern tn einem.kleinen Ponywagen. den ein Mann lenkt, d« 25 Jahr« wegen Kindesraub abzubüßen hat. Es ist«in« interessante Wahrnehmung, daß ein Dieb im Ge- fängnis von Dieben verachtet wird und daß die Todesstrafe von jenen verfochten wird, die wegen eines Mordes in den Keck« kamen. Wie bringen sie dies mit ihrem eigenen Verbrechen in Einklang? Ganz einfach! Ihre Verbrechen waren nach ihrer Meinung keine Verbrechen. Ein gefangener Bankkassier« behauptete, daß er mir da» nahm, was ihm gehörte, da er Ueberzeit arbeitete und elendig bezahlt wurde. Ein anderer behauptete, nichts gestohlen zu haben, da« die Aktien im Augenblicke der Hausse wieder zurückerstattet hätte, und daß ihm sein Ches den„Tip" selbst gab, um zu speku- lieren. Ein paar Sträflinge behmipteten. daß sie nicht mehr be- gangm hätten, als was der„Großhandel" täglich macht und daß Stehlen ein gutes Geschäft genannt wird, wenn es Erfolg bringt und Diebstahl ist, wenn es schlecht ausgeht. Ein ungewöhnlich in- telligent« Banknotenfälsch« behauptete, daß niemand außer dem Farmer und Bergarbeiter wirklich Güter produzieren und daß aller Wohlstand durch Betrug an anderen««eicht wird. Er betonte, daß er nur dort„arbeitete", wo Banken und Geschäftsleute versichert waren, so daß niemand etwas verlor, denn die Versicherungsgesell- schasten steckten Prämien von Leuten ein. d>« lieber zahlten, statt die gewöhnlichsten Vorsichtsmaßregeln zu beachten. Verbrechen ist wahrhaftig ein«inseitiger Begriff, Schuld selten ein« p«sönl>che Sache. Di« Verantwortung trifft vielfach die Ge- sellschaft. Fast olle Verbrech« sind ausnahmslos qrm« Teufel. Oer unerwünschte Tote. (Zr kann„wegen Richtzuständigkeit" nicht bestattet werden. Ein unerhörter Vorfall hat sich gestern In Sakrow b e i Potsdam abgespielt. Am vorigen Sonntag ertrank beim Baden infolge Herzschlag im Sakrow« See der Oberkellner Bon- kowskl aus Berlin, Passau« Straße 39. Am Freitag wurde bei Nedlitz die stark verweste Leiche des B. aus dem Sakrow« See gezogen. Der Förster beauftragte ein Potsdamer Beerdi- g u n g s i n st i t u t mst der Einsargung. Da B. zuletzt mit seiner Familie auf Sommerfrische in Groß-Glienicke gewellt hatte, wurde der Sarg aus Anordnung der Ehefrau nach Groß-Glienicke gebracht, um dort auf dem Friedhof untergestellt zu werden. Die Friedhofverwalwng oerweigerte das aber wegen Nichtzuständigkeit. Nun wurde die Leiche wieder nach Sakrow geschafft. Da Sakrow keinen eigenen Friedhos hat, wollte man die Leiche im Spritzenhaus unt«bringen, das aber mit Sachen eines Exmittierten angefüllt war. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Ortsvorsteher. So blieb nichts anderes übrig, als die Leiche unter ein Gebüsch auf dem Friedhof zu schaffen, wo sie über Nacht stehen blieb. Für die Angehörigen war die Unterbringung des Sarges in ein Gebüsch eine Zumutung, der die Nerven kaum standhielten und die Witwe wurde infolgedessen ivicderholt von Weinkrämpfen befallen. Es ist ganz merkwürdig in unserem Vaterland: von der Zeugung bis zur Einäscherung ist das Leben des deutschen Bürgers von Hunderttausenden von Paragraphen eingehegt, um d« Ordnung, um der Wohlfahrt, um d« Hygiene willen, in denen angeblich Deutschland einzigartig sein soll. Wenn es aber mal darauf an- kommt, dann stiften die Paragraphen Verwirrung und Unfug. Lm Segelflugzeug über den Ozean? Am Kabel eine« Dampfer«. New flott, 5. Juki. v««sie Versuch, mit dem Segelflugzeug den Ozean zu überfliegen. wird heule beginnen. Die beiden Flieger Lewis und K e a r n e y wollen den italienischen Dampf«,„Saturnia", der gestern den hiesigen Hafen anlassen hak, als Zugfchiff benutzen. Zln einem ZOO Meter langen Kabel wird das Segelflugzeug befestigt werden und durch die Geschwindigkeit des Dampfers soll d« nötige Austrieb«reicht werden, durch den das Flugzeug sich in der Luft soll halten können. Lei Sturm dürfte dies ohne weiteres möglich sein, bei Rückenwind aber ist das Gelingen des Expniments sehr fraglich. Die Flieg« werden durch Telephon mit dem Schiff jederzeit in Verbindung bleiben. Das Essen wird ihnen mit Hilfe von Kabeln zugestellt werden. Die Explosion in Eaflleford. TZ Personen getötet, 300 Häuser unbewohnbar. London. S. Zuli. Die Zahl d« Todesops« bei d« furchtbaren Explosion der chemischen Fabrik in Eastleford sind niedriger al, man zuerst annahm. wie jetzt feststeht, find dunh die Explosion 1Z. Personen getötet und über 300 häufer so schw« beschädigt worden, daß sie unbewohnbar wurden. Dadurch wurden S00 P«fonen obdachlos. Die Explosion war so gewaltig, daß schwere Metallstücke aus der Fabrik noch 3 Kilomet« von der Explosionsstelle entfernt gesunden wurden. 3n einem Umkreis von 12 Kllomet« wurden alle Fensterscheiben zertrümnwrl. Ein Mann, der in d« Röhe der Fabrik an einem Fluß entlang ging, wurde durch den Luftdruck in den Fluß geschleud«t und ertrank. Oer Orei-Wochen-Klug beendet. Räch 23 Tagen glatt gelanvet. New flort, S. Juli. Wie aus Chicago gemeldet wird, wurden die vaucrflieger Gebrüder Hunt« zu landen gezwungen, weil die Oeloenlile und die Oelleitung ihres Flugzeuges v«stopst waren. Insgesamt haben die Flieger eine Strecke von 663S0 Kilometer zurückgelegt, wobei 223mal Verbindung mit dem Brennstoffversorgungsslugzeug aufgenommen wurde, das von zwei weiteren Brüdern Hunt« ge- iiihr wurde. Di« Dauerflieger verbrauchten während ihres Rekord- fluges 30S2V Liter Gasolin und 1600 Liter Oel. Hohe polizeibeamie gemaßregelt. Wegen der Leipziger Kommunistenki-awalle. Dresden. S. Juli. In Sachen der polizeilichen Maßnahmen wlchrend des kam- »mnifttschen Jugendtages in Leipzig wird von zuständiger behörd- I icher Stelle auf Ansrage mitgeteilt: Die eingehenden Erörterungen ub« die Tätigkeit der Polize: bei dem kommunistischen R-ichslug-ndtag in Leipzig zu Ostern haben dazu geführt, daß das Ministerium de» Innern zunächst dem Polizeipräsidenten Fleißner und dem Exetutivleit« Oberst Franz am 21. Juni einen Verweis erteilt hat. Polizeioberst Franz hat mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand um seine Entlassung au- dem Polizeidienft gebeten, die ihm aus Grund eines amtsärztlichen Zeugnisses für Ende Juli bewilligt worden ist. * Die reaktionäre Presse hatte unmittelbar nach den kommunistischen Ausschreitungen in Leipzig, die zwei Polizeibeamten das Leben gekostet hotten, die Absetzung des sozraldcmo- kratischen Polizeipräsidenten t*lcißner gefordert. Wenn das sächsische Innenministerium jetzt die beiötii sührenden Polizeibeamten Leipzigs für die Folgen der kommunynschen Aus- jchreitungen verantwortlich macht und sie mit cmem Verweis maßregelt, so gibt sie damit den Forderungen des. sächsi- schen Bürgerblocts nach, dem der sozialdemotralliche Polizei- Präsident in Leipzig schon long« ein Dorn im Auge war. Senator Vorah«klärte zu den Aeußarungen Mussolinis über Vertragsrevisionen, daß er stets die Ansicht vertreten habe, Europa werde nur dann in dauerndem Frieden leben, wenn d>e Remsion de» Versaill« Vertrages und anderer Friedensverlrage«solge. Das Bestreben, diese Verträge unverändert aufrechtzuerhalten, sei eines der Haupthindernisse ein« europäischen Union. Einweihung de« Harheims in München»«boten, v Die geplant« Eimveihungsiei« des notionalsozialisttlchen Parte'.heiins in München ist von der Polizeidirektion mit der Begründung verbaten worden. daß es sich bei dieser Feier um eine öffentliche Veranstaltung mner- haö> der Bannmeile handele. Professor Albert Oöderlein. Zu seinem 20. Gebursstag am 5, Juli Professor Dr. Albert Döderlein, der Direktor der Münchener Universität»-Frauenklinik, feiert am ö. Juli seinen 70. Geburtstag. Döderlein genießt als einer der bedeutendsten Frauenärzte der Welt und ein« d« hervorragendsten Reformatoren auf dem Gebiete der Behandlung der Frauenkrankheiten sowohl als Lehrer wie als Arzt weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einen großen Ruf. Am ?. Juli 1860 in Augsburg geboren, wurde er nach dem Studium der Medizin zuerst Professor in TIroningen, folgte dann einem Ruf der Universität Tübingen und kam im Jahre 1907 noch München. Trotz seiner Jugend hatte er sich schon in der Wissenschast einen hervorragenden Namen gemacht, so daß ihn die Berlin« Frauen- klinit der Charit,! im Jahr« 1908 als Leiter an Stelle von Professor Bumm, dem berühmten Frauenarzt, der eine ander« Klinit über- nahm, berief. Döderlein leistete aber diesem ehrenvollen Ruf nicht Folge, sondern blieb an der Stätte seiner bisherigen Wirksamkeit, wo er der Leiter der Unioersitäts-Fraucntlinik wurde. Professor Döderlein wurde bahnbrechend aus dem Gebiet« der Behandlung des Gebärmuttertrebses mit Röntgenstrahlen und Radium. Er arbeitete mit dem Gynäkologen und Röntgenologen Professor Mnz in Erlangen zusammen. Die„Operation ohne Messer", die jüngst in der Welt großes Aufsehen erregte, ist durchaus nicht ein« Neuerung, sondern sie geht aus Professor Döderlein zurück, der bei Krebsleiden und anderen die Operation mittels hochfrequenten Wechselstroms an Stell« der Operation mit dem Messer erfand. Er zeichnete sich ferner durch neue und bedeutsame bakteriologisch« Forschungen besonder» in Beziehung auf Wöchnerinnen aus und fand auf dem Wege der operativen Geburtshilfe, über die er auch ein Werk verfaßte, neue und erfogreich« Wege. So wurde Döderlein auf dem Spezialgebiet der Frauenheilkunde ein bahnbrechender Forscher und Praktik«, der das große Heilgebiet durch zahlreiche und wichtige Neuerungen und Verbesserungen bereicherte. Di« moderne Frauenheilkunde beruht zum großen Teil auf dem Wirten Döderlein», zumal zahlreiche hervorragende Gynäkologen, die an anderen Universitäten als Lehrer und Praktiker wirken, aus der Schule Döderleins hervorgegangen sind. Filmrepertoire. Der fühlbare Mangel an neuen stummen Filmen führt«freulicherweise zur Wiederaufnahme guter, alt« Filme. Im Ufa-Theateram Kurfür st endam in wird der best« französische Film Feyders„ErainquebUie" aufgefrischt und übt auss neu« seine starke ausrüllelnde und anklagende Tendenz aus gegen die Blindheit und Fichllosigkeit einer bloß formalen Justiz. Das Schicksal des armen Stroßenhändlers, von Feraudy bis ins letzte v«menschlicht. gibt dieser besten Novelle Anatolc France« die stärkste Resonanz. Daneben spiest man ,L w e i j u n g c H e r z« n" mit Barbara Kent und Glenn Tryon, auch ein Stück Arbeit«- leben aus der Großstadt, das uns mehr interessiert als alle fade Süßlichkeit der Kitschsilme. Die immer rührige..kam«a" Unter den Linden hat jetzt auf dem Programm:„S ühn c", nach ein« Erzählung von Jack London lagert. Die Lebensmittel halten sich so in Kühlhäusern monotelanz wie frisch. Würde man die Ware der Kühlung unverpackt aussetzen, dann würde sich die äußere Form in unvorteilhafter Weise verändern. Die Anlagekosten sind verhältnismäßig gering, das Frieren von einem Pfund Fleisch tostet 12 Pfennig, dach werden durch bessere Abfallverwertung Ersparnisse erzielt. Es muß vermieden werden, daß die Lebensmittel auf dem Transport auftauen, da sich beim Wiedergefrieren in Kühlhäusern die langen Kristall« bilden würden. Welches sind nun die Vorteile des Verfahrens und seine Au,» sichten? D« Konsument hat den Vorteil, sederzeit au, allen Teilen de» Landes Lebensmittel zu genießen, die so frisch schmecken, al» wären sie eben verpackt, während die» vielleicht vor vielen Monate» zur Erntezeit geschah. Selbst nach einem Jahr verändert Obst seinen Geschmack nicht. Da die Ware in durchsichtiger Packung daliegt, toim man sie vor dem Kauf genau besichtigen, im Gegensatz zu Konserven. sie ist aber dadurch auch vor Beschmuhung bewahrt. Fleischstücke sind zum Essen vorgerichtet, also ohne Knochen und sonstigen Abfall, dadurch können sie ohne geschult« Fleisch« in jedem Lebensmittel- geschält feilgeboten werde». Auch kann durch dieses Verfahren der oft stürmische saisomnäßige V-rkaufsa»drang bestimmter Lebensmittel verteilt werden. Gefrierfische werden schon sott läng«« Zeil hergestellt. Fleisch, Obst, Gemüse fest einigen Monaten in 1,3 Läden von Springfiekd verstichsweise verkoust, von denen"sechs früh« nie Fleisch führten. Die Ware kommt aus einer 4000 Kilometer ent kernten Fabrik dorthin, nämlich 25 der üblichsten Stück« vom Rind. Spinat, Spargel. Erbsen. Beerenobst, Fisch usw. Der Umsatz stieg dauernd in befriedigendem Maß», so daß in absehbar« Zeit alle 400 000 Lebensmittelläden in der Union, dann mich solche im Au;- lanh schnellgesrokone Waren führen dürsten. Königsberg erhält die modernste Anatomie Deutschlands. An Stelle der veralteten, völlig unzulänglichen Anotomi« toll jetzt die Universität Königsberg einen modernen Neubau eihal en. Der Neubau, der nach den modernsten Gesichtspunkten der Wissenschaft und Technik errichtet wird, wird al» Stahlskelettbau misaeiüh't Die Fenster bestehen aus langen, durchlaufenden Glasbändern uud somit wird die Anatomie die modernste Anlage dieser Art in Deutsch land, ja, Europa werden. Lötwaffer in der Bierflasche. Eine Schuld der Postverwaltung. Bei dem Bootsbauer Li r. demann in Erkner hatte der Tele» phonarbeitcr Max Henze im Auftrag der Reichspost ein Telephon anzulegen. Er ließ sich von dem stellvertretend,:!' Bautrupp- fuhrer Hermann das Werkzeug, darunter ein« Flasche mit Löt- masser, geben. Da die sonst für Lötwasser üblichen Tonkrügc nicht vorhanden waren, füllte der Bauführer dasLötwasserineine Bierflasche und übergab sie Henzc. Während dieser mit einem Hilfsarbeiter im Schlafzimmer von Lindemann an der Tclephoneinrichtung arbeitete, hörte er aus den Wohnzimmer einen fürchterlichen Schrei. Ais er hinzu- sprang, sah«r, wie Lindcmann unter heftigen Schmerzen die Bier- flasche von sich warf, nachdem er vorher daraus ge- trunken hatte. Trotz sofort vorgenommener Gegenmaßnahmen und einer Magenoperation starb Linde mann bald darauf nach qualvollem Leiden. Hermann hatte sich gestern wegen fahrlässiger Tötung vor der Strafkammer des Landgerichts III zu verantworten. Während Staatsanwalt Conze die Schuld des Angeklagten für er- wiesen hielt, weil er das gefährliche Lötwasser nicht in e'ner Bier- flasche hätte aufbewahren dürfen, und acht Monate Gefängnis bean- tragt«, hatte der Verteidiger einen umfangreichen Beweis unter Zeugen und Sachverständigen angetreten, die bekunden sollten, daß nicht dein Angeklagten, sondern der Rcichspostocrwmtung und dem Getöteten selbst und seiner Ehefrau die Schuld zuzuschreiben sei. Der Sachverständige, Telegraphcndircktor Müller, mußte auf Vorhalt von Dr. Mendel zugegeben, daß die Reichspostoerwaltung selbst das Lötwasser für ungefährlich gehalten und besondere Dienstanweisungen für den Transport und die Aufbewahrung nicht erlassen habe. Erst nach dem Tode des Bootsbauers Lindemann sei An- Weisung ergangen, dasLötwasser in besonder en Krügen mit der Aufschrift:„Vorsicht Lötwasser!" zu ver- wenden. Der Verteidiger wies in seinem Plädoyer darauf hin, daß den Getöteten selbst die Schuld treffe und daß das Tragisch« an dem Fall sei, daß seine Ehefrau den unmittelbaren Anlaß zu dem Todesfall gegeben habe. Lindemann, der als Trinker bekannt ge- wesen sei, habe nämlich am Abend vorher Geburtstag gefeiert. Sein« Frau Hab« die überall herumstehenden Bierflaschen ge- sammelt und aus dem Wohnzimmer genowmen. Als sie auch eine Flasche bei dem Werkzeug der Arbeiter gefunden habe, Hab« sie diese an den Schreibtisch beiseite gestellt. Ihr Mann habe in seiner Trunksucht nach der halbgefüllten Flasche gegriffen und einen großen Schluck daraus getan. Das Unglück wäre allerdings nicht passiert, wenn die Reichspostoerwaltung ge- nügend Vorsichtsmaßregeln getroffen hätte. Man dürfe aber nicht den Arbeiter, der mangels besonderer Vorschriften nicht anders handeln konnte, als Sündenbock in die Wüst« schicken. Schuld sei die Reichspostoerwaltung. Das Gericht schloß sich unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Siegert diesen Ausführungen an und sprach den Angeklagten auf Kosten der Staatskasie frei. Die Liebe zur Generallinie. Sowjetklage über Bürokratismus und Grausamkeit. Kowno, 5. Juli. Der Moskauer Parteikongreß hat feinen Höhepunkt über- schritten. Die ollgemeine Austnerksamkcit konzentriert sich gegen- wärtig auf die bevorstehenden Wahlen, obwohl nicht daran ge- zweifelt wird, daß nur Anhänger Stalins auf die zu ver- gebenden Posten gewählt werden. Die Wiederwahl von Stalin selbst auf den Posten des Generalsekretärs der Partei wird als sicher angesehen. In den beiden Sitzungen am Freitag wurden bei der Aus- spräche über den Bericht der Zentralkontrollkommiffion von ver- schiedenen Vertretern lebhaste Beschwerden wegen der Söubc- rungsaktion, der Ueberhandnahine des Bürokratismus in der Ver- waltung, der parteiischen Tätigkeit der Gerichte ufw. geführt. Ein Vertreter Sibiriens wies darauf hin, daß auf der einen Seite die Säuberungsaktion nicht genügend durchgeführt werde: auf der anderen Seite glaubten aber noch immer viele Parteikommissare, daß sie ihre Tüchtigkeit um so eher bewiesen, je mehr sie aus den Aemtern und aus.der Partei„h i>1 a u s s S u b c r t e n". Ein Vertreter kritisierte scharf die Tätigkeit der Gerichte. Auf diesem Gebiet werde oft Leuten niedrigster Qualifikation die Entscheidung überlassen, deren Grausamkeit kein« Grenzen kenne. Schließlich wurde auf dem Parteitag beschlossen, der Zentral- kontrollkonmiission das Vertrauen auszusprechen. Verschiedene Redner kritisierten scharf die Erklärungen Rykows und Tomjkis und forderten ihre Ausweisung aus Moskau. Aus der Eni- fernung, so sagt« einer,„würden sie die Liebe zur Generallinie schon wiedergewinnen". Nach Meldungen aus Leningrad wurde auch in einer dortigen Versammlung der Partei gefordert, daß gegen Rykow die schärfsten Maßnahmen angewendet werden. Der Parteitag hat beschlossen, den 6. Juli als den Tag der Konstitution auf dem ganzen Gebiet der Sowjetunion als Feier- tag festlich zu begehen. Dieser Tag soll zu einem besonderen?lr- bcitstag erklärt werden. Voin Zentralrat des Ofsowiachim«erden dem Parteitag an diesen: Tage 14 Kampfflugzeuge übergeben wer- den, die aus Bauarn- und Arbeitermitteln erbaut wurden. Das Zentralkomitee der Partei hat fernerhin beschlossen, olle solche Parteimitglieder von Beiträgen zu befreien, die einen Ehrensold erhalten oder mit einem Orden ausgezeichnet worden find. Abwehr in Köln. 2300 Metallarbeiter im Kampf. Köln. S.?uli.(Eigenberichts Die gesiiwie Belegschaft der Manstedt-Werke in Troisdorf. in Stärke von 2300 Mann, die mit einem Lohnabbau von durchschnittlich IS Prozent bedacht werden soll, hat heute vormittag die Arbeit nicht aufgenommen. Die Vertreter der Mctallarbeiter- vcrbände wurden von der werksleitung zu Verhandlungen gebeten. Neun Monate Gefängnis für Lübecker Bankier. Bor dem Großen Schöffengericht Lübeck wurde gegen den Bankier Fritz Kiemstedt verhandelt, dessen Bankhaus im April 1923 zusammenbrach. Krem- stedt wurde wegen Vergehens gegen das Depotgesctz entsprechend dein Antrag des Staatsanwalts zu neun Monaten Gesängnis verurteilt. Theater der Woche. Vom S. bis-Ich. Juli. Bolksbühae. Tbe�ter a« VLlowplak: und 7. Julius Caffar. 8.«eine 5?orstc?ung. S. bis 14. Der fröhliche Weinberg. Staalsthcater. Ssschlossen. Thealer mit festem Spielplan: Sk-tlche, Tbeatei:??lxik/- Uhr Wie werte idi reidi und gladdidi? Ein Kann ia 1t AMailoign na Faiii Jaadiiaua. lasit na»idu Sa-liuch bjia: En» Eajal BOhnenbilder lad«, Kaiaar Renalssance- Theater 9 Uhr Steinplatz 6780 Ols Wunder Bar RevuestOck Theater d. Western Täglich S'h Uhr; Das Land des Lächelns Franz Lehars Sensationserfolg! Soirataj udim. 4 Uhr Das Land des Lächelns {/, Uhr Meine Sdiwester null Ird lliisik r. Ralph Benatzkj Lessing- Theater Wiiandinn 27S7 1. 11846 Täglich 8V, Uhr Der Faun tos Ed*. Kooblaadi. Paul Hendub. Hahn, Flamme. Rml. C rodtciinikjr. Frankin, Fiedler, fUrstvn, Lion a{•I-IziiQloo.Barlen Dir. Dr. Marlig litkal Komische Oper Fried richstr. 104. Merkur 1401/4330. Täglich 8'A Uhr Liebe nnd Trompeten' blasen Scktli/WKiirniizr/ n»U»r Jihrted x Bad x Mmdl Tbest.sinKoiUi.Tar Kottbusser Str. 6 Tägl.»>,. Wiederauftreten der Elite' Sänöer mit Sehortch RuscUl. Grosses UdBdilKitr-l'raiii-iimn> 18.13 Uhr- Baudien er aubt Corlinis Dollarsegen usw. Sonnabend u. Sonntag Je 2 Varetallungan 4 und S" Uhr. 4 Uhr kleine Preise� Reichshallen-Theater m Uhr Stettiner sanger Das g roße Programm! Olinboff-Brettl und Harfen Variete- Konzert— Tanz Speisehaus und Restaurant Belle~Alliance-Pi atz 7-8 Gutgeptlcgte hiesige und echte Biere Mittagstisch Warme Küche zu jeder Tageszeit Es ladet freundlichst ein Der Wirt» Ernst Rottschalk. Ab 4 Uhr nach mittags GROSSES KONZERT Täglich: Tanz im Freien Au! d. Schauslellunesplalz „1000 Krokodile" Aquarium— TIcrknust-AnuicUg. „Heule Abend; Deutsche Volkstänze in Originaltiachtcn."" Hente Das grosse Filmfest „Filmzauber im Lunapark" Ein Programm von unerhörter j Reichhaltigkeit Gr.Fest-Feuerwerk Eintritt nur 1 Jfark Auf Khrcn- und t'reikaiten vdrd| | ein Zuschlag von 50Pfg. erhoben. Sonntag Clinr- n. Oreli«st©r-Konaert des Berl. 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Nach Werbellinsee, Heiliaensee u lehnitzsee �uJgu"s.bis An jedem Dienstag u Donnerstag ab Weidendammer Brücke(Komische Oper) S 45, ab Fennbrücke 6.30 ab Secsträße(Beusselbrücke) 640, Spandau-Wilhelms' uh (Rust) 7.40 Tegelort(Schankhäuschem 7.45, Heiiigensee Sportshaus SM, Lehnitz Bahnhof 9 25 Fahrpreis nach Werbellinsee bin und zurück 3 50, Einzeifahn �dMc""6'• Nach Zwiebusch ab• Nach Grünheide a. Alt-Suchhvrst������c���. dammer Brücke 9.15 Fahrpreise nach Zwiebusch u. Grünheide hin und zurück 1 75"Kind�Äfte" Mk• Nach Nedlitz, Potsdam u.TempÜn ab 8 Juli bis 15. August an jedem Dienstag und Donnerstag Ab Fennbrücke 900, Seestraße(Beusselbrücke) 915, Spandau(Cal6 Viktoria) 10.40. Fahrpreis nach Nedlitz und Potsdam hin und zurück 1 50 Mk„ Elnzelfahrt 1__ Mk., Kinder die Hälfte. Nach Templin hin und zurück 1.75 Mk, Einzelfahrt 1.10 Mk. . Die täglichen Fahrten nach Lehnitzsee sowie Heilicensee bleiben außer dem oben angegebenen Fahrplan bestehen(s. Anschlagsäulen)."Mm Vorzeitfer dieses crbXll bei den Sonderfahrten an Wochentagen 10 Fror, des Fahrpreises zorackverdaiei. • Bei zu geringer Beteiligung fallen die Fahrten aus. �Beilage Sonnabend, 5. Juli 1930 VprÄbpnd Das Gelwngsbedürfnis, das w Zeiten«iner so rücksichtÄosen und gewaltsamen Daseinskonkurrenz selbstverständlich ist. treibt heute. wie mir scheinen will, die seltsamsten Blüten. Es hat gewiß immer schon Originale gegeben. Da- liest man in «iner Schilderung des alten Berlin, daß der sogenannte Aetherfritze, ein Mensch, der unter dem Laster des Aethertrinkens litt, tolle Kapriolen machte: dann wird ein ofsenbar Geistesgestörter erwähnt, der, wenn man in seine Nähe kam, jeden zu- rief:„.Rirhren Sie mich nicht an, ich bin aus Glas!" Von der cha r- f e n j u l e wird erzählt, die mit ihrer durch einen ölten Unterrock geschütz- ten Harfe auf den Höfen herumzog und sentimentale Lieder fang. Das waren alles sogenannte„Originale". die zweifellos auffielen, aber sicherlich nicht, weil sie es wollten, aus einem Geltungsbedürsnis, sondern weil ihr unglücklicher und zermürbter Geist sie zu Sondererschci- Bungen machte, die tragisch oder lächerlich wirkten. Das ist in unserer Zeit anders geworden. Heute wird durch Technik, Industrie und Massenaufgebot der arbeitenden Menschen eigentlich olles nivelliert und uniform ge- macht. Und dieser große allgemeine Zeitbrei treibt natürlich Blasen so gut wie früher. Aber es ist schwerer, heute aufzufallen als ehemals. Da geh« ich vor ein paar Tagen durch das Roma- Nische Cafe, so um sechs Uhr nachmittags. Vor dem Cafe auf der Terrasse sitzt alles voller Menschen. Hübsche Mädchen und Frauen, die natürlich durch ihre hellbunten grotzlblumigen Toiletten auch auffallen wollen. Drei davon lachten so laut, daß ich mir er- laubte, nach dem Grunde ihrer Heiterkeit zu fragen. „Da drüben, sehen Sie mal, da geht R o b i n j o n Crusoe!" Ich sah einen großen stattlichen Menschen in den besten Jahren, der im härenen Gewände Johannes des Täufers durch das Cafä zog. Der große Kopf mit wallendem Lockenhaar erhob sich über- legen. Di« blauen Augen, im Seherblick weit vorgeworfen, ging er langsam wiegend durch die Tischreihen. Dann setzte er sich nieder, stützt« sein Denkerhaupt, das den heut« so verpönten Bart im leisen Winde flattern ließ, in die schmale, von Arbeit nicht«nt- weihte Hand, und so saß er allein und schweigsam, den Glrn� des blauen Auges zur Erde gesenkt, am kleinen runden Marmorjisch. Bor ihn, stand statt Heuschrecken und wildem Honig die Kuchen- schale, in die er nachdenklich langte und aß, die Krümel mit spitzen Fingern vom rotbraunen Stoff des Wüstenkleides schnellend. Er sah nicht rechts, er sah nicht links; mitte» in der profanen Menge der schwatzenden, kritisierenden und lachenden Cafehausleute scharitc er in Sphären, die den anderen verschlossen blieben. Mir war der Prophet nicht unbekannt. Ich hatte ihn öfters beobachtet, hier und anderswo auf den Straßen, in den Kunstschulen, im Zoologischen Garten und am Badestrand der um Berlin her liegenden Seen. Da stolzierte er mit. seinem langen schwingenden Schritt, Schultern und 5)anpt ein wenig gesenkt, wodurch der ohne große Kopf noch gewaltiger erscheint, durch den märkischen Sand und bot seine selbsiverfaßten druckgclegten Schriften an. Mit sonorer, weihevoller Stimme ruft er aus:„Das sind die Weg« zu einem reineren und besseren Leben!— Man gibt, was man mag." Aber es lausen in der großen Stadt noch andere Typen von Männern herum, die auf jeden Fall gesehen und bemerkt werden wollen. Das sind nicht etwa nur die Sandwichmen.�von denen scäis hintereinander mit einem weißen Riesenhut die Strohutmod« wieder«inführen wollen und der siebente in Frack und Lack auf Stelzen hoch über die Menge ragend ein Verleihgcschäft für Herren- gardcrobe bekannt machen will. Die Reklame, so wenig sympathisch sie oft ist, hat in unserer Zeit des wildesten Wettbewerbs ihre Be- »echtigung. Man muß sich auch wundern, wie wenig derartig« Erscheinungen auffallen, niij; nur ganz außergewöhnliche Dar- biewngcn solcher Art den Erfolg haben, daß die Passanten stehen bleiben und staunen.... Die Leute, die ich meine, wollen nur für sich, sür sich ganz allein Reklame machen und hoben auch dafür keinen vernünstigen Zweck.,. Es gibt da einen Mann, der besonders die Gegend Tauentzlenstraße und den Kurfürst en dämm als seine Wandelhallen betrachtet. Hurtig durcheilt er die Straßen, ob es friert oder ob die Sonne scheint. Er trägt eine kleine knallblaue Hose mit feuerroten Streifen, die die Knie und einen Teil der muskulösen Schenkel frei läßt. Bunte Wollstutzen, die unterhalb des Knies umgeschlagen sind, Halbschuh«, rotbraun mit grünem und weißen Leder eingelegt, lieber einen: bunten Hemd weht wie die Toga des Elves romsuus ein weißer Bademantel mit großen lila Blumen. Im Arm ein Stoß leuchtend griincr Broschüren� und auf WV Hf™- dem schnittigen Körper sitzt ein Raubvogelkopf, desien irr phan- tastifche Augen fliegen ständig hin und her. Er mustert die Vor- übergehenden eindringlich, und plötzlich bleibt er stehen. Er zuckt die Achseln, er schüttelt den Kopf, er starrt in die Lust, lange, lange. Menschen sammeln sich um ihn. gucken auch nach oben, lachen manchmal über ihn, es wird auch einer unoerfchämt und fängt zu pöbeln an. Aber der Sonderling hat darauf nur ein liebcns- würdiges Lächeln. Sind seiner Meinung nach genug Leute da, die ihn und den Himmel anschaueii, ihre Bemerkungen über ihn machen, dann eilt er weiter. Er hat erreicht, was er wollte, er hat wieder einmal, die Welt verblüfft und, so meint er, in Auf- rühr gebracht. Und erhobenen Hauptes, leuchtend in dem weißen wehenden Mantel sucht er sich einen neuen Schauplatz. Ein anderer würde sich genieren, ihm wäre diese grundlose, zwecklos hervorgenifene Aufmerksamkeit seiner Mitnumschen peinlich. Denn olle Welt lacht ja über ihn. Aber der im weißen Hcroenmantel�enipsindet das nicht. Ein Gefühl nur füllt ihn bis zum Rande und ist stärker als alles andere in ihm: er will sich produzieren! Der Markt ist ihm nicht weit genug, um seine Harlelinade allen zu zeigen... Wovon er und seine Kollegen leben?— Vermögen haben sie kaum. Aber, so seltsam und unglaubwürdig es erscheint, auch diese Außenseiter letzten Grades besitzen ihre Anhänger. Vielleicht ebenso geistig defekt wie der Meister, haben die Jünger doch nicht den Mut und die Unverfrorenheit, sich in solcher Weise öffentlich zu prostituieren. Das tut er für sie, und so fällt ein Schatten des Aufsehens, den der arme Narr erregt, auch auf die Narrenjünger. Diese haben selbstverständlich einen Beruf oder doch irgendeinen Verdienst und sind so imstande, die kleinen Spenden, von denen ihr Idol lebt, abzustoßen. Scheu und verschämt wandert da und dort ein Fiinfzigpsennigstück in die Tasche des verehrten Mannes. Eine andere Einnahme fließt ihm, wenn auch nur spärlich, aus dem Verkauf seiner Schriften. Da hat viele Jahre— wenn es auch schon ein Jahrzehnt her ist, daß er starb— der„Weltendichter,, Mathias Weber an den Straßenecken des Berliner Westens und Ostens gestanden. Weber war ein harmloser Irrer, der nicht ohne Originalität Gedichte verfaßte, sie drucken ließ und verkaufte. Di« Berliner Künstler hatten ihn zu einem ihrer Feste geladen, hatten ihm da eine vergoldet« Lyra, einen blauen, mit Goldsternen bestickten Atlasmcntel verliehen und hatten das arme Haupt mit dem Lorbeerkranz geschmückt. Von da an erschien Mathias Weber in solchem Habit nicht allein auf der Straß«, son- dern er trat auch in den W i n k e l v a r i e t ä s auf:«r deklamiert« seine Lieder und wurde von dem Publikum dieser„Kunststätten" derart mit Gemüse beworfen, daß der Unglückliche immer von einer Seit« des Podiums auf die andere springen mußte. Ein witziger Journalist variierte damals auf ihn das Goethesche Wort und sagte: „Denn wer den B e si i e n seiner Zeit genug getan, Der hat genug getan für alle Zeiten!" Mathias Weber ist längst tot, atzer die Bluffer, wie der Ameri- taner sagt, sterben nicht aus. Es haben wohl die NKisten Nkenschen den Wunsch, sich hervorzutun. Aber sie möchten dieses Ziel durch Leistungen erreichen, zu denen sie n-eist nicht die Fähigkeit, Kraft und Ausdauer besitzen. Der Sonderling, den ich hier zeichne, kommt gar nicht aus die Idee, etwas zu leisten. Das erschiene ihm wahr- scheinlich auch viel zu ordinär. Er. der zweifellos den paranoiden Einschlag hat, d. h. in seiner krankhasten Seelentätigkeit zum Größenwahn hin neigt— er will nur durch seine Person, durch die Lebensäußerung seiner selbst schlechthin aufsallcn. Da ist noch einer, ein Stammgast der Kantine in der Chor- l o t t e n b u r g« r K u n st s ch u l e in der Hardcnbcrgstraß:. Dort sitzen die Kunstschüler und verzehren ihr emfaches Mittagessen. Plötzlich erklingt von drüben her eine laut«, etwas zittrige Greisenstimme. Es ist wie der Ton«iner gesprungenen Spinettsaite. Man blickt auf und sieht drüben an einem Tisch, wo die Modelle sitzen, «inen kleinen weißhaarigen Herrn, der sich erhoben hat und mit großem Ernst eine Strophe aus einem Kirchenlied singt. Der alte Herr trägt stets einen Frack und ein Monokel am breiten schwarzen Band. Sein weißes Haar ist voll, sorgfältig gescheitelt und nach oben gebürstet. Schnurr- und S'pitzbart glänzen peinlich gepflegt. Nun verklingt seine Stimme, unter dem Beifall seiner Tischgenossen läßt er sich nieder und ißt weiter. Manch taktloser Scherz fliegt als Echo hinüber, aber der Professor, wie er allgemein ge- nannt wird, überhört so üble Scherze. Ob er wirklich oder nur in seiner Einbildung Gelehrter ist. weiß niemand. Neulich hatte er wieder einmal den versammelten Malern und Modellen sein Mittagsständchen gebracht, er erhob sich und ging in den großen, sonneleuchtendcn Garten der Schule. In den grünen Anlagen unter den schönen alten Bäumen saßen und lagen Schüler und Schülerinnen, plaudernd und scherzend. Drei junge Leute turnten am Reck. Denen näherte sich der Professor mit seinem gemessenen und zierlichen Schritt. Sich in den Hüsten drehend, kam er näher, blieb stehen und sagte mit feinem Spott: „Aber, meine Herren, soll das Turnen sein? Passen Sie auf, wie ein Mann, der wohl dreimal so alt ist wie Sie, so etwas macht." Damit zog er seinen Frack aus, legte ihn säuberlich über die Bank und erschien nun ganz wie ein gelenker Knabe mit einen: Gelehrtenkopf. Er reckte sich, faßte die Cisenstange und machte drei ganz gute Klimmzüge. Alle, die ihn sehen, applaudieren. Er verneigt sich mit vielen: Anstand und läßt sich neben zwei jungen Männern auf einer Bank nieder. Doch inzwischen hat jemand aus einer entfernteren Gruppe ein Grammophon geholt, und heitere Tanz melodien klingen durch den Garten. Einer der Maler fordert ein« Dame auf und im Hui drehen sich die Paare auf dem Rasen. Das:st zuviel für den Pro- fessor, da kann er nicht beiseite stcl>en. Zu den Tanzenden tretend. bittet er einen der jungen Männer in gewählt�: Worten, ihn doch seiner Dame vorzustellen. Der geht lächelnd auf den vornehmen Ton«in, und schon umfängt der Professor das große, gutgewachsene Mädchen. Das Grammophon spielt gerade eine Platte mit viel Tempo, und der Jüngling im weißen 5)aar, der gewiß an d:e Siebzig ist, legt los wie ein Wilder. Ich habe schon Kaukasier mit ihrem tollen Temperament tanzen, Neger steppen und im Film die Männer von Haiti ihre erotischen Traumtänze im heißen Wirbel tanzen gesehen, aber ich glaube, der Professor war ihnen allen über. Eine von den kleinen Raubspinnen, die eine viel größere Beute erfaßt hät und sie fortschleppt, so jagte der Pro- fessor über den Rasen, mit ruckartigen Sprüngen riß er das un- glückselige Mädchen im Kreise herum, rannte, sie vor sich herstoßend, geradeaus, machte eine Schwenkung, um in anderer Richtung über den Rosen zu slitzen. Das arme Opfer wehrte sich noch schwach, aber es mußte mit, und schließlich sank d:e arme Erika buchstäblich ins Gras, als der rasende Derwisch zitternd und tief atmend von ihr abließ. Auch er mußte sich niedersetzen und den orkanartig einsetzenden Beifall einheimsen. Nach allen Seiten verbeugte er sich, lächelte geschmeichelt, erhob sich dann und verließ, rasch den Frack überstreifend, den Garten. „Warum hat er denn die arme Erika so roh behandelt?" fragte ich meinen Kollegen, der ihn schon lange Zeit kennt. Der zuckte die Achseln:„Zu mir ist er immer mehr als liebens- würdig. Er hat mir sogar angeboten, mir die griechische Sprache beizubringen. Ich sollte ihn in seiner Wohnung aufsuchen, was ich aber oorsichtigerweis« unterlassen habe' In diesem Augenblick kehrte der Professor noch einmal zurück. Er trat rasch mit echaussiertem Gesicht zwischen d-e Künstler, blieb stehen und sagte mit klagender Stimme ganz laut:„Ja, was soll denn das heißen? Was denkt sich denn meine Frau? Sie sperrt mich ganz einfach ein!" Damit drehte er sich laut lachend um und ging hinüber ins Haus. T-rt und Zeichuuugnl von Hans Volker Hyan. (23. Fortsetzung.) öt«i kleine Boten und wenig« alter« Angestellte waren im ltiaum. Arnold warf seinen 5)ut an einen �ak«n und stellt« sich sofort an sein Pult. Gleich daraus wurde die Tür ausgerissen— der Spitzbärtige stand im Rahmen. Ein« Sekunde genügt« ihm, um die Situation zu überblick«n. Ohne weiteres schrie er den älteren Angestellten an ihren Pulten zu: „Wer ist der da?" Dabei deutete er auf den Lehrling Fein. „Das ist unser Lehrling", antworteten die erstaunten Herren. Von dieser Auskunft schien der Spitzbart für einen Augenblick verdutzt. Sein Gesicht verdüsterte sich, wie enttäuscht. Gleich darauf erhellte es sich wieder. ..Sol" schrie er, knallte die Tür zu und war weg. „Was war denn los?" fragten die Angestellten Arnold, sein Pult umlagernd. Und: „Der Mann war doch von der Redaktion nebenan." „Was haben Sie denn mit dem alten Herrn zu kriegen gehabt?' Arnold schwieg. Zwar brummte er einiges, aber das war kein« Auskunft. „Der alte Herr ist verrückt", brummte er, und ähnliche Sachen. Die nächsten Stunden verliefen ohne irgendein«« Zwischenfall. Es blieb still wie immer in diesen Räumen— man sprach hier stets leise, fast flüsternd: aber durch das Vorkommnis am frühen Morgen waren die Seelen auf eine bestimmt« Weis« angekurbelt. Die Angestellten, die es erlebt hatten, hatten es schon längst den Spätcrgekommenen mitgeteilt. Jetzt saß man da. setzt wartet« man — man war gespannt. Dies„So!" des Spitzbärtigcn hatt« wie ein Hornruf geklungen, der aus kommende Ereignisse schließen ließ. Man machte nicht mehr den Versuch, den Lehrling Fein nach der Bedeutung des Hornrufs auszufragen. Es wird sich schon von ielber entwickeln, hoffte man. Und so kam es auch. Gegen halb elf erschien ein gedrungener Herr mit einem dicken schwarzen Schnurrbart im Kontor: augenscheinlich kam er nicht in einer alltäglichen Zlngelegenheit. Sein Erscheinen in einem Kontor iwor sozusagen nicht stilgemäß. Allen siel er auf— erstens wegen seines dicken Schnurrbarts, ober viel mehr nach durch den kohl- schwarzen Blick, mit dem er nicht nur den Lehrlinz Fein, der ihn seinem Amte gemäß zu empfangen hotte, sondern überhaupt das ganze Kontor, alles auf einmal, ins Auge faßte und gleichzeitig durchbohrte. Er gab dem Lehrling seine Karte, aus dem«in harmloser Name stand. Pflichtgemäß brachte Arnold die Kart« dem Chef, der«infam ganz hinten in seinem Privatkontor sah. Gleich darauf führte Arnold den Herrn Waldemar Ehlers selber hinein. Herr Ehlers machte die Tur hinter sich zu. „Was der wohl will?",„Das hat was zu bedeuten", hauchten die Angestellten einander zu, ohne sich dabei anzusehen. Einer kam an Arnolds Pult, um zu fragen. „Wie heißt er denn?" „Ehlers." „Stand weiter nichts auf der Karte?" „Berlin." „Nein, ich mein«— sein Beruf?" Arnold schüttelte den Kops. Eine Minute verging im Schweigen. Die Spannung wiird« fühlbar wie Hitze. Äctzt erfolgt« die zweite Ueberraschung. Die Tür, die aus den Flur hinaus führte, ging auf— und herein kam«ine grauhaarige Dame. Alle hatten ihre Gesichter zur Tür gewendet, sie erwarteten neue Merkwürdigkeiten von diesem herrlich erregenden Tag. Sensation über Sensation. Sie wurden nicht enttäuscht. „Melde mich bei deinem Chef", sagte die grauhaarig« Dame zu dem Lehrling Fein, dessen Pult übrigens zunächst der Tür stand. Di« Dam« hatte mit einer merkwürdig klaren, schorsen, wie für einen bedeutend größeren Raum berechneten Stimme gesprochen. All« sahen hin mit erstarrtem Genick. Der Lehrling fragte die Dame etwas, sehr leise. Leider konnte es keiner der Angestellten verstehen. Aber dann sagte die Dame dasselbe wie vorher, nur diesmal noch schärfer, weiter hinschallend: „Melde mich bei deinem Chef.— Man hat mich herbestellt." Die Angestellten sahen den Rücken des Lehrlings noch für einig« Augenblicke unemschlossen oerharren, dann zuckt« er die Schultern, ging aufs Privatkontor los, klopfte an, verschoxmd hinein. Die grauhaarige Dame stand stumm, wo sie stand, ihr Mund war oerknifjen. davon waren die Winkel von zwei geschwungenen Fallen umgeben, die den Eindruck von tiefstem Gekränkt- oder Er- schüttertsein hervorriefen. „Meine Mutter wünscht Sie zu sprechen", sagl« Arnold drümen. Und der Ehes, ,cher Dicke", wie die Angestellten ihn. unter sich nanmen, antwortete ohne die mindest« Ueberraschung: „Lassen Sie sie hereinkommen." Der Herr mit dem dicken schwarzen Schnurrbort saß aus einem Stuhl neben dem Schreibtisch. Arnold führt« sein« Mutter dinein. Die Angestellten waren starr. Die Tür zum Privatkontor war geschloffen. Arnold befand sich auf seinem Platz. Niemand vön den Angestellten fragte ihn. Die Federn flogen in ekstatifchcn Sprüngen übers Papier. Mitunter schielt« �jner zu Arnold hinüber. Einig« wußten positiv sicher— von dem Tag« her, als sich diese Frau mit Arnold zusammen beim Dicken vorgestellt hatte—, daß !••■ d-e Mutter des Lehrlings war. Sie hauchien es ihren Nachbarn zu. Nach wenigen Minuten schnarrte es durchs Kontor— das war die Klingel, die sich unter der Schreibtischplatt« des Dicken befand. Einmaliges Schnarren bedeutet«: Der Lehrling. Arnold ging an allen Pultreihen vorbei zum Privatkontor, krümmte den Zeigefinger— klopfte an— hinein. „Machen Sie einmal die Tür zu", sagte drinnen der Dicke zu ihm. Arnold hatte den Eindruck, als wären sehr viele Menschen im Raum. In Wirklichkeit waren es nur der Dicke. Arnolds Mutter— die. merkwürdig genug, im Armstuhl des Dicken faß— und der Herr Waldemar Ehlers. Herr Ehlers hatte sich, sobald die Tür geschlossen war, mit dem Rücken angelehnt davor postiert. „Wir sind über Ihr geheimnisvolles Treiben unterrichtet", be- gann der Dicke,„es tut mir sehr leid, daß Sie mir diese peinliche Szene in meinem Privatkontor nicht ersparen tonnten" Während er dies sagte, lächelte er mit seinen grünen Augen— weshalb, wußte Arnold nicht und daher kam ihm dies Lächeln nicht ge- heuer vor. „Bitte?" fragt« er. „3ch bin Kriminalpolizist", sing der Schwarze an,„weshalb haben Sie Abends nach Kontorschluß unten aus der Straße ge- standen?" Die Frage kam zu unvorbereitet, als daß Arnold hätte ant- Worten können. Er bekam einen Schreck und wurde jetzt erst richtig blaß. Dann sammelte er sich und dachte das, was er da gehört hatte, durch. „Entschuldigen Sie", sagte er,„wenn Sie ein Kriminalpolizist sind, weisen Sie sich bitte aus." Die Witwe Fein, als sie dies« lliwerfrorenheit Ihres Sohnes erlebte, stöhnte. Aber der Herr Ehlers zeigt« ein« Marke vor. „Ich verweigere die Auskunft", gab Arnold jetzt bekannt. „Hmhm", machten der Kriminalpolizist und der Chef zugleich. Aber seine Mutter stöhnte. Der Schwarze schrieb in fein Notizbuch hinein. „Wenn Sie auch ,hmhin' machen...", sagte Arnold nervös. „Wenn ich meine Auskunft verweigere, so nur, weil es sich um meine privaten Sachen handelt." „Bor der Kriminalpolizei ist nichts privat", gab der Schwarz« bekannt.„Es ist überdies nicht m»hr Ihre Privatangelegenheit, wenn Sie auf der Straße das Forigehcn des letzten Angestellten in einem gewissen Büro abwarten, um im gegebenen Augenblick einen Einbruch auszuführen." „Einbruch...?" sagte Arnold, weil ihm nichts anderes ein- fiel. Dann schwieg er für eine Weile. Er brachte ein Gefühl wie von Kreisen hinter seiner Stirn zum Stillstand. Er verarbeitete das Gehörte. Niemand sagte ein Wort. Alle, auch sein« Mutter, sahen ihn an. Er fühlte, wie er immer röter wurde. Sein Kopf, seine Brust schwitzten springende Tropfen. „Sie sind ja zum Lachen", sagt« er, zu dem KrimhmlpoflMen gewandt. „Also auch aus dies« Frage wird die Auskunft verweigert?" fragt« der Schwarz«.„Weshalb warteten Sie abends ab, bis das Nachbarbüro geschlossen wurde?" Arnold gab keine Antwort. Aber wie zur Antwort auf dieses Schweigen nahm der Schwarze den Telephonhörer von der Gabel. Er nannte ein Amt— es war dasselbe Amt, bei dem die Bersicherungsfirma angeschlossen war, also mußte der angerufene Teilnehmer in der Röhe wohnen.— Bielleicht die Polizei?— dachte Arnold. Während der Kriminal- Polizist sich verbinden ließ, schwieg alles außer der tickenden Pendeluhr. Di« Verbindung war anscheinend hergestellt, der Schwarz« sagte ins Telephon hinein weiter nichts als:„Bitte, e» ist so weil", dann legte er den Hörer auf die Gabel. Polizei, dachte Arnold: gleich wird sie erscheinen. „So", sagte der Kriminalpolizist.„Und Sie, Frau Fein, be- stätigen ausdrücklich, daß Ihr Sohn Arnold seit einiger Zeit abends ohne Erklärung unregelmäßig und verschiedentlich sogar sehr spät nach Hause gekommen ist; ferner daß er heute früh auffallend vor- zeitig sein« elterliche Wohnung verlassen hat--?" (Fortseßung sblgt.) f Buch Arnold Mit»„TCorbs"') Worbs, Sparkasienvorstcher und im Kriege Leutnant, führt einen verzweifelten Kampf gegen die Frau und gegen die Erotik. Er glaubt, daß durch die Abwesenheit der Männer während des Krieges die unumschränkte Herrschaft der Frau beginnt, und er kämpft mit allen Mitteln dagegen an. Da«r aber nur ein kleiner, monomanischer Spießer ist, gerät er bei seinen Bemühungen ins Lächerliche und Groteske. Dieser merkwürdige Held empfindet sich als eine einzigartige Erscheinung, als eine rühmliche Ausnahme von dem Gleichmaß der Natur. Es stimmt etwas in seiner geistigen und körperlichen Mechanik nicht. Cr ist ein„Hinkemann", dessen geschlechtliche Fähigkeiten aber gut funktionieren könnten. Bei ihm handelt es sich vielmehr um einen Geistcsklaps, durch den sich auch Gründer und Anhänger puritanischer Religionssekten auszeichnen. Nur fehlt Herrn Worbs dieses Zentrum religiösen Charakters, ihm fehlt über- Haupt jedes Zentrum, jeder Glaube an eine Idee. Der Kampf gegen die Erotik wird zum Selbstzweck und nur au» dem Grunde geführt, well sie chn quält, well ihn ihr« Existenz an ein Manko erinnert, an «in« ihm verschlossene Welt. Em derart veranlagter Mensch könnte in seiner Tragik gestaltet werdcn, wenn er«ine große und überlegene Persönlichkeit wäre. Worbs ist jedoch nur ein kleiner Bürger, behaftet mit allen Kenn- zeichen dieses Typs, ein komischer Querulant, ein Wichtigtuer, der im Innern leer ist, und er wird zum Symbol für ein borniertes Bürgertum, das sich gegen jede Sinnlichkeit auflehnt, eben weil es Nicht mitkam. Das Ganze wirkt wie«ine geistvoll« Konstruktion. U l i i; schafft im Grund« erne Variation de» bekaimten Spiehertyps, wie ihn unter anderein Sternheim und Kaiser gesaßt haben. Di« Manie des Herrn Worbs ist nicht für sein Wesen entscheidend, sie gibt nicht seinen Handlungen derart die Forde wie etwa das typisch Klein- bürgerliche überhaupt, sie bleibt eher an der Oberfläche und hol den Wert einer neuen Nuance. Ulitz will den Extrakt geben Das zeigt sich schon iin Stil, in der 5ioinpnniiertheit mancher Sätze. Leideii. tritt dadurch das Konstruktiv« noch stärker hervor. Trotzfcem ist das Buch empfehlenswert, denn es liefert einen Beitrag zu dem Kapitel„Aus dem Heldcnleben des Bürgers".?clix Scderret. *) Propyläen-Verlag, Berlin. Rätsel- Ecke des„Abend'*. anwuaiiitiuiiiiiimiiniiiiiiiiuiiiimKUumiiumiiuiuiiuiiiuuiuinnuiiKiiui uiiiuiiniamu muiüuuuiiuumumiuiumBi Kreuzwort-Silbenrätsel. Waagerecht: 1. Geliebte des Zeus; 3. Räumliche Beschränktheit: 5. Halbinsel in England; 6. Deutscher Fluß: Weiblicher Vor- Iwme: 9. Stadt in Dalmatien: 11. Längenmaß: 13. Langsames Ton- stück: 15. Blume: 17. Pampashase; 19. Tell der Scheune: 21. Vogel; 22. Spanische Bezeichnung für einen Lands««: 23. Auesprache: 25. Schachzug: 27. Erdgeschoß; 28. Drahtnachricht: 29. Südfrucht; 31. Weiblicher Vorname: 34. Lichtspielhaus; 35. Stadt in Holland: 36. Wiener Bergnügungspork: 38. Ehemaliges deutsches Schutzgebiet in Afrika; 39. Aufbewahrungsort für Waren: 41. Heilpflanze: 43. Laubbaum: 44. Grausamkeit; 46. Nebenfluß der Weichsel; 48. Festmahl. 59. Landjäger: 51. Hiebwajsc�— Senkrecht: 2. Schachfigur: 4. Stadt in Thüringen; 5. schwedisches Adelsge- schlecht: 6. Alles Längenmaß: 8. Geistliche Amtstracht: 19. Stadt in der Niederlausitz: 11. Singvogel; 12. Kosmetisches Mittel; 14. Altgermanisches Volk: 15. Richterliche Amtstractü: 16. Indischer Dichter: 18. Randbeet: 29. Römischer Kaiser; 21. Feldblume; 22. Beleuch- lungslörper; 24. Fernrohr; 26. Rätjelart; 27. Oper von Wagner; 39. Nordisches Volt; 31. Biblistbe Person; 32. Aussatz: 33. Fnsel m der Nordsee: 35. Nebenfluß d-r Elbe; 37. Anberaumter Gerichtstag: 39. Pfütze; 49. Arabische Landschaft: 42. Exotisches Tier; 43. Blumenstrauß: 44. Dichter und Sänger der keltischen Völker: 45. Tanzart; 47. Fajerstosf.— ekr.— Läger and Wild. Der Wort mit Pfeil und Bogen schleicht Durch's dichte Dschungel hin, Das Wild, das schnell sein Pfeil erreicht, Liegt in dem Wort selbst drin. Nimm Kops und Fuß dem Wort— im nu Hast auch des Wildes Namen du. gst. Zahlenrätsel. 12345678439 10 8262 19 11 Technisch wirtschaftlich« Tagung von internationaler Bedeutuiusi 2 6 5 10 2 6 Berliner Vor- ort; 3 9 4 4 2 Weiblicher Vorname; 4 9 19 19 2 Flüssigkeitsbehälter; 5 2 3 3 2 Küchengerät: 6 7 4 4 2 Nagetier; 7 6 5 9 19 7 Vor- gebirge der Insel Rügen: 8 9 3 4 2 6 Marter; 4 7 19 4 2 Vcr- wandte; 5 6 7 19 11 Blumengewinde: 9 11 2 7 19 Weltmeer; 19 2 1 7 Russischer Fluß: 8 7 3 6 2 Raubvogel: 2 10 5 2 3 Nachkomme; 6 7 5 2 4 2 Feuerwerkskörper: 2 3 3 7 Weiblicher Vorname; 10 2 5 4 7 6 Göttertrank: 11 7 10 5 Streit.— Die erste senkrechte Zeile lautet ebenso wie die erste waagerechte. ab. Schlangenrätsel. Waagerecht: 1. Ita> lienischer Fluß: 3. Auszeichnung: 4, Ausweis: 6. Kirchensymbol: 7. Maschine der Papierwaren- industrie: 9 Gestalt aus.1991 Nacht": 19. ostasrikanisch« Stadt; 12 Blasinstrument.— Senkrecht: 2. russischer Fluß: 4. Endpunkt der Erdachse; 5. Speise- würze:. 7. organ.Feit- schicht: 8. König von England: 19. Polster- Material; 11. russischer Zarengünstling.* (Auslösung der Rätsel nächsten Mittwoch.) Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer. Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Atom: 5. Edam: 8. Am«: 9. Cion: 10. Beuchen; 12. Ural; 13. Saat; 14. Pak; 16. Arn- hold; 19. Sieg; 29. Peer; 21. Eros; 22. eure.— Senkrecht: 1. Ao; 2. Ttbe'': 3. on«: 4. meuchlings; 3. Echojkop«: 6. die: 7. Aonia: 11. Bub: IIa. Ich; 15. ah; 16. oir; 17. Leu: 18. der; 23, re. Logogriph: Mast, Last, Gast, Hast, Rast, Bast. Silbenrätsel: 1. wangeroogc: 2. Elegant: 3. Raglan: 4. venezien; 5. Idiot; 6. Ehrenpreis; 7. Laboratorium; 8. Eisbahn; 9. Seal: 10. Beweis; 11. Rallbor: 12. Irene; 13. Jlamur; 14. Gregor; 15. Teheran: 16. Wachtel; 17. Ignorant: 18. Rhabarber; 19. Damaskus.—„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." Schnecke n rät s« k. Senkrecht: I. la; 3. Mia; 4. Enge; 6 Krach; 7. Garage: 9. Dresden: 10. Trillion: 12. Geräusch: 13. Vik- tualien.— Waagerecht: 2. Ala: 4. Edam: 5. Erich; 7. Gelenk: 8. En- gadin; 10. Trinidad; 11. Nathrolith: 13. Verwaltung; 14 Nerzmantel. Nr. 310 47. Jahrgang Sonnabend 5. Juli 1930 Brennstoff aus Wasser Die nächste Umwälzung der Kraftwirtschaft Wir haben in der Schul« gelernt, daß man Wasser durch Elek- triLität in Wasierstoiss und Sauerstoff zerlegen kann, und daß dieses Gas-gemifch, das Knallgas, den größten Heizwert besitzt. Die Ver- brennungsstofse. die heut« im Wirtschaftsleben verwendet werden, find alle von viel geringerem Heizwert. Es lag also nahe, das Knall- gas auch zum Antrieb von Kraftmaschinen zu verwenden und sich vom Benzin unabhängig zu machen. Obwohl Knallgas schon lange be- tannt ist, und obwohl schon manche Kraftmaschinen für die Verwendung von Knallgas konstruiert worden sind, ist in der Praxis bisher kein Motor in Betrieb, der mit dem aus dein Wasser gewonnenen Gas- gcmisch betrieben wird. Die Ursache liegt darin, daß sii-r die Zer- legung des Wassers in Wasserstoff twib Sauerstoff so viel elektrische Energie aufgewendet wenden muß. daß sich das Knallgas oder viel. mehr die Kraft, die aus dem Knallgas zu gewinnen wäre, wenn nicht teurer, so doch auch nicht billiger stellen würde als die für die Zerlegung des Wassers aufgewendete elektrische Kraft. Zlber die Erfinder ruhen nicht. Immer wieder haben sie ver- sucht, das Problem zu lösen und die ungeheuren Kraftquellen, die im billigsten Rohstoff, im Wasser, vorhanden sind, der Ausnützung zu erschließen. Wiederholt wurde auch schon berichtet, daß dies«» Problem gelöst sei. Ee hat sich jedoch herausgestellt, daß dies« Mit» iciiuiKKH verfrüht waren. Nim aber liegt eine Entdeckung vor, die van Physikern überprüft ist, und die man darum al, den Beginn einer Revolution in der Kraftwirtschast bezeichnen darf. Erfinderschicksal Die Verbilligung der Knallgasgewirmung ist dem Fabrikanten Paul Hausmeister in Württemberg schon vor dem Jahr« 1921 gelungen. Er hat die Zerlegung des Wassers durch Elektrizität unter Druck vorgenommen ui» dabei erreicht, daß der Ber- brauch an«iektrifcher Energie um 25 Proz. vermindert wurde. Es ergab sich nun folgender: Ein« Reih« von Professoren, unter ihnen s�rube, EoehmGöttingen und CiuÜein, haben die Entdeckung vdn Hausmeister überprüft und bestätigt. Andere Wifsenfchofter lehnten aber jede Ueberprüfung ab.«eil ihnen ein Lehrsatz von Helmholtz, der durch die Entdeckung hinfällig wurde, unantastbor erschien. So kam es. daß dieser Entdeckung, die den größten Umsturz im Wirt- schastsleben herbeizuführen geeignet ist, erst nach fünf langen Jahren die Patente erteilt wurden. Wie viele große Entdeckungen ist auch diese von verschiedenen Erfindern vnabhängig voneinander gemacht worden. Auch der Dozent«m der Berliner technischen Hochschule, Dr.-Jng. Roeggerath Hot fast gleichzeitig ein Patent für sein Verfahren erlangt, da» auf denselben Grundlagen, aus der so- genannten Druck�lektrolyse, beruht. Er erzeugt mit seinem Per- fahren die Gase au» Wasser wesentlich billiger als es bisher mögiich mar und gleichzeitig in einer Spannung von 200 Atmosphären, die ohne jede zusätzliche Arbeit erstellt wird. Das Prinzip der Erfindung Auch Dr. Noeggerath hat gefunden, daß der Elettrizitätsverbrauch für die Zerlegung des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff ge- ringer ist, weml diese Zerlegung unter Druck erfolgt. Nun würde sich vielleicht keine Ersparnis ergeben, wenn dieser Druck erst tönst» lich erzeugt werden mußt«. Das ist aber nicht der Fall. Das Wasser ist ein sehr dichter Stoff. Sein« Element«, Wafserftoff und Sauerstoff, haben ein« ganz enorm« Ausdehnungstraft. Wenn man also dies« Gas« im geschlossenen Gesäß freimacht, crzeugm sie selbst einen ganz«normen Druck. Theoretisch kann dieser Druck bis 18öS Atmosphären steigen» das ist ein Druck, den auch die besten Stahlrohr« nicht ausguhalten vermvge». Cs ergibt sich somit aus diesem Verfahren ein doppelter Gewinn: Die Ver- billigung der Gaserzeugung und gleichzeitig ein hoher Druck, der heute allerdinge noch nicht voll au«g«iützt werden kann, dessen Ver- wendung für Arbeitszwecke aber auch noch gelingen wird. . Knallgas als Motorbetriebsstoff Paul Hausmeister Hot sich von dem langen Mißerfolg seine« Patentansuchens nicht abhalten lassen, seine Erfindung weiter aus- zubauen. Er arbeitete Porrichtungen au«, die ein gesicherte» Ber- wende» des gefährlichen Knallgases ermöglichen. Wegen der vielen scheinbar unvermeidlichen Explosionen hat man Knallgas lauge Zeit für unberechenbar gehalten, und schon die Vermeidung der Ge- fahren, di« das Arbeiten mit Knallgas mit sich brachte, sind als großer Erfolg zu betrachten. Dann aber hat Hausmeister ein« Konstruktion ausgearbeitet, die es ermöglicht, Knallgas für die Ver- billigung des Betriebes von Automobilen zu verwenden. An jedem Kraftwagen befindet sich«in Elektrizitätserzeugcr für die Be- leuchtung. Diese Lichtnmschin« hat Hausmeister benutzt, um Wasser in einem Gesäß zu zersetzen, und das Knallgas in geringen Mengen dem vergasten Benzin zuzuführen. Es ergab sich eine bedeutend ver- besserte Verbrennung, selbst wenn an Stelle de» Benzin» das schwere und billiger« Solaröl verwendet wurde. Der Erfinder hat seine beiden Privatwagen mit dieser Apparatur versehen, und sie auf Fahrten von 30000 Kilometer genau geprüft. E» ergab sich eine Ersparnis an Brennlosien von etwa 7 0 Proz. Das Er- gebnis wurde von Sachverständigen nachgeprüft und bestätigt. Eine technische Revolution Wenn bei Kraftwagen und Flugmotoren ein geringer unh selbst erzeugbarer Zusatz vou Knallgas genügt, um den Verbrauch von Orlen außerordentlich herabzusetzen, und wenn Druck-Elektrolys« und Kvallgasmotor auch im Großbetrieb verwendet werden können, muß dies di« größten Veränderungen im Wirtschaftsleben herbei- führen. Wie man von anderen ähnlichen Erfindungen weiß, treten solch» Veränderungen nicht plötzlich»in: schon weil dazu ungeheure Investitionen notwendig wären. Daß aber im Laus« von Jahren, die Produktionskosten vermindert, die Einfuhr von Lelen bedeutend eingeschränkt, der Verbrauch von Kohl« noch mehr verdrängt wird, und daß damit di« ganz« wirtschaftliche Strukiur eine große Aende- rung erfährt, ist so gut wie sicher. Die Produktion wird durch n«u« Energiemengen bereichert. Diesmal wie es lcheim um Energiemengen, zu deren Freimachung kein so großer Kapitalaufwand not- wendig ist, wie etwa für die Erbauung von Wasserkraftwerken oder für die Gewinnung von Oel au» Kohl«. Dieser Umstand wird viel- leicht dazu beitragen, daß die neue Methode der Kraftgewinnung nicht nur einer Handvoll Geldmenschen neu« Dividenden«indringt. daß die Bereicherung, die eine neue Energiequelle bedeutet, nicht den wenigen zufällt, die sich so gern« hinter dem Wort„Wirtschaft" verstecken, sondern dem ganze» Volk«. Metfa. Küchenbeheizung Der Artikel„Einfache Küchenheizungsahlage" im„Vonvärtt" vom 5. April meist mit Redil auf das Bedürfnis hin, die Küche mit der im Herd erzeugten Wärme beheizen zu können. Das deutsche Ofensetzer getoerbe, das rastlos an der technischen Vervollkommnung geiner Erzeugnisse arbeitet, hat deshalb der ausgiebigen Erwärmung der Ktiehru sein besonderes Augenmerk zugewandt und eine Reihe von Herdkonstruktionen geschaffen, die Heiz- und Kochiwcdc aufs beste vereinigen. Der nachstehend abgebildete Wohnküchenherd mit heizbarer Wandverkleidung und Luftzirkulation erfreut sich bereits allgemeiner Beliebtheit, weil sowohl die Koehctmichlung rtrie auch die damit verbundene Heizanlage einen guten und überraschend billigen Beirieb aidiert. Der gebräuchliche Wohnküchenherd hat eine Ergänzung durch eine 2i4 Schicht hohe Wandverkleidung erfahren. Der Weg der Heizgase ist so gewählt, daß alle Seiten des Herdes ah Heizflädicn dienen. Die JcTiruXrÄ'Ji tDohnkurhizn/ierd mif heiz�JcucrlDandoBr/äeüüwg urui üjfturiajJufion. � TTLuto. Hell gase ziehen von der Teuerung über das Trat röhr hinweg, slrctdich an dessen Seife abwärts, ziehen dann unter dem Boden des Bratrohres, Asdienkanales und Wasscrsehiffes hinweg, steigen hoch und münden in die Wandverkleidung. Von da können die Heizgase bei Sommerbetrieb durdi Oeffnen der Klappe gleich in den Schornstein geführt werden. Im Winterbetrieb bleibt die Klappe geschlossen und die Heizgase werden um eine Blechnische geführf; sie kommen danh tti den obersten Zug Und münden von da in den Schornstein. Für die rasche und ausgiebige Beheizung ist eine besondere. EuffZirkulatinn angeordnet. Die Bodenluft des Raumes steigt an der Rüdewand des Herdes höh, trilt durch ein Qrahigitter in die crumhnle Biehnithe ein und über die Kochplatte in den Raum aus. Heben den praktisdien Vörteilfybiflei der Herd mit der Wand- oref rtnfezc nn/l rl /OL- nfotirlrtcr AsMOenlint-i Verkleidung audi ein äußerst gutes und dekoratives Aussehen. '(jin!>58: .,!I'rtsetsö. 7pimm»ri»ncn 141b Uhr, Gingang der Negottcatribilncn in Grünau. startest für Arbeitersport»ad storperpslcge Schöaeberg.Arirdena», 11. Be,irt. Montag, 7. Juli, A Uhr: Citcung bei Hochgcschur,, Btsthlenftr. v. Delegierte und Techniker, auch dcr Arbeiterschllhen, erscheinen. IfTGB. Reutösta.Bris,. Alle Selker gum Neuköllner stinderfest, Sonntag. €. Juli, im Bolkspark treffen sich an der ssrrilichtbllhne um 14 Uhr.— 2. Mädchen-Abt. ö. Juli: Wanderung Strausberg— Nlldcrshorf— Erkner. Treff: Sonnabend, IZ.Oä bis 13.15 Uhr. Bufchkrng. Abfahrt: Schlesifcher Bahnhof 14.56 Uhr. Ro-wilgler am Sonntag. 6. Juli: ab 13 Uhr Erkner. Verkehrslotal Dolbi», Wilhclinstr. Elke. Säbnerstrahe. Abt. Sumboldthain der Freien Arbeiter.Sck-ach-creinigun, Grast.Berlia. Sonntag, 6. Juli: Wanderusig nach Schul, endorf-Sermsdorf. Treff: ß.4S Uhr Bahnhof Gesundbrunnen. Gäste mit AngehSrigen herzlich willkommen. Freie Schwimmer Berlin TU. Eonnabend, 3. Juli, 20 Uhr, Funktionär. sihung Lichtcrfclde, Hindenburgdamm»ba.— Dienstag, 8. Juli, 20lh Uhr: Mitgliederversammlung Stcgliz, Albrcchtshof. Weniger Vereine, mehr Mitglieder Das ist das Ziel Jr. Heine nimm! in der nachfolgenden kurzen Er- widerung das Schlußwort zur Debatte über:„2000 Vereine zuviel". Bor kurzem schilderte ich an dieser Stell« die außerordentliche Zersplitterung im Bereiuswesen der Arbeiterbewegung unter be- soliderer Berücksichtigung des Arbeiter-Turn- und Sporrbundes. Es sollte eine Anregung und Mahnung zugleich an die verantwortlichen Funktionäre sein, den Blick für das Ganze zu gewinnen. Leider ist eine organffationstechmsche Debatte daraus geworden, die zwcckmäßigerweise doch nicht an dieser Stelle fortgesetzt wird. Mit tiefem Betrüben haben alle Freunde der Vereinheitlichung des Arbeiterfportorganifationswesens aus der Entgegnung des Bun- desvorfienden C. Geliert entnehmen müssen, daß er sich gegen die Konzentration stemmt. Niemand wird ihm nachsagen, daß er damit Kirchturmspolitik treibe, Tatsache jedoch bleibt, daß er den Kirchturmspolitikcrn zwar schwächliche Argumente, aber große moralisch« Stütze verliehen hat. Der Raum reicht nicht, seine Gründe zu widerlegen, die Fachzeitungen werdcn dafür der geeignete Ort sein. Nur zwei kurze Richtigstellungen seien gestattet: Seine Statistik beweist nichts über Nutzen oder Schaden der Konzentration, weil ja nur Großstädte mit Dezentralisation aufgeführt sind. Keine Stadt mit nur« i n e m Z e n t r a l v e r e i n ist darin erwähnt! Ein zweites: C. Geller! verwechselt„Stätten der Körperkulutur" mst„Vereinszahl", zwei Dinge, die nicht identisch sind. Im Gegenteil: ein Zentralverein ist viel eher in der Lage, viel« Stätten der Körperkullur zu schassen, als eine Diel- zahl kleiner Verein«, die— extrem gesagt— mehr Stätten der Vereinspolitik sind. Wertvoller ist ein anderer Diskussionslieitraa, der nicht den Zu- fammenschluh dcr Bundcsvcreine im Ort, sondern die Kartellierung der Vereine aller Verbände fordert, also auf Frankens Vorschlag zurückkoimnt. Sehr gut, sehr erstrebenswert! Aber glaubt einer, daß diese Forderung leichter zu erfüllen sei? Ick» fürchte, die Schwierigkeiten sind hier noch größer. Selbstverständlich darf uns das nicht abhalten, sie überwinden zu versuchen. Mindestens dos eine Gute hatte der Ausruf zur Konzentration, daß er nicht nur hier, sondern auch in zahlreichen anderen Orten die Gemüter etwas aufrüttelte und sie zu Ueberlegungen zwang. Denn, darin sind wir uns auch mit Gellert einig: Der Zusammenschluß darf nicht durch den Zwang erfolgen. Er muß das Ergebnis einer sachlichen lleberlcgung sein, daß das Synibol der Arbeiter- bewegung:„Einigkeit macht stark" nicht nur für die Gesamtheit aller Organisationen und Arbeiter, sondern auch innerhalb der Verbände Gültigkeit haben muß. Das Ziel aller unserer Organisationsarbeit, auch darin stimme ich selbstverständlich dem Vorsitzenden des Arbeiter-Turn- und Sportbundes zu, das Ziel der Organisationsarbeit muß das Anwachsen der Mitgliederzahl, die Er- fassung aller Werktätigen sein. Aber ich bin der unumstößlichen Uebrzeugung, daß ein wichtiger und notwendiger Schritt auf diesem Weg« die Konzentration des Vereinslebens, das Usberzeugung, daß ein wichtiger und notwendiger Schritt auf diesem Fr. Heine.