BERLIN Mntag 2. Ali 1930 10 Pf. 7Ir. 31 2 B 155 47. Zahfgang ErscheiattSßlich«»< r Zugleich Abendau«gabe de«.Vorwärts. Destzsprei« Heide Au«gaben«5 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Kedaktivu und Expedition; DtrlinSW6S,Lindenstr.» SfuUaaigaße xlei£• uteigeaprei«: Die einspaltige Nonpareillezeile Pf., Sleklameitile SM. Ermäßigungen nach Tarif. stscheckkoato: Vorwärtt-Verlag G. m. b. H., BerNn Nr. 37536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bi« 29? Wohnprogramm angenommen Nur die Oeuischnaiionalen stimmen dagegen! ' Auf der Tagesordnung der Montagsitzung des Ausschusses für den Reichshaushalt stand zunächst der in unserer Sonntagsausgabe wiedergegeben« Antrag des Reichsarbeitsministeriums, durch den ein zusätzliches Wohnungsbauprogramm eingeleitet und die geradezu katastrophale Lage auf dem Bau- markt wenigstens in etwas eingedämmt werden soll. Der Antrag verlangt die(Bcnehonigung des Ausschusses zur Vorgriffs- weisen Inanspruchnahme von 100 Millionen, die durch den zwei- ten Ergänzungshaushalt angefordert find und durch den Verkauf von Vorzugsaktien der Deutschen Reichsbahngesellschaft flüssig ge- macht werden sollen. Der Vorsitzende Abg. H e i m a u n(Soz.) gab kurz den Inhalt des Antrags wieder und sprach die Erwartung aus, dah an- gesichts der äußersten Dringlichkeit der Sache die Vorlage ohne Diskussion und e i n st i m m i g angenommen werden würde. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Zwar war die an- schließende Diskussion ganz kurz, aber nur die Deutschnatio- nalen stimmten gegen die Vorlage und einer ihrer Ver- tretcr, der Abg. Gottheincr, brachte es fertig, unter lebhaftem Frick, der Kleber .Ist das alles, was ich hinter mir habe?*' Widerspruch des ganzen Ausschusies die Behandlung dieser Vorlage in Vergleich zu setzen mit der ablehnenden Haltung, die der 5?aus- Haltsausschuß dem Wunsch des Wehrministeriums gegenüber auf Ankauf von 400 weiteren Pferden eingenommen habe. Bei der sich anschließenden weiteren Beratung des Ofthilfege- fetzes brachte Abg. Stelling(Soz.) zum Ausdruck, daß weiteste Kreise des Ostens von diesem Gesetz nicht sehr erbaut sein werden. Man werde sich der zahllosen Versprechungen er- innern, die der Bewohnerschaft des Ostens gegeben worden sind und die im Gesetz nicht oder nur sehr unzulänglich erfüllt werden. Er wolle auf Einzelheiten nicht eingehen und nur erwähnen, daß es z. B. in Oberschlesien ein« größere Zahl von Städten gibt, die im Sterben liegen und sich nicht mehr aufraffen können. Er mahne diejenigen, die bei jeder Gelegenheit nationolpolitische Interessen in den Vordergrund stellen, sich zu überlegen, was es bedeutet, wenn mit Rcht darauf hingewiesen werden kann, daß jenseits der Grenze sowohl in sozialer wie in kultureller Hinsicht mehr für die Masse der Bevölkerung geschieht als innerhalb der deutschen Grenzen._ Saarverhandlungen unierbrochen. Unüberbrückbare Gegensätze. Pari», 7. lull 3m verlaufe der Besprechungen, die in den letzten Tagen zwischen dem Führer der deutschen und der französischen Delegation für die Saarverhandlungen. Staatssekretär z. D. von S i m s o n und vlinister der öffentlichen Arbeiten p e r n o t. stattgefunden haben, ist festgestellt worden, daß über gewisse Fragen, die von beiden Regierungen als wesentlich angesehen werden, nach wie vor sehr ernste Meinungsverschiedenheiten bestehen. Mit Rücksicht hieraus ist im beiderseitigen Eluveruehmen in Aussicht genom- Wo» morden, die Verhandlungen möglichst zu{asgeadietea. Faschistenmarsch auf Helsingfors. Volkshäuser geschlossen.- Liberaler Redakteur entführt. helsingfors.7. Zull.(Eigenbericht.) Die neu« bürgerliche, ausgesprochen reaktionäre Koalitionsregierung Svinhufvud hat sich in einer Kundgebung auf die Seite der cappo-Leute gestellt. Diesen wurden bei der Regierungsbildung zwei Ministerfihe angeboten, aber diese Leute lehnten e« ab, sie forderten drei. Die Regierung hat von den Lappo-Leuten keine Zusagen erhallen, alle weiteren Faustrechlhandlungen einzustellen. Der neue Innenminister hat beide Volkshäuser in hel- singsors schließen lassen. Dies trissl die Gewerkschasten und andere Arbeiterverbände, besonders den Arbeitersporlbund, hart, da sich d>e Bnroräum« dieser verbände in den geschlossenen Volkshäusern be- finden und die Büroarbeiten aus unbestimmte Zeit lahmgelegt sind. Meiler ist die sofortige Verhaftung aller noch aus freiem Fuße besindli«hen kommunistischen Reichetagsabgeordnelen angeordnet worden. Unsere Partcizeikung unterhält seil einigen Tagen einen frei- willigen Rachtwachdiensl, obgleich bestimmte Straßen, so auch die, in der das Volkshaus und die Parteizeitnng liegen, von der Leitung des Helsingsors-Marsches für die Teilnehmer des Marsches verboten sind. Helsingsor», 7. Juli.(TU.) In den Abendstunden zogen von allen Seiten nicht«ndcnwollend« Automobilziüg« der Lappoleutc in Helfingfors ein. Staubbedeckt, mit finnischer ffahnc und Tonnenreis geschmückt, fuhren die Kraft- Wagenkolonnen, von Motorradfahrern geführt, in die Stadt. Einzelne Kolonnen hatten bis über 700 Kilometer zurückgelegt. Auf den Parkplätzen in den verschiedenen Teilen der Stadt herrschte mili- tärische Ordnung. In Kompagnien und Bataillonen stellten sich die Lappoleute auf. Nach kürzer Meldung beim Bataillonskommandeur wurden die Kompagnien in ihre Quartiere entlassen. Den Zug machen in der Hauptsache nur älter« Leute mit. Unter 24 Jahren ist kein Teilnehmer. Bauern im Sonntagsrock, zum Teil in hohen Stiefeln, viel« mit � deutschen Tornistern, als einziges Zeichen die blau-fchwarze Lappobinde um, durchzogen in großen Kolonnen und kleinen Grup-- pen die Straßen. Sondcrpatrouillen sorgten für Ordnung. Am Sonn- tag sind 1000 Automobile angekommen. Am Montag werden noch 300 eintreffen. Der Rest der Lappoleutc kommt in Sonderzügen. Wie erregt die Stimmung ist, beweist die Tatsache, daß an» scheinend der Loppobewegung nahestehende Personen in der Nacht zum Sonntag.in ein in der Nähe von Helfingfors auf einer Insel gc- legen«? schwedisches Journalistenhcim ejndrangcn. Sie fragten nach dem Chefredakteur der schwedischen liberalen Morgen- zcitung„Svenska Pressen", Hannemann, der jedoch nicht zu- gegen war. Anwesend war«in Redaktionsangestellter, der von den Männern im Motorboot auf eine Nachbarinscl entführt wlirde. Er wurde später wieder zurückgebracht, mußte aber eine Verpflich- tung unterzeichnen, nicht mehr bei„Svenska Pressen" zu arbeiten. Er war von den unbekannten Männern mit dem Tod« bedroht worden und wies blutige Verletzungen auf. Der Vorfall steht mit der ablehnenden Haltung des liberalen Blattes gegenüber der Lappo- bewegung im Zusammenhang. Die schwedische und finnische bürger- liche Presse verurteilen dies« Ausschreitung. Nazimob zündet Häuser an. Nächtlicher Lieber fall aus einen Bauernhof. Wiesbaden, 7. Juli. während sich in Wiesbaden selbst infolge der polizeilichen Maßnahmen keine Ausschreitungen gegen Separat! st en mehr ereignet haben, ist es in dem Vorort Kloppenheim zu einem schweren Zwischenfall gekommen. Gegen Z Uhr nachts wurde die Polizei alarmiert. Gleichzeitig ertönte Feueralarm. Die Polizei mußte feststellen, daß das Grundstück des Landwirts Kunz, der als Separatist bezeichnet wird, angegriffen wurde. An zwei Stellen des Besitztums war Feuer augelegt worden. Aus den Fenstern des Hauses schössen Kunz und dessen Sohn ans die Angreiser. Auch die Polizei, die die Ordnung wiederherstellen wollte, wurde beschossen, während die Feuerwehr mit den Löscharbeiten nicht beginnen konnte. Die Polizei sah sich schließlich gezwungen, selbst von der Schußwaffe Gebrauch zu machen und Kunz zur Uebergab« des brennenden Grundstücks zu bewegen. Aus die Schüsse kam Kunz mit hochcrhobenen Händen aus dem Haufe heraus und ergab sich. Der Landwirt, sein Sohn und seine Frau wurden in Schuhhaft genommen. Wahrend Frau Kunz wieder freigelassen wurde, sind Vater und Sohn nach dem Polizeipräsidium in Wiesbaden überführt worden. Zerstörungen auch in Trier. Trier, 7. Juli.(Eigenbericht.) Die bekanntesten Sonderbündler haben die Stadt in den letzten Tagen verlassen. Der berüchtigt« Führer der Sonderbündler und ehemalige„Polizeipräsident von Trier", Gastwirt Hubert Märzen, soll nach Straßburg geflüchtet sein. In verschiedenen Woh- nungen von Sonderbllndlern wurden in der Nacht vom Sonntag abermals Fensterscheiben eingeschlagen und die Fenster- lüden mit Beilen zertrümmert. Die literarischen Helfer. Brandstifter finden ethische Begönnerung. Seit den mitternächtigen Befreiungsfeiern vom 1. Juli hat sich in dem befreiten Gebiete eine Reihe von Gewalttaten abgespielt, die ew«»d>e brennende Scham ins Gesicht treiben muß. Wohl orga- nisierte Plündererbanden haben ihr Mütchen an Leuten gekühlt, die als Separatisten verdächtig waren. Die neu eingesetzte Polizei war nicht von vornherein imstande, dem planvollen Vorstoß der nationalistischen Plündcrcrbanden Einhalt zu gebieten. So mußte man erleben, daß die Freude Deutschlands und des Rheinlondes über den Abzug der fremden Truppen von einer Horde rauf- und radau- lustiger Nationalsozialisten gestört und das Ansehen des Deutschen Reiches aufs schmachvollst« beschmutzt wurde. Man sollt« meinen, daß diese Vorgänge einmütige Ablehnung in der deutschen Oessentlichkeit fänden. Aber weit gefehlt: Die deutsche Rechtspresse begnügt sich nicht einmal mit der bloßen Wieder- gab« der beschämenden Tatsachen. Sie macht zum Teil den Radau- brüdern geradezu Mut zu neuen Taten, indem sie den Haß auf die Separatisten in bösartigster Weis« schürt. B r i a n d, der das Bedauern der französischen Regierung über die Vorfälle aussprach. besonders da die mangelnde Unterdrückung dieser Racheakt« den feierlichen Zusicherungen der deutschen Regie- r u n g widerspreche, wird in der„Deutschen Allg. Zcitung" also „belehrt": S o w c i t die Ausschreitungen Unschuldige trafen oder zu gemeiner Plünderung ausarteten, wird man sie natürlich auch in Deutschland verurteilen. Im übrigen scheint Herrn Briand nicht recht zum Bewußtsein gekommen zu sein, daß er den «eparatisten einen Bärendienst erwiesen hat: er hat sie näm- lich durch seinen diplomatischen Schritt noch einmal offiziell Und amtlich vor dem deutschen Volk als Französlinge gebrand- markt!" Wohlgemerkt: Die Roheiten werden in dem großkapitalistischen Blatt nur bedauert, soweit sie Unschuldige trafen oder in„ge- mein« Plünderungen" ausarteten. Sonst find sie vollständig erlaubt und nicht zu beanstanden, dem, es handelt sich ja bei den Opfern um „Französlinge"! Der nationalistijch« Mob wird verstehen, was da gemeint ist. Auch die„Deutsche Tageszeitung" spricht davon, daß der„v o l l- berechtigte Zorn der gesamten anständigen Bevölkerung gegen die Verräter mit einer Urgewalt ausbrach, die aller Polizeimnßnahmen zeitweise spottete!" Einen wahren Lobgcjang auf de« �Richter Lznch" »aßt Hilgenberg durch einen feiner chauspoeten anstimmen. Der schreibt dieses: Aber nicht alle sind fort. Durch die Straßen von Wiesbaden jagt ein Lastkraftwagen. Ein Maikäsergewimmel von Schupo- Tschakos auf seinem Verdeck. Wird wieder irgendwo geplündert? Wenn man das Plündern nennen will, daß das Strafgericht die deutschen Französlinge ereilt, die nun nach dem Abzug ihrer welschen 7tährväter. so schuhlos sind, wie eine aus dem Speck gerissene Mode. An vielen Orten— in Kaiserslautern— in Laröou— vor allem in dem hitzigen Mainz, kocht in diesen Tagen die Volksseele. Die Möbel der Separatisten werden auf die Straße geworfen. Die Ladeneinrichtung raucht. Die Polizei muß ganze Familien dieser Jämmerlinge in Schutzhast nehmen, um ihr L e b« n in dem sie u n b e g r e i f l i ch e r w e i s e einen Wert- gegenständ erblicken—, zu schützen. Allgemein im Vglk, was nur da herumsteht und vorbeigeht, die Billigung des wilden deutschen Richters Lynch! Die Wut gegen die Welschen ist zu groß und tobt sich an den Wahl- f welschen aus! f Was nationalistische Hetze an Wirkung erzielle, wird hier mit .chicl-crifchyy" Stratzismus verherrlicht. Wir hängen den Erguß einer sonnen Seele niedriger! Nun �aben am Sonntag im Rheinland wieder Befreiungsfeiern stattgefunden. In Kehl redete Dr. Wirth, in Mainz, wo zu einem Stresenx'nn-Denkmal der Grund gelegt wurde, der Abg. Dr. Scholtz: auch sonst sind noch allerlei mchr oder weniger bedeutende Reden gehasten worden, über die von den Telegraphen- agenturen ausführliche Berichte verbreitet werden. In allen diesen Reden suchen wir vergeblich nach einem einzigen Wort» das von den Gewalttaten des ..Richters Lynch" abrückte. Wie wir bis heute auch sonst noch vergebens auf eine Erklärung der Reichs- regierung gegen die Besudelung des deutsche« Namens durch die Rohlinge warten, die sich mit..nationalem" Mäntelchen behängen. Blutige Schießerei bei Worms. Vier Kc�imunisten unv vier Polizeibeamte schwer verletzt. ; s Frankfurt a. ITC., 7. Juli(Eigenberich). Am Sonntag kam es in Benzheim an der Bergstraße zu schweren Zusammenstößen zwischen Kommunisten und der Polizei, bei denen es S Schwerverletzte gab. Ein Trupp von mehr als 500 Kommunisten kam von einem„roten Tag" in Worms zurück und stieß in Bensheim mit den Teilnehmern an der Wiedersehens- seier des ehemaligen!l7. Regiments zusammen. Es kam zu einem ernsthaften Handgemenge, so daß die Polizei eingreifen mußte. Als sich die Kommunisten, die erheblich in der Mehrheit waren, gegen die Polizei wandten, gab die Polizei scharfe Schüsse ab. Dabei wurden vier Kommunisten ziemlich schwer verletzt. Aber auch die Polizei hat vier verletzte. In Darmstadt stellte man den Trupp und nahm etwa 300 Der. Haftungen vor. Der Rest zog nach Frankfurt weiter, wurde aber an der Stadtgrenze von einem starken Poilzeiaufgebot erwartet und in d«s Frankfurter Polizeigefängnis gebracht, wo die Namen der 250 Kommunisten festgestellt wurden. Da sich keine Anhaltspunkt« dafür ergaben, daß sich die Täter unter den Verhafteten befanden, konnten die Berhaftungen nicht aufrecht erhalten werden. Andere kommunistische Trupps haben sich auf der Rückfahrt nach Mainz schwerer Ausschreitungen schuldig gemacht. Sie drangen in Guntersblum in ein Haus und verletzten den Besitzer durch einen Messerstich schwer. Auch in- diesem Falle konnten obwohl die Kommunisten in Mainz noch in der Nacht durch die Polizei per- nommen wurden, die Täter nicht ermittelt werden. Was ist da vorgegangen? Warum stimmten die Kommunisten für Fememörder. Die„Welt am Montag" veröffentlicht eine Zuschrift, die allge- meineres Interesse finden dürfte und ein« amtliche Antwort geradezu herausfordert. Es heißt darin: „Die von den Fememördern und chren Freunden geforderte Amnestie ist am Mittwoch vom Reichstag in dritter Lesung ver- abschiedet worden. Die Kommunisten, die bis zum letzten Augen- blick gegen die Freilassung der Fememörder gewettert hatten, stimmten schließlich für die Regierungsvorlage und sicherten so die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Diese Haltung hat um so größeres Aufsehen erregen müssen, als der überraschende Entschluß nur ins- gesamt drei oder vier sogenannten proletarischen Gefangenen zugute kommt, nämlich dem vielgenannten Margies, dann dem Stutt- garter B a i k h a r d t und noch zwei andern. Außerdem auch Max H o e l z, der eine Reststrafe von etwa drei Mo- n a t e n nicht mehr zu verbüßen braucht. Der eigentliche Grund für die merkwürdige, und allen sonst von den Kommunisten verkündeten Prinzipien hohnsprechend« hattunz der Reichstagsfraktion wird in folgendem gefunden werden müssen. Wegen Hochverrats respektive Vorbereitung zum Hochverrat hat der Reichstag bei den nachstehend genannten kommunistischen Ab- geordneten die Genehmigung zur Strafverfolgung erteilt, mit der Maßgabe, daß die Verfahren bis zum Ende der gegenw-irtizen Sitzungsperiode ruhen sollten: Schneller, Stöcker, Maddalena, Thälmann, Dengel und Kippenberge r. Der letztgenannte besonders, der im Reichstagshandbuch selbst mit Stolz von sich sagt, er würde seit November 1923 vom Reichs- anmalt steckbrieflich gesucht, hat in der kommunistischen Reichstags- fraktion dafür gewirkt, daß im Lauf der Verhandlungen- mit Vertretern der Reichs regierung, besonders aber mit dem Reichsjustizminister Bredt, über den Rahmen der Amnestie hinaus alle noch veriolgten kommunistischen Abgeordneten einer gewissermaßen stillen Amnestie teilhaftig würden. Die Reichsiu st iz Verwaltung ist hierauf eingegangen. So sind also die koinmunistischen Abgeordneten, die in den verflossenen Krifenwochc» stets auf dem Sprunge sein mußten, im Fall der Parlamentsauflösung irgendwo schnell zu verschwinden. ehe die Polizei Hand auf sie legte, dieser schweren Sorge enthoben. Di« Rcchtsregiernng Brüning Hot ihnen zum Dank für ihre tadellose Abstimmung die Straffreiheit für Per- gehen gegen die Sicherlieit des«Staates bewilligt." Im Staate Queensland in Australien ist der der Arbeiterpartei angehörend« Finanzminister Theodore zurückgetreten. Er ist von einer politischen llntersuchungskommijsion beschuldigt worden, den Staat bei einem Bergwerksverkaus benachteiligt zu haben. Hiergegen erklärt Theodore, der Schuldspruch sei ein während seine?' Ab- wosenheit von seinen bürgerlichen Gechiern aeiZlltes politisches Tendenzurteil. Terfaffungsfeier der Siochfdiulen Da der 11. August m der Ferienzeit liegt, sticktet die Berfassungsseier alljähr- lich vor Semesterschluß statt. Da die Professoren ihre Lorlesungen nicht „stören" lassen wollten, wurde sie dies- mal auf den gestrigen Sonntag gelegt. Die Ausforderung des Rektors, sich an ihr zu beteiligen, ist zwar rechtzeitig er- gangen, sie trägt das Datum des 27 Juni, aber sie wurde erst am 3. Juli am Schwarzen Brett angeschlagen. Das Ergebnis war der leer« Festsaal, den unser Biö» zeigt. Nur 10 Proz. der Professoren sind erschienen, die färben- tragenden Studenten blieben weg. Die Festrede Prof. Schumachers ging auf die Verfassung nicht ein. Di« sozia» listischen Studenten haben des- halb zu einer besonderen Verfassungs- feier geladen, an der Gen. Professor Heller die Ansprache halten wird. Schlägerei auf der Straßenbahn. Das Lteberfallkommando mußie eingreifen. Die mildere Handhabung der neuen llmsteigevorschrifleo der BUG. wird voraussichtlich erst Mittwoch in Kraft treten, wenn die Aussühruugsbeslimmungen der Direktion und die erforderliche Ge- nehmigung vorliegen werden. Bisher sind diese unübersichliichen Vorschriften eine Quelle steler Verärgerung und Reiberei zwischen Fahrgästen und Schaffnern gewesen. Am gestrigen Sonntag hat dieser Wirrwarr denn auch zu einer Schlägerei zwischen Straßenbahnfahrgästen und dem Schaffner geführt, so daß das Ueberfallkommando herbeigerufen werden mußte, das fünf der Beteiligten mit zur Woche nahm. Gegen 5 Uhr nachmittags bestiegen an der Ecke der Londoner und Müller- straße sechs Fahrgäste, die im Besitz eines Umsteigefahrscheines waren,«inen Wagen der Straßenbahnlinie 28 R in Richtung Tegelort. Der Schaffner machte sie darauf aufmerksam, daß der Schein um 15.30 Uhr gelocht worden sei und daß der Fahrschein ungültig wäre, da die Anschlußfahrt nicht unmittelbar erfolgt sei. Es kam zu den üblichen Streitigkeiten über die Auslegung der Umsteige- bestimmungen, die schließlich in Tätlichkeiten ausarteten, als der Schaffner den nach seiner Ansicht ungültigen Schein zerriß und die Fahrgäste zur abermaligen Zahlung aufforderte. Die sechs Fahr- gäste verweigerten aber die Lösung eines neuen Fahrscheines und widersetzten sich auch der Aufforderung, den Wagen zu ver- lassen. Die Schlägerei steigerte sich schließlich fo, daß der Schaffner, der einem der Fahrgäste mit der Lochzange ins Gesicht geschlagen haben soll, allerdings, wie die Direktion behauptet, in Notwehr, aus dem naheliegenden Straßenbahndepot mehrere Kollegen zur Hilfe herbeirufen mußte. Schließlich war von anderer Seite auch noch das Ueberfallkommando alarmiert worden, das fünf Personen zur Fest- stellung der Personalien mit zur Wache nahm. • In der Laubenkolonie„O e y n h a u s e n' in Schmargendorf kam es in den gestrigen späten Abendstunden zu einem verhängnisvollen Streit zwischen mehreren Kolonisten. Die Kolonisten hatten am Sonntag, wie alljährlich, ihr Laubenfest veranstaltet. Aus noch nicht geklärter Ursache geriet auf dem Festplatz der öüjährige Kutscher Gottlieb II Igen er aus der Cunowstroße 108 mit mehreren Vereinskameraden in einen Streit, der bald sehr heftige Formen annahm. Wutentbrannt entfernt« sich Illgener, lief nach seiner Laube und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Beil bewaffnet wieder zurück. Wer sich ihm in den Weg stellte, schlug er nieder. Der 28jährige Arbeiter Paul Vogt aus der hildebrand- straße 15 in Wilmersdorf, der 30jährige Arbeiter Fritz Haupt, der in einer Wohnlaube in der Kolonie Oeynhausen wohnt, und der 48jährige Postbote Albert K u tz n e r aus der Lietzenftroße 12 wurden von dem Rasenden durch Leilhiebe schwer verletzt. Di« übrigen Kolonisten bemühten sich sofort um die Verletzten, und in der allgemeinen Aufregung gelang es dem Täter, zu entkommen. Das alarmierte peberfallkommwndo streifte die ganze Um- gebung ab, ohne daß es gelang, den Flüchtigen festzunehmen. Illgener wird zur Zeit noch gesucht. Das Verbrechen der Gozialgesehgebung Was ein Nazisührer öffentlich erklart. In dem Zirkus auf dem Münchener Marsfeld veranstalteten am 4 Juli die Nazis eine Versammlung, in der der 81jährige General Litzmann einen TreUeschwur für Hitler ablegte und die Hörer in ekstatische Begeisterung versetzte, hinterdrein führte der Pg. Adolf Wagner aus: Der Staat hat für das Volk Wohnung, Kleidung und Nahrung zu schaffen und zu sorgen, daß es kulturelle Güter bekommt. Seme Aufgerbe ist, dem Volk zu geben, nicht von ihm zu nehmen. Kann er das nicht, so hat der-Staat seinen Sinn verloren, denn der Staat ist für das Volk da und nicht umgekehrt. Wir zehren seit langem am Erbe unserer Väter. Dieses Erbe ist zerstört und vertan worden. Die Sozialgesetzgebung ist eine der größten räuberischen Er- Pressungen an den Besitzenden, der Arbeitslose will Arbeit haben, nicht Unterstützungen! Das ist der schwerste Vorwurf, den wir dem System machen: das einzige Wertvolle, das uns nach dem Krieg und der Inflation noch blieb, die deutsche Arbeitskrast, will man zertrümmern und gibt uns zu diesem Zweck die Sozialgesetzgebung. Der Staat fängt damit an, in das Leben des einzelnen einzugreifen, es zu zerstören, unser Arbeits- und Leistungsvermögen zu zerschlagen. Redner waruk den deutschen Arbeiter davor, seiner Gewerkschaft / nachzulaufen, denn der wirffchaftliche Tod werde ihm eines Tages sicher sein: Auch ihr Arbeitgeber seid euch gar nicht bewußt, wie weit ihr schon dem Marxismus verfallen seid! Was sind Truste, Syndikate, anderes als die gleichen kl-assenkämpferischen Verbände und Organe wie die Gewerkschaften der deutschen Arbeiter? Auch die Unternehmer sehen ihr Schicksal vor sich. Ein Syndikat be- stimmt die Preise und weist die Absatzgebiete an: Der einzelne Unternehmer mutz als Nummer fungieren, genau wie der Arbeiter, der nur seine Tarifnummer hat, wenn auch seine Leistungen weit darüber hinausragen. Wagner berührt nun das Raumproblem in den Grenzgebieten, aus denen die Bauern infolge des Steuer- drucks hinausgedrängt werden. Es ist unser heiliger Wille, dieses Probelm so rasch als möglich in Angriff zu nehmen." Der Ungeist des Nationalsozialismus und feine Arbeiterfeind- lichkeit kann gar nicht besser als mit dieser Rede bewiesen werden! Schiffskaiasirophen in aller Welt. 8 Todesopfer der Adria.— 21 auf einem chinesischen Fluß. v e l g r a d. 7. Zu«. 3n der Rachl zum Sonnlag gegen 2 Ahr früh wurde der süd- slawische Luxusdampser.�arageorgiwitsch" der süd- slawischen Schissahrtsgeselljchasi Zadranski Plovijda von dem italienischen Motorschiff„Francesco Moresiai" so schwer an- gerannt, daß er ein riesiges Leck erhielt, das bis unter hie Wasser- «nie reichte. Unter den 300 Fahrgästen des Schisses brach eine furchtbare Panik uns. Acht von ihnen wurden getötet, sieben wurden schwer und etwa zwanzig leichter verletzt. Die meisten Passagiere, die in der Hauptsache aus tschechischen und polnischen Sokolisten bestanden, worden von dem italienischen Schiff gerettet und nach Zara und Susak gebracht.— Räch einer gestern abend ausgegebenen amtlichen Verlustliste sollen nur fünf Passagiere gelötet worden sein, doch ist nicht erwähnt, ob die drei weiteren Toten nicht der Besahung angehören, von den verwundeten liegen neun im Spital von Zara. Peking. 7. Zu«. Wie aus Mulden gemeldet wird, ist aus dem Fluß Sungari ein großes Boot mit 29 Personen gekentert. Rur S Chinesen konnten gerettet werden. Die meisten der Ertrunkenen waren Ausflügler. Spanisches Unterseeboot gesunken. � i. Madrid, 7. Juli. Im Hafen von Ferro! stießen zwei spanische Unterseeboote zu- sammen. Ein Unterseeboot wurde dabei so schwer beschädigt, daß es in kurzer Zeit sank, doch konnke die Besatzung gerettet werden. Das Verbot des Landvolkumzuges. Eine Erklärung des Regierungspräsidenten. Schleswig, 7. Juli. Der Regierungspräsident von Schleswig teilt zu dem Verbot des Landvolkumzuges in Neumünster mit, daß er stets jede Mög- lichkeit, den Wirtjchastsfrieden zwischen Neumünster und dem Land- gebiet wiederherzustellen, begrüßt habe. Wie er sich selbst von An- fang an in dieser Richtung bemüht und zu diesem Zweck seinerzeit die großen landwirtschaftlichen Organisationen zu Besprechungen eingeladen hotte, so habe er es auch jetzt begrüßt, daß die beteiligien Verhandlungspartner den Willen zum Frieden gefunden hätten. Nun aber sollte zum Zeichen vollzogener Einigung ein öffent- licher Umzug durch die Straßen von Nemuünster veranstaltet werden, zu dem Leute wie Claus heim und Wilhelm hamkens aufgerufen hatten. Ein Umzug, der in derselben Weise, auf dem- selben Weg« und gleichfalls unter Führung von. Anhängern der sogenannten.Landoolkbewegung" sich bewegen sollte, wie der Umzug am 1. August vorigen Jahres, der den blutigen Ausgang hatte, konnte nicht zugelassen werden. Die Führung sollte in der Hand der sogenannten.Landvolkbewegung" liegen, einer politi- schen Richtung, die den Staat, seine Verfassung, Gesetze und Ein- richtungen verneint, die verbrecherische Bomben- attentate duldet und verherrlicht. Es wäre damit ein öffentlicher Umzug einer revolutionären Strömung geworden, der grundsätzlich und stets nicht geduldet werden kann, auch wenn Teilnehmer nur zu einem Teil wirtliche Anhänger jener Bewegung sind. Dies« polizeilichen Maßnahmen halten sich durchaus im Rahmen der Derfaffmig. Die Wahlen zum mexikanischen Kongreß verliefen nach den bisher vorliegenden Meldungen ruhig. Die ersten Ergebnisse lassen einen großen Sieg der Regierungspartei als wahrscheinlich er- scheinen. Eine endgüllige Uebersicht über das Ergebnis der Wahlen ist jedoch an Hand der vorliegenden Nachrichten noch nicht möglich. Gott sei Dank für den Krieg! So sagt Pastor Philipps ZustiS Neuordnung des Kwnprinzenpalais. Die Neuerwerbungen der Nationalgalerie, über die ich hier(am 17. März) berichtete, sind nun in ihren Bestand eingefügt Justi hat das ganze Kronprinzenpalais neugeordnet, so daß jetzt die Uebersicht bedeutend klarer geworden ist. Di« Bestimmung der Nationalgaleri« als Hauptsammlung moderner Kunst in Deutschland hobt sich deutlich heraus: als eine Uebersicht über die deutsche und europäische Kunst der Gegenwart in ihren Spitzenleistungen und in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Der Nachdruck liegt, wie es sich versteht, bei den Deutschen, wobei die Berliner Segession den Löwenanteil davon- trägt, vielleicht nicht ganz ihrer wahren Bedeutung entsprechend. Daß von der außerdeutschen Maleirei fast nur die Franzosen berücksichtigt werden konnten, daß z. B. die Schweiz, das junge Italien, die T-schechoslowaken, die Russen(außer Kandinsky) vollständig fehlen, liegt an der nicht zu ändernden Organisation und den beschränkten Mitteln des Museums. Dennoch ist ein Großes erreicht worden, und die freiere Ankaufspolitik der„Freunde der Nationalgalerie" bürgt dasür, daß in Zukunft auch jene Lücken ausgefüllt werden können. Der Kurs, den Justi unbeirrt von Angriffen unzufriedener Kunstfreund« und Künstler festhält, und dessen Resultate so erfreulich in der neuen Anordnung erscheinen, i st d e r richtige. Im Erdgeschoß sind, in je zwei geschmackvoll vereinfachten Sälen, die französischen Impressionisten und L o v i s C o- r i n t h untergebracht. Die überragende Bedeutung unseres größten Malers der neueren Zeit kann man wohl nirgends so gut erkennen wie vor diesen zwanzig Hauptwerken aus allen Schaffensperioden Corinths: wobei mit Recht fein« letzten IS Jahre am glänzendsten hervortreten. Das erste Obergeschoß gehört den Berliner Impressionisten und ihren Nachfolgern von L« s s e r U r y bis Krauskopf und Kleinschmidt: Mittelpunkt der aus- drucksvoll ausgestattete Liebermann. Saal, der alles Gerede von feindseliger Einstellung Justis gegen ihn zn Schanden machen muß: wo finden sich etwa noch soviel Hauptwerke von ihm beisammen? Was seine Feinde vermissen lassen, hat Justi hier reichlich bewiesen: Gerechtigkeit gegenüber echten Werten. Das Interessanteste ist nach wie vor das zweite Ober- g« s ch o ß, dessen Anordnung natürlich labil bleiben muß und auch in der jetzigen Auswahl nicht Eni>gültigkeit beansprucht. Doch genügt es, die Namen der wesentlichsten Künstler zu nennen, die entweder einen eigenen Saal oder wenigstens ein« Wand mit ihren Werken füllen, fast immer mit charakteristisch Ausgesuchtem: H e ck e l, Kirchner, Nolde, Marc. Feininger, Picasso, Paul Klee, Lehmbruck, Kokoschka, Hofer. Dix. Neu ist der Raum mit Künstlern der kubistifchen und konstruktivistischen Abstrat- tion: neben Picasso sind ausgezeichnete Proben von Franzosen und anderen da(Metzinger, Braque. Juan Gris, Moh oly Na gy) und von Deutschen: Schlemmer, Baumeister, Moll, Bell ing. Dazu gibt es alle Tonarten von der stillen Lyrik der Schrimpf, Dietrich, Ehampion bis zu Eampen- dank, Fritfch, Beckmann: S chmidt-Rottluff und B e cke r- M ode rso h n schien so wenig wie Rohlfs, Otto M u e I l e r und P e ch st« i n. Man mühte alle Namen der neueren Kunst aufzählen: Bersager gibt es wenige darunter. Ebenso die Skulptur, die an Stellen verteilt ist, die geistig zu ihr gehören: Schorfs und G. H. W o l s f, L a u r e n t F. K c l l e r und Belling, Barlach, Rickert, Wauer. Im zweiten Heft der von Justi herausgegebenen Zeitschrift „M useum der Gegenwart", dos zu gleicher Zeit erscheint, tritt das Moment des aktiv Kämpserifchen fast noch stärker beroor als in dem ersten. Man muß im Zusammenhang mit der Iustischen Neuordnung und den Angriffen, die gegen ihn und die modernen Künstler erfolgen, mit Nachdruck auf diese schöne und interessante Zeitschrift hinweisen(im Rathenau-Berlag). Justi selber behandelt hier den unerhörten Fall des Zwickauer Mufeum-direktor» Hilde- brand Gurlitt, der soeben seines Amtes enthoben wurde, we:l reaktionäre Elemente der Stadtverwaltung die Oberhand bekamen: weil man dort, in der sächsischen Provinz, modern« Kunst als „Bolschewismus" betrachtet: getreues Spiegelbild der Frickfchen Aera in Thüringen. Ein kaum glaublicher Fall unangebrachter Partei» Politik. �„1 F. Schmidt. Auch eine Verfassungsfeier Wie Berlins Hochschulen die Republik behandeln. Sonntag mittag 12 Uhr. keine Fahne, kein Symbol der Republik, wenig Professoren, noch weniger Studenten, ein« matte Rede, die übergeht in ein wissenlchoftliches Kolleg über Mais und Reis, über Salpeter und Phosphor, über Getreide und Gefiicr- fleisch: die Berliner Hochschulen, die Friedrich-Wilhelm-Unioersiiot, die Technische Hochschule, die Tierärztliche Hochschul«, die Land« wirtschaftliche Hochschul« und die Handelshochschule feiern die Der» fasiung von Weimar(weil die Studenten am 11. August in Ferien sind). Musik umrahmt die Veranstaltung, dl« Festrede hält der Geheime Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Schumacher. Ein Wort des Gedenkens an die befreiten Brüder am Rhein, ein Wort der Hoffnung für die Deutschen an der Saar, ein paar Sätze über die Verfassung, von denen einer sehr bedenklich scheint.„Die Per» fassung von Weimar ist aus dem nationalen Unglück geboren." Rein, Herr Professor, sie ist mehr als das: sie ist aus dem nationalen Willen geboren, das, was Reaktion und Unfähigkeit zerstört hatten, wiederaufzubauen. Gewiß stand an der Wiege von Weimar dos Unglück des vom Kaiserreich verlorenen Krieges, aber donebsn stellte sich die trotz Not und Qual hoffnungsfreudigc Gewißheit, das Volt werde wieder gut machen, was die Fürsten verdarben! Die republikanischen Studenten werden dieser Berfassungsseier eine würdige Verfassungsseier folgen lassen, bei der Professor Heller spricht. Man wird hierbei die nationalistischen Kar- porationen mit derselben Freude vermissen, mit der man gestern ihr« Abwesenheit feststellt«. Auf dem„Evangelischen Kirchentag" in Nürn- b« r g wurde, wie wir berichteten, der Genosse Pfarrer Eckert- Mannheim, der«inzig« Vertreter der Religiösen Sozialisten, systema- tisch am Reden oerhindert. Er hat daher die Konserenz vorzeitig und unter Protest verlassen. Besonders rühmend bei dieser Aktion gegen den Genossen Eckert tat sich als Wortführer der„Orthodoxen", Herr Pastor Philipps- Berlin, hervor. Wer ist dieser Pastor Philipps? Zur Beantwortung dieser Frage erhalten wir folgende Zuschrift:: Herr Philipps hat im Dezember v. I. seinen 70. Gedurtstag ze- feiert. Bei dieser Gelegenheit ist er von den Spitzen der evangelischen Kirche mit allen erdenklichen Ehren und Spenden bedacht worden. Im Namen des Konsistoriums schmückt««hn der Generalsuper- intendent Karow sogar mit dem sogenannten„Evangelischen Hausord«n", der Luther-Medaille. Doch interessanter für uns und— lehrreicher zugleich ist folgendes: Im Herbst 1916 schrieb derselbe Herr Pastor Philipps in der Zeitschrift„Die Reformation": „Gott sei Dank, daß der Krieg gekommen ist: ich sag's auch heute noch im dritten Kriegsjahre. Und Gott sei Dank, daß wir noch keinen Frieden haben: ich sag's auch heute noch trotz aller Opfer." Dieser Pastor Philipps war der Gegenspieler des Genossen Eckert: und mit diesem Herrn hat sich der„Evangelische Kirchen- tag" solidarisch erklärt! Oer Aerger hört auf! Geänderte Llmsteigebedingungen der BBG. Aach Mitteilungen der Berliner Derkehrsgesellschast werden die neuen Umsteigebedingungen aus den Berliner Verkehrsmitteln, die wegen der Unhaltbarkcil der Bestimmungen vom 1. 3uU in der Aussichtsratsjihung vom vergangenen Freitag beschlossen wurden, wahrscheinlich bereits in den nächsten Tagen, in krast treten. Daß es wie bisher nicht weitergeht, zeigt der Zusammenstoß zwischen Fahrgast und Schaffner auf der Straßenbahnlinie 28 Ii vom gestrigen Sonntag. Wie die Dinge heute liegen, müssen Personal und Publikum nervös werden. Die neuen Bestimmungen sind vom Berliner Polizeipräsidium heute morgen genehmigt worden. Sie müssen jetzt noch von der Aussichtsbehörde der preußischen Kleinbahnen geprüft und gutgeheißen werden. Dann wären die Voraussetzungen für die Einführung der neuen Bestimmungen geschaffen. Als Verbesserung ist vor allem vorgesehen, daß man um- steigen kann, wo man will. Man muß nur das zweite Verkehrsmittel sofort im Anschluß an das erste be- st e i g e n und zwar da, wo man das erste verlassen hat. Hier wäre natürlich Sorg« zu tragen, daß die Vorschrift ohne Härte gehandhabt wird: Will man beispielsweise vom Anhalter Bahnhof zur Junkerstraße, Ecke Lindenstraße, so muß man vom Halleschen Tor zum Belle Alliance-Plgtz gehen, da erst dort Anschlußmöglichkeit besteht. Aehnlicher Fäll« sind viele: sie dürften natürlich nicht als Ucbevschreitung der Bestinnnungen gewertet»erden. Bedingung bleibt, daß auf jeden Fall das Umsteigen eine Stund« nach Antritt der ersten Fahrt erfolgen muß. Hoffentlich beeilt man sich, damit möglichst bald der gröbst« Aerger des Fa h r p u b li tu m s behoben ist. Wieder Leichenteile gesunden. Das letzte palet? Am Sonntag abend wurde aus dem Landwehr- k a u a l abermals ein Packet gelandet, das die noch sehlenden llnierschenkel de» grausigen Leichcnfnndes cnthlelk. Die Groß beeren- Brücke ist die erste stromabwärts hinter der Belle-Alliance-Brücke. Daß gerade hier dieses letzte Paket austauchte, bestärkt die Vermutung, daß die Teile zum mindest»» an der Belle-Alliance-Brücke ins Wasser geworfen wurden. Auch die Schenkel und Füße waren schon stark in Derwcjung übergegangen. Sie wurden wie die anderen Teile nach dem Schau- Haus« gebracht. Die Umhüllung und Berschmirung war die gleiche wie bei den anderen Paketen, ist also auch ohne Zweifel von der gleichen Hand ausgeführt worden. Noch nicht weiter geführt hat eine Spur, die die Bekundung einer Frau ergab. Diese hatte der Mordkommission mitgeteilt, sie habe einen Mann und ein« Frau beobachtet, die zwischen sich ein größeres Paket und an den freien Händen je ein tleineres trugen. Sie beobachtete das Paar auf dem Wege durch die Potsdamer Straße bis zur Brücke und sah es etwa VA Stunden später, gegen 5% Uhr nachmittags, ohne die Paket« an der Ueberführung der Eisenbahn am Schöneberger Ufer wieder. Die beiden Paketträger konnten noch nicht ausfindig gemacht werden. » Zu Gerüchten von einem neuen Verbrechen gab ein Leichen- fund Veranlassung, der am Montag früh in der Spree gegenüber den Häusern Köpenicker Straß« 13/14 gemacht wurde. Dort wurde die Leiche eines Mannes gelandet, der eine klaffend« Wunde an der linken Hüfte hatte. Auch die Kleider waren an dieser Stelle zersetzt. Der Verdacht eines Derbrechens schwand aber, als man die Personali«» des Toten feststellen konnte. Es ist ein 69 Jahre alter Maler Karl� Streda aus der Schlesischen Straße 14. Der alte Mann war erst vor kurzem aus dem Krankenhaus« entlassen worden, halt« aber infolge eines inneren Leidens noch starke Schmerzen zu leiden. Er hatte wiederholt Selbstmordgedanken geäußert und war schließlich vor acht Tagen verschwunden. Die schwere Verletzung dürfte von einem Bootshaken herrühren._ Amerikanische Marine in Verlin. 490 Offizier«, Kadetten und Mannschaften der amerikanischen Kriegsschiffe„A r c a n s a s",„Florida" und„U t a h", die i n Kiel vor Anter liegen, trafen heute mittag um 12)4 Uhr im Sonderzug auf dem Lehrter Bahnhof ein. Da«s sich um einen rein privaten Besuch der deutschen Reichshauptstadt handelt, hatte man von einem offiziellen Empfang abgesehen. Die amerikanischen See- leute nahmen zum größten Test im Zentralhotel Wohnung, der kleinere Teil logiert in den Hotels Prinz Friedrich Carl und Prinz Wilhelm. Nach zweitägigem Aufenthalt wird die Rückfahrt noch Kiel am Dienstag abend um 6�1 Uhr erfolgen. Für Montag ist eine Rundfahrt durch Berlin und Charlottenburg sowie ein Ausjlug nach Potsdam vorgesehen, für Dienstag ein Besuch von Berlins hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten. > Aus der Praxis des Gchundgesehes. Ein Dutzend sonst anscheinend ernster Menschen nennt sich manchmal„Prüfstell« für Schund- und Schmutzschriften'. Ei« setzen sich stundenlang zusammen, um über Verbot oder Freigabe ange- zeigter gefährlicher Sachen zu beraten. Es wird beispielsweise festgestellt, daß in manchen Detektivgroschenheften selbst„vor den grau- samsten und oft mit sadistischer Betonung ausgedachten Handlungen nicht zurückgeschreckt" wird. Es wird dann entschieden, daß mit der Lektüre„eine Abstumpfung des Seelenlebens und eine krankhafte Ueberreizung der-Phantasie notwendigerweise verbunden" ist. End- lich wird solch eine Serie für ein«„erhebliche Gefahr für die Jugend" erklärt. Di« Verbote werden durch Ausfertigung von Fragebogen durch die die Anklage vertretenden Landesjugendämier vorbereitet. Aus deren Durchsicht sieht man, was für merkwürdige Maßstäb« an die zu beurteilenden Objekte gelegt werden. Dies« Fragebogen fragen nach den vorkommenden„Gemütsbewegungen, unangebrachten Fremdwörtern, Stil, Satzbau und Orthographie". Sie verlangen die Aufzählung der beschriebenen„Verbrechen, Roheiten,«kelerregenden Szenen� Grausiges". Es scheint, daß die Anzahl der Verbrechen und Todesfälle durch die Anzahl der Seiten dividiert wird, um die von Külz gestellte Rechenaufgabe zu lösen: Was ist Schund? Es wäre angebracht, wenn die Landesjugendämter sich mit diesem Maßstäbe mal an irgendeine Zeitung heranmachten und dort die Zahl der täglich vorkommenden Todesfälle, Selbstmorde, Unfälle, die Zahl der Arbeitslosen und Sozialverbrechen nochrechnen würden. Es wäre angebracht, wenn von Amts wegen festgestellt würde, daß in den vier Kriegsjahren alle zwei Minuten neun Menschen er- schössen, vergiftet, in die Luft gesprengt, gemordet wurden, daß vier Jahr« lang„vor den grausamsten und oftmals mit sadistist»> Betonung ausgedachten Handlungen nicht zurückgeschreckt" wurde. Es wäre angebracht, wenn festgestellt würde, wie groß und folgen- schwer die mit all diesem verbundene„Abstumpfung des Seelen- lebens" der Kinder und Erwachsenen ist, daß all dies„eine erheb- liche Gefahr für die Jugend" darstellt. Der Jugend wird nicht durch Literaturoerbote geHolsen. E» sei den hohen Amtsstellen zur Erwägung anheimgegeben, ob sie nicht am besten daran täten und am wirksamsten Jugend und Alter schützten, wenn sie den Krieg und die sozialen Verbrechen(auch di« von Amts wegen verübten) verbieten»nd unmöglich machen würden. C. W. Berliner Theater zu verpachten. Di« allgemeine Unsicherheit in Tl)«aterkreiscli für die Gestaltung der kommenden Spielzeit wirkt sich nicht zuletzt in zahlreichen Vcrpachtuirgsangeboten siir ein« Reihe Berliner Theater aus. Besonders dos Schicksal der in der Eity gelegenen Theater ist noch völlig ungewiß. Auch sür da? bisher der Direktion Klein angehörig« Berliner Theater wird ein Pächter gesucht. Neuerdings wird auch dos bisherige Deutsche Polkstheater, das unter der alten Firma,„Neues Theater am Zoo", von Charlö im Sep- tember eröffnet werden wird, bereits schon für Oktober und dl« fol- genden Wintermonate zu verpachten gesucht, und zwar bezeichnend sür die Neuordnung der Berliner Theaterverhältnisse, für erstklassige Gastspiele mit oder ohne Ensemble. Die Ausstellung Georgischer Kunst der Deutschen Eesellichatt zum Stu- dmm Osteuropas wird Dienstag, 12 Uhr mittag«, im cbemaligeu Kuntl- gcwerbemuleum. Prinz Albrechtstr. 7, eröffnet. Die Ausstellung ist vom 8. bis 30. Juli täglich von 9 bis 3 Uhr, außer Montags, bei freiem Eintritt geöffnet.— Mittwoch, abends 8 Ubr, spricht in der Deutschen Gesellschaft ISIS, Schadowstr. S.7. Pros. Georg Tschubinaschwili- Tifli« über„Die georgische Kunst". Eine Ausstcllueg argentinischer Kunst wird am 9. Juli in tcr.shoch- schule, Hardendergstr. 33, eröffnet. Zte umsaht Gemälde des argentinttche» Malers Ccjario Bernaldo de QuiroS, deren Motive hauptiächlich dem Leben der Gauchos eulnommen sind, und Einblicke in di« bewegte Geschichte Lr« gentinienS während der Jahrzehnte von 1820— 1870 geben. Julius Hart zum Gedächtnis. Julius Hart, der bekannte Schristftcller und Kritiker, ist heut srüh im Alter von 71 Jahren in Zehlendors gestarben. Julius Hart überlebte seinen 70, Geburtstag nicht lang«. Zlls wir Fr«und« ihn vor einigen Monaten beglückwünschten, sprach er noch von vielen Plänen und Entwürfen. Der Mann, der mehr al» ein halbes Jahrhundert in der vordersten Kampflinie der Kritik gestanden hatte, war beglückt, daß er sich endlich in seinen Greisen- jähren in die ahjolute Ruhe des Arbeitszimmers zurückziehen konnte. Nun entschied das Schicksal plötzlich gegen ihn. Als die beiden Brüder Heinrich und Julius Hort vor öv Jahren aus dem Krähwinkel von Münster nach Berlin übersiedelten, sonden sie eine merkwürdig« literarische Situation vor. Die anerkonntcn Größen des Romans und des Dramas, wie etwa Paul Heyse und Spielhagen, gesielen sich in banaler Bürgerlichkei:. Die Brüder Hart zogen in kriegerischen„Waffengängen" begeistert gegen diese Flach- l)«it los. Sie bekannten sich zu der» Sache des Volkes, nicht wie der liebenswürdige Gustav Freylag, der den jungen Schriftstellern großväterlich cmpjohlen l>atte/' gelegentlich auch in die Werkstatt des 'Arbeiters hineinzublicken. Die Brüder Hart wollten die Dichtung revolutionieren. Sie sollte im Roman, in der Lyrik und erst recht im Drama eine Wajfe des aujrichtigen Älassenkämpsers sxin. Darum war es selbstverständlich, daß besonders Julius Hart, der kritische Kops von den beiden Brüdern, mit seiner agressiven Kritik den Weg sür den Naturalismus Gerhart Hauptmanns, Arno Holzens und ihres literarischen Gefolges ebnete. Doch Julius Hart beschränkte sich nicht aus dos Attakieren und Thcoretisieren. Er ivar selber ein hochtalentterter Lyriker. Als er in Berlin einzog, blickte er sofort in das Elend und in die Größe der Welthauptstadt hinein. Cr war der erste wirkliche Großstadt- dichter, besonders geschult an dem französischen Naturalismus. Und dann lebte auch dl« groß« Freude am Organisieren in ihm. Kein junger Dichter konnte den Weg an die Oeffentlichkeit findet), ohne daß Julius Hort ihn leitete, Er nahm sich der Jugend mit Un- «rmüdllchkeit und unendlicher Opferbereitschaft an. Während di« anderen zu Ruhm und Ansehen und sogar zu Wohlstand gelangten. verzichtete Julius Hart auf all« äußeren Erfolge und Bcquemtich- reiten. Er gab noch von dem, was er selber nicht besah. Er schuf in der„Neuen Gesellschast" den bedürftigen Künstlern und Schrift- stellern ein leibliches und geistiges Asyl. In der Zeitschrist janden die jungen Dichter ein erstes Unterkommen, in dem Hause, dos den gleichen Namen trug, durften sie wohnen, bis sie«in Unterkommen gefunden hatten. Di«„Neue Gesellschaft" ging zugrunde, ober der Geist dieser Jugend war nicht auszurotten. So geschah es jahrzehntelang, daß Heinrich und Julius Hort, die Päterjves literarischen Naturalismus, ehrfurchtsvoll respektiert wurden. Sie hatten keinen Vorteil von ihrem Entdeckergenie, Sie mußten sich für den Tag quälen, um freie Nachtstunden für die eigene Produktion zu gewinnen. Frühzeitig beschäftigte sich Julius Hart mit moralischen und philosophischen Fragen. Es war merkwürdig, dieser Anbeter der, Wirklichkeit wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Mystiker, ein Freund des Todessängers Novalis und ein Förderer des Belgiers Maeterlinck. Julius Hart war natürlich auch in der skandinavischen Dichtung beheimatet, die so starken Einfluß auf di« Literatur der jungen Deutschen gewann. Er übersah eben die ganze Weltliteratur. Sein große«, zweibändige» Wert„Die Geschichte der Weltliteratur" legt Zeugnis von dieser ungeheuren Belesenheit ab. Julius Hart�mußte, zufrieden mit dem Wenigsten, bis zu seinem 70. Geburtstag dem Journalismus dienen. Als die Freiheit kam, er- trug der Körper, der so viel Entbehrungen aus sich genommen hatte. die Strapazen des Alters nicht mehr. dt. H. Wissenschastliche Niedertracht. Forschungsergebnisse eines Menschenfreundes. Dis«in« Aussage läßt sich etwa so formukieren:„Ich fragte Moisejew rmd Adov: Darf der Ofen geheizt werden?— Sie antworteten: Wir sind Fachleute. was wir tun, das verantworten wir auch." Das ist das ganze Material, das vor Gericht ausgebreitet wurde. Zur Verhandlung waren auch andere Techniker und Ingenieure geladen, die Arbeits- kollegen der Angeklagten. Umsonst wiesen sie nach, daß Moisejew und Adov unschuldig feien. Sie all« wurden beschuldigt, den Tatbestand auf Abrede zu oertuschen, und der Leiter der Arbeiten, Ingenieur Karajew. wurde sogar auf Anordnung der Gerichtskammer verhaftet. Während der Verhandlungen beantragten die Angeklagten und die Verteidiger einen Lokaltermin am Brandort. Das Gericht lehnte den Antrag ab. Das Gericht lehnte' auch die Ladung von Sachverständigen zur Feststellung der Brand- Ursachen ab. Es wurde ein schnelles, aber kein gerechtes Urteil ge- sprachen. Mit verbrecherischer Leichtfertigkeit wur- den zwei Techniker zum höchsten Strafmaß verurteilt" Nur dank dem Eingreisen des Vorsitzenden der Baumwoll- zentrale, der die Parteiinstanzen telegraphisch um Intervention er- suchte, ist das Urteil aufgehoben worden. Was aber wäre ge- jchchen, wenn die Angeklagten«inen so energischen Sachwalter wie den Vorsitzenden der Baumwollzentrale nicht gefunden hätten? Nun, sie wären erschossen worden. Freilich ist die Empörung des Organs des Obersten Volkswirtschastsrats über das leichtfertige Todesurteil eitel Heuchelei. Denn einerseits verteidigt„Sa Jndu- strialifaziju" wie alle anderen Sowjetorgane das terroristische Regime, und andererseits führt das Blatt eine unverantwortliche und unbegrnndete Hetzkampagne gegen die sogenannten „Schädlinge", so daß der Eindruck erweckt wird, daß man die „Schädlinge" ungestraft und ohne lange Untersuchung vernichten dürfe. Aiontne. 7. Juli. Berlin. 16.05 Prof. Dr. Adolf Marense: Der Sternenhimmel. 16.30 1. Beethoven: Andante F-Dur(Hans Johov, Klavier).— 2. Dvor4k: Drei Duette, op. 32:(Margrit Adler. Sopran, nnd Toni Haac. Alt; Flflsel: Julius Börger).— 3. Beethoven: 32 Variationen, C-Moll(Hans Johow).— 4. Drei altpicmontesischc Volkslieder, op. 40a(Marsrit Adler und Toni Haac).— 5. Chopin: a) Berccuse Des-Dur; b) Walzer CU-MolI; c) Walzer As-Dur(H. Johow). 17.30 Harry Kahn:„Ich komme eben aus dem Tonfilmatelier". 18.00 Herbert Ihcrinz und Otto D istler: Ein flberflüssizer Beruf. 18.30 Alfons Qoldschmidt; Die Formen der Wirtschaft, 18.55 Arbeitsmarkt. 19.00 Erklärung und Vorführung von„Unbekanntem Jazz". Hans Winge(an Hand von Schallplatten). 20.00 Gustav Mahler(geb. 7. Juli 1860). Dirigent: Generalmusikdirektor Ernst Kunwald. 1. Erste Nachtmusik aus der 7. Sinfonie.— 2. Lieder eines fahrenden Gesellen(Fred Drissen, Bariton).— 3. Drei Briefe(gelesen von Friedrich Ettel).— 4. Adagietto für Streicher nnd Harfe, aus der 5. Sinfonie.— 5. a) Revclgc; b) Des Antonius von Padua Fischpredigt (Fred Drissen, Bariton).— 6. Zweite Nachtmusik aus der 7. Sinfonie (Berliner Sinfonieorchester). 21.20 Unterhaltungsmusik. Nach den Abendmeldungen bis 0.30: Tanzmusik. KönigswustcrhanscB, 16.00 Nachmittagskonzert von Breslau. 17.30 Hermann Hasenauer: Soziale Arbeit in der Klassengcmelnschait. 18.00 Dr. Heinrich Michaelis und Mitwirkende:•v.Juli'4, 18.30 Pfarrer Eckert: Landvolk und Kirche.'"�5� 19.00 Paul Dubray: Andr6 Gide. 19,25 Oberförster Benindc: Insekten- und Pilzschädcnbekimpfun*. SkrnnttDortl. für die Reduktion: Wolfgang Schwarz, Berlin: Anzeigen: Th. Hlocke, Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckerei und Berlagsanstalt Paul Singer&. Co., Berlin SW 68, ßtnbcwftrafec 3. Hierzu 1 Beilage. DeoUUtallaMrtM Achtung, Bauanschläger! de vranchenoersammlung der »ananschlSaer fallk an» den». log, dem 8. 3uli, aas. Die Orisvei-waUnng. tl Xlte&ler, LicLlspiele usw.] ---->----J* posl -Theater GroOe Frankfurter Str. 132 I Blllettkatsfl; Alex. 3422 u. 3494 I hellte. Dienstag und Mittwoch I Rosenfest im Rose-Garten TtuMni), von Ro>en. Rleson- Feuerwerk. lenz Im Freien. Neu, Garten- Beleuchtungs- etfekti. VarleKschau.— Willi ] Roian am FOgel.— 8» Uhr;| ,, Verliebte Leute" Operette von KQnneke. Im Innentheater. Tlglich B.15 i„Die andere Seite" 1 — der große kQnstierische Erfolg bai der gesamten Presse Berlins. PimI Rose als KemgagnlefQhrer Winter * Garren* 8.13 Uhr— Räumen erinndi Cortinis Dollarsegen usw. Sonnahend u. Sonntap Je 2 Voratallungen und 8U Uhr. 4 Uhr kleine Preise J Reichshallen-Theater |T) Uhr Stettiner SSnger Das g roße Programm I Dinhoff-Brettl nnd Garten Variete— Konzert— Tanz rheaterl, d. Behrenstr. 53-54 S»/2 U. A4 Zentrum 926-927 8*/a U. OlrcktioD Ralph Arthur Roberts Mein Vetter Eduard Schwank in 3 Akten von Fred Robs FÜR ALLE DAHEIMGEBLIEBENEN FERIENPAROLE BERLINER SOMMERSCHAU 1930 FUlKIURMHilLEI AM UISERDIMM TÄGLICH 9-8 UHR GEOrFRET AB 7 UHR(AUSSER UOIIERS- TAG) BEI GUTEM WIE SCHLECHTEM WETTER AOIZERT OES Beruier SINFONIEORCHESTERS DIR.; DR. 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Ihnen wird dos sicher unheimlich vorkommen, ober wir sind das gewohnt." Ich wußte erst nichts Rechtes anzu- sangen mit dieser Aussorderung, tippt« dann im Gespräch mit diesem oder jenem aber doch an und fragte so nebenbei, was das denn eigentlich wäre mit diesem dumpfen Dröhnen. So oft ich fragte, so oft lächelte man, wie man danach nur fragen könne. Das wüßte doch jedes Kind. Dann erklärten die Leute, dann erzählten sie, dann schütteten sie ihr Herz aus, schleppten Dokumente herbei und holten vom Nachbarn alte Urkunden und schließlich sah die alt« Lutherstadt Eisleben ganz anders aus: nur allzu deutlich siel auf das urwüchsig-fröhliche Treiben am Marktplatz der Schatten des Gewerkenhaufes der Mansselder Kupferherren. Und das ehrwürdige Rathaus war ganz beiseite gestellt. Eisleben ist, wenn auch nicht der geographische, so doch der mirtschaslliche Mittelpunkt des Mansselder Kupferschiefer. bergbaus. In weitem Bogen spannen sich um die Stadt drei preußische Kreise, der Mansfelder See-, der Mansfelder Gebirgs- und der Sangerhäuser Kreis. In diesen Kreisen wohnen über 64 kleine Städtchen und Dörfer verteill 126 666 Menschen. Da- von arbeite» nach einer Erhebung der Mansfeld A.-G. 26 843 Bc- wohner auf den Schächten und Hütten. Diese rund 26 666 Arbeiter und Angestellten haben 46 974 Angehörige, so daß 56Proz.aller Einwohner, genau 68 417 Menschen sich in einem direkten A b> hängigkeitsverhältnis von der Mansfeld A.-G. befinden. Die geringste konjunkturelle Erschütterung des Kupferschieferberg- baus wirkt sich bis in die abgelegenste Arbeiterhlltte aus. Es liegt eine Statistik vor, die von 1886 bis 1926 die Bevölkerungsziffer Eislebens mit der Belegschaftsstärke der Mansfeld A.-G. vergleicht. Jedes Fallen oder Steigen der letzteren bewirkt mit peinlichster Genauigkeit eine gleichgerichtete Kurve bei der Einwohnerzahl Eislebens. In den kleinen Ortschaften aller. dings wirken sich derartige Schwankungen bei der Erdgebundenheit des Mansfelder Bergmanns zur Katastrophe aus. llach Jlbfchluß der ftalionalifierung... Am Ende der Inflation beschäftigte die Mansfeld A.»G. auf khren Kupferschieferberg- und Hüttenwerken einschließlich des Hett- stedter Messingwerks 23 366 Arbeiter, heute nach Abschluß der Rationalisierung nur noch 16 166 Mann. Die Handarbeit hat der Preßlufthammer und die Schüttelrutsche abgelöst, und in dem gleichen Maße, wie sich die Belegschafts st ärke ver. ringert«, steigen die Produktionsziffern. Die kleine Tabelle hier gibt Auskunft darüber, was rationalisieren heißt: 1924 Erzförderung...... 734666 Kupfer........ 18543 Feinsilber....... 91 381 Kupserschlacken-Pflastersteine 14 666 Stromerzeugung.... 77,5 1929 939 166 Tonnen 22 893 123 376 Kilo 36 666 Tsd. Stück 168,8 Mill. kWh. Das alles bei einer um 7266 verringerten Belegschaft. Es ist die Frage zu beantworten: wo sind diese 7266 wegrationalisierten Hundetrcckcr und Fördermänner, Schlepper und Häuer geblieben? 2666 Mann konnten im Leuna werk unterkommen, jeden Morgen fahren drei direkte Jugpaare Sangerhausen— Leuna die einstmaligen Mansfelder Kumpels zu den Retorten des Chemietrusts. Rur werden diese Züge von Woche zu Woche dünner besetzt, eirtsprechend der sinkenden Belegschaftsziffer des Leunawerks. Ein paar weitere tausend Mansfelder Arbeiter wanderten in die B r a u n f o h l e n- reo i er« um Halle a. d. S. ab. Besonders gesucht war das Mansfeld benachbarte Oberröblinger Revier. Aber auf jeder Braun- kohlengrube stehen heute ebenfalls die Eimerkettenabraumbagger und die Schüttelrutschen, und so wurden noch und nach die Mansselder Kumpels auch im Braunkohlenbergbau überflüssig. Jetzt sitzen sie als Ausgesteuerte auf den Wohlfahrtsämtern. Denn eine Industrie außer dem Kupferschieserbergbou besitzen die drei preußischen Kreise nicht. Warum, werden wir bei der Behandlung des Falles Eisleben sagen. Es ist nieberschmetternd und aufpeitschend zugleich, wie eine Handbewegung der Mansfelder Kupferbarone Tausende von Berg- arbeiterexistenzen veniichtet. Die Mansfeld A.-G. tritt ihre Kali- g u o t e auf dreißig Jahre für 12 Millionen Mark an das Kali- s y n d i k a t ab. der fichischacht Dittrichhall. das Kaliwerk Wans- leben und die Ehlorkaliumfabrit Eisleben weräen stillgelegt. Und 866 Arbeiter liegen auf der Straße. Den im Sänger- Häuser Kreis beheimateten, ins Mansselder Revier zur Arbeit kommenden Bergarbeitern zahlt die Mansfeld A.-G. eine Fahr- geldentschädigung. Das paßt der Direktion eines Tages nicht mehr, der Röhricht- und der Barbaraschacht werden still- gelegt und 366 Mann liegen auf der Straß«. Die Gemeinden Blankenheim, Riestedt, Pölsfeld und Obersdorf(Kr. Sangerhausen) sind zum Aussterben verurteilt. Es ist vielleicht ungezogen, es zu sagen, aber es ist die Wahrheit: das Elend der Rati o n a l i- sierten mildert die Staublunge, jene unentrmnbar« Berufskrankheit der Mansfelder Bergleute. Mit 56 Iahren hat«in Häuer derartige Steinklumpen m seiner Lunge, daß er kaum noch atmen kann. Die Knappschaft muß ihn invalide schreiben. Und so fehlt dort der fünfzig- bis fünfundfechzigjährige Dauererwerbslose, der auf unseren Berliner Stempelstellen sehnsüchtig den Eintritt seines Bcrsichcrungsatters erwartet. Ich fragte einen Invaliden, was er Rente bekommt.„165 Mark." Di« Wohlsohrt würde ihm 42 Mark geben. Eisleben lebt von der Mansfeld A.-G. Hier ist das Lohn- st eueraufkommen der Stadt vom Jahre 1924; d« Mansfeld A.-G. führte 438 666 Mark Lohnsteuer ab. alle übrigen Werktätigen Eislebens 61 466 Mark, d» ch ein Siebentel. In Eis- leben stehen 2346 Häuser mit 6528 Wohnungen(Erhebung von 1927), der Mansfeld A.-G. gehören davon 666 Häuser mit 1966 Wohnun- gen. Bis 1919 war der Stadtverordnetenvorsteher von Eisleben immer ein Oberbeamter der Mansfeld A.-G., wenn nicht der Oberberg- und Hüttendirektor selbst.„Selbst unter Hintansetzung gesetzlicher Befugnisse der Stadt wurde den Vorschlägen der Mansfeld A.-G. der Vorzug gegeben, zumindest alle die Stadt be- treffenden Fragen mit den Vertretern der A.-G. durchgesprochen... Bezeichnend für das enge Verhältnis der Stadt zur Gewerkschaft (das ist die frühere Bezeichnung der heutigen Mansfeld A.-G.) ist die Anteilnahme der letzteren an den kommunalen Fragen und auch die Tatfache, daß die schriftlichen Arbeiten der Stadtverord- netenversammlung bis Ende 1918 nicht von einem städtischen, sondern von einem gewerkschaftlichen Beamten erledigt und demgemäß der Einfachheit halber auch die Protokolle nicht im Rat-, sondern im Gewerkcnhans aufbewahrt wurden."(Aus der Disiertation des Herrn Dr. Rud. Fahrig,„Das Finanzwesen der Stadt Eisleben".) Und da regen wir uns über Oftelbien auf! Der Hüttenvogt und der Gutsinspektor nehmen sich nichts. Äs« dumpfe ä)röhneu Irgend jemand hat einmal von der reichen Industrie E i s l e b e n s gesprochen. Diese„Industrie" sieht folgendermaßen aus: zwei Buchdruckereien mit 66 Beschäftigten, zwei Maschinen- fabriken mit 36, eine Zentralheizungsfirma mit 12,«ine Korbwaren- fabrik mit 26, eine Gasanstalt mit 6 Arbeitern. Dann ist«ine Malz- fabrik da, die beschäftigt während der Kampagne 25 Mann, wenn die Möbelfabrik gerade etwas zu tun hat, dann hat sie 26 Leute, die Tabalfabrik hat 26 Frauen und die„Zwiebackfabrik", das ist in Wirklichkeit eine Bäckerei mit 3 Gesellen und 2 Lehrlingen, die „Huftabrik" hat überhaupt nur 2 Lehrmädchen, und in der„Fahnen- fabrik" sitzt der Fabrikant ganz allein. Also die ganze„Industrie" beschäftigt vielleicht 566 von der Mansfeld A.-G. un- abhängige Arbeiter.(Vgl. Fahrig, Finanzwesen, a. a. O.) Wenn jemand in dieser Aufzählung das Wasserwerk und das Elektrizitätswerk vermisien sollte, dem sei verraten, daß die Stadt Eisleben dergleichen nicht besitzl. Wasser und Strom liefert die Mansfeld A.-G. Es hat nicht an Versuii>:n gefehlt, aus- ivärtige Industrien heranzuziehen, eine Berliner Textilfirma wollte sich in Eisleben ein Werk errichten, ebenso eine Hamburger Maschinenfabrik, aber Saraus wurde nichts, weil die Mansfeld A.-G. kein Interesie daran hat, daß ihre billigen Arbeitskräfte von besser zahlenden Betrieben weggeschnappt werden. Und mm das„dumpfe Dröhnen". Seit acht Jahrhunderten werden die Mansfelder Berge und Täler nach Kupfer und Silber durchwühlt. Unter der Erde liegt Stollen neben Stollen. Bon Eisleben bis Hettstedt kann man durch diese Stollen wandern. Das Wasser wird durch einen unter- irdischen Kanal, der mit 5kähnen befahrbar ist, bei Friede- bürg in die Saale gepumpt. Solange das dem Wasser gefällt. Sonst bricht es, wie Anfang der 96er Jahre der sogenannte„Salzige See", in die Stollen und Schächte ein und ruft meilenweite Erd- erschütterungen und Nachstürz« im Innern hervor. Damals wurden in Eisleben 166 Häuser in 13 Straßen schwer beschädigt. Durch das Maulwurfsnetz unter der Stadt Eisleben sind heute noch Berg- schäden an der Tagesordnung. Unzählige Riffe in den Häuserwänden und ständige Wasserrohrbrüche. Jetzt hat die Stadt- verordnetenversammlung der Mansfeld A.-G. eine Mutung zuge- sprachen, nach der vom Klothildenschacht aus 766 Meter tief unter den Häusern der Linden-, Frei- und Klosterstraß« Flöze abgebaut werden sollen. Die Lutherstadt Eisleben hat den Vorrang für Deutschland, auf eine Art umgekehrtem Vulkan zu stehen. Bis- weilen hört man tief unten ein dumpfes Dröhnen. Wir sagten, Konjunktur schwankungen im Kupfer- schieferbergbau teilen sich der letzten Mansfelder Arbeiterhütte mit. Oder zum mindesten will dies die Mansfeld A.-G., sie will i h r Risiko auf die Schultern der Arbeiter abwälzen. Vor einem Jahr noch kostete ein englisches Gewichtspsund Elek- trolytkupfer 24 amerikanische Cents, heute jedoch nur noch 14 Cents. Zum Ausgleich dieses Preissturzes soll die Belegschaft, d. h., wie wir gesehen haben, mit Angehörigen und mittelbar Ab- lzängigen die Bewohner dreier preußischer Kreise„in eine erheb- liche Herabsetzung der Löhne als Voraussetzung für eine Wirtschaft- liche Weiterführung der Betriebe"«inwilligen. Bis zu 18 Proz. sollen die Mansfelder Iammerlöhne gekürzt werden. Und gegen diesen Raubzug richtet sich der Kampf der Bergarbeiter. Aber abgesehen davon bleibt die groteske Tatsache bestehen, daß Eisleben, Hettstedt, Mansfeld und 66 Dörfer dazu hungern müssen. wenn die Coppers Exporters Jncorporates in New Park mit dem Kupferpreis spielt. Und wir wollen lzoffen und wünschen, daß es den Eislebener Marttfrauen, die wissen wollen, was sie heute ver- kaufen, und den Eislebener Hausfrauen, die wissen wollen, was sie kaufen können, erspart bleibt, hiernach erst jeden Morgen die Kupftr- notiz der New-Porker WarenWse befragen zu müssen. Denn sie haben schon„ein betrübtes Herzeleid" genug. Wo für Mansfeld erst der Anfang vom bttteren Ende begonnen hat. rVite Köhler. 3)eulfchland von außen WrUifche OHelradüung von Weinrich Jlcmmer Von der Flut amerikanischer Europareisender kommt eigentlich nur eine kleine auslausende Welle zu uns hcreingeschlagcn. Gesell- schaftlich und historisch ist der Vankec(und natürlich erst recht der Kolonialbrite vor allem an England interessiert, und verbringt dort seine meiste Urlaubszeit: für die a m ll s e rl. � n t b ed ü r f t i g e n Amerikaner ist seit jeher Paris der irdische Himmel gewesen, für Naturschönheit ist die Schweiz vorgemerkt und Italien überdies für Kunst und„Klima"— Deutschland interessiert heute hauptsächlich eine gewisse Kategorie von amerikanischen Geschäftsleuten. Di« haben vor allem den Eindruck, daß Deutschland heute Amerika mehr ähnelt als irgendein anderer europäischer Staat, daß Deutsch- land schneller amerikanisiert wird als Großbritannien. Der Danke« entdeckt zu seiner Ucberraschung, daß viel von der„Kultur" seines Landes ursprünglich aus Deutschland stammt(jeder fünfte Ameri- kaner ist ja auch deutschen Ursprungs). Der amerikanische Geschäftsmann besucht Deutschland vielfach zu Studienzwecken. Es interessiert ihn die deutsche Finanz- st r u k t u r: the financial structural movement, wie er sich aus- drückt; die systematische Perfektionierung landwirlschaftlicher Be- triebe, die tunliche Ausschaltung des Imports durch Rohprodukt- «rfatz. Darüber entdeckt man erst, wie groß der deutsche Einfluß drüben ist, z. B. auf das amerikanische Nährmittel� und Nährmittel- zubereitungssystem, bemerkt Anlehnungen an die Architektur, Be- Wässerungsanlagen— ja, weiß Gott, sogar das dicke Tischgeschirr haben die beiden Länder(und nur sie) gemeinsam. Diejenigen Amerikaner, die uns nicht aus jingoistischen(d. h. chauoinifttschen) Motiven verdammen, neigen jetzt sehr dazu, uns zu überschätzen. Sie sehen die schönen Früchte am Baume. die morschen Stellen bemerken sie nicht. Selber mit gesundem poli- tischem Sinn begabt, ahnt der Amerikaner nicht das Maß unserer inneren Zerrissenheit. Er sieht uns wie einer, der recht wohl wüßte, wie er sich solche Fähigkeiten und Tüchtigkeit, wie er sie antrifft, zunutz« machen würde. Das Maximum aus seiner Veranlagung zu niachen, ist ja die Stärke der Anglosachsen. Das Gesehene bleibt in den meisten Fällen rein äußerlich im Gedächtnis haften ohne Ergänzung durch Lektüre. Wie viele Dankees sprechen denn wirklich deutsch? Und wie viele von diesen sind imstande oder willens deutsche Bücher zu lesen! Bestenfalls kommt wieder nur Fachliteratur in Frage. Vom deutschen Geistesleben weiß man auch in den USA.(wo doch relativ das Maximum Interesse für uns da ist, welches immer noch ein Minimum darstellt) fast gar nichts. Uebersetzt tbird das, was der anglofächsischen Denkweise am nächsten kommt, das. wovon man sich einen Erfolg verspricht. Die Zeitungen bringen meist nur, was ihnen in den Kram paßt. Sellen einmal erscheint in einer Monats- schrift ein wenigstens zusammenfassender, wenn auch nicht un- parteiischer Artikel. Während man drüben jeden letzten Schlupf- winkel der englischen Seele kennt und sich gerne mit französischen Kenntnissen brüstet, ist die Unkenntnis deutscher Angelegenheiten groß, nein ungeheuerlich Ich habe immer das Gefühl, als müßte man jedem einzelnen Amerikaner, der seinen Fuß auf deutschen Boden setzt, von Staats wegen olle nötigen Aufklärungen geben; denn was diese Leute für Eindrücke über den Ozean nehmen, geht durch die Presse; das ist so ziemlich der einzig« solide Stützpunkt der öffentlichen Meinung. Man muß sich vor Augen halten, daß es in der ganzen Neuen Welt eine Pressesitte ist,' heimgekehrte Curopafahrer zu interviewen. Was diese in ihrer hausbackenen Art dem Reporter ihrer Heimatszeitung erzählen(und das wird in Schlagzeilen festgehalten), gilt als glaubwürdigeres Material denn die bezahllen Tüfteleien europäischer Schöngeister(wenn sie über- Haupt gelesen werden). Der koloniale Familienvater gilt zu Haufe, wo er eine Farm oder ein Provinzgeschäft besitzt, als der ver- nünftige, verläßliche Nachbar, sein Urteil über Deutschlaich ist maß« gebend bei kleineren Leuten, die nicht auf Reisen gehen können, ja selbst oft dann, wenn diese deutscher Abstammung sind. Sie kennen den Ion oder Jack, und was er sagt, gilt als unverbrüchliche Wahrheit. Wäre es unter diesen Umständen nicht am Platz«, eine gewisss Auslandspropaganda im Inland zu betreiben, zumal die im Ausland betriebene vollkommen unzulänglich ist? Wenn nun immerhin unsere Beziehungen zu den USA.(nament- lich die ökonomischen) gepflegt werden, so hat es ganz den Anschein, als ob uns die übrige koloniale Welt nichts anginge. Bezüglich Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika(und Südamerika) inter- essiert uns, ob wir gegebenenfalls dort unterschlüpfen können, falls wir keine anderen Existenzmittel mehr an der Hand haben— was die Bewohner dieser Länder von uns halten, fcheiitt uns ziemlich schnuppe zu sein. Das ist ein geradezu grotesker Fehler unserer Einstellung. Wenn bloß die Deutschen die jeweiligen Besucher der englischen Kolonialwelt sprechen hören könnten! An diesen liegt es nicht, daß unsere Beziehungen keine besseren sind, man bringt uns da allerhand Sympathien entgegen und einiges Verständnis— in diesem Falle aber sind wir die Ungebildeten, die Unausgetlärten. Allein das im Englischen verpönte Wort.Kolonien" führt uns voll- ständig irre. Das Wort„Kolonie" ist eine Beleidigung in England. Und das Wort„colomal", wie man die Ucberseeanglosachsen in England nennt, ist ein Schimpfwort, etwa gleichbedeutend mit Kolonialpöbel. Kolonie kommt von Strafkolonie. Das war die ur- sprüngliche und heut« gern vergessen« Besiedlungssorm. daher die neuen Bezeichnungen: clomimon, common wcaltli usw. Wir denken immer an unsere ehemaligen Kolonien, die, ob gut, ob schlecht, so doch jedenfalls von der Wilhelmstraße aus verwaltet wurden und ein Stück(exotisches) Deutschland waren. Die(nur so genannten) englischen Kolonien sind sich selbst regierende große Reiche, angegliederte, ihre eigenen Pässe ausstellende Staaten, der eine ein ganzer Konttnent für sich, alle kommende neue„Amerikas", Zutunftsstaaten, die uns genau wie die USA. jeden Tag mehr betreffen. Aber bahnen wir politische, ökonomische oder geistige Bs- Ziehungen mit diesen Ländern an? Nein, wir schmeißen alle von Briten bewohnten Ueberseeländer in einen großen Topf und kleben darüber den Zettel„Inhalt Großbritannien". Schon vom bloßen Auftreten des englischen kolonialen Menschen könnten wir lernen.(Ich sehe deren genug in Berlin W und erkenne sie sogleich an ihrem selbstbewußten und zugleich legeren Austreten.) Das sind keine rauhen Kolonisateure, Urbarmacher, sondern(zumeist) Kleinfarmer, eingesessene Bürger junger, rasch aufblühender, ihre Besonderheiten ungestüm ausprägender, ehrgeiziger, stolzer Länder, die sich um kein Haar geringer dünken als der vielbewundert« Dank. Wir sollten uns danach richten Die neue Zeit hat die neue Welt, die neueste Welt in den Vordergrund gedrängt. In vieler Hin- ficht ist das moderne demokrattsche Deutschland dem englischen kolonialen Ideal noch näher als die vielgenannt«, USA. (24. Fortsetzung.) „itcüicr muß ich dos bestätigen, weil es der Wahrcheit ent- sprick)t". sagl« die Witwe Fein mit ihrer lauten, blechern klingenden Stimme. Der Strohhut saß schräg Mus ihrem grauet! Haar. Etwas zerrüttet sah sie aus. „Um eines möchte ich höslich, aber energisch ersuchen—' de- gann Arnold plötzlich. Aber er kam nicht weiter. An die Tür wurde geklopft. Die Polizei! dachte Arnold. „Der Dicke rief„Herein!*, es wurde höflichkeitshalber noch ein- mal geklopft, und ins Privatkontor kam auf vorsichtigen Sohlen der rotblondschnurrbärtige Nachbar des Lehrlings. Sein Gesicht war knallrot vor Aufregung, er sah sich die Lage an und machte dabei eine kleine Verbeugung nach der anderen. „Draußen ist ein Herr Dr. Cibulski*, sagte er mit geheimnis. voller Betonung zu seinem Chef,„er möchte Sie sprechen. Er sagt, er werde hier erwartet." Dr. Cibulski? dacht« Arnold, wer das wohl ist? Ob der auch etwas mit dieser Sache zu tun hat? Di« Antwort darauf konnte er sich einige Augenblicke später selber geben: Der Spitzbart kam herein, ja, er kam hereingerannt, mit sprühenden Augen sprang er auf den Lehrling zu. stand dicht vor ihm, öffnete den Mund und sagte seierlich: „Ja, das ist er." „Wer bin ich?" fragte Arnold, der sich wieder von allen Seiten angestarrt sah. „Ein ganz verdorbener Bursche", brauste der Alte auf, ,h«r Vertrerer einer recht unmoralischen Generation, ein Dieb sind Sie leider, ja—. Uebrigens. es zieht hier so unangenehm in den Rücken: ist es mir erlaubt, das Fenster zu schließen?" .La, gern", sagte der Dicke,„obgleich ich mir nicht recht denken kann, woher es bei 2b Grad im Schatten ziehen soll? Ich habe nur zur Feier des Tages meine Jacke angezogen, sonst säße ich lieber in Hemdsärmeln da, wie vor dem Empfang meines hohen Besuches." Der Dicke war auf den Lehrling Fein wütend. Was machte der Junge ihm in dieser Hitze die Ungelegenheiten da! Aus den Herrn Dr. Cibulski war der Dicke aber gleichfalls nicht gut zu sprechen, weil er ebensogut diese ganze Angelegenheit mit dem Kriminal- Polizisten in seinem eigenen Büro hätte erledigen können. Warum brachte er ihm diesen unangenehmen Schwarzen ins Kontor! Dr. Cibulski ersuchte noch einmal hoflich darum, ob nicht mit . Rückficht auf seine zarte Gesundlieit das Fenster geschlossen werden könnte? Den meisten der Beteiligten stand der Schweiß aus Stirn und Nase. „Meinetwegen", sagte der Dicke, und zu dem Lehrling Fein gewandt: „Machen Sie's Fenster zu." Als Arnold zurückkam, sing er an: „Ich ersuche Sie darum, meine Mutter sofort aus diesem Der- hör zu entlassen. Diese Gerichtsverhandlung, so komisch sie ist, schadet gleichwohl ihrer Gesundheit." Cr konnte den Anblick ihres leidenden Gesichtes nicht mehr er- tragen. Sie mar ganz blaß, unter den Augen blau. „Dieser Herr, Herr Dr. Cibulski, gibt an", sagte der Schwarze daraus,„Sie heute morgen beim versuchten Eindringen in die Redaktion nebenan betroffen zu hoben." Dr. Cibulski nickte. Außerdem— Schweigen. „Was haben Sie hieraus zu sagen?" fragte der Schwarze. Arnold schwieg. „Herrgott, machen Sie schnell", drängte der Dicke,„sagen Sic: ja, es stimmt— und die Sache ist fertig. Sie stehlen mir za meine kostbare Zeit." „Wie wird es mit meiner Mutter?" fragt« Arnold dagegen, „wollen Sie sie aus dem Verhör entlassen?" „Ich bleibe hier", sagte die Witwe Fein mit ihrer hohlen, lauten Stimme. „Ihre Mutter befindet sich hier als Zeugin. Würden Sie uns antworten, wenn Ihre Mutter nicht anwesend ist?" fragt« der Schwarze. „Nein." „So. Und auch auf die Frage, was Sie heute morgen im Büro nebenan so sehr interessierte, daß Sie durch'? Schlüsselloch spionieren mußten— bleiben Sie die 2lntwort schuldig?" Nach einer kleinen Pause, in der Arnold dem Schwarzen ins Gesicht gesehen hatte, brach er in ein ungeheures Gelächter aus. „Nanu?" sagte der Dicke,„was ist das? Werden Sie uns nun auch noch pathologisch?" Aber Arnold lachte, lochte weiter und weiter. Er lachte immer lauter, er sagte nicht weshalb, und wie es schien, konnte er beim besten Willen nicht aufhören. Das Lachen stieß aus ihm heraus. Wohl dreiviertel Minute dauert« sein Gelächter schon, in dem er sich nicht einmal durch das drohende Gesicht des Dicken unter- brechen ließ. Da fing di« Witwe Fein zu weinen an. „Er ist von Natur nicht schlecht", weinte sie,„von Natur ist er gut, genau so, wie mein seliger Fein es war. Ich habe ihn auch immer gut erzogen. Ich weiß nicht, wer ihn mir-so verdorben hat." Sie weinte hell wie ein weinendes Kind. Ihre Augen und Nof« waren rot. Und dabei hatte sie graues Haar und war seine Mutter. Arnolds Gelächter hatte aufgehört, „Wenn Sie wüßten", schrie er,»,wie komisch. Sie mit ihrem großartigen Spürsinn sind— Sie, und Sie, und Sie— ja Sie allesamt, meine verehrten Herren. Wenn Sie einmal die Auflösung des Rätsels erfahren, in das Sie sich sttzt hineindrängen, dann wer- den Sie sich nicht nur vor sich selber— auch vor mir werden Sie sich begossen und blameart sohlen. Ich werde die Geschichte in der Zeitung veröffentlichen lassen und dann—" „Ja, mm kehren Sie einmal Ihre Taschen um", unterbrach ihn der Schwarze mit ruhiger Stimme, Arnold fühlte auf der Schulter sein« Hand. Cr zuckt« zurück. In Zlngrtffsstcllung wartete er ab, was geschehen sollte, Den Befchl, seine Taschen betreffend, empfand er als noch robusteren Eingriff in sein« persönlichen Rechte als di« Hand auf der Schulter. Die Witwe Fein weinte lauter. „Uebrigens", sagt« Arnold und lachte verächtlich,„ich kann Ihnen auch meinetwegen den Inhalt meiner Taschen zeigen. Ich weigere mich nicht. Es wird für meine Mutter eine Beruhigung sein." Vor den Augen des Dicken entstand ein Neiner Laden, den er mit dem grünschillernden Lächeln sich ausdehnen sah. Ein Schlüssel- bund, ein Spiegel, ein Taschentuch, eine Unzahl von Notizzettelchen, vier Bleistiftstummel und einige Hosenknöpf«. Ein Portemonnaie, das eine Mark und fünfzig Pfennig samt einem roten Autobusfahrschein enthielt, wurde von dem Beamten bis in die entferntesten Ecken durchfpäht. „Es ist wirklich nichts außer meinem Taschengeld von drei Monaten darin, sagte Arnold bissig und steckt« das Portemonnaie wieder ein. Darauf machte sich der Beamte daran, die Innentaschen seines Jacketts zu durchsuchen. Di« nah« Berührung des Körpers dieses gedrungenen, fremden Menschen, der Atem, die warmen Hände unter seinem Kinn— Arnold hielt das Kinn erhoben, so wie er es tat, wenn bei der An- probe die Hände des Schneiders am Rockausschlag hantierten— das alles war ihm überaus ekelha-ft. „Die Weste", kommandierte der Beamte, Arnold trat einige Schritte zurück. So nah am Leibe wollte er di« Hände dieses un- angenehmen Menschen nicht haben. Er versprach, sich selber gewissenhaft zu visitieren, Aber kaum hatte er die Hand nur ein wenig in die linke Innentasche hineingeführt, als diese Hand wie elektrisiert heraus- flog. Arnolds Blick starrte erschrocken den Beamten an. „Nein", sagte er unsicher,„nein— es ist nichts darin—" „Hoppla", sagte der Schwarz« und kam näher, „Ich sage Ihnen, daß diese Tasche nichts enthält— jedenfalls nichts, das Sie im mindesten interessieren könnte", sagt« Arnold, jetzt sprach er mit fester Stimme. „Uns interessiert alles", sagte der Dicke. Der Schwarze griff mit der Hand in Arnolds Weste hinein. Auch die übrigen beiden Männer kamen noch näh«r heran. Nur die Witwe Fein blieb sitzen, wo sie saß. „Sahen Sie", flüsterte Dr. Cibulfki, der sich hinter dam Dicken hielt,..jetzt geben Sie acht, jetzt passen Sie—" Weiter kam er nicht. Er«rhtekt eknen Stoß vor den Magen«nd«wen Schlag ans Schienbein. „Au!" brüllte Dr. Cibulski, die Verlängerung fem«s Rückens flog gegen den Schreibtisch. Von der Wucht dieses Anpralls ver- ließen seine Füße den Boden— er lag rücNings auf der Schreib- tischplatte— seine Beine zappelten in der Lust--. Als Dr. Cibulski wieder auf die Bein« kam, fand er sich allein im Privatkontor. Er rannte hinaus und fand die anderen im Kon- tor am Ausgang zum Flur. Der ganz« Raum war in gewaltiger Bewegung. Kein Angestellter war auf seinem Platz. Alles schoß zur Tür und verstopfte den Ausgang. „Was ist denn los?" schrie Dr. Crbulski, und prüfte, ob seiner goldenen Brille nichts passiert wäre. Erst viel später erfuhr er, was sich ereignet hatte. Der Stoß vor den Magen, der ihm zuteil geworden war— das war nicht der Originalstoß gewesen. Nein, den Originalstoß von Arnold hatte der schwarze Beamt« bekommen, und zwar vor den Bauch: zurücktaumelnd, hatte er ihn an den Dicken weiter- gegeben, ins Gedärm. Von dem Dicken also hatte Dr. Cibulski den Stoß in seiner abgeschwächtesten Form empfangen. „Sie können von Glück sagen", brummte der Dick« unwirsch, „Sie haben am wenigsten abgekriegt." (Fortsetzung folgt.) eBuch 3)ie Inhrl der Snark Jack London:„Die Fahrt der Snark." Universitas, Deutsche Verlags A.-G., Berlin. Jack London hat die Enge einer armseligen Kindheit durchlebt. Kaum fünfzehn Jahre alt, stand er in einer Konservenfabrik an der Maschine. Monatelang war sein kürzester Arbeitstag zehn Stunden. Bücher, die er nachts im Bett las, erzählten chm vom bunten, wilden, abenteuerlichen Leben: Und der Knabe begriff: es konnte nicht der Sinn seines Lebens sein, zwischen Bett und Maschine zu taumeln. Cr stürzte sich auf die Freiheit mit der Gier eines Menschen, der Jahre hindurch mit hungrigem Magen die Leckerbissen bearbeitete, die andere verspeisten... Die Furcht, daß die lockende Vietfältigkeit des Lebens ihm entgleiten könnte, ohne daß er sie durchkostet hat, befällt noch den wohlhabenden Schriftsteller. Mit 33 Iahren läßt er sich eine Segeljacht bauen, die er über den Großen Ozean von San Franziska nach Australien steuert. Er oerläßt seine herrliche Farm, s«in sicheres, behagliches Leben und kreuzt zwei Jahre in einer der gefährlichsten Gegenden des Meeres. Gefahren, Mühen, Tropenkrankheiten sind notwendige Teile des Lebens, wie es Jack London sich ersehnt. Auf der Fahrt schrieb London Bericht« für ein amerikanisches Magazin, aus denen dann sein Buch„Die Fahrt der Snark" entstand. Jack London zeigt Gefahren und Schön- Hecken dieser Fahrt im strahlenden, klaren Licht; aber das Häßliche bleibt im Dunkel, oder es wird in einer möglichst vorteilhaften Teil- beleuchtung geboten. Von den Aussätzigen aus Molokai bekommt man kein Bild— nur. von ihrem Leben auf der klimatisch außer- ordentlich begünstigten Insel. Und das AUoholkapitel jener Fahrt, das den unheilbaren Trinker Jack London zeigt, steht nicht in diesem Reisebericht, sondern in dem autobiographischen Roman„König Alkohol". Drucke E. Schult WAS DER TAG BRINGT. Ein neues Betäubungsverfahren? Die Narkose, in der Chirurgie lange Zeit das einzig« Betäu- bungsverfahren, wird immer mehr durch die örtliche Betäubung ab- abgelöst. Der bekannte Professor Bier wandte beispielsweise schon u,m die Jahrhundertwende das Verfahren der Rückcmnark-Anäfthesie an. Dieses Verfahren ist jetzt bedeutend vervollkommnet worden. Mit einem neuen Mittel Spinoca, das dem Kranken eingespritzt wird, wird die völlige Unempfindlichkeit der unteren Körperhalfte erreicht. Die Patienten fühlen sich nach Anwendung dieses Mittels viel besser als nach Anwendung der Vollnarkose. Das wichtigste hierbei aber ist, daß die Schädigungen der Lungen und des Herzen-, wie sie bei Anwendung von Narkose manchmal vorkommen, weg- fallen, und außerdem kann sich der Arzt während der Operation mit dem Patienten unterhalten. wird mit Gold bezahlt, Die Abgaben, die die australischen Goldgräber und Oclsucher an die Regierungen leisten müssen, werden in neuerer Zeit dazu ver- wandt, um Expeditionen in das Innere des australischen Festlandes auszurüsten, die dort nach Wasser suchen sollen. Bekanntlich ist der größte Teil Westaustraliens trockenes, wüstenähnliches Tafelland mit einförmiger Vegetation, das für menschliche Kulwrsiedlungen wegen des herrschenden Wassermangels kaum in Frage kam. Wie man aus der Finanzierung solcher Wasserexpcditionen schließen darf, scheint bei der australischen Regierung der Plan zu bestehen, die nustroli- scheu Steppengebiete zu kolonisieren. f Flugzeugabsturz durch Kohlenoxyd. Eine Absturzursache, die in der Geschichte des modernen Flug- wesens einzig dastehen dürfte, wurde bei einem Flugunsall in Kansas City ermittelt. Dort stürzte ein mit vier Passagieren und dem Piloten besetztes Flugzeug aus unerklärlicher Ursache ab, wobei olle fünf Personen den Tod fanden. Erst die eingehende Unt«r- suchung schaffte Klarheit: die Auspussgasc des Flugzeugmotors, die zur Heizung der Kabine verwandt wurden, drangen durch eine un- dichte Stelle des Rohres in die Führerkabine und betäubten den Piloten, der das Steuer des Flugzeugs im Fallen herumriß und dadurch den Abstu� des Flugzeugs herbeiführte. Auch bei Ratten vererben sich„Kenntnisse'1. Ein Gelehrter sperrte Rotten in«inen dunklen Käsig, der unten .zum größten Teil einen kleinen Teich bildete, aus dem zwei Wege aufs Trocken« führten. Der eine war elektrisch beleuchtet, jedoch mit einer tückischen Einrichtung oersehen, die den Ratten einen harm- losen, aber immerhin unangenehmen elektrischen Schlag versetzten. Die Tiere gewöhnten sich nach und nach daran, diesen Ausschlupf zu melden und dafür den anderen zu benutzen, der keine Straßenbelsuch. tung hatte, aber dafür auch ohne Belästigung benutzt werden konnte. Bei späteren ZZersuchen zeigte sich nun, daß solche Ratten, die von den bereits„trainierten" Tieren abstammten, schon von vornherein den dunklen Weg wählten, während bei anderen wieder erst nach und nach die richtig« Wahl getrossen werden mußte. Der durchsichtige Mensch. Auf einer Londoner Ausstellung wurde kürzlich ein menschlicher Körper gezeigt, der ganz durchsichtig gemacht worden war! Das seit- same Schaustück stammte aus dem Dresdener Museum für Gesund- heitspfl«ge. Man hatte dort eine Leiche sorgfältig auseinander- genoinmen und nun die einzelnen Teile auf eine geheimnisvolle Weise so behandelt, daß man durch sie hindurchsehen konnte. Dabei war es nämlich gelungen, aus allen Stücken die undurchsichtigen Bestandteile herauszubringen. Der wieder zusanmrengefetzt« Körper zeigte dann eine sozusagen geisterhafte Form und das Fleisch um- schloß wie eine gallertartige Mass« die festen, aber auch mehr oder weniger durchsichtigen tieferen Teile. Diebe als Versschmiede. Es geschieht zuweilen, daß bei Einbrüchen die Herren Spitz. buken über di« mitgenommenen Gegenstände in mehr oder minder vollendeten Versen quittieren. Einer dieser sonderbaren Poeten machte einem Kopenhagener Restaurant«inen nächtlichen Besuch, erquickte sich an den dort vorhandenen Vorräten und hinterließ< einen Zettel folgenden Inhalts: .Dein Bier ist gut, auch der Zigarren Hochfeiner Duft hat mich entzückt. Könnt' länger ich bei deinem Wein verharren, Fürwahr, ich wäre hochbeglückt." Der betriebsame Wirt sah sich für den erlittenen Schaden dadurch. reichlich gedeckt, daß er diesen Vers auf groß« Plakate abdrucken und in seinem ganzen Biertcl anschlagen ließ. Unangenehmer war ein Vorfall, von dem die-Bewohnerin einer Dresdener Pension betroffen wurde, die am Morgen beim Aufwachen folgende Zeilen auf ihrem Tischchen fand: „O schönste Frau, ich habe alle Ihre Ringe. Auch Ihre Uhr, die Nadeln und noch«rndre Dinge. Ich eile jetzt, indem ich noch Ihr Loblied sing«, Daß ich in Sicherheit mich damit bringe." Nicht so galant behandelt wurde ihre Freundin, die im anstoßen- den Zimmer schlief und am Morgen folgende unerwünschte schritt- liche Mitteilung vorfand: „Dieweil du schliefest, holde Träumerin. Bin heimlich ich zu dir gekommen: Ich sah den Perlenschmuck, der deines Halses Zier. Doch da er falsch ist, hob ich ihn nicht genommen." Vor einiger Zeit drangen in die Wohnung rines jüdischen Rechtsanwalts Diebe ein und ließen neben anderem auch das im Keller ausbewahrte, frisch ausgeschlachtete Schwein mitgehen. Der Dieb legte in die leer« Molle folgenden Zettel: „0 Jüdlein, Jüdlein, laß dir raten: Genieße niemals Schweinebraten! Das Schwein zu stremmen mar mir Pflicht: Und Mose» zürnt mir sicher nicht. Laß' dieses Schwein dir Warnung sein, Sonst kommst du»!cht in o Himmel rdn." Kreisregatta in Grünau Ein Sonntag voller Erfolge Vom herrlichsten Wetter begünstigt, veranstalteten gestern die dem Arbeiter-Turn- und Sportbund angeschlossenen freien Ruderer und Kanufahrer des 1. Kreises ihre diesjährige Kreisregatta in Grünau. Durch die zahlreiche Beteiligung auswärtiger Mannschaften, die aus Leipzig, Würzen, Dresden, Dortmund, chof i. B., Stettin, Rathenow und Brandenburg erschienen waren, wuchs die Beranstaltung weit über den Rahmen einer Kreisregatta hinaus. Die nach Tausenden zählenden Zuschauer wurden Zeugen sportlich auger- ordentlich schöner Wettkämpfe. Dadurch, daß die Rennen durch eine Lautsprecheranlage übertragen wurden, war es möglich, den Verlauf der Rennen von Anfang bis zu Ende zu oerfolgen. In den meisten Rennen scharfe Bord-an-Bord-Kämpfe vom Start bis ins Ziel. Für die Zielrichter muß es oftmals schwer gewesen sein, die siegende Mannschast festzustellen. Alles in allem war der gestrige Tag für die Ruderer und Konufohrer in propagandistischer sowie in spart- licher Beziehung ein voller Erfolg. Verlaut der Rennen Eingeleitet wurde die Regatta mit einer Auffahrt der F r a u e n- Mannschaften. Imposant der Eindruck, wie etwa 40 Mann- schaften, Kanuvierer, Doppelvierer und Achter an den Tribünen vorbeizogen. Dann starteten die Riemenvierer für Ju- n i o r e n. Dieses Rennen wurde infolge der zahlreichen Meldungen in zwei Läufen ausgefahren. Den ersten Lauf gewann die kräftig« Mannschaft der Freien Ruderer-Vereinigung 1913 sicher vor Vor- wärts-Berlin. Der zwett« Lauf wurde von der sehr guten Mann- schast des A. R. u. K. Berein, Dortmund, in großem Stil gewonnen. Um den zweiten Platz kämpften Tollegia und Vorwärts-Berlin, den aber Collegia mit geringem Vorsprung zu seinen Gunsten entscheiden konnte. Der Doppelvierer für Junioren war ein Rennen, wie man es selten zu sehen bekommt. Vom Start bis ins Ziel ein heißer Kampf um die Führung. Zwei Vorwärts-Mannfchaften machten sich von den übrigen Booten frei, und mit großem Vor- sprung gingen beide Boote im toten Rennen durchs Ziel. Im Jugend- und im Frauenstilrudern wurde durchweg sehr gut« Ruder- arbeit gezeigt. Besonders gut konnten einige Frauenmannschaften gefallen. Den Punktrichtern muh es schwer geworden sein, hier die besten Mannschaften herauszufinden. Di« höchste Punktzahl erhielt schließlich die vorzüglich eingesahren« Mannschast des Ruder- Vereins Collegia vor einer Vorwärts-Mannschost. Im Iugendstilrudern belegten Borwärts-Mannschaften die ersten Plätze. Der Riemenvierer für Senioren wurde vom Ruder- verein Saxonia-Wurzen nach prächttgem Kampf vor dem A. R. u. K. Verein, Dortmund, gewonnen. Di« Mannschast vom Ruder-Verein „Fortschritt'. Dresden-Laubegast, hatte kurz nach dem Start Boots- schaden und' mußte leider das Rennen aufgeben. Der Achter für Junioren wurde von R2. Vorwärts-Leipzig, der zwei Mannschaften ins Rennen schickte, sehr sicher vor Collegia und Vorwärts-Berlin gewonnen. Ein heißer Kampf dagegen war wieder der Doppelvierer für Senioren. Wieder waren es zwei Vorwärts-Mannschasten, die einander gleichwertig waren. Tom Start bis ms Ziel ging es Bord an Bord. Schließlich siegte im prächtigen Endspurt die alte einge- sahrene Seifert-Mannschaft mit nur vierfünstel Sekunden Vorsprung. Auch der Riemenvierer für Anfänger war ein Rennen, das erst im Ziel entschieden wurde. Hier siegte die Vorwärts-Mannschaft vor der gleichfalls sehr guten Mannschaft der Freien Wassersahrer Bran- denburg a. d. H. Der Doppelzweier für Junioren wurde von der Freien Ruderer-Vereinigung 1913 gewonnen. Der Achter für Senioren wurde von Vorwärts-Leipzig und Collegia und Vorwärts- Berlin bestritten. Während der Achter von Collegia auf der zweiten Hülste der Strecke zurückfiel, kämpften Vorwärts-Leipzig und Vorwärts-Berlin«in erbittertes Rennen, das schließlich Vorwärts- Berlin mit einigen Metern Vorsprung zu seinen Gunsten«nt- scheiden konnte. Rannrennen Doppelkajak Klasse So für Junioren wurde von der Mannschast der Freien Turnerschaft Groß- Berlin vor der Mannschast von Schweifsterne nach prächtigem Kampfe mit einer Länge gewonnen. Das Einer-Kajak-Faltbootrennen Klaffe 9 wurde von den Freien Schwimmern Charlottenburg vor den Freien Faltbootfahrern Berlin sehr sicher gewonnen. Ein prächtiges Bild bot das Frauen st ilpaddeln im Viererkajak. Die Mannschaft der Freien Kanuunion siegte mit nur% Punkt Dorsprung vor den Freien Wasserfahrern Köpenick, der nur mit weiterem% Punkt die Freie Turnerschaft Groß-Berlin folgte. Im Viererkajak Klasse 7 für Junioren entspann sich gleich nach dem Start ein heftiger Kampf um die Führung. Beide Mannschaften der Freien Turner- schaft Groß-Berlin sowie die Freie Kanu-Union wechselten sich gegenseitig in der Führung ab. Nach heißem Kampf« konnte«nd- lich das zweite Boot der Freien Turnerschaft Groß-Berlin mit 2 Sekunden Vorsprung das Rennen für sich entscheiden. An zweiter Stelle folgte das erste Boot der Freien Turnerschaft Groß-Berlin, dicht darauf die Mannschast der Freien Kanu-Union. Im Einer- rennkajak Klasse 1 siegte die Arbeiter-Wassersportvereinigung Hof i. B. Das Boot der Freien Schwimmer Chorlottenburg lag anfänglich in Führung, kenterte jedoch kurz nach dem Start und mußte so leider das Rennen aufgeben. An zweiter Stelle folgte das Boot der Freien Turnerschaft Groß-Berlin, während an dritter Stelle wieder ein Boot der Arbeiter-Wassersportvereinigung Hof i. B. eintraf. Das Doppelkajak-Faltbootrennen Klasse 10 war eine sichere Sache der Freien Faltbootiahrer Berlin. Das führende Boot siegte mit zwei Längen Vorsprung, während den zweiten und dritten Platz wieder die Freien Faltboot- iahrer belegen konnten, jedoch entspann sich um den zweiten Platz zwischen diesen beiden Booten ein scharfer Kampf. Das Haupt- rennen der Kanufahrer, das Bierkajatrennen Klasse 7 für Senioren war ein Kampf vom Start bis ins Ziel. Ständig wechselte die Führung, erst bei 500 Meter tonnte sich das Boot der Freien Turnersthast Groß-Berlin eine geringe Führung sichern. Dicht auf folgte die Freie Kanu-Union. Mit nur Vs Sekunde Vorsprung konnte die Mannschast der Freien Turnerschaft Groß-Berlin das Rennen für sich entscheiden. Gleichfalls nur% Sekunde waren die Mannschaft der Freien Wassersahrer Köpenick und die Mann- schaft von Schweifsterne auseinander und die Freien Wasserfahre? Köpenick konnten im letzten Augenblick den dritten Platz behaupten. Besonderen Anklang fanden die in den Pausen eingelegten Schwimmvorführungen, ausgeführt von Schwimmerinnen des 1. Kreises. Gleichfalls wurden die von dem Arbetter-Wasser- rettungsdienst gezeigten Rettungsvorführungen aufmerksam verfolgt. Es ist zu wünschen, daß derartige Rettungsvorsührungen häusiger gezeigt werden, um so die Tätigtest des Arbeiter-Wasferrettungs- dienstes der Oeffentlichkeit gegenüber vor Augen zu führen. Reichen Beifall ernteten die von den Freien Faltbootsahrern Berlin ge» zeigten Kenter- und Tauchoersuche in Faltbooten. Resultate folgen in der morgigen Ausgabe des„Abend'. Das 2. Bundesfest in Aussig 1 8 OOO aktive Teilnehmer— 50 000 Zuschauer Züm zweitenmal hatte der Arbeiter-Turn- und Sportbund der Deutschen tu der Tchechoslowatei zum Bundesfest aufgerufen und diesmal nach der im Elbtil gelegenen Stadt Aussig. Schon am Freitag zogen unaufhörlich Bereine auf Vereine in die im Fahnenschmuck prangende Stadt ein. Das am Bahnhof gelegene Bundeshaus erstrahlt« im prächttgen Rot. Mit- tos in glühender Sonnenhitze setzte ein Massenstrom von Menschen zu dem neuerbauten und herrlich gelegenen Stadion ein. Um 14 Uhr marsch'erten die Turner und Sportler zur Eröffnung des Festes unter Musikklängen in die Kampfbahn, einen Wald von roten Sturm- sahnen vorantragend. Dann betrat als Vertreter der Deutschen So- zialdcmokratischen Partei in der Tschechoslowakei der Genosse Beutel-Aussig die rotgeschmückt« und mit den weithin leuchtenden Worten.Frei Heil" und.Fljfundschaft' geschmückte Rednertribüne und begrüßte die Massen. Im Anschluß daran eröffnete der Bundes- , obmann Potscheyka das Fest mit den Grüßen an alle Erschienenen. Im Namen der Stadt Aussig hieß der Bürgermeister Genosse Pölzl die Teilnehmer willkommen. In Austrage der Sozialistischen Ar- beitersportinternationale sprach der Präsident Gellert-Leipzig, ihm folgten Vertreter aus Prag, Riga, Warschau und Budapest. Gast- geb-Wien überreicht« al» sichtbares Zeichen der Einladung zur 2. Arbeiterolympiade 1931 nach Wien ein« rode Swrmfahne, die der Geschäftsführer des deutschtschechischen Verbandes Müller-Aussig mit Worten des Dankes an alle übernahm. Am Abend fanden in den größten Sälen der Stadt Festvorführungcn turnerischen und gesanglichen Inhalts statt und im Theater«ine besondere künstlerische Aufführung. Alle Säle waren Lbersüllt. Eine 20fachc Menschenipauer umgab am Sonnabendabend das Fußballfcld. Deutschland spielte gegen die Auswahl- mannschast des gaftgebenden Verbandes. Die deutsche Mann- schaft hatte am Vorabend gegen Oesterreich in Zuckmantel 2:2 ge- spielt und man sah mit großer Spannung dem Ausgang des bevor- stehenden Spieles entgegen. Beide Mannschoften zeigten ein unvergeßliches Mcisterspiel. In der ersten Halbzeit waren sich die Gegner völlig gleichwertig. Dos Ergebnis lautete in der Pause 2: 1 sür Deutschland. Nach dem Seitenwechsel wurde Deutschland leicht überlegen und siegte 4:3. Die Torwarte beider Mannschaften, besonders der des gastgebenden Verbandes, lieferten großartige Arbest und rissen zur Bewunderung hin. Dos Urteil der Zuschauer mar«instimmig: Solche vollendete' Kunst, gepaart mit einwandfrei brüderlichem Spiel, ohne jede Roheit, ohne jeden�Prokest oder auch nur jede Widerrede, wie es die beiden Mannschaften boten, das können nur die Arbestersportler tun. Der Sonntag war der Höhepunkt der großzügigen Beranstal- tung. Bei glänzendem Wetter beteiligten sich am Festzug 18000 Turner und Sportler, und auf dem Festplatz erwarteten 50 000 Zuschauer den Einmarsch. Die Massen boten einen überwältigenden Anblick. Zu den allgemeinen Freiübungen marschierten 4000 Männer und 3000 Frauen aus. Sondervors ührungeu wurden ge- zeigt von 250 Oesterreichern, 500.Sachsen jmd von 550 Frauen und 500 Männern des tschechischen Verbandes(Prag). Alle Vorführun- gen fanden ungeteilten Beifall. Den Hauptakt der Handballspiel« im Rahmen des Festes bildete das Länderspiel Deutschland gegen den österreichi- schen Arbeiterhandballverband, da» Deutschland 8:5 (3: 3) gewann. Anfangs waren die Oesterreicher technisch etnws besser, spielten aber verhältnismäßig hart. Der Schiedsrichter griff dagegen energisch»in. Nach und nach kam die deutsche Mannschaft in ihre bekannte ausgezeichnete Form und siegte verdient. Am Schluß des Festes gruppierten sich 8000 bis 10 000 Teil- nehmer m der Mitte der Kampfbahn um«ine mächtig« Fahnen- Pyramide. Nach einer kurzen Ansprache erhoben sie und die Au- schouermassen die Hände mn Gelöbnis, sich für die Arbeiter- sportbewegung und die allgemeine Arbeiterbewegung bis zun» Sieg» einzusetzen. Das 2. Bundesfest nahm einen Verlauf, der alle Er- Wartungen weit übertraf. Jugendtreffen in kürstenwaldel Di« Hoffnung, mit der die Jugend des 1. Bezirks und die Frei« Turn erschaft Groß-Berlin das große Tressen am 5. und k. Juli in Fürstenwalde erwartete, erwies sich als berechtigt: Schon am frühen Nachmittag kam Schar auf«char herbei! Der Quartierausschuß haste alle Hände voll zu tun, aber alles klappte wie am Schnürchen! Um 2V/z Uhr zog der imposante Fackelzug von 1500 Teilnehmern durch die geschmückten Straßen zur Somienwendseker. Der Arbeitergesangverein„Einig- keit' kettete die Feier ein, dann sprach Bezirtsjugendleiter Heinz Wagner anspornende Begrüßungsworte. Die Musitabteilung des „Turnvereins Friesen-Fürstenwalde' spielte, künstlerisch geleitet und aeschult, unsere Kampslieder. Dann begann das schöne Festspiel .'.Die Freiheit ruft". Trompetensignal! Die dunkle Fläche ward plötzlich taghell, riesige Scheinwerfer beleuchteten die Freilichtbühnen, immer neue Gruppen erschienen: 200 Arme erhoben sich und riefen ein donnerndes„Mach dich irei!". Rischk als Leiter des Eprechchors hat hier ein Meisterstück vollbracht. Die Chorteil- nehmer zogen mit der Bezirksjugend unter leuchtenden roten Fahnen »ach dem Holzscheit, der jetzt angezündet wurde. Der Gesangverein stimmt« das Lied vom heiligen Feuer an, eine Rezitation folgt« dann sprach begeisternd Franz K ü n st l e r. Mit einem Treue- gelöbnis schloß Genosse Wagner die Abendkundgebuna. Am frühen Somttagmorgcn wurden auf dem Sportplatz die Handballspiele ausgetragen. Ulster der dankenswerten Leitung von Rettor Unger fanden sich achtzig Teilnehmer für eine heimatkundliche Führung durch Fürstenwaldc zusammen. Um 1l Uhr fanden auf dem Platz der Republik en» Platzkonzert und Volkstänze statt. Ilm lZl- Uhr begab sich der Festpig unter roten Stunnfohnen zum Friesen-Sportplatz, auf dem sich bereits die Zuschauer stauten. Be- zirksjugendleiter Heinz Wagner dankte der Fürftenwalder Ein- wohne rschoit sür die herzliche Gastfreundschaft. Genosse Matth« ließ leine Ausführungen in den Worten gipfeln: Jugend stürme voran. sei mit uns Ziel und Wegbereiter! Darauf betrat der Bürermeister der Stadt Fürstcnwalde, Stall, den Rednertisch. Seine Wort« klangen aus in den Mohnruf an die Jugend, sich nicht nur einseitig mst Sport zu betätigen, sondern auch den Geist zu schulen für den großen und schweren Kamps der Arbeitorschaft, Nachdem auf der Freilichtbühne die Fohnengruppe Aufstellung genommen hoite, solgten allgemeine Gymnastikübungen. Dann kamen die leichi athletischen Wettkämpfe. Beachtlich« Leistungen wurden bei den Stabhochspringern und im Speerwerfen erzielt. Mit besonderer Freude verfolgten die Jugendlichen die Vorsührungen im Jiu-Jitsu, die von»er„Sportlichen Vereinigung Lichtenberg-Friedrichssetde" vorgeführt wurden. Gleichzeitig zeigte„Tennis-Rot Lichtenberg" ein interessantes Spiel. Den Abschluß der sportlichen Veranstaltung bildete ein Handballspiel Kaulsdors gegen Fürftenwcilde, das die Kaulsdorfer Jugend mit 5: 3 gewann. Es war ein« schöne Veranstaltung, die dem Arbeitersport neu« Freuno« gewinnen wird. 'ARBEITEIL WSSBALL Lichtenberg II schlagt Union 7:Z(1:0) Das letzte Serienspiel der 1. Klasse im 1. Bezirk, das zwischen Lichtenberg II und Union-Tempelhos statt- fand, endete mit einer Riesenüberraschung. Die Tempelhoser, die wahrend der ersten Halbzeit stets mehr vom Spiel hatten, konnten dies« Ueberlegenheit nicht in Tore ausdrücken. Die körperlich schwächeren und auch kleineren Lichtenberger konnten in der 10. Minute durch ihren Halbrechten mit 1: 0 die Führung an sich reißen. Alle Anstrengungen der Tempelhoser, den Ausgleich zu er- ringen, scheiterten bis zur Pause an der Hintermannschaft Lichtenbergs. Gleich nach dem Wiederanstoß zog Union vor das Tor Lichtenbergs und das Resultat lautete 1: 1. Aber wenige Minuten später lagen die Ltlaweißen bereits wieder in Führung, und wieder einige Minuten später zogen die Tempelhoser gleich. Run folgte eine Serie beiderseitiger Angriffe um die Führung. In der 22. Minute gelang den Lichtenbergern der große Wurf. Damit war es auch mit dem Widerstand der Tempelhoser vorbei. Beim Stande von 7: 2 beendete der Schiedsrichter, der dem Spiel ein guter Leiter war, ein faires und flottes Treffen.— Auch die zweite Mannschaft der Lichtenberger konnte gegen Tempelhos 2, die nur mit neun Mann antraten, mit 4: 0 siegreich bleiben. W e i ß e n s e« weille bei Karow zu Gast. Die Karower zeigten sich dem Vertreter der Kreisklasse mit 4: 0(2: 0) überlegen. — Oderspree weilte bei den Schwiebuser Amateuren, die mit 3:1(1:0) geschlagen wurden.— Lichtenberg I und Hoppegarten trennten sich beim Stande von 4:0(3: 0). Karow 2 gegen Saxonia 2 2:0(1:0). Lichtenberg I 2 gegen Weißensee 2 3:0. Eiche-Köpenick gegen Vorwärts-Weddhig 12:0. Eiche gegen Eintracht-Reinickendorf ö: 3. *» Die württembergische Auswahlmannschaft spielte gegen Niederösterreich und verlor im ersten Spiel 0:4 und im zweiten Spiel 0:3.— Die Nürnberger Städtemännschaft weitte in Sachsen. Während die Nürnberger gegen Leipzig mit 3: 5 den kürzeren zogen, gewannen sie gegen Würzen 5: 0. „Quer durch Neukölln" Massenstart der„Freien Schwimmer* Am Sonntag veranstalteten die„Freien Schwimmer Groß- Berlin" wieder ein Langstrecke, ischwimmen„Quer durch Neukölln" mit einer Massenbeteiligung von Sportlern und Zuschauern. Das Langstreckenschwimmen führte durch den Neuköllner Schiifahrts- kcnal von der Lohmiihlenbrücke bis zur Kaijer-Friedrich-Bräcke. Am Startplatz waren die beiden Ufer dicht besetzt mit Zuschauern, die mit Interesse den Vorbereitungen zum Start zusahen. Pünktlich schickten die Kampfrichter die einzelnen Klassen, die die ganze Strecke von 2240 Metern zu durchschwimmen hatten, und auch die Stafetten ins Wasser, und wenige Minuten später sichteten die etwa 150 Schwimmer. Gleich nach dem Slart zeigt« sich die Ueberlcgen- heit von Pariser, Frohn, Lindemann und Fräulekn Frohn, die sich sofort von den Gruppen lösten und sich einen beträchtlichen Vor- sprung sicherten. Ihr gleichmäßiges Crawltempo brachte ihnen einen immer größeren Borsprung. Räch etwa 500 Me»r war der Kampf in der Männerklasfe fast ensschieden, Pariser hotte sich etwa 50 Meter vor Frohn'vorgearbeitet, und da er sein Tempo durch- hatten konnte, gewann er mit 200 Meter Borsprung vor Frohn. Auch in der männlichen Jugend konnte sich Lindemann vor Lempe feinen Vorsprang sichern und als erster durchs Ziel gehen. In der Frauenklasse gewann Fräulein Frohn, die acht Minuten früher als die zweste dieser Klasse, Müller, eintraf. Die Rennstrecke„Quer durch Neukölln" darf als ideal gelten, weil die Zuschauer das ganze Rennen genau oerfolgen können, und so folgte den Schwim- mern zu beiden Seiten des Kanals ein dichter Schwärm, der bis .zum Ziel mittles. An der Kaiser-Friedrich-Vrücke war das Banner der Freien Schwimmer aufgezogen, auch hier wieder warteten Hundert« auf die Schwimmer, die mit stürmischem Beifall empfangen wurden. Nach den Schwimmwettkämpsen zeigten die Freien Schwimmer Rettungsvorsührungen und anschließend einige recht interessante Wosserballspiele. Resuliat»! Ganze Streckt 2�40 Meter. Riitbor; t. Winkl er 61,10: 2. Werk»1,33.— Weidliche Ivaend: 1, Rodr>rx>>!> 56;«, 3. feiufcr 57,56. Männliche Jugend: 1. Lindein-nn 46,2; 2. Lempe 46,10.— Rrnueu: 1. grolm 52; 2. Müller 60,30.— Männer: I. Pariser 53.08: 2. ffrolm 47.42.— Alterp rieze: 1. Dilrina Ol.*?; 2. Kästner 63,33. e tafelte. 3. Ab.'mungen, WO 700, 700 Meter. MämUtchc Jugend: 1. 1. Manmchaii Renkölin 56,32. 2. S. Mannschaft Rrufölli» 61,14.— Männer 1: t. Mannschaft 52. Stafette. 6 Astläsu»«-». 330, 270. 400, MO. 160, 540 Meter. Kinder: 1. 4. Mannfch-tt 57,54. 2. 3. Mannschaft 61,14. Männliche Jugend: 1. Sicmensstadt 52,00. Solidarität auf der Straße Am gestrigen Sonntag hatten die bundestreuen Renn- iahrer de» Arbetter-Rad- und Krastfahrer-Bundes Soli- darftät ihr Straßenrennen auf der Rund st reck« Bernau, Schönow, Schönwaldc. Basdors, Wand- litz, Bernau. In der kurzen Strecke zeigten die Wilmersdorfer eine sehr gute Form. Sie konnten in der Reihenfolge Schneider, Naggatz, Huhn das Zielband als erste passieren. In der laygen Strecke, die zweimal umfahren werden mußte, blmb ans der ersten Rimdc das Feld geschlossen beisammen. Erst bei Schönow gelang c» einer 6 Mann starken Gruppe davonzuziehen. Doch schon bei Wandlitz fiel die Entscheidung. i)ier zogen ilnger, Balde, Sacht- leben dem Felde daoan und gingen in dieser Reihenfolge durchs Ziel. In der Altersklasse gelang es Eichler, die kurze Strecke als Sieger guf fem Konto zu bringen. Nachstehend die Resultate: 0ut*e Strecke: 1. Schneider sWilmer-derN 54: 43 Min. 3.??»»«<>» lWilmersdnrf) 54: 44. 3. Hulin iWilmcredorf) 55: 16. Lange eiterte: 1. Uw. Nennfastrer-Ndtkiluna. 110:16 Min 2. Milfr.».■llhteilung, 110: 16..3. Sortil leben. StzarloNenburg. 110:30. AUer-ckialie: l. Sichler. Sirnnfalirer zidleilunq. 55: 10 Min. 2. Kegel, Rennfahrer-SIdteilung, 63: 36, KatMbeniri Wedoinq. Unsere Kartell slstuni flllt strnte au?, l?e findet Man lag. 14 Zuli. 20 Ubr. im Soartstaii»»estberge statt. Zrageboarn di» fpätesten-, WiiNpoch. 6. Juli, an E. Tab Neri. R. 20, Ztziescnftraze 31, in, bei:. örtottiirtje fleeemt mtä> Söntiluntsn werden ersucht, sich Pannerzwg. 0. slul:. rege an Ut SanonCtottaa fitsw bu Ziazr» tu detrilizcn. Zaiv-cn und Tran- Patente vttSrwse». W 3)as9taus der Uneiall arbeiter Der Deutsche Metollarbeitcr- Verband Hot in der Alten Iakobstraße zu Berlin ein neues zentroles Berbandshaus errichten lassen, das demnächst der Benutzung übergeben werden wird. Der Monu- mentalbau stammt im Entwurf vom Architekten Mendelsohn. Versicherungsgewinne fürs Volk. Oer neue Aufstieg der Volksfürsorge im Zahre �929. Bon der..Volksfürsorge', Gewerkschaftlich-genossenschaftliche Versicherungs-A.-G., Hamburg, liegt jetzt der gedruckte Ge- schäftsbericht für das Jahr 1929 vor, der trotz der rückgängigen Konjunktur im vergangenen Jahre einen rekordmähigen Aufstieg melden kann. Es wird im arbeitenden Volke immer mehr Gemeingut, daß die„Volksfürsorge" für die Schaffenden eine gute und billige Lebensversicherung bedeuten will, deren Gewinne allein den Versicherten wieder zugute kommen und gleichzeitig ein Kreditinstitut zur Förderung aller gemeinnützigen wirtschaftlichen Betriebe der Arbeiterklasse, besonders aber des Wohnungsbaues für die werktätige Bevölkerung ist. 1924 1928 1929 Anträge zur Volks- und Lebens- Versicherung....... 68 988 550 353 580 638 Policenbestand....... 416 920 1 471 140 1 918 207 (in Millionen Marli 1924 1928 1929 Gesamte Versicherungssumme... 110,8 581,6 783,1 Prämieneinnahme und Kapitalerträge 5,6 30,0 45,9 Vermögensbestand....... 4,9 54,7 87,9 (Vermögensanlage Ende 1929: Grundbesitz.............. 2,2 Hypotheken........... r'• 49'3 Kommunaldarlehen u. Wertpap........ 29,7 Bankguthaben............. 6,7) Ausgezahlte Versicherungsleiftungen. 0.6 1,9 2,9 Gewinnanteile Volksoersicherung., 10°/g 25°/„ 300/a Lebensversicherung.. 20% 25% 35% lieber die großen Erfolge dieser 1912 gegründeten, nach der Inflation immer stärker ausgebauten Selbsthilfeeinrichtung der Arbeiierschaft gibt unsere Tabelle ein erfreulich eindeutiges Bild. Die Anträge zur Volks- und Lebensversicherung sind 1929 auf 581 000 gegen 550 000»n Vorjahr gestiegen oder fast auf das Neunfache von 1924. Die Zahl der P o l i e e n(Versicherungsverträge) hat sich von 1,47 aust 1,92 Mill. oder mehr als das 4 � f a ch e von 1924 erhöht. Die gesamte Versicher ungs- summe ist gegen das Vorjahr von 582 auf 783 Mill. oder auf das 7 fache von 1924 vermehrt. Die Prämieneinnahn, en und Kapital- crträge find von 30,0 auf 45,9 Mill. gestiegen, das ist mehr als das 8 fache von 1924. Der Vermögensbestand hat sich von 54,7 auf 87,9 Mill. erhöht, das ist fast das 20fache des Standes von 1924. Die Anlage dieses Vermögens erfolgt ausschließlich in, Interesse der Werktätigen: die gewährten 49,3 Mill. Hypotheken dienen dem Wohnungsbau hauptsächlich durch proletarische Baugenossenschaften. Die den Gemeinde» gewährien Darlehen dienen in der Hauptsache dem gemeindlichen Wohnungsbau. Die Gewinnanteile, die den Versicherten der Volts- lind der Lebensversicherung gutgeschrieben werden, können 1929 von 23 auf 30 bzw. von 25 auf 35 Proz. der gewinnberechtigten Prämien- Zahlungen erhöht werden. Es gibt schlechthin keine Versicherung, die einen derartigen Aufstieg und derartige Leistungen für die Ver- sicherten aufweisen kann. Die gewerkschaftlich-genossenschastliche..Volksversicherung", Hamburg. umfaßt heute mit ihren 1,92 Mill. Versicherungen bereits e i n Sechstel aller deutschen Versicherungen, obwohl die Volksfürsorge mit 80 öffentlichen und privaten Aersicherungsgesell- schaften in Konkurrenz steht. Mit einer Versicherungssumme von heute mehr als 800 Mill. steht die Volksfürsorge an dritter Stelle in Deutschland, nur der.,Allionz"-Konzern und der �Viktorm"-Konzern sind größer. Die rückhaltlose Offenheit in der Ausmachung der Gewinn- und Verlustrechnung sowie der Bilanz der„Volksfürsorge" wird von den Reichsaufsichtsstellen und auch der Konkurrenz un- uinschränkt anerkannt. In, Jahre 1929 wurde ein Gesan, lüber- schuh von 9,9 Mill M. erzielt, davon kamen dreimal je 5 Pro;. an den gesetzlichen Reservefonds, a» den Kriegsreservesonds und den besonderen Reservefonds. Rur 50 000 M. erhalten für das ein- gezahlte Kapital von 1 Mill. M. die gewerkschaftlich-genossenschaft- lichen„Aktionäre" als 5prozentige Zinsvergütung. Die gesamten Gewinne. für 1929, dos sind 8,4 Mill. M., werden entsprechend dem Grundsatz„Alle Gewinne den Versicherten" nach den oben schon genannten Prozentsägen gutgeschrieben. Die Ge- winnanteile werden mit 7 Proz. verzinst. Bisher wurden den Versicherten rund 20 Mill. an Kapital und Zinsen aus diese Weise gutgeschrieben. Die Arbeiterschaft kann auf ihre„Volksfürsorge", die eine wirk- liche Volksfürsorge ist, stolz sein. Ihren Aufstieg verdankt sie dem Bertrauen der Massen und dem Prinzip der ehrenamtlichen Mit- arbeit, das die Kosten niedrig hält und auch nicht verlassen werden soll. Merkwürdig, daß die � F i n a n z ä m t e r heute dieser echten Voltsfürsorgeeinrichtung die Gemeinnützigkeit absprechen wollen, um sie schärfer zu besteuern. So gebietet es nun einmal der Neid des Privatkapitals, wenn gemeinnützige Arbeiterunter- nehmungen Erfolge haben. Dieser Anschlag muß ebenso abgewehrt werden wie der, der kürzlich gegen die Konsulnvereine gerichtet wurde. Monöfeld sucht Streikbrecher. Dolchstoß des„Stahlhelms". Eisleben, 7. Juli.(Eigenbericht.) Ein Zeichen für die mustergültige Führung des großen Abwehr- kainpfes der Mansfelder Bergarbeiter ist die verschwindende Zahl von Streikbrechern. Gleich vom ersten Tage des Kampfes an, das war der 1. Juni, legten 97 Proz. der Belegschaft geschlossen die Arbeit nieder: der Rest wurde von der Direktion nach Hause geschickt. Aber schon in den nächsten tagen setzten Versuche der Werkleitung ein, Streitbrucharbeit einzurichten. Dabei konnte natürlich von einer Inbetriebnahme der Schächte und Hütten von vornherein keine Rede sein, es handelt sich vielmehr um das Verladen von Pflastersteinen, dem ausschlaggebenden Nebenprodukt der Mans- feld-A.-G. Die Wachsamkeit der Streikposten oerhindert« eine nennenswerte Ausbreitung dieser Streikbrucharbeit. Wenn heute vereinzelt von den Hütten aus Steine verladen werden, handelt es sich dabei in der Mehrzahl um von Bauunternehmern angeworbene fremd« Erwerbslose. So arbeiten zum Beispiel aus der Kochhütte bei Heldra, die eine Belegschaft von 1400 Mann hat, ganze 60 Streikbrecher. Diese Leute sind auf dem Werk in Baracken untergebracht und werden auch dort verpflegt. Verschiedentlich kam es zu Zwischenfälle», als die Streikbrecher von de» Schlacken- Halden aus Streikposten und Passanten mit Steinen bewarsen. In den letzten Iuniwochen versuchte die Mansfeld-A.-G. mit H> l s e des Stahlhelms das Messingwerk in Hettstedt in Betrieb zu fetzen. Auf den Gehöften rechtsradikaler Gutsbesitzer der Umgegend wurden Sammeltransporte vvn Streikbrechern zusammen- gestellt, die auf Lastwogen in das Messingwerk geschafft wurden. So arbeiteten eines Tages bei einer 1600 Mann starken Belegschast des Messingwerkes immerhin 250 Streikbrecher auf dem Werk. Eine bedeutende Verstärkung der Streikpostenkette um Hettstedt genügte aber, um auch mit diesen, teilweise bewasfneten Streikbrecherhorden fertig zu werden. Ganz abgesehen davon, daß sich schon aus produktionstechnischen Rücksichten eine Weitersührung dieses großen Streikburchversuchs als unmöglich erwies, war die Zahl der Betriebsunfälle dermaßen hoch, daß z. B. an einem Tage fünf der vollkommen un- geschulten Streikbrecher mit schweren Verbrennungen ins Kranken- Haus geschafft werden mußten. So liegt jetzt auch das H e t t st e d t« r Messingwerk wieder vollkommen still und der Stahlhelm hat einmal mehr bewiesen, daß er nichts weiter als eine verächtliche Streikbrechergarde ist. Aber auch sein Judaswerk hat die ge- schlössen« Front der 13 000 Streikenden nichteinen Tag erschüttern können. Senalsersahwahlen in Frankreich. In Clermont-Ferrand fand für einen verstorbenen radikalen Senator eine Ersatzwahl statt. Ge- wähl� wurde der Radikale Chassaing mit 614 Stimmen, der Kandidat der Sozialisten erhielt 240 Stimmen. Bei der Ersatzwahl in Per- pignan für den verstorbenen radikalen Senator Poms wurde im zweiten Wahlgong der radikale Kandidat Rameil. mit 300 Stimmen gewählt, während auf den Kandidaten der Republikanischen Konzen- tration 188 stimmen entfielen. Llnwetter und Erdbeben. In Spanien 10 Tote.— Taunus und Maintal heimgesucht. Madrid, 7. Juli. In der Nacht zum Sonntag wurde Südspanicn t>on einem Grdbebcn heimgesucht, das sich besonders in Sevilla, Malaga, Granada und Cordoba bemerkbar machte. In verschiedenen Ortschaften wurde die Bevölkerung von einer Panik ergriffen. Nach der Grschüttcrung, die gegen 2» Uhr eintrat, verließen die Bewohner in wilder Flucht die Häuser, um sich in Sieher- heit zu bringen. Glücklichertveise ging das Beben jedoch, ohne besondere Schäden anzurichten, vorüber. Trotzdem verbrachten viele die Nacht im Freien. In Mittel- und Nordspanien wüteten ebenfalls in der Nacht zum Sonntag schwere Unwetter, die große Schäden anrichteten und auch mehrere Todesopfer verursachten. Ueber die Provinzen Segovia, Guipuzeoa, Borgos und Soria ging ein Ge- witter nieder, wie es an Heftigkeit bisher kaum beobachtet worden ist. Die Getreideernte wurde vollkommen zerstört. In Guipuzeoa trat der Oria über die Ufer und überflutete die Gegend in einer Ausdehnung von mehreren Kilonietern. Ein Autobus, in dem sechs Personen Platz genommen hallen, wurde von den Wassermassen erreicht. Die Znsassen, die sich durch schleunige Flucht retlen wollten, erlranken. In der Provinz Burgos wurden zwei Personen vom Blitzschlag getötet. In der Gegend von Vitoria wütete«in furcht- bares Hagelunwetter, das nicht nur die Ernte vernichtete, sondern auch mehrere Gebäude schwer beschädigte. Viele Räume wurden durch den gleichzeitig herrschenden Sturm umgelegt. Ueber 20 Personen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, wurden durch zusammenbrechende Gebäude und herabstürzende Ziegelsteine mehr oder weniger schwer verletzt. Zwei von ihnen sind ihren Verletzungen erlegen. Auch in den nördlichen Provinzen von Portugal richteten schwere Gewitter unermeßlichen Schaden an und zerstörten die Ernte. Mehrere Personen wurden vom Blitzschlag getötet. Mainz, 7. Zull. Ein wolkenbruchartlger Regen mit Hagel wütete am Samstagnachmittag im Gebiet von Mainz im Rheingau, Taunus und M a i n t a l. Hagelkörner vernichteten einen Teil der Obst-, Gemüse- sowie der Weinernte. Der Eishagel lag in Fußhöhe in Wäldern und Weinbergen. Große Aefte wurden von den Bäumen abgeschlagen. Die Felder sind völlig verwüstet. Auch die Dächer der Häuser haben schwer gelitten.._,. u MotorbooiexpZosion auf der Havel. E!n Toter, ein Schwerverletzter. Die Havel bei E l a d o w wurde gestern der Schauplatz eines schweren INotorbootunglücks. Aus einem der zahlreichen Boote, die gestern die Havel zwischen Eladow und Sakrow belebten, erfolgten kurz nacheinander mehrere Explosionen und im Augenblick brannte das Boot in seiner ganzen Ausdehnung lichterloh. Der Besitzer des Bootes, der Kaufmann Ernst Sahn aus Eharlotlenburg, fand dabei den Tod, sein Be- gleitet, ein Sladloberinspektor Groppler aus Ehartottenburg. wurde von Sporlboolen schwerverletzt gerettet. Als sich das Motorboot etwa 50 Meter vom Ufer entsernt be- fand, schoß aus der Spitze plötzlich eine mächtige Stichslammer her- vor. Zahlreiche Sportler und Ausflügler sahen, wie einer der Boots- infassen, offenbar durch den Luftdruck, in hohem Bogen ins Wasser geschleudert wurde. Unmittelbar darauf erfolgte eine zweite Explosion un» der zweite Insasse sprang, um dem Feuertode zu entgehen, ins Wasser. Von allen Seiten eilten sofort die Boote hinzu, um den Verunglückten Hilfe zu leisten. Von Jahn war jedoch keine Spur mehr zu entdecken. Er muß so schwere Verletzungen erlitten haben, daß er sofort versank. Das völlig aus- gebrannte Motorboot wurde von der Cladower Feuerwehr an Land geschleppt. Der Reichswasserschutz hat nach der Leiche des tödlich verunglückten Motorbootsbesitzer bisher vergeblich gesucht. Sechs weitere Todesopfer des Sonntags. Das Baden an verbotener Stelle hat am Sonntag wieder sechs Todesopfer gefordert. Im Crossinsee ertrank der 27jährige Kaus- mann Eugen Schneider aus der Handjerystr. 76 in Friedenau. Im Teltowkanal bei Aolershos, unweit der Gustav-Borkmann-Brücke, fand der 21jährige Heinz Grubenau aus der Auguste-Diktoria- Straße in Adlershof beim Schwimmen, vennutlich infolge Herz- jchlages, den Tod. Seine Leiche wurde heute früh gelandet. Im Müggelsee unweit des Restaurants Müggelschlößchen ging der 25jährige Untergrundbahnschasfner Herbert S ch m o l o w aus Berlin, Planuser 7, vor den Augen zahlreicher Ausflügler unter. Obgleich der Ertrunkene bal» geborgen werden konnte, blieben alle Wieder- belebungsversuche ohne Erfolg. In der Nähe des Restaurants Neu- Ahlbeck ertrank dein: Baden in der Spree der Lehrling Herbert Lehmann aus der Wilhelmstr. 6 in Köpenick. Am Ufer des Langen Sees an der kleinen Rohrwallinsel bei Karolinenhof wunde am Sonntag srüh ein Boot treibend aufgefunden, in dem Beklei- »ungsstücke lagen. Wie die polizeilichen Nachforschungen ergeben haben, gehört das Boot dem 18jährigen Kellner Fritz H a r im a n n aus der Greifswaldcn Str. 45, der am Sonnabend eine Bootstour unternommen hatte und am Nachmittag bei dem plötzlich eintreten- den Gewittersturin osscnbar gekentert und ertrunken ist. Auch ein Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, der 15jährige Heinz Berner, der in Neukölln der Gruppe 4 an- gehörte, ist beim Baden in einer Tongrübe in Königswusterhausen ertrunken. Vermutlich hat ein Herzschlag dem Leben des jungen Genossen ein Ende bereitet. Berner war in der„Vorwärts"- Buchdruckerei in der Eheinigraphie beschäftigt. Oeuische£c*jrerreifc in Krankreich. Gemeinsamkeit der Schulprobleme. Paris, 7. Juli(Eigenbericht). Ein« Delegation deutscher Voltsschullehrer und lehrerinnen, die sich aus einer Studienreise durch Frankreich befindet, ist am Sonntag in Lille in der Universität feierlich empfangen worden. Der Un'- versitätsrektor gab in einer ausführlichen Rede eine Darstellung des Volksschulwesens in Frankreich und Deutschland und betonte, daß ze- rade auf dem Gebiet des Zlustauschs der Lehrmethoden die deutsch- französische Zusammenarbeit seit längeren Jahren glänzende Ergeb- nisse erzielt habe. � Wetter für Berlin: Wolkig bis heiter, vorwiegend trocken und am Tage mäßig warm, westliche Winde. Für Deutschland: Im Süden und Osten noch einzelne Gewitterregen, sonst meist trocken und mäßig warm.