BERLIN Mntag 14. Zuli ISZ0 erscheint tiglich allserSountags. Zugleich Abendausgabe de«.Vorwürts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. xroWoche, Z.soM. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW 68, Lindenstr.Z 10 Pf. Nr. 324 B 161 41. Jahrgang Aozetgenpreis: Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile s M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwürts-Vcrlag G. m. b. H., Berlin Nr. 27536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Kopfzerbrechen um Kopfsteuer. Gonntagsarbeit der Regierungsparteien. Ein parlamentarisches Nachrichtenbüro meldet: Am Sonntag setzten im Reichstage die Finanzsachverständigen und einige Partei- sichrer der hinter der Regierung stehenden Reichstagssraktionen gemeinsam mit Vertretern der Finanzministerien der girößeren deut- schen Länder ihr« Besprechungen über die Deckungsvorlagen, bc- sonders über chre Ergänzung durch«ine Kopfsteuer fort. An Stell« des Rcichsfinanzministers Dietrich leitete Ministeml- direktor Dr. Z a r d e n die Verhandlungen. Für Preußen waren Jinanzminister Dr. Höpker-Aschoff und Ministerialdirektor Dr. ch o g erschienen, für Bayern Ministerialdirektor Dr. Hammer, für Württenrbcrg Gesandter Bosler. In den Zuständigen Beratungen macht« besonders der preu- ß i s ch« Finanzminister die stärksten Bedenken gegen eine K o p s st e u« r und gegen die Möglichkeiten chrer Durchführung geltend. In nicht ganz so scharfer Form äußerte sich auch der bayerische Regicrungsvertreter gegen die Kopfsteuer. Trotzdem murden die technische» Möglichkeiten für die Durchführung der Kopfsteuer genau durchgesprochen. Die Fraktionen behielten sich chre endgültig« StellunZnohm« rar, doch gelang es, wie verlautet, eine Annäherung in den Aussassungen der Regierungsparteien herbeizuführen. Beschlüsse wurden zwar nicht gesoht, doch geht die. Tendenz dahin, es im wesentlichen bei den vor einigen Tagen von der Regierung auf- gestellten Ergänzungsoorschlägen zu den Deckungsvor- lagen zu belassen. Die Kopfsteuer soll für das Rechnungsjahr 1936 den Gemein- den fakultativ zur Verfügung gestellt werden, und zwar in einer.hohe von mindestens 6 Mark pro Kops. Falls die Real- steuersätze, die am 1. Juli in Kraft waren, überschritten werden, sollen die Gemeinden zur Einführung der Kopfsteuer verpflichtet sein. Vom 1. April 1931 an soll die Kopfsteuer überhaupt obligatorisch fein. Die Fraktionen werden sich am Montag mittag mit dieser Frage zu beschästigen haben. Das Ergebnis der Fraktionssttzungen soll der Regierung am Montag nachmittag mitgeteilt werden. Die Entscheidung liegt hauptfächlich bei den Demokraten und bei der Bayerischen Volkspartei, in deren Reihen sich stark« Widerstände gegen die Kopfsteuer geltend machen. Dietrich ist gesund. Offiziös wird versichert, daß die N i ch t t e i l n a h in« des Rcichsfinanzministers Dr. D i e t r i ch an der gestrigen Vormittogs- besprechung der Finanzreferenten der Regierungsparteien keines- wegs in einer Erkrankung des Ministers ihren Grund hatte. Er wollte sich nur schonen und hat heute seinen Dienst wieder aufgenommen. Bis heute nachmittag i Uhr sollen die Fraktionen, die hinter der Regierung stehen, dem Reichskanzler die Entscheidung über die Deckungsfrage mitteilen. In der morgigen Reichstagssitzung wird Dr. Brüning in einer längeren Rede oder in einer Er- tlärung den Standpunkt der Regierung mitteilen. Rote Lugend in Kopenhagen. Ministerpräsident Stauning spricht. Kopenhagen 14. Juli. Vorgestern abend wurde in der Riesenhalle des Forums anläßlich des Internationalen Arbeiterjugend-Treffens eine große Versamm- lung abgeholten. Danach zogen die Teilnehmer in einem Fockelz'.'g mit Musik nach einem sozialistischen Versammlungslokal. Gestern nachmittag wurde im Voltspark Sondermarken, an den Grenz« von Kopenhagen, unter freiem Himmel eine Versammlung abgehalten, in der Staatsminister Stauning und der Präsident der schwedl- schen Sozialdemokratie, Per A l b i 5) a n s s o n sprachen. Klugunfall in Staaken. Absturz einer Maschine für den Europa-Rundflug. Auf dem Flugplatz Staaken ereignete sich gestern abend ein Flugunfall, der noch ziemlich glimpflich ablief. Der Ehespilot der Deutschen Vertehrsfliegerschule, Steindorf, stieg kurz nach 8 Uhr abends mit einem verbesserten Typ des Bäuinsr-„Säusewind- Sportflugzeuges auf, mit dem er an dem in acht Tager» beginnenden Europarundflug teilnehmen wollte. Aus bisher noch nicht bekannter Ursache stürzt« der Einbecker bald nach dem Start aus einer Höh« von 39 bis 46 Meter ab und ging bei dem Aufprall auf den Boden zu Bruch. Steindorf wurde mit erheblichen Gesichts- Jounden La das Spandauer KrontAnhaus transportiert, Am W.aüengrah in Weurode 20000 trauernde bei der Seier am ffiergabhang SledUs: S>ie Wlaffenaufhahrung der Särge, die am Sonnlag der Qrufl übergeben rcurden Xinks: iUcidtsiagspräfidenl Xöbc nimmt an der Vranerfeler teil Reurode, 14. Juli(Eigenbericht). Der erste Akt der furchtbaren Grubenkatastrophe in hausdorf fand am Sonntag seinen Abschluß. Die bisher geborgenen Opfer der Katastrophe, 106 an der Zahl, wurden zu Grabe getragen. Zu welebem Zeitpunkt die noch unter den Trümmern verschütteten Bergarbeiter beigesetzt werden, ist vorläufig noch nicht zu übersehen. Ein wolkenbehangener Himmel lag über Hausdorf, als in der sechsten Morgenstunde bereits die Massen aus dem gesa n:en Kreise Neurode herbeieilten. In der Nacht hatten die Kameraden der Per- storbenen die drei Gemeinschaftsgräber, in denen die Toten, die bisher im Beruf zusammengewirkt hatten, jetzt auch ge- meinsam bestattet wurden, hergerichtet. Auch waren bereits die Särge auf den Neuen Katholischen Friedhof überführt und in der einen Gruft 24, in der zweiten 22 und in der dritten sechs Bergleute beigesetzt worden, während die Särge der in den umliegenden Ortschaften Beheimateten um die Gruft herum aufgestellt wurden. Lange vor der festgesetzten Zeit war der kleine am B e r g a b h a n g liegend« Dorf- friedhof, bereits überfüllt. Ein großer Teil der etwa 26 666 Personen zählender Trauergemcinde hatte sich auf dem Bergabhang aus- gestellt. An der Trauerscier, die auf dem neuen Friedhos in H a u s d o r f vor sich ging, nahmen zahlreiche Vertreter der Reichs- und preußischen Staate behörden teil. Der Reichstag hatte feinen Präsidenten P a u l L ö b e entsandt, die Reichsregierung den Staats- sekretär im Reichsarbeitsministerium, G e i b. aind Preußen den Mi- nisterial-Oberregicrurttzsrat von F l« m m i n g. Außerdem war der Oberpräsident von Nicderschlesien erjchiencn. Als Vertreter des Berg. arbeiterverbandes nahm der sozialdemokratijchc Reichstagsabgeordnet« H u s e m a n n an der Feier teil. Reichspräsident und Reichsregierung hatten«inen prachtvollen Kranz aus weißen Rosen mit schwarz-rot- goldener Schleife an den Massengräbern niederlegen lassen. Unzählig waren die Kränze aus den Reihen der Arbeiteror- ganifationen, unzählig die Fahnenabordnungen. Schon viele Stunden vor der um acht Uhr früh beginnenden Trauerfeier war der Weg, der von Hausdorf zum Friedhof führt von Menschen dicht besetzt. Auf den Hügeln, zwischen denen der Friedhof liegt, standen Tausend« und aber Tausende. In drei Massengräbern waren die Sä r g e niedergestellt worden. Die Särge der auswärtigen Opfer standen an den Grabrändern. Sie wurden nach Schluß der Feier in die Heimatorte der einzelnen Opfer überführt. Inmitten des Friedhojs stand ein schwarz ausgejchlagenek Altar. Um ihn herum scharten sich die Abordnungen der Verbände. Di« große rote Fahne des Deutschen Bergarbeiteroerbandes wehte neben den geweihten Kerzen. Vor der größten Gruft, die 34 Tote aufnahm, stand der Kranz des Reichspräsidenten, daneben der Gruß der preußischen Staatsregierung. Der Friedhof selbst war ausschließlich deü Ange- hörigen der Opfer reserviert. Doch er reichte nicht aus. Auch hinter den Zäunen mußten noch viele Frauen und Männer, Angehörige der Bergarbeiter, die eben zu Grabe getrogen werden, Platz nehmen. Es spielten sich erschütternde Szenen ab. Die Trauerfeier begann mit einem B l ä s« r ch o r. Dann sprachen die Geistlichen beiden Konfessionen. Mehr al» 106 Fraue» mußten ohnmächtig sorlgeschasst werden. Die Samariter, die in der Nähe des Friedhofs ein Notlazarett hergestellt hatten, hatten alle Hände voll zu tun. Selbst junge Männer übermannte vorübergehend der Schmerz. Den Schluß der Feier bildete der Totengesang für Bergleute, gesungen von einem Männerchor. Als die Gräber zum Teil schon mit Erde bedeckt waren, spielten sich aus dem Friedhof immer»och erschütternde Szenen ab. Bis spät in den Nachmittag hinein bewegten sich Trauerzüge zu den Massen- gräbern. Wallfahrten des Todes und des Elends, die man niemals vergessen wird. « Am gestrigen Sonntag, an dem«in großer Teil der Opfer zu Grabe getragen wird, wehten überall in Deutschland die Fahnen auf Halbmast, nicht nur auf Regierungs- und öffentlichen Gc- bänden, �ln Berlin sah man auf vielen Pivathäuscrn die Flaggen halbmast gezogen, namentlich in den Arbeitervierteln. Regierungswechsel in Oldenburg. O«r oldenburgische Ministerpräsident von Finckh gestorben. Oldenburg, 14. Juli. Der oldenburgisch« Ministerpräsident von Finckh ist am Sonn- tag in Ct. Blasien einem Lungenleiden erlegen. Der Verstorbene stand im 71. Lebensjahre. Er führte feit sieben Iahren ein Beamten- kabinet!. Das Rumpfkabinett wird wahrscheinlich zurücktreten, so daß der Landtag einberufen werden muß, um eine neue Regierung zu wählen. Reichsbannerleute vogelfrei? Gin sonderbarer Llrteilsspruch in Neukölln. Am ll. Iuli t>. 2. sollte vor dem Schöffengericht Neukölln, Abteilung!9. ein Ueberfall des Stahl Helm« auf Angehörige des Reichsbanners, der im Oktober vorigen Zahre» in Treptow in der Graetzftrafie statt fand, seine Sühne finden. Angeklagt waren die beiden Treptower Stahlhelmleute Pohl und H a n i ck e. Beiden war schwere 5törperverlctznng zur Last gelegt. Die Beweisaufnahme hat einwandfrei ergeben, daß die beide» Angeklagten schuldig sind. Opfer der beiden Stahlhelmführer sind zwei Reichsbannerangehörige, denen schwere Berletzun- gen beigebracht wurden. Einein von diesen beiden wurden sogar mit einer Stahlrute die Zähne ausgeschlagen, so daß er zeitlebens verunstaltet ist. Der Staatsanwalt begründete in seinem Plädoyer durch- aus zutreffend die Schuld der beiden Angeklagten. Er wies darauf hin, daß gegen das politische Rowdytum energisch vor- gegangen wenden müsse. Als Straf« beantragte er zwei und fünf Monate Gefängnis. Auch der Rechtsanwalt Joachim vom Gauvorstand des Reichsbanners, der die beiden Reichsbannerleute vertrat, die als Neben- kläger zugelassen waren, zeigte, daß die Schuld einwandfrei aus seilen der Stahihelmleute liege. Trotzdem kam das Gericht zu einem F r e i s p r u ch. Aus der Begrüirdung ist hervorzuheben, daß der Borsitzende erklärte, daß wohl das Gericht solche Kampfes- Methoden verurteile, dennoch aber zu rinein Freispruch kommen müßte, da die Angeklagten in Notwehr handelten. In der Bc- weisaufnahme war aber einwandfrei durch eidliche Zeugenvernehmung klargestellt, daß von einer Notwehrhandlung kein« Rede fein konnte. Es ist anzunehmen, daß der Stahlhelm sich dieses Sieges nicht allzutange erfreuen dürfte, da bereits von feiten der Nebenkläger B e r u f u n g c i n g e l e g t ist. r' Ltniersuchung gegen den Ausgewiesenen Umständliches Verfahren gegen pobst. Wien. 14. Juli. Nach Blättenneldungen ist mif Antrag der Staatsanwaltschaft gegen den früheren Stabsleiter der Heimatschutzoerbände, Major P a b st, der bekanntlich vor einigen Wochen ausgewiesen wurde und sich gegenwärtig in Venedig aufhält, wegen Vergehens der Aufwiegelung gegen die Staatsgewalt die Voruntersuchung eingeleitet worden. Von dem Ergebnis der Vorimter- suchung wird es abhängen, ob gegen Major Pabft«in Steckbrief erlassen wird. Das Gesetz sieht eine solche Maßnahme bei Hoch- verräterischen Umtrieben vor.___ Bauunglück in der Potsdamer Straße. Zwei Handwerker vom Gerüst gestürzt. Sei Reparaturarveilen an der Fassade des Wohnhause» Potsdamer Straße IZZa ereignete sich heute vor- mittag ein schwerer Unfall, bei dem zwei Handwerker er- heblich verletzt wurden. In der Höhe des.zweiten Stockwerkes waren der dreißigjährige Martin Dietrich aus der Oranienburger Straße 52 und der zwanzigjährige Richard Momberg aus der Goltz- ftraßc 1? auf dem Leitergerüst mit Schlosserarbeiten be- schaftigt. Die beiden Arbeiter verloren plötzlich aus noch ungeklärter Ursache den Halt und stürzten kopfüber in die Tiefe. Beide wurden mit schwerer. Verletzungen in das Elisabeth- trankenhaus in der Lützowstraße gebracht. Von der Polizei ist sofort eine Untersuchung«ingeleitet worden. Verhängnisvoller Irrtum. Ehepaar durch Gas vergistet aufgefunden. In einer Kellerwohnung des Quergebäudcs hat der JWjährige Korbmacher Emil Schulze und seine Klljährige Frau Karoline eine aus zwei Stuben und Küche bestehende Wohnung. Ais sich bis heute mittag niemand von den beiden ölten Leuten sehen ließ, schöpfte ein Untermieter Verdacht und mit Hilfe einiger Hausbewohner oerschaffte er sich in� das Zimmer der Wirtsleuts Einlaß. In dem völlig vergasten Raum lag das. Ehepaar regungslos in den Betten. Die alamierte Feuerw�r nahm Wiederbelebungsversuche mit Sauerstoff vor, die nur bei der Frau von Erfolg waren. In bedenklichem Zustande wurde sie ins Virchowkrankenhaus übergeführt. Räch dem Befund und den weiteren polizeilichen Ermittelungen liegt zweifellos ein Unglücksfall vor. Im Zimmer hängt eine winzige Gasampel, die nach mit einem Kettenzug reguliert wird. Vor dem Zubettgehen muß einer von den beiden alten Leuten versehentlich an der falschen Kette gezogen Häven, so daß der Hahn auf„offen" stand und im Laufe der Nacht größere Gasmengen ungehindert ausströmen konnten. Wiener Zirkus Zfcnz niedergebrannt. Wien, 14. Juli. Das große Gebäude des Zirkus Renz in Wien, das schon feit �vei Jahrzehnten leer stand, ist an, Sonntag zum großen Teil das Opfer eines Brandes geworden. Der Brand,. der in den ersten Morgenstunden des Sonntag ausbrach, wurde erst sehr spät bemerkt. Man sah aus der Kuppel des Zirkus Rauch aussteigen und bcmerkle dann erst, daß inzwischen bereits das Innere des Zirkus vallkommen in Flammen und Rauch gehüllt war. Die außerordsnt- lich schwierigen Löscharbeiten der Feuerwehr konnten nicht vcc- hindern, daß das Innere des großen Zirkusgebäudes zum größten Teil ausgebrannt ist. Die Löscharbeitsn dauerten bis zum späten Abend. Oer Klug über Mailand. Bassenesi heißt der Held. AHt der matt, Ii, Julr. Ter junge italienische Flieger Bassanesi, der an« Freitag abend im Sankt Gotthard abgestürzt ist und im hiesigen Militärspital gepflegt wird» hat dem ihn vernehmenden Offizier der Gotthardbefeftigung ge- stände,� über Mailand und verschiedenen anderen Lrten des Picmont antifaschistische Flugblätter abgeworfen zu haben. Ferner sagte er aus, er sei in Italien von einem Flugzeug in ziemlicher Röhe verfolgt worden. Der Lleberfall in Röntgental. Verhandlungsbeginn in Moabit. Vor dem neuen Kriimnalgericht großes Polizeiaufgebot. Am Eingang zum Zuhörcrroum drängt sich auf der Straße viel Volk. Der Eintritt in das Gebäude ist nur nach scharfer Kontrolle gestattet. Für 9 Uhr ist der Prozeß gegen die 18 Natianalsozialisten angesagt, die am 5. März hinterrücks das Reichsbanner in Röntgental überfallen haben. Acht von den Angeklagten, die sich in Haft befinden. sitzen hinter der Barriere, die übrigen zehn vor den Verteidigern, neun an der Zahl. Die acht Sachverständigen haben auf den Ge- schworenenbänken Platz genommen. Den Barsitz führt Landgerichts- direktor Ohnesorge. Die Anklage wird durch die Staatsanwälte Stehnig und Herf oertreten. Der Ortsgruppenleiter des Reichsbanners in Röntgental, der bei dem Ueberfall am 5. März verletzt wurde, wird als Nebenkläger von Rechtsanwalt Dr. Joachim vertreten. Die Angeklagten werden zur Person vcrnonimen. Es sind dies der Reihe nach: Kaufmännischer Angestellter Erich Marquardt, A Jahre alt; Bautechniker Gerhard von Zittwitz, 21 Jahre alt: Schüler Alfred Schlenter, 18 Jahre alt: Fensterputzer Johann Schindler, 24 Jahre alt: Buchbinder Herbert Wiese, 19 Jahre alt: Borarbeiter Herbert Kellermann, 21 Jahre alt: Schüler Erwin Renner, 18 Jahre alt; Schlosser Ernst Heyn, 23 Jahre alt: Buchbinderlehrling Herbert S k u sa, 17 Jahre all; Bankbeamter Erich Po n k ra t h, 23 Jahre alt: Telegrophcnbauhandwerker Heinz Köppner, 21 Jahr- alt: Bauarbeiter Willi Schwab, 22 Jahre oit: Mechaniker Kurt Wuttke, 22 Jahre alt: Arbeiter Paul Frank, 24 Jahre alt: Werkzeugmacher Herbert Unruh, 22 Jahr« alt: Lehrling Willi Kukelinsky, 19 Jahre alt: Transpartarbeiter Leo Mergelsberg, 26 Jahre alt; Gärtner Willi Pohl, 23 Jahre alt. Die Anklage lautet auf schweren Ltmdsriedensbrnch und Totschlag Als erster macht der AngeNagte Marquardt seine Aussag-n. Er ist in der Oberreolschule bis zur Obersekunda gekommen und 1926 in die kaufmännische Lehre gegangen. Seit fünf Jahren sympathisiert er mit der nationalsozialistischen Bewegung und ist seit dem vorigen Jahre Mitglied der Abteilung 29. Eine Woche vor dem Ereignis in Röntgental wurde er zum Gruppenführer Buchrucker. Motto: Und willst du nicht mein Bruder sein, Zerschlag ich dir das Rasenbein. Aus den, Auge quillt die nasse Zähre, Wimmernd in der Hand der Holter zuckt: Sein« Ras« einem Militär« .Hat man im Gesichte buchgeruckt. Obschon dieser Mann aufs ungetreuste Mit der Schwarzen Reichswehr hat geputscht, Sind die bittertreuen Nazisäuste Trommelwirbelnd nach ihm ausgerutscht. Als des Aufruhrs Bonner er entrollte In Küstrin, da ist ihm nichts gaschehn. Aber gegen Hitlern die Revolte, Ach mc leicht kann das ins Auge zehn: Damals, rein als Kavatier behoikdelt, Kam ein Weilchen er in Ehrenhast. Jetzt wird die Fassade ihm verschandelt,— So was ist doch einfach- ckelhoft! Wie soll da das deutsche Volk genesen, Wenn ganz ohne Rücksicht mrs Dekor, Statt der krummgebogenen Judennecscr. Man den Zinken platthaut dem Major! Jonathan. einer Sturmabteilung ernannt, die er sich aus Mitgliedern des Stahlhelm selbst bilden fällte. Am 5. März befand er sich im Lokal Franks in der Wichertstraße, um hier sür den nächsten Tag ein Zimmer zu bestellen. Er wurde zum Apparat gerufen:«ine unbekannte Stimme teilte ihm mit, daß in Röntgental«in Kamerod auf dem Wege zum Vereinslokal überfallen worden und weitere Ueherfölle am selben Abend zu befürchten seien. Ob nicht Hilfe herauskommen könne. Marquardt bat, einen Augenblick zu warten, begab sich zurück noch vorn und befragte die anwesenden Kameraden, ob sie bereit wäre», nach Röntgental hinauszufahren. Zwölf Mann erklärten sich bereit, Marquardt teilte dies dem Kameraden aus Röntgental init, machte aber zur Bedingung, daß das Fahrgeld zurückerstattet werde. Vors.: Kannten Sie die Röntgentaler Nationalsozialisten? A n g« k l.: Ja, ich kannte den Sturm fllhrer P a n k r a l h und auch andere Mitglieder der Sturmabteilung. Vors.: Es soll in diesem Lokal stets eine Bereitschaft anniesend sein. Angeklagter Marquardt erzählt weiter: Von der Wirtin des Lokals wurde das Fahrgeld gepunipt, der Angeklagte Schlenter kaufte die Fahrkarten, man bestieg ein Abteil, sang unterwegs Kampflieder und begab sich nach Ankunft in Buch sofort zum Lokal „Edelweiß". Vors.: Was haben Sie unterwegs mit den anderen besprochen? Haben Sie agressive Pläne geäußert? Angekl.: Rein. Vors.: Es soll gesagt worden sein, daß Röntgental in Klump geschossen werden würde. Angekl.: Das habe ich nicht gehört. Vors.: Haben Sie oder Ihre Kameraden Wa f f e n b« i sich gesührt. A nge kl.: Ich hotte mein Pfadfindermesser bei mir, von den Kameraden hatten einig« Stöcke. Vors.: Was war weiter? Angekl.: Im Lokal„Edelweiß" angelangt, sammelte ich das Geld zur Rückfahrt. Dann zogen wir los, um die Kameraden aus Buch nach Haus« zu bringen. Vors.: Haben Sie denn gar nicht mit den Röntgentaler Kameraden über den Zweck Ihres Kommens gesprochen? Angekl.: Rein. Vors� Es war aber doch gor nicht notwendig, aus dem Wege nach Buch an dem Reichs- bar.nerlokal vorübcrzukommen. Angekl.: Das weiß ich nicht. Köppner sagte mir nur, daß die Reichsbannerleute meine Kameraden jchos wiederholt bedroht hätte» und daß auch heute ein Uebersall zu befürchten sei, ein Kamerad sei schon früher überfallen worden. Als wir im Dunkeln vor dem Lokal Meißel standen, erschollen in der Schillerstraße plötzlich Schüsse. Im gleichen Augenblick stürniten unter lautem Gejohle etwa 49 Leute aus dem Lokal heraus. Wir waren im ganzen un- gefähr 13 Mann, fühlten uns angegriffen und stürmten den Leuten entgegen. Vors.: Was wurde aus Ihrer Mitte gerufen? Angekl. Rotfrant und heil hiller! Vors.: Und was war weiter? Angekl.: Es sielen Schüsse aus den Reihen der Rcichsbannerleute. Vors.: Daß es auch hinter Ihnen geknallt hat, haben Sie nicht gehört? Angekl.: Rein. Vors.: Als die Leute in das Lokal zurück- gelaufen waren, sollen Sie hineingeschossen haben. Angekl.: Rein. Wir liefen sofort die Schillerstraße zurück bis zum Bahnhof und trafen dort die Verl ner Kameraden, die dageblieben waren, um noch weitere Hilf« aus Berlin abzuwarten. Vors.: Halben Sie sich denn gar nicht davon überzeugt, ob jemand von Ihren Leuten verletzt war, da doch aus den Reihen der Reichsbannerleute, wie Sie behaupten, geschossen worden war? Angekl.: Rein. Das habe ich nicht getan, wir fuhren einfach nach Haus«. Wir sahen noch das Ueberfallkommando anrücken. Vors.: Sie waren der angegriffen« Teil, Sie haben den Angriff siegreich abgeschlagen und gehen jetzt heim, ohne der Schupo über das Geschehene zu melden? Angekl.: Wir Nationalsozialisten werden immer schlecht gemacht. Ich dachte, daß man uns doch nicht glauben würde. Bors.: Wann haben Sie nun erfahren, was in Wirklichkeit geschehen war? Angekl.: Erst am nächsten Tag« aus den Zeitungen. Vors.: Sie hatten also in den Zeitungen gelesen, daß es beim bloßen Gegeneinanderstürmen nicht geblieben war, sodern daß auch ein Rkensch sein Leben eingebüßt hatte. Wenn Sie der Angegriffene gewesen sind, wäre da nichüdas Naheliegend«, zur Polizei zu gehen und den Sachverhalt zu schildern? Haben Sie mit Ihren Kameraden die Sache hinterher besprochen? Angekl.: Di« Namen der Berliner Kameraden kannte ich n':chl. Ich habe nur mit Köppner gesprochen. Vors.: Was haben Sie mit ihm oerabredet? Angekl.: Abzuwarten! Dem Vorsitzenden wollen die foulen Ausreden des Angeklagten nicht einleuchten. Er macht ihm eine Reihe Vorhaltungen. Der Angeklagte Marquardt ist aber nicht auf den Mund gefallen und findet auch weitere Ausreden. So hatte er in der Voruntersuchung gesagt, daß er das Kommando, zu stürmen und zurückzugehen. gegeben habe. Jetzt erklärt er, nicht stürmen, sondern.türmen" ge- rufen zu haben. Er will auch nichts davon gewußt haben, daß ein weiterer Trupp unter der Führung Pankraths gleichzeitig mit seinem Trupp das Lokal.Edelweiß" oerlassen und sich neben seinen, Trupp am Reichsbannerlotal aufgehalten hat. Aus die Frage des Staatsanwalts muß er zugeben, ol- gleich er eben erst verneint hatte, mit einem Berliner Kameraden nach dem Vorfall gesprochen zu haben, daß er mit dem Angeklagten Zittwitz ein Alibi verabredcl hat: sie sollten beide aussagen, daß sie am fraglichen Abend ZU- sammen spazieren gegangen wären. Ferner muß er auf Vorhalt des Staatsanwalts zugeben, daß Rufe, wie.Rachefür Wesse l", aus den Reihen seines Trupps vielleicht gefallen feien Staats anw.: Es ist auch aus Ihren Reihen Rotfron l ge- rufen worden. Ist das geschehen, um die Reichsbanner- leute irrezuführen, sie glauben zu machen, daß ihre Cegncr nicht Nationalsozialisten, sondern Kommunisten seien? Der A n- geklagte windet sich hin und her und kann keine ausreichende Erklärung für den Rotfrontrus finden. Die Frage des Staatsan- wolts, ob die Mitglieder der Sturmkolonne im ollgemeinen Was-cn führen, oerneint der Angeklagte. Auch der zweite Angeklagte, der Bautcchniter o. Z i t t w i tz. hat die höhere Schule besucht, es jedoch nicht bis zum Schlußexamen ge- bracht. Bor einiger Zeit hatte er einen Neroenzusommen- b r u ch erlitten und einen Selbstmordversuch begangen. Zittwitz bestätigt im großen und ganzen die außerordentlich.glaubhaften" Be- kundungen seines Kameraden Marquarth, geht jedoch mit ihm in einem außerordentlich wichtigen Punkte auseinander. Demnach lci das Herausstürmen der Reichsbannerleute aus dem Lokal Meißel nicht unmittelbar nach dem Ertönen der Pfiffe in der Schiller- straß« erfolgt, sondern die Sache habe sich ganz anders abgespielt. Zittwitz korrigierk die Aussagen Marquarlhs dahin, daß die e r st e n Schüsse in der Schillerstraße unmittelbar nach den Pfiffen losgegangen seien, daß e r st darauf die Gäste aus dem Lokal Meißel herausgelaufen gekommen und nun erst weitere Schüsse gefallen seien. Auf Fragen des Staatsanwalts weshalb er und feine Kameraden nicht unmittelbar nach dem Vorfall der Polizei Meldung erstattet und weshalb sie mit Marquarth beschlossen haben, die Unwahrheit zu sagen, hat Zittwitz unoerfroren zu erklären: Es war mii? sofort klar, daß man uns als Nationalsozialisten die Schuld beimessen würde und daß nach der anderen Seite keine Feststellungen getroffen werden würden. Nach der Vernehmung dieses Angeklagten tritt die Mittags- pause ein. Rechtsanwalt Dr. Beckern beantragt als Zeugen Adolf Hitler, den Hauptmann a. D. von Pfeffer und den thürin- gischen Staatsminister Fr ick zum Beweis dafür zu laden, daß die Nationchsozialisten bei den Auseinandersetzungen mit ihren politischen Gegnern fast zu 109 Proz. sich in Notwehr befinden. Ferner beantragt der Rechtsanwalt,«ine Auskunft des preußischen Ministe- nums des Innern darüber anzufordern, ob es richtig ist, daß auf Veranlassung der sogenannten Republikanischen Beschwerdestelle gegen den Landjäger Gudat, der Zeuge in diesem Prozeß sein soll, ein Disziplinarverfahren eröffnet worden ist und gleichzeitig auch die Akten dieses Disziplinarverfahren« anzufordern. Klugzeug stürzi auf Zuschauer. Zwei Personen getötet. New Lort. 14. Sali. währevd einer nächtlichen Flugveranslalluag ans dem Cur l iß- Feld stürzte ein Flugzeug ab. Durch den Propeller wurden zwei Zuschauer gelölet. Da« Flugzeug wäre beinahe in eine mit Menschen überfüllte Tribüne hineingefallen. Unter den Zuschauern brach eine Panik au«. Zahlreich« Personen erlitten leichtere Verletzungen. Liebesbrief an i> Von Ha« Liebe kleine Micky Maus! Es drängt mich, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Du bist nicht ganz ohne Vorgänger. Es gab schon Felix, den Kater, ein Geschöpf also eigentlich, das auch Mäusen nicht freundlich gesinnt ist. Aver ich weiß, daß der Haß, der in der realen Tierwelt zwischen den Katern und den Mäusen bestehen mag, in eurer Traumwelt keine» Eingang gefunden hat. Wer mit den Gesetzen der Natur so souverän Hackepeter treibt, wie ihr beiden, ist ein zu großer Geist, als daß er sich in seinen Gefühlen nach den Vorschriften richtete, die ihm in Brehms Tierleben gemacht werde». Ihr seid euch ähnlich im Wesen, nur daß ich dir, liebe Micky Maus, dos Kompliment machen muß, noch weit genialer als dein stummer Borläufer zu sein. Es ist eine höchst chaotische Welt, in der du dich herumtreibst. Mit landläufiger Logik und der hergebrachten Mathematik kommt man nicht weit in ihr. Aber trotzdem läßt sich nicht sagen, daß sie eine unsinnigere Welt wäre als die unser«, denn der größeren Tücke des Objektes entsprechen größere Abwehrmöglichkeiten der Kreatur: und im Effekt gibt es aus jeder peinvollen Lage, in die man über- raschcnd gerät, auch ein überraschendes glückliches Entkommen. Aber ich will nicht den tierischen Emst umhängebärtiger Erdenphilosophie in dein leichtes, unbeschwertes, federndes Reich tragen, liebe Micky Maus. Ich will ganz einfach sagen, daß es so furchtbar lustig ist, ivenn du in die rebellischen Klaviertasten einen Knoten schlägst, wenn du den Schweizer Käse zu einer Orchestriomvalze verarbeitest, wenn du die Katzen an den Schwänzen zupfst und sie melodische Miau klänge von sich geben, wenn der Bauch des Esels, auf dem der dicke Mann reitet, in rhythmischen Stößen bis auf die Erde durch- knickt und dann elastisch wieder hochschnellt. Micky Maus, du bist der moderne, aufgeklärte, total moralinlose Märchenheld unserer Tag«: gleich ergötzlich für Große und Kleine. Bei dir hangen wir den Blasen nach, die unser Gehirn treibt und finden die wunderbare Erfüllung für die Exzesse unserer gegen die Materie gerichteten Phantasie. Die irdische Mechanik der Dinge ist aufgehoben. Zeit und Raum haben einen neuen, überaus witzigen Sinn. Aller unserer Wut gegen die Herrschaft der physikalischen Formeln ver° schaffst du einen erlösenden Auspuff. Und nun, liebe Micky Maus, geschieht das Deprimierende. Eine Behörde kommt daher, die Filmprüfstelle, und erläßt gegen dich ein blechernes, langweiliges Amtsdckrct. Was ist geschehen? In deinem neuesten zu uns herübergekommenen Film machen deine Artgenossen, die Mäuse, mit den Katern ein bißchen Krieg. Ihr tragt Käppis, die Katzen Stahlhelme. Die Stahlhelm-Katzen werden in die Flucht ge- schlagen. Sicherlich ist das wieder alles tüchtig spaßig. Die Film- prüfftelle aber sagt erhobenen Zeigefingers, der Film sei ein politi- scher Umtrieb und„geeignet, die Deutschfeindlichkeit neu zu beleben und wach zu halten". Der Stahlhelm ist für die Filmprüjstelle näm- lich eine Kennzeichnung der Deutschen, das Käppi«in« der Franzosen, und da wir alle kleine Kinder mit dem Schnuller sind, ist jeder Dreck für uns gut genug, der Hurra krächzt, aber Gottbehüte darf kein Kunstwerk vor unsere Augen, das national nicht allen Anforderungen ie Micky Maus. s Bauer. mit Minderwertigkeitskomplexen behafteter Kaffeetanten entspricht. Nach dieser Methode hat man uns bereits einen Chaplin-Film unter- schlagen, in dem Chaplin den verflossenen Kaiser karikiert. Liebe Micky Maus! Du bist gewiß himmelweit entfernt davon, in deinem verbotenen Schützengrabenfilm eine Nation gegen die andere ausspielen zu wollen. Wer so viel Witz und spitzfindigen Scharfsinn hat wie du, kann nicht engstirnigen Chauvinismus pro- tegieren. Die Kanonen werden aus Mülleimern bestehen, die Hand- granatensllllungen aus Marmeladepatzen, und überhaupt wird dos ganze großmogulige menschliche Kriegsgetue wunderschön ironisiert sein. Ach, wenn wir uns innerhalb des Geltungsbereiches deiner logischen Spielregeln befänden, liebe Micky Maus, dann gäbe es guten Rat für das Zensurverbot: wir lockten den Zensor mit einem großen Rotstift in den Urwald und schnallten ihn dort unter Zuhilfe- nähme des von ihm verbotenen Micky-Maus-Filmstreifens an einer mittelgroßen Kokospalme fest. Die Wirklichkeit ist leider rauh. Wenn Zensur und Kunst miteinander kollidieren, so gibt es ein Kotz- und Mausspiel, bei dem selbst die Micky Maus keine Chancen Hot. Töne wohl in fremden Landen, kleine Schützengraben-Micky-Maus mit dem für Deutschland verbotenen Käppi und stelle dich bald in anderer als Soldatcneigenschast vor und die Naturgesetze gleichzeitig auf den Kopf! Wir behalten dich immer lieb. Da beißt die Micky Maus keinen Faden ab. Die Häuptlinge. In jedem Freibad sind sie zu finden. Ihre sehenswerten Er- fcheinungcn drängen sich sofort auf. Sie sind Mittelpunkt in jeder- Beziehung, fühlen sich als Gegenstand der Bewunderung, des Staunens und des— Neides. Meist finden sich immer mehrere zusammen, die treu zueinander halten und ihr Reich gemeinsam beherrschen. Während andere vom Strande und von jeder Höhe aus sich ins Wasser stürzen, wie die Fische darin herumtollen, bleiben sie kühl und teilnahmlos. Sie kennen nur«inen Rekord, den ihrer wohliemperierten und wohl- obgetönten Erscheinung. Ihr« gegenseitigen Ratschläge konzentrieren sich auf die Beseitigung etwa doch noch vorhandener Ungleichmäßig- keit der Bräunung. Die Welt wird brauner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden mag. Ihr Ideal ist die Vollkommen- heit ihres Teints vom Kopf bis zu den Füßen. Durch Sonne, Luft, Sand und Wasser, Seife, Salbe, Zeit und Geduld erhalten sie ihre höchste Form. Die Frau kommt gegen ihr Körperglück trotz aller Knappheit ihres modischen Anzugs nicht aus, denn sie hct noch zuviel an. Wo bleibt da die Emanzipation? Ihre Badefarben verblassen gegen das Badedreieck des Häuptlings. Ohne Fehf der Magerkeit und Makel des Fettes bewegt sich der Häuptling gravi- tätifch und gemessen, sein Aeußeres alle» Blicken preisgebend. Bis er den Mund zum Gähnen aufreißt, womit sein« Herrschaft zu- sammenbricht und er sich als Mensch unter Menschen zu er- kennen gibt. Major Buchrucker verprügelt. Hitlernazis sprengen eine Straße rversammlung. Der Bruderkampf im nationalsozialistischen Lager hat wiederum zu wüsten Exzessen geführt. Di« von OttoStraßer und Major Buchrucker geleitete Opposition bekommt jetzt die jahrelang ge- predigten und geduldeten Gewaltmethoden am eigenen Leibe zu spüren. Im Gau D i t m a r s ch e n(Holstein) hatte die zur Richtung Straßer gehörende nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft eine öffentliche Versammlung nach A l b e r s h o f einberufen, in der Major a. D. Buchrucker, der von Göbbels ausgeschlossene Redakteur S ch a p k e und ein Dr. G r a n tz reden sollten. 3» diese versamm- lung drangen Sturmtrupps„linientreuer" hitlerleutc und stürmten das Podium, wobei sie mit Gummiknüppeln. Tot- jchlägern, Stahlruten usw. aus die Vorstandsmitglieder ein- schlugen. Die drei genannten Referenten wurden sämtlich schwer miß. handelt. DemZNajorBuchruckerwurdeu. o. dasRasen- dein eingeschlagen, außerdem trug er innere Verletzungen davon. Ein Rationalsozialist namens Richter sowie Dr. G r a n tz wurden am Kopse schwer verletzt, ein gewisser Rolionalsozialist Roth. mann, der sich durch einen Sprung aus dem Fenster retten wollte, er- litt lebensgefährlicher Verletzungen. Auch eine Anzahl weiterer Personen wurden»erlehi. Die vier anwesenden Landjäger waren angeblich dem Tumult gegenüber machtlos(?). Erst nachher wurden einige an der Schlägerei beteiligte Personen festgenommen. * Major Buchrucker hat erfahren müssen, daß es bedeutend gefähr- licher ist, sich gegen die Parteidiktatur des Herrn H i t l e r als gegen die Reichsregierung und gegen die Republik aufzulehnen. Sein Küftriner Putsch hat ihm nicht die kleinste Schramm«, allerdings eine zehnjährige Festungsstrafe eingebracht, von der er aber nach kurzer Zeit durch die Amnestie befreit wurde. Es scheint ein Grundgesetz des extremen Radikalismus zu sein, daß sich seine Hauptwut stets gegen Versuche richtet, den eigenen Radikalismus übertrumpfen zu wollen. Genau wie die offiziellen Kommunisten die Brandl eropposition, die Weddinger Opposition usw. auf dem Wege des Fausttampfes nieder- ichlugen, genau so verfährt die„linientreue" Hitlerrichtung mit der Straßerabsplitterung. Es ist höchst bezeichnend: Kommunisten und Nationalsozialisten behaupten zwar, die geschworenen Feinde des K a p i t a l i s m u s zu fein. Aber zu dessen Bekämpfung gelangen sie gar nicht, weil sie in erster Linie die Sozialdemokratie zu be- schimpfen und ihre eigenen Oppositionellen zu verprügeln haben. Je näher einer ihnen steht oder gestanden hat, desto weniger Schonung gibt es; selbst Herr Major Buchrucker ist vor körperlicher Züchtigung »cht gefeit, trotz Offiziersranges, trotz ehemaliger Führerschaft der Schwarzen Reichswehr, obwohl er im Jahre 192l1 als Kott- busser Reichswehrkommandeur beim Kapp-Putsch einige Hundert Arbeiter hat erschießen lassen, obwohl er im Jahre 1923 gegen die Re- � publik geputscht hat. Major Buchrucker ist persönlich ein seltsamer Herr. Trotz seiner rechtsradikalen Gesinnung hat er Bekanntschaften unter kommu- nistischen Landtagsabgeordneten, er macht auch Sozia- listen Besuche, wenn dies seine Zwecke ihm geraten erscheinen lassen. Vielleicht denkt er einmal darüber nach, daß die ersten und einzigen, die ihn mit k ö r p e r l i ch c r P r ü g e l— größte Schmach für einen «''emaligen aktiven Offizier— bedacht haben, seine longjäh- � igen Parteifreunde waren,— die Leute, die den Ehrenkodex der alten Armee wieder herstellen wollen! Sie stechen einander.. Im„Nationalsozialist" des Dr. Otto S t r a ß e r lesen wir diese Klage über die Kampfesweise derer um Goebbels: In den späten Abendstunden des jMittwoch kam es zu einem feigen Ueberfall von SA.-Leuten auf unse?Vi Kampf- genossen E., der am Landsberger Platz, Ecke Friedrichshain, auf die Straßenbahn wartete. Kampfgenosse E. hatte unter dem Arm ein Werbeplakat des„NS." Während er nach seiner Bahn Ausschau hielt, trat an ihn ein mit dem S A.- A b z e i ch e n geschmückter Mann heran und bat um eine Zeitung, die ihm auch gegeben wurde. Der SA.-Mann ging darauf in den Park. Nach wenigen Minuten kamen zwei weitere SA.-Leutc aus dem Park und baten um WöGenummern. Kaum hotten sie dieselben empfangen, als sie an- fingen, den Kampfgenossen E. wüst zu beschimpfen„D u Schwein",„Bols che w ist" und dergleichen mehr. Als Kampf- genösse E. sich die Aypöbeleien verbat, fielen sie über ihn her und verfehlen ihm«inen tiefen Stich in den rechten Unterarm. Nach dieser feigen Tat verschwanden die Goebbels-Helden im Park. Nach diesem erneuten Ueberfall auf einen revolutionären Nationalsozialisten können wir nur feststellen, daß sich die Kampfes- weise der Leute um Goebbels genau nach den Methoden von Rot front richtet. Es sind wirklich die gleichen Methoden wie bei den Kommunisten und Rotfront. Erst hassen sie vereint und prügeln sie vereint und dann plötzlich hassen und prügeln sie einander. Die geistigen Waffen vom Schlagring über Messer zum Revolver finden nun neue Zielobjekte in den bisherigen Kampfgefährten.„Wat den einen sien Brandler, is den annern sien Straßer.._ Stadtwahlen im Rheinland. Infolge Eingemeindung neue Stadtparlamente gewählt. Köln, 14. Juli.(Eigenbericht.) In Leverkusen und in Opladen fanden am Sonntag die wegen der Eingemeindung notwendig gewordenen Stadtoerodneten- wählen statt. In Leverkusen erhielt das Zentrum 4711 Stim- inen und elf Mandate(bisher neun), Sozialdemokraten Sl24 Stimmen, fünf Mandate(fünf), Kommunisten 4091 Stimmen. neun Mandate(neun), vereinigte bürgerliche Listen(Dcutschnationole, Deutsche Volkspartei und Wirtschastspartei) 2745 Stimmen, sechs Mandate(sieben), Chrsstlichsvzial« Reichspartei 659 Stimmen, ein Mandat(eins). Nationalsozialisten 1234 Stimmen, drei Mandate (zwei), kommunistische Opposition 295 Stimmen, kein Mandat, Vorort- Partei 829 Stimmen, zwei Mandate(keins). In Opladen erhielt dos Zentrmn 249« Stimmen, zehn Mandate(neun). Konmmnisten 1372 Stimmen, fünf Mandate(vier), vereinigte bürgerliche Listen 653 Stimmen, zwei Mandate(drei). Wirtschastspartei 692 Stimmen. dr«i Mandat«(drei), Ehristtichsoziale Reichspartei 593 Stimnien, zwei Mandate(drei), Sozialdemokraten 494 Stimmen� zw«! Mandate(drei), evangelisch« Wahloereinigung 2070 Stimmen, vier Mandate(keine), Nationalsozialisten 165 Stimmen, kein Mandat. Der«neritanische Lundesseaat nahm in der erregten Schluß- sitzung mit 48 gegen 14 Stimmen die Pensionsvorlage für Kriegs- leilnehmer in der vom Präsidenten vorgeschlägenen Form an. Die am Montag beginnend« Sondersession des Bundeafenats zwecks ssiatifizierung des Londoner Flottenoertroges wird nach Ansicht der fmtni lA 2jQüt COfaMlbCOL Conan Ooyle— meldet sich! Der arme Conan Doyle Hot selbst im Grab kein« Ruhe vor seinen spiritistischen Freunden, die sich mit unziemlicher Hast beeilen, seinen Tod zu Propagandazwccken auszunützen. Die„Vereinigung amerikanischer Spiritisten" in New Dort hat es sich nicht nehmen lassen, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Priorität des Nachrichtendienstes mit dem Jenseits zu sichern, und die„Weftkirche der spiritistischen Lehre" hat, wie aus New Park gekabelt wird, auch die Genugtuung gehabt, genaue Nachrichten über das Eintreffen Conan Doyles in der Sphäre der Seligen zu erhalten. Im Verlauf einer spiritistischen Sitzung, bei der alle führenden Persönlichkeiten des amerikanischen Spiritismus anwesend waren, machte«in Fräulein Thomson der Versammlung die freudige Mitteilung, daß sie mit einem Geist namens Florence in'Verbindung getreten sei, der er- klärt habe, daß„ein neues großes Licht, ein Licht von bestechendem Glanz zwischen den Seelen aufgetaucht sei". Ein Name wurde oller- dings nicht genannt, ober der geistige Gewährsmann des Fräulein Thomson konnte doch berichten, daß„der in diesen Togen in den ftimmelssphären erschienene Geist sich zu seinen Lebzeiten als Ver- leidiger des Spiritismus aus der Erde unvergessene Verdienste er- warben habe". Florence fügte hinzu, das neue Licht habe solchen Glanz verbreitet, daß es alle im Raum kreisenden Geister angezogen und um sich oersammelt habe. Der neu eingetroffene Geist habe dem auch seinen Dank für die herzliche Aufnahme ausgesprochen, aber hinzugefügt, daß er von der Erdenschwere seiner Arbeit noch zu ermüdet sei, um unmittelbar in Fühlung mit der Welt der Lebenden zu treten. Auch In einer Londoner Gedenkfeier soll Conan Doyle durch ein Medium ein„Lebenszeichen" gegeben haben. Die gläubigen Spiritisten erfuhren aber nichts davon. Die Pariser Filmbesprechungen, lieber die Pariser Filmbesprechungen wurde am Sonnabend folgender Bericht veröffentlicht: Die Konferenz amerikanischer und deutscher Elektro- und Ton- silmindustrieller, die feit dem 19. Juni in Paris tagt, ist heute zu einem vorläufigen Abschluß gekominen. Eine grundsätzliche Ver- stündigung zwischen den interessierten Parteien über den freien Austausch von Filmen, Aufnahme- und Wiedergabeapparaturen ist erreicht worden, die in endgültige Vertragsform gebracht werden soll. Das. Ziel dieser Verständigung ist es, die künstlerische Entwick- lung zu fördern und die Industrie von den Fesseln, unter denen sie durch die schwebenden Patentstreitigkeiten gelitten hat, möglichst zu befreien. Zur Ausarbeitung der Einzelheiten und Lorbereitung des endgültigen Vertrages find Kommissionen ernannt worden." Akademische Lesezimmer. Die Universität Erlangen hat eine nachahmenswerte Einrichtung getroffen, die in kurzer Zeit das weiteste Intexesse gefunden hat: akademische Lesezimmer. Der Direk- tor der Universitätsbibliothek hat sie im Erdgeschoß des Kollegien- Hauses«iiigerichtet. Da findet man im Zeitschristensaal die neuesten Hefte von 150 Zeitschriften, namentlich schöngeistigen und ollgemein kulturpolitischen Inhalts, dann einen Zeitunossaal mit 112 Tageszeitungen Das Hauptstück aber bildet der Bibliocheksfaal. der die deutsche Literatur der letzten 100 Jahre zur Benutzung an Ort und Stell« darbietet und den stärksten Zuspruch findet. Karl Heinz Marlin hat den Ziul erhalten, da« deutsche Theater in Buenos Altes zu organisieren und von Grund auf aufzubauen. Martin bat dieses Angebot angenommen und wird diesen Auftrag während seiner Ferien im nächsten Jahr« durchsühren. Eine KomSdi« au» dem Zouruallstenlebea. Der bereits durch mehrere draviatilchc Arbeiten bekann! gewordene Chefredakteur der.Dresdner Pol»- zeilung'. Robert Ei r ö h s ch. dat eine neue Komödie celbriebrn. die. sich „F o u r ii a l i lt über Bord" belitcck. Das Äerk frielt im ReöattionS- Milieu und belchästigt sich kritisch mit der Amerikanisterung der Presse und ihrer Entwicklung zur SensationSprejse. Die llraufsührrmg des 555 tri ei tag im kommenden Ooob« uu Sretb-v« Sinaischeder«qotg«. Gowjei-Maler. Ausstellung in der(Sezession. In der Sezession sind Maler aus Sowjetrußland zu Gast«: die „Gejellschaft der Freund« des neuen Rußland" Hot dafür gesorgt, daß sie hievherkommen und uns ein deutlicheres Bild ihres heutigen Kunstschaffens bieten. Der größte Teil dieser Schau ist vorher in Oslo und Stoccholm gezeigt worden. Man sieht bisweilen noch Ausläufer der vorrevolutionären Kunst(A r ch i p o f s, G r a b a r, der durch Restaurierung der alten Ikon« sich hohe Verdienst« erworben hat: der ausgezeichnet« P e t r o f f- W od k i n), und französische Einflüsse fohlen nicht, bei S. A l t m a n n, Ka s ch i n a(Matisse-Schule) und G o n t s cha r o w, der sich an die blaue Periode- Picassos hält. Auch inhaltlich beschäftigt Westeuropa die Phantasie der Künstler, wie S i n e s u b o s f und W i l j a m s, der die Großstadt Berlin als Laad feiner Sehn» sucht malt. Nicht, wie im russischen Film oder Drama, sieht man ein« direkt« Einwirkung der jüngsten Geschichte auf den Formungswillen dieser Maler. Sie sind anscheinend und wenigstens teilweise zu stark an handwerkliche Tradition gebunden, um sich restlos umstellen zu können: vielleicht find ste auch nicht so begabt und phantasievoll wie die Regisseure und Dichter. Das nimmt eigentlich wunder, wenn man sich daran erinnert, daß vor dem Kriege so radikal« Umwerter aus Rußland kamen, wie Kandinsky und Chagall, und nach dem Kriege die noch strengeren Malewitsch und Lissitzky. Es scheint, daß der Boden für solche ausgiebigen Experiment« tn Deutschland aus- nahmesähiger ist als in Rußland: wenigstens hat man bei unsdiese Erscheinungen als mahlverwandt restlos ausgenommen, und wenn nun in dieser Ausstellung von all dem nichts auftaucht als zwei frühe und trotz ihrer Strenge überholte Bilder von Malewitsch (1915), so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren� daß der große Ansturm in USSR. selbst einstweilen zum Stehen gekommen ist— um neue Kräfte zu sammeln, hoffen wir. Denn was positiv da ist und Hoffnungen erweckt, sind nicht viel mehr als begabte Andeutungen. Nicht als ob diese Künstler in Skizzen schwelgten: aber ihr tastendes Empfinden hat noch keine endgültige Form gefunden, alles sieht provisorisch aus und als ob man nicht recht wüßte, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Die Begabtesten halten sich am Leitseil neuer Inhalt« fest»nd verarbeiten einige westliche Anregungen, Konstruktivismus. Paul Klee, Hodler u. a. Dos interessanteste Bild steuert wohl P i m e n o f f bei: einei/Textilsabrikraum, hell und beinahe in der Art Rerlingcrs durchkonstruiert, ober eben nur beinahe: für da» Unentschiedene seiner Art ist bezeichnend, daß der rechte Bildteil in ganz anderem Stil angefügt ist und besser abgeschnitten werden könnte. Sehr«in- heillich Lutschischkins„Aufmarsch der Jugend", aber nicht ohne Hodler zu denken: Lobas hotte, als ehemaliger Flieger, die bleibende Vision der Welt aus der Dogelperfpettive: feine begabten Bilder sind aber kaum mehr als schöne Torfen. Geistig kommt Sernowa in einem Hasenbild, das drei Seesoldaten und drei Arbeiter in ihrem soziologischen Gegensatz gut zusammenbringt, den herrschenden Ideen im heutigen Rußland am nächsten: während das sozial« Moment bei G u r e w i t s ch(Pionicrparade aus dem Roten Platz in Moskau, Floretffechterinnen) beinahe spielerisch, im Anschluß an Klee und Kinderzeichnung, bei Pachomosf dekorativ ausgelöst, bei Tyschler in preziöser Märchenform, immer aber im Formalen westlich orientiert sich darstellt. Schließlich sind beinah« die bescheideneren Versuche von Schisrin, Barths und Schewt schenk o syst die originalsten. Man weiß letzten Endes hier nie so recht, wo die Anregung aus Europa aufhört und die waldurfprünglichc Selbständigkeit des Russen anfängt: Folg« der aus aller Orientierung geworfenen Situation des heutigen Malers •, tlv' Z»*...»». i o � 1 Hz JSta imCQBDBUw Mehr Schuh der Arbeitskrast. Sozialpolitische Korderungen des Gewerkschaftskongresses. Der ordenMche Kongreß des Jniernationalen Gemcrkschost'- bundes in Stockholm prüfte das Sozialpotit fche Programm des J. S.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch. bruckerei und Bcrlagsonstalt Paul Einner& Co., Berliir S2B 68, Linbenlirnnc 5. Hierzu 1 Beilage. Staats-Theater geschlossen! Abonnements- Anmeldungen für die Spielzeit 1930-31 (Beginn nm 1. Septemner) werden auch während der The- aterierien entgegengenommen: a) für die Staatsoper und das Staat). Schauspielhaus vom Abonnements- büro, Berlin W56, Ober- ■wallstr. 22.— Femspr. Merkur 9024, b) für das Staatl. Schillertheater vom Abonnementsbüro, Berlin-Char- tottenburg, Grolman- st ratio 70.— Femspr. Stein pl. 6715. TSgl. 5 u. SIS Sonnt. 2, Sn. 8U Alex. E 4, 8066 Internationale Attraktionen Reichshallen-Theater (T| Uhr Stettiner senger U IB. Juli; Gastspiel dar Dresdnaruicinna-sangnr Dönhoff-Breill: r(Saal sad deiM kahler Garten) Varieiä- Konxcrt- Taus ZOO AJb 4 Uhr nachmiliags GROSSES KONZERT Täglich; Tanz im Freien Auf d. Schausiellunesplaiz „1000 Krokodile" Aquarium Ttorkiinsl-Aussteiliins Winrer ★ Garren* 8.1 S nur— Baanien erianbl Cortinis Doilarsegen usw. Sonnabend u. Sonntag Jt 2 VorateUungon 4 und 8" Uhr, 4 Uhr kleine Preise> Theater l.d.Behrenstr. 53-54 Ph U. A4 Zentrum 926-927 8*h U. OirektioD Ralph Arthur Roberte Mein Vetter Eduard Schwank in 3 Akten von Fred Robs FÜR ALLE H DAHEIM GEBLIEBENEN FERIENPAROLE BERLINER SOMMER- SCHIU 1930 FUIKTURMHIUEI IM UISERDIUM TÄGLICH 9-8 UHR GEÖFFNET IB 7 UHR(IUSSER DOIIERS- TIG) BEI GUTEM WIE SCHLECHTEM WEITER I0BZERT DES Berliier sihfonieorchesters DIR.: DR. HEllMUIH THIERFEIDER Berliner Neukölln. �Spmsweik Kgnupngy R�teuiünt , Berlins Kisktk- Volks btlhne Tbuler an KGIsTpietz. 8V» Uhr Der fröhlidie Weinberg Lustsp. in 3 Akten Tsa Karl Zuknajer Regie: R.I. Keater. Dentsdin Tüeatir 1 2 Wcidtadann 5211 8 Uhr Phaea von Fritz v. Unruh. Rege Max Reinhardi Inik; FrWrMi flultatitr. BanmbüUr Init Sdiütt«. Die Komödie 1 1 Bismck.2414/7516 8'/i Uhr Wie werde idi leidi und slRtklidi? Q. Kenn Ii II m Mli iMkiasn. luik na Hub« SpJinskf. Ruit; triäi Eb5«I Bühnenbilder; t»e»iz lainr Theater d. Weiteos Täglich 8b- Uhr: Das Land des Lächelns Franz Lehars Sensationserfolg! SlflillCO ist stärkend, erfrischend. bekömmlich, da aus bestem Zucker und naturreinen Lj tfruchtaromen hergestellt.' Uabarafl im kabanl'*■ ___ SUrkk«KrOMrO. a.b.»L. landt- bwaw«Mm»-T.«laaandw 4703/ Kiniatt. IM Lessing- -Thealer WiideadaauB 2197 1.0846 Täglich SV» Uhr Der Faun foa Ed*. KiolilaodL Pul Hndtb, Halm. nuuu. Bml, CradtuiBkr, Fnnk«, RedUr, Rintn, lim Renaissance- Theater 9 Uhr Steinplatz 6780 Heute QDd allabeodlid) Die Wunder-Bar Revuestück Metropoi-Th. Täglich 8>'a Uhr Michael Bohnen mit Dir allem.. Beritaer Prater SonDergaiteimeiiter Kastanienallee 7—9 TiM lafang 4 Ohr der große Varietd- Teil. Eine entzückende Burleske 8.13 U (iustl Beer, Greil Lilien, Alex Haber. V von Kobylanska in die Rose vonStambnl Operette in 3 Akten von Leo Fall Grotes Ratleekodieii Eintrittspreis von 5® PL an. TiiBfli.iiiiKetiD.Tar Kottbusser Str. 6 4jb Tägl. S>. ß) Wiederauf- Blft» treten W Eilie- If sander ~~ mit Schorsch Ruselll. Grosses UtodbgePrjjnjjU� Pumpeo lühren, FHlei. ErsfllzttUe Preialii*. gratis KohlaDkeCo. Pumpenfabrik ■ERLin n 89, Kelpitkendorfcr Str. 95 »WMWM» „Das Rost- Thtattr hat| siS mit ditstr Aufführung der„Anderen Seite" 1 für diesen Sommer an| ' die Spitzt der Berfintr j Theater gesteift" I so sdrtiit die„tPeitstodt"\ vom 7. JuU. Peel Rom als KstnpsenlslOhrar „Die andere Seite" I ron S boril 1 | TIglich 8« Uhr, aber nur I noch bia Sonntag, d. 20. Juli. | Ab Montag, 21 Juli iBlnmnthMter| ▼ Ollis nett elnotudlert f „FlncliSDtau all Erzieler" Kom5die tob Otto Ermt j | Auf derQartonbühne. t&gl. 5» U. (Sonntags 5» uhr) Das Bombenprogramm I mit Willi Rosen«m FlOgsl. u"hz„Verliebte Leute"| Operette von KanBoko. In den Hauptrollen: Dlttars, Hofar.Karatans. Pyrmont. GOtlkh, Kanlsch. Muth, Hans Ras« und Rtchtar-Wauar. | Billettkuw: Ale*. 3422 u. 3494. Gr. Frankfurter Str. 132 Rose-Theaterl Seilerwaren Strandbad* Restaurant GRONAU GaleBadeverbfillnisse Neu renoviert Preiswerte KBdie— Kaffeekoitien Sämtliche Bedarfsartikel fflr die Industrie u. Landwirtschaft liefern ffleyer& Hirsch Oranienburger Str. 87-89 Telephon: Norden 6481 Gegründet 1876 Verkäufe Möbel Päte-tmateoke».Prtmissi teilbetten,«uflifletnatraflen. Cbatseion- fluts. Balter, Stergarberkraße acht- »cbn. Nein Lade». RsdeNäuier «er!« Nredit »ad bar Röbeibaiar. ar.ß« Bnswadl. Neia« Vr.il.: Beispielsweise: Schlahimmer 455.—, Eveiseäimmer 517.—, Serren, immer Z8S,—, Spieael» schränke 118.—, Dieienaarnitur 38,—. Anrichlcküche SS.—, Meiiiniibellslells 66.—. Nieiderschränke 48.—. Cdaise. ionaues 28.—. Metellbellslelle 18,—, Äufleaematrade 1Z,—. Sonsliae Mädel anaemessene Preise. Teibabluna aui» schlaafrei. Wochenralen. Monalsralcn. 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Juli 1930 frrAftmft StiUlUujkQcjb diM tbüHtfÜ Weimenemte in ZHanada �eun Tage XandarbeHer Das Arbeitsamt mii die Wartshallen der Dankgaschäst«, in denen die neuesten Erntebcrichte ausliegcn, sind in den letzten Juli- tagen von verdächtig aussehenden Individuen belagert. Doch nie- niand verwehrt ihnen den Zutritt. Man kennt diese Leute, die jedes Jahr auf die große Gelegenheit warten, während der Weisen- ernte in der Prärie als begehrte Arbeitshänd« verlangt zu werden und dieses einzige Mal im Jahre unentbehrlich zu sein. Selbst unsere Kleinstadt im fernen Westen des Felsengebirges packt die allgemeine Erregung: Wie wird die Ernte aus- fallen? Die Lokalblättchen können ihre Auflage erhöhen, denn jeder Tramp und Wanderarbeiter kauft sich für die letzten Cents die amtlichen Meldungen über den Stand der Erntcaussichten im Vergleich zu den Vorjahren, die Mitteilungen über gute Gegenden und andere, wo die chitze alles ausgedörrt hat, und schließlich kommen zum Schluß die effektiven Anforderung en der Ar- beitskräft« heraus. Vertreter des Farmdepartements, der Eisenbahngesellschaften und der Gewerkschaften kommen zusammen und regeln gemeinsam den ungeheuren Zustrom der Saisonarbeiter. Auf Grund der Ernteschätzungen werden auf den Arbeitsämtern des Ostens und Westens Leute angefordert, und so ein Ueberau- gebot oder ein« Knappheit an„Imrve-tcrs"(Erntehelfern) verhindert. Dos Jahr 1920 war nun sehr schlecht und wo nicht gar durch die groß« Hitze alles ausgedörrt war, hatte der mangelnde Regen doch bewirkt, daß die Halme selten über«in« Höhe von 20 bis 30 Zentimeter hinauskamen. Die wildesten Gerüchte gingen herum. bis das Kommunique der Regierung herauskam und es grausame Wahrheit wurde, daß infolge der ungemein schlechten Aussichten in diesem Jahr die Sonderzüge der Erntehelfer aus dem Osten ausfallen. Rur aus dem näheren Westen, von der Provinz Britisch Columbia, wurden etwa 6000 Mann angefordert. Für uns, die wir in dieser glücklichen Lage waren, konnte dies« Regelung ja nur gut sein, denn dadurch wurde ein Fallen des Lohnes durch übergroßes Angebot verhindert. Doch für die melen überzähligen Arbeitskräfte des Ostens bedeutete es eine große Gefahr. Nicht nur durch den Ausfall des Verdienstes, sondern aus dies« Nachrichten hin stoppte auch die Industrie so- fort ihre Produktion ab und die Arbeitslosenziffer schnellte in die Höhe. Am Jfarteflerlrain nach Safkalchenan Immer kleiner wurden die herumlungernden Gruppen der Wanderarbeiter auf der Hauptstraße unseres Ortes und niemals haben die Frachtzüge soviel blinde Passagiere, wie in den Togen des allgemeinen Rennens nach der Erntearbeit. Di« alten, er- fahrenen Kämpen haben jedes Jahr dieselbe„Bosse", nur die Neu- ling« lassen sich durchs Arbeitsamt vermitteln. Und nach langer Pause waren dort jetzt tatsächlich wieder Stellen zu haben. Zwar begann auch die Arbeit in den Obstgärten, ober der gute Verdienst in der Prärie und neue Erlebnisse lockten. So ließ ich mir, trotz der Warnungen unserer Bekannten, daß die ganz« Erntearbcit ein« große Schinderei sei, zusammen mit einem Freunde ein„Iisrvcster ticket*(Erntearbeiter-Billett) aus- stellen, das nur ungefähr den vierten Teil eines regulären Billetts kostete, und mit einem vollbepackten Rucksack verließen wir unser liebgewordenes Tal in den Rocky Mountains. An der Hauptstrecke müssen wir auf den Sonderzug für Ernte- arbeiter warten, der mit Gestalten wie wir im Overall oder der leinenen Khokihos« mit einem gleichfarbigen Hemd bekleidet, über- füllt ist. Auf der Plattform, an den Rändern der Dächer, überall sitzen die Kerle bei dem herrlichen, warmen Wetter herum. Er- zählen, den anderen in den Erlebnissen übertrumpfen und wetten ist natürlich die Hauptbeschäftigung der Bande. Anderthalb Tage dauert die Fahrt durch das Paradies der Hochgeb irgswclt, dann erreichen wir die Ebene, bis die uncnd- ljche Prärie wie ein flacher Teller vor uns liegt. Erbärmlich sehen die Felder aus, nach deutschen Begriffen mehr wie eine unsrucht- bar«, ausgedörrte Steppengegend und nicht wie ein« der größten Kornkammern der Welt. Und doch wird dieses Getreide geerntet. Hier macht es die Quantität, denn bei den ungeheuren Strecken ergibt sich doch«in verwertbares Ausdreschen, zumal die Aussicht auf bessere Preise besteht. Sür 5 3)ollar VI Stunden fchuften Wir haben uns in Regina, der Hauptstadt der Provinz Soskatchewan, eine der Hauptgetreidegegenden, auf dem Arbeits- antt zu melden. Nach einer halben Stunde Wartens koimnt«in schmutzig aussehender, kleiner Farmer herein, der für seine Dresch- Maschine noch vier Leute braucht. Wir werden aufgerufen, mit einem Handschlag dem Manne als»liest clsss Karvestee" übergeben und alles weiter« wird sich finden. Das Auto, ein ganz neuer, vievsitziger Pontiag, steht schon vor der Türe und etwas gedrängt, das Gepäck hinten hoch auf- getürmt, ziehen wir los. Immer in neuen, genau rechtwinkligen Kurven und auf geradlinigen Straßen nach Norden. Zum letzten Male wird die Eisenbahnlinie passiert, dann sehen wir nur noch riesige Felder, auf denen die Traktoren rattern und die Dreschmaschinen summen. Uoberall stehen dieselben, gleichförmigen, großen Scheunen und daneben das meist viel kleinere Wohnhaus aus Holz. Es gibt ja keine Dörfer, wie in Deutschland, sondern jeder Farmer besitzt etwa eine Ouadratmeil« Land und setzt Scheune und Wohnhaus in die Mitte. Nach zwei Stunden Fahrt, es hat schon lang« jede anständiz« Fahrstraße aufgehört und selbst unser kräftiger Wagen tanzt unter der Last von fünf schweren Männern hin und her, halten wir end- lich vor einem der Farmhäuser. Wir- werden zunächst in der Garage untergebracht: eine alte Matratze und etwas Stroh ist die ganz« Einrichtung. Im Hause selbst ist zu wenig Platz, kaum genug für die kinderreiche Familie. Die Farmer wohnen oft in ganz unzu- länglichen Wohnungen, aber ein« hochelegante Cor, mit der er am Samstag abend in die Stadt fahren kann, besitzt jeder. Die Haus- einriästung besteht im wesentlichen aus einem luxuriösen Radio, das über die lange, öde Winterzeit hinweghelfen muß: im übrigen ift alles äußerst primitiv. Ein paar alt« Stühle, Tisch und Schrank, dazu ein zujammengenagestes Boll nüt Fellen, dos ijt alles. Dabei I ist der Mann nicht arm. Di« Farm ist 6�0 kanadisch« Acker groß, � also ekwa 300 Hektar, immerhin selbst für Kanada ein schöner Besitz. Es gibt eben kein« Bauern nach unserem Begrifs. Sie sind alle rein« Geschäftsleute, ohne jede Verbindung mit ihrem Grund und Boden. Fünf, höchstens zehn Jahr« harte Arbeit und kümmerliches Dasein, dann aber will jeder soviel erübrigt haben, um den Rest seines Lebens in der Stadt oder in Kali- fornien zu verbringen. Manchem gelingt es— die anderen haben Pech, schlechte Ernten im Anfang. Sie können ihre Abzahlungs- raten nicht bezahlen und sind dann meistens für ihr ganzes Leben gefesselt. Beiläufig erwähnt Shorty,«in Spitzname auf seine kleine Statur, die Arbeitsbedingungen: Fünf Dollar den Tag beim Dreschen und drei Dollar fürs Setzen der Garben, das sind die vom Arbeitsamt festgelegten Mindestsätze. Und nun kann die Schufterei beginnen. Noch am selben Abend bekommt jeder sein Gespann zugeteilt, hat sein Geschirr in Ord- nung zu bringen, die Pferde zu süttern usw., damit es am nächsten Morgen noch in der Dunkelheit losgehen kann. Ich habe zunächst als Auflader im Felde zu tun, und brauch« nicht mit den Pferden zu hantieren. Ein Glück, denn ich hatte in meinem Leben noch keinen Gaul geschirrt, viel weniger«in Ge- spann mit hochbeladenem Wagen an die Dreschmaschine gefahren. So ging anfangs alles gut. Von morgens fünf bis in die Nacht hinein hebe ich Garbe für Garbe übereinander, bis der Rücken sich vor Schmerzen nicht mehr biegt und die Hände dick« Schwielen bekommen. Glühend heiß brennt die Sonne über Mittag, während es des Nachts eiskalt ist und wir unter unseren Decken in der windigen Garag« frieren. Ich hätte dieses Leben wohl nicht lange ausgeholten, wenn nicht immer ein paar Regen- tag« dazwischen gekommen wären, an denen es keine Arbeit gab und wir unsere erschlasften Körper wieder auffrischen konnten. Außerdem ist das Essen tadellos und die Farmersfrau hat ihre Last, uns hungrige Wölfe mit Speck und Eiern, Hpserbrei, verschiedenen Sorten Torte und was zu einer regelrechten, kanad:» schen Erntemahlzeit alles gehört, satt zu kriegen. Draußen heulen Wind und Regen um das kleine Holzhaus und immer neue, dicke, schwere Wolken kommen von der Hudfpn- Bay herüber. Drei Tag« schon liegen wir hier herum, während der Weizen auf den Feldern verdirbt. Nach einem Streite mit dem Farmer kündigt einer der anderent Leute seinen Dienst auf und damit kommt für mich leider das. bittere Ende und mancher Fluch hat die Pferd« getrosten, die- man mir anvertraute. Aber schließlich kann man alles lernen, be- fonders in Amerika. Das Dreschen geht hier so vor sich, daß man die Moschine mit dem Traktor in die Mitte des Feldes sährt und nun das Getreide herbeifchafft, das gleich draußen gedroschen wird. Das Stroh läßt man einfach auf das Feld hinausblasen, während die Körner durch ein Rohr in ein verschiebbares Haus geblasen werden. Winter- dreschen in der Scheune kennt man nicht. Dazu sind«Ve Verhältnisse zu gewaltig und der Betrieb zu spezialisiert. Di« meisten Farmer gehören einer Absatzgenossenschaft» dem Pool, an, wohin sie den Weizen nach der Ernte bringen und- wo er in riefigen Elevatoren aufbewahrt wird. Im Lause des Jahres erhält dann der Farmer seine Bezahlung je nach dem Ver- kauf. Dadurch wird dos Verschleudern des Getreides im Herbjt verhindert und ein« gewisse Marktregelung durchgeführt. Die 100 bis 200 Dollar, die ein Arbeiter in guten Jahren während der Ernte verdient, bilden den eisernen Be- stand für die lange Winterzeit, wo es außer Holzfällen in dem Agrarland« Kanada kaum eine Arbeit gibt. So bildet der Weizen das wirtschaftliche Rückgrat des ganzen Landes, die Grund- lag« für das kommende Jahr, für Industrie und Handel ist der Ausfall der Ernte. Karl Moellcr. QemiiSe vor dm ftoren Berlins Qang durch einen Groftbetrieb Bei Nauen liegt der Riesenbetrieb des Rittergutsbesitzers Dr. S ch u r i ch, der als Musterlandwirt Weltruf besitzt. Der Be- trieb umfaßt 13 000 Morgen Eigentum und Pachtland. Das Ge- schäftsprinzip dieses Landwirts und Kaufmanns ist, die Landwirt- schoft jeder sich rentierenden Neuerung und der Loge des Marktes anzupassen. Auf rund 4000 Morgen erfolgt Anbau von Gemüse, 4000 Morgen werden mit Getreide(Weizen) und 4000 Morgen mit Kartoffeln bebaut In dem außerordentlich umfangreichen Maschinenpark inler- essierten vor allem die Erbsendreschmaschinen, die Dr. Schurich als erster in Deutschland«ingeführt hat. Sie kommen 30 00 M. Zoll(amerikanisches Fabrikat). Dr. Schurich hat 1000 Morgen Erbsen angebaut. Der Morgen trägt etwa 15 Zentner. Die Maschinen(zwei Zwillingsmaschinen) arbeiten etwa fünf Wochen, da die verschiedenen Sorten verschieden reifen. Sie liefern täglich 250 bis 300 Zentner Kerne. Dr. Schurich hat einen eigenen Saatzuchtleiter und züchtet selbst neu« Sorten. Zede Maschine erseht 80 dreschende bzw. die Erbsen sortierend« Frauen, zusammen werden 320 Arbeitskräfte weniger gebraucht. Der Arbeitsprozeß auf dem Gut dauert von morgen» 2 Uhr bis mittags 14 Uhr: um 18 Uhr sind die Kerne schon in der Konserven- sabrik. Das Kraut kommt auf das Fetd und wird untergeackert, es ist Stickstosträger und Bodenverbesserer. Hinterher wird sofort Kohl gepflanzt. Durch das Unterpflügen des Erbsenkrautes(eben- so des Zuckerrllbenkrautes) verspricht man sich eine um drei Zent- ner höhere Ernte im folgenden Jahr. Beim Ansehen der Moschinen im Maschinenpark bedauert« der Inhaber� daß so viele Landwirt« wohl ihre Pferde, niemals aber die Maschinen mit Sorgfalt pflegen. Er begründet mit dieser Fat- derung seine umfangreich« Maschinen-Reparaturwerkstalt, in der repariert, ausprobiert und neu« Maschinen und Anwendungsmög- lichkeiten erfunden werden. Die Schlosser— Landarbeiterhandwerker— arbeiten wie die anderen Landarbeiter hier 11 Stun- den im Sommer. Die neue Konstruktion eines Mähdreschers, der zugleich Mäh- und Dreschmaschine ist, und in der Stunde bis zu 70 Zentner Getreide schafft, fand erhöhte Aufmerksamkeit der Kursusteilnehmer. Der Arbeitslohn betrug früher bis Waggon 13— 14 M. pro Morgen seit Einführung des Mähdreschers nur 1,80 M. für Handarbeit, das wäre dann nur der neunte Teil früherer Aufwendungen. Rechne: man Abschreibung und Verzinsung für den Mähdrescher hinzu, s stellen sich die Kosten pro Morgen auf die Hälfte i des früheren Betrages. � Drill maschinest, auch vereinheitlicht auf 4 Meter Brei.e wie alle anderen Maschinen und so fein in der Aussaat, daß auf den s Morgen z. B. genau 123 Gramm Kohisamen kommen, Hack- Maschinen, so verbessert, daß sie von einem Mann bedient wer- den können, der mit den Armen lenkt und mit den Füßen steuert, die Einführung von Hülsen über den Wagenachsen und vieles andere beweist, daß hier ein Landwirt tätig und leitend wirkt, der in der Wirtschaftsweise allen historischen Plunder zur Seite wirft Er be- zeichnet es z. B. als Wohnsinn, daß die Ackerwogen noch wie zu Zeiten von Pontius Pilatus aussehen, daß es 2 4 0 ver- schieden« Wagenachsen in Deutschland gibt, daß er selbst auf den verschiedenen Gütern 280 Wagen, einen anders als den anderen, vorgefunden habe, und zwar für 30, 50 und 80 Zentner. Drei Typen würden da genügen. Der Besitzer führte uns nun durch die riesigen, einheitlich be- bauten Landslächen. Der Weizen tDickkopf) ist kurzstämmig und sehr ertragreich. Bei genügend Kalkzistatz'st heute Weizenanbau auch aus leichterem Boden schon möglich. Hier werden 40 Pfund Saatgut auf den Morgen verwendet. Der Fruchtstand ist gleichmäßig gut. Dr. Schu- rich beschäftigt insgesamt 960 Leute: es kommen bei 13 000 Morgen also etwa sieben Leute im Durchschnitt auf 100 Morgen. Damit ist auch der Nachweis erbracht, daß durch intensiveren Anbau(Gr- müsebau usw.) trotz Verwendung technischer Errungenschaften d.e Zahl der Beschäftigten höher ist, als bei einem land- läusig bewirtschosteten Großbetrieb, der durchschnittlich 3,5 Leute auf 100 Morgen beschäftigt. Neuartig sind auch Schurichs Ansichten über Frühgemüse und Frllhvbstkultur. Kühlhäuser wären notwendig, um das zur Zeit der Frei- und Höchsternte Erzielt« für die anderen Jahreszeiten zu konservieren. Er plant ein solches Kühlhaus für Tomaten. Dr. Schurich sprach sich mit trockenem Humor über die Preis- unterschiede zwischen Land und Stadt aus: Schoten ab Gut Markee.... 8 Pf. Transport......... J4 Ps. Berlin.......... 25 Pf. So wollte er im Frühjahr Weißkohl, der ihm m i t 80 000 Zentnern liegengeblieben war, nach Berlin liefern für 80 Pf pro Zentner. In Berlin kam er 6 M., isto das Zehnfache. Notgedrungen mußte er 40 000 Zentner unterpflügen. Viel Schuld haben die Hausfrauen. Die Berliner Frauen ziehen den italienischen Blumenkohl vor. In diesem Jahre baute er nun Blumenkohl. Die Köpfe sind bei der Dürre kleiner geraten, demzusolge wollen ihn die Berliner Frauen nicht kaufen, und es wird sich in den nächsten Tagen zeigen, daß der ganzen Pslanzung das gleiche Schicksal der Unter- p f l ü g u n g blühen wird. Wir Kursusteilnehmer überzeugten uns bei dem Gang durch die Plantage selbst davon, daß manch-r Kopf «inen gelben Schimmer hatte, sonst aber fest war und würzig duftete. Der Besitzer bedauerte auch, daß er Warenhäu-ser, wie Wertheim, Tietz und Karstadt, nicht beliefern konnte, weil diese ihre Aufkäufer lieber in die TOrtrkthallen senden. Ja, uin diese Hunderte von Morgen Blumenkohl wäre es schade, man denke an die hungernden Proletarierfamilien der Arbeitslosen und Kurz- arbeiter, die gern zu verbilligten Preisen kaufen würden. Le'der verkauft der Berliner Konsumverein kein frisches Gemüse. sonst wäre auch hier, von den'tädtischen Gütern aus wie von Groß- gemüseproduzenlen im Interesse der Konsumenten wie der Pradu- zenten Absatz und Abnahme besser zu regeln. Der nächste Besuch gilt 200 Morgen Stangenbohnen die eine besser« Oualitätsbohne liefern als die Bushbohne M-nnshohe Drahtstangen, gekreuzt an waagerechten Drähten, ersetzen teure Ho z- stangen, di? Krankheiten übernehmen und das Licht rauben W if Flächen— 250 Morgen'— mit F r ü h k o h l, der jetzt noch eine Delikatesse ist, folgen den Bohnen. Und nirgends auch nur e ne Spur von Unkraut. Dr. Schurich sagt, daß wir nicht reich genug sind, um Unkraut mitzuernähren. Pro Morgen werden hstr 60 75 Zentner Kohl geerntet. lieber den finanziellen Erfolg des Gesamtuntsrnehmens befragt, äußerte sich Dr. Schurich fehl zurückhaltend. Der Bau von 1000 Morgen Erbsen sei dieses I- hr ein Fehlschfag, weil sie nur ein Drittel des Ertrages lief rn Sta t 250 M. Bruttoertrag pro Morgen, seien es in di.sem Iah e nur 105 M. pro Morgen. Das bedeutet einen Minderertrog gegenüber dem Anschlag von 2 50 000 M. Bei anderen Produkten geht es dann wieder bester. Jmmerh'n ruhen auf dem Gesamttinternehmen 1 400 000 M. Schulden und da muß mit äußerster Energie gearbeitet werden. Zcksx Amon (30. Fortsetzung.) Sie stand nm Fenster uinb sah in den Hof hinunter. Ein Sprung hinav ohne Geniekbruch war undenkbar. Jeden Versuch, sich durch einen der Nachbarn, von Fenster zu Fenster, Hilse zu ner- fd)oti»n, empfand sie als den Ansang«ines Skandals. pann warf sie sich wieder übe? die Chaiselongue. Sie schluchzte. Die Stunde verging. Es wurde Nachmittag. Mit eiuemmal packte den immer»och im Hotel wortenden Hammerschlog die Wut. Er brüllte nach der Rechnung, und man sollt« ihm ein Auto bestellen, er schmiß seinen 5)andkosfer und sich selber in den Wogen, sauste zum dritten Bezirk und rannte die Treppen hinauf, immerfort für sich hinsluchend, mit sich selber redend. An der Wohnungstllr begann er ohne weiteres zu ttingeln und mit der Faust zu bumsen(in seinem Innern horte er die Eisen- bahn pfeifen), er machte einen Lärm, daß es zum Fürchten war, und merkte selber nichts davon. Aber schon nach wenigen Augenblicken rief von drinnen eine Stimme voll Bangigkeit und Hoffnung: „Wer ist da?" „Ich bin's, Denise!" schrie Hammer Mag, der die Stimni« er- kannt hatte.„Demcchen, Kind, was ist denn lo», warum läßt du mich denn im Stich!" „Ich bin«ing'sperrt", schrie Dentse,„lauf, Max, hol in der Geschwindigkeit einen Schlosser, eing'sperrt bin ich, ich könnt nicht kommen—" Hammerschlag stand draußen vor der Tür med verarbeitete das Gehörte. „Eingesperrt? Wer hat das getan?" rief er; waren Diebe und Mörder da?" Er bekam keine Antwort. Von drinnen waren eilig« Schritte und die gedämpfte Stimme der Majorin zu vernehmen. Denis« hörte er aufgeregt weinen und schreien. Die Majorin suchte sie zu beruhigen. Donnerwetter, dachte Hammerschlag plötzlich, das alte 5)uhn selber hat sein Küke» eingesperrt? „Machen Sie aus", rief er,„Frau Majorin, mein Zug nach Berlin geht in einer halben Stunde." „Lauf doch zum Schlosser, Max", hörte er Denise rufen,„sie macht dir nicht auf und laßt mich nicht frei." Er hört« den Wort- Wechsel weiter toben. „Schön", rief er,„zum Schlosser also!" Aber ehe er noch die ersten Stufen vorwärts genvnrmen hatte, hörte er das Geräusch eines Schlüssels iin Schloß. Er hielt ab- wartend inne. Gleich darauf erschien die Majorin im Rahmen der Woh- nungstür. „Wie können Sie denn wagen, sichmoch einmal in diesem Hause sehen zu lassen", zischte sie ihm zu,„nach dem Brief, den ich Ihnen geschrieben habe. Ich verbitte mir einen Skandal!" Sie flüsterte: „Fahren Sie aus der Stelle zum Bahnhof... Nach Berlin..." Hanunerschlag hotte höflich seinen Hut gezogen. Er näherte sich wieder der Wohnungstür. „Ich erlaube mir ergebenst zu bemerken", sagte er,„daß Sie gar kein Recht dazu hoben, Ihre Tochter einzuschließen... Das ist Freiheitsberaubung..." Als er dies gesogt hatte, sah er die Majorin durch unsichtbare Hände von der Tür mrückgeriisen, im nächsten Augenblick flog Denis« mit dem Hut schief aus den Haaren an ihm vorbei,„komm", schrie sie„komm", ober Hammerichlag raste schon polternd hinter ihr her die Treppe hinunter. Vor dem Hause stand das Auto, in dem er gekommen war. Vom Fenster oben sah die Majorin zornbleich aus die Straße. Das Zlutomobil sauste los, Frau von Langen stürzte an das Kleideispind, um Hut und Mantel heroorzureihen. 10.„A r n o l d, k e h r e z u r ü ck!" Zwei Taj*: lang hatte Arnold von seinein Toschengeld, jener einen Mark und fünfzig Pfennigen, die bei der Durchsuchung in seinem Bcsig verblieben waren, gelebt. Nachts hatte er bis etwa zwei Uhr in Wartesälen gesessen, dann hatte er es sich auf einer Bank im Tiergarten sozusagen bequem gemacht und später, wenn das Leben In den Straßen aufwachte, wenn die Züge von Arbeitern und später von Angestellten zu den Hochbahnstatiouen nwrschierten, war er»mhergewondert und hatte sich diesen imposanten Auftakt des Tage; als«1» nnbetelligter Beobachter angesehen. Alsdann hatte er Museen besucht. Vor den Bildern der Nationalgalerie>»> Palais Unter den Linden brachte er mehrer« Stunden zu. „Bei dieser Gelegenheit bekomme ich doch«iiunol etwas zu sehen", sagt« er zu sich selbst. Als er aber am zweiten Tage sei» Geld bis aus einen geringen Rest kür das Mittagsmahl— eine Suppe samt einigen Brötchen— auegegeben hatte, bekam die Frag«, auf welche Weise er mit der eben abgebrochenen Vergangenheit neu« Verbindung fände, akut« Bedeutung. Es handelte sich für ihn darum, die Werste Straße in seine alten Lebensumstände zurückzufinden Mi Strohe, auf der er nicht Gefahr lief, seinen Beschuldigern von vorgestern in die Arn?« zu renn«». Schwierig war die Sache nur eigentlich deshalb für ihn, weil zu den Beschuldigern ja scheinbar auch seine Mutter gehörte. Er wußte nicht, wo er sich hinbegeben sollte, wenn 5)tmger und Schlafbedürfnis unabweisbar über ihn kämen. Mit den Per- wandten, deren er einige in Berlin hotte, war«r durch seine Mütter, wie man sagt,„verfeindet". Gedankenvoll hotte«r einen Brief au» der Brusttasche seiner Weste geholt und ihn langsam in immer kleiner, rechteckige Felder zerrissen Es war der Brief für da» Fräulein au, dem Nedaktions- büro. dessen Nanre«r nicht kannte: jenen Brief, den er unter keinen Umständen fremden Augen hatte preisgeben wollen und der ihn zu dem jungenhaften Streich seiner Flucht veranlaßt hatte. Den losen ru-chkinandc'gcschüttclien Betzenhausen,«ärs er auf ein« Mistkarre, die an�Rande des Fahrweges stand. Einige Schritte weiter blieb«r vor»ine? Lrtjabsäul« stehen; Aus einem roten Anschlag sah er in großen Buchstaben seinen Nomen. Für einen Augenblick stockt« ihm das Blut. Auf dem Plakat stand zu lesen: Arnold, kehr« zurück. ich bringe alles in Ordnung. �_ Lolli. Enttäuscht biß er sich auf die Lippe. Einen Menschen namens Lolli kannte«? nicht. Hätte statt dieser Unterschrist„Deine Mutter" dagestanden, so wäre kein Zweifel möglich gewesen— der Anschlag hätte Bezug aus ihn gehabt. „Ich wollte, jener Arnold wäre ich", knirschte er zwischen den Zähnen,„dies« Lolli ist wahrscheinlich die Braut oder das liebe Mädchen, vielleicht auch die Frau von dem anderen Arnold da..." Es begann zu regnen. Jedenfalls schadet der Regen meinem Hut nicht, dachte er— denn er tmg seit seiner Flucht aus dein Kontor keine Kopfbedeckung. Er schlug den Kragen hoch. In der Bülow- slraß« unter den wuchtigen Konstruktionen der Hochbahn hatte«r Deckung vor dem Wetter, Er überquerte die Potsdamer Straße und spazierte weiter, die Augen sinnend zu Boden gesenkt, In der Richtung zum Dennewitzplatz. Dann blieb er unoermittelt stehen und sah nach den goldenen Ziffern der Uhr an der Luthcrkirche. Ein außerordentlicher Gedanke beherrschte ihn. Er nickte lebhaft, ging zum Fahrkartenschalter der Hochbahn lind löste für den Rest des Geldes ein Billett. *** In der Tat war es Lolli Weinmeister gewesen, die unter Aus» gebot all ihrer Mittel den Anschlag an der LitfoMule veranlaßt hatte. Als sie, nachdem bereits olles vorüber war, von Dr. Cibulski die Ereignisse jenes abenteuerlichen Vormittags erfahren hatte, war das Gewissen in ihr laut geworden. Sie wußte sich in bezug auf den Geldschrank, den sie verschiedentlich geöffnet hatte, schuldig: der Lehrling der Versichert urgsfirina stand unschuldig in Verdacht. Daß er nicht wegen des Geldschranks, sondern um ihretwillen durchs Schlüsselloch gespäht hatte, ergab sich für Lolli von selber. Unbegreis- lich blieb ihr nur, weshalb der merkwürdige Jüngling dennoch einem Verbrecher gleich ausgerissen war, anstatt seine Unschuld zu beweisen. Hotten ihn seine Ankläger so heftig bedroht, daß er keilten Weg mehr sah«utße? Flucht? Lolli muht« ihr Gewissen zur Ruhe bringen. In ihrer Auf- regung schrie sie am nächsten Tage Dr. Cibulski wütend an: G» habe eine Riesendummheit gemacht: sie, Lolli, kenne den Lehrling und wisse, daß«r«ig durchaus ehrenhafter Mensch wäre. Dr. Cibulski möge es mit seinem Gewissen ausmachen, wenn ein Unglück passierte. Als Dr. Cibulski hörte, daß Fräulein Weinmeister mit dem kriminellen Lehrling bekannt ivar, sah er sie mit einein Blick tiessten Mißtrauens an. Lolli hoffte krampfhaft auf Erfolg des Anschlags an der Säule. Der Lehrling Fein lebte Tags und im Traum in ihren Gedanken. Die beoorstehciide Ankunft Hammerjchlags, von der sie unter anderen Umständen ganz erfüllt gewesen wäre, trat in ihrer Gedankemvelt hinter jener Erwartung zurück. An diesem Nachmittag, als sie das Büro verlassen hotte und eben die Sperre der Hochbahnstation am Halleschen Tor passieren wollte — fühlte si« sich plötzlich von hinten am Arm berührt. Sie fuhr herum— Er war's!(Fortsetzung folgt.) ßeidttviHerliebe Zean Eocleau: Enfants terribles. Roman aus dem Französischen übersetzt von Hans Kouders und Ephraim Frisch. (Berlin, Kiepe»Heuer, 183 S.) Das Thema der Geschwisterliebe, dos jetzt in der Dichtung— es sei nur an Leonhard Frank, Robert Neumann und Kasimir Ed- jchmid erinnert— so großen Anwert find«!, wird von Cocteau nochmals, und man muß sagen ganz eigenartig, behandelt. Nicht der Inzest, die Blutschande in ihrer groben, körperliche» Form bindet Paul und Elisabeth aneinander, sondern das weit stärkere und geheimnisvollere Band, daß sie im Denken und Wollen ein- ander ergänzen, daß eines die Träume und Wünsche des andern zu Ende führt und stündlich ohne Erfüllung bliebe, wenn das ihm Geschwisterte nicht neben ihm stünde. Ein Mysterium der Beziehungen also, rätselhast doch urnvidersteh- [ich hinüber und herüber flutend, beim kindlichen Spiel beginnend und in der Tragik des gemeinsame» Sterbens gipfelnd. Dieses Mysterium ist so stark, daß es alle in feinen Bann zieht, die ihn: nahe kommen: dl« gelähmte, in den Tod hinübertauchende Mutter: einen fremden Arzt und eine fremde Pflegerin: die ganz ihr eigenes Ich verlierenden Freunde Gcrord, Agathe und Michael und sogar, ja am stärksten, die toten Dinge: dos genieinsame Zimmer, eine Lohe mit kindischen„Schätzen", ein neu bezogenes Haus, eine Photographie, ein Unglücksauto, eine Giftkugel und dergleichen mehr. Erzählt wird das alles, di« Absurditäten der Spiele und die Seit- samkeiteit der Verwicklung mit einer kühlen, streng-gebändigten Ruhe, Psychoanalyse, mystische Durchleuchtung des Alltags und sicheres Stilgesühl schließen miteinander einen eigentümlichen Bund. Sie bewirken, daß man den Roman, ohne zu fragen und zu zweifeln, als Kunstwerk anerkennt: aber sie vennögen die lieber, zeugung nicht zu zerstreuen, daß er eigentlich nur den Dichter selbst etwas angeht, für den Leser bleibt er die meisterlich gekonnte Dar, siellung eines abwegigen, allgemein menschlich unwesentlichen Smr- derfall», bleibt er Individuellste» in einer dem Kollektiven zustre- benden Epoche. Dr. Alfred JOeinberg. VK4S DER Die längsten Tage in Europa. Während in Deutschland die längsten Tage um die Mitte Juni etwa 16 bis 17 Stunden dauern, gibt es im nördlichen Europa Gegenden, wo die Tage in dieser Jahreszeit von bedeutend größerer Länge sind. Zu diesen Gegenden gehört an erster Stelle die Insel Island, auf der die Sommerhelle volle 354 Monate dauert, da die Sonne in dieser Zeit nicht unter den Horizont sinkt. Dann folgt das norwegische Städtchen Vardö, am Varangersjard gelegen, wo der längste Tag ebenfalls einige Monate, vom 22. Mai bis 21. Juki dauert. An dritter Stelle steht die schwedische Grenzstadt Tarnen im nördlichen Finnland, wo der längste Tag freilich nicht mehr nach Monaten berechnet wird, immerhin ober 215» Stuilden lang ist. Im Gegensatz dazu betrügt die Läng« des kürzesten Tages am 21. Dezember nur 254 Stunden. In Petersburg wie in Tobolst bleibt die Sonne am längsten Tage 19 Stunden über dem Horizont, um am kürzesten Tage schon nach 5 StuiHen wieder zu verschwin, den. Die Sommer- und Wintertage in Stockholm und Upsala sind im allgemeinen von der gleichen Longe wie in Petersburg und 'Tobolsk, nur daß in ihnen der längst« Tag 1854 und der kürzeste 554 Stunden dauert. In Berlin hat der längste Tag mit 17 Stunden die gleiche Dauer wie der längst» Tag in London. Wie man Schriftzüge wieder lesbar macht. Schriftzüge, bei denen im Lauf der Zeit die Tinte stark aus- geblichen ist, kann man auf einem einfachen chemischen Wege wieder deutlich lesbar machen. Dazu empfiehlt sich die Anwendung voir Schwefelammonium. Eine frische Lösung davon in Wasser ist stirb- los, und man kann ein Gelbwerden dadurch verhindern, daß man sie bei Nichtgebrauch in einer gut verschlossenen Flasche ausbewahrt. Man übergießt die betreffenden Blätter mit Schweselawmonium: dann ersoigt eine Waschung mit kaltem Wasser: schließlich wird eine Trocknung durch sanfte Erwärmung oder mit einem Löschblatt vor» genommen. Bleicht die Schrift nach und nach wieder aus, so wendet man nun am besten eine Lösung von Tannin(Gerbsäure) an. Der erste Entdecker des Südpolargebiets. Wie aus einer Whandlung des amerikanischen Schriftstellers Gage Prescott hervorgeht, gebührt der Ruhm, den antarktischen Kontinent zuerst entdeckt und betreten zu haben, einem jetzt ver- gesscncn amerikanischen Seefahrer N a t h a n i e l Polmer, der bereit» im Jahre 1820 dort landete. Die hinterlasienen Papier« Palmers befinden sich zum Teil in der Nationolbibiiothek� m Washington, zum Teil im Besitz des Großneffen Palmer» in ixto. nington(Connecticut), Im Jahre 1819 hatte ein Kapitän Fanning au» Ätoningtan von einer Reise zu den Aurorainsein(südöstlich von den Falklandinseln) reiche Au»beute an Robben, und Seehundfellen mitgebracht und durch ihren Verkauf«inen Gewinn von 20 000 Dollar erzielt. Sein« Erzählungen veranlagten die Schiffseigentümer von Stonington, eine kleine Flotte von acht Schiffen auszurüsten, von denen eines,„Hero". dem Befehl des damals kaum zwanzig- jährigen Polmer unterstellt wurde. Durch den Sturm in der Nähe des Kap Horn von den anderen Schiffen abgetrieben, segelt« Palmer aus eigene Faust weite« fixtoäxts» um poch reichere Jagdgebiet» zu BRINGT. finden, als die Aurorainseln boten. Bei dieser Fahrt in stetem Kampf mit Eisbergen und Eisschollen stieß er aus die Küste eines Landes, das in seinen Karten nicht verzeichnet war und das er für eine Insel hielt. Er lief in verschiedene Buchten ein, wanderte auch eine Strecke landeinwärts, fand aber nur die verschiedensten Vogelarten, aber das Wild, das er suchte, fand er nicht. Da wandte «r den Kurs wieder nordwärts und fuhr oft dlirch so dichten Nebel, daß ihm jede Orientierung unmöglich wurde. Während dieser Rück- fahrt hörte«r eine? Nachts, als er Ausschau hielt, in seiner Nähe menschliche Stimmen, die er sich in der Einsamkeit und Oede dieser Gegenden nicht zu erklären vermochte. Als der Tag anbrach und der Nebel sich lichtet«, legte sich ein Boot an fein Schiff, dem zwei Männer entstiegen, die ihn einluden, sie auf«inen in der Nähe ankernden russischen Segler zu begleiten. Der alte Kapitän des Seglers empfing den jungen Polmer mit offensichtlichem Er- staunen und befragte ihn über sein« Fahrt und seine Erlebnisse. An der Hand der Logbücher und seiner Aufzeichnungen beschrieb Palmer die Fahrt, die er gemacht hotte, und bezeichnete auf eine besondere Frage des Kapitäns den Punkt, wo er an Land gegangen mar, genau nach Länge und Breite. Da sagte der Russe, daß er selbst bereit» drei Jahr« In Nacht und Eis herumfahre, ohne das Land am Südpol zu finden. Ihm sei mit einem kleinen und gebrechlichen Fahrzeug gelungen, was er mit seinem großen Schiff nicht erreicht habe. Flugzeug in Neu-Guinea. Eine eigenartige Verwendung findet das Flugzeug In Neu- Guinea(früher deutsch, jetzt englisches Mondatigebiet). Dort wurden in einem Urwoldgebirge in 3000 bis 4000 Meter Höhe Goldfelder von beträchtlichem GelM gefunden. Sie werden im Tag- bau abgebaut, das goldhaltig« Gestein wird durch einfaches Wasthe» von den leichteren Mineralien ausgesondert. Der Transport zur Küste erfolgt durch Flugzeug, denn der Weg aus 0cm Urwald- gebirge ist so schwierig, daß die Goldgewinnung nicht lohnen würde, wenn man gezwungen wäre, den Transport durch Tiere und Menschen zu bewerkstelligen. Die Tränen des Tadsch Mahal, Eins der schönsten Bauwerke der Welt ist zweifellos der be- rühmte Tadsch Mahal in Agra in Indic», das im 17. Jahrhunderts von dem französischen Architekten Austin von Bordeaux im Austrage des Schahs Dschehan errichtet wurde. Es stellt ei» Mausoleum für di« schöne Prinzessin Mumtqz Mahol dar, die in der Blüte ihrer Jugend an den Folgen einer unbedeutenden Krankheit starb. An der Fertigstellung des Grabmals hoben mehr als 20 000 Arbeiter 22 Jahr« lang angestrengt gearbeitet. Merkwürdig ist außer der überwältigenden Schönheit des Ganzen, daß sich stets bei Regen- fällen von der gewölbten inneren Decke drei Regentropfen ablösen und zu Boden fallen. Nie fällt ein Tropfen mehr und nie einer weniger: ganz gleich, ob draußen ein Wolkenbruch oder ein leichter Regenschauer niedergeht. Di« berühmtesten Gelehrten habe» sich schon den Kops darüber zerbrochen, haben aber des Rätsels Lösung nicht jmden können. Berliner Rennwodie Markgraf gewinnt das Flieger-Rennen Es gab nach einem trüben Vormittag just zur rechten Zeit Tonnenjchein und blauen Himmel, jp daß Hoppcg orten das Ziel vieler Tausende bildete. Der Start ausländischer Pferde und dos Auftreten fremder Reiter erwies sich wie bereits in den Vor- jähren als«in Ereignis von größter Ai�iehungslrajt. Reges Leben herrschte im Vorraum der Waage, wo die ausländischen Besitzer, Trainer und Reiter im Mittelpunkt des Interesses standen. Den Ausländern waren beide Hauptprüfungen ossen, das International« Fliegerrennen und das etwas ge- ringer dotierte Isinglaß-Rennen. Einen für uns höchst erfreulichen Ausgang nahm der Kampf um die 27 000 M. der Fliegerprufung, denn der von I. Munro gesteuert« Oppenheimer Markgraf konnte das reiche Rennen leicht vor dem erstaunlich gut gelaufenen Mellitus nach Haufe bringen. An der Spitze der übrigen behauptete sich der Franzose Miel Rosa unter den von seinem kurzen Gastspiel in Deutschland her bekannten R. Vrothes nach schönem Kamps vor St�rnelk, Majordomus und dem Ungarn Pajzan, auf dein in L. Vorga«in attcr Bekannter im Sotel war. Der dritte Ausländer im Felde, die französtfche Stute North America, konnte sich nicht placieren. Bald nach dem Ablauf sah man Rochus und North America in Front des gut geschlossenen Feldes die 1400-Wetec- Gerade herausstürme». Auf dein Anberg« lösten sich die bis dahin im Mitteltrefscn gelegenen Markgras und Mellitus los und liefen cin Rennen für sich nach Hause, in dem sich Markgraf als der bessere erwies. Miel Rosa und Pajzan kämpften dahinter mit Sterneck und Majordomus scharf um die Plätze, wobei sich Miel Rosa zum Schluß einen knappen Vorteil sicherte. Auch im I si ng l a ß- R e n ne n. dem mit 17 000 M. ausgestatteten Sieherausgleich war den Fron- zosen kein Erfolg vergönnt. Hier konnte der leicht gewichtete Silber st r«if unter W. Printen der von Munro gesteuerten Französin Coquerelle aus dem Stall des bekonnten e.mert konischen Großindustriellen R. ffi. Straßburger knapp aber sicher das Nach- sehen geben. Trotz der 2800 Meter langen Streck« gab es ei» scharfes Rennen, für das der das Höchstgewicht tragend« Gremrdier im Iateresje seines Trainingsgesährten Silberstrrtf sorgt«. Mitte der Gegenseite nahm Coquerelle selbst das Rennen auf, wurde in der Distanz von Silberstreis und Rdantegna angegrissen und mußte Silberstreis passieren lassen, hielt aber Mantegna stets sicher. «iKcanter-SItnnen. 1. Chambcrli»(Äaswubcrgcr), 2. Schelm, 3, Rcchbcrg. Soto; 12:10 Via«: II, U, 1}: tO. Ronier liefe»: Vi»«», Sonnenstrahl, Eilig, Eröico'— lSlaii,»-Z>>k'*c>>iK». 1. WoilergneUe«Srgbfch). 2. Satrari, 3. Zinns,- Tolo: M: u? Plah: IS. 2«. 18:1«. iVcrner Uesen:»ornini. laner. Boeroeboedoer. Einslu«.«arro viarenga,»»»les ZtU«get-»e»»en, 1. �tlgraf. J. Ostad«(O. Schmidt),?. Prisla, 3, Äinpf«, 11'!?.t 16- Ferner liefen: Germanicus, Silberfuchs, Lamdo. � �.""laß-Renne,,. 1. Silber. streif f Printen), 2. Eoqueeesse, 3, Mantegna, Toto- �-10 Platz. 17, 19, 27:10 Ferner liefen: Pale. Atlantis, Grenadier, Mandore, Verena.— St»: 10. Platz: 44, rs, si: 10, Ferner lief»»: Felix esto, HiNUtnc, Patanlli� Bellac, Askari, Gero, Zfaruok.— Ormande-Rennrii. l, 2. Heidenlerche. 8, Earlchen, 4. Helmbufch. Toto: 76; 10. u(0. Schiitidtl, latz: W, 14, 14, 29; l«. Ferner liefen: Euraeaa.�Sleinfel», Mongole,«rti, Zseldderg. Walbi, Farctra, Petqrde. Ischtor.__ Wiener Arbcilcrsciiwiinmcr in Westdeulschland Durch ausgezeichnete Leistmigeu verstanden et die Wiener, sich >n den Statten ihres Austretens große Sympathien zu erwerben. A» wichtigen Ergebnissen wurden b«i den Wetttäwpfen. die an mehreren Tagen stattfanden,«rzi«lt: _ aBa!T«ä6aE:«i«i.Diifs--ldorf.Dli>sburg«: S. 10rc Mrttkrn,—•-------' 3 mal 10. Bruftstafeitr', springen: Stadelmancr,«icn 27>,!, Punlir: iSuttcl, Air» Mi» Punrte: F>lchcr. Pilgstdork 22 Punifte. Frauen 10a.Me»cr.Vruftschl>i>iMinen: Lange, SUinldorf ISS; Teich. Dnizöschg 1:34. Rlickenschivunn,«» Ivo Meter: Lange, dutzrioorf t&i; Stienen, SpisOm* MemAjS» l�a, VuxmdJocJUL1 Wedding Ostdeutscher Verbandsmeister Äm Ostmartenstadion in Frankfurt an der Oder wurde gestern die Ostdeutsche B erba n ds m e i st e r s ch a st ausgetragen. Eine Mannschaft des 12. ostpreußischen Kreises hatte es zum erstenmal gewagt, seit Bestehen der Arbeiter-Handballbew!> gung ein Spiel im deutschen Mittellande zu absolvieren. Freie Turnerschaft Königsberg, Laak, mußte als Kreismeister am Endspiel um die Ostdeutsch« Verbandsmeisterschast gegen den bis- herigen Zweschenrundensieger F T B G.- W e d d i n g teilnehmen. Ein jeder war im Jweisel über den Ansgang des Spiels, denn die .ostpreußischen Mannschaften war�i nicht bekannt. Die Königsberger hatten Anwurf. der aber von Wedding sofort zunichte gemacht werden konnte. Schon nach einer Minute arbeitete sich der Mittelstürmer von Wedding durch und dos erste Tor ist sicher. Di« Weddinger wurden jetzt immer überlegener und wickelte sich das Spiel zum großen Teil in der Kvnigsberger Hülste ab. Reichlich viel Arbeit bekam der Hüter des Königsberger Heiligtums, die er nach seinen Kräften bewältigte. Wieder war es der Mittel- stürmcr, der in der 8. Minute das zweite Tor schloß, dem 6 Minuten später durch Halblinks ein drittes folgte. Mehrmals konnten sich die Königsberger aus der Umklammerung freimachen und Angriffe vollführen, aber die Weddinger Hintermannschaft war auf dem Posten und lieh während der ersten Halbzeit nicht einen Ball zum Torwächter durch. Auch allzuviel Fangfehler und das unberechnete und planlose Zuwerfen der Königsberger zerstörte manchen Augrisf schon im Keime, Wieder war es der Mittelstürmer, der in der 20. Minute das vierte Tor schoß, dem 1 Minute später ein Schuß des Mittelläufers gegen die Latte folgt«! der Ball ging dem Tor- wächter auf den Fuß-und wurde von diesem zum fünften Tor ein- gelenkt. Kurz vor der Pause hotte Halbrechts noch mit einem sechsten Tor Erfolg. Zu Beginn der zweiten Halbzeit machten sich die Besprechungen der Mannschaften bemerkbar. Die Berliner spreiten etwas vor- haltener, um nicht einen zu großen Torreigen zu erzielen, während man bei den Königsbergern ein technisch besseres Spiel sah. Schon in der 37. Minute lag der Ball zum siebentenmal« den Netzen. Die Königsberger gaben dem Berliner Torhüter jetzt etwas mehr Arbeit, aber die Schüsse waren zu lasch. In der A4. Minute schoß Halblinks überraschend Tor Rummer acht, dem 2 Minuten später durch Linksaußen ein neuntes und gleich danach wieder durch Halb- links das zehnte Tor folgte. Aber auch die Königsberger sollten jetzt etwas von Erfolg gekrönt sein; denn unter großem Beifall würde zum ersten Tor'eingesandt. In kurzen Abständen schoß dann der Mttelstürmer ein zweites Tor und Halbrechts das drille Tor, Bis zum Schluß war den beiden Mannschaften kein Erfolg mehr beschicden, so daß Wedding mit 10: 3(6: 0) Verbandsmeister wurde. Motorradpreis von Europa Wieder England in Front Di« bedeutendste Veraustaltung des Iiiternationaleu Motorrad- fahrer-Verbandes, der Große Preis von Europa, wurde am Sonn- tag auf der Rundstrccke von Francs rchawps� bei Spa unter starker Beteiligung ausgetragen. Die deutsche Streitmacht war außerordentlich gering, sie beschränkte sich auf den Aachener Weyres (Harley Davidson), der aber bald nach dem Start durch AnuHren um seine Chance» gebracht wurde, und aus ein« von dem Belgier Goar in der Nö-Kubikzentimeler-Klasse geführte DKW.-Wasch ine. die«i»en überlegenen Klassensteg davontrug. Im übrigen.war. wie schon in den meisten vorausgegangenen bedeutenden Neunen, auch hier wieder England Trumpf. Das kühle, trockene Wetter beein- ftußte die Leistungen der Maschinen in günstigstem Sinne, so daß in sämtlichen Klassen die bestehenden Rekorde verbessert wurden, Bon 33 Gemeldelen stellten sich 50 Bewerber jn den vier Maiien dem Starter. Sie wurden gemeinsam Oer neue 5portparIc Wuhlheidc Eröffnung unter Teilnahme der Arbeifersportler Der B o l k s p a r k Wuhlheidc, der aus dem absterbenden Eichenwald zwischen Korlshorst und Ober- schönewcidc ueuerstonden ist, hat, wie mitgeteilt, eine Erweiterung durch einen Sportpark erfahren. Die neue Anlage wurde tnn Sonnabendnachmittag durch Bürgermeister El r u n o w und mit sportlichen Wett- kämpfen der bundestreuen Arbeiter- sporlter eingeweiht. Nach dem Entwurf des Garten- direktors Harrich wurde in den Jahren 1927/29 der Sportplatz abschnittweise als Notstandsarbeit für den Bezirk Treptow fertiggestellt. Der neue Platz liegt inmitten der reizvollen Grün- anlagen des Volksparks und ist rings umschlossen von schmucken Anlagen An den Längsseiten bilden Wälle, mit Bergkiefern bepflanzt, die Ab- grenzungen und sorgen für Staub- und Windschutz, während die Kuroenabschnitte mit Douglastannen und Buchen bestanden sind. Ein Umgangs weg, von Birken eingefaßt, schließt sich an diese Rundpflanzung an. Die ganze An- läge wird auf diese We�« in den Volkspark mtt eingegliedert und auch denen zugänglich gemacht, die nicht direkt sportlich interessiert sind. Von dem vertieften Spielfeld steigen Zuschauer- terrajsen seitlich an. In der Oftkuroe ist eine bes Inders ausgestaltete Terrasse angelegt worden, die einen schönen Gcsamtblick über das Spielseld gibt. An der Westkurve befinden sich die Sammel- und Ausmarschplätze für die Sportler. Rund um das Rasenfpielfeld von 12 000 Ouadrattnctern ist die Kampfbahn gezogen, die genau 100 Meter lang ist und in die 12 Bahnen für den 100-Meter-Lauf eingebaut sind. An der Ostturve sind die Hoch- und Weitsprung- anlagen errichtet, die aber den einen technischen Fehler aufweisen, daß entweder nur die Hoch- oder die Weitsprunganlage benutzt werden kann. An der westlichen Kurve sollen später noch Umkleide- räume errichtet werden. Die gestrige Einweihungsseier begann mit dem Einmarsch der Arbeiterspvrtler unter ihren roten Bannern. Bürgermeister Gruna w vom Bezirksamt Treptow vollzog die Weihe mit herz- lichem Dank an den Schöpfer dieser Anlage, den Gartendirektor Harrich. Die Großstadt Berlin braucht für die Hunderttausende, die noch immer in Hinterhäusern ohne Licht und Sonne wohnen, diese Erholungsanlagen und braucht Sportplätze, damit die Jugend Gymnastik bei der Eröffnungsfeier ihren Körper stählen kann. Der Arbeitersängerbund Gau Berlin brachte einige Lieder zum Vortrag, und dann begannen die Wett- kämpfe. Das umfangreiche Programm wurde rasch abgewickelt. Nach Gymnastikübungen folgten die 100-Meter-Läuse, Hochsprung und Speerwersen, dann die Stafetten und zum Abschluß ein Hand- ballspicl von FC.-Oberspree gegen FTGB.-Baumschulenweg. Jn allen Weltkämpfen wurde guter Sport gezeigt, die ersten Plätze waren immer hart umstritten. Im H a n d b a l l-s p i e l wurde statt und fair gekämpft. Bis zur Halbzeit waren beide Mannschasten fast gleich spielstark, dann zeigte aber die Obcrspree-Mannschaft, daß bei ihnen die Zusammenarbeit besser ist, und hoste sich den Sieg inst 5:2(2:1). Resultate. Speerwersen der Jugend: l, Paul-Eiche, Köpenick, 48,20 Meter: 2. Schlach-Eiche. Köpenick, 39,63 Meter.— Kugelstoßen der Frauen(4-Käo-Kugel>: 1. Zippel-Ostrinq 8,98 Meter: 2. Dumte- Osten 8,91 Meter.— 5)ochlprung der Männer: 1. Zaein-ASC. 1,61 Meter: 2. Haub-Oberspree 1,61 Meter.— IM-Meter-Endläuf«: Jugend 14/15; 1. Wierzchowski 12,7; 2. Drake 13,3. Jugend 12/13; 1. Lehmann-Ostring 12,9; 2. Schlag-Eiche, Köpenick, 13,4. Frauen: 1. Duncke-Osten 13,8: 2. Bleul-Osten 13,9. Männer: 1. Traxell- Ostring 11,6: 2. Stoll-Ostring 11,7.— 800-Meter-Lauf für Männer; 1. Huve 2.9°: 2. Braun 2, 91— Schwede nstasettederIugend: 1. Wildau 222'; 2. Ost ring 2,32'.— l0X200-Meter-Eimveihungssrasette: 1. Ost- r,ng 4,13"'; 2. ASC. 4,19».— 4X100-Meter-Stasette der Frauen: 1. Ostring 4,13'; 2. Köpenick 58,6. auf die in vorzüglicher Deschasfenheit befindlich« etwa 14,5 Kilometer lange Rundstreckc geschickt. In der ersten Runde führte der Engländer Handtcy(IN.) mit weitem Vorsprung, mußt« aber wegen Oelpumpendesektes ausgeben. Nun lieferten sich seine Lands- leute Tyrell Smith(Rudge Whitworth) und Dodson(Sun- beam)«inen Zweikampf, bis Dodson in der 18. Runde wegen Motorschaden ausfiel. Tyrell Smith stellte mit 123 Stundenkilo- meter einen neuen Rundenrckord aus und fuhr mir 119,8 Stundenkilometer die Tagesdestzeit. 'ARBEiliESl TUSSBÜLL Stand der Spiele in Kreisklasse und Bezirken Die Kreisklasse, sowie die einzelnen Bezirke haben ihre Serienspiele zum größten Teil beendet. Das ständige Anwachsen der bundestreuen Fußballbewegung im l. Kreis, Berlin-Branden- bürg, brachte es mit sich, daß die sich neu meldenden Mannschaften in dest Serienspielbetrieb nachträglich eingereiht werden mußten. Nur die Kreisklasse, die sogenannte Elfte des I.Kreises, erfuhr keine Erweiterung. Hier konnten die Spiele unbehindert ihren Fortgang nehmen. Die Tabelle hat folgendes Aussehen: Der Kreismeister, Luckenwald« II, steht also wieder an Oer Spitze. Nur einen Punkt mußten die Luckenwalder bisher abgeben, und dies merkwürdigerweise gegen den letzten der Tabelle, Trebbin. Die einzige Berliner Mannschaft in der Kreisklasse, We iß e n s e e, konnte sich bisher in der Spitzengruppe behaupten. Die nach aus- stehenden Spiele dürften eine grundlegende Acndenmg in der Reihenfolge der Tabelle nicht mehr bringen. 1. Bezirk, l. Klasse, t. Mannschaften Hier gab es harte Kämpfe um die Spitze. Den beiden Rivalen, Minerva und Lichtenberg I, gesellten sich Eiche und Obersprce zu. Die Köpenicker waren bestrebt, den Spitzenreitern die Punkt« abzu- nehmen, ohne jedoch zum Ziel zu kommen. Das entscheidende Tressen zwischen Lichtenberg I und Minerva sah die Neuköllner mit 4:1 als sicheren Sieger. Union- Tempelhof verlor alle Spiele in der Zwesten Halbzeit. Der Mannschaft fehlt das notwendige Steh- vermögen. 2. ftlaffc. 1. Mannschaften Vereine Spielt gewonnen unenlfch. verloren Punkir Zwei sich gleichwertige Mannschaften stehen sich hier an der Spitze gegenüber. Nur dadurch, daß Borussia gegen Herzfelde nur unenkschieden spielen konnle, stehen die Borirsien mir einem Punkt hinter öie Schweifsterne. Hinzugekommen sind m dieser Abteilung noch Britz 88 und Strausberg, die alle Spiele noch nach- holen müssen. Es ist leicht möglich, daß die Tabelle dadurch noch eine Aenderung erfährt. Oie zweiten Mannschaften spielen in einer Abteilung zusammen. Die Tabelle hat hier solgendes Aussehen: Durch die nachträgliche Einreihung verschiedener Mannschaften sind hier die Spiele noch sehr im Rückstand. Deutsche WasserbaU-Niedcrlage Derttschlands Wasserballmannschaft, die kürzlich gegen Frank- reich gesiegt hatte, verlor in Ant w e rp e n gegen Belgien knapp mit 1:2. Das einzige deutsche Tor schoß der Nürnberger Schürger. Der erste Tag der Großen Hamburger Ruderregatta aus der Alster stand im Zeichen des Berliner Ruder-Clubs, der die in in»fern Jahre ungeschlagene Meistermannschaft von Amicstia- Mannheim zweimal besiegte. Freie Spoetoetcinigunn Sefiel 1R9» e. D Fxäfaft, 13. Juli,»ad) dem Turnen: Vorfta»dssig»»g bei Ehrikienie». ÄUe Leiter der Eportieftnneidiiiifc unbedinat«ifditinen»ur Varid-.wr fta I U»n a. FTEB Abrechniula aller»assierer: Rontag, U. Juli, 19 Uhr. in der SeschÄftsileUe..„„.„ Ruderverein„Vorwärts" Berlin. Dirnstag, 1Z. Inli,-20 Uhr: Vorftands- fitzung:?3>i>nera'aa, 17. Fuli, 30 Uhr: Milgliederveriammlung. Touriftenoeeein„Die Ratuttreunde", Zentrale Wien. Dienstag. 13. Zuli. Photsgemernlchaft, Rbt. Osten: 20 Uhr Juaendhenn Frankfurter Aller 307, Friedrich-Tberi-Saal. Anfiingerlursns. Tiergarten: 19 Uhr Baden oder«vielen Vogeiwiefe fPIöhrnsee). Humboldthain: Diensto«. Mittwoch, Donnersing, ad >3 Uhr Ralenspori an» dem Sport p iah Humihaldthat». TtammgeupPe: 19'.. llijr Jugendheim Oetbfte. 10. Unser Osssoezeltiagcr. Wedding: Ii) Ilde Ziugendheim See-ellas. Südwest: Jn den Terptower Park(Spielwiese 4). Treffpunkt IdVH Uhr Bahnhof Treptow. Spandau: 30 Uhr Jugendheim Lindeunfer I. Renläln: 20 Übe Inqendiieim Bergstr. 39. Es wird gelungen. Weiftenlee: Ä Uhr Pistoriu-str.:4. Iugrndheim. Lich!» biiderooetrag. Lichtenberg: 20 Uhr Gmiteeltr. 4t. Jugendheim. Brettfpieladrnd. — Photo gnntuntt und Beratung: Diensiags und Donnerstags von 18 bis 20 Ahr in der Zohgnnisftr. 1ö, in der SesthiMsstellc. Funkbild vom Warenhaus brand ä)as brennende Parifer tVarenhaug„Qaleries llouvelles". S>er Schaden wird auf 7— 8 ttlillionen Vlarh gefchälsii. Rektor- Hakenkreuz Naziabzeichen geduldet.— Nepublikan, Die 30 000 Einwohner zählende bayerische Universiiäls- stadl Erlangen, deren Ruf als B i e r st a d t mehr und mehr verbloht, kommt in immer stärkerem Maße in den Derrus, ein Zentrum besonders lebhasler staatsseindlicher Propaganda zu werden. Das Verdienst kommt zu gleichen Teilen der protestantisch- theologischen ll n i v e r s i ä l und ihren Hakenkreuzstudenten, den vaterländischen Krieger. vereinen und der republikanischen Reichswehr zu. die mit besonderer Vorliebe nicht nur zu allen reaktionären Kundgebungen Vertreter abstellt, sondern auch noch dazu die Musik macht. Während die politische Betätigung der völkischen Studenten an � der Universität von dem Rektor Fleischer geduldet und dadurch gefördert wird, kann man den republikanisch gesinnten Studenten nicht genug Schwierigkeiten machen. Der in seiner Mehrheit aus Hakenkreuzlern bestehende allgemeine Studentenausschuß erhält für sein« Vortragsabend« die Unioersitätsräume zur Verfügung gestellt. Als die republikanischen Studenten in diesen Tagen um einen Hörsaal nachsuchten, in dem der Nürnberger demokratische Oberbürgermeister Dr. Luppe über das Thema„Student und Staat" sprechen sollte, wurde der Raum verweigert,«eil es sich, nach Ansicht des Rektors, um eine„politische" Veranstaltung handle. Am 24. Juni gab das Rektorat ani schwarzen Brett der Unwersität einen Erlaß des bayerischen Kultusministers bekannt, in dem angeordnet wurde, daß das Tragen von Partei- uniformen und Parteiabzeichen aus Univcrsi- tätsgrund verboten ist. Drei Tage später teilten die Nationalsozialisten an ihrem Anschlagbrett im Kollegienhaus mit, daß das Tragen des nationalsozialistischen Parteiabzeichens nach wie vor gestaltet ist. Kein Mensch schreitet dagegen ein, daß die völkischen Studenten mit ihren Parteiabzeichen in ihren Vorlesungen erscheinen, Rektor und Studenten pfeifen also auf die Anordnungen des Kultus- Ministers! Anders bei den Republikanern! Im Wintersemester haben die republikanischen Studenten an ihrem schwarzen Brett an die Studenten einen Aufruf zu staatsbürgerlicher Betätigung er- lassen. Was tat der gleiche Rektor? Er ließ nicht nur den Ausnrs, sondern auch das schwarze Brett der republikanischen Studenten beseitigen, weil es sich iin vorliegenden Fall um einen„politi- schen" Anschlag handle. Nach solchen Vprsöllen brauchte man sich nicht zu wundern, als vor einigen Tagen, gelegentlich der Enthiillungsseier für ein Kriederdenkmal der Universität, der natio- nalsozialistisch« Sludcntenvcrtreter S u n k e l ausrief, „die pcseiligung des heutigen Staates ist unser oberstes Gebot." Man brauchte sich auch nicht zu wundern, als dieser Student in seiner„Totengedenkredc" zum Kampf gegen den„alles zcr- malmenden Marxismus" aufrief, gegen den heutigen Staat hetzte, - Reichswehrmufik. r aus Erlanger Llmversiiät gemaßregelt. der„in den Niederungen der Revolution von 1318 entstand". Di« Reichswehr machte zu dieser Rede die Musik, hörte ruhig die Schmähungen an und zog auch nicht ab, trotzdem nur schwarz- w e i ß r o t geflaggt war. Die Staatsanwaltschaft hat zwar gegen den Studenten Sunkel ein Ermittlungsverfahren einge- leitet, aber was wird dabei herauskommen? Der Sunkel beruft sich heule schon darauf, sich bei seiner Aujsorderung zum Hochverrat „nichts gedacht" zu haben. Die neuest« duftige Blüte im Oartey der Erlanger Reaktion entfaltete sich am Samstag und Sonntag, als viele Generäle, ehe- malige Offiziere, darunter auch Vertreter der Reichswehr mit An- gehörigen des ehemaligen„königl. bayr. 19. Inf-Regiments— König Viktor Emanuel III. von Italien" zu einer Wiedersehens- feier zusammen kamen, zu dem auch, als Vertreter des„Kronprinzen Rupprecht, General Möhl erschienen war. Die Festrede hielt der Redakteur K ö l t e r vom deutschnatioualen„Fränk. Kurier". Kötter nieinte, daß uns nichts anderes übrig bleibe, als den Haupt- feind, gemeint ist Frankreich, zu erkennen und ihn zu vereinsamen. „Heute gehe uns die Dämmerung auf was nottut. Morgen legt der italienische Vizekonsul einen Kranz mit grünweißroten Schleifen am Gefallenen-Denkmal der 19er nieder. Diese Tatsache soll uns dahin bringen, ein« AenderUng der seelischen und geistigen Basis unseres Voltes zu erstreben. Der herrliche Geist unseres nach dem König Viktor Emanuel genannten Regimentes soll uns auch in aller Zukunft erhalten bleiben. Wir müssen einsehen, daß wir den Kamps um den Wiederaus st ieg unseres Volkes mit anderen Mitteln als bisher w e i t e r b e t r e i b e n m ü s s e n.G Tatsächlich legte ein italienischer Dizekonsul andern Tags einen Kranz nieder. Aus der Reihe der Offiziere ergriff auch der ehemalig« General Treutlein-Mördes dos Wort und gab seiner Freude darüber Ausdruck,„daß die 19er Vereinigung Jugendabteilungen gründet und diesen praktischen Schiehunlerricht erteilt". Redner forderte:„auf dem Umweg« über die Arbeits- dienstpflicht muß wieder die allgemeine Wehrpflicht erreicht werden, dann werden wir wieder in der Lage sein, den Schand- vertrag, samt dem Poung-Plan zu zerreißen und die Fetzen dem feindlichen Lumpenpalt vor die Füße zu werfen." Die Anwesenden klatschten Beifall und die republikanische Reichswehr spielte zu der Gcneralshctzc einen Marsch auf. Natürlich ergriff auch der Reichswehrmajor K n i e ß das Wort, um in dem schwarzweißrot geschmückten Bierzelt darauf hinzuweisen, daß es die Reichswehr als ihr« edelste Aufgabe betrachtet, den überlieferten Geist der alten Armee wciterzupslegen. Er forderte auf mitzuhelfen, damit das Verhältnis zwischen der Reichswehr und dem Geiste der alten Armee immer inniger werde. Freiwillig i In einem Monat drei Gelbstmorde l 3m Lause der letzten vier Wochen haben drei Arbeiter der„Mitropa" ihrem Leben gewaltsam ein Ende bereitet. Der Silberpuher Böttcher und der wagentellner M i e. l i n g durch Ertränten, der Silberpuher R o s ch durch Einnehmen von Gift. Wir erfahren zu diesen aufsehenerregenden Fällen folgende Einzelheiten: Der 27 Jahre alte Wagenkellner Wieling be- fuhr die Strecke Berlin— Hamburg. Aus einer Fahrt stellte ihn der Reisekontrolleur Jand zur Rede, weil Wieling angeblich zwei Portionen Kaffee ohne Bon ausgegeben haben sollte. Jand beschimpfte den Kellner in der ungezogensten weise: später stellte sich heraus, daß Wieling mit dem ganzen Fall gar nichts zu tun hatte. Der Kellner Wieling fühlte sich jedoch in seiner Ehre so gekränkt, daß er bei der Station Niebüll ins Wasser sprang und ertrank. Der Silbcrpntzer Böttcher, ein klassenbewußter Arbeiter, dem die Mitglieder des Zentraloerbandes der Hotel-, Restaurant- und Case-Anxestellten und der Frcidenker-Verband, dessen Mitglied Böttcher ebenfalls war, ein ergreifendes Begräbnis be- reiteten, war es ähnlich wie Wieling ergangen. Er befuhr die Strecke Berlin— Köln, die vom Potsdamer Bahnhof ausgeht und durch Mitteldeutschland führt. Bei einer Kontrolle wurde ihm der Vorwurf gemacht, sein Geschirr wäre schlecht geputzt, was aber das Versehen eines anderen Putzers war. Die Mitropa konnte uachträglich auch nicht umhin, Böttcher das Zeugnis eines»tuch- n den Tod! ei der Miiropa.— Was geht da vor? tigen, arbeitsamen Angestellten" auszustellen. Dies« Einsicht kam aber nur zu spät, kurz vor Abgang seines Zuges stürzte sich Böttcher in den Landwehrkanal. Dem Silberputzer Rasch, einem Dater von vier Kindern, waren Vorhaltungen wegen angeblich starken Trinkens gemacht worden. Da ihm mit Entlassung gedroht wurde, vergiftete er sich in seiner Wohnung. Die Oeffentlichkeit wird und muß aufhorchen, daß drei An- gestellte der Mitropa aus ganz geringfügigen Anlässen heraus, die schlimmstenfalls mit Entlassung hätten geahndet werden können, kurz hintereinander Selbstmord verüben. Man kann sich dies nur mit der völligen Zerrüttung der Rervenkraft des ZIkitropapersonals erklären. Die monatliche Zlrbeitszeit des Fahrpersonals ist tarif- lich festgelegt und soll 232 Stunden betragen. In der jetzigen Reise- zeit mit ihren zahlreichen Feriensonder- und anderen Extrazügen steigt diese Arbeitszeit jedoch um das Doppelte! Hat Z. B.«in Putzer oder Kellner die Route Frankfurt o. M.— Berlin hinter sich, so muß er anschließcr.d noch die Strecke Berlin- Leipzig übernehmen. Erst in Leipzig kann sich der Angestellt« eine Nacht Ruhe gönnen. Am nächsten Morgen muß er diensttuend von Leipzig nach Berlin zurück und anschließend hieran den Speise» wagen Berlin— Frankfurt a. M. übernehmen. Jetzt folgt m Frank« furt ein« Nacht Ruhe, dann geht die aufreibend« Jagd von neuen» los. Es kommt hinzu, daß die Arbeitszeit eines Mitropa- Angestellten keineswegs identisch ist mit der Fahr- zeit seines Zuges. Di« Arbeitszeit verlängert sich über die Fahr- zeit hinaus noch um eine Stunde Aufrönmungsarbeit beim ange- kommenen und um eine weitere Stunde Vorbereitungszeit für den abgehende» Zug. So kommt schließlich ein« Dienstdauer heraus. die die Nervenkraft auch des robustesten Arbeiters zerrütten muß. Wenn man weiter erfährt, daß der Lohn eines coilderputzcrs ganze 150 Mark pro Monat beträgt und jeder Mitropa-Angcstellle ständig von einem geradezu schikanösen Konlrollsystcm überwacht wird, dann erhellt sich-in wenig der Hintergrund, auf dem diese Selbstmorde dreier Arbeiter möglich waren. Nach unserer Kennt- nis der Ding« hat sich noch kein« Behörde mit diesen Fällen bc- saßt. Wir erwarten die umgehende Aufnahme aller notwendigen Ermittlungen durch die zuständigen Stellen. Haussuchungen in Ostpreußen. Bei Mitgliedern der„Bau-rnnotbewegung. Königsberg, 14. Juli. Wie von der„Bauernnotbewegung" mitgeteilt wird, haben in verschiedenen Teilen Ostpreußens, besonders in der Gegend von Gumbinnen, Jnstcrburg, Wehlau und Labiau, am Freitag mitlag Kriminalbeamte im Auftrag der Königsberger Staats- a n w a l t s ch a f t Haussuchungen bei mehreren Besitzern vor- genommen. Alle auf die„Bauernnotbewegung" irgendwie bezug- lichen Akten seien beschlagnahmt und mitgenonimen worden Oer Giadtskandal von Hannover. politische Obstruktion eines reaktionären Magistrats. Hannover, 14. Juli.(Eigenbericht.) Di« politisch« Obstruktion des rechtsgerichtet«» Magistrats gegen die sozialistische Mehrheit im Bürgervor- st«Herkollegium hat eine große Anzahl von Derwaltungs» streitv«rfahren zur Folge. Der welfische Oberbürgermeister Dr. Menge will auf jeden Fall einen größer«« Einfluß der Sozial- demokraten im Magistrat verhindern. Er hat deshalb die kürzlich vorgenommen« Wahl«ines sozialdemokratischen Bürgermeisters und 3 sozialdemokratischer Senatoren beanstandet. Obwohl der Pro- vinzialrat sich am Dienstag auf die Seit« der Mehrheit des Stadt- Parlaments gestellt hat, hat der reaktionäre Bezirksausschuß am Donnerstag wieder zugunsten des Magistrats«ntschieden. Di« Klage des Stadtparlaments gegen den Magistrat aus Aufhebung der Be- anstandungsverfügung gegen die Wahl der n«uen Magistratsmit- gli«der wurde abgewiesen. Das Bürgervorsteherkollegium wird jetzt das Oberverwaltungsg«richt zur Entscheidung anrus«n. Unter Verschwendung erheblicher öffentlicher Mittel hat der Magistrat inzwischen unter dem Tit«l„Sparen tut not" eine von, Oberbürgermeister gezeichnete Kampsbroschüre gegen das Bürg«rvorst«h«rkollegium herausgegeben. Dies« von Unwahrheiten strotzende Kampfschrift wird seit Togen durch 69 städtische Angestellte in der ganzen Stadt Haus für Haus verbreitet, alles unter dem Motto:„Sporen tut not!" Heinz Neumann in Moskau. Hoffnungen auf deutsche Staatskrise. Die Moskauer„Prawda" bringt di« Rede des Heinz Neu« mann als Vertreter der KPD. auf dem Parteitag in Moskau. Nachdem er genügend Verbeugungen vor dem allerhöchsten Chef Stalin gemocht hatte, schwefelte er unter riesigem Beifall: Die Lage in Deutschland ist jetzt besonders günstig zur Vorbereitung der bolschewistischen Revolution, und diese Vorbereitung ist der Kernpunkt des deutschen Problems. Bei der Schilderung des Kampfes dsr deutschen Kommunisten gegen die Faschisten und gegen die Sozialdemokraten gestand«r offen, welch große Roll« der Rote Frontkämpfcrbund, der zwar verboten sei, aber doch lebe, in diesem Kampf spiele— mit den Waffen des Gummiknüppels und des Revolvers: die heutigen Känipfe in Deutschland seien nur Vor- postengesechte. Wir rüsten zu den großen Kämpfen, rief er pathetisch. Dann aber hielt Neumann mit großem Katzenjammer eine Entschuld igungsrcdc an die Ehefs vom Kreml. Er erklärte, warum die revolutionäre Erhebung in Deutschland so lange auf sich warten läßt: große Schuld daran treffe die Führer der SPD. selbst. Ilm aber die Allmächtigen wieder.zu beruhigen, schloß Neumann mit den Worten:„Wir haben große Erfahrung gesammelt, wir danken den russischen Genossen und besonders Genossen Stalin persönlich für die große Hilfe, die sie uns in unseren Kämpfen geleistet haben. Jetzt sehen»vir eine Krise in Deutschland herausziehen, die uns Helsen wird, eine revolutionäre Situation zu schassen. Wir stützen uns dabei auf die Kommunistische Partei der Sowjetunion!" Oie Krise in den Vereinigien Gtaaten. Beschäftigungsgrad sinkt, Arbeitslosigkeit nimmt zu. New Jork, 14. Juli.(Eigenbericht.) Die Beschäftigung in den Fabriken des New-Pork-Staales zeigt nach Berichten des New-Porker Arbeitskoimnissars im Juni eine weitere Abnahme um 2 Prozent. Der Rückgang vom Oktober bis Juni beträgt 14 Prozent. Die Abnahme im Juni macht sich besonders in den Automobil-, Metall- und Textilwerken fühlbar. Marien, warten, warten... Höchstbetrieb auf der Stempelstelle des Arbeitsamts Berlin-Mitte, Beuthstraße. Um 8 Uhr wird es ofsiziell geöffnet, um 7 Uhr stehen bereits weit über hundert Menschen da: täglich wird eine bestimmte Nummernzahl ausgegeben, die bereits in der ersten Viertelstunde voll erschöpft ist. Und immer Neue strömen hinzu, Hunderte und aber Hunderte. Da stehen sie dicht- gedrängt, Kops an Kopf und warten und warten... Ja, die Abfertigung geht allzu langsam, denn es mangelt an Personal. Dann ist plötzlich Schluß, sie können unverrichteter Sache nach Hause gehen und am nächsten Tage wiederkommen, und wieder stehen sie und warten, und oft sind sie auch diesmal noch nicht dran. Nicht, daß es ihnen an Zeit fehlt«, o, der Arbeitslose hat mehr Zeit, als ihm lieb ist. All seine brachliegend« Kraft, der gelähmte Lebens- wille und die dumpfe Verzweiflung, die nagen und bohren in ihm, wie er da so steht, einem Bettler gleich, dem man schließlich sagt: „Heute wird nichts gegeben!" Vielleicht ließe es sich doch bewerkstelligen, daß die Abfertigung der Unterstützungsempfänger einen etwas weniger deprimierenden Charakter trägt und schneller ocml'tatten geht.