BERLIN Sonnabend 19. Zuli 1930 10 Pf. Nr. 334 B 166 47. Jahrgang Erscheint täglich auserTonntaz«. Zugleich Abendausgabe de«„Derwörts". Beiiiz«xrei« beide Ausgaben S5Pf. pro Woche, n.soM. pro Monat. Redaktion und Expedition! Berlin SW6S,!indenstr. 3 SfuUautyaße xl&b Snseigenprek«: Die einspaltige Nonpareilleieile «o Pf., Reklamejeile» M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: DorwSrtS-Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37sse. Fernsprecher: Dönhoff SS2 bi» 29? Ohne Dolch und Schlagring! preußische Verordnung gegen die Verwilderung der politischen Sitten Die schon seit längerer Zeit geplante Einschrtinkung der Erlaub- ins zum Tragen von Hieb- und Stichwaffen soll nach Ab- ficht des preußischen Staatsministeriums in Preußen mit Rücksicht ouf den bevorstehenden Wahlkampf durch Notverordnung durchgeführt werden. Nach den zahlreichen Totschlägen, gewalt- tätigen Dersammlungssprengungen und sonsrigcn blutigen Exzessen der letzton Zeit ist die preußische Regierung der Ansicht, daß in dem kommenden, sehr wahrscheinlich lebhaften Wahlkampf die öffentliche Sicherheit nur gewährleistet werden kann, wenn das politische Rowdytum aus Versammlungen und Demonstrationen aus- geschaltet wird. Deshalb sieht die geplant« Verordnung vor, daß hieb- und Stichwaffen, insbesondere Schlagring«. Dolche. Gummiknüppel usw. allgemein nur von besonder» hierzu legitimierten Personen, in politischen Versammlungen überhaupt nicht getragen werden dürfen. Zuwiderhandlungen sollen mit einer Mindeststraf« von drei Monaten Gefängnis geahndet werden. Wie wir erfahren, ist sich das Staatsministerium bereits über den Wortlaut der Verordnung schlüssig geworden. Diese geht jetzt dem Ständigen Ausschuß zu, der während der Landtags. Vertagung die Rechte der Volksvertretung wahrnimmt. Da die hinter der Regierung stehenden Parteien über eine Mehrheit im Ständigen Aueschuß verfügen, so ist kaum zn zweifeln, daß die Grundgedanken der Verordnung im Ausschuß Annahme finden werden.. In.der vom Ständigen Ausschuß gebilligten Form wird dann die Derord- pung Gesetzeskraft erlangen. � Natürlich werden die extremen Parteien ein Geheul erheben, die am meisten zur Verwilderung der politischen Sit- tcn beigetragen hoben. Für alle aber, die den Wahlkampf mit geistigen Waffen zu führen gewillt sind, bedeutet die Ver- Ordnung keinerlei Einschränkung der politischen Bewegungsfreiheit. Lille anständigen und wirNich politisch denkenden Menschen haben«in Interesse daran, daß die Dorkommnisie von Schweidnitz, Albershos und Röntgental nicht zum allgemeinen Niveau des deut- schen Vcrsammlungs'.ebens werden. Minister Waeniig an den Stahlhelm. Keine Einstellung von Strafverfahren. Der preußische Innenminister Dr. Wae nt ig Hot unter dem 18. Juli an die Bundcsleitung des Stahlhelms«in Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „Bei Erörtern rigen der Zusicherung in Ziffer 3 der Erklärung rom 16. Juli 1930 hat schon mein Kommissar, Ministerialdirigent Bachmann, init meinein Einverständnis darauf hingewiesen, daß ein« Einmischung. in die Personalauswahl des Stahlhelms keineswegs beabsichtigt sei: doch müsse seitens der Bundesführung die voll« Verantwortung dafür übernommen werden, daß auch die in de» neu zu bildenden Orgairisationen ge- wählten Führer die volle Gewähr für die Innehaltung der von Ihnen gegebenen Zusicherungen böten. Diese Bedeutung hat Ziffer 3 der Erklärung behalten, wenn auch Ihrem Wunsche«nt- sprechend eine mehr allgemein« und nicht bloß auf die Führer ab- gestellte Fassung gewählt worden ist... Soweit gegen Organisationen, die als illegale Ersatz. Organisationen angesehen worden st:», polizeiliche Ver- fügungen ergangen sind, werden dies« von den Polizeibehörden ent- sprechend der von mir bereits gestern erteilten Anweisung zurück- gezogen werden. Darüber hinaus ist für mich ein« amtliche Einflußnahme nicht möglich: insbesondere werden Strafoer. fahren, soweit solche wegen Verstoß gegen Paragraph 4 des Gesetzes vom 22. März 1921 eingeleitet worden sind, ihren gesetzlich vorgeschriebenen Lauf nehinen müssen." Tödlicher LlnfaN am Haflefchen Tor. Vom Motorschiff gestürzt und erttunken. Aus dem Landwehrtanal unmittelbar am halleschen Tor ereignete sich heule mittag ein schwerer Unfall. Der 24jährige Bootsmann Emil M a l e f ch e w s k i, der bei der Reederei Hartwig angestellt ist, war aus dem Motorschiff „Titania" mit Reinigungsarbeiten beschäftigt. M. glitt ouf dem feuchten Deck plötzlich aus und stürzte kopfüber ins Was s e.r. Der Verunglückte ging sofort unter, so daß all« R«ttungsmatznahmen vergeblich blieben. Die alannierte Feuerwehr konnte die Leiche des Ertrunkenen schon noch kurzer Zeit bergen. Di« Bergvngsarbeiten her Wehr in der Hauptverkehrsgegend hatten«ine riesige Schar Neugieriger angelockt. * Hugenberg. „Meine Partei breitet sich immer weiter aus. Ein Teil ist schon so weit von mir a b g e r ü ck t, daß ich ihn durchs Fernrohr suchen muß!" Westarp flüchtet aus dem Hugenberg. Weitere 18 Abgeordnete erklären ihren Austritt. von den 25 deutschnalionalen Abgeordnelen, die am Areilag gegen die Aufhebung der Notverordnung gestimmt haben, hoben im Lause des Tages IS Abgeordnete in einem Schreiben an die deutschnaiionalc Reichsiagssrakiion ihren Austritt au» der A r a k l i o n erklärt, jetnnr hat Graf Westarp in einem Schreiben an hugenberg seinen Ausiritt aus der Deuisch- nationalen Partei erklärt. Lappoleute entführen Sozialdemokraten lleberfall auf den finnischen Neichstags-Vizepräsidenten. Helsingsors, 19. Juli. tNigenvericht.) Genosse W. T. H a k k il a. Bürgermeister der Stadt Tammerfors und erster Bizepräsident des Reichstags, ist am Freitagabend auf der Heimreise von unbekannten Personen in einem Kraftwagen entführt worden. Bis zur Stunde fehlt jede Nachricht von ihm. Der Raub deutet darauf hin. daß es Lappoleute gewesen sind. Selbstmord im Schmelzofen. Verzweiflungstat eines Zndustriedirekiors. Meuselwitz. 19. Ju�i.(Eigenbericht.) Auf eine schreckliche Weise nahm sich am Freitag d:r Dir.t- tor W. der hiesigen G u ß w e r k e G. m. b. H. das Leben. Er stürzte sich in einen in Betrieb befindlichen Schmelzofen, der zum Teil noch mit flüssigem Eisen gefüllt war. Der Tod muß sofort eingetreten sein, da das Eise» bis aus etwa 1499 Grad er- hitzt war. Von dem Dorsall hohe niemand etwas gemerkt. Erst nachdem der Direktor von den Angehörigen gesucht wurde, entd.'rtie man aus dem sogenannten Gichtboden sein Iakett. Der Ofen wurde sofort entleert und die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Ueberreft« des Unglücklichen gefunden. Schwere finanzielle Verluste, die er bei verschiedenen Konkursen in der letzten Zeit erlitten hat— man redet von über 59 999 M.—, sollen den Mann in den Tod getrieben haben.___ Die Kinderlähmungsseuche im Elsaß. Bereits 150 Erkrankungen. Pari» 19. Iuli. Die Sinderlähmungsseuche. die seit einiger Zeil Im Elsaß wütet, hat in den letzten Togen 6 neue Opfer gefordert. Zn Straßburg und Umgebung sind bisher allein 3 b Krank» heilssälle festgesielll worden. Znsgesamt wurden bisher 150 Kinder in die Krankenhäuser eingeliefert Zm Departement Niederrhem sind sämtliche Schulen geschlossen worde». Staatsvolk/ Lntereffentenvolk? Ein Schlüssel zu Dietrichs Frage. In der Debatte, die der Auflösung des Reichstags voranging, hat Reichssinonzinii, ister Dietrich stürmische Zustimmung bei den bürgerlichen Parteien gefunden als er ausrief:„Der Reichstag muß heute zeigen, ob wir ein Staatsvolk sind oder ein Haufen von Interessenten!" Niemals hat es eine widerlichere Komödie gegeben als diese. Dietrich mag es ernst gewesen sein, mit dem Appell an das staatsbürgerliche BerontwortungsgesüHl der Abgeordneten und mit der Verurteilung der Jnteressenpolitik. Als Finanzminister der Regierung Brüning ober hätte er sich hüten sollen, die Erinnerung daran wachzuhalten, daß diese Regierung ihre Existenz nur dem schlimmsten Kuhhandel, den gefährlichsten Erpressungen der Interessenten und der freigebigen Austeilung von Trinkgeldern verdankt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die Jnteressenpolitiker, um die Wirkung des Aussprudis von Dietrich abzuschwächen, ihm stürnnjchcn Beifall zollten. Die List« der unheilvollen Zugeständnisse gn die Jnteressenpolitiker ist trotz der Kürze der Regieruozszeit Brünings ungeheuer lang. Aber schon die Aufzählung der wichtigsten ist ein Beweis, wie verhängnisvoll die Tr i n t- g c l d p o l i t i k Brünings sich für die Gesamtlage des deutschen Voltes und der öffentlichen Finanzen ausgewirkt haben. Dietrich hat erklärt, das deutsche Volk, dos Milliarden für Bier und Tabak ausgebe, werde doch noch imstande sein, einige hundert Millionen zur Sanierung seiner Finanzen und zur Gesundung seiner Wirtschaft aufzubringen. Das ist ganz unsere Meinung. Aber gerade diese Politik ist gescheitert an dem Widerstand der Interessenten in der Wirtschaftspartei, in der Bayerischen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei und im Zentrum. Unter ihrem Druck ist die Viersteuererhöhung in dem beabsichtigten Ausmaß verhindert worden, hoben Vrauereien und Gastwirte mehrere hundert Millionen aus kosten der Allgemeinheit verdienen können. Dasselbe ist bei der Besteuerung des Tabaks der Fall, wo den Zigarettenfabrikanten rund 199 Mllionen, den Fabrikanten von Rauchtabak rund 25 Millionen geschenkt worden sind. Bei der Er- höhung des Benzin- und Benzolzolles ist etwos ähnliches geschehen. Die unter dem Druck der Interessenten von der Re- gierung Brüning durchgeführte Regelung hat dem Krastwagcn- oerkehr Lasten aufgebürdet, die nur zum Teil in die Reichskass« fließen, mehr als 199 Millionen jährlich ist der S o n d e r g e w i n n, den industrielle Produzenten, Händler und Großagrarier daran machen. Ein anderes Kapitel schädlichster Interesicntenpolitik sind die- jenigen Maßnahmen, die der Erhöhung der Preise dienen, die Kauftrast der Bevölkerung schwächen und damit die Wirtschasts- krise vergrößern. Die Ausnahme st euergegendieKonsum- oereine, die nie etwas anderes gewesen ist als ein Trinkgeld an die Geldgier der Mittelständler, das Verbot der Einfuhr von Gefrierfleisch, durch das den Aermsten der Armen der Fleischgcnuß unmöglich gemacht worden ist, die Prämien an die Agrarier für die Ausfuhr von Rahrungs- mittel», das alles ist nur Jnteresientenpolitik und mit den Interessen der Allgemeinheit unvereinbar. Aber auch aus anderen Gebieten haben die bürgerlichen Par- teicn sich immer mehr von dem Interesse kleiner besitzender Schichten als von dem der Allgemeinheit leiten lassen. In den bürgerlichen Parteien sitzen viele, die ein persönliches Znkerefse daran haben, daß die vom ganzen deutschen Volk verlangte Einführung einer Höchstgrenze für Pensionen und der Anrechnung von anderen Einkommen bei dem Bezug von Pension ver hindert wird. Roch in der letzten Reichstagsdebatte über dieses Thema haben die Deutschnationaten, die Deutsche Volks- parte! und die Wirtschaftspartei Abgeordnet« reden lassen, die nuraus persönlichem Interesse dem sozialdemokratischen Antrag Widerstand leisteten. Gilt ferner dasselbe nicht auch von Herrn Dr. Scholz, dem Führer der Deutschen Volkspartei, der trotz seines kläglichen Versagens als Reichswirtschastsminifter eins hohe Pension bezieht und überall als Wortführer gegen die Pensionskürzung auftritt? Ist es nicht Interessen- Politik, wenn die bürgerlichen Parteien zwar dauernd über Steuerflucht und Kapitalflucht jammern, aber nichts tun, um ihren Klafscirgcnossen, die sich dadurch auf das schlimmste gegen die Interessen der deutschen Wirtschaft vergehen, das Hand- werk zu legen? Der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. S ch o l z, hat der Sozialdemokratie wegen ihres Antrages auf Aufhebung der Aus- nahmeverordnungen heftige Vorwürfe gemacht. Derselbe Dr. Scholz hol aber im Namen der Deutschen Volts- parte! der Reichscegierung gedroht, sie würde sür den Antrag der Sozialdemokralen stimmen, wenn die Regierung die brutale Kopfsteuer nicht in die Verordnungen aufnehme. Schließlich sei auch daran erinnert, daß die Wirtschaftspartei unter der Führung des jetzigen Reichsjustizministers Dr. B r e d t das R e p u b l i k f ch u tz g e s e tz zu Fall brachte, als eine Mehrheit des Reichstags Hausbesitzerwunsche zur Siedlungsgesetzgebung nicht er- füllen wollt«. Und wie ist schließlifl) das Verhalten der '■Bayerischen Volkspartei zu bewerten, die den für Jahr- zehnte geltenden Doung-Oesetzen die Zustimmung versagte, nur weil man ihr die Erfüllung— damit in keiner Weise im Zusammenhang stehender— sinanzieller Sonderwünsche versagte. Niemals hat die Sozialdemokratie so oder ähnlich gehandelt! Das sind Tatsachen! Und da redet der Reichsslnanzministcr davon, ob wir ein Staatsvolk oder ein Interessenten« oolk sein wollen! Ein Staatsvolk werden wir aber nur dann fein, wenn das deutsche Volk am 14. September deirjenigen die Quittung gibt, die am 18. Juli Herrn Dietrich Beifall geklatscht haben. Die Interessenten melden sich... Königsberg, IS. Juli. De? Land wirtschaftsverband Ostpreußen hat an den Reichskanzler folgendes Telegramm gesandt: Dringender Notstand der Ost-Landwirtschaft, braucht unbedingt Ruhe zur Ernte sür Gesamtvolksernährung, daher vorher Lastensenkung und Vollstreckungsschutz im Notver- ardnungsweg unverzüglich durchführen. Landwirtschaftsverband Ostpreußen. Oer Sieg derSozialdemokratie Das Echo auf die Auflösung. „Der Ausgang der gestrigen Reichstagssitzamg einschließlich der Auflösung des Reichstages bedeutet— das ist fein hervorstechendstes Merkmal— unbestritten einen Sieg der Sozialdemokratie." „Es ist der Erfolg der Sozialdemokratie, daß die Weitevfiihrung des Agrarprogramms wegen der Ungeklärdheit der Finanz- läge in Frage gestellt ist, daß die Osthilfe durch die Auslösung de» Reichstages zu versacken droht, daß die Vorbereitungen für«in« wirklich durchgreisende Reform der Finanzgesetzgebung jedenfalls einstweilen unterbleibt." „Es ist der Erfolg der Sozialdemokratie, daß auf die Nieder- läge des preußischen, sozialistisch beherrschten Kabinetts in der Stahl- Zwei Antimarxisien. Hilgenberg und Westarp, zwei rm Kampf gegen den Marxismus erfahrene Kämpen, haben sich bei ihrem letzten Vorstoß auseinandergestegt. Jetzt suchen sie ihre Trümmer zusammen. Helmangelegenheit keine 48 Stunden später die Desavouierung des Kabinetts Brüning-Schtele erfolgt, dessen staats- politischer Exponent in ausgeprägtester Form der Reichspräsident selber ist."/ „Es ist der Erfolg der Sozeabdemokrati«, daß wir in einem Zeitpunkt und unter Voraussetzungen in einen Wahlkampf gehen müssen, der die Linke nichts fürchten, der die Rechte noch weniger hoffen läßt, hinter dem also eine Parlaments- gruppierung und damit eine Wahrscheinlichkeit der Regierung»- bildung herallsdämmert, die dem Machthunger dieser Partei weiteste Chancen bieten muß." So schreibt die„Deutsche Tageszeitung", die für die Politik Hugenbergs das bittere Wort wiederholt, daß sie alleserreicht hat, was sie verhindern wollte. Der Bauernstand, ge- meint ist das Großgrundbesitzertum, bezahlt die Kosten sür den Triumph der(Hugenbergschen) Parteipolitik über die Skatspolitik. Die„VoMche Zeitung meint:„Die Sozialdemokraten haben den Beweis geliefert, daß man nicht gegen sie regieren kann. Aber um welchen Preis! Sie haben die Auslösung er- zwungen mit'Hilfe der Todfeinde der Demokratie: der Kommu- nisten, der Nationalsozialisten und der Gefolgschast Hugenbergs." Di«„Frankfurter Zeitung" saßt den Sinie des kommenden Wahlkampfes dahin zusammen:„Es geht in ihm um das Schicksal der deutschen Demokratie, um ihren Vesknd und um ihre Zukunft. Die gegenwärtige Erschütterung beruht im Entscheidenden darauf, daß die beiden in dem bisherigen Reichstag rechnerisch mög- lich gewesenen Mehrheitsbildungen P o l! t i s ch- praktisch nicht zu verwirklichen waren. Nicht die Mehrheit mit der So- zialdcmokratie— im legten deshalb, weil die Deutsche Volks- parte! sie nicht mehr wollte. Und nicht die Mehrheit mit den Deutschnationalen— weil der unter Hugenbergs Herrschaft stehende überwiegend« Teil der deutschnationalen Fraktion nicht Staatspolitik, sonder» Kala st rophcn Politik trieb. Die demo- kratisch-parlawentarische Republik immer schwerer in die Krise zu stoßen und so über die Skatskrise den Umsturz dieser demokrati- schen Republik vorzubereiten, da» ist in Wahrheit da« Ziel dieser Deutschnationalen." Der Trümmerhaufen auf der Rechte». Die �Deutsche Allgemeine Zeikng" kann sich über die Zer- Mups der Rechten nur mit der Aussicht.zu neuen Usern" Oer Mordtarif. Die gerichtlichen Strafen auf politischen Mord und Totschlag. Seit Mai d. I. sind in Berlin und Provinz Brandenburg fünf Fäll« politischen Bondentotschlags gerichtlich abgeurteilt worden. Die nachstehende Tobelle zeigt salzenden ziemlich einheitlichen Strastaris: Getötet 1. Postaushelfer Hesse (rechtsstehend) 2 Arbeiter N e u m a n n (Kommunist) weitere 3 Kommunisten verwundet (Fall Görlitzer Bahnhof) 3. Ehrenfried Zopp, Fürstenwalde (Kommunist) 4 Rüdiger v. M a s s o w (Stahlhelmmann) Fürstenwalde 5. Straßenhändler Heimbürger (Kommunisten nahestehend) Angeklagt 8 Kommuni st en 7 Nationalsozialisten 7 Nationalsoziali st en 4 Kommunisten 7 Nationalsozialisten Strafen 1 Haupttäter: Z Zahr S Monat Gefängnis: 1 Rädelsführer: 2)ahr b Monat Gefängnis: 5 Mittäter: 2 Monat bis 1 Zahr 6 Monat Gefängnis. 3 Haupttäter: je 3 Zahr 6 Monat Gefängnis: 3 Mittäter: je 4 Monat Gef. mit Bewährungsfrist. 1 Haupttäter: 4 Zahr Gesängnis: 6 Mittäter: 6 Monat bis l'/z Zahr Gesängnis. 1 Haupttäter: 5 Zahr Gefängnis: 3 Mittäter: 9 Monat bis l'/z Zahr Gefängnis. 1 Haupttäter: 2 Rädelssührer: je 4 Mittäter: In dieser Tabelle sind als„Haupttäter" die Angeklagten bezeichnet, die unmittelbar d i e Mordtat ausgeführt, also den tödlichen Schuß abgegeben bzw. den tödlichen Messerstich ge- führt haben.„Rädelssührer" sind die Angeklagten, welch« die an der Tat betiligtcn Trupps angeführt und kommandiert haben. Die Tabelle ergibt, daß die Strafen im allgemeinen z i e m'° l i ch gleich hoch gegen Kommunisten wie National- sozio listen ausgefallen sind. Das Strafmaß für die Houpttäter liegt zwischen 3% und 5 Jahre Gefängnis. Es zeigt sich ein« ge- wisse Tendenz der Gerichte, bei den später verhandelten Fällen mit dem Strastnaß etwas heraufzugehen. Doch sind im allge- Zahr Gefängnis und 5 Jahr Ehroerl. 2 Zahr Gefängnis u. 3 Jahr Ehroerl. 9 Monat bis 1 Zahr 3 Monat Gesängnis und S Jahr Ehrverlust. meinen die verhängten Strafen sür Haupttäter, Rädelsführer und sonstige Mittäter so gleichmäßig, daß man von einem ö t r a s t a r i s für den politischen Mord reden kann. Ob dieser Tarif ausreichen wird, um die Seuche der politischen Ueberfäll« und Morde auf offener Straß« zum Erlöschen zu bringen, bleibt abzuwarten. Be- merkenswert ist, daß in keinem Fall Zuchthaus- strafen verhängt wurden, auch in dem zweifellos schwersten Fall Heimbürger(Nr. 5) nicht, wo— abweichend van den anderen Fällen— wegen der großen Roheit der Tat den Verurteilten die bürgerlichen Ehrenrechte ab- erkannt' wurden. trösten. Sie findet ,chi« Aussichten einer einigen, Anti-Hugenberg- schen Rechten" nicht gerade rasig, denn sie muß zugeben, daß es sich noch nicht übersehen läßt, ob„das Ideal, ein« mög- lichst«eitreichende große, einheitliche Partei mit klarer Parole und eindeutig positiver Einstellung zu erreichen sein wird." Graf Westarp würde wohl bereit sein, die Führung einer Sammelbewegung zu übernehmen, wenn die Gewähr geboten würde, daß Ktsächlich der Gedanke der Sammknng nicht durch Sonder- gruppen wieder gestört wird. Andere Bestrebungen laufen dahin, den einzelnen Gruppen, die sich in den letzten Iahren gebildet haben, ihre Selbständigkeit vorläufig zu belassen und die Mitglieder der„Westarp-Gruppe" untereinander aufzuteilen. Der Sammlungsgedanke soll dadurch berücksichtigt werden, daß wenigstens eine gemeinsame Reichsliste gediwet und ein enges System von Listenverbindungen eingeführt werden soll." Es wird sich längstens in zwei Monaten herausstellen, welchen Erfolg diese famose Parole„Sammett euch, aber bleibt zersplittert" davontragen wird. Freispruch für Hugo Gimnes. Wegen Mangel an Beweisen.- Geldstrafe für v.Waldow. Zn der Berusiuigsinstanz vor der Großen Strafkammer des Landgerichts I wurde heule Hugo Stianes von der Anklage des versuchten Betruges wegen Mangel an Be« weisen wiederum freigesprochen. Eine gleiche Ent- scheidung erging hinsichtlich der Angeklagten R o t h m a n n und Leo Hirsch. Bei dem Angeklagten v. 7V a l d o w und bei dem Oesterreicher Lela Groß, die In erster Znstanz zu je vier Mo- nofen Gefängnis verurteilt worden waren, wurde aus eine Geld- strafe von 5000 Mark erkannt. Die llnlersuchungshast soll bei v. Waldow mit 2500 M., bei Groß mit 1500 M. angerechnet werden.-. i;,>, z, Di« Berufungsoerhandlung hat mehrere Wochen gedauert, ohne daß sich das Publikum, durch die politischen Ereignisse sowie durch das furchtbare Grubenunglück in Neurode, das unausgesetzte Kindersterben in Lübeck und die Prozesse gegen die nakional- sozialistischen Mörder in Anspruch genommen, sonderlich dafür interessiert hätte. In der Urt«ilsbr.gründung jührt« der Bor- sitzende Laädgerichtsdirektor T o l k aus: Es handelte sich in diesem Prozeß um einen großangelegten Betrug gegen das Deutsche Reich, der von Rumänien und Frankreich aus inszeniert worden war. Die Angeklagten hatten vorgespiegelt, daß die Kriegsanleihe feit dem 1. Juli 1924 in ihren Händen sich befand. Darin lag ein Betrug. Da ein großer Teil der Anleihe- stücke, wie die Anfrage bei den Banken ergab, noch nachher im Umlauf waren. Das Geld zum Ankauf der Stücke hat der Angeklagt« St! nn es hergegeben. In der zweiten Instanz bestanden dieselben Schwierigkeiten, wie in der ersten, da viele der Zeugen, die im Auslande waren, der Ladung des Gerichtes nicht Folge leisteten. Eine Vernehmung durch Kommissare wäre unzweck- mäßig gewesen, da vor Gericht der persönliche Eindruck ousschlag- gebend sein müsse. Zugunsten der Angeklagten Stinnes und v. Waldow sprach ihre Erziehung und Herkunft, die sie vor dem Verdacht schützten, von dem Betrug von vornherein gewußt zu haben. Stinnes und v. Waldow hätten bei einem solchen Geschäft etwas gewinnen und alles verlieren können. Strafmildernd sei für v. Watdow, daß er von dem Betrug erst Kenntnis erhielt, als das Geschäft schon im Gonge war, so daß erhebliche Geldbeträge für ihn auf dem Spiel standen. Er- schwerend, daß er als ehemaliger Offizier nicht einen Betrug gegen das Vaterland hätte begehen dürfen.— Stinnes könnte nur bestraft werden, wenn er- wiesen worden wäre, daß er erst am 17. August von den Machina- tionen Kenntnis erhielt. Die Aussagen o. Waldows zuungunsten von Stinnes erscheinen verständlich, da o. Waldow sich an Stinnes rächen wollte. Stinnes habe nie ein Schuldbekenntnis abgelegt und'sein sogenanntes„Geständnis", da» er vor dem Unter- fuchungsrichter widerrufen hat, ist nur daraus zurückzuführen, daß der vernehmende Kommissa» Heinz mann ihm sagte:„Wenn Sie nicht gestchen, so kehren wir Ihnen das Unterst« zuoberst und verhaften Sie!" lieber die politische Loge spricht Rcichtinnenminister Dr. W i r t h heuü? abend 6 Uhr im Programm der aktuellen Abteilung des Rund- funks. Hindenburg für neue Aoiverordnung. Ein Schreiben an den Reichskanzler. Amtlich wird mitgeteilt: Der Reichspräsident hat die Verordnung, durch die die beiden Notverordnungen wieder außer Kraft gesetzt werden, mit folgendem, an den Reichskanzler gerichteten Schreibe» übersandl: Sehr geehrter Herr Reichskanzler! Anbei übersende ich Zhnen die Verordnung, welche meine aus Grund de, Artikels 4S der Reich-ocrsassung erlassenen beiden Verordnungen vom Ib. Zuli d. Z. dem heutigen Beschlusie des Reichstages entsprechend wieder aushebt. Zch ersuche nunmehr die Reichsregierung, mir alsbald Vorschläge sür den Er laß von Verordnungen zu unter- breiten, die im Rahmen des Artikels 43 der Reichsverfassung die So- nierung der össentlichea Finanzen und damit die Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung sicherstellen. Mit sreundlichen Grüßen bin ich Zhr ergebener (gez.) von Hindenburg." Zwischenfall im Rönigental-prozeß. Ein AngeNagter der Nazis mit dem Tode bedroht. Zn dem Röntgen thaler Ausruhrprozeß gegen die 18 Nation all sozial istcu ereignete sich heute ein bemerkenswerter Zwischenfall. Sofort noch Er- össnun« der Sitzung gab der Slaatsanwaltschaslsrat S t r n i g eine Erklärung ab. Der vor«inigen Tagen vernommene Angeklagte Renner, ein 18jähriger Lehrling, sei an ihn herangetreten und habe ihm mit- geteilt, er sei vorgestern im Lokal von Franz gewesen, um einen Freund zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit habe ihn jemand einen „Spitzel" genannt. Er Hab« versucht, diesen Vorwurf zu wider- legen und sei dann gefragt worden, ob er überhaupt Ratio- n a l s o z i a l i st s e i. Er habe erwidert:„Nein, ich bin Arbeiter." Gleich daraus seien aus einem Hinterzimmer Mitglieder eines Trupps herausgekommen, der dort seine Sitzung abgehalten habe; man habe ihn umringt und er habe«inen Schlag über das Ohr er- halten, so daß er kaum hören konnte. In der Erregung Hab« er gerufen:„Ihr werdet von mir hören." Daraus sei ihm gedroht worden:„Dann krieg st du eineKugel durchden Kops." Da auch andere Anstalten machten, über ihn herzufallen, habe er sich an«inen Schupo gewendet und sei mit ihm in das Lokal zurück- gegangen. Er fjab« aber den Mann, der if»n den Schlag versetzt hatte, nicht mehr feststellen können. Auf dem Heimwege sei er ver- folgt worden und hätte auf das Polizeirevier flüchten müssen und sei unier Schutz nach Hause begleitet worden. Skatsanwaltschaftsrat Stenig fragte den Angeklagten im An- schluß an sein« M'tteilungcn, ob es richtig sei, daß fünf Wochen vor der Verhandlung in einer Truppoersammtuirg die Rede davon ge- wesen sei, daß der Zeuge Rose, der am 5. März auf dem Bahnhof zurückgeblieben und nicht zum„Edelweiß" mitgegangen sei, vogel- frei erklärt werden solle, weil der Verdacht bestehe, daß er in ontisaschjstischen Lokaten verkehre. Der Angeklagte Renner bestätigte dieses. Staatsanw.: Was bedeutet vogelfrei? Angekl.: Schlagt ihn, wohin ihr trefft. Der Staatsanwalt erklärte weiterhin, daß die Mutter des Renner ihm mitgeteilt habe, sie habe um polizeilichen Schutz für ihren Sohn ge- beten, da sie für dessen Leben fürchte. Die Taifunkaiastrophe in Japan. lieber die Zaifnnkatastrophe im westlichen Japan be- ginnen jetzt allmählich nähere Einzelheiten bekanntzuwerden. In Fukuoata, Tchimonoseti und anderen Städten sind Hunderte von Häusern eingestürzt. In Fukuoata stürzte die gsischmarkthalle ein und begrub eine Anzahl Personen unter sich, von denen 12 nur als Leichen geborgen werden konnten. Um das Schicksal der Passagiere und Mannschaften des Dampfer«„Korai maru� hegt man die schwersten Befürchtungen. Ter Dampfer hatte etwa Sil Personen an Bord und dürste bei dem Sturm unke rgegan gen ftbu Erinnerung ai Von Paul Es gibt«ong bedeutende SäimHpieler, deren Menschliches so stark ist, daß selbst die künstlerische Leistung davon überschattet rvird. Bei den meisten von ihnen begnügt sich der Zuschauer mit der Bewunderung für den Darsteller. Wenn man Schildkraut spielen sah, so regte stch außer der Begeisterung für den Künstler ein Mitempfinden für den Menschen, ein Gesühl, daß sich aus Rührung und einer Art guälenden Mitleids zusammensetzt«. Dieser Eindruck war noch stärker im freundschaftlichen Verkehr mit ihm. Der große Menschendarsteller war selbst der verwnndbarste Mensch, der für ein gutes Wort dankbar war wie«in Kind, Kränkungen mit einem altbiblischen Haß verfolgt«. So spielte er nicht bloß den Shhlock, den Lear und alle die andern tiefaufgewühlten Bäter, son- dern er war es. Eine meiner letzten Erinnerungen an ihn ist, wie er� der gefeierte Künstler, am Weihnachtsabend, den er fern von seiner Frau und seinem geliebten, in New Dort als Schauspieler tätigen Sohn in meinem Hause, dem seiner ehemaligen Kollegin und seines Freundes, verbrachte, vor Rührung weinte wie ein Kind. Man belächelt heutzutage diese Dinge gern als Sentimen- talität, aber sein Gefühl flößte Respekt«in als Regung eines noch der Erde verbundenen starken Primitiven. So brach er ja auch«n unsere abgeschliffene Zivilisation«in, wie eins jener Fabelwesen aus den Urzeiten der Menschheit, un- geschlacht und dämonisch. Scheinbar rätselhaft ist seine Herkunft. So behaupten manch«, er stamm« aus Konstantinopel, aber er selber gibt Iassy in Rumänien als feine Heimat an, wo fein Vater, der türkifch-jüdischer Abstammung war, ein Hotel besaß. Die Mutter war Spaniolin, Nachkommin der aus Spanien vertriebenen Juden, die zäh an ihrer Muttersprache, dem Altkastilischen hängen. Außer Spanisch und Rumänisch, feinen beiden Muttersprachen, verstand Schildkraut noch«in halbes Dutzend der auf dem Balkan und an der Levante gesprochenen Mundarten, so etwas Türkisch, Neu- griechisch, ferner Ungarisch, Serbisch, Bulgarisch und Jiddisch. Deutsch lernte er erst mit siebzehn Jahren als Autodidakt in einem Knabem Pensionat zu Hermannstadt. Die erste Theatervorstellung erlebte er als kleiner Knabe im Hotel seines Vaters, wo ein« griechische Truppe«in entsetzlich blut- rünstiges Schauerdrama ausführte. Trotz des väterlichen Verbots hatte er sich«ingeschlichen und erhielt dafür vom Vater eine tüch� tige Tracht Prügel. Der Eindruck war aber fo stark, daß er nach- her mit den ihm zugetanen Kellnern und Zimmmnädchen ans dem Gedächtnis das Stück noch einmal aufführt«. Als Gymnasiast brannte er kurz vor der Reifeprüfung durch und schloß sich einer Wandertruppe an, die ihn bis nach Oesterreich brachte. Seine Erzählungen aus dieser Schmierenzeit verraten einen unerschütterlichen Optimis- mus. Er besaß mit einem Kollegen zusammen den guten Anzug und das Paar brauchbarer Stiefel. Wenn der eine spielte, war der andere genötigt zu Hause zu bleiben. Unterwegs war er oft das Zugtier für den Wanderkarren. Bemerkenswert ist aus späterer Zeit folgendes Erlebnis. Als er am Wiener Carltheater bereits der bekannte Rudolf SchilWraut it Gchildkraut. Gutmann. war, kam eines Tages ein junger Schauspieler, noinens Max Goldmann, zu ihm und fragte ihn, ob er ein Engagement zu Otto Brahm ans Berliner Leffing-Theater annehmen solle.„Natürlich an- nehmen" riet Schildkraut,„aber hübsch bescheiden bleiben." Viele Jahre später wurde er zu Reinhardt engagiert. Etwas zaghaft be- trat er die Kanzlei des Gewaltigen und wen fand er? Eben jenen blutigen Anfänger von damals, Max Goldmann, von dessen Jden- tität mit Reinhardt er keine Ahnung hatte. Lachend trat Schild-, kraut aus ih-n zu und sagt«:„Immer bescheiden bleiben, junger Mann. Erinnern Sie sich noch?" Der Direktor erinnerte sich und lachte. Das sich aus dieser Beziehung entwickelnde Verhältnis zu Reinhardt war ein Zeugnis für Schildkvauts gerecht« Anerkennung fremder Leistungen. In München, wo er unter Reinhardts Leitung gastierte, erzählte er jeden Tag voll Bewunderung von der uner- müdlichen und genialen Regietätigkeit seines Direktors. Dairuls wurde häufig am Künftlercheater die Nacht nach einer anstrengenden Vorstellung durchgeprobt, die nächste Ausführung vorbereitet. Keinen Augenblick erlahmte der geniale Regisseur und Bühnen- leiter und seuerte durch sein Beispiel die hingerissenen Milgtteder an. Schildkrauts Verehrung für den Jüngeren kam aus einem dankerfüllten Herzen. Alles an ihm war«cht, feine Liebe und fein Zorn. Ebenso wie er ein« überragend« Leistung anerkannte, ebenso lebhaft äußerte er feine Verachtung für Minderwertiges. Als der große Mitter- wurzer gestorben war, trat in Schildkrauis Garderobe«in junger unbsdeutender Kollege, scheinbar unberührt von der soeben cingc- trossenen Nachricht über den Verlust, den die deutsche Bühne er- fahren hatte. Schildkraut, von Schmerz und zugleich von Empörung bewegt, versetzte dem Schauspieler«ine schallende Ohrfeige mit den Worten:„Mittcrwurzer ist tot, und so etwas lebt noch." Auch an ihn wie an ander« Große aus dem Reiche der Kunst versuchte Fürstengunst sich zu heften. Als Schildkraut in Olden- bürg gastierte, fragte ihn der Großherzog, ob er Honorar oder einen Orden haben wolle. Der Künstler entschied sich für das Geld, wofür er sich die Ungunst des Großherzogs und seines Verwandten, des deutschen Kronprinzen, zuzog. Das Ansinnen des Großherzogs war ja auch reichlich naiv, einem Manne gegenüber, der fast sein ganzes bisheriges Leben in den Händen der Gläubiger mar und der vielleicht nicht für intmer nach Amerika gegangen wäre, wenn ihm nicht aus den Zeiten eines Kontrakdbruches eine mit den Ge- richtskosten aus SOOOO Mark angewachsene Schuld nachgohangen wäre. Aber vielleicht war Amerika für ihn, der in Deutschland doch nur die durch Tradition geheiligt« Gaststätte erblicken tonnte, der geeignet« Boden. Für die deutsche Bühne war dieser Komet, der aus dem Osten auftauchte und bald im fernen Westen ver- schwand, eins der größten Ereignisse der Schauspielkunst. Er brach!« in die verfeinerte Form da» wild« Feuer eines unge- brcchenen, von johrtaufendaltem Leid durchglühten Menschen- ttuns. Für seine Freunde war er ein Wunder, da» in diesem m- tellekfcuellen Zeitalter nicht wiederkehren dürfte. Vom Lichtfirom getötet. Auch ein Opfer der Regeunacht. Aus den heftigen Regen in den gestrigen Abendstunden ist ein tödlicher Unfall zurückzuführen, der sich kurz vor kNitlernachl im Hause lantenerstraße 19 in Wilmersdorf. ereignete. Ein an der Hausfront entlangjührendes Abflußrohr war ge- brachen und die Wossermassen drangen in den Keller ein. Gegen 23,30 begab sich der 63jährig« Hausgehilfe Gustav Grammenz zusammen mit der Portierfrau in den Keller hinab, um nach dem rechten zu sehen. Als Erammenz die Lichtleitung«iirschaltcn wollte, erhielt er plötzlich einen starken elektrischen Schlag, der ihn äugen- blicklich bewußtlos zu Boden warf. Die Portierfrau, die den Borsall mitangesehen hatte, eilte sofort nach oben, um Hilfe zu holen und die Feuerwehr zu alarmieren. Die Samariter konnten Z. jedoch keine Hilfe mehr dingen; Der Strom hatte ihn getötet. Wie die Unter- suchung ergeben hat, war die Leitung durch die herabdringenden Wassermengen schadhast geworden und hatte Erdschluß be- kommen. Die Leiche wurde von der Kriminalpolizei beschlagnahmt. » Die Feuerwehr hatte noch die ganze Nacht hindurch aller- arts mit Absaugearbeiten zu tun. In etwa 160 Fällen mußten die Züge 5?ilfe leisten. Wie wir bereits im Morgenblott berichteten, liefen bei der Feuerwehr mehrer« Alarme wegen angeblicher dro- hcnder Hausein st urzgefahr ein. Eine direkte Einsturzgefahr bestand aber nirgends, die Meldungen wieen sämtlich auf die Ner- oosität von Hausbewohnern, die sich bedroht fühlten, zurückzuführen. Hausruine unter Wasser. Das Haus Müllerstroße 24» ist dem Tod« geweiht und bis auf zwei im Hause befindliche Geschäsisläden bereits völlig abgerissen. Während die Hausparteicn mit größeren und kleineren Geldbeträgen und Ersatzwohmingen abgefunden wurden, führten die Abstands- Verhandlungen mit d«n Ladeninhabern bisher zu'keinem Resullar. Eines Tages erschienen jedoch Bauarbeiter und begannen ihre Arbeit mit der Spitzhacke. Die Inhaber der Läden erwirkten jedoch mif gerichtlichem Wege die Abrißeinstellung und forderten die Anbringung eines Notdaches. Inzwischen trat das Unwetter ein und es drangen so starke Wasserine ngen in den Lederladen und di« Woh- nung, daß das Warcnlagen, sowie die Einrichtung sgegenstände zum größten Teil vernichtet wurden. Die ganze Nacht waren die Menschen damit beschäftigt, das Wasser ouszuschöpsen, dos noch immer in großen Lachen am Fußbaden steht, sämtliche Zimmerdecken find durchnäßt. Der Putz fiel von den Wänden, und das Ganze bietet ein Bild schrecklicher Berwüstung. Außerdem besteht noch die Gefahr, daß die über der dünnen Decke ausgestopcllen Baustein« durchfallen und noch größeren, vielleicht lebensgefährlichen Schaden-anrichten. Auch der Telephonverkehr gestört. Der heftige Regen der gestrigen Nacht Hot auch empfindliche Störungen im Berliner Fernsprechverkehr verursacht, da besonders in den Außenbezirken zahlreiche Kabelschächte unter Wasser gesetzt und die Fernsprechlettungen beschädigt wurden. So war es nicht möglich, von den Fernsprechstellen der Innenstadt die Aemter Tegel, Südring, Moabit und Hansa zu erreichen, und auch von diesen Fernsprechämtern war die Verbindung nach den Aeintern der Innenstadt und der Außenbezirke unmöglich. Zur Be- iettigung dieser Massenstörung hatten die drei Fernsprechbauämter Berlins den ganzen Tag über mit der Ermittlung und Ausbesserung der Schäden zu tun. Die Aerzte suspendiert. Werden die Schuldigen der(Zalmette-Tragödie endlich zur Rechenschafi gezogen? Lübeck, 19. Juli sEigenbericht). Zm verlause der gestrigen Sitzung der Bürgerschost, die sich zum vrittenmol mtl der Ealmelte-Tragödie bcsehästtgte, wurde von dem Senat mitgeteilt, daß die für die Assäre verantwortlichen Aerzte inzwischen vom Amte su»p«ndi«rt worden sind. Die Aerzte sind Obermedizinalrat vr. Altstaedt. Professor Dr. D e y ck e und Professor vr. Klo tz. Der zuständige Senatskommisjär Senator M e h r l e i n gab eine Erklärung ab, in der es u. a. heißt:„Die inzwischen in Lübeck durchgeführten Ermittelungen, insbesondere auch die des von der Bürgeschost eingesetzten Untersuchungsausschusses hätten ergeben, daß, abgesehen von der noch nicht curfgeklärten Haupttrage, ob das »erfütterte Material in Lübeck verunreinigt worden sei, Prof. Dr. Deycke, Obermedizinalrot Dr, Altttädt und auch Pros. Dr. Klotz in ihren Maßnahmen bei der Durchführung der Calmette-Fütterung und seit der Aufdeckung des Unglücks ein derartiges Verhalten an den Tag gelegt hätten, daß dern Senat nunmehr ihre vorläufige Dienstenthebung angebracht erscheine. Der Senat habe deshalb mit dem heutigen Tage di« S u s- p eao s i o n der drei Aerzte bis zur rechtskräftigen Entscheidung ver- fügt. Die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Obermedizinalrat Dr. Altttädt sei bereits auf seinen Antrag hin er- folgt, gegen die beiden anderen Aerzt« fei die Einleitung eines Diszi- plinaroerfahrens nach den gesetzlichen Bestimmungen zur Zeit nicht möglich, da die gerichtliche Voruntersiichmig noch schwebe. Die Ein- leitung sei aber vom Senat in Aussicht genommen, sobald das straf- gerichtliche Versahren beendet sei. Im Mittelpunkt der Debatte stand eine neu« sozialdemo. kratische Anklagered«. Der Sozialdemokrat Dr. S o ll ni tz betonte, daß das Calinette- Verfahren vielleicht eine große wissenschafttiche Leistung, ober daß seine Einführung in Lübeck verfrüht gewesen sei. Er rnhtete scharfe Angriffe gegen di« Aerzte und betonte in diesem Zusammenhang, er stehe unter dem zwingenden Eindruck, daß der Geist der ärztlichen Standessolidarität sich bis in die Kreise des Reichsgesund- heitsamtes erstrecke, das die Untersuchung zu führen habe. Er könne nicht umhin, zu erklären, daß er zu der Objektivität des Berichts von Professor Ludwig Lange fein Vertrauen mehr habe. Schweres Ltnglöck in einem Zirkus. Freiburg. 19. Juli. Ein schweres Unglück ereignete sich am Freitag nach Schluß der Vorstellung im Zirkus Sarasani. Eine Trepp« brach infolge Ileberlastung zusammen. Ungefähr 20 Personen aus dem Publikum stürzten aus einer Höh« von fünf Metern in die Tief«. Zehn Personen, davon ueun Frauen, erlitte» Arm- und B«n- „Menschen im Busch." Marmorhaus. Der Tonfilm wird in höherem Grade fähig sein, uns das wirk- liche Leben vorzuführen, als es der stumme Film vermochte. Als Reiseberichterstatter wird er unübertrefflich sein. Der Afrikatonfilm. den Gulla Pfeffer und Friedrich Dalsheim von der Goldküste aus unserer ehemaligen Kolonie Togo mitgebracht haben, gibt einen guten Begriff davon, was diese Methode einst leisten wird. Dies- mal sind die Gesänge, Sprachäußerungen, Geräusche noch nachsynchronisiert worden. Schon mit recht gutem Erfolg. Sehr ein- drucksooll ist besonders der rhythmische Gesang der Reger, mit dem sie sich die Arbeit des Fischsangens erleichtern. Der ganze Film hat überhaupt das Bestreben, uns den Reger im Alltagsleben zu zeigen bei feiner keineswegs immer leichten Arbeit, in seinem Familienleben(besonders reizvoll sind die Kinderszenen), aber auch bei seinen Vergnügungen. Wenn anders man den Tan� der ja bei den Negern eine überaus große Rolle spielt, noch als eine Vergnügung be- zeichnen kann und nicht vielmehr als einen überaus wichtigen Teil ihres Lebens, der bis zur Ekstase geführt wird! Ja, di« Neger haben auch ihre Kultur, und wenn man so das Leben dieses Dorfes sich veranschaulicht, so fragt es sich, ob diese Naturverbundenheit dem Menschen nicht mehr Lebensfrende ver- mtttelt als unsere industrielle Sklaverei. Än den Film eingeschoben war ein tonsilmisch aufgenommener Vortrag des letzten Gouverneurs von Togo, des Herzog» Zldolf Friedrich von Mecklcn- bürg. Er bot gewiß nennenswerte Ergänzungen zum Film, störte aber doch den Fluß der Vorführung. Es hätte übrigens ange- deutet werden können, daß dies« Küftenneger nicht nur in den See. städten, sondern auch im Busch hinter den Lagunen doch schon sehr viel europäische Einflüsse erfahren haben. D. „2 x Lux." Schauburg. Auf eine neu« Spitzenleistung des stummen Spielfilms rechnet heute kein Mensch mehr. Gibt doch die Industrie kein Geld für einen bedeutenden Film her, sondern begnügt sich mit harmlosen Gelegenhestsarbeiten. Als solche muß man auch die Drtektivfilme mit dem famosen Hund Lux betrachten. Das Manuskript ist von Edmund Heu- b e r g e r und Eduard Andres ganz geschickt geschrieben. Es ent- hält Verwirrung, Spannung und die Lösung, die nicht bloß die nötige Klärung bringt, sondern zugleich belustigt. Einem Bankier, der von seinem Teilhaber überredet wurde, sich an einer Lustraum- verwertungsakticngesellschast zu beteiligen, kommen im letzten Augen- blick berechtigte Zweifel. Damit jedoch dos Bankhaus nicht für zahlungsunsähig gilt, spielt, bis zur Klärung der Angelegenheit, der Schwiegersohn des Bankiers den Defraudanten. Als Regisseur erweist sich Edmund Heuberger gerade nicht als «rsttlofsig. Manches Bild, namentlich wenn er mit Neulingen ar- bettet, mutet gestellt an. Auch läßt er sich durch Zigarren- und Zigarettenrauch die Szenen vernebeln. Carl Auen wirkt durch seine Routine. Er arbeitet mit Lux, doch ist er nicht Hundesührer, sondern nur Hundebesttzer. Lux macht seine Sache alleine und dieser aufmerksame, intelligente schwarze Schäferhund wird«ine ernst- hast« Konkurrenz für Rin-Tin-Tin. e.d. veruftnig eine» detiischen Slödlebaver, nach Rußland. Der Leiter de» l'lädltichen Hochdauamle«, Stadtrat Man. ist oon der Regleruna der Sowjet- union als technischer Organisator und lechnUcher verantwortlicher Leiter sür da»(Städtebau- und Vohnungiwese» tuNußland ach»unächit jüch Lahre 1" l Ein pariser Bilderstürmer. Der Pariser Stadtrat des Jsnards ist der Führer einer Be- wegung, die ihre Spitze gegen die Pariser Denkmäler richtet und deren Beseittgung sordert. Er hat es auch bereits durchgesetzt, daß alle die Statuen, die noch kürzlich vor der Madeleine standen, ent- fernt worden sind. Die Straße ist jetzt verbreitert worden, und jedermann ist mit dem Erfolg des energischen Bilderstürmers zu- frieden, der jedoch auf feinen Lorbeeren nicht auszuruhen gedenkt. „Paris braucht einen Diktator in Sachen des guten Geschmacks", erklärt Herr des Jsnards.„Er sollte Vollmacht erhalten, knnerhalb oon drei Manchen di« Stadt von allen Monumenten zu befreien, deren Ileberzahl nur dazu beitrögt, das Stadtbild zu verunstalten. Man hat wohl den Borschlag gemacht, mit den überflüssigen Statuen die neue Chaussee zu beglücken, die zwischen der Houptttadt und St. Germain gebaut werden soll. Ich fürchte nur, daß sich diese neue Straße für diesen Zweck als zu kurz ermesst. Um für all« diese gemeißelten Nichtigkeiten Raum zu schaffen, die gegenwärtig von ihren Sockeln seelenvergnügt aus Paris herabblicken, müßte man schon die Straße wählen, die von Marseille nach Bordeaux führt." Wäre der denkmalsfeindliche Stadtrot der eissehnte Diktator, so würde Paris feines gesamten Zkunstschmuckes beraubt werden. Er würde dabei im Tuileriengarten beginnen, und das Denkmal des großen Gambetta dürfte das erste fein, dos seinem Eifer zum Opfer fiele.„Würde wirklich das Andenken Gambettas Schaden leiden", fragt er,„wenn fein Denkmal entferr� würbe, das auf den Beschauer den Eindruck eines Mannes macht, der sich zu ver- gewiffern sucht, ob es regnet?" Die LI-Bootfahrt zum Aordpol. Der berühmte australische Polarforscher Hubert W il k i n s, der gegenwärtig in London Borbereitungen für seine neue Nord- pol-Expedition im Unterseeboot trist t, hat über seinen soviel de- sprochenen Plan nähere Angaben gemacht. Die 2 Millionen Mark, die er für das Unternehmen braucht, sind natürlich nicht ganz leicht aufzubringen. Wilkins glaubt fest an das Gelingen seines Planes. „Ich breche im Mai nächsten Jahres mit meinem Unters««- boot nach Spitzbergen auf und will über den Pol nach Alaska. Das ist«ine Strecke von etwa 3000 Kilometer, und ich denke, daß sie in SO Tagen zurückgelegt werden kann. Sobald wir finden, daß das Eis unsere Fahrt unmöglich macht, tauchen wir einfach unter und schlagen der Natur auf diese Weife ein Schnippchen. Ich schätze die durchschnittliche Dicke des Elses auf etwa 3 Meter aber um Spitzen zu vermeiden, werden wir wahrscheinlich mit dem U-Boot in einer Tiefe von etwa 8 Meter fahren. Das U-Boot ist so konstruiert, daß es uns gestattet, 2/4 Tage unter dem Eis zu bleiben." Das amerikairische U-Boot, dem Wilkins sein und der Seinen Schicksai anvertraut, soll das„letzte Wort" der Technik dar- stellen; es ist IIS Meter lang und hat 350 Tonnen. Die Expedition »flrÄ einen vollständig internationalen Charakter tragen. Di« Unterkunft ist nach Ansicht des Forschers.ganz bequem", und mit der Nahrung wird man keine Schwierigkeiten hoben. Sie wird hauptsächlich au» Konserven bestehen. Wilkins rechnet bei einer Maschine von 500 PS mit einer durchschnittlichen Geschwindig- keit an der Obersläch« des Wassers von 14 Knoten und unter Wasser von 9 Knoten. Bei der Fahrt unter Wasser hofft er durchschnittlich 6)4 Kilometer in der Stunde zurückzulegen und 16 Stunden täg- lich vorwärts zu kommen. Bei der.Fahrt soll ein fortlaufender Tonfilm ausgenommen werden. Wilkins hat auch Dorkehrungeu getrosten, um der Welt seinen eigenen Bericht von der Expedition dtwch rostjirtetlLU. Zunkelnagelneues Wohnungselend. Der Deutsche Verein für Wohnungsreform hotte in diesen Tagen«ine Besichtigungsfahrt veranstaltet, auf der die Wohnhaus- und Siedlungsbauten der Siedlungsgescllschoft Stadt und Land in Friedrichsfelde, Johannisthal und Neucnhagen besichtigt wurden, über die hier bei verschiedenen Anlässen bereits berichtet worden ist. Bemerkenswert war dabei die Ansprache, die der Vor- sitzende dieses im wesentlichen bürgerlich eingestellten Bereins, Bürger- meister S ch w a h n, hielt. Er sagte etwa solgcndcs: Wir haben dafür gekämpft, daß der Wohnraum so bemessen wird, daß die Schlafräuine von Eltern und Kindern getrennt werden nnd daß auch die Kinder nach Geschlechtern gtrennt schlafen können. Die Mieten der Wohnungen aber, die nach diesen Grundsätzen gebaut werden, kann heute kein Mensch bezahlen. Auch in den kleinen Neu- bauwohnungen macht sich bereits das S ch l a f st e l l c n u n w c s« n bemerkbar. Hier entsteht also ein funkelnagelneues Woh- nungselend. Da die Baukosten zweimal so hoch sind wie im Frieden und auch die Zinsen außerordentlich hoch sind, so bedingt das eben ein Hinausgehen über die Friedensmicle. Es bleibt in Wahrheit nichts anderes übrig, als die N e u b a u t e n m i t st a r k c n Zuschüssen zu bauen, entweder mit niedrigen Haus- zinssteuerhypothcken oder mit Mitteln, die a londs perdu, d. h. also mit der Aussicht auf absoluten Verlust gegeben werden. Rechnet man, daß jemand bei einem Monatseinkommen von 220 Mark ein Fünftel;= 43 Mark für feine Wohnung ausgeben kann, so bleibt nichts übrig als die Wohnung, die man dafür erstellen kann, klein zu halten. Diese Rückverklcinerung der Wohnung ist vom wohnungsreformerischcn Standpunkt aus zu bedauern, aber anderer- seits doch auch zu begrüßen, weil sie hilft, die oft mit zwei und sogar drei Familien belegten Wohnungen wieder auf die normale Belegung zurückzuführen. Für ein junges Ehepaar ist eine eigene Kleinst- wohnung doch wohl besser als gar keine Wohnung. Wir als Wohnungsreformer möchten zu den Klein st woh- nungenJasagen, wennauchmitBorbehalt und in der Hoffnung, daß vom Jahr 1933 ab auf dem Wohnungsmarkt eine Entspannung eintritt, weil sich dann unter den Eheschließenden und Wohnungsuchenden die durä) die Kricgsjahre bedingte Beoölkerungs- Verminderung bemerkbar machen wird. Im übrigen aber ist unbe- dingt notwendig, daß bezuschußte Wohnungen für kinderreiche Familien gebaut werden. Geschäftsführer Schadewold erläuterte im Anschluß an die Be- sichtigungen sodann verschiedene von seiner Gesellschaft versuchte Neuerungen. So bemüht sich die Gefellschaft, die sehr kostspieligen Rasenflächen der Jnnenhöfe abzulösen durch Steingärten und Strauchbepflanzungen. Die T r c p p e n h ä u s er, das Kreuz aller Baugesellschaften und Hausbesitzer, werden mit einem unzer st ör- baren K i e s e l w a s ch p u tz versehen. Um die ewig stinkenden Müllhäuschen von den Innenhöfen zu bringen, hat man einen M ü l l k e l l e r mit dreifachem Geruchsoerschluß und Oachcntlüftung angelegt. Die Mieter werden in weitgehendem Maße zur Mit- arbeit für die Erhaltung und Verbesserung der Häuser und ihrer Anlagen herangezogen. Bei der Besichtigung der K l e i n st w o h- nung von einem Zimmer mit Küche konnte man mit Er- staunen feststellen, daß durch eine wohldurchdachte zweckmäßige Atöblierung der Eindruck des Kleinen verschwindet und sofort ein Gefühl des Gemütlichen und Behaglichen entsteht. Bauern gegen Faschismus. Sturm im Steierischen Landtag. Graz, 19. Juli. In, Steirischen Landtag interpellierten die Landbllndler den Landeshauptmann Dr. Rintelen, weil er gemeinsam mit dein Tiroler Landeshauptmann Dr. Stumpf am 14. Juni bei der Bundesregierung Aufhebung der Ausweisung des Majors B a b st verlangt habe. Der Landbund halte«ine sock)« Tätigkeit mit den Funktionen des Landeshauptmanns nicht für vereinbar, da ein« Ermächtigung durch die Landesregierung Tiicht vorgelegen habe. Weiter habe der Bürgermeister von Hohenbrugg, Dr. Morse in einem Telegramm an den Londeshauptmannstell- Vertreter Trogseil in Innsbruck sich bereit erklärt, dem Major pabst das H e l m a l r e ch l zu verleihen ohne hierzu vom Gemeinderat ermächtigt gewesen zu sein: dieses Vorgehen sei ungesetzlich. Londesrat W i n k l e r(Land- bund) begründet« die Anfrage. In seiner Antwort erklärt« Landeshauptmann Dr. Rintelen: Da ich mich bei dieser Intervention nicht auf«inen Auftrag oder auf meine Eigen- schaft als Landeshauptmann gestützt habe, so bin ich dafür dem Land- tag nicht verantwortlich, sondern lediglich meinen Wählern. Das Vorgehen des Bürgermeisters von Hohenbrugg ist mir als amtlicher oder offizieller Schritt nidit bekannt gcworde.r. Sollte die Landesregierung mit einer solchen Angelegenheit amtlich besaßt werden� so ist es selbstverständlich, daß dabei die Gesetz« genau gehandhabt werden. Auf Antrag der Sozialdemokratie wurde die Debatte er- öffnet, die stellenweise außerordentlich stürmisch verlief. Abg. Leichin(Soz.) schildert« sodann ausführlich die politische Tätigkeil des Majors Pabst in Deutschland, der auch in Oeslerreich die gleichen Methoden anwenden wollte. Abg. M a ch o l d(Soz.) erklärte, daß den„nationalen Parteien die 90 Toten des 13. Juli 1927 gut genug waren, um die He im wehr aufzufrischen. Diese Worte entfesselten einen ungeheuren Entrüstungssturm der Christlichfozialen, Großdeutschen und Wirtschaftsparteiler. Der Lärm daricrte längere Zeit an, so daß der Redner am Weiter sprechen gehindert wurde. Die Glockenzeichen des Präsidenten bleiben ungehört. Landesrat Winkler(Landbund) betonte, die Interpellation fei eingebracht worden, weil fein« Partei alle Ursache habe, für die Re- gierung Dr. Schober einzutreten. Es sei ein verbrechen an der bürgerlichen Sache, wenn der erste Führer der Helmwehr Dr. Steidle die Behauptung ausgestellt habe, Bundeskanzler Dr. Schober sei ein Beschützer des Bolschewismus. Winkler wies dann die Anwürfe von Heimwehrführern gegen den Innenminister Schumy zurück und bracht« darauf den Vcr- fassungsentwurf des Majors Pabst zur Sprache. Er erklärte, die Errichtung eines derartigen faschistische» Staates, wie er in dem Entwurf niedergelegt sei, zu b:kä>nps«n, sei Ausgabe jedes wahrhaften Demokraten. Wetter für Berlin: Teils heitere«, teils wolkiges, aber nach etwas veränderliches Wetter, ziemlich kühl, abnehmende westliche Winde.— Für Deutschland: Auch im Nordosten nach Rcgenfällen Zlbkühlung, im übrigen Reiche veränderliches, im Süden heiteres Wetter. Es lebe der Klamauk. Vom Schlachtfeld der Nazi-Kozi. Auf einem in Elmshorn veranstalteten kommunistischen Jugendtag kam es nach dem Vorbeimarsch des Demonstrations- zuges, an dem sich rund 800 Personen beteiligten, bei der Rückkehr vom Verjammlungsplatz zu Ausschreitungen, in deren Ver- lauf mehrere Personen verletzt wurden. Die Schlägerei soll entstanden sein, als ein Demonstrant einem Zuschauer ein Abzeichen vom Rock riß. Kriminalbeamte, die den Streit schlichten wollten, wurden niedergeschlagen. Die herbeigerufene Polizeivcrstärkung wurde mit Steinen beworfen. Sieben Kriminalbeamte und Landjäger haben Verletzungen davongetragen. Zwei der beteiligten Kommunisten wurden festgcnonimen. Die aus Altona alarmierte Polizei brauchte nicht mehr einzugreifen. Die Waffensuchc bei den Demonstranten ver- lies ergebnislos. Ueberfall auf ein Nazilokal. In Ealbe(Saale) drangen nach einer Kundgebung jngend� lich« Kommunisten in das Vereinslokal der Nationalsozialisten in der Schloßstraßc ein, zcrsästugen sämtliche Fenster undEinrichtungz- gegenstände und verprügelten den Wirt. Dann sprangen die Unruhestifter auf ihren Lastwagen und fuhren davon. Der be- nachbarten Magdeburger Polizei gelang es, den Kommunisten- transport unterwegs abzufangen und dem Polizeipräsidium in Magdeburg zuzuführen. Kommunist von Nazis niedergeschossen. In Schöningen schössen Nationalsozialisten während eines Zu» sammenftoßcs mit Kommunisten den kommunistischen Arbeiter K ö r b c r nieder. Körbcr erhielt einen Lungcnschuß, dessen Verletzungen er bald nach scin«r Einlicferung ins Krankenhaus erlegen ist. Als Anstifter der Mordtat gilt ein aus Berlin zugereister Hitler-Funttionör namens Krone. Preußen und Vraunschweig. Entwurf eines Staatsvertrages. Seit längerer Zeit schweben zwischen dem preußischen Handelsministerium und dem braunschweigischen Staatsministerium sowie der braunschweigischen Handels- kammer Verhandlungen über eine Erweiterung der braunschwcigi- sehen Industrie- und Handelskammer auf südhannoverschcm Gebiete. Jetzt ist den Kammern in diesem Gebiet der„Entwurf eines Staatsvertragcs zwischen Braunschwcig und Preußen über Z u s a m- mcnlegung der Industrie- und Handelskammern Hildeshcim— Goslar und der Braunfchwciger Kammer" zur Rück- äußerung zugegangen. Die Verhandlungen werden, wie die„Braun- fchweigisch« Landeszeitung" erfährt, sortgcsetzt, und es soll in den näd,'stcn Wochen eine Zusammenkunft zwischen dem preußischen Handelsministerium und dem braunsdpveigischen Innenministerium stattfinden, auf der die Kammern Wändcrungsvorschläge gellend machen dürften. Sludenlinnenstreik in Kalkullo. Bei einem Schulstreik in Kalkutta wurden 17«tudentinnen wegen Postenstehens vor dem College verhaftet, aber später wieder freigelassen. Als Protest gegen die Festnahm« versuchten 300 Studentinnen, das Schulgebäudc zu stürmen. BcrantWOrtl. für die Rkdottion: Bolfgang Schwor,. Berlin: An, eigen: Tl>.»toike, Berlin. Verlag: Varwört» Berla« G. m. b. s.. Berlin. Druii: Vorwärts Buch. druckerri und Dcrlagsanstalt Paul Singer&. Co.. Berlin SB 58, Lindenstrakc 3. Hierzu 1 Beilage. VOLKSBUHNE Theater am Bülowplatz Der fröhliche Weinberg von Carl Zuckmayar Regie: Heinz Dietrich Kenter Täglich«V« Uhr Sin großer Sommererfolg mH allen Shren für den Aulor, für die Xegle, für die S)ar»leller. 3rilM a,fel(Btrl TtgMlfi) Xebenafreude und Xiebetluai lumullieren zweieinhalb Stunden lang auf der Sühne, �un nmhu.(s Uhr.AbtndbUtO Staats-Theater geschlossen! Abonnements- Anmeldungen für die Spielzeit 1930-31 (Beginn am 1. Sepiemönr) werden auch während der The- aterierien entgegengenommen: a) für die Staatsoper und das Staat!. Schauspielhaus vom Abonnements- büro, Berlin W56, Ober- wallstr. 22.— Fernspr. Merkur 9024, b) für das Staat!. Schillertheater vom Abonnementsbüro, Berlin-Chartottenburg, Grolman- straße 70.— Fernspr.' Steinpl. 6715. Winrer ★ Garreru 8.15 Uhr— Rauhten eriaihi Corlinis Dollarsegen usw. Sennaband u. SonMai|a 3 Vor aUliungan 4 und 8U Uhr. 4 Uhr kleine Preise PlrASA Tigl. S u.«15 SOBhl. 3. 5 0.6" Alex. E 4, 8066 I Oscar Sabo o. Lotte Werkmeister 'n der Szene. Beim 6-Tage-Rennen' mit Original-Krflcke usw. Volks btlhne Ttatir in Hliviilih. 8 Vi Uhr Der fröhlldie Weinberg Lustsp. in 3 Akten tod tili Zidnuiir Iqii; I. D. Iniir. 1 2 Vildnduun 5211 8 Uhr Phaea von Fritz v. Unruh. Reg.: Mtx Reinhardt Unit; FrMridtKalUrulr. Bihnnbildtr[tut Sdiütti. Die Sonrödle II Bismck.2414/7516 8Va Uhr Wie werde iA reidi und glsddidi? Gl limn la II UMnin m lilii Judtinui. Nuik m Muka Spaluntr RH»; Etidi Uq«i Bühnenbilder Lilvig Kaiatr Lessing- -Theater ViiMnm 2117■.Olli Täglich 8<Ä Uhr Der Faun toi Edv. Kooblaudi. Pnl Badtls. Hain, nanne. Hml, Gradluiiiky. Frukas, Fiadlar, Pteu*. Uu Theater 1 Weiteat Täglich 8Vs Uhr: Das Land des LActaelas Franz Lehars Sensationserfolg! Sonilag nick». 4 Ohr kleine Preise Das Land des Lachems Komische Oper 8 Vi Uhr PaulHeidemann in: Die Frau ohne Kuss Kollo-Operette mit Grit Haid. Renaissance- Theater 9 Uhr Steinplatz 6780 Heuli oad iliatodlidi Die Wunder-Bar Revuestück Theater l.d.Behrenstr. 53-54 HVa U. A4 Zentrum 926-927 8"a U Mein Vetter Eduard Schwank in 3 Akten mit —— Ralph Arthur Roberts.- Thaai.aisKoiiD.Tor Kottbusser Str. 6 Jfe Tägl. 8V. Wiedcrauf- ÖJFp treten IS&JL der fu Eitle' IV sanaer mit Schorsch RuscIIi. Grosses bAsdjlagriProjraiM �YNUYUM R�tourant Berlins BETRIEB/ KEMPINSKlt Netropol-Th. Täglich 8'/» Uhr Hiehsel Bohnen mit Dir aliein... Sranta; nädim. 4 Uhr kleine Preise NU Dir allein.. ÖS>P0J|»B Berliner Praier SommerDailcalhcatti Kastanienallee 7—9 4 Uhr Grosses Gartenkonierl 6 Uhr Eine entzückende Burleske sowie der auserwählte Varietü-Teil. 8.15 Uhr Qusll Beer, Gretl Lilien, Alex Haber, Erwin Härtung in Das Drei« mäderlhaus Singspiel in 3 Akten Musik nach Franz Schubert Eintrittspreis von 50 Ptt. an. „Das Rost' Tkeatrr hat I .i/lrf mit tfiestr Auffüh- j rung der„Anderen Seite" | für diesen Sommer an 1 | die Spitze der Berfiner j Theater gesteift" so sdrtift,�"TTiifrttv1f»i�rf>f SuhliThUrJ Reichshallen-Theater (T) Uhr Gastspiel Dresdner Uictoria-Sdnger (mu bis 31. Juli) Zintrum 112 63 Dönhoff-Brettl: (Herrlicher, kühler Garten) Variete— Konzerf— Tanz ZOO zooiog.6arten Ab 4 Uhr nadtmltiags GROSSES KONZERT Täglich: Tanx im Freien Auf d. Schaustellunesplatz „1000 Krokodile" Aquarium Tlerkunsl-Ausstellung LMMfl Spielbeginn 9 Uhr abends Anschliessend Feuerwerk■.igr.Progranin v' #• Landre-Breithaupt E D E LWE I SSE dSeiVage Sonnabend, 19. Juli 1930 SprAbimd SfiölauXQaße JtX Wie tvir $Hm ätandbcftuCfteim tarnen! Unser« Schulbehörde hat den Gedanken, unseren Großstadt- schulbetrieb für einig« Wochen aufs Land zu verlegen, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt; aber die uns genunn- ten Landschulheime waren für die Sommermonate schon besetzt, teils fehlten Wald und Wasser, die«in Berliner Junge braucht, und als wichtigstes: trotz der zugesagten städtischen Beihilfe(Schul- deputation) für 5 Wochen und 32 Jungen konnten wir— fast durchweg Arbeiterkinder— die restlichen Gelder nicht aus- bringen. Was tun? Da riet uns das Jugendamt zu einer Lugend Herberge. Weit durfte es des Fahrgeldes wegen nicht sein; da wählten wir die Jugendherberge E. in der Schorf- Heide am Werbellinsce und Werbellinkanal. Mit dem Herbergsvater und der Herbergsmutter wurde nun lange der Kostensatz beraten, und dann berieten wir 33, wie wir bis dahin das Geld aufbringen könnten. Die Hälfte der �3- bis.14jährigen Jungen hat nur einen Ernährer, also Vater tot oder Eltern getrennt usw. Mehrere hausen in Kellerwohnungen; einige find lungenkrank, fast alle blutarm; ihr Geburtsjahr 1917, das schlimmste Kriegshungerjahr! Zwei Jungen nur konnten gleich erklären:„Mein Vater wird es bezahlen können!" Aber die an- deren? Berlin gab uns 400 M. In der großen Turnhalle in der Prinzenstraße veranstalteten wir ein Sportfest, zu dem fast !l000 Menschen kamen; die Jungen waren riesig findig beim Karten- iobsatz. Ergebnis: Keine Unkosten, deshalb 400 M. Gewinn. Weitere Kpenden noch über 50 M.,; wir hatten nun über die Hälfte. Nun »nußte noch jeder Junge für 36 Tage für volle Verpflegung, Ret!«- peld, Versicherung usw. 24 M. aufbringen, Äso pro Tag 66 Pf. sva gab es wieder traurige Gesichter:„Voter ist arbeitslos!"„Meine a>ie efUafel »Mutter auch!" Aber gehen muß es. Ein großer Teil der Jungen sucht sich eine Arbeits st eile, wenn sie dies« nicht s6)on hatten. Alle Böden, Keller, auch die von Bekannten und Veripandten, wer- den nach Flaschen und Lumpen und Papier untersucht, die oer- kauft werden. 6 öffnen und schließen Autos auf den Bahnhöfen. And«re wieder verkaufen alte Bücher oder versuchen bei allen Be- kannten und Verwandten im nahen und entfernten Berlin:hr Heil. Als wir loszogen, fehlte nur noch wenig, das nachgeschickt werden sollte. Nun wollen wir erzählen, wie es da im Landschulheiin In der Jugendherberge E. zuging. Wir mußten all«s selber machen; nur Mittagessen kochte uns unsere Herbergsmutier, die alle Wanderslcute„Großmutter" nennen; jeder bekam«inen Dienst, Dienst an der Gemeinschaft. Fünf Jungen hatten den schweren Küchendienst, selbständig alle Lebensmittel einzukaufen. ohne den durchschnittlichen Tagessatz z» überschreiten, am Jffiochen- ende alle Rechnungen zu bezahlen, täglich über 300 große Schnit en zu schneiden, bestreichen und belegen! Sieben hatten Stubendi.'r.st, auszufegen und auszuwischen. Drei säuberten den Waschraum. vier die Teller. Näpfe, Tassen, einige harkten vor der Herberge. sorgten für Tischblumen usw. Wir schälten selber unsere Kartoffein, putzten unser Gemüse. Da wir also allein wirtschafteten, waren wir nur die„interessierten Wirtschafter". Jeder konnte soviel esicn wie er wollte. Väter der Jungen schickt«» uns auf unsere Kosten preiswerte Lebensmittel aus Berlin: die hiesigen Händler kamen uns sehr weit entgegen. Sonntags gab es immer Kuchen, in den letzten Tagen täglich. Wer Geburtstag hatte, hatte oft einen reicheren Geburtstagstisch als zu Hause. Die uns besuchenden •Eltern und Freunde wurden an unserem Tisch auch noch satt. Wir wollen nun einmal den Verlauf eines Tages schildern. Ilm Uhr standen wir auf und machten unsere Betten. Dann kam die Ga.nz wäsche. chierauf hatte jeder Junge seinen Dienst zu machen; am meisten hatten natürlich die Küchenchefs zu tun. Nach dem Frühstück ging es in den Wald zur Zlrbeit, zu«n gemeinsamen Arbeiten, bis um 12 Uhr. Oft wurde vor und nach dieser frohen Arbeit noch«in Bad im Werbellinkanal genommen. Bon 13— 17 Uhr gingen wir zur Badeste U«4 säst all« konnten schon schwimmen oder lernten es hier. Auf diese W«ise bräunte die S o nne u nser e Körper beim„Aal en", bei der Gymnastik, deren Uebungen dahin ausgesucht waren, die schmalen, aufgeschossenen, oft unterernährten, nicht immer ge- raden Körper zu kräftigen; aber Krankenstubcnstimmung war? beim besten Willen nicht. Und die Sonne hat viel Krankes aus uns herausgejagt; wir wurden alle zu braunen, lachenden Fidusge- stalten. Bildete doch unsere gesamte Garderobe von morgens bis abends nur die Turnhose und beim Schwimmen hatten viele noch weniger an. Wir brauchten in den S Wochen weder Schuhe noch Strümpfe noch Hosen, Jacken und Hemden. Ost wurden unsere Bälle in Arbeit gesetzt zu Wurf-, Hand- und Fußball. Der Speer mußte über den Kanal hinüber, wer es nicht schaffte, mußte ihn aus dem Wasser heraushol«n. In dieser Zeit war auch häusig große Wäsche. Da wuschen wir im und am Kanal unsere Bettücher, Bezüge, Handtücher, Taschentücher usw. Wir Jungen sorgten dafür, daß aus dem Hingang eine luftige„Prozession" wurde: die Laken um den Kör- per, das Handtuch um den Kops gewunden, sahen wir Wüstenvöl- kern nicht unähnlich. Was das Waschen nicht ganz geschafft hatte, besorgt« die liebe Sonne. Nach einer Stund« war alles trocken und sauber. Gewiß, wir haben zu viel, zu oft gebadet; wer aber dauernd angelacht wird von Wasser und Sonne und wer weiß, daß dos Schwimmen die vielseitigste Kärperorbeit ist, der verzeiht es. Und hinterher lockten uns Buchen und Eichen unter ihre Kronen und ließen unsere Augen weiter und heller schauen. Von 17 bis 19 Uhr war dann Freizeit. Nach dem Abendessen sangen wir vor der Herberge unser« Lieder:„Wann wir schreiten",„Fröhlich zog ich mit der Laute",„Heute wollen wir das Ränzlein schnüren", „Wir sind jung",„Wenn die Arbeitszeit zu Ende",„Alle Birken grünen in Moor und Heid",„Drei Zigeuner",„Vom Barette schwankt die Feder",„Kein schöner Land",„Wilde Gesellen" usw. Führer und Jungen lehrten und(ernten wechselseitig, und da wir uns schon bald zwei Jahre kennen, können wir so viel Lieder, daß wir einen langen Abend singen können und noch.-nicht durch find. Die Einwohner des Ortes kamen regelmäßig und hörten z». HeHrbergsgäst« sangen mit und lehrten uns weitere Lieder, z. B. „Schwarzbraun ist die Haselnuß",„Hoch auf dem gelben Wagen", „Die Bauern wollten freier sein" u. a. m. Aus unserer gemein- samen Kasse kauften wir uns einige Mundharmonikas; unsere Kapelle bestand aus 1 Geiger, 1 Mandolinisten und 11 Mund- Harmonikaspielern. Und dann kam Sonnenwende heran. Das mußte beton- ders gefeiert werden, weil es viele noch nicht mitgemacht hatten. Ein Regen am Tage gab uns erst die försterliche Erlaubnis. Unsere größten Jungen schleppte» einen gewaltigen Holzberg zusammen. Und wir sangen Hand in Hand im Kreis um das lodernde Feuer: „Flamme empor!" Dann sprach unser Führer beim Feuer: „Jungen, haltet die Hände fest mit Freundschaft, bleibt junge und wache Menschen, die selber denken und selber handeln wollen. Und wenn ihr müde werden wollt, denkt an diesen Tag, und stürmt in die Natur hinaus und kämpft mit Wellen und Baumhöhcn; dann werdet ihr wieder Lebenskämpfer sein, die für euch selber und für müde Menschen kämpfen!" Die Flamme brannte hernieder und in Jugendlust sprangen wir hindurch und hinüber! Ja und wo bleibt das Land s ch u l heim? Weil es die Hauptsache ist, wollen wir davon zuletzt erzähle». Damit sind wir bei einer wichtigen Fordcning der neuen Zeit: Schulreform! Viel Bücher sind darüber geschrieben; manche Konferenz hat wichtige Beschlüsse gesaßt. Man ging auseinander und— man blieb beim guten Alten. Hier und da wurden auch Bänke anders gerückt; man gab den Schisten andere Namen; man wählte Vertrauensleute; man sagte„Du" zueinander und es wurde doch nicht viel anders. Was dabei meist doch noch fehlt, das lernten wir hier bald. Wir lernten uns genau kennen; das gab und forderte Vertrauen. Doch erzählen wir erst, was wir lernten. Unsere Schulstube war irgendeine Stelle im Wal d, war dos Kanalufer, der Teichrand, der Feldrain. Unsere böseste Stunde war die Montagsrechen- stunde im Wald, wo wir das Heft auf den Knien oder auf dem Waldboden, die Bäcker-, Schlächter- und Kaufmanns- r e ch n u n g zusammenstellten und prüften und fanden, daß wir gut gewirtschaftet oder zuviel ausgegeben hatten. Als wir einmal sehr schlecht standen, arrangierten wir auf der Badewiese für die Ortseinwohner mit viel Reklame ein Sportfest mit Ring-, Box-, Selbstverteidigungskämpfen, mit Staffeln, Gymnastik, Spielen, Brustschwimmen, Freistilschwimmen, Rettungsschwimmen bei Er- trinkenden, und die Zuschauer füllten unsere Kasse. So stellte uns unser Gemeinschaftsleben viele Aufgaben; jeder Junge wußte über jeden eingenommenen und ausgegebenen Sechser Bescheid, und unsere Küchenchefs erreichten durch Verhandlungen mit den Geschäftsleuten auch noch, daß wir und diese auch Aufgaben aus der Prozent- und Rabattrechnung zu. lösen hat'en. Kritikern mag gesagt sein, daß wir unser gesamtes Berliner Schulpensum erledigten: dazu diente uns an wenigen Tagen eine offene Halle mitten im Walde. Aber wir lernten viel mehr, ohne„schullernen" zu wollen. Am Rain lernten wir Rog- gen, Hafer usw. kennen: nuru wenige kannten blühende Gräser. Di« Jungen, die in Ostpreußen gewesen waren, zeigten ihren Freun- den das. Und dann ging die lebhafte Debatte los: Wie geht es der Landwirtschaft? Roggenabsatz! Schwarzbrot, Weißbrot, Brot- preise! Land- und Stadtarbeit, Einsuhr, Ausfuhr, Zölle. Unser Herbergsvater fuhr im Sluto weg: als wir einige Jungen fragten über Zündung, Gasgeben, ersten, zweiten und dritten Gang usw„ wußten sie wenig Bescheid. Drei Jungen erklärten sich dann be- reit, uns nach zwei Tagen am Auto alles genau zu zeige» und das machten sie so sein, daß der Führer nicht nur nichts hinzuzu- setzen oder zu verbessern brauchte, sondern noch tüchtig hinzulernte. Wir fanden Pilze, ohne sie alle zu kennen. Zwei Jungen erbaten sich zwei Nachmittage Freizeit, suchten währenddessen allerlei Pilze, holten sich zum Studium des Führers Bücher, vom Ortslehrer die Pilztafeln, gingen zu einigen Frauen, die Pilze sammelten und verkauften, und am dritten Vormittag lernten wir von den beiden Jungen soviel Pilze kennen, daß viel« Kameraden Lust zum Sam- mein und Mut zum Essen bekamen. Einmal saßen wir unter einer S t a r k st r o m l e i t u n g; in der Näh« war«in Transformatoren- Häuschen. Da entpuppte sich ein Junge als geschickter Lehrer, den alle bisher als Schlafmütze angesehen hatten. Da leuchteten dessen Augen: Jetzt kann ich euch etwas sein! Um seinen Freunden Lärche, Fichte, Kiefer und Tanne zu zeigen, kletterte ein Junge so hoch, daß sein einziges Kleidungsstück kurz und klein ging und Hautschrammen ihn noch lange daran erinnerten. Leid tat es ihm nicht; es war ja Dienst an der G c m e i n s ch a f t. Dann studierten wir gemeinsam Feld, Wald, Teich als Lebensgemeinschaft. Ab und zu wurde ein Jung« krank; das bildete dann den Ausgangspunkt interessanter Stunden, in denen wir unseren Kör- per verstehen lernten. Und die täglich zweimal erscheinende Zeitung(vom Vorwärts-Verlag uns umsonst geliefert!) bildete sür uns viel Veranlassung, auf zahlreich« Gebiete einzugehen, die vom Kinde zu wenig verstanden werden, die ihm aber nicht cistt nach der Schulentlassung entgegentreten, sondern schon jetzt. Da lernten wir wie in der großen Natur so auch� im Menschenleben Zusammenhänge verstehen, denken! Aber der Hauptgewinn ist doch das Gemeinschafts- leben. Der einzelne ist nichts: die Gemeinschaft trägt, hilft, fördert, ist Macht. Das merkt der Junge bald. Als Rechenaufgabe: Wer nimmt den Jungen für 66 Pf. täglich auf? Der einzelne zähst volles Fahrgeld. Der Geschästsmann senkt die Preise usw. In der Gemeinschast ist das Leid des anderen das eigene; sind Kameraden krank, können wir nicht weg und zahlen dos Arztgeld. Di« Gemeinschaft gibt allen dos gleiche, gleiches Lager und gleiches Essen aus demselben Topf. Sie sordert aber auch von allen Dienst an der Gemeinschaft; diese kann nur bestehen, wenn ein jeder sein« Arbeit treu erfüllt, nicht daß es ihm, sondern daß es allen gut gehe. Und dieses Zusammenleben fordert gegenseitiges Vertrauen und Verantwortungsbewußtsein und schosst es auch. Die häßliche Entfernung zwischen Lehrer und Schüler schwindet. Da kommt der Junge an und gesteht ihm, daß er Heimweh hat, der erzählt, daß er Sorge um Mutter habe, weil Vater oft Freitags alles Geld durchbringt. Als wir einma,l über den Alkohol sprachen, sagt ein Junge laut zu uns allen:„Ich könnte darüber Trauriges erzählen!" Und wir ahnen und verletzen ihn nicht seines Vertrauens wegen. Und so steigt das Vertrauen erst zum Führer, der zuletzt alles Leid seiner Jungen mittragen muß, damx aber auch zur Gemeinschaft. Und das tötet dos Groß- tun und die Lüge. Was möchten die Buben nicht zuletzt alles Keim Sport wissen? Armer Führer! Wie oft mußt du eingestehen, daß du das nicht weißt; aber wir alle zusammen schaffen es schon. Und wenn du oder ein Junge zugibt, das nicht oder nicht genau zu wissen, dann bekommen bald ander« Mut, einzugestehen:«Das weiß ich nicht!" Wer Kinder kennt, weiß, daß solch Bekenncrmut selten ist. Das alles schasst Vertrauen zwischen Führer und Jungen, Vertrauen zur und freudige Mitarbeit an der Gemeinschast, in der sich ehemalige Schüler, 17- und 18jährige, die bei uns ihre Ferien verlebten und sich sofort gern einreihten, wohl fügten. Dies Ge- meinschaftsgefühl, diese Verantwortungsfreudigkeit nimmt der Junge mit ins Leben, das von ihm dasselbe für Organisation, Partei und Staat sordert. 5iast du nun Glauben an das Landschulheim? (Zratkunckr, (1. Fortse�ung) „Weinen Sie, daß da draußen wirklich alte Bohlen mit- verwendet worden sind? Nach den Akten ist die Streck« doch noch lange nicht zu erneuern." Kolonnenführer Bormann zuckte mit den Achseln.„Mit dem einen Stück, ungefähr hundert Meter müssens fein, stimmt es nicht. Da liegen ältere Bohlen, die ziemlich mor'sch fmd." „Sft's so schlimm?" „Was heißt schlimm, f)err Bahnmeister? Auf Nebenstrecken halten die Sohlen noch lange, ober hier, bei dem Rieseirverkehr..." .„Keine Frage, müssen die Sache genau untersuchen. Die Strecke ist noch verhältnismäßig neu." „ftaben Sie die Strecke gelegt, Herr Bahnmeister?" „Noch mein Vorgänger. Bin erst später hierher versetzt." „Da hoben Sie ja auch keine Verantwortung." „Wenn was passiert, �geht's mir an den Kragen." „Achtung, ein Zug!" Lormann riß Kern blitzschnell beiseite. Sie hotten in ihrem Gespräch fast zu spät dos Herannahen eines Zuges bemerkt und Kern ging neben Bormann, unmittelbar neben dem Schiencnstrang, auf dem der Zug von vorn angerollt kam. Es war«in Personenzug, der nicht allzu rasch fuhr. „Verdammt noch mal! Man kann nicht genug auspasien," schimpfte Kern. Bormann lächelte:„Auf den Stellwerken und Signolstationen müsse» Sie noch mehr aufpassen, Herr Bahnmeister," er wies auf das Blockhäuschcn, dem sie schon ziemlich nahegekommen waren. „Dort ist die Stelle." Kern nickt«:„Hab mir sie zweimal angesehen." „Ist morsch, Herr Bahnmeister. Wir Zimmerleut« hören das. Altes Holz hat einen anderen Klang als neues." „Sagen Sie mal, Bormann, worum sind Sie eigentlich zur Bahn gegangen? Zimmermann, dos ist doch rentabler. Sie hat wohl auch der großartige Bahnbetrieb angezogen?" „Nicht gerade.— Und so bei der Strcckenarbeit, bei jedem Teuselswettcr..." „Drum eben. Da muß Sie doch etwas an die Bahn gezogen 'oben?' „Hauptsächlich die geregelte, dauernde Stellung." Kern sah etwas enttäuscht auf Bormann. Bormann schwieg, bückte sich, schlug mit einem Schrauben- schlüssel auf«ine Anzahl Bohlen und horchte. Als er die richtigen gefunden hatte, reckt««r sich wieder hoch und deutet« auf die Gleise: „Von hier an geht? los. bis ungefähr hundert Meter weiter." Kern warf einen raschen Blick nach vorn und rückwärts:„Die Strecke ist jetzt frei." Er stieß mit seinem Stock auf einige Bohlen »ach vorn und hinten und horchte:„Viel Unterschied kann ich nicht finden." „Aber nun hören Sie mal hierher." Bormann wiederholt« seine Schläge mit dem Schraubenschlüssel noch vorn und nach rück- warts. „Ja, nun höre ich es auch Daß Sie das so gut heraushören!" „Das macht der ständige Umgang mit den Bohlen. Die eisernen haben wieder andere Merkzeichen." „Machen Sie mal hier und machen Sie mal da ein« Schraub« los, Vormann." Kern bezeichnete einzelne Stellen. Bormann konnte an einer der verdächtigen Bohlen ein« Schraubt spielend lösen, während eine andere an einer der unver- dächtigen Dohlen fest saß:„Seh'n Sie, Herr Bahnmeister, da hob'n wir's." Kern nickte. Er war sehr ernst geworden:„Sie scheinen recht zu haben, Bormann. Aber schnell noch'n paar weitere Schrauben, es kommt da hinten schon wieder ein Zug. Ich mutz ganz sicher sein, wenn ich Bericht mache." Bormann machte einige weitere Versuche. Häßlich riß ihn Kern hoch und vom Gleis zurück. „Verdammt!" knirscht« Kern,„da kommt doch noch einer von der anderen Seite. Obendrein ein Schnellzug. Das konnte aber..." Faucheno raste auf den: Gleis, auf dem die beiden Männer eben noch gearbeitet hatten, der Schnellzug vorüber und auf dem zweiten Gleis trollte sich ein Güterzug gemütlich dahin. Dann wurden noch einige weitere Versuch« gemacht und richtig: auf rund hundert Meter lagen überall Bohlen von altem Holzem während sie sich auf dem übrigen Teile der Streck« als gesund er- wiesen. Kern zog die Stirn kraus.„Es genügt mir, Bormann. Bin Ihnen oankbar. Der Bericht muß noch heute fort." Sie gingen die Bahnstrecke zurück. An der Stelle, an der sich die Sireckenarbeiter befanden, trennte sich Kern mit einem militärischen Gruß von Bormann und ging nach dem Bahnhof von E. zurück. Die Sonne stand schon ziemlich hoch. Ihre Strahlen wärmten die blitzenden Bahnschienen, daß sie sich streckten. 2. Eine Mahnung. In den Arbeitszimmern der Bahnmeisterei war noch niemand anwesend, als Kern die Haupttür öfsnete. Mit schweren Schritten ging er«inen langen Korridor entlang. Sein Kops hing, vornübergebeugt, auf seinem kurzen Halse. Er war von schwerer Sorg« erfüllt über das, was er eben mit dem Äalonnenführer Bormann festgestellt hatte. Wie gut, daß Bormann ihm noch rechtzeitig Meldung von der Strecke mit den alten Bohlen gemacht hotte! Rund hundert Meter Strecke mit alten Bohlen, wie tonnte dos sich erklären? Dielleicht ließ es sich überhaupt nicht aufklären, vielleicht lag nur irgendein Versehen vor. Jedenfalls mußte sofort Bericht gemacht werden und eine schnelle Reparatur des schadhaften Streckenteils erfolgen. In starker Unruhe betrat Kern sein Arbeitszimmer. Hastig legte er die Dienstmütze ab, ging ans Schreibpult, das für ein Arbeiten im Stehe» eingerichtet war, nahm einen Papicrbogen zur Hand und entwarf den Bericht an die ihm übergeordnete Dienst- stelle. Eindringlich schilderte er den Fall._________. � draußen, tu den übrigen Räumen der Bahnmeisterei, wurde es inzwischen lebendig. Pünkttich stellte sich das Beamtenpersonal «in und nahm bedächtig die Arbeit auf. Bahnmeister Kern sah noch der Uhr, nahm seinen Beschwerde- entwurf zur Hand und ging in ein Nebenzimmer, in dem sein Assistent den Arbeitsplatz hatte,'n Morgen, Herr Kollege." „Guten Morgen, Herr Bahnmeister." Die Stimme des Assistenten war klanglos und schwach, aber ruhig. Mit einer leichten Verbeugung erwies er feinem Vorgesetzten den schuldigen Respekt. „Denken Sie nwk, da habe ich eine Meldung vom Kolonnen- führet Bormann bekommen, daß auf der Strecke nach E., nahe bei Blockstelle S, eine schadhoste Stelle im Streckenbau ist. Rund hundert Meter weit liegen morsche Bohlen." „Da müsien wir doch gleich mal in den Streckenakten nach- sehen." Do ist nichts zu erfahren, als daß die Strecke erst vor rund vier Jahren mit neuen Holzbohlen versehen worden ist." Assistent Peiermann kramte in einem hohen Aktenregal-und zog einen dickleibigen Band heraus:„Nochsehen müsien wir." „Jedenfalls muß sofort der Bericht fertiggemacht und eingereicht werden." „Gewiß, Herr Bahnmeister." Petcnnann legte den Aktenhand aus seinen Schreibtisch, beugte sich darüber und blätterte, suchend, nach rückwärts.„Vor ungcsähr vier Jahren, meinen Herr Bahn- meister." „Richtig, hier stchts, in der Zeit vom 22. April bis 2(1. Juni. Nächste Erneuerung ist demnach nach den Akten erst in..." Er- schrocken fuhr Petermann herum. Kern hatte ihn derb am Anne gefaßt.„Mann! Dos geht Sie und mich gar nichts an. Akten hin, Akten her— auf einem Strecken feld von hundert Meter liegen morsche Bohlen!" „Hundert Meter?— Herr Bahnmeister, hier steht: Erneuerung auf fünf Kilometer, bis Block 8, erfolgt." „Sie können einen nervös machen!" Kern nahm Petermann mit einer ruhigen, aber bestimmten Bewegung die Akten weg, in- dem er sie etwas seitwärts schob und legte ihm seinen Entwurf für den Bericht hin.„Das ist wichtiger. Bringen Sie das rasch mal in Reinschrift." Petermann überflog den Bericht:„Ganz so wörtlich brauchts wohl nickst zu sein, Herr Bahnmeister?" Di« Frage klang ängstlich. „Aber möglichst noch dringlicher." Kern warf«inen nachdenk- lichen Blick durchs Fenster auf die Bahnanlagen und ging in sein Dienstziemner zurück. Dort nahm er wieder etwas Schreibpapier zur Hand und stellte Berechnungen an. Inzwischen hatte Petermann den Berichtscntwurs genauer durch. gelesen, schüttelte den Kopf und nahm erst nochmals die Akten durch. Dann goß er Kerns etwas knorriges Satzgefüge in eine glatt« Form, wobei er sich bemüht«, Derbheiten abzuschleifen unv den Verkehrston des Untergebenen mit seiner vorgesetzten Behörde zu treffen. Der Bericht wurde ein Muster an Höslichkeit und Ausführlichkeit, verlor aber alle Dringlichkeit und lebhafte Färbung. M- Peferrnaim war stolz auf ßckne Leistung. Er hatte das Gefühl, in den vielen Jahren seines Bürodienstcs selten ein solch mustergültiges Schrisistück verfertigt zu haben. Geraume Zeit war darüber vcr- strichen, aber dafür war es auch keine Alltagsarbeit gewesen. Ouatitätsleistungen konnte man nicht nach Zeit bewerten. Er reckte sich gerade, ließ seine bebrillten Augen nochmals über das Schrift- stück gleiten und fühlt« sich, als er feststellen konnte, daß auch nicht ein einziger, verklextcr Buchstabe, oder sonst ein Schandsleck das blütemveißc Papier mit den regelmäßigen, dunkelblau gefärbten Buchstaben verunziert«, wie nach einem Examen. (Fortsetzung folgt.) e Buch Jean Stichard.ftloch«...& Co." Dieser Roman des französischen Schriftstellers Bloch(Paul Zsolnay, Bcrlag) ist ein Familienroman, der die Tuchindustrie im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts zum Hintergrund hat. Die Schicksale einer Fobrikantensamilie stehen im Zentrum der Dar- stellung und nicht die Vorgänge der Produktion, diese erhalten erst Bedeutung in ihrer Auswirkung auf die einzelnen Familienmit- gliedcr. Es ist also der Weg, den auch die großen, französischen Naturalisten einmal beschritten. Allerdings zeigt sich folgendes: das Werk, die Fabrik, ist stärker als der Mensch. Es vergewaltigt ihn und ertötet alles außerhalb dieser Sphäre. Die Simlers, jüdische Tuchfobrikanien aus dem Elsaß, müsien noch dem siebziger Krieg ihre Heimat verlassen, weil sie für Frank- reich optierten. Sie kaufen im Gebiet der westlichen Tuchsabrikatian ein Unternehmen, und es gelingt ihnen, die Konkurrenz dank zäher Energie an die Wand zu drücken, weil sie beweglicher sind und die industriellen Umstellungen schneller begreifen als die zu Patriziern gewordenen Eingesessenen. Aber je größer der Jahresumsatz wird, desto schneller schwindet die menschliche Elastizität, desto mechani- sierter werden die Simlers. Das Werk frißt sie auf. Persönliche Verwurzelung in der eigenen Schöpfung, ein patriarchalisches Verhalten zu den Arbeitern charakterisieren den alten Simler, die blutvollste Gestalt des Romans. Die Jungen kennen dagegen nur«in Ziel: Vermögen anhäufen. Sie glauben, noch dieselbe Einstellung wie der Vater zu haben. Doch es bleibt bei diesem Glauben, in Wirklichkeit erscheinen ihnen Werk und Arbeiter als reines Ausbeutungsobjekt. Noch ist der Industrielle nicht zum Politiker, zum Wirts chaftskapitän geworden, er fühll nur instinktiv, welche Macht ihm das Vermögen gibt auch außerhalb seines Fabritationszweiges. Er steht erst im Vorhof der Erkenntnis, er begreift hier noch nicht die großen politischen und weltwirtschast- lichen Zusammenhänge. Der Kopitalismus rüstet sich zur Welt- eroberung. Dies« Fragen werden von einem anderen Problem überlagert. Wie löst sich der einzelne aus der diktatorischen Gewalt der Familie? aus dem Patriarchalismus des jüdischen Clans? Einmal ficht es so aus, als ob ein Junger den Mut dazu findet, aber die Familien- bände sind stärker. Er verfällt völlig den Seinen und dem Wert. Di« eiserne Disziplin siegt. Individuelle Schicksale werden bei Bloch nickst immer zum Symbol für die groß« Gemeinschaft. Hierin findet man eine Aehn- lichkeit mit Thomas Manns„Buddenbrooks". Die wirtschaftliche Gesamtsituation, die sozial« Lag« der Arbeiter treten erst am Schluß entschieden hervor. Doch der organische Zusammenhang bleibt an dieser Stelle etwas lückenhaft. Der Roman ist kein Quer- schnitt durch«ine Zeit, sondern nur durch eine ganz destimmte Ge- sellschastsschicht. Aber innerhalb dieses Rahmens«rweist sich Bloch als genialer Gestalter, der seine Menschen bis in die feinsten Re- gungen zerlegt und sie von innen heraus formt. Das Werk hat Atmosphäre, Leben und Wahrheit, es gehört zu den großen, wesent- lichen Büchern. kelix Sclierret. RätsehEcke des„Abend umnymn Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Name eines füheren Reichsministers: 5. tür- kifcher Vorname: 6. Behälter; 8. Papiermaß: 10. männlicher Vorname: 12.Nahrungsmittel: 14. Zeitmesser: IS.Nameneines verstorbenen Kämpfers für den Sozialismus.— Senkrecht: 1. englischer Adelstitel: 2. Brett- spiel: 3. Getränk: 4. Schwimm- vogel: 7. elektrische Einheit: 9. Kälteprodukt: 19. Haustier; 11. Teil des Baume«: 12. Teil einer Baumfrucht: 13- Voran» schlag,(ch— 1 Buchstabe). — ek.— Silbenrätsel. Ans den nachstehenden Silben sind 14 Wörter zu bilden, welche bedeuten: 1. F«nsterbehang: 2. Genuß: 3. Schutz für Schuhe: 4. italienische Insel; S. Veraltete Staatsoersasiung: 6. niederländische Stadt: 7. Reicher Inder: 8. germanischer Gott: 9. Handwerk: 10. Vater Noahs: 11. Steinkohl«: 12. Stadt in Pommern; 13. Stadt in Bulgarien: 14. Teil des Auges. Die Silben lauten: an der bob ca di do gar gard gla he i kai la lab mach na na mar ne pst» reckst rei reich ris sal schu je ser star thra ü ut war zit. Die An- sangs- und Endbuchstaben der Wörter von oben nach unten gc- lesen ergeben ein Sprichwort. Karreerätfel. (Stseßlich geschiiht.) Jede Zahl der zu erratenden Wörter entspricht einem Buchstoben, der in das mit der gleichen Zahl de- zeichnete Karree einzutragen ist.— Die Buchstaben, von 1 bis 40 fort» laufend gelesen, ergeben einen Spruch. — Bedeutung der einzelnen Wörter: I. englische Anrede 25 6 26; 2. Sohn Noahs 25 2 IS: 3. Ostseeinsel 26 36 8 2 3: 4. spanischer Titel 5 15 3: 5. Hund 35 36 Ä 7; 6. deutscher Philosoph 14 11 3 13; 7. Stadt am Rhein 1 9 25 2 12: 8. Turngerät 26 20 28 34: 9. bekannter Konferenzort 8 27 4 33: 10. Teil des Hauses 5 31 37 29: 11. mcteoro- logischer Begriff 10 20 18 22 39 26; 12. Himmelserscheinung 38 15 17 20 30; 13. Haiisticr 21 32 40 5; 14. Brennmaterial 19 24 25. Äuchstabenräisel. Aus den Buchstaben a a a a b cdddeeeehhh iiiiiillmnnnoorrrftuvz sind 13 Wörter von je drei Buchstaben zu bilden, deren Anfangsbuchstaben aneinandergereiht den Namen eines bekannten Berliner Zeichners nennen.— Die Wörter bedeuten: 1. Sohn Noahs: 2. Biblischer Frauenname: 3. Bewohner Europas; 4. Flutz in Afrska; S. Wild; 6. Nebenfluß der Donau: 7. Ziegenlederart: 8. Kopfbedeckung: 9. Herrscher; 10. Weib- licher Vorname: 11. Anerkennung: 12. Teil des Auges; 13. Göttin der Morgenröte.— kr.— Oer Ausreißer. Zu 1 wurd' ihm die Heimatstadt, Nach fremdem 2 er Sehnsucht hat, Und hofft, daß dort das Glück ihm winkt. Ein Goldstrom fern von dortiger blinkt. Noch 1, 2 schifft er drum sich«in. Wird dort das Glück ihm gnädig sein? gst. (Auflösung der Rätsel nächsten Mittwoch.) Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer. Silbenrätsel: 1. Odem: 2. Banane; 3. Ararad: 4. Ro« tmitze; 5. Matrikel: 6. Ariel: 7. lasmania; 8. Eisenerz: 9. Unacht. somteii: 10 ffrato; 11. River; 12. Leutnant: 13. Orion; 14. Strebet; 15. Alumni: 16. lljest: 17. Chano«: 18. Helen«: 19. Schalst: 20. Ewald: 21. Italienisch: 22. herero: 23. Echternach: 24. Lrigant. —„Db Armut euer Los auch sei, hebt hoch die Stirn trotz alledem." (Aus Freiligroth:„Trotz alledem.") Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Poseidon: 4. Polier: 6. am: 7. le: 8. Koeder: 9. Retirade:— Senkrecht: 1. Politiker; 2. Daimler; � 3. Normandie: 4. Protest; 5.(a; 7. le. Aersteckrätsel: 1. Erika: 2. Rosa: 3. Rom: 4. Erna; 5. Selm«: 6. Toni; 7. Ilse; 8. Rette; S. Else.— Ernestine. SSnigszug: Em zweischneidig Schwert Da ich'« in Händen fühl, Ist das Laben. Will ich'» auch schwingen: Hat man recht getan. Auf der Feind« Wehr Mir meine» zu geben? Soll's niederklingen; Klingen und leuchten soll's s Durch Tag und Stunde. Ruhen und rosten kann's Dereinst im Grunde. Herm. Thurow. H omo n y m: Ruhr, Nr. 3�4 47. Jahrgang Sonnabend 19. Juli 1930 Ein Schwerölflugmotor Besirebungen, den Dieselmotor als Antriebmitiel für Land- und Luftfahrzeuge dienstbar zu machen, sind schon seit Jahrzehnten im Gange. Große Schmierigkeiten mußten in langer, zäher Arbeit übermunden werden, ehe es gelang. Schnelläufigkeit, ocrsdiiedenartig auftretende Drücke, geringes Gemicht und manches andere auf einen Nenner zu bringen. Die nur aus der Praxis zu sammelnde Betriebserfahrung zum Bau dieser Motorengattung fehlte völlig. Während in Deutschland sich vornehmlich Prof. Junkers mit der Lösung des Schmerölmotorenproblems befaßte, dessen Motor nadi dem Doppelkolbensystem -HWW Einzelzylinder des neuen Packard Dieselflugmotors Leistung 225 PS, Cemidit 225 kg arbeitet, maren es in Amerika die P ackard Motor Gar C ompany, die Versuche über Versuche in dieser Hinsicht vornahmen. Ihr bereits 1929 fertiggestellter Dieselflugmotor hatte auch praktisch schon gute Flugergebnisse aufzuweisen. Den Vogel schoß Packard jedoch mit seinem neuesten Modell ab, das auf der im Aprilf Mai 1930 veranstaltet 2« Punkt«: 3. Kakle tTcmpclhosl>3» Punkt«.— guaend: I. Klutk tTrmp«lkof> 197 Puiillr: 2. Mcckkl llempelboi) 1»l Nunkt«: 3. Schwar.i II 197 Punkt«: 3. Häek««W>lm«rsdors> 198 Punkt«.— Ivo-Meter-Endlauf. grauen: I. Damm lWilmersdorf) lä.o Sek.: 2..Kiedrich tTempelhof) I«U> S-k: 3. Werner iWilmcrsdors) 16,0 Sek.— Suqent: I. KMtl, tT«m�ld°0 12.3 Sek.: 2. Dulitika(Oftrinfl) 12,7 Sek.: 3. Pol, mann(Ortrino) 12,8 Sek.— Männer: 1. Damm cWilmerzdorf) 12.1 Sek.: 2. Sannemann kOstrinat 12,3 S«k.: 3. Siich« kWilmersdor') 12,6 Sek.— Etafeien 4 mal 100 Meter: grauen Wilmersdars 61.4 Eck.— Manner: 1. Lauf: KTSB Tcmpelhof 48.8 Sek.: 2. Lauf: Ostring 48,2 Sek.— 1809 Meter. lZugend: Relmann. Co,. Akd. Etüden tengruvpe IZTSB 5:47,6.— TustbaH: Borussia II— Union 28 Temvehof II: 1:5, Halbzeit: 1:1: Porussia I— Union 28 Tempclhof I: 1: 1. Solbzeit: 0; 0,— Hocken: Neukölln I— Tempel- los I: 4:4— Sandball: Schöneber» Jugend— Temoelhof Jugend: 3: 2.— Trommelball:?cmpell>of— Mariendorf: 82: 64 Punkte. Die Abend-Irabrennen zu Mariendors werden am heutigen Sonv abend sortgesetzt. Das interessante Programm zeichnet sich durch große Felder auf der ganzen, Linie aus. Im Mittelpunkt stoht der Preis von Norderney eine über 2000 Meter führende Prüfung für die internationale Klasse, in der eine Reihe der schnellsten Traber an den Start kommt Trainer Eh. Mille, der mehrere Pferde im Nennen hat, stützt sich auf An- tcna. Der den inländischen Dreijährigen reservierte Preis von Helgoland sowie der Preis von A m r» m über 2600 Meter sind weitere Glanzpunkte der Veranstaltung. Di« Rennen beginnen wieder um 6 11 h k. Von den 100 Berufsfahrern, die zu dem neugeschaffenen Straßenradrennen Turin— Brüssel zugelassen worden sind, ließen nur 73 aus Deutschland, Italien, Belgien, Luxemburg, Oesterreich und Frankreich ihre Räder plombieren. Es fehlten besonders die „großen Kanonen", wie Ronsse, Ghysseis, Verhaegen, F. le Drogo, Rebry, auf die der St. Gotthardt anscheinend abschreckend gewirkt hatte. Weltmeister Ronssc war zweimal aus der Paßhöhe gewesen, hatte sich eingehend den 37 Kilometer langen Ausstieg von Biasco über Airolo zur Höhe mit den 1800 Metern Höhendifferenz und den Abstieg von der 2111 Meter hohen Gotthardthöhe nach Alt- darf(1640 Meter Gefälle auf 43 Kilometer Strecke) angesehen uild dann kopfschüttelnd erklärt:„Das ist nichts für mich." Ashn- liche Aussprüche hörte man auch von anderen Fahrern, und es muß gesagt werden, daß diese 395 Kilometer lange Fahrt von Turin über den St. Gotthardt nach Zürich die schwierigsten und berüchtigsten Abschnitte bei der„Tour de France" noch in den Schatten stellt. Gtau in Grau wölbte sich der Himmel, als die Fahrer morgens um 4.40 Uhr aus die beschwerliche Reis« geschickt wurden. Bis tief in' die Täier hinab hingen die Wolken und in strömendem Regen ging es über Locarno und Bellinzona nach Biasca(212 Kilomeler). Dichte Nebelschwaden jagten von den in undurchdringliches Grau gehüllten Höhen herunter und allmählich verwandelte sich der Regen in Schnee. 2lls bester Bergsteiger erwies sich der frühere Amateurweltmeister Achille G r a n d i, der mit weitem Vorsprung allein die verschneite Gotthardthöhe er- reichte. Erst 17 Minuten später trafen vier weitere Fahrer ein, unter denen man neben den Belgiern Dcwaele und Jo.'y und dem Luxemburger N. Frantz auch den Frankfurter Ludwig Geyer be- merkie. Grandi passiert« Altdorf um 16.23 Uhr nach fast zwölf- stündiger Fahrzeit. 25 Minuten später erschien plötzlich der Wiener Bulla, der bei der Gotthordtabfahrt viel Terrain gutgemacht hatte, und wenig« Minuten darauf waren auch Geyer, Dewaele und Frantz zur Stelle. « Ein woltenbruchartiger Regen begleitete die Fahrer auf dem letzten Teil der Sttecke von Altdorf nach Zürich. Der Italiener Grandi hielt seinen Borsprung bis zum Schluß und traf halb erfroren nach einer Fahrzeit von mehr als\5'A Stunden als erster am Etappenziel Zürich ein, das von einer oieltausendköpsigen Menge umlagert war. Er hatte fast 300 Kilometer des Weges allein zurückgelegt. Inzwischen sank die Nacht hernieder, aber noch immer zeigte sich keiner der anderen am Morgen in Turin ge- starteten 71 Fahrer. Endlich, noch mehr al» einer Holben Stunde, tauchten wieder zwei Gestalten auf, die sich vor Entkräftung kaum noch auf ihren Rädern halten konnten: Bulla und der Luxemburger Nicolas Frantz, von denen sich der Oesterreicher den zweiten Platz sicherte. In mehr oder minder großen Abständen erreichten dann noch bis 22 Uhr der Frankfurter Ludwig Geyer, der Belgier Emile Joly und der vorjährige Tour-de-Franc«-Fahrer Maurice Dewaele-Belgicn das Etappenziel. Bedauerlicherweise versagte die Organisation so gut wie ganz, offizielle Zeiten wurden nicht be- kanntgegeben, am Ziel herrschte ein allgemeines Durcheinander, so daß Geyerzu Fall kam. Leider muß damit gerechnet werden, daß nur zwölf, höchstens sünfzehn Bewerber diese Alpenetappe überstanden haben. Deutschlands größtes Radfahrcrlrcffcn Ein« Großveranstaltung mit einem als riesig anzusprechenden Programm wird sowohl in seinem sestlich-demonstrattven Charakter als auch auf dem Gebiet sportlichen Geschehens das Bundessest des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrer-Bundes„Soli- darität", dos in Dresden vom 2 3. bis 2 7. Juli gefeiert wird. Im Verborgenen haben die vielen Ausschüsse seit Monaten eifrige Vorbereitungsarbeit geleistet. Jetzt sind die Vorbereitungen beendet. Die Anteilnahme aus ganz Deutschland ist sehr stark und die Beteiligung aus dem Ausland hat die Erwartungen weit über- troffen. Zu vielen Tausenden werden die Radler und Motorradler in Dresden erscheinen und der Veranstaltung ein unvergeßliches Gepräge geben. In die Ocizialer Alpen Das Reisebüro der Naturfreunde schreibt: Die zahl- reichen Anmeldungen für unsere Hochtouren veranlassen uns, außer- halb unseres diesjährigen Fahrtenprogramms eine weitere Hochtour anzusetzen(23. August bis 7. September). Die Tour, in der Haupt- fache als Eistour gedacht, führt in die Oetztaler Sllpen, das schönste Gletschergebiet der Ostalpen. Ausdauer und Schwindelfreiheit so- wie alpine Ausrüstung(Pickel, Steigeisen usw.) unbedingt not- wendig. An Hochtouren sind geplant: Wildspitze, Oclgrubenspche, Feuchtkogl, Weißjeejpitze, Glockturm, Weißkugel. Ftnailspitze und Sdnklcmn. siftnMch zwischen 8300 trnb 3800 Meter. Da bW Sä nehmerzcchl auf 10 Personen beschränkt ist, bitten wir um baldige Anmeldung. Für Tour 16 und 17 unsere» Programms werden Anmeldungen nicht mehr entgegengenommen. Für Tour 13. Nord- tirol und Hohe Tauern(leichte Hochtour) können sich noch einig« Teilnehmer melden. Anmeldung und Auskunft durch das Reise- büro des Touristenvereins„Die Naturfreunde". Berlin N. 24, Iohannisstr. 13(Laden); Telephon: Norden 4177. Faschistische custabwehr. Die italienische Regierung hat an- läßlich des Zlbwurfs antifaschistischer Flugblätter über Mailand ein« vollständige Reorganisation des Flugzeugabwehrdienste» angeordnet. In der faschistischen Presse heißt es. der Antisaschistenflug über Mailand habe gezeigt, daß ein uiiverboffter Angriss aus'townncttc Städte ohne die Reorganisation des Flugabwehrdienstes mcht ver- hindert werden könne.__ »ÄÄtSÄ heim Wangelklr 128- Radierung.— Esperanto: 20 Uhr: Jugendheim Telsiter Stt?ß° 4.- Dw-'t.«' 22. Juli: Pho.ogemeinschast, Abt. O'Nn: Jugendheim frankfurter Allee 307 ISdert-Eaal): Anfängeikursu-.— Mi e: 20 Uhr. Ja- dannisstr. IS: Geschäftliches(Wir singen).— Tiergarten: IS Uhr. Beten otet spielen auf der Pogelwicse IPlöhensce).— Humdoldthazn: Jeden Dieiiotag, Mittmoch und Donnerstag, ab 18 Uhr: Rasensport lEportpl-tz Humbo d>. Hain).(Bei Rkgenmettcr in de» Heimen.)— Weddiiig: 20 Jus�ndheim See- Ecke Türmer Straße:.Atmis vom Tlljfotcr*.— NorVu: 20 Uhr. Sonnen» bürget Str. 20, Zimmer 3:„Unsere Bereu,-oeranstaltungen.—?r.edr>chs. Hain; 20 Uhr, Jugendheim frankfurter Allee 307«. strafte 15 iBlattspieler stets willkommen.)— Tiergarten. 19 30 Uhr Jugend. heim Lehrter Str. 18/19:„Alt B-rUn".- Prenzlauer Berg:1930 Uhr. Danziger Str. 62, Baracke 2:„Diskufstonsabend.— Eildwest: Pocefstr.11. Zimmer 5:„Einmal im Heim". DiÄusstonsabend.— Spandau: 26-22 Uhr. Jugendheim Lindenuser 1.— Reukölln: Iugendhem, Z�rgstr. 2S, Hofb-racke. Raum 3; Was bieten uns die Eondevabteilungen der BoikÄlAne?(Z�ferent von der Volksbühne.)— Weiftensee: 20 Uhr, Jugendheim Pistorinsftr. 24: Abenbspazierganz.— Lichtenberg: 20 Uhr, Jugendheim Dunterstr. 44: Heiteres BelU Pankow. Am Montag. 21. Juli, hält UN» Genosse Börner einen Vortrag Uber„Enlstehung des ATuEB", 20 Uhr bei Lehmann. Mllhlcn. Ecke Mormilianstrafte. Die Jugend ist besonders eingeladen. Berliner fnftdalloereine nnd-Abtellnngen. Am 27. Iul,. 27 Uhr. findet das Rilekspiel 16. Kreis gegen 1. Kreis auf dem Spartplaft de» 1. fC. Reu- köllii 95. Kaiser-friedrich-Etrafte, am Herhbergplatz. statt. Alle Berrine haben Plakate fiir dieses Spiel oon der Seschüstsstcll« abzuholen. SoDuabend. 19. Juli. Berlin. 16.05 Amtsnerichtsrat Dr. M. Maller: UnricMire Rechtsinschiuunsen. 16.30 Unterhaltnnrsmusik. 17.30 Malter Nissen:..Menschen von heute".-- 17.50 Arien.(Else Loewcn: Elürel: Julius BBrseO-: 18.20 Aktuelle Abteilune.., 18.45 Sportliche Improvisationen. i'V 19.00 Arbeilsmarkl. 19.05„Kunst und Staat". Gesprich zwischen Dr. Kurt E. Fischer und Dr. Arno Schirokauer. 19.30 Lclpzir: Unlertlaltunuskonzerl.' 21.00„Spazicrzanr aber die Dächer Berlins." Eine Kabarettslunde In Sketschen und Chansons. Manuskripte von Ossip Dynrow und Willi S Chief fers. Conference: Willi Schaeffers. Auch die Autoren spielen mit, und neue junge Talente worden sich betätieen. Nach den Abendmeldumen bis 0.30: Tanzmusik. Kfinicswusterbauseu. 16.00 ttamburE: NachmitlaEskonzert. 17.30 P. du Bois-Rcymond; Die schSne Ostseekaste. 18.00 Kurt Baurichter: Der Minister im Volksstaat. i. 18.30 A. Mcycr-Rintcin; Wanderunsen im Wesersebirse. 19.00 Dr. Oskar Gcetz: Die soziale Bedeutuns des politischen Theaters. 19.25 Karl Lance: Die Marienburs. 20.00 Lcipzis; Konzert. 21.00 Lcipzis: Unsere Wände haben Ohren. v iL SonntaE. 20. Juli. Berlin. 6.30 Funksymnastik. 7.00 Kamburs; Halenkonzert. 8.00 Für den Landwirt." 8.50 Morsenfeier. 10.00 Gedenkfeier für die Kriessrelallenen. 10.05 Wettervorhersaee. II. 15 Sladthalle Mainz; Festakt anläßlich der Anwesenheit des Reichspräsidenten. 13.00 Leipzig: Mittatskonrert.-4.-•■■iH V 15.00 Lisa Tetzner: Märchen. 15.30 Andre Manrois.(Sprecher: Manfred Qels.) 16.00 Bunte Stunde. 16.40 Rennbahn Grunewald. 17.05 Blasorchesfcrkonzert. 18.25 Nordische Lieder. 18.35 Kurzscschichlcn von Fränze Herzfeld. 19.00 Zwei Solisten(Schallplatten). 19.20 Sportnachrichten.; /«bv. 19.30 Aktuelle Abtciluns. 20.00 Populäres Orchesterkonzert. Anschließend; Zeit, Wetter, Nachrichten, zweite Bekannttabe der Sporlnach- richten. Anschließend bis 0.30 Tanzmusik. KöniKSwusterhtusen. 10.45 Prof. Dr. Hans Reichenbach: Erzichumslügen. 18.30 Dr. Arno Schirokauer: Panama. 19.00 Dr. Wilhelm Heinitz: Indianische Fantasie. 19.30 Margarete Jokl; Die österreichische Frau. 20.00 Mönchen;„Rosen aus Florida". Theater der Woche. Bom Zv. bis 28. Juli. Volksbühne. Theater n» Bfilowploft:. Der fröhliche Weinberg. Skaakstheaker. Erschlossen...... �, Thealer mit festem Spielplan: Trutsche« Theater: Phaea.- Die Komödie! Wi« werde ich reich und alitcklich?— Metropol. Theaicr: Mit dir allein auf einer einsamen Inseln— Theater de, Westen»! Das Land de» Lächeln».—»«misch« vp«: Die frau ohne stuft.— Lesstng. Theater: faun.— Renaissanee-Zheater: Die Wunder. Bar.— Rose-Theater: flad»mann ol, Erzieher. Sartenbühue: B-rliebte Leute.— Theater in der Behreuftraft«! Mein Better Eduard.— Schloftpark- Theater Steglitz! Schwindelmeier u. Eo.— Plaza: Internationale» Barieto— Wintergarten! Internationale» Variete.— Reichshollen-Theatee! Dastspiel der Dresdener Bikio na-Sänger.— Theater am«ottdnsser Tor: Elite-Tänger. jkachmitiagsveransiallungen: Rofe-Theater: Sartenbilhne: Konzert und Bunter Teil.— Plaza! Interr. nationale» Beriete.— Wintergarten: 20., 26., 27. Internutionalcs Barikt». Erstanffuhrnngen der Woche: M-utog.»os«. Theater:.flachsmann«I» Erzieher�.