BERLIN Montag 21. Znli 1930 10 Pf. Nr. 336 B 162 47. Jahrgang EkscheiattSglich avgerSonntag«. Augltich Abendausgabe de«.DorwSrts'. Bezuzsprei« beide Ausgaben 85Pf. xro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition; BerlinSWS8,Lindenstr.S SftcUaaLQajße dei f}�fu>wf46 Sutelzenprei«: Die einspaltige Nonpareillezeile »o Pf., Reklameteile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Dorwärts/Verlaz G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Schwarz- Gold am Mein Ausschreitungen des Stahlhelm- Verletzte Reichsbannerleute Die amiliche Keier. Mainz, 21. Juli.(Eigenbericht.) Unter ungeheurer Beteiligung der Bevölkerung wurde hier am Sonnabend und Sonntag die R h e i n l a n d b e f r e i u n g s f e i e r abschalten, zu der Reichspräsident Hindendurg und, als Der- treter dcr Rcichsregierung, der Aiißenminister Dr. E u r t i u s?r- schienen waren. In der Stadthallc wurde die ofsiziclle Feier ver- anstaltet, bei der neben dem hessischen Staatspräsidenten Adelung und dem Mainzer Oberbürgermeister K ü l b auch Hindenburg ein« Ansprache hielt. Sämtliche Reden wurden durch Rundfunk aus fast alle Sender Deutchlands übertragen. Außenminister Dr. C u r- H u s, der den„wegen der politischen Ereignisse" in Berlin unabkömm- lichen Reichskanzler Brüning vertrat, erinnerte dabei an die Ver- dienst« der Regierung Hermann Müller, indem er aus- führte: „Auch der Vorgänger des gegenwärtigen Herrn Reichskanzlers, Herr Reichskanzler a. D. Hermann Müller, weilt zu unseren: lebhasten Bedauern nicht unter uns. Die gegenwärtige Reichs- regierung hatte ihn gebeten, bei der heutigen Feier neben dem Herrn Reichskanzler Dr. Brüning das Wort zu ergreifen. Sie wollt« dadurch die Kontinuität dcr deutschen Gesamt- Politik, insbesondere der deutschen Außenpolitik, zum Ausdruck bringen und dem Regierungschef die ihm gebührende Ehre er- weifen, unter dessen Leitung die Verträge abge- schlössen wurden, die die Befreiung des Rhein- landes ermöglicht haben. Zugleich sollte damit sinnfällig gemocht werden, daß über alle PaHteiunterschiede hinweg und trotz aller Kämpfe um materielle Interessen die sührcrden Staatsmänner mit dem gesamten Volk in den höchsten Fragen der Ration einig zu wirken vermögen. Wir bedauern die Ab- Wesenheit des Herrn Reichskanzlers a. D. Hermann Müller um so mehr, als der Grund für fein Fernbleiben leider ein plötzliche Erkrankung ist." Alle Redner betonten noch einmal die Wichtigkeit der Räumung als Erfolg dcr Berständigungspolitik und gedachten dcr Staats- männer, die an' dieser Berständigungspolitik teilnahmen, besonders Dr. Streseinanns. Dem amtlichen Festakt schloß sich ein Frühstück an, an den, der Reichspräsident teilnahm. Am Nachmittag verließ der Reichspräsident Mainz und fuhr nach Wiesbaden zur dortigen Befreiungsscicr. Vormittags war. der Reichspräsident durch die Straßen der Stadt Maing und dcr Vororte gefahren, unter starkem Jubel der Bevölkerung. Tausende von Schulkindern mit schwarz- rotgol denen Fähnchen bildeten Spalier. Auch das Reichs- banner fchlt« nicht. Im Laufe der Rundfahrt wurde das von Benno Elkän geschaffene B c f r e i u n g s d e n k m a l enthüllt, das die hessische Staatsrcgierung der Stadt Mainz gestiftet hat. Es muß sich zeigen... „Ss muh sich zeigen, ob wir ein s t a a t« v 0 1 k oder Todesfall in der Kinderrepublik Vorsichtsmaßnahmen getroffen, kein Grund zu Sorgen. Mainz, 21. Juli.(Eigenbericht.) Die Befreiungsscicr dcr Reichsregicrung und die bosondcre Befreiungsfeier des Reichsbanners Schwarz-Rot- Gold hotten große Menschcnmasfen in die alte Rheinstadt gelockt. Schon am S o n n a b« n d kamen die einzelnen Züge des Reichs- banners aus den verfchicdcirsten Gauen an. Abei�>s um 6 Uhr wurde am Mainzer Hauptbahuhof dcr Bundesvorstand mit dem Bur.desbanner feierlich abgeholt und durch die Stadt geleitet. Nach 7 Uhr kam Hindenburg von Worms auf dem Dampfer in Mainz an. Nach einer kleinen Rundfahrt durch die Stadt nahm er in dem Polais Wohnung, wo bis vor kurzem der Oberkonnnan- dierend« der französischen Besatzungsarmee residierte. Dcr Sonntag vormittag brachte die große Befreiungsscicr des Reichsbanners aus dem Riesenplatze vor der Stodthalle. Zchntausende Reichsbanner- kameroden standen Kopf an Kopf. Di« schwarzrotgoldenen Fahnen leuchteten in der Morgensonn«. Es war ein überwältigendes Bild. Dcr Mainzer Oberbürgermeister Dr. Külb, Staatspräsident Ade- l u n g, Karl S e v« r i n g, der Demokrat L e m m e r, der Zen- trumsmann Keller mann und der Bui�esvorsitzende H ö r s i n g sprachen zu den Massen, immer wieder von stürmischer Zustimmung unterbrochen. Besonders Severing und Hör fing, die auf den bevorstehende» W a h l k a m p f anspielten, wurden lebhaft applaudiert. Der gewaltigen Kundgebung schloß sich ein groß- artigerAufmarschdurchdieStraßenderStadtan, der die iniponierende Stärke des Reichsbanners und feine Muster- gültige Disziplin auf das trefsiichste zeigte. Blutige Zwischenfälle. Im Verlauf der Mainzer Befreiungsseier kam es zu einigen Zwischenfällen, diie geeignet sein können, die im ganzen außerordent- lich eindrucksvoll und imposant verlaufene Veranstaltung in ihrer Wirkung zu stören. Nachdem schon am Sonnabend nachmittag er- kcnnbar geworden war, daß die starke Beslaggung der Stadt in Schwarzrotgold und die überaus zahlreiche B e- teiligung des Reichsbanners rechtsgerichteten Kreisen NorSea f rniKlloiiärlioiif crenz (Siehe 3. Seite.) stark mißfiel, erfolgten in dcr Nacht zum Sonntag die ersten Zusammen st öß«, denen in den ersten Nachmittags- stunden des Sonntags weiter« folgten. Als Severing mit dem Bundesfühver des Reichsbanners hörsing und dem demokratischen Reichstagsabgeordneten Lemmer im Aula, das von einem Chauffeur in ReichsbannerNeidung gesteuert wurde. das Slahlhelmspalier vor dem kurfürstlichen Palais, in dem hinden- bürg wohnte, durchfuhren, wurden sie in der unglaublichsten Weise ongepöbell. Erst mit Hilfe der Polizei konnte der Weg zur Anfahrt an das Schloß freigemacht werden. Es war überhaupt auffällig, daß in letzter Stunde 2000 Slahlhelmleute. die vorher nicht angesagt waren, zur Spaiierbildung besohlen wurden. Noch verwunderlicher aber war, daß dieser antirepublikanischen Kampforga- n i s a t i 0 n an solch exponierter Stelle der Platz zur Spalierbildung angewiesen wenden konnte. Bei den Zusammenstößen am Sonntag hatte das Reichsbanner bis S Uhr abends 10 Berichte, darunter drei mit schweren Messer. stichen. Di« Stahlhclmleitung hat geradezu provozierend gehandelt. Unter anderem wurden große Stahlhelmabteilungen vor der Durch- sahrt des Reichspräsidenten ohne Notwendigkeit demonstrativ durch die Straßen geführt, in denen das Reichsbanner zur Spalierbildung Aufstellung genommen hatte. Steinhagel in St. Goar. Koblenz. 21. Juli.(Eigenbericht.) Am Sonntag abend wurden in S t. Goar drei Lastautomobile, auf denen sich Kieler Reichsbannerleute befanden, von mehreren Dutzend S t a h lh e l m l« u t e n aus dem Hinter- haltübersallen undmitSteinenbombardiert. Der Ueberfall war systematisch vorbereitet worden und konnte unter den Augen der Polizei ausgeführt werden. Zum Glück gab es nur wenig« Leichtverletzte. Automobile und Reichsbannerleute p>1 s K ö l n wurden, als sie St. Goar passierten, ebenfalls mit einem förmlichen Steinhagel der in einem Hinterhalt versteckt liegenden Stahlhelmleute empfangen. Die Kieler Reichsbanncrleut« kamen von Mainz, wo sie am Sonntag an dcr Rheinlandfeier des Reichsbanners teilgenommen hatten. n llezii Erklärung d«r Regierung Brüning u.r»er Relch.Iag-nuslSsuug> Zn der Tat— nämlich s 0 war eel unter Brüning! Schweres Llnglück beiGewerkschastsfest. 12 Personen in Velten verletzt.— Der verhängnisvolle Lastkahn. Ein bedauerlicher Unglücksfall, bei dem zwölf Personen zum Teil schwere Verletzungen erlitten haben, ereignet« sich am Sonntagabend auf dem G e w« r k s ch a s t s s e st des Ortsaus- fchuffes des ADGB. in Velten in der Mark. Das Fest, das um 11 Uhr feinen Anfang genommen hatte, verlief bis in die späten Abendstunden hinein in schönster Harmonie. Die Veltener Gewerkschafter konnten eine große Zahl von Gästen aus Berlin und den umliegenden Ortschaften begrüßen. Bei Eintritt der Dunkelheit sollte am Beltener Hafen ein Feuerwerk ab- gebrannt werden. Ein Teil der Zuschauer, etwa 100 bis 120 Per- fönen, hatten auf dem Deck eines leeren Lastkahnes, d«r auf der gegenüberliegenden Hafenseite verankert lag, Aufstellung genommen. Plötzlich brach'das Verdeck des Lastkahnes, das der schweren Be- lastung nicht gewachsen war, krachend ein. Etwa 2S bis 30 Per- sonen. Erwachsene und Kinder, stürzten über 3 Meter lies in das Innere des Kahnes hinab. 12 Personen erlitten bei dem Sturz Knochenbrüche und inner« Verletzungen. Glücklicherweise waren sofort mehrere Arbciter-Samariter zur Stelle, die sich der Verunglückten annahmen. Bei fünf Personen waren die Ver- letzungen so schwerer Natur, daß ihre sofortige Uebcrführung in das Hermsdorfer Dominikus-Krankenhaus erfolgen mußte. Die kinderfreunde sind durch einen Todessall in deräinderrepnblik am Priwall in der Lübecker Bucht in Traner verfehl worden. Bon den zuständigen Stellen erfahren wir folgendes: Bei dem Todesfall handelt es sich um eine Jugendgenossin aus D a n z i g, die schon vor der Fahrt nach Lübeck eine Halsentzündung hatte, so daß der behandelnde Arzt von einer Teilnahme an der Fahrt abriet. Um dem Kinde die Ferienfrcude nicht zu nehmen, haben die Eltern«s dennoch, ohne daß die Kinderfreunde um die Krankheit wußten, mitfahren lassen. Es wurde Diphtherie festgestellt, dcr das Kind dann erlegen ist. Vier leichtange- steckte Kinder, zwei aus Berlin und zwei aus Hamburg, sind sofort ins Lübecker Krankenhaus überführt und befinden sich bereits aus dem Wege der Besserung. Lebensgesahr liegt nicht vor. Die Kinderfreund« haben sofort eine Kommission ins Lager geschickt, die sich aus dem Sachverständigen Dr. M e n ck vom Reichs- gesundheitsamt, Dr. Julius Moses und dem Leiter der Kinder- sreundebewegung Dr. L ö w« n st e i n zusammensetzt. Durch die Lagerleitung und den Lagerarzt sind alle Maßnahmen getroffen, um jede Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Es besteht nach den Berichten, die heute früh bei den Kinderfreunde» in Berlin einliefen und uns sofort übermittelt wurden, sür die Etlern kein Grund zur Besorgnis. Italienischer Einigungskongreß Vernichtungskampf gegen den Faschismus. Paris, 21 3uli.(Eigenbericht.) Unter dem Vorsitz Inralis hat die italienische sozialistische Partei in einem zweitägigen Kongreß in Paris die seit 1922 dauernde Spaltung zwischen Mehrheilssozialisten und unabhängigen über- brückt. 3n einer einstimmig angenommenen Entschließung er- klären die italienischen Sozialisten, daß gegenüber dem siegreichen Faschismus das Proletariat nicht das Recht habe, sich im Bruder- streit zu zerfleischen. Hauptaufgabe der neuen Einheitspartei sei. dem Faschismus einen Kamps bis aufs Messer zu liesern, auch mit dem Mittel des Aufstandes dcr unterdrückten Be- völkerung. Der Chefredakteur des„Avanti", Pietro R e n n 1. gab einen eingehenden Bericht über die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien, die dank der künstlich ausgepeitschten imperialistischen Forde- rung des Faschismu so schlecht wie möglich seien und den Frieden Europas aufs schwerste bedrohten. In einer Entschließung ver- langt die Einheitspartei, daß die 2. Internationale einen all- gemeinen Propagandatag gegen das kriegerische Treiben des Faschismus abhalte, und dessen Katastrophenpolitik vor aller Welt bloßstelle. Den Schluß des Kongresses bildet««in feierliches Bankett, zu dem von der Arbeiterinternationale Vanderveidc und Adler {Befreiung sfeier in Wlainss Jn lllminx rrurde am SonnUtg an« Mnlaß der offiaiellen SSefreiunggSeler ein Denkina I enlhülU, das ron dem SBHdhauer Sienno Eiken gefchaffen wurde. Stlndenburg(Im Jtulo flehend) wohnle der Enthüllung bei. Sm Sflnlergrund dag Reichsbanner un dies seit 30 Jahren. Schon um 1900 finden sich Zeichnungen van reiner Umrißart, wie sie vor hundert Jahren die Romantiker pflegten, wie sie aber in der Hochblüte des Impressionismus fast unbegreiflich erschienen. Und diese persön- lichste Eigenart hat Orlik immer gepflegt. Sie charakterisiert durch- gehend sein wesentliches Werk, sein eigentliches Schaffen, Malerei wie Zeichnung und Graphit. Sie läßt ihn heute fast wie einen Anhänger der sogenannten„Neuen Sachlichkeit" erscheinen: e» ist aber nichts anderes als sein« seit drei Jahrzehnten, seitdem er selb- ständig wurde, gepflegte persönliche Auffassung und Handschrift. Die Schärfe seines Auges, die plastische Bestimmtheit seiner Arbeiten geben ihm heute wieder Jugend und Zeitgemäßheit. Er ist es, weil er im Herzen völlig jung und immer aufnohmefreudig ge- blieben ist: und weil seine Kunstweise ihr Unzeitgemäßes, lieber- zeitliches, ihr Jmmergültigcs aus schöpserischer Sinnlichkeit ent- nommen hat. Paul F. Schmidt. Oberammergau nimmt preise. Eine kritische Fahrt zu den Passionsspielen. Sandwiches, minerol-water, cigars gellt es mit einer schrillen Knabenstimme in die Ohren. Wo sind wir? Hat uns eine Fee nach England versetzt? Die Berge im Hintergrund, der Bahnbeamte in blauer Unisarm und ein paar herumstehende Burschen in Lcderhosen deuten auf Oberbayern hin. Und richtig, am Bahnhos steht: Murnau. Die englischen Worte in den bayerischen Bergen sind nur ein Zeichen dafür, daß wir uns in der Nähe von Ober- ainmergau befinden und daß der kleine Verkäufer die Konjunktur richtig erfaßt hat. Denn die Passionsspicl« führen Ströme von Engländern und Amerikanern hier durch. Das Bähnchen gehört der Lokal-Bahn-Gescllschaft iu München. Die Wagen haben daher die Verpslichtung, so altmodisch zu sein, wie die Wagen auf allen Lokalbahneil sind. Sie tonunen dieser Verpflichtung auch redlich nach. Gepäcknetze sind in der Regel un- bekannt, und gerade die Bahn nach Oberammergau hätte neben anderem Komfort— ich öente hauptsächlich an einen verschwiegenen Ort— die Gepäcknetze dringend nötig. Denn das Kennzeichen des reisenden Angelsachsen besteht bekanntlich darin, daß er minoestens drei große Handkoffer mit sich schleppt. Ob die Verwendung solch altersgrauer, schüttelnder und knarrender Wagen auch in das Ka- pitel Frcmdenwerbung gehört, wird nur eine hohe Lokolbahndirek- tion entscheiden können. Dabei hätte sie ruhig an die Erneuerung ihres Wagenparks denken können, da ihr die Passionsspiele einen Rekordverkehr und damit außerordentlich gesteigerte Einnahmen bringen. Neben der Bahn zieht sich das weiße Band der Landstraße hin. Hier hat sich der Amtsschimmel ein großartiges Stück ge- leistet. Der ganze Autoverkehr von München nach Oberauunergau muß über diese Straße gehen. Dieser Verkehr ist naturgemäß sehr lebhaft. Außer zahllosen Privatwagen rollen von überall her schwer beladenc Autobusse diesen Weg. Bringt doch regelmäßig sogar jede Woche ein Autobus allerletzter Konstruktion, dem selbst das W. C. nicht fehlt, dollarschwere Amerikaner direkt von Heidel- berg nach Oberammergau. Offensichtlich hat auch der bayerische Staat gemerkt, daß die Straße in ihrem bisherigen Zustand« den gesteigerten Verkehr nicht bewältigen konnte und daß etwas zu ihrer Verbesserung geschehen müsse. Was tat nun Sankt Büro- kvatius? Er machte sich in diesem Frühjahr an den Ilmbau der Straße und erreichte dadurch, daß bei Eröffnung der Pafslonssplele und noch einige Wochen nachher die Straße für jeden Verkehr gesperrt war. Alle Autos, die von Münd)en nach Oberammergau fahren wollten, mußten«inen riesigen Umweg machen. Nun sage aber niemand, daß der bayerische Staat nicht mit der Zeit geht und für'den Autoverkehr keine Sorge trägt! Er baut ja die Straße um. Seit Ende Mai darf die Straße wieder befahren werden, doch mahnen noch alle paar hundert Meter Schilder und Fahnen zum vorsichtig fahren wegen Umbaus. Zum Asphaltieren der Straße hat das Geld wohl nicht gereicht und so mag es auch im schönsten Horch kein reines Vergnügen fein, wenn die ununterbrochene Folg« von Autos eine Staubwolke nach der anderen aufwirbeln läßt. Das Bähnchen hat also auch sein gutes, da es uns � ohne Staub nach Oberammergau bringt. Es rußt uns auch nicht einmal einen Dank seiner elektrischen Lokomotive. Nur möchten wir gerne schieben helfen, wenn der Zug gar so langsam die paar hundert Meter Steigung hinter sich bringt. Der erste Eindruck von Oberonuneryou sind Haare, Haare. Jeder Gepäckträger und Fiakerkutscher trägt«inen Urwald von Locken auf dem Kopf. Ich weih nicht, ob zu Christi Zeiten tatsäch- sich Männlein und Weiblein uniform mtt wallender Lockenpracht durch die Welt gingen. In Obermmnergvu bilden die langen Haare sedenfalls einen unentbehrlichen Bestandteil der Ausstattung und wer mitspielen will, muß auch die Haare mitbringen. Perücken sind streng verpönt. Die Konsunktur für Friseure muß In Ober- ainmergau recht schlecht gewesen sein. Brüllen und Stoßen weckt uns aus unserem Äaunen über diese Haarpracht. Denn der Verkehr in Obercanwergau fordert offene Augen. Wir befinden uns in Klein-Berlin. Vor dem Bahnhof stehen Reihen von Autos wie auf dem Potsdamer Platz. Und nur die zahlreichen Fiaker bringen eine lanhliche Not« in dos Bild. Auch ein Gang durch die Hauptstraße erweckt die Erinnerung an die Berliner Linden. Die Fahrbahn glänzt in blanlgefahrenem Asphalt. An jeder Straßenkreuzung steht ein Berkehrsschutzmann, der mit Mühe m die selten abreisende Reihe der Auto und Wagen Ordnung bringt. Das Parken von Slutos ist im, erhalb des Ortes verboten und doch können die Straßen kaum den Verkehr fassen. Jede deutsche Großbank hat eine Filiale eingerichtet und Reisebüros laden zu einem Besuch in den ver- schiedeirsten Teilen Europas ein. Nun aber auf ins Passionstheaterl Es ist ganz aus Holz gebaut. Die Eisenträger, die die gewaltige Rundung stützen, treten unver- hüllt zutage. Den einzigen Schmuck des ganzen Zuschauerraumes bilden die Plakate:„Nicht rauchen!", so dah man meint, in einem Stall zu sein. Allerdings in einem Riesenstall. Fast die ganze Aufführung sstielt sich im Freien ob, was den großen Nachteil mit sich bringt, daß die Wort« der Spieler auch auf den ersten Zuschauerreihen kaum zu perstehen sind. Wer von der Bühne weiter entfernt sitzt, bekommt überhaupt kein Wort zu hören. Jeder Besucher hält deshalb ein Textbuch in den Händen. Die tüchtigen Oberammergauer haben natürlich dafür gesorgt, daß das Textbuch in den verschiedensten Sprachen zu hoben ist. Wenn nun eine Seite zu Ende gespielt ist und die SOOO Textbücher umgeblättert werden, so geht es wie Windesrauschen durch die ganze Halle. Das geht so zu von 8 Uhr früh bis dft! Uhr nachmittags. Nur eine zweistündige Mittagspause wird dem eifrigen Lejer— oder soll man sogen Zuschauer?— gegönnt. Di« Sitze sind nicht eben bequem und der Besuch des Spiels ist daher ohne lieber- treibung als körperliche Leistung zu bewerten. Aber dennoch sah ich niemanden vorzeitig das Theater verlassen. Wenn das Spiel auch manchmal ermüdende Längen ausweist und in einem wunderlichen Papierdeutsch abgefaßt ist. so schlägt es doch jeden Besucher in seinen Bann. Es spielt dabei kein« Rolle, wie die religiös« Einstellung zu den Borgängen aus der Bühne ist. Das Zusammenwirken ideenreicher Regie und ererbten Spieleifers läßt einen Eindruck erstehen, dem sich auch der Skeptiker nicht zu entziehen vermag. Sind die Volksszenen mit ihren Hunderten von Mitspielern, wie sie kein anderes Theater auf der Welt auf die Bühne stellen kann, von imponierender Wucht, so sind die intimeren Szenen, wie etwa die Abnahm« Christi vom Kreuz, durch di« Ein- fochheit der Darstellung von ergreifender Wirkung. Zum anderen Teil kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß das ganze Spiel«in groß angelegter und raffiniert organisierter Beutezug aus das Portemonnaie erbauungsbedürftiger Gemüter ist. Dagegen, daß«in 5)onorar für die Spieler und die Kosten des Theaterbetriebes erwirtschaftet werden sollen, ist nichts zu sagen. Obgleich auch dies der ursprünglichen Absicht des Spiels, Gott ein Dankopfer für das Erlöschen der Pest darzubringen, widerspricht. Die Preise, die die Oberammergauer verlangen, können aber nicht anders als Nepp bezeichnet werden. Um dl« Fremden in Muße fchrSpfen zu können, wurde die Einrichtung getroffen, daß keine Eintrittskarte zu einem Hauptspiel vertäust wird, wenn der Besucher sich nicht verpflichtet, am Vorabend des Spiels in Oberammergou ewzutreffen und k»s zun» Morgen nach dem Spiel zu bleiben. Gleichzeitig mit der Eintrittskarte muß der Preis für dieses sogenannte Engagement bezahlt werden. Die Eintrittskarte kostet zwischen 10 und 20 M., das Engagement zwischen 33 und 48 M. Für 48 M. kommt man in ein gutes Hotel, für 33 M. in ein Bauernhaus. Wenn nun Abendessen, Uebernachtung, Verpflegung am Spieltag, zweite Uebernachtung und Frühstück am nächsten Morgen im Hotel mit 48 M. bezahlt werden müssen, so ist das ein Preis, den sich die Luxushotels in Monte Carlo zun� Vorbild nehmen können. Wenn das gleiche beim Hinterhuber Sepp, der eine Waschschüssel wie«ine Aschenschale hinstellt und von dessen oer° schwiegenem Ort man lieber gar nicht spricht, 33 M. tostet dam» ist oas aber irfn Skandal. Der Prospekt erklärt, daß m!t mehr als 300 000 Besuchern gerechnet wird. Man kann sich also ausrechnen, wieviel Millionen in Oberammergau liegen bleiben muffen. Der tüchtigste New-Aorker Börsenmann wird angesichts dieses Bcuie- zuges vor Neid erblassen. Ja, es ist halt eine andere Branche. Erbauungsbedürfnis und Sensationslust der Masse geben auch heute noch die größte Möglichkeit, eine» Strom Geldes in seine Taschen zu lenken. Tagores Aquarelle. Rabindranath Tagorc, der.berühmte Dichter Indiens, Hot in seinein hohen Alter zu malen begonnen. Die Galerie Ferd. Müller stellt seine Werke aus; es sind Aquarelle und Tusch- Zeichnungen. Das Wunder, daß ein fast achtzigjähriger Dichter sozusagen aus heiterem Himmel anfängt, stptt mit Worten, mit der Farbe zu dichten, ist nicht leicht zu erklären. Victor Hugo war neben seinem Dichterberuf ein höchst begabter Zeichner, und Hermann Hesse hat auch erst in reiferen Jahren begonnen, seine und zartgestimmte Aquarelle zu malen. Es gibt noch viel mehr Fälle einer solchen Dappelbegabung. Immer freilich lag von Anfang an das Zwiefache des Talentes im Menschen, nur zeitweise war die eine Hebung von der anderen oerdrängt. Bei Gottfried Keller z. B. war es um- gekehrt: er begann als Maler und fand erst mit 30 Jahren seinen Dichterberuf: Solomon Geßncr und E. Th. A. Hossmann haben ihr Leben zwischen Schreiben und Zeichnen geteilt. Und so könnte man die Kunst- und Literaturgeschichte von dem Schreiber der Maneffeschcn Liederhandschrist im 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart durchstöbern und würde sich über die große Zahl von Varianten dieses«inen Doppelthcmas sehr verwundern. Das Besondere des Falles Tagorc ist das späte und unerwartete Hervorbrechen des malerischen Gefühls. Er selber erzählt, daß Kritzeleien in seinen Manuskripten, aus Streichungen von Tertstellen hervorgegangen, ihm den Anlaß boten, sie weiter zu führen, ihnen Ordnung und Sinn zu geben und sie schließlich zu selbständigen Erfindungen auszumalen. Grundlage ihres Wesens ist dasselbe, was feinem ganzen Schaffen zugrunde liegt: Rhythmus: innere Be- deutung gibt ihnen ein weiches lyrisches Gefühl. Das alles könnte sich sehr gut mit der Form indischer Tempelskulpturen verbinden. Aber davon ist wenig bei dem Dichter zu spüren: kaum, daß man sich an javanische Motive erinnert fühlt, und auch dos fast mehr in der Umbildung durch den modernen Holländer Thorn-Prikker. Man könnt« oft auch an Nolde oder Rohlfs denken, sehr unbestimmte Verwandtschaften: aber all solche Formerinncrungen sind ganz un- wesentlich. Hier hat die uralte Kunst des Schreibens, die Tagore mit sicherstem Gefühl ausübt— und zwar auf hindostonisch wie auf englisch—, wirklich sich zur Hebung in Malerei erweitert. Mit großem farbigem Geschmack und einer seltenen Delikatesse in de- korativer Bekleidung viereckiger Flächen hat er mancherlei Erfin- düngen hingeschrieben. Tiere, Fabelwesen, Gesichter, Landschaften: nicht ohne Kenntnis der Natur, aber im ganzen doch ornamental und leichten Geblüts, ohne malerischen Nachdruck und ganz ohne bildnerischen und räumlichen Ehrgeiz. Ein anmutiges Schaumgebäck, dem der Ruf des Dichters zu einer größeren Bedeutung verhilft, als ihm an sich zukommt. p. k.-ck. Ca« Geburtshaus Tizians als Museum. Italien wird in diesem Jahre auch die 45V. Wiederkehr deS Geburtstages Tizians seiern. Di« italienische Regierung hat einen Betrag der Gemeindeverwaltung von hjieve di Cadore überwiesen, um das dort noch erhaltene Geburtshaus deS berühmten Malers zu einem Museum auszugestalten. SlSdNsche Oper. An neuen Werken wurden erworben: Gatathee sBraunselSl, Armer C o I u m b u S(Dressel), Angelina(Rosfini), VertaulchtiRollcii(Auber), Doge und Dogaressa kRoselius), Ober st Chabert(WalterShausen).— Neu einstudiert werden: A i d a, Walküre, Meistersinger, Zauberslöte. Staatliche porzettanmanufaktur. Man einigt sich. Ein« engere Zusammenarbeit der Porzellaninanufakturen von Meißen, Nyinphenburg und Berlin ist schon vielfach angeregt worden. In vereinzelten Fällen ist es auch bereits möglich gewesen, bei ausländischen Ausstellungen insbesondere gemeinsame Räume und gemeinsame Repräsentanz zu erreichen. Zu irgendeiner praktischen Zusanuncnarbeit aber im Jnlande, Abgrenzung in der Spezialität besonderer Typen, gemeinsame Berkaussräume an Zentren des internationalen Fremdenverkehrs in Deutschland u. a. m. ist es bisher trotz mancherlei Verhandlungen nicht gekommen. Vielleicht schlägt eine Ausstellung der Preußischen Porzellanmanufaktur in München, die jetzt in den Räumen der dortigen preußischen Gesandtschaft eröffnet worden ist, in den Wall der traditionellen Abschliehung der Manufakturen von einander eine Bresche. Bei den vorausgegangenen Verhandlungen war zwischen Berlin und Meißen schon eine gewisse Annäherung erzielt, wogegen Nyniphenburg sich durchaus ablehnend verhalten hat. Aus Anlaß der jetzt eröffneten Ausstellung sind auch in Bayern schon Stimmen laut geworden, die für ein Zusamincnarbeiten der Staatlichen Porzellanmanufakturen, selbstverständlich unter Aufrechterhaltung der besonderen Eigenart jeder derselben, eintreten. Zukunft der piscatorbühne. Im Wallnerlheoter wird Piscator in Kürze seine Tätigkeit wieder aufnehmen. Die Bühne soll sich vor allem auf das Prole- tariat stützen. Der Arbeitsausschuß, der sich aus Vertretern der Sonderabteilungen der Volksbühne und den revolutionären prole- tarischen'Kulturorganisationen zusammensetzt, wird di« Entscheidung über alle künstlerischen, finanziellen und oerwaltungstechnischcn Fragen haben. Man will ein« Organisation der Besucher schassen. Jedes Mitglied soll sich im Laufe der Spielzeit 6 Vorstellungen auswählen können. Der Preis pro Vorstellung beträgt 1,50 M. Bisher sind unter anderem Plitiers„Des Kaisers Kulis" und Dreisers„Zlmerikanische Tragödie" angenommen worden. Eine mißlungene Ferienfahrt. Es war für die Schüler, die glaubten, vom Landcsvcrbondi Mark Brandenburg des Vereins für das Deutsch- tum im Ausland zu einer Ferienfahrt von Tegel nach der Insel Rügen auf dem Motorwohnschiff„Deutschland" eingeladen zu sein, ein« bittere Enttäuschung, als sie beim Antreten zur Abfahrt sahen, daß an der Stelle des Wohnschisfcs ein Motorlastkahn lag, dessen Lagerraum mit Stroh ausgelegt war. Der Obmann dieser Schülergruppe hatte zusammen mit einem Vermittlungsagenten diese Fahrt vorbereitet. Der Vcrmittlungsagent aber hatte die au- gezahlten Beträge des Fahrgeldes unterschlagen und damit das Weite gesucht. Ein Studienrat, der Reiseleiter war, hatte nun, da das Wohnschisf„Deutschland" natürlich nicht zur Stelle war, im letzten Augenblick den Motorlast lohn mieten wollen. Die meisten Eltern ober, die ihre Kinder zur Abfahrtstelle begleiteten. lehnten es ab, ihr« Kinder diesem ungemütlichen Fahrzeug anzuvertrauen, und auch die Landesverbandsleitung des Vereins für oas Deutschtum im Ausland riet dem Studienrat ab, den Kahn zu mieten. Nach der Darstellung des Landesverbandes ist dem Obinonn die N i ch t a n m e l d u n g der Fahrt zum Vorwurf zu machen. Wie dem auch sei: Die Leidtragenden sind die Eltern, die 10 Mark angezahlt haben, und vor allem die Kinder, die sich seit Wochen auf ihre Fcrienfohrt gefreut haben und nun durch Fahrlässigkeit und Betrug um ihr« Freude betrogen sind. Eine Plagiatforderung von 2 Millionen Mark. Die runde Summe von 500 000 Dollar wird jetzt als Schadens- ersatz für ein Plagiat von einem der bekanntesten amerikanischen Erzähler, dem auch bei uns beliebten Zone Grey, gefordert. Der Anspruch ist in Los Angeles von einem gewissen E Harles A. Maddux erhoben worden, und zwar behauptet dieser, Greys Roman„Die donnernde Herde" fei einer im Jahre 1007 geschriebenen Geschichte des verstorbenen Büffeljägers John H. Cook entnommen. Die Rechte an dieser Geschichte sind Maddux von der Witwe Cooks übertragen worden. Di« letzten Pferde in der Londoner City. Was alle Jahre an- gekündiqt, bisher aber nie durchgeführt wurde, daß di« Pferde aus dem inneren Stadtviertel Londons verschwinden, wird jetzt, scheint es, endgültig energisch in Angriff genommen. Von der Polizei wird eine amtliche Untersuchung zur Zeit durchgeführt, wieviel Pferde und zu welchen Zeiten diese Pferde noch im ständigen Gebrauch von Fuhrunternehmern in der City find. Dabei hat man festgestellt, daß ein« Zahl, di« nur nach wenig über hundert liegt, herauskommt, und zwar werden diese Pferde aushilfsweise für den Transport von Ge- müsekarren in der Cooent-Garden-Gegend benutzt. Die Polizei wird jetzt eine Verordnung erlassen, auch diese Pferde bis zum 1. Sep- tember diese» Jahres aus der®ity zu entfernen. 3m Lichthof des vSItertunde-ZNuieum» wird eine Uebersicht über Kunst und Kultur nordafiatischer Völker von den Lappen im Westen bis zu den AmoS im Osten gezeigt. Die SammlungSgegenständc werden seit 25 Jahren das erstemal wieder ausgestellt, wobei besonderes Gewicht auf Werke künst- lerischen Charakters gelegt worden ist. Ltnhalibares Zeugniszwangsverfahren. Im November 1029 war in den Geschäftsräumen der Republikanischen Beschwerdestelle in Berlin eine Haussuchung vorgenommen, weil der Geschäftsführer sich geweigert hatte, einen Bericht herauszugeben, der der Beschwerdestelle zu- gegangen war und Bekundungen über das rcpublikfeindliche Ver- halten eines Regierungsobersekretärs bei der preußischen Bau- und Finanzdirektion enthielt. Es handelte sich dabei um schwere Beschimpfungen gegen preußische Minister am D i e n st- f« r n s p r e ch e r. Im Anschluß an das Disziplinarverfahren gegen den angeschuldigten Regierungsobersckretär ist dann ein anderer Beamter eidlich vernommen worden. Gegen diesen läuft nunmehr ein Meineidsverfahren beim Landgericht I, in dem der Geschäftsführer der Republikanischen Beschwerdestelle, Falk, als Zeuge bekunden sollte, von wem die Beschwerdestelle den Bericht seinerzeit bekommen hat. Als der Geschäftsführer aus politischen und Gewisscnsgründcn die Beantwortung dieser Frage trotz mehrfacher Aufforderung ablehnte, mit dem Hinweis, daß er zur unbedingten Diskretion verpflichtet sei, ist von dem Untersuchungsrichter beim Landgericht I das Zeugniszwangs- verfahren gegen Falk beschloffen. Er wurde zu einer O r d- nungsstraf« von 150 Mark sowie zu den verursachten Kosten verurteilt— im Nichtbcitreibungsfalle für je 15 M. einen Tag Haft. Mögen die Dinge formaljuristisch liegen, wie sie wollen— der Geschäftsführer war ohne Zweifel verpflichtet, den Namen seines Gewährsmannes zu verschweigen. Das hätte sich auch der Untersuchungsrichter sagen und deshalb auf das Zeugniszwangs- verfahren verzichten sollen. Wetter für Berlin: Uebergang zu wolkigem und etwas kühlerem Wetter mit Neigung zu einzelnen Schauern.— Für Deutschland: Im Osten noch ziemlich heiter und warm, in Mitteldeutschland Bewöltungsgunohme, im Westen stark wolkig, vielfach etwas Regen, kühler. Beeantwartr. stK die Rrtaktian: B.lfgana Schwarz. Berlin:«n, eigen: Th.»locke, Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag S. m. b. S-. Berlin. Druck: Vorwärt» Buch. druckerei und Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW 68, Lindenstrade 3. Sterin 1 Beilage. Bekanntmachung. Der 33 Nachtrag unserer Satzung vom tzi. Mai 1913/.'2. Oktober 1913, beschlossen in bcr Ausschutzsitzunq vom 25. April l930. ist burch bas Oberversicherungsamt Berlin am 16 Juli 1939 genehmigt warben unb kriit mit bem Tage bieser Bekanntmachung in Straft, soweit nicht auf»rund gesetzlicher Bestimmungen ein früherer Zettpunkt in Frage kommt. Durch dielen Nachtrag werden die bisher erschien, nen Nachträge l— 29 ausgehoben Außerbem enthält er u. a. Aenderungen der§§ I. 10, 19. 29, 33, 34 a, 53 b, 56, 72. 82, 97 unb der Wahlordnung. Hinter Z 97 lst ein Z 97 a eingeschaltet worden. Mitglieder und Arbeitgeber, die Ver- sicherte beschästigen, erhalten diesen Nach- trag aus Verlangen im Staffenlokal ausgehändigt. B l n.- Z- h l- n b o r f, den 18. Juli 1930. Allgemeine Ortskrankenkasse für Zeblentlorf und Umgegend gez Villi. Schulz gez. Richard SchSppc Vorsitzender. Schriftführer. L Theater, Lichtspiele usw. Staats-Theater geschlossen! Abonnements- Anmeldungen tar die Spielzeit 1930-31 (Beginn am l. ssptemDsr) werden auch während der Theaterserien entgegengenommen: a) für die Staatsoper und das Staatl. Schauspielhaus vom Abonnements- büro, Berlin W56, Ober- wallstr. 22.— Fernspr. Merkur 9024, b) für das Staat!. Schillertheater vom Abonnementsbüro, Berlin-Char- totfenburg, Grolman- straße 70.— Fernspr. • Steinpl. 6715. 1 Tägl. 5 u.«15 | Sohn). 2, Si. S" _____] Alex. E 4. 8066 1 Oscar Sabo u. Lotte Werkmeister in der Szene.Beim 6-Tage-Rennen" mir Original-Krflcke usw._ Winter * uarren* 8.15 Ohr— Baadini trlaalil Cortinis Dollirsegen osw. 3 Reichshallen-Theater IT1 Uhr Gastspiel Dresdner Uicioria-Sänger (mii bis 31. Juli) lutmoi III 63 DSnbofk-Brettl; (Herrlicher, kühler Garten) Variete— Konzert- Tanz Denttdies meater 1 2 Viidtmlinn 5201 8 Uhr Phaea von Fritz v. Unruh. Rege Max Reinhardt inil: Friedriifc Hinindtr. Blhnubllder End Idiltt». ROSE -TtaeoaXer Gr. Frankfnrtar Stracka u» 1 | nnietkUM; AI«. 3422 u. 3494| Täglich 8« Uhr: „Flachsmann als Erzieher" Komödie in 3 Akten tob Otto Ernet | Robort MOIler als Schulrat froK I Amf der Garteobühne t&glieh»»Uhr(Sonnt. 5 Uhr) | Das Dombenproarramm j 8 große VarietbnummerB mit WILLI ROSEN. I o8b"„Verliebte Leute"| Operette ron K U n n e k e 1 mit Dltters, Hofer, Kerstent, Pyrmont. Gdlllch. Kanlsch. Muth und Hans Rote. Voranzeige; | Wiazeriesl Im Rose-Gartei vom 3. bis 6. August. 1 Vorrerkeuf«b morgen I vormittag 1 1 Uhr V Ollis btthne TbNtn in nioviiiitz. 8V» Uhr Der fröhlidie Weinberg Lustsp. in 3 Akten tn bki ZcimtjH hgil; B. I. Reuter. Die KomOdie 1 1 Bismck. 2414/7516 8V. Uhr Vit verde idirtidi und gloddidi? ki» limi Ii 11 Utiiliifa no Filii Judumu. MBit m Ihdu SnliiMkr itofii: kckt Eml Bühnenbilder Lrirl» MUT Komische Oper 8Vi Uhr PaulHeidemann in: Die Frau ohne Kuss Kollo-Operette mit Qrit Haid. Ibeater d. Weiten: Täglich 8"3 Uhr: Hootig niu 300. Male Das Land des Ucnelns Franz Lehars Sensationserfolg! BETRIEB/ KEMPINSKIR Berliner Praier SMuncrgailcnlkMltr Kastanienallee 7—9 4 Uhr Grosses Gaitenkonzert 6 Uhr Eine entzückende Burleske sowie der auserwählte Varletä-Teli. 8.15 Uhr Qustl Beer, dretl Lilien, Alex Haber, Ervin Härtung in Das Oral- mSderlhaus Singspiel in 3 Akten Musik nach Franz Schubert Eintrittspreis von 50 Mit. an. TtMLaaRaltn.Tor Kottbusser Str. 6 ja rägi.•l» U Hein Vetter Eduard Schwank in 3 Akten mit —— Ralph Arthur Roborts.— Netropol-Th. Täglich 80. Uhr Hiebael Bohnen in mit Dir allem.. SiVlllfCO ist stärkend, erfrischend, bekömmlich, da aus bestem Zucker und naturreinen tfruchtaromen hergestellt. Omonrivonr. Starkh 4 Kftiter Q. m. b. H., LmbO*» borger Allee« 7. Alexoodor 470»/ KöciM. 1046 Verkäufe Möbel SOtibtWla'n merke Retkit unk bat »abflkaiat, arohe Auswahl, kleia« Preiie! Beispielsweise- Schlafzimmer 455.—. Speisezimmer 51?.—. Herrenzimmer 389,—, Spiegel- schränke 118.—. Dielengarnitur 38,—. Anrichteküche»9.—. MeisinadeMlell» 6«.—. Rleiderschränke 4«,—. Ehaise- iongue» 28.—. Metallbettstelle 18,—, Auflegematratze 13.—. Sonstig« Möbel angemessene Preise. Teil�abiun» aus- schlaglrei. Worhenraten. Monatsraten. Rassarabatt bis»ihn Prozent, auch auf Anzahlungen. Kleine auch ohne Anzad- lungen.«redite bis zwei Jahre. Mäh. am». Ratalog franko, chauptgeschäit: Steglitz. Sckiotzstrake 197: 2. 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Juli 1930 SifjUiPtii) ShälaulQaSe Ja torSOaM Zwischen Hamburg und NewYork Bericht von einer Ueberfahrt Don«inm G«nossen, der eine Studienreise nach den Vereinigten Staaten angetreten hat, loird uns folgendes Stimmungsbild von Bord eines Dampfers geschickt: „Eine Reise nach Deutschland ist viel schöner als zurück," er- klärt die blonde Schwäbin, die nach zehn Jahren zum erstenmal wieder in Deutschland war, um mit ihrem ersten Ktnd die Eltern aufzusuchen. „Warum?" „Fragen Sie herum, fast all« Passagiere des Schiffes sind ch e i m a t f a h r e r. Sie waren mit der großen Freude von Kindern, die auf das Christkind warten, nach drüben gegangen. Die Bordkapelle mußte täglich deutsche Lieder spielen und wir haben alle die lang vergessenen Volksweisen gesungen. Di« letzte Nacht wurde durchwacht, um den lieben Heimatboden zu sehen, wenn wir einfahren. Als Enttäuscht« kehren wir zurück." Es find die in früher Jugend Ausgewanderten, die den Kinder- träum mit sich trugen, von dem Freiligrath schon in den Aus- Wanderern singt: Wie wird das Bild der frühen Tage durch eure Träum« glänzend weh'n— gleich einer stillen, frommen Sage— wird es euch vor der Seele steh'n. „Man kennt niemanden mehr," sagt eine andere junge Frau, die 1912 hinüberging.„Ein anderer Lehrer, ein fremder Pastor. Die Schulkameraden sind in alle Welt zerstreut. Die Eltern drückt die Not, sie haben ihr Geld verloren. Der kleine Garten hinter dem Haus ist längst nicht mehr so schön, und im Gasthaus spielt«ine fremde Kapell« moderne Tänze— es war damals alles viel schöner." „In Deutschland kann man doch nichts verdienen," er- klärt der Bäckergeselle, der in Washington bei seinem Onkel 4 Jahre gearbeitet hat.„Unsere Löhne sind in USA zwischen 40 und 50 Dollar. In der Saison kann man auf 100 Dollar kommen. Ich arbeite im Sommer in einem großen Hotel, da habe ich 69 bis 79 Dollar in der Woche." „Und wie ist dt« Behandlung in Deutschland!", fällt ein Schlosser«in, der im Staate New Port gearbeitet hat, und daheim sein Glück versuchen wollt«:„überall trägt jeder seinen Titel herum. Ein Arbeiter wird von oben herabangesehen. Der rechnet nicht zur Gesellschaft, der ist«in Stück Ware, der lebt abseits und der gesellschaftliche Hochmut lebt weiter wi« im alten Deutschland. In Amerika ist es für«inen Arbeiter nicht rosig. Ich ging mit 18 Jahren rüber. Manchmal hatte ich nichts zu fressen. Umsonst gibt es auch in USA. nichts. Aber verachtet hat mich keiner drüben. Jeder muß schwer schaffen. Wenn er Arbeit hat, kann er sich ein Häuschen und ein Auto leisten. Es ist eine Hundearbeit in Amerika, deswegen wollte ich nach Deutschland zurück, aber die gesellschaftliche Atmo- s p h ä r e ist in USA. erträglicher. Und Arbeit werde ich dort eher bekommen." „Ich stamm« aus Pommern," sagt«ine 2Sjährige, di« als Kindermädchen nach New Uork geht.„In USA. gibt«s viele Arbeitslos«, aber Hauspersonal wird immer gesucht. Die amerika- nischen Mädchen gehen ins Büro, nicht in die Familie. In Deutsch- land ist man noch immer der schlechtbezahlte Dienstbote. In New Uork gehöre ich der Familie, bekomme freie Station mit Wohnung und 15 Dollar die Woche." „Trotz alledem würde ich ja in Deutschland lieber arbeiten," fällt ein anderer ein.„W ennes nur«ine anständig bee zahlte Arbeit gäbe." Alle nicken zustimmend. „Ja, natürlich, wenn es nur Arbeit gäbe und die Behandlung eine ander« wäre. Das Auto ist ja nicht das höchst« Erdenzlück. Aber man muß als Arbeiter, eben dorthin gehen, wo man zu essen bekommt. Dort ist nun mal unsere Heimat. Man verdient mehr in Amerika, aber man gibt auch mehr aus. Im allgemeinen können Sie für Amerika den Dollar dort einsetzen, wo für Deutschland die Mark gilt. Es kommt bei den Löhnen das gleich« Ergebnis zustande." „Ja, ja," meint ein älterer Mann. Es gibt auch in Amerika Elend genug, daß diejenigen kaum kennen, die nach Deutschland fahren. Schließlich sind ja die Schwarzen auch Menschen." Das hätte er nicht sagen sollen. Im Kampf gegen die Schwarzen in USA. ist sich scheinbar alles einig. Es sind die Lohndrücker, die gefährlichen Mädchenräuber, die Klasse von Menschen, die von der Natur verachtet wurde, als sie sie geschaffen hatte: sie ist dumm, unschön, schmutzig und hat überhaupt alle Laster der Welt. Ein Jndianermischling hörte die Debatte freundlich lächelnd an. Cr hat ein Jahr in Deutschland studiert. Jetzt mischt er sich«in und erzählt in gebrochenem Deutsch folgend« Geschichte: „Der deutsche Dichter L e s s i n g hat«ine schön« Geschichte von einem Ring erzählt in seinem Drama„Nathan der Weis«" zur Versöhnung der Religionen. Wir haben ein« schöne Geschichte aus den Jndianersagen zur Versöhnung der Rassen. Als Gott die Menschen aus der Erde formte, steckte er sie in einen Ofen, um sie wie Bretzeln gut zusammenzubacken. Er hatte noch keine Maschinen, um sie all« gelichzeitig oder rasch genug heraus zu nehmen. Die ersten, die aus dem Ofen kamen, waren darum noch bleich und wenig gut gebacken— es sind die weißen Menschen geworden. Die letzten waren leider schon zu lange im Ofen geblieben und darum etwas verkohlt: sie laufen heute als Schwarze herum. Gut gar und bekömmlich waren allein die Rothäute: der Neid der andern hat sie darum fast völlig vernichtet." Das Gesicht des Erzählers bekam einen traurigen Schimmer. Seine Erzählung hott« der Debatte die Schärfe genommen. Man ging nachdenklich auseinander.- Städter aufs Land?! Erfahrungen mit Umschulung und Wanderarbeiterheimen Erwerbslos« und Berufslose sollen für l a n d w i r t> schastliche Arbeit oorgeschult und anschließend als Saison- arbeite? in die Landwirtschast vermittelt werden. In aller Frühe besichtigen wir das Ilmschulungslager in Fliegerhorst b. Frankfurt a. d. O. Wir sehen etwa 25 Morgen (Reichseigentum) Boden 8. Klasse, der von etwaö9männlichen Schülern„bearbeitet" werden soll. Schülerheim, Schlafräume, Küch« usw. sehen sauber aus, Hof und Gänge sind tadellos gerecht, als wären nicht Sozialdemokraten, sondern königlich preußisch« Minister zu Besuch und man sieht in Blumenrabatten, in einem größeren Kartofselschlag und einem benachbarten Spargelbeet auch einige junge Leute Unkraut zupfen. Einige mit Badehose beneidete Burschen treiben Laufgymnastik. Mädchen sind zur Zeit nur neun da, die sämtlich aus Oesterreich stammen. Nach Mitteilung des jetzigen Hauptleiters, des früheren deutschnationalen Landtags- abgeordneten G i e s e(ursprünglich Gärtner von Berus), der von Berlin aus 5 Eigenheime in der Grenzmark, 5 in Ostpreußen und den Umschulungsbetrieb in Rickling(Provinz Schleswig-Holstein) leitet, kann Fliegerhorst 229 männliche und 16 weibliche Schüler aufnehmen. Durch Fliegerhorst sind bisher 2599 Schüler gegangen, die vor der Lehrstellenvermittlung zum Teil nach vier- wöchigem Besuch von Fliegerhorst noch 14 Tage auf den Privat- gütern Kliestow und Booßen beschäftigt worden sind. Die Lehr- ftellenvermittlung ist Aufgabe eines der Lehrer. Das Beste, was wir sahen, war der sauber gehaltens Schweinestall mit etwa 49 Schweinen: sonst hatten wir Teil- nehmer der agrarpolitischen Studienfahrt fast ausnahmslos den Eindruck, daß diese gut gemeinte Umschulung ein dilellanlischer Versuch am untauglichen Objekt ist. Den erwerbslosen, mehr oder weniger zarten, durchschnittlich 22jährigen Burschen aus der Stadt ist die vierwöchige Landtur zwar zu gönnen(Kosten pro Mann und Tag 3,25 M.: insgesamt 129 999 M. jährlich für die Arbeiterzentrale): dennoch werden sie wohl niemals handfeste und durchgeschulte Landarbeiter werden, die es bei Düngerstreuen und Rübenvereinzeln aushalten. Auch müßte für solche Versuche ein großes Gut zur Verfügung stehen, auf dem— wie auf den von uns besuchten Gütern Goldbeck und Pulmicken— in vierteljährlicher oder besser noch ganzjährlicher Schulung iveniger landwirtschaftliche Theorie getrieben als wirtliche Landarbeit verrichtet wird. Bekannt ist, daß der Deutsch« Landarbeiterverband diesen Bestrebungen ablehnend gegenübersteht. Auch politische Bedenken sind zu unterdrücken. Man wird beim jetzigen Betrieb auch den Eindruck nicht los — so unpolitisch Herr Giese sich auch einstellt—, daß diese weder landwirtschaftlich noch gewerkschaftlich geschulten Leute als rechtsradikale Schuhtrupps und gelegentliche Streikbrecher wie Spaltpilze in der Front der Landarbeiter wirken sollen. Denn wir haben doch auch in diesem Sommer noch Tausende erwerbsloser wirklicher Landarbeiter, die nach Arbeit verlangen, von einem Teil der Großgrundbesitzer aber abgelehnt werden. Unzureichend umgeschulte Städter auf das Land zu bringen und gleichzeitig Zehntausend« arbeitsloser Landarbeiter unbeschäftigt zu lassen und so vom Lande wegzutreiben, ist auch wirtschaftlich völlig verfehlt: die aus der produktiven Erwerbslosenfürsorge dafür ver- wendeten Summen sind verpulvert und dienen unter diesen Umständen nicht der Verminderung, soichern der Verstärkung der Landslucht. WandararVaitsi'hvIins • Wir besichtigten weiter die Oedlandkulturen bei Bork. Der Betrieb umfaßt 682 Morgen. Brandenburg hatte vor dem Kriege vier Korrektionsanstalten. Nach Bodelschwingschem System wurden nun nach dem Kriege sieben Wanderarbeiterheime geschaffen. Das Wanderarbeiterheim, das von uns besuchte Heim Barles Mühle, ist als eine dilettantische Fehlgründung zu betrachten. Es werden Anforstungen vorgenommen, man betreibt eine instand gesetzte Mühle, treibt etwas Getreidewirtschaft usw. Man nimmt gelegentlich die„Kunden" von der Landstraße auf, die Hälfte der verwendeten wandernden Arbeitslosen stammt vom Berliner Asyl für Arbeitslose. Für Logis und Kost müssen die durch Not und Gelegenheit berufs- und arbeitslos ge- wordenen Existenzen im landwirtschaftlichen und Forstbetrieb Arbeit leisten. Die Entlohnung beträgt 45 Pf. pro Tag: über die Güte des Essens wird geklagt. Wenn etwa 39 beschäftigte„Kunden" täglich zusammen nur 3 Liter Milch erhalten, in der Suppe für olle nur 6 Liter Milch verwendet werden, vor einem Vierteljahr kein Lohn ausgezahlt werden soll und mit einer erzwungenen Frömmelei die aus dem Leben geworfenen Existenzen auf den„rechten Weg" zurückgeführt werden sollen, ist das Ganze als nichts weiter denn als Spielerei. zu bezeichnen. Die aus dem Leben ge- worfenen, an ein Bummelleben durch die Not der Zeit gewöhnten Existenzen bleiben nach erhaltenem Vorschuß kaum 8 bis 14 Tage. Man findet sie bald im Asyl für Arbeitslose wieder und der Kreislauf, Asyl, Bortes Mühle, Asyl, beginnt von neuem. Den arbeitswilligen Kyritzer Arbeitern wird dazu das Brot genommen. Wenn„Bortes Mühle" auf 682 Morgen Fläche(dabei ansehnliche, ober schlecht bewirtschaftete Aecker und Wiesen) 1 Milchkuh ausweist, muß man von sträflichem Leichtsinn bürokratischer vetriebssührung sprechen, dem der Londesdirektor van Winterfeld zu Leibe gehen sollte. Daß die Verwendung von Wanderern erfolgreicher gestaltet werden kann, bewies der Besuch des Provinzialpachtgutes (Staatsdomäne) G o ld b e ck b. Witlftock. Gesaurtumfong 2599 Mar- gen, von.denen 299 Morgen verpachtet sind: 1399 Morgen werden selbst bewirtschaftet. Das übrige ist Wald usw. Die von der Provinz gepachtet« Staatsdomäne liegt 499 Meter von der Bahn, hat eigenen Gleisanschluß, Verladerampe und fliegende Feldbahngleise. Verwendung findet neben 28 Pferde- gesponnen 1 Motorpflug(Lanz-Rohölmotor). Interessant ist, daß der sehr rührige Betriebsleiter Warnrblutpferde des von uns am Morgen besuchten Gestüts Neustadt a. d. Dosse als ungeeignet für den Betrieb erklärt, wieder ein Beweis, daß nicht weit vom Gestüt Arbeitspferde(Kaltblut) verlangt werden. Etwa 329 Morgen sind schwerer Ziegelton, dann folgen leichtere Bödeu bis z»«tue»» Flugsand. Do« Schloß des Gutes ist eine alte Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert. Ein prachtvoller, romantischer Jnuenhof, meterdicke Mauern: ein Flügel ist der an- liegenden Brennerei nutzbar gemacht. Das zugestandene Kontingent für die Brennerei beträgt 55 999 Liter. Die kleinen Kartoffeln kommen in die Brennerei, die großen werden an di« Provinzialanstalten geliefert. Freie Arbeiter mit Tariflohn sind nur die ständigen Vorarbeiter. Von den hier aus den 39 Wanderarbeitsheimen der Provinz zugewiesenen Leuten gehen von etwa 25 nach einmonatiger Tätigkeit etwa 20 weg. Der Pachtpreis gegenüber dem Staat beträgt 16 999 M., allerlei Verpflichtungen ergeben sich daraus, insbesondere in bezug auf Steuern und Reparaturen. Der Pachtvertrag läuft 18 Jahre. Das Gut hat 5. bis 7. Bodenklasse. Die Leistung der verwendeten Wanderarbeiter beträgt etwa 49 Proz. gelernter Land- arbeite?. Die Wonderarbeiter stellen sich deshalb teurer als Deputanten. Als Reserve zur Erntezeit werden die Scharfen- berger Siedler herangezogen, die aus dem Ruhrgebiet ftam- men(Rentenempfänger— Knappschaftsrente). Wir sehen einen neuzeitlichen Getreidespeicher und neuzeitliche Maschinen. Die Melioration von zum Teil sauren Wiesen ist nicht möglich, weil Mecklenburg mit einer angrenzenden Enklave sich an diesem Werk nicht beteiligt. Luzerne kann wenig angebaut werden, weil sie einen tiefen gründlichen Boden verlangt. Dos Gut war bei der Uebernohme völlig heruntergewirtschaftet, zeigt aber durch die tüchtige Bewirtschaftung durch den jetzigen Inspektor einen ausgezeichneten Fruchfftand. Der Schweineumsatz beträgt 199 Stück: die beste Kuh liefert 6699 Liter Milch im Jahr. Den Melkdurchschnitt hofft man in drei Jahren auf 4999 Liter pro Kuh zu bringen. Die Milch geht hier durch die Schmutzzentrisuge und wird in Berlin jeden Tag kontrolliert. Das Verhältnis zwischen dem Betriebsleiter und den beschäf- tigten Wanderarbeitern ist hier sehr gut, es ist tatsächlich durch eine humane und psychologische Behandlung gescheiterter Existenzen hier gelungen, einen starken Prozentsatz dem Leben v«r- nünftiger Arbeitsleistung wieder einzugliedern. Der ZSmmergarten Die schönste und best« Erholung ist für den arbeitenden Menschen immer die freie Natur gewesen. Der Anblick der grünen oder von Blumen bunten Landschaft, besonders wenn die Freude noch durch Kenntnis und Verstehen ihres Lebens vertieft und vermehrt wird, gibt wieder die Kraft zu neuer Arbeit. Immer haben viele Menschen von draußen den Wunsch mit nach Hause gebracht, sich auch für den tä.glichen' Gebrauch, zum täglichen Umgang ein Stückchen Natur zu schassen. Der ein« verwirklicht diesen Wunsch dadurch, daß er ein Stückchen Land pachtet, dort eine Laube baut und Pflanzen züchtet. Der andere bepflanzt seinen Balkon oder seine Veranda. Wer aber alles das nicht hat— oder auch wenn«r es hat— kann sich doch auch ein kleines Gärtchen im Zimmer halten und schaffen. Es kostet wenig Geld, ssur ein bißchen Liebe und etwas Zeit, um jede Pflanze so zu behandeln, wie sie es gewöhnt ist. Ein Fensterbrett, das man etwas verbreitert, wenn es zu schmal sein sollte, oder ein Tisch in der Nähe des Fensters genügen schon, um einen abwechslungsreichen Pflanzen- und Blumenflor zu erzielen. Samen find nicht teuer, Stecklinge oder Ableger bekommt man von Freunden und Bekannten geschenkt oder durch Tausch. Und hier vor- bindet sich das Nützlich« mit dem Angenehmen, das Billige mit dem Schönen: an der selb st gezogenen Pflanze hat der Lieb- haber viel mehr Freude als an der gekauften, die womöglich noch eingeht, da ihr neuer Standort nicht so ist wie der, an dem sie auf- gezogen würde. Solche Zimmergärtnerei hat auch noch praktischen Wert. Pflanzen erzeugen bei Tage Sauerstoff und reinigen so die Luft. Dagegen ist die alte Regel, daß man Pflanzen nicht im Schlafzimmer halten solle, ein Vorurteil. Gewiß haucht di« Pflanze bei Nacht Kohlensäure aus wie der Mensch und verschlechtert so die Luft, aber erst viele Tausende normale Topfpflanzen erzeugen so viel Kohlensäure wie ein einziger Mensch. Stark duftende Blumen wird man natürlich nicht im Schlafzimmer stehen haben, auch keinen Oleander, dessen Ausdünstungen giftig sind und Uebelkeit oder Schwindelgefühl hervorrufen können, auch manche Primelsorten sind ungeeignet, deren Härchen bei empfindlichen Menschen Ausschläge auf der Haut bewirken. Im allgemeinen schadet die Pflanzenkultur im Zimmer mehr den Pflanzen selbst als den Menschen. Gasheizung, Gasbeleuchtung und Tabakrauch sind den meisten Pflanzen nicht gerade bekömnüich. Besonders solche Pflanzen, die frisch aus einem Gewächshaus kommen, leiden sehr darunter. Andererseits gibt es auch solche Sorten, die recht unempfindlich sind. Die bekannte Blattpflanze Aspidistra z. B. verträgt beinah« alles, sogar ziemliche Dunkelheit. Wenn man wirklich Freude an seinem Zimmergarten haben will, ist das Wichtigste, daß man seine Pflanzen kennt: daß man weiß, wie jede Art behandelt werden will, ob sie viel oder wenig Licht braucht, ob sie trocken oder feucht gehalten werden muh, welche Temperatur sie braucht, wie sie im Winter behandelt wird, ob und welchen Dünger man gibt, wie man sie vermehrt usw. Wenn man so bei der Pflege sich mit seinen Pflanzen abgibt, kann man viel lernen und tiefe Einblicke in die Geheimnisse des Lebens tun. Deshalb soll man aber Bücher nicht verachten, die einem dabei helfen können. Ein solches Buch ist: E. Bade: Die Praxis im Zimmergarten.(271 Seiten, 6 Farbtafeln, 15 Schwarztafeln, 391 Photos und Zeichnungen. Preis geb. 8 M. Verlag Fritz Pfennigstorff. Berlin.) Dieses Buch führt den Leser zunächst in die allgemeinen Grundlagen der Pflanzenpslege ein und berichtet über die Licht-, Luft-, Wasser- und Düngungsverhältuisse. üluch von der Vermehrung, vom Ilmtopfen wird erzählt, lieber die Pflanzen- krankheiten und Schädlinge erfährt man viel, was man zur Zluf- zucht und Erhaltung der Pflanzen braucht. Sodann werden über 599 Pflanzen in ihrer verwandtschaftlichen Anordnung ausgezählt und beschrieben und mehr als 299 abgebildet. Bei jeder Gruppe finden wir ausführliche Angaben über die besonderen Bedürfnisse und die spezielle Behandlungswesse.'Am ausführlichsten werden natürlich solche Gewächse besprochen, deren Kultur schon lang« in unserem Klima erprobt ist, aber der Liebhaber findet auch die neuen und seltenen Formen. Farnen, Kakteen und Orchideen u. a. mehr sind besondere Abschnitte gewidmet. Unter den Bildern erfreut besonders die filmartige Zlneinanderreihung einzelner Handgriffe und Eni- wicklungszustände. Je reichhaltiger und mannigfacher der eigene Zimmergarten ist. desto häufiger wird man in diesem Buche Rat suchen und auch finden. Wer erst anfängt, kann sich durch das Studium des Buches vor manchem Mißgriff in der Auswahl und Behandlung und damit vor mancher Enttäuschung bewahren. Dr. K. Lew in. EIN�« NBAHNER- MAW � VON> SCHER (2. Fortsetzung.) Mit einen, selbstbewußten Ruck erhob er sich, nahm das Schrift- >!>ick und ging zur Tür, die noch Kerns Arbeitszimmer führte. Als er den Tllrdrücker erfaßte, sank sein Selbstbewußtsein wieder um etwas. Fast schüchtern trat«r«in. In militärisch gerader Haltung, ober fnnerlich unsicher, reichte er Kern das Schriftstück, der es rasch überflog. Ueber sein Gesicht ging«in Jug von Unmut. „Aber Herr Kollege, dos hat ja weder Hand noch Fuß." „Verzeihung Herr Bahnmeister, es..." „Wenn man da gar nichts berichtet hätte, wärs ebensogut." Kern nahm einen Federhalter und sügtx den Satz hinzu:„Da größte Gefahr vorhanden, wird um baldigste Erledigung gebeten." Darunter setzte er fest, mit eckigen Buchstaben, seine Unterschrift. Petermann war entsetzt:„Verzeihung, Herr Bahnmeister, das tonnen wir unmöglich so lasten." „Warum denn nicht?" „Das ist doch... So kann man doch keine Berichte einsenden!" „Ist's möglich? Nun heulen Sie nron nicht gleich los!" Kern griff nach einem Dienstumschlag mit vorgedruckter Adresse, steckte den Bericht hinein und reichte ihn Petermami:„Bringen Sie ihn gleich hinüber zur Inspektion!" Petermann schüttelte den Kopf, drehte den Brief einige Male herum, wollte gern etwas fqgen, fand aber keine Worte und peftieß mit einer angstvollen Geste das Zimmer. In größter Verlegenheit betrat er seinen Arbeitsraum, stülpte die Dienstmütze auf den Kopf und ging zur Tür,»m den Brief wegzubringen. Den Türdrücker in der Hand, blieb er,«inen Augenblick überlegend, stehen. Dann ging er nochmals an seinen Schreibtisch, blätterte in den Akten, los hier und dort eine Stelle durch, wurde ruhiger und sicherer und setzte sich schließlich, um das ganze Aktenstück von Anfang bis zu Ende mehrmals durchzulesen. Währenddessen hielt er den Berichts- brief krampfhaft fest. Mit einem trotzigen Ruck schob er nach einiger Zeit ftine Dienstmütze von der Stirn, ließ den Brief auf den Schreibtisch gleiten und starrte brütend zur Zimmerdecke. Es dauert« lange, bis er sich zu einem Entschluß durchgerungen hatte. Hastig warf er hie Mütze auf den Schreibtisch und ging mit dem Brief— diesmal m-it etwas festerer Haltung— zu Kern zurück- „.Herr Bahnmeister verzeihen „Ist der Brief erledigt?"' „Möchte mir erlauben-. Petermann fühlt« die eben ge- mannen« Sicherheit wieder weichen,„Wir föpnen den Bericht hoch nicht so ohne weiteres..." Kern sah aus und bemerkte den Brief in Petermgnns Hand. „Was soll denn das heißen? Sind Sie denn des Teufels!?" Petermann zuckte zusammen und duckte sich, qls gh er einen Schlag erwarte, dann aber strgffte er sich wieder hoch:„Herr Bahn- nieister. verzeihen, wir können nicht... ffs ist unmöglich, den Be- richt so... Ich habe die Akten nochinals genau durchgelesen'" Kern hiß sich auf die Lippen und sagte heftig:„Mein Lieber! Ihre Slkten können mir... Stecken Sie die meinetwegen sonst wo- hin. Sie— Sie*— Aktenmensch!" Petermann wick zurück- Der Brief zitterte in seiner Hqstd. Kern riß Petermann den Brief aus der Hand und stürmte hin- aus, um ihn auf der Inspektion als eilige Sache ahzugeben, Als er zurückkam, fies er ins Petermanns Zimmer hinüber:„Bergesten Sie de» Brief nicht einzuiragen! Abgegeben ist er" Dann schlaß er oie Tür, ging an sein Stehpult und arbeitete. Jetzt war er beruhigt. 3. Auf Wacht. Draußen aus' der Strcste nach E, liefen die Züge wie auf den anderen Strecken, in genau berechneten Abständen über die Schienen. Kolonnensührer Bormann mußte höllisch aufpassen, daß seinen Leuten nichts passierte. Es waren Streckenarbeitern die erledigt wurden, während der Fährbetrieb auf den Strecken im vollen Um- fange aufrecht erhalten wurde. Rur kp sehr kurzen Zwischenräumen konnten die Streckenarbeiter ihre Arbeit leisten. Kaum hatten sie einige Grifte und Hiebe gemacht, efklong schon wieder der Signal- psift, der sie von den Schienen vertrieb. Die häufigen Signale und das häufige Beiseitegehen ermüdeten fast noch mehr als die eigent- liche Arbeit. Ah«r aus den gebräunten Gesichtern der Strecken- orbeiles fproch keinerlei Porvosität. Mit ruhiger Selbstverständlich; keil reckten und beugten sich ihre Mcken- Nun war Mittagspause. Die Werkzeuge lq«n im Graben, her an der Strecke entlang lief, und am niedrigen, schrpg abfallenden Bahndamm lagerten die Arbeiter. Brotstullen verzehrend oder einen Topf mit Essen auslösjelnd. Die Sonne brannte. Einige ksein« Obstbäume mis dünnem Geäst gaben spärlichen Schatten. Nach dem Essen streckt« sich hier einer unter einein Baum lang, dort legt« sich einer in die Sanne und ließ, das Gesicht mit der Mütze bedeckend, sein« gebräunten Arme und die nur zum Test vom Hemd bedeckt« Brust bestrahlen. Andere wieder gruppierten sich, halb liegend, halb hockend, zu ßinem Kartenspiel oder zur Unterhaltung, Kolonnensührer Bormanu schlenderte den ausgetrockneten Streckengraben entlang. Aus einer kurzen Tabakspfeife zag er mächtige Rauchwolken und blies sie üher die Schienenstränge. Seine schlanke Gestalt hatte eine leichte, aber sichere Beweglichkeit, Aus lebhaften braunen Augen gingen die prüfenden Blicke auch jetzt noch, in der Mittagspaus», kontrollierend über die erledigte Arbeitsstrecke. Ganz unaussälligr-Die Kameraden brauchten nicht zu merken, daß er ihre Arbeit nachkontrollierte, Hi« waren M meist alle sehr gewissenhast. Und ich-r einzeln« Peulinge wachten die Vorarbeiter. � Immerhin mit dem Oberbau war nicht zu spaßen. Es hing gor zu viel davon ab. Taufende von Menschenleben und wertvolles Material standen täglich auf dem Spiel. Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit der Signalst«ll«n, der Block- wärter, Weichensteller und was alles in Betracht kam. ja selbst die vor Spannung und Aufmerksamkeit förmlich glühenden Blick« der Lokomotivführer, wenn sie dein, Hinwegjausen über die Schienen ie Strecke absuchen, nutzen nichts, wenn der Yb�fhou der S,rsck« uicht gqnz gesichert ist. An all das dachte Bormann. Sein gs- I bräuntes, schmales Gesicht zeigte«inen ruhigen Ausdruck und doch waren seine Gedanken stark beschäftigt. Es konnte irgendwo ein kleiner, unscheinbarer Wassertümpel stehen, den niemand weiter he- achtete, der ober die von ihm umspülte Holzbohle vorzeitig morsch, edcr eine Eisenbohle rostig»machen konnte. Die Berechnungen über die Haltbarkeit eines Oberbaustücks tonnte dadurch über den Haufen geworfen werden. Das hott« man ja erst wieder an dem Strecken- stück draußen be! Block S sehen können. Vorsicht mar nötig. Bormann bog seinen Oberkörper leicht zur Seite nach dein Gleis hin. Fehlte da nicht»in« Schraube? Er hatte sich getäuscht. Vor sich hin pseisend schlenderte er zurück. In der Näh« der lagernden Streckenarbeiter stand einer von ihnen und sah zu Bonimnn her, kam einige Schritte entgegen und blieb am Bahndamm stehen. Es war der Streckenvorarbeiter Heinz«. „Kamerad, Ich möchte mal mit dir sprechen", begann er, als Bormann näher gekommen war. „Na?" „Ich hin in großer Verlegenheit, Möchte mir'n kleinen Vor- schuh geben lassen." „Mitten in der Woche?" Heinz« lächelte, man wußte nickst, ob es Verlegenheit oder Schalk war:„Der Storch kommt, wann er will." Bormaun lachte so laut, daß die anderen aufsahen.„Was ist es denn?" ./Ein Mädel." „Alles gesund?" ,.Ja, zum Glück." „Dann gratulier ich." „Ist ganz gut und schön, wenn nur nicht die laufigen Extraaua. gaben, wären." „Du weißt ja, was sie jedesmal für einen Salm machen, wenn einer einen Vorschuß haben will." „Wenn's nicht geht..."— Heinz« ließ den Kopf hängen. „Geh'n tut's schon, aber..." Bormann kratzt« sich hinter den Ohren.„Wieviel solls denn sein?" „Dreißig Mark." „Ich werd's melden. Heinze." Heinz« lächelt« froh.„Besten Dank auch, Bormonn. Sag mal, was hotte denn der Bahnmeister heute?" Bgrmqnn schüttelt« mit dem Kopfe. Er hatte kein« Lust zu antworten. S«in sonst frisches, hageres Gesicht war voll Fallen und sein Blick glitt nachdenklich nach dem Schienenstrang, auf dem eben wieder«in Schnellzug vorüberraste. Ihm war, als müßt« er heute besonders Obacht geben. 4. Zu Hause. Schon eine Reihe pon Tagen war oerslosten, seitdem Bahn- meistor Kern seinen Bericht eingesandt hatte. Noch war nichts weiter darüber zu hören. Kern war zwar«nigermaßen beruhigt insofern, als nun wenigstens sein Bericht sort war, aber zufrieden fühlte er sich nicht. Er ging heute etwas früher nach Hause, da er das Be- dürfnis nach einer kleinen Entspannung hotte. Statt des gewohnten Weges lenkte er seine Schritte nach den städtischen Anlagen und lief dort einige Zeit kreuz und quer, bis er leicht ermüdet war. Dann wandte er sich heimwärts, immer an der Bordkante des Fußwegs gehend, wie es die meisten Menschen tun, wenn sie mit ihren Gedanken irgendwie stark bc- schäftigt sind, Zu Hause trat ihm seine Frau auf dem Flur mit freundlichem Gruße entgegen. Sie hatte schon die ganzen Tage bemerkt, daß mit ihrem Mann etwas nicht stimmte, darum suchte sie ihn aufzuheitern. „Du kommst ja heute rechtzeitig. Das ist man gar nicht gewohnt." Sie sagte es mit einem Lächeln, das ihre etwas herben Gesichtszüge oerschönte und mit einem angenehmen warmen Tonfall. Kern tat das wohl. Er drückte kräftig die dargebotene Hand. „Hatte heute keme rechte Lust zur Arbeit." „Das kommt vor. Aber d» muht mit dem Esten etwas warten." „Schad' nichts, Luise. Hab' ohnehin noch keinen Hunger." „Hast du Aerger gehabt, Hermann?" Ihre braunen Augen sahen ihn forschend an. Zwischen ihrer geroden, kräftigen Nase und ihren normalen Wangen, an denen die Backenknochen ein wenig hervortraten, lag«in Zug leichter Spannung. (Fortsetzung folgt.) e Buch Gefundung— für 91111.1,50 und d>orlo*) Prof. Pr, med, G u d z e u t von der Berliner Ilniversttät ist der Herausgeber einer soeben mit den. ersten Band begonnenen Schriftenreihe„Gesundung". Namhafte Praktiker und Gelehrte der Ernährungswissenschaft hoben sich zusammengetan, um in knapper, leichtverständlicher Form der Allgemeinheit«in Bild von dem heutigen Stande der Forschung zu geben, wobei nur in jähre- langer Arbeit erprobte Talsachen und Erkenntnisse mitgeteilt werden. Diese Arbeit ist lebhaft zu begrüßen. Jeder Laie, nicht erst der Patient, hat heute die Pflicht, sich selbst um den gegenwärtigen Stand ärztlichen Könnens zu kümmern. Erstens wird dadurch der unter den Aerzten ziemlich verbreiteten Bequemlichkeit, nicht mit dem Fortschritt der Wissenschast Schritt zu halten, entgegenwirlt. Erst der gebildete Patient kann die Monopolstellung des Arztes mit ihren Gefahren für sich selbst brechen. Zweitens hat derjenige, der den Aerzten sein Vertrauen entzogen und es de», Laienheilkundigsn geschenkt hat, durch solch« Schriften eine Kontrolle in der Hand, ob der Heilkundige nur Betrug mit ihm treibt oder ein ehrlicher Hand- werker ist. Der erste Band der Reihe mit Beiträgen von Pros. Mangold, Berlin, Pros. Th. Brugsch und Dr. Kürten, Halle, und Geheimrat H. Strauß, Berlin, bringt aus 35 Seiten die normalen Vorgänge des Stosswechsels zur Darstellung, im Anschluß daran die wichtigsten Ernährungsschäden und Stoftwechselkrank- heften samt einer Besprechung der einseitigen Ernährungsarten wie Rohkost, Vegetarismus, Masdasnanükrnährung. Di« Darstellung ist slüjsig und klar, knapp und zuverlässig. Es fehlt in dem Büchlein nur oer Hinweis auf die Schäden,«die aus einem etwa im zweiten oder dritten Lebensjahrzehnt vorgenommenen Kostwechscl entstehen, wie man sie bei Leuten findet, di« von Freunden verleitet sich plötzlich auf eine andere Ernährungsweise umstellen wollen. Im übrigen ist das Büchlein dringend zu empfehlen. Heinz Adam. ♦) Bgnd 1. Stoffwechselkrankheiten u» d Er- nährungsschäden, deren Verhütung und Heilung.(Verlag H.S. Hennann, Berlin.) WAS DER TAG BRINGT. WHniiniHUiniiiminuimumuuiumHnMiiiniuiunmmiinuiiiffimunniHminiuiittaiuiHinnminiinnHiMuiimuiuuuiiiiiiiiiiiuuiiiiiinaiuiMiiiiuiiiiiiiiiiiiiimiimiiiiiiiiiiiiii Reichstagsauflösung früher. Im kaiserlichen Reich gab es zwei sozusagen gleichberechtigte Faktoren der Gesetzgebung! den Reichstag und die Verhündsten Regierungen, vertreten durch den Bundesrat, präsidiert durch den Kaiser. Die Gleichberechtigung war nur soso unh demenftprechend hatte auch der«ine Faktor, namljch der Kaiser, dgs Recht, sich des anderen Faktors nach Belieben, nur eingeschränkt durch das Etats- und Rekrutenbewilligungsgrecht des Reichstags, durch Bertagung, Schließung oder Auflösung zu befreien. Hatte nun der Reichs- kanzler, während sich die Bürgerlichen erleben und die Sozialdemo- traten schon hinausgegangen waren, die„allerhöchste Botschaft" gerlessn und mit den Worten geendet: „Unftr stchserer höchstsigenen Unterschrift und heigodrucktem Kaiserlichein Snsiegel gez.: Wilhelni. gez.: v. Bethmann-Holla�z. Ich habe di« Ehre, die Urschrift Ihrem Herrn Präsidenten zu übergeben" so sagte der— strahlenden Antlitzes tat es der all« Graf Hans Axet Tannno v. Schwerin-Löwitz—:„Wir aber, meine Herren, wir rufen! Se. Majestät, unser allergnädigster Kaiser, König und Herr, er lebe hoch!" Worauf der heimgeschickte Faktor begeistert in das Hoch auf den.Heimschickenden, der ihm das Reden verbot, ein be, Hoch auf den Heimschickenden, der ihm das Reden verbot, einstimmte — und in die immunitäts- und diätenlosen Ferien ging. ride. Amerika seit 30 000 Jahren bewohnt? In einem Boftrage, den der Direktor des Museums in Los Angeles, James Scherer, vor einigen Tagen in der dortigen anthropologischen Gesellschaft hielt, setzte er an der Hand vorgeschicht- licher' Funde aus Las Begas in Nevada auseinander, daß der nord- amerikanische Konftnent bereits vor 20 000 bis 30 000 Iahren von geistig hochentwickelten Menschen bewohnt wurde. An der genaimten Stelle sand man in einer Höhle neben den Resten eines Lagerfeuers aus Hohkohl« und dem ßchOel eines Msgathcriums. eines Riesen- sapttiers, Wasfen, Gerätschaften und sonstige Menschenspure», die Scherer als die Wichtigsten bezeichnet«, die jemals in Amerika ent- deckt worden seien. Bisher glaubte man, wie er sagte, daß die Menschen erst verhältnismäßig spät in Amerika eingewandert seien dort nicht länger ass 10 000 Jahre letzten, aus den jetzigen Funtzen aber gehe hervor, haß das Alter des amerikanischen Menschen auf 20 000 bis 30 000 Jahre geschätzt werden müsse. Es scheine jetzt außer allem Zweifel, daß Slmerika von einem wandernden Mougolenstgmm besiedelt wurde, der von Ostnst?« über die Bering- ftiaße dorthin kam, Unter den aefundenen G-genstqntzen, die zu- gl»ich einen Rückschluß auf das Aller ihrer»hemallgen Kas'tzar � lasten, ist der Wurfspieß, dessen sie sich bedienten und der dem Ge- bryuch von Bogen und Pfeilen vorausging, vom besonderer B«- deutuug. Er bestand aus einem im Innern ausgehöhlten Schojt, in dem sich Wurfgeschosse befanden. Um sich seiner im Kampf zu bedienen, wurde er am unteren Eich« angefaßt und so schnell herum- gewirbelt, daß die Geschosse herauKslogcn, was aus große Kunst- sertigkeft schließen läßt. Wie sich weiterhin ergab, pflegten di« da- malizen Menschen auch schon auf Scheiben zu schießen, die im Innern der Höhlen augebracht waren und sich ebenfalls bis heute erhalten hahen. Scherer nimmt an. daß di« damaligen Bewohner Nordamerikas schon zu einer Zeit lebten, als sich die Mcgatherien noch nicht in Am»r>ka vorfanden und daß sie im Kampfe mit diesen Riesengestalten d«r Vqrzeit schließlich unterlagen. Bine Liga gegen Jen Anstand. Man hat in Ostende eil«..Liga gegen den /Anstand" ge- gründet, da infolge rigorosen Borgehens gegen freies Badekostüm, wie sie in anderen Bädern gang und gäbe sind, sämtliche Ausländer abgewandert sind. Der Ausruf dieser einzigartigen Vereinigung lautet:„Manche Bürgermeister unserer Badeorse fordern, daß der Strand wie eine Kirche aussehen soll. Zuviel Anstand ist ein Lurus, den wir uns nicht leisten können. Er kostet uns eine Menge Geld und wird uns in Zukunft noch metzr koste». Denn diese lächerliche Prüderie vertreibt alle Ausländer. Wie kann man erivartem daß Fremde zu uns kommen und sich in unseren Badeorten wohlsühlen, wenn sie nicht von ihrer meibiichen und männlichen anatomischen Beschaffenheit soviel zeigen dürfen, wie sie i» den anderen intcr- nationalen Badeorten ungehindert zur Schau stelle» dürfen? Das belgische Strafgesetz enthält keinen Paragraphen gegen Sonnen- bäderl. ," Die„Liga gegen den Anstand" schlägt vor, in jedem belgischen Badeort eine Statue in einem behördlich genehmigten und beglaubigten Badeanzug aufzustellen, an dem die Badegäste studieren können, wie ihre Badetoilette auszusehen hat. Pflanzen als Warner, E.s giht perschichene PfteAjen, die äußerst empfindlich g-ge« Gas sind, das etwa aug einer undichten Stelle der Leitung ausströmt. Dszu gehören Resten, Wicken und auch Rizinus. Ein Bestandteil des gebräuchlichen Gases ist da» Ethyken, das von Menschen weit weniger leicht bemerkt w�d. als von jenen Pflanzen.£e« Mcm'ch kann hieses allenfalls noch xiechen, wenn sich ejn Teil davon in 400 Teilen Lust befindet: hie Nelke Wittert daß Echylen ober schon. wenn ein Teil, in 1 Million Luftteilen schwebt. Sie zeigt das dadurch an, daß sie sich etwatz schließt. Poch empfindlichex ist die Wicke. Sie bekommt bei längerem Aufenthalt i» fthylenhastiger Luft kropfige AusPÜchse, unh sie hak schon l?» mgnchkk Stelle, die beargwöhnt wurde, chirküch eine stntziKtigkejt der Lk'Wg nachgewiesen. Erste Europa-F Die JKanonen" starten Am Sonnlagvormittag siarlelen in Berlin 60 Flugzeuge zum„Znlernationalen Europa-Bundslug". 15 Maschinen erreichten nach Zwangslandungen in Braunschweig. Zranksurt a. M. und Reims bereits am Sonntagabend Calais. Dort blieben sie insolge Wellerschwierigkeilcn liegen. An der Spitze des Rundslugs liegen sämtliche englischen und französischen Teilnehmer. Auch zwei deutsche Maschinen konnten Ealais bereits erreichen. Sie werden von dem Sieger des Vorjahres, Fritz Morzik und dem Piloten der Lufthansa, Polte, gesteuert. Heftiger, böiger Wind jagt Regenschauer über den Flug- Hasen Tempelhof. Die nassen Dahnen, die Farben der am Wettbewerb beteiligten Nationen, schlagen klatschend gegen die Mäste. Der Himmel grau, die Häuser auf der Neuköllner und Tempelhoser Seite verschwimmen im Dunst— es ist ein trostloser Anblick! Ueber den Flughasen rollen gelbe Tankwagen. Polizisten stehen fröstelnd umher. Von Tischen und Stühlen tropst das Wasser. Man geht zu den westlichen Hollen und dort sieht man mit einen» Male, dah alles in Betrieb ist. Moirteure rennen umher, Benzin wind getankt med nun werden die ersten fünf Maschinen aus der Holle gebracht. Es sind drei polnische Apparate, die in ihrer niedrigen, gedrungenen Bauart wie Enten aussehen, es ist�ic stark gestaffelte Maschine der Zlkademischen Fliegergruppe und die „Math" des Engländers Butler. Piloten und Beobachter nehmen ihre Plätze ein, die Propeller werden angeworfen. Neben den Maschinen stehen Freunde und Bekannte, noch ein Händedruck, ein frisches„Glück ab!" und die erste Staffel rollt zum Startplatz. der sich auf der Ostseite des Platzes, in der Nähe der„Sturmvogel"- Hallen befindet. Schon hat die zweite Staffel Aufstellung genominen, drei englische Maschinen mit den„Kanonen" Butter, Braad und Carberry am Steuer, ein deutscher und ein Schweizer Eindecker. Kurz vor neun. Der Regen läßt etwas nach, und jetzt sieht man, daß sich trotz des Sauwetters überall Zuschauermassen ein- gefunden haben. Punkt neun! Die erste Staffel gibt Vollgas, die Moschinen rasen über hen Boden und fliegen, schnell Höhe ge- ivinne nd, an uns vorüber. Die Flugzeuge schweben noch über der Teinpelhofer Siedlung, da folgt schon die zweite Staffel. Der Start erleidet nicht die gering st e Berzögerung. Ob es nun gerade in Strömen gießt oder der Wind besonders heftig über den Platz fegt'— völlig gleichgültig: die Maschinen werden auf die Reise geschickt. Letzten Endes sollen sie ja auch beweisen, daß sie nicht nur Schöruvetterslltgzeuge sind. Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet man den Start der beiden einzigen weiblichen Teil- n e h m e r, der Engländerinnen B a i l a y und S p o o n e r. Lady Bailay, Mutter von fünf Kmdern, steigt lächelnd in ihre Kiste, uno auch Miß Spooner ist siegesgewiß. Punkt zehn Uhr hebt sich die SO. Maschine, eine Klemm- Deimler, vom Boden und ist bald unseren Blicken entschwunden. Während Udet noch seine Kunstftüge zeigt, trifft bereits die Meldung ein, daß Kapitän Broad als erster Flugteilnehmer in Braun- schweig gelandet ist. In Braunschweig kamen die ersten Maschinen gegen 10.15 Uhr auf dem Flugfelüe in .Sicht- Als erster lairdete dann um 10.20 Uhr, wie gemeldet, der Kapstahtfliegcr Butler(England), der die 201 Kilometer lange Strecke in 1 Stunde 20 Minuten zurückgelegt hatte: um 10.25 Uhr lieger in Calais I - Bisher glatter V erlauf landete der Engländer Broad, der 1 Stunde 21 Minuten geflogen war. Als dritter kgin die Maschine D 18 um 10.26 Uhr mit dem Piloten Neininger von der Akademischen Fliegertruppe Darm- stadt an. Zy Frankfurt am Alain. Kurz nach 1230 Uhr erschien der Engländer Bryad mit seiner „Motte", der in Brauuschlveig als erster um 10.56 gestartet war. Er landete um 12.40 Uhr und hatte somit für die 273 Kilometer lange Strecke trotz des starken Gegenwindes nur 1%. Stunden benötigt. S«in Stundendurchschnitt dürfte rund 200 Kilometer betragen habe,». Den» Engländer soleste um 13.01 Uhr sein Landsmann Butler, gejolgt von dein Engländer Thorr». Um 13.10 Uhr landete der Pole K a r p i n s k i. Dann erschien am Horizont das erste deutsche Flugzeug, die Maschine der Akademischen Fliegergnrppe Darmstadt, gesteuert von N e i n i n g e r. In Reims. Bon den am Internationalen Rundflug 1930 teilnehmenden Piloten landeten in Reims um 16.50 Uhr M o r z i.k- Deutschlands um 16.50 Uhr Zwirko- Polen, 16.51 P o l t e- Deutschland; um 16.52 Uhr F i n a t- Frankreich, um 17.04 Uhr Zlrrachart- Frankreich, um 17.07 Uhr Andrews- England, 17.13 Uhr Cornez- Frankreich. 17.27 Uhr von Massenbach-Deutschlarrd, um 17,31 Uhr Bajan-Polen. 17.31 Uhr Poß- Deutschland. Der polnische Flieger Karpinski ist trank in Saint-Änglevert angekommen und mußte in die Klinik übergeführt werden. Reims erreichten 20 Deutjche, 9 Polen, die Schweizer Maschine und die Spanier T 5 und 7. Eine deutsche Maschine, C 6, mußte in Luxenrburg wegen Benzinmangels notlanden. Oer Stand in Calais Die Spitzengruppe, die aus 15 Maschinen bestand, llhar- nachtete wegen des ungünstigen Wetters über dem Kanal im Flug? Hasen St. Jnglevert von Calais, und zwar bestehend aus allen sieben englischen Teilnehmern, den Deutschen Morzik und Polte, fünf Franzosen und dem Polen Karpinski. Das Gros der Flieger blieb gestern abend in Reims, und zwar 22 deutsche, 10 polnische, 2 spanische Maschinen sowie ein Schweizer, insgesamt 35 Maschinen. Acht Flieger, darunter der Spanier Navarro, der über Nacht sein bei der Landung zerbrochenes Fahrgestell reparierte, verbrachten die Nacht in Frankfurt a. M. Zwischen Frankfurt und Reims blieb gestern der deutsche BFW.-Flleger v. Waldau wegen Brenn- stosfmangels in Luxenburg liegen. Der Deutsche Aichese aus PKW., der wegen Motovdefektes hei Gardelegen notlanden mußte, konnte wenige Minuten vor dem um 8 Uhr erfolgenden Lontrollschiuß noch den ersten Etappenpunkt- Braunschweig erreichen, wo er über Nacht blieb. Auf dies« Werfe gelang es ihm, sich die weitere Teilnahme an dem Wettstreit zu sichern, da nach den Ausschreibungen an jedem Tag des Rundsluges mindestens eine Etappe zurückgelegt werden muß. Dir Spitzen- gruppe dürfte heute über den Kanal nach B r i st» l-�L on- don und dann wieder zurück über Eälgis— Paris und Portiers nach Pau in Südfrankreich fliegen, wo nach dem Reglement der Start zum Weiterslug nicht vor dem morgigen Dienstag, dem 22. Juli, 7 Uhr srüh, erfolgen dyrs. Auf diese Weis«, will man, erreichen, daß den zurückliegenden Fliegern die Möglichkest gegeben wird, mit der Spitze, oder wenigstens mit dem Gros aufzuschließen. Ebenso dyrf der Start in Lausanne nicht vor dem 25. Juli vonstatten gehen. Der Sonntag der Arbeitersportler Lausitzer Kreistest vor XOOOO Zuschauern in Forst Schon qm Festsonnabend zu? Eröffnung im Stadion und zum Jugendfestspiel hatten sich 10000 Besucher eingefunden. Unter den Bcgrüßungsrednern befand sich auch der Regierungspräsident von Frankfurt und vom Bundesvorstand der Genosse Bühren. Den Höhepunkt des Festes bildete am Sonntag der Festzug, an dem sich 6000 Aktivs beteiligten. An den Freiübungen nahmen 2600 Turner und Sportter beiderlei Geschlechts teil und auf 8 Spielplätzen wurden ohne Unterbrechung Fuß- und Handballspiele durchgeführt. Das Stadion war mit etwa 20 000 Menschen angefüllt. Besonderen An- klang fand auch ein Majseiikonzcrt vyn 600 Spielleuten und 100 Blusmusikern. Das Haupffußballlpiel boten die Auswahlmann- schosten von Sachsen und der Lausitz, das Sachsen 4: 3 gewann. In, Handball siegte der Kreismeister Weißwasser über die Bezirks- Mannschaft Senstenberg 5:2 und im Hockeyspiel blieb Cottbus-Ost über ASC.-Berlm mit 3:1 im Vorteil * Rote Fahnen und einen freien Sportgefft trugein am Sonn- abend und Sonntag die bayrischen Arbciterturner und-sportter nach Amberg. den schvmrzesten Winkal in Bayern. Dos erste Oberpfälzer Arbeiterturn- und Sportfest zeigte olles, was der Arbeitersport zu bieten hat. Bon der hinreißenden Jugendfsicr bis zur Leichtathletik und den Spielen aller Art. Die Zahl der aktiven Teilnehmer der Bezirke Oberpfalz betrug an die 2000. Im Fußballspiel gewann Weiden gegen Städtemamffchaft Nürnberg 2:1. � Das 13. Kreisfest der Nordmark in Astona litt unter der Ungunst des Wetters. Trotzdem geschah die Abwicklung programmäßig. Das am Sonnabend im Rahmen des Festes aus- getragene Fußballspiel der Auswahlmannschaften Sachsen gegen Rordmark nahm einen äußerst spannenden Verlauf und endete mit einem 2: 1-<0: 0->Sieg der Sachsen. Anschließend an den Fackelzug fand vor dem Altonacr Rallzaus eine imposante Kund- oebung statt. Der Festzug am Sonntag, unter Vorantritt starker Spielmannszüqe botall--'V«lt»»Sist«!rs<�att In den Spielen um die Fußballweltmeisterschaft in Monte- oideo wurde wider Erwarten die französische Mannschaft von der chilenischen Mannschaft knapp 1:0(Ö: 0) g gf chla.gen. Ar. genffnien besiegte Mexiko mit- 6: 0. Im weitere». Verlauf mußten die Franzosen, die gegen Argen- tinie» eine so große Partie geliefert hatten und nur 0: 1 unter- legen waren, eine zweite Niederlage einstecken. Sie wurden dies- mal ooi». Chile mit dein gleichen Ergebnis 1:0 geschlagen. Das Treffen Argentinien— Mexiko nahm einen torreichen Verlaust und sah die Argentinier schließlich mit 6: 3 Toren erfolgreich. Argen- Ilnien und Chile haben nunmehr am Dienstag um den ersten Platz in der Gruppe 1 zu kämpsen, während Uruguay und Rumänien am gleichen Tage um den Endersolg in Gruppe 3 streiten werden. In den Gruppen 2 und 4 stehen in Jugoslawien, bzw. Nordamerika bereits die Sieger fest. 3nic Schwimmer Sfcatioitesbucg»4 P. 20, Ufit, im Sofoi nun 3flcmdS, Äaiserin-.Augusta.Mcc 72, SchMimmwartssitzu»>g. Mintiichc Stettin- sahrer müssen erscheine». Arbeiter Rod->u>!> drastsahrerbund„TolidaritAt", Ortsgruppe Krog-Bcrlin. 3. Abteilung. Am 18. Juli starb unsere Genossin Frau Tsscrese Suyirtamski, Die Einäscherung findet am Dienstag, dem 22. Juli, IS Uhr, im Krematorium Baumschulciuveg statt. Rege Beteiligung wird erwartet:— Asse Genassbn, die Interesse an einer aemeinsatnrn Batinsahrt»uiii Bundesfest nach Dresden baden, treffe» sich am Dienstag, 22. Juli, 20 Uhr. bei Schreiber, Triftstr. HZ. SfTSB. Bz. Lichtenberg. Do sämtliche anderen Hallen geschlossen sind, turne» von jetit ad: Iungmädchen und grauen über 25 Jahre Mittwochs in der Schulturnhasse in Stralau, Alt Stralau 35, 20—22 Udr. Männliche Jugend, Männer und Altcrsricgc: sZrcitags von 20— 22 Uhr ebenda.— Jeden Mitt- wach: Platz in der Synaststr. ab 18 Uhr. Die ErSffuung unserer Hallen wird allen Mitgliedern betauntgcgeben. Freie Schwimmer G ratz. Berlin c. V., Gruppx Lich'tcnbcra. Bcrsamm- lung bei Wcgcncr, Jrantfuricr Allee 280, am Sonnabends 20. Juli, 20 Uhr. Gruppe Mitte: Frauen-V-rsammluiig Geschäftsstelle Etsaslerstr. 80, Donners- tag, 24. Juli, 20 Uhr. Die für Montag. 21. Juli, angesetzte Vcrcinssrauen» Versammlung betrifft nur Gruppe Jriedrichshain. MoutaK, 21. Juli. Berlin. � 10.05 Dr. AUr�J»Yfrncr: Estland. 16.30 Lieder(Fatnia Ojernilc, Sopran; am Flügel Julius Börner). AoschlieBend Konzert, l. Lieder(chdmund Josefiak. Tenor; am Flichel Julius Bürger).— 2. a) Scarlatti; Zwei Spnaten: b) Schumann: Ahegg- Variationen, PP. I(Edgar Weinkauf, Klavier).— 3. Lieder(Edmund Josefiak).— 4. Chopin: Scherzo B-Moll, op. 31(Edgar Weinkauf).— 5. Lieder (Edmund Josefiak). 17.30 Karl Vogt; Wander- und Lagerlebcu. 18.00 Heinrich Pieiifer; Erlebaisse eines Tropcniournalisten. 18,30 fleinz Stroh:„Jugend vor und nacb dem Kriege," 19.00 Arbeitsmarkt. 19.05 Uaterbaltungsmusik. 20.30 Von Mfien: Konzcit. Ltg,: Prof. Kobcrt Hpger. Solistin: Kammersängeria Berta Kiutina. 1. Nicolai: Ouvertüre zu„Die lustigen Weiber von Windsor'. 2, Gustav Mahler: Lieder.— 3. Korngold: Lautenlied der Marieita aus„Die tote Stadt".— 4. Rieh. Strauß; Dan Juan, sinfonische Dichtung.— 5. Heger: Sisfonie ffr. 1. D-Moll, oo. 15.(Wiener Sinfonie- Grehester.) Kach den Abcndmelduugen bis 0.30: Tanzmusik. Königswusterhaasen. 16.00 SchallplatlenkonzerL ITJO Rektor M aushake: ßie ländliche BartbUdungsschule. 18.06 Georg VinamägiH Estnische Volkslieder. 18.30 A. Meyer-Rinteln: km Teutoburger Wald. 19.00 Lisbet Dill: Reise durch Lothringen. 19.25 Dr. Hermann Reischic: Zweckmäßige Absatzgeslallung im Gartenbau. 20.00 Köln; Abendmusik. 2100 Köivr Kinnes. Republikanische Massenkundgebung in Röntgental In der kleinen Kolonie Röntgental, der Stätte des brutalen Ueberfalls der Nationalsozialisten auf Reichsbannerleute, der zur Zeit das Berliner Gericht beschäftigt, marschierte am Sonntag das Berliner Reichsbanner auf, um gegen die nationalsozialistischen Mordtruppen zu demonstrieren. Vor dem Lokal Meissel, an der gleichen Stell«, wo die Kugeln der Nationalsozialisten einen Unbe- teiligten töteten und drei Reichsbannerkameraden oerletzten, trat das Reichsbanner zu einem eindrucksvollen Aufmarsch an, und marschierte durch die Straßenbezirke des Ortes. Am festlich ausgeschmückten Goetheplatz nahm der Zug Aufstellung. Auch an der Schluß- kundgebung fiel die besonders starke Beteiligung der Rönigentaler Einwohnerschaft auf. Kamerad Arno Scholz wies in seiner An- spräche nach, daß die Nationalsozialiften feige und hinterhältig sind, daß sie sich vor ihren Kumpanen ihrer Mordtaten rühmen, und vor Gericht kneifen. Die Anklagebank in Moabit zeigt die Elite der Nationalsozialisten. Verkrachte Existenzen und höhere Schüler. Dos Reichsbanner begrüßt die Initiative der preußischen Staatsregierung in der Frage des Uniform- und Waffenverbots. Ein« doppelte Wahl- arbeit erwartet uns. Einmal wird jeder Reichsbannermann in seiner politischen Partei tatkräftig mitarbeiten und darüber hinaus wird I auch das Reichsbanner fein« Aktivität während des Wahlkampfes oerstärken, und zivar ausschließlich zu einer Aufklärungsarbeit gegen die Nationalsozialisten. Ein Hoch auf die Republik schloß die Ver- anstaltung, die wohl die ganze Bevölkerung Röntgentals auf die Beine gebracht hatte. * In Schön eif elb veranstaltete das Reichsbanner eine republikanische Feier, die die Nationalsozialisten mehrfach zu stören versuchten. In den Abendstunden fielen die National- sozialisten über drei Reichsbannerkameraden her. die sich recht kräftig wehrten und auch ihre Kameraden herbeiriefen. Di« National- sozialisten gingen in das Lokal von Ebcrtus und warfen von dort mit Bierseideln und anderen Gegenständen nach den Reichsbanner- leuten. Aus dem Lokal wurden auch Schüsse abgegeben, und zwar, wie von zwei Zeugen festgestellt werden konnte, von dem Nationalsozialisten Fälsch. Die Kameraden wollten den Schicßhelden seststellen und oersuchten in das Lokal einzudringen. Ueberfall- komandos trennten die beiden Gruppen und stellten auf Verlangen der Reichsbannerleute die im Lokal anwesenden National- sozialisten fest. Schweidnitz gegen Zieichsbanner. Erinnerungen an ein deutsches Gericht/ Von Otto Landsberg M.d.�. von beiden Seiten gesündigt worden ist und daß es auf beiden Seiten Heißsporne gegeben hat, die die Geleg-rnheit zu einer Schlägerei gerne benutzt haben. lind da war es bezeichnend, daß die sämtlichen in Betracht kommenden Die Zeitungsnachrichten über die Begründung, mit der die Straf- kammer in Schweidnitz ihr Urteil im Landfriedensbruchprozeß gegen die Nationalsozialisten versehen hat, haben nicht gerade angenehme Erinnerungen an«ine Strafsach« in mir wachgerufen,' in der ich vor fünf Iahren vor dem Schöffengericht in Schweidnitz zusammen mit meinen Parteifreunden Bandmann, Rad- b r u ch und Bärensprung 39 Reichsbannermit- g lieber verteidigt habe. Sie sollten sich bei einem Zusammenstoß mit Stahlhelmern des Landsriedensbruches schuldig gemacht haben. Damals hatte ich den Eindruck, vor einem Gericht zu stehest, das dem Stahlhelm seine Gunst schenkte. Ob man einen Fortschritt darin zu erblicken hat, daß die Sympathien des jetzt tätig gewordenen Gerichts Herrn Hitler zu gehören scheinen, lasse ich dahingestellt. Die Nationalsozialisten hatten in Schweidnitz Glück; sie wurden von der Anklage des Landfriedens- bruches freigesprochen. Di« Reichsbannerleute waren Pech- vögel, denn 23 von ihnsn wurden damals wegen Landfriedens- bruches mit Strafen, die von drei Monaten biszuzweiIahren Gefängnis gingen, belegt. Es gereicht mir zur Genugtuung, mitteilen zu können, daß das Amneftiegesetz von 1923 sie vor der Notwendigkeit bewahrt hat, ihre Strafen zu verbüßen. Mir liegt es fern, anzunehmen, daß die Mitglieder des Schweid- nitzcr Gerichts in jenem Falle von vor fünf Jahren das Recht gebeugt haben, aber ich habe selten ein solches Maß von Unfähigkeit, sich in Anschauungen anderer Menschen zu versetzen und sich von eigenen, vorgefaßten Meinungen freizumachen, erlebt wie bei den Menschen, die dazu berufen waren, in jener Sache als Richter zu fungieren. Die beiden Schöffen waren die Witwe eines Erbscholtifeibesitzers und ein Gutsbesitzer. Die Schöffin, die das Abzeichen des Königin-Luise-Ordens um den Hals trug, macht« auf der ihr vorliegenden Lifte der Zeugen einen Strich hinter dem Namen eines jeden von ihnen, der auf die Frage des Vorsitzeirden erklärt-!, er wolle den Eid in der weltlichen Form leisten. Wahrscheinlich erachtete sie diese Zeugen für besonders glaub- würdig. Wir Verteidiger brachten durch Vermittlung des Staats- anwalts diese Tatsache, die dem Vorsitzenden merkwürdigerweise verborgen geblieben war, zu seiner Kenntnis. Er scheint es indessen nicht für nötig gehalten zu haben, der Dame die Unzulässigkeit ihres Tuns vor Augen zu führen, denn sie setzte es weiter fort. Von den rechtsgelehrten Richtern hatte der«ine zu den Akten angezeigt, er habe einmal an einer Veranstaltung des Stahlhelms teilgenommen und habe an dem, was er dort gehört und gesehen habe, solches Wohlgefallen empfunden, daß er um Ausnahme nachgesucht habe; er habe aber später an die Möglichkeit gedacht, daß er im Fall« von Konsliktcn zwischen Stahlhelm und gegnerischen Organi- sationen als Richter in eine üble Loge geraten könne, und habe des- halb sein Aufnahmegesuch zurückgezogen. Für' besangen halte er sich nicht. Wir Verteidiger sind uns darüber einig geworden. von der Ablehnung dieses ahnnngsvoll.en Mannes Abstand zu nehmen, weil wir uns darüber klar waren, daß jeder seiner Kollegen, der an seine Stelle getreten wäre, die gleichen Sympathien für den Stahlhelm gehabt hätte wie er, ohne daß auch jeder andere sie ein- gestanden hätte. Den Gegenstand der Anklage bildete ein blutiger Zusammen- stoß zwischen Stahlhelm und Reichsbamwr, der sich bei einer Ver- anstaltung des erfteren in Striegau ereignet hatte. Er hätte meiner Meinung nach oermieden werden können und müssen und ich spreche die Reichsbannerleute von Schuld nicht frei. Daran ist aber nicht der geringste Zpeisel möglich, daß nicht nur von ihnen, sondern öffentlichen Gewalten einfach blind waren für die Mitverant. wortlichkeit der Stahlhelmleute und die ganze Schuld den Angeklagten und ihnen allein zuschoben. Von der Polizei in Striegau will ich gar nicht sprechen. Wer kann einem ehemaligen Unteroffizier Vorwürfe darüber machen, daß er aus seiner Haut nicht heraus kann, daß er z. B. die Ausforderung, den Stahlhelmern den Gebrauch einer varbotenen Fahne zu ver- bieten, mit Schimpfworten beantwortete, wenn geschulte Juristen, deren Rechtsgefühl imstande sein müßte, sie vor Einseitig. keit zu bewahren, die Dinge gleichfalls nicht objektiv betrachten können. Di« Staatsanwaltschaft hatte von vornherein die Untersuchung lediglich gegen die. Reichsbannerleute geführt. Erst in der Hauptverhandlung stellte sich aber heraus, daß der erst« Angriff einer zusammengerotteten größeren Schar von Leuten vom Stahlhelm, Ortsgruppe Liegnitz, ausgegangen war, der nach einigen unbedeutenden Rempeleien zwichen Einzelpersonen zur Attacke übergegangen war. Die Tatsache, daß dieser Vorstoß die Tatbestondsmerkmalc des Landfriedensbruches hatte, mußte auch der Vertreter der Staatsanwaltschaft zugeben. Wie rechtfertigte er die Nichterhebung der Anklage? Damit, daß die Liegnitzer Stahlhelm«? in Striegau unbekannt gewesen seien, so daß man ihre Namen nicht habe seststellen können. Daß jeder Verein Listen seiner Mitglieder hat, und daß das Vor- liegen des Verdachtes einer strafbaren Handlung die Staatsanwalt- schaft zur beschlagnahme des Verzeichnisses der Mit- gl ieder des. Liegnitzer Stahlhelms, berechtigt hätte, scheint dem Oberstaatsanwalt in Schweidnitz nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein. Die Aussage eines Entlastungszeugen namens W o l l n y schien der Staatsanwaltschaft verdächtig zu sein. Sie kündigte sofort während der Verhandlung an, daß sie gegen den Zeugen ein Ver- fahren wegen Meineides eingeleitet habe. Zwei Stahlhelm- führern wurden starke Verstöße gegen die Wahrheit nachgewiesen. Der eine von ihnen, der Striegauer Stahlhclmleiter Koch, bekundete mit aller Bestimmtheit, daß der Hauptangeklagte, Reichsbannermonn Müller> mit einer Wagendeichssl' noch«inbm im Zuge einher- gehenden Stahlhelmer geworfen habe. Als dann dieser Stahlljelmer selbst auf dem Zeugcnstand erschien, erklärte er. der Wurf sei von einem sganz anderen Mann« ausgegangen. Koch blieb gleichwohl bei seiner Bekundung und beschwor sie. Ein anderer Stahlhelmer, ein mittlerer Gerichtsbeamter namens V e i t h aus Steinau, bekundete, ein Beamter in dem benachbarten Orte Steinau hob« ihm mitgeteilt, bei einer ähnlichen Veranstaltung sei einer der Angeklagten ihm in höchstem Maße renitent gegenübergetreten. Wir Verteidiger beantragten d'e Ladung dieses Beamten, und es stellte sich heraus, daß an der Bekundung Veiths kein wahres Wort war. Weder hatte der bezichtigte Angeklagte sich gegen ihn widerspenstig benommen, noch hatte er darüber dem Veith eine Mit- teilung gemacht. Von einer Untersuchung wegen Msineides, die die Schweidnitzer Staatsanwaltschaft gegen Koch und Veith eingeleitet hätte, ist nichts bekannt geworden. Ein harmloser Striegauer Arbeiter Lissel war von den Stahlhelmern in geradezu grauenhafter weise mißhandelt worden. Um sich zu rechtfertigen, behaupteten die Subjekte, der Ge° schlagen« habe vorher eine Schußwaffe abgefeuert. E� selbst und sein Begleiter bestritten dies auf das Entschiedenste. Die Staats- cnwaltfchaft beantragte gegen ihn noch während der mehrere Wochen dauernden Hauptoerhandlung den Erlaß eines Strasbefehls wegen Gebrauchs einer Schußwaffe. Das Hauptziel der Staatsanwaltschaft war, die Verurteilung des angeblichen Organisators des Land- friedensbruches, des Lehrers Geburt aus Gräben, zu erzielen. Durch eine große Zahl von Zeugenaussagen wurde bewiesen, daß die'er Mann nicht gehetzt und geschürt, sondern sich mit größtem Person- lichen Mut für die Ausrechterhaliung der Ordnung eingesetzt hatte. Das hielt die Staatsanwaltschaft nicht davon ab, gegen ihn eine hohe Gefängnisstrafe zu beantragen; ihre Vertreter meinten, Geburt habe sich durch sein« Schlichtungsversuche nur ein Alibi sichern wollen. Das Gericht vermochte ihnen allerdings hierin nicht zu folgen, sondern sprach Geburt frei. Aber im großen ganzen war das Gericht ebenso eingestellt wie die Staatsanwaltschaft. Es war nicht zu leugnen, daß die Stahlhelm er von vornherein zu einem Zusammen st oß mit den Striegauer Arbeitern entschlossen waren und sich darauf durch Mitnahme aller möglichen Wösten vorbereiteten. Es mar ferner erwiesen, daß aus Stahlhelmkreisen Morddrohung cn gegen den beim Stahlhelm besonders verhaßten republikanischen Lehrer Geburt ausgestoßen worden waren. Und da war es für uns Verteidiger geradezu niederdrückend, daß wir sehen mußten, wie sich die Richter förmlich mit Gewalt dagegen auflehnten, den die Stahl- helmer belastenden Zeugenaussagen Glauben zu schenken. Wenn die Stahlhelmer aus Handgranaten, die einwandfrei« Zeugen in ihrem Besitz gesehen hatten, Bierflaschen machten, fanden sie ohne weiteres bei dem Gericht Glauben; und als ein Zeug« bekundete. daß er bei den Stahlhelmern Gummiknüppel gesehen habe, fragt« ihn jener Richter, der«inst um die Aufnahme in den Stahlhelm nachgesucht hatte, ob es nicht kleine Flöten gewesen sein könnten. Ganze Tage der Verhandlung wurden damit ausgefüllt, aufzuklären, ob den sozialdemokratischen Landrat des Striegaucr Kreises, Dauben- thaler, eine Verantwortung für die Anklagevorgänge treffe. Wir Verteidiger fragten uns v-ergebens, was diese Untersuchung mit der Anklage zu tun habe, da Daubenthaler nicht etwa unter den An- geklagten war. Erst kurz vor Schluß der Verhandlung erhielten wir di« Aufklärung. Der Stahlhelm hatte am Tage nach den Striegauer Vorfällenein geheimes Schreiben versandt, in dem er sein« Anhänger u. a. ausforderte, alles Material heranzutragen, das sich gegen Daubenthaler ermitteln lasse, damit sein« Entfernung aus dem Amte herbeigeführt werden könne. Und dieses Zel des Stahlhelms suchten Staatsanwaltschaft und Gericht zu fördern. Der Stnhlsteliner Oberlehrer Bai er aus Liegnitz erdreistete sich, in seiner Aussage' von den Reichssarben Schwarzrotgelb zu sprechen. Ich fuhr ihm gehörig über den Mund, worauf er sagte:„Oder Schwarzrotgold." Als ich den Vorsitzenden, es war derselbe, der in erster Instanz den Prozeß gegen die Nationalsozialisten geleitet hatte, ersuchte, dem Zeugen eine Rüge zu erteilen, erwiderte er milde:„Er hat sich ja schon berichtigt." Ich Hab Schweidnitz nach Beendigung der Verhandlung mit dem Gefühl unsagbarer Bitterkeit verlasien und ich hoste, daß es mir erspart sein wird, noch einmal zur Ausübung meiner Berufstätigkeit in das hübsche schlesische Städtchen zurückzukehren, wenigstens solang«, bis die Justizverwaltung dafür gesorgt hat, daß die Rechtsprechung auch in Schweidnitz von Männern ausgeübt wrd, die imstande sind, die erst« Pflicht des Richters zu üben, di« U n- Parteilichkeit! Verbandstag der Bergarbeiter Gedenkfeier für die Hausdorfer Kameraden. Breslau, 21. Juli.(Eigenbericht.) Am Sonntag begann hier mit einem sreigewerkschastlichcn Jugendtreffen die 27. Generalversammlung des Bergbauindustrie- arbeiterocrbandes. Mit der Jugend fanden sich tausendc alter Kämpfer in der Iahrhunderthalle zusammen. Durch das Rot un- zähliger Fahnen blickt schwarzer Trauerflor, der die Opfer der Hausdorfer Katastrophe ehrt. Im Namen des Verbandes gedenkt der erste Vorsitzende H u s e m a n n in warmen Worten der Opfer von Hausdorf. D e j a r d i n- Brüssel, Vizepräsident der Berg- arbeiterinternationale, überbrachte die Grüße der ausländischen Verbände. Die eigentliche Eröffnung des Verbandstages war in ihrem ersten Teil dem Gedächtnis der Hausdorfer Opfer gewidmet. In den beiden letzten Iahren hätten im preußischen Bergbau, so führte Husemann aus, 23 Unglücksfälle 250 Tote und 150 Verletzt« gefordert. Wenn sich jetzt das ganze Volk dcmutsvoll vor den Opfern neige, so werde keinem Familienvater das Leben zurückgegeben. Würde man den lebenden Bergarbeitern nur den zehnten Teil der Anerkennung entgegenbringen wie den Toten, dann stände es um den Schutz und die Lebensbedingungen der Bergleute besser als jetzt. Alle Kräfte müßten angespannt werden, um die S ch u tz b e d i n g u n g e n für die Bergarbeiter zu oerbessern und die Antreiberei durch die Rationalisierung abzuschaffen bzw. die Arbeitszeit zu verkürzen. So würden die Toten des Bergbaus am besten geehrt. Der zweite Vorsitzende des Bergarbeiterverbandes Schmidt begrüßt« im Anschluß an die Trauerkundgebung die 150 Delegier- ten der Generalversammlung und die Gäste. Am Schicksal des Ostens, so führte Schmidt weiter aus, sei das ganze Deutsche Reich stärkstens interessiert. Der einzige Lichtstrahl der letzten Zeit, die Rheinlandräumung, sei mit das Werk der Gewerkschaften. Sie hätten sich in schwerster Zeit immer als erste Stütze der Republik erwiesen. Jetzt gelte es, eine Verständigung bezüglich der Saargruben zu suchen, um mit den 25 000 organisierten Kollegen wieder in Der- bindung zu kommen. Die Lösung könne nur so erfolgen, daß die Gruben an ihre früheren Besitzer zurückgegeben werden. Jeder Versuch, einen Lohnabbau im Bergbau durch- zuführen, werde den stärksten Widerstand der Bergarbeiter und der Organisationen finden. Der Weg aus der Wirtschaftskrise müsse auf di« Stärkung der Kaufkraft des arbeitenden Volkes hinaus- laufen. Die Bergarbeiter würden die bevorstehenden schweren Kämpfe bestehen, wenn sie einig seien.— Die eigentlichen Verhandlungen wurden heute aufgenommen. Aachiliches Feuer am Gesundbrunnen. Dachstuhl völlig ausgebrannt.— Brandstiftung vermutet. In der Nacht zum Sonntag wurde der Dachstuhl des Quer- gebäudes Hochstraße 43 durch eip Feuer völlig zerstört. In- folge des heftigen Windes griffen di« Flammen mit rasender Ge> schwindigkeit um sich. Unter großen Anstrengungen gelaug es den Löschzllgen nach fast zweistündiger Tätigkeit, den Brand niederzu- kämpfen. Als Entstehungsursache wird Brandstiftung ver- mutet.