BERLIN Mittwoch 13. August 1930 erf4e{sttttri4«ttfer6»ttstM4. Zugleich Abendausgabe de«.Vonvjrt«'. Bezuz«xrei« beide Ausgaben SS Pf. pro Woche, Z,soM. pro Monat. Redaktion und Expedition; BerlinSWS8,Lindenstr.Z 10 Pf. Nr. 326 B 167 47. Jahrgang Anteig euprels: Die einspaltig« Nonpareillejeil« SV Pf., Reklamejeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwärts-Derlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Wo sind die Fälscher? Neuer Nachweis der kommunistischen Kälschungsmeihoden Nachdem wir sefter« den Brief veröffentlicht habe«. de« die Redaktion des„vorwärts" an die Photo- ftraphenfirma Horlemann am K. August d. I. gerichtet hotte, hat sich diese Firma endlich veranlaßt gefunden, auf den Vorwurf der Irreführung zu ant» Worten. Mit dem Poststempel vom 13. erhielten wir heute den Brief, den wir hierncben im Lriginal(Faksimile) wiedergeben. Die Ausreden der Firma Horlemann, daß sie ein jahrealtes Bild nur„aus Versehen" in eine Serie neuer Bilder aufgenommen habe, wird ihr kaum ein Mensch glauben. Aber die Mitteilung, daß sie die gleiche Sendung wie an den„Vorwärts" so auch an vierzehn andere Blätter gesandt hat, wird nicht widerlegt werden können, nicht einmal von den eisenstirnigen Lügner» in der„Noten Fahne", die auch nach Kennt- nisnahme unseres Briefes an Horlemann an der Be- hauptung festhalten, der„Vorwärts" hätte„bewußt ge- fälscht, um den politischen Bankerott der Panzerkreuzer- SPD... zu vertuschen". Wo in Wirklichkeit die Fälscher fitzen, das erläutern wir durch die Wiedergabe des Kopfes einer sogenannten kommunistischen Schülerzeitung, die nach bekannter Methode auf einem Abzieh» apparat hergestellt wird und diesmal für die Schüler und Schülerinn der 10. und 11. Gemcindeschule bestimmt ist. In dieser Schülerzeitung werden die Kinder awfge- fordert, die Vcrfaffungsfeiern zwar zu besuchen» aber sie 3)as Qefländnis ILJLUSTRATIONS-VERLAG U. HORLEMANN, BERLIN W 57, WINTERFELDTSTRASSE 35 BERLIN W KT. DEN «Sss* .lelnktio» o'r»» r.t».. B e r VI'«, ct. 68 »ir f.rclfft*« rom d.« BMoaitrstlosM aa l.iaguat iLotaaluMa In loat- gartM»af Wiat.rf.ldtpl.tt u, wslok.«at.r das Tlt.l: lati- Krl.gBknadE.tnag.m dar Barliaar Arb.lt.r.ok.ft• u 14 Zaitnag.« oks. Bttok.lokt aaf Futatrloktnag,»nok bttrg.rllokaa.iHga.Mdt vorda. - Barak aaaar Taraakaa nad UKTaratäadala kaa aook du Bild dar datl- KriagadanoaBtratlea rg« 1.T1IJ.29 oatar da» Tltal: Oalöbala-IIa»ladar Krlag■ 1s dlesea Tartud. Wir badaoara du anfiarordaatllak oad arklkraa, du* aas Zada barofita 4b»lokt_alaar Xrrafttkrnag fara galagas k.t. Woekuktojigsaell A. V oK An ine Redaktion des„Dorinärts" Berlin SW, 68, Wir fertigten von den Demonstrationen am l. August Aufnahmen im Lustgarten und auf dem Winterfcldtplatz an, welche unter dein Titel:„Antikriegskuirdgebungen der Berliner Archeitersäioft' an 14 Zeitungen ohne Rücksicht aast Parteirichtung, auch bürgerlichen, zugesandt wurde. Durch unser Verschen und Mißverständnis kam auch das Bild der Antikriegsdemonstration vom 1. August 1929 unter dem Titel: Gelöbnis „Nie wieder Krieg" in dielen Versand, Wir bedauern das außerordentlich und erklären, daß uns jede dewußte Absicht einer Irre- führung ferngelegen hat. Hochachtungsvoll R. Horlemann. LorlswRQB «k.»IchlMvHAP— Td Notadcd HS dJ/VS ROI t Pfgu->». a-RNg»? u,_BaWIl9riRoas der Cmalodaeohnle. .ugust XS>I0«. VerantwortllohiKIiiiötler,U.d.R. Rsdajrtlon da« Voraftrt* U nssr Vateridnd i st die So�jetuniq/i/ tt I MS* 3 MIT B«R TJBJA'SS tr Aß"! I I to II. Aognat Warden in eil an Schulart SeytbehlBnda Tarfuenagafalarn atatt- f Inden. Auf diesen Fe lern wollen dla lehre», vc» wladar für die Verfusung.dia keine Verfassung lat.bagaittem. J. rte-tat lalna Verfaj»uns.dann Jettt wird J. In Bauteehlud mit dem Artikel- dd.aleo dar rlktatur dar relshan Eurgar. regiert. Weser'Artikel«8. der VerftEaung erlaubt'tdRl die Regierung u. Klndanburg den Setohatag auflösen and ellelne reglersn.Ilaaen Zustand haben wir jettt in Deuisdh. Iddd u» sollen Ihn auch, neoh felenuEes Manen wir auf keinen"all tui»_— durch Zwischenrufe wie„Nieder mit der Verfassung und der Ausbeuterrepublik" zu stören. Als verantwort- l i ch für den im Karl-Liebknecht-Haus hergestellten Blöd- sinn seht man «ümtlci-, M. d. R-, Redaktion des„Vorwärts" Run ist ja möglich, daß die bisher als„verantwort- lich" angeführten Namen kommunistischer Reichs- tags- und Landtagsabgeordneter selbst bei zehn- und zwölfjährigen Schulkindern nicht mehr daö nötige Ansehen genießen und daß man deshalb, um über- Haupt irgendwelche Wirkung zu erzielen, den Namen eines bekannten Sozialdemokraten miß- brauchen muß. Aber die Tatsache dieser Fälschung unter Mißbrauch deS Namens Künstler und des Namens der „VorwärtS".Redaktion liegt urkundenmäßig fest. sv daß selbst die Moskauer Eisenstirnen sie nicht mehr auS der Welt disputieren können! Papageien der Börsianer. Die rechtsradikale„Berliner Börsenzeitung" vom Dienstag behauptet, bei der Verfassungsfeier der Soziali st i» schen Arbeiterjugend auf dem Gcndarmenmarkt sei beim Aufziehen der schwarzrotgoldenen Fahne gerufen worden:„Laßt doch den schwarzrotgoldenen Lappen unten, den wollen wir nicht sehen." Das Reißen der zu dünnen Fohnenschnur und das Herab- fallen der Reichsflaggc wäre vom stürmischen Beifall und Hände- klatschen begleitet gewesen. Diesen ofsensichtlichen Schwindel darf sich die.Sot« Fahne" nicht entgehen lassen. Sie greift die Notiz der„Börsen- zeitung" auf, schreibt sie in den Ton der„Roten Fahne" um und setzt sie am Mittwoch ihren Lesern vor als Zeichen der „Rebellion" in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Selbstverständlich ist an der Behauptung der Sow- jet-Börsianer kein wahres Wort. Als beim Aufziehen der Reichsflagge vor Beginn der Veranstaltung die Fahnenschnur riß, wurde sie sofort repariert und die Flagge unter dem Beifall der Umstehenden wieder ausgezogen. Die Schwindelmeldung der„Börsenzeitung" und der„Roten Fahne" entspringt einer gemeinsamen Quelle: dem Aerger darüber, daß die ihnen nahestehenden Jugendorganisationen nicht in der Lage sind, solch« Massen Jugendlicher um ihre Fahne zu sammeln, wie die Sozialistische Arbeiterjugend zu ihrer Derfassungsfeier. Postauto überfallen. Führer betäubt und mehrere taufend Mark geraubt. Schönebeck, 13. August. Zwischen den Ortschaften Eggersdorf und Viere(Reg.-Vezirk Magdeburg) wurde heute morgen ein Postauto des Post. amtes Schönebeck überfallen. Der unbekannte Töter hat den Führer des Postautos betäubt und mehrere tausend Mark entwendet. Der Führer ist noch nicht Vernehmung«. fähig. Nach den bi« seht vorliegenden Meldungen soll der Täter in einem grünen Auto in Richtung Schönebeck davongefahren sein. Die Oberpostdirektion Magdeburg hat für die Ermittlung de« Täter« eiu« Velohuuag 000 500 Mark ausgesetzt. Brandfiister am Werk? Oachstühle im alten Berliner Westen eingeäschert. In der vergangenen Nacht wurden die D a ch st ü h l e des Eckhauses Habsburger Straße 1 sowie des Seitenflügels durch ein verheerendes Feuer, das auf Brandstiftung zurückgeführt wird, völlig zerstört. Die Feuerwehr halte stundenlang angestrengt zu tun. um ein Uebergreifen des Feuers auf die Nachbarhäuser zu verhindern. Gegen 1 Uhr schlugen aus den Bodenluken an mehreren Stellen zu gleicher Zeit die hellen Flammen empor. Die alarmierte Feuer. wehr sah sich bei ihrem Eintreffen an der Brandstelle vor einer sehe gefährlichen Situation. Der Dachjtuhl brannte bereits in seiner ganzen Ausdehnung lichterloh und Teile eines hohen Leiter» g e r ü st e s hatten gleichfalls Feuer gefangen. Als die mechanischen Leitern von der Habsburger und Winterfeldtstraße in die Höhe gc» wunden wurden, stellten die nach oben vordringenden Löschtruppz veröffentlichen im Blattinncrn die Abbildung des neuesten kapitalistischen Produktes: Siegelring, mit aufklappbaren, durch eine Feder feststellbaren, mörderischen Messern. Der „Abend-Vorwärts" fordert das Verbot der industriellen Herstellung aller solcher Bürgerkriegswaffen. fest, daß auch der Seitenflügeldachstuhl schon von den Flammen er- griffen war. Auf den Alarm„G r o ß f e u e r" rückten in kurzen Abständen unter Leitung des Oberbranddirektors Gempp vier weitere Löschzüge an. Unber drei mechanische Leitern und von den Nachbardächern wurde aus neun Schlauchleitungen Wasser gegeben. Trotzdem dauert« es nahezu zwei Stunden, bis die Gewalt des Großfeuers gebrochen war. Die Aufräumungsarbeiten, die später von mehreren Ablösungszügen vorgenommen wurden, dauerten bis in den Bormittag hinein. Der Schaden ist sehr hoch, da auch die gesamte Einrichtung eines im Dachgeschoß befindlichen Ateliers ein Raub der Flammen geworden ist. Die Wohnungen der oberen Stockwerke haben unter Wasser stark gelitten. Oer Staatsanwalt appelliert. Gegen das freisprechende Urteil im Minifterbeleidigungsprozeß Goebbels hat der Staatsanwalt heute Berufung emgelegt. Die neue Verhandlung dürfte in etwa acht Wochen in Hannover vor der großen Berusungskammer stattfinden. Betriebsfunktionäre zur Wahl. In der Versammlung der Berliner SPD.-Betriebs- und Ge- iverkschaftsfunttionärc am Dienstagabend in den Musikersälen sprach Genosse A. Falkenberg vom Vorstand des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes über das Thema:..Der 14. September und der politische Kampf im Betrieb e".' Der Kronzeuge gegen die Politik der Regierung Brüning ist ihr eigener Finanzminister Dietrich, der im Reichstag am 16. Äuli Klage über das Sinken der Zoll- und Steuereinnahmen führte. Daß dies nur die Folge der Politik der Regierung Brüning ist. vergaß er zu erwähnen, sondern er forderte die konsequente Fortsetzung und Verschärfung dieser Politik. Es ging der Regierung Brüning darum, die Folgen der Well- Wirtschaftskrise auf die Arbeilenden abzuwälzen. Sie will die Ar- beitslosen in Elend und Hunger stürzen, um sie dem Machtgebot der Unternehmer zu versklaven. Wäre nicht der Schuhwall der Sozialdemokratie, wie sähe heute die Sozialpolitik aus? Uns ist die Schuld zu- geschoben worden, durch unseren Regierungsaustritt die Krise verursacht zu haben, die doch zum Wesen des Kapitalis- m u s gehört. „Sparsamkeit" haben die bürgerlichen Parteien geschrien. Lächerlich kleine Beträge sind an überflüssigen Ausgaben„einge- spart" worden. Dafür kam Massenbelastung über Massenbelaslung durch die Kopf st eueer, die Gemeindegetränke st euer, das„Notopfer" der Beamten, das eine verschleierte Gehalts- lurzung bedeutet. Als der Reicbstag die Steuerpolitik der Regierung ablehnte, zog diese sich nicht zurück, sie beging stattdessen einen V c r- sassungsbruch. Dietrich hat von der Erschöpjung der Geduld der Regierung und unter dem Beifall der Jnteressentenparteien des Bürgertums gegen die parteimäßige Jnteressenpolitik gesprochen. Er hat damit uns recht gegeben und aufs schärfste die eigene Politik verurteilt. Di« Sozialdemokratie soll Verhandlungen unmöglich gemacht haben. Diese Behauptung der Regierung ist falsch. Es bilden sich zwei ganz klare Fronten. die der Diktatur und die unerschütterliche demokratische Front der Sozialdemokratie. Minister Treviranus, ein politischer Analphabet, hat ganz naiv ausgeplaudert, was die Diktoturregierung will, nämlich den Reichstag so lange inmier Viedsr auflösen und neu wählen lassen, bis er ihr zu Willen ist. Unter Führung der deutschen Sozialdemo- k r o t i e hat sich die Welt zur Demokratie hin entwickelt. Aber die Republik, die Demokratie, von der Herr Dietrich sogt, daß niemand sie beseitigen wolle, die wollen wir nicht, das ist die G e l d sa ck r e p u b l i k! Schluß mit der Jnteressentenpolitik soll gemacht werden; da- für sind wir auch! Wer hat im Interesse des deutschen Volkes den Poung-Plan zur Annahme gebracht, wer hat die heruntergewirt- schasteten Finanzen in Ordnung zu bringen versucht? Wir, d i e Sozialdemokr/itie! Frevelhaft hatte vorher der Bürgerblock gewirtschaftet: die Ruhrsubventionen, der Phöbus-Skandal haben bewiesen, wer Interessenpolitik treibt. Die Produktion wird belebt durch hohe Löhne, verkürzte Ar- beitszeit, d. h. Konsumsteigerung. Unsere Kapitalmagnaten provo- zieren revolutionäre Krisen. Nicht nur den 8-Stundentag, sondern 7-Stundentog und ein soziales Arbeitsrecht fordern wir. Die von der Arbeiterschaft mitgeschoffene Verfassung gab die Grundlage zum Wiederaufbau des Arbeitsrechts und der So- zialpolitik, die Republik wird das sein, was wir aus ihr machen. Wenn wir die 44prozentigen Gewinne der Siemens und Konsorten auf Kosten der Arbeitenden beseitigen wollen, müssen wir am 14. September die Mehrheit erkämpfen! Wenn wir internationale Verständigung wollen, dann müssen wir der Sozialdemokratie den Sieg ver- schaffen. Dem Referenten wurde mit starkem Beifall gedankl. In einer ausgedehnten Diskussion wurden die Ausführungen des Redners ergänzt und Einzelfragen der Wahlagitation erörtert. Die neueste Bürgerkriegswaffe Siegelring mit Messern: Erzeugnis kapitalistischer Profitwirtschast Dieser Siegelring mit ausklappbaren mörderischen Spitzen wurde noch der letzten Schlägerei zwischen Kommunisten und National- soziatisten an der Ecke Danziger und Hochmeisterstrahe im Berliner Norden gefunden. Die Siegelringe dieser Art sind der neueste. i n d u st r i c l l e Massenartikel. Es wird also gemordet, geschlagen, verlzelzt und Blut vergossen, und gewisse Teile der Industrie machen ein Geschäft dabei. Je toller irregeleitete Menschen auseinander gehetzt werden, um so stärker blühen die Profile. Das Rüsten zum Bürgerkrieg ist ein kapitalistischer Gewinnzweig geworden. Bisher ist nur das Führen dieser Art von Waffen«erboten. Dem Einzelindividuum die Herstellung solcher Mordwerkzeuge von Staats wegen zu verbieten, ist polizeilich nicht durch- •iV'|MKj Llnwetter über Reichenhall. Berkehr Reichenhall-Innsbruck-BerchteSgaden eingestellt Bad Reichenhall, 13. August. Die Gegend von Bad Reichenhall wurde gestern abend von einem schweren Unwetter heimgesucht. Ueber dem Latten- Gebirge ging einschwererwolkenbruch nieder, der die Bergbäche zu reihenden Flüssen anschwellen lieh. Bei der Schiehstälte in Bad Reichenhall staute sich der wappachsluh: Wasser- und Sandmassen drangen in die Gebäude ein und richteten grohe Verwüstungen an. vi« Fluten wälzten sich in die Stadt Reichenhall und drangeu in die Keller. In der Salinenslrahe kam das Wasser zum Stillstand. Die Feuerwehr beseitigte die Gefahr. Der schlimmste Schaden wurde auf der Strohe Bad Reichenhall— Innsbruck und am Bahndamm Reichenhall— Berchtesgaden angerichtet. Diese Verbindung dürste mehrere Tage unterbrochen sein. Das Geröll und der Sand liegen streckenweise meterhoch auf der Straße. Mehrere Autos und Stellwagen, die sich zwischen den beiden Orten befanden, wurden eingeschlossen und Passagiere uno Pferd« konnten nur mit vieler Mühe herausgeschafft werden. Dos Plesselbach-Haus, einen Kilometer von Reichenhall. a» der Straße nach Innsbruck, wurde vollständig über- schwemmt: die Insassen konnten nur das nackt« Leben retten. Die Bahnstvecke Bad Ret chen hall— Freilassing ist ebenfalls an zwei Stellen durch Dammrutsche beschädigt, so daß der ganzeVerkehr ein- g e st e l l t werden mußte. Etpa 500 Reisende wurden in Auto- mobilen bis zur nächsten Bahnstation gebracht. Personen sind, soweit bisher bekannt, nicht zu Schaden gekommen. Ein Sechzigjähriger. Genosse Adolf Schulz, der Geschäfts- fiihrer des Dietz-Verlages, beging am 12. August, beglückwünscht von zahlreichen freunden, seinen 60. Geburtstag. Genosse Schulz steht seit über 25 Jahren in der vordersten Reihe der technischen Funktionäre der Panel. Ursprünglich Geschäftsführer in Delmen- k�orst und Rustnnsten» dann Bezirks-Parteisetretär für Oldenburg- Ostfrieslond, wurde er 1013 als Revisor beim Parteivorstand be- rufen, trat 1925 ol« Revisor bei der Konzentrotion A.°G. ein und übernahm 1927 die Geschäftsführung des Dietz-Berlages, dech er durch alle Schwierigkeiten, die sich aus der Wirtschastekrise ergaben, glücklich zu steuern verstand. Es ist zu hoffen, daß der Sechzigjährige noch recht lange für die Partei schaffen kann. Neues Zeilungsoerbol in München. Durch Beschluß der Poli- zeidirektion München wurde die in München erscheinende kommu- nistische„Neue Zeitung" bis einschließlich 16. August verboten. Anlaß zu diesem Derbo: gab eine in den Nummern 182 und 183 veröffentlichte Bitderserie. führbar. hingegen kann der demokratische volksstaal die g c w e r b- lich« Herstellung solcher Mordwerkzenge untersagen. Natürlich werden die Fabrikanten entweder behaupten, dah diese Massen doch eigentlich harmlos feien, oder sie werden erklären, dah man die Arbeitslosigkeit doch nicht vermehren dürfe. Aber mit den gleichen Argumenten ist auch die Abrüstung zur See bekämpft worden. Man schränkt wegen der höheren Gesichtspunkte des F r i e d c n s doch auch die Mordwerkzeuge des Krieges zur See ein. Wenn die Produktion von Mordwertzeugen des Seekrieges herabgesetzt und verboten werden kann, so ist das mit den Mordwertzeugen. des Bürgerkrieges genau so der Fall. Nicht nur das Führen, auch die industrielle Herstellung und der Handel und Verkauf solcher Mordwerkzeuge des Bürgerkrieges müssen unterbunden werden. Ein solches gewerb- liche» herstellungs- und verlriebsgebot ist dringend erforderlich. Nazis im Bluirausch. „Bier Tote in zehn Tagen." Wie der„Völkische Beobachter", der seit gestern wieder erscheint, mitteilt, kam es in- bei Solingen zu schweren Zusammen- stöhen mir den Kommunisten und Nationalsozialisten. Zwei Last- wagen voll von Nazis seien von den Kommu ni st en überfallen und von ollen Seiten mit Steinen beworfen. Der zweite der Wagen sei von„marxisttschen Wegelagerern" gestürmt und umgeworfen worden; ein SA.-Mann habe einen doppelten Schädelbruch erlitten, an dessen Folgen er kurz darauf starb. Ein anderer SA.-Mann schwebe ebenfalls in Lebensgefahr und andere befänden sich in Krankenhäusern. Der„Völkische Beobachter" fügt hinzu, daß in den letzten zehn Tagen im ganzen die Nationalfozialisten vier Tote verloren und 200 Man von ihnen verwundet worden seien. Angenommen, diese Angaben träfen zu: Die Nationalsozialiften sind die letzten, die sich darüber be- klagen dürfen, daß jetzt die Welle des Terrors, die sie in das Land getrogen haben, nun gegen sie zurückschlägt und in der Ab- wehr' gegen ihre Angriff« nun auch ihnen das geschieht, was sie an ihren Volksgenossen verbrochen haben: der immer wieder unter- nommene Bersuch, statt mit geisttgen Waffen mit den blutigen Waffen des Terrors politische Auseinandersetzungen zu führen. Statt min daraus die Lehr« zu ziehen und den aufgehetzten SA.-Mannen'einzuschärfen, Dolch, Schlagringe und Messer zu Hause zu lassen, reizt der„Völkische Beobachter".zu persönlichen Attacken gegen die Arbeiterschaft und ihre Führer auf. Genau wie im Krieg wird auch im Bürgerkrieg behauptet, daß immer der andere der Angreifer und man selber der unschuldig Ueberfallcne sei. Daher schreibt das Naziblatt: „Und ihr alle, die man euch heute noch schlägt und knebelt, euch als Freiwild durch die Strafen treibt und schutzlos bewaffneten Horden gegenüberstellt: Merkt euch die Namen eurer Peiniger, prägt euch ein die Gesichter marxistischer Arbeitermörder und ihrer geisttgen Führer, schreibt«in in eure Bücher all die Namen der Volks- und Vaterlandsoerräter und■ präsentiert dann die Wechsel dem kommenden deuffchen Gericht im kommenden Staat. Dann soll unser die Rache sein." Das ist die offene Hetze zu blutigen Pogromen. Weg mit diesen Mordwerk.zeugen, weg mit den kapital! st eschen Gewinnen aus Herstellung und Vertieb dieser Waffen und aus dieser Gesinnung! Waffenfunde bei Razis. Messer, Schlagringe, Stahlruten— trotz Waffenverbots. München. 13. August. Wie die Polizei mitteilt, wurden bei einer Versammlung der Nationolsozialfften im Zirkus Krone in München ungefähr 40 T e i l- n e h m e rn Waffen, darunter houpffächlich im Griss feststehende Messer sowie mich Stahlruten und Schlagringe abgenommen. Die Waffen wurden beschlagnahmt, gegen Ihre Besitzer wird auf Grund der Notverordnung über Waffenmißbrauch vorgegangen werden. Wieder Sturz aus dem D-Zng Vermutlich Selbstmordversuch einer Berlinerin. Aus L i l l e r s e l d kommt die Meldung, dah eine junge Berlinerin, die sich von ihrer Erholungsreise in Italien aus der heim- fahrt nach Berlin befand, aus dem sahreden O-Zug gestürzt ist und dabei lebensgefährliche Verletzungen eriillen hat. Das ist in einem Zeitraum von wenigen Tagen der dritte Sturz aus einem fahrenden Zug, ohne dah es bisher auch nur in einem Falle gelungen ist, den genauen hergong oder die Ursache zu klären. Die Verletzungen der jungen Reisenden, es soll sich um ein 28jähriges Fräulein Käte Simon aus der Augsburger Straß« 72 handeln, sind fo schwer, daß wenig Hoffnung besteht, ji« am Leben zu erhalten. Von der Pressestelle der Reichsbahndirektion Bertin wird hierzu noch mitgeteilt, daß Fräulein Simon den D-Zug 13 Halle— Bert in benutzt hat. In nächster Nähe des Bahnhofs Muldensteia bei Bitterfeld trug sich das Unglück zu. Die junge Dame hatte sich aus dem Abteil entfernt, und nach einiger Zeit sahen Mitreisende, wie Fräulein S. kopfüber auf das Nachbargleis stürzte.. Die Ver- unglückte wurde sogleich in das Bitterfelder Krankenhaus gebracht. * Am Sonntag nachmittag stürzte, wie berichtet, auf der Strecke Frankfurt a. M.�-Berlin kurz vor der Station Herleshaujen ein« Reisende aus dem Zug und wurde auf der Stelle getötet. Der Vorfall scheint sich jetzt dahin aufzuklären, dah es sich um einen Selbstmord handelt. Es hat sich nämlich«in Reisender gemeldet, der bekundet, daß er gesehen habe, wie sich die Reisende aus dem in voller Fahrt befindlichen Schnellzug stürzte. Die Lebensmüde ist als eine Frau Anna G opfert aus Gräfenroda in Thüringen sestgestellt worden. Klugbootunglück vor dem Gesamt. Lokaltermin in Travemünde. Stettin, 13. August. Vor der eigentlichen Verhandlung des Bornholmer Flug- b o o t u n g l ü ck s, die heute nachmittag im Sitzungssaal des Be- zirksausschusses im Stettiner Regierungsgebäude auf der Haken- terrasse beginnt, hat vor einigen Tagen im Seeflughasen Traoe- münde ein Lokaltermin stattgefunden, bei dem die Mitglieder des Seeamtes und die übrigen Beteiligten die Schwestermaschine des bei Bornholm gekenterten Dornier-Wal D 864 eingehend besichtigt haben. Es handelt sich in erster Linie darum, das See- gericht, das naturgemäß über die Einrichtungen an Bord eines .Flugbootes nicht informiert ist, an Ort und Stelle über die Anlagen der Passagierräume, den Ausgang auf Deck und über das vorhon- dene Rettungsgerät, Schwimmwesten, Signaleinrichtungen usw. zu unterrichten. Dabei wurden auch Schleppoersuche unter- nommen und verschiedene sonstige Manöver, das Ueberwerfen von Leinen an Bord eines Schiffes und dergleichen ausprobiert. In der heutigen Verhandlung in Stettin werden als Vertreter der Lufthansa Syndikus Issel, ferner der Leiter der Bezirksleitung „See" in Hamburg, Schiller, und der stellvertretende Leiter der Abteilung.Seeflug", o. Buddenbrock, zur Stell« sein. Kommunistischer Kriegsjubel. .Oer begeisterte Jubel kennt keine Grenzen." In der Mostau-Presse findet sich an erster Stelle eine„noch nicht eimvandsrei bestätigte" Meldung, wonach die chinesische Stadt Hankau von der Roten Armee erobert worden sei. ..Und derbegeisterteZubel. mitdemdas weltproletarial diese Siegesmeldung entgegennimmt, kennt keine Grenzen." Möglich, daß derartige Stilblüten in Moskau gern gesehen sind. Das Wettproletariat aber hat wirklich andere Sorgen, vor allem die, wie Kriegsgefahren beseitigt, Kriege verhindert werden können. Die Moskau-Presse aber freut sich des Bürgerkrieges in China. jubelt über einen noch nicht einmal verbürgten„Sieg der roten Truppen", trotzdem sie weiß, daß selbst der wirkliche„Sieg" ein Eintagssieg ist und jeden Tag wieder in eine Niederlage verwandelt werden kann. Wie weit die Krieg sbegeisterung der Kommunisten geht, wie sie geschürt und der Krieg verherrlicht wird, zeigt ein gleichzeitig ver- öffentlichter Berliner Bersammlungsbericht. Die Mitteilung des Referenten, „daß an der chinesischen Front die Arbeiter- und Bauernarmee. die rote Annee Chinas, Tschangtscha zurückerobert hat, löst einen unbeschreiblichen Jubel unter den Versammelten aus. Minutenlang durchbrausen Beifallsstürme den Saal. Noch gewaltiger ist der Beifall, noch begeisterter sind die Massen, als auf Grund einer Meldung der Telegraphen-Union mitgeteilt werden konnte, daß hankau von der siegreichen chinesischen roten Armee eingenommen ist. Di« Versammelten erheben sich wie ein Mann und singen begeistert die„Interrortionale". Nehmen wir nicht einmal weniger als die Hälfte des unbeschreib- lichen Jubels der„Massen" im Saalbau Friedrichshain, dann bliebe an kindisch„revolutionärer" Kriegsbegeisterung noch gut genug übrig. Di« KPD. braucht solche„Erfolge" aus China, um ihre„Massen" über die kommunistischen Mißerfolge in Deutschland und anderen europäischen Ländern hinwegzutäuschen. * Wie es mit dem Sieg in Hankau steht, geht aus einem auf der dritten Seite des Moskaublattes veröffentlichten Bericht, datiert Schanghai, 12.'August, hervor: „Heute früh wurden in Ha n k a u wieder 16 kommunistische Arbeiter und Arbeiterinnen hingerichtet. Morgen soll eine noch größere Anzahl von Revolutionären geköpft werden..." lind das in einer von der„Roten Armee" eroberten Stadt! Vor der Ernennung der Ofikommiffare. Schiele«! Landbundaktion gescheitert. Am Dienstagabend sind die' Derhandtungen zwischen der preußischen Regierung und der Reichsregierung über die Per so- nalfragen bei der O st hilf« endgültig abgeschlossen worden. Die Vorschläge werden dem Reichspräsidenten zugeteilt, der die Er- nennung alsbatd vornehmen wird. Wie wir erfahren, ist die Absicht des Reichsernährungsministers Schiele, die Osthilse ausschließlich zu einer Domäne des Reichslandbundes zu machen, vollständig mißglückt.« Die Sünde der Quantität Bon Theodor Lessing In einem Briefe Romain Rollands lese ich den folgenden Solz: „Der junge Schriftsteller, welcher Erfolg haben will, durste besser daran tun, drei Bände statt einen zu schreiben, denn Werk« über vierhundert Seiten haben kein« Aussicht auf Erfolg mehr." Bevor wir für diese Ueberschätzung des Quantitativen den Schlüssel bieten, wollen wir einige Beispiele betrachten. In Deutschland allein erscheinen in jedem Jahr etwa 20 000 Bücher, meist recht gute Bücher, werden zehntausend Bilder gcnialt, meist recht gute Bilder, werden zehntausend« Musikwerke gezeugt, meist recht gut gekonnte Musik, und an jedem Tage erscheinen zehntausend Zeitungen. Wer die Geschichte auch nur eines einzige» Tages künftig schreiben will, der hat eine solche Menge„Material" zu durchackern, daß ein Menschenleben dafür nicht ausreicht. Die Filme, die Bilder- Zeitschriften, die Korrespondenzen, die Aktcnsaszikel wachsen täglich ins Endlose. Das Material eines einzigen Tages ist quantitativ größer als die gesamte Ueberlieferung des Altertums. Jeder Wert aber, das Heiligste und das Schönste, wird entwertet und entsrommt im selben Maße, als er unvermehrbar wird. Das Einzigartige ertrinkt dann in der wachsenden Anzahl gleichartiger Exemplare. Ein grauenhaftes Beispiel bieten die Kunst- und Literaturgeschichten. Die von Josef Nadler sondert einige zehntausend Bücher- und Dichter- namen nach Landschaften. Die von Albert Soergel charakterisiert zehntausend„Dichter und Denker" so, wie man die zur landwirt- schastlichen Ausstellung gesandten Schafe zählt und prämiert. Eine neue Anthologie rühmt sich, 822 Gedichte von ll>Z lebenden Dichtern zu umfassen. Ein amerikanischer dest-sdler erzählt von tausend Denkern tausend Zlnekdoten. So wird das Leben zun, Gegenstand der Soziologie. Di« episch« Generation des neunzehnten Jahrhunderts ging nicht eben sparsam um mit der Zeit und Kraft der bücherlesenden Mensch- heit. Balzac, Zola, Viktor Hugo, Dickens, Scott, Tolstoi, Dosto- jewski, alle haben unerträgliche Breite, lind wenn die Bildung nicht so schlimm verlogen wäre, dann würde sich bald herausstellen, daß kein einziger lebt, auch kein Sonderforscher, welcher jemals den ganzen Goethe, ganzen Jean Paul, ganzen Wieland oder Kant oder Hegel Zeile um Zeile gelesen hätte. Wir urteilen beständig über Dinge, von denen wir gerade ein Zipfelchen wissen. Eine verheerende Lesewüstheit hat das liederliche Ausnehmen schon zur Gewohnheit gemacht, so wie Kino und Zeitungsbild das grobe Sehen zur Ge- wohnheit hat werden lassen. Mit der Einsühlungstiesc schwand die Urteilskraft. Alle Urteile sind traditionell. Eine Sekte von Berufs- lefern macht die Urteile. Sie schafft den Ruhm, und zwar nach Maßgabe der Zahl, des Erfolges oder der Quantität, wozu auch das Immerwiederausdringen des Namens gehört. So war es schon um 181». Wie ist es heut«? Die epische Kunst der.�Literarischen" schildert etwa, wie Herr Ouidam seine silberne Zigarettendose hervorzieht, die Zigarette nimmt, anzündet, zum Munde führt, und was er dabei spricht und fühlt, auf dreißig Buchseiten„einer höchstgekonnten deutschen Meister- schastsprosa". Die epische Kunst des Realismus(Beispiel: Alexander- platz von Döblin) hält den Leser ehern in Spannung dadurch, daß ein Schicksalssaden nie eindimensional sortgesponnen wird, sondern viel- dimensipnal immer neue Schicksale und Weltbilder angeknotet werden. In beiden Fällen wächst das Epos ms Endlose. Der Autor kann 500, kann auch 700 Seiten auffüllen: man sieht wie im Leben selber keine Notwendigkeit des Endes. So erstand denn, ein Zeichen der Zeit, ein Bondwurmepos der Meisterreportoge, der endlose innere oder äußere Bericht. Ein Beispiel der äußeren Epik ist der Ulysses von James Joyce. Sein Ideal: die Geschehnisse auch nur einer Stunde auf zehntausend Seite» festzuhalten. Ein Beispiel der inneren Epik, des Endlosen bietet die Kunst von Marcel Proust. Ihr Ideal: sämtliche Gefühl« beim Erwachen, sämtliche Bilder beim Riechen einer Moosrose aus zehntausend Seiten festzuhalten. Wohin wird das noch sllhren? Wächst die Romanliteratur in dieser Weis« weiter(und was wird sonst noch gelesen?), so wird das Massenaufgebot an Geschehnis, Handlung, Bild und die lebende Unendlichkeit des Nebeneinanders an die Stelle des verdichteten Symbols treten auf Kosten der Tiefe und der Innigkeit. Dann kann man schließlich auch die Anamnesen eines Irrenhauses, die Akten eines Zuchthauses als„ckueomcnt Iiumain" veröffentlichen.(Ein Verleger macht« mir im Ernste den Barschlog, die sämtlichen Aeußerungen des Massenmörders Haar- mann als Materiol zur Psychologie zu veröffentlichen.) Als Material (das man so schätzt) ist das Adreßbuch von London, der Gothaer Almanach und das Konversationslexikon nicht minder spannend wie der Roman. Und jene meinungmachende Schar, die den Ruhm und den Namen verleiht, äußert heute schon Sätze wie die folgenden: „T. P. hat ein bewundernswertes Gehirn",„Die Fülle dieses Werkes ist gigantisch",„Dieses Buch bietet in einem Bande den Stoff zu zwanzig Bänden". Aus solchen naiven Sätzen spricht«in« besondere Spielart des Rekordwahns. Wohin führt das? Erstens: zum bewußten Sinken des „Niveaus". Zu Ende Esoterik, Lyrismus, Einzelheit. Seltenhsits- wert. An ihre Stelle tritt der Geist und die Kraft in Millionen Exemplaren, davon Nietzsche sagte:„Noch ein Jahrhundert Lesen und Schreiben und auch der Geist selber wird stinken." Noch Ibsen meinte naiv:..Wer auf die Nachwelt will, muß wenig Gepäck tragen." Heute heißt es: Wieviel Gepäck kannst du tragen? Danach bemißt sich dein Eingang in die„Literaturgeschichte". Zweitens (und das ist besonders denkwürdig): Der Literatur der Breite ent- spricht die allgemeine Jagd auf die überspitzte Surrogaten- und Pointcnweisheit. Die Ueberfüll« der Impressionen schreit nach dem Generalnenner. Man denkt in Modeformeln. Die Verbreiterung der Stoffülle ruft den Wunsch hervor, alle Erfahrung in möglichst kondensierter Form mühelos schlucken zu können. Di« Denker der Zeit verschreiben die Pillen. Di« Scheu vor der geistigen Mühe, dieses All zu bewältigen, der Schrei nach Kürze äußert sich besonders in der Tagespresse. Während das„Kunstwerk" endlos wird, soll die Zeitung in kürzester Kürze angeben, was man zu meinen und zu denken hat... Was ist das Ende? Di« allgemein« Bildung und eine Wüstheit des Schreibens und Lesens wird die Wurzeln des Lebens verdorren. Der Geist der Menschen wird zum Feinde ihrer Seele. Es gibt so viel zu erfahren, zu bewältigen, daß das Gemüt verstummt. Das Papier wird seelentiefer, der Mensch seelenlos. Das Leben ist weder quantitativ noch dynamisch noch abstrakt. Das Lebendige ist Innigkeit und Symbol. Wer also zum Leben will, der muß die Quantität und den Dynamismus fliehen. Er wird ein Wenigleser und«in Wenigschreiber. Er wird entsagen und ein- säm sein. Die Filme von heute „Oer(Sohn der weißen Berge." llfa-palast am Zoo. Die Schönheit der Alpen im Schnee, die prachtvolle, elcktri- sierend« Beschwingtheit des Skilaufs und dos ganze Drum und Dran der Liebes- und Kriminalgeschichtc, in die dieser Film von der Majestät der Berge und des Schnees und von der Wintersportluft der Menschen getaucht ist, sind nicht nur nichts Neues mehr. Und was der Tonfilm hinzutut, ist nicht allzuerheblich: Die Geräusch« der Skis, das Riefeln des«achnees, dos Saufen des Windcs— oder die von Becc« mit sicherem Takt beigesteuerte Begleitmusik und die derben Stimmen der Bergler. Aber trotzdem ist man aufs höchste erfreut und folgt entzückt dem unerschöpflichen Reize der Natur und der stets neuen Wunder des«chneefchuhs. Wie herrlich hebt sich die kühne Silhouette des Matterhorns von, schneeverhängten . Himmel ob, wie sein umspielt der windzerfetzte Nebel die scharfen Grate, wie unendlich beruhigend wirkt die weite Schneefläche! Geradezu magische Lichtwirkungen bietet die nächtliche Fackelerpe- dition, die in die Tiefen der Gletscherspalten eindringt— in eine wahrhaft phantastische Welt spiegelnden Eises. Luis T r e n t e r ist wieder der Anführer der Mannschaft, die den Sieg erringt, und es geht ein pfeilschnelles Saufen und«in kühnes Springen und ein wildes Ringen um den letzten Vorfprung los. daß einem der Atem stockt. Mario Bonnard versteht sich auf die Regie di-fer Art Filme. Und sein« Operateur- wissen das Lebendigst« und Ueber- �raschendste einzufangen. Die Handlung ist Nebensache: die vornehme Welt mit ihrer Sprtfexdame(Renate Müller), die sich in den Bergführer ver- liebt, und dem Schwindler, der eine Lebensversicherung ergaltern will, ist in Gegensatz gestellt zur Welt der Bergführer und Skileute. Die Natur und das Naturhast« geben den Ausschlag. 0. „Oer Andere." Eapitol. Haltung der Persönlichkeit ist das Thema dieses Films. Staats- anmalt Hallers, der strenge Ankläger mit dem blitzenden Monokel im rechten Aug«, führt nachts, ihm völlig unbewußt, das Leben eines Verbrechers. Paul Lindau bearbeitet diesen Stoff, den er der damals aktuellen Psychologie entnahm, zu einem Schauspiel, und vor ungefähr zwanzig Jahren machte Albert Bassermann daraus seinen ersten Film. Jetzt liegt„Der Andere' als Tonfilm vor, garniert mit den neuesten Erkenntnissen der Freudschen Psychoanalyse. Bei Bassennann geschah die Hellung noch als ein kleines Privat- Ä wunder. Hier versucht man dagegen, den Zustand zu erklären mit einer Mreagierung bestimmter Komplexe. Der Kranke erkennt das zersetzende Moinent, spricht es aus und ist geheilt. Wie aber die Krankheit entstand, wird verschwiegen. Man weiß, daß durch Gc- Hirnverletzungen solche Zustände ausgelöst werden können. Hallers ist dagegen ein gesunder allerdings überarbeiteter Mann, und das Thema wirkt daher auch in dieser modernisierten Tonfilmfassung nur als Sujet für ein spannendes Geschehen. Die psychoanalytischen Erklärungsoersuche stören sogar, Regie und Darsteller lassen aber diesen Bruch vergessen. Denn dieser Tonfilm ist tatsächlich künsllcrisch aufgebaut. Die Freude an charakteristischen Geräuschen wird auf ein Minimum beschränkt. Der Regisseur Robert Wiens streicht alles Uberflüssige, und ordnet den Film nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Nicht auf dem Ton, sondern auf dem sichtbaren Geschehen liegt der Haupt- «indruck. Das Wort und das Geräusch unterstreichen nur die Hand- lung, deuten sie aus und geben ihr die letzte Erklärung. Ferner ver- suchen die Dialoge. Extrakt statt überflüssiger Rederei zu ver- Mitteln. Ganz groß K o r t n e r in der Hauptrolle, überzeugend in Wort und Geste. Fast gelingt es ihm, diesen merkwürdigen psycho- logischen Borgang glaubhaft zu machen. Kortner ebenbürtig sind George, Winter st ein und Käthe von N a g y.(F. Seh.) Ein Verlag für anonyme Bücher. Ein eigenartiger Versuch wird jetzt von einem neuen Pariser Verlag, den Carrefour Edition?, unternommen. Sie haben jetzt ihr erstes anonymes Buch veröffentlicht und erklären, daß sie auch fernerhin nur Werke ohne Namen des Verfassers herausbringen werden. Die Gründe dafür werden in einem Prospekt angegeben, in dem es heißt, daß das persönliche Element im Schrifttum der Gegenwart sich allzusehr heroorgedrängt habe und daß man heut« die Bücher viel mehr nach den Namen als nach ihrem Inhalt be- urteile. Viele der größten Werke der Kunst, Meisterwerke der an- tiken Plastik, die gotischen Dome, die Schöpfungen der Volksdichtung, trügen keinen Verfassernamen und hätten doch ihren Ruhm in der Welt erlangt. Heutzutage müsse der Künstler die Hälfte seiner Kraft darauf verwenden, um für sich selbst Reklame zu machen und den einmal bekannt gewordenen Namen in aller Munde erhalten. Wenn man die Berfasserschaft im Dunkeln lasse, dann erweise man dem Autor einen großen Dienst, denn«r könne seine ganze Energie auf sein Werk verwenden: er könne leben, wie es ihm gefalle und fei vor dem Fluch der Oeffenttichkeit bewahrt, der auf so vielen Künst- lern der Gegenwart laste. Leh< Hetze gegen Briand. Die Reaktion schiebt»hm die Schuld an den deutschen Revisionsforderungen zu. Paris, 13. August.(Eigenbericht.) Die Proteste der Pariser Presse gegen die Revisionskampagne in Deutschland, die durch die ungeschickte Wahlrede des Reichs- Ministers Treviranus provoziert worden sind, nehmen allmählich die Form wütender Zln griffe gegen Briand an, den man als den Verantwortlichen für diese Kampagne ansieht. Das Kessel- treiben der französischen Reaktion gegen den Leiter des Außen- amtes ist so schlimm geworden, daß sich selbst der Senator B i l l i e t, der bekannte Wahlmanager des„Bloc National", genötigt sah, da- gegen einzuschreiten. Man habe lein Recht, schreibt er im„Avenir", Briand mit Schmährcden zu überhäufen. Dieser habe sich vielleicht Illusionen über den Friedenswillen Deutschlands machen können, feine Politik sei aber vom französischen Parlament ständig g e- billigt worden. Mit der Hetze gegen ihn schädige man nur Frankreich in den Augen des Auslandes. Außerdem würde es nichts nützen, wenn man zwei Millionen französischer Soldaten an der deutschen Grenze mit Säbel und Gewehr drohen ließe. Deutschland würde doch die Revision des Versailler Vertrags fordern. Das einzige Mittel fei, mit ebensolcher Hartnäckigkeit Nein zu sagen, wie die Revisionsforderung erhoben werde. * Hier hat Herr Treviranus wieder einmal Gelegenheit, sich zu wundern, welche Folgen seine„Torpedoschüsse" haben. Jetzt hat er— und Herr Scholz hat mit seiner Revisions- forderung die gleiche Schuld daran— das glücklich erreicht, daß das„nationale" Frankreich sich gegen den Träger der Verständigungspolitik in Frankreich.wendet. Weder Scholz noch Treviranus haben natürlich nicht„auch nur im ent- ferntesten geahnt", daß sie gerade durch das Reden von Re- vision die Revision, wie sie sie auffassen, verhindern und Widerstünde gegen sie hervorrufen. Im übrigen hat die„Revision", die von der Rechten in Frankreich ebenso abgelehnt wie sie von ihr in Deutschland gefordert wird, für Frankreich seit Locarno kaum Bedeutung. Enthält doch der Vertrag von Locarno Deutschlands frei- willige Anerkennung der heutigen deutsch-französischen Grenze. Die Grenze ist und bleibt stabilisiert. Das Ver- langen nach Revision ist hier also nichts als eine leere Phrase. die zu nichts dient, als zwei aufeinander angewiesene Völker aufeinanderzuhetzen. Wirths Verfaffungsrede. Eduard Bernstein über die bürgerliche deutsche Jugend und der Radikalismus des Hasses. Genosse Eduard Bernstein schreibt uns: Die gedankenreiche Rede des Reichsministers Dr. Joseph W i r t H auf der Reichsoerfassungsfeier vom 11. August 1030 läuft in ein Röahnwort an die deutsche Jugend aus, sich nicht von einem Gefühl des Mißbehagens über die derzeitigen Mängel des Parla- mentarismus der deutschen Republik zu einem unfruchtbaren Radikalismus des Haffes verleiten zu lassen und sich nicht dessen Arbeiten negierend gegenüberzustellen. Ob dos auf diese Jugend irgendeinen starken Eindruck gemocht hat, so daß man eine entsprechende politische Wirkung würde gewärtigen dürfen, scheint mir zweifelhaft, und zwar schon deshalb, weil diese, in ihrer Mehr- heit den bürgerlichen Klassen angehörende Jugend in den h ö h e r e n Schulen der Epoche des Kaiserreichs zu einer politischen Denk- weise erzogen worden ist, welche sie zumeist für Argumente, wie die des Ministers Wirth, taub gemocht hat. Den meisten van ihr sst der„Radikalismus des Hasses" das nächstliegende politische Emp- finden. Man komme nicht und wende ein, die Sozialdemokratie erziehe ja auch die ihr zugängliche Jugend zu einem Radikalismus des Hasses. Das wäre eine Begriffsverdrchung übelster Sorte. Der Haß, den die Sozialdemokratie lehrt, ist von dem der bürgerlichen Jugend unserer Tage verbreiteten Haßempfinden weltenweit unter- schieden. Er wendet sich gegen den Kultus überlebter Vorurteile. gegen geistige Beschränktheit, gegen die Verhetzung der Nationen widereinander. Er ist der Haß gegen verbissenen Nationolisinus, der Haß gegen den völkermordendcn Krieg, der Haß gegen Aus- beutung und Unterdrückung.— Mit einem Wort: ein Empfinden, das auf dem Boden tiefempfundener Liebe erwächst, jener weit- umspannenden Liebe zur Menschheit als die große, einheit- heitlich entwickelte Gattung, deren Wohlfahrt bedingt ist durch das Verständnis für die ihr durch ihr wirtschaftliches Dasein vorge- schriebene Solidarität und die Schaffung von dieser Solidarität dienenden Einrichtungen. Kurz, nicht«in die Entwicklung schädigender, sondern im Gegenteil ein für sie fruchttragender Haß' Ein Haß, der um so befruchtender wirken wird, je radikaler er als ein soziales Empfinden begriffen und praktisch betätigt wird. Denn radikal hat hier die Bedeutung der Fundierung eines Gc- dankens auf rücksichtslos, das heißt bis in seine letzten möglichen Auslegungen, folgerichtiges Denken. Radikal heißt: keine An- wendung eines aufgenommenen Gedankens, einer zum Bekenntnis erhobenen Doktrin scheuend. Heißt daher für die Praxis des Ver- fassungslebens der deutschen Republik die Durchführung der in ihrer Verfassung von Weimar niedergelegten Grundsätze bis in ihre letzten Konsequenzen, nämlich die Verwirklichung der uneingeschränkten Demokratie— das strikte Gegenteil der von Wirth mit Recht verpönten Schwärmerei jener bürgerlichen Jugend, deren Verwirklichung in klaren Worten nichts anderes sein würde, als die von Personen oder konspirativen Sondergruppen ausgeübte brutale Diktatur. Die voltsbühae wi:d auch im kommenden Winter eine längere Reib« von Tanzmalinccn veranstalten Bieber wurden verpflichtet: Vera Skoronel und Kruppe, die„ArbeitSgemeinschast junger Tänzer». Palucca, Harald Kreutzberg und Dvonne G-orgi. Tanzgruppe Dorothea Günther, München, Mary Wigman, Raden MaS Jodjana. Dero Skoronel tanzt am tt. an Stelle von Mary WigmaN die tänzerische Hauptrolle in Talhosjs.Tolenmal«. Weitere Aussührungen folgen Mitte und Ende Siugust. Karl vallentin al» Theaterdirettor. Nun geht auch der berühmte Münchener Komiker Karl Vallentin unter die Theaterdireltoren. Er eröffnet ini Herbst ein Kabarett»Wien-München» unter eigener Regie. Ob er sein Geschäft auch so verstehen wird, wie seine Vorbilder? iL •letzt ist es Zeit die alten Mitgliedskarten der Volksbühne umzutauschen und Neuanmeldungen vorzunehmen Ehekrieg in Oesterreich Verfaffungsgerichishof wurde vom Kleritalismus beseitigt In der ganzen Welt schließen Mann und Frau eine Ehe: in Oesterreich gibt es nicht nur diese, die normale Ehe, sondern auch eine Dispensehe, die zwar nach Ansicht der(Berichte keine Nicht-Ehe ist, aber von ihnen dennoch jederzeit als ungültig er- klärt werden kann und auch ausnahmslos als ungültig erklärt wird. Nun kommen diese Dispensehcn keineswegs vereinzelt vor, können also nicht als ein bloßes Objekt zur Uebung des Witzes von Juristen betrachtet werden, sondern sind geradezu eine Massenerschei- nung. Zählt man doch bereits an fünfzigkausend Dispensehcn. und es würden ihrer wahrscheinlich noch mehr sein, wenn der Dis- Pens, auf Grundlag« dessen sie geschlossen werden, nicht so schwer erreichbar wäre. Er wird von der„L a n d e s st e l le" gegeben. Was in dem monarchistischen Oesterreich der vom Kaiser ernannte Statthalter war, ist jetzt der von den Landtagen gewählte L a n- desHauptmann. Dieser Dispens ist aber nur von zweien der Landeshauptmänner zu bekommen: dem vom Lande Wien und dem vom Lande Kärnten, die beide nicht Christlichsoziale sind-, in allerdings spärlichen Fällen kann man ihn auch vom Bundes- kanzleramt erreichen, an das gegen die Verweigerung des Dis- penses«in Einspruch gerichtet werden kann. Es ist nun für die Heuchelei, die hier im Schwange ist, bezeichnend, daß diese Dis- pense, die den Klerikalen ein Greuel sind, von jedem Bundes- kanzleramt gegeben werden, selbst dann, wenn als Bundeskanzler der Herr Dr. Seipel fungiert, dem doch nicht zuzutrauen ist, daß er von den katholischen Verpflichtungen abirren könnte: es wird das dann so gemacht, daß abgewartet wird, wenn 5)err Seipel aus- wärts Ist, und die Bewilligungen dann der Vizekanzler gibt. So werden die Dispensehen erzeugt? wenn st« aber geschloffen sind, werden sie für ungültig erklärt. Was ist das nun: der Ehe- dispens und die Dispensehe? Da» österreichische Eherecht ist ein konfessionelle» Recht, es ist kein einheitliches Gesetz für die Staatsbürger, vielmehr ein Eherecht für Katholiken, für„Nichtkacholische christliche Religionsverwandt«"(P r o t e st a n t e n) und für die Juden? für jede Konsession anderes Recht und Gesetz. Während den Nicht- katholiken und Juden die Trennung der Ehe(in Oesterreich heißt die Auflösung der Ehe, die das Deutsche Bürgerliche Gesetzbuch als Scheidung der Ehe bezeichnet, Trennung der Ehe, wogegen die deutsche Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft in Oesterreich Scheidung von Tisch und Bett genannt wird) gestattet ist. ist eine Ehe zwischen Katholiken schlechthin unlöslich: sie kann nur durch den Tod getrennt werden, was zur Folge hat, daß Leute, die als Katholiken geheiratet haben, selbst„wenn auch nur ein Teil schon zur Zeit der gegossenen Ehe der katholischen Religion zu- getan war", ihre Ehe niemals auflösen können, verheiratet bleiben, auch wenn durch„Scheidung von Tisch und Bett" ihre Ehe tat- sächlich schon jähre- und jahrzehntelang ausgehoben fft. Das„Ehe.- band" bleibt von alldem unberührt und bleibt unauflöslich: eine neue, eine zweite Ehe ist den Katholiken unerreichbar. Und wenn der andere Eheteil als Wahnsinniger sein ganzes Leben im Irrenhaus, als Verbrecher sein ganzes Leben im Zuchthaus verbringt, wenn der Mann die Frau kaltherzig, die Frau den Mann leichtfertig für immer verläßt: da sie katholisch ge- heiratet haben, bleiben sie solange miteinander verheiratet, als sie leben. Was diese„unlöslichen" Ehen an Menschenquol, an bitterem Leid hervorrufen, ist nicht zu ermessen? nicht minder klar ober ist auch, daß die berühmte Sittlichkeit dadurch nicht gewinnt. Urtriebe der Menschen machen vor Gcsetzesparagraphen nicht halt? also war die Folge, daß sich die Menschen, wenn sie einander nicht heiraten durften, ohne obrigkeitliche Bewilligung liebten,„Kon- k u b i n a t c" eingingen, und die Kinder, die ihren Verhältnissen entsprossen, uneheliche Kinder wurden. Auch die verstocktesten Klerikalen hätten einschen müssen, daß hier eine Reform unerläß- lich ist. Aber alle Versuche, das mehr als hundert Zahre alle Eherecht zu reformieren, Versuche, die schon in der alten Monarchie eingesetzt hotten, schei- tcrten an der starren Unnochgiebigkeit des Klerikalismus: selbst die von dem damaligen Iustizminister eingebrachte kleine Reform ging in dem ersten Parlament der Republik nicht durch. Inzwischen war die Verwaltung des Landes Niederösterrcich(damals noch mit Wien vereinigt) an eine sozialdemokratische Mehrheit ge- raten und Landeshauptmann(„Landesstelle") wurde der Sozial- demokrat S e v e r(nach dem die Dispensehen manchmal auch „Sever-Ehen" genannt werden). Jetzt wurde der Dispens entdeckt. das heißt, eine in dem alten Bürgerlichen Gesetzbuch verschollene Bestimmung zum Leben gebracht. Das katholische„Ehcband" ist nämlich ein Hindernis der Ehe, aber von Ehehindernissen kann „aus wichtigen Gründen von der Landesstelle Nachsicht er- teilt werden": sie können nachgeprüft, von ihnen kann dispen- siert werden. Seit dem Jahre 1919 wird dieser Dispens vom Ehe- Hindernis des Ehebandes erteilt, und da durch den Dispens das Ehehindernis behoben ist, steht einer neuen Ehe kein Hindernis mehr entgegen. Die Unlöslichkeit der katholischen Ehe und das aus ihr sich ergebende Verbot der Schließung einer neuen Ehe wird dadurch umgangen. Da nach dem Kriege, der in so reicher Zahl die berüchtigten Kriegsehen gebracht hatte, das Bedürfnis nach Auflösung unglücklicher Ehen besonders groß war, dieses Bc- dürfnis auch durch viele Jahre künstlich zurückgestaut worden ist, mar der Andrang der Bewerber um einen Ehedispens naturgemäß sehr groß. Und zwar au» ollen Gesellschaftsschichten, au» den bürgerlichen Kreisen vielleicht am größten. So hat, um einige bezeichnende Beispiele zu nennen, die Tochter des ehemaligen christlichsozialen Bürgermeisters von Wien. Weis- k i r ch n e r, eine Dispensehe geschloffen? so der ehemalige christ- lichsoziale Minister Z c r d i k? so der ehemalige Erzherzog Peter Ferdinand— affo Leute, an deren streng klerikaler Gesinnung nicht zu zweifeln ist. Das Schicksal der Dispensehen war aller- dings immer höchst ungewiß: so oft sie vor ein Gericht gelangten, sind sie für ungültig erNärt worden. Aber das hat dieser neuen Eheschließung keinen Eintrag gemacht: die Menschen dachten sich, alle Dispenschen kommen doch nicht vor das Gericht, und heirateten weiter. Nun war die Sache eigentlich ein bodenloser Skan- dal: mit der einen Hand erteilte der Staat durch seine Landeshauptmänner oder durch sein Bundeskanzleramt den Dis- pens, führte also die Dispenseh« selbst herbei? mit der anderen Hand ließ er durch seine Gerichte die Dispense vernichten, die Dispensehen für ungültig erklären. Diese Situation veran- laßt« den Verfassungsgerichtshof im Jahre 1927 zu der Erkenntnis. daß durch die doppelte Entscheidung ein sogenannter bejahender Kompetenzkon flikt entstanden ist, und diesen Kompetenz- konflikt hat er dahin gelöst, daß zur Entscheidung über den Dis- pens nur die Verwaltungsbehörde kompetent ist, weshalb die Ge- richte den von ihr' erteilten Dispens nicht überprüfen dür- fen, vielmehr respektieren müssen, also die Dispensehe wegen des Ehehindernisses des Ehebandes nicht mehr für ungültig erklärt«erden darf. Damit war die' Dispensehe auch vor der Ungültigkeitserklärung geschützt: wenn in �Nzem konkreten 5*11 der Kompetenzkonflikt erhoben wurde, so war die Dispensche g c- rettet, könnt« sie nicht mehr vernichtet werden. Aiher der Kien- kalismus ließ nicht locker, und so hat er auch das neue �echt des Verfaffungsgerichtshofes nicht hingenommen. Seine Antwort war eine beispiellose Hetze gegen den verfassungsgerichlshos. den man deshalb politischer Parteilichkeit beschuldigt«. Bei der den Heimwehrfaschisten zu Liebe gemachten Verfassungsrcvision fand sich die ersehnte Gelegenheit, den unabhängigen Versassungsgerichtshof los zu werden. Man löste ihn, dessen Mitglieder auf Lebens- zeit gewählt waren, durch Gesetz auf, änderte seine Wahl und Zusammensetzung, und brachte so einen Gerichtshof zustande, in dem die Regierung und der Klerikalismus gleichermaßen auf eine sicher« Majorität zählen können. Er hat die von ihm erwartete Arbeit sofort willig geleistet, hat in einer Entscheidung, die dieser Tage veröffentlicht wurde, das frühere Urteil aufgehoben und da- mit den Ungültigkeitserklärungen der Gerichte wieder den Weg geebnet. Die fünfzigtausend Dispensehen, die als Folge des ollen Er- kenntniffes das Gefühl der Sicherheit erlangt hatten, sind nun wieder vogelsrei. Wäre eine Regierung am Ruder, die für die Rotwendigkeiteni der Zeit halbwegs ein Gefühl hat. so könnte sie die durch diesen Tendenzspruch hervorgerufene Erregung wohl dazu ausnützen, ein Gesetz durchzubringen, das wenigstens die alten Uebel- stände beseitigt. Aber daran ist bei der Regierung Schober, die aus lauter Aengsten und Halbheiten besteht, nicht zu denken. knedricli Austerlitz, Wien. 43 Kriegsschiffe vor hankau. Vor dieser chinesischen Hasenstadt liegen letzt 29 amerikanische und englische, neun japanische, vier französische und ein italienisches Kriegsschiff vor Anker, um die Ausländer notfalls mit Gewalt zu schützen. Wetter für Berlin: Wechselnd bewölkt mit Strichregen. Am Tag« etwas kühler, ziemlich frische westliche Winde.— Für Deutschland: Vorherrschend veränderlicher Witterungscharaktcr. In vielen Gegenden Regenschauer, namentlich in den Gebirgen. Mittvocb. 13. August Berlin. Aktuelle Abteiluor Unterhaltungsmusik. Kurt Seeger: Von SportfamllicB und Sportgeschsmtern. Charlotte Kalinke:•/«- und%-Takt Vir. Prof. Andrä: Das neue Vorderasiatische Museum. Dr. Ludwig Lewin: Was nicht im Kniggc steht. Richard Strauß. Lieder.(August Jordan, Tenor. Am riflgel- Nahrath.) Moderne Heiterkeit.(Schallplattenkonzert.) Arbeitsmarkt. „Ein Maskenball", Oper von Verdi. Dirigent: Rudolf Hindemith. den Abcndmeldungen bis 0.30: Tanzmusik. 16.00 16.30 17.30 17.55 18.15 ..._____________.....WM 19.05 Pir.hard Strauß. Lieder.(August Jordan, Tenor. Am riflgel Max 19.25 19.55 20.40 Nach Königswusterhausen. 16.00 Hamburg: Nachmittagskonzcrt. 17.30 Karl Friebel, Heinz Monzel: Arbeitsgemeinschaft fflr funkpädagogik. 18.00 Dr. Heinrich Michaelis: Musikernovcllen. 18.30 S. 1. Poritzky: Zauber der ferne, 18.55 Spanisch für Anfänger. 19.20 Kruspi: Beamte im Beruf. 20.00 Kolturbolschcwismus?(Alfred DöbÜn nnd Pater Friedrich Muckcrmann). JkranhDortl. für die Redaktion: Wolfgang Schwarz, Berlin: Anzeigen: Th. Glocke, Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G. m. b. Berlin. Druck: Vorwärts Buch- druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer 6c Co.. Berlin SW 58, Lindenst�ake 3., Hierzu 1 Beilage. und Staats-Theater Städtische Oper geschlossen. Abonnements- Anmeldungen werden entgegengenommen, a) für die Staatsopern und das Staat). Schauspielhaus vomAbonnements- büro, Berlin W56, Ober- wallst«. 22 von 9— 2 Uhr. Fernspr. Merkur 9024, b) für das Staatl. Schillertheater vom Abonne- mentsbüro.Berlin-Char- toltenburg, Grolman- straße 70 von 9— 2 Uhr. Fernspr. Steinpl. 6715, c) für die Städtische Oper vom dortigen Abonnementsbüro, wochentags von 10— 2 u. v. 6— 8 Uhr. Tägl. S u. 819 Sonnt. 2. 5 n. 8" Alex. E 4. 8006 I Puppen-Revue„Kalla" Florian, Paelzold Co. usw. Die Komödie II Bismck.24H/7SI6 8>s Uhi Wie werde iöi leidi uaii slockitiii 7 llinii reo Ftlii ioKhimm. Mn't m liidu Spoliinst) KUit: tnS Eijil Bühnenbilder Lwhrig Istm Düfltsdies Mm 0 2 Weideodanm 5201 8 Uhr Phaea von Fritz v. Unruh. Reg.:MaxRe!nhirdi «mft: FrWridi HollMndn. BiliutUMir kmt Miüile. Komische Oper 8'S Uhr Paul Westermeier in. Liebe und Trompetenblasen Operstie von Rolanl Wer o. Westens Täglich 8>s Uhr as Land des Lächelns Franz Lehars Sen ationserlolg. zenirai-liieater (Operettenhaus) Alte Jakobstr. 30/32 Dönh. 2047 Täglich S'h Uhr Oer Bombenerfolg Ein Zllle-miijoh in 3 Akten Kinder der straOe Ctugg g. Tut m W. LmsmI ggf irttgr Mar. Rundfunkhörer hnlh» Preise Berliner||U(-TriO M•■ k 0 1 1■."L&linntr. 71/76.1 W v jn Kettguter Ter. MJm KoUbuter Str. 6 WA Tel. Mel.l 8077 W Zille- Iii L Festspiele Metropoi-Ib. Täglich SV* Uhr Hlebaej Bohnen IM Dir allein auf einer einsamen Insel Dcnlsehes IQnsller-Theal Ttl. hrtamu 3931 SV, Uhr Zum I. Male: Weekend LBTtiQielTMlLCWIlt Renaissance' Theater Steinplatz 6780. 9 Uhr Die Wunder-Bar Revuestflek BerUner prater | Somafemarteotlieaier Kastanienallee 7— 9 4 Uhr Crosses Gartenkonzerl 6 Uhr Eine entzDckende Bnrleeke sowie der auserwählre Variet6-Teil. Täglich 8V. Uhr ItatlBwr. TndtSMIr, Herta Starz, Erwin Härtung in Katja, die Tdnxerin Operette in 3 Akten 1 tod Liognld Jakobson und Bidoll Ooslerreöw Musik von Jean Gilbert. lUeiitiToilntilerRiodortog Eintrittspreis von 50 Pt an PER . gMmiLEFFEKT .. der'JcJedcttMadt t■& (, uad. ■ M M* A■ BS Jrtpinmfiipr äfteinmeier 'KOriZ ERT- KAFFEE• TA Eil- PA LAFT- KABARETT- BAR• FRIEDRICH f TR. 96. AH BAHNHOF. Zimmer. IBett Mk.7,-bjs11.- 2 Betten idrblsZZr Bad;MI(.3.- 5Qlon:l0r Lessing- Theater WiitnlMiB 2707 1.0046 Täglich 8>/> Uhr WiedoDMiDe v OttoEmst Hesse lots. Rai. HsrnkEli, Flamiu. Fslkinbng. ürodtainsky. Sertin HOTELaAnhBM EXCELSIOR jmswerte R�taurant Berlins riieateri.d. Beiirenstr. 53-54 SV« Uhr ist das niGtii nett von Colone? CASINO-THEATER _ Lolhriiiger Sirafte S7. Wiedereröffnung Freitag, 15. Angnsl Der Possen-Schlager Der selige Hollschinsky IIIIIIIII III tili II II II IIIIII IUI IUI 1,1 HIHI Ulf, 1 1,1111 IIIIII III)|| in nnii und ein erstkl. banter Teil. Cutschein 7— 4 Personen. Fauteuil 1,25 M. Sessel 1,75 M, Parkett 0,75 M Rang 0,50 M Reichshallen-Theater Allabccdlicfa| S| Uhr Stettiner Singer Tigebiu 11-2, Unulkmi«b I Ubr Tilephog Zigtrao 112 61 Dönhoff- Brettl: (Saal und Garten) Variel«— Konzert— T znz Strümpfe Wüsche Gardinen Kanfliaos Emil Moses Nanu. Birkeostr. 20(Eike Posiitzstr.) Winter * Garren* t8.15 Carlos a In Bern Uhr- Bandisn srianbi nd Chlta n. Ct. nnd wslisn Berlin nodi nldn gueuie Stars. ) AprÄbmd v IbuftisA IHcknick in US£i. Ein'Bild. aus dem bürgerlichen Umerilta <ßella£e Mittwoch, 13. August 1930 Br. Christian Uerrmtma t Cbetrakierkunde (£s ist ein unendlich wichtiges Ergebnis der modernen Psycho- logie und insbesondere der Charakterkunde, daß wir gelernt haben, die seelischen Erscheinungen mit derselben Sachlichkeit und Objektivität zu betrachten wie die Naturvorgäng«. Seit Jahrhunderten, seitdem es ein« moderne Naturwissenschaft gibt, sind wir überzeugt von dem gesetzmäßigen Zusammenhang der Naturerscheinungen. Es ist zu einer allgemein verbreiteten Ueberzeugung geworden, daß die Natur- gewalten nicht gut oder böse sind, und daß wir sie nicht beurteilen dürfen, sondern sie in ihrer Gesetzmäßigkeit erkennen müssen, um sie Praktisch beherrschen zu können. Diese beurteilungssreie, objektive Betrachtungsweise, welche für die Naturerscheinungen Gemeingut aller Denkenden und Gebildeten geworden ist, beginnt jetzt auch für die seelischen E r s ch e i. nungen immer weitere Verbreitung zu finden. Es ist, gelinde gesagt, ein Unsinn, von einem„guten" oder„schlechten" Charakter zu sprechen, sondern wir können nur sagen, daß diese Charakter- beschaffenheit für ihren Träger im Lebenskampfe nützlich und für die Umgebung angenehm ist(weil er sich dadurch Freunde erwirbt und einen sicheren Lebenslauf schafft), jene Eigenschaft schädlich ist, weil sie ihren Träger in der menschlichen Gesellschaft isoliert. Die Charaktereigenschaften sind also nützlich oder schädlich in bezug auf unser Zusammenleben mit anderen Menschen. Aber, was in dieser Einsicht z. B. schädlich, also ein sogenannter„schlechter" Charakterzug ist, kann sehr wertooll und nützlich für die geistig« Leistungsfähigkeit, etwa die künstlerische Produktionsfähigkeit fein: es kommt also auf den Gesichtspunkt an, unter dem man den Charakter beurteilt. Wenn wir den sogenannten„guten" Charakter verlangen, dann verlangen wir den s o zi a l„nützliche n", also jene Eigenschaften, die ihrem Tröger ein möglichst reibungsloses Leben in der Gemein- schaft mit anderen Menschen gewährleisten. Wir sollten also die moralisierend« Betrachtungsweise nach„gut" und„schlecht" aufgeben und nur von„nützlich" und„schädlich" sprechen. Dann können wir auch die Frage aufwerfen: Wie können wir die nützlichen Charokterzüge fördern, die schädlichen hemmen? Wir wollen also eine Technik des seelischen Lebens treiben, wie wir mit der Naturtechnik die Naturkräfte nach unserem Nutzen gestalten. Wie wir die Gesetzmäßigkeiten der Naturvorgäng« erst einmal in mühseliger Forschungsarbeit erkennen müssen, eh« wir sie benutzen und gestalten können, so müßten wir auch erst im seelischen Leben die großen und unverbrüchlichen Gesetze erkennen. Auch hier gibt es keinen Zufall, keine Gesetzlosigkeit, keine Willkür. Wir stehen zwar erst ganz am Anfang dieser Erkenntnisse. Aber wir wissen doch immerhin, daß z. B. so scheinbar zufällige Ereignisse, wie das plötz- liche Vergessen eines Namens, der uns sonst geläufig ist, oder eine Fehlleistung in der Berufsarbeit immer eine ganz bestimmt« Ursache baben, die wir oft feststellen können. Wir wissen auch, daß das Seelenleben eines Menschen beeinflußt ist und geformt wird von der Vererbung und allen Umständen seiner Lebens- o e s ch i ch t e. Seine einzelnen seelischen Lebensäuherungen(Ge- danken, Gefühle und Stimmungen, Willensentschlüsse) sind teils An- Passungen an die äußeren Lebensumstände, teils Reaktionen dagegen. Wir wissen nun weiter, wie die einzelnen Charaktertype» sich gegen von außen kommende Einflüsse verhalten: ob mehr anpassend oder mehr reaktiv. Und, was sehr wichtig ist, wir wissen aus sehr langer Erfahrung, daß seelische Handlungen, die s« h r o s t ausgeübt worden find, immer leichter und schließlich von selbst,„automatisch", verlaufen. Im Unterricht, also beim Erlernen intellektueller Fertig- keitcn, macht man davon seit alters«ine Anwendung. Aber auch in der Erziehung des Fühlens und Verstellens wird von dieser Er- kenntnis schon immer Gebrauch gemocht. Wenn die Religionen ihre Anhänger von Kindesbeinen an immer wieder in dieselben Vor- stcllungs, und Geiühlsweisen hineinführen, dann werden diese so verfestigt, daß sie später auch ohne besonderen Antrieb abrollen. Nimmt man diesc Erkenntnisse zusammen, dann sehen wir sofort, wie sehr man aus die Charakterbildung einwirken k a nn. Charakter ist ja die Gesamtheit der seelischen Akte, die durch oftmalige Gewöhnung so automatisiert wurden, daß sie beim ge- ringsten Anstoß von selbst, und zwar immer in einer ganz bestimmten Richtung ablausen. Wir erstreben den sozial nützlichen Charakter. Dann müssen wir an den kindlichen und jugendlichen Menschen vor allem, aber auch an den älteren solche Erlebnisse und Lebens- umstände heranbringen, daß sie, entweder als Anpassungstypen oder als Reaktionstypen, ihre seelischen Handlungen innner in eine Bahn bringen, die sozial nützlich ist. Arbeitsamkeit oder Genauigkeit als Charokterzüge entwickeln sich, wenn der Mensch immer wieder die Ersahrung macht, daß die entsprechenden Handlungen für ihn wert- voll sind. Macht der jugendlich« Mensch ober die Erfahrung, daß er von den Glücksgütern ausgeschlossen ist, daß er benachteiligt ist und als Armer nie das haben wird, was anderen mühelos in den«choß fällt, dann wird er, wenn er zum Reaktionstypus gehört, sich in seinem Fühlen und Denken so entwickeln, daß er sozial, d. h. für ihn und für seine Umgebung schädliche Charakterzüge ausbildet. Hier sehen wir. daß Sozialpolitik und soziale Fürsorge in ihrer Auswirkung für weite st e Volkskreise«inen wichtigen Einfluß aus die Charakterbildung h a b e n k a n n. Es wäre reizvoll, einmal das ganze Gebiet der Sozsttlpolitik daraufhin zu betrachten, wie es bei ungezählten Taufen- den dazu mithilft, den Charakter in einer vorteilhaften Weise zu ent- wickeln, und wie deshalb sozialpolitisch überhaupt nicht genug getan werden kann. Charokterzüge sind bei jedem Menschen anders. Aber sie sind in jedem Falle gesetzmäßig notwendig. Wir können also von jedem Menschen eine genaue Beschreibung seines Charakters ausnehmen, auch der unbewußten Faktoren, die den Charakter bilden und können dann Voraussagen über die zu erwartenden Handlungs- weisen eines Menschen machen. Die Wahrscheinlichkeit, daß dies« Voraussagen richtig sind� ist weitaus größer als die Wetteroorher- sage beispielsweise. Daraus ergeben sich sür die Eheberatung und die Berufsberatung weitgehende Anwcndungsmöglich- keiten der Charakterkunde, indem man mit größter Wahrscheinlichkeit vorhersagen kann, daß die Charakterformen der beiden Ehepartner an dieser oder jener Stell« zu diesen oder jenen unliebsamen Reaktionserscheinungen führen werden, oder daß ein Mensch gerade den� Anforderungen dieses Berufes nickst gewachsen ist. weil er trotz aller Begabung und Liebe für diese Tätigkeit gerade über ein« Meine, hier aber wichtige charokterologifche Cigenlümlichkci! nicht verfügt. Co kann die Charakterkunde viel Lebensleid und Unglück vermeiden helfen und viel dazu beitragen, daß die Menschen in diejenige Lebens- fituation kommen, die ihrer Individualität entspricht. Jeder deutsche Verein, der etwas auf sich hält, macht jährlich feine Gründungsfeier und fein Sommerfest. In Amerika veranstaltet man den Sommer hindurch Pick- n i ck s. Ohne allzu weitreichend vereinsmäßig organisiert zu sein, kann man doch wöchentlich mindestens zwei solcher Picknicks mn- machen. Einladungen dazu kommen von allen Seiten. Man kaust sich seine E i n t r i t ts k a r t«, die meist 1 Dollar kostet und stellt sich mittags oder nachmittags auf irgendeinem Rastort im Walde oder an der See rechtzeitig ein. In der Umgebung jeder Stadt gibt es eine Anzahl Picknick- Plätze in der Art: Der alte Brauch wird nicht gebrochen, Hier können Familien Kaffee kochen. Die einzigen Utensilien solch eines Platzes sind Tische und Bänke. Alles andere besorgen die Veranstalter. Man darf den Zeitpunkt des Treffens nicht verschwitzen. Am Anfang steht der Hauptzweck der Veranstaltung: das Essen im Freien. Dafür hat man seinen Dollar bezahlt, also rechtzeitig angefahren! Wer kein Auto hat, läßt sich von jemandem mit- nehmen. Schon winkt die Wagenburg, die sich um die Waldidyllc gebildet hat. Männlein und Weiblein stehen pfaudernd und lutschend herum. Es hat nämlich schon begonnen— und der erste Gang der Freilicht-Freiluft-Futterei ist ein Bonbon in der Größe. eines Hühnereis, von einem Holzspeiler durch- bohrt.(Die Berliner Kinder nicken hier verstehend:„kennen wir— bloß en bißkcn klecner".) In Amerika muß alles„las Größte der Welt" sein, warum nicht auch die Lutscher. Damit ist aller- dings so wenig wie beim Wolkenkratzer die Zweckmäßigkeit der Sache erklärt. Es ist eine Kunst, von diesen harten süßen Eiern etwas abzulutschen. Beißen ist vergeblich: das Härteste der Welt! Sich in einen Streit mit den Superlativen einzulassen hat keinen Sinn. Di« meisten Leute haben hier eine solche Uebung in der Behandlung der Picknick-Bonbons erhallen, daß sie in der Lage sind— das Eierlein ganz ins Maul zu stecken—(des größten der Welt). Da aber zu befürchten ist, daß ungeübte Backcntajchen platzen, so ist es besser, die süßen Steine heimlich, still und leise ins Meer zu versenken und sich selbst in die traute Philosophie über Amerikas Größe und der ästhetischen Betrachtung darüber sich zu ergeben. Ein großer Bratrost steht zur freien Benutzung aus dem In der Spätausgabe des„Vorwärts" vom 8. August hat H. Wendel eincn lesenowerten Aussatz über den Flaggenstreit in der fvanzösifchen Nationalversammlung von 1790 gebracht. Wenn damals die französischen Reaktionäre in ihrem Kamps gegen die neue Triko- lore darauf hinwiesen, daß das alte königliche Lilienbanner die Er- innernng an Frankreichs ruhmvolle Vergangenheit fest- halte, daß also mit der neuen Flagge die Tradition geopfert werde, fo hatten die Männer recht, weil der Begriff„ruhnrvolle Vergangenheit" und„Kriege" für die Nationalisten aller Länder dasselbe ist: die Heere Frankreichs hatten in den letzten Jahrhunderten unter dem Lilirnbanner als Regimcntssahnen gekämpft. Die neue Trikolore dagegen war eine„Erfindung" recht einfacher Art: man umrahmte das Weih der königlichen Fahne mit den Stadtfarben von Paris, mit Blau und Rot, und damit war die neu« Fahne fertig. Wie verhält es sich nun mit der„ruhmvollen" schwarzweiß- roten Flagge? Auf welch ehrwürdiges Alter kann sie zurück- sehen? Wann und wo hat der„Pulverdamps männermordender Schlachten" sie umweht? Welche Tradition eines stolzen Herrscher- geschlechtes knüpft sich an die glorreiche Fahne? Zunächst das Alter! Die Fahne ist 1867 gemacht worden, als Bismarck dem neugebackenen Norddeutschen Bund die Dersassung gab. Die Farben . sind— ähnlich wie bei der französischen Trikolore— das Ergebnis einer Addition: man setzte zusammen das preußische Schwarz-Wciß mit— ja, womit? Die einen sagen höflich: mN dem Rot, das sich in den Farben der meisten Staaten findet, die damals zum Nord- deutsche» Bund zusammentraten: die andern sagen(und das sind die Altpreußcn reinsten Blutes), mit dem Rot der Farben Branden- burgs. Jedenfalls, das Ergebnis ist schwarzweihrot. Eine künstliche Erfindung ohne jeden Tradiiionswert für den Begriff„Deutschland". Und die Uebertragung dieser Farben aus das Deutsche Reich von 1871 war nach den damaligen Anschauungen zu mindest eine Rück- sichtslosigkeit gegen zwei der süddeutschen Königreiche, deren Farben dabei übergangen wurden. Mit dem ehrwürdigen Mter dieser Farben ist es akso nichts, denn alz„deutsche" Farben sind sie noch nicht ganz 60 Jahre alt! Und„ruhmvoll"? Welche stolze Erinnerungen heldenhafter Manncstaten haften an diesen Forben? Kein deutsches Regi- m e n t hat je eine schwarzwcißrote Fahne gehabt. Es gab ja überhaupt vsr dem 9. November keine deutsche» Regimenter, sondern nur„Königlich" preußische, bayerische, sächsische und württem- bergische. Dabei waren die Landeslinder der Großl>erzöge usw. bis zu den Freien Reichsstädten in die Armeekorps der Königreiche ein- verleibt. All« Kriegstatan der deutschen Heer« geschahen demnach nicht unter den„ruhmvollen" Farben schwarzweißrot. Ebensowenig hat die„Kaiserliche" Marin« diese Farben als Hauptbestandteil ihrer Flagge gekannt. Im oberen inneren Felde waren sie so angebracht, daß sie nicht ein Viertel der Flagge aus- machten und auf die Entfernung ebensowenig zu sehen wären, wie in der jetzigen schwarzrotgold. Und endlich! Welche Traditionen eines Herrscherhmcses knüpfen sich an die Farben schwarzweißrot, so etwa wie an das Lilienbanner der Bourbonen? Auch hier ist die Antwort vom Standpunkt der Vertreter der„ruhmvollen" Vergangenheit ein böser Neinfall. Denn die Hohenzollern haben die Farben nicht benutzt. ■Für den Kaiser, die Kaiserin und den Kronprinzen gab es besonder« Platz. Man hat H o l z k o h l en mitgebracht und entzllnhpt sie. Auf der Patze brutzeln die sastigen Steg's(Fleischstücke) von ruh- rigen Männerhänden gewendet. „Ist das Braten hier nicht Frauenarbeit?" „O, no, nur die deutschen Männer drücken sich davor. Die Männer, die hier aufgewachsen sind, machen die Arbeit gern." Es ist«in Picknick eines Männeroereins, die Frauen sind heute Gäste. Beim Picknick der Frauen hat der Delikatessen- Händler alles fix und fertig geliefert. Die Tische sind weiß ge d e ck t. Rasch sind Teller, Tassen, Messer, Gabel und alles sonstige Gerät aufgestellt. Dann essen unter grünen Bäumen, bei blauem Himmel, Bogelzwitscher» und AutoHupen etwa 150 Menschen ihr Picknick-Dinncr. Man läßt sich nicht lumpen. Alle Genüsse der Küche bis zur vorzüglichen Eiscreme werden serviert. Heute wird zu Ehren der deutschen Gäste deutsch gesprochen — soweit man es noch kann. Viele der Alten haben Deutschland nie gesehen. Sie haben deutsch von den Eltern und in der Sonn- tagsschule gelernt. Die Kricgsjugeud spricht iiicht mehr deutsch. Ihre Namen nur erinnern an die alte lieimat. Das wird ein schönes Deutsch-amcrikanisch. „How long willst Du stay hier?" „Gibt es auch Picknick's in Deutschland?" „Habe die Arbeitsleit gut zu schaffe?" Ein bißchen schwäbisch, ein paar Brocken von der Wasser- kanie, einiges Englisch— wir verstehen uns schon. „Es ist alleweil ganz gut auch in Amerika zu lebe", meint ein altes Mütterchen— und ich muß ihr nach diesem vorzüglichen Mahl schon bestätigend zunicken Nach dem Essen wird gespielt. Tennisplätze sind in der Nähe, dahin begibt sich die kombinierte Jugend. Die Männer t>r- ginnen ein Baseball-Gam«, das Nationalspiel der Amerikaner, und die Frauen werfen Ball. Ein Spielmeister arrangiert fiir ive „ältere Jugend" Bohncnraten, Losen, Werfen und olle die Gesell- schastsspicle, die man sonst noch aus allen Gauen Deutschlands mit hinüber genommen hat. Dos S u p p e r ruft alle am Abend heim. Niemand braucht laufen oder Straßenbahn benutzen. In den Autos ist Platz für jeden. Mit„good by" allerseits schließt das Picknick. britr. Standarten, und für die„Prinzen des königlichen Hauses" nach eine vierte. Auch fiir Preußen gab es noch eine Königs- und eine Königinstandarte. Also hatten die Hohenzollern ihre sechs Flaggen für sich. Man erkennt demnach: Alle die Gründe, die für die Anhänger des Lilicnbanners einst gesprochen haben, können für schwarzweißrot nicht geltend gemacht werden. Nur durch unsere Handelsflotte ist dies« Fahne in aller Welt bekannt geworden. Es wäre pber das erstemal, baß die Nationalisten die Tätigkeit des Kaufmanns iin!> Exporteurs als„ruhmvoll" bezeichnen. Wenn man sich bei der Wahl der Reicyssarben schon nach dem „Ruhm" im Sinne der Nationalisten richten wollte, so ist es cigent, lich unverständlich, daß sie nicht mit Begeisterung für schwarz- r o t g o l d eintreten, denn da haben, sie alles das zusammen, was ihrem geliebten schwarzweißrot fehlt. Ein recht ehrwürdiges Alter. Die Farben sind die des Reichsbanners des alten deutschen Kaiser- reich?, genauer gesagt, der R e i ch s st u r m s a h n«.(Ein schwarzer Adler auf gelbem Tuch mit rotem Wimpel.) Das Alter ist schwer zu bestinunen, aber es geht für Leute, die auf Tradition halten, er- freulich in die Jahrhunderte. Diese Farben haben„ruhmvoll" über den Schlachtfeldern geweht, auf denen nach Meinung der Nationalisten ja allein Geschichte gemacht wird. Aber was diese Farben den Nationalisten so unsympathisch macht, das ist ihre Geschichte im vorigen Jahrhundert. Denn mit der Fahne schwarzrotgold ist seit über 115 Jahren das Ideal der Einheit und Freiheit verbunden. In dem Sinne trugen die Lützowschen Jäger sie ebenso wie die Burschenschaft seit 1815. Das Verbot dieser Farben 1832 hat nicht viel geholfen, beschloß doch dieselbe Körperschaft, von der das Verbot stammte— der Bundestag—, am 9. März 1848, daß diese Farben Bundes- färben sein sollten. Am unangenehmsten aber ist die Tatsache für die Nationalisten. die im„glorreichen deutschen Kaiserreich" eigentlich nur eine Ver- größerung von Preußen sehen, daß 1863 auf dem Frankfurter F ü r st e n t a g die Farben schwarzrotgold über dein Sitz der Bundesversammlung wehten. Da wurde nänsiich eine Politik be- trieben, die gegen das Preußen Bismarcks gerichtet war. lind 1806 wurden dies- Farben amtlich von den Bundesregierungen, die gegen Preußen kämpften, als gemeinsames Zeichen anerkannt: im Krieg von 1866 trug das 8. Armeekorps, die„deutsche Reiche- armee", schwarzrotgoldene Armbinden. In diesem Kriege ging es bekanntlich um die Frage, ob Oesterreich fernerhin zum Deutschen Reich gehören solle oder nicht. Das Kriegsende ver- neinte die. Frage: damals schrieb ein Historiker über Bismarck- Politik die Worte, er wolle Deutschland groß machen, indem er es verkleinere. Und so blieb denn„Schwarzrotgold" nach 1871 da' Sinnbild für ein Großdeutschland mit Einschluß Deutschösterreich und für eine freiheitliche Gestaltung der Reichs verfasiung. In diesem Sinne, in dieser Tradition hat die Weimarer Verfassung diese Farben gewähct. In diesem Sinne wollen wir sie auch in den Wahlkampf tragen Für Großdeutschland und wahr« Demokratie gegen die Diktaturpläne und gegen den reaktionären Geist derer, die heute sich um schwor, weihrot scharen. Or. I-l,n» Oehmen. Schwevezwcißvcf? I Randglossen xuv Flaggonfvage r-ifc. EIN NBAHNER- OMAN � VON'< HER (22, Fortsetzung,) Der jrcmbe Mann sah Anna an:„Wollen Sie dem Schupo nicht auch sagen, was noch passiert ist?* Anna schwieg. Ihr Retter fuhr fort:„Könnte dem Burschen gar nichts schaden, wenn Sie ihn anzeigten/' Der Polizist ging auf den Unteroffizier zu, der schwerfällig aus- stand und sein« Waffe wieder in die Scheid« steckte. „Was war denn las? Sie sind Unteroffizier, wie ich sehe?" „Nichts von Bedeutung. Ein Neiner Streit." „Dielleicht kann das Fräulein genauere'Auskunft geben", mischte sich Annas Retter ein. Anna schwieg weiter. Am liebsten hätte sie dein Unterojfizier eine Ohrfeige gegeben, so empört war sie. Ihn aber wegen seines Deraewaltigungsoerfuchs dem Gericht auszuliefern, widerstrebte ihr, Der Schutzmann sah erst Anna, dann den Unteroffizier an. „Mir scheint, es ist besser, Sie drücken sich, sind ja Unteroffizier", sagte er. Der Unteroffizier schritt eilends davon. Di« Menschen zerstreuten sich und auch der Schutzpolizist ging weiter, Ich bin Ihnen sehr dankbar", wandte sich Anna an ihren Retter. „War nicht der Rede wert." Der Retter musterte sie mit einem scharfen Blick. Bon mittlerer Figur, mit auffällig breiten Schultern, kurzem Hals, breitem, aber regelmäßigem Gesicht, gehörte er zu demselben Männertyp wie Annas Bater. Er mochte dreißig Jahre alt sein. Seine Augen hatten zugleich einen weltfremden, schwärmerischen und«inen sehr energische» Ausdruck. Irgend etwas an ihm facziniert« Anna. Es war ihr, als sei er kein Fremder, sondern ein Spielgefährte aus der Jugendzeit, den sie nach langer Trennung viedersah. „August Melzer", stellte er sich jetzt vor. Anna nannte auch ihren Namen. Scherzend wies sie auf die Kraft hin, mit der er den Unteroffizier im Zaum gehaUen hatte. „Dafür bin ich auch Schlosser." Er hatte ein« tiefe, wohlklingende Stimnie.„Eigentlich bin ich jetzt Werkmeister, Hab' eine Abteilung mit 35 Leuten unter mir." Anna reichte ihm die Hand. Sie suhlte einen Trauring an seinem Ringsinger. Das gab ihr— sie mußte innerlich selbst darüber lächeln— einen kleinen Stich ins Herz. .Ahr« Frau kann sroh sein, so einen Schutz zu haben", sagte sie und ärgerte sich gleich darauf über ihre Worte. „Meine Frau ist bei der Geburt meines Jungen gestorben." Melzer zögerte, fortzugehen, und auch Anna dacht« plötzlich nicht mehr daran. Sie gerieten trotz der späten Stunde in eine Plauderei, die n.ehr«ine gegenseitige Lebensbeichte war, hervorgerufen durch die innere Vereinsamung zweier Menschen, die, vom Schicksal sticfmütter- lich behandelt, in sich Schicksalsgefährten und artverwandte Käme- roden entdeckten. So war es denn erklärlich, wenn sie sich beim Abschied versprachen, sich nicht aus den Augen zu verlieren. 22. Neues U n h« i l. Nach Neujahr übernahm Kern das Seifengeschäft. Es ging leidlich, hatte aber den Mangel, daß keine Wohnung dabei war. Zwar konnte man in einigen Minuten das Geschüft von der Wohnung aus erreichen, aber es gab doch eine weit größere Veränderung im ganzen Haushalt, als man ursprünglich angenommen hatte. Früh mußte man aus der Wohnung fort. Sollte sie in Ordnung gehalten werden, mußt« Frau Kern das am Abend machen, denn in der kurzen Mittagspause war gerade nur soviel Zeit, um das Essen zu kochen. So kom.c», daß die bisherige Ordnung und Sauberkeit in der Kernschen Wohnung nicht immer aufrecht erhalten blieb. Be- sonders Frau Kern mußte sich auf ein« ganz ander« Lebensweise einrichten, und schon nach einigen Tagen zeigt« es sich, daß sie auch fast die ganze Last der Arbeit im Geschäft trogen mußte. Kern gab sich die größte Mühe, mit dem Kaufpublikuin in guten Kontakt zu kommen, ober es gelang ihm nicht. Mit den ernsten Käufern kam er zwar gut aus, aber das war nur die Hälft«. Auf die anderen konnte sich Kern nicht einstellen. Da gab es nervöse Frauen, die in Erregung gerieten, wenn irgendein Parfümartike.' ausgegangen war. Da gab es grobkörnige Waschfrauen, die mit derbeii Worten und losen Spähen ihre War« forderten, nörgelnde Junggesellen, die brummten, wenn die Rasierseife nicht in der ge- wünschten Art vorhanden war, Kunden, die aus Kredit kauften und die zu zahlen vergaßen, während Kern vergaß, die Summe anzu- schreiben. Daraus ergaben sich Aergernisie, die das gute Verhältnis zwischen Frau Kern und ihrem Manne häufig trübten. Zum Glück dauerte diese Trübung nicht allzulange, denn er wie sie bemühten sich, den häuslichen Frieden bald wieder herzustellen. Das fiel nicht schwer, weil jeder vom andern wußte, daß er den besten Willen hatte, aber doch waren die häufigen Störungen des ehelichen Frie- Kens eine Folge des neuen Lebens, so daß man bald mit Sehnsucht an die alte Zeit zurückdachte. Bei Kern kam der Gram über das ihm widerfahrene Unrecht hinzu und ein Gefühl der Deklossiertheit, das er nicht überwinden konnte. Das machte feinen sonst so verträglichen Charakter reiz- bar und launisch. Immerhin war das alles noch erträglich. Aber nach einigen Monaten machte sich ein merklicher Rückgang des Geschäftes bemerkbar, der offenbar zum großen Teil dem geringen kaufmännischen Geschick Kerns zuzuschreiben war. Kern fühlte das selbst, darum mied er so viel als möglich den Verkaufsraum und machte sich hinten mit Auspacken von Kisten und allerlei sonst vorkommenden Arbeiten zu schaffen. Er war froh, wenn er nicht hinaus in den Laden brauchte. Mußte er es dennoch, weil seine Frau etwas anderes Dringendes zu tun hatte, dann betrot er meist mit verdrießlicher Miene den Laden und verscheuchte so manchen Kunden. So zeigte sich von Monat zu Monat immer wieder ein kleiner Rückgang und schließlich ergab sich die Notwendigkeit, die Ausgaben für den Haushalt soweit wie nur möglich einzuschränken. Für sich leibst hätte Frau Kern das leicht getrogen,«ch Kern war mi? allem zufrieden, doch zwei Dinge versetzten Frau Kern in höchste Erregung. Anna halte ihre Prüfung gemacht und wollte nun eine Schneidcrwerkstätte eröffnen. Schon lange vorher hatte sie mit Stolz auf diesen Tag gewartet. Da sie sich mit Melzer sehr gut befreundet hatte— sie verkehrten wie Bruder und Schwester zu- sammen—, brannte sie jetzt darauf, zu zeigen, daß sie etwas Tuch- tiges konnte. Und nun war kein Geld da. Bescheiden, von der Oesfentlichteit nicht bemerkt, erfolgte die Eröffnung der Werkstätte; doch bald mußte der Betrieb wieder eingestellt werden, da Anna weder Stoffe einkaufen, noch fertiggestellt« Kleider lange auf Kre- dit weggeben konnte, so daß es rentabler war, für ein Konfektions- haus zu arbeiten. Frau Kern litt unter diesem Mißerfolg mehr als die Tochter selbst. Ihr Mutterleib wurde vollkommen, als es auch nicht mehr möglich war, für Fritz die nötigen Geldmittel zur Beendigung des Ingenieurstudiums aufzubringen. Bielleicht wäre es durch einige Bettelgesuche doch noch möglich geworden, aber weder Vater Kern, noch Fritz konnten sich dazu bereit finden. Als Fritz von der un- günstigen Lage seiner Eltern erfuhr, schrieb er kurz und bündig, sie sollten sich keine Sorge um ihn machen, er würde sich vorläufig um eine Stellung als Techniker bemühen. Das Ingenieurexamen könne er später immer noch machen. Schlimm war es, daß diese Aufregungen und Sorgen Frau Kern in einer Zeit trafen, in der sie unter den Auswirkungen der Wechsel- jähre zu leiden hatte. Schon kurz nach Beginn des Unheils mit Kern hatte sie angefangen zu kränkeln. Nervöse Schwächen, Rücken- und Gliederschmerzen hatten sich eingestellt und sie in immer kürzeren Zwischenräumen und immer heftiger überfallen. In den Wochen, in denen ihr Mann abwesend war, waren die Beschwerden so heftig gewesen, daß es sie oft für Stunden aufs Lager geworfen hatte. Aber die Liebe zu ihrem Mann, das Bewußtsein dieser großen Pflicht, ihn in einer Zeit, in der er schwer am Leben zu tragen hatte, nicht auch noch mit einem doppelten Kummer zu belasten. hatten sie immer wieder aufrechterhalten. Nun war es mit ihrer Kraft vorbei. Sie hätte aufschreien, sich austoben und dann hinwerfen mögen, um die Augen für immer zu schließen. Tagelang kämpfte sie einen verzweifelten Kampf gegen die Rebellion der Nerven. Aber gerade diese übermenschliche Beherrschung höhlte sie aus und eines Tages war die Katastrophe da. Sie konnte sich einfach nicht rühren, als sie erwachte. Ihr unregelmäßig pulsierendes Blut war durch die unmäßige Nervenanspannung der legten Monate ins Stocken geraten. Eine Lähmung des ganzen Körpers war eingetreten. Verschiedene Aerzte wurden zugezogen. Jeder gab eine Er- klärung ab, die von der seines Kollegen abwich. Nur in dem waren sie sich alle einig, daß Frau Kerns Zustand auf ihre Wechseljahre zurückzuführen sei, und daß eine Behebung der Lähmung erst noch einigen Iahren zu erwarten sei. Die Hoffnung auf einstmalige Besserung ließ Frau Kern ihr Leiden leichter ertrogen. Sie fand sogar ein wenig ihren alten Humor wieder. Wenn Kern sie wie«in kleines Kind aus einem Lehnstuhl ins Bett trug, wenn er sie in die Badewanne setzte und wusch oder wenn er sie aus irgendeinem Grund von einem Zimmer »ns andere trug, konnte sie einen so schelmischen Gesichtsausdruck zeigen, daß selbst um Kerns Mundwinkel, dessen Gesichtsausdruck sich in dieser Zeit des Grams und der Selbstqual immer mehr verhärtete, ein Lächeln spielte.(Fortsetzung folgt.) �Mudk •Die Samilie ton heule Die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauen- arbeit hat den ersten Band einer Buchreihe herausgebracht, die den Bestand und die Erschütterung der Familie der Gegenwart unter- suchen will. Er ist in der Verlagsbuchhandlung F. A. Herbig er- schienen, nennt sich„Das Familienleben in der Gegen- wart", enthält 182 Familienmonographien und ist hauptsächlich von AliceSalomon und Mari« Baum bearbeitet worden. Die Bearbeiterinnen haben ihr Material, geographisch genommen, in Berlin, in Nord-, Süd- und Mitteldeutschland gesammelt. Milieu- mäßig gesehen, hoben sie etwa eine Berliner Grundschulklasse, ein Dorf, ein zur Aufnahme wohnungsloser Familien bestimmtes städtisches Anwesen, die Straße einer Vorstadtsiedlung, den Außen- bezirk einer kleineren früheren Residenz zum Ausgangspunkt ihrer Ermittlungen gemocht. Die Familienmitglieder sind untersucht worden auf Alter, Beruf, Wohnung, wirtschaftliche Lage, geistiges Leben(worunter auch die politisch« Einstellung fällt), Ernährung, Gesundheit. Der entscheidende Nachdruck aber ist auf den F e st i g- keitsgrad des Familienzusammenhangs gelegt worden, als dessen Kriterien den Bearbeitern vornehmlich die Be- Ziehungen gelten, die zwischen Eltern und Kindern herrschen, ferner die innere Verbundenheit der Ehegatten(für deren Vorhandensein oder Nichtvorhandenfein nach der vernünftigen Auffassung der Be- arbeiter die gelegentliche Verletzung des sexuellen Monopolrechts auf- «inander noch keinen Anhaltspunkt bedeutet) und schließlich die Frag«, ob eine Erwerbsgemeinschaft mit betontem Gruppenwillen vorliegt. Unterschieden wird zwischen gefestigter, gelockerter und aufgelöster Familie. Von 175 auf diese Einteilung hin beobachteten Familien werden 147 als„gefestigt", 27 als„gelockert", 1 als„aufgelöst" normiert. Im wesentlichen ist der Hintergrund der gelockerten Familie schlechte wirtschaftliche Lage, aber die Bearbeiter stellen fest, daß gelegentlich die soziale Not auch ein starkes Bindemittel des Familiensinnes fein kann. Das Buch ist, auch wenn sich einwenden läßt, daß das Material möglicherweise Fehlerquellen enthält und naturgemäß nicht um- fangreich genug sein kann, um absolut sicher« Schlüsse zuzulassen, recht verdienstlich und bietet nicht nur dem Familiensorscher, sondern auch dem Politiker, dem Soziologen— und sogar dem Dichter wichtigen Rohstoff. Ein Problem für sich wird freilich, in einer ökonomischen Situation, die die Familiengruppierung an Bedeutung zurückdrängt und die Klassengruppierung in den Vordergrund rückt, die Ein- schätzung des gesellschastlichen Wertes des Familiengefühls bleiben. blons Bsucr. Rät sei= Ecke des„Abend" •iuuiuuiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiuiiniujimiiiiuniuuuiiiiiuuiiiiiuniuiiimuiuiuiiiiuiiuaHUimutuniiiiUUiuiiiiiJiiiiiuiiiiinmnmim!niiumiiinninunuuuaiimiiitiüiiniiiif Silbenrätsel Silben-Kreuzworträtsel. Aus den Silben ant bahn beth chiem der di dort e e c ei el en I I fe ge gen haar hil i in krö land lem ley li li lu mem mie min mud II mund na nie on oft pen rhcin rit ro sa sc see sen stan tat te te ti un I- vo wer wood ze zi sind 20 Wörter zu bilden, deren erste und dritte- 1=•- Buchstaben, beide von oben nach unten gelesen, eine Aufforderung an jeden Leser und Löjer ergeben.— Die Wörter bedeuten: 1. Stadt in Belgien: 2. amerikanisches Büromaschinenunternehmen: 3. See in Bayern: 4. Stadt in Dortmund: 5. Verkehrsmittel: 6. bissiger Spott; 7. Spottname für Angehörige einer politischen Partei: 8. weiblicher Vorname: 0. Afrikaforscher: 10. religiöses Lehrbuch: 11. in letzter Zeit vielgenannter asiatischer Staat: 12. Wohnungsgeld: 13. schwäbische Stadt: 14. Entwicklung: 15. Tierinnereien: 18. Fisch: 17. Tulpenstadt: 18. gesetzgeberische Maßnahmen des letzten Reichs- tages: 19. Auserlesenes: 20. in letzter Zeit vielgenanntes deutsches Gebiet.(Ch gilt als ein Buchstabe.) dl. Kreuzworträtsel/ Waagerecht: 1. Deut- scher Riesendampfer: 5. chinesisches Spiel: b. Tier- laut; 7. persönliches Für- wort: 8 Elementarerfchei- nung: 11. deklinierter Ar- tikel; 12. Farbe; 13. bibli- fche Figur; 14. segeltech- nischer Ausdruck: 16. Erd- art: 18. Handwerter: 21. gebräuchliche Firmenab- kürzung: 22. französischer Artikel; 23. Präposition; 24. Verwandter. Senk- recht; 1. Harzfluß: 2. tahlwort: 3. englische nsel:4 römischer Kaiser: 9. Verwandter: 10. land- wirtschaftliche Ausbeute: 15. Ackergerät: 17. nord- afrikanische Stadt; 19. Stimmlage: 20. Gewässer." Königszug. Waagerecht: 2. Operette von Strauß; 3. Möbelstück: 3. Schießeisen: 7. Singvogel: 9. Lebensfrühling: 11. Reinigungs- gerät; 12. deutscher Dichter: 16. politische Partei: 19. Photoapparat; 22. Trinkgefäß: 23. Reisebündel: 24. Nebenfluß der Wolga: 26. Treppe; 28. Stadt in Pommern: 29. Beleuchtungskörper.— Senkrecht: 1. fruchtbares Gebiet um die Oder: 4. Handwerker; 5. dasselbe wie„Landschaft": 6. Elfenkönig: 8. Gift: 9. Monat; 10. Landschaft in Tirol: 13. Kriegsgegner; 14. Rundfuntdarbietung: 15. griechischer Denker: 17. Kriechtier: 18. Zierpflanze; 20. Getreide: 21. männlicher Vorname: 23. unartiges Kind; 25. Stromleitung: 27. Stadt in Holland. (Auflösung der Rätsel nächsten Sonnabend.) Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer Silbenrätsel: 1. Denar; 2. Estaminet: 3. Makrone: 4. Ilse- dom; 5. Neidenburg: 6. Dynamit: 7. Abraham: 8. Hier«; 9. Kachel; 10. Lahia; 11. Antenne: 12. Rheumatismus: 13. Esra; 14. Rjm- mersatt: 15. Drachme: 16. Innung: 17. Erna.—„Dem Undankbaren dient kein rechter Mann." Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Livorno: 6. För 7. ade: 8. Bebel; 12. Ase: 13. Ria; 14. Lenin: 13. Eva; 18. Ida: 20. Linie; 22. Adler; 24. Aar; 26. Matrose.— Senkrecht: 1. Lobe; 2. Ire; 3. Od; 4. Nab: 5. Oder: 6. Fes; 8. Basel; 9. Liebe; 10. Erikall. Tabor; 16. Via; 17. Anam; 18. Ilse; 19. det; 21. Ira: 23 das; 23. Ast: 27. Ar. Rösselsprung: Arbeiter, laßt euch raten: Wählt Sozial- demokraten! Köniaszug: Steht zum Bannerl SchwesternI Brüder!/ Küuipferstohz und Jugendkrast/ leucht' aus euren Augen wider./ Fest umschlingt den Dannerschaft./ Haltet hoch ihn in den Händen,/ laßck das Tuch im Sturmwind weh'n,/ droht Gefahr von allen Enden,/ keeulich wollen wir zu ihm steh'n./ Von R. Knauf.(Aus: Bannerlied.) Kapselrätsel: Wenn die Gewalt kommt, geht das Recht auf Krücken. Warum ertrinken Schwimmer? An�st und Mangel an Geistesgegenwart Zu den vielen abc�läubiichen Bräuchen de- Mittelalters ge- hörte auch das Verbot, einen Ertrinkenden zu retten. Das Rettung-- wesen ist somit noch eine junge Einrichtung, die aus der Mitte des 18. Jahrhunderts starmnt: im Jahre 1767 wurde in Amsterdam die erste Rettungsgesellschaft gegründet. Die Förderung des Wassersports in letzter Zeit brachte die Not- wendigkeit ausgedehnter Organisationen zur Rettung und Wieder- bclebung Ertrinkender mit sich, die aber trotz der segensreichen und aufklärenden Tätigkeit, die sie entfalten, immer noch nicht aus- zureichen scheinen, wofür die unverhältnismäßig große Zahl von 5600 spricht, die alljährlich durch Ertrinken ums Leben kommen. Am meisten zu denken gibt, daß sich darunter nachgewiesenermaßen eine erhebliche Zahl durchaus guter Schwimmer befindet. Wie ist es nun überhaupt möglich, daß «in sicherer Schwimmer den Tod in den Wellen findet, wenn er nicht gerade durch plötzliche körperliche Erkrankungen im Weiterschwimmen behindert wird? Diese auffällige Tatsache erklärt sich nun daraus, daß die Ursachen des Ertrinkens eben sehr viel häufiger aus s e e- l i f ch e m als auf körperlichem Gebiet zu suchen sind— ein wichtiger Umstand, aus den in längster Zeit der Berliner Stadtschul- und Fürsorgearzt Dr. Heitan nachdriuNichst hingewiesen hat. In A n g st vor dem Ertrinken und in Mangel an Geistes- gegenwort sieht Dr. Heitan, wie er in der„Med. Welt' betont, die häufigsten Ursachen des Ertrinkens. Eine genaue Statistik läßt sich naturgemäß hierüber nicht cufstellen: immerhin haben wir eine ganz« Reihe diesbezüglicher Aussagen Geretteter, die über' ihren Zustand Angaben gemacht haben, so daß wir nicht ausschließlich auf Vermutungen und die Aussagen von Zeugen der Unglücksfälle angc- wiesen sind. Gerettete geben häufig an, daß sie plötzlich Angst bekommen oder die Kräfte sie verlassen hätten— die typische Antwort auf Rettungsstellen, die wir immer wieder nicht nur aus dem Munde Schwächlicher, sondern vollwertiger Sportsieute hören können. Der nach der Wiederbelebung erhobene ärztliche Befund ergibt dann meist völlig normale Organe, so daß dieses plötzliche Versagen der Kräfte— oder besser noch das Gefühl des Bersagens seelisch bedingt sein muß. Der größte Feind des Schwimmers ist die S u g g e st i o n. die etwa durch die Erzählung guter Bekannter erzeugt wird von eigenem oder auch nur beobachtetem Versagen der Kräfte. In ge- fährlichen Momenten, bei höchster Anspannung der Kraft steigen dann plötzlich aus den Tiefen des Bewußtseins solch unheftvoll suggestiv wirkende Aussagen herauf, die sich nun in der Form von Eigensuggestion auswirken und der empfindlichen Psyche den Todes- stoß versetzen. Plötzliche Minderwertigkeitsgefühle, das sichere Gefühl des Schwimmers, daß die Kräfte nicht ausreichen, führen sein Ver- derben herbei, ohne daß körperliche Ursachen gegeben sind. Auch aus der Geschichte anderer Sportarten kennen wir zahl- reiche Beispiele solch suggestiv erzeugter Minderwertigkeitsgefühl«, als eindrucksvollstes vielleicht den unglücklichen Ausgang jener Mount-Everest-Expedition, den eine eingeborene Seherin vor dein Ausstieg den Teilnehmern prophezeit hatte. Die Prophezeiung, von den frischen und unverbrauchten Sportsleuten iin Anfang verlacht, wurde die unmittelbare Ursache ihres Todes, da sie sich später den Erschöpften, völlig Ermatteten als Suggestion aufdrängte und nun, stärker als Wille und Vernunft, tief« Resignation und Mutlosigkeit erzeugte. Zu solch verhängnisvoll wirkenden Suggestionen gehören auch jene Ammenmärchen vom Strudel im Rhein, die wahrscheinlich auf alten Märchcnglauben an Nixen und Seeungeheuer zurückgehen, die den Schwimmer in die Tiefe ziehen. Dazu kommt noch als reales Moment, daß der Strom starkfließenden Wassers Druck- und Zug- «mpfindur.gen stärkster Art hervorrufen kann, die dem an Strom- schwimmen nicht Gewöhnten unangenehm werden, ja ihm Angst einflößen können. Selbst von den Temperaturdifferenzen der ver- schiedene Strömungen, wie sie überaus häufig sind, wird der Aengstliche oft in panischen Schrecken versetzt. Während die meisten Schwimmer bei derartigen erstmaligen Erfahrungen mit dem Schrecken davonkommen, wirken sie bei dem ängstlichen, für Suggestion empfänglichen Menschen verheerend: schreckliche Angst- und Beklemmungsgefühle, das sichers Empfinden, daß die Kräfte aussetzen, daß dies das End« ist, machen ihn zu jeder weiteren Kraftanstrengung unfähig und führen so den gefürchteten Tod durch Ertrinken wirklich herbei. Und selbst da, wo körperliche Ursachen vorhanden sind, könnte der Schwimmer dieser eher Herr werden, wenn er der be- gleitenden Angst widerstehen würde. So wird z. B. der dein Schwimmer oftmals gefährlich werdende Wadenkrampf bei ruhigem Verhalten im Wasser meist rasch abklingen, ohne Schaden anzurichten — auch hier bildet die begleitende Angst die Hauptgesahr: nur der Ueberängstliche riskiert beim Einsetzen der Krampfzustände sein Leben. Die Zahl von alljährlich 5006 Toten— Schwimmern und Nichtschwimmern— spricht eine deutliche Sprache. Sie zeigt uns, wie gefährlich es ist, jene autosuggestiven Vorstellungen sportlicher Minderwertigkeitsgefühle bei sich aufkommen zu lassen— wie verwerflich es vor allem ist, durch abergläubische Erzählungen öder Rnwmmistereien von eigenen, überstandenen Gefahren derart lebensgefährliche Suggestion zu verbreiten. Die Bekämpfung des Aberglaubens, Stählung des Mutes und Erziehung zur Geistesgegenwart sowie die systematische Bekämpfung sportlicher Minderwertigkeitsgefühle wird die Zahl der jährlich in den Wellen umkommenden Schwimmer beträchtlich verringern! Dr. L. H. Sportler, an die Wahlarkeii! Da« Kartell für Arbeitersport und Körper- pflege Berlin E. 33. beschloß in seiner Geschästsführenden Aus- lchußsihnng, zu der alle der Zentralkommission angeschlossenen Or- oanisalionen mit Ausnahme des Arbeiter-Anglerbundes vertreten waren, daß an den Vormittagen der beiden vorfonn- tage der 3vahl, sowie am Wahltage selbst jeglicher Sport- betrieb rnht. Ferner oerpflichteten sich die Berliner Arbeiter. sporller, ganz positiv an den wahlarbeitea für die Sozialdemokratische Partei teilzunehmen. Der Wahlsieg der Sozialdemokratie ist zugleich Erfolg und Sieg für die Arbeilersportbewegnnz! Der Geschästsführende Ausschuß I. A.: Robert Oehlschlgger. Cilly Aussem geschlagen! Es war ein Regiesehler des Deuffchen Tennis-Bundes, den Be- ginn des Domen-Länderwettkampfes Deutschland-England erst auf 13 Uhr anzusetzen. Die Folge davon war, daß dos zweite Doppel- spiel zwischen Haylock— Mudford und Außem— Krahwinkel beim Stande von 6:2 für die Engländerinnen wegen Dunkelheit abgebrochen und auf Mittwoch, Ii Uhr, verlegt werden mußte. Den Spielen des ersten Tages auf den„Blau-Weiß'-Plätzen am Roseneck wohnten nur wemge hundert Zuschauer bei. Der Länder- kämpf begann recht vielversprechend mit zwei deutschen Erfolgen. Fräulein R o st siegt« gegen Fräulein 5>aylock sicher 6: 3. 6: 4, und Frau Friedleben bereitete der zweimaligen Wimbledon-Siegerin Godfree mit 3:6, 6:1, 7:5 ein« etwas unerwartete Niederlage. Di« Engländerin begann in großem Stile, war in technischer Be- ziehung weit bester, fiel aber später ihrer schwachen Konstitution und der größeren Konzentration der deutschen Altmeisterin zum Opfer., Dann begann die Serie der Niederlagen. Englands ersten Sieg buchte Frau Holcroft-Watson in einem wenig inter- cssanten Spiele(6: 4. 6: 4) über die völlig überspielte Hilde Krah- winket, und im vierten Einzelspiel bezog die frischgebacken« deutsche Meisterin Cilly Außem von Fräulein Mudford eine einwand- freie Niederlage._ Freie Schwimmer Berlin XII Am kommenden Sonntag, dem 17. August, findet das Sommerschwimmfest im Aegirbad, Lichterfelde» Süd, statt. Gemeldet haben dazu: Frei« Schwimmer Charlotten- bürg(die sich eben die Bundesmeisterschaft im Wasserballspiel er- kämpft haben), Berliner Schwimm-Union und Schwimmverein Freiheit. Das Programm weist in der Hauptsache Staffelkämpfc auf. die von mehreren Einzelkonkurrenzen uMerbrochcn werden. Außerdem finden drei Wasserballspiele statt. Di« Kreisfrauenmann» schaft wird zeigen, welche Vollendung sie in der Ausführung ihrer Reigen beretts erreicht hat. Rettungsschwimmen usw. vervoll- ständigen das Programm. Die zu erwartenden spannenden Kämpfe in Verbindung mit dem niedrigen Einttittspreis werden hoffentlich recht viele Zuschauer finden. Das Schwimmfest beginnt um 314 Uhr. Fahrverbindung: Straßenbahn 71 und 177 bis Lichterfelde-Süd, Goerzallee/Teltower Straße. Aut dem Rad von Warschau nach Berlin Zwei iunge Polen, der 24jährlge Leo Klajmic und der 2Sjährrge David Steinbaum, die mit dem Fahrrad die ganze Welt zu umkreisen beabsichtigen, statteten heute der Sportredaktton des„'Abend' einen Besuch ab. Die beiden unternehmungslustigen jungen Leute gehören dem Arbeiter-Sport-Club„Stern" in Warschau an. Sie sind am 22. Juli in der polnischen Hauptstadt Kartet Mlit habe» bisher etwa 900 Kitowetcx jeädgekgL Die Weltfahrer haben nach Durchquerung des westlichen Kontinents Italien als Ziel, von wo sie nach Afrika gelangen wollen. In Süd- amerika, dem Endziel der Weltreise, hosten beide nach etwa vier- jähriger Reisedauer glücklich zu landen. Sporttest in Friedersdort Der Aufruf der Friedersdorfer Genossen zu ihrem 12. Stiftungs- fest, verbunden mit einem Gruppensportfest der 1. Gruppe vom 1. Bezirk des ATuSpB. war nicht umsonst verhallt. Die reg« Teilnahme der Provinz- und Berliner Verein« verhalf der Veranstaltung zu einem guten Erfolg. Um 2 Uhr wurde das Fest durch einen Propaganbaumzug durch den Ort eröffnet, an welchem sich etwa 250 aktive Mitglieder beteiligten. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache, in welcher der Genosse Matths auf die Ver- faffung. und die Bedeutung der Reichstagswahlen am!4. September hinwies, entwickelte sich auf dem Sportplatz ein reges Treiben. Di« Mittelstrecken wurden auf der Friedersdorfer Chaussee aurgetragen, wobei FTGV. Ostring ganz beachtliche Leistungen.zeigte. Nach Be- endigung der Wettkänipfe blieben die Sportler noch einige Stunden bei Gesang uiü> Tanz zusammen, um sich dann von den Frieders- dorfern mit dem Wunsch, daß ihnen die Veranstaltung neue Kämpfer für die Arbeitersportbewegung bringen möge, zu verabschieden. 3000 Meter, Manxeri 1. Brunner kgTGB. vsiring) fl;35,3: 2. Reinke«Wildau) 10:6.— 1500 Meter. Jugend! 1. Duftska igTMB. Ostrin«) ■l:»«,»: 2. Kurz««Oberspre») 4:38,5.— 800 Meter, Jugend: 1. Bahn(Oder- sprrc) 2:24,5.— 4 mal lOo-Meter-Peadel-Stasettc, Jugend: l. Bbersprrc II .56,6: 2. llrirdersdorf I und II 56,2.— 4 mal lOO Meter Pendel-Stafett», Männer: 1. Oberiprcr 51,4; 2. Mittcmvaldc 52,5; 3. Ostring 15' 54,1.— 4 mal«O-Meler Pendel�tasett», granen: 1. gTGB. Llidosl-Treptinv 37,6: 2. Älcindeslen 38,8: 3. IZTlSB. Äldost-Treptou, II 40,3.— Dreilampf, Männer: 1. Haut»(Oberspree) 206 Punkte: 2. Bolaff(Odersprcc) 205 Punkte: 3. Pees (Ostring) 198,5 Punkte.— Bestleistungen, stugelstaßen: Nims iMittenwald«) 8.10 Meter. Sachsprung: Echierwogen«Ostring) 1,57 Meier. 100 Meter: Strelow«Obcrspree) I2.I.— Dreitamp», grauen: 1. Ilenfeld«Sildosl-Treptsw) 188.48 Punkte: 2. stnothe«Eitdost-Treptorv) 187,04 Punkte: 3, Rinkonreii «Wildau) 179,38 Punkt».— Bestleistungen. Kugel stoben: Bogel< Südost. Tuplom) 6J.7 Meter. Kochspruug: ssreigang«Südost-Treptow) 1,17 Meter. 60 Meter: Rinkoweki«Wildau) 8,8.— Deeikamps«ältere Zugend): 1. Erdmann«Wildau) 187,02 Punkte: 2. Sveidel«Wildau) 186,12 Punkte: 3. Busch«Obcrsprcej 184.12 Punkte.— Bestleistunge«. Kugelstosteu: Erdniann«Wildau) 10.10 Meter. Weitsprung: Speidcl(Wildau) 5,25 Meter. 180 Meter: Epeidcl(Wildau) 12,4. — Sreikamps(jüngcre Jugend): 1. Oastn(Oderspree) 195,2.5 Punkt-: 2. Bassinger«Fricdersdorf) 168,50 Pmrkte: 3. HSnowalde) 160,03 Punkle.— Bestleistunge it. Kugelstoßen: Dahn(Oderspree) 10,36 Meter. Weit» spruug: Dahn(Oderspree) 4,90 Meter. 100 Meter: Dahn«Oderspree) 13,4.— Tretkamps, Iungmädchcn: I.«vchwaoschei«Kleindesten) 208,07 Punkte; 2.«Schchrdtc«Weiübcsten) 178,12 Punkte: 3, Hesse(zriedcrsdorf) 148,11 Punkte. — Bestleistungen. 60 Meter: Schmaoschel«Kleindesten) 0,2. Weitsprung: Schruaoschek«Kleindesten) 4,15 Meter. Kugelstoßen: Sltueaoschek«Kleindesten) 0.93 Meter._ Arbeiter-T ennis Harte Kämpfe und Ueberraschungen Die letzten Tressen in der Kreisseri« brachten harte Kämpse. In der Frauen-�.-Gruppe trat Tennis-Rot Prenzlauer Berg unvollständig gegen Tennis-Rot Friedrichshain an und verlor des- halb hoch mit 6: 9 Punkten. Tennis-Rot Wedding holte sich gegen FTGB.-Wedding ein beachtliches Unentschieden 3:3. In der Mä nner-.�- Gruppe kam es zu dem mit Spannung erwarteten Treffen zwischen Tennis-Rot Prenzlauer Berg und Tennis-Rot Friedrichshain. Beide Mannschaften haben bisher kein Treffen verloren. Friedrichshain verteidigte mit Ersolg seine Gruppen- führung. Prenzlauer Berg mußte sich mit 2:4 Punkten beugen. Ueberraschend hoch wurde dagegen Tennis-Rot Neukölln von Tennis- Rot Prenzlauer Berg mit 1: 5 Punkten geschlagen. FTGB.-Wedding brachte es nur zu einem Unentschieden gegen Tennis-Rot Wedding. Sehr gut schlägt sich Tennis-Rot Lichtenberg II. Dies« jung« Mannschaft fertigte nicht nur Tennis-Rot Gesundbrunnen mit 4:2 ab, sondern auch Lichtenberg 1 mit seinen alten Kämpen muhte sich mit dem gleichen Resultat seinem tüchtigen Nachwuchs beugen. Freie Turnerschaft Spandau schlägt sich in den ö-Gruppen auch weiterhin sehr gut. Die Frauen schlugen Tennis-Rot Prenzlauer Berg mit 5: 0, Tennis-Rot Wedding ebenfalls mit 5: 9. Für beide Begegnungen sind noch je«in Spiel nachzuholen. (6: 9 liegt für beide Treffen in der Luft.) Di« Männer von Spandau schickten Tennis-Rot Prenzlauer Berg und Tennis-Rot Wedding mit je 5: 1 Punkten nach Hause. Serienspiele am 17. August. Frauen- A.-Gruppe: Tennis- Rot Lichtenberg gegen Tennis-Rot Wedding, 8 Uhr, Lichtenberg. Tennis-Rot Neukölln gegen Tennis-Rot Prenzlauer Berg, 8 Uhr, Prenzlauer Berg,— Männer-A-Gruppe: Tennis-Rot Lichten- berg I gegen Tennis-Rot Neukölln, 8 Uhr, Neukölln. Tennis-Rot Lichtenberg II gegen Tennis-Rot Prenzlauer Berg, 8 Uhr, Prenz- lauer Berg.— Frauen-S-Gruppe: Tennis-Rot Friedrichshain gegen Tennis-Rot Wedding, 14 Uhr, Friedrichshain. Freie Turnerschaft Spandau gegen Tennis-Rot Neukölln, 8 Uhr, Neu- kölln.— Männcr-U- Gruppe: Tennis-Rot Friedrichshain gegen FTGB.-Neukölln, 14 Uhr, Friedrichshain. Freie Turnerschast Spandau gegen Tennis-Rot Gesundbrunnen, 8 Uhr, Gesundbrunnen. Touristeuperein.Die Ratprsreunde", zentrale Wie». Donnerstaa, 14. Angnst. Lichtenrade. 19(6 bis 21«-, Uhr bei Dehiam, Bahnhof. Ecke«KolhftraSe, Dortra«: _3!dearbeit ist Teilprodlcm der sozialistischen Kulturarbeit"«Lau).— Areitag, 15. August. Photogrmeinschast, Abt. Osten. 20 Uhr Heimabenb im �riebrichU2bert.EäaI de» Jugendheims Jrankfurtcr Allee 307. Jugendgruppe Osten. 18 Uhr Spielwiese 4, Treptower Park, am Karpfenteich. Faltboot. abteilnng. 20—22 Uhr im Jugendheim Brihcr Str. 27. Kuriusbeginn: Erste Hilfe Jugendgruppe I. 20—22 Uhr im Klasscngimmer, Pank- Ecke Wies-nstraßc. Der Sprechchor übt. Südost. 20-22 Uhr im Heim Brihcr Str. 27. Die Per. sassung vom 11. August 1919. Eharlottenburg. 19H Uhr Jugendheim Sprcestr. 30 Dislusfionsadend: Unser Verhältnis ju befreundeten Organisationen und der Interessengemeinschaft. Brist. 20—22 Uhr im Jugendheim Chausscestr. 48(Rot. Hans) Ausspracheabend:„Gemeinschastsgrist".— Fahrten am Sonntag, de» kill». Jeden Sonntag Heidesee, außerdem Tonsee bei Mosten. Führer: Schäfer. Brist. Nach Meißnershof.— Sonnobend, 10., und Sonntag, 17. August. Abt. Tiergarten Ticfcnjce. Abfahrt 18 Uhr Wriczcnet Bahnsteig. Führer: Bachmann. Lumboldthain: Pslichtsahrt Oranienburg, Schnelle Havel. Führer: Glost. Wedding. Autofahrt Ucdcrsee. Näheres im Heim. Friedrichshain. Kremmen. Abfahrt 17Zr Uhr Stettincr Porortbahnhof. Führer: Dannenberg. UebernachtllN« Luchhütte. FTEB., Kanubezirk. Donnerstag, 14. August, Versammlung im.Fallen- steiner", Falckensteinstr. 49.— Bezirk Nordost. Torniersta», 14. August, Fun!- tionärfistung bei Hondtke, Hufelandstr. 13.— Generalprobe der FTGB.-Frane» für das Kreisfrauensest heute, pünkllich l8>/0 Uhr, im Friedrichshain. Mitglieds- buch nicht vergessen. Tennis-Not Gro-ß-Bcelia«. V. Freitag. 20 Uhr, Technikcrststung in der Geschirftsstrlle, Elsasser Etr. 86—88. Alle Techniker müssen erscheinen. Tages- ordnung: Vereinsmannschost, Verein stampfe Kottbus und Hamburg. Fk« Sportocreiniguug Tegel 1899 c V. Am Mittwoch, dem 13. August, nach dem Turnen Technikcrststung bei Tornow, Tegel, Echlieperstr. 64. ASE. Hockep. Anschriften: Walter Wieprecht, O. 132, Pettenkoserstr, 18. Eihnng Mittwoch, 13. August, 20 Uhr, bei Juschkat, Hohenlohe, Ecke Eoßler- strassc. Erscheinen ist Pflicht. Einzelmitglicder der Freien Ruderer und Kanusahrer im ATuSpB., I. Kreis. Donnerstag, 14. August. 20 Uhr, Eistung im Ncstaurant«Lachse, Lindower Strasse «Bahnhof Wedding). Zahlreicher Besuch mit Damen wird erwartet. Letter Zahlungstermin für das III. Quartal. Fr»:« Foltbootfahrer Berlin. Donnerstag, 14. August. Zusammenkunft'M „Hackeschcn Hof", Zloscnthalcr Str. 41. Tagesordnung:„Von grosser Fahrt: Salzoch. Inn, Saar, Lahn, Mosel". Gäste willkommen. Sonntag. 17. August, humoristische Acquatortaufc auf dem Dcreinsgclänbc am Kärisscr See. Pflicht- fahrt. Abfahrt der Jvge ab Görlister Bahnhof: Sonnabends 12,42: 14„56: 16,00; 17,32; 18,46. Sonntags: 6,56 und 7,10. Rückfahrkarte bis Teupist-Gross-Käris lösen. Montag, 18. August, Funktionärkonfcrenz.„Zur Linde", Userstr. 13. Arbetter-Lichtbild-Bund, TB.„Die Ratursreunbe", Photostammgruppe. Montag, 18. August, 1814 Uhr, Iohonnisstr, 15, Ueber Tonen. Photoabteilung Norden. Donnerstag, 14, August, 20 Uhr. Phnfikzimmer der weltlichen Schule, Pank- Ecke Wiesenstrasse. Dos Diapositiv. Arbeiterphotogilde. Freitag, 15. August. 20 Uhr, Jugendheim Lindcnstr. 4, Mitglicdcrocrsammiung. Vortrag über Retouchieren mit praktischen Beispielen. �._. Arbetter Rad uad Krastsahrer Vuud.Solidarität", Gau 8, Bezirk 1. Motor- radsahrrr: Am Sonntag, dem 17. August,«Oauaiissahrt nach Wernsdorf, Restau- rant Kerte. Die Abteilungen richten die Fahrten so ein. dass sie bis 11(4 Uhr in Wernsdorf sind. Erscheinen aller Abteiiunge» ist Pflicht. Dazu starten die Abt. Kreuzberg: 854 Uhr Bereinslokal, anschliessend na» Erossinsee. Abt. Frted- richshain: 7 Uhr Landsberger Plan. Abt. Neulölln: Ueber Mlttenwaldc. 9(4 Uhr Sohenzollernplpss. Abt. Pankow: 7 Uhr Schönhauser Ecke Vornholmcr Strasse. Abt. Eharlottenburg. 8 Uhr Wilmersdorker Str. 21. Für die anderen«h. teilungcn Startbekanntgad« in den Vereinslotalrn. Das Rigaer Arbeitersportfest II.(Siehe auch Nr. 379 des„Abend".) Der Höhepunkt des Sportfestes der Ritzaschen Arbeiier-Sport- und Schutzbündler war entschieden der Festzug mit anschließender Parade. Das ganze sonntägliche Riga war bei dem strahlenden Wetter, das den lettisiihen Genossen zu ihrem Feste Überhaupt be- schert war, auf den Beinen und umlagerte in dichtgedrängten Massen die Sttaßenzüge, die der stattliche Zug von 2999 Arbeiter- sportlern berührte. Es war nicht nur eine Menge von Neugierigen, die dies Schauspiel begaffte, sondern es waren Gesinnungsgenossen, die lebhaften Anteil an dem Feste nahmen. Das war schon aus den Zurufen zu ersehen, die zwischen den Zugteilnehmern und den Zuschauern hin und her flogen. Von allen Seiten tönte es immer wieder:„Brivi sveiks!"—„Freundschaft!"—„Freiheit!"— „Elagu!". Den ausländischen Gästen brauste ein Beifallssturm entgegen, wenn sie in strammer Ordnung mit Wimpeln und Na- mensschildern dahermorschierten. Auch unser Reichsbanner und die deuffchen Jugendgenossen wurden mit großer Wärme begrüßt. Bon deutscher Seite sprach auf dem Sportplatz Genosse K o p- p t s ch- Leipzig. Der Nachmittag galt den hochinteressanten und spannenden Schlußkämpfen in Leichtathletik, Boxen, Handball und Fußball. Ein prachtvolles Wetffpiel lieferten sich Deuffchland und Lettland im Fußball. Beide Mannschaften waren zuerst gleich- wertig, durch größere Ausdauer erzielten aber die deuffchen Rai- Hemden in der zweiten Halbzeit zwei Tore mehr. Spät am Abend schloß das äußerst gelungene, und mir Begeffterung durchgeführte Sxortjesi der lettischen Genossen. Auf Wiederjehen in Wen zur Olympiade! rief Genosse Löw-Wien noch den Bersammelten zu, dann noch eine kurze Dankansprache des Bundesvorsitzenden. Dem Reichsbanner zu Ehren erscholl ein kräftiges„Bnvi sveiks!", das die Reichsbannerkameraden nach einigen Worten des Dankes für die überaus herzliche Gastfreundschaft der lettischen Genossen mit ihrem Freiheil-Ruf beantworteten. Beim Abmarsch des Reichs- banners brach die Menge abermals in begeisterte Hoch- und Heil- rufe aus, und sogar der Ruf„Hoch Deuffchland" wurde aus der Menge laut, ein Beweis für die völkerversöhnende Kraft des Ar- beiierspories. Das war die beste Antwort an die Adresse jener anonymen lettischen Faschisten, die sich„Eiserner Wolf" nennen und einige Zettel mit Drohlingen gegen die Ausländer ausstreuten. An den Bahnhöfen drängte sich bis zum letzten abdampfenden Zug eine unübersehbare Menschenmenge, um den scheidenden Aus- landsgcnosien das Geleit zu geben. Es ist der unschätzbare Wert dieser internationalen Treffen, wie Genosse H a u b a ch- Berlin einmal vor der lettischen sozio- listischen Jugend es aussprach, daß nicht immer nur die Delegierten einander ttefsen, sondern daß Volk zu Volk, Arbeiter zu Arbeiter kommt, sich von Angesicht zu Angesicht kennen lernen und damit das Band der internationalen Solidarität wirklich fest und durch nationalfftische Instinkte unzerreißbar knüpfen. Den lettischen Genossen vom Arbeiier-Sport- und Schutzbund muß man aufrichtig zu diesem geistig und technisch vorbildlich gelungenen Feste Glück wünschen. Möge der Sozialismus in Lettland daraus neue Kraft imd Festigung gewmuenl ßxivi �veiksi Doppelwahlen ,« Braunschweig Auch der Landtag soll erneuert werden. Durch seine Selbstauslösung hat der B r a u n s ch w e i g i s ch c Landtag ermöglicht, dos die Wähler dieses Landes am 14. Sep- tcmber gleichzeitig ihr Votum über die Reichs- und Landespolit.k abgeben können. Die dreijährige Regierungstütigkeit des rein sozialdemokratischen Kabinetts spiegelt zielbewußten, sozialen und kulturellen Fortschrtt wider und unsere organisatorisch festgesügle Partei sieht mit Zuversicht den beiden Wahlen entgegen. Die letzten Landtagswahlen im November 1927 boten der So- zialdemokratie durch ihren Sieg über das reaktionäre Bürgertum für die Maiwahlen 1928 sin gutes Vorzeichen. Bei 277 767 Wahlteilnehmern marschierte die Sozialdemokratie mit 128 317 Stimmen weil vor allen anderen Parteien. Die Volksparrei hatte es aus 39 629 gebracht(eine Zahl, die sie heute kaum wieder erreichen wirds. Hinter ihr kamen die Deutschnationalen mit 26 106, der so- genannte Wirtschaftsverband mit 22 542, die Demokraten mit 12 943, die Haus- und Grundbesitzer mit 12 238, die Kommunisten mit 12 954 und die Nazi mit 19 913 Stimmen, so daß insgesanit 141271 Stimmen der Sozialdemokratie und Kommunisten 136 496 Stimmen der bürgerliche» Parteien gegenüberstanden. Bon 48 Mandaten erhielt die Sozialdemokratie 24. KPD. 2, Volkspartei 8. Deutsch- nationale 5, Wirtschaftler 4, Demokraten 2, Hausbesitzer 2, Nazi 1. Bei der Bestellung des Staatsministeriums, die nach der Verfassung durch den Landtag zu ersolgen hat, st i m m t e n d i e b e i d e n Kvnrmunisten für ein rein sozialdemokratisches K a b in e t t. Der Moskauer Rüffel für diese vorübergehende Er- hcllung des politischen Verstandes ließ nicht lange auf sich warten. Kurz darauf hatten die beiden Sünder den Versuch zu niachen, d i e von ihnen mitgewählte Regierung zu stürzen. slcboch es blieb beim Versuch. Bei der Entscheidung konnte die Regierungsfront zunächst die Unterstützung der Demokraten und später auch der beiden Wirtschaftler(die nichts mit der Wirtschasts- parte! zu tun hoben wollen) erhalten, so daß seit Ende 1927 bis zum heustgen Tage est, rein soztakdsmokratische» Sa» b i n e t t unangefochten im Sattel blieb. Infolgedessen konnten unsere Genossen in der Regierung wäh- rcnd der letzten 2'A Jahre den Nachweis erbringen, daß die So- zialdemokratie sich ausschließlich von den Interessen der werktätigen Massen leiten läßt. Die Schlupfwinkel republikfeindlicher höherer Beamter in den einzelnen Ministerien und Verwaltungsstellen wurden ausgeräuchert. Von sechs Kreisdirektoren(vergleichbar mit den Landräten in Preußen) sind heule 4 Sozialdemokraten. 1 Demo- krat und nur ein„Parteiloser". Der Innenminister, Genosse Steinbrecher, griff rüiksichtslos dort durch, wo es galt, z u v e r- lässige Republikaner aus verantwortungsvollen Stellen wirken zu lassen. Er hat in seinem Ressort(Inneres und Arbeits- Ministerium) Soziallei st ungen auszuweisen, die in einer Zeit der angespannten Finanzlage und der Einsparung öffentlicher Mittel besonders hcrooragen. Einmal führte er als Sonderbeihllfe sür ausgesteuerte Krisenunterstützte eine Winterbeihilfe ein, die 1,1 Millionen betrug. Sie kam neben den von den Fürsorge- ämtern Unterstützten auch den Sozial- und Kleinrentnern zugute. Rund 52 999 Hauptunterstützungsempsänger, 15 999 Ehe- iraue», 23 999 Kinder konnten so neben den ihnen zustehenden ge- setzlichen Bezügen und etwaigen kommunalen Zuschlägen in den Genuß des besonderen staatlichen Zuschusses kommen. Auch die Leistung einer besonderen Wächncrinnenfürsorge ist vorbildlich. Da bei erwerbstätigen Schwangeren der Lohnverlust durch Krankengeld nicht weit gemacht wird, bewilligte die sozialdemo- kratische Regierung in Braunschweig einen Zuschuß aus Staats- mittel» für jede weibliche Versicherte vor ihrer Niederkunft. Neben dem Krankengeld erhält sie für 4 Wochen und länger den M i n d« st- s a tz von 19,59 M. wöchentlich. Der staatliche Zuschuß wird gleich durch die Krankenkassen mit ausgezahlt, so daß keine besonderen Verwaltungskosten entstehen. Dr. Jasper, verantwortlich für Finanzen, zugleich Vorsitzender des Staatsministeriums, konnte dank vorsichtiger und abwägender Politik gesunde Staatsfinanzen erhalten. Einer Landes- schuld von 39 Millionen steht ein Staatsvermögen von 51 Millionen gegenüber. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage, die naturgemäß auf den Staatshaushalt einwirkt, war es möglich, die schwachen Schultern zu schonen. Den Segen dieser volkefreundlichen Politik haben neben der Arbeiterschaft ganz besonders die kleinen Land- wirte und kleinen Gewerbetreibenden empsunden. Den Arbeitern entstanden in Stadt und Land gesunde Wohnungen. Zlllein sür den Bau von Landarbeiterwohnungen wandte der Frei- staat Braunschwcig jährlich rund 1 Million aus. Auch in der Stadt Braunschweig wurde in die Wohnungsnot eine Bresche geschlagen. Wenn heute durch die Braunschweiger Schulen ein frischer Zug geht und wenn heute die Lehrerausbildung in Braunschwcig im Geiste moderner sozialer Pädagogik erfolgt, so ist dieser weit über Braunschweigs Grenzen hinaus in der Kuliurwelt anerkannte Fort- schritt der Entschlossenheit und Zielsicherheit des Kultusministers Genossen Sievers zu danken, der einen Stab bedeutender Lehr- meister der neuen Schule, wie Paulsen, Adolf Jensen, Geiger usw. für die Lehrerausbildung gewonnen hat. An der Technischen Hoch- schule ist hierfür eine besondere Abteilung eingerichtet. Söhne von Arbeitern, armen Bauern und kleinen Angestellten sind durch die bis 599 Mark pro Semester betragenden Stipendien materiell in die Lage versetzt, das vorgeschriebene akademische Studium zu absolvieren. Daß sie es auch geistig vermögen, davon zeugen die Prüfungsergebnisse. 49 Proz. aller Staatsausgaben dienen in Braunschweig der Volksbildung. In der Stadt Braunschweig sind ein Drittel aller schulpflichtigen Kinder in weltlichen Sammelschulen r�ereinigt. Ein von der Reaktion wütend bekämpfter Schulerlaß hält religiöse Beeinflussungsversuch« in anderen Fächern als im Religionsunter- richt selbst fern. Für den Geschichtsunterricht ist ein neues Buch herausgekommen, das mit der Fürstenoerherrlichung und byzan- tinischen Geschichtsfälschung ausgeräumt hat. Erwähnen wir noch die Schulgelkckefreiung bis 3999 M. jährlichem Einkommen, die Lernmittelfreiheit, die Schulgefundheitspflege, die besonderen Auf- Wendungen für Ferienkinder, so haben wir einen Umriß der groß- zügigen Kulturpolitik eines sozialistischen Ministeriums. W. Bartels. � dkfchMfts'JtnSrfgßr t (Bezivk tfiäden-Wefien. Wer braucht Öfen n. Kodiherde; Nur gute und billige Qualitätsarbeit, auch aflSarftalii Brofi- Berliiu: Fliesen arbeit Baukeramik Berliner TBpferhQtte GmbH[no Berlin SO 36/ Waldema-rstr. 14 Fsrnsprecher: Amt Morltzplatz Nr. 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