BERLIN Zrettag 22. August 1930 10 Pf. 7!r. 392 B 195 47. Jahrgang erscheint tizlich augerSoontazs. Zugleich Abendausgabe de«.Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85Pf. pro Woche, S.SOM. pro Monat. Nedaktivn und Eppeditionz Berlin SW es, Lindenstr.» An»eige»prels: Die einspaltige Nonpareillezeil« so Pf., Rtklamezeile K M. Ermäßigungen nach Tarif. Postfcheckkont»: DorwärtS-Vcrlag G. m. b. H., Berlin Nr.S7SZ6. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis so? Technik/ Völkerversöhnung! », Einsteins Mde zur Eröffnung der Kunkausstellung Albert Einstein Bd der heuklgen Eröffnung der Aunkauastellung in den Garien- anlogen im Umkreis de» Funklurms nahm auch Professor Ein- stein, von der Feslversammlung stürmisch begrüßt, da» Wort. Der große Gelehrte sagte: „Wem, ihr den Rundfunk hört, so denkt auch daran, wie die Menschen in den Besitz dieses wunderbaren Werkzeuges der Mit- tcilung gekommen sind. Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Reu- gier und der Spieltrieb de» bastelnden und grübelnden Forschers und nicht minder die konstruktive Fantasie des technischen Erfinders. Denkt an Oersted t, der zuerst die magnetische Wirkung elcktro- technischer Ströme bemerkt«, an Reis, der diese Wirkung zuerst benutzt«, um aus elcktro- magnetischem Wege Scholl zu |. erzeugen, an Bell, der unter Benutzung empfindlicher Kon- takte mit � seinem Mikrophon zuerst Schallschwingungen in variable elektrische Ströme verwandelte. Denkt auch an Maxwell, der die Existenz elektrischer Wellen auf mathe- nmtischem Wege aufzeigte, an H e r tz, der sie zuerst mit Hilfe des Funkens erzeugte und nachwies. Gedenket besonders auch L l c b e n s, der in der Kathodcnröhre ein unvergleichliches Spürorgan für elektrische Schwingungen erdachte, das sich zugleich als ideal einfaches Instrument zur Erzeugung clek- irischer Schwingungen herausstellte. Gedenket dankbar des Heere» namenloser Techniker, welche die Instrumente des Radioverkehr» so vereinsachlen und der Massenfabrikation anpaßten, daß sie jeder- mann zugänglich geworden sind. Es sollten sich auch alle schänicn, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschast und Technik bc- dienen uitf» nicht mehr davon geistig erfaßt haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, di« sie mit Wohlgchagen frißt. Denket auch daran, daß die Techniker es sind, die erst wahre Demokratie möglich machen, denn si« erleichtert nicht nur des Menschen Tagewerk, son- dern auch die Wert« der feinsten Denker und Künstler, deren Genuß noch vor kurzem ein Privileg bevorzugter Klassen war, der Gesamt- heit zugänglich und erwecken so die Völker aus schläfriger Stumpfheit. Was speziell den Rundfunk anlangt, so hat er eine einzigartig« Funktion zu erfüllen im Sinne der Völkerversühnung. Bis auf unser« T«ge lernten die Bölter einander fast ausschließlich durch den verzerrten Spiegel der eigenen Tagespressc kennen. Der Rundsunk zeigt sie einander in lebendigster Form und in der Haupt- fache von der liebenswürdigsten Seite. Er wird so dazu beitragen, das Gefühl gegenseitiger Fremdheit auszutilgen, das so leicht in Mißtrauen und Feindseligkeit umschlägt. Betrachtet in dieser Ge- sinnung die Ergebnisie des Schaffens, welch« diese Ausstellung den staunenden Sinnen des Besuchers darbietet." Treudeutsch allewege! Im Schwindeln unerreicht. In der.Deutschen Zeitung", einem alldeutschen Organ, das dem Hugenberg-Kreis nahesteht, stand dieser Tage zu lesen: Landesverrat ist nach sozialdeniokralischen Begriffen eine hervorragende Tugend und ein heilig Ding. Jeder wegen Landesverrats Verurteilte wird van der„ftaatZeryanen. den" Sozialdemokratie als Held und Märtyrer gefeiert. Diese Infamie gegen die Sozialdemokratie war mit den Buch- siabcn bi. L. unterzeichnet. Wir können niemand hindern, das mit .Erbärmlicher Lügner" zu übersetzen. 3)ie Sßombe ron Mannover Vnfer.111 ld arfgl die bei dem Jlnfchiag auf dat Qetrerk fciiaflthauis in 3lanuoter bcnulaie Jilillenmafchlne und arrar iinlen redtlt die Oranale, die den hoehexplotieen Sprengfloff(Möhrenputrerl mihi eil. Unk* /leben Tafrhen ballerten, die mll dem'itecker und der Qranale durch dünne Spt-ältie verbunden irar. Die Higarrenklfie da xtrifchen diente der Vlonlage der sOrähle Aeuer Anschlag auf Gewerkschastshaus. Nazi- Sturmführer von Reichsbannerwache festgenommen. Hannover, 22. August.(Gigenbericht.) Am Freitagmorgcn gegen fünf Uhr versuchten Banditen einen erneuten Anschlag auf das Ge- wcrkschaftshaus. Drei Strolche wurden von der Reichs- b a n n e r w a ch e, die gegenwärtig im Gewerkschaftshaus liegt, dabei ertappt, als sie mit Diamanten die großen Spiegelscheiben dezx Expedition des„Volkswille" zu zer- schneiden versuchten. Nach heftigem Kampfe gelang es der Reichsbannerwache, einen der Banditen fest- zunehmen, während die zwei anderen flüchteten. Der Festgenommene entpuppte sich auf der Polizeiwache als ein Lturmführer der Nationalsozialisten. * Das Berliner Polizeipräsidium hat am Donnerstagnachmittag im Einvernehmen mit dem Minister des Innern einen Krimi- nalkommissar nach Hannover entsandt, der auf Grund seiner Erfahrungen bei der Aufklärung frühem Bombenanschläge an der Aufhellung des Attentatsvcrsuches auf das Gcwerkschaftshaus in Hannover mitwirken soll. Oer Lappo„höchstes Gesetz". Oer finnische Faschismus gegen Sozialdemokraten. helsingfors, 22. August. - Di«„Kommunistenreinigung" wird im ganzen Lande fort- gesetzt. Es vergeht kein Tag, ohne daß Mitteilungen einlaufen, daß Kommunisten von ihren konimunalen Aemlern abgesetzt worden sind. Jetzt haben die Lappolcute in Ikolis sich auch gegen die Sozialdemokraten gewandt. Bon bürgerlicher Seite wurde in der Stadtverordnetenversammlung die Forderung erhoben, daß die fünf sozialdemokratischen Mitglieder zurücktreten sollen. Aus die Frage des Vorsitzenden der Stadtvcrordneienvcr- sammtung nach den Motiven zu dieser Forderung und auf welches Gesetz sie diese Forderung ausbauten, antwortete der Antragsteller, Gesetze seien nicht nötig: das Lappogesetz sei das Be- stimmende und dieses Gesetz�müßte unbedingt durchgeführt werden. Daraufhin erklärten zwei Sozialdemokraten ihren Rücktritt, wäh- rend die übrigen Sozialdemokraten sich nur vorübergehend zurückziehen wollten. ««mmuMMMe»arlonellen Hie die KPD. Ugcordnelc ernennl Oda Ollxril: jnsliz als polilisdie Walle (Siebe Selle 2 und 3) Treviranus wünscht Nazis. Oie neueste Entgleisung eines Ärüning-Ministers. In einer Bersamnsiung der Konservativen Volkspartei in Halle a. d. S. äußerte der ehemalige deutschnationale Reichstags- abgeordnete L e o p o ld, die Sozialdemokraten hätten hinter den Kulissen geschoben und dafür gesorgt, daß Engländer und Franzosen bei den Poung-Planverhandlungcn so unerhörte Forderungen stellten. In der Aussprache kam es zu heftigen Aus- cinandersetzungen mit den Deutschnationalen und den hakenkreuzlern. Dabei erklärte der Tlazisührer Schwerdtseger:„Der Minister Treviranus hol mir vor wenigen Tagen, als er in Halle gesprochen hatte, auf dem Wege zum Bahnhos gesagt, er würde es sehr begrüßen, wenn die Tlationalsoziaiistcn recht stark in den Reichstag einziehen." Oer Fall Heye. Neue Erklärung beS Wehrministeriums. .. Zu den Pressemeldungen über den Rücktritt des Generalobersten Heye teilt dos Reichswchrminifterium heute folgendes mit: Ein Rücktrittsgesuch des Generalobersten Heye liegt bisher noch nicht vor. Dogegen ist richtig, daß der Chef der Heeres- icitung den Wunsch geäußert hat, nicht mehr lange in s e i n e in A m t e zu verbleiben. Dieser Wunsch ist nicht erst neueren Datums, sondern von ihm bereits vor längerer Zeit geäußert worden. Die Gründe hierzu seien ausschließlich persönlicher und privater Natur. Von politischen Hintergründen könne nicht die Rede sein. Der Rcichswehrminister werde sich jedem Versuch, politische Fragen bei der Stellenbesetzung der Reichswehr mitsprechen zu lassen, auf das schärfste widersetzen. Die Auswahl des Offizierkorps werde nach wie vor einzig und allein von militärischen Gesichts- punkten bestimmt. Heuie Llrieil im Nönigental-prozeß. Zu der heutigen Verhandlung im Röntgental-Prozeß, die um 12 Uhr begann, und in der schon das Urteil verkündet werden sollte, drängten sich bereits eine Stunde vorher große Zuhörermassen aus der Straße, so daß ein starkes Polizeiaufgebot das Kriminalgericht bewachte. Auch in den Gängen des Gerichts war Vorsorge getroffen worden, daß nicht Anhänger der Rationalsozialisten in den Saal dringen konnten. Zur festgesetzten Zeit erschien das Gericht und tandgerichtsdireklor Ohnesorge verkündete den prozehbetelligten. daß das Gericht seine Beratung noch nicht beendet habe und daß da» Urteil nicht vor drei Uhr nachmittags verkündet werden würde. Oas Unwetter an Englands Küste. Zahl der Toten der untergegangenen Jacht noch unbekannt. London. 22. August. Die genaue Anzahl der Todesopfer bei dem Untergang der vlotorjacht„Isländer" an der Küste von Cornwall steht noch immer nicht fest. Mit Sicherheit ist bisher nur bekannt, daß neben dem Unterhausabgeordneten King und drei Offizieren der Kapitän und ein Malrose der Jacht ertrunken sind. Daneben ober fürchtet man, daß noch zwei Frauen und zwei S i n d e r an Bord der Jacht waren und gleichfalls ums Leben kamen. Die Anglücksflelle wird gegenwärtig nach den Opfern abgesucht, doch ist es bisher noch nicht gelungen, die Leichen zu bergen. Die kleine Fischerftadt F i l c y in der Nähe von Scarborough ist am Donnerstag durch einen schweren Sturm heimgesucht worden, in dessen verlaus siebzehn Fischerboote sanken, während sechs ge- rettet werden konnten. Eine weitere Anzahl von Fischerbooten wuroe durch den Sturm so schwer beschädigt, daß eine Wiederherstellung unmöglich erscheint. Die zum größten Teil aus Fischern bestehende Einwohnerschaft Fileys ist durch den Sturm so gut wie ganz ihrer Einnahmequellen beraubt worden. Paris. 22. August. An dck n o r d f r a n z ö s i f ch e n Küste herrschten während der letzten 24 Stunden äußerst heftige Stürme, die auch wieder ver- schieden« Menschenleben forderten. In Brest kenterte ein Schoner mit drei Mann Besatzung, von denen zwei ertranken. KPO ernennt Marionetten Kandidatenaufsietlung ohne Wissen der Mitglieder— Von elf Abgeordneten in Verlin-Brondenburg sieben abgesägt!— Heinz Tieumann schwingt sich über Proleten— Wer ist gefragt worden? Die„Rode Fahne" veröffentlicht die Kandidatenliste der Korn- munistischen Partei für die Wahlkreise 1(Berlin). 2 Potsdam II), 4(Potsdam I), 5 Frankfurt a. d. O.), die— wie die„Rote Fahne" triumphievend mitteilt—„in begeisterter Einftimmiakeit von der Bezirksleitung unserer Partei aufgestellt wurden." Die Kandidatenlisten weisen gegen die bisherige Vertretung der Kreis« einschneidende Aender-ungen auf. lieber die halste der bisherigen Reichstags- abgeordneten ist von den Listen verschwunden bzw. auf gänzlich aussichtslose Stellen hinabgesetzt worden. Dafür sind an den aussichts- reichen Stellen Namen gänzlich neuer Kandidaten auf- getaucht. Di« große Säge der Zentral« ist mit Gekreisch in Aktion getreten. Welches die Gründe im einzelnen sind, die zur Absägung der bisherigen Kandidaten geführt haben, läßt sich schwer sagen, denn nach kommunistischen Grundsätzen ist alles unter größter Heimlichkeit hinter hermetisch verschlossenen Türen bei absolutem Ausschluß der Oesfentlichteit vorgegangen. Zum T«il hat man offensichtlich solche Abgeordnete, die des Versöhnlertums und der nicht hunderprozentigen Linientreue ver- dächtig waren, durch geringfügigere Mameluken ersetzt. Zum Teil dürfte es sich aber auch um die Resultate von rein persönlichen CliquenkSmpsen, Kabalen und Intrigen» handeln, wie sie ja b«i den Strebern der deutschen Moskausiliale zum Dauerzustand geworden sind. Wir teilen einstweilen das tatsächliche Resultat mit, wobei wir hervorheben, daß die„Rote Fahne" nicht den Mut besitzt. ihre eigenen Anhänger aus die Veränderungen gegen den jetzigen Zustand aufmerksam zu machen. Die„Rote Fahne" verschweigt sämtlich« Namen der nicht wieder ausgestellten Reichstagsabgeordneten. Offenbar Kchnet sie damit, daß ein großer Teil ihrer Anhänger gar nicht merkt, wenn an Stelle einer Null eine andere Null placiert wird. � Denn mit Ausnahme weniger handelt es sich tatsächlich um absolute Nullen, Hirn- und meinungslose Knechte der Parteizentrale, die man nach Belieben auf eine Liste stellt oder mit einem Fußtritt wieder herunterexpediert,—„der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen". Wir übernehmen hiermit die Aufgabe der «.Roten Zahne" und teilen den kommunistischen Wählern, die sonst nichts erfahren würden, durch Gegenüberstellung die ver- änderten Listen mit. Die bisher gewählten Rcichstagsabgcordneten sind dabei durch Fettdruck hervorgehoben. Außerdem teilen wir noch die Besetzung der beiden folgenden Stellen mit..- Wahlkreis 2(Berlin). Bisher Jetzt 1. Wilhelm Pieck, 1. Wilhelm Pieck. 2. Ernst Torgler. 3. Ernst T o r g l e r, 3. Rlarta Areadsee, 3. Wilhelm Hein, 4. Wilhelm Hein, 4. Roberto Gropper, 5. Wilh. Repschläger, 5. Paul Walter, 6. Karl Söhn, 6. Paul Hornirf, 7. Herman Letz. 7. Ernst Reinke. Bon den sieben ersten sind also drei geblieben, von 5 Abgeordneten 3. Repschläger ist von der 5. auf die 10.(gänzlich aussichtslose) Stelle gerutscht, Arendsee, Köhn und Letz sind spurlos abgesägt. Wahlkreis 3(Potsdam 11). Bisher Jetzt 1. Arthur Ewerl, 1. Walter Ulbricht, 2. Franz Dahlem. 2. Franz Dahlem, 3. Theodor Beu kling, 3. Paul Kohlmann, 4. Ernst Glotzer, 4. Martha Ruben-Wolf, 5. Otto Bulian, 5. Gerhard Toubenhein, Bon den fünf ersten ist lediglich Dahlem geblieben, alles andere ist abgesägt, auch Ewert, und durch gänzlich neue Leute ersetzt. Wahlkreis 4(Potsdam I). Bisher Jetzt 1. Hans Pfeiffer. 1. Hermann Remmele, 2. Georg kaßler. 2. Heinz Neumann. 3. Wilhelm Peper. 3. Grete Mildenberg. 4. Hermann Elflein. 4. Paul Redlich. Es ist niemand geblieben? Dafür hat sich der„Schriftsteller" Heinz Neumann in den Sattel gesetzt, über die Leichen der Arbeiter Pfeiffer und Kaßler hat er sich emporgeschwungen. Wahlkreis 5(Frankfurt a. 0). Bisher 1. Ernst Thälmann (Schein kandidatur), 2. Paul Papke, 3. Georg Moogk. Jetzt 1. Ernst Thälmann, 2. Karl Bohnenstengcl, 3. Hans Werner. Sicht man von Thälmann ab, dessen wirklicher Wahlkreis f a m b u rg ist und der in Frankfurt nur als Zugtier an die Spitze gestellt ist, so sind auch hier sowohl der bislzcrige Abgeordnete wie sein Nachsolger abgesägt und durch gänzlich neue Leute erseht. Es hat also eine vollständige Umgruppierung, eine völlige Neubesetzung der Abgeordnetenstellen stattgesunden. Durch wen? Durch die B e z i r t s l e i t u n g! Sie hat darüber befunden, wer wieder auf die Liste kommen durfte und wer hinten blieb. was haben die kommunistischen Parteimitglieder an ihren Kandidatenlisten mitbestimmen dürfen? Nicht-!.' Die„Rote Fahne" hat neulich einen entstellten Bericht über den sozialdemokratischen Bezirksparteitag gebracht. Sie hat aus den Debatten über die Kandidatenaufstellung jedes Wörtchen herausgepickt, aus dem sie irgendwie Kapital schlagen konnte. Aber wir bekennen mit Stolz, daß in der Sozialdemokratie Debatten, und zwar öffentlich geführte, uneingeschränkte Debatten, über die auf- zustellenden Kandidaten stattfinden. In der Sozialdemokratie hat jeder einzelne Abteilung zur Kandidatenaufstellung Stellung nehmen können. Auf Grund der «ingereichten Borschläge hat der erweiterte Bezirksvorstand eine Bor- s ch l a g s l i st e entworfen, an der die Vertreterversammlung der Ge- samtmitgliedschaft ihrerseits Aenderungen vorgenommen und so die endgültige Liste aufgestellt hat. So sieht eindemokratischesAusleseverfahren aus. In der Kommunistischen Partei haben die Mitglieder überhaupt nichts zu sagen und zu beschliehen gehabt. Eine anonyme, hinter verschlossenen Türen tagende Macht nimmt ihre bisherigen Vertreter weg, ersetzt sie durch gänzlich neue und die Mitglieder haben nur zu allem Ja und Amen zu sagen bzw. für eine Liste zu agitieren, auf deren Zustandekommen sie ohne jeden Einsluß gewesen sind. Man kann hieraus ersehen, wie die„Parteidemokratie" in der Kommunistischen Partei aussieht. Als die Sozialdemokratie ihre Listen ausstellte, schrie die„Rote Fahne":„Kein Arbeiter auf der Liste der SPD." Die Kommunisten haben es sich allerdings bequem gemacht: sie haben sich eine prole- tarische Liste zusammengesälscht. Leute wie Pieck, Remmele. Torgler usw„ die seit vielen Zahren in keinem wirtschaftlichen Betrieb mehr tätig sind, figurieren da stolz al» Holzarbeiter Pieck, Metallarbeiter Remmele, Angestellter Torgler. Genau so hätte natürlich auch die Sozialdemokratie den„Moler- gehilfen Erispien", den„Metallarbeiter Künstler", den �Handlung?- gehilfen Aushäuser" usw. aufstellen können. Wir lehnen solche billigen Tricks ab. Unser« Wähler wissen, daß die große Mehrzahl unserer Kandidaten aus dem Proletariat stammt und das genügt. wir überlassen es den Kommunisten, Kandidatenlisten hinler verschlossenen Türen mit Mätzchen und Fälschung auszuknobeln. Radio und phono. Eröffnung der Großen Schau in sechs Hallen des Messe- geländes. Am Rande des Grunewaldes, in der Nähe des zukunftsreichen Geländes um Kaiserdamm, Heerstraße und Reichskanzlerplatz, haben die Leute vom Rundfunk, von der Radiotechnik und von der Schall- platte diesmal sechs der städtischen Messehallen gefüllt. Radio- und die Phonoindustrie waren sich noch vor einigen Jahren spinnefeind: sie mußten wohl oder übel schließlich zusammengehen, wobei die neuere Erfindung des Radios wohl etwas in der Vorherrschaft blieb. Beim Eintritt in die Halle I V(das alte Haus der Funk- industrie) präsentiert sich gewissermaßen die Wiege der Funkaus- stellung. Es ist eine Repräsentationsschau der Qualität erzeugenden Spitzenindustrie. Auch die auf der Galerie dieser Halle ausstellenden kleineren Firmen der Teil- und Zubehörteile haben sich erfolgreich redliche Mühe gegeben, die Musterkollektionen auf ihren Ständen übersichtlich und geschmackvoll zu zeigen Der Rundgang führt dann in die Halle III, in deren Mittelpunkt weitere Groß- d>as Qeirerkfcliafrshaus in Mannover in detgen Mauseingaug eine wonibe gefunden teurde, die vor der€xplotion enldeehi und uutchädlMi geniadil wurde firmen der Radioindustrie repräsentieren. Auch hier befinden sich wie in der Halle I V die schalldämpfenden V o r f ü h r u n g s- k o j« n für Lautsprecher. Hinter dem äußeren imponierenden Gesamteindruck bleibt auch das von der Industrie'Gebotene um nichts zurück. Bei den fertigen Geräten und bei allen zur Schau gestellten Einzelteilen tritt das Streben nach Qualität in den Vordergrund. Diese Verfeinerung des Fabrikationsprozesses scheint andererseits jedoch nicht zu einer Erhöhung des Preisniveaus geführt zu haben. Bei vielen Spezialkonstruktionen läßt sich gegen- über dem Vorjahr sogar eine erhebliche Preisreduktion feststellen. Von hier führt der Weg in die lichtdurchflutete Halle VIII, in deren erstem Teil weitere Firmen der Radioindustrie ausstellen. Auch findet man hier die verschiedensten Fabrikate von Anoden- batterien und die neuesten Fabrikationseinrichtungcn für die Herstellung sogenannter Trockenbatterien am lausenden Band. Nach dem Schluß des Jndustrieteils folgt dann als erstes die Sonder- ausstellung des Reichspostzcntralamtes, auf die sich sicher noch mehr als im vorigen Jahr das besondere Interesse der größeren Besuchermassen konzentrieren dürfen. Gezeigt werden die Fortschritte im Zernsehen. Es werden Versuche durchgeführt, bei denen nicht nur das Bild lebender Gruppen, sondern gleichzeitig auch der Klang(Sprache und Musik) übertragen wird. Weiter sieht man hier große Modelle der beiden Groß-Rundfunksender bei Stuttgart und Königs- bcrg sowie Geräte des Gleichwellen-Rundfunks in Königsberg, Aachen und Münster. Den Abschluß dieser Halle bildet die Sonder- ausstellung der Reichs-Rundfunkgesellschaft. Hier werden in einem großen repräsentativen Raum mittels für diesen Zweck besonders konstruierter Großlautsprecher Rundfunkdarbietungen zu Gehör gebracht. Die Mitte des Raumes nimmt eine Plastik, die den Gedanken der Musik wiedergibt, ein. Um diesen Hörraum gliedern sich die verschiedenen technischen Slusstellungen der Reichs- Rundfunkgesellschast. Auch wird u. a. eine vollständige Rundfunk- sendeeinrichtung betriebsmäßig vorgeführt. Eine grammophonisch« Ausnahmeeinrichtung von Rundsunkübertragungen und deren Wiedergabe vervollständigen diesen technischen Ausstellungsteil. Den Abschluß der Großen Deutschen Funkausstellung bildet die Halle VII, in der der Ausschuß für R u n d f u n k st ö r u n g e n mit einer Sonderschau an die Oefsentlichteit tritt. Neben bildlichen und modellmäßigen Darstellungen von der Tätigkeit der deutschen Funkhilfe werden alle gegenwärtig auf dem Markt befindlichen Störbefreiungsgerät« gezeigt. Endlich finden wir hier noch die auf dem Bastlerwettbewerb der Reichs-Rundfunkgesellschaft preisgekrönten Gcräl« von selbstgefertigten Empfängern, Berliner Funkvereine. Den Uebcrgang zu der. in.fiallc VI untergebrachten „Phonoschau Berlin 1930" bildet ein geschmackvoll und zweck- entsprechend ausgestatteter Lesesaal, in dem mehr als Zog Fachzeit- schriften des In- und Auslandes aufliegen: auch fehlt hier nicht eine Puchhandlung für Fachliteratur.' 3n der phonoschau sind wie in der Funkausstellung in der Mitte die repräsentativen Stände der großm Firmen und Werke untergebracht und an den Seitenteilen dann die glasverkleideten Vorführungskojen angeordnet. Man ist Überrascht, auf fast jedem der zahlreichen Ausstellungs- s.änd.' Neuerungen und Lcrbcsscruii(?n, darunter intcr.ssantc Neu- aussllhrungen vorzusinden. Vom Laufwerk bis zur Schall- Plattennadel, von leere Gehäuse liefernden Firmen bis zu den komplizierte Apparate mit allem Zubehör herstellenden Werken ist hier alles vertreten in einer überraschenden Vielseitigkeit. Groß ist auch die Zahl der lediglich Platten liefernden Firmen. Viel Interesse dürste ein Unternehmen finden, das Aufnahmeapparate für das Publikum bereitgestellt hat und jedem die selbst besprochene Platte gleich mitliefert. Wie einerseits in der Funtausstellung zahlreiche Spezialsirmen das kombinierte Gerät, Empfangs- und Schallplattenapparat, pflegen, sieht man hier, daß Spezialfirmen der Sprechmaschinen erzeugeichen Industrie kombinierte Sprech- Maschinen mit Radioeinrichtungen liefern. Was unterstreicht sichtbarer die enge Verbundenheit der Funk- ivid Phonoindustrie?! Den Abschluß bildet die nunmehr folgende Halle V mit der großen kulturhistorischen Sonderschau„Stimmen der Zeit und Stimmen der Völker". Für die erste Gruppe„Stimmen der Völker aus dem Weltkrieg werden aus dem Archiv der Laut- bibliothek in deutschen Kriegsgefangenenlagern aufgenommene Platten vorgeführt. Die große Zahl der Ehrengäste, unter denen sich alle namhaften Vertreter der Diplomatie, Politik, Wissenschaft und Industrie und der Presse befanden, dankte dem Gelehrten durch langanhaltendes Händeklatschen für seine Ansprache, die von Ansang bis Schluß mit größter Spannung und Ausmerkfamkeit angehört worden war. Die Eröfsnungsworte Izatte zu Beginn der Feier der Rundsunkkommissar, Staatssekretär a. D. Dr. Bredow. gesprochen. Er erklärte, daß der Funk seine grandiose Entwicklung mit der großzügigen Unterstützung der Stadt Berlin verdanke, die dem Gedanken des Rundfunks bereits Geltung zu verschaffen wußte, als man der neuen Erfindung noch skeptisch und ablehnend gegenüberstand. Im Namen der deutschen Funkindustrie sprach Dr. Erwin Michel Worte der Begrüßung. Vollendet« Dar- bietungen des Berliner Funkorchesters unter seinem Dirigenten Bruno Seidler- Winkler und des Berliner Funkchors hatten die Feier eingeleitet und bildeten auch den Abschluß des Festaktes. Ein Rundgang durch die vollkommen fertiggestellte im- pofante Ausstellung schloß sich der Eröffnungsfeier an. Heß gegen Hugenberg. Allenstein, 22. August. In einer stark besuchten M itgliedc r v e rsanmllung der Z e n- trumspartei in Allenstein sprach der Vorsitzende der Zen- trumsfraktion im Preußischen Landtag Dr. Heß. Er erklärte u. a.: Mir und der von mir geleiteten Preußenfraktion wirst man von der Rechten gerne eine besondere„Vorliebe" für di« Linke vor. Dabei liegen die Dinge höchst einfach. Die Preußenpolitik des Zentrums wird nicht losgelöst von der gesamten deutschen Jen- trumspartei gemacht, sondern vietmehr in engster Verbundenheit mit dieser. Dem Zentrum ist di« Linke an sich genau so lieb und genau so gleichgültig wie die Rechte. Wir haben nie etwas anderes gemacht als Staatspolitik, wir sind nie etwas anderes gewesen als eine Staalsparlei, wenn wir den Namen auch nicht im Zirmenschilde geführt haben. Staatspolitik aber verlangt vor allem ein« unzweideutig positive Einstellung zum heutigen demokratischen Staat al» solchen. Im übrigen ist die Stellung des Zentrums und des von ihm vertretenen politisch organisierten deutschen Katholizismus heute in gewisser Hinsicht dieselbe wie früher. Hinter der Anmeldung unserer Ansprüche aber steht nur soviel Erfolg, als wir uns selbst zu er- kämpfen die Kraft besitzen. Die Linke macht uns nur Konzessionen, wenn sie es nicht anders kann. Die Deutschnationalen sind bei der Gelegenheit der Konkordatsverhandlungen wieder als u n- versöhnliche Gegner der katholischen Kirche auf- getreten. Wenn man zurückblickend sich die Haltung der Deutsch- nationalen in den vergangenen Jahrzehnten in der Schulfrage ver- gegenwärtigt, dann weiß man, warum die Katholiken in Preußen und in Deutschland der Rechten gegenüber mit einem großen Mißtrauen erfüllt sind. Es kann nur komisch wirken, wenn ausgerechnet Hugenberg aus unserem taktischen Zusammengehen mit der Sozialdemokratie einen„Verrat oin Christentum" konstruieren zu können glaubt. Was wir dem deutschen Volke wünschen, das ist eine neue starke Mitte. Justiz als politische Waffe Zum dritten Jahrestag des Justizmordes an Gacco und Vanzetti Es ist wohl der größte Sieg des modernen Gsdonkens, die Gleichheit oller Menschen vor dem Gesetz erzielt zu hoben. Dem Altertum und Mittelalter log diese Forderung ganz fern. Für den Sklaven gab es überhaupt kein Recht, aber auch unter den Freigeborenen unterstand der Angehörig« der Herr- schenden Schicht anderen Richtern, anderen Gesetzen; er wurde unter anderem Verfahren gerichtet und büßte seine Tat mit anderen Strafen als der Mann aus den, Volke. Die Justiz unterschied Patrizier und Plebejer, Feudalherren und Hörige. Es bildet den geschichtlichen Adelstitel des Bürgertums, die rechtliche Gleichheit aus der Traumwelt der Philosophen in die tvirtlichkeil verpflanzt zu haben,• Ms Verwirklicher dieser Gleichheit erlangt der Staat sittlichen Ge- halt und wird aus einem Machtgebilde der Ungleichheit zum Träger einer Idee. Aber die Ideen, die die Wirklichkeit und die Tatsachen be- wältigen, werden wirklichkeitsgebunden und erlangen die Wucht und Schwerkraft der Tatsachen. Aus der formellen Gleichheit aller vor dem Gefetz entstand die Forderung der politischen Gleichberechtigung, und diese wird zur Stufe für die soziale Gleichheit. Was das Bürgertum in seiner großen Revolution dem Feudalismus abtrotzte, das trug den Keim in sich, über die Ideen des Bürgertums hinauszuwachsen und sie zu überwinden: eben darin lag seine geschichtliche Größe. Die Erfüllung des liberalen Gedankens weift über diesen Gedanken hinaus. Gerade in unserer Zeit sehen wir, wie die Gleichheit aller vor dem Gesetz und die politische Gleichberechtigung zur Handhabe werden für die Gleichheit wirtschaftlicher Möglichkeiten für alle. Die formelle Gleichheit war schon eine gewaltige Sache: die Form mußte da sein, damit sie ausgefüllt werden konnte mit sozialem Inhalt. Das Bürgertum hat die geschichtliche Aufgabe erfüllt, die Form zu schassen. Run aber dos Proletariat daran geht, sie mit der sozialen Idee einer wirklichen, erlebten Gleichheit zu füllen, zerbricht oder verunstaltet die herrschende Klasse die �sorm. Wenn wir heute das Bürgertum bewußt und absichtlich— unbewußt und unabsichtlich geschah es immer— das gleiche Recht für alle ablehnen sehen, um aus der vom Staate verwalteten Justiz eine Verteidigungswasfe gegen die Massen zu machen. so bedeutet dies nicht eine beliebige Episode des Klassenkampfes, sondern die Abkehr des Bürgertums von seinen eigenen Idealen, den Verrat an seiner eigenen Vergangenheit. Und es be- deutet gleichzeitig die Zukunftslosigkeit einer Klasse, die sich unter Ausgabe ihrer geschichtlichen Wesenheit verteidigt, um nicht— der dieser Wesenheit gemäßen Entwicklung folgend— in einer höheren Einheit auszugehen. In dem Mord an Sacco und Vanzetti heute vor drei Jahren hat die Verwendung der Justiz als Waffe gegen die auf- steigenden Massen ihren schärfsten und grauenhaftesten Ausdruck ge- sunden. Es gab keinen Menschen in Amerika, der die beiden Italiener nicht sür unschuldig hielt, aber es gab in Amerika und in der ganzen Welt Hunderttaufende von Menschen, die trotzdem ihr« Hinrichtung forderten. Man wollte der Arbeiterschaft zeigen, daß es in einem kapitalistischen Lande etwas gibt, das mächtiger ist als Recht und Gesetz, nämlich die Macht des Geldes, die Zeugen und Richter kaufen. Polizei und Presse besolden. Anschuldige aus den elektrischen Stuhl bringen kann. Di« Arbeiterschaft� die auf dem Boden der Gesetzlichkeit sich den Weg zum Aufstieg bahnt, sollte erfahren, daß ihre Gegner die Macht und den Willen haben, diesen Boden zu o e r l a s s e n. Die Hin- richtung, die am 22. August 1927 in Boston an Unschuldigen voll-« zogen wurde, hat der ganzen Welt gezeigt, daß der Kapitalismus bereit war und ist, seine Privilegien mit allen Mitteln zu ver- teidigen. Und Zwar mit viel schlimmeren Mitteln, als der nackten Gewalt, indem er den erhabenen Gedankenbau des Rechtes in eine schmutzige Spelunke verwandelt, mit Falltüren und Schergen, die auf ihr Opfer lauern. Di« nackte Gewalt, die den Revolver auf die Brust setzt, ist viel weniger gemein, als es jener abgekartete Trick war, durch den man zwei Unschuldige sieben I a h re im Zucht- Haus hielt, um sie dann auf den elektrischen Stuhl zu bringen. Der Mörder drapiert sich nicht in die Toga des Richters, er beruft sich nicht auf ein Gesetz, er höhnt die, die er vernichtet, nicht durch feierliche Formalitäten. Er tötet einen Menschen, nicht eine Idee. Was der amerikanische Kapitalismus Sacco und Vanzetti getan hat, ist er bereit, anderen zu tun, sobald er für seine Geldschränke besorgt ist. Es ging ihm ja nicht um zwei arme Italiener. ES ging ihm darum, zu zeigen, daß seine Macht weiter reicht als dos Gesetz. Und bei jeder Bedrohung wird er das wieder zeigen wollen. Marum behält man Mooney und Billings im Zuchthaus? Schon im Jahre 1917 hat der Staatsanwalt von Kalifornien ein« Wiederaufnahme des Verfahrens oerlangt. Heute haben die Zeugen, auf deren Ausjag« die Verurteilung zum Tode erfolgte, die dann in lebenslängliches Zuchthaus verwandelt wurde, ihr Zeugnis feierlich widerrufen. Eine Photographie— die doch nicht falsch.zeugen kann— zeigt Mooney bei der Demonstration, in die er ein« Bombe geschleudert haben soll, an einer von dem Schauplatz der Tat weit entfernten Stelle und«ine Uhr beweist, daß die Ausnahme ungefähr um dieselbe Zeit erfolgt«, als die Bomb« mehrere Kilometer weit entfernt explodierte. Alle noch lebenden Mitglieder der Jury, die Mooney und Billings verurteilt hat, haben die Be- gnadigung verlangt. Der Vorsitzende des Gerichts, Richter Griffin, hat öffentlich erklärt, die beiden wären dem„schmutzigsten Trick zum Opfer gefallen, den man je einem gespielt hat". Aber Mooney und Billings waren gewerkschaftliche Agita- t o r e n. Das nordamerikanische Großkapital kümmert sich wenig, ob sie unschuldig sind oder nicht. Es hat es sich Geld kosten lassen, sie ins Zuchthaus zu bringen, und legt W«rt darauf, daß sie da bleiben. Auf Recht, Gesetz, Menschlichkeit, ja, auf den guten Namen der amerikanischen Justiz pfeift man. Hat doch der Gouocr- neur von Kalifornien sich nicht geschämt, zu erklären, daß auch Mooneys„Stellung zur Gesellschaftsordnung" bei der Entscheidung berücksichtigt werden müsse. Man hat dies« Stellung berück- sichtigt und das Gnadengesuch abgewiesen. Die Justiz hat ihre Binde abgenommen und gesehen, ob der Angeklagte auf der Seile der Mächtigen steht oder aus der Seite der verfolgten, und hat dann im Dienst der Mächtigen falsch« Gewichte aus ihr« Waage gelegt und ihr Schwert gezückt. Das ist kapitalistische Justiz. Nach der römischen Sage war die Göttin der Gerechtigkeit die letzt«, die im eisernen Zeitalter die Erde verließ. Im Zeitalter der Maschinen ist sie die erste, deren Tempel man entweiht, um das goldene Kalb an ihre Stell« zu fetzen. Aber es ersteht ihr ein unver- gänglicher Bau in den Seelen der Menschen, wo unsterbliche Namen leuchten. Um das Motto„Gerechtigkeit und Freiheit" schart sich Italiens Volk gegen seine Unterdrücker. Nie hat eine größere Ge- meinsamkeit die Menschen geeint, als in dem Kampfe um Sacco und Vanzettis Leben. Glaubt man vielleicht, daß diese Kräfte gebrochen seien, weil die beiden auf dem elektrischen Stuhle starben? Im Lichte der Geschicht« haben wir in diesen entsetzlichen Episoden die Tod«szuckung«n einer Klasse. Die Bourgeoisie der Justizmorde wirft als Ballast ab, was ihr geschichtlicher Ruhm war. Sie schmiedet Waffen aus einem ihr anvertrauten Tempel- schätz. Aber der von ihr selbst begangen« Frevel an der Justiz er- schüttert die Grundlagen ihrer Herrschast mehr als aller Umsturz. Welch Lebender spricht heute mit ähnlicher Gewalt, wie Sacco und Vanzetti? Oda Olberg. Verkehrsrückgang überall. Bei der BVG. 25, bei der Stadtbahn 11 Prozent. Di« im Nachrichtenamt der Stadt Berlin veröffentlichte Statistik der Berliner V«rkehrs-A.-G. über den Verkehr auf der Straßenbahn, der Hoch- und Untergrundbahn und dem Omnibus weist«inen Verkehrsrückgang von Z0.4 Millionen Fahrgästen im Monat Juli gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres aus. Während 1929 118,5 Millionen Fahrgäste befördert wurden, stellt sich diese Zahl in diesem Jahre nur auf 88,1 Millionen. Der Rückgang beträgt 25,7 Proz. Nach den Ermittlungen der BVG. ist— der allgemeine Rückgang mit 100 eingesetzt— die Minderbenutzung wegen der Tarifänderung mit«wa 39 Proz. einzusetzen, während die übrigen 70 Proz. auf die furchtbare Wirtschaftskrise zurückzuführen sind. Rund 799 999 Fahrgäste werden jetzt täglich weniger befördert. Nach der Angabe des Landesarbeits- amtes betrug im Juli 1929 die Zahl der Arbeitsuchenden 193 999, während sie im vergangenen Monat auf 354 999 angewachsen war, mit den Familien der Erwerbslosen gerechnet, befindet sich sast ein viertel der Berliner Bevölkerung in einer wirtschaftlichen Notlage, die die Benutzung von Verkehrsmitteln so gut wie unmöglich macht. Nicht zuletzt hat aber auch der völlig verregnet« Juli den Ausflugsoerkehr ganz außerordentlich herabgedrückt, so daß auch hierin ein Rückgang in der Benutzung der Verkehrsmittel zu suchen ist. Nicht nur die BVG., auch die Stadlbahn hat einen Verkehrs- rückgang im Juli von 11 Proz. zu verzeichnen und das, obwohl der Tarif nicht erhöht wurde. Die schnellfahrende Stadtbahn ist also als Massenverkehrsmittel der Arbeiterschaft ebenfalls von der Arbeits- lesigkeit betroffen. Eine Anzahl bürgerlich«? Zeitungen benutzen den Verkehrs. rückgang in Berlin zu h ä m i s ch e n Angriffen auf die Verkehrs- und Tarispolitit der BVG. Man sucht die Erklärung insbesondere in der Tariferhöhung, übersieht dabei aber geflissentlich die unge- Heu« Wirtschastskrss«, d« die Erwerbslosen zwingt, zu feiern, während sie früher mindestens zweimal am Tage die Berliner Ver- kehrsmittel benutzten und sie bei der geringen Unterstützung auch hindert, Privatjahrtcn zu maihen. Noch der politischen Stellung der Blätter, die sie zu einem mehr oder weniger scharfen Gegensatz zur Berliner Kommunalpolitik zwingt, sind die Angriffe gegen die BVG. auch mit Angrisfen gegen die Stadtverwaltung überhaupt durchsetzt. Schließlich befinden wir uns aber im W a h l k a m p f um einen neuen Reichstag und da muß eben die Gemeinwirtschaft in jeder Torm herhalten. Daß in diesem Kampf kapitalistischer Kreise gegen die Gemeinwirtschaft die„Rote Fahne" nicht fehlt, sei nur am Rande vermerkt. Schließlich liegen die Ding« dach be! der Berliner Verkehrs- A.-G. so, daß si« trotz des großen Verkehrsrückganges infolge der Arbeitslosigkeit de» Schulden- und Tilgungsdienst von den Unter. grundbahnbauten her entsprechend den Verträgen weiterführen muh. Wenn sich hierbei noch nicht größere Schwierigkeiten als die bisher beobachteten ergeben haben, so ist das nur«in Beweis für die grundsätzlich gesund« Finanz Wirtschaft der BVG. Privatwirtschaftliche Unternehmen haben sich jedenfalls den wirt» schaftlichen Schwierigkeiten gegenüber anders verhalten als die Berliner Verkehrs-A.-G. Das sollten auch die Zeitungen wissen, die in ihrem ausgedehnten Handelst«!! einen Konkurs nach dem anderen registrieren müssen. Es bleibt bei �tägiger Lohnzahlung. Entscheidung sür das Ostrauer Kohlenrevier. Prag, 22. August. Die Grubenbesitzer wollten die 14tägige Lohnzahlung aufheben und die Arbeiter einen vollen Monat auf die Auszahlung ihrer Löhne warten lassen. Die Bergarbeiter wandten sich dagegen und das Revierbcrgamt entschied gegen die Zechenbarone, die gegen diese Entscheidung Einspruch erhöben, die Brünner Berahanptmann- schaft hat ihr« Beschwerde abgewiesen, und dem Revierbergamt auf- getragen, die Grubenbesitzer aufzufordern, die Auszahlung der Löhne künstig wieder alle 14 Tage vorzunehm«n. Der zerschlagene Bürgerblock. Bankrott der bayerischen Politik. München, 22. August.(Eigenbericht.) Mit dem Rücktritt der bayerisd)en Regierung Hot eine zehnjährige Periode ununterbrochenen Bürgcrbiockkurses vor- läufig ein jähes Ende gefunden. Seit über 6 Jahren zeichnet« der Ministerpräsident Dr. Held für die Regierungsgeschäfte verantwor;- lich. Das Ergebnis seiner Politik läßt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: B a n k r o t t, in Zahlen ausgedrückt: ein Defizit von 1'5 2 M i l l i o n e n. Im Jahre 1925, nachdem die Regierung ein halbes Jahr im Sattel jaß, erschien erstmalig ein ungedeckter Fehlbetrag von 37 Millionen im bayerischen Etat und seit dieser Zeit kennt man in Bayern keinen ausgeglichenen Haushalt mehr. Die Regierung Held hat nie den Versuch gemacht, der beängstigend wachsenden Flut der Defizite «inen Damm entgegenzustellen. Das Experiment mit der Schla cht- st e u e r, um die die Regierungsparteien monatelang feilschten und sich rauften und die im günstigsten Falle acht Millionen Mark ein- gebracht hätte, kann man angesichts des 15Y°Millioncn.Loches im Staatssäckel beim besten Willen nicht anders als ein u n t a u g- lich«s F lief stück ansehen. Rein, Herr Held und die Bürger- blockparteien, zu denen auch der ausgesprungen« Bauern- b u n d gehört, hoben nie einen ernsthaften Versuch unternommen, Ordnung in die Staotsfinanzen zu briygen. Es sei denn, man sähe als solchen Versuch die Bemühungen der bayerischen Regierung an, den ohnedies auf dem legten Loch pfeifenden bayerischen G e- m e i n d e n fortgesetzt ungezählte Millionen abzuknöpfen, um sie in das Danaidenfaß des Staates zu Wersen. In der Zeit des Bürgerblocks konnten der Gruppenegoismus und die In- te r e s s« n p o l i t i k geradezu seltsame Formen annehmen. Zeit- weise war es z. B. möglich, daß irgendeine Regierungspartei ohne ersichtliche zwingende Rot Stuererleichterungen für einen einzelnen Stand durchsetzte, nur um Agitation treiben zu können. Das kostete den Staat immer viele Millionen, so daß der Finanzminister die Koalitionsparteien wiederholt beschwören mußte, die Ding« nicht zu toll zu treiben. Leider immer erfolglos. Zwei Dinge sind es vor allem, die dem bayerischen Staat wie Bleigewichte anhaften und jede Gesundung seiner Finanzen aus- schließen. Da sind zunächst 28 Millionen Mark, die Bayern alljähr- lich als freiwillige Leistungen an die Kirche gewährt. Vor dem Kriege gab der Staat nur 8 Millionen hin. Di« Bcrvielfachuiig dieser splendiden Gabe ist das Wert des Bürger- blocks. Das zweite Bleigewicht ist ein unsinnig aufgeblähter Ver- waltungsapparot, an dessen Abbau sich Herr Held trotz ernsthaftester Warnungen von sozialdemokratischer und anderer Seite bis lzeute noch nicht herangetraut hat. Einmal wollte Held mit der Staatsoereinfachung«stehen oder fallen". Gefallen ist aber nur die Staatsoereinsachung. Held selbst zog es vor, stehen zu bleiben. Einmal war er auch mit einer ständigen Ermächtigung des Landtags für die Bereinfachungsaktion ausgestattet. G e- s ch e h e n aber ist bis heute nichts. Unvernünftige.eng- stirnig« Kirchturmsintercssen schreckten den Ministerpräsidenten vor jeder energischen Maßnahme im Interesse des Staatssäckels zurück. Nun ist das Kabinett Held über die Schlachtsteuer gestolpert. Der Wachsamkeit der Sozialdemokraten ist es zu verdanken, daß der Ruhe- und Ordnungsporograph der bayerischen Lerfassung nicht gegen das Volk angewandt werden konnte, und es gehört ein weites Gewissen dazu, deshalb der Sozia ldcmdkra- t i e die Verantwortung für die zerrütteten Staatssiimnzen aufzuhalsen. Andererseits wäre es aber ebenso falsch, dem aus dem Regierungskarren ausgesprungenen Bauernbund onzudichlen, er habe plötzlich eingesehen, daß es in Bayern so nicht mehr weiter- gehen könne. Der Bauernbund hat sich sechs Jahre lang nichts dabei gedacht, daß das Defizit ins Gigantische wuchs. Seine Aktton gegen die Schlachtsteucr war lediglich von egoistischen Jn'eressen und der Angst vor den Wählern geleitet. Diese Angst hat den Bauernbündlern plötzlich Mannesmut eingeflößt. Das gleiche trifft für die Gruppe der Deutschen Volkspartei zu. Daß etwa die Kom- munisten oder Nationalsozialisten sich bei ihrem Vorgehen von den Interessen des Volksganzen leiten ließen, wird wohl im Ernst nie- mand behaupten wollen. Die einzelnen Gruppen der Schlachtstcuer- gegner ließen sich also bei der Ablehnung von verschiedenartigen Motiven leiten und daraus ergibt sich von vornherein die Unmöglichkeit einer Regierungsbildung innerhalb der Opposition.' Inzwischen ist die Sozialdemokratie als stärkste Fraktion dcr Opposition mit der Regierungsbildung beauftragt worden. Ob sie eine Regierung zustande bringen wird, ist angesichts der parlamen- tarischen Loge mehr als zweifelhaft. Das ungeheure Erbe, das der Bürgerblock hinterlassen hat, ist alles ander« als«in Anreiz zur Initiative. Die einzige Möglichkeit� aus der völlig zer- f a h r« n e ii Situation herauszukommen, liegt in der Landtagsauslösung und der Befragung des Volkes. Dazu ist notwendig, daß mit der größtmöglichen Beschleunigung an die Resorm des vom Staatsgcrichtshof als verfassungswidrig erklären bayerischen Wahlrechts herangegangen wird. Oer Lteberfatl auf die Bezirkskasse. Im Lauf« des gestrigen Nachmittags ist der nach dem tollkühnen Raubübersall auf die Bezirksamtskasse in der Meierottostroße fest- genommene Wilhelm Krüger einem eingehenden Kreuzverhör unterzogen worden. Er bestreitet, daß der Plan vorher verabredet wurde, oder daß er gar Hetfershelfer gehabt habe. Der Umstand jedoch, daß die Tür des Klassenzimmers durch ein Hindernis oerrammelt war, läßt darauf schließen, daß Krüger doch nicht so ganz die Wahrheit spricht. Er muß zumindest«inen Helsershelfer ge- habt haben. Außerdem haben Zeugen bekundet, daß sie unweit des Gebäudes ein A u t o mit drei Insassen stehen sahen. Das Auto fuhr plötzlich in voller Fahrt davon. Der Betrag des abhanden gekommenen Geldes hat sich in- zwischen noch v e r r i n g e-r t. Ein junfler Mann hafte gestern 2099 Mark, die Krüger auf dcr Flucht wegwarf, aufgehoben. Seine Zeit war gestern aber so besetzt, daß er erst am Freitag auf dem Polizeipräsidium erscheinen und das Geld abliefern konnte. Es fehlen jetzt nur noch«twa 5999 Mark. Jetzt ist es Zeit die alten Mitgliedskarten der Volksbühne umzutauschen und Neuanmeldungen vorzunehmen pariser Geschworene sprechen frei Von Eme5t Teusan Wenn sie nicht so trmmg geendet hätte, wäre diese Geschichte «ine richtige Poriser Komödie, in der alle Personen auftreten, die zu einem Bouleoard-Erfolg notwendig sind. Da gibt es den hübschen Mannequin, den eleganten Flieger, der sie verführt, und den jungen Ausländer, einen nicht üblen, guten Burschen, ein biszchen eitel, den aus Trotz gegen den untreuen Flieger das Probiersräulein heiratet. Und natürlich kehrt sie in die Arme ihres Lufthelden zurück. Dann gibt es den Vater, gleichzeitig rührend und komisch, der in seinem Büro ergraut ist, ein halbes Dutzend Kinder erzog, der unbeholfen voll bestem Willen zwischen dem Mann und dem Geliebten seiner Tochter steht. Wirklich ein Stöfs für eine Komödie. Aber es ist«in Drama, das vor dem Schwurgericht verhandelt wird, denn im Leben ist der Schluß nicht immer ein glücklicher. Der junge Ausländer, wütend, daß er oerhöhnt wurde, tcll durch die Koketterien des schönen Mannequins, bewaffnet sich mit einem Revolver und eines Tages schließlich schießt er. Sie war so schön! So kam es, daß der junge Rumäne Tiberius Friedmann seine Frau Renee ermordete, die den Flicgerleutnant Barbier sterblich liebte und, um sich wegen dessen Vernachlässigung zu rächen, den „nächsten besten* heiratete, welcher Einfall ihr das Leben kostete. Mit der ganzen Freimütigkeit seiner siebenundzwanzig Jahre bedauert Friedmann seine Tat und mit tränenerfticktcr Stimme erzählt er seine Enttäuschungen. Schon während seiner Verlobungs- zeit erfuhr er von den Abenteuern der schönen Renee' er verzieh. „Ich liebte sie so, daß ich alles hinnahm.* Drei Tage nach der Hochzeit verschwand die Frau und blieb leinen. Tag lang unauffindbar. Bei ihrer Rückkehr erzählt« sie, sie sei bei ihrer Freundin Laura gewesen. Einige Tage später sah Friediiwm, sie«in Caft betreten, wo sie Barbier traf. Zwischen den beiden Männern gab es eine heftige Auseinandersetzung. Die jungen Eheleute trennten sich, d«r Mann mietete sich aus Nummer 2 derselben Straße ein, in der die Frau auf Nummer 12 wohnte. Eine richtige Komödie. Und nun das Drama. Es waren sechs Wochen seit der Hochzeit vergangen und Fried- mann hoffte immer noch,„seine Frau" werde einwilligen, in seine Wohnung zurückzukehren. Das tat. sie schließlich auch, aber unter der Bedingung, daß er nicht da bliebe. Sie aßen zusammen zu Mittag: naä) dem Essen ging Rene« trotz der inständigen Bitten Friedmanns ihre„Freundin Laura" besuch-n, d. h. den flotten Flieger. Abends wieder Szene:„Renee, ich bitte dich, bleib bei mir!* „Nein! Schlafe meinethalben unter den Brücken, wenn dir dos Spaß macht, aber wenn du hier bist, bleib« ich nicht." „Du betrügst mich! Das weiß ich jetzt sicher!" „Und wenn es so wäre, so wäre es mein Recht." „Dein Recht? Wenn, ich dich so liebe, wie ich dich liebe." /.Willst du es wissen? Gut, höre, ja! Ich war bei ihm! Von ihm komm« ich. Ick) liebe nur ihn." Ein Schweigen. Friedmonn wendet sich jetzt zu den Ge- schworcnen:. „Und wenn sie mir in diesem Moment nur einige zärtliche Worte, einige Worte des Trostes gegeben hätte, nichts.wäre ge- schehen: ich halte verziel)«n." ..Und wie kam es, daß Sie ihre Frau erschossen haben?" „Ich habe gesagt, ich werde mich töten. Sie lacht«:„Mach' leine Albernheiten!" und dann fügte sie hinzu:„Vor zwei Stunden, verstehst du, zwei Stunden, lag ich noch in seinen Armen!" Was geschah? Friedmonn erschoß nicht sich, sondern Renäe und trug die Leblose in seinen Armen hinunter in die Portierloge.— Einzigartig in der Justizgeschichte ist der Fall, daß der Voter des Opfers gewissermaßen zum Verteidiger des Mörders seiner Tochter wurde. Poris berühmtester Advokat in Strafsachen, de Moro-Giafferri, verstand es, den ganzen Haß des Voters, der seine älteste Tochter verloren hatte, auf den Mann zu lenken, der bedenkenlos auch seine jüngere verführte. Es sind nicht mehr die Komödicnfiguren, die sich am zivciten, an pathetischen Zwischenfällen reichen Verhandlung-tag gegenüber- stehen, der arme schüchterne Pater und der i» glänzender Osfizicrs- uniform mit Orden geschmückte Verführer seiner Kinder. „Ick) bedauere, Renee nicht meinen Namen gegeben ,zu haben," beginnt der Leutnant Barbier seine Aussage, und nach dieser Huld.- gcnden Geste für die Tote fährt er in seiner Erzählung fort:„Es war im Anfang eine einfache Liebesgeschichte, ohne daß man an den morgigen Tag dachte. Schließlich hat es aber fünf Jahre gedauert. Eines schönen Tages sagt« mir Renee, sie werde sich verheiraten. Ich habe das nicht ernst genommen. Ich glaubte an einen Scherz," lächelt Barbier. Es war Ernst. Er hörte deshalb nicht auf, Renee zu treffen, die er feit ihrem siebzehnten Jahre kannte. In der Folge kommt es zu dramatischen Auftritten: „Aber man läßt nicht ein« Frau, die man wirklich liebt, sich mit eincni anderen verheiraten," sogt Friedmann mit trauriger Stimm«. „Sie sind es. der mit ihr geschlafen hat, und er Hot für sie bezahlt!" ruft der Verteidiger.„Ich erröte für Sie und die Ehren- zeichen, die Sie tragen."—„Sie sagen, daß Sie an die Heirot nicht geglaubt haben und das wäre Ihre einzige Entschuldigung." Aber er war am Vorabend der Heirat mit Renöe zusammen- gewesen und hielt am Trauungstage mit seinem Wagen in der Nähe des Standesamtes, um den Brautzug feiner Geliebten zu betrachten. „Sind Sie»ach dem Tode von Renee mit ihrer Schwester Jeann« ausgegangen?" fragt der Vorsitzende. „Nein." „Ja," antwortet der Vater,„er ist mehrere Mole mit ihr aus- gegangen." „Ich möchte wissen, welcher von beiden lügt," ruft der Per- teidiger, worauf der Vater in heftiger Erregung mit lauter Stimme schreit:„Jawohl, mehrere Male. Und ich mar es, der es erlaubte. Ich hatte meine Gründe..." „Welche?" fragt der Verteidiger.„Sie haben schon zu viel gesogt, um noch etwas zu verschweigen," ruft er dem zögernden Bater zu. Plötzlich stößt dieser hervor:„Jawohl, ich erlaubte Bar- bicr's Besuche, trotzdem ich ihn verabscheute... Ich bin immer den geraden Weg gegangen und um nicht vor mir selbst zu erröten, muß ich jetzt mein Kind entehren. Es fei!.Ich gehe bis ans Ende," und sich an die Geschworenen wendend, fährt er fort: „Sie sollen wissen, worum ich Barbier duldete. Außer dem Tod meiner ältesten Tochter haben wir nach ein anderes Familien- dramn: Barbier hat eines Abends meine Tochter Joanne betrunken gemacht und vergewaltigt... Jetzt wissen Sie, warum ich ihn verabscheue." Die Erregung ist auf dem Höhepunkt. Der Staatsanwalt be- zeichnet den Leutnant Barbier in seiner Rede als einen Lumpen und billigt dem Angeklagten, ohne ihn zu schonen, doch mildernde Umstände zu: „Einen reichen Gatten, der seine Frau aufrichtig liebte, haben Sie verspottet. Ich weiß, mein Klient ist der Mörder, aber ich frage mich, ob nicht Sic als der an dem Mord moralisch Schuldige anzusehen sind." Nach kurzer Beratung verneinten die Geschworenen die Schuld- frage und der Gerichtshof sprach Friednmnn frei unter dem Beifall des Publikums. lUebcrsltzung von L. M. ilnderftn-Hennizer.) Posfioa» spiele in Snlin. Die.FeApielgemeinde fiir chriflliche Volks- kunst" wird ob Mille September bis Oklober im Sportpolost das große PassionSspiel zur Aufführung bringen. Der sronzissische Schorlspieler Silnaln, Ehrenmitglied der Comedie Fron- cois«, ist im Aller von beinobe SO Iohren gestorben. Siloain zog sich ern vor kurzem ouZ der Comedie Froncoise zurück, spielte ober trotz feine» hohen Alter» in verschiedenen Theatern noch wenige Tage vor seinem Tode. Sir Ashton Webb, der bekannte englische Architekt und srühcre Präsident der königlichen Akademie der Künste, starb im Alter von 81 Jahren. Nawrphoiographie in Schulen. Das preußisch« Kultusministerium hat in einem Erlaß an die Provinzialschulkollegien sich für di« Förderung der Naturphotograph!« in den Schulen«ingesetzt. Es handelt sich zunächst darum, dos urerv- voll« Heimatgut, das di« Natur darbretet, in Form von technisch einwandfreien und ästhetisch befriedigenden Aufnahmen zu beigen. Als Gegenstände der photographischen Erfassung käi»«» in erster Linie die in der engeren Heimat vorhandenen Naturdenkmäler in Betracht, vor allem ehrwürdig« Baumgestalten,«rratische Blöcke und andere Einzelschöpfungen der Natur von Naturdenkmalwert. Bei einer solchen Zielsetzung würde i» gemeinsamer Tätigkeit gewissermaßen zwangsläufig die Inventarisierung der Naturdenkmäler der Umgebung de- Schulortes durchgeführt werden. Weiter wären charakteristische Züge der heimatlichen Natur, wie Waldstücke. Gebü-schgruppen. Felsgebilde. Fluhufer. Flußschlingen, Altwasser. Moore, Seen, Teich«, Dünen u. a. m. photographisch zu meistern. Auch typisch« Pflanzengesellschasten und Einzelpflanzen sowie Tier« und ihr« Brüten bieten ein« Füll« von Objekten dar, an denen die photogrophische Kunstfertigkeit geübt werden kann. Es ist zu er- warten, daß dies« Art der photogrophischen Betätigung einnial zu einer sehr ersprießlichen Zusammenarbeit verschiedener Unterrichts- fächer führt, und daß der Narurschutzgedanke aus solcher Betätigung kräftige Anregungen empfängt. Di« besten der gewonnenen Aus- nahmen sollen auf der Naturschutzausstellung in Berlin gezeigt werden, die für den Spätsommer 1931 geplant wird. Schluß der Bayreuther Festspiele. Die Bayreuther Festspiele gingen am Donnerztag mit der Aufführung des„Parsival" zu Ende. Auch ain letzten Tag« war das Haus vollständig ausverkauft. Der Neston unter den Dirigenten, Karl Muck, leitete die letzte Aufführung. Nach Feststellung an Hand der Fremdenliste und Schätzimg des Wohnungsamtes besuchten im Juli und August rund 15 lXX> Fremde Bayreuth, von denen etwa 19 999 die Festspiele besuchten. Von den Fremden waren 1999 Amerikaner, 499 Engländer, 399 Franzosen, 399 Italiener und 799 bis 899 andere Ausländer. Insgesamt waren fiir die 21 Vorstellungen 33 599 Platzkarten vergeben, so daß auf jeden Gast etwa drei Vorstellungen kommen. Der Rest entfällt auf Bayreuther Besucher. Diese Karten brachten 959 999 Mark Ein- nahmen. Bei einem Durchschnittsoufenthalt von vier Tagen und 29 Mark Tagesverbrauch ließen die Fremden für die Zeit der Bayreuther Festspiele rund 2M Millionen Mark in Boyreuth. Ein Viertel der Besucher wohnte in Hotels, drei Viertel in Privat- Wohnungen. Die Wohnungen kosteten in Privatwohnungen 2'A bis 7 Mark, im Hotel 5 bis 25 Mark ohne Verpflegung. �Das Woh- mingsamt vermittelte Wohnungen in mehr als 2999 Fällen. Wahlvorbereitungen auf dem Rittergut. In der Zeitschrift„Die Küche" wird die Spessekorte eines Essens veröffentlicht, das eine Berliner Luxusküche auf ein Ritter- gut im Erzgebirge geliefert hat. Sie sieht so aus:„Kaviar auf Eisblock, Toast und Butter. Schnepfen, Ercmefuppe, Londondefry, Sterlet aus der Wolga nach russischer Art, Englischer Lamnirücken mit frischen grünen Bohnen, Mintsauce, Pute kalt nach Borchardt, Cnmbcrlandsauce, Ananassorbet, Verlorene Eier mit Champignons, Hamburger Mastgans nach Hausfrauenart, Kopf-, Tomaten- und Gurkensalat, gekühlte Weincreme mit Orangen, Gebäck in Zuckerkörbcn, Stilton mit englischem Sellerie, warmes Käse- gebäck." Da werden die Heimarbeiter im Erzgebirge wohl keinen Hunaer-mehr leiden müssen, wenn in ihrer Gegend solcher Ucbersluß herrscht.__ Die Tagung der tichtspieltheaterbesitzer. Auf der Haupt- Versammlung der Lichtspieltheaterbesitzer in H a ni b u r g wurde ein Münchener Antrag angenommen, in d«m von der Reichsregic- rung die Nachprüfung der Kontingcntsverordnung gefordert und neben deni Schutz der deutschen Filmherstellung, auch der Schutz der unabhängigen deutschen Lichtspieltheater durch freie Einfuhr aller für d«n deutschen Markt brauchbaren Filme verlangt wir». Ferner wird der Wegsall aller Einsuhrbcstnmming«» für Filme gefordert. die im Ausland mit vorwiegend deutschen Hauptdarstellern fertiggestellt werden. » GRAMM für die Zeit vom 22. bis 25. August K I N O-T A F E L OIOIQ Potsdamer Strafe 35 W. 5, 7. 9 Uhr Das Kabinett des Dr Larifari (1000 Worte Ulk) mit Max Hansen, Paul Morgan, Carl Jdken Rheinstrahe 14 KilÄ) Mein Freund Harry mit Harry Liedlke, Maria Pendler, Brnno Kästner Maha(7 Akte) Odeon, Potsdamer Str. 75 Fraaennot- FranenSlOck Ein Film von der Beziehungzwischen Mann u Frau, v.Werden d. Menschen Turmstrahe 12 W. 5, 7. 9 Uhr Der blaue Engel m Emil Jannings Marlene Dietricb, Hans Albers Alexanderstr. 39-40 (Patsage) Oen ganzen Tag geöffnet! Ton- und Sprechfilm: Das Rbelnlandmädet mit Greil Berndt, Lucie Engliscb. Werner füttcrer Prmus-Palast oVsVi'is Po sdamer Str. 19 Ecke Margareienstr Tonfilmposse: Lampenball mit Irene Ambrnt, Anna MOiler-Linke. Fritz Kampets (•J��FrteUrtchstadt__p Die Kamera z. �9 um Unter-den Linden 14 Cer Cowboy mit Basier Keaion Uas sensationelle Beiprogramm Jugendliche haben Zutritt Artushof-Lichtspicle Film- nnd Bflhnensdiaa Perleberger Str. 29 und Stendaler Str. Showboai mit Laar« la Plante (Das Komödiantenschiff) Oer tolle Ozeanflieger Welt-Kino n6» Mt-Moabit 99 lOOproz. Tonfilm: Der gioBe Sensationsfilm in deutscher Sprache: Flieger Beiprogramm W Wllmerzdorl Atrium Beba-Palast Kaiserallee, Ecke Berliner StraBe Täglich 7. 9.15 U Slg.; 5, 7, 9.15 u. Uraufführung; Wall.Mtttelbolzers Airikaflng IPSO Musik: Pasquale Perris jugendliche haben Zutritt Titania(uta SchOneber*) Hauptstraße 49 W 7. 9 U. Stg. ZU. Fraaennot- Fraaenglfick (Werden des Menschen) Vortrag; Dr. O. E. Scfamldi Friedenau Kronen-Licbtspiclc Rheinstr. 65 Beg W.7,9.U. S 3.5,7,9U. Tonfilm, Zwei Herzen Im Drelylertel-Talct mit<4 alter Jansen, Irene Etsinger TOnendes Beiprogramm jugendliche haben Zutritt Sf 311t« Titania-Palast Stegliiz. Schtoßstr. 5, Ecke Gutsmuthsstr Täglich 6.30. 9 Uhr. Stg. 4. 6-50, 9 Uhr Lampenball mit Anna MtHlcr-Llnke. Fritz Kampers, Irene Ambras, Carl de Vogt Regie: Carl Heitts Wolö Film-Palast Kammersäle Teltowcr Str. I W. Sbd. 6, Stg. 4 Uhr Mor«l am Mitteniadii mit Camilla Horn Der Liebesmarkt ■»■ Primus-Palast Am Hermannplatz, Urbanstr. 72/76 WochenL 7, 9,15, Sonnt ab 4 45 U. Der KOnlg von Parts lOOproz Sprech-, Ton-, Gesangsfilm mit Iran Petrovlch, Hanna Ralph, Carl Haszar Pnfty, Hans Pepplcr Das gaie Beiprogramm Filmeck Be«inn Skalitzcr Straße, am Görlitzer Bahnhof Großtonfilm: Ein Tango tftr DUb mit Willi Forst, Oscar Karlwei� Stella-Palast Köpenicker Straße 11�14 Beginn der Vors'ellungen: Wochtgs. 5-50, 715. 9 15, Sonnt. 3, 5, 7. 9 U. Fraaennot— Fraaenglfick Mit Vortrag des bekannten Frauenarztes und Chirurgen Dr. med. Georg Katz Jugendliche keinen Zutritt Sternwarte— Treptow Dienstag und Donnerstag, 8 Uhr; Die Wander Asien« Mittwoch 8 Uhr:«Die Bremen* Nordosten Film nnd BQhne „Elysium" Prenzlauer Allee 56 W. 5.15, 7, 9,15, S. 3.15, 5. 7.15, 9 15 Uhr Fraaennot— Fraaenglfick mit einleitendeiB ärztlichen Vortrag Germania-Palast Frankfurter Allee 314 Wochenl. 7, 9, Sonnt 5, 7, 9 Uhr Tonfilm: Zweimal Hodizcit (Eine schwache Stunde) mit Liane Haid. Ralph Roberts. Lade Engllsh, Haszar Paffy Das gute Beiprogramm Luna-Filmpalast Gr. Frankfurter Str. 121 Wochent 5 Uhr, Sonnt z Uhi Fraaennot— Fraaenglfick Der größte Erfolg der Saison, mit eint ärztlichen VC Beiprogramm Vortrag Schwarzer Adler Frankfurter Allee 99 Woch. 5, 7.».45. Stg. 3. 5. 7, 8.45 U. Kriminal-Tonfilm: Der Tiger Tonfilm Sketch, Kultur- und Tricktonfilme Jugendliche haben Zutritt Comenius-Lichtspiele Memeler Straße 67 W. 6, 9'/«. S ab 5U Stuart Webbs bester Film: Maakeu Der roie Gentleman mit Rod la Roqne Concordia-Palasi Andreasstr. 64 W. ab5U..Stg.ab3U. Tonfilm: Nor am Rhein(100 prozent Tonfilm) mit Igo Sym Moral am Mitternackt mit C. Harn Viktoria-Lichtbild-Th. Frankfurter Allee 48 Bfihnensckaa Woch. 5. 7. 8.45. Stg. 3, 5. 7. 8.45 U. Acktong. Aato-Diebcl mit Harry Ptel Grones Beiprogramm g Weu-Llctitertbcrg Kosmos-Lichtspiele Lichtenberg, LflckstraSe 70 Acktong, Aato-Dlrbcl mit H. Plel Bühne:„Premiere", Operelten- Ausstattungs-Revue(10 Biider). BflhBcaitBM ry-- n.sa#*» w- M'. Uhr Kino DUSCH s. 5. 7 U. 8.45 Uhr. Alt-Fried richsfelde 3 Gaukler mit KIthe von Nagy. Lonls Ralph Die Falscksplcler von Mesqolie mit Big Boy Williams Beiprogramm Schloßpark Film- Bühne Berliner Allee 206— 210 Stg.'7,3 Jgd.-V Ton-Sprechfilm: Im Kampfe mit der Untenrelt mit Carlo Aldlnl Tonfilm belprogramm Alhambra Müllerstraße 136, Ecke Seestraße Fraaennot- Fraaenglfick Vom Werden des Menschen, Leiden und Freuden der Mutterschaft Beiprogramm Marga-Lichtspiele Schulstraße 29 Ton-Sprechfilm: Das Rheinlandmldel ' mit W. Füttcrer, Gretel Bernd! Die Hfille von Montmartre Prater-Lichtspiel-Palast Kastanienallee 7-8 Wochentags 5. Sonntags 3Vi Uhr Export in Blond Es kommt alle Tage vor VarleMsckaa Skala-Lichtspiclc Schönhauser Allee 80 W. 6Vi, 8". U. Stg. 5 U 100 Proz. Tonfilm: Der nnsterbllcke Lamp mit Liane Haid, Georg Fr6b]ick Jugendliche haben Zutritt Colosscum PROGRAMM für die Zeit vom 22. bis 25. Augatt Wtgs. 5, 7 u 9Uhr Stg 3, 5, 7 u. 9 Uhr Schönhauser Allee 123 Fraaennot- Fraaenglfick mit wissenschaftlichem Vortrag » Pankow"b Palast-Theater Breite StraBe 21 a W. 7. 9. St* 5, 7. 9 U. Tonfilm: Das lockende Ziel mit R. Tauber Filde and Flodcy, Gladiatoren Jugendliche haben Zutritt_ Tivoli, Pankow Berliner StraBe 27 Stg. 2>(> jgiL-Vorst W. 7. 9 U.. Stg. 5. 7 u. 9 U. Tonfilm: Der blaae Engel> m. Emil Jannings, Marlene Dietrich � madarrchtmtiacnan b Film-Palast.Ä««» Blankenburger Straße•» W. 7, 9 U. Tonfilm: Stg. 5. 7. 9 U. Skandal am Eva m. Henny Porten > Tegel fc Filmpalast Tegel Bahnhofstr. 2 W.6, Stg. 4Vc Uhr Sonntags 2 U Jugendvorst- Fraaennot— Fraaenglfick mit einleitendem Vortrag des Herrn Dr. S.abl, Tegel— Beiprogramm «Kosmos" Hauptstraße 6 FUmbGhne ...------. 6 Uhr. 9 Uhr 100 Proz Tonfilm: Der grobe Gabbo mit Erich von Stroheim Beiprogramm— Bfihnensckaa Union-Theater Hauptstraße 3 Stg. 2 U. Jugendvorst. Verschollen(Furcht vor Schande) Spiel am den Mann m. Liane Haid Beg. Wtg. 6,8'bU Stg. l'/c. SVr: 8-4 U Hennlgaderr Filmpalast Stg. Berliner Straße 59 Stg. 2U. lug.-VorsL Tonfilm: Westfront IPIS Auf Klangf ilm-Apparator föeilage Freitag, 22. August 1930 SivMpnd iSoi'BHZ�g fyabeüaCt odet:(Xmexikah ßedeuiendUei Wlann nacfi Hoovex Baseball ist das Nationalspiel der Amerikaner, wenn man die Beliebtheit eines Spiels zur Basis(Base) für diesen Ehrentitel machen will. Ein Berliner Junge und ein Ball(ikann auch durch einen Stein ersetzt werden) ergibt Knödeln(nicht Knödel) als Resultat. Zwei Berliner Jungen und«ill Ball ist«in fertiges Fußballspiel. Ein amerikanischer Bürger(100 Proz.) und ein Ball bedeutet nichts— außer dem Wert der hier nicht zur Betrachtung stehenden Persönlichkeit und des zweifellos wertvollen Bürgerrechts. Zwei amerikanische Bürger und ein Ball(darf nicht durch Stein ersetzt werden) ist der Beginn eines Bafeballkampscs. Mr. A. kommt um 5 Uhr von der Arbeit heim. Als er seine Haustür öffnen will, ruft ihn ein„Hallo" von der anderen Seite der Straße zurück. Mr. B. steht drüben, lächelt, knetet mit beiden Händen einen faustgroßen Ball und nickt„Hallo". Mr. A. hat zwar noch nicht gegessen, aber bis seine Frau zu- gerichtet hat, kann er der Aufforderung Folg« leisten. Er nickt wieder:„Hallo", verschwindet im Hause und kommt kurz nachher mit einem Lederhandschuh auf seiner Linken zurück, der aber nur die Innenseite der Hand bedeckt. Es ist«in Schutzleder zum Ballfangen. Bei allen amerikanischen Spielen scheinen die Schutz- hüllen das wichtigst« zu sein. Wir Verden noch fehen, wie die übrigen Spieler ausgerüstet sind. Hier gewinnt das Wort Spiel- kämpf seinen Anschluß an die Kriegstechnik. Mr. A. und B. werfen sich mit kräftigstem Schwung den Ball über die Straße zu und sangen ihn mit den behandschuhten Linken, nicht ohne Ihn vorher gut durchgewalkt zu haben. Doch das gehört zu den Zeremonien des Spiels und soll nachher erzählt werden: denn Mr. Zl. und B. und die vielen tausend amerikanischen Kinder, die in der eben beschriebenen Weise ihr Bafeballtraining beginnen, sind ja noch keine Baseballmannschaft und müssen tagsüber arbeiten. Was aber ein guter Spieler ist, der gehört zur Berussspieler- Mannschaft der Stadt und darf sich etwas höher einschätzen als die Primadonna seines Stadttheaters, wenn sich überhaupt ein Theater dort über Wasser halten kann, d. h. wenn es genug Be- sucher hat, um existieren zu können. Ein« Baseballmannschast hat solche Sorgen nicht. Sie darf um 3 Uhr nachmittags ihr Spiel a n säst jedem Tage der Woche beginnen und wird einiger tausend Zuschauer sicher sein bei einem Eintrittspreis von 3 M. und höher. Das Baseballstadion ist natürlich das größte der Stadt und nur für diesen Zweck hergerichtet. Gelegentlich soll es auch für F o o t- b a l l- R u g b y hergegeben werden,«in Spiel, das nichts mit dem Deutschen Fußball zu tun hat. Unser Fußball heißt hier„saccer". Für jedes Spiel gibt es«ine bestimmte Jahreszeit(�essan). Baseball hat im Juli sein season. Damit die Sportbegeisterung (lies: guter Besuch der Darbietungen) in der Bevölkerung nicht nach- läßt, sorgt die Sportbehörd« dafür, daß die Spiel« in regelmäßiger Folge in jeder Stadt sich ohne Konkurrenz abwickeln. Man behauptet von kritischer Seite sogar, daß der Sieg der Heiniatmann- is ch a f t der betreffenden Stadt, in der der Kampf stattfindet, immer im voraus(natürlich mit einigen auch vorgesehenen Hindernissen) sicher ist. Das erhöht die Begeisterung der Zuschauer und ist zug- kräftiger als Verluste. Lustspiele werden ja in Europa auch stärker besucht als Tragödien. Nun aber auf ins Stadion. Es ist dreieckig und nur von zwei Seiten mit Sitzen versehen, gegen die Sonne überdacht und »n der Kant« von einem Netz gegen das Spielfeld geschützt. Ehe wir in beängstigender Enge irgendwo geparkt haben, unsere Eintrittskarte lösen und uns vom Menschenstrom mitnehmen lassen, hat das Spiel begonnen. Das Meer erbraust und verrät den Sturm der Begeisterung, wie es so schön heißt. Es ist put, daß wir uns einen Kenner des Spiels mitgenommen hohen. Baseball ist am besten mit dem deutschen Schlagball zu vergleichen. Mr. A. lind B. haben uns bereits die wichtigsten Männer vorgestellt: Wir nennen den, der im Mittelpunkt des viereckigen Spielseldes steht und den Ball nach der netzbeschirmten Zuschauerreihe wirft, den Einschenker. Er trägt wie Mr. A. nur ein Handlcdcr, walkt den Ball— was, wie schon gesagt, zur Zeremonie gehört und nichts weiter bedeutet—, hebt wie beschwörend die Arme hoch, was so viel heißen soll wie:„Jetzt geht's los", und wirst den Ball einem ge- panzerten Ritter zu, der, wie man anfangs glaubt, sich die Rüstung aus einen! Museum für deutsche Ritterzeit geliehen Hot. A�er trotz DrahtgitteV ums edle Angesicht, trotz lederbeschirmter Heldenbrust und Wadenstulpen ist dieser Mann doch nur dazu da, diesen kleinen Ein- schenkball mit seiner lederbeschirmten Hand oder mit beiden zu sangen. Dabei hockt er im Kniesitz vor einem Stein, denn nun kommt endlich Sinn in die Sache— der Ball darf den Stein nicht berühren, aber auch nicht höher, als die Knie stehen, über den Stein hinwegstreichen. Für die Richtigkeit obig beschriebenen Wurfes hat der ebenfalls köpf- und bruftbepanzerte Schiedsrichter, der hinter dem Hocker steht, zu sorgen. Das alles würde uns aber nicht die Berechtigung der Festungs- werke an den Körpern der beiden erklären. Jetzt erst kommt der ge- fährliche Angreiser. Er schwingt eine beängstigend dick« Holz. k° u l e. stellt sich direkt neben den Stein und gibt ihn: einen kräftigen Schlag. Das ist aber wieder nur Zeremonie und heißt„all risln"— oder„ich bin da,«s kann losgehen". Und es geh, los. Im großen Bogen rings um dos Spielfeld sind 7 Mann, Parteigänger des Einschenkers, aufgestellt und warten auf den Ball. Der Keulenschwinger soll ihn auf dem Wege über den Stein erwischen und mit seinem Schlagholz treffen. JJr hat drei Schläge. Trifft er nicht, scheidet er für dieses Spiel bis zum Wechsel aus. Trifft er, so hat er Rennberechtigung. Die Renn- bahn ist durch drei auf den Boden rings um den Einschenker gelegte Säcke(Vase) gebildet, die der Renner stets mit den Füßen erreichen soll, bevor der Ball den dort wartenden Parteigänger der anderen Seite erreicht hat. Kommt er zu spät, wird er auch ausgeschieden. Kommt er dagegen rings um das Spielfeld, ohne daß ihn der Ball erreicht, so hat er einen„run", und nur der chhlt in diesem Spiel. Wird der Keulenball gesangen, muß der Schläger ebenfalls ausscheiden. Man braucht nicht bei seinem eigenen Schlag rings um das Feld zu laufen, sondern kann auf einem Base stehen bleiben, wenn man fürchtet, vom Ball unterwegs erreicht und abgeworfen zu werden. Der nächst« Ballschlag berechtigt zum Weiterlaufen. Was ist denn nun die große Kunst von B a b e Ruth, Amerikas größtem Baseballspieler? Er schlägt so, daß er bei seinem Ball rings um das Feld taufen kann, ehe ihn der Ball erreicht hat: das ist dann ein„bom-run" und wird so hoch eingeschätzt, wie etwa die Präsidentenwahl. Der Renner erhält dann auch die dazu gehörige Ovation, bestehend aus Ausspringen von vielleicht 50 000 Menschen, Händeklatschen mit Fußtrampeln von der gleichen Anzahl und dem brausenden Chor der„schrei'befähigten Stimmen. Allmählich wird es wieder ruhiger. Das Spiel kann weiter- gehen, und wir erleben den Wechsel der Parteien. Drei Schläger sind nicht bis zum ersten Base gelangt. Ihre Gruppe muß jetzt die 9 Mann für die Fänger, Einschenker und Panzcrleute stellen, während die anderen Schlagrecht haben. Ein« große Tafel, den Zuschauern gegenüber, zeigt den Stand des Spiels und die Siege der Heimatmannschaft. In den anderen Städten des Landes werden sie sich ihre Niederlagen holen und auch dafür bezahlt werden. Heute schließt das Spiel mit 12: 5. Di« Zuschauer jubeln, und wir suchen durch das Gedräng« den Heimweg. Am Abend werden die Kinos— hier movies genannt— genau so voll sein. Zu einem Pianokonzert mit Chopin- Programm aber war für eine Freikarte kein Partner zu finden. Der große schöne Saal war nur«in Viertel gefüllt, und dieses Viertel waren zumeist die Schüler des Vortragenden mit Frei- karten. Sie klatschen begeistert Beifall— im Kino klatscht man hier auch—, man klatscht vor jedem Spiel und nachher doppelt, am Schluß wird der Trubel dreimal so stark, so daß der verehrte Meister natürlich drei Zugaben spenden mutz, bis malr schließlich glaubt, sein« Pflicht erfüllt zu haben, es vielleicht auch in den Händen spürt, und nun das Konzert wirklich zu Ende ist. kntr. Ctsbebsex(Hammdox� £in fvafixes Qe�chichiehen Man schreibt uns: Ein kleines Städtchen unweit der polnischen Grenze. Die Na- tionalsozialistische Arbeiterpartei hat eine Wähler- Versammlung einberufen, in der ich auf Wunsch meiner dortigen Parteifreunde als Diskussionsredner dem Referenten entgegentreten soll. Man erwartet übelste Demagogie und Hetze von dem B c r- l i n e r Amtsrichter, der als Redner angekündigt ist. Um 8 Uhr abends ist der Versammlungsbeginn. Bereits um 6 Uhr sitze ich mit mehreren Freunden in dem kleinen behaglichen Gastzimmer, das neben dem Saal liegt. Es ist ein naßkalter Tag, aber ein steifer Grog macht den Körper warm. Kurz vor 7 Uhr öffnet sich die Tür, und«in schlanker, schneidiger Herr, Schmisse über die Wangen, tritt«in. Er mustert uns kurz, kommt an unseren Tisch, schlägt die Absätze zusammen und schnarrt: „Gestatten, Assessor Rammdorf, Berlin. Ich komme in Vertretung des Hern Amtsrichters, der stockheiser geworden ist." W'.r sind im ersten Augenblick perplex. Doch schnell erfasse ich die Situation: Der Herr Assessor hält uns wahrscheinlich für seine Gesinnungsfreunde, wenn nicht gar für die Mitglieder des Orts- Vorstandes der Nationalsozialistischen Partei. Ich erhebe mich, drücke dem Assessor die Hand und sage: „Gott sei Dank, daß der Herr Amtsrichter Ersatz geschickt hat. Es wäre-' ja nicht auszudenken, wenn wir kernen Redner gehabt hätten, wo wir solche Propaganda gemacht haben!" „Werden das Kind schon schaukeln," meint selbst- bewußt der Assessor und gibt jedem meiner Genoffcn einen kräftigen deutschen Händedruck. Wir bitten ihn, bei uns Platz zu nehmen, und bestellen einen doppelten Grog für ihn. Der Assessor ist sehr redelnstig. Erzählt, daß er direkt aus Stolp käme, wo er am Abend vorher in einer Versammlung gesprochen habe. Aber die verfluchten Sozis hätten einen solchen Krach gemacht, daß er nicht zum Schlußwart gekommen sei. Wie es denk, hier am Orte sei? Ob dicke Lust wäre? Wir erklären ihm, daß von den Sozis allerhand zu erwarten sei, er solle recht vorsichtig sprechen und sie nicht reizen. Der Assessor beißt sich nervös auf die Lippen. Ein Genosse be- stellt eine Runde Kognak: für den Herrn Assessor einen dop- p e l t e n, und meint: „Na, Sie werden das Kind schon schaukeln." Wie stark denn die Ortsgruppe sei, fragt unser Gast. „Einige vierzig Mann." „lind die Sozis?" „Etwa dr e i h u n de rt." „Au Backe!" „Und die kommen sicher alle heute abend." Der Assessor greift sich an seinen Stehkragen. Ein zweiter Genosse läßt ein« neu« Runde anfahren.„Für den Herrn Assessor einen doppelten l" Und dann bestellt der Schneidige eine Runde. Und wird sehr aufgekratzt. Erhebt sein Glos, Arm im rechten Winkel, und ruft: „5) o ch Hitler!" Ich antworte:„Hoch E b e r t!" Da lacht der Assessor aus vollem Halse, trinkt sein Glas leer und klopft mir grinsend die Schulter.„Ein ulkiger Kerl sind Sie!" und kommandiert eine neu« Runde herbei. „Es lebe die D i k t a du r!" schmettert er und schwingt sein Glas. „Es lebe die Republik!" entgegne ich lächelnd „Ein saugemütlicher Rabe sind Sie,«in ganz doller Onkel!" Der dritte Genosse ist an der Reihe:„Eine Runde! Für den Herrn Assessor einen doppelten!" „Und die Kommunisten, Rot-Front— wie sind die hier?" „Nur'ne Handvoll. Werden heute auch kommen. Aber die sind in Versammlungen ganz auf unserer Seite, immer gegen die Sozis." „Wie überall," bestätigt freudig der schmissige Berliner. Der Kellner bringt die neue Runde. Der Assessor ergreift sein Glas und fingt: „Hoch die Juden— hoch die Juden— hoch die Juden an den Laternenpfohl!" „Hoch die Fahne Schwarzrotgold!" „Kinder, Ihr seid— hupp— die prachtvollsten Brüder, die ich — hupp— in diesem Wablkamps kennengelernt habe." Nach der nächsten Runde wird die Sprache des Ersatzreferenten Itammelnd und schwer. Die Augenlider fallen ihm zu. „D er Ehrhardt— der Ehrhardt--*, lallt er, streckt die Beine von sich und— schläft- Nebenan marschieren die Versamhilungsbesucher auf. Wir verhalten uns mäuschenstill und blinzeln uns an. Wenige Mimiten vor 8 Uhr. Ein Genosse schleicht, sich aus dem Zimmer. Nach kurzen Augenblicken kehrt er zurück und flüstert: „Der Saal ist voll. Der Vorstand sitzt schon an seinem Tisch!" Ich rüttle den schlafenden Assessor. „Wwwutt", brummt der und rührt sich nicht. Ich rüttle ihn stärker: „Herr Assessor, die Versammlung beginnt!" „Astloch", murmelt er und rührt sich nicht. Der war für heute erledigt. Ich gab den Genossen einen Wink, wir stahlen uns behut- sam aus dem Zimmer und gingen in den Saal. Der war gesteckt voll Menschen— neunzig Prozent von unseren Parteigenossen. Oben: auf der Bühne an einem langen Tisch der Ortsoorstand der Nazis. Ein alter Herr in Jägeruniform als Vorsitzender und Versammlungsleiter in der Mitte, eine dicke Glocke vor sich. Es war 8 Uhr vorüber, und man war am Vorstandstisch affensichtlich sehr nervös. Die Herren tuschelten miteinander, zogen die Taschenuhren. flüsterten und blickten hilfesuchend nach der Eingangstür. Die ge- schulten sozialistischen Versammlungsteilnehmer merkten sehr bald, daß da etwas nicht stimmte. Sie wurden unruhig, scharrten mit den Füßen, begannen Witze zu machen und zu lachen. Um acht Uhr zehn rief einer:„Ansangen!" Ein anderer griff den Ruf auf. „Ansangen!" Etliche Arbeiter klatschten in die Hände. Die Herren am Dorstandstisch rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Angsterfüllt und verzweifelt starrten ihre Augen zur Tür. Eine, erregte Diskussion im Flüsterton auf der Bühne setzte ein. Aber unten im Saal brauste es nun stürnnsch verlangend:„A N- fangen! Anfangen!" Da dröhnte die dick« Glocke des Vorsitzenden. Der Alte in Jägeruniform hatte sich erhoben. Seine Augen oersuchten Autorität zu blitzen, die Glocke in seinen Händen, die er unermüdlich schwang, poltert« unterstützend Kupfer und Eisen. Aber der weiße Schnauz- bart, ein vichtiger Fußsack, zitterte in bemitleidenswerter Erregung. Nach und nach trat Ruhe ein im Saal. Der Vorsitzende- räusperte sich ein paarmal und begann dann zu sprechen: „Meine Damen und Herren! Ich eröffne hiermit die öffentliche Wählerversammlung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei. Hm, hm. Leider ist die heutig« Versammlung von einem— hm, hm— Mißgeschick verfolgt. Der angekündigte Referent ist bisher nicht eingetroffen.(Rufe: Aha! Schiebung! Lachen. Glocke des Versammlungsleiters.) Ich steh« von meinem Stuhl auf und rufe:„Zur Ge» schästsordnung!" Der Rauschebart auf der Bühne guckt mich mißbilligend an, schüttelt den Kopf und schwingt die Glocke. „Zur Geschäftsordnung!" wiederhole ich energisch. „Bitte!" Ich gehe nach vorn mid wende mich dann an die Versammelten: „Der Herr Versammlungsleiter befindet sich in einem Irrtum. Der Referent aus Berlin ist angekomnien und hält sich hier im Hause aus!" Die Wirkung dieser Warb ist verblüffend. Die Herren am Dar- standstisch sind aufgesprungen. Sie schreien mich an, gestikulieren mit den.Händen. Die Versammlung tobt, brüllt, lacht. Der Vor- sitzende schwingt die Glocke. Endlich tritt wieder Ruhe ein im Saal. Ich fahr« fort: „Der Referent liegt total betrunken nebenan im Gast- z i m m« r!" Der Genosse, der an der Tür zum Gastzimmer geblieben war, hat auf dieses Stichwort gewartet. Er reißt die Tür aus. Aller Augen wenden sich zum Gastzimmer: Da liegt, die Beine weit von sich gestreckt, aus dem Stuhl der schmissige Herr Assessor. Der Kops ist ihm auf die Brust gesunken, die Hände hängen schloff und schlapp herunter. Die Versammelten sind!m ersten Augenblick sprachlos vor Ueberraschung. Dann springen die Leute von den Sitzen und drängen unter stürmischem Gelächter ins Gastzimmer. Die Herren vom Vorstandstisch turnen von der Bühne herunter, aber sie können sich nicht durch die Msnschenstauung zwängen. Ein Genosse ruft:„Platz für die Herren vom Vor- st a n d!" Da bildet sich eine Gasse, durch die die Herren rennen. Voran der lange Studienrat. Sie treten ins Gastzimmer. Bleiben wie erstarrt stehen. Kein Wort kommt über ihre Lippen. Es ist ihnen alles so unfaßbar... Da sage ich mit einer Handbewegung auf den Schläfer: „Darf ich vorstellen— Herr Assessor R a m m d o r f aus Berlin in Vertretung des heiser gewordenen Herrn Amtsrichters, der Referent der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei!" Ein brausendes Gelächter der Ilmstehenden. Wir ließen die Herren unter sich. Die Versammlung wurde nicht sortgesetzt---- GöpsTicht1 19.30 by Fackftlrciter-Vcrlaj: G. m. b. H., Hamburs-Bergcdorf (5. Fortsetzung) Güttlcr selbst ist gedrungen und hat starke Waden. Plötzlich sagt er:„Am linken Fuß Hobe ich nur vier Zehen, guck mal hier. Und Plattfüße Hab' ich auch." Er lacht und haut sich auf den Bauch.— „Aber mit den Zehen brauche ich ja nicht zu schießen," fährt er fort. „Ich habe ja versucht, bei der Musterung frei zu kommen, aber der Stabsarzt und der Major meinten, dann drückte mich der linke Stiefel nicht so: K. o.; na, da hast es. Sie nehmen eben alles was Beine hat. Für Kanonenfutter immer noch gut genug." Adamczik ist so klein, daß er zwischen uns fast verschwindet. Alles an ihm ist zierlich wie bei einem Mädchen, und doch ist er der beste Soldat: Er ist ein Teufelskerl: flink und geschmeidig wie eine Katze. Im Zivil ist er Radfahrbote hier in Berlin in einem Eilbüro. ---- Plötzlich kommt mir wie ein großer»Schattcn der Gedanke, daß wir ja Soldaten sind, die nächstens an die Front sollen. Mir ist, als greife eine Knochenhand nach mir. Ich denke daran, daß viele von uns fallen werden. Ich sehe meine Kameraden der Reihe nach an und kann es mir nicht vorstellen, daß dieser und jener blutig und zer- schössen unter der Erde liegen wird in einem großen Massengrab.— Wer von uns wird es sein? Wem wird man«in Bein, einen Arm abschießen oder sonst etwas, was ich hier vor mir sehen kann; was unsere Mütter pflegten und wachsen sahen? Unsere Mütter, die uns ein Bein vor das andere setzten, damit wir gehen lernten, die jeden Laut, jedes Wort beobachteten.— Wen wird man vielleicht sogar blind schießen?-- Wer ist überhaupt:„man"—? Der Feind?— Ja, natürlich: die Franzosen, Engländer, Italiener--- Aber sehen sie nicht aus wie wir: wenn sie bad?« wie wir hier, nackt, in aller Menschlichkeit,— wenn sie sich freuen, ihre Uniformen aus einige Minuten ausziehen zu können!?-- Es ist immer wieder dos gleiche: wenn diese Gedanken kommen, ist es mir, als schlüge ein schwarzes eisernes Tor vor mir zu. Und niemand ist da, den ich fragen kann: kein Buch gibt es,— höchstens die Bibel, die etwas darüber sagt:„Liebet Eure Feinde...!"--- Aber am letzten Sonntag betete der Pfarrer in der Garnisonkirche doch für den Sieg unserer Waffen, nicht für den Frieden, nicht von de» Liebe gegen unsere Feinde---. Warum haben unsere Lehrer in den Schulen uns nicht vorbereitet für diese Zeit, in der wir hineingestoßen sind--? Warum nicht?! Das ist n i e m a l s guth— --— Es summt in meinem Köpft. Der Wasserdampfnebel umschließt meine Augen und Sinne.--- „Rrrausss!!" Die Zeit ist um.—,— Morgen ist Scharfschießen: zum ersten Male. In einem Nebenraum müssen wir uns mit einer grauen stin- kendsn Salbe einreiben. Am nächsten Morgen empfangen wir pro Mann zehn scharfe Patronen. Sie sind schwer, wir wiegen sie in den Händen: Es sind zwei Rahmen,— glatt und glänzend und neu. „Eine genügt, hä--?", fragt Adamczik und.-befühlt die Spitze eines'Geschosses.— Er sinnt darüber einige Sekunden hin: ganz weltverloren mit weiten Augen. Ich möchte seine Gedanken wissen. Sieht er etwas, was wir gar nicht ahnen? Ich hätte nie geglaubt, daß dieser flinke Radfahrbote, der die Augen überall hat, auch träumen kann. Plötzlich sieht er mich an:—„Sag mal, Kamerad,-möchtest du wohl einen mit son Ding totschießen—?" Darauf kann ich erst gar nichts antworten, io unvermutet kommt diese Frage.— Ich einen tot— tot-- tot— schießen---? Möchte?—„Nein, das wohl nicht, Fritz,— ich möchte das wohl nicht, Fritz..." Ich bin vollständig verdattert. „Ouatschköppe——" knurrt Kilb und fummelt an seinem Koppelschloß, dos immer nicht richtig schließen will,--„Ihr Arschlöcher!" Er murmelt noch einiges mehr, der Brotkutscher, den ich gestern im Geist« so deutlich sah, wie er mit hellen Augen bei seinen Pferden stand,— und der jetzt wieder so böse aussieht.--— „Macht euch fertig!" drängt Baack, der Bäcker aus Lübeck, unser Stubenältester vom Jahrgang sechsundncunzig,— mit dem Eisernen» Kreuz-Band, das speckig und verloren im Knopfloch sitzt.— Er war am Kemmel verwundet und soll wieder mit uns raus. Er ist berühmt unter uns Rekruten, weil er musterhaft Mäntel und Zeltbahnen rollen kann. Für Tabak und Zigaretten hilft er uns manchmal. Bumann sitzt noch auf einem Bock und näht an seiner Uniform, in die gestern auf dem Schleifstein zwei große Löcher gerissen sind. Er sticht sich vor Aufregung dauernd in die Finger. Adamczik steht schon wieder als erster feldmarschmäßig an der Tür. Er verstaut mit Bedacht die zwei Rahmen in eine Patronen- tasche. „Wohin geht's denn, Herr Gefreiter?", fragt Noack den Stuben- ältesten, dem er,— der„Schleimsch... der Kompagnie", wie wir ihn nennen,— die Stiesel kriechend mit einer Bürste bearbeltet. Immer und überall will der Kerl sich„'ne gute Nummer verschassen". Lange dauert's nicht mehr, dann kommt der„heilige Geist" mal nachts zu ihm.— Da ist nicht einer unter uns, der ihn mag, selbst Baack nicht! denn anstatt ihn jetzt zu loben, hat er immer noch etwas auszusetzen: „Hinten die Hacken»och,—'n bißchen fix!"— Er gibt dcm Noack gar keine Antwort auf seine Frage.--- Wir andern wissen schon von Preuß: Es geht weit raus,— nach Sadowa, einem Borort, wo freies Gelände ist.— Eine kleine Strecke werden wir marschieren, dann fahren wir mit der Stadtbahn weite?. „Ick freu mir so," sagt Adamczik.„Wir müssen durch die Kant- straße,— da wohnen meine Eltern. Wenn Marschordnung is. pfeif ick':.Liebste mir denn jarnich mehr?' Den Pfiff kenn' fe.— Denn ficht Muttan raus."--- Er lächelt oerträumt und sieht wie ins Leere. Und nach einer Weil«:„Ick pfeif auch, wenn Gruppenkolonne is, is mir janz ejal..." Preuß kommt herein:„Fertig?, fragt er und zieht mir den Rock vorne runter,„in zwei Minuten antreten auf dem Flur..." Wieder marschieren wir. Jeden Tag marschieren wir. Wie oft noch? Wie lange noch?! Wir können uns kaum noch vorstellen, daß es einmal anders war, einmal anders werden wird... Die Nacht plagt uns mit Träumen von marschierenden Soldaten, von schwankenden Gewehren über grauen Stahlhelmen. Sie mar- schieren wie wir,— endlos lange dunkle Marschstraßen, an denen keine menschlichen Behausungen mehr stehen... Hinter ihnen ist es finster, vor ihnen gähnt die Leere, die ewige Oede. Sie tragen alle die gleichen Antlitze wie wir: dort. schwankt der blasse Langer mit der hochgerutschten Halsbinde, neben ihm Minulla,— der dicke Minulla mit dem gutmütigen Lachen,— dort Kilb mit dem bösen Glanz in den Augen, der fluchende Kilb, der seine gefallenen Brüder nicht vergessen kann,— Güttler mit den vier Zehen am linken Fuß,— Berberig mit der Hühnerbrust... Sie marschieren stumm und mit lautlosen Schritten,--- die getretenen, verlassenen, in den Tod wankenden Fabrikarbeiter, Tagelöhner, Handlungsgehilsen, Bäcker, Schneider, Schlosser, Maurer, Handwerksburschen,—-- das Volk, die Masse, die dunkle... un- bekannte... Sie tragen zwar alle einen Namen— und sind doch alle namenlos. Sie mußten alles hinter sich lassen: Arbeit, Haus,— Eltern, Brüder, Schwestern, Frauen und Bräute--, ihre Pläne, ihre Hoffnungen-- alles, alles... Sie mußten es vertauschen mit dumpf riechenden Kascrnenstuben, mit grauem Kasernenhof, mit Ge- wehren, Tornistern,--- mit Marschieren... marschieren... Am Anfang der Kantstraße geschieht ein Wunder: Es wird „Marschordnung" kommandiert. Adamczik stößt einen Juchzer aus. „Welche Nummer...", rufe ich fragend nach hinten.— Er hört es gor nicht: er ist viel zu aufgeregt. Er schmeißt das Gewehr von der linken auf die rechte Schulter,— von links nach rechts, von rechts noch links... Er merkt das gar nicht,— es ist der Ausdruck seiner Spannung. Kohlhagen neben ihm,— der gutmütige Kohlhagen, ein Jude aus Kassel mit einem schwarzen starken Bart auf der Oberlippe — Kohlhagen wird auch erst nächsten Monat achtzehn— mit dem Gesichtsoval, das immer bläulich schimmert, obwohl er sich täglich abends rasiert— er ist der einzige unter uns, der sich schon rasiert; --- Kohlhagen also zuckt jedesmal ängstlich zusammen, wenn Adamcziks Gewehrlauf in die Nähe seines Kopses kommt. Schließlich hält er den Lauf fest. Aber auch das merkt der Kleine nicht.--- „Wo denn nu, Fritz", frage ich noch einmal. „Gott och Gott, dies Getue...!", murmelt Kilb: Manchmal be- nimmt er sich unverständlich... Adamczik will seine Mutter sehen,— das sagt doch alles!— Wir werden wie Gefangene in der Kaserne gehalten; niemand darf hin- aus,— auch nicht die Berliner. Sie sehen ihre Angehörigen ebenso- wenig wie wir, wenn diese nicht an Ausnahmetagen mal in die Kaserne kommen können. Meistens läßt man sie gar nicht herein. „Ich pfeff mtt', ruft Bumann.„Gag' tz«scheid, Fritz. w«m's losgeht!" Adamczik zählt die Hausnummern:„sechsunddreißig... acht- unddreißig... vierzig... zwei... und... vier... zig--— jetzt!!!" ruft er... und: „Liebst du mich denn gar nicht mehr..."--'— Ein vollendeter Pfiff! Auch Preuß hat mitgemacht; Bumann flötet noch einmal hinterher--- ich habe vor allzu großer Bemühung, es ganz gut zu machen, in der Ausregung keinen Ton hervorgebracht... (Fortsetzung folgt.) e Buch TOamer Fabian„College fjirls*) Warner Fabians Roman„C o l l e g e- G i r l s" ist, wenigstens soweit er die äußeren Umrisse zeichnet, unzweifelhaft als Monographie dieser amerikanischen Bildungsanstalten zu werten. Er schildert das Leben in diesen Instituten, die als Internat geführt werden und eine Art Gymnasium mi?— wie an den Universitäten — bereits spezialisierten Unterrichtsfächern sind. Das„College" dient der Berufsvorbereitung, ist aber gleichzeitig eine Art Fortbildungs- institut für die„höhere Tochter", für das Mädchen aus wohlhaben- dem— oft aus sehr wohllhibendem— Hause, das keine anderen Ziele vor Augen hat als eine finanziell gut fundierte Ehe mit einem möglichst dekorativen Ehepartner. Diese Mädchen geben den Ton im College an. Sie haben dos Geld, die Ziellosigkeit und damit die Bewegungsfreiheit. Sport, Modenschau, Flirt und Langeweile, die bisweilen dann sogar zur Beschäftigung mit geistigen Dingen führt, füllen ihren Tag aus. Neben ihnen her gehen Kolleginnen, die arbeiten, um ein wissenschaftliches Ziel zu erreichen; neben ihnen her gehen Mädchen, die das Leben schon im Innersten gepackt hat. Aber auf jeder BührA» des Lebens ist es wie auf der Bühne eines Theaters: das Erlebnis formt sich im Dunkeln. Nur die fertigen Rollen werden an der Rampe gespielt und von den Zuschauern bc- klatscht. Die fertigen Rollen spielen in diesem College die heiteren, flotten, lebenstüchtigen, obschon mit keiner eigentlichen Aufgabe be- lasteten Mädchen. Sie repräsentieren die Anstalt zur Zufriedenheit aller auf die Zukunft bedachten Erwachsenen. Im Grunde aber dreht sich das ganze Weh und Ach ihres Daseins um den einen Punkt. Sexpelle Neugier wird höchstens noch von Furcht oder Berechnung in den Schranken gehalten, und selbst aus den Zeilen dieses psycho- lagisch nicht eben tief schürfenden Buches spürt man erschüttert, daß es sich hier wirklich nur um Neugier handelt. Sobald eine Leiden- schaft oder körperliche Notwendigkeit die Schranken durchbricht und dabei den äußeren Schein nicht respektiert, bricht die puritanische Bigotterie längst vermoderter Vorfahren in diesen übermodernen Alltag ein und fällt die Sünderin. Der Roman ist ein kulturhistorisches Dokument für den jungen Staat Amerika. Während die Kulturländer Europas langsam an- fangen, ihre Traditionen im Sieb der Selbstkritik zu reinigen, leugnet Amerika für sich jede Tradition und ist doch stärker— weil unbewußt— mit ihr belastet als Europa. Aber die Kritik wird vorläufig noch durch die Begeisterung ersetzt, durch Begeisterung für Autos und Sportrekorde, für die Aufstiegsmöglichkeit vom Zeitungs- jungen zum Dollarmillionär und sür die Romantik europäischer, mit Dollarmillionen käuflicher Fürstentitel. Diese ganze lebenshungrige. törichte Naivität spiegelt sich vielfältig in dieser Schar übersättigter, mit Sorgen unbeschwerter Jugend. Als Roman bleibt das Werk an der Oberfläche haften. Drucke E. Schulz. *) Roman. 253 Seiten. Ueberfetzt von Hans Reisiger. Verlag Ullstein, Berlin. Brosch. 3, öl) M., geb. 5 M. WAS DER TAG BRINGT Wenn dir zu hoch... Man schreibt uns: „Ms ich den Artikel im„Abend" vom 16. d. M. über die Besteuerung der Schokolademilch las, muhte ich an ein gelungenes kleines Gedicht denken, welches ich auf meiner Ferienreise im schönen Thüringen, in Eisenach, in einer Milchhalle lesen konnte und welches sich wie folgt an die Konsumenten wendet: „Wenn dir zu hoch die Preise scheinen, darfst du es mir nicht übel meinen. Anstatt mit mir dich rumzuzanken, mußt du beim Reichstag dich bedanken. Anstatt zu grollen und zu zetern, beschwer dich bei den Volksvertretern, die du voll Weisheit und Verstand als Wähler nach Berlin gesandt. Drum sei bei Neuwahlen gescheiter, sonst zahlst du die hohen Steuern weiter." Es wäre zu empfehlen, daß alle Konsumenten den Sinn und Zweck des kleinen Gedichts recht beherzigen und am 14. September die einzig richtigen Konsequenzen ziehen, indem sie Brüning, Diet- rich und Genossen die Quittung sür ihren Steuerraubzug ausstellen Rückgang der Tuberkulose/ Der Rückgang der Tuberkulosesterblichkeit in den Kulturländern ist seit einigen Jahren so deutlich geworden, daß man sich mit Recht nach den Ursachen dieser erfreulichen Erscheinung fragen kann. Wie C. H a m e l, Berlin, aus der Deutschen Tuberkulosetagung in Norderney aussührte, ist die Hebung der konstitutionellen Beschaf- senheit der Bevölkerung, d. h. ihre Widerstandskraft gegen Tuberkulose nicht zu verkennen. Die Industrialisierung kann— entgegen einer weitverbreiteten Anschauung— nicht lediglich als ein die Tuberkulose begünstigender Faktor angesehen werden, sie hat im Gegenteil auch einen wesentlichen Anteil an der Unterdrückung der Volksseuchc. Unter günstigen Wirtschaftsverhältnissen ermöglicht die Industrialisierung einen höheren Lebensstandard durch bessere Bezahlung der Arbeitskrast der arbeitenden Bevölkerung. Außer- dcm ist sie aber vor allem die Voraussetzung sür eine systematische soziale Fürsorge. Die Industrialisierung erleichtert geradezu die Durchführung einer Tuberkulosefürsorge. Auch hygienische Volks- belehrung findet unter der großstädtischen Arbeiterbcvölkcrung größere Wirkungsmoglichkeit. Wahrscheinlich hängt die Verwinde- rung der Tuberkulosesterblichkeit auch mit der Steigerung des Verkehrs durch die zunehmend« Industrialisierung zusammen, die eine leichte Durchseuchung des ganzen Volkes und als Folge eine gewisse Immunisierung erzeugt hat. Einer der wichtigsten Gründe für den Rückgang der Tuberkulose ist aber zweifelsohne der Fortschritt der Wissenschast. Die moderne Medi-in gestattet frühzeitige Ersassung der Erkrankten und«rjolgsichere Vehanclung. Die Zahlen der Sla- tistik sprecheir eine deutliche Sprache und zeige» klar die Entwicklung der letzten Jahre: In Baden sank die Tuberkulosesterblichkeit 1S24 bis 1928 bei Angestellten von 12,2 auf 9,9 Proz., bei Arbeitern von 16,9 auf 12,2 Proz. Dagegen stieg sie bei Selbständigen von 12,3 auf 13,6 Proz. In Hamburg sank in dtn Jahren 1999 bis 1912 die Tuberkulosesterblichkeit bei Arbeitern von 42 auf 21 Proz., also genau um die Hälfte. Bei den Angehörigen der wohlhabenden Schichten blieb in dieser ganzen Zeit die Sterblichkeitsziffer bei 8 Proz. Amerikanische Sportbegeisterung in Zahlen Eine kürzlich erschienene Statistik über die sportlichen Ereignisse des vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten von Nord- amerika gewährt einen Einblick in die sportlichen Interessen des Amerikaners. Diese Statistik enthält eine Zusammenstellung aus 945 verschiedenen Ortschaften der Vereinigten Staaten, großen und kleinen, in denen im vergangenen Jahr« 1137 neue Sportplätze ge- schaffen wurden, so daß es jetzt insgesamt 13 397 solcher Plätze in Amerika«gibt. Auf diesen Plätzen wurden im Jahre 1929 rund 10 Millionen Golfpartien gespielt und 699 972 andere sportliche Wettkämpse ausgefochten. An diesen Kämpfen nahmen 1 230 009 Spieler und 38 364 745 Zuschauer teil, die insgesamt«inen Ertrag von etwa 40 Millionen Dollars einbrachten. Um einen Ueberblick über die stetige Entwicklung sportlichen Lebens in Amerika zu geben, wird am Schluß der Statistik daran erinnert, daß es vor 25 Jahren nur 41 Städte gab, in denen sich sportliche Wettkämpfe abspielten, und daß das Interesse noch fortwährend im Wachsen begriffen ist. Ein Schiff wird operiert Der 12 990-Tonnen-Tankdampfer„Cadillac" der Anglo- American Oil Company wurde in einer Werst in Hebburn-on- Tyne zur Auswechslung seines nicht mehr seetüchtigen Mittelteils kurzerhand in drei Teile geschnitten. Die Einfügung des neuen Teils nahm nicht mehr als sieben Wochen in Anspruch, da dasselbe fertiggestellt worden war, während sich die„Cadillac" aus hoher See befand. Eine glückliche Stadt Der Bürgermeister von East Orange(New Jersey) hat durch besonderes Dekret die Aufstellung von Lautsprechern im Gebiete der Stadtgemeinde verboten. Er begründet das Verbot damit, daß durch die große Zahl der im Prioathaushalt und in öffentlichen Lokalen aufgestellten Lautsprecher die Ordnung der Stadt gestört werde. Außerdem habe sich die Verordnung, die Lautsprecher nur für gewisse Stunden des Tages zuzulassen, nicht bewährt. Schutz den Fröschen! Im Tiroler Parlament wurde ein Gesetz angenommen, welches das Fangen und Töten von Fröschen sowie das Feilhalten von Froschschenkeln untersagt. ■Ofior/üru�c/izoz/. Der deutsche Arbeiter~Fu$ball wird von Engländern anerkannt 3m„S f a r", dem großen liberalen Londoner Abendblatt, gibt am Donnerstag der Manager der aus Deutschland zurückgekehrten englischen Arbeiler-�ußballmannschast die Eindrücke wieder, die die l4tägige Spielreise und die Wettkämpfe mit den deutschen Arbeiter- Außball vereinen bei den Engländern hinterlassen haben. Die in ihrer Heimat bestens bekonnte und sportlich hoch geschähle englische Mannschaft ist der Ansicht,„die deutschen Gegner spielten ehrenhaft und wundervoll. Wir können ihnen nicht mehr viel vormachen." Die prächtige Organisation des deutschen Arbeitersports, die De- geisterung der den Kämpsen zuschauenden Menschenmassen, die Sportplätze und ihre Einrichtungen, der Empfang der Gäste in Kassel, Stuttgart, München und vor allem in Nürnberg und die dortige mit dem Spiel verbundene von 40 000 Menschen besuchte Friedenskundgebung, alles dies erfüllte die Engländer mit der größten Bewunderung. Was sie im„Star" immer wieder mit hoch. achtung hervorheben, sind die glänzenden Leistungen des deutschen Arbeitersports, dessen Spielstand höher sei als der der besten englischen Amateurvereine. Äm kommenden Sonntag finden in Berlin nur wenige Spiele statt. Aus dem Sportplatz in der kynaslstraße am Bahnhos Stralau- Rummelsburg stehen sich Lichtenberg I und Borussia gegenüber. Beide Mannschaften haben sich in letzter Zeit sehr verbessert. Den Vorrang haben allerdings die Borussen. Du vh Zuzug aus bürgerlichen Vereinen haben sie ihre Mannschaft sehr verstärkt. Die Lichtenberger werden ebensalls mit bester Mannschaft erscheinen: ob ihnen aber wieder ein 7: 0-Sieg gelingt, wie beim letzten Zusammentreffen, ist wohl nicht wahrscheinlich.— Oberspree hat sich ein« der spielstärksten Mannschaften des 3. Bezirks verpflichtet. Freie Scholle steht in ihrer Klosse an erster Stell«. So manche Mannschaft, die voll Siegeszuversicht gegen die Tegeler antrat, mußte eine Niederlage einstecken. So lzaben die Oberspreer also keine leichte Aufgabe zu lösen. Das Spiel sindet in der wuhlheide statt.— Auf den, Sport- platz Haussstrahe in Lichtenberg erwartet. Lichtenberg II die freien Turner Wilmersdorf. Die Wilmersdorfer haben im Minerva- Turnier keine schlechte Rolle gespielt. Wenn es auch nur bis zum dritten Platz langte, so zeigten sie den erfreulichen Fortschritt, den sie in der kurzen Zeit ihres Bestehens gemacht haben. Beginn der Spiele 17 Uhr. Vorher spielen die jeweiligen 2. Mannschoficn. Arbeitersport im kundtunk Wildungs Referat am Berliner Sender 3m Berliner Bundsunksender behandelte gestern Wildung. der Geschäftsführer der Zenlralkommission, in seinem Vortrag „Ausgaben des Arbeitersports" das Sportproblem von der sozialen Seite. Wildung stellt dem Arbeitersport zwei besondere Ausgaben. Einmal die der Körperbildung und Formung durch ausgleichende Tätigkeit und das andere Wal die Vermehrung und Schulung der Kräfte durch die Pflege und Schulung der sportlichen Brauch- und Lebensscrmen. Die stark« Ausbreitung, die der Sport und mit ihm alle anderen Formen der Leibesübungen in dem letzten Jahrzehnt unter den breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung erfahren hat, so fichrte Wildung aus, läßt darauf schließen, daß ihm eine soziale Notwendig- keit zugrunde liegt. Es läßt sich wohl kaum bestreiten, daß der Sport mehr ist als ein bloßes Zerstreuungsmittel, daß er vielmehr aufs engste zusammenhängt mit dem gesellschaftlichen Sein der Menschen, mit ihrer Wirtschasts- und Produktionsweise. Der Sport als eine Angelegenheit der Jugend privilegierter Gesellschaftsschichten ist gewiß so alt wie die Zivilisation— von dem natürlichen Brauchsport der Naturvölker ganz abgesehen. Aber der Sport als eine Angelegenheit breiter Arbcitermassen, das ist erst eine Errungenschaft der hochkapitalistischen Wlrlschastssorm mit ihrer Menschenanhäusung in den Zentren der Industrie und des Handels, mit ihren in fort- schreitender Teilarbeit zutage tretenden rationalisierten Arbeits- Methoden. * Vom Standpunkt des Physiologen gesehen, beruht dos Wesen der kapitalistischen Produktionsweise in einer soweit gehenden Zer- legung des Arbeitsvorganges, daß nur noch wenige Muskeln des Zlrbeiters daran beteiligt sind. Wo Teile des Muskelsystems still- liegen müssen, um die anderen nicht durch vagabundierende Tätigkeit in ihrer resnen Zwcckarbeit zu stören, da ist eine Disharmonie im Körperhaushalt die unausbleibliche Folge. Die Aufgaben des Sports gegenüber diesen Erscheinungen des Wirtschaftslebens und ihren Ein- Wirkungen auf den Menschen sind zunächst zweierlei Art: Der Sport muß mit seinen lebensnotwendigen Bewegungsformen den Be- wegungsausgleich im Körperhaushall herstellen, indem er die im Arbeitsprozeß einseitig angestrengten Pkuskeln in anderer Richtung und die nicht in Anspruch genommenen überhaupt bewegt. Es handelt sich hier um die körpcrbildende und-formende Wirkung der Leibesübungen mit dem Ziele, den ausgeglichenen, körperlich harmonischen Menschen zu schaffen. Zweitens hat der Sport die Sinne zu schärfen, die Muskeln zu stärken und sie für die kam- plizierten Bewegungsvorgänge in der Produktion zu schulen, die Reaktionsfähigkeit und das Koordinationsvermögen zu steigern, also durch Kraft, Leistungsfähigkeit, Gewandtheit und Geschicklichkeit den gesteigerten Anforderungen des täglichen Lebens in unserem Maschinenzeitolter anzupassen, hierfür kommt das Uebungsgebiet de, eigentlichen Sports besonders in Frage. Leibesübungen dürfen nicht einseitig betrieben werden, denn Spezialistentum wäre dann nicht anders zu bewerten wie einseitige Tätigkeit im Berufsleben. * Einer der besten Erziehungsfaktoren ist bekanntlich die Freude am können, an der Leistung, sei es auf geistigem oder körperlichem Gebiet. Wer Jugend erziehen will, muß Begeisterung wecken können, das ist nur möglich durch Stellung von Leistungsaufgaben, die durch Anstrengung und Uebung bezwungen werden können. Die Uebung an solchen Ausgaben bezweckt eine Schulung der Kräfte, die dabei nötig werdende Muskelanstrengung ihre Nahrung. Aus diesem Grunde kann der Sport auf den Wcttkampf nicht verzichten. Es muß ganz offen ausgesprochen werden, das, eine zu weitgehende Verweichlichung in den Leibesübungen die kraftvolle Jugend nicht befriedigt und daß ein teil dieser Jugend Gefahr läuft. Gefallen an Straßenraufereien zu sinden. um dort ihr Kampfbedürfnis aus- zutoben. Aber der wellkamps muß frei gehalten werden von der Geschaslelhuberei. der Amateursport darf nicht dazu mißbraucht werden, geschäftstüchtigen Leuten die Taschen zu füllen. Der Streit. der gegenwärtig in den großen intemationalen Sportverbänden um den Amateurbcgrisf geführt wird, besteht bei uns im Arbeitersport gar nicht. Zu bekämpfen bleibt die Rekordsucht und der Geschäfts- sport. * Die Großstadt, führt« Wildung weiter aus, darf im Interesse der Voltsgesundheit keine Mittel sparen, die zur Förderung von Sport und Spiel und zum Bau von Uebungsstätten für erforderlich gehalten werden. Vieles haben die Vereine aus eigener Kraft ge- leistet. Leider besteht nun di« Gefahr, daß manches davon zugrunde geht, da die vereine infolge der großen Erwerbslosigkeit finanziell sehr geschwächt worden sind. Reich und Lander kürzen leider jetzt ebenfalls an ihren nicht gerade übermäßig hohen Fonds für die MrpcrmiA dcv-Leibesübungen, wodurch der allgememe Notstcrnb der Verein« und Verbände noch weiter erhöht wird. Wirtschaftliche Not- wendigkeitcn— gewiß, aber sie halten soziale Notwendigkeiten auf. Im Sport findet nicht nur die erwerbslose Jugend, sondern auch das mittlere Alter einen sozialen halt von ganz hoher Bedeutung. 'Feimis unter Sdiwarz-Rot-Gold Das Vcrfassungsiurnicr Das vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und dem Berliner Tennis- und Wintersportklub Schwarz-Rot-Gold veranstaltete ver- sassungs-Tennisturnäer mußte in der letzten Woche wegen des starken Regens mehrfach unterbrochen werden. Am Montag wurde aber das Spist auf allen acht bundeseigenen Tennisplätzen gegenüber dem Eingang der Avus wieder aufgenommen. Bisher konnten über 450 Spiele durchgeführt werden. In den einzelnen Klassen, in denen um die Preise des Reichspräsidenten und der preußischen Staatsregierung hart gekämpft wird, wurden interessante und spannende Spiele gezeigt. Der Vorkampf wird Sonnabend durch- geführt sein und am Sonntag vormittag um 10 Uhr beginnen dann die Endkämpfe. Der deutsche Spitzenspieler P r« n n hat sich bereit erklärt, mit dem Sieger im herrcneinzel der /c-Klasse ein Spiel durchzuführen, und zwar wird voraussichtlich dieser Kampf um 1k Uhr beginnen. Die Tennisplätze liegen direkt gegenüber dem Eingang der Arbeiterspoktlsrinnsn rufen Euch! Sonnabend, den 23., und Sonntag, 24. August 1930, 3. Kreis-Frauen-Turn- und Sportfest in Nowawes Massenaufmarsch der Arbeitersportlerinnen zur Reichstagswahl Sonnabend, 21.em Untergrundbahnhaf Kaiserdamm bequem zu erreichen. Die Preis- Verteilung wird anschließend abends 20 Uhr im Restaurant des Opernhauses stattfinden. Kleiner Sport Aus aller Welt Rütt-Arena heute Freilag. Im Mittelpunkt der letzten die:- jährigen Abendrennen auf der Rütt-Arena steht ein Mann- s ch a f t s f a h r e n über 75 Kilometer, das folgende 15 Paare am 'Ablauf sehen wird: P. o. Kempen-Schön, Ronße-Deroaes, Balte- fini-Dinale, Schorn-Damm, Meyer-Slübecke, Ehmer-Tietz, Lehmann- Willel, Kroll-Nickel, Miethe-Mandelkow, Krügcr-Funda, Gebrüder Wolke, Schwemmler-Kantorowicz, Evers-Mühlbach, Longardt- Balte, Kuhn-Kedzierski. Weiter verzeichnet das Programm ein Verfolgungsrennen bis zu 30 Runden zwischen dem IIa- liener Battesini und Schön, ein Omnium Dcutschland-Ausland mit Ehmcr, Tietz, Meyer, Stübecke auf der einen, Piet o. Kempen, Ronß«, Dinale, Dervaes auf der anderen Seite, sowie ein Aus- scheidungsfahren. ver Berliner Regattaverein bringt sein alljährliches Dauer- rudern am 21. September auf der 12 Kilometer langen Strecke von Grünau noch Schmöckwitz und zurück zum Austrag. Es find fünf Rennen ausgeschrieben worden. Zum ersten Wale seil dem Bestehen des 3ugendherbergswerkcs findet in diesem Jahre, und zwar am 21. September, ein Reichs- werbetag für die Jugendherbergen und zum Iugendwandern statt. Er soll den Zweck haben, in der breiten Oessentlichkeit für den Jugendherbcrgsgedanken um Unterstützung zu werben. Acht»»g, Da» greurn.Nreissvortkcst am lamtnen. brn Sonntag bringt fUt«De Genossinnen Spiel- und Startverbot. Alle be» teiligen sich an dem Sportfest in Nowarvks. Treffpunkt 9 Uhr Sauptporlol Potsdamer Bahnhof. Sportkleidunq und Schläger mitbringen. Die Serien. spiele fallen am kommenden Son»Ia. Augnst, 19 Uhr, Sonnenplah. Die Delegierte» zur Vereinsverfammluug müssen daran teilnehmen. Alles Nähere über die nächsten Deranstaltungen am M., 30. nnb 31."August in den Turnhalle».— Dezirt Pankow. All« Mitglieder, die am Sonnabend nicht nach Nowawes fahren und im Besthe eines STaHrrades find, beteiligen sich an dem Radfahrcrumzug der Partei. Treffpnukt 18Zi Uhr Maritplah.— Bezirk Westen. Treffpunkt am Sonntag zur tzahrt zum fZrauenkreisfest nach Nowawes 9 Uhr am Berliner Wannseebahnhof, lvahrt auf Jugendfahrschein. Einzelmitglleder der Freien Ruderer und Nannfahrer, 1. Kreis. Sonnabend, Sonntag, 33. und 24. August, grosse Treffahrt nack Fifcherhütte ,.Spr«e-Etk" am Dämerissfee und Gosener Graben, fsstr ausreichenden Zeltlagerplass ist gesorgt. Arbeiter-Photo-Gilde. Heute, 90 Uhr, Jugendheim Sindenstr. 4. spricht Walter Iaeger übet.Aufnahmen bei künstlichem Licht", mit praktische» Dcmon» strationen. Sreie Schwimmer Eharlottenburg 04, Aanu-Abt. Sonnabend, 23. August, 20 Uhr, italienische Nacht im neuen Bootshaus Tiefwerder. Instrumente und Liederbücher mitbringen. tzreie Wasserfahrer.Aufwärts". Sonntag. 24. August, 19', 2 Uhr. im Boots- Haus Tegel, Spandauer Str. 4, sZnnktionärstssung. Baukommission muss anwesend sein. Tonnerstag. 4. September, Generalversammlung bei Grossrnann, Seestr. 17. Gründung einer Baugenossenschaft. Mitglieder werden noch auf- genommen. Bootsstände sind noch frei. Freita«. 32. August. Berlin. 16.05 Heinrich Kluth: 240 000 Sprengungen am Qardasec. 16.30 Unterhaltungsmusik. 17.30 Dr. Johannes Holtfreler; Lebende Zeugen des Vulkanismus 17.55 Qorch Fock(zum 50. Geburtstag). Gustav Betlin liest aus den Werken 18.15 Das neue Buch. 18.25 Englisch und Deutsch. ZeitgemäSe Lieder und Duette(Greta Keller, Alt; Joe Sargent, Tenor; Flügel: Hans Sommer). 19.00 Arbeitsmarkt. 19.05 Prof. Dr. König: Wie entsteht eine Wettervorhersage" 19.30 Programm der nächsten Woche. 20.00 Haus der Funkindustrie: Orchesterkonzert. Nach den Abendmeldungcn Tanzmusik. 0.30 Nachtkonzert. Königswusterhausen. 16.00 Prof. Dr. Hermann Mückermann; Eugenik und werdende Seile 16.30 Nachmittasskonzert von Leipzig. 17.30 Dr. S. A. l.ieberson: Das Wesen der musikalischen Romantik, 18.00 Dr. Feilen: Geschichte und Koniunkturveriaul. 18.30 Hans Georg Otto: Der Gärtner. 18,55 Englisch für Fortgeschrittene. 19.25 wissenschaftlicher Vortrag für Tierärzte. 20.00 München: Zilherkonzert. 20.45 München; Was Tiere dazu sagen. 21.40 Saxophon-Vorträge(Enrico Pucciarelli: am Flügel: Hans Sommer). Kunstfliegen als Nervenprobe Mit dem Kopf nach unten in der Luft Was unternimmt der Gegcnwarlsmensch nicht alles eines Rcrvenkihels halber? Die einen finden Gefallen an gefährlichen Aulottnnen, die anderen begeistern sich für eine Ozean- durchquerung in einem Paddelboot: so hat jeder sein Stecken- pfcrd. was ist wohl das Aktuellste? sragte ich mich. Eine Luftreise vielleicht? Rein, heute flieg» ja schon beinahe ein jeder! Aber vielleicht ein kleiner Kunstflug, so richtig mit„Loopings",„Rollings" und RückenflügAi mit einem bekannten Piloten am Steuer. Gerd A ch g e l i», Focke- Wulf-pilol und 3iihaber des Weltrekords aller Kategorien im Rückcnflug von 37 vtiuuten Dauer. Mitglied des„Sturmvogel". erklärte sich bereit, meinem Wunsche nachzukommen. Vorsorglich untergebracht fand ich im Vordersitz seines neuen Doppeldeckers eine Tüte, die im Gebrauchsfalst zu„Zielabwürfen" dient. Zum„Vorbeugen" meinte er ironisch lächelnd! Dann wurde ich sachgemäß festgeschnallt: zwei Gurte über di« Schultern, einer um den Bauch. Mütze auf den Kopf. Brille ich«? die Augen: Schon geht's los, Vollgas! In etwa 600 Meter Höhe beginnt die Maschine zu hopsen, das verabredet« Zeichen für mich, daß es gleich losgeht. Noch liegt das Flugzeug wagerecht. Jetzr neigt es sich bereits mit voll laufendem Motor leicht nach unten.(Um auf Fahrt zu kommen, sagen die Flieger!) Ich bin furchtbar neugierig auf das Gefühl, sich in einem Radius von 25 bis 30 Metern um sein« Längsachse zu drehen. Plötzlich beginnt der Boden nach hinten zurückzuweichen, ich sehe nur noch den Himmel und die Wolken. Dann saust auf einmal wieder die Erde in den Blickbereich Ich winke mit der Hand einen Kreis, der Führer versteht mich Mit über 200 Stunden- kilometern rasen wir nochmals im Bogen hinauf, um auf ein zweites Zeichen von mir das Spiel noch einmal zu wiederholen. Ein« wilde Freude steigt in mir auf: stundenlang könnte ich das so mitmachen! Wo bleibt nur das komische Gefühl im Unterleib, das man doch sonst immer beim steilen Niedergehen oerspürt? denke ich zwischen zwei Loopings, während mich die Zentrifugalkraft auf den Sitz preßt. Don Nervosität keine Spur, konstatiere ich! Da, wieder macht die Maschine«inen kleinen Satz: Jetzt kommt ein schnell gedrehter Rolling! Das ist schon gefährlicher, denke iä), während der Führer seine„Kiste" um ihre Längsachse zu drehen beginnt. Ich seh« über Bord: Die Flügelspitzen unseres Doppel- dcckers stehen«inen Augenblick senkrecht zur Erde. Für einen Moment verspüre ich ein komisches Ziehen und mir ist, als rutichten wir ab. Dann ist auf einmal die Erde weg. Für den Bruchteil einer Sekunde hänge ich plötzlich d«n Kopf nach unt«n im Anschnall- gurt, doch schon trudelt der Horizont vor die Augen. Ein Wink mit der Hand: Nochmal! Das undefinierbare Gefühl von vorhin macht mir jetzt Vergnügen: trotzdem bemerke ich mit Staunen, daß ich mich instinktiv an der Bordwand festhalte: Also doch etwa Angst? Jetzt kommt das Schönste vom ganzen: der„Rutsch" und ein Rllckenflug. Eine halbe Rolle und ich häng« in den Gurten Ich hätte nie gc- glaubt, daß ich so schwere Beine hätte, wie Bleigewicht« drücken sie. Ganz zusammengekauert schweb« ich dahin, nur von Lederriemen um Herausfallen gehindert. Ich bieg« meinen Kopf zurück, um die Erde zu suchen, kann aber nur die obere Tragfläche sehen, di« sich jetzt unter mir befindet. Eine Zeitlang macht das Spaß: dann wird's ungemütlich: Das Llnt steigt oder besser gesagt fällt in den Kopf. die Gurt« sangen an sich in die Schultern einzuschneiden und dann die Beine! Unentwegt fliegt Achgelis geradeaus, langsam verlieren wir dabei an Höhe. Jetzt wieder«ine halbe Rolle— wir sind'» die Normallage zurückgekehrt. Zum Schluß einig« elegant«„Side- Slips" und schon berühren wir wieder die Erde. Mir ist der Rutsch gut bekommen stell« ich mit Genugtuung fest. Weine Nerven sind gut und stark, das meint auch der Führer, der Rückenslugmeister, der schon oft mit Passagieren unangenehme Ueber- raschimgen erlebt hat. Mehr darüber zu sage« wäre uiftem! F. P. i Wieder fällt die Tür ins Schloß! Zuchthäuslertragik/ Die Freiheit war kurz /„Das kann ich niemals nich zugeben,, Der Ango�lagte ist durchaus kein Lämmchen, weiß wie Schnee; er hat schon einige einschlägige Vor st rasen«rbüßt, zuletzt zwei Jahr„Z e t" in Brandenburg. Um so merkwürdiger, daß er mit dieser Sache in die Berufungsinstanz ging und so hartnäckig seine diesmalige Unschuld beteuert, denn er ist ja sozusagen ein ge- dicnter Mann und weih, was sich gehört— und was praktisch ist. „Sie könn'n in mein« Akten nachsehen, cherr Vorsitzender— ich Hab« sonst immer gleich gestanden, ich habe nie geleugnet! Aber dies- mal bin ich's nich gewesen! Ich weiß, ich würde vielleicht viel billijer wechlommcn, wenn ich zujeben würde, aber ich kann nich! Mit die Fingcrabdrücke wollen Sie mir überführen— aber wenn ich'- nu schon jemacht hätte, Herr Vorsitzender, denn müßten Sie sich doch selber sagen: Son alter Einbrecher wie ich arbeit't doch mit Handschuhen, der weiß doch, wie er mit'n Fingerabdruck rein- fliegt! Un so was—'n Schaufenstercinbruch mit'ne zerschmissene Scheibe— so was habe ich nie jemacht! Und sor so ne Raben- o r b e i t soll ich nu zweieinhalb Jahr kriejen—>eschämt Hütt ick mir sor solche Arbeit!" Bloß ein paar Fingerabdrucke... k Ja— bloß für ein paar Fingerabdrücke: die fanden sich aus «inein Splitter der zertrümmerten Fensterscheibe eines Betten« xefchäfts auf der Schönhauser Allee. Es war in der Nacht vom ZZ. auf den 14. Mai— und die Polizei identifiziert« die Finger- abdrücke schnell als die des vor kurzem erst aus dein Zuchthaus Brandenburg entlassenen Angeklagten, setzte ihn fest, und die erste Instanz verurteilte ihn zu zweieinhalb Iahren Zuchthaus wegen «schweren Rückfalldiebstahls. Aber er legte Berufung ein, er stritt von der ersten bis zur letzten Minute, er verkrachte sich inzwischen �tsogar mit jeinem Verteidiger, weil ihm der nicht fest genug von seiner 'Anschuld überzeugt schien, er nahm die Strafe nicht an, trotzdem er natürlich in Untersuchungshaft behalten wurde und sonst die Strafe vom Tage seiner Verurteilung an gerechnet hätte. Er streitet nicht, daß die Fingerabdrücke von seiner Hand herrühren, aber er ver- :isncht eine Erklärung dafür zu bringen: Einige Tage vor dem Einbruch hat er sich in dem Geschäft nach dem Preis einer Steppdecke erkundigt, die er seiner Wirtin schenken wollte. Dabei hat er sich die Schausensterauslagen angesehen und sich mit der Hand gegen die Innenseite der Scheibe gestützt. Und die Fingerabdrücke außen sind gekommen, als er sich nachher gegen die Scheibe lehnt« und mit auf dzm Rücken verschränkten Händen zur Hochbahn hinaussah. Eine ein bißchen umständliche und gesuchte Erklärung, gewiß: zudem bestreiten der Geschäftsinhaber und feine Verkäuferin, daß man über- Haupt die Scheibe innen erreichen könnte: Die Dekoration sei vom Laden durch eine Messingstange mit Vorhang getrennt. Aber der Verteidiger des Angeklagten machte selbst die Probe aufs Erempel— und siehe da, es ging, wenn auch nicht gerade bequem. Und daß der Angeklagte seiner Wirtin aus Dankbarkeit ein« Decke schenken wollte, nun ja— sie hatte ihn aufgenommen, als er frisch aus dem Zuchthaus kam. Sie ist eine verbrauchte Frau in der Mitte der fünfziger Jahre, und als er zu ihr zog, war ihm und ihr geholfen. Die Alibizeugen versagen aber. Inzwischen hat er sie als A l i b i z e u g i n angegeben, daß er in der fraglichen Nacht mit ihr zusammen gewesen sei, ebenso den Wirt seiner Stammkneipe und einen Bekannten, den er in derselben Nacht auf der Straße getroffen haben will. Aber alle drei Alibi- zeugen versagen: der Wirt kann sich nicht mehr erinnern, ob der Angeklagte wirklich bi� zum Lokalschluß ohne Unterbrechung im Lokal gewesen sei, der Bekannte und die freundliche Wirtin wissen nur, daß sie in einer Mainacht mit dem Angeklagten zu- sammen gewesen sind— ob es aber gerade diese Nacht vom 13. auf den 14. Mai war, können sie nicht mit Bestimmcheit behaupten— mit Bestimmtheit bestreiten freilich auch nicht. Die. übrige Zeugenvernehmung ergibt nichts Neues. Nie- mand hat den Angeklagten bei der Tat oder in der Nähe des Tat- ortes gesehen, es ist auch weder bei ihm noch irgendwo bei einem Hehler irgendein Stück der gestohlenen Ware gefunden worden— und diese Ware war immerhin so schwer, daß der Angeklagte sie v;*:: •*>.�w Sunklürnie fahren auf dem Wanusee Als Vorspiel für die Funk- und Phonoausstellung wurde auf dem Wannsee die Funkturmslotille vorgeführt. Sie zeigt: „Den wandernden Funktur m", Großlautsprecher ohne Netzanschluß, Fernempfang mit Rahmenantenne im Motorboot, alles, was der Wassersportler vom Radio wünschen kann. nicht allein hätte sorttranzportieren können, dt mr-mch nicht im Besitze von Geldmitteln, aus dem Untersuchungsgefängnis heraus schrieb er schon an seine Wirtin, sie möchte seine Briestasche ver« kaufen, er brauchte etwas Taschengeld... Uebrig bleiben als Be- weis nur die vier Fingerabdrücke, die von dem Sachverständigen einwandfrei identifiziert werden. Der Verteidiger plädiert für Frekspruch: Schließlich sei gegen den Angeklagten nichts an Beweisen vorgebracht worden, als das Vorhandensein dieser vier Fingerabdrücke, wobei als besonders belastendes Moment gewertet werde, daß sich diese Fingerabdrucke innen und außen vorfänden. Gewiß klänge die Erklärung, die der Angeklagte gäbe, unwahrscheinlich— aber sie sei, wie er selbst fest- gestellt habe, doch nicht unmöglich. Wolle aber das Gericht dieser Erklärung keinen Glauben schenken, so bliebe immer noch eine Mög- lichteit: der Angeklagte habe zwar einen Diebstahl begangen— aber erst als Nachfolger des eigentlichen Einbrechers, der die Scheibe zertrümmert habe. Er hätte eben etwas leichsinnig die Gelegenheit benutzen wollen und dabei nur das Bruchstück angefaßt, um es aus dem Wege zu räumen. Dann aber mühte die Strafe erheblich niedriger aussallen, denn dann wäre es ja kein Einbruchsdiebstahl gewesen und der von ihm verursachte Schaden erheblich niedriger. Wieder ins Zuchthaus für eine, dämliche Rabenarbeit*. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Dann kommt dos Urteil: Die Berufung ist verworfen. Der Angeklagte wird unter Bestätigung des Urteils erster Instanz zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Und dann kommt die Begründung: olles, was der Angeklagte zu seinen Gunsten anzuführen dacht«, ist in das Gegenteil gekehrt. Er sei nicht mittellos gewesen, habe Wohnung und Kost und Hilfe durch seinen Bruder in Aussicht gehabt, der ihn wieder dem bürgerlichen Leben zuführen wollte: Um so verwerflicher sei sein Tun gewesen. Er sei über den Durchschnitt intelligent: Um so verwerflicher, daß er diese Intelligenz zu verbrecherischen Zwecken benutz«(und diesen Einbruch bezeichnete der Angeklagte selbst als eine„dämliche Rabenarbeit"). Er habe sich keine andere Arbeit besorgt(es gibt nicht Vorbestrafte, die länger als sechs Wochen heutzutage arbeitslos sind...). Es wird eine Menge gesagt, aber es wird ganz vergessen, daß gegen den Angeklagten keine be- lastende Zeugenaussage, kein anderes Beweisstück vorliegt, als diese vier Fingerabdrücke. Er hat früher nie nach diesem Dessin gearbeitet, und man kann ihm auch heut« kein« Verbindung mit einer Ein- brechergesellschast nachweisen. Und bei allem Respekt vor der Wissen- schaft findet der Zuhörer doch, daß das ein bißchen recht wenig Be- weismoterial ist und erinnert sich damn, daß jeder Zweifel dem Angeklagten zugute kommen soll. Der Angeklagte wird gefragt, ob er das Urteil annimmt.„Ich kann doch nich— wo ichs doch diesmal nich gewesen bin! Das kann ich niemals nich zugeben.. Und hinter ihm fällt eine Tür ins Schloß. Di« Tür, die ihn nun wohl auf immer von einer Rückkehr ins bürgerliche Leben trennt. Veranewortl. für kit Rekaktion! Woligang schwar», Berlin: Anzeigen: rh. Stocke, Berlin. Berlag: Borrviirts Verlag/. Uhr ist das nicht nett uon Coiette? Deutsches KOnsiler-Theai. Tel. Barbarossa 3937 8Vj Uhr Weekend Ustsei(lvoDH.Cowanl. Renaissance- Theater Steinplatz 6780. 9 Uhr Die Wunder-Bar RevuestQck Theater d. Weite« Täglich 8