Masse, Volksstaat, Kunst Kultusminister Grimme und Gechart Hauptmann in der Volksbühne. Mit einer Aestversammkunst im Theater am Bülowplatz wurde das vierzigjährige Bestehen der Volksbühne gefeiert. Nach der Fidelio-Luvertüre, gespielt vom Berliner Funkorchester unter Bruno Teidler-Winkler, betrat der preustische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Genosse Grimme, das Podium. Gr führte aus: Immer wieder lächeln wir darüber und doch erliegen wir alle einmal in unserem Leben demselben seelischen Gesetz, dos uns die Erinnerungen an die Zeit, in der wir jung waren, sie uns als die gute alte Zeit vor Augen zaubert. Das Vergangene erscheint uns &r. JiuUusmiuisier Grimme dann als eine übersonnte Landschaft, von keiner Wolke ver- dunkelt. Das geht nicht nur dem einzelnen so; ganze Generationen unterliegen einer solchen Blickoerkürzung, die nur noch die leben- fördernden Werte einer bestimmten Zeit sieht und nicht mehr das, was war, in seinr Ganzheit umfaßt. E s wäre recht nützlich, könnte man diejenigen, die ihre politische Ein- sicht, ihre geistige Nahrung aus dieser phanta» sievollen Verklärung beziehen, einmal für ein paar Tage in dieses ersehnte goldene Zeitalter wieder hineinstellen. Einstweilen müssen wir uns freilich damit abfinden, daß man die Geschichte nicht zurllckblättern kann wie ein Lehrbuch: uns bleibt kein anderes Mittel, um uns des wahren geschichtlichen Unterschiedes zwischen dem Einst und dem heute bewußt zu werden, als daß wir unsere einzelne Beispiele vergegenwärtigen, was war und was ist.• So verwirrend die Mannigfaltigkeit der Ansichten unter den Zeitgenossen ist— die Frage, ob es heute in Deutschland noch Leute gibt, die ernstlich davon überzeugt wären, daß da« heranbringen der Kulturgüter an die breiten Massen ein revolutionäres Unterfangen fei, dies« Frage der achtziger und neunziger Jihre berührt uns fast schon so hinterweltlerisch wie die Doktorjrage aus den gelehrten Abhandlungen des 17. Jahrhunderts, ob eigentlich auch die Frauen ein- Seele hätten und richtige Menschen seien.(Heiterkeit.) Damals aber, vor 40 Jahren, als diese Bühne gegründet wurde, damals Hot man ein solches Unternehmen wie die Berliner Freie Volksbühne mit den beschämendsten und kleinlichsten Schikanen zu vereiteln gesucht. Keine Verklärung der Vergangenheit schafft die Tatsache aus der Welt. daß diese Abneigung gegen die Neugründung ihre letzten Wurzeln hatte in dem unleidlichen Dünkel derer, die schon damals, genau so wie heute, in den Massen den Erbfeind aller Kulturen vermuten, anstatt sich in ihrem geistigen und wirtschaftlichen Besitz in der Schuld eben dieser Massen zu fühlen und diese Schuld dadurch ein wenig abtrogen zu helfen, daß man nach Wegen suchte, um das dunkle Dasein diesr Massen«inen wärmenden Strahl aus der Welt der geistigen Werte scheinen zu lassen. Interesse des Maates an (Fortsetzung auf der 2, Sekte.) Berliner Beiriebe Der„Abend-vorwärls" beginnt heute eine Serie von Ausfähen über Berliner Großbetriebe. Sie werden in etwa acht- bis vierzehn- tötigem Abstände erscheinen. Als erster Betrieb wird Bolle ge- schildert, ein privatkapitalistisches Erwerbsunternehmen, das eine wichtige öffentliche Funktion als Milchsammler und Michverteilcr erfüllt. Der Mordprozeß gegen Ali und Genossen. Seite 2.„ Ein Werkstudent erzählt aus dem Bekrieb. Seite S. Kehraus in der Olympiabahn. Seite 7. Statistik der Liebe. Seite 5. Reichsbannerfront in Magdeburg. Seile 1 heute morgen erreicht« uns die traurig« Kunde, daß die preu- ßische Landtagsabgeordnete Genossin Elisabeth Kirschmann. R ö h l in Köln am Rhein im Alter von 42 Jahren g c st o r b« n ist. Wer die lebenslustig«, fröhliche, junge Frau kannte, wird über ihr plötzliches Ablebey erschreckt sein. Ein plötzlich austretender Abzeß und eine darauf eiutrstend« Btutvergtstung sührte ihren schnellen Tob herbei. Eine beredte Borkämpferin für die Frauenemanzipation, kam sie schon in jungen Jahren in die Partcibewegung. Sie wurde Mit- glied der'oersaffünggebendcn Nationalversammlung und seit 1921 Abgeordnete im Preußischen Landtag. Als Schriststellerin und Rednerin gleich erfolgreich tätig, lag ihr stärkstes Tätigkeitsgebiet in der sozialen Fürsorge.' Die Frauenbeilage unseres rheinischen Parteiblattes„Die arbeitende Frau" unterstand ihrer Leitung. Die Arbeiterwohlsahrt verliert an ihr einen ihrer tüchtigsten Mitarbeiter, Förderer und Berater. Ihre Tatkraft und ihr« Arbeitsfreudigkeit für die Partei ließen noch reiche Früchte erwarten. Allzu früh sind diese Hoffnungen geknickt. In stillem Gedenken lohnt die Partei die Tätigkeit einer ihrer eifrigsten Kämpserinnen, deren Andenken sie stets in Ehren halten wird. * Der Hauptausschuß für Arbeiterwohlsahrt verliert an der Ge- nossin Elisabeth Kirschmann-Röhl ein« Persönlichkeit, die seit den An- sängen der Arbeiterwohlfahrt an ihrem Aufbau und Ausbau mit großer Tatkraft mitgearbeitet hat. Ihrem starken Lebenswillen und ihrer nie erschlaffenden Arbeitskraft verdanken wir wertvolle Impuls« und Erfolge. Heber die Organisation hinaus nahm sie maßgeblichen Einfluß aus die Gestaltung der ösfcntlichen Fürsorg«. Ihre Tätigkeit im Reichstag und im Preußischen Landtag ist für die soziale Gesetzgebung von großer Bedeutung gewesen. Unvergeßlich wird ihre Arbeit bleiben, die sie als Borfitzcnds der Anstalt?- kemmiffion für die Arbeiterwohlsahrt geleistet hat. Das umfangreiche Arbeitsgebiet dieser Frau läßt sich kaum umreißen, dach eins ver- dient besonders hervorgehoben zu werden: Mit großer Liebe und der ihr eigentümlichen Zähigkeit half sie an dem Aufbau unseres Berufs- erziehungsheims„Jmmenhof". Wenn einmal der Berfuch der Arbeiterwohlsahrt, neue Weg« der Fürsorgeerziehung einzuschlagen und neu« Formen zur Lebensertiichtigung der gcsöhrdeten und vom Weg« abgeirrten Kinder des Proletariats zu finden, so wird der Name Etisabcth Kirschmann-Röhl an erster Stelle genannt werden. Der Hauptausschuß für Arbeiterwohlsahrt verliert an Elisabeth Kirschmann-Röhl eine Genossin, in der die soziale Idee ihre reinste Verkörperung gefunden hat. Nazi-Negierung in Vraunschweig? Die Bürgerblockler in Nöten. Braunschweig. 21. September.(Eigenbericht.) Die bürgerlichen Parteien des Landes Braunschweig hat eine grenzenlos« Katzenjammer st immung ergriffen. Ihr knapper Wahlsieg(11 bürgerlichen Einheitsblöcklern und neun hakenkreuzlern stehen 17 Sozialdemokraten, zwei Kommunisten und ein Staateparteiler gegenüber) legt ihnen die Verpflichtung auf, ein« neue Regierung zu bilden. Die Erfahrungen, die die Volkspartei Thüringens mit den hakenkreuzlern gemacht hat, schreckt aber viele Mitglieder der Volkspartei vor neuen Experimenten zurück. Di« Doltsparteiler hoffen allerdings, auf eine neue bürgerliche Regie- rung des Landes mehr Einfluß zu gewinnen, als ihre thüringischen Freunds, da die Hitler-Fraktion des Landes Braunfchweig mit wenigen Ausnahmen aus lauter unerfahrenen jungen Leuten besteht, die kein« Zlhnung von Regierungsgeschästen und vom Parlaments- rifchen Betrieb haben. Der„Führer" der Nazisraktion, sin Obersteuersekretär, war der unfreiwillig« Spaßmacher des allen Braun- fchweigftschen Landtags. Er ist heute der Kopf der neuen Fraktion. Ein anderes Mitglied,«in Eisenbahnorbeiter, war früher bek den Kommunisten. Ein driller Abgeordneter, ein junger Dauererwerbsloser, ist bereits mehrer« Male mit Gefängnis bestraft und von seinen Eltern aus dem Haufe geworfen worden. Man hat ihn an aussichtsreiche Stelle gesetzt, damit er die zuletzt er- haltene Gefängnisstrafe nicht abzusitzen braucht. Die völkische „Braunschweigische Landeszeitung" ermuntert täglich die bürger« lichen Parteien, den Versuch einer Regierungsbildung mit den haken- kreuzlern zu wagen, während die Volksparteiler, die ohne Presse sind, ihre Leute beschwören, den Versuch zu unterlassen und lieber eine Qerharl JCaiiplmanu am UliUrophon große Koalition einzugehen. Di« halenkreuzler werden sich vor- aussichtlich mit einem Minister begnügen, während die Deutschnatio- nalen den früheren Finanzministcr Küchcnthal und die Volks- parteiler den früheren Minister Marquardt präsentieren wollen. Die Sozialdemokratie, die gegenüber der letzten siegreichen Landtagswahl nur 390(1 Stimmen verloren Hot, und die, gemessen an den bürger- lichen Fraktionen, über eine qualitativ außerordentlich starke Fraktion verfügt, geht auf der ganzen Linie zum Kampf über. In der ersten Landtagssitzung am 39. September wird Minister Dr. Jasper den Rücktritt der Regierung verkünden. Der ein« Staatsparteiler, der«ine völkische Regierung stürzen helfen könnte, erwartet noch seine Direktiven aus Berlin. Er war noch vor drei Iahren L a n d ta g s tan d i da t der Volks- parte: und steht auf dem rechten Flügel der Staatspartci. Todessprung aus 92 Meiern! Grausiger Abschluß eines Schwimmfestes.— Das Ruck grat gebrochen! London. 22. September. Me au» New Jork gemeldet wird, hat sich bei einem Welt- schwimmen ein schwerer Unglücksfall ereignek. Der omeri- konische Beruseschwimmcr Norman Pery sprang von dem INillel- bogen der neuen 92 Blclcr hohen Hndsonbrücke ins Wasser. Er schlug mit dem Rücken ans und war sofort l o l. lausende von Zuschauern waren zugegen. Die Vorführung war von Zeitungen und Filmgesellschaften veranstaltet worden. Weltkrieg mordet noch immer! Grauenhaster(Selbstmord eines Verstümmelten. Schwerin, 22. September. Am Sonnabend nachmittag hat der schwerkriegsbefchädigte Schuhmacher Saeske in Alt-Strelih auf tragische weise Selbst- m o r d verübt. Ihm waren im Kriege beide Beine abgeschossen worden. Zn einem Selbstfahrer fuhr er sich in einem Zlnsoll von Schwermut in den nahen Domsüch-See, wo er durch Er- trinken den Tod{and, BERLIN Mntag 22.September 1930 10 Pf. 3lr. 444 B 221 42. Jahrgang erscheint tögktch anßer Sonntag«. Zugleich Abendausgabe des.Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, S,60M. pro Monat. Redaktion und Expedition; BerlinSWeg.Lindenstr.S SfuUouitfajße Jß* Antelgenpret«: Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeil« 6 M. Ermäßigungen nach Tarif. Poßscheckkonto: Vorwärts-Verlag G. m. b. H.. Berlin Nr. 37538. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 29? der Freien Volksbühne war schon da, aber nur negatives, das austrat in Gestalt der Pickelhaube und des Spitzeltums. Der„Volksfeind" von Ibsen wurde als Beweis für den politischen Charakter des Vereins angefiihrt mit dir Begründung, der Verein sei politisch, weil im Volksseind am Schluß den Hörern der Grundsatz der Duldsamkeit, auch der p o l i t i- scheu Duldsamkeit, zur Pflicht gemacht werde. lHcitcrlcit.) Denken Sic über die politische Entwicklung seit 1318, wie Sie es für richtig haltein niemand kann ableugnen, daß die Auffassung von den Aufgaben und Verpflichtungen de» Staates im Bereich des Kulturellen eine Wandlung dahingehend erfahren hat, daß in dein cchlen Staalsbewuhtfein auch dos Be- wuhlsein der notwendigen Achtung vor den lebendigen geistigen Werken der lialion beschlossen liegt. Daß zu diesen geistigen Werten in vorderster Linie die Kunst ge- hört— diese Erkenntnis und deren beginnende Verwirklichung ist eine der bedeutsamsten Entdeckungen in dem deutschen Staat der Nachkriegszeit. Für diese Einsicht ist die Freie Volksbühne Schrittmacher und organisatorischer Ausdruck geworden. Ich möchte sogar meinen, daß der Staat diese Ach- tung vor der Kunst auch da beweisen sollte, wo er durch das Medium der Kunst Wahrheiten zu hören bekommt, die ihm nicht sehr bequem sind.(Sehr gut und Bei- fall.) Allerdings kann auch die Demokratie nicht dulden, daß die Freiheit den Bestand der Freiheit selber bedroht.(Lebhafter Bei- soll und Höndeklatschen.) Dagegen muß es gesagt sein, daß für den Staat im Bereiche der Kunst Duldsanikeit nicht nur am Platze ist, sondern ein Gebot des inneren Wachstums des staatlichen Lebens selbst. Denn jeder Staat hat seinem Wesen nach den Hang, sich selbst in dem erreichten Stand der geschichtlichen Entwicklung zu konservieren. Im Gegensatz dazu hat jeder Dichter, wenn er mehr ist als nur ein Schwellender in ästhetischen Dingen, die Lei- denschast des Nevolutianörs in seinen Reden,' besäße er sie nicht, er wäre nicht besessen von dem Zwang, sich in der Kunst ein Instrument zu s ch a f- sen, mit dein er Gegenwart in Zukunft treiben möchte. Jeder echte Dichter wird der Idee, von der er besessen ist, zur Wirklichkeit, zur Geltung in der Welt verhelfen wollen. Da ist es, meine ich, nur natürlich und niemals aufzuheben, daß Staat und Kunst in Spannung zu einander stehe. Unerträglich wird diese Spannung nur, wenn die Bülsne entgegen den Gesetzen der K u ii st eine Stätte wird, auf der sich der Kampf um die Macht iin Staate unaesormt, nur mit anderen Akzenten abspielt wie im Parlament. Das würde heißen, den Sinn des eckten Zeittheaters in sein Gegenteil verkehren. Denn dieses Zeit- theatcr ist die Bühne, wenn sie uns lehren will, wo Staat und Volk und Zeit ihren Sinn und die Gestaltung ihres geheimen Sehnens an einem kun st gewordenen Vorgang er- schauen und erleben, nicht aber bloße Aneinanderreihung der Dokumente, die zur Abwechslung nicht von einem Hörstuhl, sondern von der Bühne her produziert werden. Wo aber dieses schöpferische Eindringen durch einen Dichter lebendig wind, da tritt da» Kunstwerk in Spannung zum Staat, da muß sogar diese Spannung sein. Doch muß der Staol die Kraft und die moralische Größe auf. bringen. Horl der Freiheil der Kunst zu sein — auch der Kunst, die diesem Staat einen Spiegel vorhält, der kein Ado�sbild zurücklpirst. Die Bühne, deren iOjnhrigcn Bestand wir heute feiern, weiß aus der Zelt ihrer Gründung um diese Spannung zwischen dem erstarrenden Staat und einer Kunst, d i e ihre Z es' t vorantrieb über diese Zeit hinaus. Die Liolksbühne hat das große Glück gehabt, gleich an ihrer Wiege Dichter zu sehen, die diese gestaltgebende Kraft der Zeitdeutung be- saßen. Erst gestern ist wieder ein solches Wert hier auf dieser Bühne norübergebraust. Es ist ein Werk, in dem schon der große N amn e ii l a s e der Weltgeschichte, die Masse, auf die Bühne tritt, zu ciiier Zeit, wo sie noch nicht wie heute d-utlich erschien auf dem Schauplatz der Geschichte. Daß sich doch der Wunsch erfüllen möge, daß sich Immer wieder der Dichter findet, der dieser Mass« ihr Schicksal deutet. Die Zukunft der Volksbühne wird da- von abhängen, daß immer wieder solche Dichter zu ihr stoßen, die das geheime Sehnen einer Zeit zn banne» i» die Fann der Kunst. Die Zukuiift des Staates wird sich nach der Einsicht bestimmen, daß die Freiheit de? künstlerischen Wachstums das diplomatischste Mittel ist, eine Verschmelzung wahr zu machen zwischen Staat und Kunst(Stürmischer, langanhaltendcr Beisall.) Jubelnd begrüßt betritt dann (Serhart Hauptmann das Rednerpult. Er führt aus: Die Volksbühne war jung, als auch ich jung war. Unter ihren Gründern sind nahe Freunde von mir gewesen. Sehr viel Glaube. Liebe, Hoffnung und guter Wille wurden in ihrem Grundstein gelegt. Bis zum heutigen Tage hat das schöne und große Werk Bestand gehabt. Was alles dazwischen liegt, wissen wir. Nicht nötig, die G-sahren zu schildern, die das Werk oo» damals bis heute überwunden hat. Der alte Geist ist noch vor- Händen in ihr. Die tragenden Ideen eines Lessing, Schiller, Goethe sind hier noch lebendig. Viel Idealismus, verbünde» mit praktischer Klugheit hat sich im Voltsbühnengedaiiken durchgesetzt. Ob in eiiiMn anderen Land« als in Deutschland und Deiitsch-Öester- reich das Theater ein ebenso unvergängliches Kulturelement ge- worden ist, weiß ich nicht. Es scheint i»ir beinahe uiuvahrscheinlich. Bühne», über das ganze Land verstreut, dienen hier der Kunst und dem Volke. Freilich ist es heule schwerer als je, große küusllerischc Ztxen ins Auge zu fassen. Das allgemeine Leben hat eine ungeheure Intensität erreicht: un- inittelbare, aber darin auch wichtigere Ausgaben, drängen sich in den Vordergrund,-irogdem darf sich der eiiizelnk und er wird sich nicht aufgebe», ebensowenig wie irgendeine selbstbewußte Minderheit. Denn s o allein kann sich ein Fortschritt durchsetzen, daß aus dem Volksleben im», e-r wieder große und freie Geister aufwachsen, die ds>n letzten und höchsten Sinn der VolksgemcinschafrMn sich verwirklichen, so wird sie wiederum belebender und bereichender Allgcmelnbesitz. Möge die Volksbühne diesem Geist immer Ireii bleiben. Sic sei eine Burg des freien Geistes und freier Geister, alle starren Dogmen abweisen. Daß die Volksbühne sich dessen stets bewußt, daß der Erfolg ihr treu bleibe, ist mein Eeburtstagswunsch! Langanhat- tcnder, immer wiederholter Beifall und Händeklatschen. Der nächste Redner, als treuer Mitarbeiter der Volksbühne von der Festvcrsammlung herzlich willkommen geheißen,«or Dr. I u l i u s B a v. Er führte aus, daß der Kampf um das deutsche National- theater seit Jahrhunderten ein hartnäckig geführter und doch«in aus- sichtsloser Kampf war, so lange nämlich, wie alle großen Geister daran gingen, einen Dachbau zu errichten, dem das Fundament fehlte. Erst aus dem Publikum heraus tonnte das Valkstheatcr emporwachst«. Nur wo eine GemeinstiMkeit von Menschen vorhanden ist, die danach strebt, die Lcbenenot und die Lebensangst dadurch zu überwinden, daß man diese Angst künstlerisch gestaltet und dadurch klärt, nur dort wird die Theaterkunst Volkskunst. Wenn man diese Zusammenhänge der Dinge erkennt, die Aussichtslosigkeit, mit der vier Generationen hindurch die besten Deliischcn um das National- theater rangen, so wird man begreifen, daß der wichtigste Tag in der neuen Ihealergcschichle jener Tag war. an dem vor 43 Jahren eine vbttsbiihne grschassen wurde, die kein Vorstadtth.'.iter war, in dem üblen Sinn oberflächlicher Lustbefriedigling der Massen, kein Wohltntigkcitsinstitut, das zu billigen Preisen die Leute auch einmal ins Theater schickte, sondern eineOrganisation aus dem Wesen der Massen, die den Zugang zur Kunst durch eigene Kraft ihren Volksgenosse» öffnen wollten. Es find noch heute eine ganze Zahl vän jene» unter uns, die dabei gewesen sind, am Ge- burtstag der Volksbühne, und dl« sich 4g Jahre hindurch rastlos bemühten, in der Arbeit an ihr, die in keinem äußerlichen Sinn besolde! und velohitt wurde. Und eine ganze Reihe kennen wir, die schon hinübergegangen sind und ihre ganze Kraft an die Volks- bühnenidee gesetzt haben. Ich nenne nur Franz Mehring, Josef E t t l i n g e r, Gustav Landauer und Georg Springer. Wir haben in Berlin das schönste Sprcch.heater der Hauptstadt ge- Heute vormiltog begann vor dem Schwurgericht I die Verhandlung gegen Ali h ö h l e r wegen vorsählicher Tötung des' nationalsozialistischen Slurmiruppführerz und Studenten Horst Wessel. Mit hohler sind 15 weitere Männer und Frauen, zumeist Mitglieder der Kommuni st i» schc n Partei, wegen Beihilfe und Begünstigung angeklagt. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Dr. Toik. Di« Anklage vertritt Staclsannxittschastsrat Fischer. Die Lcrleidigung des Haupangeklagten Hohler liegt in Händen des Rechtsanwalts Dr. Apfel, den übrigen Angeklagten stehen fünf weitere Anwälte zur Verfügung. Der Andrang zum ZuhörerrauM ist sehr groß, seit dein frühen Morgen lvarten mehrere hundert Personen vor dem Tor auf Einlaß. Das Kriminalgerichtsgeböiidc ist von Schutzpolizei und JustizbeaMtdN stark bewacht. Wenige Minuten nach 9',i Uhr werden die Angeklagten ausgerufen. Die Zeugen sind erst zum Dienstag geladen. Bei der großen Zahl der Beteiligten muß auf der Anklagebank erst Platz gefchafsen werden. Als erster sitzt der Haupttäter Ali Höhler, neben ihm Erwin R ii ck e r t und Josef K a n d u l s k i, die mit Höhler in die Wesseliche Behausung eingedrungen waren. Diese drei werden aus der Untersuchungehaft vorgeführt. Das Haupt- interefse erregt naturgemäß Hohler, der outmerksam den Zuschauer- räum mustert und sein« Mitangeklagten durch Händeschütteln begrüßt. Aus der äußersten Ecke der hinteren Bank sitzt der k o m m u n i st i- sche Parteisekretär Victor Drewnitzki, der ehemals Vertreter der KPD. bei der Rolen Gewerkichastsinternationole in Hoskau war»üb jcincrzest Höhler.über die Grenze irqch Prag gtschasit hat. ,0> Vor Veginn der Verhandlung lehnt Rechtsanwalt LJf ib c n• t h a l einen Geschworenen, den Fabrikdirektor Hasse, wegen Befangenheit ab, weil er Mitglied ei£»r völkischen Organisalion sein soll. Es wird jedoch festgestellt, daß sich unler den Geschworenen gar kein Fabrikdircktor hasse besindel. Der Vorsitzende erklärt, er beabsichtige, den Fall historisch zu entwickeln und als erste Fra» Salin, die Ziinmervermieterin, über ihre Beziehungen zu Wessel zu vernehmen. Frau Salm erklärt: ..Bei Mir wohnte ein Student Wessel, der blieb mir zwei Monate lang die Miete schuldig. Als ich ihn mahnte, schnauzte er mich an: Mach, daß du rauskommst, Mensch, du bekommst keinen Pfennig. Darauf ging ich zur Polizei und meldete Fräulein Jänicke, die bei Wessel wohnte, ab. Ich bat auch Wessels Mutter, imr z» helfen. Daraus schimpfte Wessel wieder: Lassen Sie meine Mutter a u s d c ni S p i c l. Ich konnte das Wesselsche Treiben nicht länger dulden. Ich mußte ständig nachts aufstehen»nd Besuche hercinlasseu. Mitunter kamen um 4 Uhr nachts vier bis sechs Personen, die in Wessels Zimmer Bersammlungen abhielten, wobei es immer sehr erregt zuging. LJi o r f.: Wohnte bei Wessel noch jemand? A n g e k l.i Ja, sein« Braut, die hatte sich aber ohne mein Wissen angemeldet. Wessel sagte, er brauchte sie zum Reinemachens Vors.: Waren Sie immer in der Wohnung? Salm: Ich war einmal einig« Wochen bei meinem Kind im Rheinland. Vors.: Hatten Sie die Wohnung an Wessel verkaust? Salm: Rein. Er hatte mir wohl 2lX> M. als Vorschuß gegeben, aber die Wohnung gehörte mir. Vors.: Wenn Sie von Wessel einen so hohen Betrag erhalten hatten, dann loniiten Sie ihn doch nicht wegen Mietschulden hinaussehen. Wesse! wohnte doch nur von Oktober bis Januar bei Ihnen. Salm: Ich wollte die Braut raus haben, weil sich die �äusbewohner über sie beschwerten. W�nn Wessels Mutter kam, flüchtete sein« Braut immer in die Kiichej Vor f.: Was unternahmen Sie dann weiter? Salm: Ich ivandt« mich an einen Freund meines ver- storbenen Mannes namens Mar Jambrowski und bat ihm um Schutz. Vors.: Sollte Jambrowski Wessel rausschmeißen? Salm: Weisel sollte nur selzen, daß ich Schutz habe. Ich wollte Hilfe haben bei der Entfernung der Braut. Darauf kamer» aus de». Lokal in der Dragonerstraße Fräulein Else Cohn und Walter Jambrowski in meine Wohnung mit. Max Jambrowski und Walter Joneck waren in eine andere Kneip« gegangen, nachdem sie sich mit den anderen Männern in einer Ecke besprochen hatten. Fräulein Cohn entfernte sich dann noch einmal aus der Wohnung und kehrte nach einigen Miuuteii mit Hohler, Rückert und Kan- dulski zurück. Wir saßen alle in der Küche. Vors.: Was hoben Sie mit höhler und den anderen besprochen? Salm: Nicht». Vors.: Also dann mußte ein anderer Höhl«r schon über alles informiert haben. Salm: Da» weiß ich nicht. Vors.: Wurde in der Küche ein Revolver geladen? Salm: Nein. Höhler, Rücker.- und Kan dulski gingen aus der Küche und Fräulein Cohn schloß die Küchentür ad. Ich hörte«inen Schuß krachen, dann kam die Jänicke und schrie:„Mensch, guck hier", als ich mich umsah, waren alle anderen verschwunden. Wessel lag blutüberströmt in der Nähe des Ofens auf der Erde. Ich half ihm auf die Chaiselongue, er bat um Wasser. Ich fragte, ob er einrn Arzt wünsche. Er fagke: Ja, aber keinen jüdischen, schaffen, aus den Groschenbeiträgen der Mitglieder erbaut. Heb«? 3C0 Volksbühnen im Reiche geben einer halben Million Menschen die Möglichtcit des Erlebens im Thealer. In diesen Tagen ist eins Internationale Gemeinschaft der Bolksbühnenarbeit geschaffen worden, und in den meisten Ländern Europas und Amerikas sind Menschen im Begriis, nach dem Berliner Borbild ihre Volksbühne aufziibaiien. Wenn wir zurückblicken auf den schweren Weg, den wir durchwandert haben, und vorwärts auf den schweren Weg, den wir durchwandern wollen, dann rusen wir: Empor die Herzen! (Stürmischer, langanhaltendcr Beifall.) Als letzter Redner des Tages spricht der bewährte Vertreter der Volksbühnenidee, Professor Z i c g l e r- Hnnnooer. Er betont, daß die Volksbühne ihre Bedeutung habe in der Gcmeinschaftsarbci.. Wir haben die Rechte des Volkes im Reiche der Kunst zu wahren, und wir dienen dieser Aufgabe als Gläubige. Der Redner lest 1>äiin dar, wie immer neue Aufgaben der Volksbühncnbewcgung erwuchsen, wie Film Problem, Iligendarbeit, Volke» »1 u j i l p s l c g c von der Bolksbllhiie aufgenommen wurden. All dies Neue läßt mit immer neuen Anregungen und Aufgaben liiiserc Bewegung nicht zum Slillstand, unser Leben nicht zur Erstarrung kommen. Di« Frische und Freudigkeit u» vergänglicher Jugend liegt über unseren Ver- band und seiner 2lrbeit. den schmeiße ich die Trepp« hinunter. Nach fünf Minuten kam jemand von Wessels Partei, t.was später die Polizei und erst nach einer Stunde kam ei» Slrzt. Ich sagte noch zu Fräulein Jänicke: Warum waren Sie immer so barsch zu mir? Darauf lies Fräulein Jänicke weg. Vors.: Haben Sie Wessel aus. Waffen untersucht? Salm: Nein. Ich habe ihn nur hochgehoben, aber nicht in die Taschen gesaßt. Vors.: Waren Sie nachher im karl-Liebknechl-haus? S a l m: Ja, ich bekam einen Zettel, ich sollte zur„Roten Fahne" in das Kari-Liebknecht-Hau» kommen. Dort wurde mir gesogt, Wessel sei ein Zuhälter. Vors.: Wer hat Ihnen-das gesogt? Salm: Ich kenne den Herrn nicht. Ich zeigte dem Herrn zwei Drohkarten, die ich be- kommen hatte. Der Herr sagte mir, es handele sich um«in Eifer- suchtsdrania, höhlcr wäre auch nur ein Zuhälter. Vors.: Sagte der ö>err Ihnen, daß er die Polizei von der richtigen Fährte ablenken wolle, damit die Sache der Partei nicht in die Schuhe geschoben werden kann? Salm: Ich sagte darauf, Wessel ist wohl kein Zuhälter. Vors.: Sind Sie»ach der Tat noch mit einem der Angeklagten zusammengewcscn? Salm: Ja, ich ging zu Max Iambroski, der sagte mir, es ist schon olles richtig, gehe man hin zum Karl-Liebknecht-Haus. Vors.: Habe» Si« gehört, daß Max Jambrowski am gleichen Abend nach der Tat in den Bersamm- lungsraum des Lokals in der Dragoner Straße rics: „Wer etwas verrät, kriegt eine Kugel durch den Kopf?" Salm: Nein, da» hat stmand in die Küche gerufen. Ich habe es aber nicht gehört, sondern meine Schwiegeriputter hat es mir erzählt.. Vors.: Sie kannten Joneck von früher, als Ihr verstorbener Mann noch Mitglied der KPD. war. Haben Sie Ioneck dringend gellten, von dem Unternehmen fernzubleiben? Salin: Nein, Joneck ging ja mit uns allen zusammen. Staatsanwalt: Als Walter Jambrowski und Else Cohn heraufkamen, sagten Sie zu den beiden: Wessel ist im Zimnier? Salm: Ja. Staatsanwalt: Warum ließen Sie die Korridortüre auf, als die Cohn wegging, um Verstärkung zu hole»? Salm: Thrs war nicht ich, das war die Eohn. Staatsanwalt: Slls der Schuß krachte, kam Höhlcr.in die Küche gestürzt und schrie:„Alles raus!?" Salm: Ja. Staats- a n w a l t: Waren Sie später nicht einmal im Karl-Liebknecht-Haus und habe» Si« dort di? Herren nicht insormicrt, was Sie bei der Polizei ausgesagt hoben? Salm: Rein, ich habe nur mit einem Herrn Klein darüber gesprochen. Rechtsanwalt Fuchs: Hat Wessel Ihnen noch P a- piere gezeigt, die schnell weg mußten? Salm: Ja. nach- dem der Schuß gefallen war und ein Mann von Wessels Partei gekommen war, übergab die Jänicke diesem Mann Dokumente, von denen der verwundete Wessel noch gesagt hatte, sie müßten aus der Wohnung, ehe di« Polizei kommt. Rechtsanwalt Fuchs beantragt, einen Sachverständigen zu laden, der darüber ansfazen soll, ob Wessel zu retten gewesen wäre, wenn die Nationalsozialisten Frau Salm nicht an der Alarmierung des jüdischen Arztes Dr. Seelow gehindert hätten. Die Verteidiger Fuchs und Lowenthal bemühen sich weiter, Frau Salm als eine unpoli.ische Person hinzustellen. Rechtsanwalt Fuchs: Kennen Si« den Polizeibeamten, den Sie um Schutz gegen Wessel gebeten hatten und der Ihnen darauf sagte: Wir können nichts machen, in Ihrer Wohnung sind Sie selbst Schutzmann? Salm: Den Polizisten kenne ich nicht, das war aber in der Magazinstrahe. Rechtsanwalt Zlpfela Frau Salm sagte, es waren mehrere Männer nach der Ta. gekommen. Salm: Ja, die hatte die Jänicke noch geholt. Staatsanwalt: Als Sie mit Max Jambrowski in der Restauration über den Fall Wessel sprachen, nieinie da Max Jambrowski: .„Ach, das ist ja der langgesuchle Wessel?" Salm: Ja, das hör Max Jambrowski gesagt. Darauf ist die Vernehmung der Frau Salm beendet. Es tritt «ine längere Verhandlung-pause ein. O»3ug überrast Auto. Zrau mit zwei Kindern getötet. Köln, 22. September. Wie au, Arnheim berichtet wird, wurde aus der Bahnstrecke A r n h e i m— V clp ein Krastwagen. in dem sich die Frau eine» Fabrikdlrektore au» Apeldoorn mit ihren beiden Kindern befand, beim Ueberqueren eine» Bahnüberganges von einem mit voller Ge- schwindigkeil herankommenden»Zug ersaßt und ZV0 Meter mit- geschleift. Die Frau wurde durch den Zusammenstoß 20 Meter weit geschleudert und aus der Stelle gelötet. Zn den Trüm- mern des wager.» lagen die beiden Kinder, von denen das achtjährige Mädchen dereil» tot war. wöhrend der fünfjährige Knabe bald darauf starb. Pilsudski. der Großmütige. Morschall Pilsudski hat eine Ver- ordnung erlassen, in der den Verwaltungsbehörden untersagt. Blätter der Oppositionspresse zu deschlaonahmen, in denen Anzriffc gegen ihn persönlich gerichtet sind. Oer Ali-Mord an Wessel. Massenandrang in Moabit.- Ratschläge aus dem Q'ebknecht-Hause. Bolle, das Konjunkturbarometer Berlins Wie Bottes Milchabsah steigt und fällt.— Nolle hat AOO Pferde, aber nur-120 Kühe.— Nolle- Lnngens immer„schwach".— Bolle- Kutscher 13 Stunden außer dem Haufe, Wochenlohn 60 M.— Llmsatzprovision treibt zur Kundenwerbung.- Das Lohnabkommen ist gekündigt. «Der Gerecht« erbarmet sich seines Viehs, vas Herz des Ungerechten ober ist unbarmherzig." (Inschrift über dem Pserdestalt der Meierei C. Bolle.) Was weiß ein sechsjähriger Junge von der BVG.? Nichts. Oder von der AEG.? Nichts. Von der Ufa auch nichts. Aber von Bolle weih er etwas. Er weih, dah jeden Morgen ein weihtackiertcr Wagen in die Etrahe kommt, dah neben diesem Wagen ein kleiner Mann in einer Uniform einherläuft, der ununterbrochen mit einer Glocke klingelt, dah der Wagen jeden Tag an der gleichen Stelle hält und dah dann die Frauen aus den Häusern kommen und Milch aus dem Wagen läust. So ist das: die I. G. Farben sind groh und der Stahltrust ist noch gröher, aber Bolle ist bekannt. Be- stimmt handelt jemand in Bagdad mit Agfa-Photoplatten und in Jrkutsk wird es nicht schwer sein, eine Bosch-Ziindkerze aufzutreiben, aber in Berlin, wer kennt hier Bobert Bosch oder Carl Zeih? Dafür ist Bolle da, auf Boll« werden Verse geschmiedet, Lieder gesungen, Redensarten in Umlauf gesetzt,„wir hab'n uns ammesiert wie Bolle uff'n Milchwagen", Bolle ist groh und die StXi kleinen Jungens und Mädchens mit ihren blauen Blusen, ihren grünen Mützen und ihren güldenen Glocken sind seine Propheten. Das heiht, die Meierei C. Bolle ist eine Aktiengesellschaft. Die Meierei E. Bolle hat einen täglichen Milchverbrauch von ktzOOOO Litern, bei Bolle stehen 2300 Arbeiter und Angestellte in Lehn und Brot, Bolle hat ein eigenes Wasserwerk, ein eigenes Kraftwerk, Millionenumsätze, Bolle hat ZOO Pferde, aber nur 120 Kühe. Man kann trotzdem der grShte Milchlieferant der Reichshauptstadt sein. Diese 120 Kühe, die haben es nicht nötig, mit in Alt-Moabit zu stehen, sondern die stehen in einem M u st e r st a l l in der E m- dener Strahe, wohin sie erst nach vierwöchiger Quarantäne, doppelter tier- und polizeiärztlicher Untersuchung gelassen werden, wo sie auf bunten Fliesen stehen, die arme Leute nicht einmal als Kacheln an der Wand haben, wo sie maschinell gemolken werden, ohne dah jemals die Luft an die Milch dieser 120 auserwählten Kühe käme, wo hinter diesen Kühen wcihgekleidete Boys zur Bedienung des Rindviehs stehen und diese Boys müssen auch erst den Nachweis erbringen, daß sie kerngesund sind, ehe sie über die Schwelle des Musterstalles treten dürfen. Denn diese 120 Edel- kühe sind Produzenten der Bolleschen Säuglingsmilch. Sie sind gleichzeitig der ganze Rindviehbestand der Meierei C. Bolle. Um die übrige Milch hcranzuschaffen. hat Bolle einen ganzen Stob von Agenten unterwegs, die landauf, landab durch Branden- bürg, Mecklenburg und Pommern streifen, Pachtverträge mit den Bauern für die Milchlieferung an die Meierei C. Bolle abschließen, das Netz von Kühlsammelstellen organisieren und arbeitsfähig er- halten, mit dem Bolle zweihundert Kilometer weit Berlin umsponnen Hot. Von diesen Sammelstellen, wohin das Bäuerlein seine Milch bringt, rollen die Legionen von Kannen allabendlich gen Berlin oder grohe Tankwagen von Bolle fahren vor und bringen die viele weiße Milch aus den Meiereihof am Kleinen Tiergarten. Von der Milch zum Kamm. Kaum auf den Hof gekommen, muh sich die Milch ausweisen. Bon jedem Posten marschiert eine Probe in das dreifach geteilte Laboratorium; in der chemischen Abteilung muh die Milch ihren Fett- und ihren Säuregehalt angeben, in der physikalischen Ab- teilung ihren Wassergehalt— der Gefrierpunktverjuch entlarvt im Nu jede Mogelei— und in der bakteriologischen Abteilung wird sie noch einmal auf Bakterien geprüft. Dann beginnt ihr weiterer Leidensweg durch alle Stockwerke der Meierei, durch ein unentwirr- bares Röhren fy st em wird sie nach oben gedrückt, im Pausteuri- sierraum aus 63 Grad erhitzt und nebenan gleich wieder auf 2 Grad abgekühlt, das alles, um sie faltbarer zu machen. Im Flaschen- .adfüllraum treffen� wir sie wieder, monoton arbeiten die automatischen Abfüllmaschinen, die die Flaschen selbst waschen, selbst füllen, selbst verschtiehen, selbst zählen. im Butterraum rotieren unterdessen die Buttertrommeln, von denen jede innerhalb einer halben Stunde 18 Zentner Butler er- zeugt und im Quarkroum warten immer je 3000 Liter Milch darauf, zu Käse verarbeitet zu werden. Dieser Quarkraum hat seltsainer- weise Butzenscheiben in altdeutscher Bleiverglasung, die Scheiben spiegeln sich in den riesigen Milchbottichen burgunderrat, azurblau und orangefarben, man möchte einmal rausfassen auf die Milchseen, ob sie sich auch so anfassen wie sie aussehen, nämlich wie auf- gespannler Samt. Einig« Hektoliter Milch werden in ein kleines Zimmerchen beordert, dort brodelt hinter Quarzglas kochendes Quecksilber, der aussteigende Dampf entsendet ultraviolette Sirahlen, die von der fingerdick vorüberfliehendcn Milch ausgejangen werden und das Vitamin V zun, Wachstum bringen. Diese bestrahlte, in blaugeförbte Glasflaschen abgefüllte Medizinmilch trinken die rachitischen Kinder Berlins. Bolle liefert auch den Rvhstojf für unsere Kämme: die Zwischenstufen oon der Milch zum Kamm heißen Kasein und Galalith. 450 Nolle-Lungen. „Nein mit den Brngels ist nicht auszukommen", schimpfen die Kutscher und klappen ihre KaiKobüchcr aus. um nachzuweisen, wieviel Schulden dieser und jener Bolle-Junge bei ihnen hat. Eine Mark, zwei Mark, drei Mark. Die offizielle Bezeichnung für den Bolle-Jungcn ist übrigens„Mitfahrer" und für das Bolle-Mädchen „Mitfahreriu" 450 sind es jetzt insgesamt, die morgens zwischen 5 und 6 Uhr aus dem Meiercihof antreten, sich aus den kleinen Sitz an der Rückwand der Wagen schwingen und in die Stadt fahren. Während die Kutscher halten und verkaufen, kloppern die Jungens ihre» Kundenkreis in den Häusern ab, für jeden Gang muh der Kunde dem Jungen 5 Pf. zahlen, zwei Pf. zahlt ihm Bolle dazu, diese sieben Pfennig sind die V e r d i e n st g r u n d- läge des Bolle-Jungen. Sechsmal fünf Pfennig, öas sind pro Woche 20 Pfennig von jedem Kunden: dreihig Kunden, das wären g M., dazu kommen 3,60 M. von der Firma, macht 12,60 M. Lohn für den Bolle-Jungen. Wobei aber die Firma noch mehr zuzahlen muß, denn der kleinste vierzehnjährige Steppke hat seinen Garantielohn von 15 2st. in der Mache. Diese GaraiKie steigt für den Fünfzehnjährig«» auf 16 M., für den Sechzehnjährigen aus ig M., für den Siebzehnjährigen aus IS Hl, für den Achtzehnjährigen auf 21 M. und endet bei dem Neunzehnjährigen mit 24 M. Bon 41 Künden ab ändert sich auch noch die Bercchnungsgrundlagc des Verdienstes; bei 41 Künden zahlt Balle dem Jungen nämlich nicht mehr zwei Pfennig zu, sondern drei, aber auf einen grünen Zweig kommen sie danim auch noch nicht. Der Bolle-Junge hat die Ware nicht nur auszutragen, sondern auch das Geld einzukassieren, und wenn er sich dann unter- wegs Bonbon kaust oder einen Rollmops, dann nimmt er dos von dem Butter- oder oon dem Käsegeld und bleibt es bei dem Kutscher „schwach", wie man in Berlin sogt. Darüber ärgern sich die Kutscher, die für das Geld an den Kassenschaltern im Verwaltungs» gebäude der Meierei geradestehen müssen, und deshalb soll man keinen Bolle-Kutschcr nach den Bolle-Iungens besragen, die holen gleich ihr Kontobuch hervor und sangen an:„Nein, mit den Lengcls... usw." Ansonsten ist es recht traurig um die Bolle-Iungens bestellt. Wenn sie fünf Jahre lang bis zu ihrem neunzehnten Lebensjahr Tag für Tag mitgefahren sind, dann hat nur ein verschwindender Bruchteil, vielleicht zwanzig oder dreißig, die Möglichkeit, zum K.ntscher zu avancieren, was wahrhaflig kein beneidenswertes Los ist, aber immer noch besser als nach einer orbcitsschweren, freudlosen Jugend auf irgend- einem Nachweis für ungelernte Arbeiter zu sitzen. Aber soweit wollen wir noch gar nicht einmal gehen, vor dem Einstellungsbüro der Meierei C. Bolle drängen sich die Junggesellen, die nach glück- lich überstandcner Lehrzeit als Bäcker, als Schneider, als Schlosser in ihrem erlernten Beruf keine Arbeit finden und froh wären, wenigstens die zwanzig Mark pro Woche nach Haufe bringen zu können, die gemeinhin ein Bolle-Junge verdient. Im übrigen find die Bolle-Jungen das große Reservoir für den Berliner Kutschernachwuchs. Lange Jahre haben sie mit Pferden zu- gebracht, den Stalleuten und den Kutschern viel abgeguckt, mit zwanzig Jahren ist ihnen die Kutschcrei beileibe nichts Fremdes mehr, wenn nur nicht so viele Kutscher schon auf dem Arbeitsnach- weis sitzen würden. Oer Kutscher und„sein" Kunde. Das Los der Volle-Kutschcr Ist schwer. 109 Wagen fahren 8',� Stunden lang, 87 Wagen 9 Stunden und 64 Wagen 9)4 Stun- den. Um vier Uhr in der Frühe beginnt der Dienst des Kutschers mit dem Beladen seines Wagens, also ist er noch vor drei Uhr aufgestanden, erst nach 1 Uhr nachmittags kehrt er aus den Hof zurück, mit der komplizierten Pfennigabrechnerei wird es knapp drei Uhr und nach 13 Stunden ist der Kutscher endlich wieder um 4 Uhr nachmittags bei Frau und Kind. „Bei Frau und Kind", lächeln die Kutscher,„unsere Kinder kennen uns bald nichl mehr." Dabei beträgt der Wochenlohn eines Touren- kutschers 50,50 Mark, hierzu kommen für die über acht Stunden täglich hinausgehende Ztrbcitszeit 15 Prozent Ueberstundenzuschlag und Z4 Prozent Umsatzprovision, wenn der Flaschenmilchverkauf 155 Mark pro Tag übersteigt. Das macht ungefähr 10 Mark an Zuschlägen, insgesamt also 60 Mark Bruttolohn, das heißt rund 52 Mark Nettoeinkommen pro Woche. Etwas sehr wenig für die lange Arbeitszeit. Mit dieser Prozent Umsatzprooision hat es noch«ine be- sonder« Bewandtnis. Sie eröffnet dem Kutscher die Möglichkeit, seinen Lohn zu erhöhen, st größer der Kundenkreis des Kutschers, desto höher sein Verdienst. Auf diese Weise werden die 300 Bolle- Kutscher zur wirksamsten Werbelruppe der Meierei E. Bolle. Fast kein Kutscher vergißt die Hausfrau, die nur Milch holt, zu fragen:„Wollen Sie nicht mal unsere Butter versuchen, sie ist heute besonders gut", oder:„Wir jühren jetzt auch Eiscreme, für drei Mark kriegen Sie schon ein« grohe Bombe." Die minimale Umsatzprovision macht den Kutscher interessiert am Geschäftsgang der Firma; sinkender Umsatz bedeutet für ihn sinken- den Lohn. Man kann über diesen Punkt sehr geteilter Meinung sein. Die Meierei C. Bolle ist eines der feinsten Konjunktur- baromeier der Reichshauptstadt. In normalen Zeiten verkauft Bolle täglich 125 000 Liter Milch, in den jetzigen Krisen- tagen jedoch nur 97 000 Liter. Die geringste Konjunktur- und mit dieser verbundenen Kauskraftschwankung drückt sich in den Umsatz- Ziffern der Milch aus. Infolge dieser Entwicklung hat Bolle um- fangreiche Kündigungen ausgesprochen, verschiedene Wagen- linien eingezogen, z. B. diejenigen, die die Laubenkolonien befuhren— man sieht, die ärmsten Leute streichen bald die Milch aus ihrer Lebenshaltung— und obendrein hat Boll« den Gewerk. schaften noch dos gellende Lohnabkommen aufgekündigt. Der Zweck dürfte ein Lohnabbauversuch nach bekanntem Muster sein. Bolle stellt die Frage nur falsch. Sie lautet richtig: Hai die Wirtschastskris« etwa die Verdienstspanne der Meierei, deren Pole ein Einkaufspreis von 11,9 Pfennig pro Liter Milch und ein Verkaufspreis von 30 Pfennig pro Liter find, ver- rlngert? Rein! F. K. RiilksichiMer sozialdemvkmiischer Kampf Aufhäuser über das oberste Gesetz der Partei Zn der Parteipresse veröffentlicht Gen. A u s h ä u je r einen Aufsah über die Konsequenzen des Wahlergebnisses. Es heiht darin: Ohne das Eingreifen der Staatsgewalt in die Preis- diktatur der Monopole, ohne eine Erneuerung der Handelsvertrags- Politik der früheren Regierung Hermann Müller im Gegensatz zum Zollwucher des Herrn Schiele ist die Ankurbelung der Wirtschaft eine Illusion. Das Arbeitsdcschaffungsprogramm der Regierung Brüning muß sofort verwirklicht werden. Dem stärksten Faktor für Arbeits- beschassung, den Gemeinden, ist der notwendige Kopiialzustrom wieder sreizugeben. Den notleidenden Massen, di« sich am 14. Sep- tember zuversichtlich hinter die Sozialdemokratie gestellt haben, muß die abgebaute Hilsc der Sozialversicherung wiederum ausreichend erschlossen werden. Wiedergutmachung der Roloerordnungen vom Zuli ist dos oberste Ziel der inneren Erfüllungspolitik gegenüber det� Wählcrmassen. Die wirkliche Sanierung der Arbeitslosenversicherung ist nur mit Reichshilfe denkbar. Dazu bedarf es einer Umgestaltung des Etats in der Richtung, daß endlich m einer Zeit höchster Finonznot der Reichs wehretat energisch abgebaut wird, die Pen- sionen gekürzt werden. Schließlich kann auch nicht länger auf eine beschleunigte Verabschiedung eines Arbeitsschutzgesetzes verzichtet werden, um die Verkürzung der Arbeitszeit und die Beschränkung des Ueberstundenunwefens zu gewährleisten. Wer nach der Sozial- S)er neue Che! der beirajffiiefen Xandmachl. Qfneral ron.'V-inimprffeln sum Chef der XeercsleHung ab 1. Üettmber ernannt bemotratle ruft, muß zum entschiedenen Kurswechsel der Reichs- Politik bereit sein. Entweder die Nationalsozialistische„Arbeiterpartei" wird selbst vor die Verantwortung gestellt, ihre uferlose Wcihloersprechungen zu verwirklichen oder der Reichs- tag entschließt sich zu einer sozialen Politik, die auch auf dem Gebiet de» Steuerwesens Erfassung der Besitzenden und Eni- lastung der Besitzlosen und Konsumenten bringt. Die ganze innere castenocrtetlung aus dem verlorenen Krieg kann mit der Juli- regelung nicht als abgeschlossen angesehen werden. Die jetzige Rege- lung der Sozialversiäzernng, der Steuern bedeutet in Verbindung mit der Lohnpolitik des Reichsarbeitsministeriums eine gewaltsame Kürzung der'Arbeitseinkommen imd die höchst unverdiente Ber- größerung der Profitrate. Wenn so der Wahlkamps der Sozial- demotratie gegen olle übrigen Parteien um den polltischen Lohn gegangen ist, ja wird der neue Reichstag erst recht nicht darauf verzichten können, in den Mittelpunkt seiner Entscheidungen die Neuverteilung des produktionserlrages zu stellen. Für die Sozialdemokratie ist die bevorstehende Reichstag-arbeit grab- linige Fortsetzung ihrer Wahlbewegung. Wer heute nach der Sozial- demokralie ruft, sollte sich über dieses ihr Wollen keinem Zweifel hingeben. Wer die Bürgerblockpolitik fortzusetzen beabsichtigt, wird am Widerstand der Sozialdemokratie scheitern müssen. Die Sozialdemokratie handelt damit nicht nur im wohlverstandenen Interesse der Arbeiterklasse, sondern sie wird ln der rücksichtslosen Vertretung der Arbeiter- und Angestellteninteressen auch gleichzeitig den erfolgreichen Kamps gegen die Auch-Sozlolssten Hitler und Thälmann führen. Die bürgerlichen Kräfte, ide sich bemühen, der Sozialdemo- kratie neuerdings wieder Bertrauenskundgebungen zu bezeugen, sollten wissen, daß für die Politik der Sozialdemokralle oberstes Gesetz sein muß, das ihr am 14. September von der Arbeiterschaft erteilte Vertrauensvotum in jeder Weise zu rechtfertigen. Siurm auf die Villa. berliner Maler bedrängt.- Schüsse gegen die Angreifer. Eine lärmende Szene spieste sich am Sonnlagabend vor der Villa des Kunstmalers Fenneker in der Prinz» Heinrich. Straße zu Drewitz bei Potsdam ab. Zwei' Männer, die beide in Rowowe» wohnen, hatten den Nachmittag über gezecht. Der eine von ihnen hatte früher bei Fenneker gearbeitet und wollte noch Geld von ihm haben. An- getrunken machte er sich mit seinem Freunde auf den Weg nach der Billa und �erlangte lärmend Einlaß. Sie waren auch in den Garten eingedrungen. Mit dem Maler und dessen Fron gerieten sie in ein Handgemenge. Die Angegriffenen zogen sich in dos Haus zurück und es gelang ihnen, die Radaubrüder auszusperren. Neumann und Möhring gaben aber noch keine Ruhe, sondern ver- suchten, Tür und Fenster einzuschlagen. Fenneker gab jetzt einen Schuß ab und traf Neumann in den Oberschenkel. Inzwischen war auch Polizei hinzugekommen. Der Angeschossene wurde in da, Kreiskränkenhaus gebracht. ZuSammen sm in der£uH Der Flugzeugabsturz auf dem Flugplatz Stuttgart- Böblingen. 4 Tote, darunter der bekannte Luft- akrobat Fritz Schindler, forderte das Unglück. Links die Trümmer der beiden Flugzeuge. Rechts der Augenblick der Katastrophe über dem Flugplatz Böblingen: Die beiden Flugzeuge stohen zusammen. Massen drama im Massentheater Nie Kestvorstetlung der„Weber" in der Voltsbühne Fast so alt wie die Volksbühne selbst sind Hauptmanns „Weber". Bor 36 Jahren waren sie der stärkste Erfolg seit ihrer Gründung, heute, bei der Festvorstdlung, zeigt sich die Unvcrgäng- iichkeit der Dichtung und mit ihr die ungebrochene Kraft der Volks- bühnenidee. Die„Weber" sind ein historisches Schauspiel. Hauptmann schildert die Hungerrevolte der schlestschen Weber des Jahres 1844, einer Zeit, über die grohe Ereignisse hinweggegangen sind, die un- serem heutigen Empfinden entrückt fein sollten. Sie ist c- nicht. Die Ausführung packt, rüttelt auf, reißt fort, die Figuren, die auf der Bühne stehen, sind Menschen aus unserem Fleisch und Blut, das Elend der längst vermoderten Webersleute ist die Not unserer Tage. Das ist Hauptmanns ewig junge dichterische Kraft, das wir uns mit seinen Personen verbunden fühlen, daß jeder einzelne, der auf der Szene steht, zu unserem Freund oder Feind wird. Karlheinz Martins Inszenierung gehört zu dem Wuch- tigsten und Eindringlichsten, was wir in den letzten Jahren auf der Bühne gesehen Haben. Mit geringen Ausnahmen hat«r sich eng an die Regievorschrift des Buches gehalten. Nur gibt er lieber- blendungen von Akt zu Akt: traumhaft, gespenstisch, verklingt dos Weberlied zwischen den Bildern, erscheint die murrende Volksmenge, wird ein beklemmender Leichenzug sichtbar. Dadurch wsrkh das Drama noch geschlossener, wie die Inszenierung überhaupt aus einem Guß hingehämmert ist. Das erste Bild, die Zahlstube i>z Dreißigers Fabrik, iii her die ausgemcrgdteu Webergestalten wie Tiere zusamniengepfercht, beklommen und ergeben aus ihren Hungcrlohn warte», atmet das Aufstöhnen einer gequälten Masse. Im zweiten Akt, in Baumerts Stube, in der die Wcbstiihle unablässig klappern, in dieser Verkörperung des hoffnungslosen Elends, der Dürftigkeit und Kümmerlichkeit wird in den Webern der Glauben lebendig, daß an ihnen ein Unrecht geschieht, das gutgemacht werden muß. Sie begehren auf, aber noch mit dumpf schlummernder Kraft. In der W i r t s h a u s s z c n e, die Karlheinz Martin mit gutem Gelingen ins Freie verlegt, beginnt schon die offene Rebellion, die sich dann im vierten Akt in blindem Zerstörungswillen an dem Reichtum des Fabrikanten Luft macht. Diese Szene ist der Höhe- punkt der Ausführung. Lautlos und schüchtern schiebt sich die Menge in sein Haus, stumm, mit unheimlicher Sachlichkeit, zertrümmert sie jeden Gegenstand, der ihr vor die Finger kommt. Nur ein ge- preßtes Stöhnen wird hörbar:„Ann sollst du werden wie ein« Kirchenmaus, arm sollst du werden." Es ist ein« grausig« Rebellion der Not. In seiner ersten Inszenierung im Großen Schauspielhaus vor neun Jahren hat Martin dieses Bild lärmender angepackt. Seine Auffassung in der Volksbühne wirkt ungleich wuchtiger, wuchtiger auch als Jeßners Inszenierung im Staatstheater, der über diese Szene ebenfalls dos Grauen der Lautlosigkeit gebreitet halte. Noch einmal erfährt die Ausführung eine Steigerung, in der Stube des alten Hilfe, in der die Luise(Margarete Melzer) ihre Verzweiflung von der Seele schreit:„Ich bin eben'ne Mutter." In diesem Schrei liegt ein« ewig« Anklage gegen alle Erniedrigung der Menschheit. Und es ergibt sich von der ersten Minute an der Eindruck, so und nicht anders hat es kommen müssen. Unabänderlich erfüllt sich das Schicksal der Weber und ihrer Feind«. Das ist das größte Lob, das man einem Werk und seiner Inszenierung zollen kann. Genau wie Hauptmann ein Kollektivschicksal gestaltet, bringt Martin ein Darstellerkollektiv zusammen, in das alle sich einfügen, aus dem jeder hervorragt. Ob sie Hans Busch, Siegurd Lohde, Hans Pepplcr, Sieg m und N u n b e r g,(Emst Körchow heißen, alle spielen sie nicht, sondern sind die Gestalten, die sie darstellen sollen. Nur Herr mann Speelmans fügt sich nicht in das Ensemble er ist nicht der schneidig Jägermoritz, wie ihn der Dichter gezeichnet hat, er überschreit sich, er bleibt immer der gleiche. Als Ger hart Hauptmann den Zuschauerraum betrat, erhob sich das ganze Theater vom Parkett bis zur Galerie und setzte sich nicht eher wieder, als bis der Dichter Platz genommen hatte. Eine Ehrung, wie sie im spröden Berlin nur selten geschenkt wird. Am Schluß bereiteten die Zuschauer den Darstellern, dem Regisseur und besonders Gerhart Hauptmann begeisterte Ovationen. Der Arbeitsausschuß der Sonderabteilungen verteilte übrigens auf der Straße Zettel mit polemischem Inhalt, in denen die merkwürdige Meinung vertreten ist,„die Volksbühne vermeidet es, ihr Jubiläum vor der großen Arena der Berliner Arbeiterschaft zu feiern. Nur ein sorgfältig ausgewähltes Publikum hat Zutritt, als Vertreter der Literatur ist gerade Gerhart Hauptmann der Auserwählte". Der Verlauf der Aufführung hat gezeigt, daß die Volksbühnen- leitung auf dem richtigen Wege marschiert. Ernst Deiner. Feste Front der Republikaner Korderungen des Reichsbanners Magdeburg, 22. September.(Eigenbericht.) In Magdeburg beschäftigte sich am 20. und 21. September eine van allen Gauen beschickte Bundesratsjitzung des Reichs- banncrs„Schwarz-Rot-Gol d", an der auch eine Anzahl bedeutender Persönlichkeiten des republikanischen Lagers teilnahmen, mit der durch den W a h l a u s f a l l geschaffenen politischen Lage. Bundcsvorsigendcr H ö r s i n g skizziert« in einem Referat die Entwicklung Deutschlands in den letzten 12 Jahren und die politische Machtverteilung. Es wäre ein Fehler der republikanischen Par- teicn. daß sie trotz aller Mahnungen die nationalsozialistisch« Gefahr unterschätzten. Man habe in den Parteien auch für das Reichs- banner als die republikanische Schutztrupp« in den letzten Jahren vcrhältni-inäßig wenig Verständnis und Förderung gezeigt. Deutschland brauche jetzt eine starke republikanische Re- gierung, die innen- und außenpolitisch Autorität bekunde und vor allem oersuchen müsse, durch ein großzügiges Wirtfchafts- Programm Arbeit z u schaffen. Die Hochverrats-Parteien von links und rechks dürften niemals als regierungsfähig angesehen werden. Wer mit ihnen paktiere, begehe selbst Hochverrot. Das Reichsbanner wolle nunmehr zu einer noch größeren Aktivität als bisher übergehen. Es wäre kein Bund von Parteien, sondern eine Überpartei- ltche Vereinigung von Männern aus allen republikanischen Lagern. Von keiner Partei abhängig, nur gebunden ans eigene Gewtssen und an die Bundessatzungen. Das Reichsbanner werde jede Partei unterstützen, die im Rohmen der Weimarer Verfassung für soziale und demokratische Gestaltung des Staates wirke. Plan- mäßige Zusammenfassung sämtlicher republikanischer Faktoren, Hebung des Kampfgeistes. Opfermut und Disziplin seien das Gebot der Stunde für alle republikanischen Männer und Jünglinge. Die ausführliche Aussprache ging vor allem auf die Ur- fachen des Wahlergebnisses ein und beschäftig!« sich sowohl mit den Methoden und Plänen der deutschen Faschisten als auch mit den jetzt von den deutschen Republikanern, vornehmlich dem Reichs- banner, zu erfüllenden dringlichsten Aufgaben. Die der S t a a t s- partes beigouetenen Kameraden gaben Erklärungen für ihre Motive ob. Mit der Parteineubildung hätten sie die Schaffung einer einheitlichen bürgerlichen K l a f s e n f r o n t verhindern und einen zuverlässigen sozial-republikanischen Faktor zwischen Sozialdemokratie und Reaktion schaffen wollen. In ihrem Verhält- nis zuni Reichsbanner habe sich weder innerlich noch äußerlich irgend etwas geändert. Die Kameraden vom Zentrum betonten entschieden, ihre Partei würde unter keinen U m st ä n d c n den Nationalsoziali st en gegenüber die„Erziehung?- laktik" anwenden, die schon den Deutschnationalen gegenüber ein Mißerfolg geworden sei. Es müsse der Weg zu einer aus breiter Basis stehenden republkkanischen, demokratischen und sozialen Re- gierung gefunden werden. Die Aussprache ergab, baß in allen Reichsbanner-Gauen her- vorragende Kampfbereitschaft besteht und sich nirgends Pessimismus eingeschlichen hat. Die Reichsbannermassen wollen Aktivität bis zum Fanatismus. Sstematische Werbung?» und Aufklärungsarbeit soll, so wurde ver- langt, Hand in Hand gehen mit geistiger und psychologischer For- mierung der republikanischen, demokratischen und sozialen Front. Man verlangte, daß die der Weimarer Verfassung verpflichteten Parteien sich jetzt zusammenfinden und Streitereien, die dem Gebot der Stunde nicht angemessen sind, zurücktreten lassen. Hauptaufgabe wäre die Bildung einer starken republikanischen Re- g i e r u n g entschieden sozialen Geistes, gewillt, ihre Machtmittel gegen Putschisten von rechts und links einzusetzen. Ein K o m p r o- miß in der F l a g g e n f r a g«, wie es sich bei Teilen der Staatspartei zeige, müsse vom Reichsbanner leidenschaftlich zurückgewiesen werden. Für das Reichsbonner gibt es nur eine Fahne Deutschlands: Schwarzrotgold. Bis ins kleinste besprachen die Gauführer des Reichsbanners mit dem Bundesvorstand die für Kampf und Arbeit der nächsten Wochen und Monate notwendigen Vorbereitungen. So darf dann das Reichsbanner Freund und Feind versichern, daß es bereit ist, wie bisher schon in so vielen schweren politischen Situationen, auch heute und morgen die deutsche Republik und ihre Zukunft gegen alle Gegner zu verteidigen, Die„Gratulation" der Gegner. Oder: die gehässige„DAZ." Die zahlreichen Stimmen, die aus allen Gebieten der Arbeit und des Geistes der Volksbühne Glückwünsche darbringen, lassen den ewigen Gegnern der Volksbühnenidec keine Ruhe. Die„Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet sich so zum Wort: „Hat die Volksbühne eigentlich wirklich Anlaß zum Jubilieren? Hat sie in diesen 4l> Jahren sich wirklich im Tlzeaterleben Berlins einen Platz errungen, an dem sie weithin sichtbar mit Charakter und besonderem Wesen steht? Ist sie nicht vielmehr in diesen ganzen Jahrzehnten wieder und wieder hinter den bürgerlichen Theatern Berlins hergelaufen und ist sie nicht, als sie nach dem Krieg und nach dem Abgang Kayßlers begann, sich auf das politische und damit auf das proletarische Zetttheater zu stürzen, immer tiefer in Krisen und Sorgen hineingeraten?... Es liegt also eigentlich kein Grund zum Feiern vor, um so weniger, als dunkel drohend auch über diesen Jubilar das ach so aktuelle Gespenst der Unterbilanz schwebt." Wir wollen die„DAZ." über diese letzte Frage wenigstens trösten mit den Worten, mit denen in der Delegiertenversammlung am Sonnabend der Generalsekretär der Volksbühne, Dr. S. Nestripke, seinen Bericht schloß: Der Vvlksbühnenyedanke ist so gesund, daß er auch diese wirtschaftliche Krise siegreich überwinden wird. Kriegsschulden werden wieder aufgerollt Damit würde der Ioung-Plan revidiert— Snowden zur Zeit noch dagegen. Washington, 22. September. wie verlautet, sollen im Staatsdepartement Berichte vorliegen, nach denen der britische Schahkanzler Snowden nicht den Wunich hege, die Frage der Kriegsschulden gegenwärtig wieder auszurollen. weil' dann auch eine Revision der Reparationszahlungen akut werden müßte, was wiederum eine Unsicherheit der wirtschost- lichen Lage zur Folge haben würde. hier vorliegende inoffizielle Rachrichten aus Europa sprechen hingegen von erneuten Bemühungen, eine Herabsetzung der Kriegsschulden der Alliierten an die vereinigten Staaten zu erreichen, und geben der Meinung Ausdruck, daß die außerordentliche Zunahme der Rationalsozialisten in Deutschland einen starken Anstoß zur wicderansrollung der Schuldenfrage geben wird. weiter wird daraus hingewiesen, daß, während eine herab- setzung der Schulden vielleicht eine Besserung der Wirt- s ch a s t» l a g e, wenigstens soweit England in Betracht kommt. nach sich ziehen würde, eine Verschlechterung der englisch-amerikanischen Beziehungen eintreten könnte infolge der heftigen Debatten im Kongreß über die Schuldcnsrage. Flotteneinigung Rom-Paris gescheitert. London, 22. September. „Sunday Times" berichtet aus Genf, daß die italienisch-fran- zösischen FlottenbMprechungen zu einem Stillstand gekommen sind, nachdem Frankreich es abgelehnt hat, einen Borschlag anzu- nehmen, der die Frage der Parität in der Schwebe läßt, aber eine ausgesprochene Ueberlegenheit der französischen Flotte bis zum Jahre 1936.bedeutet hätte. Die Aussicht aus den vollen„a Beitritt Frankreichs und Italiens zum Londoner Flottenvertrag jei,� daher schwächer als je. „Sunday Times" bemerkt, diese Nachrichten träfen angesichts der ungewißen Lage in einem besonders kritischen Augenblick ein, die durch den deutschen nationalsozialistischen Erfolg bei den Wahlen geschaffen worden sei. O An diesent Scheitern ist in der Hauptsache der Faschismus schuld, der Flottenparität mit der ganzen französischen Flotte, das heißt die Ueberlegenheit über die französische Flotte i m M i t t c l m c e r verlangt. Wichtige Parteinachrichten für heute abend. 7. Kreis C h a r» l o t t e n b u r g: Heute, Montag, lg'- Uhr, Bezirksocrordneten- fraktionssitzung mit sämtlichen Bürgerdeputierten im Rathaus Chor- lottenburg. Zimmer 1.— 17. Kreis Lichtenberg: Heute. Man- tag, 18 Uhr. Fraktionssitzung der Bezirksverordneten mit den Bürger- deputierten im Zimmer 36 des Rathauses, Möllendorsstroße 6. — 74b. Abteilung Zehlendors-Süd: Heute,' Montag, 20 Uhr. wichtige Funktionärsitzung beim Genossen Ziemann, Karlstraße 11. " Wetter für Berlin. Langsame Besserung des Wetters, keine wesentliche Temperaturänderung.— Für Deutschland. Im Nord- osten noch vielfach Regen, sonst überall Besserung. Serafin« Kinne bat ihrer Schule sür Tan, und Gymnastik, Halens«. (Zohann(Scorge-Ttratze 19 lUHId. 6917) ein- BecusSausbitdung sür tänzerische Körperbitdung. BewegungSchorlciler und Tänzer(Bewegungslehre Itaianz angeschlossen. Beginn am 1. Oktober. Va» volksblldungsamt Charlotlenburg erössnet daS diesjährige Sinter» Programm am Dienstag, dem 23. September 1930. 20 Uhr. im Konzertsaal der Hochschule sur Mnlik. mit einer offenen Singstunde und Abendmusik der BottSmusikschule. Unter dem Programm:.Aus. Brüder, lagt unS lustig leben" wcchieln gemeinsame Gesänge und Orchestervorträge miteinander ab Die Leitung bat Prosessor Fritz Jöde. Eintritt t.— M, sür Mitglieder der Kuustgeinciiide Cbarloltenburg und bei Sammelbestellungen ab 10 stuck je 0,79 M. Karten im Charlottenburger Ratbause. Zimmer 310, in der stadtbücherei, Esoanderstraße 1, und deren Zweigstellen, bei Bote«Bock. Tauentzinstr, 7«nur sür Gäste) und, soweit vorrätig, an der Abendkasse. t? anmielbcstellungen nur durch die Gelchästzslellc der BolkSmusikschule, � hrrlottcnburg 9, Kollatzstraße 14, ,>1oiitZK. 22. September. Berlin. 15.20 Wohnkultur und Wohnrnaschine. 15.40 Bummel durch Italien. 10.05 Schopenhauer und die Gegenwart. 16.30 Musikalische Parallelen. 17.30 Jüngste Dichtung(Marie Raschke"). 18.00 Jugendstunde(James Simon am Klavier). 18.30 Form und Sprache der Musik. 18.55 Rundfunk und Geistesarbeiter. 19.25 Blasorchester. 20.15 Enslisches Parlament. 21.00 Kammermusik. Dcutschlandsender. 20.00 Aus Köln: Alte Operetten. Lsttcrie. Wir üermpifen auf die im Anschluß an den in der gestrigerr Sonntapsansgabe verös'fent lichten Gewinnplan der neuen Staatslotferie:n der heutigen Abendausgabe enthaltene Gmpfehlunasan�cige der Staaflid?en Lottcrie-Sinnahme Lüttges. Reukölln. Hermannstr. 10(am Hermannplatt). NeranNvortl für die Redaktion: Wolfgang Schwarz, Berlin; Anzeigen: Th- Glocke, SJctIin. Lerlag: Bonsärts Berlag G. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts Buch, druckerei und BerlQgsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW 68, Lindenstraße 3, Hierzu X Beilage. föellage Montag, 22. September 1930 ScrAbnA SiiäLuii&xße Ja{otvxirb Ais Gast im Betrieb Heute wie früher will der Student das Erlebnis der Freiheit kosten und es immer wieder von neuem empfinden. Eine Frei- heit, die frei ist von ollem äußeren Zwang, eine Freiheit, die all dos von sich aus tun will, was innerer Entschluß und eigener Wunsch zur Pflicht werden läßt. Freiheit von allem Druck und Zwang, Freiheit zu allem Guten und auch Unguten. In der Wirklichkeit der modernen Hochschule gibt es diese hemmungslose Freiheit kaum mehr. Wie wenige können sich von allem äußeren Zwang freimachen! Diese Freiheit ist gar nicht mehr typisch für die Masse der heute Studierenden. Sie kann in einer Zeit so schwerer wirtschaftlicher Not, so weitgrerfender Speziatisie- rung der einzelnen Fachwissenschaften kaum noch vorhanden sein. Freilich, es gibt heute wieder mehr Studenten als vor wenigen Iahren, die von ihren Eltern soviel Monatsgeld erhalten, daß sie nicht nebenher zu verdienen brauchen und einige Ansprüche stellen können. Noch aber gibt es viele Studenten, die neben ihrer wissen- schastlichen Arbeit ihr Einkommen, wenn sie ihr Studium ohne körperliche Schädigung durchhalten wollen, dem Existenzmininmm nahebringen miisien. Wie viele von den Studenten, deren Studium durch die Eltern finanziert wird, verlieren ihre Beweglichkeit dem Leben gegenüber, da sie oft vor dem 23. Lebensjahr mit dem praktischen Leben kaum in Berührung kommen. Wie vielen Eltern ist die monatliche Unter- stutzung ihrer Kinder nur damr möglich, wenn diese ihr Studium unter Verzicht aller das Spezialfach nicht berührenden Gebiete so schnell und erfolgreich wie möglich durchsühren. Viele Studierende, die wissen, daß ihr Geld pünktlich am Monatsanfang eintrifft, mögen wohl ernsthafte wissenschaftliche Arbeiter sein, werden aber selten in die Verlegenheit und auf den Gedanken kommen, durch Arbeiten auf ganz anderen Gebieten, durch die Berührung mit anderen Lcbensumstäitden einen solchen großen Gewinn für sich zu haben, wie er aus der wissenschaftlichen Beschäftigung allein nicht zu ge- Winnen ist. Weltftemdheii Wie oft erschrecken mich im Kolleg oder Seminar Aussehen und Antworten einzetnen Studenten. Immer wieder kann man hier feststellen, wie sehr der junge Student aus Kosten seines wissen- schastlichen Spezialfachs versäumt, vielleicht auch oersäumen muß, sein Eigenleben in freiere, umfassendere Lebensformen zu bringen. Immer wieder entdeckt man unter d�n Studenten eine große Welt- sremdhell, entdeckt man, daß sie wohl ihr Fach beherrschen, ober von den Dingen um sich herum herzlich wenig Ahnung haben. Sie schreiben in den Kollegs die nebensächlichsten Tatsachen mit, aber auch das Verständüis der Zusammenhänge sehlt. Ihnen scheinen die Tatsachen wichtiger zu sein als die sie verbindenden Ideen. Sicher kann man nicht behaupten, daß alle, die wirtschaftlich unabhängig sind, nun auch auf die Ausbildung ihrer Persönlichkeit keinen Wert legen. Aber gerade dort ist der Drang, in lebendige, innere Fühlung mit allen Volksschichten zu kommen, außerordentlich gering. Der einseitig wisienschaftlichen Ausbildung fehlt der Aus- gleich, die Ergänzung, die am besten dadurch erreicht wird, daß der Student W e r k a r b e i t leistet, einerlei, ob er wirtschaftlich gut gestellt ist oder nicht. Von der Wertarbeit sollten nicht nur die- jenigen Gebrauch machen, die in wirtschaftlicher Notlage sind, olle, die es tun. fühlen, daß nur aus der Praxis richtiges, soziales Vcr- ständnis für dos arbeitende Volk gewonnen werden kann. Die Werkarbeii Diese Werkarbeit ist eine Zeit härtester, körperlicher Tätigkeit und stellt uns dort hin, wo der Daseinskampf am unerbittlichsten und rücksichtslosesten tobt. Sie ist ein Weg, wie die Kluft zwischen theoretischem Studium und praktischer Betäfigung, wenn auch nicht beseitigt, so doch wenigstens vermindert werden kann, da bei uns Deutschen Wissen und Leistung kaum vereinbar scheinen. Aber es wird nicht darauf ankommen, daß der Student die Arbeit, die ihm völlig ungewohnt ist, verrichtet und dabei Erfahrungen sammelt, er wird auch Kamerad sein und sich in die Welt der Arbeiter ein- fühlen müssen. Ueber das gegenseitige Sichkennenlernen führt der Weg zu gegenseitiger Achtung. Einerlei, wie lange diese Arbeit dauert, immer wird sie für den Studenten eine völlige Umstellung sein, all dos in anstrengender, wissenschaftlicher Tätigkeit Erarbeitete wird er durchaus nicht mehr für absolut halten, Geist, Seele und Körper werden gleichmäßig günstig beeinflußt. Gestern ein Mensch, der nur in Büchern lebte, steht er heute als einfacher Arbeiter mit dem Handwerkszeug in der Hand in deren Reihen: Das ist der Werkstudent. Das Abitur und die Z�eife So mag mancher Werkstudent eine größere Berechtigung zum Studium haben als ein anderer, äußerlich glücklicher gestellter Student. Täglich kann man im Seminar dies erkennen an den Dis- kussionen, die sich trotz der großen Zahl der Seminarteilnehmer noch zuweilen entspinnen und an den schriftlichen Arbeiten. Wie viele Leute sitzen da, die glauben, durch ihr Abiturientenexamen nun auch die Berechtigung zum Studium zu haben. Die äußere Berechtigung besitzen sie freilich. Mehr aber anscheinend nicht. Denn das Abitur in seiner heutigen Gestalt kann kein Maßstab für den Wert eines Menschen sein, lind wie viele Leute sitzen da, die nach ihrem Abitur nichts anderes mit sich anzufangen wußten als zu studieren, viel- leicht, weil es in ihrer Familie so Brauch ist, oder weA ihnen der Eintritt in die mittlere Beamtenlausbahn und in ander« Berufe verschlossen war. Wieviel höher muß man da doch den Werkstudenten stellen! Steigen nicht gerade aus den Tiefen eines Volkes die ge- siinden und lebendigen Kräfte nach oben, die der Führung frisches Blut und neue Totkraft bringen? Entwickeln sich nicht gerade die werwollsten Menschen aus der sozialen Schicht, der sie entstammen und gelangen so zu führender Stellung? Arbeiten sie sich nicht aus eigener Kraft empor, da in ihnen ein ungeheurer Wille zum Auf- stieg. Fleiß und Energie vorhanden sind? Sie tun chre Arbeit nicht. weil ein äußerer Zwang dahinter steht, sie arbeiten mit Freude und Hingabe, mit rückhaltloser Leidenschast. und müssen nur zu oft feststellen, wieviel kostbare Zeit für ihr Studium ihnen durch den Erwerb des täglichen Unterhalts verloren geht. Der Werkstudent entgeht der Gesahr, ein einseitiger Bildungsphilister zu werden, er fKxaxQ Inach die«ewwduag mit ander«, Sptt-WW« M&t in das Leben vieler anderer Menschen und legt nicht den Maßstab des weltfremden Nur-Akademikcrs an alles an. Ein Wort SiresemannS Ueber dieses Werkstudententum hat sich noch kurz vor seinem Ableben Stresemann mit folgenden Worten geäußert:„Wer die Entfremdung zwischen dem Leben der deutschen Akademiker und weiten wertvollen Schichten unseres Volkes beklagt, kann es nur begrüßen, wenn möglichst zahlreiche Studenten durch eigene Anschauung und Erfahrung das Leben des Arbeiters kennenlernen und Verständnis für feine Empfindungen und Wünsche gewinnen. Wer schon während der Studienzeit die Welt des prattilchen Erwerbs- Ein Werkstudent erzählt lebens aus eigener Erfahrung kennengelernt hat, wird mit ge» schärftem Blick die wirtschaftlichen Bedingtheiten der Lag« Deutsch» lands erkennen. Die Eindrücke der Studienzeit find für das spätere Leben unverlierbar. Wer als Student gesehen hat, wie nahe ver- wandt das eigene Schicksal dem des ausländischen Kommilitonen ist, und erkannt hat, daß die Gesinnung des echten Werkstudenten, der den Bildungsdllnkel ablehnt und das Volksganze sucht, auch jenseits der Grenzen des Vaterlandes weit verbreitet ist, wird auch in späteren Jahren immer zu ritterlicher Auseinandersetzung und ehrlicher Verständigung mit den früheren ausländischen Arbeitskameraden bereit fein." cand. phi!. Heinz Kauls, Wilhelmshaven. Statistik der Liebe Heiteres und Tragisches aus Zahlenkolonnen Wenn Lottchen Klinkmüller und Fritz Bröfelspeck darüber einig sind, daß sie unbedingt im Mai Hochzeit halten wollen, weil man für die langen Ehejahre sich gar nicht genug Poesie auf Lager legen kann, so denken sie wahrscheinlich nicht daran, daß mit ihnen zu- sammen 41 382 Paar« in Preußen auf die gleiche Idee kommen und so dem wunderschönen Monat Mai dazu verhelfen, in Eheschließun- gen einen Rekord aufzustellen. Er schlägt jeden seiner elf Mit- bewerber um mehrere Halslängen und ist seit Jahren der bevor- zugte 5)eiratsmonat, trotzdem man eigentlich sagen kann, daß er klimatisch seinen guten Ruf doch einigermaßen kompromittiert hat. Aber die Menschheit ist eben vertrauensselig: wer es nicht weiß, kann es aus dem Statistischen Jahrbuch für Preußen, Jahrg. 1930, lernen, denn selbst in diesen belämmerten Zeiten steigt die Eheschließungs- kurve: Während wir im letzten Vorkriegsjahr 7V Promille Ehe- schließungen hatten, halten wir augenblicklich trotz Wohnungsnot und Wirtschaftskrise bei der Ziffer von 9,3 Promille. Oder tragen diese beiden Faktoren sogar zur Erhöhung der Eheschließungsziffer bei — und heiratet man sich heute vielleicht manchmal aus der Erkenntnis heraus, daß diese„Vergesellschaftlichung" der Interessen der Ehe- partner durch die Erwerbsarbeit der Frau immerhin eine kleine Garantie gegen die Erwerbslosigkeit ist— beide werden ja hoffentlich nicht zu gleicher Zeit stempeln gehen müssen— und weil man hofft, durch die so bewiesene Opferwilligkeit das Herz des Wohnungs- amtes zu rühren? Aber bei der Geburtenzahl' hören der Optimismus und die Vertrauensseligkeit anscheinend auf, und von 28V im letzten Vorkriegsjahr ist er nun auf 18,6 Promille im Jahre 1928 gesunken. Doch sonst kann man sich nur über die Kurage wundern, die die Menschheit beim Heiräten noch immer ausbringt: Da heiratet eine Sechzehnjährige einen Würdegreis von über sechzig Iahren, und ein junger Ehemann von 18 eine achtunddreißigjährige Frau! Ein junges Paar ist zusammen gerade 33 Jahre alt, er achtzehn und sie fünfzehn Jahre— und bei unfern Scheidung?- und Ehcgesetzen muß man sich wirklich fragen, ob einige dieser Ehen nicht unter den „Groben-Unfungs-Paragraphen" fallen müßten! Bei SSS der neu- gebackenen Ehepaare standen beide Partner im Alter von über sechzig Jahren, und über diese Altersbündnisse vereinsamter Menschen sollte der Spott schweigen: Rührend und tragisch und beschämend für Teilhabers-Liebe Dargestellt von Max B arihel Clara kennen wir schon, die selige Dienstmagd, Die rot wird, wenn der Herr Teilhaber kommt, Aber er hat nicht gern ein Verhältnis im eignen Haus, Sicht zu Mathilde, der rechtlich getrauten Galtin, Geschweige zu Clara, der dienenden Magd. Teilhaber lächelt, ist frcundlidi zu Clara, Sagt Donna Clara, gibt mal einen Klaps, Mal hierhin, mal dorthin, nidtt mehr und nidit weniger, Dcdi Sonntags, da tätsdielt er gern Den Abschluß oon ihrem mohlab gerundeten Rücken. Und Clara? Sie lädielt! Teilhaber liebt mit Maß und Würde, Er liebt nicht kreuz und quer wie die Proletarier. Mit Liebe hat seine Liebe natürlich gar nidits zu tun. Teilhaber ist zwanzig Jahre sdion glücklich verheiratet, Zwei Kinder sind da, Alfred und Hilde, Aber das märe wohl ein Kapitel für sich. Teilhaber hat seine Prinzipien, Und in diesem Jahre sind es drei kleine Girls, Die Elli, die Wanda und dann die Erna. Wer ehret, mieTeilhabcr, in Deutschland die bildende Kunst? Die Elli, die gab sich als dunkelste Mystik, Die Wanda, erotisdi begabt, ist ihm zu anstrengend, Die Erna aber, das braune, hysterisdte Mädchen, Die. ist sein T yp, Sie stachelt ihn auf mit lässig gespielter Unschuld. Die drei kleinen Girls Elli, Wanda und Erna Sind natürlich aus niederen Sphären, Aber unter dem Gürtel, sagt Teilhaber, Außerhalb der reinen, heiligen Familie, Da hören, sagt Doktor Teilhaber, Die Unterschiede der Klassen auf! Unier dem Gürtel beginnt die wahre, die klastische Kunst! Zuhause, da ist er ganz Unsdiuld und Tugend, Bis auf die kleinen, sonntäglichen Klapse JSct CLgra, da, Magd, uns alle sind diese Versuche, sich in einer kalten und gleichgültigen Welt doch noch ein warmes, eigenes Winkelchen zu schaffen. Tragödie der Llnehelichen Um die Palm« der größten Heiratsfteudigkeit streiten sich die Städte Berlin und Lüneburg, sie überschreiten den Durchschnitt der preußischen Heiratszifser von 9,9 Promille— beide haben 10,8 Eheschließungen auf 1000 der mittleren Bevölkerung. Aber während Berlin trotzdem nicht nur keinen Geburtenüberschuß erzielt, sondern mit 1,S Minus sogar immer tiefer ins Defizit gerät, steht Lüneburg mit 8V Promille sogar an ziemlich vorn gelegener Stelle im Fruchtbarkeitswcttbewerb der preußischen Regierungsbezirke. Sehr interessant ist auch das Verhältnis der unehelichen Geburten. Ueber 10 Prozent aller Geburten im Staate Preußen find heute unehelich! Erschütternd und bezeichnend für die Lage der unehelichen Mütter ist es aber, daß unter den Totgeburten die Unehelichen einen er- heblich höheren Prozentsatz stellen: Sie betragen hier 16 Proz.! Dazu kommt noch die Tatsache, daß auch die Säuglingssterblichkeit der unehelichen Kinder eine erheblich höhere ist, als die der ehe- lichen. So sterben von ehelich geborenen Kindern in Oberhausen nur 7 Proz. im ersten Lebensjahr. Die Zahl liegt also noch erheblich unter dem 8V betragenden Landesdurchschnitt, von den Unehelichen aber sterben in der gleichen Stadt 20,2.— und in Beuthen, O.-S., sogar 32 Proz. im ersten Lebensjahr! Natürlich liegt auch der Landesdurchschnitt der Sterblichkeit bei den Un- ehelichen höher: 14 Proz. in den Städten, 14,9 Proz. auf dem Lande.„Et sitzt noch wat nich richtich.. singt Rosa Daletti von der Republik: Hier in diesen dürren Zahlentabellen zeigt sich am deutlichsten, was noch nicht richtig sitzt! Denn das uneheliche Kind ist im stärksten Maße auf die Hilfe der Allgemeinheit an- gewiesen: die berufstätige Mutter kann in den seltensten Fällen ihr Kind selbst pflegen oder die Pslegestell« beaufsichtigen: 89,60 Proz. oller Pflegekinder im Staate Preußen, die unter der Pflegekinder- aufsicht des Jugendamtes stehen, find uneheliche. 331 344 unehe- liche Kinder standen unter Amtsvormundschaft: nur 37 559 Väter bekannten sich freiwillig zur Vaterschaft, nur 99 893 Väter erfüllten ihre Unterhaltsverpflichtungen ganz, 60 301 konnten und wollten überhaupt nichts zahlen und 110 994 kamen ihren Verpflichtungen wenigstens teilweise nach. Die„Gleichberechtigung" des unehelichen Kindes wird also so lange auf dem Papier stehen, bis wir in Staat und Gemeinden die Voraussetzungen dafür geschaffen haben, daß durch Kinderheime— von der Krippe bis zum Lehrlingsheim— diesen Kindern die gleichen äußeren Lebensbedingungen geschaffen werden wie den ehelichen. Wenn die Leidenschast flieht... Nun zum Abgesang der Liebe, der Ehescheidung: Unerreicht steht hier Berlin an der Spitz« aller preußischen Städte. Mit 1,89 Pro- mille. Hannover und Wesermünde mit 1,4 können als nächste doch noch lange nicht dagegen auf: dann geht es bis tief unter Null her- unter, und in Saarbrücken gibt es anscheinend überhaupt nur glücklich verheiratete Leute: Da hat man sich überhaupt nicht scheiden lassen. Ob das am Klima liegt?— Natürlich sind bei der Scheidung zumeist die Männer das Karnickel. Zu 63,4 Proz. wurde der männ- liche Partner für schuldig erklärt. Unter den Scheidungsgründen erfreut sich die Verletzung der ehelichen Pflichten anscheinend einer ständig steigenden Beliebtheit, während der Ehebruch zum mindesten als Scheidungsgrund nicht mehr so geschätzt ist. Bielleicht hoffen die Partner einer zerrütteten Ehe, die sich einverständlich scheiden lassen, jetzt bei den Richtern doch manchmal auch Verständnis zu finden, ohne gleich mit dem groben Geschütz eines konstruierten Ehe- bruchs vorgehen zu müssen. 144 Ehen wurden geschieden, in denen der Mann über 25 Jahre älter als die Frau war und diese Scheidungskämpfe scheinen sogar besonders erbittert gewesen zu sein, denn hier wurden regelmäßig beide Teile für schuldig erklärt. Immer- hin muß die Abgetlärtheit des Alters dem männlichen Geschlecht doch etwas bekömmlich fein, denn von den 78 wegen Ehebruch für schuldig erklärten Personen waren diesmal nur 20 Männer— während bei den Ehescheidungen, in denen der Mann nur fünf Jahre älter als die Frau war, bei den Chebruchsasfären die Männer weit über die Hälfte der Schuldigen stellen! Bei den 26 Ehescheidungen aber, bei denen die Frau über zwanzig Jahre älter als der Ehe- mann war, wurden die Männer in 21 Fällen für schuldig erklärt, sieben Ehen wurden aus beiderseitigem Verschulden geschieden— ober auch hier gab es vier Domen, die trotz ihres Alters zu unter- nehmungslustig waren, so daß vier wegen Ehebruchs für schuldig erklärt wurden. Dos fünfte und das siebente Jahr ist übrigens die kritische Zeit der Ehen: aber manche Leute haben einen äußerst dehn- baren Geduldsfaden, und so merkten 1326 der Gatten erst nach über sünfundzwanzigjähriger Ehe, daß sie sich eigentlich �>«r"heiratet hotten: Glücklicherweise ließ sich der Fehler ja noch vor dem Tode korrigieren. Wenn man aber bedenkt, welches Maß von ehelichem Unglück und Elend wohl notwendig ist, um einem Menschen noch nach über fünfundzwanzigjähriger Ehe Mut zum Kamps mit unseren Ehescheidungsgesetzen zu geben, wird man für dies« 1326 wohl mehr Mitgefühl aufbringen, als für die 2150, die den schcidungslustigstcn Jahrgängen angehörten und den Ausweg aus dem Labyrinth der Eh« schon im sünsundzwanzigsten bis dreißigsten Jahre ihres Lebens jandm. Rose Ewald. (30. Fortsegung.) Bor mir klatscht es in den Acker, ich verfang« mich in zmci Zuckende Beine... ich stürze über den Körper... aufbäumt sich der fremde Leib... große, aufgerissene Augen starren mich eine Sekunde an... wie ein Fluch... ein Rätsel... Hände tasten nach mir... ich stoße sie zurück... ich muh sie zurück- stoßen... denn ich springe wieder hoch... aber gleich knicke ich wieder ein... immer noch starren mich die Augen an... dieser Kopf!?... der Mund bewegt sich...:„Du!?"—-- Blut klebt plötzlich am Gesicht, in das fein« Hände schlagen... dann fällt er zurück... er... ich habe ihn erkannt... den— Bergmann— aus— Oberschlesien—— Hermann Lorenz... Ich schnelle auf und vorwärts im furchtbaren Entsetzen-- hole die anderen ein, noch einmal peitschen Schüsse--- Kilb und Bemann reißen mich vorwärts... ich schreie--- ich schreie. Zwischen Döberilz und Berlin... Eines Morgens steht Preuß vor uns. Er ist sehr blaß, und tiefe, dunkle Schatten liegen ihm unter den Augen. Er läßt uns, seiüe Korporalschaft, um sich herumkommen, aber als er anfangen will zu sprechen, kann er nicht. Wir sehen uns gegenseitig an und wissen nichts aus der Situation zu machen. Es muß etwas ganz Besonderes sein, was ihn bewegt, und so ist es auch! „Ich will mich von euch verabschieden, Jungs", sagt er endlich. Seine Stimm« ist müde und zerbrochen, und er blickt« dabei aus den Boden. Dann schweigt er einen Augenblick, es ist so still, daß wir die Stimmen der Kameraden aus der Nachbarbaracke hören. Ich stehe ganz dicht bei ihm und möchte seine Hand ergreifen, dies« seingegliedert«, stille Menschenhand, diese Hand, die so viel sagt, auch wenn der Mund nicht spricht. Er reißt sich zusammen und zwingt sich, uns anzusehen.„Ich wollt« mit euch hinaus." Hinter seinen Augen schimmert es. Minulla neben mir seufzt plötzlich laut auf.— Und wie aus der Ferne fährt Preuß fort!„Sic wollen mich nicht mit euch zusammen lassen, Kerls. Ich— ich bin— zum Regiment 212 versetzt. Wir rücken schon in Zwei Tagen aus.. Dann sieht er uns der Reihe nach mil seinen ruhigen Augen an, aber sein- Stimm« ist klar und drohend: „Kameraden, das ist des Schinders Werk! Ein guter Korporal darf nicht mit seinen Leuten ins Feld. Seid nicht traurig, ich werde euch nicht vergessen. Ich schreibe euch. Und werdet hart, härter noch als ihr schon geworden seid. Zeigt allen, die euch quälen, die Zähne. Und haltet gute Kameradschaft: steht euch gegenseitig bei, dann werdet ihr alles viel leichter ertragen: denn es werden furchtbare Tage kommen!" Tief schöpft er Luft:„Auf Wiedersehen. Jungs!" Und als«rstsin reicht er dem Einjährigen Sicosrs die Hand: „Kameradschaft, Sicvers!" wiederholt er: der Einjährige zwingt sich zu einem bedeutungslosen Kopfnicken.-- Als Preuß Kiib die Rechte gibt, reicht er mir die Link«, und so stehen wir drei einige Sekunden und sehen uns an, und«in Strom des Lerstchens zieht durch unsere Herzen. Er sagt nichts weiter, aber in seinem Blick liegt alles. O, er weiß von uns, er war immer der schweigende Dritte in unserem Bunde.--- Dann stürzen wir an seinen Platz in der Baracke und nehmen ihm sein Bettzeug und die allen Klamotten, die er vor dem Zlb- marsch auf die Kammer bringen muß, ab. Jeder nimmt ginen Teil und ist er auch noch so gering. 2llle wollen doch helfen, wir schlagen uns fast darum, Preuß den letzten Kameradschaftsdienst zu erweisen. Nur Sievers drückt sich aus der Tür hinaus. Währenddessen sitzt Preuß auf der Eisenkant« seines Feldbettes und stützt den Kopf in die Hände.-- Plötzlich aber steht er vor inir und drückt hart meinen Arm:„Rache!" preßt er heraus... nur dieses ein« Wort. Dann geht er mit uns zur Kammer und schickt uns schnell zurück: „Sonst bekommt ihr keinen heißen Kaffee mehr", sorgt er sich. Es sind seine letzten Worte. „So ein Kerl! So ein Korporal!" wiederholt Kilb ein um das andere Mal.„So ein guter Kerl:-- wen wir jetzt wohl kriegen?!" Eine halbe Stunde später schon wisien wir es: wir treten vor dem Magdeburger an... Ich starre auf die knnnmgebogen« Ras«, schüttele mich vor Ekel vor diesem brutalen Gesicht und muß an Preuß' gütige Augen denken... Ich schleppe so schwer an dem Maschinengewehr. Der Marsch heute morgen will kein Ende nehmen. Lähmende Traurigkeit um- fängt die Korporalschast. Es ist, als hätten wir einen guten Käme- raden begraben. Kilb und der Magdeburger sehen sich auf dem Marsche finster an,— sie zeigen, daß sie unversöhnliche Feinde sind. Auf dem Rllhbruch treibt uns der Krummnasige ganz nach abseits und schleift uns, daß wir vor dem Rückmarsch kaum noch abzählen können. Die Gerücht«, daß unsere Stunden hier gezählt sind und wir an die Front sollen, verdichten sich. Zllles weist auch darauf hin: Nachts müssen wir plötzlich raus: Alarm! Wir rollen mit verklebten Augen und einknickenden Beinen Sturmgepäck, ziehen mit dumpfen Köpfen wie graue Gespenster lautlos durch die kalte Nacht, müssen ausschwärmen und da» Einbuddeln im feindlichen Feuer üben. Die Spaten knirschen,— einige Kameraden sind so zerschlagen, so müde, daß sie in ihren eben ausg«hob«nen, kalten Löchern einschlafen, als hätten sie nur deshalb das Loch gegraben,— sie hören nicht mehr die Kommandos zum weiteren Vorgehen. Die Unteroffiziere wecken sie mit Tritten und Flüchen. Einmal weint der Grenadier Kalb- fleisch, der uns mit einem Nachschub folgte, die ganze Nacht in meiner Nähe, so daß ich es kaum aushalten kann. Schließlich springe ich zu ihm: ich will den Grund seine» Weinen» wissen, obwohl wir alle denselben Grund zum Weinen hätten. Er schluchzt und blickt mich dabei flehend an: er kann nicht in das Mündungs- fcuer des gegenüberliegenden Maschinengewehrs blicken. Es ist ein Gewehr der„Maikäfer", die man auch aus den Barocken heraus- gejagt hat.—— Man hat plötzlich Stacheldraht in das Gelände gelegt, in das wir in der Finsternis hineinstolpern, uns Zlrme und Beine blutig reißen, und aus dem wir in der tiefen Finsternis nicht wieder herausfinden können. Man führt uns ,n„Kolonne zu Einem" durch Grabensysteme, in denen wir uns verlaufen und vor. und rückwärts gejagt werden. Schüsse peitschen durch die Dunkelheit, Handgranaten krachen, Seitengewehre blitzen auf, Granatwerfer brummen. Kalt stehen über uns die Sterne von Döberitz. Di« Hände quellen auf vor Frost: aber wir dürfen keine Handschuhe anziehen — und als Minulla es dennoch einmal wagt, die Handschuhe, die ihm seine Mutter aus Schafwolle gestrickt hat, anzuziehen, wird er natürlich geschnappt und achtmal mit einem leichten Maschinen- gewehr über einen breiten Graben gejagt, hin und zurück,— bis er in den Graben hineinplumpst, weil er nicht mehr weiter kann mit seinen kurzen Beinen. Er schlägt sich die Nase aus und heult und' winselt wie ein geschlagener Hund. Dann müssen wir einen vollen Vormittag mit Gasmasken exerzieren. Wir müssen sie mit bestimmten Griffen nach Tempo „Eins— zwei— drei— vier!" auf- und absetzen, dann damit stürmen, schießen und uns eingraben. Wir röcheln wie Schwindsüchtige die Lust bleibt uns weg, die Schädel wollen platzen, dick treten die Adern hervor. Die Gläser der Glasmasken beschlagen von innen: wir können uns kaum noch gegenseitig erkennen. Es ist«in furcht- barer Anblick, wenn die Kompagnie von Rüsselträgern über das Gelände gehetzt wird, unheimlich und fremd. Mit triefenden Augen, verquollenen Gesichtern, hustend und spuckend stehe» wir dann später wieder in Reih' und Glied, nachdem wir endlich wieder das Marter. Werkzeug eingepackt haben. Und in den Gedärmen schneidet weiter der grausamst« Feind: der Hunger. In meinem Tornister, in der äußersten Ecke, liegt Längere Kästchen. Wenn ich ganz allein bin, unbeobachtet, dann hole ich es heraus. In deni Karton liegen: ein kleiner Handspiegel, eine Rickeluhr, — er hat sie mir mal auf dein Morsch gezeigt und gesagt, er Hab« sie als Zugabe zu seinem Konfirmationsanzug bekommen—, vier Bogen Schreibpapier und ein kleiner Bleistift. Ein Zettel liegt noch bei diesen Sachen, darauf steht:„Diese Sache» sollen meinein Kameraden Peter Riß gehören." Das ist das Bermächtnis eines Rekruten Seiner Majestät de? Kaisers... Es ist nicht viel, was die Söhne des armen Volkes zurücklassen, es ist nicht viel, wofür sie den„Heldentod" hier oder in zusammengeschofsenen Schützengräben sterben...„Aber sie ließen doch ihr einmaliges, ihr kostbares Leben", sagt ihr? O nein, sie haben kein Leben, sie haben nur ein« Nummer, nur ein Soldbuch: die Nummer wird gestrichen, weiter nichts... Ich denke an die Worte unseres guten Korporals:„Werdet hart. härter noch als ihr schon geworden seid. Zeigt allen, die euch quälen, die Zähne." Adomczl? hat Urlaub clngereicht. I-tzt geht er wie ein Trän» mender unter uns, ist sehr ungeduldig und wartet,— wartet..« Der Unterossizier, der Magdeburger, weiß natürlich aus dem Urlaubsgesuch auch davon.„Na, Kleener", jagt er eines Morgens in der Baracke vor dem Ausmarsch zu dem Kleinen, der versunken auf einem Schemel sitzt und vor sich hinbrütet,„in welchem Monat ist denn deine Kalle, hä?" Er schlägt ihm vertraulich auf die Schulter. Ein böser, ironischer Zug liegt um seinen Mund. Adamczik starrt hoch und sieht ihn an, als erkenne er ihn nicht. Er muß sehr weit mit seinen Gedanken fort sein... „Na, nu kiek mich bloß nich so blöd an, kiccner Stipper", höhnt der Magdeburger weiter,„tu bloß nich so..." (Forlsetzung folgt.) üasnmjeBuch Sieruhard guHmaun: neue lUaiefWl* Der Roman, der bei S. Fischer erschienen ist, spielt während der letzten Regierungsjahre des Großen Kurfürsten und in den An- sängen des ersten Preuhenkönigs. Ein historischer Roman und eher noch ein historisches Dokument, denn die eigentliche Handlung, die romanhafte Verknüpfung der Ereignisse tritt zurück gegenüber dem Milieu, dem politischen Hintergrund. Das Buch gehört zu den besten semer Art. Dichtungen, die in die Vergangenheit zurückgehen, sehen meistens die handelnden Personen mit den Augen der Nachwelt, sie stellen sie von vornherein auf einen Kothurn, zeichnen sie als strahlende Helden, negieren die menschlichen Schwächen. Andererseits wiederum lassen Autoren wie Shaw oder Anatol« Franc«, die den historischen Heldentypus zerstören, die Menschen verflossener Epochen in der Sprache der Gegenwart reden, um das Pathos, die zeitlich« Distanz» die sich aus der Anwendung vergangener Sprachformen ergibt, aus- zuschalten. Guttmann wählt in formaler Beziehung den Mittelweg. Es gibt bei ihm dialektische Anklänge, er oermeidet jedoch Worte, die heute außer Kurswert geraten sind, aber alles entspricht dem politi- schen Weltbild der darzustellenden Zeit. Wie sieht dies nun aus? Es ist die Zeit ausgeprägter Geheim- und Kabinettspolitik, bis Zeit der Subsidien und der Bestechung, die Zeit der großen, politi- schen Intrigen, an denen niemand Anstoß nahm, weil sie als Selbst- Verständlichkeiten bewertet wurden. Der Kurfürst erhält Gelder von Frankreich, damit sein Staat als Gegengewicht für die Habsburger in Rechnung gestellt werden kann. Sein Sohn, der spätere erste Preuhenkönig, läßt sich dagegen von Oesterreich bezahlen. Di« Ge- sandten beider Nationen bestechen Minister und Diener, damit de» Herrschenden die richtige Meinung cingeblasen werden kann. Das Gesicht dieser„glorreichen" Zeit wird ohne Schminke gezeigt, die Untertanen gelten nichts, sie sind das Schlachtvieh, dos willenlose Objekt der Ausbeutung. Moral überläßt man den entrechteten Schichten, Geld hat einen besseren Klang. Guttmann sieht diese Dinge mit den Augen des objektiv wägen- den Historikers und Schriftstellers. Er zeigt die Tatsachen, wie sie die damalig« Zeit sah. Er zeichnet das Porträt des Kurfürsten als das eines durchtriebenen Diplomaten und Menschcnverächters und das des ersten Preuhenkönigs mit der Hand eines Psychoanalitikcrs. Denn Friedrich 1.» von der Natur stiefmütterlich behandelt, von Elter» und Menschen nicht geliebt, strebt nach Pracht und Einfluß, um sich über die innere und äußer« Schwäch« hinwegtäuschen zu können. Und um sie herum die Diplomatie und Generalität, begabte Individualitäten, aber alle im Wettlouf nach dem fetten Schinken. Jeder ist der Feind des anderen, jeder kennt nur sich. Doch im Bürgertum erwachen neue Kräfte. Di« Aufklärung eines Pufendorf und Tomasius beginnt, die Macht der Kirche wird unterminiert. Die Selbstbesinnung setzt ein. But.mann schreibt den großen, sozial-historischen Roman. Er gibt nicht isolierte Personen, sondern einen Aufriß der Zeit, einen Aufriß der ganzen Gesellschaft, er demonstriert die Zusammenhänge des einzelnen mit den An- schauungen einer Epoche, die das Individuum formt. Alfred Ar na. WAS DER TAG BRINGT iuiiiiuiiiiaiminuawiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii:iiiiiiiiiiiinniiniuiiiiinttinuuiniiii'jiiui:iiniiiiminiinimnimtiiiituiiiiiiinmmiuiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnniumiiuiimiiiiiumiiiiiiiiiiiur Sowjetkolonie im Nördlichen Eismeer Der Leiter der kleinen von der Sowjetregierung auf Franz- Iofcphs-Land gegründeten Kolonie Iwanow hat durch Funkspruch über das Leben und Treiben der wenigen Kolonisten nach Moskau berichtet. Sie haben ein Treibhaus eingerichtet, in welchem Salat, Gemüse und auch einige Zierpflanzen gezüchtet werden sollen, die sich sehr gut entwickeln. Es konnte bisher die Temperatur im Treibhzuse auf 12 Grad gehalten werden, während bereits Nacht- ftöstc bis zn 7 Grad mit leichtem Schneegestöber vorkommen. Die Kolonisten, zum größten Teil Wissenschaftler, beschäftigen sich mit Ttmperaturmcssungcn des Meerwassers, Erforschung der Gesteinbildungcn und machen auch Borstöh« zu den kleinen unbe- wohnten Inseln der nächsten Umgebung, was aber bereits jetzt durch Eisbildung sehr erschwert ist. Am 2. September ist die Sonn« für Monate untergegangen und die Polarnacht hat begonnen.— Der mit dem Eisbrecher„Sjedow" nach Archangelsk zurückgekehrte Prof. S a m o i l o w i t s ch bezeichnet die Rordmeer-Expedition dieses Jahres als die interessanteste, die er jemals milgemacht hat: sie hat Messungen und Untersuchungen des Meeresbodens in Breitengraden vorgenommen, wo früher noch niemals ein Schiff gewesen ist. Amerikanische Riesenhotels In den Bereinigten Staaten gibt es gegenn�irtig 27 Hotels mit je über 1000 Betten, davon haben 7 über 2000 Betten und das Stcvens-Hotel in Chitago sogar 3000 Bette». Die größte Zahl der Ricsenhotcls befindet sich in Chikago,. nämlich S mit zusammen 14 353 Betten, es folgt New Bork City mit 7 Hotels und 9054 Betten. Je 2 Hotelpaläftc hat Busfalo und Philadelphia, je«in Hotel St. Louis, Boston, Detroit, Washington, Montreal, Cleveland und Cincinnoti. Bis 1913 gab es nur 7 Riesenhotels mit zusammen 11 366 Betten, während des Kriegs wurden keine neuen Hotels gebaut, erst in den Iahren 1919/27 fetzte ein sehr starker Ausschwung«in, es entstanden 20 solcher Hotelpaläst« mit zusammen 28 183 Betten. Die großen omerikunischen Hotels verfügen also über eine Gesamtzahl von 39 549 Betten. Schwierige Versorgung Unter etwa 72 Grad nördlicher Breite liegt in Alaska die nördlichste Funkstoiion der Erde. Sie gehört der nard- amerikanischen Armee und ist beim Kap Barrow, dem nördlichsten Punkt von Alaska. Diese Station muß zumeist auf dem Wasserwege oersorgt werden. Sind die Gewässer dort völlig vereist, so müssen vom nächsten Landeplatz aus Hundeschlitten, wie sie die Eskimos ge- brauchen, benutzt werden. Einheimische Tier«, die man bei der Station für die Aerprovianticrung erlegen könnt«, sind Bären und Renntiere. Merkwürdige Sitte Bei vielen Naturvölkern ist das Essen von Erde eine oer- breitete Sitte, besonders sind ton- und setthaltige Erden beliebt. Die Botokudcn in Brasilien führen geräucherte Tonkugeln als Proviant mit sich, in Guatemala(Zentralainerika) wird weiche Erde bevorzugt, in Australien und Neukaledonien(Insel im Stillen Ozean) ist fetthaltig« gesd)ätzt, während in Neuguinea(nördlich Australiens) sein geriebener graugelber Ton gegessen wird, der wegen seine» aromatischen Geschmackes als Genußmiitel gilt. Die Gründe für die Sitte de» Erdeessens konnten bisher noch nicht ge- klärt werden. Möglich ist, daß dos Verlangen des Menschen nach Salz zu dieser Sonderbarkeit geführt hat. Desertion im Flugzeug Der 22jährige Soldat Louis Cornelis von dem in Aoord stehen- den französischen Fliegerbe.tcidon, der wegen eines Vergehens vors Kriegsgericht gestellt werden sollte, bemächtigte sich eines Flugzeuges und ergriff mit diesem die Flucht. Nach einer durch ein Gewitter erzwungenen Notlandung in Sancoins stieg er wieder auf, mußt« jedoch am Abend infolge Benzinmangels in Blisme(Niivre) landen und wurde von der alarmierten Gendarmerie festgenommen. Elektrifizierte Bienenzucht Ein englischer Farmer, dessen Gut für die vielseitige Berwen- dung von Elektrizität berühmt ist, hat angefangen, sich auf die Elektrifizierung der Imkerei zu oerlegen. Er hat Bienenstöcke ein- gerichtet, in denen durch elektrische Beleuchtung die Königin ver- anlaßt wird, sich früher als sonst dem Fortpflanzungegeschäft zu widmen. Der Erfolg war der, daß die Schwärme so zeitig aus den Stöckcn„kamen, daß sie noch die frühe Obstblüte zur Honigernt« benutzen konnten. Der Dschungel ohne Abenteuer Den vielen Bewunderern der Dschungelrcisenden hat Captain F. Kingden Ward einen Strich durch die Rechnung gemacht,, der unlängst in einem Vortrag vor der Londoner Botanischen Gesell- schaff erklärte, daß er bisher auf allen seinen Reisen durch den Dschungel in Burma weder Tiger noch Schlangen gesehen habe. Oaiplain Ward reist seit 20 Jahren in diesem Dschungel, der an Unberührtheit nur durch die Wälder des Amazouenstrom» über- trossen wird. Der Reisende oersorgt die boianischen Gärten in England und der Welt mit seltenen Pflanzen, und das einzige, worin nach seiner Meinung nach der Dschungel gefährlich ist, sind die Insekten, die insbesondere während der Regenzeit, schwere Krankheiten hervorrufen. mcedonogarettfn Dirtriumpf DER QUALITÄT! Millionen von Rauchern sind in kurzer Zeit treue An-� hänger der hochwertigen MAK E DON-Zigaretten f geworden. Dies ist der volle Beweis dafür, daß der' r deutsche Raucher Qualität zu schätzen weiß, eine Tat- i sache, die ihm zur Ehre gereicht. Versuchen auch Sie unsere Marke# SOZIAL 4« PERFEKT 5* MAKEOON ZIGARETTENFABRIK C. M.B.H., MAINZ A. R H. KO N ZERN FRE i Generalvertretung: Carl Sudel/ Berlin NW 6, Luisenstraße 20, Tel. G2, Weidendamm 2354 Das letzte Sportfest der FTGB. Nun(»ehts in die Hallen Das— sogenannte— Absporteln der Zreten Inrnerschast Groß- Berlin, das im Rahmen eines großangelegten Sportfestes gestern im Stadion am Faulen See in Veißenfee stattfand, nahm einen ausgezeichneten Der- lauf. Daß es sich die Mitgliedschaft nicht nehmen ließ, beim Abschluß des Sommerbetriebs vollzählig mit dabei zu sein, war selbstverständlich, aber daß gestern das weite Rund der Weißenseer Sportanlage dicht an dicht von wirklichen Massen beseßl war. wirkte besonders erfreulich. Es war undenkbar, auf den Tribünen noch einen Platz zu bc- kommen, an der Zielseite stand man zu dreien und vieren, und die letzten mußten Hälse und Fußspitzen recken, um überhaupt etwas zu sehen. Für Stimmung sorgte das FTGB.-Musitkorps mit seinen flotten Märschen, aber es war interessant zu beobachten, wie fach- verständig die Zuschauer jede Phase der verschiedenen Spiele ver. folgten. Nicht wenige? als zwanzig Handballspiele s-anden auf dem riesigen Programm, früh um 9 Uhr ging es schon los, aber wie begeistert wurde gestern bei jedem gelungenen Tor- schuh geklatscht, wie oft wurden beifällige Zurufe laut. Am Ab- ichluß der 1930« Sportsaison kann nun erneut festgestellt werden: Das Handballspiel hat sich die Massen erobert. Von den übrigen leichtathletischen Wettbewerben fand, wie immer, jeder Stafettenlauf das höchst« Interesse, dagegen vermochten, umgekehrt wie beim Handball, Hockey und Fußball nur einen verhältnismäßig engen Kreis fachlich interessierter Zuschauer anzulocken. Das schöne Wetter an diesem ersten Herbstsonntag tat ein übriges für das gute Eelingen des Festes. Es war ein bezauberndes Bild, als noch einmal die Abendsonne das weite Spielfeld und die so bunt angezogenen Sportler beschien, wie die letzten Sonnenstrahlen durch die Banner des FTGB. hindurchfielcn und dos Rot hell aufleuchten ließen. Dann brach der Abend herein und der erste kühl« Herbst- wind schüttelt« gehörig die Pappeln. Leise und unbemerkt war inzwischen der Sommer gegangen. Am Abend versammelten sich die Freunde und Mitglieder der FTGB. zur Schlußseier im Wirts- haus am Orankesce. Der Herbst seierte Einstand. Resultat«: RSi>n«r.M«hr?amvs: 1. Nordring, N?,80 Pimkie: 2. Kaub, Obcr» spree. 2SSSe— Arauen-Rrdrlampi: I. Domkc. Osten, Punltr: 2. Wcig, Nordring, 2NK,S3 Punkte.— Aeltcro Bportlcr: 1. LippcrI. Ostring, 239,60 Punkte! 2. lZahlc. Neukdlln. 221,20 Punkte— Snqend.Mehrkaivvf: 1. Leb- mann, Ostring, 233.08 Vuuktr! 2. Marten. Ostrinq, 202,80 Punkte.— Jüngere Jugend: 1. Wicc,chowoii, Ostring, 236,50 Punkte: 2. Kube, Nordring, 233,71 Punkte.— 1000.Retcr.Laul! 1. Eennert, Nortring, 2:49.— Stabbochlpruag: 1. Stoll, Ostring, 3,10 Meter.— Kochsprung: 1. Schierwaden, Ostring, 1,63 Meter.— Di-kusroersen: 1. Leingau, Nordring. 33,71 Meter.— Kleine Sckxoeden st-fsel für grauen: 1. Osten 1:11,8: 2. Nordring 1:13,2.— lOO-Mcter, Lauf sür Jugend: 1. Seidel. Wedding, 12,1: 2. Wircrchowoki, Ostring. 12,3.— l000.Mrtcr.Lauf sür Jugend: 1. Dustnka. Ostring, 2:13,4.— 4 mal lOO.Meter. Stassel sür Jugend: 1. Wedding 48,2: 2. Ostring 48,4.— 4 mal IM. Meter. Etalsel sür Männer: 1. Ostrinq 45,9: 2. Nordring 46,8.— 10 mal 200- Meter, Stassel sür Männer: 1. Nordring 4:11,3: 2. Ostring 4:14.— Kockeg: Nord- ring gegen Neukölln 2:0: Martendorf gegen Pankow 4:2.— Kandballspiele lMänner): Nordring 1 gegen Friedenau 1 7:6<5:3): Nordring 11 gegen Nankow l 3:1<1:1): Nordrinq III gegen Mitte I 3:0<2:0): Osten l gegen Neukölln I 8:2<2:0): Nordost I gegen Oberspree I 4:3<2:2): Nordost II gegen EUdost II 13:0<5:0): Süden TU gegen Klausdors II 8:2<5:1): Adlers- bof I gegen Norden I<2) 9:1<3:1): Spandau I gegen Elldost 1 8:6<4:4): Kleingärtner gegen lZriedenau III 1:0<0:0): Pankow II gegen Neukölln III knickt angetreten).— Jugend: Neukölln gegen Nordring 6:0: SUdost gegen Pankow 9:2<6:1); Süden I gegen Spandau I 6:3<2:0): Slldcn II gegen Klausdorf II 10:0<4:0).— Jirauen: Süden I gegen Adlrrsbos I 1:1<1:0): Süden II gegen Baumlchulenweg 2:0<1:0): Neukölln I gegen Osten 1 3:1.<2:1): Südost I gegen Nordring I 3:1. Krewer und Sawall im Kehraus der Olympiabahn Für ihren diesjährigen lehlen Renntag hakte die Olympiabahn Steher mit Hamen verpflichtet, die der Lahn gut besetzte Tribünen verfchassten: krewer und Sawall trafen aus die französischen klassesahrer G r a s s i n und Paillard. Fünft« im Bunde war d« Schweizer L ä u p p i, d« wie krewer, Grassin und Paillard Teil- nehmer de» Cndlauss d« weltmeisterfchast war. sich gestern jedoch mit einer Statistenrolle begnügen mußte. Aber auch ßie Franzosen hatten nicht viel zu bestellen, ihre Unkenntnis der Bahn ließ sie nicht recht in Erscheinung treten. Dasür kreuzten Sawall und Krewer die Klingen in einer Weise, die die große Form beider Fahrer so recht auszeigte. Sawall hatte im ersten Sl)-Kilometer-Lauf die Spitze gelost, während Krewer der letzte Platz zufiel. Grassin lag an zweiter Stelle, Läuppi und Paillard hatten die nächsten Plätze inn«. Krewer arbeitet« sich bald nach vorn, ging an Läuppi, der schon vorher Paillard passieren lassen mußte, und an Paillard vorbei. Wiederholte Angriffe des Kölners auf den in zweiter Position liegenden Grassin holten erst in der 83. Runde Ersolg: Im eleganten Schwung legte sich da Arewer hinter Sawall, der gleich darauf einen Sattel- federbruch hatte. Trotzdem die Rennbestimmungen nur bei nach- weisbarem Reisendefekt eine Vergütung von zwei Runden vorsehen, kam Sawall in den Genuß dieser Bestimmung und ver- mochte innerhalb der zwei Runden wieder in voller Fahrt zu sein und den Lauf siegend zu beenden. Krewer solgte als zweiter "30 Meter zurück. Der zweite Lauf über die gleiche Instanz wurde in um- gekehrter Reihensolge gestartet. Hier hatte also Krewer die Spitze und Sawall den letzten Platz. Schnell ging der Berliner au Grassin und Läuppi vorbei, während Paillard infolge Defekts seiner Schritt- machermoschine zurückfiel. Ein in der 50. Runde eingetretener Pedalbruch Krewers begünstigte das Ausrücken vamalls, der jetzt die Führung übernahm. Selbstverständlich mußte der Rennaus- schuß nach der merkwürdigen Entscheidung im Fall Sawall nun auch Krewer zwei Runden vergüten. Auch dem Kölner gelang es, wieder rechtzeitig auf der Bahn zu sein. Immer wieder versuchte er an Sawall vorbeizukommen und konnte schließlich am Schluß des Rennens mit nur fünf Meter Rückstand hinter Sawall als zweiter einkommen. Die für den F l i e g« r k a m p f vorgesehenen Belgier Arlet und Degraeve waren nicht erschienen. Für sie sprangen E h m e r und der Belgier Debruyn« ein. Der Sieg fiel im Gefamtklassement an Engel.— tz. Eipzelcrgebn.iss«: Groger Preis von Berlin. Daucrrennen, 100 Kilomeier. 1. Lauf, 50 Kilometer. 1. Sawall 43:51; 2. Krewer 350 Meter; 3. Grakstn 350 Meter: 4. Paillard 600 Meter; 5. Läuppi 2130 Meter zurück. 2. Laus, 50 Kilometer. 1. Sawall 43:44: 2. Krewer 5 Meter: 3. Grasün 1170 Meter; 4. Läuppi 2630 Meter: 3. Paillard 3400 Meter zurück, fficsaul: 1. Sawall, 100 Kilometer: 2. Krewer, 99,663 Kilometer: 3. Grassi» 98,280 Kilometer; 4. Paillard, 96 Kilometer; 5. Läuppi, 95,340 Kilometer. Fliegertamps: 1. Laus. 1. Engel: 2. Elimcr, eine tialbc Länge. 2. Laus. 1. Stesses: 2. Dcbrupne, eine Länge. 3. Lauf. 1. Etcffco: 2. Etimer, eine halbe Lauge. 4. Lauf. 1. Engel: 2. Debrunnk, eine Länge. 5. Lauf. 1. Ehmer; 2. Engel: 3. Dedrupne: 4. Stesses. 6. Lauf. 1. Engel: 2. Stesses: 3. Ehmer: 4. Dcbrupne. Gesamt: I.(EHyl. 12 Punkte: 2. Ehmer und Stesses, je 8 Punkte: 4. Dedrupne, t» Nurmi ging spazieren'' Das Internationale des SCC. Mit der Verpflichtung von Nurmi, 2)r. Pe ltz c r und Ladoumegu« hatte der Sportklub Charlottenburg gestern bei seinem internationalen Sports« st noch einmal vor Sommerschluß einen großen Coup getan. 35 000 Zuschauer füllten die Tribünen des neuen Vereinssportplatzes in Eichkamp.' Nurmi und Ladoumegu e feierten überlegene Siege, doch blieben Rekordleistungen aus. Auf der weichen Bahn war dies ein Ding der Unmöglichkeit. Weltmeister Nurmi„spazierte" im Lauf über 5000 Meter vor seinen Gegnern einher, die trotz des nicht allzu scharfen Tempos immer weiter zurücksielen. Am Ziel betrug der Abstand zwischen Numn und Pctri 130 Meter. Der Fine lief die sür ihn recht langsame Zeit von 14: 58 heraus, Petri blieb mit 15: 21,8 um 21,8 Sekunden hinter dem deutschen Rekord. Dritter wurde der Turnermeister Syring-Wittenbcrg vor Dieck- mann-Hannover und HelberuStuttgart, während die Franzosen Beddari und Michot völlig enttäuschten. Eine höchst einfache Angelegenheit war auch der I 5 0 0- M e t« r- L o u f. Unter Führung von Dr. Merkel kam das Feld über die erste Runde, dann über- nahm Ladoumegu« das Komando und lief seinen Gegnern buch- stäblich davon. Bei schärferem Ansangstempo halte der Franzose vieleicht Peltzcrs Weltrekord von 3: 51 unterbieten können, so lief er nur die immer noch blendende Zeit von 3: 53,7 heraus. Dr. Peltzer hotte vergeblich versucht, mit Ladoumegue gleichen Schritt zu halten und blieb um 25 Meter geschlagen. Das Speer- werfen war dem Wcltrckordmann Matti Iärvinen natür- lich nicht zu nehmen. Bei dem starken Wind schaffte er jedoch nur 66,83 Meter, während der Königsbcrgcr Mäser mit 61,61 Meter als einziger noch über die 60-Mcter-Marke hinauskam. Im Hürdenlauf über 200 Meter kam in Abwesenheit des Schweden Pettersson Troßbach in Front ein, und den Weitsprung holte sich K ö ch e r m a n n mit der beachtlichen Leistung von 7,38 Meter. -ARBESWLTUSSBALL Eiche-Köpenick— Minerva 2:4 Eiche- Köpenick bereitete seinen Anhängern eine arge Eni- täuschung: Di« erwartet« Revanche gegen Minerva blieb aus. Schuld daran war das vollkommen hilflose Spiel des Eiche-Sturms und die unsichere Verteidigung. Auch der Torwart verhalf den Neuköllnern durch sein Herauslaufen zu zwei billigen Erfolgen. Minerva war seinem Gegner technisch und spielerisch vollkommen überlegen. Schon gleich nach dem Anstoß setzten sich die Neuköllner in Köpenicks Spielhälfte fest. Bald hieß das Resultat 1: 0. Trotz schneller Gegenangriffe konnte Eiche zunächst nichts erreichen. In der 18. Minute ließ Neuköllns Torwart den schon in seinen Händen befindlichen Ball wieder fallen, schnell war Köpenicks Halblinker heran und sandte zum Ausgleich ein. Von da ab übernahmen die Köpenicker das Kommando, an der Verteidigung der Neuköllner war aber nicht vorbeizukommen. Bei diesem Stande ging es in die Pause. Nach dem Wiederanpsiss lag sofort Minerva wieder im Angriff, einige Minuten später lautet« das Resultat bereits 2: 1. Eiches Sturm, der schon in der ersten Halbzeit durch sein hilsloses Spiel auffiel, versagte nun vollkommen. Die Verteidigung machte dann den Fehler, immer weiter nach vorn zu rücken, so daß Minervas Sturm vollkommen frei stand. In gleichmäßigen Ab- ständen wurden noch zwei Tore erzielt, von denen das letzte aus einem Eljnleter verwandelt wurde. Eine Minute vor Schluß konnte Eiche dann das Resultat noch auf 2:4 stellen. Weitere Resuläate: Trebbin gegen Teltow 3:4, Wilmersdorf gegen Werder 88 3: 0, Oberspree gegen Union- Tempelhos 3:3, Spandau gegen Nauen 6:2, Sokol gegen Pots- dam 3: 2, Schöneberg gegen Britz 88 1:6, Freienwald« gegen Oderberg 2: 1, Alt-Ranst gegen Neuenhagen 1: 4, Schwedt gegen Niederfinow 3: 1, Köthen gegen Schisfmllhle 2: 0, Saxonia gegen Vorwärts 3: 1. Eintracht gegen Freie Scholle 4: 1, Saxonia Jugend gegen Oberspree Jugend 6: 0, Minerva 2 gegen Eiche 2 0:3, Trebbin 2 gegen Löwenberg 13:0, Oberspree 2 gegen Kägel 1 4: 0, Schöneberg 2 gegen Teltow 2 2:2, Freienwalde 2 gegen Oberberg 2 2:0, Alt-Ranst 2 gegen Alt-Glietzen 11:1, Saxonia 2 gegen Vorwärts-Wedding 2 2:2. 'k Länderfußballspiel Deutschland— Norwegen 6:2(6:2). Die deutsch« Ländermannschaft des Arbeiter-Turn- und Eportbundes lieferte in Hamburg vor 10 000 Zuschauern ein ausgezeichnetes Spiel, vor allen Dingen bot der Sturm wirklich erstklassige Leistungen. Die norwegische Mannschaft war nicht so schlecht als das Resultat besagt. Im Feldspicl war sie den Deutschen eben- bürtig, doch vor dem Tor versagte der Sturm. Handball Wilmersdorf— Klostermannsfeld 5: 2 Die Freie Turnerschaft Wilmersdorf hatte sich aus Sachsen die Freie Turnerschaft K l o st e r ma n n s fel d verpflichtet. Wilmersdorf setzt« sich bald nach dem Anwurf vor dem gegnerischen Tor fest, konnte aber zu keinem Erfolge kommen. Bei Kloster- monnsfeld machte sich eine Trägheit bemerkbar, di« den Wilmcrs- dorfern eine leichte Störungsarbeit ermöglichte. Erst in der 17. Mi-� nute gelang es dem Wilmersdorser Halblinken, das 1. Tor zu' schießen, dem aber Klostermannsfeld sofort nach dem Anpfiff den Ausgleich entgegensetzte. Halbrechts konnte in der 26. Minute Wilmersdorf durch ein zweites Tor wieder in Führung bringen: Klostermannsfeld zog bald gleich. War Wilmersdorf in der ersten Halbzeit etwas überlegen, so rouriic di« zweit« Holbzeit ausgeglichener. Dos Spiel wechselt« flott. doch hatte Wilmersdorf durch die Schuld der Hintermannschaft von Klostermannsseld bessere Schuhfreiheit und Halblinks sandte schon nach fünf Minuten zum dritte» Tor ein. In der 23. Minute war es dann Recht sauhen, der das 4. Tor buchte, dem sofort durch den Mittelstürmer das fünfte Tor folgte, während Klostermannsseld in der zweiten Halbzeit leer ausging. Wien im Handball-Bundcsmeisfcrschaflsspiel Magdeburg-Fermersleben verliert in Wien 3,: 6. Es war ein rassiges und ausregendes Spiel, das für den Mitteldeutschen Vcrbandsmeister insofern tragisch auslief, als die Mannschaft zur Halbzeit mit 3:1 in Führung lag und dennoch verlor. Das Spiel wurde von beiden Seiten mit technischer Voll- kommenheit durchgeführt. In der zweiten Halbzeit ivor es Wien- Ottakring, das zu außerordentlicher Form auslief. Das Bundes- meisterschaftsschluhspiel in Handball wird am kommenden Sonntag zwischen Wien-Ottakring und Hannover-Hainholz, dem Nordwest- deutschen Meister, in Hannover ausgetragen. „k�odereimtaK" im Grunewald Der Moderenntag war krampfhaft auf ein ganz großes gesell� schaftliches Ereignis stilisiert, ohne«in solches Ereignis zu werden. Für den ersten Platz war die Tribüne gesperrt? sie war allein zn> gängig für die Besucher, die im Besitz der teueren, reservierten Tribllncnplätze waren. Die anderen Platzbesucher mußten notge- drungcn das Dach der Tribüne erklettern und sich eine schlank« Linie anlaufen, um nur etwas vom Sport und den Vorführdamen zu sehen zu bekommen. Die saßen vor dem Teepavillon,, flanierten vor den Logen und bewegten sich nach dem fünften Rennen über das Geläuf. Sie kamen natürlich nicht bis an die billige» Plätze, das wäre auch nutzlos gewesen, trügen sie doch Mäntel Und Kleider, die nur auf den ollergrößten Geldbeutel zugeschnitten waren. Man sah Pelzmäntel über Pelzmäntel, doch hatten sich olle Kaninchen schamhaft verkrochen und nur die Edclpelze kamen ans Tageslicht. Äazu konzertierte eine Militärkapelle, mithin wurde nicht einmal dieser Tag benutzt, um den stellungslosen Berufsmusikern eine klein« Verdienstmöglichkeit einzuräumen. Das Saint Leger, das Hauptrennen des Tages, gewann ganz überlegen Stall Weinbergs Gregor unter O. Schmidt. Der Tod im Boxring. Ein eigenartiger Jwischenfall ereignete sich l>ei einem Boxkampf in der amerikanischen Stadt Littleton. VZährend der dritten Runde brach plötzlich der bekannt« Ringrichter Gene Powers ohnmächtig zusammen. Man stopte sofort das Treffen imd brachte den Bewußtlosen in die Kabine, wo der Arzt jedoch nur irach den Tod infolge Herzschlages feststellen konnte. Die Tagung der SASI. Die Bürosihuag der Sozialistischen Arbeiter- Sport- Znlernalionole am 20. und 21. dieses Monats in L u z e r n ist von besonderer Bedeutung: Sie war die Zehnjahr. seier der SASZ. Aus diesem Anlaß hatten die Berner Sportler die Mitglieder des Büros am 19. zu einem Fest- abend zu sich geladen, der mit Festreden, turnerischen Aussüh- rungen und einem sehr wirkungsvollen Sprechchorseftspiel von Alfred Fanghausen:„Schwarz und Rot" einen würde- vollen verlaus nahm. Di« kurzen Festreden wurden gehalten von Reinhard(Vor- sitzender der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz), Robert Grimm und Dr. Steinemann-Schweiz, Gellert-Leipzig, Dr. Weber (Vorsitzender der Schweizer sozialdemokratischen Bildungszentrale und Sekretär der Gewerkschaften), Bridoux-Belgien, Silaba-Tschecho- slowakei, Guilleoic-Frankreich, Wildung-Berlin, Kalnin-Riga und Kostiainen-Helsingfors. Ein« große Reihe von Begrüßungs- schreiben war zum Geburtstag der SASI. eingelaufen. Die Berichte ergaben einen erfreulichen Aufstieg. Die Tagung zeitigte folgende Entschlüsse: 1. Engere Verbindung mit der sozialdemokrati- scheu Iii g e n d z e n l r a l e zu schaffen: der aiiwesende Vertreter vom Zentralbüro der Jugend, Heinz-Wien, begrüßte diesen Be- schluß freudig. 2. Die Sozialistische Arbciter-Sport-Internationale hat mit Entrüstung von den Sl n s ch l ä g e n vernommen, die in F i n n. land und in Polen gegen die Freiheit und Würde des Volkes unternommen wurden. Sie spricht den arbeitenden Klassen und insbesondere. den Arbeitersportlern beider Länder, die in einem schweren heroischen Kampfe für die Demokratie stehen, die wärmste Sympathie aus: sie versichert, olles zu tun, was in ihrer Kraft steht, um den tapferen Freiheitskämpfern zu helfen, die Angriff« einer engstirnigen, die friedliche Entwicklung bedrohenden Reaktion abzuwehren. 3. Die Sozialistische Arbeiter-Spori-Jnternationale hat mit großer Befriedigung die Grüße italienischer Arbeiter- s p o r't l e r entgegengenommen. Sie versichert ihren italienischen Brüdern die wärmst« Sympathie der Arbeitersportler der ganzen Welt und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der Tag nicht mehr ferne sei, an dem die italienischen Proletarier wieder offen und frei in den Reihen der internationalen Arbeiterklasse für die großen Ziele des Sozialismus wirken können. Di« Einrichtung des Internationalen Arbeiter-Sport-Frauen- Ausschusses, sowie der gesamte technische Bericht wurden gutgehei- ßen, ebenso die Berichte des Erziehungsausschusscs und des Jnter- nationalen Arbeiter-Sport-Pressedienstes. Devlieger-Lüttich legte dar, daß verschiedene Auffasfungen übe? die Anwendung der Ft«* zeit vorhanden sind. Vor allem ist zu entscheiden: Soll über dig Freizeit der Arbeitgeber, der Staat oder der Arbeiter selbst be» stimmen. Letzteres kommt für die Arbeitersportler einzig in Be» tracht. Devlieger wurde beoustragt, gemeinsam mit Guillevic-Paris diesbezügliche Richtlinien auszuarbeiten und der nächsten Büro- sitzung vorzulegen. Der Bericht von Gastgeb-Wien über den Stand der Vorarbeiten für dos nächste Olympia in Wien wurde mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. 221,5 km auf Motorrad Henne stellt neue Weltrekorde auf Die unter starker Anteilnahme der Bevölkerung durchgeführten Weltrekordversuche des Motorrad-Rekordfahrers Henne auf BMW. mit Kompressor am Sonnabend begannen mit den Prüfungen über die Meile und den Kilometer der 7Zl)er Klasse, deren Bestzeiten gleichzeitig für die 1000er Klasse gelten. lieber den Kilometer erreichte Henne nach Hin- und Rückfahrt den Durch- schnitt von 221,539 Stundenkilometer, für die eng- tische Meile 219,618 Stundenkilometer, während �der Engländer Wright 220,990 Stundenkilometer bzw. 218,620 Stundenkilometer geschafft hotte. Im Anschluß, daran glückten auch sofort die Der- suche für die SOOer Klasse mit 203,504 Stundenkilometer(191,410 Stundenkilometer) für den Kilometer und mit 200,2 Stundenkilo- meter(190,890 Stundenkilometer) für die englische Meile. Wie am Sonnabend, so glückte Heime auch am Sonntag gleich der erste Versuch. Er schuf in der Kategorie bis 500 Kubikzenti- meter über die englische Meile mit stehendem Start eine neue Wellhöchstleistung mit einem Stundcnmittel von 155,468 Kilometern. Der bisherige Rekord wurde von dem Belgier Milhour auf Gillet mit 149 Stundenkilometer gehalten. Am Sonntogabend gelang es Henne, weitere Weltrekorde aufzu- stellen, so daß sich die Zahl seiner am Sonnabend und Sonntag aufge st eilten Rekorde auf elf erhöht. Die am Sonn- tagabend gefahrenen Rekorde wurden mit einer BMW.-750-Kubik» zentimeter-Maschine durchgeführt und gelten auch für die 1000- Kubikzentimeter-Klasse. Henne erreichte bei stehendem Starr für die englische Meile eine Durchschnittsgeschwindigkeit in beiden Läufen von 33,84 Sekunden, was einer Geschwindigkeit von 171,204 Stundenkilometern entsprich:. Für den Kilo- meter mit stehendem Start brauchte Henne im Durchschnitt 23,74 Sekunden, d. i. eine Stundengeschwindigkeit von 151,642 Kilo- meter. Mit diesen Leistungen hat Henne die schnellsten Zeiten für Motorräder überhaupt erreicht. (> <> Theater, Lichtspiele usw. b Montag, 22 9. staats-Oper Unter d. Linden A.-V. 22 19';j Uhr Die Madit des Sdifdisals Ende n. 22 1/t U. Staats ■. m» Montag, 22 9. Stadt. Oper Bismarck str. 20 Uhr Oesdili» IMlBitg Ende g. 22Vj U. Oper Am Plah dir RepobiiL Vorst 140 20 Uhr Hoiimanns Erzähi�ngen Oetfntl. RprtnmHupf Ende 23 Uhr Staat). Schausph. (im Gmbnunmirtt). R.-S. 4 20 Uhr Bürger Schippel Ende 22?. Uhr M.Miller-Mer.tliarltlig. 20 Uhr Htrr Doktor, hib» Sit zu cum? Ende 22>;. Uhr pi,Aza lägt. S u.«Ii Sonnt. 2. Su. 8» Alex. E 4. 8066 Weinlraubs Syncopators onil das groBe inlamationale Programm! Sa udeilt xlie JUesse über Die föcaut wm Messiaa mit Oxent Jxiesch im ROSE-THEATER Gr. Frankfurter Str. 132 Billettkasse: Alex 3423 U.34B4 Lokal. A nz tiz tr: Ein sthtrur Abend! Welt am Abend: Der Beifall wollte kein Ende nehmen. Der Tag: Das Haus war mit- 8 Uhr- Abendblatt: Herzlicher Beifall eines ergriffenen Publikums. Börsen-Courier: Das volle Haus zollte der Bemühung Achtung und Beifall. Volkszeitung: Das Publikum rief die Darsteller immer wieder vor den Vorhang. Nachtausgabe: Ein Ehrenahend für das Volkstheater in der Gr. Frankfurter Strqßt. Morgenpost: Eine Aufführung, die allen Respekt verdient. Nächst. Sonnabd. 4 Uhr: uDornröschan11 Gr. AusststtunEsmircben f. Kinder. Komm. Mittwoch um 6 Uhr in völliger Neueinstudierung: „Hänsel u. Gretel' Berliner Hlk-TriOi N• H kl l(B WU1 Winfer •k Garren* 8.1S unr— Baumen eriauhl Hans Kollidier» Argenllno Little Esther tanzt n. singt o.a. Heute 2 Vorstellungen 4 und S15 Uhr. 4 Uhr kleine Pr. VoutsbUline Thester am Bülowplatz. * täglich' 8 Uhr Die Weber v. O. Hauptmann Regie: K. H. Martin. Staat1.Sdii!ler-TI). 8 Uhr Herr Doktor, haken Sie zu essen? Theater am Scnitroauerdamm 8'k Uhr Feuer aus den Kessein Slaatsoper Am PI.«.Republik 8 Uhr Hoffmanns Enaiilangen Kammerspiele 8>/. Uhr Die Schule derFrauen von MoliCre. Regit: DansDeppe. Beotsdiei IHeattr 8 Uhr Der Kaiser von Amerika von Bernard Shaw Titdrollc Werner Krau» Regie! Max Reinbirdt. Die Komödie «>/- Uhr Der Schwierige lathp. T.kogo T.Hifmmtllii' Regie; Max Reinhanlt. Deutsches KOnslIer-Theal. Tel Barbe rotte 3931 8'. Uhr Jim und Jill Operette v. Viviao Ellit Renaissance* Theater Steinplatz 6780, 9 Uhr Die Wunder-Bar Revuestück Zimmer. Ißett Mk. 7,- bis 11" 2 Betten 13.-bis 22r BodtMk.l- italomlCf leoww??; «ertln HOTUaAnkW EXCELSIOR metropol-Theater Täglich S'U Uhr ScDkailoDeller Operettenerfolg) Unter ptfrs. Leitung des Komponisten Viktoria undihrHusar staatl. Lotterie-Etnnatime v. Puttkamer Bln.-Frledenau. Kaiser- A!ieel27 Tel. Rheingau 144, Postsch. Berlin 5232 Lose vorrätig Theater i.d.Behrenstr. 53-54 Direktion; Ralph AHhnr Roberls 8./. Das häBilche manchen Englisch— Roberts— Riemann. vIrÜte BUSCH Das vollständig uiagebaute Haus— eine Seasaiimi I! Uinlern.Circ.-u.Varieteschlager! n. a. Orler. H. Jnekuon-Qirlm. Baniowjh- Söhnen Tbealer In dtr strmaunnsir. Täglich S'/t Uhr :3 Luhpid nn Sdmirftrt Komödienhau« 8 Vi Täglich 8'k Konto X m Bernauer und Oesterreittier ZOO Mufiarien Neu eingetroffen BicsitfcrScc-Elclanl Letzte Wochen der Sonderschau „1000 Krokodile" Aquarium— Tlerkanat-Anaatclltf. -S-M i ni. Neues Theater — am Zoo— JimBatinh.Zuo. StpLSJSl Täglich 8V. Uhr lommel in der Posse Paul und Pauline Rund funkhöre t Halbe Preise. Thatn am Ruttb. Tor Kottbusser Str. 6 Tägl. i Uhr aedt Sonnt. nachm. 3 Uhr Elite' Sauger Das Borwundorl Liederspiel u. die tolle Posse Die lieben Vervndten. Zum SchluB: Pinselheinrichs Himmelsklausel Reichshallen-Theater Heule nachmittag 3'/- und abends B Uhr Stettiner Singer Hadimittags halbe Preise! 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