BERLIN Mittwoch 24.September 1930 10 Pf. Nr. 448 B 223 47. Lahrgang erscheint tStlich a«fiet«•«*!«»«. Zugleich Abendausgab« des.VorwSrts'. Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW 68, LindeuKr. 3 'ff Anieigenpreis: Die einspaltig« Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile K M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Dorwärts-Derlag G. m. b. H-, Berlin Nr. 37536. Zernsprecher: Dönhoff 2S2 bi« 207 Emigrantenschicksal in den Hochalpen Auf der Ktucht vor der Faschistenmiliz gefaßt Paris. Z<. September. fEigenbericht.) Die radikale„Republique" berichtet von einem neven italienisch- schweizerischen Grenzzwischenfall. Eine Karawane von 20 Italienern halte am vreithornjoch in der Nähe von Zermatt bereits die Grenze überschritten, als sie von einer italienischen Militärpatrouille entdeckt wurde. Trotz lebhafter Proteste zweier französischer Bergsteiger und zweier Schweizer Bergführer aus Zermatt machten sich die itatieni- scheu Soldaten zur Verfolgung auf und erreichten die Flüchtigen tv.'ch nach langer Zagd. Noch einigen Schreckschüssen wurden stne Emigranten zum Stehen gebracht und nach mühsamem, stundenlangem Marsch wieder auf italienisches Gebiet zurückge- schleppt. Obwohl die vmpücklichen, unter denen sich drei Frauen und ein halbwüchsiger Knabe befanden, äuszcrst erschöpft waren, mutzten sie mit Seilen gefesselt den Rückmarsch nach der nächsten Polizeiwache antreten. lieber �00 Fischerboote vermißt Zur Sturmtatastrvphe an der bretonischen Küste. Die S t o r m k a t a st r o p h c. die die bretonische Küste in den letzten Tagen heimsuchte, hat weit mehr Menschenleben gefordert, als bisher angenommen wurde. Heber 100 kleine Fischer- boote werden noch v e r m i h t. Die Katastrophe hat am viens- tag bereits den Gensralrat des Departements Finistere beschäftigt, der den betroffenen Familien ol» erste und dringende Nothilse einen Kredit von 25 000 Franken bewilligte. Das Marineministerium ho« vier Torpedoboote und zwei Kanonenboote in die Gegend von Eoncarneau entsandt. Immer wieder treffen französische Fischdampfer ein, von denen ein oder zwei Mann sehten, die während des Sturmes über Bord geschwemmt wurden. In allen größeren und kleineren Ortschaften der Küste warten Frauen und Mütter auf die Rückkehr ihrer Angehörigen. Der Materialschaden, der durch die Zerstörung der Boote und der Strandanlagen entstanden ist, wird auf über 16 Millionen Mark geschätzt. Für viele der heimgekehrten Fischerboote war es die letzte Ausfahrt, da die Beschädigungen zum Teil so schwerer Natur sind, daß eine Aus- besseruirg die Unkosten nicht lohnen würde. Die T h u n s i s ch e r von Eoncarneau, von denen ein« große Flotille bei Einsetzen des Sturmes auf dem offenen Meer fischte, hat insgesamt 18 Todes- o? f e r zu beklagen.' Aus der Umgebung von Lorient werden 80 Matrosen und Fischer vermißt. Sie dürften alle ums Leben gekommen sein. Gegen Kn'cks Koaliiionsverbot. Austritt der thüringischen polizeibeamten aus d«m ADA. München, 24. September. In der Schlußsitzung der Dritten Bundestagung des All- gemeinen Deutschen Beamtenbunde« am Dienstag wurde mitgeteilt, dah wegen des Verbots des thüringischen pvlizeibeamtenverbandes Verhandlungen mit dem thüringischen Ministerium geführt worden sind. Die Verhandlungen sind jedoch ergebnislos verlausen, so datz da» verbot bestehen bleibt. Der polizeibeamlenoerband hat daraufhin seinen Austritt au» dem Allgemeinen Deutschen Leamtenbund erklär». Die Bundestagung legte in einer einstimmig angenommenen Entschließung gegen das verbot de» thüringischen Ministeriums Verwahrung ein. unter Hinweis auf die entsprechenden Bestim- mungen der Reichsversassung. Sosern bis 1. Oktober keine Er- klärung aus Weimar vorliegt, will der Bundesvorstand auf dem Rechtsweg die Aushebung der Verbotsversügung er- wirken.___ Börse beruhigt fich weiter. Die BankeaerNärungen in New lsork hoben gewirtt. Die in New?1ort von deutschen Banken über die politische Lage abgegebenen beruhigenden Erkläningen haben die Verkäufe des Aus- landes abgebremst. Jedenfalls waren auf der heutigen Börse die Verkäufe sehr zurückgegangen und es mochten sich sogar bei kleinen Kaufaufträgen gewisse Kursbesserungen geltend. Auch auf dem Geldmarkt hat sich die Anspannung etwas verringert. Die Banken haben für das Monatsend« unter dem Eindruck der Aufregungen der vorigen Woche so stark vorgesorgt, daß jetzt wieder reichlich Geld bis zum Ersten frei ist. Der Zinssatz für tägliches Geld ging infolgedesfen zurück. Nach Frankreich dürften aber noch Kreditrückzahlungen erfolgen. Es werden immer noch Dollars verlangt, die zur Rückzahlung französischer Kredite in Frauken uingetitztsifch. werden. �•_„,;:,'. SVr Prozent! Alarmierende Gerüchte über die Arbeitslofen-Beiträge. Die Mitglieder des bisherigen Reichskabinetts tagen. Sie sind am Dienstag zusammengetreten, um, wie es heißt, ihre finanziellen Sanierungspläne zu beraten. Diese Verhandlungen sind aber sogar in dem kleinen Gremium so schmierig, datz sie zu- nächst auf heute nachmittag verschoben wurden, zweifellos aber noch mehrer« Tage andauern werden, bis die Pläne soweit abge- rundet sind, um dem neuen Reichstag als Unterlage für sachliche Entscheidungen vorgelegt zu werden. Dos einzige, was aus dem Dunkel der Kabinettssitzung an die Oeffentlichkeit dringt, ist das alarmierend« Gerücht, es sei beab- Aus dem Inhalt: Wessels Freundin sagt aus Seile 2 Naziföhrcr als Hochverratszeugen Seife 2 Sozialdemokraten und Kommunisten in den Wahlkreisen Seite 3 Mord bei Walzermnsik Seite 4 Dreisprachiges Land Seite 5 Selbslgebaute Faltboote Seite 7 Edelpenner am KurfQrsiendamm Seite 7 Wiens Kampf gegen die Jugendselbshnorde Seite 8 sichtigt, die B« i t r ä g« für die Arbeitslosenversicherung auf 6)4 Proz. des Lohnes zu erhöhen. Das wäre ein so ungeheurer Sprung, daß ma» wirklich noch an der Richtigkeit dieses Gerüchtes zweifeln möchte. Indessen ist noch allem Vorangezonge- nen nichts mehr unmöglich. Deshalb ist es zweckmäßig, noch einmal sich in Erinnerung zu rufen, was war und was i st. Die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslcsen- Versicherung war zunächst mit einem Beitrag ran 3 Proz. des Lohnes ausgestattet. Man rechnete damit, daß dieser Beitrag ge- nügen würde, um 725 000 Arbeitslose dauernd zu unterstützen. Aber schon im Jahre 1928, dem zweiten des Bestehens der Arbeits- losenoersicherung, mußten im Monatsdurchschnitt 866 000 arbeitslose Bcrsicherte unterstützt werden, so daß die Ausgaben die Einnahmen bereits erheblich überstiegen. Die im Gesetz vargej.'hencn Darlehen des Reichs im Notsalle brauchten 1928 aber nicht in Anspruch ge- nommen werden, da aus dem ersten Jahre der Vcrsicherungstätig- keit ein Notstock von 150 Ntillionen Mark angesammelt war. Anders wurde es jedoch im Jahre 1929. Die steigende Wirt- schostskris« warf immer neue Scharen in die Ermcrb-lcsigkeit. Im Monatsdurchschnitt mußten bereits 1,274 Millionen Versicherte unterstützt werden. Die Folge war, daß das Jahr 1929 mit einer Unterbilanz von 318,8 Millionen abschloß. Um diese Summe zu decken, mußte der vorgelelzene Reichskredlt in Anspruch ge- nonnnen werden. Schon im Laufe des Jahres war die Notwendigkeit, die Reichsanstalt sicher zu finanzieren, immer klarer geworden. Die bürgerlichen Parteien des Reichstags unter Führung der scharf- machcrischen Dolkspartci drängten, unterstützt von einem inspirierten Presseshirm, auf radikalen Abbau der Leistungen. während die Sozialdemokratie sich bemühte, durch befristete Er- höhung des Beitrags rechtzeitig die Einnahmen zu steigern. Die Volkspartei stemmte sich gegen jede Beitragserhöhung über 3 Proz. hinaus. Schließlich kcnnt« ein« von der damaligen Regie- rund Müller-Wissell vorgeschlagene Teillösung, die«ine Beitrags- «rhöhung auf 3)4 Proz. vorsah, nur bei Stimmenthaltung der Volkspartei angenommen werden. Dies« Erhöhung trat am 1. Januar 1930 in Kraft. Aber bald zeigte sich, daß sie nicht genügen würde, besonders da sie viel zu spät erfolgte, um dein Ansturm der Wirtschaftskrise standhalten zu können, lieber dem Kampf um die Sanierung der Arbeitslosenversicherung ist schließlich die Regierung der Großen Koalition gesprengt worden. Die industriellen Scharfmacher, die die Aolksportei diri- gieren, hatten ihren Triumph. Jedoch schon bald nach Antritt der Bürgerblockregierung mußten die Beiträge aufs neu? erhöht werden. Jetzt stimmte auch die Deutsche Dolkspartei einer cheraufsetzung auf 4)4 Proz. zu. Wäre dieser Beitragssatz ein Jahr früher angenommen war- den, so hätte da» Defizit der Reichsanstalt nicht«Inen so lata. srrophalen Umfang annehmen können. Aber jetzt sorge die unge- heure Ziffer der erwerbslosen Versicherten dafür, daß der am 1. August 1930 in Kraft gesetzte Beitrag nicht ausreichte. Die„Sanitätsräte", die im Borjahre jede befristete Beitrags- crhöhung ablehnten, sind, wenn die neuesten Gerüchte zutreffen, also bereit, die Beitragserhöhung gar auf 6)4 Proz. zu»r- höhen, ihn also gegenüber dem Vorjahre mehr als zu ver- doppeln.- Die vollkommene Niederlage der Volkspartei bei den letzten Wahlen war eine Antwort auf ihr scharfmacherisches Treiben gegen die Arbeitslosen. Jetzt wird man die wirkliche Vorlage der Regierung Brüning-Stegerwaid abwarten müssen, um die Folgen der Schorfmocherpolitik der Jndustriellenpartei voll würdigen zu können. * Die Kabinettssitzung wird heute abend um 8 Uhr fort- gesetzt. Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, ist das Kabinett in seiner gestrigen Beratung übereingekommen, daß an der Not- Verordnung nichts geändert wird. -10 proz. des Gehaltes für Erwerbslose. Beschluß des Hamburger Senats. Hamburg, 24. September(Eigcnberichl). Die Mitglieder des Hamburger Senats, dem der Sozialdemo. krat Roß als präsidierender Bürgermeister vorsteht, sind überein- gekommen, bis aus weiteres 10 proz. ihre, Gehalt» her wohlsahrlsbchörde zu Zwecken der Erwerbslosenspeisnng zu überweisen. 3)ie£euinanis vor dem fteichsgericlü 'Wir briugcn hier die erfte jemals in einem MochrerraisproaeV im Keichsgerichi gemarhie .Aufnahme. Sie aeigl flehend die JhigeMaglen Jtans JCudien u. Richard Scheringer. smifchen den beiden Derieidigem filstend Dfans Friedrich IVendi N 1» Wessels Freundin als Zeugin Kommunistischer Villenbesiher Will mimt Entrüstung Zu Beginn der Heuligen Verhandlung im Wessel-Prozeh werden die cls geladenen Zeugen ausgerufen. Das haupl- intcresse erweckt die Braut des ermordeten Wessel. Arüulein Erna Hänichen: sie geht an zwei Krücken, da sie sich ihr rechtes Bein gebrochen hat. Der Kriminalkommissar leichmann, der seinerzeit die ersten Ermittlungen machte und von der Verteidigung scharf angegrisfen wurde, befindet sich nicht unter den Geladenen. Vor der Eröffnung der Beweisaufnahme meldet sich der Villen- besilzer und Mitinhaber der koinmuniftifchen Jnferatemverbezontrale, Theo Will, zum Wort, um nach bekanntem Muster eine w ii st e Lchiinpfrede gegen die Presse zu hallen. Er wird aber recht kleinlaut, als ihn der Vorsitzende wegen seiner Mithilfe an der Flucht Ali höhlers ins Verhör nimml. Vors.: Kamen Ihnen keine Bedenken bei der geheimnisvolle» Fahrt nach Glienicke? Will: Nein, höhler und Rückert wurden mir von meinein Freund Schmidt, der ein bekannter Funktionär der Roten Hilfe ist, zugeführt, hätte ich allerdings gemuht, daß Schmidt blau war. dann hätte ich mich nicht in die Sache eingemischt. V o 4!.: Mit wem haben Sie üder die Flucht gesprockzen? Will: Mi�Mnton(Anton soll nach der Aussage höhlcrs auf der Polizei der k o in:n u n i st i s che R e i ch s t a g s a b g e o r d n e t e Geschke fem». Vors.: Wer sagie Ihnen, dah Sic Ihr Auto zur Ber- sügung stellen sollten? Will: Das war Drewnitzki, der sich Victor nannte. Vors.: Warum sind Sie mitgefahren? Will: Mein Auto ist sehr wertvoll, ich wollte meinen Chaufseur die weite Tour nicht allein fahren lassen. Es folgt die Vernehmung Victor Drewnihkis, der Ali höhler nach Prag gebracht hat. Er beginnt mit einer speziellen Kanonade gegen den „Vorwärts", dessen Schreibweise angeblich das Gericht zur Richtschnur seines Handelns macht. Der Vorsitzende, Landgerichts- direktor Dr. Tolk, droht, Drewnitzki das Wort zu entziehen. Vors.: Find Sie bei der KPD. angestellt? Drewnitzki: Das geht niemand etwas an. Vors.: Von wein haben St« höhlers Photographie bekommen? Das ist meine Angelegenheit. Vors.: Was haben Sie mit de» 200 M. gemacht, die Sie erhielten? Drewnitzki: Die haben wir als Spesen verbraucht. Als letzter der 17 Angeklagten wird der Arbeiter K n d o w s k j vernommen, in dessen Wohnung Ali höhler verhaftet wurde. Er muß zugeben, vor der Tat öfter mit Ali höhler in der Kneipe zu- sainmengesesscn zu haben. Er gibt weiter zu, von dem Mord an Wessel gelesen zu haben. Staatsanwalt: hat höhler mit Ihnen über die Tat gesprochen? Kudowski: Ja, er hat mir den Fall Wessel geschildert. Als erste Zeugin wird die S t i e f s ch w i e g e r m» t t e r der Frau Salm vernommen. Sie wird im Sinne des Gesetzes als nicht verwandt mit der angeklagten jungen Frau Salm erklärt und muß aussagen. Die Mutter Salm macht einen v c r h ä r m t'e n Eindruck. Rechtsanwalt Apfel: Nach der Tat lag auf dem Küchentisch eine Handtasche, in der«in Revolver war Zeugin: Ja, das war die Handtasche der Iänichen. Diese bat den Polizeibeamten, der mit in der Küche stand, ihr den Revolver zu lassen, da er«in Andenken an ihren Freund Wessel sei. Der Polizeibeamte gab daraus der Hänichen den Revolver zurück. (Bewegung.) Der Vorsitzende läszt die Zeugin unvereidigt, da sie der Teilnahme an der Tat dringend verdächtig erscheint. Nach einigen belanglosen Zeugen wird die Braut Wessels aufgerufen. Ei» Pölizeibeamter und ein Justizwachtmeister tragen sie in den Gerichtssaal. Fräulein Iänichen ist 24 Jahre alt und gibt als ihren Beruf Schneideriii an. Sie schildert, wie in das Ziinmer geschossen wurde und danach höhler, Rückert und Kandulski in das Zimmer eindrangen. Kandulski suchte nach Waffen, fand aber nur einen Revolver. Als die drei weg waren, holte ich aus dem Sleiderspind noch eine zweite Waffe, die ich zu mir steckte. Wäre ich dein Täter nochmals begegnet, dann hätte ich ihn niedergeschossen. Der Polizcibcamtc ließ mir die Waffe zu meinem Schutz, da ich die Nacht in der Mordwohnung verbringen mußt«. Die Zeugin gibt dann eine Schilderung ihres Freundes Wessel. Als Wessel die Iänichen kennen lernte, gab er sein Studium aus. Er betätigte sich lebhaft bei den Nationalsozialisten. Wir lebten von Unterstützungen der Frau Dr. Weisel, einiges Geld borgten wir uns von Wessels Verwandten aus Hannooer. Wessel wollte sich Arbeit bei der U-Bahn suchen, wurde aber krank. Staatsanwalt: Wie verhielt sich höhler während der Tat? Iänichen: höhler riß die Tür auf, schoß, lral ins Zimmer und sagte zu dem am Bode» liegenden Wessel:„Du weißt ja, wosür du das bekommen hast." Zu mir sagt« er:„halt die Schnauze, sonst kriegst du auch was ab." Rechtsanwalt Apfel: Woher kannten Sic höhler? Iänichen: Aus einem Lokal. Löwenthal: War das zu der Zeit, als Sic einem gewissen Beruf nachgingen? Iänichen: Ja. Löwen- t h a l: Gehen Sie noch diesem Berus nach? Iänichen: Seitdem ich Messet kenne, nicht mehi�J L ö w e n t h a l: Waren Sie drei Monat« vor der Tat noch mireinem gewissen R. in einem Hotel? Iänichen: Nein. L ö w« n t h a l: Wollen Sie das beeiden. Iänichen: Jawohl. Der Vorsitzende unterbricht diese peinliche Diskussion zwischen Rechtsanwalt Löwenthal und Fräulein Iänichen. Gleich daraus kommt es zu einem scharfen Zusannncnstog mit der Angeklagten Frau Salm, der der Iänichen vorwirft, sich östcr über den Tod erschossener Kommunisten gefreut zu haben. Erna Iänichen weist das entrüstet zurück. Bors.: halten Sic den Mund, Frau Salm. Iänichen: Ich habe mich mit Frau Salm nie über Politik unterhalten, da ich wußte, daß Frau Salm links steht und ihr verstorbener Mann Mitglied der Roten Hilfe war. �Rechtsanwalt Apfel: Durch die Presse ging die Nachricht, daß die Tat ein Eifersuchtsdrama sein soll. Ali hohler wendet sich ganz entschieden dagegen. Iänichen: höhler hat recht! Naziführer vor dem Reichsgericht Zeugenaussagen im Leuinantsprozeß- Münchener Harmlosigkeiten Am zweiten Verhandlungetag des Leipziger Ossiziersprozesses war der Andrang des Publikums noch bei weitem stärker als gestern. Die Polizei hat dementsprechend auch ihr« Kontrolle erheblich ver- schärst, heute sind die milltärischen Zeugen geladen, die vorgesetzten der drei Angeklagten sowie die vssiziere, mit denen sie über ihre nationalsozialistischen Ziele verhandelt haben. Aerner werden heute die Mitglieder des Rcichsvorstandes der liationalsozialistischen Arbeiterparlei, Hauptmann a. D. Psesser und Wagner, sowie der Schriftleiter des„Völkischen Beobachters" Hauptmann a. D. Weiß vernommen werden. Beim Zeugcnaufruf fehlte Hauptmann Pfeffer, während der Zeuge Hauptmann Weiß behauptete, daß sein Parteigenosse in Leipzig sei und sich auf dem Wege zum Gericht befinden mühte. Der Borsitzend« wies die Zeugen, namentlich hie jungen Reichs. wehnstfizier«, mit ganz besonderem Ernst auf ihre Eidespflicht hin und betonte, daß sie sich auch aus Rücksicht auf die Kameradschaft nicht dürsten verleiten lassen, die Angeschuldigten etwa schonen zu wollen. Bevor dann die Berhandlung eröffnet wurde, stellte Rechts- auwatt Dr. Sack folgenden Beweisantrag:„Mit Rücksicht auf das Ergebnis der militärischen Voruntersuchung durch General Waenker und General Heye sehe ich mich veranlaßt, die beiden Herren hier als Zeugen zu laden, da die Aussage beider Herren von Wichtigkeit ist." Das Gericht beschloß, über diesen'Antrag erst später eine Entscheidung zu sällen. Der Bvrsitzende legte dann den drei Angeklagten die Frage vor, ob ihnen der Arinec beseht bekannt war, der den Soldaten p v l i t i s ch e Betätigung verbot. Scheringer erklärte, daß er diese Berordnung kenne, während Wendt und Ludien behaupteten, der Beseht selbst sei ihnen nicht bekannt gewesen, wohl aber Härten sie von dem Inhalt desselben mehrfach gehört. Vors.: Herr Sachverständiger Major Theißen, können Sie mir sagen, ob ein bestimmter Anlaß vorlag, diesen Befehl gegen die politische Betätigung des Soldaten herauszubringen? Major Theißen: Ursprünglich bestand in der Armee der Beseht, daß der Soldat keine Politik treiben dürfe, dann aber begann die Zersetzungsarbeit von verschiedenen Seiten, und den Soldaten wurden vielfach Hetzschristen zugesteckt, die nicht immer dcn�, vorgesetzten Dienststellen abgeliefert worden sind. Des- Iialb sah sich der Reichswehrmi nister veranlaßt, in einem besonderen Befehl alle Dienststellen nachmals daraus hinzuweisen, daß jede p.oli- zische Betätigung in der Reichswehr verboten sei. Aus Grund dieses Beschis zum Beispiel macht sich ein Soldat bereits strafbar, der ein ihm zugesteckte» Zcrjetzungsflugblatt nicht abliefert oder den Vorfall nicht meldet. Ehe dann zur Vernehmung des Hauptmanns a. D. Weiß gc- schritten wird, kommt es zu einem Zwischenspiel. Der diensthabende Sch.'ipootsizier meldet dem Borsitzcnden, daß der äl» Zeuge geladene Hauptmann a. D. Pfeffer vor dem Gerichtsgebäude um» gekehrt sei. Es stellt sich heraus, daß zwei Schupobeamte ihn vorschriftsmäßig um seine Legitiiuation ersucht hatten, die Psesser veriveigert hätte. Er hat sich vielmehr vom Bürgersteig mu den Worten entfernt, daß er von der republikanischen Polizei nicht in da» Gerichtsgebäude hineingelassen werde und er infolgedessen in sein Lokal zurückkehre. Reichsanwalt: Der Zeuge Pfeffer war ordnungsmäßig geladen. Er ist durch sein eigenes Verschulden nicht in das Gericht hineingelassen worden. Jnfoigedessen hat er sich schuldig gemocht und ich beantrage gegen ihn eine Ordnungsstrafe von 100 Mark, eventuell einer Woche Haft. Der Vorsitzende ließ hierauf die beiden Schupobeamten aufrufen, die den Zeugen Psesser am Eingang des Gerichts gesprochen hntlen. Beide bestätigten die Dar- stellung ihres Offiziers und betonten, daß Hauptmann a. D. Pfeffer sich weder als Zeuge vorgestellt habe noch eine Legitimation vor- zeigen wollte. Er habe sie lediglich gefragt, zu welcher Abteilung sie gehörten, und habe sich dann entfernt. Das Gericht ließ Hauptmann a. D. Pfeffer nochmals telephonisch vorladen und gab ihm aus, daß er sich am Eingang des Gerichtsgebäudes ausdrücklich zu legiti- mieren habe. Der Zeuge Hauptmann a. D. Weiß bekundete, daß die Leut- iinnts Scheringer und Ludien Anfang November vorigen Jahres bei ihm in Ntünchcn in der Redaktion des„Völkischen Beobachters" erschienen seien, um sich über das Programm der NSDAP., sowie über deren Absichten für den Fall eines Fehl schlagen» der Lolksbcgehrensaktion zu informieren. Vors.: halx» Sie später bei der Konferenz mit Herrn Wagner und Pfeffer auch darüber gesprochen, daß die Reichswehe- offiziere»ntK: ihre» Kameraden für die'ItSDAP. werbe» sollten?— Der Zeuge zögert mit der Antwort. Vors.: Herr Zeuge, Sie dürfen hier nichts verschweigen. Früher haben Sie gesagt, man hätte jedenfalls gegen eine solche Tätigkeit der Angeklagten nichts eingewendet.— Zeuge Weiß: Das kann auch wohl fein. Ich halte es jedoch für ausgeschlossen, daß von uns aus den Herren Scheringer und Ludien b e st i m m t e A u f l r ä g e erteilt worden sind. Reichsanwalt: hat der Angeklagte Scheringer nach seiner Vernehmung durch General Waenker spätes noch einmal mit Ihnen verhandelt? hat er Ihnen damals aus- drücklich erklärt, daß er auf Grund des gegen ihn schwebenden Versahrens alle Beziehungen zur Partei abbreche?— Zeuge Weiß: Davon ist mir nichts bekannt. Staatsanwalt Weiersberg:„Herr Zcyge, ist es richtig, da� im Verlauf dieser Konferenz auch besprochen wurde, daß die beiden Reichswehrossiziere über ihre Werbetätigkeit der Partei Bericht erstakten sollten? Zeuge: Es ist wohl besprochen worden, daß sie wieder ein- mal nach München kommen würden. Dorf.: Das ist eine sehr ungenaue Ausdrucks» weise, Herr Zeuge. Es handelt sich doch hier nicht dämm, fest» zustellen, ob die Angellagten wieder einmal nach München kamen, um Vier zu trinken, sondern ob sie b e st i m m t e Aufträge Ihrer Partei auszuführen und Ihnen Bericht zu crstattsn hatten. Zeuge: Auf den Worilaut dieses Teils der Besprechung kann ich mich heute n i ch t mehr besinnen. Rechtsanwalt Frank: Ist über diese Unterredung da» mal? an Adolf Hitler berichtet worden? Der Zeuge verneint diese Frage. Rechtsanwalt Frank: 5?aben Sic zu dieser Zeit und auch sonst nicht häufig sich mik Reichswehroffizicren über den poung-plan unterhalten? Zeuge(zögernd): Gewiß. Wer sitzt am weitesten rechts? piatzkämpfe zwischen Hugenberg und Hitler.- Keine Schretbpulte mehr. Die Platzfrage wegen der Unterbringung des Zlbgeordneten- Zuwachses im Reichstogssaal geht ihrer Lösung entgegen. Wir haben ja bereits am Tage nach der Wahl, als die Vermehrung des Reichstages um 84 Mitglieder feststand, auf Gruitd der Ausdünste des Reichsiagspräsidcnten L ö b e über diese Angelegenheit ausführlich berichtet. Seither sind allerhand DorjchlLge auigetaucht, sogar ein besonders wohlgemeinter, daß nämlich alle Parteien— auf die Hälfte ihrer Mai, dato verzichten sollten! Nun ist man aus cmei, Ausweg verfallen, der ohne größere Umgestaltung die Lösung bringt. Man will nämlich die Schreibpulte nur bei den Ter Herr Leutnant vorm Reichsgericht „Was wissen Sie denn vom Marxismus?" „AeMH, nichts! Aber die janze Richtung paßt mich nich!" ersten fünf Sitzreihen bestehen lasten, so daß weiter hinten nur noch Sitzplätze ahne Pulte vorhanden wären, was wiederum gestattet, die Bänke dichter aufeinander folgen zu lassen. Einen ergötzlichen Streit hat es zwischen den hugenberg- und den Hitler-Lemen dariiber gegeben, wer noch weiter rechts sei und daher aus der äußersten Rechten sitzen dürfe. Schließlich entschied dos Kollegium der Fraktionsvertrctcr, daß die haken- kreuzler auf die äußerste Rechte gehören. Breitscheid und Versailles. Eine Erklär ung zu einer Lüge. Reichstagsabgeordneter Dr. Breitscheid schreibt uns aus Genf: „Ein Teil der nationalistischen Presse sucht nur aus einem Interview, das ich Longuet jür den Pariser„Populairc" gegeben habe, einen Strick zu drehen. Allerdings wird ihr edles Bemühen dadurch erleichtert, daß das Blatt der svanzösischen Sozialisten meine Ausführungen nichr ganz richlig wiedergegeben hat. Taljächlich habe ist folgendes gesagt:„Die Rationatsozialisten haben in der Wahlagitation unser wirtschaftliches Elend ausschließlich aus den Versaillcr Bertrag und den Poung-Plan zurückgejührt. Daß diese Behauptung einseitig ist, beweist schon die Arbeitslosigkeit in den Siegerlöndern und den Staaten,' die Reparationsleislnngcn en:p- fangen. Daß auch die Soziatdemotralie eine R«- vision der Berträg-e anstrebt, bedarf keiner besonderen Versicherung. Allerdings wünschen wir die Revision ans j r i e d° l i ch cm Wege." Den letzten Teil dieser Ausführungen hat der„Populairc" durchaus korrekt wiedergegeben. Wenn also Blätter vom Schlage der „Berliner Börsenzeitung" behaupten, ich verteidige Ver- s a i l l e s, so können sie sich nicht einnzol aus eine ungenaue Wieder- gäbe des Interviews berufen!" (Schiele stellt(Sirasanirag. Gegen den Alldeutschen v. Hertzberg. Der Minister für Ernährung und Landwirtschaft Schiele hat gegen Herrn von Hcrtzderg-Lottin Strasantrag gestellt, weit dieser in einer Versammlung erklärt hat,„auch das Mais- Monopol sei von dem Minister nicht ausgenutzt worden, man wisse ja weswegen. Der Minister fei mit dem Mais Monopol verwandt, denn nicht umsonst habe er ihm seine Stärke- sabriloerlaust". Die Sozialdemokratie in den Wahlkreisen Der Entwicklungsverlauf in den Reichsteilen.— Kommunisten werden am stärksten in katholischen Bezirken.— Gesamtzunahme der Linken Bei d«r Betrachtung der kommunistischen Stimmen liaben wir die Mai wä hlen 1924 herangezogen, da sie sür die KPD. einen hohen Punkt der Entwicklung bedeuteten, und wir haben sestgestellt, daß die KPD. jetzt im großen und ganzen elwa auf der gleichen Höhe steht, auf der sie im Frühjahr 1924 war. Für unsere Partei hat es dagegen nickst viel Sinn, die Maiwahlen 1924 zum Ver- gleich heranzuziehen. Sie entsprachen einem, zweiselsohn« einmaligen, T i e f st a n d unserer Entwicklung, der schon in wenigen Monaten überwunden wurde. Es ist deshalb auch kein Trost für uns, wenn wir jetzt überall bedeutend bester als im Mai 1924 stehen. Den Ausgangspunkt der neuen Entwicklung stellen sür uns vielmehr dj« Dezember wählen 1924 dar, und es muß leider sestgestellt werden, daß wir dem prozentualen Anteil unserer Stimmen nach im ganzen Reich mit wenigen Ausnahmen unter den Stand vom Dezember 1924 zurückgegangen sind. Wenn wir aber die Entwick- lung der sozialdemokratische« Stimmen betrachten, so müssen wir berückstchtigen, daß sich der Einfluß unlerer Partei auf eine ganz andere Weise in verschiedenen Teilen des Reiches ver- breitet als der der Kommunisten. Das kann dadurch klargemacht werden, daß man berechnet, in wie vielen wohlkreisen sede der beiden Parteien die bestimmte Stärke ihres prozentualen Anteils hat, z. B. in wie vielen Wahlkreisen ihr Anteil unter 19 Proz. aller Stimmen liegt, in wie vielen er sich zwischen 19 und 29 Proz. bewegt usw. Aus einem solchen Vergleich ergibt sich für die Wahlen vom 14. Sep- tember folgendes Bild. Zahl der Wahlkreise mit einem prozentualen Anteil der SPD. der KPD. unter 19 Proz.... 2 15 19—29 Proz... 8 19 29—39... 18 3 über 39 Proz.., � 7_ 1 35 35 Tic ttPT. existiert als Masscnpartci immer noch nur in wenigen Zentren, die aber, wie wir gc- sehen haben, fiir die Arbeiterbewegung von cnt- scheidender Bedeutung sind. Nun hoben wir in der oben angeführten Zusammenstellung olle Wahlkreis« rein mechanisch in Gruppen bis 19 Proz., von 19 bis 29 Proz. usw. verteilt. Bei näherer Betrachtung unserer Prozent- zahlen in allen Wahlkreisen ergeben sich andere Gruppen, die ziem- lich scharf voneinander getrennt sind. Wir geben diese Gruppen wieder und zergliedern zugleich die Prozentzahlen der KPD. in allen Wahlkreisen nach den gleichen Gruppen. Zahl der Wahlkreise mit einem prozentualen Anteil der SPD. KPD. unter 9 Proz......— 11 9-14,2 Proz....... 6 11 17,9 Prvz........ 1 8.(14,5— 18,5) 19,3—26,6 Proz..... 13 4 27.9-32.9 Proz..... 19 1(33 Proz) 34,7—39,4 Proz.... 5— 35 35 Zu den, ersten drei Gruppen, also bis etwa 18 Proz., gehören bei uns ausschließlich Wahlkreise mit überwiegend katholischer Bevölkerung, nämlich Koblenz-Trier(9,2 Proz.), Oppeln(9,4 Proz.), Düsseldorf-West(11,9 Proz.), Niederbayern(12,8 Proz.), Düsseldorf- Ost(13.7 Proz.), Köln-Aachcn(14,2 Proz.) und Baden<17.9 Proz.). Das sind entweder kalhoistchc ländliche Bezirke, in welchen wir sehr schwach sind, oder industriell« Bezirke, in welchen wir um die proletarischen Stimme« auf zwe, Fronten, gegen das Jentrum und gegen die Kommunisten, zu kämpfen haben, allerdings jetzt auch noch gegen die Nazi». Zn de« ausgesprochen indostriellen Bezirken dieser Gruppen sind wir schwächer als die Sommunisten, in Düsse ldorf-Ost(13,7 gegen 25,9) und Düsseldorf-West(11,9 gegen 17,6) sogar bedeutend schwächer. Von den übrigen Kreisen sind wir schwächer als die Kommunisten in den Wahlkreisen Berlin(27,9 gegen 33,9) und Merseburg(19,5 gegen 25,9). Zu unserer st ä r k st e n Gruppe gehören die Wahlkreise Dresden(34,7 Proz.), Leipzig(34,9 Proz.), Mecklenburg(35,2 Proz.), Magdeburg(37,2 Prozent) und Südhonnover-Braunschwcig(39,4 Proz.). In diesen Wahlkreisen sind wir zweimal(Leipzig) bi» siebenmal(Südhannover) so stark wie die Kommunisten. Durch dies« Art der Gruppierung einzelner Wahlkreise wird es möglich, unser« Entwicklung seit Dezember 1924 übersichtlich dar- zustellen. Es lasten sich für jede Wahl die gleichen Gruppen bilden nur mit etwas nach unten und oben abweichenden Grenzen. Di« Lerleilung d c r Wahlkreis« nach den einzelnen Gruppen war bei uns folgend«: Dez. 1924 Mai 1928 Sept. 1939 Unter 9 Proz.. 1 9—13.9.. 3 9— 12,6 Proz. 2 9-14,2 Proz. 6 15.4-18.7.. 4 15,3-18,9. 4 17.9. 1 19.9—26.8.. 1» 22,5-26,9. 6 19,3—26,6. 13 27,9— 32,8.. 11 28,5—33,5. 12 27.9- 32.9. 19 34.2-39.2.. 6 34,9-39,1. 8.34.7-39.4. 5 über 49.— 41,7—45,6. 3;— 35 35 35 Wir sehen hiermit am 14. September ein« klare Verschiebung von oben nach unten— sehr stark iin Vergleich zum Mai 1928 und viel weniger bedeutsam im Vergleich zum Dezember 1924. Alle Kreise, die im Mai 1928 in der zweiten und dritten Gruppe waren, befinden sich jetzt in der zweiten Gruppe, die Kreise der vierten und die Mehrzahl der Kreis« aus der fünften Gruppe vom Mai 1928 definden sich jetzt in der drillen Gruppe(Baden) und der vierten) zu den drei oberen Gruppen gehören jetzt 8 Kreise weniger als im Mai 1928. wobei die oberste Gruppe gänzlich verschwunden ist. Im Vergleich zum Dezember 1924 läßt sich im einzelnen eine Verbesserung feststellen(das Verschwinden der untersten und eine leise Erhöhung des Niveaus der obersten Gruppe), ein ge- wisser Rückschlag im ganze» ist ober unverkennbar. Im Vergleich zu den Maiwahlcn 1928 hat die wel stärkere Wahlbeteiligung aus unsere prozentuale Stärke sehr ungünstig gewirkt. Da wir aber gegen Mai 1928 nicht nur relativ, sondern auch absolut verloren haben, so liegt es auf der Hand, daß ein Teil unserer früheren Wähler zu Hause geblieben ist und noch ein anderer— wahrscheinlich größerer Teil— zu den anderen Parteien, in den Großstädten und industriellen Bezirken in erster Linie zu den K o m ni u n i st e n und aus dem Land« zu den Nazis über- gegangen ist. Der Vergleich mit den Dezemberwahlen gibt uns wichtige Anhaltspunkte für die Beurteilung dieser Entwicklung. Am 14. September haben etwa 4 649 999 Wähler mehr gewählt als im Dezember 1924. War diese Vermehrung der Zahl der Wählenden im Vergleich zum Dezember 1924 schon an sich für uns ungünstig? Wahrscheinlich insofern, als sie unsere sonstigen Gewinne, die wir als Fazit der Entwicklung von 6 Iahren zu buchen haben, in der Mehrzahl der Wahlkreise ausgeglichen hat. Ueber die Entwicklung in den einzelnen Wahlkreisen informiert uns die folgende Tabelle: Anteil der Sozialdemokratie an den abgegebenen Stimmen: In zwei Wahlkreisen stehen wir jetzt im Vergleich zum De- zember 1924 wesentlich besser: in Oppeln(9,4 gegen 6,8) und Südhanncver-Braunjchweig(39,4 gegen 35,7); in 29 Wahlkreisen halten sich die Abweichungen nach oben oder nach unten in ziemlich engen Grenzen und in 13 Wahlkreisen sind wir empjindlich schwächer geworden, nämlich in Berlin(27,9 gegen 32,5), Breslau(29,4 gegen 31,9), Westfalen-Nord(19,8 gegen 21,6), West- salen-Süd(21,3 gegen 25,2), Hessen-Rassau(25,8 gegen 31,7), Ko- Das neue Jahrbuch des Internationalen Gewerkschoflsbundes liegt jetzt in den drei Kongreßsprachen im Umfang von 259 Seiten vor. Diese Beschränkung des Umjanges wurde ermöglicht, indem die Berichte der angeschlossenen Landesorganisationen und die Jnter- nationalen Berusssekrctariatc diesmal weggelassen wurden und dem demnächst erscheinenden Bericht über den Internationalen Gewerk- schastskongreh in Stockholm beigefügt werden. Dagegen wurde das statistische Material des Jahrbuchs wiederum beträchtlich vermehrt, so daß das 6. Jahrbuch die neuesten und vollständigsten Informationen über den Stand der nationalen und inter- nationalen Gewerkschaftsbewegung bringt. Dem kurzen Vorwort folgt die Uebersicht über die Zusammen- setzung des'Ausschusses und des Vorstandes de« JGB. und den Stand der Landeszentralen in den Iahren 1926, 1927 und 1928. End« 1928 umfaßte der Internationale Gewerkschaftsbund S94Landes» oerbände mit 1689 angeschlossenen Organisa- t i o n e n, 995 orllichen Organisationen, mit zusammen 13 516 269 Mitgliedern in 23 Ländern. Der JGB. gibt wöchentlich erscheinende Presseberichte mit einer Wirtschastsbeilage heraus und die Monatsschrift„Die Inter- »alionale Gewerkschaftsbewegung". Von den Organen der Landes- verbände erscheint das für Palästina„Davar" am häufigsten, nämlich ,399mal jährlich. Wöchentlich erscheinend« Organ« haben nur Deutschland, Bulgarien, Dänemark, Großbritannien, Luxemburg und Schweden? die übrigen erscheine» meist monatlich, in einigen Fällen auch halbmonatlich. Die Tabelle über die Mitgliederzahlen der Landesverbände bringt zugleich einen Vergleich über Zu- oder Abnahme der Mitglieder während der Berichtszeit. Eine weitere Tabelle teilt die Mitglieder in männliche und weibliche, wobei leider einige Berbänd« die Zahl der weiblichen Mitglieder nicht angegeben hoben: darunter Kanada, Spanien und Frankreich. Das Verhältnis von 84,9 männlichen zu 15.1 weiblichen Mitgliedern wird dadurch jedoch kaum merklich beeinträchtigt. Weitere Tabellen zeigen die Einnahmen und Ausgaben der Landeszenrralen und der ihnen angeschlossenen Organisationen. Den größten Raum des Jahrbuches beansprucht die Aufzahlung der Verbände in den einzelnen Ländern und in den internationalen Berusssckretariotcn mit ihren Zldrcssen und Milgliederzahlen. Die Miigliederzcihl der Internationalen Berufs- j e k r« t a r i a t e Hot sich feit der Herausgabe des letzten Jahrbuches, blcnz-Trier(9,3 gegen 11,2), Dllsscldorf-Ost(13,7 gegen 15,4), Düsseldorf-West(11,9 gegen 139), Pfalz(22,6 gegen 26,8), Dresden(34,7 gegen 37,3), Chemnitz-Zwickau(28,3 gegen 32,5), Baden(17,9 gegen 19,9) und Hessen-Darinstadt(28,9 gegen 35,5). In der Mehrzahl dieser Kreise läßt sich eine entspreckzeiide Zunahme der kommunistischen Stimmen feststelle», so daß der Anteil der Stimmen der beiden Parteien ungefähr der gleiche bleibk. In der Pfalz, in Hessen-Rassau, Hessen-Darmstadt und Chemnitz- Zwickau gehen unsere Verluste über das Maß der Zunahm« der Kommunisten hinaus. In diesen Kreisen gewannen die Nazis die Stimmen von uns und wahrscheiirlich auch von den Kom- munistcn. Tonst find die beiden proletarischen Parteien zusammengezählt jetzt wesentlich stärker als im Dezember 1924. Sehr instniktio ist aber die Entwicklung namentlich in den Wahl- kreisen Berlin, Westfalen-Süd, Düsseldorf-Ost und Düsseldorf-West. Am schärsstcn prägt sich dies« Entwicklung bei Gesomt-Berlin aus. In G r o ß- B e r l i n entwickelt« sich der prozentual« Anteil der beiden Parteien folgendermaßen: Dez. 1924 Mai 1928 Sept. 1939 SPD.... 39,3 32.9 27,2 KPD.,.. �16P_ 24�7_ 273 46,3 57,6 55,5 Außerordentlich wichtig ist auch die sehr ungünstig« Entwicklung in Westfalen und in den beiden Düsseldorfer Kreisen: die proletarischen Stimmen scheinen dem Zentrum stärker von den Kommunisten als von uns abgerungen zu werden. Richtig ist aber wahrscheinlich, daß wir zwar dem Zentrum di« proletarischen Stimmen abgerungen(so vor ollein im Mai 1928), diese Stimmen aber zum Teil an die Kommunisten verloren haben. In Westfalen und den Düsseldorfer Kreisen unterlagen wir am 14. September im Kampsc gegen drei Fronten(Kommunisten, Zentrum und Nationalsozialisten), die eigentlichen Sieger bei den proletarischen Wählern waren aber nicht das Zentrum oder die Nazis, sondern die Kommunisten. Trotzdem müsien wir jetzt die Nationalsoziali st en in unserer Betrachtung heranzieh«», wenn wir über das Schicksal der sozialistischen Stimmen in den Städten und Jndustriebezirken sowie auf dem Land« ein Bild gewinnen wollen.(3.1). Ende 1925, von 13 657 754 auf 13 7 9 9 8 6 1 erhöht, um nind 688 999. Daß diese Zahl höher ist als die Mitgliederzahl des JGB. erklärt sich daraus, daß nicht alle Verbände ihrer Landeszentrole angeschlossen sind. Geringer ist die Zahl der Verbände, die ihrer Landesorgonisation, nicht aber ihrer Bcriissintcrnationolc ange- schlössen sind. Die Zahl der Internationalen Berufssekretariat« hat sich durch Anschluß der Lehrerinternationale von 26 auf 27 erhöht, die Zahl der ihnen angehörenden Organisationen von 587 aus 693. 22 Bcrufssekrclariate gebe» Mitteilungsblätter heraus, und zwar meist in mehreren Sprachen Die der Holz» a r b e i t c r und der Transportorbeiter erscheinen in fünf Sprachen, sechs in vier Sprachen, acht in drei Sprachen und sechs in zwei Sprachen. Der Abschnitt über die Wellgewerrfchaftsbewegnng, die tabellarische Uebersicht der verschiedenen Richtungen in der Ge- werkschaftsbewegung der ganzen Wel: mit ihren Mitgliederzahlen wurde diesmal besonders gut ausgestattet. Organisierte wurden 44 199 525 in 76 Ländern gezählt. Davon 35 392 981 in Europa, 6 947 296 in Amerika, 1918 457 in Australien, 742 194 in Asien und 99 497 in Afrika. Frei gewerkschaftlich organisiert waren 19 662 307. kommunistisch 11796 996, konfessionell 2 129 562, syndikalistisch ,323 643 und sonstwie 19 177 197. Letztere Zahl zeugt einmal für die Schwierigkeiten einer genauen Weltstatistik, im übrigen aber auch für die Unklarheit noch vieler Arbeiterorganisationen wie auch für die Hindernisse, die sie von einer bestimmten richtungsmäßigen Stellungnahme abhalten. Die Lage der Gewerkschaftsbewegung jedes Landes ist ausführlich dargestellt. Namentlich das Material über die Gewcrtschaitsbewegiing in Südamerika, wie in Kolonialgebieten wurde in dem Jahrbuch zum ersten Mole systematisch gruppiert und sür viel« Länder zuerst veröffentlicht.(Das Jahrbuch ist zum Preise von 3,39 Mark von der Veriagsgesellschait des ADGB., Insel- straße 6», zu beziehen.) Arbeiter in flüssigem Eisen verbrannt. In der Eisengießerei des lothringischen Hütte»wer, kes Havingen ereignete sich am Dienstag ein schwerer Arbeits- Unfall. Durch ein falsches Manöver am Laufkran ent- leerte" sich ein Behälter vollA flüssigen Gußeisens mitten in die Gießerei. Drei Arbeiter wurden von den E i f e n nr a s s e n ersaßt und lebensgefährlich verbrannt. 29 Äonen freigewettschastlich organisiert Die Weltgewerkschastsbewegung im Spiegel der ZGB.-Bilanz Mord bei Walzermufik Er iöieie seine Krau auf Verlangen und hatte keinen Mut zum Gelbstmord .. und denn mußte ich.. wieder würgt der Angeklagte an seinen Tränen. ,.Na was denn?" fragt ungeduldig der Vorsitzende. „Friseur werden." In dicscin kurzen Dialog liegt eigentlich das A und O der ganzen Tragödie. Cr mutzte immer: er mutzt« Friseur werden, trotzdem er sich vor seinen Bcrufspflichten ekelte. Der Vater bestimmte es so— datz der Sohn Kaufmann werden wollte, war ganz egal—„du wirst Friseur oder Schuster." Er lies aus der Lehre: dann holte man ihn wieder, er kam zu einem Rechtsanwalt, endlich in eine Versicherungsgesellschaft. Ilcbcrall hielt er ganz gut aus: aber die Inflation warf ihn aus dem Gleis. Wieder kam er zu einem Friseur und hier machte er sich zum erstenmal strafbar, er nahm dem Meister 180 M. weg und floh nach Hamburg, wollte dem verhahien Beruf entfliehen, siel aber prompt Bauernfängern in die Hände. Run kam er zurück, zu seinen Eltern, zu dem verhatzten Berus und zu dein Mädel, das ihn liebte, das seine Frau wurde und das er getötet hat— das das Unglück seines Lebens vollendete: er lötete die Frau aus ihren eigenen Wunsch. Er liebte sie: er heiratete sie gegen den Willen der Eltern, die ihm schon ein« andere Frau ausgesucht hatten, so wie sie ihm ja auch seinen Beruf gewählt hatten. Er dachte wohl dem Unglück davon- zukaufen. Das Mädel mar hübsch, ebenso jung wie er, hatte einen Berus und wollte gern weiterarbeiten. Der Schwiegervater über- lieh ihm sogar seine eigene Wohnung: und doch war das der An- fang zu dem unseligen Ende dieses Lebens. Denn nun kauften die jungen Leute Möbel, so, wie man eben heute kaust, auf Ab- Zahlung. 30 Mark betrug die Monatsrat«. Beide arbeiteten, also würden sie das schon erschwingen können! Die Frau war krank und sie war nicht nur körperlich krank. Sie war ein Mensch, der so wurzellpckcr im Leben steht und es bei erster Gelegenheit�lätzi. Schon mehrfach hatten sie Selbstmord- versuche unternommen, oft aus nichtigsten Gründctt. Da machte sie ihm den Vorschlag, gemeinsam in den Tod zu gehen. Gemein- sam— und nun berauschten siä) die beiden Menschen, deren Leben so trostlos nüchtern gewesen war, an diesem Gedanken. Einmal wollten sie Fürsten des Lebens sein— in ihren letzten Stunden. Sie wollten in den Tod gehen, wie zu einem Fest, das ihnen das Leben schuldig geblieben war. Aber weil sie keine andere Schönheit kannten als die verkitschte der bunten Magazine und der Filmlein- wand, wandelt sich nun die Tragödie fast in einen schlechten Film. auch der Tod durfte nicht mehr kosten als 2-5 Mark, die waren gerade noch iit der Ladenkasse. Zuerst ging man in den Kintopp, selbstverständlich, dann in ein V o r st a d t k a f f c e. Wo man sonst bescheiden bei einer Tasse Kaffc gesessen hatte, trank man heute Wein. Man war sogar im Auto ins Kaffee gefahren! Und bis zuletzt sollte Schönheit um sie sein. Zu Hause schenkic man sich noch einmal Wein ein, dann wurde dem Grammophon angestellt: die neueste Plalle,„Boheme", der Walzer. Und dann ein letzter Abschied, eine letzte Umarmung. Darauf hat er seiner Frau im Rausch die Kehle zugedrückt, wie sie es ge- wünscht hatte. Es ist sogar möglich, datz der Tod durch reflektori- schen Atemstillstand erfolgte, dann genügt ein leiser Druck.... Der Angeklagte hat alles gestanden. Er hatte nachher keinen Mut mehr, sich selbst zu töten, irrte den ganzen Tag in Berlin herum und stellte sich abends der Polizei. Er war so gänzlich zusammenge- brachen, datz man begriff, er sei nicht vernehmungsfähig. Am nächsten Tage gestand er alles. Weil er alles gestand, trifft ihn jetzt die Strafe, die darum nicht minder barbarisch ist, weil sie das Gesetz für dieses Delikt als Mindcststrafe festsetzt: drei Jahre Gefängnis steht für Tötung auf Verlangen. Bewährungsfrist wird abgelehnt, der Haftbefehl aufrechterhalten und die Strafe konnte nicht milder ausfallen: drei Jahre Gefängnis. Auf Rechtsmittel wurde ver- zichtet, aber hoffentlich macht die Gn a d« n i n st a n z gut, was das Gericht als„Recht" ansehen mutzte. Jeder kann singen. Musikerziehung in einer Stunde. Das Volksbildungsamt Charlottenburg hat in den Konzertsaal der Staatlichen Hochschule für Musik eingeladen:„Singstunde und Abend musik der Volksmusikschule der Musitantengilde". Die Be- sucher wissen Bescheid, der grotzc Raum ist überfüllt. In ganz kurzer Zeit haben diese„offenen Singstunden"— es ist nach nicht ein Jahr her, datz die Volksbühne den ersten Versuch damit gemacht hat— sich in weiten Kreisen der Bevölkerung durchgesetzt. So bewährt sich die werbend« Kraft einer zeitgemätzen und wahrhaft volkstümlichen Idee: der Idee, die musikalischen Grundkräste des Volkes zu wecken und zu sammeln. Was hier zustande konimt, ist Musik im primitvsten, aber auch elementarsten Sinn. Es gelingt, Menschen, die von Musik und Singen kaum mehr als ein« Ahnung haben, zu gemeinsamem Singen und Musizieren zusammenzubringen, sie überwinden alle Hemmungen, alle Scheu: nicht nur, sie singen— sondern: sie singen richtig und haben Freude daran. Musiker und Musikerzieher nehmen mit Erstaunen wahr, wie ganz ohne pädagogische Syste- matik, ganz voraussetzungslos in einer Stunde eine Masse gut- williger Menschen sich in einen disziplinierten Masscnchor verwandelt. Freilich, die Idee hat auch den Mann nötig, der nicht nur den Glauben, sondern auch die Fähigkeit hat, ihr erfogreich zu dienen. Von Fritz I ö d c, dem Schöpfer der„Offenen Sing- stunden", geht«ine zwingende Persönlichkeit-wirkung aus, er hat eine suggestive Art, die um so unfehlbarer wirkt, je anspruchsloser, immer vergnügt, immer voll natürlicher Herzlichkeit, der kluge Musik- und Menschenkenner vor seinem Publikum, vor seiner Gemeinde steht. K. F. Gensaiwnen von vorgestern. Stummer Film in der Schauburg. Ein Schauspieler mutz heut« wohl Sportsmann sein und die Produktion selbst in die Hand nehmen können, um überhaupt noch in einem stummen Film herausgestellt zu werden. Bob Stall wählte sich für seine Zwecke als Heldendarsteller eins der blut- rünstigsten Manuskripte, das man sich denken kann. Eigentlich hätten den Zuschauern Papier und Bleistift gegeben werden müssen, um sie in di« Lage zu versetzen, die Fälle der Taten richtig zu addieren. E r n ö M e tz n e r, ein Regisseur mit guter Erinnerungsgabe, hat sich aufmerksam alle bisher erschienenen Sensationssilme an- gesehen. Cr hat auch nicht eine aufregende Szene vergessen und wendet sie alle an. Gegenwärtig aber interessieren sich die Zu- schauer nicht mehr für halsbrecherisches Umsteigen von einem rasenden Automobil in ein anderes, Fallschirmabsprünge, Abstürze aus beträchtlicher Höhe und«ine Flucht Über Dächtr. Unter den Darstellern sind Nien Eon Lang und Grace C h i a n g für uns interessant. Unbegreiflicherweise paradiert Bob Stoll, obwohl er keinerlei schauspielerisches Talent hat, in einer Doppelrolle. Er will auch nur durch sportliche Bravourtaten wirken. Das genügt aber nicht: denn wer heule noch im stummen Film spielt, der mutz, wenn nicht ganz Großes, so doch wenigstens Einzigartiges leisten können. e. b. Grweiierungsbau der Käthe-Kollwitz-Schule. Der Elternbeirat der Käthe-Kollwitz-Schule in Reu« kölln. Richardplatz, hatte zum Dienstag zu einer Eltern' Versammlung nach der Karl-Marx-Schule �eingeladen, um erneut die Forderung auszustellen, den geplanten Schulneubau tür die Käthe-Kollwitz-Schule nun doch endlich zu beginnen. Bon den Vertretern der Eltern- und Lehrerschaft wurde ausgeführt, daß in dem jetzigen Schulbau weder eine Aula noch Berjaninuungs- räume einzurichten sind. Bei der heutigen Unterrichtsform jehlen diese Gemeinschaftsräume besonders, auch sind die Turnhallen und der Hos zu klein, so datz nicht in dem notwendigen Matze Leibes- Übungen gepflegt werden können. Der Schulneubau soll aus dein Gelände in der L e s s i n g st r a tz e am Mittelweg aufgesührt werden, und für diesen sind auch schon 4<50 000 Mark als erste Rate bewilligt. Durch den Sparerlatz des Magistrats kann diese Summe aber nicht zum Bau freigegeben werden. Der neue ochitl- bau soll nach den modernsten pädagogischen Grundsätzen ausgebaut werden und vor allem Fachklaslen erhalten, die sofort für den zu bc- handelnden Stoff die notwendigen Einrichtungen haben. Die Kommtt- nisten wollten auch diese Versammlung stören und machten fortgesetzt lärmende Zwischenrufe. Die Störenfriede wurden, soweit sie über- Haupt unberechtigt an der Versammlung teilnahmen, schlietz- lich aus dem Saal gewiesen. Eine kommunistische Resolution erhielt ganze drei Stimmen. Die„Rote Fahne" hat in einem Bericht über den ge- planten Schulneubau von schlechten hygienischen Verhältnissen in der Schule geschrieben. Wie uns sowohl die Eltern, und auch die Lehrerschaft versichert, trifft dieser Vorwurf nicht zu. Das schöne Herbstwetier bleibt! Der Berliner soll min doch noch für den schlechten Sommer eni- s6?ädigt werden und einige warme und sonnige Herbsttage erhalten. Seit Dienstag sin-d die Temperaturen in Mitteleuropa g e st i c g e n und werden sich wahrscheinlich auch einige Tage halten. Ein breites Hoch liegt über Mitteleuropa und sichert uns einige schöne Tage. Störungen sind nur für den Nordwesten und die Meeresküsten zu erwarten. Wenn auch die Temperaturen.n der Nacht erheblich sinken werden, so ist doch mit einer Erwärmung in den Mittagsstunden bis auf 2v Grad zu rechnen. Vorläufig wird das Wetter also beständig bleiben und die Berliner haben begründete Aussicht auf ein erfreuliches Wochenende. Wetter für Berlin: Beständiges Weiter mit vorübergehender Bewölkungszunahme, am Tage warm.— Für Deutschland: Im Nordwesten und im östlichen Küstengebiet veränderlich, vorüber- gehend auch etwas Regen, sonst Überall Fortdauer des beständigen Wetters. Mittwoch, 24. September. Berlin. 9.00 Schulfi'nk— fröhliche Kindersprcchchörc(Rektor Hahn und Sprechchor der 8. Volksschule Bcrlin-Nicdcrschönhausen). I5.J0 Ais Presssphotojcraph auf Reisen.(Mimi Sandor.) 15.40 Eine Viertelstunde Technik. 16.50 Klavier-Trios.(Meinhardt, Peschnikon, Licb'ermann.) 17.30 Jusrendstundc.(Ür. Ucberall erzählt.) 17.55 Preissenkungsfraec.(Frau Möhsam-Werther und Max Cohcn-Rcuß.) 18.20 Kritik.(Gespräch zweier Kritiker.) 18.50 Unterhaltunsrsmusik.(Russenkapelle Romanow.) 20.30 Sinfoniekonzert.(Dirigent Hermann Scherchen.) Deutschlandscnder. 20.30 Aus Breslau: Von der Tragödie bis zur Revue. Danach: Schlagermusik. Verantivortl. für die RedaHisn: Volfgang Schwarz, Berlin: Anzeigen: Th. Stocke. Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch- druck-rei und Verlagsanstalt Paul Einger 6c Co.. Berlin EW KS, Lindenstraße Z. Hierzu 1 Beilage. Mittwoch, 24. 9. Staats-Oper Unter d. Linden A.-V. 24 ' 19 Uhr Tanniiauser Ende geg. 23 Uhr Mittwoch, 24 9. Stadt, oper Bismarcksir. Turnus I 20 Uhr Ende n. 22l;s U. Staats-Oper in Pill: dir Republik. Vorst 142 20 Uhr Die verkaufte Braut Oiffentl. Karttnwkauf Ende n- 22 U. Staat). Scltausph. (am EtsdannninarkU. A.-V. 21 20 Uhr Bürger Schippe! Ende 22-:« Uhr W.MllIrtaler.Oiamiig. 20 Uhr Herr Doktor, dodoo Sie zu essen? Ende 22'/« Uhr Tägl. S u. 815 Sonnt. 2. s u. t" Alex. E 4. 8066 Welnlraubs Syncopalors und das grolle internationale Programm! Reichshallen-Theater Abends| 8| Sonnfag nadim.| 31 z j Stettiner senger Das gr. Seplembet-Progr. mit „Laß Blumen spreöien" Nadim.baldePiaisi! Ztntr. 11263. Dönhoff- Brettl: Das beliebte Familien-Variete Lothringer Strafe 97. fiur noch bis 30. September Her selige Hol Ischlnsky iiiiiaiiiiiieiioiiieiiiiii Am 1. Okiober zum 1. Male .Hurrah, ein Junge! Gutschein 1— 4 Pers. Fauteuil J.25 M. Sessel 1.7.5 M.— Sonstige Preise Parkett 75, Rang 60 P5g. 8.15 Uhr— Ranöieo erlaobl Hans KolUdter* Argenlino Lilile Esther tanzt u. singt n. a. Volksbühne Theater am BEIowplatz. täglich 8 Uhr Die Weber v. G. Hauptmann Regie: K. H. Martin. Staat!. Sdtiller-Th. 8 Uhr. Herr Doktor, tiabeo Sie zu esson? Theater am schitteauerdamm 8'.'. Uhr Feuer aus den Kesseln Staatsoper Am PI. d. Republik 8 Uhr Die verkaufte Braut Oentsdies Theater 8 Uhr Der Kaiser von AmeriKa von Bernard Shaw Titelrolla; Weroer tau Regia! Hat Reinhardt. Kämmerspiele 8V. Uhr Die Schule derFrauen von Molifire. Rezie: Hnsteppe. Die Komödie 8Vi Uhr Der Schwierige Lmtsp. y.üqqo v.KofmioQrüu' Regie: Mai Reinhardt. Bamawsky-Bta TDonlcr In der Strescmannslr. täglich SVt Uhr Haiguente: 3 luhpid von Sdmilfnrt Komödienhaus 8>.. Täglich 8'/« Konto X von Bernauar and Oesterreidier Lustspieihaus Dir.; Hans lüpsdiOtz Täglich 8>:, Uhi meine Schutester und ich MusikvonBenatzky Lorjr Leux, Kurt von Mailenhof. Lessing-Theater WeitodiBa mr i.0846 Täglich 8 Uhr Gastspiel der Piscatorbühne Oes Kaisers Kults von Th Plivicr. Regia; Erwin Pisator. HAUER REVUE 1 rweffTBJ IM QOMKMlSPaiPfT 1 OQ&CrTON HEftMRN HÖLLEB I | EMM8U04 KRLMANS WKTT WM.6 1 BPAiEOPenm IN 12 BlillEAN I kagist Herrnan Haller[ Bsd: JUhers, Kita Georg Hans Heinz Bollmann, MaiEhrlidioTÄr Eugen Borg, Karl leite/, Paul M.Craffler und die Musik- und Tanz-Alt rakfionen PREMIERE:! Freilag, den 26. Sept., 7 Uhr Ab Sonnabend tagiieh S'/< Uhr Sonntags 2 Vorstellungen 3Uhru. ö1/* Uhr. Nachm. die ganze Vorstellg, zu halben Pr. Zur gtß. Beachtung/ Die„HalUr. Revue" weist darauf hin, daß sie keiner BiUett- Organisation angeschlossen ist, sondern ihre Eintrittspreise bereits der Zeit entsprechend besonders billig angesetzt hat. Kein Besucher der„Haller-Revue" wird also seinem Nachbar gegenüber benachteiligt. Vorverkauf an der Theaterkasse ab 10 Uhr und an den üblichen Vorverkaufsstellen. Telefons Merkur 9874 u. 9877 Theater I. d. Behrenstr. 53-54 Direktion: Ralph Arthur Robert« 8.. Das häfillche fflädchen Englisch— Robans— Riemann. Deutsches KUnstler-Theat. Tal Barbarossa 3937 8'» Uhr Jim und Jill Operelte f. Vivian Ellis Preise vool M.aufwirls Renaissance- Theater Steinplatz 6780 9 Uhr Die Wunder-Bar Revuestück Zimmer ISett M k. 7,-bis 11" 2 Betten 13-bis 22." BoclMk.l- 5alon;10r ■«etioTereo� fterlin HOTELcAnh-W EXCELSIOR „MT �preiswerte �nuyuM Restaurant Berlins d Theatar am Kotth. Tor Kottbusser Str. 6 Tägl. S Uhi ajc'i Sonnt. naehm 3 übt EUle- sanger Das Barwunderl Liederspiel u. die tolle Posse Die liehen Yerwandlen. Zum SchluB: Pinselheinrichs Himmelsklause! Neues Theater — am Zoo■— SmBahih.Zoo. Stpl. 6554 Täglich 8V« Uhr iommel in der Posse Paul und Paultue Rundfunkhörer halbe Preise. Rose- Theater Sr.FraoldiilerSlr.i32 Tel. Alex 3422 u. 3494 8.15 Uhr: Bnot v. Messina mit Irene Trlewii als Uabella. xomtsene oper 8-- Uhr Das Mädel am Steuer Operette v. Gilbert •Biioo rr.. o.* QBlttnngs-.Rsbill- o.ReklamerDarkeri gegen Nachahmung gesctzl. gcsch. fertigt seit 45 Jaht als SpesioiitSt Conrad Malier Leipzig■ Schkeuditz ucteilt die JUesse über tDie tEcaut mn Jiessma mit Jeene Jxiesch ROSE-THEATER Gr. Frankfurter Str. 132 Billettkasse: Alex 3422 u. 3464 Lokal-Anseiger: Ein seltener Abend! Welt am Abend: Der Beifall wollte kein Ende nehmen. Der Tag: Das Haus war mit- 8 Uhr-Abendblatt: Herzlicher Beifall eines ergriffenen Publikums. Börsen-Courier: Das volle Haus sollte der Bemühung Achtung und Beifall. Volksseitung: Das Publikum rief die Darsteller immer wieder vor den Vorhang. Nachtausgabe: Ein Ehrenabend für das Volkstheater in der Gr. Frankfurter Straße. Morgenpost: Eine Aufführung, die allen Respekt verdient. Sonnabend n 7" U.(mit Inn« Tritsth) und aueb lU�D,(nit Grtte teteitag) Wochentags S 15, Sonntag 2«. zum 25. Male. u 6� u. 9 Uhr Kasseapr. von 50 Pf. bis 3 M. (Garderobe u. Progr. je 25 Pf) Nächst. Sonnabd. 4 15 Uhr: ,, Dornröschen" Cr. Annuttunfiniirrhn f Kinder, Heute, Mittwoch um 8 vor in vSIIixer Neuelnetudierunx: „Hänoel u. Grete!" Strample wasche Gardinen Raufliass Emil Moses Narbl. Birkeostr. 29(Eike Rüllitzstr.) Berliner Fahnenfabrik Fischer& Co., Wallstr.84 D-l. IfisMlrflcM. A B Herkttr 4S8n-tl GROSSES Whmi Theater am Sömibauerdamm Tägl. 8'.« Uhi Feuer aus denKeffeln von Ernst Toller. M.:D.I.IM.t2l1i.MI3 mstropoi-Theater Täglich 8V4 Uhr Sensationeller Oper ehencr folg I Unter pers. Leitung des Komponisten Viktoria undihrHusar f JanAfuftn 1 ifii» film \ föeilage Miftwodi, 24. September 1930 VprMmd lly*cä*A Dreisprachiges Land Ehemals Oberungarn— heute Slowakei Fährt inan von Berlin in die SlowakÄ, so kommt man bald t.intcr der Grenzstation Oderberg(Bohumin) nach Tschechisch-Teschen. Die Stadt Tesche,, im ehemaligen Ocsterreichisch-Schlesien ist durch die Weisen von Saint-Gcrmain zwischen der Tschechoslowakei und Polen geteilt worden! die Olsa, einer der beiden Ouellflüsse der Oder, bildet die Grenze und man sieht vom Bahnhos eine Straße hinunter in kurzer Entfernung die Brücke. Vor der Stabilisierung der polnischen Währung sollen die Bewohner der westlichen Stadt- Hälfte von dem billigen Einkauf auf der polnischen Seite so starken Gebrauch gemacht haben, daß die tschechischen Finanzbcamten ihre Landsleuie bei der Rückkehr genau daraufhin ansahen, ob sie sich nicht etwa da drüben neu bekleidet hätten. Vom Zlowalrenvolk Borbet an den gewaltigen Eisenwerken von Tschinjetz, die früher einmal dem Erzherzog Friedrich gehört haben(diesem Groß- inolkcreibcsiger und— Generalissimus verliehen die hungernden Wiener den Beinamen„der Rahmreiche") und durch eine Ecke des mährifch-jchlesifchen Kohlenreviers geht es die Karpathen hinauf und in die Weslflowakei hinunter. Slowaken gibt c- auch in Mähren. 3)ie Jfohc Vatra ron der niedrigeren Weile Büdlich ron �Poprad lTang gesehen Präsident M a s a r y k ist der Sohn eines slowakischen Herrschafts- kutschers aus mährischer Erde. Aber die Hauptmasse des slowakischen Volkes wohnt im ehemaligen Oberungarn, zumeist arme Bauern, die stets ein gewaltiges Kontingent zur europäischen Auswande- rung nach Amerika stellten. So mancher Slowak ist drüben ein reicher Mann geworden, und an die Hilfe der Landsleute in Nord- nmerika appelliert« Masaryk persönlich, als er im Weltkrieg die Aufrichtung seines Nationalstaates betrieb. Dabei kam in Pitts- bürg ein Vertrag zustande, aus dem die slowakischen Führer den Anspruch auf volle Autonomie herleiten. Es war auch nicht klug von der Prager Anfangregierung, daß sie die abgesetzten mad- jarischcn Beamten in der eisten Zeit durch oft recht unqualifizierte Legionäre usw. ersetzte, die»ich, selten ihr Amt zum Wohl« des Landes als zu ihrem eigenen führten. In der ungarischen Zeit hatte man die Madjarisierung mit Hochdruck betrieben.. Es war besonders der Unterrichtsminister Graf Albert A p p o n y i, der die letzten slowakischen Bolksjchulen beseiligic und ausschließlich madjorischrn Unterricht einführte. Dieser Gros Apponyi spielt heute in Kens und sonstwo den Vorkämpfer unterdrückter Minderheits- Völker und er macht sogar mir der Rüstigkeit seines Patriarchen- alters und mit seinem ungewöhnlichen Rednertalcnt in allen Welt- sprachen auf naive Zuhörer nicht geringen Eindruck. Heute gibt es dafür fast nur noch slowakische Volksschulen. So ziemlich überall in der Slowakei sprechen die Leute slowakisch und madjarisch gleich gut und das Deutsche ist weit über die Intelligenz und die Begüterten hinaus im Volk verbreitet. Untereinander aber spricht der weitaus größte Teil nur slowakisch, erst recht die Iu- g?nd, und es ist auch als Amtssprache eingeführt— nicht etwa als Mindcrheitssprache neben dem Tschechischen, sondern statt seiner. Ob die slowakische Sprache eine wirNich selbständige oder ob sie eine Abart des Tschechischen ist, fühle ich mich zu entscheiden nicht berufen. Manche Wörter sind dem Polnischen näher, selbst auch dem Russischen. Slowaken sagten mir, daß jedes Dorf anders spreche. Da dieses Volk bis an das polnische und das ukrainische Sprachgebiet reicht, sind solche Uebergänge bei der engen Verwandt- schast oller slawischen Sprachen selbstverständlich. Der madjarische Einschlag ist verschiedentlich zu merke», so auch in der Küche bei der h-äufigen Verwendung von Paprika, und zwar nicht nur des bekannten roten scharfen Gcwürzpuloers, sondern auch der grünen Schoten. Entsprechend der Dreisprachigkeit erscheinen in der Slo- wakei auch deutsche, slowakische und madjarische Zeitungen. Man hat ja da- Staatsgebiet bis an die Donau ausgedehnt und die großenteils deutsch? Stadt Prcßburg einbezogen((Bratrslawa, früher madjarisch Poozony.) Dort haben wir auch ein deutsches Parteiblatt und Parteisekretariat. Das Tal der Waag Die Waag durchzieht die ganze Slowakei bis zur Donau. In ih'-em Tal liegen zwei berühmte Badeorte, Trencjin-Teplitz umcr der gewaltigen Burgruin« und Pystian, wohl das stärkste Bad gegen Rheumatismus, Ischias. Beide haben Schwefelquellen, Pystian" auch den heilkräftigen Radiumschlamm. Auf einer Waag- insel entspringen diese Ouellcn. Aber auch in dem Waagarm tritt bei niedrigem Wasserstand der 57 Grad heiße Schlamm zutage und wird von den Eingeborenen gleich an Ort und Stelle auf ihren Körper aufgetragen. Die Kurgäste natürlich besuchen die Bade- anstalten. die zumeist noch aus der Napoleonzeit stammen. Man sieht viele Schwerkranke in Pystian. selbst solche, die sich nicht mehr ohne fremde Hilfe bewegen können. Da- hat zu der merkwürdigen Einrichtung der Pystiancr.Infanterie" geführt: geschlossene Zellen auf zwei Rädern und mit einer Deichsel, an der so ein« arm« Slowakin den Patienten durch die Stadt zieht. Eine alte wacklig« Holzbrücke führt über die strombreit« Waag und es ist ein geyoges Berglmgen. auf ihren schmalen Gehsteigen den Strom zu überqueren. Der starke Autoverkehr hat den Bau einer zweiten Brücke notwendig gemacht, die im nächsten Jahre fertig werden soll. Ltaab&nrort in der Hohen Tatra Eine halbtägige Eisenbahnfahrt das Woagtal hinauf bringt uns, vorbei an Städten und Dörfern, nach Strbsko(früher Csorba). Da geht die Zahnradbahn hinauf in die Hohe Tatra zum Csorba- see. Auf dem 13Z0 Meter über dem Meer liegenden Hochplateau ist nur eine Straße mit zwei großen Hotels,«inigen Villen, einem Touristenhcim und einer Pension mit Postamt. Das alles gehört dem Staat. Man ist also bei ihm zu Gaste und zahlt dafür höch- stens 90 bi- 100 Kronen(11,25 bis 12,50 M.) täglich für Wohnung und Berpflegung. Begnügt man sich aber mit den einfacheren Zim- mern und Betten der Villen und dem vorzüglichen Essen im Touristenheim, so kann man auch mit der Hälfte auskommen. An dem ganz alpinen See sind noch einig« Wohnhäuser. Von diesem staatlichen Lustkurort aus, der auch Badekuren ermöglicht, kann nian zahlreiche Touren in die Täler und aus die Gipfel bis zu der 2600 Meter hohen Gerlsdorfer Spitze unternehmen. In diesem Ort war auch letzthin die Ministerkonferenz der kleinen Entente: Eduard Bcnesch wollte seinen Kollegen aus Bukarest und Belgrad die malerische Schönheit der Tatra vorführen. Slowakisch heißt der Ort, wie zur Uebung der deutschen Zunge mitgeteilt sei, Srrbske(sprich: Schtrbskeh) Plesso, ivas wörtlich Csorbasee bedeutet. Eine elektrische Bahn führt nach dem oltberühmten Luftkurort Schmeck-, madjarisch Tatrafllred, slowakisch Smokowetz. Das liegt ganz wunderschön am Berghang, der Wald zieht durch den Ort, berrlichc Villen, gcpslegte Wege und Anlagen, ein Riesenhotcl mit Geschäften geben fhni das Ansehen einer großbürgerlichen Sommerfrische. In einiger Entfernung stehen gewaltige Heil- anstallen für Lungenkranke mit großen Liegehallen, zurückgebauten Stockwerken, Sonnenbalkons mit Ruhebetten und allem Luxus. Im Winter ein ideales Skigelände. Nach lOtägigem Aufenthalt in einem ihrer Kurorte, Sommer- oder Winterfrischen gewährt die tschechoslowakische Staatsbahn halben Rückfahrpreis, selbst für den längsten Unnpeg. Die �ips Bahnstation für Schmecks ist Poprad, ein Städtchen am gleich- namigcn Bcrgfluß, der von der nahen polnischen Grenze herunter- kommt und das alte deutsche Siedlungsgebiet des Z i p s e r Landes durchfließt. Seine Hauptstadt sozusagen ist Kcsniark, der Name dieser weit überwiegend deutschen Stadt ist auf den: Bahnhos in Kesmarok verwandelt. Hier steht eine mehrhundertjährigc große H o l z t i r che eigenartigster Bauweise, mit der urvätcrischcn Wirts- stube daran, der Keimzelle dieser schwcdisch-protestantisch beeinfluß- tcn Kirche. Längst ist auch eine neuc Luthcr-Kirche da, doch am Ostcrsonntag wird der imposante Holzbau noch benutzt. Hier in Kesmark steht auch die niinenhafte Burg des Groß- fürsten T ö k ö l y von Ungarn und Siebenbürgen, der einst mit Hilfe der Türken die Habsburger bekriegt«, schließlich aber ins Osmanenreich flüchten mußte. Aus Kleinosicn hat man seine Reste samt dem Grab geholt und alles feierlich, noch zur Habsburger Zeit, in der neuen Kirche untergebracht. Zerschlissene Fahnen hängen darüber. Die Burg aber ist jetzt tschechoslowakische Artillerie- kaserne und, wie in fast allen slowakischen Garnisonen, sind es sudetendeutschc Burschen, die in der erdbraunen Uniform mit Knie- hosen ihre 18 Monate Dienstpflicht abmachen: die slowakischen, karpathorussischen und madjarischen Rekruten lernen zum Ausgleich sudetendeutsche Städte kennen. Stark ist in der Slowakei der jüdisch« Bevölkerungsteil, typische Ostjuden mit ihrer Jargonsprachc, von der jedoch die Jugend oft nur noch Anklänge und Betonung hat. Ucberall sieht man auch Zigeuner. Sie wohnen meistens außerhalb der Orte in eigenen Dörfchen aus kümmerlichen Häuschen mit lückenhaften Dächern und fast ohne Einrichtung, auch in verlassenen Steinbruchhöhlen usw. Kaum kann das Zigeunerkind laufen, bettelt es schon:„Daj grej- zori!"(Gib Kreuzer— das altösterreichische Kleingeld, das schon vor bald 40 Jahren gesetzlich durch zwei Heller ersetzt wurde. In 100 Heller ist auch die 12,5 Pf. gleich« Tschechenkrone geteilt, während Deutschösterreich und Polen ihre Kleinmünze Groschen nennen.) Die noch tragcbedürstigen Kinder werden von der Mutter oder Schwester blitzschnell mit einem Tuch umwickelt und auf dcK Rücken gehuckt— fertig! Man hat verschiedentlich, bcsondrrs in Kar- pathorußland, Zigeunerschulsn errichtet, die oft recht elend und krank aussehenden Kinder dieses indischen Volkes lernen schnell Nie Nurgl des fficbellen Köhöly In Xesmark..9m'Curm rrlrd ein Vtuseum cstngcrfeiiM, Im Jfans Ist ein Texlllbclrieb und gut, aber ewig kann man sie nicht in der Schule lassen und was dann? Den Zigeuner hält sich auch der ärmst« Kleinbauer fern, läßt ihn höchstens mal ein Pferd beschlagen, einen Kessel sticken usw., aber schickt ihn schleunigst weg. In einem slowakischen Ort wohnten wir dem Erntefest bei, mit Aufmarsch der schönsten kunstvollsten Volkstrachten, dröhnender Blcchnmsik der Bauernburschcn, Ausstellung besonders gut gc- diehener Früchte und einem großen„Tabor"(Meeting). Es sprachen nur Bauernführcr, ein Abgeordneter und ein Jugend- Vertreter darunter. Es waren dieselben Klagen über den niedrigen. Verdienst an den Bodenerzeugnissen und die hohen Preise der In- dustriewaren wie sonstwo vieler Bauern. Aber kein Wort gegen den Staat und erst recht keines gegen die demokratisch-parlomen- torische Republik. In der Tschechoslowakei, so viele Nationen sie umfaßt, so sehr auch sie Massenarmut und Klassengegensötz« kennt Monarchisten und Faschisten haben in ihr hohen Seltenheitswert. Ricbarck Bernstein. Iswenpflege einst und jetzt Gründliche Besserung durch den neuen Staat Immer noch besteht ein gewisses Vorurteil gegen das Pflege- personal der Heilanstalten. Erzählt man jemandem, man sei Irren- pfleger, so wird man erst ein wenig zweifelnd angesehen, weil man nicht zwei Meter zehn groß ist. Und dann denkt oder sag: der Be- treffende, je noch Temperament:„Na, Mensch, warum biste da nicht lieber bei Hitlern seiner SA. jegangen? Da wirste doch wenigstens für die Bolzerei anständig be.zahlt." Meist denkt sich der Außenstehende unter einer Heilanstalt— für ihn ist sie auch immer noch das„Irrenhaus"— eine Art Zucht- haus, in dem der Wärter, mit einem riesigen Schlüsselbund als Waffe, nichts anderes zu tun hat. als Ruhe zu sichern. Gewiß, es war früher so. Da sperrte man noch am Ausgang des Mittelalters die Irren mit Mördern und Räubern zusammen in- Zuchthaus, und waren sie unruhig, so legte man sie in ketten. War der Un- glückliche aber noch dazu ortsfremd, so schob man ihn einfach über die Stadtgrenze ab und verabreichte ihm als Denkzettel außerdem «ine gehörige Tracht Prügel. Hiebt mehr Schreckensherrschaft So ist es nicht mehr, und diese Kulturtat, den Geisteskranken als das, was er ist, nämlich als kranken Menschen anzusehen und zu behandeln, nicht als vom Teufel Besessenen, den man durch Gebete und geistlichen Zuspruch und. wenn das nicht half, durch den Scheiterhaufen„rettete", sollte man der Wissenschast nicht vergessen. Die Menschen, denen heute der Geisteskranke anvertraut wird, sind keine„Wärter" mehr, und das Schlüsselbund, das sie haben, ist wohl kaum größer als das der meisten anderen Menschen. Es sind auch nicht mehr Landstreicher und Tippclbrüder, die man von der Landstraß« hereinholte, weil sich sonst niemand dazu fand. Der Irrenpfleger wird heute in Krankenpflegerschulen wie jeder andere Pfleger ausgebildet und muß dann noch an einem besonderen Kursus über Jrrenpflez« teilnehmen. So vorbereitet tritt er seinen Beruf an, der nicht minder verantwortungsvoll und aufreibend ist wie der einer Krankenschwester. Er hat weniger Kranke zu be- treuen(ein Pfleger etwa zehn Leicht- oder fünf Schwerkranke), da- für beruht diese Betreuung aber auch auf ganz anderen Grundsätzen. Der Arzt, der ungefähr hundert(!) Kranke behandeln soll, kann dies naturlich mu: sehr unvollkommen. Di« Durchführung der Be- Handlung, die sich meist auf lange Zeiträume erstreckt, noch mehr die Beobachtung der Kranken, ohne die eine sichere Diagnose oft gar nicht möglich ist, liegt fast ganz in den Händen des Pflegers. Sehr viel Liebe zum Beruf und noch mehr Liebe zu diesen armen Menschen ist nötig, um hier wirklich ganze Arbeit zu leisten. Und wie wurde noch bis vor kurzem diese Arbeit entgolten? Harter Dienst Die Arbeitszeit: 14 Stunden und mehr. Man überlege, was das z. B. heißt be! Dienst im Baderaum. 20 Wannen neben- einander, in jeder ein aufs höchste erregter, unzurechnungsfähiger Mensch.(Die Dauerbäder dienen besonders zur Beruhigung aus- geregter Pa.ienten.) Die Arbeit in dieser dampfgeschivängerten Atmosphäre kann man sich wohl ungefähr vorstellen. Und vier- zehn Stunden hintereinander! Die Entlohnung? Bis 1918 unterstand das Pflegepersonal der Gesindeordnung. E- mußte in der Anstalt wohnen, wurde dort verpflegt— wie, ist eine andere Frage— und bekam 40, höchstens 50 M. monatlich als Lohn. Man kann sich heu.e kaum noch vorstellen, unter welchen Be- dingungen erwachsene Menschen vor wenigen Iahren noch lebten. Der Dienst dauerte also 14 Stunden. Die übrigen 10 Stunden war aber Dienstbereitschaft! Mitten in der Nacht wurde man aus dem Bett geholt, wenn es sein mußie. Einmal in der Woche gab es Ausgang, einen halben Tag, versfeht sich. Zu bestimmter Tages- zeit durfte man zum Briefkasten pilgern, jedoch beileibe nicht das weibliche und männliche Personal zur gleichen Zeit! Mit dieser modernen Sklavcnhaltung hat die Revolution gründlich ausgeräumt. In hartem Kampf ist es den freien Ge- w e r k s ch a f t e n gelungen, bereits fast der Hälft« des Pflege- Personals den Achtstundentag zu verschassen und auch für die übri- gen ist die Arbeitszeit auf höchstens 10 Stunden beschränkt. Ebenso ist der Zwang, in der Anstalt zu wohnen, beinahe überall ausge- hoben. Heute ist der Irrenpflcger, gleichwertig seinen Kollegen im Krankenhaus in der Ausbildung, ein hochqualifizierter Gc- sundheitsarbeiter, ein freier Mensch. Wem er dies verdankt, weiß er. Die ständig wachsende Zahl der in den freien Gewerkschaften Organisierten beweist es. Stuck. Erwin Brauner, (32. Fortsetzung.) Adamczik stimmt schon ein neues Lied an; aber diesmal durch. zuckt es mich schmerzhast. Ich werde plötzlich so traurig und alles wird mir wieder so schwer: der Helm... der Affe... das Gewehr.. das Marschieren... das Marschieren im Dreck... War nicht eben noch Sonne ringsum?... Es ist dunkel um uns und in uns: ich sehe unwillkürlich in des Magdeburgers Gesicht, der Kerl sieht mich wie ein Teufel an... schwarze Wolken jagen über den Himmel... Sturm und Regen peitschen durch unsere Reihen... ich kann nicht mir- singen... dies Lied nicht... hör' doch ausl Hör' auf!--- Aber Adamczik singt alleine weiter und niemand singt mit: „... Mädel weine, weine nicht» wische ab dein Gesicht... «ine jede— jede Ku— ugel die trifft ja nicht.. Ich möchte beten, niein kleiner Kaincrad, daß für dich keine Kugel gegossen ist... aber Bumann hatte von dir einen entsetzlichen Traum... Niemand singt mehr. Weit draußen müssen wir uns in Wasser und lehmigen Sand eingraben... scharfe Handgranaten werden ver- teilr... rechts rattert ein Maschinengewehr... Plötzlich lacht jemand neben mir: es ist der Gefreite Buck. Sein Gesicht ist lchmverschmicrt... tief bohrt er seinen Spaten in den Dreck: „Wenn hier noch einig« Siebentommafllnfer einHauen, dann weißt du ungefähr, wie es vorne aussieht, Rekrut..."---- Ich ziehe meinen Helm lief über die Augen... ich will nichts mehr sehen... Aber am nächsten Tag« fährt Adamczik auf drei Tage nach Berlin.— Als er zurückkommt, trägt er einen eisernen Ring am rechten Ringfinger. Er ist in sich gekehrt und sagt nur ein paar Worte:„Jetzt haben wir Oktober", er zählt leise an den Fingern ab,...„im dritten Monat... wart' mal... im April kommt der Kleene...", er sieht mich eigenartig an... seine Augen sind weit, weit weg:„... dann wern wa woll Wieda bei Muttan sind..."— Wir haben Bettruhe, denn wir sind zweimal geimpft worden: gegen Typhus und Cholera. Es muß ein verdammtes Gift sein, das uns eingefpritzr wurde. Wir haben all« große Schmerzen; trotzdem wurde heut« morgen versucht, uns zum Exerzieren zu führen. Aber nach zehn Minuten sackten schon sechs Mann um,— dann erst wurde„Kehrt marsch!" befohlen. Jetzt liegen wir in den Baracken herum, und ab und zu stöhnt jemand in Schmerzen auf, und wühlt auf seinem Lager herum, weil er nicht zur Ruhe kommen kann. Der dicke Erützmachcr schnarcht, dem hat es nichts ausgemacht. Solch«in Fettpolster kann noch mehr vertragen. Heute morgen hat dieser Bauernjunge wieder zwei Pakete mit Fettigkeiten von Haus bekommen, obwohl er seine Reserven noch nichk mal ausgezehrt hatte. Dabei paßt der Dickwanst wie ein Schießhund auf, daß ihm nichts gestohlen wird. Vorige Woche ist ihm aber doch ein ganzes Paket„gewuppt" worden. Niemand weiß, wer«s getan hat. Was kümmert«s uns auch; insgeheim freuen wir Großstädter und Hungerleider uns darüber. Ich hatl« bei der Gelegenheit auch ein Drittel Leberwurst geerbt: eines Morgens, als ich das Bett baute, lag es unter meinem Kopfkeil. Ich war so erstaunt, daß ich fast an ein Wunder glaubte. Erst als einige Minuten später ein grim- miges Gefluche aus Grützmachcrs dickem Wanst kam, wußte ich Bescheid und stopfte das ganze Stück Wurst auf einmal in den Mund; denn aufbewahren darf man so etwas keinen Augenblick. Richtig kanl noch der Meldung an den diensttuenden Unterosfizier — es war ausgerechnet der Magdeburger— auch gleich anschließend die Durchsuchung aller Brotbcuiel, Spinde, Tornister, Betten, über- Haupt der ganzen Baracke. Gefunden wurde nichts; denn alles konnten sie durchschnüffeln, nur die Mägen der Glücklichen nicht, die«inen Teil erwischt hatten. Draußen vor der Baracke wurde dann zwanzig Minuten strafexerziert. Aber wir machten das„Auf — hinlegen!" so„gut", daß dem Magdeburger vor Wut die Tränen in die Augen kamen. Zum Schluß lachte der Zug ihn mit einem großen Gebrüll aus. Grützmacher stand während der Zeit vor der Baracke und durste zusehen. Später haben ihm ein paar Mann liebevoll in den Hintern getreten und in der darauffolgenden Nacht kam der„heilige Geist" über ihn: Erst standen in seinem Bett drei Schüsseln mir Waschwasser, das er beim Hineinlegen verschüttete, so daß er auf dem Boden pennen mußte. In der Dunkelheit der Nacht wurde er dreimal von unbekannten„Geistern" aus unbekann- ten Sticfelschäften von oben bis unten begossen, dann wurde er verprügelt, und um das Maß der Gerechtigkeit vollzumachen, stand am anderen Morgen unter seinem Bett der ausgeräuberte Karton. ... Zu seinem Glück hat der Dicke das nicht gemeldet, sonst wäre ihm noch mehr passiert. Ich habe Bumann im Verdacht; ich gläube, er war es auch, der mir das Drittel Wurst zusteckte. Er hatte so merkwürdig plötzlich mächtige Bauchschmerzen an jenem Morgen. Durch Grützmachers dicke, geöffnet« Lippen gleiten in regel- mäßigen Intervallen die vollendetsten Schnarchtöne: rrrrrrrcht— püllü... rrrrrrrrrch— t— püüüüüüüüh... rrrrrrrrrrrcht... püüüüüüüüh---- Wir haben Bettruhe. Ja, ja, haha...' schöne„Bettruhe", denk« ich: ich kann nicht einschlafen vor Hunger und vor Schmerzen in der Brust, brennenden Schmerzen... Die Brust ist mir rechts unter der Warze dick aufgeschwollen und feurig-rot.„Die haben ein neues Serum entdeckt", meint Berberig mit der Hühnerbrust. Er verzieht schmerzlich sein Gesicht. Er hat wohl am meisten untei5der Impfung zu leiden. Ich sehe seine Brust an, sein« nach außen spitz zulausend« schwache HühneiÄrust, und muß mich immer wieder wundern, daß dieser Mensch noch weiter mit uns durchhält. Bei ihm ist die ganze Brust feurig; er legt in Abständen kalte Umschläge drauf; denn niemand kümmert sich um uns, obwohl sich über! zwanzig Mann krank gemeldet haben. Wir wundern uns, daß uns wenigstens die Bettruhe gewährt wurde.„Dieses neue Serum ist i bei uns zuerst angewandt worden", sagt Berbcrig weiter,„daraui| könnt ihr euch verlassen. Wir sind immer Nur die Vcrsuchskamnchcnl � hier und überall." Dabei kommen ihm vor Schmerz und Wut die Tränen in die Augen. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. Ich kann dieses Fett- Polster, das sich Grützmacher nennt, nicht mehr ansehen und anhören. Ich will schlafen: ich will es wcnigst«ns versuchen. Im halbträumenden Zustand habe ich dann Visionen von in langen Reihen aufmarschierenden Blut- und Leberwürsten, von Stücken Butter: sie glänzt goldgelb durch das Pergamentpapier... duftendes Roggenbrot liegt dabei... plötzlich liegen wir wieder vor dem Bahnhof von Sadowa... Grützmacher wirft mir schmatzend die Wurstschale vor die Füße... da schreck« ich auf und bin ganz wach... unter mir redet der melancholische Kalbfleisch im Traum. Ich blicke vorsichtig, mich ausstützend, um mich. Alle liegen sie platt, niemand achtet auf mich. Draußen marschiert«ine fremde Kom- pagnie vorbei. Sie singt das Lied von der„Regimentsmarie": dünne Stimmen... plötzlich brüllende Kommandostimmen da- zwischen:„Etwas anderes singen!"... Sie setzen neu an:„... bei dem schönen Rgiment, das sich Alexander nennt.. anschließend ein Gebrüll:„Äoohldaiiips!" Dann lautes Lachen,— sie lachen wohl über das„schöne Regiment".-- Alles genau wie bei uns, denke ich. Ich benutze aber die Gelegenheit, die das Gebrüll draußen mir bietet, uin schnell aus dem Bett zu springen, und um Bumann und Kilb zu besuchen. Adamczik ist mir in den letzten Tagen zu ernst, der wird sicher nicht mitmachen: Ich habe nach dem Traum den Entschluß gesaßt, Grützmacher zu erleichtern und will die anderen beiden für meinen Plan gewinnen. Einige Sekunden Bedenken: ... Du darfst nicht stehlen... was nützt das hier alles? Stärker als all« Gebote ist hier das Gebot des unaufhörlichen Hungers Tag und Nacht... In meinem Spind liegen: zwei halbverfault« Kor- toffeln und ein Häufchen sauergewordene Marmelade. Grützmacher aber hat zwei große Fettpaket«. Eines davon wird irgendein Bor- gesetzter bekommen; denn Grützmacher spekuliert auf Urlaub, und mit Fettigkeiten kann»län gut schmieren... Das werden wir dir versalzen, denke ich und spreche zuerst mit Bumann. Der lächelt nur und nickt mit dem Kopf,— mein Verdacht wird stärker, und ich danke ihm im stillen für das Stück Leberwurst.„Weißt du, wo er seinen Kram hat?", srage ich ihn; denn ich habe dos vollste Vertrauen zu Bumanns Spürsinn. Ich werde nicht enttäuscht,— er lächelt noch verschmitzter und flüstert, schon neben mir stehend und den Kopf dicht an mein Ohr haltend:„Eins hat er ausgepackt und im Spind ver- staut,— mehr ging da nicht hinein. Dos Spind können wir nicht öffnen, das macht zu viel Rodau. Aber das andere Paket hat er am Fußende liegen, noch ungeöffnet. Er hat es mit einem Brot- beutelband an den Fuß gebunden." Er kommt noch näher und stößt mich dabei in die Seite:„Io Peter, Tetje Bumann is im Bilde und wect Beschäid." Wenn er plattdeutsch spricht, ist er in ganz großer Form. Ich habe nach seinen Worten das bestimmte Gefühl, daß alles klappen muß.--- Nun heißt es schnell handeln.„Er schnarcht wie ein Scheunendrescher", sag« ich noch kurz zu Bumann, tmb«fr gehen zusammen zu KW. Dann wird �n-regekrechter Plan entworfen: Wir legen uns erst all« drei wieder hin und warten eins halbe Stunde, damit, wenn uns jemand belauscht haben sollte, der Verdacht wieder verwischt wird. Dann wollen wir in Abständen von zehn Minuten ausstellen und uns die Hosen anzichen. Ich habe den gefährlichsten Austrag: ich soll dos Band durch« schneiden und das Paket schnell in einen Kissenbezug packen. Bumann soll am Kopsende stehen und, wenn Grützmacher erwachen sollte, einen Streit vom Zaune brechen, um ihn dadurch abzulenken. Wenn ich aber das Paket in Sicherheit habe, soll ich damit«rst in mein Belt kriechen. Währenddessen wollen Kilb und Bumann schon draußen sein, und wir wollen uns auf der Latrine zusammen treffen und alles aufessen. Wir legen uns also wieder hin. Mir klopft das Herz, als solle ich hingerichtet werden. Ich muh plötzlich an die furchtbore Nacht auf dem Kartostelfeldc denken, und ich sehe das verzerrte Gesicht des erschossenen Hermann Lorenz. Ich presse die Hände fest auf dos Herz und starre auf Grützmacher.„Diebstahl wird mit Festung bestraft."--- Ich sehe mich im Geiste vor den grünen Tischen harter, unerbittlicher Militärrichter... ich sehe, wie man mit Fingern auf mich zeigt:„Ein Dieb! Ein Dieb!"... Nein!, denke ich dann wieder, du bist kein Dieb, wenn du endlich einmal deinen Hunger stillen willst von dem Uebersluß dieses Dickwanstes. Du bist kein Verbrecher,-- Verbrecher sind olle'die, die uns so oerkommen und hungern lassen, während sie fette Tage leben. Mag kommen, was da will,-- ich werde es erzählen, wie man uns zu solchen Toten treibt.(Fortsetzung folgt.) 'eBuch £in Jüngling vor 30 Jahren Alles ist relativ. Literarische Werturteile sind es am aller- meisten. Wäre der biographische Roman C. E- Uphoffs„Anfang des Lebens"(Büchergilde Gutenberg) vor 2S oder 30 Jahren er- schienen: in jenen Tagen, in denen er spielt, man hätte ihm den Ruf einer, wenn nicht kühnen, so doch freimütigen und zeitkriti- sch«n literarischen Leistung nicht zu versagen brauchen. Heute mutet dieser Bericht über ein Iugendleben im Kaiser-Wilhelm-Deutschland mit seinen an sich sympathischen und richtigen, aber allzu zahmen und soziologisch nicht in die Tiefe gehenden Einwänden doch etwas überholt an. Der Autor erzählt, daß er 1884 als eines armen Tagelöhners Kind auf die Welt gekommen sei. Er wird zu einem Kaufmann in die Lehre gegeben, wechselt dann einige Male den Beruf, entdeckt später sein Maltalent, findet einen Gönner und wendet sich zuletzt der Bühne zu, an der er ein vom Theatcrpubli- kum leidenschaftlich umstrittenes Stück anbringt, dos den Titel trägt ..Wenn sie lieben..." und, nach heutigen Begriffen, ein Muster- beispiel liebenswürdiger Hausmütterdramatik gewesen zu sein scheint. So ändern sich die Zeiten. Aber Uphoff sagt gewiß die Wahrheit, denn auch Hauptmanns heute leicht angeattertes„Vor Sonnen- aufgang" galt ja einmal als Sturmsignal. Im übrigen versetzt uns Uphoff in jene Zeit, in der sich die Liebesleute schrecklich umständ- liche Briefe schreiben, in der der Respekt vor der Pickelhaube gras- sierte, in der die Künstler lange Haar trugen, den„Mammon" verachteten und in den Kaffeehäusern über die im Augenblick mo- derne Parole„I'art pour I'art" debattierten. Der Autor ironisiert das Milieu von damals, aber seine Ironie hat keine rechte Durch- schlagskrast. Wir sind heute doch eine etwas kräftigere Note ge< wöhnt. Einige Male kreuzt auch die damals noch völlig gesellschafts- unfähige sozialistisch« Lehre den Lebensweg des Autors. Aber mehr als ein verschämtes Liebäugeln mit ihr kommt nicht heraus. Das Buch ist auf eine behagliche Humorlichkeit gestimmt, auf so etwas Ashnliches wie einen Ican-Paul-Stil. Leider vcrivechselte Uphoff allerdings gelegentlich Humor mit schnörkelhaften und teilweise recht abgegriffenen Umschreibungen. Es liegt keine Notwendigkeit vor, Holland zu übersetzen mit„Das Land der Mijnhcers", den Tod ein für allemal den„Sensenmann" zu nennen... und sogar für „Bogen zirkeln auf blanker Fläche" könnte man unter Umständen sagen: Schlittschuhlausen. Hans Bauer. 6f Rätsel- Ecke des„Abend ■uiüiuüuuuiiiiiiimuiaüuuyuiüHuiiüiuHUüiiimünüiiiiiüiHinimmitMiiiiiBiiMyrntttiniHiiuuflmiiiiiguiuüuiiimmiiuiiiiummiJiiiiiiiinitiiuiiuuuiiuiiiiajiiiiiüiiimüg fl 2 3 Kreuzworträtsel f Iii|6 9gp 111 12 7 13 If te ort: ?5_25 30 17- 21 7|28|29 BT Waagerecht: 1. Edelstein; 5. Walfisch; 8, ehem. deutsche Stadt; 1». engl, nein; 11. Schwur; 13. Farbe; 16. Teil des Auges; 18. Trinkstube; 26. Haustier; 23. livländisches Hohlmaß; 25. franz. Artikel; 27. stimmhafter Verschlußlaut; 30. sportlicher Wink; 31. männl. Vorname. Senkrecht; 1. musikalisches Kunstwerk; 2. Fluß in Italiew; 3. Spielkarte: 4. segeltechnischer Ausdruck; 6. Präposition; 7. Aus- Zeichnung; 9. afrikanischer Strom; 12. Mvlltonstufe; 14. russ. Fluß; 15. Erdformation; 17. hinweifendes Wort; 19. europäische Hauptstadt; 21. Erlaß; 22. Singstimme; 24. Pelzart; 26. Tierprodukt; 28. wie Nr. 17; 29. Präposition. Visitenkartenrätsel Was ist die Dame? Geelenwanderung 1, 2,«in spanischer Marschall, Von großem 3 begleitet, Durch� Niederland zum Ueberfall In Wehr und Waffen reitet. Tod sind sie olle, lang ist's her, Und doch, sie leben weiter, Als Vogel, schwebend über'm Mecr, Der Srhiffe treu Begleiter. Sitbenrätsel 2lus den nachstehel'-dcn Silben simd 18 Wörter zu bilden, welche bedeuten: 1. germanische Cagengestalt; 2. Baustil; 3. Haustier; 4. Soldat; 5. Mädchenname; 6. Blütenstand; 7. deutscher Dichter: 8. Stadt in Thüringen; 9. Prophet; 16. deutscher Meerbusen; 11. Gefäß; 12. Blum«: 13. Mondphase; 14. germanischer Gott; 15. Stadt im Sudan: 16. Zimmer; 17 männlicher Vorname; 18. Waffe.— Die Silben lauten: a bar buk chen de de din dol dol dorff e ei ei er sa ge he hel il to ko lau lart le ii mach m« mcr mi mond»au ne n«l neu o ro ro se sel solt tim tu u win. Die Anfangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen ergeben ein Sprichwort. g�t. " Vier magische Quadrate Die in den Feldern ange- gebencn Buchstaben sind so um- zustellen, daß in den einzelnen Quadraten waagerecht und senk- recht die gleichen Wörter ent- stehen. Die zu erratenden Wör- ter hoben folgende Bedeutung: I. 1. Waldtier: 2. Straußenart; 3. Kopsbedeckung. II. 1 Ge- tränk; 2. weiblicher Vorname; --• 3 Naturerscheinung III. 1 Ver- gnügungslokal; 2. Münze; 3. Teil des Wagens. IV. 1 Tier; 2. Fluß: 3. Stadt an der oDnau. HI. L. (Auflösung der Rätsel nächsten Sonnabend.) Auflösung der Rätsel aus voriger Rummer Kreuzworträtsel: Waagerecht: 1. Schiller: 7. EM; 8. Es; 16. au; 11. oh; 12. Os; 14.' As; 15. La; 16. El; 17. Ko; 18. aa; 26. Ob; 21. Lack; 23. Pullover.— Senkrecht; 1. See; 2. He; 3. Jsa; 4. Leu; 5. II; 6. Reh; 9. Solo; 11. Oslo; 13. Sa; 14. ae; 17. Kap; 18. Aal; 19. Ako; 26a. Bar; 21. ll; 22. k. o. Silbenrätsel: 1. Epos; 2. Rotterdam; 3. Weide; 4. lleckcr- münde; 5. Niere: 6. Schellfisch; 7. Telemark; 8. Elli; 9. Anode; 16. Romeo; 11. Bernstein; 12. Eduard; 13. Isar: 14. Tanzmusik; 15. Zrrkum.— Erwünschte Arbeit ist der Leiden Arzt. Magisches Zahlenquadro t. Reihe 1: 9 3 3 3 9; Reih« 2: 3 6 9 6 3; Reihe 3: 3 S 3 9 3; Reihe 4: 3 6 9 6 3; Reihe 5: 9 3 3 3 9. Abzählrötsel(durch 4 abzuzählen): Dos Menschenherz ist aller Wunder�größtes; Denn wechselnd birgt es in seiner Tiefen Schoß. Was rauh, was mild, was niedrig und was groß; Ein Rätsel ist es, und kein Weiser löst es. Halm, Vormerken! Arbeüer-HaUcmportfesl am 2. November In diesem Winter veranstaltet der Berlin-Brandenburger Kreis im Arbeiter-Turn- und Sportbund zwei 5)allensportfeste im Sportpalast. Das erste steigt am 2. November und das zweite Anfang März. Die November-Deranstaltung sieht ein Vierstunden- Programm vor, nur das Beste wird den Freunden des Arbeiter- sports geboten werden. Neben den Massenvorführungen der Turner werden Rennfahrer, Kunstradfahrer, Handballspieler und Sonder- Vorführungen das Fest abwechslungsreich machen. Die Leichtathleten treten natürlich wie immer bei Hallenfesten am meisten in Er- schsinung. Anschließend bringen wir die Ausschreibung zu den leichtathletischen Wettbewerben: MS»ace-Si»z«lkä»q»l«: Sv�lkter-Loufen, Klasse X und Sv-Meter- Hürdenläufen: lvOO-Meter-Laufen: RVO-Meter-Laufen: Hochsprung: Einladung. — Stafetten: 20 mal 2 Runden, Klasse A; IC mal 2 Runden, Klasse B bis C; 10 mal CO-Me ter-Pe nt e lstafet te, Klasse A; B bis C; Turner: Schwimmer: Spieler»sw— Frauea-Sinzellampfe: SO-Meter-Laufen, lsrauen und June» Mädchen. Jahrgang It/lZ: Hochsprung: Einladung.-- Stafetten: Kleine Olympische Stafette: Einladung: IC mal öO-Meter-Pendelstafette.— Jugend» ain,ellämpfe: ZO-Meter-Laufen, Jahrgang 12/13 und 14/13:«OO-Meter-Laufen. — Stafetten: 10 mal 1 Rundenstafette. Das Programm soll durch Sondervorführungen möglichst ab- wechslungsreich gestaltet werden. Um nicht wieder endlose Lauf- konkurrenzen und Vorläuse abwickeln zu müssen, sieht die Aus- schreibung folgende Einschränkungen vor: zu den Sv-Meter-Läufen in den einzelnen Klassen können höchstens je drei Mitglieder des- selben Vereins gemeldet werden. Die Rundenstafetten sind nur den ersten Mannschaften vorbehalten, dagegen werden zu den Pendelstasetten alle gemeldeten Mannschaften zugelassen. Melde- schluß am IS. Oktober bei Fritz Leutloff, Berlin SO. 36, Manteufselstraße 46. 5e!l>stgedaute Faltboote sind billig und haltbar Es ist nicht jedermanns Sache, an schönen Sommertagen Er- holung in der Gesellschaft Unzähliger an einem der überlagerten Zeltplätze der Berliner Umgegend zu suchen, older sich gar die Ur- laubstage durch Zeltnachbars Erammophongedudel vermiesen zu lassen. Wohin aber sonst mit dem Boot? Der Standplatz liegt fest und damit auch dos Ziel der Sonntagswochenend- und Urlaubs- jährten. Im März dieses Jahres zeigten die dem Arbeiter-Turn- und Sportbund angehörenden Freien Faltbootfahrer Berlin in einer sehr beachteten Ausstellung an unzähligen Photos, wie prächtig«s sich im Boot wandern läßt. Allerdings— es muß ein Faltboot fein: mit den heute noch in der Berliner Umgegend dominierenden starren Booten lassen sich solche Reisen weder sinanziell noch fohrtechnisch bewältigen. Die Freien Faltbootfahrer zeigten auf ihrer Ausstellung Faltboote, die im Selbstbau hergestellt waren. Sauberste Arbeit, größte Festigkeit und Solidität der Ausführung stachen hervor. Boote in dieser Ausführung können sich neben den teuersten und bekanntesten Fabrikaten sehen lassen. Wie uns mit- geteilt wird, beabsichtigen die Freien Faltbootfahrer auch in diesem Jahre für ihre Mitglieder einen gemeinschaftlichen Selbst» bau einzurichten. Eine Vorbesprechung findet am Freitag, 26. September, 20 Uhr, im Sitzungssaal der Kreisgeschäftsstelle, Elsasscr Str. 86— 88, Aufgang A, statt. Zugelassen zu dieser Be- sprechung sind nicht nur Mitglieder, sondern auch solche, die es werden wollen, oder auch nur als Gast Einblick in die so geartete Tätigkeit der Freien Faltbootfahrer nehmen wollen. 5port in der Schule Neuköllns Kinder beim Sporifcst Mehr als 1-5 000 Schüler und Schülerinnen der Neuköllner Schulen hatten sich im neuen Neuköllner Stadion zum ersten Male zum Schulsporttrefsen versammelt. Bei strahlendem Sonnenschein eröffnete um 9 Uhr«in Stillous d«r Festteilnehmer die F eftfolge. Aus 1000 jungen Stimmen klang das Li«d„Wann wir schreiten Seit' an Seit" und eine Begrüßungsansprache des sozialdemokratischen Stadtrats Dr. L ö w c n st e i n wies auf die Bedeutung einer gediegenen Schulung für die körperlich« und geistige Entwicklung hin und wünschte der Veranstaltung ein gutes Gelingen. Bei den Staffelkämpfen, die dann folgten, zeigten in der Cröffnungsstasfel der Knabenschulen slä X 100 Meter) die Schüler einen hohen Krad körperlicher Gewandtlieit, die 21./23. Volksschule blieb Sieger in der Zeit von 3 Minuten 34 Sekunden, als nächste folgt« die 17. Volksschule mit 3 Minuten 41 Sekunden. Die Schüler der Sonderschulen zeigten in der gemischten Staffel ein munteres Bemühen. Mit großer Spannung wurde die Staffel der höheren Mädchen- und höheren Knabenschulen von den zuschauenden Kindern verfolgt und anfeuernde Rufe erklangen von den Rund- sitzen, um die Entscheidung zu beschleunigen. Die 10 X 100-Meter- Staffel wurde vom Oberlyzeum in der Zeit von 2 Minuten 20% Sekunden gewonnen, und die 20 X 100-Meter-Stasfel der Albrecht- Dürer-Obcrrealschul« in der Zeit von 4 Minuten 6)h Sekunden. Zwischen den Staffelläufen fanden im Innenraum des Stadions Einzelwettkämpf«, Geräteübungen und Vorführungen statt. Von straffer rhythmischer Durchformung zeugten die Gymnastik- Vorführungen der Käthe-Kollwitz-Schule wie auch das Bodenturnen der Mädchenberufs- und Handelsschulen. Den Abschluß bildeten die Entscheidungskämpse im Fußballwettspiel, bei der überraschend die 29. Volksschule Sieger blieb über die lö. Volksschule mit 3: 1 Toren. Auch die Nachmittagsweitkämpfe auf sämtlichen Sportplätzen des Neuköllner Sportparks zeigten die gleiche erfreu- liche Beteiligung bei Ausübenden und Zuschauern. RcKcr Sportbetrieb im Patentamt In den gewaltigen Archoen des Reichspatentamtes spiegelt sich das gesamte Leben unseres Volkes, ja der Menschheit wider. In den Hunderttausenden von Patentanträgen finden alle Wünsche und Bedürfnisse, die unsere Zeit bewegen, ihren Ausdruck. Es nimmt deswegen nicht wunder, wenn auch die Welt der Leibes- Übungen und ihr Bedarf heute mehr denn je in den Akten des Patentamte, auftauchen. Im Jahre 1929 wurden nicht �weniger als 793 neucrfundene und verbesserte Sport- gerate dem Reichspatentamt zur Begutachtung vorgelegt. ff7 ft'fljr goUrtiert. Ceti Umjang unjerer Sportgeräteindustrie erkennt man am besten daran, daß 1919 Ge- brauchsmuster und 149 Warenzeichen für Sportgerät« und ver- wandte Dinge in den Listen des Reichspatentamtes eingetragen sind. Zum Avus-Rennen Sind Motorradrennen notig? Auf einer Pressekonferenz, die der Deutsche Motorrad- fahrerverband anläßlich der großen internationalen Rennen aus der Avus am kommenden Sonntag abhielt, macht« Sport- Präsident Schwabe bemerkenswerte Ausführungen über die Not- wendigkeit von Motorradrennen. Der Motorradfahrer fei mit dem Rade viel enger verbunden als der Automobilist mit dem Wagen. Das Rad fordere viel leichter zu Wettfahrten heraus als das Automobil, das, wenn es nicht gerade zu Gefchäftsfahrten Verwendung findet, viel mehr dem familiären Gebrauch dient. Dazu kommt, daß Motorradrennen und Renn- erfolg« bei dem Käufer eines Motorrades viel stärkere Beachtung finden als bei dem Käufer eines Automobils. Diese Erwägungen leiten den DMV, bei der Veranstaltung seiner Rennen. Er geht dabei von der Absicht aus, das Amateurmoment so weit als irgend möglich in den Vordergrund zu stellen und Engagements von Berufs- fahrern zu oermeiden. So ist es auch bei den großen Avusrennen am Sonntag, zu denen ausschließlich Meldungen von Einzelsahrern abgegeben sind. Die Menge der abgegebenen Meldungen beweise dem DMV., so führte Schwabe weiter aus, daß der Motorradrenn- spart nicht tot ist, sondern daß es genug sportbegeisterte Fahrer gibt, die sich auf eigene Kappe an Rennen beteiligen und sich mit Ehren- preisen zufriedengeben. Schwabe wies besonders daraus hin, daß bereits um 12� Uhr die Beiwagenrennen stattfinden, während das Hauptrennen um 13% Uhr beginnt. Die Bekannt- gäbe der Resultate durch Riesenloutsprecher wird jeden Besucher aus dem laufenden hallen. Als Programm für das nächste Jahr hat der DMV. eine Winterzielfahrt festgesetzt, die in ihrer Klasseneinteilung kurze und lange Strecken vorsieht. Im Frühjahr findet eine Sechstage- Alpenfahrt mit Garmisch-Partenkirchen als Standort statt: auf der Avus werden wieder Frühjahrs- und Herbstrennen veranstaltet. Drei Meisterschastsläuse, die gemeinsam mit dem AOAE. ausge- fahren werden, ein Kesselbergrennen und die indernationale Bäder- preissahrt vervollständigen das umfangreiche Sportprogramm. Kleiner Sport von überall Arbeikerschach! Die Abteilung Kaulsdorf spielt jeden Mittwoch bei Hllbner, Wilhelmstr. 20. Schachspieler, die jetzt«intreten, können noch am Mannschaftsturnier teilnehmen.— Abteilung Mitte spielt jeden Freitag bei Skibba, Kostanienallee 63. Neue Fraucnabteilung der JXflJB.! Die Freie Turnerschost Groß-Berlin eröffnet in nächster Zeit eine Frauenabteilung in der Turnhalle Gneisenaustr. 7. Gründungsversammlung morgen Don- nerstag, 20, Uhr, bei Litsert, Marieitdorscr Str. 6 Ecke Solmsstr. Zwei Ausländer im„Ständigen Ring". Ini Berliner Spichernring gibt es am Freiing wieder ein versprechendes Pro- granim. In den Hauptkämpfen kommen die leichteren Gewichts- klassen zu Wort. Bantamgewichtsmeistcr Georg Pfitzncr ist mit dem ausgezeichneten Belgier Lemajeur gepaart worden, während Helmut Schulz-Königsberg mit dem Franzosen Page zusammen- treffen wird. Examateurmeister Lekdmann bestreitet seinen zweiten Prosikomps mit dem Kölner Mittelgewichtler Prawit, ferner stehen sich die beiden ehemaligen Teutonen Nörtemann und Drekops sowie im Qualifikationskampf Hollstein-Magdcburg und Lietz-Berlin gegen- über. Nachwuchs aus der Olympiabahn. Noch dem„Großen Preis" von Berlin" wartet die Leitung der Berliner Olympia-Radrennbohn am kommenden Sonntag mit einem volkstümlichen Renntag auf, an dem die Rachwuchsiahrer dos Wort hoben. Es gelangt ein Stundenrennen Himer Motorführung in zwei Läusen über je«ine halb« Stunde zum Austrag, an dem Corpus, Lohofs, Sieronski, die Schweizer Gilgen und Bohrer und der Japaner Kawamuro teil- nehmen werden. Eventuell gesellt sich noch Bauer hinzu. Die Amateure bestreiten die Landesverbandsmeisterschast der Mark Brandenburg über 1 und 10 Kilometer. An der Spitze der Teil- nehmer steht Hans Dasch. Die Eintrittspreis« bewegen sich zwischen 1 und 4 Mark. Hallentennis am katserdamm. Am 1. Oktober wird in der Alten Autohalle am Koiserdamm die Hallentennissaison mit 14 Plätzen er- öffnet. Es ist anzunehmen, daß die Halle mit ihren großen Aus- maßen und den bei Tages- und künstlichem Licht gleich günstigen Beleuchtungsverhältnissen sür die Berliner Sportwelt in kurzer Zeit ein neues Zentrum darstellen wird. Liq Ebert-Bad in Brandenburg Am Sonntag erhielt das kürzlich der Oeffentlichkeit übergeben? große Hallenbad in Brandenburg(Havel) durch ein groß- angelegtes Schwimmfest der„Freien Schwimmer Brandenburg" seine sportliche Weihe. Die Anstalt, die zum Gedenken an den ersten Reichspräsidenten den Namen Friedrich-Ebert-Bad führt, ist ganz auf reine Zweckmäßigkeit eingerichtet und wird allen Anforderungen der Neuzeit gerecht. Die Schwimmbahn hat die sportlich vorge- schriebenen Ausmaße von 26x12 Meter, sür Sprungoorsührungen sind 1- und 3-Meter-Bretter vorhanden. Die Halle bietet Platz sür etwa 800 Zuschauer. giere galtbesifeSrci Berli». Donnerstag, 23. Ceptembee, 20 Uhr. Vor- /rag:.Der Humor i» lree Mufil", im Halteschen Hof. Rosenthaler Strohe, geeitaa,»20. September, Bersammluna der Selbstbauinleressenten in der Kreis» aeschättsstelle. Elsasser Str. 00—88, Aufgang A. 20 Uhr. Sonntag, 28. September, Abpaddeln aus der oberen Havel, Treffpunlt 7 Uhr Lehnitz, Dampfer- haltrftelle, Gäste willtommen. Tourist enperein.Di« Ratursreunde", Zentrale Wien. Mittwoch, 24. Sep- tewber, 20 Uhr. Osten sslugendgruppel: Eoßlerstr. OL Zeitz Reutet.— Photo» geweinschest, Abt. Renlolln: Bergstr. 29.— Sumboldthai» ll /Iugendgrupve): Turiner Ecke Seestraße.-Aus alten ZahrtenbUchern.— Donnerstag, 23. Sep» ttmber, 20 Uhr. Abt. Gesundbrunnen: Pank» Ecke Wiesenstraße. Zeeienmande. rungen 1900 smit Epi).— Abt. Lichtenberg: Gunterstr. 44. Mitgliederoer» sammlung.— Abt. Lichtenrade: Bei Dehlam, Bahnbof- Ecke Goltzsttaße, lO'-i Uhr. 1 0.Minuten»Referate.— Photogemeinschajt, Abt. Norden: Pank. Ecke Wielenstraße. Licht— Schatten— Halbschatte».— Ratuetundliche Abteilung: Zobanninste. 13. Arbeitsabenb.— Ruftlgeinetnlchast: Zohannisstr. 13. — Abt. Prenglauer Berg: Danaiger Str. 62. Zolgenschwere Attentate in der Weltgeschichte. Ref.: Dr. Schütte.— Abt. Südwest: Vorckslr. II. Gesangsobend. — Abt. Spandau: Lindenuser l.— Abt Neukölln: Berqstr. 29. Unser Sternen. bitnmel /Lichtbilder, Gottschaltl.— Abt. Tiergarteu: Lehrter Str. 18—19. Geschltstlich«.— Abt. Baheufte; Ptswriuzftr. 34.______ � Sechsfache Ladenmiete. Sie wird auf die Käufer-nbgewäfzt. Am 11. November werden es vier Jahre her sein, daß auf unausgesetztes Drängen der nationalistischen Hausbesitzerorganisationen das Ministerium jene Ber- ordnung erließ, die die Gewerberänm« aus der Zwangs- bewirtschaftung herausnahm. Der„Vorwärts" hat unermüdlich vor einer selchen Maßnahme gewarnt. Er hat nach dein Erlaß auf die großen Gefahren hingewiesen, die sich daraus er- geben müßten. Für Berlin sind Betspiele unerhörter Laden- mietensteigerungen genug bekaimtgeworden. Jetzt veröffentlicht die „Allgemeine Deutsche Mieterzeitung" ein« Zu- sammenstellung von Ladenniieten aus Brandenburg an der Havel, einer industrie- und gewcrbereichen Mittelstadt. Hier einige Beispiele: In der Jakobstraße ist in einem Fall die Friedens- miete von 800 M. auf.3600 M. gesteigert worden, in einem anderen Fall von 500 M. auf 2400 M. In der Steinstraße wurde die Miete von 1600 M. Fricdcnsmiete auf 4800 M. erhöht und in der Haupt- straße wurde sie von 400 M. Friedensmiete sogar aus 2400 711. emporgeschraubk, also um das Sechsfache der Friedensmiete erhöht. Und was sind allgemein die Folgen? Die Ladeninhaber versuchten, die Erhöhung, so gut es ging, auf die Käufer abzuwälzen, und da ausnahmslos alle Ladenmieten gesteigert worden sind, war eine Er- höhung der Preise unausbleiblich. Viele Ladeninhaber aber mußten trotzdem ihre Läiden schließen, die nun leer stehen, wie ein Gang durch die Straßen Berlins beweist. Der Hausbesitzer bekommt also keine Miete mehr, die Gemeinde aber bekommt nicht nur lein« Gc- werbesteuern mehr, sondern muß einen Einkommens- und Erwerbs- losen auch noch unterstützen. Diesen Wirtschaftsirrsinn haben wir den teils deutschnationalen, teils hitlerischen Hausbesitzern zu verdanken? Wann wird man mit dieser Gesellschaft aufräumen? In der„Nachtbrocke". Edelpenner am Kurfürstendamm. In einer Halensee nahen, dunklen Seitenstraße des Kurfürsten- damms befindet sich die„N a ch t b r o ck e". Wenn nach Schluß der Kinopaläste und der Luxustheater Menschenströme die lichtüber-, blendete Straße überschwemmen, wenn die Luft in den intimen Bars schwüler wird, und die Stimmen der Instrumente süßer und lockender, wenn die Revuen„hysterischer Nacktheit",„erotischer Ek- stase" und berauschter Sünde" schmerbäuchigen Herren dargeboten und in mondänen Lokalen einem zahlungskräftigen Publikum„sexu, elle Verirrungen" mit bleichen Buhlknaben demonstriert werde», wenn in den GeHeimkinos reicher Snobs die Flagellantenfilme lausen und exzentrische-Pankeeladys bei hungrigen Gigolos sich Freude kaufen, dann schieben sich die Schemen dieser Nacht am Kurfürstendamm vorbei an den Luxusrestaurants, durch das Chaos aus spiegelnden Lichtern, dem schmetternden Tschängterentäng der Saxophone zur„N a ch t b r o ck e". Man kennt sich hier. Das unbarmherzige Licht der elektrischen Lampen enthüllt die Greisinnengesichter unter den Schichten rvsa- roten Puders, die Hungerfurchen unter den martialischen Barten, die Verzweiflung hinter der nonchalanten Lässigkeit der Dandys. Es liegt ein Grauen in dem Raum, jenes Grauen, das Panopti« lumfiguren und die lächelnden Wachspuppengesicher entkleidetes Schaufenstermannequins spüren lassen. Werhrhaftig, hier lächelt alles. Ein offerierendes, schmerzohn- mächtiges, wutzerquältes Lächeln. Eine grinsende Grimasse. Ein spitzes, irres Gelächter geistert durch den Raum. Die„Nachtbrocke" ist die kleine Schwester der g r o ße n Brocken- sammlung, der„S ch r i p p e n t i r ch e" in der Ackerstraße; hier finden Arbeits- und Obdachlose, entlassene Sträflinge und gesunkene Existenzen Essen und Schlaf; in der„Brocke" kommt das Gerümpel, das Ausrangierte, der Schutt aus allen Teilen der enormen Stadt zusammen und wtrd auf„neu" zurechtgemacht. Die Aermstcn der Armen sind die Kunden der„Brocke", und di« deren Armut kein Superlativ beschreiben kann, sind die Lieseranten... In der„Nachtbrocke" am Kurfürstendamm geben die Nacht- gestalten des glanzüberladenen Boulevards sich Stelldichein. Es sind die„Edelpenner", die durch die großen Cafehäufer„schlendern", das sind die alten Herren mit der steifen, ungebeugten Haltung, die feinen, uralten Dämchen mit Spitzenschleiern und Stöckelschuhen, und all jene, die den letzten, winzigen Rest einstiger besserer Tage oerkaufen wollen. Der Wirt, ein seltsamer Liebhaber von„Alter- tümern", tauft die Habseligkeiten. Dafür gibt's ein warmes Essen, ein Bett, vielleicht auch etwas Geld... So sitzen sie in der „Nachtbrocke", die Ausgestoßen«» der kapitalistischen Gesellschaft, die Alten, die vom großen Kehraus übrig geblieben sind, die Jungen, die nichts können, als„nonchalant schlendern", all«, die in einem letzten spärlichen Aufwand vermeintlicher Wohlanständigkeit die Stasfagc, die grinsende, holäugige Statisterie, die stumm-schreiende Kulisse der eleganten, sensationslüsternen Menschheit bilden... Die Tür tut sich auf. Und ein junger Mann tritt ein. Kalk flutet hinter ihm die Schwärze der fremden Nacht in die„Brocke". Der junge Mann setzt sich an einen Tisch an der Tür. Merkt er nicht, wohin er sich verirrt hat? Was will er hier? Will er „brocken"? Aus müden, verlebten, verwachten Gesichtern starren ihn überwache Augen an. Der Wirt tritt heran.„Was wünscht der Herr?" Der junge Mann will essen und trinken. Er zieht den Wirt beiseite und flüstert ihm etwas zu! Nun geht es ungesprochen von Auge zu Auge: Er ist einer von uns! Auch er, der Gesunde, Solide, Bürgerliche will um ein warmes Essen etwas verkaufen. Auch er will„brocken". Auch er... Ach! Der junge Mann sieht sich um. Jawohl, das ist ein bürger- liches Schanklokal, was weiter... Jawohl, die anderen find auch Gäste wie ich... Aber... Dies Schweigen, dies« unmodernen, steifen Kragen, die lässigen, feierlichen Gesten irritieren ihn. Wo bin ich? Warum lächeln die alle? Was ist das für eine Leere in den Augen... Er schlingt das Essen hinunter, stürzt ein Glas Bier nach. Dann reicht er dem Wirt den Hundertmarkschein, den Ihm dieser wechseln soll... Deshalb also Hot er mit dem Wirt geflüstert! Das Lächeln schwindet von den Gesichtern der Nachtvögel. Der Wirt zählt das Geld auf. Der junge Mann erhebt sich und sieht sich um. Er- frorene Gesichter, erstarrte Gebärden, die„Nachtbrockc"! Er eilt hinaus. Die„Nachtbrocke" ist wieder unter sich... Landgerichtsdirektor Rübe» 60 Jahre. Der bekannte Leiter der iozialbemokroiischen Mieterbewegung. Genosse Ernst Rüben, feierte seinen 60. Geburtstag. Auf dem Parteitag In Weimar regte er die Organtfation' der sozialveinokratischen Bcamtenbewcgung an und auf ihn geht auch die Gründung des Republikanischen Richterbundes zurück, dessen Vorstand er seit der Gründung an- gehört. 1921 nach Braunschwcig berufen, schuf er dort als Staats- kommissar neben verschiedenen anderen wichtigen Reform gesetzen die braunschweigische Der/assung, Lebensmüde Zugend Wiens Kampf gegen den Kreitod. In fast allen europäischen Zkulturländern steigt seit dem Krieg die Selbstmordkurve rapide an; in Deutschland bezieht sich diese Zunvhme� in erster Linie auf die Frau, und zwar vornehmlich aus die ledige, allein im Wirtschaftskampf stehende Frau. Oesterreich, in dem die Zahl der Selbstmorde ebenfalls eine erschreckende Höhe erreicht hatte, zeigt seit dem letzten Viertel des vorigen Iahres einen aus- sälligen Rückgang der Selbsttötungen. Die Gründe hierfür sieht der dortige Psychiater Dr. Dreikurs in einer umfassenden„Selbstmordprophylaxe", zu der sich öffent- liche und privat« Körperschaften in Wien verbündet haben. Erst seit Beginn unseres Jahrhunderts, seit der Selbstmord aus einen: juristischen, ein medizinisches Problem geworden ist, hat man einsehen gelernt, daß der Selbstmordkandidat nicht vor den Strafrichter gehört, sondern, daß er ärztlicher Für- sorge bedarf. Dasjenige Lernd. das am längsten den Freitod durch Sirafmaßwchmen zu bekämpfen sucht«, England, war auch das erste, das sich zu der neuen Anschauung bekannte und Fürsorgemaßnahmen traf: im Jahre 1WK bereits errichtete General B o o t h von der Heilsarmee eine„Beratungsstelle für Lebens- müde" in London. Bon New Dort wurde dann diese Art von Beratungsstellen übernommen. Kurz vor dem Krieg tauchten Pläne auf, auch auf dem europäischen Kontinent diese Art Fürsorge nachzuahmen. Der Krieg setzte diesem Bestreben ein Ende, das Wien jetzt erstmalig in systematischer Weise wieder auf- nimmt. Sehr verdienstlich ist vor allem die Selbstmörderfürsorge, die das Fürsorgeamt der Wiener Polizeidirektion be- gomien hat. Alle Personen, deren Selbstmordversuch dem Fürsorgeamt durch die einzelnen Polizeikommissariate bekanntgegeben werden, werden schriftlich vorgeladen. Bleibt diese Vorladung erfolglos, so wird durch eine Fürsorgerin «in Hausbesuch vorgenommen. Solche Hausbesuche sind oft auch noch nach durchgeführter Beratung erforderlich. Die ineisten Personen leisten der Vorladung Folge. Manchmal genügt dann schon die Aussprache, die Beratung, der Hausbesuch der Fürsorgerin, um den Lebensmut der Betreffenden wieder auf- zufrifchen. Die Mehrzahl der Fälle erfordert allerdings tieferes Eingehen und umfassendere Fürsorgemaßnahmen. Diese bestehen oft in der Aufgabe, die gegebene Notlage zumindest durch Ein- Wirkung von Unterstützungen, Beihilfen und dergleichen zu lindern; die Beschaffung von Arbeit. Ermöglichung einer selbständigen Existenz und Linderung der Woh- nungsnot, beheb en sehr häufig das Uebel an der Wurzel. In manchen Fällen wird Heilbehandlung beantragt, andere Fälle werden den Jugendämtern zugewiesen; waren doch von 2Z7Z versuchlen Tötungen in einem Zahre 8 von Kindern, d. h. Personen unter 14 Jahren begangen und 158 von Zugend- lichen? Bemüht sich die Fürsorge der Polizei darum, alle jene zu er- fassen, die bereits einen Selbstmordversuch gemacht haben, so sucht. die„Lebensmüden stelle der Ethischen Gemeinde" einzugreifen, bevor der letzte Schritt gewagt wird. Durch ständige Mitteilungen in den Tageszeitungen wird die Bevölkerung auf diese Stelle aufmerksam gemacht. Es kann nicht ausbleiben, daß durch dieses menschenfreundliche Vorgehen auch Personen angelockt werden, die durch Vorspiegelung von. Lebensüberdruß sich materielle Vorteile zu verschaffen suchen. Die Statistik aber ergab, daß ihre Zahl nicht mehr als 10 Prvz. betrug— wenig Schatten neben viel Licht! In etwa zwei Drittel der Fälle konnte wirklich Hilfe gebracht und seelisch oder wirtschaftlich Ruinierte vor Settaf rf wielrtrnt ßZeWven Bodte zeigen für dos Wirken der Ethischen Gemeinde weitgehendes Bei- ständnis. Die dritte dieser segensreichen Institutionen, die sich der Lebensmüden annimmt, und für eine wirksame„Selbstmordpro- phylaxe" eintritt, stellt die„private Jugendberatung* dar. Etwa 30 private Berater, Aerzte, Advokaten, Pädagogen, Fürsorger und Priester, deren Namen durch die Presse und Plakat« der Jugend bekanntgegeben werden, stellen sich in ihren Prioatwoh- nungen zu bestimmten Zeiten zur Verfügung. Seil dem etwa zweijährigen Bestehen haben 1500 Zugendliche von dieser Beratungsmöglichkeit Gebrauch gemocht und konnten so vor nicht wieder gutzumachenden Schäden bewahrt werden. Daneben gibt es noch vielerlei private Vereine in Wien, die die„S e l b st m ö r d e r f ü r s o r g c" auf ihr Programm geschrie- den haben, wie der„Bund für L« b e n s r e f o rm", der Verband„Charitas" u. a. m. Auch die Beratungsstellen für p s y- chische Hygiene an der Psychiatrischen'Universi- t ä t s k l i n i k stellt sich ausdrücklich den„Lebensmüden" zur Vcr- fügung, wenn auch dieser Weg zur psychiatrischen Klinik bisher nicht sehr populär geworden ist. Immer weitergehende Teilnahme der Seelenkundigen und Nervenärzte wäre dem großen„H i l f s- werk für Lebensmüde" dringend zu wünschen. Dr. Lily Herzberg. Typographia! Vormittagsstunde in dieser Woche am Freitag, dem 26. September, 10 Uhr vormittags. Goldene Hochzeit seiern heut« in Rüstigkeit und Frssche unser bewährter Parteigenosse Hugo B o w a t s ch e ck und Frau, Wilhelm- Stolze-Straße 6. Möge ihnen bei voller Gesundheit noch ein langes Leben beschieden sein! Neuer Kursus der Rlarine-Abteilung des Reichsbanners. Am I. Oktober beginnt ein neuer Kursus der Marine-Abteitung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, und umfaßt Unterricht über ischiffs- und Bootskunde, Navigation und deren Instrumente, Spleißen. Klvtcn und anderes. Auch wird Turnen und Schwimmen gelehrt. Meldungen find an A.«chnudt, Bln.-Neukölln, Weserstr. 207, zu richten. � dkfchälfc'Jlnsefger � töezirft füden- Wefien Fenster- nno Gebäude-Relnlgungs- Gesellschafi m. v. H. Berlin S016,Michaelkirchplatz4 Fernsprecher: Jannowitz 4514 Billigste und zuverlässigste Ausfülirung aller Reinigungsarbeiten/ Bobner- und Oelrnaschinen ✓ Staubsauger/ Vertreter� ! i= besuch jederzeit unverbindlich Johann W.iUbers G. nrv. b. H. in- und ausUndiscnefrflclite Engros— Import � Berlin C 25, Panorama« h*. 2 v Tel. 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