BERLIN Montag 2S. September 193« 10 Pf. Jfr. 456 B 227 47. Jahrgang erscheinttäglich außerGoantag«. Auzleich Abendautgabe M.Vorwärts'. Bejugsprei« beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, s,soM. pro Monat. Redaktion und Tppedition; BcrlinSW6S,Lindenstr.s SjicLlaatyaße Jßk| Antelgeapretsi Dke einspaltige Novpareilletet», Pf., Reklamezeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. stscheckkonto: Dorwärts-Derlag G. m. b. H., Berlin Nr.S75ZS. Fernsprecher: Dönhoff 2S2 bis 2S7 Arbeitszeitkürzung Hilst den Arbeitslosen Oer Kampf der organisierten Berliner Metallarbeiter nm die 40-Stunden»Woche Nazis werden weiterzahlen (Sie biedern sich koalitivnsbereit der Welt an— Nicht gegen den Besitz Die Funktionäre der Berliner Metallarbeiter haben be- kanntlich au» Solidarität beschlossen, sür eine starke ver. kürzung der Arbeitszeit— von 48 aus 40 Stunden wöchent- lich— zu kämpfen, um aus diese weise Tausenden und Zehn- tausenden«xm arbeitslosen Kollegen Arbeits- und Erwerbs- Möglichkeiten zu schassen. Das ist eine Aktion aus dem Geiste de» praktischen Sozialismus, deren Bedeutung den Tiicht- organisierten— seien e» Proletarier, seien es Bourgeois— erst klar gemacht werden muh. Auf Wunsch der Redaktion des„Abend" stellt Otto Tost, Borstandsmitglied dez Deutschen Melallarbeiteroerbandes, den gewerkschaftlichen und politischen Sinn dieser Aktion zur Behebung der Tlot der Arbeitslosen dar. Das Wohlresultat hat gezeigt, daß weit« Kreise der Arbeiterschaft und des Bürgertums in einer hoffnungslos verzweifelten Stimmung sich für die Kominunistische und Nationalsozialistische Partei entschieden haben. Die große Arbeitslosigkeit hat diese Stimmung mit erzeugt und dazu beigetragen, daß diese Kreis« in ihrer Berzweiflung das wirtschaftspolitisch Mögliche außer acht gelassen haben. Es ist deshalb notwendig, daß gerade diesem Problem größte Aufmerk- samkeit zugewendet und alles getan wird, um die Arbeitslosigkeit nach Möglichkeit zu beseitigen. Die gegenwärtige Regierung läßt jede durchgreifende Tätigkeit oermissen. Di« Arbeitgcberoerbände tragen durch ihre Forderung des Lohnabbaus noch weitere Beunruhigung in die werktätig schaffenden Kreise hinein. So gehen wir einem Winter entgegen, dessen Arbeitslosigkeit katastrophal werden wird, wenn nichts Durchgreifendes geschieht. Da schon ge- nügcnd Explosiostoss vorhanden ist, inuß damit gerechnet werden, daß eine nicht mehr zu steigernde Verzweiflung weite Volksteile ergreift und eine Katastrophe unvermeidbar wird. Di« Arbeitgeber stehen auf dem Standpunkt, daß die Ankurbelung der Wirtschaft nur durch herabsehung der Ge- slehungskoslen möglich ist. Sie verlangen Abbau der Löhne und Soziallasten. Dieses Verlangen ist volkswirtschaftlich begreiflich, da es die Verzweiflung steigert und eine größere Arbeitsmöglichkeit nicht erreicht wird. Es besteht fast gar keine Aussicht, daß durch Kapitalinvestierungen Erleichterung geschaffen werden könnte. In den meisten Industrien ist der Pro- duktioneopparat so ausgebaut, daß er bei weitem nicht ausgenützt werden kann. Bei dem mangelnden Vertrauen des In- und Auslandes, hervorgerufen durch den Ausgang der Wahl, sind langfristige Eeldkredite auch kaum noch aufzutreiben. Durch die ständig zu- nehmende Kapitalslucht wird dieser Zustand außerordentlich ver- schärft. Die Ausfuhrmöglichkeiten zu steigern, besteht ebenfalls kein« Aussicht. War diese Möglichkeit bei den bestehenden Löhnen noch in den letzten Jahren gegeben, so muß jetzt festgestellt werden, daß man durch«ine verkehrte Zoll- und Handelspolitik das Ausland zu Gegen- maßnahmen herausgefordert hat, die den Export von Fertigwaren behindert. Es bleibt also zur Belebung der deutschen Wirtschaft nur der Jnncnmarkt. Der Abbau der Löhne würde die Kauskrast auf dem Znnenmarkt noch weiter schwächen und dadurch nur vermehrte Arbeitslosig. teit eintreten. Wer ernst genommen werden will, muß andere Weg« weisen, zumal die Löhne und Gehälter der Arbeiter, Angestellten und Bc- amten in Deutschland inklusive der Sozialleistungcn wahrlich nicht eine höh« angenommen haben, daß ein Abbau erfolgen kann. Zu- mal niemand mehr den Versprechungen über Preisabbau Glauben schenkt. Anläßlich der Lohnverhandlungen in der Berliner Metallindustrie haben die Arbeitnehmer den Vorschlag gemacht, die 4 0. S t u n d e n- Woche einzuführen, ein Vorschlag, der einer«ingehenden Prüfung wert ist. Er wurde gemacht, als die Verhandlungen der beiden Parteien rcfultatlos zu verlaufen drohten. Die Arbcitgeberseit« wollte diesen Vorschlag einer eingehenden Prüfung unterziehen. Di« dem ADGB. angeschlossenen freien Gewerkschaften haben eine Verkürzung der Arbeitszeit dem Stande der Rationalisierung entsprechend in der gegenwärtigen Krise gefordert. Es bleibt kein anderer Aus- weg, wenn man ernstlich an die Behebung der Arbeitslosigkeit herangehen will. Es muß bei einer Verkürzung der Arbeitszeit selbstverständlich die Bedingung gestellt werden, daß eine entsprechende Anzahl von Arbeitslosen in die Betriebe auf- genommen werden. Darüber hinaus muß Vorsorge getroffen werden, daß sestxns der Arbeitgeber bei ansteigender Konjunktur nur dann die Arbeitszeit verlängert werden darf, wenn der zur Verfügung stehende Produktionsapparat ausgenützt ist. Wenn dieser Weg beschritten wird, und zwar nicht nur für die Berliner Metallindustrie, sondern für die gesamten Industrien des Reichs, so wurde ein« nicht unerheblich« Entlastung des Arbeitsloscnmarkles eintreten. Die London, 29. September.(Eigenbericht.) Der„Sunday-Expreß" vom Sonntag enthält einen Artikel Hitlers, der die Ueberschrift trägt:„Meine Forderungen an die Welt." Was fordert Hitler? Vom deutschen Volk die Regierungs- gefchäste, was aber streng legal und durch Reichstagswahlen er- reicht werden soll. Beileibe keinen Putsch. Vom Ausland will er die Revision des Verfailler Vertrages, des Poung-Planes und die Rückgabe des Polnischen Korridors erzwingen. Wenn das deutsche Volk leiden müsse, so solle es durch ein Nein gegenüber der Welt geschehen und nicht durch ein Ja. Also keine Erfüllungs- Politik! Wie soll das unter einer Regierung Hitlers vonstatten gehen? Durch Krieg? Behüte! Hitler denkt nicht daran. Wie aber? «Durch den gemeinsamen Willen de» deutschen Volke», bis das Ausland sich von ihm überzeugt hat." So sagt hstler wörtlich. Mithin: wenn Herr Hitler die Regierung übernehmen würde, wird er weiterzahlen, wenn er auch in Aus dem Inhalt: Wo Kotten die Nazi» am meisten Erfolg? Seife 3 164-Shmden-Kilomefcr auf der Avus.. Seife 4 Berliner Kinderparadies Nest..... Seife 5 SdbsfdarsfeHangen Bernsteins u. Kaufskys Seite 6 Berliner Arbeiferjugendweihen.... Seife 8 Infelligenzprüfungen bei den Buchdruckern Seite 5 Die Hitler- Neurose auf der Tagung der Individualpsydiologen....... Seife 8 seinem Artikel noch so sehr gegen die Ersüllungspolitiker und gegen die Erfüllungspolitik der Sozialdemokratie, des Zentrums und der Demokraten herzieht. Gegen die Deutsche Volkspartei und gegen jenen Teil der Deutschnationalen, die den Dawes-Plan mitangc- nommen haben, sagt Hitler nichts. Hitler erläutert dann, was er und seine Partei unter„sozialistisch" verstelzen und was sie als „Sozialisten" oerlangen.„Wir sind keine Marxisten. Marxismus bedeutet Feindschaft gegen den Besitz(A n t i p r o p e r t y), wahrer Sozialismus tut das nicht... Ich werde beschuldigt, ich sei gegen den Besitz, ich sei Atheist. Beides ist salsch." Und so kommt Herr hiller zu dem Schlußergednis:„Das Ausland ist dabei, Deutschland zu bolschewisieren. Europa ist blind, wen» es glaubt, dabei immun bleiben zu können. Deutschland will aber allen und der Welt zunutze sein. Deshalb vertraut auf mich, laßt euch von mir raten, seht in mir keinen schwarzen Mann, sondern nur den Freund, der euer Bestes will!" Das sind die Ziele und Ansichten Hitlers, herausgeschält' aus allen schwülstigen Redensarten, mit denen er in Deutschland bisher auf den Dummenfang ausgehen konnte. Er, Hitler, der gegen die alten verlotterten Parteien, gegen die Demokraten, gegen Weimar, gegen die verfaulten Führer, gegen die Nooemberverbrecher und gegen die ganze Welt im Reichstagsrvahlkampf ausgezogen ist, um 2? OVO Granaten explodiert! Französisches Munitionslager in die Lust geflogen. Paris, 28. September. 27 000 Granaten find in letzter Nacht, wie dem „Matin" aus Naney gemeldet wird, in einem Munitions- depot explodiert. Unweit von Lnnevill.c befinden sich fünf große Baracken, in denen Munitionsvorrätc unter» gebracht sind. Tort liegen etwa 140 0V«.1,7»Zentimeter> Granaten. Eine dieser Baracken explodierte mit 27 000 Granaten und 4V Maschinengewchrpatronen-Kästen. Die Patronenhülsen wurden durch die Explosion teilweise SV« Meter fortgeschleudert. Soweit die erste« Feststellungen ergeben haben, soll es sich nach der „Matin"»Depesche um eine vorsätzlich verursachte Explosion handeln, ähnlich denen, die sich gegen Ende des vergangenen Jahres in mehreren Pulverfabriken in Frankreich ereigneten. Tic beiden Wachtposten erklärten bei ihrem Verhör, sie hätten gegen Mitternacht verdäch- tige Geräusche wahrgenommen. alle unter seinen Willen zu beugen, derselbe Hitler empfiehlt sich im„Daily Expreß" den bürgerlichen Parteien Deutschlands als ein guter Geschäststcilhaber, als guter Christ, als Beschützer des Kapi- tals und als treuer Fürsprecher der deutschen Scharsmacher. Kein Wort mehr gegen die Juden, gegen die jüdische Börse. Dem Ausland weist er seine Regierungsfähigkeit nach, indem er sich ihm als Retter und Verbündeter gegen den Bolschewismus und gegen die Sozialdemokratie vorstellt. Deshalb bettelte er am Sonntag in dem Blatt des Lord Rochermere um das Bündnis mit England, dessen Regierung den Namen von Macdonald trägt. Deshalb schreibt er am Sonntag seinen Artikel für Lord Beaverbrook, den zweiten großen Deutschlandhasser unter den englischen Pressemagnaten, den zweiten englischen Anbeter der Gewalt und des Verfailler Vertrages. Am Tag« nach dem 14. September war hiller«in Problem für Europa und eine Gefahr. 14 Tag« sind verstrichen, und der „Observer" zitiert am Sonntag auf ihn ein Wort des deutschen Musikers Hans von Bülow: „Ein Tenor ist kein Mann, er ist eine Krankheit."" Ai» einen größenwahnsinnigen Schwätzer sieht ihn dos Ausland heute, und es kann nach dem Artikel im„Sunday Expreß" nicht lange dauern, bis auch in Deutschland die Massenftucht vor ihm beginnt. Die Londoner Montagsbörs« dürfte im Zeichen des Auf» stiegs der deutschen Wertpapiere stehen. Wirth meint, das Zentrum hält Hitler nicht aus Das Organ des Reichsinnenministers Wirth, die„Deutsche Re- publik", nimmt zur Frage der Beteiligung des Zentrums an einer Regierung mit den Nationalsozialisten wie folgt Stellung: „Die deutsche Zentrumspartei hat sich in den letzten Iahren innerlich sehr gekräftigt und ihre Führer werden keine Neigung ver- spüren, alte Wunden aufzureißen. Jedes cffene oder versteckte Paktieren mit den Nationalsozialisten müßte das Gefüge selbst dieser von so wirksamen Bindungen zusammengehaltenen Partei u n h c i l- bor zersprengen." Um so besser! Krankreich bleibt friedlich— sagen Tardieu und perei. Pari», 29. September.(Eigenbericht.) Der französische Ministerpräsident Tardieu erklärte am Sonntag in Alencon unter Bezugnahme auf die deutschen Wahlen, daß Frankreich seine friedliche Außenpolitik sortsetzen werde. Auch der Justizminister Peret, der am Smmtag in einer Pro- oinzswdt sprach, betonle, daß Frankreich nicht in der Lage sei, eine Gewaltpolitik gegen Deutschland zu führen. Dies« Po- litik würde größere Rüstungen verlangen, wozu aber die Bürget- einnahmen Frankreichs nicht ausreichten.- Der radikale Parteiführer Da lädier protestierte in einer Rede in Orange gegen die nationalistischen Quertreiber in Frank- reich, die immer lmiter zu behaupten wagten, daß die Loearno- Politik Schiffbruch erlitten habe. Großfeuer in Lichtenberg. Tn einem Schuppen der Gußstahlsabrik Härtung in Lichtenberg in der kzerzbergstr. 123 brach am Sonntagmittag ein Feuer aus, das nach kurzer Zeit aus zwei weitere Schuppen und ein Fabrik- gcbäude übersprang. Die Feuerwehr konnte da» Feuer im Fabrikgebäude sehr schnell eindämmen und löschen, die Schuppen brannten aber nieder. In einem Schuppen auf dem Hof der Fabrik lagert Handwerk» zeug und Eisen. Im gleichen Schuppen befindet sich auch eine elek» irische Anlag« mit einem heizwidcrstand. Vermutlich ist dieser heizwiderstand am Sonnabend nicht ausgeschaltet worden, die feinen Drähte wurden überhitzt, zersprangen und entzündeten einen holz- stopel. Das Feuer schwelte erst einige Stunden. Dadurch ver- breitete sich das Feuer immer mehr und plötzlich schlugen hohe Flammen au» dem Schuppen. Als die Feuerwehr unter Leitung von Branddirektor Hammer und Baurat Günther eintraf, war das Feuer bereits auf die zwei weiteren Schuppen und das Fabrik- gcbäude übergesprungen. Die Feuerwehr hatte mehrere Stunden schwer zu arbeiten. Gegen Haßpolitik und Kriegshetze Eine GfcOe Hermann Müllers in Zürich psychologischen und moralischen Einwirkungen auf die Arbeiterschaft wären von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Hoffnung und Zuversicht nicht nur bei den Arbeitslosen, sondern auch bei den in Arbeit Stehenden würde wieder Plah greifen. Auch der heute in Arbeit Stehexde muß ständig das Gefühl haben, morgen seine Entlassung oder Kündigung zu bekommen. Dieses Ge- fühl muß sich dahin auswirken, daß er das ihm zur Verfügung stehende Geld für unbedingt notwendige Anforderungen des täglichen Lebens nicht ausgiebt, sondern sich aufs eng st e einschränkt, um für die Notzeit einer eintretenden Arbeitslosigkeit einige Spar- groschen zu haben. Das bedeutet eine wesentliche Einschrän- � kung des Konsums. Wird dieses Gefühl beseitigt und gibt man Hunderttausenden wieder Aerdienstmöglichkeit, um kaufen zu können, was sie nach kurzer oder langer Arbeitslosigkeit dringend benötigen, so würde sich dadurch ebensalls eine Belebung des Marktes � einstellen. Das Beschreiben dieses Weges hat aber auch noch eine andere Auswirkung von höchster Bedeutung. Drängen die Arbeitgeber auch nach wie vor auf einen Abbau der Leistungen bei der Arbeitslosen- � Versicherung, so hat sich doch die Auffassung durchgesetzt, daß zur Zeit dix Arbeitslosen in den jetzigen Bezügen nicht gekürzt werden I»Das, was ihr hier lernt, habt ihr auf eure Familien und Freunde zu übertragen, verstanden, Leute?!" dürfen. Trägt sich doch die gegenwärtige Regierung damit, die Bei- -Tträge zur Arbeitslosenversicherung von 4Vj auf 6% Proz. zu erhöhen. Arbeitslose im Produktionsprozeß untergebracht, bedeutet die . Verringerung der Mittel, die der Arbeitslosenversicherung zur Ver- sügung gestellt werden müssen. Die geplante Beitragserhöhung könnte zugunsten beider Teile, Arbeitgeber und Arbeitnehmer� wegfallen. Darüber hinaus aber noch weitere Summen bei der . Arbeitslosenversicherung eingespart werden. von den Arbeitern wird bei einer solchen Verkürzung der Arbeitszeit Opfer und ein hoch ft maß von Solidarität ver- langt: sie werden dazu bereit sein, komme man nicht vvn feiten der Industriellen mit dem Einwand, daß durch die Einstellung weiterer - Arbeitsträsle erhöhte Ausgaben für Soziallei ftungcn .aufgebracht werden müssen, wenn die Erhöhung der Beiträge für die Arbeitslosenunterstützung nicht in Kraft treten braucht, so rechne man diesen Prozentlalz einmal um aus die heute beschäftigten Arbeiter. Man wird feststellen müssen, daß dann von Opfern der Industrie nicht mehr gesprochen werden kann. Ganz abgesehen von sonstigen Ersparnissen sür die Betriebe bei einer Arbeitszeit von fünf Tagen in der Woche oder sieben Stunden den Tag. Es gilt einen außerordentlichen Notzustand zu bannen, der sich von Tag zu Tag verschürst. Zwangsläufig wind sich die Forderung ' der Berkürzung der Arbeitszeit durchsetzen, weil die Entwicklung der ' Verhältnisse keinen anderen Ausweg mehr übrig läßt. Je eher die Einsicht bei den Gegnern kommt, um so besser ist es. Mögen die ''Verhandlungen in der Berliner Metollirtdustrie dazu führen, daß der »/Weg zur A r b e i t s z e i t v e r kii r z u n g frei und als nach- ohmrnswertes Beispiel sür alle Industrien beschritten wird. Stichwahl in Paris Zwischen Sozialdemokrat und Kommunist Pari?. 29. September.(Eigenbericht.) Bei der Nachwahl zur Kammer im 20. Arrondissement in Paris gelang es dem kommunistischen Kandidaten Thorez 4256 Stimmen zu erobern. Der Sozialist Iardel erhielt 3673 Stimmen. Am nächsten Sonntag findet«ine Stichwahl statt. Die Kommunisten veranstalteten am Abend mehrere Straßen- Kundgebungen. Es kam zu heftigen Zusainmcnstößen mit der Polizei. Ig Polizisten wurden verletzt, 95 Kommunisten mußten �den Weg zur Polizeiwache antreten. Opel schließt-12 Tage. Massenentlassungen von Arbeitern und Angestellten. Franksurl a. M., 29. September.(Eigenbericht.) Die Opel-Werke kündigen an, daß ab 15. Oktober der Gesamt- betrieb 12 Tage geschlossen wird. Veränderungen in der Arbeiter- und Angestelltenschast seien in dem Rahmen zu oerzeichnen, wie sie in jedem größeren Betrieb vorkommen. Es scheint, daß die Veränderungen einen ziemlich großen Uni- fang annehmen. Die in der Fabrikation der 8-LZ-Wag«n beschäftigten Arbeiter sind bereits entlassen worden. Man hört auch, daß zahlreiche Entlassungen von Meistern vorgenommen werden sollen, und daß einer Anzahl von Ingenieuren gekündigt werden sei. Auch soll ein erheblicher Teil des kaufmännischen Personals abgebaut werden. Reichsbanner Tiergarten. Achtung! Die heutige Ortsvereins- Versammlung, in der Kamerad Dr. h a u b a ch über das Thema: „Was nun?" spricht, findet nicht, wie irrtümlich angegeben, im «chullheiß- Patzenhoier, sondern in den Arminiussälen, Bremer Straße 72/73, statt. Zürich, 29. September.(Eigenbericht.) Der frühere Reichskanzler Herma.nn Müller sprach heut« im großen Saal der Tonhalle auf Einladung des Lesezirkels Hottingec über das Thema„Deutfch-französische Annäherung als Garantie des europäischen Friedens". Sowohl die Persönlichkeit des Redners wie auch das Thema, über das Hermann Müller sprach, hatten einen starken Andrang von Zuhörern zur Folge. Der Redner gab zunächst einen Ueberblick über die gegenwärtige politische Lage in Europa und sah in der Annäherung der beiden großen Nachbarländer, Deutschland und Frankreich, ein Ziel, das nicht nur den Interessen dieser beiden Länder, sondern ganz Europa dienen werde. Er bezeichnete als Voraussetzung für jede frucht- bare Zusammenarbeit die Notwendigkeit der Abrüstung der G e i st e r. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Völkern Europas bedürfen des Ausbaues, an dem Deutschland im Hinblick auf die wirtschaftlichen Probleme der Reparationsleistungen besonders interessiert ist. Gewiß wird dies« wirtschaftliche Ver- ständigung schwieriger durchzusetzen sein als etwa die Errichtung einer europäischen Sektion im Völkerbund. Eine solche kann nur in Frage kommen, wenn am Prinzip des Völker- bundes nicht gerüttelt wird. Er muß universal bleiben, die Rechtsstreitigkeiten dürfen der Entscheidung des Völkerbundes nicht entzogen werden. Aber auf politischem Gebiet, so in der Anschlußsrage, könnte eine europäische Sektion sehr gute Vorarbeit leisten. Sie darf jedoch nicht zu einem Diskutierklub werden, wie das mit der Abrüstung und den Minderheiten im Völkerbund der Fall ist. Andererseits darf aber auch nicht der Ruf Frankreichs nach Sicherheit überhört werden. Es wird „Vorwärts"- Fahrer getötet. Einem Motorradunfall zum Opfer gefallen. Ein Zeilungssahrer des„vorwärts", der neunzehnjährige Georg W c i m a n n. ist gestern einem Molorradunsall zum Opfer gefallen. An der Kreuzung der Invaliden- und Eichendorssflraße kollidierte sein Motorrad mit einem Aulo. weimann zog sich eine schwere Gehirnerschütterung zu. der er. ohne die Besinnung wieder. erlangt zu haben, in den Morgenstunden des Montag im Kranken- Haus erlag. Die Schuldsroge ist noch nicht geklärt. Weimann. der seit mehreren Zahren im Betriebe des„vorwärts" tätig war. war ein äußerst ruhiger und sicherer Fahrer, der sich auch bei Radrennen häusig ausgezeichnet halte. * Mit Georg Weimann hat die Redaktion des„Vorwärts" einen lieben, immer dienstfreudigen, immer fröhlichen Arbeitskollegen ver- loren. Zu jeder Arbeit stets bereit, niemals mißmutig, mit jugcnd- frischem Lachen die Dinge nehmend, war er ein Typ des jungen, aufstrebenden Arbeiters. In den wenigen Lebensjahren, die ihm ein grausames Schicksal gegeben Hot, zeigte er sich als ein Mensch, der Liebe zu Pflicht und Arbeit mit Freude am Leben verband. Sein jäher Tod versetzt alle, die ihn kannten, um so mehr in Trauer, als er das einzige Kind einer Kriegerwitwe ist. Das Andenken Georg Weimanns wird bei allen Angehörigen unserer Redakt>on in Ehren gehalten werden. polilische Geldklemme. Fortgesetzte Kapitalflucht.— Auslandskapital meidet Deutschland. Es war zu erwarten, daß der Septemberschluß aus dem Geld- mar l't nach den Hitler-Wahlen schwierig werden würde, aber er scheint- schlimmer zu werden, als man besürchtet hatte. Der Zinssatz für Tagesgelder ist heute vormittag schon aus 5 bis 7 Proz. hinausgegangen, und es scheint, daß in den nächsten Tagen die Sätze noch, st eigen werden. Die privaten Banken haben zwar sür den Monatsschluß sich einzudecken versucht, aber da sie ja auch noch ständig weiter Devisenkaus besorgen müssen, scheint alles nicht auszureichen. Die Kapitalflucht dauert fort und so wird Geld gebraucht, um Devisen zu kaufen und die B e- schaff ung von Allslandsgeld ist schwer, weil entweder das Ausland die kalte Schulter zeigt oder hohe Zinsen verlangt. Es liegt also eine echte politische Geldklemme vor, deren unangenehme Folgewirkung eine weitere K a p i t a l v e r- tcuerung in Deutschland ist. Die Panik ist vorbei, aber es ist eine sehr ernste und fortdauernde Beunruhigung im Inland und Ausland geblieben, die das deutsche Wirtschaftsleben schwer schädigt. Die Reichsbank dürste zum Monatsschluß sehr stark in Anspruch genommen werden. Man rechnet, daß zu den 266 Mil- lionen bis zum 22. verlorenen Gold- und Devisenbeständen seitdem noch 240 Millionen hinzugekommen sind, so daß die Reichs- dank für Kapitalflucht und Markoerteidigung seit dein 15. schon etwa eine halbe Milliarde hat opfern müssen. Es wird allerhöchste Zeit, ernschaft gegen die Kapitalflucht etwas zu tun. Die Börse war heute wieder durchaus schwach. Auch AEG.-, Siemens- und Farben-Aktien verloren wieder zwei bis drei Punkte. Oer BVG.- Aufsichtsrat tagt. Vorläufig keine Aenderung des Tarifes. Heut« nachmittag tritt der A u f s i ch t s r a t der Berliner Der- kehrs-Gesellschaft zu seiner ordnungsmäßigen Sitzung zusammen. Entgegen anderslautenden Meldungen wird man sich über eine Um- s ferner nötig sein, die Bestimmungen des Dölterbundspaktes über die Revisionsmöglichkeiten internationaler Verträge praktisch wirksam zu machen. Selbstverständlich darf aber wegen eines Stück Landes niemals ein Krieg geführt werden. Eine gemein- same europäische Politik, garantiert durch Deutschland und Frankreich, würde auf dem Kontinent die K r i e g s g e s a h r so gut wie aus- schließen. Es wird mir nach der letzten Reichstagswahl vielleicht entgegen- gehalten werden, daß anscheinend eine Politik des Entgegenkommens und der Verständigung in Deutschland keine Früchte trägt. Dieser Hinweis ist falsch. Gewiß haben bei der Radikalisierung großer Wählerschichten auch außenpolitische Momente eine große Rolle gespielt. Ihren Zulauf aber erhielten die beiden extremen Parteien aus den Kreisen der Wählerinnen und Wähler, die über ihr« Ver- elendung erbittert waren und in der Zukunft keinen Lichtblick sahen. Außenpolitisch lönnen die Nationalsozialisten nicht bedrohlich werden, ebenso wenig wie ihr Vorläufer, der Putschist Kapp, der 1920, als er feine Fünftageregierung antrat, der britischen Militärmission in Berlin sofort versichern ließ, daß er den Versailler Vertrag selbst- verständlich halten werde. Freilich ist eines nötig, wenn das deutsche Volk bald mit dieser Bewegung fertig werden soll. Das deutsche Bürgertum muß sich auf seine kulturelle, soziale und außenpolitische Mission besinnen. Für die Politik der Verständigung tritt die deutsche Sozialdemokratie auch nach dem 14. September mit aller Energie ein. Trotzdem sie wie keine andere Partei sür den Vertrag von Versailles, für den Dawes-Plan und für den Poung-Plan verantwortlich gemacht wurde, ist sie mit 145 Mandaten wieder die stärkste Partei des Reichstages. Jeden- falls gibt das Wahlresultat keinen Anlaß zum Verzweifeln. Nur werden die Freunde einer friedlichen Verständigung arbeiten müssen, und zwar mehr denn je gemeinfam arbeiten müssen. gestaltung des Berliner Tarifes noch nicht schlüssig werden. Be- tanntlich hat die BVG. zwei Sachverständige, Geheimrat Kemann und Professor Giese, zur Abgabe eines Gutachtens aufgc- fordert. Dieses Gutachten wird erst in einiger Zeit vorliegen. Größeren Raum bei der heutigen Beratung wird dagegen die Ange- legenheit der Schützen- Wagen einnehmen. BlutigeKrawallezwischen�adikalinskis Lleber vierzig Verletzte. Schwarzenberg i. Erzgebirge. 29. September. Am Sonnlagnachmittag kam es in Bermsgrün. wo die Rational. sozialisten eine Versammlung abhalten wollten, zu einem schweren Zusammenstoß mit Kommunisten. vor der Versammlung veranstalteten die Rotionalsozialisten einen Umzug durch den Ork. Vor dem Gemeindeamt versuchte eine Abieilung Kommunisten, den Zug zu durchbrechen. Ein Teil der Kommunisten, der mit Schlagwerkzeugen ausgerüstet war. hieb sofort aus die Ralionalsozialislen ein. Die anderen Kommunisten rissen Zannlailen ab und holten vom Hof eines Hauses Knüppel, mit denen sie aus die Rationolsozialisien einschlugen. Auch die Rotionalsozialisten rissen daraufhin Zaunlatten ab und die Gegner hieben in einem wüsten Knäuel auseinander los. hierauf kamen vom Sporl- plah her auch einige Rotfporiler in Sportkleidung und bombardierten die Rationalsozialisten mit Steinen. Auch Frauen und Kinder wurden in die Krawalle hineingezogen. Bei der Schlägerei gab es auf feiten der Rationalsozia. listen vier Schwerverletzte, die in das Krankenhaus nach Zwickau gebracht werden muhten, weiter wurden mindestens 25 Rotionalsozialisten leichler verletzt. Die Zahl der verletzten Kommunisten konnte nicht genau festgestellt werden, da diese ihre verletzten sofort in die Häuser brachten. Iedoch dürste sie mindestens 12 Personen betrogen, ver Platz vor dem Gcmcindcami bot einen wüsten Anblick. Im Sprungtuch aufgefangen. Im dritten Stock des Hauses Gropinsstraße 4 kletterte heute vormittag ein GeisteÄkranker aus die Fcnsterbrllstung und hielt ein« Ansprache an die sich rasch sammelnden Straßenpassanten. Der Geisteskrank« kündigt« in seinen Reden an, er werde sich auf die Straße stürzen. Beherzte Passanten alarmierten die Feuerwehr, die auch in wenigen Minuten eintraf und mit einem Sprungtuch vor dem Hause Ausstellung nahm. Bevor die Feuerwehrleute in die Wohnung«indringen konnten, sprang der Mann plötzlich vom dritten Stock in die Tiefe. Cr wurde vom Sprungtuch aufgefangen und in das Birchowkrankenhaus eingeliefert. Nerufungsverhandlung gegen Böß. Hermetische Absperrung im OberverwaltungsgebäuVe. Um die Berufungsverhandlnng gegen Oberbürgermeister Böß, die für heute vor dein Oberverwaltungsgericht angesetzt ist, möglichst unbemerkt von der Oeffentllchkeit beginnen zu lassen, hatte man zu ungewöhnlichen Maßnahmen gegriffen. Obgleich der offizielle Beginn der Verhandlung für 914 Uhr anberaumt war. während sonst die Sitzungen der Senate immer erst um 10 Uhr beginnen, fuhr Oberbürgermeister Böß mit seinen beiden Ver- tcidigern, den Rechtsanwälten Dr. Preuß und Dr. Fischer, bereits gegen 9 Uhr vor dem Berwaltungsgericht vor, vor dem mehrere Streifen der Schutzpolizei patrouillierten. Den Pressevertretern wurde auf Anordnung des Vorsitzenden des 9. Senats, Geheimrats v. Seipius, sogar der Z u l a ß zum Gebäude selb st kategorisch verweigert. Im Jagen 84 des Grunewalds an der Verbindungschausice Potsdam— Großer Stern fand vor einigen Tagen«in Spaziergänger in einer Brombeerhecke, die etwa 50 Meter vom Wege ab steht, mehrer« Gegenstände, die ihm verdächtig vorkamen. Es waren em blutiges Taschentuch ein Kursbuch aus dem Jahre 1928, eine JZ.- Karte von Deutschland, ein paar alte braune Halbschuhe und ein Pantoffel. Auch an de» Blättern des Brombeerstrauches waren B l u t s p r i tz e r zu sehen. Die Polizei, die von dem Fund« be- nachrichtigt wurde, setzte einen Spürhund an, der aber die Fährte nur bis zur Chaussee verfolgen konnte, j Wo hatten die Nazis am meisten Erfolg? Vor allem auf dem protestantischen Lande- in katholischen Gebieten schwächer- in Berlin am schwächsten— Sozialdemokratische Landarbeitermehrheiten in Gutsbezirken � Die Verteilung der nationalsozialistischen Stimmen nach den einzelnen Wahlkreisen zeichnet sich durch eine beachtenswerte Gleich- Mäßigkeit aus. Während der prozentuale Anteil unserer Stimmen in den verschiedenen Wahlkreisen zwischen 9,3 und 39,4 Proz. und der Anteil der kommunistischen Stimmen zwischen 4,7 und 33 Proz. schwankt, bewegt sich der Anteil der nationalsozialistischen Stimmen in den Grenzen zwischen 9,4 und 27 Proz., aber derart, daß ein viel größerer Teil der Wahlkreise in der Mitte konzentriert ist. Die Gegenüberstellung, die wir in dem vorangehenden Aufsaß gegeben haben, sieht durch die nationalsozialistischen Stimmen ergänzt sclgendermaßen aus: Zahl der Wahlkreise mit einem prozentual en Anteil der In mehr als der Hälfte oller Wahlkreise bewegt sich also der Anteil der nationalsozialistischen Stimmen in ziemlich engen Grenzen, zwischen 18.5 und 24,3 Proz. Die Mehrzahl der Wahlkreise, in denen die Nazis bedeutend schwächer sind, sind die Kreise mit einem starten Anteil der katholischen Bevölkerung, in welchen auch das Zentrum bzw. die Bayerische Voltspartei sNiederbayern) zu den Gegnern der Nazis gehören. Sehr aufschlußreich ist aber vor allem die Tatsache, daß der Wahlkreis Berlin für die Nazis zu den schlechtesten Kreisen gehört. Von den beiden Kreisen, die ausschließlich die Stadtteile Groß- Berlins umfassen, haben die Nazis in Berlin 12,8, in Potsdam II aber schon 16,7 Proz. erhalten. Wenn wir den Gründen dieses Umerschicd� nachgehen, so stellt sich heraus, daß in Groß-Berlin die Nazis in den Stadtteilen, in deren Bevölkerung die Beamten stark vertreten sind, besonders stark find. Leider lassen sich nach der Bevölkerungsstatistik die Beamten von den A n g e st e l l t e n, bei welchen allerdings die Nazis auch keinen geringen Anklang fanden (Handlungsgehilfenverband!), nicht trennen. In ganz Groß-Berlin haben die Nazis 14,6 Proz. der Stimmen erhalten. Weit über dem Durchschnitt lag ihr Anteil in sünf Verwaltungsbezirken, deren soziale Zusammensetzung in der nachfolgenden Zusammenstellung charakterisiert wird: Anteil Bon der Gcsamtbcvölkeruna entfielen auf Berwaltungs- der Nazi- Beamte und.,.. bezirke Stimmen S-lbstSndige Angestellte Arbeiter Pro». Pro,. Proz. Proz. ' Steglitz..,. 23,3 18,9 38.9 23.3 Schöneberg.. 19.9 21,7 35.6 23,5 Wilmersdorf.. 18,8 26,6 32.9 16.0 Charlottenburg. 18.3 19,8- 31 7 29.3 Zehlendorf..» 17,7 26,4 29,9 19,2 Dagegen sind die Nazis in folgenden Verwaltungsbezirken am schwächsten: Anteil Von der Gesamlbevölkerung entfielen auf Berwaltungs- der Nazi. Beamte und. bezirke Stimmen Selbständige Angestellie Arbeiter Proz. Proz. Proz. Pro,. Wedding..,, 8.9 12.0 20.6 57,0 Neukölln.... 11,1 13,2 25.6 51,4 Friedrichshain.. 11,6 15,2 21,7 52,1 Prenzlauer Berg. 11,9 16,2 27,1 45,2 Zweifellos haben die Nazis starke Erfolge auch bei den selb- ständigen Gewerbetreibenden gehabt; besonders auf- fallend ist aber der Parallelismus zwischen ihrer Stärke und dem Anteil der Beamten und Angestellten an der Gesamtbevölkerung. Trotzdem wäre es falsch, die Schlußfolgerung zu ziehen, daß die Nazis überhaupt keinen nennenswerten Erfolg bei der Arbeiterschaft hatten. Auch für Berlin läßt sich leider vermuten, daß die Nazis einen Teil der jungen Arbeiterwähler für sich gewonnen haben. Im Wedding z. B. haben wir und die Kommunisten zusammen diesmal ungefähr die gleiche Stimmenzahl bekommen wie im Mai 1928(163 842 gegen 163 429), während die Zahl der Wahl- beteiligten um etwa 5 Proz. größer war. Wenn aber die Nazis in der Pfalz 22,7 oder in Chemnitz-Zwickou 23,9 Proz. erhielten, so steht es schon den früheren Erfahrungen nach fest, daß sie in diesen Fällen sehr viele Arbeiter stimmen, namentlich in bestimmten Industrien(Schuhindustrie in Pirmasens, Stickereien in Plauen), ge- wonncn haben. Eine starke Anhängerschaft fanden die Nazis in den Gegenden mit stark entwickelter, jetzt notleidender H e i m i n d u- st r i e. Aber auch bei den Bergarbeitern und vielleicht in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets scheinen sie einen gewissen Anklang gefunden zu haben. In Düsseldorf-Ost haben sie 17 und in Düssel- darf West 16,7 Proz. aller Stimmen erhalten. Ganz gewaltig waren aber die Erfolge der Nazis vor allem auf dem Lande, und in evangelischen Gegenden viel stärker als in katholischen. Sie erhielten z. B. in Ostpreußen 22,4 Proz., in Pommern 24.7 Proz., in Schleswig-Holstein 27 Proz., in Frankfurt a. O. 22,7 Proz. und in Mecklenburg 2V Proz. Sogar in einem so ausgesprochen katho- tischen, zugleich aber ländlichem Kreise wie Koblenz-Trier haben sie 14,9 Proz. erhalten, während sie in dem industriellen katholischen Kreis Oppeln nur 9,6 Proz. erhielten. Eine interessante Ausnahme stellt Wür Hemberg dar, wo die Nazis dem Bauern- und Weingärtnerbund keinen st arten Abbruch zu tun vermochten, namentlich im Vergleich damit, wie sie in Pommern und Ostpreußen die Deutschnationalen erreicht oder sogar überflügelt haben. Es wird übereinstimmend darüber berichtet, daß die Nazis auf dem Lande vor allem � die junge vauerngeneration vollkommen beherrschen. Dagegen scheinen sie bei den Landarbeitern nicht so starke Erfolge gehabt zu haben, während wir, soweit ich nach den mir vor- liegenden Einzelergebnissen beurteilen kann, uns bei den Land- arbeitern g u t g e ha l t e n haben. Es ist auf jeden Fall bezeichnend, daß wir z. B. in Pommern in manchen Ortschaften, wo die guten Zahlstellen des Landarbeiterverbandes vorhanden sind, absolute INehrheiten sogar bi» über 60 Proz.(in den Gut». bezirken!) errungen haben. Es wird notwendig fein, genau zu llNtersuchen, wie sich unsere Stimmen auf dem Lande verteilen. Dazu ist eine sehr mühselige Arbeit erforderlich. Eine solche Untersuchung ist aber möglich, und sie ist für uns außerordentlich wichtig. Vorläufig läßt sich fest- stellen, daß wir uns auf dem Lande als Regel dort am besten behaupten, wo die Organisationen des Landarbeiter- Verbandes durchgedrungen sind. In solchen Ortschaften treten auch häufiger als in den anderen ländlichen Ortschaften die Schranken für die nationalsozialistische Lawine in Erscheinung. Die Nationalsozialisten bewirkten auch auf dem Lande, wie in den Städten, eine starke Aktivisierung der Wähler, die bis jetzt entweder völlig passiv blieben(Nichtwähler) oder in der Hauptsache ihren traditionellen Bindungen entsprechend wählten. Die traditionellen Bindungen sind nun gründlich erschüttert worden, sie wurden durch die junge Generation nicht über- nommen. Eine sich auf die evangelische Kirche stützende Organisation wie der Christlich-Soziale Volksdienst hat nennenswerte Erfolge nur bei den Frauen und vor allem sicherlich bei den älteren Frauen gehabt. Die Loslösung von den traditionellen Bindungen hat aber auch auf dem Lande eine verstärkte politische Differenzierung der Klasscnlage gemäß zur Folge. Die Wahlstatistik bietet sehr aufschlußreiches Material dazu, seine Bearbeitung kann aber nur in einer ausführlichen, speziellen Untersuchung Platz finden. Schon diese erste, unvermeidlich lückenhafte Betrachtung zeigt uns, wie verschiedenartig die Bevölkerungsgruppen sind, die jetzt durch die nationalsozialistische Bewegung erfaßt werden. Man darf sogar nicht nur von einer Mischung, sondern muß mindestens von zwei unter einem Dach zusammengefaßten Mischungen sprechen, nämlich von einer in den Städten und Jndustricbezirken und von einer anderen auf dem Lande. In diesem Zusammenhang müssen wir uns daran erinnern, daß es auch im Mai 1924 zwei Quellen waren, aus denen die Bestandteile der nationalsozialistischen Bewegung bei ihrem ersten erfolgreichen Austreten stammten. Die „Deutsch-Völkische Freiheitspartei", die damals mit einem Schlag nahezu 2 Millionen(1 918 310) Stimmen und 32 Mandate erobert«, war ein Wahlbündnis zwischen der vornehmlich bayerischen und st ä d t i s ch e n(München, Nürnberg) Hitler-Beweoung und der agrarischen völkischen Bewegung in Mecklenburg unter der Führung von Gräfe. In drei Wahlkreisen, in denen damals Haupt- sächlich die Stärke der Bewegung lag, haben die Nazis jetzt trotz einer viel stärkeren Wahlbeteiligung ihre prozentuale Stärke vom Mai 1924 nur annähernd erreicht(in Franken 20,6 gegen 20,7 Proz. bei den Maiwahlen 1924, in Oberbayern-Schwaben 16,3 gegen 17 und in Mecklenburg 20 gegen 20,8 Proz.). Im Vergleich mit diesem ersten Ausbruch zeichnet sich die neue nationalsozialistische Welle nicht nur durch die von ihr in einzelnen Kreisen erreichte Stärke, sondern vor allem dadurch, aus, daß sich die Bewegung in Stadt und Land mit erstaunlicher Gleichmäßigkeit verall- g e m e i n e r t hat. Eine nähere Betrachtung muß aufdecken, in welchem Maß diese Verallgemeinerung der Bewegung auch die Aenderung ihrer sozialen Zusammensetzung bedeutet hat. G. D. 164 Stundenkilometer auf der Avus Das Kroße Motorradrennen des DMV. Aus der Avus fand gestern das Zniernationale Motorradrennen um den Großen Väderprei», veranstaltet vom Deutschen Mokorradfahrerverband, statt. Da» Ergebnis des Tages war das Aussallen der Aabrikteamsahrcr und der Sieg der herrensahrer. Es war ein trüber Tag, tiefe Regenwolken hingen herab, als unübersehbare Zuschauermassen zur Avus, zu den Internationalen Motorradrennen pilgerten. Endlos die Reihen der Automobile, Motorräder und aller möglicher vorsintflutlichen Vehikel, die man noch einmal aus dem Stall gezogen hatte. Innerhalb der Avus selbst, die Tribünen, die große Freifläche der Nordschleise schwarz vor Menschen. Der Himmel klärt sich etwas auf. Flugzeuge schwirren in der Luft herum, dort läßt die Jugend Drachen steigen. Ein ganz eigenartig gemischtes Bild, das sich den Augen bietet. Und als wir noch nachsinnen, brausen auch schon die ersten Fahrer an uns vorüber, diesmal die Maschinen mit Seitenwagen. die drei Runden zu absolvieren haben. Gleich zu Anfang gibt es hier Ausfälle. Große Geschicklichkeit legen vor allen Dingen die Beifahrer an den Tag; besonders in den Kurven, beim Ucber- holen ist ein gutes Zusammenarbeiten zwischen Fahrer und Bei- sahrer von großer Wichtigkeit. Sie entwickeln sich hier zu einer ganz besonderen Art von Akrobaten. Besonders Weyres-Aachen (Harlcy-Davidson) und Kürten- Düsseldorf(Tornox) liefern sich zum Schluß noch einen scharfen Kamps, den letzterer mit einer Fünftel- sekunde Vorsprung für sich entscheiden konnte. 120,9 Kilometer Stundendurchschnitt hat er herausgefahren.« Nun sollen die Solomaschinen folgen, auf die sich das ganze Interesse konzentriert. Mit fieberhafter Spannung richten sich aller Blicke nach dem Startplatz. Aber: Startverzögerung! Warum? Weil ein Teil der Zuschauer, ohne die große Gefahr zu beachten, die Ab- sperrung durchbrochen hat und auf die Fahrbahn flutet. Dazu springen Zaungäste schnell herüber, um sich noch einen besseren Platz zu sichern. Die Polizei hat ihre Last. Endlich mit dreiviertel- stündiger Verspätung wird der Start freigegeben. 70 Maschinen brausen nacheinander vorüber. Als die ersten aus der ersten Runde zurückkamen, sieht man schon, wie sich die schnellsten aus dem Gcsamtfeld herausgeschält haben. Schon wird ein mörderisches Tempo angeschlagen. Das soll 350 Kilometer durchhalten? Welcher Motor will das aushalten? HandlcyTornar-Iav) 29:34,3(120,9 ötunbcntilomctetj; 3. Paul SJcnres-Pciljcn (fcatlcD-Stooibfor.) 29:34,4; 3. Ar.ia tzaspcl-fftiibctg(OD-Jap) 30:1«�.— Bi« 000 ccm; Saus Nahrmon».Fulda(Sotcrt 32:15,3(110,3 Etundeukilomcter); 2. 9IIftc5 Bockrodi-Saniburg(Rudgc-Withworih) 32:18,4; 3. Erich Eanniag-Sohu- öotf(OD-Jap) 34:35,3.— Bis 350 M-m; 1. Harr«$f«ct-BrcfcIb(AIS) 32:32 (109,7 ötnnbcntilomcift): 2. Arthur Hillcr.Fcucrbach(Montgomery-Iap) 32:32,2: 3. Hans Hippmann-Brrlin(AIS) 32:35,2. Solomaichinen(353,145 ftilomclct): Bis 1000 ccm: 1, Huth-Bischofswalbe (BMW) 2:30:00,3(141,2 Stimbcntilomctct); 2. E. ttrafi-Obcrohmcn(BMW) 2:30:01; 3. ftrih Boupain-Bönigsbcr« i. Pr.(BMW) 2:89:19.— Bis 500 ccm: 1. Simcoi-chcnf(Motosacoche) 2:31:17<140 Stunbepkilometer); 2. Ischinacr- (120.4 Stunbcnkilomcter): 2. Nohrmann-Julba(Herculcs-Iap) 2:52:25,4; 3. Änets. Äönigsbcrg i. Pr.(Arbic-Jap) 3:02:47,3. Drei Schüler vergiftet. Beim Aaden durch Gas umgekommen. Aus Budapest wird gemeldet, daß im Wasserreservoir des keszlhelyer Eleklrizitälswerke» drei Gymnasialschüler l o l ausge- sunden wurden. Die Unlersuchung ergab, daß die in unmittelbarer Nähe des Wasserreservoirs lausende Gasleitung schadhaft war und die drei Knaben, die in dem Reservoir gebadet hatten, von den ausströmenden Gasen getötet wurden. Taut in Charlottenburg. Oer Schöpfer großzügiger Siedlungsbouten Professor an der Technischen Hochschule. Mit der Berufung Bruno Tauts zum Professor an der Technischen Hochschule Charlotten bürg hat das Kultusministerimn einen ausgezeichneten Griff getan. Nachdem schon die bedeutenden Persönlichkeiten P o c l z i g s und T e s s c n o w s der Hochschule angegliedert sind, gewinnt sie in Bruno Taut einen speziellen Praktiker des Wohn- und Siedlungsbaues. den er auch in seinem Seminar behandeln wird. Taut, der Ost- preuße von Geburt ist und kürzlich 50 Jahre alt wurde, war Mit- orbeiter von Theodor Fischer in Stuttgart, entfernte sich aber noch vor dem Krieg« von dessen edlen Eklektizitismu» und wandte sich mit bcdeutendeni Erfolge dem Elaseisenbau zu. Unter dem starken Eindruck der Ideen des Dichters Pauk Scheerbart schuf er für die L e t p z i g e r B a u f a ch a u s st e l l u n g das„Monument des Eisens", einen höchst eindrucksvollen, in strengen Terrassen gegliederten Zentralbau, für den er den preu- bischen Staatspreis erhielt, und 1914 auf der Kölner Werk- bundfchau das Glashaus, tr dem er nickst nur mit der völligen Beschränkung auf Eisenträger und Glas als raumbildendes Material ernst machte, sondern auch cine Kugelgestalt als Grundform anwendete. Nach dem Kriege warf er sich, da es nichts zu bauen gab, auf Planungen und Literatur; er schrieb die Bücher„S t a d t k r o n e" und„Alpine A r ch i- t e k t u r", die von einer grenzenlos schweifenden Schäpferphantasie erfüllt sind. 1920 wurde er Stadtbau rat in Magdeburg, errichtete u. a. dort die„Halle für Stadt und Land" und entsetzte die Magdeburger durch seine farbige Bemalung von öffent- lichen Gebäuden und ganzen Straßen, womit er die Anregung zu einer stärkeren Heranziehung der Farbe im Stadlbild für ganz Deutschland gab. Nach Berlin zurückgekehrt, wandte er sich der fruchtbarsten Tätigkeit zu, die seinen Namen be- rühmt mochte, dem Siedlungsbau. Er behandelte ihn sowohl stadt- baulich nach neuen Gesichtspunkten, wofür vor allem die groß- artigen Wohnbauten in Britz(mit Wagner zusammen) und Zehlendorf-Fischtalgrund(mit Saloisbcrg und Höring) charakteristisch sind, als auch in Rücksicht auf Woh- mingsgrundriß, Ausnutzung des Terrains und soziale Anlagen, wcfür die gewaltige„Wohnstadt Carl Legten" in Weißensee, die Siedlung M a h l s d o r f, die Blöcke am Schillerpark, der Afrikanischen Straße und in Reu- k ö l l n zeugen. Seine Bauerfahrungen hat er in dem geistvollen Buch„Baue n" niedergelegt. k�ul F. Schmidt. Zuliu» Lab spricht aus Einladung der Volksbühne am 5. Oktober, 20 Uhr, im Bürgerlaal des RatbouscS, Eingang Königstraße, über daS Thema„Volk auf der Bühne" Einlaßkarten zum Preiie von 0.60 M. in den Verkaufsstellen der Volksbühne((ScichästSstelle Linienstr. L27. VolkSbühncnbuchhandlung KöpeniScr Straße 67, Theaterkassen der Firma Hermann Tietz usw.)> Kommunisten im schwarzen Hemd Querschnitt durch eineLustgarten-Demonsiraiion—?Uissenbluse nicht mehr modern Ein kalter, qraucr Himmel drückt auf Verlin-, die City lieqt in sonntäglicher Stille und Verlassenheit � an solchen Tagen strahlt sie fast die Langeweile eines englischen Sonntags aus. Auf dem Lustgarten aber sieht man einige kleine Gruppen von Schlachten- bummlern: aus der Ferne kommt das dumpfe Bumbum einer Pauke. Und nun marschieren auch die ersten Züge einer kam- munistischen Demonstration in den Lustgarten ein. Rote Fahnen und Schilder; immer mal wieder werden die Züge an der bekannten Photographierecke bei der Adlersäule aufgestaut, um den bekannten imponierenden Anblick des Massenaufmarsches zu bieten. Inzwischen haben die ersten ihren Platz erreicht»nd sind zum Stillstand gekommen. „Das Berliner Proletariat folgte in Massen dem Ruf der kommunistischen Partei." Mit den Massen sieht's mehr als schüttern aus, trotzdem man doch alles, was Beine hat, herangezogen hat. Ueber die Hälfte ist Jungvolk, Mädel und Burschen, viele von ihnen kaum wahlberechtigt. Dann der Stamm der Bezirke: Man hat ja von Tempelhos bis Köpenick alles aufgeboten. Manchmal ist die ganze Familie mitgekommen, dann hat man auch gleich die Kinder mitgebracht, was sollen die denn an so'n Sonntagnachmittag zu Hause— und hier ist doch Musike. Dann die Frouengruppen: Hier trägt man noch mit Stolz die roten Kopstücher und hält es für nötig, Äämpfesmut und Gleichberechtigung durch militärische Strammheit zu betonen, was manchmal ein bischen ins Groteske gerät. Ueberhaupt die Mode! Man könnte einen ganzen Artikel über die Philosophie der Mode in der kommunistischen Partei schreiben.- Jede sozusagen geistige Strömung findet sofort ihren Ausdruck in einer entsprechenden Mode. Und da ist es lehrreich, zu sehen, wie sich Rot-Front von der Windjacke über die Russenbluse zum schwarzen Hemd gewandelt hat. Roch vor einem Jahr war die Russenbluse große Mode, je nach Temperament und Ueber- zeugung in düster anarchistischem Schwarz oder feurig revolutionärem Rot: Heute wird sie nur noch von einigen beklagenswerten Nach- züglern getragen, und der junge Mann, der zu der grellroten Kattunbluse Knickerbocker und gelbe Bühnenkosackenstiefel trägt, imponiert lange nicht so, wie er sich das wohl vorgestellt hat. Heute ist der letzte Schrei ein schwarzes F a f ch i st e n h e m d oder die braune Bluse— man gleicht sich auch äußerlich seinem inneren Ideal an. Aber nicht doch, das hier ist doch eine wuchtige Demonstration gegen die faschistische Gesahr. Na, nun könnte man eigentlich schon was davon merken— auf neue Züge ist wohl kaum mehr zu hoffen, und die andern sind schon alle auf ihren Platz und zum Stillstand gekommen. Der Lustgarten ist noch lange nicht voll. Man weiß nicht recht, was man mit sich anfangen soll. „Kiek mal, wie sie schon da oben runterkuckcn...* oben stehen «in paar Leute an den Fenstern des Schlosses, Angestellte und Be- sucher. Unten aber wirft man sich in die Brust, als nähme W i l- Helm höchstpersönlich Notiz von dem Aufmarsch. Inzwischen ist ein breitschultriger, offensickstlich auf proletarisch zurechtgemachter Mann auf das Gitter des Nasenplatzes geklettert: nun legt er los. Ach, das ist einer der Redner... es hören wirklich zehn bis zwanzig Leute in seiner nächsten Umgebung zu. Der Zug steht aus- dem Damm; zwischen ihn und den Redner schieben sich Straßenhändler, Käufer. Passanten: Auf dem Damm kann und will ia nicitigudk mehr der Rede folgen.„Koschwitz warme Würstchen gefällig...?"„Mensch, kauf dir doch'n Paar, wenn du son Hunger hast!"—„Raute, Salzstangen, Schokolade jesällich?" „Wat willst« denn, Liesken, wcll'n wa mal wat aussuchen!" „Die Sklavenwirtschift in'I o u n g- D e u t s ch l a n d..— „Nee, Naute nich, det is nich jut für die Zähne!"—„Und wer die Entwicklung zur faschistischen Diktatur verhindern will, der muß sich sagen, daß..."—„Drops, saure Drops— Pfefferminz is immer noch das Beste!" „Aus Mensch, haste det jarnich jemerkt?" „Mensch, da hinten sind se schon fertich, heerste die Kapelle?!"— „Schalmeien sind immer wat schönet!"—„Hoch! Hooch! Hoooch!"—..Wat d c n>5. wat denn?"—„Aus, Mensch, ha st et jar nich jemerkt!?" Di« Züge rücken ob. An den Bordschwellen stehen Sympathi- sierende und Bürger. Ein dicker Herr sagt höhnisch:„Mit der Dcmonstriererei ist gar nichts bewiesen! Die Hülste von denen rückt doch aus, wenn es Ernst wird!" Neben ihm steht ein Sympathi- sierender— aus seiner Brusttasche hängt ein Kavaliertaschen- tuch mit gestickter Ecke: Knallrot— und drinn die Faust und das „Rot Front!" Wahrhaftig! Neben mir steht ein alter Arbeiter. Un- zufrieden schüttelt er den Kops:„Wat det sllr'n Zweck jchabt hat, mechte ick ooch jerne wissen! Schade um die Stiebclsohlen! Neun- 3)er Oberbürgermeifler von JlUona, Qen. Sirauer hielt auf dem SlSdletag in 3>re»den eine rielbearhlele Xede zchnhundertachtzehn bin ick ooch mitjejangen, zu jede Demonstration, det hatte een Zweck, da mußten wir uns zcijen, und wir haben et Berlin jezeicht! Aber son Quatsch Hot doch keen Zweck nich...!" Was, keinen Zweck? Der Mann wird sich schon wundern, wenn er heute die„Rote Fahne" liest: Eine imponierende Kundgebung der Massen unter der Führung der Kommunistischen Partei, heißt so- was. Jawohl. Und wer's nicht gesehen hat, der kann wirklich noch eine Weil« daran glauben. Demonstration vor dem Kölner Polizeipräsidium. Köln. 29. September. Am Sonntag zwischen 22 und 23 llbr"cranstalteten Düsseldorfer Kommunisten, die zur kommunistischen irtagung nach Köln ge- kommen waren, vor dem Polizeipräsidium eine Kundgebung, in der sie mit Sprechchören die Herausgabe eines Lastkraftwagens mit Anhänger forderten, der morgens in Äöln-Kalk wegen Fehlens der Zulassungspopiere beschlagnahmt worden war. Schließlich versuchten die Kommunisten, sich mit Gewalt des Wagens zu de- mächtigen. Die Schutzpolizei sah sich gezwungen, mit dem Gummi- knllppel gegen die Kundgcber vorzugehen und sie in die Seiten- strahen abzudrängen.__ Die Aot des Vauvolkes. Oer Vaugewerksbund fordert schnellste Abhilfe. Franksurl a. M., 29. September.(Eigenbericht.) Am Sonntag fand hier im Saalbau anläßlich des heut« be. ginnenden Kongresses des Baugewerksbundes ein« Eröffnungsfeier- lichkeit statt, die von zahlreichen Behörden- und Gewerkschastsver- trctern besucht war. Auf die Begrüßungsrede des Frankfurter Orts- Vorsitzenden des Baugewerksbundes erwiderte der Vorsitzende des Gesamtbundes B e rn h a rd- Berlin mit herzlichen Worten des Dankes. Bernhard verwies u. a. darauf, daß zurzeit Tausende und aber Taufende von Bauarbeitern hungerten. Das könne nicht so weiter gehen. Der Baugewerksbuno werde schon in aller- nächster Zeit der Reichsregiening und den Landesregierungen seine Forderungen und Vorschläge zur Behebung der Not der Bauarbeiter unterbreiten._ Oer Werbeiag der Lugendherbergen. Der Reichswerbetog des R e i ch s v e r b a n de s f ü c deutsche Zugendherbergen hat in allen vier Be- zirken der Werbung einen glänzenden verlaus genommen. wir geben diese Berichte: Im Volkspart Rehberge trafen sich die Ortsgruppen Mitte, Wedding, Pankow und Reinickendorf zum Werbefest. Mit klingendem Spiels unzähligen Fahnen und Standarten zog die junge Schar in einem imposanten Zuge ein. Im Stadion eröffneten Gesangoorträge des Uthmann-Chores und der 5lM) Sänger zählenden Sängervereinigung Norden die Feier. Dann sprach der Vcrbandsvorsitzende Stadtrat Schneider in warmen Worten von dem Werden der Jugendbewegung aus kleinsten Anfängen zu ihrer heutigen Bedeutung. Aber wir sind noch lange nicht am Ziele, und es bedarf noch vielen guten Willens und geldlicher Hilfe, der Jugend durch Schaffung genügender Jugendherberge» das Wandern und die ihr so nötige Erholung in freier Natur zu ermöglichen. An die Festansprache schlössen sich gymnastische Darbietungen der Schülerinnen der höheren Handelslehranftalr Rovenestrahc und Vereinswettkämpfe des Berliner Jugendbnndes. Aber auch auf allen anderen Spielplätzen war reger Betrieb; im Tänzring Wunen hübsche Volkstänze, Bewegungschöre und Gesangvorträge gebo�'n, auf der großen Spielwiese waren Spiel und Sport ebenfalls in vollem Gange, und auf den Südspielwiesen wurden Handballwett- kämpfe ausgetragen. Das zahlreich erschienen« Publikum verplgle mit viel Interesse die Vorführungen, die jugendlichen Festteilnehmer waren voll Begeisterung bei der Sache, und in ihren Augen und Mienen stand Freude und Lebenslust: Einer besseren und eindringlicheren Werbung für Hilfe zum Zlus- bau des I u ge n d h e r b e r g s w e r k e s bedurfte es wirklich nicht! Im Stadion Neukölln auf dem Tcmpelhofer Feld wurde eine recht wirksame Veranstaltung der Ortsgruppen Neukölln, Kreuzberg, Tempelhof und Treptow vom Reichsverband für deutsche Jugendherbergen veranstaliet. Die Kinderfreunde, die Arbeiter- fügend und die Arbeitersportorganisationen zogen mit einem frischen Lied in dos weite Rund des Stadions ein und begannen mit Kinderspielen. Dazwischen sang„Fichte-Georginia" einige Vo.ks- lieber, und dann zeigte die Neuköllner Volkstanzschar Gcmeinschasts- tänze, die außerordentlich gut gefielen. Bei den humoristis zen Wanderstaffeln wurde herzlich gelacht. Die Jungen mußten bei ihrem Lauf um die Arena eine volle Tasse tragen, mußten durch Zelte kriechen und Schubkarre fahren. Die Herta-Feist-Schule führte tänzerische Gymnastik vor, die starken Anklang fand. Zur Kund- gebung„12 Jahre märkisches Herbergs werk" mar- schierte die Jugend mit Fackeln ein und zeigte mit Gnippen das Anwachsen der Jugendherbergen in der Mark Brandenburg. Die Kundgebung klang aus in der Forderung an die Behörden, durch weitere Schaffung von Jugendherbergen die Wanderlust der Jug.-nd zu sördern._ Der Kampf um das Alkoholverbok. In dem Kampf um das Alkohchoerbot ist eine wichtige Entscheidung gefällt worden. Der Prohibitionskommissar in Washington Woodcock erklärte, daß die Herstellung von Wein und Bier in Prioathäusern nicht gegen das Gesetz verstößt, vorausgesetzt, daß es für den Selbstverbrauch be- stimmt ist und nicht verkauft wird. Frauenveranstaltungen. 22. Abteilung. Frauenabcnd bei Bartsch, Fchmarnstr. 1. Wetter für Verlin: Nacht» sehr kühl, morgens neblig, am Tage ziemlich heiter mit wenig veränderten Temperaturen und meist ichwachcr Lustbewcgung.— Für Deutschland: Verbreitete Früh- nebel, am Tage überall ziemlich heiter. Bcraniwortl.!ilr die R-daktion: Solfganfl Schwa», Berlin: Anzeigen: Th.»locke, Berlin. Berlag: Vorwörlo Verlag». m. b. S., Berlin. Druck: Vorwiirlo Buch. druckerei und Berlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SV 68, Lindcnstrage 3. Hierzu 1 Beilage. «WM 8.15 Uhr— Randien erlanhl Hans Kolisdier» Argentino Lirtie Esther tanlt a. singt n. a. Q�EIzoolog-Oarteii Neu eingetrokfen RtcstacrSeC'Elcian! Letzte Wochen der Sonderschau „1000 Krokodile" Aqaartnm— Tlerknnst.Aassleilg. Täpl. 5 u. 8» Sonn!. 2. Su. 8U Alex. E 4, 8066 | Weintraube Syncopators mi dn gnSi iotmutioDato Prag ramm! Theater l.d.Behrenstr. 53-54 Direktion: Ralph Arthur Roberts 8.. Das näBUGhe mäflehen Englisch— Roberts— Ricraann. GROSS. SCKACSPICLIIAUS 8 Lustige Witwe Hesterbcrig:. Hansen, Arno, Sctiollsrer, Jan h uti n, Seil ae fle rs, Winkelstern, Dcsnl. REGI£: C H A K» I I iOeiitsdiu Tbeater 8 Uhr Der Kaiser uon AmeriKa von Bernard Shaw Titeliolli: Werner Kraut nie: Mai Rehhanit. Kammerspiele 8V« Uhr Die Schule derFrauen von MoliSre. Regie: HansOeppe. Die Komödie 8Vs Uhr Der Schwierige Lushp. r.Hago rDofmuiitlul Regie: Mu Reinhardt. Bamowsky-SDlineR Ttieaier in Der siresemannslr. Täglich b1* Uhr Mawiltt: Z Lustspiel von Sdiwiefert Komödienhaus 8V« Täglich 8 Vi Konto X von Bernaucr uai Oesterreidnr Theater am Slhlllbauerdamni Tägl. 8'/i Uhr Feuer aus deuKeffeln I von Ernst Toller. T8.: Lt. InU. Uli 1.1113 | Iren« Trlasch als Isabella( „Qefiet hin und£c= hauet euch! Bas JjuhUkum juhu qes hannt, gefesselt, etqüffen, aufaer wühlt. Jkqcistectee OeifaU" So urteilt Jalins Knopf in der„Börsenrtg." über die „IM von IM" in unserm Tbeater.— L.ml- wlgr Stornaox im..Lokal- Ameiger" schrieb:„Ein seltener Abend, ein schönster Abend, der wundervoll mitreißt." Wochentags 81B Uhr u. Sbd. um 7 Uhr und um 1015Ubr: ..vi« Braut von MetsJna". Kassenprolsa von 50 Pf. bis 3 M. (Garderobe u. Prog-amm je 25 Pf.) Theater für d. Kinder: Jed. Mittwoch nachm. 5 IT.: Hänsol u. Gretel. J ed. Sonnabd. nachm. 4'» ü.: Domröschen. (Preise v. 30 Pf bis 1.50 M.) ROSE THEATER Gr.Fraiikft»rterStr.l32 Billettkiwe; Alex. 3422 u. 3404 Laß Blumen sprechen! uro das neue Programm der ftettinor Sänger im Reichshalien-Theater allabendlich 8 Uhr und Sonntag nachmittag 3* 2 Uhr(nachm. zu halben Pr.) Odnhott■ Brettl: Variete> Konzert» Tanz. »vi uhr CASINO-TBEATER»*• � Lothringer Strohe 37. Nur noch bis 30. September Der selige Hollschinsky iiiiiiiaiieiHiiieiiiiiiiMniiiiiiiliiifiiiiiiinuiiiMiiiiiiilluiiiiiinii Am 1. Oktober zam 1. Male Hurrah, ein Junge! Gutschein 1—4 Pcrs. Fauteuil 1,25 M., Sessel 1,75 M.— Sonstige Preise: Parkett 75, Rang 60 Pfg. HÄLLER REVUE THEPTBJ IM AOMlOALSPAlACT 1 paeaiON: HEOMfiN halleb EKlMERiCH KAIMANS WELTEBFOIB| REVUE-OPtRETTE. IN M BiLOEßN i in der Glanzbasatzung [Regier Herman Haller| PREMIERE: präzise 7 Uhr 3 Ab Dienstag täglich B*U Uhr. j Vorverk.f. d. ganzeWocheand. 1 | Theaterkasse ab lOUhr und an 1 | den üblich. Vorverkaufsstellen.] Telefon: Merkur 9677. Komisciie oper 8'.: Uhr Das Mädel am Steuer Operette v. Gilbert Rose• Theater Er.FniDlüDitgrsir.i32 Tel. Ale* 3422U.3494 8.15 Uhr: Braot r. Messina mit Irene Tiiesdi all Uabella. lessing-Theiter WndndiaB Z7J7 1.11116 ' 8 Uhr Iftrli 2 TtnMgagn! Des Kaisers KullS Rtgii; Erwin Pisatnr. Ab Dienstag, 30. 9. 9 218 von Cred6 Regie: Piscator. Täglich»Vi Uhr Seuartoneller Opereitcnerf olg I Unter pers. Leitung des Komponisten Viktoria undihrHusar Lustspieihaus Dir.: Hans lOpstMill Täglich 87'. Uhr meine sctiuiester und ich Musik von Benaüky Lory Leu*. Kurt von Möllendorf Anseraie im A Vorwärts sichern Erfolg! ui6r tlme GcMflea uat!8n«U. der lese vorher tTli Der bRiiHa) unparteiisch sso Ulsriungan Winke und Rege n (mit Plnaniierua j KeioeW'croelchrlll einer Batiiparkalle Frei» 4.56 portoirei Bauzeitung Köln Kamekestr. 30A. -n-o« 3,-«, JKonatöra'e n, •J�addaiz, föeiloge Montag, 29. September 1930 SprMipad SnAJauigaße Jst VoruxisÜ Kinderparadies Nest Das Hilfswerk der Stadt Berlin Es ist eins dcr grcißten Leistungen des abgelaufenen Jahr- zehnts, daß es gelungen ist, in all den Jahren der Unruhe und Wirlfchaftskrife 5)undcrttauf«irden Kindern die Möglichkeit zu geben, hinauszukommen aus der oft so trostlosen Enge der Millionenstadt Berlin. Gleich nach der Ankunft in Nest gingen wir hinunter an die Ostsee. Gleichmäßig schlagen die Wellen an den Strand, auf dem lebendige Jungen und Mädel heute ihre letzten Sandburgcn gebaut rfnmarfch der gruppen sur fj! halte haben— morgen fährt der Transport nach vierwöchigem Auf- enthalt in die Großstadt zurück. Etwas von diesem mächtigen Rauschen und Strömen, der Blick über das Wasser bis zum fernen Horizont, die Freiheit der Bewegung und die Herbe dieser hinter- pommerschen Seelandschaft wird die Kinder begleiten in den grauen bitteren Winter hinein, der sie erwartet. In der Kaiserzeit gab es für Arbeiterkinder aus Berlin keine Ostsee und keine Berge. Rund 60 000 Kinder aber wurden im ver- gangenen Jahre durch Vermittlung des Landesjugendomts Berlin und die Bezirksjugendämtcr verschickt. Obwohl die Sparmaßnahmen des Berliner Magistrats auch auf diesem Gebiet Grenzen gesteckt haben, werden es in diesem Jahre in der Schlußabrechnung nicht viel weniger sein. Die Geschichte des Jugendheims in Nest ist ein fortlaufender Beweis für die Schwierigkeiten der Aufbauarbeit und die Zähig- kcit, mit der sie überwunden worden sind. Man mußte ansaftgcn mit dem, was von anderer Seite nicht mehr gebraucht werden konnte, und das waren in diesem Falle ein Dutzend Militärbaracken und die mächtige Eisenkonstruktion einer Flugzeughalle, die während des Krieges hier erbaut worden war. Auch Jugendland Zossen in der Nähe Berlins ist aus der Hinterlassenschaft des königlich preußischen Militärsiskus übernommen, und dort, wo früher die Kommandos„Hinlegen— Kriechen" schallten, tummeln sich jetzt Berliner Arbeiterkinder. Das Werk für unsere Kinder Hier in Nest hatten sie ausreichend das, was ihnen in der Großstadt vor allem fehlt: Raum zum Ausgreifen. Diese Land- zunge hinter Köslin gehörte den Kindern, hier wurde das Leben nicht von den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Erwachsenen diktiert. Der ganze Kompler von Wohnbaracken und Häusern, mir der Speisehalle, die achthundert Kinder zu fassen vermag, ebenso- viel, wie sich hier bei voller Besetzung ausholten, ist eine halb« Stunde von dem kleinen Fischerdorse Nest entfernt, und obwohl Nest sich in den letzten Jahren als Badeort wachsender Beliebtheit erfreut, führte das Kinderheim sein eigenes Leben, ganz für sich. Das Leben in Nest Früh um sieben Uhr weckt die große Dampfsirene, und in den Baracken geh: ein lebhaftes Treiben an. Die Kinder stehen auf, waschen sich, putzen die Zähne und machen ihre Betten selbst. Zwei Aussichtspersonen sind jeder Baracke zugeteilt und schlafen dort, Lehrer oder Fürsorgerinnen. Singend ziehen sie zur Halle, die Aua iguddeln ifl der Jungen Xufl mit einfachen Mitteln ihrem Zweck angepaßt wurde. Reliefmalereien. die lustige Szenen darstellen, geben der Phantasie Nahrung, auch eil« kleine Bühne ist eingebaut, auf der bei Festen und Unter- haltungsabenden Tänze und selbstinszenierte Stück« aufgeführt werden. Nach dem Frühstück löst sich der Schwärm wieder in ein- zelne Abteilungen aus. die nach einem ausgearbeiteten Programm £>o�erea geh« oder turne», ach ha» qochßM ßußbalb spielen oder schon einen kleinen Abstecher an den Strand machen, � der eine Wegstrecke von fünf Minuten hinter dem Barackenlager liegt. Um zehn Uhr gibt es ein Glos Milch und zwei Butterstullen, dieses zweit« Frühstück wird jeder Abteilung gebracht und gleich an Ort und Stelle verzehrt. Jetzt versammelt sich fast alles am Strand, da wird gebuddelt und— wenn das Wasser und die Lust warm find— unter Aufsicht gebadet. Jetzt im September ist es an bewölkten Tagen manchmal schon sehr frisch an der See, da geht man dann in dem schmalen Waldstreifen hinter der Düne spazieren und wärmt den Körper durch Springen und Spielen aus. Wie im Fluge vergeht den Kindern die Zeit, aber wenn die Sirene zum Mittagessen ruft, entwickeln sie fast alle einen gesegneten Appetit, für dessen Befriedigung die mächtigen Kupserkessel der Küche gesorgt haben. Auch die Aufsichtspersonen erhalten dieselben Gerichte, die für die Kinder hergestellt werden. Das Essen isk ausreichend und ob- wechslungsrcich. Di« Belieferung mit frischem Gemüse und Obst ist die größte Schwierigkeit, denn in der Nähe der Küste gibt es die erforderlichen Mengen nicht. Aber auch hier fand sich ein Weg. Nach dem Mittagessen ist den Kindern Ruhezeit vorgeschrieben. Häufig genug sind es doch unterernährte Großstadtpfknizen, die neben So-nne, Licht und Ernährung gerade diese regelmäßige Ruhe brauchen, wenn der Körper hier wirklich gekräftigt werden soll. In den Baracken wird geschlafen. Jeder Lärm, der diese Mittags- ruhe stören könnte, ist streng verpönt. Wer nicht schlafen kann, soll wenigstens liegen und lesen oder malen. Aber es ist merkwürdig, wie unter dem Einfluß der Seeluft auch die unruhigsten Gesellen nach wenigen Tagen sich an diese Ruhezeit gewöhnen und wie gut sie ihnen bekommt. Gewichtszunahme! Jede Abteilung wird wöchentlich gewogen. Wir sehen uns die Wiegetabellen an: Gewichtszunahmen von zwei bis vier Kilo sind ein« regelmäßige Erscheinung. Das sind Reserven für den Winter, und man möchte nur wünschen, daß alle Berliner Schulkinder die Möglichkeit hätten, solche Reserven anzulegen. Die Arbeit des Jugendamtes bewegt sich in der Richtung auf dieses Ziel. Nach der Mittagsruhe gibt es einen Topf Milchkaffee mit selbst- gebackenen Schnecken. Man ist in Nest im Lause der Jahre dazu übergegangen, sich selbst eine Bäckerei einzurichten, so gibt es Brot, Brötchen und Gebäck frisch und knusprig. Und nun wieder hinaus an die Luft bis zum Abend. Regentage werden schmerzlich gebucht, und wenn es nickst gar zu dicke kommt, geht man trotzdem heraus aus den Baracken, um zu wandern, zu spielen, zu baden. Nest soll aufhören... Zehn Jahre hat Nest Berliner Kindern Aufenthalt gewährt, im nächsten Herbst heißt es Abschied zu nennen. Die Stadt Köslin, auf deren Grund und Boden das ehemalige Militärlager eingerichtet wurde, hat es abgelehnt, einen neuen langfristigen 3)ie IPonne der Freiübungen Pachtvertrag zu schließen. Ohne einen solchen kann jedoch Berlin nicht daran denken, die im Laufe der Zeit notwendig gewordenen baulichen Veränderungen vorzunehmen. Das Kinderheim Nest schließt also nächsten Winter seine Pforten. ... aber Ahrendsee kommt! Das bedeutet nicht, daß den Berliner Kindern der Aufenthalt an der Ostsee in Zukunst unmöglich sein wird. Di« Stadt hat durch Ankauf eines Heims in Arendsee, das diesen Sommer bereits benutzt worden ist, ihren Willen bekundet, auch in den kommenden Jahren erholungsbedürftige Arbeiterkinder an die See zu schicken. Soviel Kinder wie Nest kann Ahrendsee allerdings nicht aufnehmen. Aber vielleicht läßt sich bald ein Weg finden, um die entstandene Lücke nicht nur auszufüllen, sondern darüber hinaus für eine mög- . liehst große Zahl Berliner Kinder weitere Heime an der Ostsee zu 1 schaffen. Fritz Rück. Intelligenzprüfung Im Buchdruckgewerbe Das Buchdruckgewerbe kann es sich leisten, nur intelligente Menschen als Nachwuchs zuzulassen: so stark ist der Andrang von jungen Leuten, die Setzer oder Drucker werden wollen. Man schickt sie zuerst einmal zur ärztlichen Untersuchung. Der Vertrauensarzt der Innung besitzt«inen Schüttelbaum, von dem lauter Taler her- untersallen, denn drei Ntark kostet die Untersuchung den— Bewerber. Zweimal im Jahr, zu Ostern und zum Herbst, wind geschüttelt. Ob die Abgewiesenen die drei Mark wieder von der Innung zurück- erhalten, man hat es uns nicht verraten. Es waren zum Herbst rund 400 Bewerber. Nach«inigen Tagen kommt die Aufforderung, sich zur Intelligenz- Prüfung im Haus des Vereins Berliner Buchdruckereibesitzer in der Köthener Straße mit einigen Bogen linierten Papiers und gespitzten Bleistiften einzufinden. Enggedrängt sitzen wir im Konferenzsaal. Die Stimmung der Prüflinge ist nicht gerade gehoben. Aus allen Volksklasscn, in allen Altersstufen sind sie gekommen: kleine Vier- zehnjährige aus der Volksschule, andere mit dem„Einjährigen" aus- gerüstet und einige lange Latten, deren Flaum um den Mund oer- rät, daß sie schon in einem Alter stehen, in dem sonst das Handwert die Lehrlinge als Gesellen entläßt. Es sind Abiturienten, die heule gern zur schwarzen Kust möchten. Wer etwa graphischer Fachlehrer werden will, darf aber nicht hoffen, vor dem 27. Lebensjahr mit seiner Ausbildung fertig zu sein: ein Alter, in dem andere Menschen mit etwas Glück schon— einen Ministersitz erobert haben können Die Prüflinge mustern einander mit kritischen Blicken: besonders die kleinen Steppkes, die in ihrem Konfirnrandenonzug fast hinter dem Rand der Konserenztische verschwinden, sind von der Konkurrenz der Kroßen nicht sehr erbaut. Zuletzt aber siegt die Unverfrorenheit des Berliner Gemüts, sich in jede Situation zu-schicken. Der etwas zu laut« Auftakt zum Kampf wird sofort durch das Eingreifen von zwei Damen gedämpft, die— wie es sich in der Folge herausstellt— als Lehrlingsprüferinnen bestellt wurden. Sie unterweisen uns in den Zeremonien, die wir während der Prüfung zu befolgen haben: so ist verständlicherweisc streng verboten, zu flüstern oder vom Nach- bar„abzugucken". Die Damen haben die Höslichkeit nicht erfunden, sie bringen den Anwärtern«inen Vorgeschmack vom guten Ion d« Lehrzeit bei. der in Knigge nicht enthalten ist. Die Prüflinge sollen einen Bogen Papier mit ihren Namen und dann den Bogen links mit einem schmalen, rechts mit einem breiten Rand versehen.„Du hast wohl nicht in der Schule gelernt, was rechts und links ist."„Stellst« dich immer so dumm an?" Es wird ein Diktat verlesen. Geräuschlos gleiten die Bleistifte den Worten nach: es gibt jetzt kein« Besinnung, die Fallen zu erkennen, die sich in Worten wie„literarisch",„charakteristisch" u. a. pevbergev. Fünf R««heu ausgäbe« Meiden verteilt, die ei» jeder auf seinem Blatt Papier zu lösen hat. Mittlerweile sind noch zwei Herren erschienen, die sich vorerst schweigsam, später um so munterer an der Ueberwachung der Intelligenz betätigen. Bei den Rechen- aufgaben sitzt am meisten der Oberprimaner jn der Klemme, der zwar gelernt hat, wie man Integrale bildet. Logarithmen rechnet und die Entfernungen zwischen den Sternen mißt, aber von der Prozentrechnung keinen Dunst mehr hat. Der nächste Teil der Prüfung gilt der deutschen Grammatik. Jntelligenzprüfungsbogen werden herumgereicht, auf denen Sätze mit einem grammatikalischen Widersinn stehen. Dos soll der Prüs- ling herausfinden und richtigstellen. Zum Beispiel: Die Sache macht« großen Erfolg. A. Di« Sache— großen Erfolg. B. Die Sache machte--. A war leicht zu erklären Die Sache hatte großen Erfolg. B war verfänglich. Die Damen erklärten, es müßte heißen:„Die Sache machte große Fortschritte." Bei den Prüflingen erhebt sich schüchterner Widerspruch: Erfolg habe durchaus nichts mit Fortschritt zu tun.(Gutenberg machte mit der Erfindung der Buchdruckerkunst wohl Fortschritte, hatte aber keinen Erfolg!) Di« Damen erklären kategorisch: wenn ein Mensch Fortschritte mache, so habe er auch Erfolg. Dann sollen die Prüfling« herausfinden, was an dem Satz falsch ist:„Meines Erachtens nach hat er Recht." Das „nach" ist falsch. Auch hier ist über die Lösung zu streiten, ob man die mundartliche Schreibweise für richtig hält oder die grammatika- lisch« Form. Die Wärme im Saal bei geschlossenen Fenstern ist mittlerweile sehr gestiegen, den Prüflingen stehen die Schweißperlen aus der Stirn. EinZwischenfall wird mit reichlichem Klamauk ausgebeutet. Ein Junge hat vor sich hindöscnd den Schrei der Zeitungshändler auf der Straße nachgeahmt. Er soll deshalb von der Prüfung ausgeschlossen werden! Doch läßt man schließlich noch einmal Gnade für Recht ergehen. Bei Durchsicht der Rechenaufgaben entdeckt man, daß drei nebeneinander sitzend« Jungen ihr« Aufgaben im Kopf gerechnet haben und olle drei das gleiche Resultat aus- weisen. Dies« talenrierten Knaben hatten nur insofern Pech, als dae Resultat— völlig falsch war. Der letzte Abschnitt der Prüfung, einige unleserlich geschriebene Texte zu entziffern, wird glücklich überstanden„Mir klebt schon alles!" sagte mein kleiner Nachbar beim Verlassen des Saales. Er ist mir sehr dankbar, daß ich ihm einige grobe Eselsbrücken im Deutsch gebaut habe. Dafür hat er mir auf der Lzeimfahrt die Ee- Heimnisse der Prozentrechnung erklärt, so daß ich mich nunmehr innerlich und äußerlich gewappnet mit gutem Gewissen sür den Beruf eine» Setzers in EwxjeMoz bringe» kann. Martin Natteroth. Copyright 1930 by Fickclreiler-Vcrlag G. m. b. H.. Himburs-Bergtdorf (3ö. Fortsetzung) Der„Herr General" tobt,«r gibt den Führern Befehle: wir aber hören sie nicht mehr, das Regiment ist losgelöst von dem mili- lärischcn Ereignis dieser Stunde, es steht, emporgetragen in sein menschliches Erlebnis, das Rauschen des Windes, des fremden lockenden, aufwühlenden Windes in den Herzen. Dann stehen die Führer wieder vor uns. Adolf hat ein cnt- setztes Gesicht, das wie geprügelt aussieht. Der Herr General aber galoppiert auf uns zu und— lächelt wieder, hebt sich etwas in den Steigbügeln; er wickelt fein Pro- gramm weiter ab, wie das System es ihm vorschreibt. Er wird nachher in aller Ruhe seinen Bericht über das meuternde Regiment schreiben. Jetzt aber hat er nur sein Programm ordnungsgemäß zu erfüllen. Der Stab der adligen Offiziere steht wieder um ihn herum. Die Herren Monokelträger sehen uns wieder mit ihren fremden, kalten Gesichtern an. Sie wissen, daß die militärische Ge- rechtigkeit so und so ihren Lauf gehen wird: die Front wird uns schon die„verdiente Strafe" bringen! „Grenadiere!" Der General sieht über uns hinweg, als lese er aus einem großen Buche, das aufgeschlagen über uns in den Wolken hängt, ab: „Grenadiere! Ich habe mich überzeugt, daß eure Ausbildung abgeschlossen und gut ist, daß ihr Soldaten geworden seid, wie sie das deutsche Baterland braucht! Auf euch blickt die Nation, ihr werdet als tapfere Soldaten eure Pflicht vor dem Feinde tun, da- mit unser geliebtes Vaterland siegreich hervorgeht aus diesem großen und herrlichen Krieg«! Ihr seid der Stolz der Heimat, und eure Kameraden an der Front, die euch erwarten, die jahrelang tapfer und siegreich ausgeharrt haben auf ihrem ehrenvollen Posten, wer- den sich auf euch verlassen können und stolz auf«uch als Mitkämpfer für die Ehre des Baterlandes, für die heiligen Güter der Na- tion sein!" Seine Stimme schwillt an; er hebt den rechten Arm wie be- schwärend empor: „Grenadiere! Ich habe euch die Grüße Seiner Majestät des Kaisers zu überbringen! Er gedenkt eurer in dieser Stunde kurz vor eurem Ausmarsch an die Front! Er segnet euch und jetzt seine größten Hoffnungen auf«uch und euren Heldenmut!" Das Denkmal ist vollständig erstarrt. Noch höher in die Wolken ist der Blick des Generals gerichtet. Er sieht uns nicht, er liest nur sein Programm ab; die Rechte geht zackig an den Rand des Helmes mit der goldenen Spitz«: „Grenadiere! Unser geliebtes Baterland, unser oberster Kriegs- Herr, Seine Majestät unser gnädiger Kaiser und König, das tapfere deutsche Heer: Hurra! Hurrra! Hurrrraa!" Die Zugführer brüllen das Hurra nach, das Regiment aber murrt nur ein drohendes, unwilliges, unverständliches Wort, das nicht wie Hurra klingt, das uns an den fremden Wind, der über uns hin- wegbrauste, erinnert: „Huunngerrl" Ausbäumt sich der Gaul, wendet sich schwerfällig auf den Hinter- deinen, schüttelt die gcwalige Mähne, als wollte er uns zum Abschied seine volle Derachwng ausdrücken. Der Herr General und fein Stab ziehen ab: die Besichtigung ist beendet. Di« Kompagnien teilen sich ab und marschieren in ihre Ka- fernen. Auf dem Kasernenhof läßt Adolf uns zähneknirschend noch «ine halbe Stunde„Aus! Nieder!" und Parademarsch machen; dann hält er uns eine„ehrende Ansprache": „Ihr seid die größten Halunken und Schweinehunde der Armee! Na watlet— mattet nur— ihr Bengels!", er lispelt vor Aufregung, stößt mit der Zunge an,„bald wird man euch schon das Arschloch aufreihen!— Die ganze Scheiße schtill— schtann! Rührt— euch! Schtann! Rrrührt euch! Schtann! Weggetreten! Halt! Zurrrück — marrsch! Alles durcheinander— marsch marrrsch! Halt!— Weggetreten!" Wir lachen hell auf! Wir können«s uns ja jetzt erlauben. Wir rennen um ihn herum, daß er erschreckt mit dem Degen herum- fuchtelt. Höhnisch brüllen wir:„Schiiieß— scheiden— generali Höhö- höhöhöhö! Etappenschwein! Hööööööööö! Schinder! Schin— n— n —der!" Er vergißt in seiner Feigheit, mich noch nachexerzieren zu lassen! Wir hauen uns mit Stiefel und voller Ausrüstung auf die Feld- betten und treten schlendernd und unregelmäßig zum Nachmittags- dienst an. Wir haben nach dem Essen nichts geputzt, wir sehen aus wie die Schweine, denn uns ist jetzt alle» gleich, in einigen Tagen geht es raus, das wissen wir. Neunzehnhundertfiebenzehn--- Unser« Stunden sind gezählt. Di«„Divisionen", das„Menschen- Material", die„Reserven"— das sind wir, die Siebzehnjährigen, die Achtzehnjährigen. Der Herr General kennt uns nicht, er kennt nur die Divisionen, das Menschenmaterial, die Reserven, der Herr General kennt nicht den Krieg, er kennt nur seine Karten, seine Fähn- chcn, die neue Linie, er sieht am Telephon und„spielt Krieg", er lächelt unmenschlich, wie liebkosend streichelt seine 5)and über das glatte Papier— da sind keine Gräben, keine Trichter, da ist kein Schlamm, da ist kein Blut, Blut, Blut— er streichelt die neue Linie: sie muß erreicht werden! Wir sind zum Tode verurteilt. Der Herr General hat es be- stimmt, er ist die Oberste Heeresleitung, er ist„Gott".„Goltos Diener" segnen das Werk, der 5>err General kann ruhig schlafen: sein Gewissen, ist rein. Die„Ehre des Baterlandes" muß gerettet werden vor den Ueberfällen„heimtückischer Feinde". ——— Da steigen Stimmen auf aus den verschlammten Granatlöchern Nordfrankreichs und Flanderns:„Die Ehr« des Vater- landes?— Wa ist das? Was ist die„Ehre des Baterlandes"? Herr General, antworten Sie! Sind wir es? Sind es unsere Frauen, Schwestern, Mütter, Herr General?— Höven Sie hinr sie schreien und weinen und flehen jeden Tag, jede Nacht: Kommt nach Haufe! Wo seid ihr, Väter, Söhne, Männer, Brüder? Ihr habt so lange nicht mehr geschrieben! O, wir haben furchtbar« Gesichte Tag und Nacht, lebt ihr noch? In uns ist entsetzlichste Angst und furchtbarst« Verzweiflung... kommt, o kommt! Wir verfluchen den Krieg! Wir verfluchen eure Generäle, die Braten essen und Wein trinken! Denn ihr hungert, wir wissen es! Wir hungern, ihr wißt-es! „Die Verpflegung ist reichlich..." Wir hungern, hungern, hungern, Herr General! Wir hungern, Kaiser„von Gottes Gnaden"!... Wißt ihr es?! Marmelade, Pferdefleisch, Kunsthonig, Rüben in Wasser gekocht, Dörrgemüse. „Das Menschenmaterial ist gut!" Wir leiden an Ruhr, Typhus, unsere Nerven sind zermürbt, unsere Hände zittern vor Schwäche. „Maul halten, Grenadier! Legen Sie die Hände an die Hosen- naht! Wir haben die Kriegsgesetze! Meuterer werden erschossen!" Die Transport« müssen nachts nach den finsteren Bahnhöfen marschieren, sie werden nicht mehr als„unsere tapseren Feldgrauen" jubelnd in den Straßen des Tages gefeiert. * Unser Dasein bis zu diesem Tage war ein einziger Marsch durch eine Wüste der Verlassenheit. Es waren schlimm« Tage; ober wenn wir marschierten, so wußten wir: wir sind die fünfte Kompagnie, und wir hatten uns damit abgefunden, daß unsere Verlassenheit und unsere Berzweislung die Lcrlassenheit und Berzweislung der fünften Kompagnie war. Die Tage stellten uns in Reih und Glied und ließen uns nach dem monotonen Befehl:„Richtung, Fühlung, Vordermann!" die Stunden ertragen. Die Nächte vereinigten uns in stickigen Stuben, ließen uns erschöpst wie müde Karrenhunde in ihre Abgründe glei- ten. Wir waren einsam, aber es war die Einsamkeit der fünften Kompagnie. Denn wir konnten uns zuweilen gegenseitig unsere Leiden sagen, wir litten zusammen und fanden manchmal Verständ- nis von Mann zu Mann. Und in den Stunden, da wir verachtet waren wie der schmutzige Sand unserer Exerzierplätze, schworen wir laut oder schweigend, am nächsten Tage gewappneter zu sein. Die Tage und Nächte waren schrecklich: ober es war das Los der ganzen Kompagnie. Wir wußten, daß eines Tages«in fvrchtbarer Befehl kommen mußte. Wir wagten nicht darüber zu sprechen, wir schoben immer wieder die Möglichkeit hinaus, wir verdeckten die Augen und stellten uns enger zusammen: Richtung, Fühlung, Vordermann. Dann wurden wir wieder ruhiger:- vielleicht— ja, vielleicht erreicht uns der Befehl nicht mehr. Nachts zogen wir die dünne Deck« über die Augen, als wollten wir damit die herankriechenden! Gedanken verscheuchen und abwehren. Wir bildeten uns ein, daß diese armselige Deck« uns wie ein eiserner Panzer schützen könne gegen unsere Angst. Und unsere Einbildung war stark: wir schlie- scn mit dumpfen Träumen ein, aber unser letzter Gedanke war; vielleicht— vielleicht ist morgen früh der Krieg zu Ende. Wir glaubten wie die Kinder: vielleicht brennt über Nacht die Schule ab, dann brauchen wir nie wieder in die Schule zu gehen und haben für immer Ruhe vor dem, was uns schreckt. Gestern noch waren wir gläubige Kinder, heute aber sind wie abgesprengt von allem Hosfen. Gestern noch sahen wir uns bangs und fragend an: vielleicht... Wir hosften alle; es war die Hoff-- nung, das Schicksal aller, der Kompagnie. Der einzelne rettete sich in die Hoffnung seines nächsten Kameraden hinein. Heute ober sind unsere Blicke nicht mehr ängstlich und fragend, es ist das unerbittliche Wissen um den Tod darin. Wir können nicht mehr darüber sprechen, und wenn wir tagelang von Hoffnun- gen und Möglichkeiten reden würden. Jeder sühlt, daß der andere ihm nicht mehr helfen kann, jeder sitzt in der Einzelzell« seiner Der- zweislung, jeder ist mit seinem Wissen um seine letzten Stunden allein... Dies sind die schrecklichsten Stunden: wir haben keine Richtung, keine Fühlung und keinen Bordermann mehr. Und wenn tausend Unteroffiziere uns exerzieren würden, unsere Seelen können sie nicht mit den brüllcndsten Befehlen in Tuchfühlung bringen. (Fortsetzung folgt.) &ßuch SelbfldarSiellungen unterer Jillmeifter Die hier angezeigten Bändchen, die als Einzelpublikationen de? 1924 im Verlage F. Meiner-Leipzig erschienenen Sammlung„Die Volkswirtschaftslehre der Gegenwart in Selbstdarstellungen" cnt- nommen wurden, sind deshalb besonders instruktiv, weil Bernstein und Kautsky s e l b st ihr Leben und ihre Leistung als„Volkswirt- schaftler" beschreiben. Kautsky gibt seinem Büchlein den Titel:„Das Werden eines Marxisten, Bernstein betitelt seine Selbstdarstellung: „Entwicklungsgang eines Sozialisten." Zusammen geben beide Büchlein ein konzentriertes Bild der geistesgeschichtlichen Entfaltung des Sozia- lismus der letzten sechzig Jahre, an der Bernstein und Kautzky so hervorragend gestaltenden Anteil hatten. Bernstein als der Aeltere war es, der den jüngeren Kautsky in Zürich als Sekretär Höchbergs. des verdienten Förderers der jungen Sozialdemokratie, in den Marxismus eingeführt hatte. Später, während der Revisionismus- Debatten trennten sich die Freunde, um seit 1915 wieder, und seitdem endgültig, vereint zu sein. Leider sind beide Bändchen nicht auf den neuesten Stand gebracht. Die Selbstdarstellungen, die beide mit wcrivollem bibliographischen Anhang versehen sind, wurden 1923 niedergeschrieben. Seitdem aber haben sowohl Bernstein als Kautsky an der Weiterentwicklung der Partei lebhaften Anteil genommen. Kautskys„Materialistische Ge- schichtsouffassung" ist 1927 erschienen. Aber da diese letzten Arbeiten — sie anzuführen würde den Rahmen einer kurzen Anzeige über- schreiten— alle noch leicht erreichbar sind, wird unser Bedauern überstimmt von dem, was die beiden Büchlein auch in der vor- liegenden Gestaltung zu geben vermögen. Sie sind, nach dem IIr< teil Adolf Brauns, der sie vor Iahren hier besprochen hat,„be- deutsame Beiträge zur Geschichte des Sozialismus". Namentlich die jüngere Generation wöge sich ihren Inhalt erarbeiten. J. P. Mayer. WAS DER TAG BRINGT «■uimuiiuiDiitnnBiuiiiiininiiiMiiiiiiiiiiiiiniiiimnmnnnutniiiiitntiMimMUiiiuiiiuuuiiuitunniiiniiiiiuiiiiiiiiüiiiiiuuuiiiiituitiiitraiitininitiiniiuimiuiuitiiimiiiiiiiiiiimnr Wieviel Eisen hat der Mensch? Darüber bestehen ganz falsche Vorstellungen. Die im mensch- lichen Körper vorhandene Eisenmenge ist gering: sie beträgt beim Erwachsenen mit einem Körpergewicht von 70 Kilogramm mir rund 3 Gramm. Davon entfallen auf die roten Blutkörperchen 2,7 Gramm, der Rest auf den Körper selbst. Es wird gewöhnlich auch übersehen, daß das Eisen nur in Verbindungen vorkommt, also nicht mehr den Charakter des metallischen Eisens hat. Der erwachsene Mensch scheidet„Eisen" täglich aus, und zwar im Harn 0,5 bis 1,5 Milligramm, durch den Darm wesentlich mehr. Ein Säugling nimmt mit der Muttermilch täglich 3,3 Milligramm Eisen auf. Der Erwachsene stellt sein Eisengleichgewicht her durch den Eisengehalt gemischter Kost. Viel Eisen enthalten Eier, Milz, Leber, Knochenmark, Blut, Kartoffeln, Linsen, Erbsen, Bohnen, Spinat, Erdbeeren, Zlepsel. Eisenarm sind Reis und olle gebeutelten Mehl- sorten, ferner Käse, Milch, Butter. Wer sein Eisenmanko durch eisenhaltige Mineralwässer, durch Eisensalze usw. deckt, muß daran denken, daß durch Bildung von Schweseleisen die Zähne schwarz werden können. Messung der Arbeit Wenn jemand eine Schubkarre, die mit ihrer Ladung 50 Kilo wiegt, ein« Höhe von 2 Meter emporschiebt, so erklärte der Physiker einfach, daß dabei 50 mal 2 oder 100 Meterkilo Arbeit geliefert werden. Man hat nun in Frankreich«ine Vorrichtung erfunden, die weit deutlicher zum Ausdruck bringt, was bei einer solchen Tätig- kcit geleistet wird und was dabei vor sich geht. Hier wird die Schubkarre auf einer wippenden, schrägen Bahn emporgeschoben. Außerdem sind mit dem Arbeiter allerhand Instrumente verbunden, welche die Temperatur und den Druck des Blutes mcsien, sowie die steigende Ermüdung" und die wachsende Anstrengung beim Schieben. Die Meßergebnisse zeigen sich selbst in Schaubildern auf, die dann gxündlich studiert werden können. Baby erhält einen Extrazug Als vor einigen Tagen der zwischen Hull und London ver> kehrende Vormittagsschnellzug die Station Goole verließ, bemerkte der Stationsvorsteher zu seinem Entsetzen, daß ein dreijähriges Kind auf dem Bahnsteig zurückgeblieben war, das entsetzt nach seiner Mutter schrie. Schnell entschlossen beauftragte er eine Lok»- motioe, die Verfolgung des O-Zugcs aufzur»ehrnen, und der Zufall sollte, daß dieser wegen eines Bremsschodcns kurze Zeit auf freier Strecke halten mußte. Die Lokomotive fuhr heran und die glückliche Mutter tonnte ihr Kind in Empfang nehmen. Eirot statt Eigelb Die Universität Cambridge konnte vor kurzem mit Befriedigung über das Gelingen eines wissettschastlichen Experiments berichten, durch dos eine Rotfärbung des Dotters von Hühnereiern erzielt wurde. Eine ahnungslose Henne bekam in ihrem Futter täglich steigende Dosen eines roten Farbstoffes, und es zeigte sich, daß dos Eiweiß unverändert blieb, das Eigelb aber von außen her in all- mählich wachsenden Ringen nach innen zu rot wurde; am 11. Tage war ein vollkommenes Eirot erreicht. Mas das Experiment prak- tisch zu bedeuten hat, wissen die Gelehrten von Cambridge selbst noch nicht, sie hoffen aber, daß auch bisse Arbeit der reinen Wissenschast noch einmal sich als sinnvoll erweisen werde.--- Andrees Schicksat weckt Erinnerungen an einen gleichermaßen tragischen Flug vor 21 Iahren. dessen Opfer ein Deutscher wurde. Am 19. Dezember 1909 stieg der Leutnant Willi Richter nachmittags VA Uhr in t dem Freiballon„Luna" des Sächsischen Vereins für Luftfahrt in Weißig bei Dresden zu einem Uebungsflug auf. Der kleine Bollo.t faßte nur 925 Kubikmeter und war mit Wasserstoffgas gefüllt. Am 20. Dezember, also am nächsten Tage, vormittags 9)4"llhr, wurde der Ballon noch bei M a r i a h a m n, der Hauptstadt der Alands. j n f e l n im Bottnischen Meerbusen gesichtet. Seitdem sind Führer und Ballon verschollen; bei dem festgestellten Nordostkurs des Freiballons dürfte feststehen. daß Leutnant Richter ebenso wie Andre« seinen Tod im Eise der Nordpolarzone gesunden hat. Warum der jung« Offizier nicht ver- suchte, unterwegs zur Landung zu schreiten, kann niemand sagen, vielleicht war auch er ein Opfer der Rekordsucht, oder aber ein Defekt um Ballongcrät wurde ihm zum Verhängnis. V/. Ii. Japans Städteaufbau im Film Auf Veranlassung des japanischen Ministeriums des Innern ist der Wiederausbau der beiden durch das Erdbeben vom 1. Sep- tember 1923� zerstörten Städte Tokio und Yokohama vom ersten Tage an in Filmaufnahmen festgehalten worden. Diese Aufnahm,'» sind jetzt soweit fertiggestellt, daß sie öffentlich gezeigt werden können. Der Film, der für Japan bestimmt ist, wird, eh««r seine Rundreise durch das Land bis in die entferntesten Ortschaften an- tritt, zuerst im kaiserlichen Palast« vorgeführt, außerdem sind noch vier weitere Aufnahmen gemacht worden, die ins Ausland gehen sollen, und bei denen daher die begleitenden Erklärungen statt in japanischer, in englischer Sprache abgefaßt sind. Von diesen vier letzteren werden zwei in die Vereinigten Staaten von Nordamerika gesandt, eine soll nach Europa gehen und die vierte wird in Asien bleiben, um dort in den einzelnen Ländern gezeigt zu werden. Mit diesen Filmen will Japan der Welt nicht nur die ununterbrochen fortschreitenden Wiederausbauarbeiten in den beiden genannten Städten vorführen, sondern zugleich durch häufig« Nebeneinander- stellung des Aussehens von Tokio und Yokohama vor und nach dem Erdbeben einen Beweis von den gcwattigen Fortschritt«» liefern, die Japan in den letzten sieben Jahren gemacht hat, Wien Handball-Bundesmeister Hannover-Hainholz 6: 5 geschlagen 3n Hannover siegle gestern Wien- Ollokring mil S: 5 Toren über hannover.hainholz in der Handball- m e i st e r s ch a sl des Arbeiter-Turn- und Sporlbundes. sovo Zuschauer sahen ein großartiges Spiel von zwei technisch vusgezeichnetcn Mannschaften. Die Hannoveraner lagen in den legten Minuten derart stark im Angriff, daß jeden Augenblick das Ausgleichstor zu erwarten war und damit auch die Spielverlängerung kommen konnte. Wien verdankt die Bundesmeisterschaft seinem Torwart, der ein ganz großes Spiel lteserte. Tech- nisch waren beide Mannschaften gleichwertig. Die Verteidigungen zeigten sehr gutes'Stesiungs- und Aufbauspiel. Sehr gut waren auch die Außenläufer beider Mannschaften. Dagegen fielen beide Mittelläufer etwas ab. Schade, daß der prächtig« und wurfgewaltige Jnnensturm von Hannover mitunter zu eigensinnig spielte, indem er die Flügelstürmer wenig mit Bällen versah. Darin verstand sich Wien besser. In ihrem Sturm wechselten Flügel- und Jnnennngrisfe stetig ab. Berliner Handball Wedding II gegen Oberspree 2: 3 r FTGB.-Wedding hatte sich zum Einspielen der etwas vcr- änderten 2, Arbeiter-Handball-Männermannfchajt die 1. Männer- Mannschaft von FTGB.-Oberspree verpflichtet. Die Weddinger waren zeitweise überlegen und drückten stark, muhten aber doch eine Niederlage von 3: 2 hinnehnien. Schon nach 19 Minuten gelang es dem Oberspreer Linksaußen, das Führungstor zu erringen. Trotz des nassen Bodens wurde von beiden Mannschaften ein gutes Spiel gezeigt- Der einzige Ausfall war der Weddinger Sturm, der leider wenig Zufamnienarbeit zeigte. Der Mittelstürmer verteilte die Bälle zu ungenau, sa daß die rechte Seite fast keine Arbeit bekam. Der Hintermannschaft von Oberspree war es deshalb ein leichtes, die Angriffe schnell zu zerstören. Mit etwas besserer Zusammenarbeit der Weddinger begann die 2. Halb- zeit. In der 40. Minute entstand eine kleine Kollision, die Rechts- außen schnell ausnutzte und dadurch Wedding zur Führung verhalf. Auch Oberspree war nicht müßig und vollführte mehrere Angriffe, die aber durch die gut zusammenarbeitende Läuferreihe und die Ber- teidigung unterbunden werden konnten. Erst nach weiteren 8 Mi- nuten gelang es dem Mittelstürmer einzusenden, den Wcddings Torhüter durch leichtsinnige Fußabwehr zum Ausgleich für Ober- spree passieren ließ. Dabei sollte es jedcch nicht bleiben, denn bald gelang es dem Mittelläufer, eine Strafecke zum Siegestor für Ober- spree zu verwandeln. Der Torhüter konnte den Ball noch an die Latte Nemmen, hielt ihn aber nicht mehr. -ARBEITER. WSSBALL Bot ab verliert gegen Werder 0: 5 Eine Riesenüberraschung gab es gestern im 3. Bezirk: Eine der führenden Mannschaften, B u t a b, wurde von dem Tabellenletzten Werder glatt mit 3:0 geschlagen. Die Techniker scheinen in einer sehr großen Krise zu stecken, Sonntag um Sonntag verlieren sie Spiele.— Union-Tempelhof mutzte gegen Minerva eine glatte 4: 0-Niei>crlage einstecken.— Trebbin konnte gegen Luckenwalde 3 mft 3: 0 gewinnen.— Borussia scheint sich weiterhin von der Spitze verdrängen losten zu wollen. Die erst kürzlich ins Leben gerufene Fußballmannschaft Reukölln-Britz vermochte gegen Borustia mit 5: 1 zu gewinnen.— Borwärts-Wedding spielte gegen Karow und verlor 1:3.— Kogel 1 gegen Minerva 2 2:5, Eintracht gegen Saxonia 4: v, Oberspree gegen Eiche-Köpenick 0: 5, Wilmersdorf 2 gegen Spandau 3 3:1, Brieselang gegen Cladow 7: 1, Werder 2 gegen Butag 2 1:2, Trebbin 2 gegen Luckenwalde 32:2. Arbeitcr-Hockfy Kurz vor dem neuen Serienbetrieb veranstalten die Bezirke O st r i n g 1 und Rordringlder Freien Turnerschaft Groß-Berlin ein Freundschaftstreffen. 8:1(1:0) siegte Nordring infolge besseren Zusammenspieles und des allgemeinen besseren Gesamtgefüges. Das Spiel war hart, aber fair und sehr schnell. Nor der Pause war es infolge ausgleichend guten Läuferspieles beiderseits sehr offen. Erst nach Wiederbeginn konnte sich Nordring infolge seines wirklich guten und systemvoll spielenden Mittelstürmers durchsetzen.— Montag, 6. Oktober, 19.30 Uhr, erste Schiedsrichterzusammenkunft in der Kreisgeschäftsstelle, Elsaster Straße 86/88. Die Bühnenschau des ASV. Neukölln gibt den Auftakt zum Winter Einen Bombenersolg hatte gestern der Arbeiter- Sportverein Zleukölln mit seiner Veranstaltung:„35 Zahre Arbeitersport" zu verbuchen. Dicht gefüllt war der groß« Saal von Kliems in der Hasenhcide. Fast alle sachverständigen Funktionäre des Arbeiter- jports waren Zeuge der gutgelungencn Borführung, betitelt: �Gymnastik im Wandel der Zeit." Man kann wohl sagen, die Neuköllner haben etwas auf dem Kasten! Nicht weniger als 13 Einzelnummern rollten ilott hinter- einander ob. Was es heißt, zweimal ein« ganze Stunde hinterein- ander bei geöffnetem Borhang feine Gäste in Spannung zu halten, weiß wohl nur der Eingeweihte. Ein starkes Orchester begleitete die Vorführungen. Den Ansang machten die älteren Mitglieder mit der Darstellung einer Bezirkslehrstunde im Jahr« 18 9 5. Sie mühten sich ohne jegliche Glossierung redlich ab, aber man merkte, daß es doch schon sehr lange her war. Es folgten Kreisfektübungen von 1908, dann die Ansänge des Musikturnens mit Keulen- schwingen usw. Die beiden letzten Nummern der ersten Progranim- stunde, Kunstfreiübungsturner vom Kreisfest 19 2 4 sowie die Frauenriege lösten bereits tosenden Beifall aus. Der zweit« Teil bildete den Häheupnkt und legte beredtes Zeug- nis von Fleiß, Arbeit und Können des Vereins ab. Gut aussehende Gruppenstellungen und Bogenübungen vertraten das Jahr 1 0 2 3. Mit„12 herzen im Dreivierteltakt" schlosten die Frauen endgültigen Kontakt mit den Zuschauern. Großen Beifall ernteten die Männer mit ihren Hantelübungen, deren Uraufführung genau wie die vor- herige Nummer im Jahr« 1 927 liegt.„Neukölln in gcschlostener Front" sowie die Sprungseilübungen zeugten serner von zäher Uebungsarbeit der Männer und Jugendlichen. Mit„Bervegunz ftt Leben" bereiteten die Frauen den großen Schluheffekt„hallo. ASV. Neukölln" vor. Die ganz hervorragend« Ausführung dieser schwierigen„Revuenummer" riß die Erschienenen zu langanhalten- dem stürmischem Beifall hin; doch der Vorhang öffnete sich nich: wieder. Alles in allem: Der ASV. Neukölln hat ein« Veranstaltung gs- zeigt, die dem Arbeitersport alle Ehre gemacht hat und werbend fi? die Gesamtbcwegung gewirkt hat. SPD.-Sportler Neukölln? Mittwoch, 1. Oktober, findet im Lokal von Zimmarmann, Treptower Ecke Stuttgarter Straß«, ein wichtige Sitzung aller in der Sozialdemokratischen Parle! organisierten Sport- ler statt. 20 Uhr. Partei- und Bundesbuch legitimiert. Allerlei Ergebnisse vorn Sonntagssport Münchener Fußballsieg über Berlin. Da- mit Spannung er- wartete 11. Zusammentreffen der Fußball-Städtemannschasten von München und Berlin ging auf dem Preußen-Sportplatz in Berlin vor 25 000 Zuschauern vor sich und ergab nach torreichem Verlauf den verdienten Sieg Münchens mit 5:4 Toren, nachdem die Bayern bei der Pause mit 3:0 geführt hatten. Die Gäste aus München waren meist überlegen und hatten den Berlinern in technstcher Hinsicht sehr viel voraus. Ungarn— Deutschland im Fußball 5: 3. Anläßlich des Bundes- tages des Deutschen Fußballbundes in Dresden fand vor mehr als 40 000 Zuschauern der 9. Fußball-.Länderkampf Deutsch- la n d-r.U n g a rn statt. Nachdem das Spiel schon sehr bedenklich für Deutschland stand, holte unser« Nationalmannschaft zum Schluß doch noch einen glänzenden 5: 3- Sieg heraus. Brauch» Mellrekord mißglückt. Im Potsdamer Stadion versuchte gestern anläßlich eines Sportfestes das Mitglied des Charlotten- burger Sportklubs Brauch den auf 33,056 Kilometer stehenden Weltrekord im Zwei stundenlausen zu überbieten. Es gelang ihm nicht. Er mußte schließlich seinem Klubkameradcn Geisler den Lauf mit 32,319 Kilometer überlassen. Dagegen brachten die Sportlerinnen der„Potsdamer Sportfreunde"«inen Staffelwelt- rckord über dreimal 800 Meter zustand«: sie liesen 7:49,9 Minuten heraus. Weltrekord im Gewichtheben. In Esten verbesserte im Entschei- dungskampf um die deutsche Meisterschost im Gewichtheben der Essener Halbschwergewichtler B i« r w�i r t h seinen eigenen Welt- r e k o r d im linksarmigen Stoßen von 195 auf 200 Pfund. 5chluh in Olympia Die allerletzte Veranstaltung aus der O l y m p i a- R a d r e n n- bahn(«ine„letzte" hat es bereits gegeben!), dem Nochwuchs vorbehallen, war nur sehr schwach besucht und ergab in dem Stundenrennen, das in zwei Läufen über je ein« halbe Stund« ausgetragen wurde, den Sieg des Stetliners Hans Corpus über den Breslauer Lohofs, Sieronski und Gilgen. Corpus hatte sich im ersten Laus einen derartigen Vorsprung oerschasst, daß der Erfolg von Lohofs im zweiten Lauf seinen Gesamtsieg nicht mehr gefährden konnte. Gänzliche Versager waren der Japaner Kawamuro und der Pole Ziemek. In den Gaumeisterschaften über 1 und 10 Kilometer blieben Dasch und Ahlers erfolgreich. Ergebnisse: Herbstpreis: 1. Lauf: 1. Corpus 33,97 Kilometer, 2. Lohofs 780 Meter, 3. Sieronski 950 Meter, 4. Gilgen 1130 Meter, 5. Zimek 5870 Meter, 6. Bohren 9170 Meter zurück; 2. Laus: 1. Lohofs 34,5 Kilometer, 2. Sieronsti 220 Meter, 3. Gilgen 290 Meter, 4. Corpus 310 Meter, 5. Kawamuro 5100 Meter zurück. Gesamt: 1. Corpus 68,16 Kilometer, 2. Lohofs 67,690 Kilometer, 3. Sieronsti 67,5 Kilometer, 4. Gilgen 67,05 Kilometer, 5. Kawamuro 43,35 Kilo- meter. Gaumeisterschast 1 Kilometer: 1. Dasch, 2. Erdmanski, 3. Stock. Gaumeisterschast 10 Kilometer: 1. Ahlers 12 Punkt, 2. Becker 11 Punkte, 3. Stock 5 Punkte. Herbstregatta des DWV. Der republikanische deutsche Wassersportoerband veranstaltete gestern bei Sadowa seine diesjährige Herbst- regatta, die trotz des kühlen, regnerischen Hcrbstwetters gut besucht war und erfolgreich durchgeführt werden konnte. Die Strecke der Kanufahrer betrug 10 Kilometer, die Rennstrecke für die Ruderer 2000 Meter, die von den zahlreich gemeldeten Booten in kurzer Zeit abgefahren wurden. In den einzelnen Klassen lieferten sich die Teilnehmer scharfe Kämpse. Die Z e i t e n l i st e stellt sich wie folgt: 1. Senier-�oppelkeiak I b SPortvereiniauna KackebeN W-U: II. fltogrt Rennvierer IV» Sportvrreiniguna Sockebeil 55,11; IN. Daine und Serr Doppel» kajak I b flanu-S-lub Alfen 57,36; IV. JungMann.?oppelkaja! I b Kanu.Clud Alfen 58,02; V. Doppel. Tharpie II»(Eni Nag Teael 58,32; VI. Ermunterung»- Doppelkajak T b Kanu-Club Trcptan, 52,53.— Nnderrrnn«»: I. Vierer. 1. Ber. liner Brennstaff�besellslbast 5:38; II. Doppel-tzweicr mit Et. f. Damen<1000>n) Brennstoff.Desellschaft 5:58,8; III. Easwiercr, Nuderriege O»ram. 7:51.6; IV. 17. Bierer im BRD. ffortuna 7:45; V, Einer o. Et. Gasag S;l7?; VI. Dvppel- Dierer für Damen(1000 m) Gasag 5:06; VII. Ermuntcrunos-Birrrr Bemag 7:55,2; VIII. Doppcl.Imcicr mit Et. Berliner Brennstoff-Gescuschaft 8:18. FTGB.- Frauen in Spandau Wie alljährlich, so veranstalteten auch gestern wieder die Frauenabteilungen der Freien Turnerschast Groß-Berlin ihr H e r b st t r e s f« n. Diesmal war Spandau dazu auscrseheu. Leider beeinträchtigte der Regen am Vormittag die Bsteiligung, so daß sich zum Mittag aus dem Sportplatz in der Ceeburger Straße nur 220 Turnerinnen einfanden. Die kühle Witterung veranlaßt� auch die Leitung, d«n Umzug in Zivilkleidung machen zu lassen. Auf dem Sportplatz zeigten die Turnerinnen dann in schneller Folge Freiübungen und Spiele aller Art, die bei den vielen Besuchern großen Beifall fanden. In der Abendveranstaltung zeigten die Ab- teilung«n ihre Kunst, hier waren es besonders die Schattenspiele, die in luftiger Art für den Arbeitersport warben. heicktattdetilc-Meistersdiatt des AABD. Bei der in Nürnberg ausgetragenen Leichtahtl«tirManli- schaftsmeisterschaft des Arbeiter Athlctenbundes ging Nürnberg. West mit 14921t Punkten als Meister hervor. Den zweiten Platz nahm Eichenkraft-Longewieien(Thüringen) mit 14121t Punkten«in. Küfner von Nürnberg-Wcst verbesserte seine Bundesbestlesttung im Kugelschocken von 20,20 Meier aus 21,53 Meter. Kleiner Sport von uberall Schwer« Anfall von Buschenhagen. Der Berliner Rennfahrer Paul Bulchenhagen wurde in Zürich von einem schweren Unfall de- troffen. Bei der Rückkehr von einer Trainingsfohrt wurde der Ber- liner am Eingang der Rennbahn von einem Auto angefahren, zu Boden oerisien und 30 Meter weit mitgefchleift. Buschenhogen erlitt neben Kopfverletzungen auch eine schwere Knieverletzung, die seinen Start beim Chicagoer Sechstagerennen stark in Frage stellt. 1,42 Millionen Srastsahrzeuge in Deutschland. Der Bestand an Kraftfahrzeugen im Deutschen Reich betrug nach der offiziellen Sta- tistik für den 1. Juli 1930 1 419 870 Stück und«rfuchr gegenüber dem Vorjahre eine Steigerung von 205 811 Kraftfahrzeugen. Ein Vergleich mit der Bestandszunahme 1928/29 in Hohe von 280 747 Fahrzeugen zeigt also einen Rückgang im Tempo der Motorisierung. AEck..Nkptu«" ffleiftenf«. llcbunßsfhmbtn fttzt Diev-slaas und Trcilaa» um 10 Uhr in der Oderbcrßrr Straßr. Mitaliedvbuch milSrinßrn. Zreie Schwimmer ckharlpttenburg, ftamutWcUana. Mooatssitzung 1. Ottober, 20 Uhr, bei Nriefche. tzaiser»lZri«briii>�v!r. 18. KT««.,«ezirk Panlow, Iupeadabteilaag. Dienstag,?1. Ccpicmbcr, 20 Uhr, im flugeudheim Görfchftr. 11, Zimmer 2. Seimadrnb. Tonristeavereia.Die Ratarfeuade", Zeatral« Wiea. D'eastaa, 30. September, 20 Uhr. Abt. griebrlchahata: Frankfurter Allcc 307. Geschäftliches.— Abt. Frieden««: Offen bacher Str. 5a. Singsang.— Abt. Stardea: Sonnenburger Straße 20. Naturluublichc Wanderung lLampafiak).— Ad«. Reulijlla(Jugend. gruppe): Flughafenftr. 68. Seimabrnd.— Abt. Weddiag: Turiner Ecke Seeflrahe. lO-Minuten-Referate:..Soziales Wandern".—«dt. Lmaidoldthain! Orthftr. 10. Unsere großen Fahrten 1030, 2. Abend.— Abt. Siidast(Iugeubgrupvel: Wrangklstr. 128.„Bub und Mädel"(Bortrag).— Mittwoch, 1. Oktober, 2« Uhr. Osten lIugrndgruppe): Gohlerftr. 81. Gefchäfiliches.— Photogemeinlchaf«. Abt. NeutüDn: Bergstr. 29.— Kamboldthain 11(Iugendgruppc): Turiner Ecke See. strahe. Bunter Abend.—»vaaerotag, 2. Oktober, 20 Uhr. Abt. Lichtenberg: Gunterstraß-. Lustiger Abend.—«dt. Lichtenrade: Dehlam. Bahnhof. Ecke Golh. straße, 19� Uhr. Erste Hilfe bei Unglücksfällen.— Bd-tgemeinschaft,«dt. Starten: Pank. Ecke Wiesenstraße.— Naturkundliche Abteilung: Iohannisstr. 15. "lügencr«reibe.— Rafikgemeialchaft- Iohannisstr. 15.— Abt. PrraUaaer Berg: Danziger Etr. 82. Baracke n. Geschäftliches.— Abt. Südwest: Porckstr. 11. Geschäfllichrs.-- Adt. NeakSlla: Bergstr. 29. Geschäftliches.— Abt. Spondaa: Liitdenufer 1.—«dt. Tiergartea: Lehrter Str. 18— IS. Jack London.— Adt. Weißenfoe: Piftoriusstr. 21. Lj-pi'snniSl'S für Berlin hdet stafc Mibbwoch-t-Okbber ; 2 Uhr mitogs in samUicherb Hgarongsschaften. GSiess-Berlins Haus BerssrnAßn. Zfcarettanfabrik A-0, Dresden Aerzte- Tagung über die Hitler-Aeurose Zndividualpsychologen in Berlin über Minderweriigkeitskomplexe und Geltungsstreben Der nervöse Charakter gibt unserer Epoche dos Gepräge. Der Tleurotikcr ist nach Alice Rühles Definition„der Rlensch dem das heute mit seinem brutalen Oben-llnken nicht mehr gelingt, und der sich das Morgen, die neue Gesell- schaftsordnung. noch nicht zutraut. Auch die Zndividual- psychologie ist eine Uebergangstheorie mit allen Kennzeichen des Aeberganges". Der eben im Schöneberger Rathaus abgehaltene 5. Internationale Kongreß für Individualpsycho- logie bewies, wie treffend mit diefer Definition der gegenwärtige Stand diefer Richtung umschrieben ist. Die Zndioidualpsychologie ist zweierlei, nämlich einmal eine therapeutische Methode, die ebenso wie die Psychoanalyse, aus deren Mutterboden sie erwachsen ist, Heilung des neurotischen, des seelisch kranken Mannes anstrebt; darüber hinaus ober ist sie eine W c l t a n s cha u u n g, die in alle wichtigen Lcbensgebiete, in Gesellschaft, Beruf, Schule und Liebe einzudringen und unsere Blickweise von Grund auf umzugestalten trachtet. Als Therapie, als Heilmethode des nicht nur neurotisch angekränkelten, sondern an schwerer Angstkrankheit oder wirklicher Zwangsneurose leidenden Menschen erweist die Jndividuolpsychologie am ehesten ihre Gren- ze n. Die„Ziwmgsneurose" war das Hauptverhandlungsthema des ersten Kongreßtages, der der.jndividuolpsychologie und Medizin" gewidmet war. Bon ihrer Entstehung, ihrer Struktur, ihren Hinter- gründen und ihrer Heilung handelte der programmatische Kongreß- Vortrag Alfred Adlers, des— wie die enorme Anhänger- schaft erneut bewies— allseitig verehrten Begründers der Jndi- vidualpsychologie.„Bon Natur" ist der Mensch nach Adlers Auf- fassung„gut". Gemeinschaftsgefühle, in denen der„Sinn des Lebens" bestehe, seien in jedem Menschen angelegt und werden erst durch grabe Erziehungsfehler: Vernachlässigung des Proletarierkindes und die die Neurose fast noch mehr begünstigend« Verzärtelung des Bürgerkindes verschüttet. Auf dieser Grundlage entstehe dann jenes „falsche Bewußtsein", das an die Stelle der Gemeinschaslsgesühle eine scheinbare llebersteigerung des Selbstbewußtseins seht, die bis zum Glauben an die eigene Sottähnlichkeit entarten kann— in Wahrheit allerdings ist der Reurotiker nur ein Unglücklicher, der sich überall von den„Bajonetten des Lebens" bedroht sieht. Das » Selbstgefühl ist die kehrseile seines Minderwertigkeitsgefühls, das �\ ihn daran hindert, sich durch Leistungen zu erweisen. Mit Beseitigung des falschen Bewußtseins, Zurechtbiegen des verzerrten Weltbildes, dem Zwang zur Leistung und der Wiedererweckung des verschütteten Gemeinschaftsgefühls glaubt Adler den Zmangekranten heilen zu können. Solche Heilungen sind oft aber nur Schein Heilungen. Gewiß ist schon eine ganze Menge erreicht, wenn es gelingt, den neurotischen Sonderling zur Wiederaufnahme seiner gesellschaftlichen und beruflichen Ver- pflichtungen: zu bringen und lein Gemeinschaftsgefühl zu beleben, ober wahrhaft heilen kann nur der, der wahrhaft oersteht. Aber mit diesem primitiven Rüstzeug, dieser fast grandiosen Einseitig- t« i t, der die Jndioidualpsychologi« andererseits gerade ihre suggestive Werbekraft verdankt, lassen sich die oft so verschlungenen Seelenpfade des Neurotikcrs nicht aufspüren. Die Jndividual- Psychologie übersieht andere wichtige Motcren des seelischen Geschehens, wie Sexualität und Unterordnungsbedürfni'-, sie vermag auch mit ihren Mitteln weder die Wahl des Krankheit s- fymptoms». noch die Neurosenwahl überhaupt zu erklären.> K r o n f e! und We x b e r g, Wien, deren Referate sich speziell mit dem Problem der„Nenrosenwahl" beschäftigen, sowie Fran Dr. Credner, München, die„einige Fäll« von Phobie" beschreibt, gehen allerdings über den hier gekennzeichneten orthodoxen Stand- puntt weit hinaus und bemühen sich durchaus um die E r t l ä r u n g: warum unter den vielsättigen Möglichkeiten neurotischer Reaktionen gerade eine ganz bestimmte Art der Reurose auftritt, wanim der eine dein Zwang unterliegt, wie der Held in jener lehr- reichen Novelle Jean Pauls,„Feuer" zu schreien, wenn er in eine sromme Gemeinde tritt,— warum der zweite«inen freien Platz nicht überqueren kann und ein dritter den unwiderstehlichen Drang verspürt, sobald er ein Messer sieht, seine Frau zu erstechen. Wenn die Jndioidualpsychologie in therapeutischer Beziehung auch mancherlei Mängel ausweist und sie dringend der Ergänzung durch tieferschürfende psychoanalytische Methoden der Seelen- forfchung bedarf, werden darum ihre großen Verdienste doch nicht geschniälert, die auf ganz anderen Domänen liegen: in der S o z i a l- f ü r s o r g e und in der Pädagogik, denen der zweite Verhandlungs- tag gewidmet war. Auf beiden Gebieten hat die seelische Tiefen- forfchung, deren wirksamster und am besten aus die Praxis zuge- ichnittener Zweig eben die Jndividuolpsychologie ist, völlig revolutionierend gewirkt. Früher galt als Voraussetzung sürsorgerischer Tätigkeit«ine gewisse „Minderwertigkeit der hilssbedürsligen, eine Hochwertigkeil des Helfers und eine Anerkennung der bestehenden Gesellschasls- ordnung". Die Ermittlung der Würdigkeit des Bittstellers erstreckte sich auf das Verhalten der Hilfsbedürftigen gegenüber der von der Ge- scllschaft anerkannten Pflichten: Arbeitsamkeit, Familiensinn, Wirtschaftlichkeit. Die Tiefenpsychologie hat uns gelehrt, daß gerade der- jenige am dringendsten der Hilfe bedarf, der über jene sozialen Tugenden nicht verfügt, sondern dessen Versagen im Beruf und Leben oft gerade die Folge seines mangelnden Gemeinschastsgefühls ist, das, kurz gesagt, die materielle Hilfe mit einer seelsorgerischen Hilfe, mit„Ermutigung" Hand in Hand gehen muß, der Kardinalforderung aller individualpsychologischen Therapie, Fürsorge und Pädagogik. An Hand von im Lichtbild vorgeführten Tabellen machte Frau Dr. Perger-Falk Ausführungen über die„Jndividualpsychologie als Grundlage sozialer Diagnostik und Therapie". Sie zeigte, wie man heute bei der Aufnahme eines Fürsorgeberechtigten drei Tabellen anlegt: 1. mit dem körperlichen Befund, 2. mit dein psychologischen Befund, 3. mit dem soziologischen Befund. Erst von da steigt man auf zu einem sozial-psychologischen Befund,>der uns fähig macht, nicht nur zu Helsen, wie m-in cs früher tat, im „Zerrbild echten Helfens", sondern in der rechten weise zu helfen: jeden hilfsbedürftigen an den richtigen Platz z» stellen. auch den, oder gerade den, der sich am Rande der sozialen Ordnung und damit am Rande des Abgrundes befindet. Auch des wirksamen Werbemittels, des Films, bedient« sich der Kongreß, um die von individualpsychologischer Anschauung stark durchsetzte Art der neuen Fürsorge zu illustrieren. Der Film..Krüppelnot und Krüppelhilfe" zeigte, wie verkrüppelte, einarmige oder armlose Kinder, deren Schicksal früher die Straße und das Betteln war, dort zu freudigen, sozial«in geordneten Menschen erzogen werden, die es lernen, ihre Stümpfe als ebenso geschickt« Werkzeuge im Lebens- kämpf zu gebrauchen, wie der Gesunde seine Arme. Erschütternd war das Bild eines völlig Armlosen, der vom Insassen zum Lehrer des Heims aufgerückt ist und der mit seinen Stümpfen in schön leserlicher Schrift:„Der Wille siegt" an die Tafel schrieb,— ein wunderbares Zeugnis für die„soziale Therapie und Fürsorge", wie die Jndioidualpsycholvgen sie meinen.„Es gibt keine Entmutigung", sagt Alfred Adler,— auch nicht für die Organ- minderwertigen. Biel hat die seelische Tiesensorschung für die Ausgestaltung dieser Richtung und sür das Verständnis der Fürsorgebedürftigen getan,— und doch stoßen wir hier an die Grenz« der Jndividuolpsychologie. Denn was nützt olles Verstehen, wenn nicht politische wachlsakloren die Mittel schassen, das Erkannte auch 1 in die Tot umzusehen, wenn nicht die Parteiforderung: der Bedürftige ist nicht Almosen« empfänger, sondern hat«inen rechtlichen Anspruch aus staatliche Hilfe, erst die Grundlagen sür solchen Wandel geschaffen hätte? Manes Sperber sieht diese Grenze, wenn er zu der Konstolierung komint: die gegenwärtige deutend« Psychologie zeigt einen gewissen Stillst and in der Entwicklung. Ihr Anspruch, durch eine Be- wußtseinsänderung den Antagonismus dieser Welt zu lösen,' ist Utopie, sowie es eine Utopie wäre, mit einem Glas Limonade «inen Weltcnbrand löschen zu wollen. Immerhin habe die Jndividualpsychologie auch innerhalb dieser gegenwärtigen Gesell- schaft des Oben/Unten noch eine wichtige Funktion,— allerdings nur dann, wenn es ihr gelänge, ihre Basis zu verbreitern und den Weg von der Jndividual- zur S o z i a l Psychologie zu gehen,—„ein Weg, der nur gegangen werden kann, in enger Ber- bindung mit der marxistischen Soziologie." Or. Oy Herzberg. * Als Ergänzung dieses kritischen Kongreßberichts veröffentlichen wir voraussichtlich morgen einen Aufsag aus den Kreisen der Jndividualpsychologen selbst. Lugend tritt ins Leben Die Lugendweihen der Berliner Arbeiterschaft Zugendweihe! Arbeiterkinder, Zungen und Mädel, treten hinaus ins Leben, vorbei die Zeiten der Spielwiese, vorbei die Zeiten der Schulbank! Zeht erst beginnt in Wahrheit der Ernst des Lebens, wenn auch Rot vielleicht schon vorher geschaut und erkannt ist. Bisher trugen die Sorgen Vater und Mutter. Zeht heißt es: Eingliederung in den Produktionsprozeß. Kampf um Licht und Brot! Die neue Form der Zugendweihe, die Sozialisten, Freidenker und Gewerkschafter sür diesen wichtigen Lebensabschnitt der Arbeiterjugend gesunden haben, hat sich im letzien Zahrzehnt so sehr dem Gefühl des Proletariats eingeprägt, daß die Zugendweihe heule mehr bedeutet als für die Allen einst die Konfirmation. Vielleicht rührt das daher, daß die Zugendweihen von Lebenswillen, Lebenskamps. Lebensbejahung und Lebensfreude beseelt sind und nicht die Kälte der kirchlichen Veranstaltungen zeigen. Gestern um und um 12 Uhr feierten Sozialisten, Freidenker und Gewerkschaften Berlins in der Volksbühne am Bülow- platz, Platz für Platz im weitesten Rund des Theaters besetzt! Des unsterblichen Johann Sebastian Bachs Gavotte aus der Ouver- türe D-Dur erklingt, vom Streichorchester der Sozialistischen Arbeiterjugend Groß-Berlins meisterhaft vorgetragen. Die Jungen im dunklen Anzug, die Mädchen ini weißen Kleid, mit Blumen geschmückt, kommen, hoch aufgeschossen zum Teil und ander« wieder noch etwas klein und zurückgeblieben, aber alle mit frohen und mutigen Augen. Oskar Rachow singt das so schwere, aber wunderbar wiedergegebene»Erlöse Dich" von Lendvai und Eschbachs „Jungen Arbeiter". Wieder leitet Bach zum Hauptteil der Feier über. Dann spricht Pirrenz kurze Worte an die Jugend:»Hin- ein in das Leben, hinein in die Arbeit, hinein in die Freude, hinein in den Befreiungskampf der Arbeiterklasse!" Hans Otto Döpkes Chorspiel»Das Tor des Lebens" ist der Gipfel der Feier. Hier weist der Dichter Ziel und Weg für den jungen Arbeiter, hier zeigt er aber auch die Widerstände, die dem großen Freiheitskamps ent- gegenstehen. Es ist, als ob er nach den Worten eines der größten Denker den Jungen und Mädels zurufen wollte, daß sie dereinst, wenn sie alt geworden sind, möchten von sich sagen können: Dieser ist ein Mensch gewesen, Und das heißt ein Kämpfer sein." Zu einer eindrucksvollen Feier gestaltete sich die Jugendweihe in W« i ß« n s e e in der Sladthalle, die von der Partei, den Frei- denkern und den Gewerkschaften gemeinsam veranstaltet wurde. Musik und Gesang leiteten die Feier ein, die Jugend hatte in den ersten Reihen vor der geschmückten Bühne Platz genommen. In seiner Weiherede betonte Rektor Otto F a u st, daß die schulentlassenen Kinder sich besinnen müßten, welchem Wege sie fortan folgen wollten. Sie dürften ihr Ideal nicht in einem Menschen sehen, der die wenigen Stunden der Freizeit nach des Tages Mühe in gleich- gültiger spießerischer Ruhe verbrächt«, sondern sie müßten den wahren Kämpfern der Menschheit nachfolgen, die ihre Jugendzeit dazu benutzt haben, ihren Geist und den Körper roeiterzubilden, da- mit sie stark und wahr sür den Sozialismus einstehen konnten. Ihr Platz wäre in den Jugendorganisationen der Arbeiterschost, die bei gesundem Sport und Spiel, auf Wandernngcn und in der Erziehung zum Klassenbewußtsein die neue Generation heranbilde, den Kamps für die gerechte Sache der Menschheit weiter voranzusühren. Der Musikvcrein Weißensee unter seinem Dirigenten M e w e s brachte daraus das große Orchesterwerk Capriccio Italien von Tschai- kowski zu Gehör; ebenso verschönte mit stimmungsvollen Gesängen der Männerchor Weihensee unter Leitung des Dirigenten genten Paas die ernste Stunde. Der Sprechchor der Freien Gewerkschastsjugend und Rezitationen aus moderner Ar- beiterdichtung wechselten im künstlerischen Programm, bis der ge. meinsame Gesang:»Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" die schöne Feier beschloß. Aetteste Kuttur und neueste Malerei. Ostasiatische und französische Maler. Bon heutiger Kunst Ostasiens erfahren wir gewöhnlich nur, wenn in Paris ein anpassungsfähiger Japaner mit Bildern letzten französischen Stils in Mode kommt. Di« Wahrheit ist indes, daß es eine zeitgenössisch« Malerei von hohem Rang gibt, die ganz auf der Tradition des Ostens beruht und feine Anschauungsweise, die besonder« Feinheit seiner Natur- liebe, die glänzende Technik des Tuschpinsels auf Seide oder Papier in geistreicher und kühner Weise erneuert, ohne die geringste Ein- Wirkung von Europa her. Dies gilt allerdings weniger von Japan, dessen heutige Malerei die Art der alten Kakemonos in einer wenig wandlungs- fähigen Erstarrung, mit gleichsam einbalsamierten Finessen des 18.- Jahrhunderts, weiterpslegt, soweit sie nicht den europäischen Stilen verfallen ist— als von China, das feine Zähigkeit und Erneuerungsfähigkeit auch auf diesem Gebiet seiner jahrtousende- alten Kultur beweist. Man kann sich in der Sezession an der Ticrgartenstrah« davon überzeugen. Professor A. Chytil von der Pekinger Kunstakademie hat eine Sammlung von Werten lebender Japaner und Chinesen zusammengestellt, deren Sachverständnis durchaus Vertrauen erweckt. Wirklich interessant sind die Versuche der Chinesen, das alte Blumen- und Landschaftsbild mit neuem Geist zu erfüllen, lebendiger und farbiger zu gestalten. Ihr Bahnbrecher war der aiisgezeichnete Tfchi-Bai-Shi, dessen mächtige, stark- farbige Blumcnstücke im Mittelpunkt dieser Schau stehen. Er und' seine Schüler und Gesinnungsgenossen behandeln die Natur in der bekannten abstrakten Dekorationssorm der chinesischen Malerei, die nicht Wirklichkeit im perspektivischen Raum, sondern ihren Stim- mungsgehalt, das Wesentliche von Pflanze und Landschaft wieder- gibt. Sie verstärken aber die Akzente vor allem in der Farbe, so daß man sich mitunter an Erscheinungen unseres Expressionismus erinnert fühlt. In Wirklichkeit kann von einer solchen Einwirkung nicht die Rede sein. Sehr reizvoll sind noch die Hinterglasmalereien un- bekannter Künstler aus dem 19. Jahrhundert, die europäische, wohl rein zufallsmäßige Anregungen ays«ine ebenso liebliche wie raffi- nierte Weise in die alte'Zlnschauungsform des Ostens übersetzen und durchaus naiv bleiben;„Madonnen", Hafenbilder, Damenporträts. Di« Galerie Flechtheim stellt Picasso, Braque und Motiss« aus, 60 Werke aus deuischeni Besitz. Ihre Qualität ist durchgängig hoch, mim kam» dieje jährenden Künstler der heutiger; Malerei in ausgezeichneten Beispielen kennenlernen und unsere Sammler wegen ihres vortrefflichen Instinkts für das Echte beglück- wünschen. Braque erscheint in„kubistischcn" Täfelchen als- der Meister intimster malerischer Feinheiten; der französische Charme absoluter Malerei offenbart sich in diesen geistreichen„Stilleben" in vollkommener Weise. Picasso ist als der umfassendere und weg- weisende Geist zu erkennen. Es sind Bilder da, von seiner blauen Periode an bis zur Gegenwart, die den führenden Rang dieses großen Spaniers bedeutend hervortreten lassen. Würdigen wird diese Kunst allerdings nur können, wer von allem Unwesentlichen abschen und den tiefsten Sinn der Kunst in der Form erkennen kann, die, wie Goethe sogt«,„ein Geheimnis den meisten ist". _ Paul F. Schmidt. Kreude am Körper. Gymnastik im Vachsaal. Di« Gymnastikschule Medau warb sür ihre Körpererziehung im B a ch s a a l. Jugend stand im Scheinwerserlicht, stilvoll in blaue Seide gehüllt. Man erteilt ihren Borführungen und dem Gymnastik- training von Hinrich Medau wohl das best« Lob, wenn man sagt, daß einem beim Zuschauen eigentlich keinen Augenblick die Empsin- dung verließ, daß diese Menschen hier am ganz falschen Platz standen. daß sie ins Freie gehören, in die Sonne, mit waschbarem Zeug so knapp wie möglich bekleidet. Körperübung und fast akrobatische Geschicklichkeit schienen nichts anderes mehr als Aeußerungen stärkster Körper- und Lebensfreude; das Gefühl für Harmonie, Klang und Rhythmus durchflutete,«in lebendiger Strom, Menschen und Raum. _ S— z. Alfred vöbNa liest aus Einladung der VoltSbübne am streitag dem 3. Oktober, abends 8 Uhr, im Bürpeiioal des RatbauieS au« leinen Weiten vor. Einlatzkarten zum Preise von 60 Pf in der GclchältStlelle der Volt«. bühne LInIenftr. 227, an den Theaterkassen der Firma Hermann Tietz und bei den übrigen VerkausSstell-n der Volksbühne e. V. Vera Skaroacl und Gruppe bestreiten da« Programm der ersten die«- jährigen Taiucmatinee der VoltSbübne E. B. Die Matinee iindet an, Tonn- tag. dem b. Ottober im Theater am Bülowplatz statt. Einlatzkartcn mit üoSberechtigung sür Mitglieder 1,30 Mark, Plahtarlen(auch sür Nichtmit. gliedcr) 4, 3 und 2 Mark. Reue Stück« im vollsbühnen-vertog.. Literatur» K. m. t. H.", eine Komödie um ein Stück von Hermann Heinz Lltncr, wurde soeben von der VolkSbübnen-Perlags- und Vertiiebj-lÄ. ni. b. H. sür ihren Bühiienvcrtlieb erworben. Ein ElcndZslück in 3 Allen»Skandal aui der. Hinter. treppe" von Franz Wendclmutb, einem ehemaligen Hamburger Hasew arbeüez, ist ebenfalls vorn BoUSbühuen-Derlag erworben worden.