BERLIN Mittwoch S. Ottober 1930 10 Pf. Nr. 472 B 235 47. Jahrgang erfcheinttSgllchaaßerSonntas«. Zugleich Abendausgabe de«.Vorwärts'. Betug«prti« beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 SR. pro Monat. Kcdaktion und Expedition; DtrlillSW68,!indenstr.» SfuUaaigaße Jßh» tt| e{ s e b 9 1 e{ I: Di««lospaltige Nonparcillezeil« 80 Pf., gleklamqeil« ü M. Ermäßigungen nach Tarif. »stscheckkonto: Dvnvärts-Verlag G. m. b. H., Berlin Nr.S7SS6. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 29? Fünfzehn Prozent Lohnabzug!! Metallarbeiiewerhandlungen verschleppt- Gozialreportage bei Metallarbeiterfamilien Die Schiichtungsverhandtungcn im Oohnkoaslikt der Berliner ZNewUarbeilcr, die auf Dcschlutz des Sonder. schlichters morgen fortgeiehl werden sollten, finden voraus- sichtlich erst Ende dieser Woche stall. Ilm Donnerstag und Freitag sollen erst gemeinsam mit den Arbeitgeber, und Arbeitnehmer beisiticcn der Schlichtungskammer unter Hinzuziehung der gesetzlichen Betriebsvertretungen Betriebsbesichtigungen vorgenommen werden, um einen . Ueberblick darüber zu gewinnen, wie sich die Anträge der Darifparteieo in den Betrieben des Verbandes Berliner Metallindustrieller auswirken würden. Die Gewerkschaften haben gegen diese Verschiebung des Verhandlungstermins Brote st eingelegt, weil sie darin eine Verschleppung der Verhandlungen zugunsten der Unternehmer erblicken. Metallarbeiter: Das ist doch, so obenhin gesehen, die Aristokratie der Arbeiterschaft; und wenn man mit der Lohnabzugs- toktik gerade bei ihnen anfonoen will, dann rechnen die Herren auf der Gegenseite vielleicht nicht nur mit Ziffern und Zahlen, son- dern auch ein wenig mit der Psychologie des Kleinbürgers: Für den steht es ja fest, daß es dem Metallarbeiter, vor allem, wenn er Arbeit hat, eigentlich glänzend gehl. Und wenn denn schon mal an den Löhnen gespart werden muß, damit di� ornux Wirtschaft sich aufrappeln tonn und endlich, möglichst noch vor Cr- richtung des Dritten Reiches der große Preissturz eintritt, na, dann soll man doch zuerst denen nehmen, die ordentlich viel verdienen. Freilich denken die braven Leute dann gemeinhin nicht daran, daß es auch in dieser Branche ein oben und unten gibt und daß zwischen dem Verdienst des bestentlohnten Arbeiters dieser Branche und dem Stundenlohn des Hilfsarbeiters eine Spanne von ül Pfennig be- steht. Fünfzig Pfennig: das ist eine kleine, blanke Münze, mit ihr fängt sozusagen dos anständige Geld erst an, denn der Groschen und der Sechser werden doch immer ein wenig über die Achsel an- gesehen. Was aber der Groschen, der Sechser und der Fünfziger ausmachen, wenn sie sich verbünden und was diese kleine Truppe im Budget des Arbeiters für eine Rolle spielt, das kann man ja natürlich auch mit einem Rechenexempel beweisen: Viel besser aber kann man es sozusagen am lebenden Modell studieren, und darum seien hier einmal vier Arbeiterhoushaltunzen beschrieben, vier.Haus- holte, in denen die Männer, ordentliche Arbeiter, solide, tüchtige Leute, schon jahrelang im gleichen Betrieb arbeiten, also sozusagen das große Los auf dem Arbcitsmarkt erwischt hoben. (Spihenlohn. Höher rauf geht? nicht: Der Hausherr verdient 1,35 die Stunde— natürlich ist dos Akkordarbeit zun, höchsten Satz. Die Famiii« hat's überhaupt gut: Si« hat eine Altwohnung, und die ist noch dazu so groß, daß man durch Abvermieten an zwei Schlaf- burschen und eine alte Tonte mietcsrci wohnt! Freilich bleibt dann für die Familie nur Stube und Küche übrig, die Wäsche für die Betten der Schlafburschen muß auch gewaschen und das Zimmer gereinigt werden, aber schließlich kann die Frau auch keine andere Arbeit„dachen, die Kinder sind fünf und ein Jahr und acht Monate alt und dann hat man die ganze Unmenge Geld für sich! Die Leute leben! Ja, sie leben; und wir stehen in der Küche und rechnen eben mal„ach, wie sie eigentlich leben. Komisch— eigentlich habe ich mir von der Wohnung eines so hochqualifizierten Arbeiters immer eine andere Vorstellung gemacht. Es ist sauber, jawohl. Aber die Möbel sind alt, obwohl die Eheleute doch noch gar nicht so lange verheiratet sind.„Mc hatten wir zuerst von Muttern geerbt; und voriges Jahr haben wir die Wirtschaft von eine Fraii, die hier gestorben ist. dazu gekauft, ne Plüschgarnilur und n«piegel und n« Kommode und ein Küchenspind: Vierzig Mark haben wir noch drauf abzuzahlen, ober die Leute sind ja human. Sonst hoben wir nichts auf Raten, nee! Bloß nich wieder! Einmal Hab« ich an'n Rad drei Jahre bezahlt und d»r Gerichtsvollzieher ist mir ins Haus gelaufen und wir find halb verrückt geworden... bloß nich, bloß nich! Lieber mal die Miete stottern, denn zurücklegen zu An- schaftungen können wir nichts!" . Nanu— und der Mann hat den Spitzenlohn, trägt, nach allen Abzügen, bei voller Arbeft etwas über fünfzig Mark nach Haus« und gibt brav und treu fünfzig ab. Di« leben aber gut! Sie leben gut: Dies« Familie hat noch immer nicht vergesftn, daß man außer Margarine auch Butter essen kann, es wird täglich«in Viertel Pfund Butter gekaust, dazu ein halbes Pfund Margarine; der Mann bekommt belegt« Brote mit zur Arbeit.% Aufschnitt und Käse werden alle Tage gekauft, es gibt olle Tag« anderthalb Liter Milch für die Kinder, Sonntags sogar zwei Liter und für eine Mark Kuchen— und Freitags kaust Vater Obst ein, für zwei bis drei Mark. Es gibt drei Pfund Fleisch, sechs Psuich Gemüse und fünf- äehw Pfund Kartosteln tn der Woche: Also es gibt«in« gute, nohr- Boß pensioniert. Beschluß des Magistrats.- Wer ist der Nachfolger? Der Magistrat beschloß heute, dem Gesuch des Oberbürgermeisters B ö h um Pensionicrung zum 1. Bovember 1930 mit der gesetzlichen Pension stattzugeben. Er wird diesen Beschluß der Stadtverordnetenversammlung in einer Vorlage zur Kenntnisnahme mitteilen und um Tlenbesehnng der Stelle bitten. Die Stadtverordnetenversammlung wird nun schnellstens um die Neubesetzung des Oberbllrgermeisterpostens bemüht sein müssen. Bis jetzt herrscht noch selbst über die K a n d i d a t e p f r a g e völlige Unklarheit. Mehr als jemals braucht aber die Reichshauptstadt ein neues Oberhaupt. Durch das Anschwellen der Aufwendungen für Krisenunter st ützung und Wohlfahrtspflege»nd durch die Auswirkungen der schweren Wirtschaftskrise, die ein fühlbares Zurückgehen der Steuercingänge gebracht haben, muß die finanzielle Lage der Stadt als lata- st r o p h a l bezeichnet werden. Trotzdem an allen Ecken und Enden gespart worden ist, ergibt sich nach einer Mitteilung des Bürger- meisters in der Finanzdcputation schon jetzt ein„II n t e r s ch u ß" im Etat von ungefähr sechzig Millionen Mark. Treviranus wird gerüffelt. Ordnungsruf für das Schreckenskind. Die Sache mft den Aeußcrungen des Herrn Treviranus, Reichs- minister ohne Geschäftsbereich, gegen Herrn Kuh von der United Preß wird immer komischer. Der Herr Minister hat auch von der Möglichkeit geredet, 50 000 Arbeitslose bei öffentlichen Arbeiten so- fort zu beschäftigen, davon einen größeren Teil bei Kanalbautcn iu der Magdeburger Gegend. Er hat dabei wohl an den Ausbau des berühmten Mittellandkanals gedacht, der ja immer noch im sreien Feld bei Magdeburg endet. Nun ist in Magdeburg selbst van einer derartigen Arbeits- Möglichkeit gar nichts bekannt, und dos Rcichsvcrkehrs- Ministerium hat auf eine Anfrage crNärt, daß gar kein G c- danke an eine solche Möglichkeit bestehe! Aber Herr Treviranus redet eben vergnügt daher. Nun bestcht eine Geschäftsordnung des Reichs- k a b i n c t t s und diese bestimmt, daß zur Veröffentlichung be- stinmite Aeußcrungen eines Reichsministers sowohl dem Reichs- kanzlcr wie anderen Reichsdienststellen rechtzeitig vorher zur Kennt- nis zu bringen sind. Man hat nun Herrn Treviranus diese Bestimmung i p Erinnerung gebracht. Geipel dementiert. Entgegen der vmn Wolss-Büro gestern nacht verbreiteten Nachricht. daß gestern Mitglieder des Diplomatischen Korps beim Außen- minister Dr. Seipel erschienen seien, denen er beruhigende Erklä- rungcn abgegeben habe, wird in Wien amtlich erklärt, daß eine solche -Aus dem Inhalt: Brutale Voikssusrottan�ehircb Polen.. Seile Z Die Terrorwelle in der Sowjetunion.. Seile 4 Vorstoß im wilde Lasistan...... Seite 5 Die kaiserliche Krieijssabotage in USA.. Seile 8 Vorsprache nicht stattgefunden habe, und daß gestern überhaupt kein Mitglied des Diplomatischen Korps beim Außenminister er- schienen ist. Auch beim Diplomatencmpfang am Montag, bei dem sich die Ehefs der Missionen dem neuen Außenminister vor- stellten, war keine Rede von irgendwelcher Beunruhigung über angebliche rednerische Entgleisungen. * Die Wolff-Meldung stammte aus der„Wiener Neuen Freien Presse"._ Der Zwist zwischen Herriol und der sozialistilchcn Stadtrats- fraktion von Lyon, der wegen der willkürlichen Ernennung eines Sekretärs durch Herriot entstanden war, ist dank der Unterstützung der Reaktion mit einem knappen Siege für Herriot ausgegangen. Mit 28 gegen 27 Stimmen sprach ihm der Stadtrat sein Vertrauen aus. Die 27 sozialistischen Stadtratsmitglieder hatten dagegen- gestimmt. Der Reichspräsident empfing heute den Reichskanzler Dr. Brüning zum Vortrag. Lehrreiche Gemeindewahlen Sozialdemokratische Erfolge/ Kommunistische und nationalsozialistische Verluste Wenige Wochen sind erst seit den Wahlen zum Reichstag ver- flössen. Die Hakenkreuzler sind noch dabei, ihren Erfolg zu verdauen, und dabei gehen alle schönen Parolen, die sie ihren Wählern vor- gesetzt hatten, zum Teufel. Keine Rede mehr von der„Brechung der Zinsknechtschaft", von der„Zerreißung des Poung-Planes". Sie biedern sich bei den Kapitalisten an, sie scherwenzeln bei dem „Erbfeind". Und schon geht das Erwachen durch die Reihen der Wähler, die am 14. September den nationalsozialistischen Phrasen gefolgt waren. Zu gleicher Zeit wächst aber bei den Arbeitern der Wille, der saschistischen Gefahr bei gesteigerter Aktivität zu begegnen. Die Bersammlungen der sozialdemokratischen Or- ganisationen sind außerordentlich gut besucht, bei oller Kritik an der eigenen Partei gehen die Parteigenossen mit dem größten Eiser daran, die Massen des werktätigen Volkes für die Ziele der Sozialdemokratie zu gewinnen. Bemerkenswert für diese Stimmung.ist der Ausganz zweier Gemeindewahlcn, die jüngst im Vogtland und in Mitteldeutschland vorgenommen wurden. In Oclsnitz hatte die Stadtverordnetenwahl folgendes Ergebnis: » Stadwerertmete». Rdch»tag»- mehr»der wähl wähl weniger Sozialdemokratische Barkel 2 545 2 507+ 48 kommunistische Partei.. 2183 2 885— 702 Bürgerlich« Parteien.. Z2S5 3 045 4- 220 Nazis........ 1 699 2 146— 447 Die Wohlbeteiligung war etwas schwächer als bei der Reichs- :agswahl. Trotzdem Hot die Sozialdemokratie noch 50 Stimmen gewonnen, während fast alle anderen Parteien verloren haben. Der scheinbare Gewinn der Bürgerlichen ist darauf zurück- zuführen, daß bei der Stadwerordnetenwahl viele Wähler, die vor- her für die Nazis gestimmt hatten, sich jetztwiederderWirt- schastspartei zuwandten. Die Sozialdemokratie ist in Oelsnitz wieder zur stärksten proletarischen Partei geworden, während sie bei der Reichstagswahl erst nach den Kommunisten kam. � Ein ähnliches Ergebnis brachte die Gemeindewohl in Rösseln bei Weißensels. Obwohl hier die Wahlbeteiligung von 290 auf 296 zurückging, konnte die Sozialdemokratie ihre Stimmen gegenüber dem 14> Septem der von 113 auf 13 7 steigern, während die Konnnunisten von 76 auf 47 Stimmen zurückgingen. Die bürgerlichen Stimmen stiegen von 110 auf 112, si« haben sich also so gut wie gar nicht geändert. Beide Wahlen, in der sächsischen Industriestadt wie in der mitteldeutschen Kleingemeinde, zeigen deutlich, daß die Sozialdemokratie mitten in der Arbeit ist, um die Vorbedingungen für einen neuen Ausstieg der Partei zu schassen. Bei der Gemeindewahl in Drossen(Wahlkreis Frontfurt- Oder) ergaben sich die folgenden Verschiebungen: Gemetvdewahl Re>ch»t»»»wahl weniger Sozialdemokraten.... 806 845— 39 Kommunisten..... 233 280— 47 Nazis........ 1 170 1 271— 101 Die Gemeinde wählen in Oelsnitz und in Drossen zeigen, daß die N a t i o n a l s o z i a l i st e n schon wieder in einer rück- läufigen Bewegung sind! (Fsnsetzung von der I.Seite.) m icd-cr Beziehung zureichend« Zkost. Und so sehen die sesten Ausgaben aus: Lebensversicherung für den Mann..... 1,25 M Berbandsbeitrag............ 1�0, Fahrgeld............... 2,—. „Volkswohl'(weil die Frau noch in der Kirche ist) 0,25„ Freidenker.............. 0,14, Leitung............... 1,—- Was................ 2.50. Radio(mit Akkumulatoren)........ 1,—„ 8,54 M. Dazu kommt dann noch regelmäßig die Ausgabe sur ein«» Zentner Kohle», alle Woche wird sür 2 Mark Seife, Soda, Wasche mittel gebraucht und wenn d«m Vater dann noch großmiitigerweise 50 Pfennig täglich sür Zigaretten bewilligt werden, ist die Herrlich- kcit zu Ende. „wir leben; wir leben ganz richtig wie Menschen. Auegehen is nich, aber dafür habe ich mein Radio. Mit die Anschaffungen ober is es auch für uns'n koppzerbrechen. Wie das aber die andern armen Deibel machen, das bejreife ich nich.' Alfa geht man ein Haus weiter. In Sachen Bevölkerungszuwachs. Wieder einer, dem es gut geht. Der Mann hat 4,29 Mark Stundenlohn und kann mit ungefähr 5 5 Mark nach Haufe gehen, denn er hat vier Kinder und zahlt drum keine Steuer von seinem Lohn. Di« Wohnung liegt Hof vier Treppen in einem dieser aussägigen Häuser des Berliner Nordens. Aber sie ist sauber, ob- wohl die Zwillinge erst zweieinhalb Jahre alt sind, denn das große Mädel ist dreizehn Jahre alt, der Junge zwölf und alle Kinder sind gut erzogen, Multer ist sehr hinterher. Man unterhält keine näheren Beziehungen zur Arbeiterbewegung! Der Mann ist im Verband, das ist alles. Es wird eine linksbürgerliche Zeitung gelesen. „Fleisch? Also ineistenteils kaufe ich im Gefrierfleisch, das werden die Woche so viereinhalb Pfund sein sür uns sechs Menschen. Wir brauchen ja täglich schon ein ganzes Brot! Dreimal gibt's Gemüse und dreimal Hülsenfrüchte, kostet zusammen auch 2,50 Mark, Aufschnitt brauche ich in der Woche wohl drei Pfund, der Mann soll doch nich mit die bloßen Stullen in Arbeit gehen. Versicherungen? Nee, bloß sone Versicherungszeitung und die beiden Kleinen in'»e Versicherung wegen die Einsegnung. Anderswo wie in'n Verband is mein Mann»ich, wir haben nichts, gar nichts übrig! Alle Woche ist bei uns ja ein Paar Stiefel zu mochen, immer'n Taler, für die Miete müssen alle Woche elf Mark zurückgelegt werden, für Gas und Licht und Kohlen 2 Mark und zwanzig. Der Mann braucht* ne Mark und achtzig Fahrgeld. Wir werden noch satt, und ich drehe alles dreimal rum. Aber anschaffen können wir uns alles bloß auf Ziel — mehr wie zwanzig Mark kann ich niemals zusammenbringen: So können wir uns wenigstens sür Kleidung noch Qualitätsware kaufen, nich son Dreck, und es wird kein Stück eher angeschafft, bis das erste abgezahlt ist. Aber ich komme manchmal in drei Wochen nich'ne Stunde raus, und auch die Kinder..., unsere Große haben sie zur Verschickung vorgeschlagen, weil sie immer so blaß ist— aber mein Mann komite nichts dazu geben und da sind sie auf dem Amt ganz empört gewesen,„wo doch Ihr Mann so gut verdient!' haben sie gesagt— wenn die bloß mal selber mit vier Kinder und dem Geld wirtschaften müßten. Weggehen und so was gibt es nich für uns und nicht für die Kinder:„Da"— und sie schiebt mir ein Notenblatt über den Tisch —„unser Großer wollte so gerne Geige lernen, aber nu hat's aus- gehört: nu sind nich mal die paar Groschen mehr übrig. Radio und Kino gibt's auch nicht— wovon denn? Bei vier Kinder!" Und die runde, proppre Frau, die bisher immer gutlaunig Auskunft gab, sieht mich nun fast böse an. Nun nimmt der Mann den Faden auf. „Rein, wir habe» gerade noch das Sallwcrdcn: wir müssen bei verkürzter Arbeitszeit einen Lohnausgleich haben! Ls geht ja nicht weiter runter!" Auf dein Tisch liegt«ine bürgerliche Zeitung, und der Mann ist politisch unorganisiert. Aber er hat Unrecht, denn es geht noch tiefer runter und das ficht so aus: Im Wohnkeller. Zuerst glaubt man gar nicht, daß da Menschen wohnen, denn der Gang ist gar nicht sür eine Kellerwohnung eingerichtet.' Und das ist ja auch keine Kellerwohnung, das ist ein Kellerloch, zwei Meter breit und vier Meter lang. Es steht weder Ofen noch Maschine drin, man kocht, heizt, beleuchtet mit Gas. Das Loch ist in den letzten drei Jahren schon zweimal hergerichtet, aber es nutzt nichts: Die Farbe fällt von den Wänden, die paar Möbel ocr- stocken, die beiden Kinderbettchen verrosten. Ja— Kindcrbcftchen. In diesem Loch haust nämlich der Metallarbeiter K. mit Frau und zwei Kindern von 2�- und i'A Jahren. Das Kellerloch hat einen Vorzug: es kostet nur 12 Mark Miete den Monat, und mehr könnte der Mann auch nicht aufbringen, denn er hat 8 4 Pfennig S t u n- d e n l a h n. ,,Wat wir mit det jonze Jeld mochen, woll'n Sie wissen?! Na, bei uns wird ollcns verochclt! Bis auf det andre nämlich, weil wir doch so viel Jas jebrauchen, die Woche vier Mark, und den Dahler, den ick zu Fahrjeld und Tafchenjeld jebrauche, for anderthalb Pakete Tabak die Woche, und den Dahler, den die Ab- zahlung kricht, man kann sich sojar die Stiebel bloß uff Abzahlung koofen, von andre Sachen jar nich zu reden. Wat?— Ick Heer immer Möbel, Möbeln Heer ick?— Nee, davon steht nischt drin, und wat hätten die hier denn ieberhoupt sorn Zweck, wo uns die schon zusaminenfalln! Und wenn wir rauskoinmen wirden aus det Loch, denn kennten wir uns ooch keene koofen, sehen se ma, die kleenen Wirmer missen doch satt werden! Wat, Mulle, det wäre doch jelacht, zuerst sorcht doch Pappa sor Dir?!" Wahrhastig, die Kinder sehen trotz dieses Kellerlochs noch gesund und kräftig aus. Tag und Nacht steht freilich das Fenster spaltbreit offen, sie werden sauber gehalten und gepflegt: alle Tag« wird ein Pfund Obst, ein Liter Milch sür sie gekauft, alle Woche wird noch ein Pfund Butter geholt. 2llle Woche werden noch zwei Pfund Fleisch geholt, es wird noch regulär gewaschen, mit Seife und Seifenpulver: Haferflocken werden l sür die Kinder gekauft, für 1,20 Mark Zucker und für 3,75 Mark Brot und Brötchen. „Verband? Nee, so jerne wie ick möchte, un ick war ja ooch frieher drin, aber et is nich mehr übrich. Erst müssen doch die Kinders satt werden, nich? Ausjehen is za ooch nich, det mißte man immer an wat andret abbießen: ick hole mir bloß alle Woche mal'n Buch von die Leihbibliothek, det kost zwanzich Fennje, Fand nimmt mir der Mann nich ab, wo kennte ick ihm denn zwee Mark hinlefen!" Die beiden Leute haben vor drei Jahren geheiratet, dreieinhalb Jahre arbeitet der Mann schon in einer unserer größten Fabriken. Sie kämpfen einen heroischen Kampf gegen die Not: das Kellerloch Ist so sauber, daß es geradezu unwahrscheinlich ist: das Bett ist sauber bezogen(„ecne Mark und funzich tost alleen« die Seife alle Woche!"), aber wie wird es mit der Gesundheit dieser Kinder und mit dem Mut dieses jungen Vaters und der Gesundheit der Frau in drei, vier Jahren aussehen?—„Na, noch een Kind— dadran is jar »ich zu denken! Kommt jar nich in Frage! Wenn wir damals schon so gescheit jewesen wärn— na, denn wärste jar nich da, Mulle, nich wa?" Es kommt aber manchmal anders: bei dem Arbeiter E. ist es anders gekommen. Ein Viertel Speck auf sieben Menschen. Das Haus sieht für die Gegend beinahe herrschaftlich aus. Kaum aber ist die Wohnungstür geöffnet, so prallt man zurück. Die Zweizimmerwohnung ist van sieben Menschen bewohnt, vier Erwachsenen und drei kleinen Kindern: Drei Jahre find die Eheleute verheiratet, in jedem Jc.hr kam ein Kind. Denen kann man wahrhaftig ansehen, daß ihr Vater bloß 8 6 Pfennig« Stundenlohn hat und nur anderthalb Liter Milch für olle drei täglich geholt wird. Das Kleinste bekommt noch außerdem einen Liter Haferschleim—„und sie is jv wiest man schwächlich, ich habe sie zu früh gekricht, beinah auf die Treppe, wo ich beis Zeitung Strogen war!" Außerdem lebt noch die drei- undneunzigjährige Großmutter in der Familie und eine Kusine: Großmutter hat Sozial- und Invalidenrente, 54 Mark, und die Kusine gibt wöchentlich 16 Mark für cachlafstelle und Kost ab. Aber die Miete! Die Miete kostet ja 56 Mark im Monat! Die Wohnung ist unglaublich heruntcrgewohnt. Es ist nicht ein- mal ein Topf voll Kalkfarb« anzuschaffen! Ganze 2 Pfund frisches Fleisch werden für die ganze Familie in der Woche gekauft.'„Sonst koche ich mit Speck, heute gibt's Erbsen, da habe ich ein Viertel Magerspeck mit dran und sonst koche ich das Gemüse mit Maggi und Schwitzmehl von Margarine, da kaufe ich alle Woche zwei Pfund. Kohlen kaufe ich alle Tage, das kost' immer fünfzig Pfennig. Seife kann ich nich viel kaufen, ich wasche mit reine Schmierseise, so Persil und so is zu teuer. In 'n Verband is mein Mann nich. es langt nich mehr dazu, wenn er noch so gerne möchte. Bloß in die Partei sind wir beide und er hat mir so gebettelt, daß er ins Reichsbanner kann— und weiter hat er doch nischt. Bloh alle Woche einmal läuft er noch Berlin Stunde), da is«in billiger Kientopp, da kost's bloß sechzig Pfennig— man will doch mal irjend was andres selzen! Mit die Miete sind wir seit ein Monat in Rückstand. Jroßmutter hat sich diesmal'ne Bluse gekauft und das Jeld hat jefehlt. Aber man kann die alte Frau doch nich immer allens wegnehmen, wenn sie mir auch mal aufs Wohlfahrtsamt jesacht haben, die braucht nich mehr zu essen. Alle Woche zahlen wir drei Mark ab, weil wir uns Schuhe gekauft haben bei ein' Verein oder so was, da kriegt man ohne An- zahlung, 4 Paar auf einmal, es war allens kaputt!" Wie wir leben, kann ich eijentlich jar nich sagen, ich weiß man bloß, Großmutter traut sich nich mal mehr an Brot und Gersten- kaffee sattzuessen, die schiebt es uns und die Kinder noch zu. Anschaffen? Dadran haben wir schon lang« nicht mehr gedacht, höchstens an Stiebel und die bloß auf Stottern— nich mal für andere Kleider is was da.. Diese Familie, deren Ernäher seil längerer Zeik in Arbeit steht, lebt in Wirklichkeit viel schlechter, al, vor dem Kriege das Lumpenproletariat leben mußte! Aber weder die Hauszinsstcuer noch irgend eine andre Last wurde ihr erleichtert... und nun wollen die Unternehmer sich noch auf Kosten dieser Arbeitcrschichten „die Industrie wieder ausbauen". Aber die Sache hat noch eine andere Sefte: In allen diesen vier Familien, auch bei den beiden Arbeitern, die den Spitzenlohn ihrer Branchen beziehen, ist seit Jahren außer der notwendig- sten Kleidung nicht ein neues Stück angeschafft worden— und bei den Transportarbeitern war man nicht einmal dazu imstande. Hier reicht die Nahrung nicht einmal zur Rs- generation der Arbeitskraft, wenn nicht an der Miete— auch auf Kosten der Gesundheit— gespart werden kann. Bei diesen Schichten müßte selbst bei Berkürzung der Arbettszeit ein Lohnausgleich geschaffen werden. Dieses Opfer, das vielleicht die mit den höchsten Löhnen zu Buch stehenden Arbefter als einen Solidaritätsbeweiz für die Arbeitslosen noch bringen könnten, kann von den oiocmi nicht mehr oerlangt werden. Und unmöglich ist«. eine Belebung der Industrie durch eine noch stärkere Schwächung der Kauskrart der gesamten Arbeiterschaft zu erzielen. Man sollte endlich oerstchen, das Pferd nicht immer beim Schwänze aufzuzäumen. Daß dos nicht ganz zweckmäßig ist, sollte man in diesen Jahren gemerkt haben. r. c. Erdbebennacht in Güddeutschland Von München bis Zreiburg- Bevölkerung in Aufregung In der vergangenen Nacht sind in ganz Süddeutsch- land mehrere Erdstöße verspürt worden, die die Bevölkerung in Schrecken sehten, aber außer Sprüngen im Mauerwerk der Häuser keinen nennenswerten Schaden verursachten. ZLie die Sternwarte Mün» che» mitteilt, trat das erste Beben um 12.27'A Uhr auf. Es waren zwei Erdstöße, die kurz hintereinander folgten und in nord südlich er Richtung verliefen. Ter zweite Stoß war heftiger als der erste. Tie Dauer des Bebens betrug etwa 8 bis 10 Sekunden. Tie Erdbewe» gungen waren so heftig, daß die Schreibnadeln des Erd- bebenmcssers aus ihren Lagen geworfen wurden, so daß die Aufzeichnung des Bebens nur am Ansang erfolgte. Vermutlich handelt es sich um ein E i n st u r z b e b e n, dessen Herd nicht allzuweit von München entfernt sein dürfte. München, 8. Ottober. Das Erdbeben ist in der vergangenen Nacht in zahlreichen Orten des bayerischen Allgäus verspürt worden. Aus I m m e n st a d t wird gemeldet, daß die Erschütterungen ziemlich heftig waren und die Gegenstände in den Wohnungen ins Wanken gerieten. Möbel und Bilder schwankten, die Uhren blieben vielfach stehen. Aehnliche Erscheinungen wurden auch in Kempten festgestellt. Aus Füssen am Lech wird berichtet: Die Einwohner Füssens und Umgebung wurden in der Nacht zum Mittwoch kurz vor AI Uhr durch zwei starke Erdstöße aus dem Schlaf geschreckt. Den Erdstößen ging ein schweres donnerähnliches Rollen voraus. Da» erste Beben dauerte etwa 3 Sekunden, während der zweite Erdstoß von. kürzerer Dauer war. Verschiedentlich sind im Mauerwerk der Häuser Risse und Sprünge entstanden. Ziegel sind von den Dächern gefallen. Die Tiere wurden unruhig. Beim zweiten Stoß konnte genau die wellenförmige Bewegung des Bebens in Richtung Ost-West festgestellt werden. Besonders stark wurde das Beben in Faulen, dach bei Füssen verspürt. In der Pension„Am See" wurden Bilder und Tafeln von den wänden geschleudert, Stühle fielen um und Gläser zerbrachen. Sämtliche Zimmer des Hauses weifen Nisse und Sprünge auf. Unter den Kurgästen entstand große Erregung. Mehrere eilten sofort ins Freie, wo sie bis gegen 5 Uhr oerblieben. In Augsburg und Umgebung wurde dos Erdbeben gleich- falls verspürt. Schaden wurde jedoch nicht angerichtet. Auch in Nürnberg machte sich das Beben bemerkbar. In München wurden zwei leichte und um 0.29 Uhr ein ziem- sich heftiger Erdstoß verspürt, durch den die Bewohner teilweise aus den: Schlafe geweckt«urden. Der Erdstoß wurde auch in den Alpen, so in Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau wahrgenommen. Karlsruhe, 8. Oktober. Auch in Karlsruhe und in Heidelberg wurde heute früh gegen A\ Uhr ein leichter Erdstoß wahrgenommen. Stuttgart, 8. Oktober. Wie aus Friedrichshafen und Ravensburg gemeldet wird, verspürt« man dort heut« srüh um 0.28 Uhr einen heftigen Erdstoß, der überall unter der Bevölkerung Erregung hervorrief. Freiburg I. Vr.. 8. Oktober. Am heutigen Mittwoch, früh gegen 0.30 Uhr, wurden in Ober- baden und in der Bodenseegegend zwei Erdstöße ivahr- genonunen. In Singen am Hohentwiel dauerte die Bewegung etwa zwei Sekunden und verlief in der Richtung von Süden nach Norden. Die Erdstöße, die auch in Donaueschingen wahrgenommen wurden, ivaren so stark, daß die Bewohner aus dem Schlafe geweckt wurden. Neun-Minuten-Oauer des Gefamtbebenö. Die Erdbebenwarte in Potsdam hat die Bewegung der Erdrind« mit ihre» sehr feinen Apparaten genau feststellen können, da der Erdstoß in Süddeutschland so stark war. daß die Apparaturen der dortigen geodätischen Institute fast samt und son- der? zerbrochen sind. Nach den Feststellungen des Instituts auf dem Brauhausberg bei Potsdam zeigten sich die ersten zunächst noch schwächeren Erschütterungen 29 Minuten 0 Sekunden nach Mitter- nacht. In aufsteigender Kurve dauerten die Erschütterungen bis 0,30 Uhr und erreichten ihren Höhepunkt in der Zeit bis 0.38 Uhr. Dann klang das Beben in einer leichten Kurve aus. Insgesamt hat das Erdbeben in Süddeutschtond rund g Minuten angedauert. Der stärkste Erdstoß, der besonders in München so deutlich verspürt war- den ist, ereignete sich in der Zeit zwischen 0,33 und 0,34 Uhr. Der Seismograph in Potsdam verzeichnet hier sogar für die wettere Umgebung, also auch für Berlin einen Erdstoß von 0,9 Millimeter, eine Erschütterung, die man immerhin als ungewöhnlich bezeichnen kann. Nach den Berechnungen im Geodätischen Institut in Potsdam handelle es sich um ein t e k t o n i s ch e s Beben, das in unge- fähr 600 Kilometer Entfernung sich abgespielt hat und dos nach den Berechnungen der Wissenschaftler das Zentrum zwischen Frei- bürg und Donaueschingcn gehabt hoben muß. Bemerkens- werterweise hat auch im Jahre 1911 an derselben Stelle ein sehr heftiges Leben seinen Ursprung genommen. Ran kann auch, da vorderhand Nachrichten darüber fehlen, ob etwa in der bekannten Erdbebenrinn« größere Bewegungen stattgefunden haben, noch nichl mit Sicherheit feststellen, ob es sich hier um eine lokale Erscheinung oder um«inen Vorgang handelt, der im Zusammenhang mit größeren Erdbewegungen steht. * Soweit die bisher vorliegenden Nachrichten erkennen lassen, scheinen die Erdstöße am heftigsten im Alpengebiet aus- getreten zu sein. In Ehrwald in Tirol wurden die Betten von der wand abgerückt. Dort wurden drei Stöße von gleicher Dauer wahrgenommen. Leute, die sich auf der Straße befanden, wollen einen starken Lichtschein beobachtet haben, der den Eindruck machte, als ob ein Meteor vom Himmel falle. Auch aus Gor- misch-Partenkirchen werden drei starke Erdflöße gemeldet. Der Herd des Bebens scheint demnach im Alpengcbiet zu liegen. Bedeutender Schaden wurde nirgends angerichtet. Bielsach entstände a an den Gebäuden kleine Risse im Mauerwert, auch der Verputz siel hier und dort an schadhaften Stellen ab. Todbringer Gas. Zwei verhängnisvolle Unglücksfälle in der letzten Tiachf. 3n der vergangenen Rächt sind durch ausströmendes Leuchtgas wieder zwei Menschen ums Leben gekommen. In den frühen Morgenstunden wurde die achtzigjährige Reut- nerin Pauline Heinz« im Schlafzimmer ihrer Wohnung in der Ebersftraße durch Gas vergiftet leblos aufgefunden. Die Wieder- belebungsverfuche der Feuerwehr blieben ohne Erfolg. Wie die polizeilichen Feststellungen ergeben haben, ist die Greisin zweifellos das Opfer eines Unglücksfalles geworden. Der Hahn der Gaslampe war halb geöffnet und die ausströmenden Gase müssen den baldigen Tod der alten Frau herbeigeführt haben. Das zweite Gasunglück ereignete sich im Haus« K l o p st o ck- straß« 2 9. Dort wurde der llljährige Arbeiter Richard höhne in der völlig mit Gas angefüllten Küche um 6 Uhr früh von Angc- hörigen tot aufgefunden. Nach dem Befund scheint h. spät nacht» angeheitert heimgekehrt zu sein. Er hat dann noch in der .Küche hantiert und dabei den Schlauch, der von der Leitung zum Gaskocher führt, abgerissen. Als das Unglück heute früh bemerkt wurde, war es bereits zu spät. Die Feuerwehrsamartter bemühten sich längere Zeit um den Leblosen, leider vergeblich. * In den gestrigen späten Abendstunden wurde der 75jährige Rentner Eduard P o d r a tz aus der Thuner Straße 4 beim lieber- schrellen des Fahrdammes in der Residenzstraße in Reinickendorf von einem Straßenbahnwagen überfahren und schwer verletzt. Der Verunglückte fand im Reinickendorfer Krankenhaus Aufnahme wo er bald nach der Einlieferung starb. Schnee im Schwarzwald. Aus dein Tchwarzwald wird Schnee und Sturm gemeldet. In Höhen üb« MO Meter siegen die Temperaturen unter Null, Volksausrottung im Nachbarlande polnische Kavallerie und Polizei brutalisieren das ukrainische Bauernvolk- Hunderte blutig geschlagen Genossenschaften zerstört- Bibliotheken verbrannt Wie«ms kurzen Tetegrammen der europäischen Oesfenl- lichkeil bereits bekannt wurde, sucht der polnische Aalionalis. mus mit den brutalsten Mitteln den Widerstand des ukral- nischen Volkes gegen die gewaltsame Polonisierung nieder. zuringen. Wir veröffentlichen heule uns aus zuverlässigster Quelle zugegangene Einzelheiten über das vorgehen der polnischen Polizei und Kavallerie gegen die eingesessene, in Polen einverleibte ukrainische Bevölkerung. Der Vernichtungskrieg, der den Methoden der Lloyd-George-Regierung gegen Irland 1920— 1923 entspricht, stellt eine Schande für Europa und für Polen dar. Am Sonntag, dem 14. September 1930, kam in das Dorf chrusiatncze im Kreise Bc>brka eine Abteilung vom 14. Kavallerie- regiment. Der Kommandant befahl dem Dorf, binnen 2 Stunden unentgeltlich zu liefern: 25 Doppelzentner Haser, 3 Schweine ä 100 Kilogramm Gewicht, 25 Kilogramm Gemüse, 1500 Kilogramm Kartoffeln, 100 Laib Brot, 100 Liter Milch, 1200 Stück Eier, 5 Meter Leinwand usw. Nachdem alles gebracht war, ließ der Kommandant den Gemeinderat in der Schul« versammeln, bedankte sich für die Lieferung, kommandierte„Stillgestanden" und lieh den Gemeinderal in dieser Stellung mehrere Stunden lang stehen. Um 12 Uhr in der Nacht wurde dann der Gemeindevorsteher auf- gefordert, Leute zu nennen, die im Besitz von Waffen sind: als er keinen nennen konnte, wurde er auf Befehl des Kommandanten von 5 Soldaten in den Garten geführt, die«hm dort 5 0 Stock- st r e i ch e verabreichten. Auf ähnliche Weife wurden noch folgende Dorfbewohner geprügelt: Michael Bafarab, Michael Werefa, Aletsander Bafarab, Peter Wysoczairfkl, Aletsander Turczyn, Ni- lolaus Burbela, Wasyl Woytowicz, Michael Olejnik., Am folgenden Tage wurde die Bevölkerung bei Morgengrauen aus dem Schlaf geweckt, nnißte sich die Sonntagskleider anziehen und um 5 Uhr Spalier bilden für die abziehende Kavallerieabteilung. Als die Verprügellen nrit dem Gemeindevorsteher an der Spitze beim Starosten sich beklagten, wurde ihnen bedeutet, daß er dagegen nichts tun kann, um so mehr, als er mit der„Borbereitung der Wahlen" beschäftigt ist. In der Nacht zum 14. September kam die Kavallerie auch nach Störy und Nowy Iaryczow. Nachdem sie die Pfende«inquartiert hatten, gingen sie daran, die Bewohner zu schlagen. Den Bewohner Iwan Kolyk schlugen sie mit Reitpeitschen, stießen mit Füßen und sprachen dabei:„Willst du die Ukrainer haben, da hast du sie." Auf diese Weise wurden 30 Bewohner behandelt. Als der Pater des geschlagenen Studenten Lobodycki den Offizier bat, er möchte den Soldaten das weitere Prügeln seines Sohnes verbieten, ai-itwortete dieser: Wir haben geprügelt, wir prügeln jetzt und werden euch weiter prügeln." Am 14. September kam um 8 Uhr morgens«ine stärkere Ab- t«iiung Kavallerie in dos Dorf G a j e bei Lemberg. Die Soldaten hielten schon unterwegs die Bauern an, die ins Feld zur Arbei: tuhren, und verprügelten sie unmenschlich. Ini Dorf selbst befahl der Kommandant, eine Kontribution zu stellen, bestehend aus 35 Doppelzentnern Hafer, 1400 Eiern, 2 Schweinen ä 200 Kilo- gramin Gewicht, eine junge Ferse, 500 Liter Milch, 100 Kilogramm Reis, 25 Kilogramm Hirsegrütze, 1500 Zigaretten, 10 Kilogramm Salz. 10 Kilogramm Zucker und Tabak. Nachdem die Sachen gc- liefert waren, quartierte sich die Kavallerie im Dorfe ein, befahl den Bauern und ihren Frauen, die Pferde und die Beschirrung zu reinigen, währenddessen riefen sie die einzelnen Bauern in die Scheune des Zlndruch Melnik, legten sie nacheinander aus eine Pank, der eine Soldat hielt am Kopf, der andere an den Beinen, und die anderen prügelten den Gehaltenen so lange, bis er das Bewyhtscin verlor. Darauf wurde der Delinquent mit kaltem Wasser begossen und weiter geprügelt. Am schlimmsten wurden zugerichtet: Iwan Ro- myszyn, sein Sohn und seine Tochter, Mikolaj Mandzewicz. Iwan Iownyj, Peto Wölk, Petro Kondyra, 2 Kinder des Gemeinde- varstehers, ferner die Bauern Jurko Geller. Cyryl, Stefan und Luczto Mmytryka, Lysy Iaroslaw, Iwan Szpulat und Damian Prus, welchem sogar das Bein gebrochen wurde. Darauf wurde der Laden der Genossenschaft demoliert, die Verkäuferin ocr- prügelt und die Scheiben in der Lesehalle„Proswiia" eingeschlagen. Ani 16. September kam die Kavallerie in das Dorf Podberezce, Kreis Leinberg, plünderte den Laden der Genossenschaft, schlug ihren Leiter und all« Mitglieder des Vorstandes, vernichteten alle Bilder und schlugen die Bewohner ans ähnliche Weise wie in anderen Orten. Den Knaben Peter Bubela haben sie so zugerichtet, daß an feinem Aufkommen gezweifelt wird. Das Dorf verlassend, demolierte die Kavallerie das Anwesen des Michael Kiernoga und raubten ihm � alle Wintervorräte. Parallel mit der Kavallerie, die unter dem Deckmantel der Ma- növsr in Ostgalizien wütet, durchziehen das Land besonders für diesen Zweck zusammengestellte Polizeiabtellungen. die in ahnlicher Weise die„Pazifikation" des Landes durchführen. Am 22. und 23. September wütete die Polizei im Dorf Kupczynce, Kreis Tarnopol. Sie schlug ein« große Anzahl von Menschen, am schlimmsten wurden zugerichtet: Micha! Martynowicz, Illa Blazkiewicz, Micha! Kosar, die Brüder Markowych, Nikolas Kofar, Peter Hreczynyk u. a. Der Gemeindeasscsior Roselak wurde an einen Dogen gebunden und muhte mit den Pferden lausen, bis er zusammengebrochen war. Es wurde vernichtet der Laden der Genossenschaft, demoliert die Lesehalle, zerbrochen all« Musikinstrumente der Ortstapelle. Die Bevölkerung floh daraufhin in die Wälder. Im Dorfe Pokropiwna im Kreise Tarnopol kam die Polizei. erpedition am 23. September und prügelt« die Leute der Reihe nach durch in der Gemeindekanzlei, wobei sie den Leuten befahl, die polnische Erde zu küssen und zu sagen:„Ich sch.... auf die Hurenmutter Ukraina." Unkenntlich zugerichtet wurden Powlo und Iwan S-ugan. Wlodzimierz Kril ringt mit dem Tode. Die Lesehalle wurde v o l l st ä n d I g v c r n i 6) t e t. Mit sehr schweren Kopfverletzungen kamen davon: Wasyl Guzha, Zachor Poworozno. Mikola Guroj, Stefan Gäral, Oleksa Szkolnyj, Anton und Josef Konarsti, Micha! Golinski, Wiktor Werek«, Anton Pewro- roznyk, der Schulleiter Mikola Antoniak und seine Frau Anna. Die Frau des Micha! Szkolnyj mußte, während sie geprügelt wurde, das polnisch« Nationallied fingen und zur Abwechslung sprechen: „Ich sch... auf die Hurenmutter Ukraina." Im selben Dorf« wurde dann der Laden der Genossenschaft demoliert, alle Waren auf einen Haufen geworfen und mit Petroleum begossen. Weiter wurde die Genossenschastsmolkerei und der Bücherbestand der Lese- halle total vernichtet. Im Dorfe Proniatynie des Kreises Tarnopol hat die Polizei- erpedition in ähnlicher Weif« gewütet. Bis zur Unkenntlichkeit ver- prügelt sind die Gymnasialschüler Reszetucha, Iwan Pyn- diur, Oleksa Medwid, der Gemeindevorsteher Teodor Wowczyszyn, die Landwirts Tymko Hajda, Iwan Golda, Stefan Hajda, Semko Hajda. Teodor Reszetucha, Walyl Golda, Tepro Lalak, Teraz Mi- kola, Nakonecznyj Mikchalo, Hajda Michal, Kinach Andruch, Stefan Marcinkiw, Iwan Hajda� der Sohn Stefans, Iwan Hrycaj, Wasyl Hajda, Oleksa Szczerbartyj. Oleksa Sosnowski, dann die Frauen Tenia Hajda, mit ihren Kindern an der Brust, und die schwangere Kotarzyna Hajda, die infolgedessen mit dem Tode ringt. Man vernichtete die Lesehalle, den Laden der Genossenschaft, rih den Fußboden aus. zerhackte die Bretter, schlug die Fenster ein und begoß die Häuser mit Mistjauche. Die Geprügelten mußten während der Hiebe sprechen:„Ich sch.... auf die Hurenmutter Ukraina." Im Dorf Luka Wielka desselben Kreises mußten die Leute, während sie geprügelt wurden, die Worte hören:„Jetzt wirst du an die Ukrainer denken." Auch hier eine Reihe schwer ver- letzter Bauern, die Lesehalle und der Berkaufsladen der Ge- nossenschaft demoliert. Im Dorfe Petripow, Kreis Tarnopol, wurde von der Polizei der 57jährige Matwij Mitringa folgendermaßen behandelt: Ein Polizist stellte ihn vor das Bild Szewczenkos(ukrainischer National- dichter), schlug ihn ins Gesicht und fragte:„Wer ist das?" Als er die Antwort erhielt, schlug er ihn noch einmal ins Gesicht und fragt«: „Woher weißt du es?" Darauf antwortet« Mitringa:„Das steht drunter geschrieben." Darauf schlug ihn der Polizist wieder ins Gesicht und sagte:„Sprich jetzt: Ich sch.... auf die Mutter Szewczenkos und auf die Ukrainer." Als Mitringa sich weigert«, wurde er so lange geschlagen, bi, er eben diese Worte wiederholte. Mitringa hat ein ärztliches Zeugnis über seine Wunden, war per- sönlich beim Starosten und zeigte ihm seinen Körper. Protokollarische Nachrichten aus den Dörfern Podmichalowce, Zuröw, Wastuczyn, Hryhoröw des Kreises Rohatyn bezeugen, daß außer den üblichen Prügeleien in allen genannten Orten die Genossenschasien, die Lesehallen, die Molkereigenossenschojten und die Raisfeisenkassen demoliert und die Bücher vernichtet worden sind, die Waren auf die Straße geworfen und mit Petroleum begossen. In Zurow z. B. hat man den Molkereibetrieb total vernichtet. In nicht minder fürchterlicher Weise wurde b«i den Ukrainern in den Städten gewütet. Im Städtchen Nowo-Siolo, Kreis Zbarasz kam die Polizeiexpedition um 1 Uhr in der Nacht vom 15. zum 16. September in die Wohnungen des Advokaten Dr. Danyle Seneka, des Arztes Dr. Andrzej Kokodynski, des Notariatskandidaten Leo Holinatyj, des ing agrar. Andrzej Turjanskij und des Advokaturkandidaten Wasyl Hrycyn. Alle Genannten wurden schwer geschlagen, die Kanzlei des Advokaten Dr. Kalyn wurde demoliert, sogar die Schreibmaschine zerbrochen, im Orte selbst viele Ukrainer geprügelt, die ukrainische Lesehalle mit der Bibliothek und der Verkaufsladen der Genossenschaft demoliert und vernichtet. In der Wojewodschaft Stadt Tarnopol wurde«in« der schönsten modernen ukrainischen Libliokheken mit etwa 40 000 Bänden verschiedener Sprachen vollständig vernichtet. Im Bezirksverband der Genossenschaft wurden alle Geschäftsbücher vernichtet, so daß es unmöglich ist, den augenblicklichen Wirtschaft- lichen Stand des Genossenschastsverbandes festzustellen. Ebenfalls wurde die Druckerei des Dr. Czumak vernichtet. Das sind nur einige wenige Ausschnitte aus der über das ukrai- nifche Volk in Ostgalizien hereingebrochenen polnischen Sintflut. Das alles geschieht, während der polnische Außenminister Za- lefki in Genf von einem Menschenrecht und von einer humani- tären Behandlung der Minderheiten spricht. Das olles geschieht unter den Auspizien des Völkerbundes. Auf diese Art verbreitet Polen, das sich der„M essias der Völker" nennt, sein« Kultur bei dem ihnen überantworteten Teil des ukrainischen Volkes! Mittet aUerliche ftiUer? Nein, poluifdte ZPolisei, die für den tßürgerkrieg ausgerüftel wird. Mit den Kindern ins Waffer. Grauenhafte Verzweiflungstat einer Arbeitermutter. Stockholm, 8. Oktober. Eine entsehlichc Familientragödie spielte sich am Dienstagabend in Dalekarlien ab. Eine ZSjährige Arbeiterfrau fuhr mit ihren fünf Sindern im Alter von vier Monaten bis 11 Jahren in einem kleinen Boot aus die See hinaus, stieß die Kinder ins Wasser und sprang schließlich mit dem kleinsten Kind, da» sie sest an sich gebunden hatte, ebensalls in die Flut. Das älteste Mädchen konnte sich an Land retten. Ehe sie Hilfe herbeiholen konnte, waren die Mutter und die anderen Ander ertrunken. Die Ursache der furchtbaren Tot ist in wirtschaftlicher Rot zu suchen. Glanz und Schimmer im Tonfilm. ,VaS Lied ist aus." Im„Atrium" hat ein Tonfilm starken Erfolg gehabt, der für die Situation des Tonfilms von symptomatischer Bedeutung ist. Hier ist aller Glanz entfaltet, aller Prunk aufgebaut, alle Sinne können schwelgen. Geza von B o l o a r y ist ein geschmackvoller Regisseur, der alle Mittel in der Hand hat, und Walter R e i s ch hat ein Manuskript geliejert, das viele Filmmöglichkeiten bietet. Liane Haid als Operettendiva lebt in einer wahrhaft fürstlichen Umweit und führt eine Stola von Toiletten vor. die das Entzücken der jungen Mädchen hervorrufen. Die Handlung freilich«st etwas seltsam. Die umschwärmte und mit allem Luxus verwöhnte Diva verliebt sich in ihren Prioatsekretär, einen ehemaligen Gardeoffizier, der ein Kompendium oller Tugenden und Tüchtigkeiten darstellt und von Willy F o r st reizend charakterisiert wird. Aber sie können zu- einander nicht kommen, weil dieser weltfremde Mensch in den Skrupeln des Philisters hängen bleibt. In Hartlebens„sittlicher Forderung" wird dos Problem aus die natürlichste Weise gelöst. hier muß es sentimental-melancholisch ausgehen. Sie heiratet den reichen Depp, und er tritt in den Chor der verlassenen Verehrer ein. Di« eingelegten Schlager von Robert Stolz überragen das Niveau, versinken freilich auch in syrupsühe Iränenseligkeit. Dem Auge wird sehr viel geboten, es gibt wundervoll« Lichteffekte, uich Puhonnys Mariouetten-Thcater bietet eine Einlage von er- lesenem Reiz. Besonders zu«rennen noch Margarete Schlegel in der Roll« einer klatschsüchtigen Kollegin. Kann dieser Prunk und diese Sinnenschmci6)clci uns in dieser schweren Zeit der Arbeitslosigkeit über unser Elend hinwegtäuschen? Kann dies« technische Vollendung uns Ersatz bieten für dos seelische Manko?— Die Premicrenbefucher schienen dieser Meinung zu sein, aber die große Masse wird statt des Opiums nach anderer Kost ver- langen.___ D- Eifersuchtsdrama im v-Zug. Den früheren Geliebten kaltblütig niedergeschossen. Pari«, 8. Oktober.(Eigenbericht.) Im Schnellzug von Nancy nach Paris hat sich am Dienstag ein blutiges Drama ereignet. Der tschechoslowakische Cheiniker Eugen F über, der sich vor fünf Jahren in der Nähe von Paris niederließ, hatte mit seiner Quartierwirtin, einer Frau AUenhofen, ein Liebesverhältnis be- gönnen. Vor wenigen Wochen erklärte er seiner Geliebten, die sich des Verhältnisses wegen hatte scheiden lassen, daß er noch Prag zurückkehren müsse, um dort eine Landsmännin zu heiraten. Seine Geliebt« machte zunächst keinen Einrvand. Sic erschien aber am Hochzeitstage in Prag und ließ sich der jungen Frau vorstelle». Das jung« Ehepaar und die verlassene Geliebt« traten zusammen die Rückreise nach Paris an. Als die junge Frau ihren Mann zun» viertenmal mit seiner Geliebten im Schnellzugsabteil allein gelassen hatte, zog diese einen Revolver und schoß Füber ohne weiteres über den hausen. Die Mörderin wurde vom Zugpersonal sofort festgenommen und auf der nächsten Station der Polizei übergeben.__ Zn bec Humboldt-Hochschule spricht Sovnabcud, 8 Uhr, Dorothcenilr. 12 Tr. Sieglried K a d n e r, Dr. Ernst C o h n- W i e n e r über da« neu- eröffnete Berliner Museum. Mit l'ichtbildern. Zn der chesevschafi für Erdtuub« spricht Sonnabend, 7 Uhr, im Hörsaal de« Kunftgewcrbemuscums Pros. Dr. Dhhrensurth(Breslau) über:.Di« internationale Himaloya. Expedition 1930,* 3m Museum ffir Ralurkunbe, Jnnalidenslr. 43. iinden heute folgende unentgeltliche Vorträge ftatt: 6 und 8 Uhr: Bon Hexenbese» und S chlasäpseln(Dr. Hering). Die Terrorwelle steigt Protestaktion der russischen Sozialdemokratie Die A>islandsvertretung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands hat„an alle sozialistischen Parteien" solgcndes Schreiben gerichtet: Werte Genossen! Eine neue Tcrrorwelle von ungeheurer Grausamkeit wälzt sich über unser Land. Masscnvcrhaftungen von Arbeitern und Intellek- tuellcn, Einkerkerungen, Folterungen, Deportierungen und Hinrich- tungen ohne Ende sind zur täglichen Erscheinung geworden. Wahr« Hekatomben von Leichen reihen sich an die Zehntausend« von„Kulaken", die im vorigen Winter erschossen und die Hundert- taufende von Bauern und Arbeitern, die verbannt worden sind, und van denen heute noch nach amtlichen Angaben 166 666 die Konzentrationslager der SU. bevölkern. Je schmaler die Basis der Diktatur wird, je osfensichtlicher der Zusammenbruch der phantastischen Wirtschaftspläne, je größer die Rat der Bevölkerung, der Hunger in den Städten und Dörfern, desto krampfhafter wird das Wüten der Terrorbestie. Die gegenwärtige Situation wird schlaglichtartig beleuchtet durch die neulich von der GPU. angeblich aufgedeckte„Schädlingsorgani- sation" und die damit verbundene Hinrichtung„auf kurzem Wege" von 48 notorisch hormlosen und unschuldigen Beamten am 24. September in Moskau. Die bekanntesten Vertreter der russischen Intellektuellen werden be- schuldigt, die„Zentrale" dieser geheimnisvolle» Verschwörung g«- bildet zu haben. Hervorragend« Professoren und Wirtschaftler wie Kondrotjew, Jurowski. Ramsin: Pioniere der russischen Genossenschaften wie Sadyrin, Tschajanow, Korobow: alte sozialistische Wissenschaftler und Publizisten wie Groman, Basarow, Suchanow: Männer, die seit Jahrzehnten in der sozialistischen oder demokratischen Bewegung standen, die das Teuerste— ihre politische Selbständigkeit, dos Recht auf politisch« Betätigung und Kritik bewußt geopfert haben, um ungestört und loyal als Fachleute mit der Sowjet- rcgierung mitarbeiten zu können, Männer, die alle Grundlagen der Sowjctwirtschaft an hervorragender Stelle miterschaffen haben,— sollen sich nun oerschworen haben, mit Hilfe des englischen Goldes die Sowjetwirtschaft zu ruinieren,„den Hunger im Lande zu organisieren" und die„Herrschast von Kapitalisten und Junkern wieder herzustellen". Dieser Heldenleistung der Tscheka sollen weitere folgen. Immer neue„Verschwörungen" sollen durch die Lockspitzel der GPU.„auf- gedeckt" werden. Das Leben der Verhafteten steht in Gefahr: es gilt, neue Massenmorde zu verhindern! Es ist klar: dies« Märchen sollen dazu dienen, die russischen Intellektuellen, deren Einfluß auf die eigene Part«i und aus die Arbeiterschaft Stalin befürchtete, zum S ü n d e n b o ck für den ver- brcchcrischen Leichtsinn des„Stalin-Kurfes", für das Fehlschlagen der phantastischen„Pläne" zu machen. Es ist klar: so albern derartige Märchen auch sind, sie beweisen, daß die Stalin-Clique sich entschlossen hat, die letzten Brücken hinter� sich abzubrechen, die letzten Fäden zu zerschneiden, die die Diktatur mit gewissen Kreisen der russischen sozialistischen und demokratischen Intellektuellen noch verknüpfen. Die Mauserpistolen der tschekistifchen Henker richten sich nicht mehr, wie in der Zeit des Bürgerkrieges, in der Hauptsache gegen die früheren herrschenden Klassen und die Ueberbleibsel des alten Regimes. Der bolschewistische Terror lrissl nunmehr mil der ganzen Wucht gerade die Klassen und Schichten, von denen und In deren Interesse die russische Revolution gemacht wurde. Ja, noch mehr: es wird immer�deutlicher, daß die Maschine des bolschewistischen Terrors nunmehr auch groß« Teile der Konimu- uiftischen Partei selb st erfasse» und bei der ersten Gelegenheit die „rechte Opposition" mit derselben Rücksichtslosigkeit zermalmen soll, mit der sie die„Trotzkistcn" vernichtete. Die„schwarzen Raben", die Lastautos der Tscheka. ähneln immer mehr den„elisrrettes", den blutigen Karren von Robespierre, die in den letzten Wochen vor dem überraschenden Sturz des allmächtigen Diklators tagein, tagaus ein kunstvoll zusammengesetztes„Amalgam" von Schurken, unschuldigen Bürgern, ehrlichen politischen Gegnern, lästig gewordenen Parteifreunden und gefährlichen persönlichen Rivalen unter dem Borwande von mit„englischem Gold" angezettelten „konterrevolutionären Verschwörungen" zum Schafott beförderten. Das trogische Finale der dem Bonapartismus unaufhaltsam«nt- gegenrollendcn bolschewistischen Diktatur rückt immer näher heran. In dieser kritischen Periode der russischen Reoolutionsentwicklung müssen die sozialistischen Parteien Europas die größtmögliche A k t i- v i t ä t in der Bekämpfung des Terrors in Rußland entfalten. Jedes Erlahnren auf diesem Gebiete oder gor der Versuch, die— kommunistische— Illusion zu unterstützen, als ob aus dem Blut und Schmutz des Tfchekoterrors doch noch letzten Endes eine„neue Welt" des Sozialismus gebore» werden könnte, würde die Parteien mit mora- lischer Mitverantwortung für das endgültige Fehlschlagen der russischen Revolution beladen, und würde vor allein in den Reihen der sozialistischen Arbeiter in Rußland als Dolchstoß, als Verrat an den Interessen der russischen Revolution empfunden werden, die nur gerettet werden kann auf dem Wege der Demokratie, auf der Basis eines ehrlichen Bundes von freien Bauern und Arbeitern. In voller Uebereinstimnmng mit den Grundgedanken des Mai- Aufrufes der TAI. fordern wir unser« Bruderparteien, die Sektio- nen der sozialistischen Internationale auf, mit allen ihnen zur Ver- fisgung stehenden Mitteln der Presse, des Parlaments, der Propa- ganda und Agitation den entschiedensten Kampf gegen den Terror, gegen de» Brudermord, gegen die Schande der Massenhinrichtungen und der Todesstrafe, gegen die Unterdrückung aller politischen und Menschenrechte in der Sowjetunion aufzunehmen. Dieser Kampf ist für sie unseres Er- achtens der wirksamste Weg der Rettung der russischen Revolution, aber auch der Gesundung der internationalen Arbeiterbewegung zu helfen. Auslandsvertretung der �Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands. (gez.) R. Abramowitfch. Th. Dan. Paul Kornfeld:„Iud Süß". Theater am Schiffbauerdamm. Irgendwo wurde ein Akt ausgelassen, der Schluß des Stückes, eine Szene im Kerker, fiel stark ab, und doch war es ein großes Erlebnis. Die Bühnenbilder Kaspar N e h e r s, aus spärlichsten Mitteln. geformt, gaben die Illusion des Stuttgarter Hofes. Hier regiert Jud Süß, der ungekrönte König von Württemberg. Er selbst hat sich dazu gemacht: im schwarzen, unscheinbaren Kastan tauchte er hier auf, umschlich tagelang die Schloßmaucrn, ertrug Demütigungen und Spott der Lakaien und des Hofgesindels, nur um den Herzog sehen und sprechen zu dürfen. Denn großer Ehrgeiz glimmte unter dem bescheidenen Judengewand. „Viele Kerzen brennen in meine Kopf"— sagt Jud Süß mit flehend erhobenen Händen zum Herzog.—„Du wirst meine Hilfe gebrauchen können, Herr." Der Herzog, ein großer, gutmütiger Kerl, empfindet die Liebe, die ihm aus den Blicken des Juden entgegenleuchtet, und willfahrt seiner Bitte. Bald ist er unentbehrlich, Jud Süß, in Württemberg. Er re- giert die Minister, den verkalkten Staatsrat, den Hof, gestützt von der Freundschaft des Herzogs. Aber während er immer höher und höher steigt, fallen Schlichtheit und Demut des Ghettojuden von ihm ab, und sein maßloses Herz will alles irdisch Erreichbare befitzen. Macht, Leben, Geld sind gefährliche Karten für Spieler, die alles auf«ine Karte setzen müssen. Jud Süß setzt auf den Herzog und verliert. Denn der Herzog trinkt versehentlich dos Gift, das für den Geheiinen.Finanzrat Süß bestimmt war und mit dem Tode des Gönners stürzt die ganze selbstgebaute Welt wie ein Kartenhaus zusammen. Alle sind gegen ihn, das Volk wegen der Steuern, die Stände, weil sie übergangen wurden, der erste Minister, weil er nicht mehr der erste war in Süß' Tagen. So kommt es zu einem Justizmord. Nichts kann man ihm nachweisen, er hat die Finanzen des Herzogs redlich verwaltet, aber er muß verschwinden, denn er ist„ein Feind des Staates". Ein Emporkömmling und mehr noch — ein Jude. Sein Todssurteil wird gefällt. Diese Aufführung wird ein großer Erfolg werden. I e ß n e r s Inszenierung ist ein genialer Wurf, primitiv, leicht, aus dem Hand- gelent gemacht. Ernst Deutsch in der Titelrolle— man findet kaum Worte, ihm gerecht zu werden— wandelt sich durch alle Phasen des Msa- fchen, vom kleinen Ghettojuden zum großen Höfling. Man erlebt wieder, endlich wieder, echtes Theater, das um seiner selbst willen da ist und keines Vorzeichens bedarf. Ihm zur Seite steht Otko W e r n i ck e als Herzog Karl Alexander, ein urwüchsiger, gut- mutig ungeschlachter Falstaff, ein prächtiger Geselle und herrlicher Freund. Erich P o n t o(Minister) gestaltet Tiefen maßloser Ehr- sucht und unerbittlichen Hasses. Ausführung und Inszenierung streifen ans Dilettantenhafte, sind aber zugleich Rückkehr zum ewigen Theater und daher ungc- «ähnlich packend. Ein Erfolg, der über den Rohmen der Spielzeit hinausgeht._ S.-M. Gerhari Hauptmann:„Elga". Kammerspiele. Die von Floskeln schwerer Empfindsamkeit geladene und oft auch überlastet«„Elga"-Tragödie wird wieder aufgeführt. Teuflische Un- treue des Weibes, teufliche Rache des Mannes. Der frische Junge, der in den Krieg zieht, erblickt im bösen Traum all dieses Unglück. Man weiß, daß dies« dramatische Ballade einer Grillparzerschen Novelle nachgedichtet wurde. Das romantische Stück wurde in moderne Verzweistungspsychologie eingetaucht. Grillparzer freute sich an dem Kriminalfall. Hauptmann bereicherte ihn durch Seelen- grübelet. Die Hauptroll« des Mörders, der als Mönch die allzu große Weltliebc abbüßt, war einmal Paraderalle für Rudolf Rittncr, den großen„Florian Geyer". Heute ist Werner K r a u ß reif genug, um die von Hauptmann überdachten Seclenllbergänge und Seele»- irrgänge vollkomuren zu spielen. Es entsteht in ihm der große Auf- rühr, der den besten Mann zur Bestie macht, und alles ist grausig natürlich. Wir glauben, daß sich die reinste Menschennatur bis zum Skelett enthüllt. Neben Krauß sind die übrigen, Frau B a r d, die Elga, und Herr Gründgens, des mordenden Grafen Feind und Opfer, nur typisierende Rollenträger, sie stehen bemüht und auch talentvoll im Stück. Sic Heben aber nicht, wie Werner Krauß, das Beispiel einer vielfach beweglichen, auch geistreichen Komö- diontennatur. Sie sind nur hübsche Spezialisten," und Frau Bard ist eher im munteren Lustspiel als in der Tragödie am Platze, wo sie dämonisch wirken joll. Sie spielt alles Tänzerische ihrer Rolle vorzüglich, das Teuflische mißlingt ihr vollständig. � M. II. Rangierers Sterben. Auf den, Güterbahnhof in Schlachtensee kam in der vorletzten Nacht der 44jährige Rangierer Wilhelm B o s y aus der Elisabethstroße 39 in Lichtcrfelde auf furchtbare Werse ums Leben. B. geriet beim Zusammenkoppeln zweier Waggons mit dem Kopf zwischen die Puffer: der Unglückliche wurde auf der Stelle ge- tötet. Bkrantworil 6ir die Redektion: Wolkgang Schwirli. Berlin:-Anzeigen: Th. Glocke, Berlin. Berlag: Vorwärts Berlag G. m. b. So., Berlin. Druck: Vorwärt, Buch. druckerei und Verlagsanstalt Paul Einger& Co., Berlin EW SS. Lindcnftra�e 3. Kierzu l Beilage. � � Iheaterl. d. Behrenstr. 53-54 Direktion: Ralph Arthur Roberts sv. Das häBliche madchen «.IS UDr- Raodien eriaobi Tltfany Twin*. Dora Kasan u. Nester. Prof. Pallas B singen- deLedles. Brown u.UeHert usw. fiBOSS-SCHADSPIELHAOSS Nur noeb Z Woc.i en. Lustige Witwe Hesterberg:, Hansen, Arno, SchollTrer. ..7anMiuhu,Sehaeflero, Winkelstern, Desnl. REGIE: CHAREEJL Englisch— Roberts— Riemann. I Jcerte Jxiesch I in der „Braut von Messlna" Im HOSE- Theater GroOe Fr*nlrfUrterStr.1«2 1 (Billettkaue: Alex 3422 u.3494) Nur noch STaget Heute wie nächsten Sonntag 1 3 Vorstellungen, und zwar um 1 3.S0U. u. 9U.(IreneTrleach), I um 5.45 U.(Grete Nebelung). I Wechentagrs 8.15 U., Sonn- abends 7 Uhr(Trlesch) und 10.15 Uhr(Nebeiung). Kassenpreise von 50 Pf. bis3.-M. Garderobe u.ProcrammJe25Pf. 1 IkeaterfurdieKinder:| Jeden Mittwoch 8 Uhr; „HAneel undQretel" Jeden Sonnabend 4.15 U.: M Dernrtf echonÄ Uhr Das Hädel am Steuer Operette v. Gilbert Kleines Tbeal Merkur 1624 Täglich 8V» Uhr Nax Adalbert in Hasenklein kann slchit dafür Denlsehes lOostler-Theti. Tal. Barbinua 3937 SV« Uhr Jim und Jill Opanlta«. Tivian Ell» Praisevoi IM. aufwärts Renaissance- Theater Steinplatz 6780 9V. Uhr Die Wunder-Bar Revnesrflck Bamowsk;- Buhnen Thsulur In der Sirusemannsir. Täglich S'.i Uhr ÜWMl!: 3 Lustspiel von Schwiefirt Komödienhaus 8V« Täglich 8 Vi Konto X von Bemaust und Oallarraidiar Theater am Sdiiffliauerdamm 8 Uhr Jud Süß! mit Ernst Deutsch. Inszenierung: Leopold Je�ner. BertoTttl Dönh 625,626. Täglich 8 Uhr Alexander Noissi „Der Idiot" ▼. Dostojewski). Lustspiemaus Dir.: Haus LOpsdiütz Täglich 8>,. Uhi meine Schuiester und ich Musik von Benatzky Lory Uux. Kurt ronMillendori Neues Theater -mm am ZOO mmmmm RnBaliDh.Zto.Stpl. 6551 Täglich 8V« Uhr Lommel in der Posse Paul und Pauilne Rundfunkhörer Hfllöe Preise. Rose• Theater 6r.Frankliirl«r$lr.i32 i Tel. Alex.3422 u.3494 8.15 Uhr: Braut t. Hessina mit Irene Trteodi dk babcll«. Thaatar am Bottb. Tor Kottbusser Str. 6 Tel. Uoritipl. 160 77., Tägl.«V. U, Sonnt aneii 3>- IDir Elite- SSBiger Präsident Zunkel Gr. Tranmipie!- bmlnh Sdiorsdi Ruselil Urania Fraitag.ilaalll.Oltlolur ahands lv< Uhr im läDgaDhadi-inrdiow- Haus. Lnisantr. 58-59 Vortrag von Dr. Martin Rikll Ost-Afrika ait Vortährang vn Film- i>4 üdilkildere. Zimmer 1 Bett M.'B.-b. 11. 2vett!4..bjs22. 5adM.3, Salon 10 »eflln HOTELlAnfJW CXCELS10R Berliner Fahnenfabrik Fischer A Co., Wanstr.84 II». inselDrflcka. k B Merkur 4580-82 Reichshallen-Theater I S I o. Sonntag aadin.| S1?| stettiner Sänger Das neue große Oktober-Progr. mit der Extra-Einlage: laß Blumen spredien" Nathm. halha Praisel Ztr. 11263. Dönhoff- Brettl: Variete» Tanz. 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Inditas Wiissgirbir Dmhihliaihbet-rlirjtii-Virt««:. Vomrl. ik I.Ott. Prent kr—.Hl. I,—. UU Isgw 1,50 1. Wochentags; 4, 5'/j, 8>,« Uhr Sonntags: 3. S'/j, 8'< Uhr Eintrrtspreisc: RM. 1,—, i 20, 1.50 (Logen 2,—), Sonntags.l Uhr Einheitspreis RM. 1,— Vorverkauf ab 12 U. ununterbrochen für 7 Tage im voraus. dBelloge Mittwoch, 8. Oktober 1930 frrftnttD Sltalaui�aßt Ja liratäsA Worstofl im wilde Xosislan Aufbruch mur S Im j?afen»on Somfuti sollen die Eisenbahnwaggons von Konstantinopel ausgeladen werden. Langsam rudern die großen Holzboot« heran, die die Frachten zum Land übersetzen, denn diese kleinen Orte haben natürlich keine ausgebauten Hafenanlagen. Trotzdem ist der Handel ziemlich stark. Mit uns liegt noch der deutsche Dampfer„T r o j a" von der Levantelinie und ein Italiener vor Anker. Um die großen Schifsslciber kriechen wie Ameisen die kleinen Ruderboote, die auf eine ganz seltsame Art fortbewegt werden. Man könnt« es am besten mit Treppenlaufen bezeichnen. Die Ruderer stellen sich auf den Sitz und lassen sich dann nach hinten runterfallen. Diese Schwerkraft des Fallens nützen sie aus und reißen das riesig« Ruder mit, das sich durch einfaches Armziehsn sicher kaum fortbewegen ließe. Es steht komisch aus, wie sie hochspringen, sich mit ihren bloßen Füßen gegen die Leisten stemmen, ihren Körper fallen lasten, stillstehen und wieder Hoch. Zu zweit oder dritt bringen sie trotz des Wellenganges ungeheure Ladungen an Land. An die Eisenbahnwagen wagt sich aber doch keiner ran, einer nach dem anderen lehnt dieses gefährliche Geschäft ab. Schließ- lich wird auf den Notruf unseres„Refid Pascha" ein Polizei- motorboot herangeholt. Das spannt sich vor«inen der Holzkasten und mit zerstörendem Krach senkt sich der vom Kran spielerstch hin und her bewegt« Waggon auf die Holzplanken. Entrüstet über die lange Verzögerung tutet unser Schiff schnell dos Abfahrtszeichen und verschwindet in Richtung Trapezunt, sich immer dicht am Ufer haltend. Es ist leer an Bord geworden. Selbst die Kontrolle zum Kajütendeck ist aufgehoben. Wir springen auf dem ganzen Schiff herum, ärgern einen koloßartigen Negersteward, der uns immer wieder auf türkisch klarmachen will, daß wir das Achterdeck nicht betreten dürfen. Dabei kann man von hier aus am besten die vorbei- schießenden Delphine beobachten, die in großen Scharen unierem Schiffe folgen und mit spielerischer Gewandtheit bald hier, bald dort auftauchen. Es ist ungemütlich heiß geworden. lieber den weilen Bergketten cm Ufer hängen dichte, wunderbare Wolkenbildungen. Die Sied- lungen werden immer zahlreicher. Mit den, Fernglas kann inan die Anlage von Maisfeldern und großen Obstgärten beobachten. Trapezunt ist die letzte größere Station. Es er- scheint plötzlich hinter dem Leuchtiurm einer großen Klippe, vor der die traurig hervorragenden Reste eines gestrandeten Dampfers liegen. � Die geräumige Stadt dehnt sich über drei Hügelrückcn. Sie besteht fast nur aus neuen Steinhäusern.- Im Krieg« waren bis hierhin die russischen Truppen vorgedrungen. Sensation in 9lime Nun sind wir fast die einzigen Passagiere, die mit zur End« station R i z ä fahren, der letzten Stadt vor der rustischcn Grenze. Je mehr wir uns nähern, desto gespannter werden unser« Blicke. Wie steht doch im Bädeker: Riza ist die Hauptstadt des wilden Berg- landes Lafistan, dessen fchneereiche Gipfel sich vielfach über 3000 Meter erheben und auch von hoher See weither sichtbar sind. Wir können davon selbst mit dem Glas« nichts bemerken. Außer den dicht bewaldeten Vorbergen, in denen versteckt die viereckigen türkischen Bauernhäuser stehen, ist von Felsen oder gar Schnee- fcldern keine Spur. Doch angenehm überrascht sind wir von dem ersten Blick auf Rizc: nicht wie ein« verlassene Grenzstadt, sondern wie kleine Villen leuchten die weißgetünchten Steinhäuser aus den Gärten, die sich über den ganze» Berg erstrecken. Jetzt rasselt die Ankcrkettc. Kleinere, flinke Ruderboots legen sich an die Steuerbordseite und unter dem Halbmond- und Sternenbanner fahren wir an kleinasiatisches Land. Dort empfängt uns der türkische Klub. Durch je einen englischsprcchenden Dolmetscher dftr Türken und von uns wird die schwierige Unterhaltung übersetzt. Man führt uns in das Klub- oebäudc: Rohrsessel. Bücher, das Bild Kemal Paschas in ollen Aus- führungen. Jeder Wunsch von uns wird ausgeführt und die Leute, Kleinbürger, Lehrer und Beamte, glauben, sich für die Armut des Landstriches entschuldigen zu müssen. „Sie werden hier nicht viel sehen. Was haben Sie eigentlich vor?" fragt der Vorsitzende, denn das ist ihm aus dem Telegramni, das man zweifellos aus Konstantinopel geschickt hat, doch nach nicht klar geworden. Als wir ihm erzählen, daß wir die Berge im Innern des Landes besteigen wollen, schleppen sie ihre neuesten Karten herbei, die ncch weniger taugen als iniser« alten. Einer erzählt auch von einem Ritt über den höchsten Paß, aber weiter ist keiner gekommen. Wir merken außerdem, daß es ihnen nicht allzu lieb ist, daß wir als erste hinauf ziehen. Wir werden uns also im wesentlichen auf unsere eigenen Vorbereitungen stützen müssen. Aus diesem Grunde wird sür Zwei Tage Standlager bezogen. In Ermangelung eines anderen Platzes bietet man uns den Garten eines Kaffeehauses zum Zelten an. Mit lächelnd serviler Miene kommt der Wirt und sogt:„Es ist olles umsonst. Ich fühl« mich sehr geehrt, solch hohe Gäste zu be- Herbergen." Diese Ehra wurde uns später mehr lästig als angenehm, denn der kleine Armenier übernahm sich in feinen Liebenswürdig- feiten. Keiner von uns konnte irgendwo stehen bleiben, schrn schob er ihm einen Stuhl herk�i. Ebenso war es mit allen Arbeiten, olles konnte er besser machen. Dabei merkte man doch seine Unwilligkeit. wenn wir nach dem Essen uns selber Tee kochten und auf seine winzigen Täßchen türkischen Kaffee verzichteten. ä)as 3estcssen Ebensowenig lasien uns die Freunde vom türkischen Klub los. Wir sollen unbedingt zum Abendessen in die Stadt kommen. Alle unsere Beteuerungen, daß wir uns selbst kochen, helfen uns nichts. Wöhrend des Essens wurde natürlich geredet. Ilntcreinander halsen wir uns mir Finger- und Zeiche nfp räche weiter. Die osstziellen Ansprachen mußten wieder zweimal übersetzt werden. jwi» Wich onmtnMn- SchwM flgd* jaiaauncayrodfü£& Schluß war jedenfalls, daß man uns im Namen der Wissenschaft, Kunst und Bildung willkommen hieß. Unser armer Professor wußte darauf kein« andere Antwort, als unseren Geiger zu ein paar Solostücken aufzufordern und damit unsere Kunst zu demonstrieren. Die wisseirschastlichen Belege hofften wir von den Bergen mitzubringen. Kunst ist aber ein sehr individueller Begriff. Jedenfalls imponiert unsere Musik den Türken sicher sehr wenig. Wir fordern sie deshalb auf, ebenfalls etwas vorzutragen. Wir hätten es nicht tun sollen, denn es wurde zur Qual. In unheimlichen Halbtönen wurde ein für unser Ohr entsetzlicher Lärm veranstaltet. Liebesklage nennt es der Ueberfetzer. Wir sollen etwas Gleichartiges in Deutsch singen, es steigt also ein recht wehmütiges Löns-Lied.„Wir haben in der Melodie die Seele des Dichters gespürt" wurde uns darauf übersetzt. Aus Rache beschließen wir, die Gastgeber morgen abend zu eincin felbstgekochten Essen bei uns einzuladen. Die 3rauen Ganz im Gegensatz zu Konstantinopel geht hier kaum ein« Frau ohne Schleier. Di« meisten laufen in Ueberwürfen aus Säcken oder blauem Tuch mit roten Streifen herum, dos Zeichen, daß sie arbeiten müssen. Nur die Frauen, die zu Haufe sitzen, tragen hier schwarze Kleidung und das sind sehr wenig. In europäischen Kleidern gehen nur die Gattinnen der hohen Beamten und die auch nur auf Anordnung Kemal Paschas. Es scheint ein ganz besonderes Verhältnis, dem wir auf unseren weiteren Fahrten ins Innere nachgehen müssen, zwischen Frau und Mann. Unser Lagerplatz, der dicht an der Straß« liegt, ist den ganzen Tag von nichtstn enden Männern belagert, während draußen die Frauen mit schweren Lasten dahergehen und nicht wagen,«inen Blick auf uns zu werfen. Auch in dem türkischen Klub war nirgends«ine Frau zu sehen. Sie ist das unumschränkte Eigentum des Mannes, der sie vollkommen ausbeutet. Die Männer sehen ihre einzig« Beschäftigung im Handel und im Raub. Alle tragen die berühmten Lafenmesser an der Seite: lange, stecknadelspitze, geschweifte Schneiden, und zwar immer zwei in einer Scheide. Unser Wirt erzählt lachend, daß sie ihre Gegner dadurch töten, daß sie ihn zu gleicher Zeit in beide Seiten des Rückens stechen. Das waren ja nett« Aussichten. In allem Ernst wollte uns auch die Bürgermeisterei«in« Schutzgarde von mehreren Poli- zisten mit in die Berge geben. Als wir dos wegen der unnötigen Proviantbelastung ablehnen, werden unsere Pferdetreiber für unser Wohl und Wehe verantwortlich gemacht. Zum Glück treiben wir auch noch einen russijchsprcchenden Dol- metscher auf, der sich bereit erklärt, mit uns zu ziehen. Als letzte Warnung aber erklärt der kommandierend« Polizeigeneral, daß wsy auf keine» Fall in ein Bauernhaus eintreten sollen, denn das bedeute eine schwere Beleidigung des Hausherrn, der selbstverständlich an- nehme, man käme wegen seiner Frau.„Also sehen Sie sich vor," ruft er uns nach,„es kommen in den Bergen sogar noch Fäll« van Blutrache vor!" I�zrl Moelkr. �Begegnungen... Erlebnisse in den Bergen I. Pioniere des A l p« n f p o r t s, Ich befand mich mit einem Führer auf dem Abstieg. Der Weg war ziemlich steil, der Boden abwechselnd Geröll oder— nach dem andauernden Regen leicht liegreiflich— glitschiger Schmutz. Der Führer trug mein Gepäck von etwa 15 Kilo Gewicht, das mit samt seinem Rucksack auf einem Schultcrgestell aufgeladen war. Ich fragt« ihn, ob es ihm nicht zu schwer sei, und ob wir nicht eine Rast einlegen wollten. Da erzählte er mir von seinem Leben. Im Ämter arbeitet er im Kohlenbergwerk, iin Sommer ist er Bergführer. Weil der Bergwerksdirektor Alpinist sei, bekomme er den Sommerurlaub. Dafür ist er verpflichtet, immer bereit zu sein. Wenn ein Unglück in den Bergen geschehe, wird in das Bergwerk telephoniert, und er muß sofort heraus. Der Verdienst ist im Sommer oft sehr gut. Wenn er nicht als Bergführer beschäftigt sei, suche er Enzian, Edelweiß usw. und verkaufe die Blumen an die Touristen. Als Führer Hab« er manchmal bis 40 Kilo zu tragen, wenn er die Hütten mit Proviant versorg«— nur 30. Dann zeigte er unterwegs nuf einen ziemlich steilen Berg und auf ein« oben stehende Hütte. Diese Hütte wurde im vorigen Jahre gebaut, er und noch vier andere Führer haben über einen Monat lang täglich dreimal zu je 30 Kilo Material hinaufgetragen. Die Höhe, die sie vom Tal aus zu ersteigen hatten, war ungefähr 1000 Meter... Da dacht« ich, wie gut ist es, wenn man als Tourist nach 1000 Meter Steigung so eine bewirtschaftete Hütte findet. Aber man sollte dabei doch etwas öfter nachdenken, wie denn so eine Hütte auf de» kahlen Felsen auf ein paar tauend Meter Höhe hinaufkommt. Sie hat doch keine Beine... II. Aus eigener Kraft. Ich marschiert« in einem Alpental in etwa 1200 Meter Höhe. Da stieß ich auf eine halb in der Erde liegende Wasserrohr. u n l a g c, wie sie zur Speisung der Elektrizitätswerke verwendet wird. Aber das Alter der Rohre und verfchiedcnc Veriiachlässi- gungen und Schäden zeigten, daß die Anlage längst außer Betrieb war. Ich wollte trotzdem das Staubecken sehen und ging talauf- wärts an dem Rohr entlang. Nach einer Weile traf ich einen Arbeiter bei einer merkwürdigen Beschäftigung: er sammelte kleineres Geröll am Fuße der Berge und am Bach und schüttete es an die nassesten Stellen des ehemaligen Pfades in der Nähe des Rohres, so daß etwas Wegähnliches entstand. Ich ging weiter. Das Wächterhaus an dem jetzt ausgelassenen Staubecken war zu meinem Erstaunen bewohnt, und als ich den Mann nach der Höhen- läge des Hauses fragte und danach, was denn hier geschehe, erfuhr ich folgendes: Das Elektrizitätswerk war anderswo angeschlossen, man ließ die Sache hier verfallen. Er war viele Jahre lang Gebirgsführer— nun hatte er sich darum beworben, daß man ihm das Haus hier überlasse. Als er es erhalten hatte, reichte er um ein« S ch a n k- ko»Zession ein und ging inzwischen an die Arbeit. Schon drei Monate arbeite er an dem Hause herum, in diesem Monat noch wird es, frisch geweißt und geputzt, fertig sein. Dann wird er die frühere Kläranlage ausschöpfen, die vierte Wand aufbetonieren— und dann ? habe er einen hekrlichen Keller. Man könnte hier noch sehr vieles »lachen, aber dazu müßte inan Geld haben. Und er habe keins, darum niache er alles allein. Nur noch den alten Arbeiter habe er, der dort vorn den Weg baut. In dem ganzen Tal ist keine einzige Schutzhlltte,'keine einzige Restauration da, und doch werde das Tal viel begangen, da es zu dem Paß nach Kärnten und zu verschiedenen interessanten Gipfelwegen führe.„Im nächsten Jahre werden die Herrschaften mit Wagen hierher fahren können," vcr- sichert« er mir, und ich sah es ihm an, daß er sein Wort halten werde. Es ist nicht schwer, ein Hotel, ein Restaurant mit viel Geld an einem beliebigen Ort aufzustellen, aber wie hier, nichts als feine persönliche Kraft zu haben und sie so einzusetzen...! III. Das s ch ö n st e Grab. In der Nähe eines Alpendörfchens, kurz vor einer Bergwand, deren Aussehen-auf öfters niedergegangene Lawinen schließen ließ, sah ich«ine durch Gestecke eingezäunte Stelle von etwa 5 Meter im Quadrat. In der Mitte der Einzäunung befand sich ein auf die Spitze gestellter, zwei Mann hoher F e l s s p l i t t e r. Darauf stand mit blutigroter Farbe in riesigen Buchstaben„Maria" geschrieben. Stelleniveis« u>ar die Farbe weiter geflossen und bildete blutige Fleck« und Spritzer auf dein schwarzgrauen Stein. Die Wirkung dieses Rot und Grau vor der mächtigen Bergwand mit ihrem gelben Geröll- und Schuttstrom, und diese einfachste Um- zäunung, die der Steinmass« Halt zu bieten schien, war unglaublich stark. Ich kehrt« um und wollte im Dorf wissen, was der Stein be- deute, wer ihn so aufgestellt habe, aber ich konnte keinen Bescheid bekommen. Die einzig« Antwort war:„5 woas net.'s geht a Soag. daß a Madl do umkomme saa. I wvas net."— Wer denn den Stein aufgestellt habe? Wann?—„I woas net." Das war alles.— Aber, unbekanntes Mädchen Maria, dir ist von einer unbekannten Hand ein Denkmal errichtet worden, wie es kein schöneres geben kann!... Ein Denkmal, das dein Leben und deinen Tod in das Märchen- und Sagenreich erhoben hat. dlicbacl Ebarol. „Illedi&ingroschen" und„SSeMsleuer" Di« Abgäben, die feit einiger Zeit von den Mitgliedern der Krankeirkassen vor Beginn jeder ärzilichen Behandlung und für den Bezug von Medizinen zu bezahlen sind, haben bereits vor etwas mehr als zweihundert Jahren in dem sogenannten„Medizin- proschen" Friedrich Wilhelms I. von Preußen einen gewissen Vor- läuser gehabt. Wie«s der Natur des„Soldatenkönigs" entsprach, wurde dieser„M e d i z i n g r o s ch c n". für die gesundheitliche Pflege seiner Soldaten eingefühlt und auch für diese nur erhoben. Auf Grund eines königlichen Edikts vom Jahre 1713 rpurde be- stimmt, daß jede Kompagnie für jeden Mann im Monat je einen Groschen an den Regimentsseldscher zu zahlen habe, der erst nach Empfang dieses Geldes die Pflege der Kranken übernahm und für die erforderlichen Arzneien, Instrumente und sonstigen Heilmittel sorgte. Diese„Medizingroschen" bildeten den wesentlichsten Teil seines Gehaltes und so ist es begreiflich, daß er auf den pünktlichen und genauen Eingang dieser Vorausbezahlungen hielt. Außer diesen Groschen erhielt er nur noch zehn Thaler von jeder Kompagnie, von denen er aber dem Kompagniefeldscher fünf Thaler abgab und von denen außerdem der Rcgimentskommavdcur noch jyß» jur jjch OÖjDg, sivif Aicjam fm�a mußten sich die Fcldschercr zufrieden geben, denn alle Klagen und Beschwerden halsen nichts, und ihr« oft flchentlichen Bitten um eine Erhöhung ihrer Bezüge blieben unbeachtet. Erst 1808 wurde der„Medizingrofchen" und die damit verbundenen Ne.benbezüge verdoppelt. Immerhin erhielt sich diese vorherige Abgabe an den Regimentsfeldscher bis tief in das vergangen« Jahrhundert, da erst im Jahre 1830, also vor genau lOO Jahren, eine Reform des Militärärztewesens vorgenommen wurde, durch die den bisherigen Regimentsfeldscherern der Titel Regimentsärzte und ein festes Gehast verliehen wurde. Von da an verschwand auch der„Medizin- groschen" und die Behandlung der kranken Soldaten wurde von jeder Abgabe befreit.— Zugleich mit dem„Medizingroschen" wurde von Friedrich Wilhelm I. auch die„Bett st euer* eingeführt, die aber nicht sür kranke, sondern für recht gesunde Soldaten erhoben wurde. Denn als der König das Regiment der„langen Kerl»",. das zuerst in Wusterhausen in Garnison gelegen hatte, als fein persönliches Leibregiment nach Potsdam verlegte, konnten für diese Riesen weder in Potsdam noch in der Umgegend passende Betten ausgetrieben werden. Ohne viel Federlesens zu machen, legte daher der König seiner Residenzstadt und den umliegenden Ortschaften eine Abgabe auf, deren Ertrag dazu dient«, besonders große Lett- bautü, pucher ötcje Steuer fea Nomon»Bf tsttnifr* erhielt j.yooLF Copyright 19}0 by„Der BUcfatrtreis G, m. b. H.", Berlin SW 61. (2. Fortsetzung.) Nach langem Warten brachte Dingihami Zwillinge zur Welt. zwei Mädchen, von denen das«in« Punchi Meyika, das andere chnmihami genannt wurde. Als SUindu von den Frauen hörte, daß seine Frau zwei Mädchen geboren hätte, stürzte er in die Hütte, wo sie auf der Matte lag, schlug sie auf Kopf und Brust und schrie sie an:„Du Weibsbild! Du schlechtes Weibsbild! Wo ist der Sohn, det mir die Flinte tragen sollte, wer wird nun die Chena für mich bestellen? Hast du die Dirnen in die Welt gesetzt, damit ich etwas zu füttern und zu kleiden habe, von der Mitgift gar nicht zu reden? He, du verdammtes Weibsbild?" Das war der Anfang von Silindus Streit mit Babehami, dem Dorfältesten, denn als der Dorfälteste Dingilyami und die anderen Frauen schreien hörte, kam er aus seinem Hofe herübergelaufen und zerrte Silindu aus dem Haufe. Dingihami starb zwei Tage nach der Eeburt der Zwillinge. Silindu halte eine Schwester, Karlinahami mit Namen, die in einem Haus« am anderen Ende des Dorfes wohnte. Sie war vom Unglück heimgesucht worden, dem Unglück, das im Leben eines Djungeldorfcs fast eine Alltäglichkeit ist. Ihr Mann war vor zwei Monaten am Fieber gestorben, und«inen Monat später hatte sie ein Kind geboren, das nur zwei Wochen lebte. Als Dingihami starb, holt« Silindu sie in seine Hütte, um seine beiden Kinder zu versorgen. Ihre eigene Hütte wurde dem Djungel preisgegeben. Schon in der nächsten großen Regenzeit zerfielen die Lehmwände, das brüchige Dach stürzte zusammen und der Djungel drang in den Hof ein. Als die Kinder zwei Jahre alt waren, zeigte nur noch eine kleine Erhöhung im Djungel die Stelle an, wo Karlinahomis Haus gestanden hatte. Karlinahann war eine sehr dunkle Frau von gedrungener Gestalt mit plumpen Beinen und gewaltigen Brüsten: sie hatte große, ausdruckslose Augen, die in dem flachen Gesicht etwas zu weit auscinandergeraten waren. Ganz anders wie ihr Bruder, war sie immer tätig, fegte im Hause und im Hofe, holte Wasser äus dein Staubecken, kochte und sorgt« für die Kleinen. Schon nach ganz kurzer Zeit dachte und sprach sie von den Kindern, als ob sie ihre eigenen gewesen wären. Sie nahm selten an dem endlosen Geschwätz der Frauen teil, wenn sie sich vor den Hütten oder am Staubecken trasen: dafür war sie als Erzählerin bekannt, und oft kamen des Abends, wenn das Nachtmahl gegessen war, die Frauen imd einzelne von den Männern in Silindus Hof zusammen, um ein« von ihren Geschichten zu hören. Da saßen sie schweigend und unbeineglich in dem einzigen Räume oder draußen um die Tür- öiinung herum und lauschten der eintönigen Erzählung der Frau, duy neben dem Feuer hockte und in die Dunkelheit hinaussah. Ihre Geschichten waren incist Märchen, die sie van ihrer Mutter gehört hatte, oder Legenden über Gautaina Buddlya, wie sie die Pilger auf den Wallfahrten ain Lagerfeuer oder in den Madamas't der Heiligtümer erzählen. Diese Geschichten und die frommen Lieder, mit denen sie in den Schlaf gesungen wurden, waren die frühesten Erinnerungen der beiden Kinder. Solange Punchi Menika und Hinnihami noch sehr klein waren, schien Silindu ihr Dasein gar nicht zu bemerken. Er kümmerte sich weder im Hause noch im Hofe um sie und sprach nie von ihnen. Als er nun eines Tages vor der Hütt« faß und nach dem Djungel hinübcrstarrt«, kroch Punchi Menika zu ihm hin, legte ihr« Händchen auf sein Knie und sah ernsthaft zu ihin auf. Silindu blickte aus dos Kind hinab, faßte die beiden Händchen und stellte es. zwischen seine Knie. Nachdenklich sah er ihm eine Zeitlang in die Augen und begann dann plötzlich leise zu reden: „Kleiner Frosch! Warum bist du nicht in deinem Teiche ge- blieben? Gibt es dort kein Essen für deinen kleinen Bauch? Reis und Kokosnüsse und Mangos-) und kleine Hirsckuchen? Ist das Bäuchlcin so voll, daß du den Teich verlassen und in den Djungel komtnen mußtest? Dummer kleiner Frosch! Walser ist gut, Bäume sind böse. Da, wo du jetzt bist, gibt es nur Gefahren und Teufel. Gestern, kleiner Frosch, lag ich, die Flinte in der Hand, an einem Wechsel untcr einem Dombastrauche und wartete, ob etwas käme. Die Teufel im Djungel sind sehr böse, denn es find jetzt drei Monat« ber, seit es geregnet hat. Die Wasserlächer sind trocken: Gräser und Kräuter sind braun: die Hirsche sind ganz moger, und ihr« Kälber brechen vor Schwäche zusammen. Deshalb sind die Teufel hungrig, und es gibt nichts Schrecklicheres als einen hungrigen Teufel. Ich lag also, die Flinte in der Hand, flach auf dem Boden. Da sah ich auf der anderen Seite des Pfades unter einem Domba- bäume eine Lcopardin, die ebenfalls auf der Lauer log. Ich legte meine Flinte nieder und sagt«:„Schwester. Ist der Bauch leer?" Denn ihr Fell war räudig und ihr Bauch wie vor Schmerz ein- gezogen.„Pakka, Teufel!" antwortete sie,„in drei Togen habe ich nichts als einen mageren, grauen Affen erbeuten kömyen und in meiner Höhle sind zwei Katzen, die gefüttert werden müssen!" „Pakkini, Teuselin," sagte ich,„in meiner Hütte sind zwei Frösche, die gefüttert werden müssen. Aber ich habe noch eine Handvoll Hirse in der Kammer, aus der meine Schwester Kuchen backen kann. Es ist der Rest von der letzten Chenaernte, und wenn er aufgezehrt ist. habe ich nichts mehr. Und dabei drängt der Aelteste wegen der drei Schillinge Kopfsteuer.„Kann man da Geld holen", habe ich zu ihm gesagt,„wo nicht einmal etwas zu essen ist?" Aber ich komme mit der Hirse bis zum nächsten Poiya-Tag'). Dein Hunger ist also größer als der mcinige. Die erste Beute ist für dich." Lange Zeit" lagen wir ganz still, und endliche hörte ich, wie in einiger Entfernung ein trockener Zweig knackte.„Schwester," flüsterte ich,„ich glaube, es kommt ein Hirsch.'"„Polka, hast du keine Ohren." sagte sie,„ich böre schon die ganze Zeit zu, wie ein Rudel Wildschweine mit dem Winde auf uns zukommt. Kannst du denn auch jetzt noch nicht hören, wie sie schnaufen und in dem trockenen Boden brechen, und wie die Kleinen auf dem dürren Laub umhertrippeln?"„Pakkini," antwortet« ich. denn ich hörte ihren Fang in der Dunkelheit knirschen,„beim >■» iKobomn: Untrrfijnitehau« für Pilprr an einem WotVohnt-aet ') Mango: Krackt de» Mangobäume», Maugifera indlca. Aa'ka.?akl!,v: Teufel, TeuieNn. >> fw-Taa: Tag oox dem Vellmandc, der von den Buddhisten heilig. »ehalien wird. Hungrigen sitzt das Ohr im Magen: deine Zähne aber kann man einen Hu-Schrei weit hören!" Wir lagen also wieder ruhig, und endlich kam das Rudel den Wechsel entlang. Erst kam«in aller Keiler, ganz schwarz, mit Hauern, die weiß in den Schatten leuchteten: ihm folgten viele Sauen und junge Keiler: die Frischlinge liefen überall zwischen den Sauen hin und her. Als sie vorbeizogen, geriet eins von den Kleinen in die Rohe des Dombabaumes: die Uakkini machte einen Satz, faßte es mit den Zähnen und sprang mit ihm auf den Ast eines Palubaumes, der über den Pfad hing. Dort blieb sie sitzen, und der Frischling in ihrem Fang schrie noch der Mutter. Da liefen olle Frischlinge quiekend zusammen und drängten zur Seit«, ganz dicht an den Strauch, wo ich lag: die alten und die jungen Keiler und die Sauen rannten um den Palubaum herum, sahen zu der Vakkini hinauf und machten einen schrecklichen Lärm. Di« alte Sau, der das geraubte Kleine gehörte, stellte die Vorderläufe' gegen den Stamin des Baumes, blickte hinaus und rief: „Komm herunter, Pakkini, Teufelin, Diebin. Hast du Angst vor einer alten, unbewehrten Sau? Komm herunter!" Die Leopardin lachte ober nur, biß den kleinen Frischling in den Nacken, bis er tot war, und rief dann der alten Sau zu:„Geh deines Weges, Mutter. In meiner Höhl« find zwei Katzen, und die haben großen Hunger. Jedes Jahr bringe ich nur zwei Junge zur Welt, von deiner Brut aber schwärmt der Djungel. Ich sehe acht Geschwister deines Kindes dort bei dem Dombabufch. Geh deines Weges, oder ich hole noch eins für meinen Mann!" Der alte Keiler und die Sauen waren sehr böse und liefen noch lange Zeit um den Baum herum, zerfetzten seine Rinde mit ihren Hauern und schimpften auf die Pakkini. Die Isakkini ober sah ihnen ruhig zu und leckt« dabei das Blut, das vom Nacken des Frischlings tropfte. Auch ich blieb ruhig unter mein«m Dombastrauche liegen, denn ein Rudel, das so aufgeregt und böse geworden ist. läßt man am besten in Ruhe. Endlich wurde es dem alten Keiler leid; er trieb die Frischlinge in die Mitte des Rudels und führte sie den St«ig hinab. Da ließ stch Wiederholung: 7. Schulleiter: 8. Gebirgsformation: S. Angehöriger eines Wandervolkes, a a a aaaaaabbcddeeeeeeeeees ghhhikmmm nnnnnnnnn nn oooorrrrrssttuu�u»— Die ockerst« Reih« nennt einen kürzlich verstorbenen Schriftsteller und die unter« eines seiner bekanntesten Werl«.— sl. (Auslösung der Rätsel nächsten Sonnabend.) Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Funkturm: 7 Oho: 8 Rai: 9 cu: 10 le: 12 hl; 13. Bird; 15. dippen: 17. Oper: 19. Po: 21 el: 22. di: 23 Api; 25 See: 26 Landmann— Senkrecht: 1. Foen: 2. Ulm: 3. NO: 4. Ilr; 3 roh: 6 Milz, 10, Lippe: 11. Erpel: 13. bio: 14. der; 16 Opal; 18. Kien: 20 Opa: 22. den; 24. in; 25. Sa.» Königs zug: Nicht betteln nicht bitten, nur mutig gestritten! Nie kämpft es sich schlecht für Frei heil und Recht! lind nimmer verzaget! Von neuem aewaget! Und mutig voran! Da zeigt sich der Mann. Wir wollen belachen die Feigen und Schwachen: Wer steht wie«in Held, dem bleibet dos Feld. Hoffmonn v. Fallersleben. Die fehlende Mittelsilbe: tcn. Tontenklatsch, Mot- tenkoch, Tinientler, Gutenberg. Bratenrest. Tortenstiick, Kartenspiel, Entenjagd. Rotenburg, Knotenpunkt, Gortenbank, Battenberg, Rottennest. Wittenberg. Geographisches Rätsel: 1. Tirana: 2. Dorpat; 2. Berlin; 4. Moskau; 5. London; 6, Dublin.—« Irland,__, Im Pariser Was zei�t die de In Paris beansprucht jetzt wieder der Z n t e r n o t i o. nale Autosalon das Interesse aller Aulosreunde. Eine Anzahl deutscher Aulomobilsabriken haben auch ausgestellt, weil die sür den November geplante Deutsche Automobilausstellung in Berlin abermals abgesagt wurde. Ein Vergleich zwischen den beim Pariser Autosalon vertretenen deutschen und fremdländischen Erzeugnissen fällt sür unsere Industrie recht günstig aus. Man sieht das Bestreben, daß unsere Industrie bemüht war, ihre Erzeugnisse immer mehr zu ver- bessern und zu vcrvolllommne». Was man an deutschen Krast- wegen auf der Pariser Ausstellung sieht, stellt unbedingt ausgezeich- nete Arbeit und vollendete konstruktive Durchbildung dar. Wenn trotzdem in Paris der Absatz vielleicht beschränkt bleiben wird, so darf man nicht übersehen, datz der französische Markt mit seinem hohen Zollschutz für ausländische Wagen überhaupt nur in geringem Umfange in Frage kommt. Bei Adler werden die bekannten Sechs- und Achtzylinder- Standardmodelle erstmalig mit einer völlig neu entworfenen Karosserie gezeigt, für die Professor Walter Gropius verantwortlich zeichnet Man Hot neue Formen und Linien geschaffen, die außerordentlich gefällig sind. Was könnte aus diesen Karosserien erst werden, wenn ein- mal das Fahrgestell ander« Fonnen angenommen hat. Es bleibt zwar noch manches zu ändern übrig, trotzdem muh aber lobend an- erkannt werden, daß sich Adler endlich einmal von dem Alther- gebrachten zu befreien versucht. Brennabor zeigt erstmals den neuen Achtzylinder, der ganz auf den Erfahnin- gen mit den,„Juwel 6" ausgebaut und weiter entwickelt ist. Um die Produktion so wenig wie möglich zu belasten, hat man in weitem Maße für alle drei Typen, den Ideal, den Juwel v und den Iu- wel 8 die gleichen Teile gewählt. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, daß Brennabor seine sämtlichen Modelle jetzt mit einem neuen, sicher funktionierenden Bremssystem ausrüstet. Die Karos- serien sind sehr formenschön, die Motorschnittmodelle und das?lus- stellungschossis sehr lehrreich. horch behauptet mit vollem Recht seinen guten Ruf auch hier wieder. Besonders die Kabrioletts sind von einer Reinheit in Form. Farbe und Linie, die die Wagen zu vollendeten Exemplaren stempeln. Erst- mals wind auch der neue S-Liter-Motor verwendet, der gänzlich neu durchkonstruiert wurde und neben einigen anderen Verbesserungen �eueltaropa-ItaxmeisterscKatten Pistulla als Titclanwärter bestätigt Die Internationale Box- Union Hot jetzt die Herausforderung des deutschen Meisters Ernst P i st u l l a an Michele B o n a g l i o um die von dem Italiener gehaltene Europameisterschaft im halb- schwergewichtsboxen anerkannt und die Austragung des Meister- fchaftskampfes bis zum 4. Dezember d. I. befristet. Ein Zustande- kommen des Titelkampfes innerhalb dieses Zeitraumes ist aller- dings durch die Amcrikapläne des Italieners in Frage gestellt. Roch drei weiter« Europameisterschaften stehen in nächster Zeit zur Entscheidung an. Die im Leichtgewicht hat der Belgier Sybille am N.Oktober in Lüttich gegen den Franzosen Vuil- lamy zu verteidigen, ain 13. Oktober folgt in Brüssel die Begegnung zwischen dem Titelhalter Gustav Roth-Belgien und dem Franzosen Aiinö Raphael um die Weltergewichtemeisterschait und endlich läuft am 23. November die Frist ab, innerhalb der sich Mittelgewichts- Europameister Marcel Thil-Frankreich seinem anerkannten heraus- forderer Mario Bosisio zu stellen hat. Earneros erste Niederlage. Der Bostoner Borer Jimmy Ma- loney siegt« heute nacht in einem Zehnrundenkampf gegen den ita- lienischen Boxer C a r n e r a nach Punkten. Es ist dies Earneros erst« Niederloge in den Vereinigten Staaten, nachdem er 2Lmal durch Knockout gesiegt hat._ Athleten- Jubiläum in Brandenburg a. d. H. Der Arbeitersporttlub„Sa x o n" beging im Votkshaus zu Brandenburg an der.Havel die Feier seines 23jährigen B«- stchens in Form eines Wettstreites im Gewichtheben, Ringen und Jiu-Jitsu und anschließender Abendoeranstallung. Der Wettstreit- leitung stellten sich in früher Morgenstunde 92 Teilnehmer, die au? Magdeburg, Stendal, Dessau, Groh-Wusterwitz und Berlin ge- kommen waren. Die Sympathie der bundcstreuen Athleten bei der Brairden- burger Arbeilcrschalt machte sich in dem überaus starken Besuch geltend. Die Kämpf- in allen zur Schau gebrachten Sportarten standen auf höchster technischer Stufe, waren doch außer einigen Ver- trctern des Bundcsmeisters im Gewichtheben viel? der besten Ar- beiterathleten in den anderen Sparten zum Kampf angetreten. Die zwei Rouvels, die fünf Cmestos aus Berlin und Pgetzel vom Verein �.Saxon" brachten die Artistik zur Geltung, wofür sie ein äußerst dankbares Haus fanden. »elnlt-te.®au'omatmirdriid»l,ide. 750 Pfund; 2. gjfcher, Saran. 8711 Pfund/-- Selnver, atailAt: 1. Palte. Stendal. 8:10 Pfund.— SHnaen der Iugead. Klaffe d!s 100 Pfund: 1.?rr,aa. Naadeluirg; 2. ült, Stendal.— Klasse dt» 120 Piund; J. Laravz. AI!-Äeddinq SS; 2. Sovle, Sarau.— Ninqrn der Männer, gedrr. actvirlt't: l.. Klauschirii, Stendal:. 2. Verkrr. Sara".— Pantamgernicht: 1. Kazn. Sarau: 2. Prase. Magdebura—' Srlchtarwicht: 1, Krause. Sarau; 2. Putckk.«lt-Weddln« 82.- Mittelanvicht: 1. Eckert, Blt-Weddwa 89; ? Amlagc, Stendal.— Saläfchmeraewicht: 1. sfsschcr, Sarau; 2. Walfchrndarf, Saxan.— Jin-Zitf». Bantamacwicht: l.©. Pagae. Dustrra>i8: 2. Reale. Wulterwid: 8. Lananickrl, Saran.— lzed-r,ea»scht' 1. KaDer. Earan: 2. Wivver, linz. Saran.— Lcschtqet-icht: 1. P. Raazr, kZuNerwiti.— MittelzriviA,,. 1. P Silllnz, Wustritvif,._ Arbcücrschach Am Donnerstag, 9. Oltober, 20 Uhr, findet im Lokal von Kur- towfki, Feldstr. 3, ein Wettkamps Gartenplatz gegen Pankow statt. Montag, 6. Oktober, hat dos Meisterturnier begonnen, ge- spielt wird jeden Montag. 20 Uhr, im Lokal von Ewald, Skalitzer Str. 120. Gäste herzlich willkommen. Montag. 13. Oktober, 20 Uhr, findet im gleichen Lokal die Gonerolocrsammlung der Freien Arbeiterschachvereinigung Groß-Verlin statt. Zutritt nur gegen Vor- zeigmig von Mitgliedsbuch oder Karte. Autosalon itsche Industrie? und Vereinfachungen nur noch ein« einzige Nockenwelle aufweist. Nicht nur in ihrer Gesamtheit, sondern auch in ihren Details eine bewundernswerte Konstruktion. Erstmals in Paris ist Maybach vertreten. Der Zwölfzylinder ist ein Klassewogen für solche, die elwas Besonderes haben wollen. Um den Wagen noch leistungs- fähiger zu gestalten, ist der Motor auf 8 Liter Inhalt vergrößert worden, wodurch die Leistung auf 200 gesteigert werden konnte. Dieser neue Typ,„Zeppelin" genannt, wird jetzt neben dem bis- herigen 1S0-?8-7-Liter-Wag«n geliefert. Besonders bemerkenswert ist das neue Doppel-Schnellgonggetricbe, das nicht weniger als fünf Geschwindigkeitsobstufungen zuläßt. Mercedes- Lea; Hot auch in Frankreich einen großen Namen, und dos mit Recht, denn dieser Stand befriedigt einmal wieder vollauf. Der 88-Wagcn Hot viele Anhänger gefunden, der„Nürburg" ist als Pullman- Kabriolett korossiert ausgestellt, eine Ausführung von seltener Schön- heit. Dazu gesellt sich dos neuest« Kind unserer ältesten Automobil- fobrik, der„Große Mercedes", ein Wagen für ganz extravagante Ansprüche. Er stellt in ollen seinen Teilen eine nach den Neuzeit- lichsten Gesichtspunkten durchkonstruierte Arbeit dar. Niederrahmen- chassis mit Kreuzt ravers«, besonders sorgfältig durchgebildeter Fede- rung. Der Motor ist ein Reiheir-Achtzylinder mit einer Leistung von ISO PS, die durch Verwendung eines Kompresiors auf rund 200 PS gesteigert werden kann. Alle Details sind außerordentlich sinnreich durchgebildet, ein Mnsterstück deutscher Präzisionsarbeit. Röhr ist mit seinem bekannten Achtzylinder vertreten, dessen Motor auf 2% Liter vergößert worden ist. Di« versch'edenen Aufbauten ver- raten einen guten und vornehmen Geschmack. Recht wirkungsvoll ist der Wanderer- Stand hergerichtet. Chassis, Motor und Karosserien des wiedererstandenen VA Liter wie auch des 2'A Liter weisen mustergültige Arbeit auf, die den Ruf der Wanderer-Werke in immer steigendem Maß« zu festigen geeignet ist. Wenn man die deutschen Aussteller behandelt, darf auch die Zubehörindustrie nicht vergessen werden. Continental, Bosch, Currus, Zahnradfabrit Friedrichshafen, Wcikra, Willi Vogel sind sehr wirkungsvoll vertreten. In der Ab�ebr Sind Sportvereine untollversicherungspflichtig? In der Turn, und Sportbewegung rief die von der Berufs- genossenschaft für Gesundheitsdienst und Wahlfahrtspflege geplante Einbeziehung der in den Turn- und Sportvereinen ehrenamtlich mit Verwaltung, Leitung unld Aufsicht betrauten Perfonen in die Reichsunfalloerficherungspflicht groß« Unruhe her- vor. Wir hatten bereits mehrere Male darüber berichtet. Am 7. Oktober fand nun im Reichsversicherungsomt unter Vor- fitz des Direktors der Unfallabteilung Dr. Fritz eine Sitzung statt, an der Vertreter der Berufsgenosienfchaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, der Zentralkommission für Arbeiter- spart und Körperpflege und des Deutschen Reichsaus- fchusses für Leibesübungen teilnahmen. Von den Vertretern der Berufszcnossenfchaft wurde dargelegt, daß der Gesundheitsdienst sich nicht nur auf sürsorgerische Begriffe, sondern auch auf die vor- beugende Gesundheitspflege erstrecke. Der Sport fei eine ge- sundmachende Tätigkeit, er ertüchtigt den Körper, heilt Körper- fchäden und schafft einen Ausgleich gegen die Gefahr der Körper- vcrbildung durch einseitige Derufstätigkcit. Die Aufgabe der Be- rufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege sei, alle Personen, in diesem Falle auch die ehrenamtlichen Funk- tionäre des Sportes, die im Dienste der Allgemeinheit für gesund- heitliche Zweck« tätig sind, in die Unsallversicherungs- Pflicht einzubeziehen. Demgegenüber oertreten die Sportverbände den Stand- punkt, daß wohl die Auswirkung des Sportes außerordentlich ge- sundheitsfördernd sei, daraus dürfe aber nicht der Schluß gezogen werden, daß Sportvereine eine Einrichtung im Sinne des Gesetze» seien, die zur Pflege der Borbeugung und Heilung von Krankheiten geschaffen wurden. Wenn für den Sport die Notwendigkeit vor- liegen würde, die ehrenamtlich tätigen Vereinsfunktionäre zu schützen, dann hätten sich die Sportverbände schon rechtzeitig ge- meldet. Die ungeheuren Schwierigkeiten und die untragbare finanzielle Belastung der vereine, die durch den geplanten Unfallver- sicherungszwang sür den Sport entstehen, würden den Bestand der Sportbewegung außcrordcntl'ch gefährden. Da die Besprechung der Information des Rcichsversicherungs- aimes diente, konnte kein Beschluß verkündet werden. Das Reichs- oerficherungsamt wird nun entscheiden, ob Sportvereine eine Ein- richtung im Sinne des Gesundheitsdienstes sind und der Unfallver- ficherung unterliegen. 9lubct»ftei«.adic!Iu»a beteiligt gch am>8. Ot- taber an der Kundgebung gegen die Kuiturreattian in Kliems tsestfitlen. Trefiaunkt II?« Uhr aar fitiema iZcftüilcn, ffahtttiiaiifehmig für die Iuaeud nur dort, Iugendvertammlunz am 15. Oliabcr um 20 Uhr im Jugendheim Lpreeftr. SO SandhaUfpiekt treffen sich tZreitag, 10. Ollahoe. 19 Uhr, hei Thunat. Rickifschnnmmer ffhen Lanngbend ah 16 Uhr Bärwaldstraßc. Spart- arskidk Unlerfudiunatn am 29. und 31. Oflohet. CinftClmitQlirtMt der freien Rnderce und Saaufahctt in BTnGpP. Dan- neralag. 9. Ot alur, 20 Uhr. Siftung bei Sachse. Lfndawer Sit. 26, Vahnlia, Weddina. Parleag und Vekannlaade der Refuliaie aant Danerrudern. Mil- gliederaufnahmr. RSe Milalieder mit Frauen erscheinet,. Sannabend und Sanntag, II. und 12. Oktober, Rdaaddeln. Rufchtifi: E. Haack, N. 5t, Brunnenstr. 188. Zkre'c Zaltbaatfahrcr SSetlia<£. B. Dannerstag..9. Ottader, Sufamntea- fünft im.Lackefchen irof", fflafcntholcr Str. 41, 20 Uhr.?!lle dienjähriqen Photos mittrfngen.(Safte willlammru. Mantag, 13. Oktadev, gunktionär. kanferenz, �Zur Linde". Uferftr. 15. tpartneeeia Maabit»ab«rbeite,!p»ri.. Kartell, Pctirt Ziergarten. Bade, ahend de» Sparinereins Moabit alle 14 Daae im Staatbad Turmftragc. z?e. ginn Dannerstag. 9. Lkiabee, Z04i Uhr. MitatiedZauswris mithrinaen. Fseta Duruerfchait Nrlmer-barf. Freitag, A>u. Uhr., bei Kraist, Pariland». fthuna. Eins Stunde parher ebenda Aueaabk der P;hlio!hethilcher. auch für die Kinderadteitunaen. Ssnnadend zum 50.iährig«n bei.Solidarität". ArI>eiter.LichttnId.Bund. g>rb-iter.Ph»t0'8!ld«?erl>». Freitag. 10. Ok- taher, 20 Uhr. Jugendheim Lindenftr. 4. ZZildtritif. Rildaufbau. Aufnahme. fehler. Phata, mitbringen.— A»b«it»r. Lichtbild» er Spaa dau. M-niaa. 13. Ot- fahor.?0 Uhr. Lindenufer I. Agfa-Vortraa.— Touristeuveeei».Die Stahl«. freoudc",®tatnt»n*upp'. Manlaa. 15. Cfto&er, 20 Uhr. Iahann isftr. 13.- Vhotageuppr RaJbfB. Freitag 10. Ot aber. 20 Uhr. Phnftkz mmer der rpett. lichen Schule. Pank» Ecke Viefenftraße. Pnlf»ta»»IreI» regcl. Mir beginnen beute gbenb mit einem neuen 9In. tängerkurfvb. Uebungsabend jeden Mittrnach von Z0 bi» 22 Uhr in d» Tuen- Halle b«r Gemeiubelchule, Reinickendorf.Oft..»«lländerstnabe. Täfte herglich «IM»«««». OLL. gegen Gehaliskürzung. Oer Gesamtvorstand zum?iegierung6programm. Der Gesamtvorstanü des Deutschen Beamtenbundes befaßt« sich in seiner Sitzung vom 7. Oktober«ingehend mit dem Wirtschasts- und Finanzplan der Reichsregierung und legt« seine Stellung- nähme in einer Entschließung nieder, in der es heißt: Der Gesamtvorstand sieht ein« der wesentlichsten Ursachen für die gegenwärtige schwierig« Lag« in den an das Ausland abzu- führenden hohen Reparationslasten. Ohne eine Revision des Joung-Planes ist eine wirtschaftliche Ge- sundung Deutschlands unmöglich. Die beabsichtigte Gehaltskürzung ist unberechtigt, in ihrer Fori» unsozial und wird daher abgelehnt. Die gegen die Beamten der Länder, Gemeinden und öffentlichen Körperschaften geplante Sondergesetzgebung mit ihrem verfassungsändernden Charakter führt zu unerträglichen Härten und ist abzulehnen. Sozial und wirtschaftlich nachteilig wirkt die Tatsache, daß die Preis« sür die Gegenstände des täglichen Bedarfs nicht im Einklang mit den Einkommensverhältnissen der Verbraucher- Massen stehen. Di« auf«inen Preisabbau gerichteten Regio- rungsmaßnohmen haben noch keinen bemerkenswerten Erfolg gehabt. Di« Beamtemchaft muß das dringende Ersuchen an die Regierung richten, ihre Machtmittel nachhaltiger als bisher dem Ziele der Preissenkung dienstbar zu machen. Abbaupsychose am Hackkloh. Wettlauf per Fleischermeistcr mit der Großindustrie. Wenn die Großindustriellen gegen den Inhalt der Lohntüie ihrer Arbeiter Sturm laufen, wenn sich die Schlotbarone gegen die Sozialgesetzgebung wenden, dürfen auch die Kleinen und ganz Kleinen, di« Berliner Wurstfabrikanten, Ladenfleischermeister und Darmhändlcr nicht fehlen. Di« L o h n a b b a u p a r o le der Brüning-Regierung hat alle toll gemacht. Alle wollen sie Deutschland reiten auf Kosten derer, die schon nichts haben. Die Efha-Werkc, die Fabrik der bekannten Britzor Knob- linchsn, glauben ganz bescheiden zü sein, wenn sie 3 P r o z. Lohn- a b b a u fordern. Die übrigen Berliner Wurst waren- sab i kanten nennen keine bestimmte Summe, sie wollen gleich ganze Arbeit leisten und spekulieren auf die arbeitslosen Fleischer- gesellen, mit deren Hitse die tariflose Zeit ausgenutzt und die Löhne radikal abgebaut werden sollen. Die Darmsortieranstalten glauben, wenn die Löhne um 10 Proz. gesenkt werden, gerade noch ihr Leben fristen zu können und die immer„notleidenden Berliner Fleischermeister" wollen den jungen Fleischergesellen, den sie drei Jahre als Lehrling ausgenutzt haben,„nur" mit vier Mark pro Woche niedriger entlohnen. Der mcistertreue Fleischer- gesellenbund hat seine Mithilfe beim Lohnobbau schon zu- Sesagt. Auch die Herren vom Hackklotz beten den Spruch der Groß- industriellen nach, daß nur über den Lohnabbau eine Preissenkung möglich sei: auch sie haben den Dreh begriffen, daß dabei ein schönes Geschästchen zu machen ist. Wie liegen denn die Dinge?' Allein durch die Notverordnungen hat sich der Wochenlohn eineh ledigen Fleischer- gesellen bi, 2,02 Mark verringert, ohne daß hierbei die Senkung des Reallohnes, hervorgerufen durch Erhöhung der Werk- tarife, der Wahnungsmieten und der Steigerung der übrigen Ledens- haitungskoften in Betracht gezagen ist. Aus der anderen Seit« hat aber sicher kein Konsument etwa? havan gemerkt, daß. als die Lebendviehpreise(Schweine) vom Februar 1930 von 80 Ps. pro Psnnd Lebendgewicht bis Juni 1930 bis aus 30 Pf. pro Pfund heruntergingen, die Kleinhandelspreise sür Fleisch und Wurst- waren auch nur annähernd im gleichen Verhältnis heruntergegangen sind. Diese Tatsache werden auch die Zlrbeitgeber nicht hinweglcugnen können. Und weil dem so ist, haben all« Unternehmer, die mit Fleisch- und Wurstwaren Geschäfte machen, gar keine Ursache, die Lohnabbau-Psychose mitzumachen. Sie verdienen, wie es in der Volkssprache heißt, noch und noch. Die Fleischergcseileii und Darm- arbeiter denken iedeiiiallg nicht daran, sich einen Lohnabbau kämpf- los gefallen zn lassen. Sie rechnen mit der Solidarität der Konsumenten und werden den so dringend notwendigen Lohn- aufbau zu erkämpfen wissen. Oer glorifizierie Oruckereibesiher. Was die KpO. auf ihren Ehrenschild erhebt Man schreibt uns: Kürzlich forderte die„Rote Hilfe" In einem kommunistischen ?lbendblatt die werktätige Berliner Bevölkerung aus, sich recht zahl- reich am Stettincr Bahnhos zum Empfang des Druckcreibesitzers Paul Rennert einzufinden, der aus Gollnow zurückkam, wo er wegen der Herstellung revolutionären?lg!taiionsmaterials eine mehr- monaiige Festungshaft zu verbüßen hatte. Seinem Bruder Hans Rennert war wenige Wachen zuvor der gleiche Empfang bereitet worden. Wir, die wir einmal in der Druckerei Gebr. Rennert be- schäftigt waren, können es nicht begreifen, warum gerade die„Rote Hilfe" dies« beiden„Revolutionäre" aus den Ehrenschild hebt. Als die Firmt Gebr. Rennert 1923 in Konkurs ging, haben wir trotz der Klag« vor dem Arbeitsgericht nicht einen Pfennig unseres Lohnes erhalten, den uns die beiden schuldig geblieben waren, weil eben nichts mehr zu holen war und auch ander« Gläubiger mit langen Gesichtern abziehen mußten. Aber auch als die Gebrüder Rennert unter anderen Decknamen wieder Druckereiunternehmen be- trieben, dachten die beiden„Edelkommunisten" nicht mehr an ihre ehemaligen Arbeiter und Arbeiterinnen, die sie um ihren Lohn geprellt hatten. Wir hoffe», daß die Beröfscntiichung dieser Zuschrift anläßlich des„feierlichen" Empfanges in Berlin das Gedüchtzüs der Gebrüder Rennert wieder rnisfrischen und sie an ihrx„revolutionären" Per- 'pflichtungen erinnern wird. Wir geben dieser Zuschritt Raum, weil sie treffend beleuchfct, was alles in der KPD. mit einem Glorienschein umhüllt wird. Die Hojsnung der Einsender, daß sie dadurch in den Besitz ihres vor- enthaltenen Lohnes kommen werden, teilen wir allerdings nicht Selbstmord eines Sürqermcisters. Bürgermeister Fiebig aus A l s l c b e n im Bezirk Halle, der im Zusammenhang mit den Unregelmäßigkeiten beim Arbcitsamt Eisleben in Unter- suchungrhaft genommen wurde, hat sich gestern in seiner Zelle erhängt. Dreißig Zahce Faktor. Bei der Buchdrücke:-, zgilh. Ioh. Rothec Nochs. feiert der Faktor Otto Mol dt das Jubiläum dreißigjähriger Tätigkeit. Wetter für Berlin: Meist bewölkt, mit leichtem Temperatur- anstieg, zeitweise regnerisch, ledhaft« Südwestwinde.— Für Deutschland: In der nordwestlichen Halft« des Reiches windig mit wiedcr» Hollen Regeniällen. Im übrigen Reiche nur geringe Riederschlä--, überall etwas milder. Die Kriegssabotage in LtGA. M'lzbrandbazitten und Explosivbleistifte des kaiserlichen Generalstabes Haag, 7. Oktober.(Eigenbcricht.) Tic amerikanisch-deutsche Ausgleichskommission im Haag, die sich in den letzten Wochen eingehend mit dem deutschen Spitzel sumpf während des Weltkrieges in Amerika befaßte, hat ihre Arbeiten beendet. Wenn es auch nicht das Ziel dieser Zeilen sein kann, festzustellen, ob der Bahnhof Black Tom und die Munitionsfabrik Kingsland durch deutsche Spitzel, wie die Amerikaner behaupten, in die Luft gesprengt wurden, wenn man selbst zuzugeben bereit ist, das» der amerikanische Vertreter Bonynge dafür einen lücken- losen Beweis nicht erbracht hat, so sind doch im Verlaus der wochenlangen Verhandlung Tinge anS Licht gekom- iiicn, die auf die Gewissenlosigkeit der kaiser- lichen Regierung ein bezeichnendes Licht werfen. Zunächst mußt« auch der deutsche Vertreter Dr. von L e w i n s t y zugestehen, daß die damalige deutsche Regierung in einem noch neu- traten Lande solcher Sabotage mittel sich bedient hat, die nicht nur einen flagranten Verstoß gegen die Grundsätze des Völker- rechtes, fondern auch gegen die Menschlichkeit bedeuten. Die deutschen Spitzel waren im Besitz von Alilzbrandbozillen, mit denen sie Brunnen verseuchten. Es ist von untergeordneter Bedeutung, ob nach der Behauptung des Dr. von Lewinsky dies« Milzbrandbazillen für Menschen u n s ch ä d- l i ch oder nach der Auffassung des Amerikaners Bonynge für Mensch und Tier gleich gefährlich waren. Ein zweites Sabotagemittcl bildeten die Explosivbleististe, an deren Transport, auch das Untersee-Handclsboot„Deutschland" beteiligt gewesen zu sein scheint. Dr. von Lewinsky hat diese Explo- sivblcistifte ebenfalls nicht in Abrede gestellt: er hat nur als Milde- rungsgrund angegeben, daß nach Zertrümmerung der Hülse zwischen Vermengung der entzündenden Säure mit dem Explosivstoff 30 bis 40 Minuten verliefen. Der Amerikaner Bonynge behauptete, daß der von deutscher Seite angefochtene Spitzelzeuge W o z n i a k die Hülse mit seinem Stock zertrümmert und die Bleistifte dann so in schwingende Bewegung versetzt habe, so daß die Explosion sofort eintreten mußte. Dazu kam das deutsche Sabotagetelegramm an den deutschen Militärattache in Washington vom 26. Januar ISlZ, also zwei Jahre vor der amerikanischen Kriegserklärung an Deutsch- land. Ob der Attache dieses Telegramm für sich behalten hat, wie Deutschland behauptet, oder ob er es nach amerikanischer Meinung direkt in die Tat umgesetzt hat, ist nicht entscheidend. Das Sabotage- telegramm besteht und wird auch von Deutschland zugegeben. Der- arfig« Messungen mußten, wurden sie bekannt, die Welt für Deutsch» land feindselig stimmen. Dieses Telegramm hat zusammen mit den Milzbrandbazillen und den Explosivbleististen Deutschland in Amerika mehr als selbst der Unterseebootkrieg geschadet. Dazu kommen die erbärmlichen Persönlichkeiten dieser Spitzel. Frühere Offiziere waren dazwischen, wie die amerikanische Unter- suchung ergeben hat, aber auch nicht einer von ihnen hatte den Mut, für seine Taten einzustehen. Es waren schmutzige Elemente, mit denen die Abteilung IHK des kaiserlichen Generalstabes zusammenarbeitete, von denen immer einer die Schuld auf den anderen schob und von denen man nicht weiß, ob sie nicht auch Fühlhörner zur Gegen- s p i o n a g e ausgestreckt hatten. Es hieße den Hermann, Hintfch, Wozniak und wie sie sonst noch heißen, zuviel Ehre antun, wollte man länger bei ihnen und ihrem schmutzigen Gewerbe verweilen. Hunderttausend« Dollars aus deutschen Steuergroschen find durch die Hände dieser Elemente geflossen, gleichgültig ob dieser oder jener von ihnen nur informatorische Aufgaben nach deutscher Darstellung hatte oder ob sie allesamt im Dienste der Sabotage in neutralen Ländern standen. Die Verhandlungen der Kommission, die wert wären, in Buch- form zu erscheinen, lesen sich wie«in Schauerroman übelster Sorte. Einige dieser kaiserlichen Organe wie Hermann scheinen noch nach Kriegsende Fühlung mit deutschen Behörden gehabt zu haben. Dem müsse ernstlich nachgegangen werden. Die Deutsche Republik hat keinen Grund, auch nur noch einen Pfennig für die Unterhaltung von Menschen auszugeben, denen nicht s i e Aufträge zur Ausübung ihres schändlichen Gewerbes erteilt hat! �(Bafchäfts-Jtnseiger � 'Be.zirh bilden-IVe/ien Drogen, Chemikalien,(eckin. oele Paul Rehfeldt B. 165 Berlin SW. 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