BERLIN Montag z. November 1930 10 Pf. Kr. 516 B 252 47. Jahrgang erscheint tSgllch außerSonntag«. Zugleich Abendausgabe des.Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85Pf. pro Woche, 3.60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition; BerlinSW68,Lindenstr.S fftälHtfusfa Zlnzelgenprei«: Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwärts-Derlag G. m. b. H.. Berlin Nr. 37636. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis sv? Brüning an Krankreich Nicht Haß und Kriegsdrohung- aber friedliche Zusammenarbeit Paris, 3. November. „Petit Porisien" veröffentlicht folgende Erklärung, die Reichs- kanzler Dr. Brüning dem Redakteur Bourgues gegeben hat: Ich habe wiederholt und auch in meiner letzten Regierung?- crklärung nach den Wahlen betont, daß die bisherige Außenpolitik, die sich als höchstes Ziel die Errinffung der nationalen Frei- heit sowie der moralischen und materiellen Gleichbercchti- g u n g gesetzt hat, wie bisher unter Ablehnung aller Aben- teuer in organischer Weiterentwicklung auf dem Wege des Frie- dens weitergeführt werden soll. Diese Politik ist in ihren Grund- sätzen, in der loyalen Durchführung der internationalen Verträge und in dem friedlichen Zusammenwirken der Völker festgelegt. Sie ist nicht die These einer Person, einer Partei oder einer Partei- koalition, sondern Gemeingut des weitaus größten Teils des deutsche: Volke». Darin liegt auch die Stärke der deutschen Friedenspolitik, die sich in ihrer beharrlichen Kontinuität allen Bestrebungen zur Erörterung und Sicherung des Friedens niemals versagt hat. Di« Rheinlandräumung war«ine große Etappe aus dem Wege dieser deutschen Befreiungspolitik. In diesem Sinne b e- grüßen wir die vorzeitige Räumung, die uns nur größere Mög- lichkeiten bieten kann, unsere Friedensbeziehungen zu unserem großen Nachbarstaat Frankreich weiter auszubauen und uns über die zwischen uns noch schwebenden Fragen sachlich zu ver- ständigen. Wenn nun gerade in der letzten Zeit ein gewisser Rückschritt in der Entwicklung unseres Verhältnisses zu einander«ingetreten zu sein scheint, so ist das wohl mit darauf zurückzuführen, daß ver- schiedene innerpolitische Vorgänge und Ereignisse eine Beurteilung und Wertung in Frankreich gefunden haben, die nur in einem völligen Mißverständnis der eigentlichen Ursachen und Zusammen- hänge ihre Erklärung finden kann. Nicht haß und Kriegsdrohung sind aus den Wahlurnen des 14. September hervorgegangen, sondern der Ausdruck eines liesbedruckten und doch starken Volkes, das um seine nationale Zukunft ringt. Die Stimmen, die wir aus Frankreich hören, bringen fast über- einstimmend eine Enttäuschung zum Ausdruck, daß die Konzessionen, die Frankreich durch Erleichterung der Reparationen und durch vor- zeitige Räumung gemacht zu Haffen glaubte, in Deutschland nicht genügend gewürdigt würden. Darin liegt eine Verkennung der möglichen Auswirkung dieser vereinbarten Maßnahmen. Frankreich übersah die Schwer« der deutschen Wirtschaftsnot, die olle ein- getretenen Zahlungserleichterungen weit überwog, und verstand daher nicht, daß die Minderung der Reparationslasten nicht die erwartete wirtschaftliche und politische Entspannung brachte. Ein halbes Jahr nach dem Inkrafttreten des Poung-Planes sind bereits allerorts Diskussionen über die Möglichkeit seiner Durchführung entstanden. Frankreich als Hauptgläubiger muß einsehen, daß keine deutsche Regierung ihrem Volke eine Milliardenschuld, die in ihrer Gesamtheit immer wieder als drückendst empfunden wird, durch die an sich begrüßenswerte Ermäßigung um einige 100 Millionen tragbarer erscheinen lassen kann. Wenn gleichzeitig die schwerste Wirtschasts- und Finanzkrise dazu zwingt, mehrere Milliarden neue Steuern und Lasten aufzuerlegen, ist es selbstverständlich, daß jede Deutsche Regierung sich olle ver- tragsmäßig zur Abwehr von Gefahren für Wirtschaft und Währung zur Verfügung stehenden Maßnahmen offen halten muß, für den Fall, daß sich die Loraussetzungen für die Erfüllungen dieser Zahlungen nicht einstellen sollten. Andererseits scheint uns die Enttäuschung Frankreichs über die angeblich nicht genügende Anerkennung der oorzeirigen Rheinlandräumung nicht gerechtfertigt. Die immer wieder hinausgeschobene Entscheidung hat die Wirkung und den Eindruck dieser lang erwarteten Maßnahme, die zudem nicht ohne neue Härten und Belastungen vor sich ging, sehr a b- geschwächt. Trotzdem haben wir alle, wie schon eingangs er- wähnt, die Räumung in Hinsicht auf die Erleichterungen unserer gegenseitigen Beziehungen auss wärmste begrüßt: ebenso wie ich Hot auch der Herr Reichsminister des Auswärtigen Dr. Curtius seinerzeit in Speyer diesem Gedaiyken Ausdruck gegeben. Diejenigen indessen, die mehr erwarteten, sollten sich doch 4 darüber klar sein, daß es dem Stolze und der Würde eines großen Volkes widerspricht, das Aufhören einer schweren Unbill. als welche die Besetzung friedlicher Gebiete noch 12 Zahre nach dem Kriege angesehen wird, zum Anlaß einer besonderen Donkesbczeugung zu nehmen. Die endgültige Aufgabe dieser militärischen Sicherheitsmaßnahme hat indes keineswegs die Diskussion über die Sicherheitsfrage ein für allemal aus der Well geschafft. Immer wieder wird das S i ch e r h e i t s p r o b l e m gleichsam als Ausdruck eines an- haltenden' Mißtrauens in den Vordergrund gestellt. Frankreich dürfte hierbei vielleicht verkennen, daß man angesichts eines e n t< w a f j n e t e n Volkes, dessen Grenzen nach allen Richtungen offen sind und das von waffen st arrenden Nachbarn umgeben ist, nicht' immer von neuem die Forderung nach Sicherheit dem rechtmäßigen Verlangen nach Abrüstung entgegenstellen kann, ohne die U n a n t a st b a r k e i t feierlich eingegangener Verträge anzuzweifeln, deren Urheber zu sein gerade Frankreich sich zu rühmen weiß. Nach unserer Auffassung haben alle Staaten gleiches Recht auf Sicherheil, und wir verstehen nicht, warum hier mit zweierlei Blaß gemessen werden soll. Die letzten außenpolitischen Vereinbarungen, die zweifellos als ein wesentlicher Schritt auf dem Wege der Liquidanan des Krieges angesehen werden kvnneu, werden erst dann zur vollen Auswirkung gelangen, wenn die beiden hauptkantrahenten,. Deutschland und Frankreich, in friedlicher Zusammenarbeit mit den großen Nachbarstaaten den Boden für eine aufrichtige Verständigung weiterhin pflegen und entschlossen auf dem gemeinsam beschrittenen Wege weitergehen. Eine Politik des kühlen A b w a r t e n s ist hier nicht am Platze. In Frankreich herrscht vielfach die Meinung, daß es falsch sei, Deutschland immer neues Entgegenkommen zu zeigen, da es stets nach Erreichung eines Zieles sich nicht zufrieden gebe, sondern mit immer neuen Forderungen hervortrete. In der Tat steht die deutsche Außenpolitik ebenso wie die auch anderer Staaten noch vor vielen unerreichten Zielen. Deutschland ist noch weil entfernt von der vollen Souveränität seiner Großmachlstellung. Viele Fragen, deren Lösung vertraglich vorgesehen ist, sind heute noch nicht bereinigt, ja, zum Teil noch nicht einmal ernstlich in Angriff genommen. Solange dieser unnatürliche Zu st and andauert, der vor mehr als einem Jahrzehnt in Ausnutzung der durch diesen Krieg geschassenen Machtverhältnisse festgelxgt wurde. wird Deutschland mit allen ihm zu Gebot« stehenden friedlichen Mitteln auf eine Arnderung hinzuwirken versuchen und nach wie vor mit seinen berechtigten Ansprüche» hervortreten, deren Aus- gleich, weit entfernt Beunruhigungen hervorzurufen, zur Förde- r i�n g des Friedens dienen wird. Französische Aeußerung. Paris, 3. November. Der häufig osfiziöse„Petit Parisien" leitet die Aeußerungen des Reichskanzlers Dr. Brllining mit einem Kommentar ein, in dem es heißt, die Erklärungen feien in doppelter Hinsicht bedeutsam: Sie legten die wahrscheinliche Kurve der. deutschen Außen- Krach im Reichslandbund X3D—— m Politik fest und, ohne daß diese Linie endgültig ausgezeichnet sei, sei es doch nützlich, daß jeder Franzose sie erkenne. Die Er- klärungen bezeugten einen kaltblütigen, realistischen und vorsichtig entgegenkommenden Willen des Reichskanzlers, den Frankreich doch den wirren Gesten und den Fau st schlüge n auf den Tisch vorziehe. Der Gewalt müsse man den Rücken wenden. Man müsse sie mit eii>em kurzen Nein abtun. Auf die Forderungen selbst auf die übertriebenen und ungerechtfertigten— Gott wisse, daß es solche gebe!— gebe es die Antwort der Vernunft und den Beweis der Unmöglichkeit gewisser Zugeständ- Nisse. Die Politik des Reiches werde nach einem jetzt anerkannten Ausdruck der internationalen Sprache„revisionistisch" sein. Sei sie es nicht stets gewesen? Die Politik Frankreichs, wie die der meisten Unterzeichner der Verträge, sei a n t i r e v i s i o n i st i s ch und werde es bleiben. Sei zwischen diesen beiden Gegensähen nicht für eine sriedlichc Zusammenarbeit und aufrichtige Verständigung Platz? Gewiß, wenn Brüning und seine Nachfolger sich des wahren Interesses Deutschlands bewußt seien und wenn Deutschland selbst seine Ohren den Ausrufen der Toren und Verbrecher ver- schließe, die es.zu Abenteuern verleiten wollten. Zu Beginn seiner � Ausführungen spreche Brüning vpn„loyaler Erfüllung der intcr- nationalen Verträge" und von„friedlicher Zusammenarbeit der Völker". Daran müsse man sich halten, davon dürfe man nicht abgehen. Abrüstungsaktion der französischen Sozialisten. Paris, 3. November. Der sozialistische„Populaire" kündigt für den 4. November einen Feldzug gegen die französischen Kriegsrllstungen an. An allen Mauern der Stadt sollen große Anschläge Männer und Mütter auffordern, sich gegen die Rüstungspolitik zu wehren. Der „Populaire" wird eine Artikelserie verösfentlichcn, deren lieber- schriften er bekanntgibt: 1.„.Politik des tollwütigen Hundes". 2. Uebcrall Macht und entfesselte Gewalt!" 3.„Das Wettrüsten". 4.„Der Gaskrieg" usw. Der„Populaire" betont hierzu, daß ei» neuer Krieg nur ein chemischer Krieg sein könne, gegen den es keinerlei Verteidigungsmittel gebe. Deshalb müsse man jeden Krieg unmöglich machen und jeden Pfennig für die Militärkredite ebenso wie für den Ausbau der Grenz- befestigungcn verweigern. Schiele:„Mir scheint, die grüne Front bröckelt ob!' Brüning vor dem Zta'chsroi. Morgen großer Finanzrat. Nachdem mit der Reise des Reichskanzlers nach Dresden die Verhandlungen mit den Ländern abgeschlossen worden sind, beschäsligkc sich das Kabinett am heuligen Montag ausschließlich mit der Vorbereitung der R e i ch s r a t»- s i h u n g. Zm Mittelpunkt dieser Sitzung, die össentlich sein wird, wird eine Rede des Reichskanzlers Brüning stehen, der noch einmal das wirtschasts- und Finanzprogramm der Regierung sowie die zu seiner Durchsührung vom Reichskabinett beschlossenen Maß- nahmen begründen will. Der Reichskanzler benutzt die Plaltsorm des Reichsrals, um sich während der Vertagung des Reichstags direkt an d>e breiteste Ocffentlichkeit zu wendön. Die Geschlagenen schreiben vor... Am Sonntag hat der Reichsausschuß der Voskspartei getagt, und zwar unter Leitung des Abg. Dingeldey, da Abg. Scholz in Urlaub ist. Dingeldey, der jetzt die von 4S auf 30 Mandate zusammengeschrumpfte Reichstagsfraktion ver- tritt, schlug in seiner Rede über die politische Lage Töne an, als ob die Regierung und der Reichstag ganz nach der Pfeife der Volkspartei zu tanzen hätten. Die Reichstagsfraktion, sagte Dingeldey, stehe der Regierung in fraktioneller Ungebundenheit mit eigener Verantwortung gegen- über und habe die Aufgabe, darüber zu wachen, daß die klare Linie des Reformwillens nicht durch irgendwelche sozio- ltstischen Einflüsse abgebogen werde. Schon im Laufe dieses Monats, spätestens beim Zusammentritt des Reichstags, müsse die Regierung, wenn sie den durch die Notverordnung be- schrittenen Weg in seiner Grundrichtung nicht preisgeben wolle, auf den Wider st and der Sozialdemokratie stoßen. Zede Nachgiebigkeit gegenüber sozialistischen verwässerungswünschen müsse eine völlige Schwenkung der Reichstagssraktion der D. Vp. zur Folge haben. In diesem Fall müsse die Regierung sich b«w»>v Wiener Wah Jim uächfleti Sonnlag finden in Oeflerreich die fieuwahten sunt Parlament flau. Ilnfer SSIld zeigt einen AusfdmiH aus der großzügigen Wahl Propaganda der Sozialdemokralen. Stechls: 3)ev flUdlifche Sinanzreferenl Qenoffe Jir ei Iner, gegen den die.Anlimarxiflen' eine trüflc perfön- lidie Stelze treiben. Kischdampfer gerammt Sechs Mann mit dem sinkenden Schiff ertrunken sci», daß eine solche Entwicklung zugleich die lZcfahr ihres Sturze- durch die Mehrheit>der bürgerlichen Parteien bedeuten könne. Die„Mehrheit der bürgerlichen Parteien* bedeutet eine Koalition von Scharfmachern und Hakenkreuzlern, von Dingeldey und Hugenberg, von Fememördern und Christen— kurz, eine nette Mischung. Kommandeur dieses Bataillons der Sturmgesellen gegen Stresemann-Politik und Eurtius will die Volkspartei sein, die eben erst �init knapper Not der.v ö l l i g e n Vernichtung ent- gangen ist. Seltsame Gelüste, in der Tat! � Carl Giebel| Soeben erhalten wir die Nachricht, dag der frühere Vorsitzende des Zentralverbandes der Ange st«Ilten und lang- jährige Reichstagsabgeordnete Carl Giebel am 2. November nach längerem qualvollem Leiden verstorben ist. Carl Giebel war seit dem 9. September 1992 Vorsitzender des Verbandes der Vevwal- tungsbcamten der Krankenkassen und Berufsgenossenschasten, dann Vorsitzender des Verbandes der Büroange st eilten und nach der Verschmelzung dieses Verbandes mit dem Zentralverband der Handlungsgehilfen gemeinsam mir Otto Urban Vorsitzender des Zentraloerbandes der Aggestcllten. Seit dem Jahre 1912 war Genosse Carl Giebel Mitglied des Reichstages für den Wahlkreis Frantfurt-Kottbus-Sprem- berg. Er oertrat diesen Kreis auch in der Nationalversammlung. und den» späteren Reichstag gehörte er bis zum Frühjahr 1928 an. Im März 1924 bekam Genosse Giebel einen Schlaganfall, an dessen Folgen er dauernd litt, was ihn auch schließlich zur Auf» gäbe seiner gewerkschaftlichen und politischen Tätigkeit zwang. Im Aull 1927 trat er deshalb in den dauernden Ruhestand. Carl Giebel gehörte zur alten Garde. Schon als ganz junger Mensch überzeugte er sich von der Notwendigkeit der Zusammen» fassung der Zlnaestelltenschaft. Der Ueberzeugung folgte die Tat. In den Kreis«, der Verwaltungsbeamten der Kranken. kasfen begann sein erstes gewerkschaftliches Wirken. Im Jahre 1902 wurde er zum ehrenamtlichen Vorsitzenden des am 14. Januar 1894 gegründeten Verbandes der Verwaltungsbeamten und Berufs- genossenschaftsangestellten gewählt. In dieser Tätigkeit ist es gerade dem außerordentlichen Geschick und der intensiven Arbeit Carl Giebels zu oerdanken, wenn diese Organisation noch und nach frei- gewerkschaftlich und es dadurch möglich wurde, im Jahre 1908 mit dem Verbände der Büroangestellten zu verschmelzen. Das war ein großes Verdienst des Genossen Giebel, wie er nicht nur dieses eine hat. Giebel ist nicht nur im Verband der Büro- angestellten tätig gewesen, Giebel war auch einer von denen, die 1919 erkannt haben, daß es unbedingt erforderlich sei, eine Ver» einheitlichung aler Angestelltenoerbänd« herbeizuführen. Wenn er sich gegen diese Vereinheitlichung gewendet hätte, dann wäre der Zentraloerband der Angestellten in seiner jetzigen Form nicht entstanden. Seiner geschickten Mitarbeit ist es zu ver» danken, daß die Vereinheitlichung der Angestelltenbewegung zum Wohl der Handlungsgehilfen und Büroangestellten reibungslos her. beigeführt worden ist. Mit Otto Urbohn übernahm er dann den Vorsitz des Zentraloerbandes der Angestellten. Carl Giebel war bis zum Frühjahr 1928 trotz seines leidenden Zustandes noch im Reichstag tätig. Ein Jahr vorher hatte er feine Funktion im Zentralverband der Angestellten auf Anraten seiner Freunde niedergelegt. Er sollte sich schonen, um seine Kräfte weiter- hin der Sache zu erhalten. Nur ungern schied Genosse Giebel aus der Gewerkschaftsarbeit. Er selbst sagte aber beim Abschied: was nicht möglich ist, damit muß man sich abfinden. Er versuchte, sich in das Unvermeidliche zu fügen, die Hoffnung, bald wieder mit arbeiten zu können, gab ihm den Mut zum Verzichten. Seine Wünsche erfüllten sich nicht. Allzu sehr war seine Kraft zerstört. Die großen Anstrengungen der Kriegs- und Nachkriegs- jähre, die gerade an den politisch und gewerkschaftlich Tätigen un- erhörte Anforderungen stellten, setzten auch seinem Wirten«in frühes Ziel. Sowohl in der Gewerkschaft als auch in der Partei hat sich der Genosse Giebel durch seine aufopserungsvolle Tätigkeit viele Freunde geschaffen. Wilhelm Schluchtmann gestorben. Dinslaken, 3. November. Am Sonntag abend ist Landtagsabgeordneter Wilhelm Schluchtmann in Homburg v. d. Höhe, wo«r Erholung von seinem Herzleiden suchte, einem Schlag an fall erlegen. Schluchtmann, der im 54. Lebensjahr stand, gehörte der Sozialdemo- kratischen Partei an. Er war im 23. Wahlkreis Düsfeldorf-West ge- wählt. Ursprünglich Bergarbeiter, war Genosse Schluchtmann seit 1907 als Parteisekretär für. Duisburg tätig gewesen. Seit April 1921 war er Landrat des Kreises Dinslaken. Oer Krach in der Wirtschastspartei. Zensor Drewitz als Gewaltherrscher. Ein Mitarbeiter de»„Soz. Pressedienst* hatte am Sonntag unt dem. von seinem Amt zurückgetretenen zweiten Borfiyenden der Wirtschaftspartei, dem Reichstagsabgeordneten C o l o s s« r, ein« Unterhaltung. Eolosser erklärte u. a., die Behauptung des Herrn Drewitz,«r, Eolosser, habe eine ander« Auffassung vom Berufs. b samt«»tum, sei nur eine irreführende Auslegung der seit Iahren bestehenden Gegensätze. Jinmer Hamburg, 3. November. Am Sonntag früh gegen 3 Uhr wurde der Fisch- dampfer„Langeoog" aus Wesermünde zwischen den« Weser- und dem Elbfeuerschisf von einem Dampfer, dem Vernehmen nach handelt es sich um ein holländisches Schiff, gerammt. Der Fisch dampfer sank sehr schnell. Sechs Mann der B e s a h u n g, die sich im rütfwärtigen Teil des Dampfers befanden, ertranken. Ein weiteres Telegramm aus Wesermünde meldet: Am Sonntagmorgen gegen 5 Uhr wurde der von einer Fangreise von Island zurücklehrend« Jischdampfer„Langeoog" der Reederei Otto wieder habe Eolosser sich gegen die selbstherrliche Ge» j ch ä f t s f ü h r u n g des Abg. Drewitz wenden müssen. Auf die Frage, ob nicht auch politische Gegensätze bei den jetzigen Auseinandersetzungen mitspielen, sagt« Eolosser, er gebe zu, in seiner Fraktion der stärkste Anhänger der Re- gierung Brüning gewesen zu sein, und er habe sich mit anderen auch kürzlich in Widerspruch zu seiner Fraktion befunden, als Iustizminister Brrdt aus dem Kabinett Brüning zurückgezogen werden sollte. Auch hinsichtlich des Kampfes gegen die Nationalsozialisten gingen zwischen ihm und einem Teil seiner Freunde die Meinungen auseinander. Die letzte Entscheidung in dem Streit Eolosser— Drewitz hob« der Parteiausschuß der Wirtschaftspartei. Er habe in diesem Kampfe, vorangehen wollen. Sein Ziel sei, das selbstherrliche Regime des Abg. Drewitz zu beenden. Britische Gemeindewahlen. Oer Bürgeransturm erobert Arbeitermandate. London, 3. November.(Eigenbericht.) In rund 300 Städten und Gemeinden Englands sind am Sonnabend die Gemeinderäte neu gewählt worden. Zum erstenmal erlitt die Arbeiterpartei in ihrem bisherigen kommunalen Sieges- zug einen Rückschlag. Von 1925 bis 1929 hatte sie nahezu 700 Sitze gewonnen. Diesmal verlor sie 92 Sitze, denen 27 neu- gewonnene Mandate gegenüberstehen. Die Konservativen gewinnen 79 und verlieren 10, die Liberalen gewinne» neun und verlieren 17, die Splitterparteien gewinnen 24 und verlieren 20 Sitze. Besonders schmerzlich sind die Verluste der Arbeiterpartei in den großen Industriestädten des Nordens, wie Sheffield, Cardisf. Birmingham, Liverpool und Leeds. Das Ergebnis ist überraschend aber verstand- l i ch. In den meisten Städten hatten sich sämtlich« bürgerlichen Parteien vereinigt, um den sozialistischen Gegner aus dein Felde zu schlagen. Seit dem Eindringen der Arbeiterpartei in die kam- iramalen Parlamente wird ein Viertel des gesamten Steuer- auftomniens von den Gemeinden erhoben. Dazu kommt, daß der Steuermehrertrag in den Gemeinden aus die Besitzenden ab- gewälzt und für soziale Zwecke und Arbeitslosen- s ü r s o r g c verwandt worden ist. In den Händen der Gemeinden liegt außerdem die Anordnung und Durchführung von Not- st a n d s a r b e i t e n. 135 Millionen Pfund hat hierfür die Re- gierung den kommunalen Behörden zur Verfügung gestellt, von denen 50 Millionen Psund bis zum Ablauf dieses Jahres abgehob«» sein sollen. Dies« Rotstandsarbeiten bedeuten aber eine schwere Konkurrenz für die freien Unternehmer und für die Industrie, denen dadurch viele Aufträge entzogen und die Möglichkeit ge- nommen wird, die Löhne herabzusetzen, da die Notstandsarbeiten nach den besten Tarifen entlohnt werden. Di« Lobour Party hat in einer Reihe von Gemeinden ihre bisherigen Mehrheiten eingebüßt. Die Arbeiter werden daraus lernen und mit doppeltem Eifer die Scharte auswetzen. Ras Tasari Makonnen, der Machthaber Abessiniens, hat sich vom Erzbischos zum Kaiser krönen lassen und nennt sich fortan Selaissi. Beucker-Wesermünde in der Nordsee von einem Dampfer gerammt und zum Sinken gebracht, und zwar, wie jetzt feststeht, von dem auf der Ausreise besindlichcn Dampjer„W a h c h e* der W o e r- mann-Li nie. Die Reederei erhielt folgendes Telegramm: Der Dampfer„Wahehc" der Woermann-Linie hat, ausgehend nicht Süd- afrika, auf 53 Grad 59 Minuten Nord und 7 Grad 2« Minuten West den Dampfer„Langeoog" am Sonntag früh 5 Uhr überrannt. Gerettet sind sechs Personen, die in Rotterdam gelandet sind. Wie wir weiter erfahren, befinden sich unter den Ertrunkenen der Kapitän. der erste und der zweite Maschinist, der zweite Steuermann. der Koch und ein Matrose. Der untergegangene Fischdompfcr war im Jahre 1919 erbaut worden. Verbrecherpanopiikum. Ausstellung von politischen Zuchhausgesialten. Am Dienstag spricht in einer kommunistischen Versammlung der Kommunistenhäuptling Heinz Ncumann. Gemeinsam mit ihm wird der Kommunist Margies austreten, ein krimineller Zuchthäusler, den die KPD. zum Märtyrer gemocht hat. Am Mittwoch spricht bei den Nationalsozialisten Goebbels, mit ihm zusammen der Fememörder Heines. Die politische Versammlung wird hier wie dort zum Panoptikum. Wieder Einbruch im Konsum. Lleberfallkommando macht die Einbrecher dingfest. In die G e s ch ä f t s st e l l e der K o n s u m- G e n o s s e n- s ch a f t in der W i l h e l m st r. 9 7 in Lichtenberg waren in der vergangenen Nacht Geldschrankeinbrecher eingedrungen. Sie chatten am Hose die FenstcrAtler durchsägt und wollten gerade den Kassenschrank in Angrisf nehmen, als Hausbewohner auf sie aufmerksam wurden und das Ucbcrfallkommando alarmierten. Die Beamten umstellten das Grundstück und konnten beide Einbrecher festnehmen. Sie verweigerten zunächst jede Auskunft, wurden aber auf dein Polizeipräsidium als„Bekannte" festgestellt. Der ein«, ein 27 Jahre alter Hans W a l d o w, war früher beteiligt an dem großen Einbruch, der zu Pfingsten 1929 in die K a s s« n r ä u m e der Stern-Dampfergesellschast in Potsdam verübt wurde. Für die ihm zudiktierte Strafe hatte W. Aufschub erhalten. Sein Komplize ist ein Otto K a l l i e s, der wegen schwerer V i l l e n e i n b r ll ch e, bei denen hauptsächlich Tcppiche gestohlen wurden, schon mit Zuchthaus bestraft und erst vor einem Jahre wieder entlassen worden ist. Waldow lind Kollies halten sich jetzt zum Geldschronkeiiibrnch zusannnengctan. Keuerkampf in Ging-Ging. Polizei lämpst mit MG.s Drei Gesangene getötet. New Jork. Z. November. Zn der Rocht zum Sonnlag gab es im Staatsgefäagni» Sing- Sing einen ousregenden Zwischenfall, jünf Stroj- gefongene, bekannte Schwerverbrecher, unternahmen einen plötzlichen Ausbruchsversuch, wurden ober von der alarmierten Polizei zurückgeschlagen, wobei drei Verbrecher ge- tötet wurden. Zunächst überwältigten die S-fongemm überraschend die fünf Wärter des Nachttiicnstes, die sie zum Teil niederschlugen und fesselten. Die Außenwache des Gefängnisses ober Vurve durch den kurzen Kampflärm aufmerksam und alarmierte nun die nohegelegeue Polizeistation. Di« Polizisten umstellten da, Gefängnisgebäud« und zwangen die Verbrecher, die sich zur Gegenwehr bereitgemachtz hatten, zu einem Kainpr Die Ausbrecher bedienten sich der Waffen : der Gesängnisbeamten. während die Polizei mit Gewehren, Maschinengewehren und Tränengasbomben vorging. Es kain zu einem schasen Feuergefccht. Die Verbrecher aber mußten sich, nachdem die Beamten Trännengosbomben nmvandten, ergeben. Minand Bradnet:„Elisabeth V0N England" Deutsches Theater Noch immkr weiß mon nicht, wer Ferdinand Bruckner ist. Man rät wohl mit einigem Recht auf Theodor Tagger, den früheren Leiter des Berliner Renaiffancs-Theaters. Bon Tagger wurde manche im Wiener weichen Ton geformte Lyrik bekannt, auch eine Pfalmen» Übersetzung, die dos biblische Wort schön nachklingen ließ, auch ein Theaterstück, das viel von Wedekind borgte, doch wenig Originalität gab. Dann kam plötzlich das Geheimnis Bruckner, dos Verstecken- spiel mit einem Talent, das sehr stark auffiel..Flrankheit der Jugend" und„Verbrecher" wurden mit großem Erfolg gespielt. Der rötsel- haste Bruckner griff tiefer als die übrigen Dranialiker in das Zeit- Problem. Er schien ein ganz junger Dichter, der die Seelen besessener Erotiker und Schicksalsvagabunden erschloß. E� konnte Irrenarzt und scharfer Gesellschastskritikcr sein. Er war vor allem: eine selb- ständige Begabung mit sicherem Theaterinstinkt. Sein Schauspiel„Elisabeth von England" ist mit überlegener Technik ausgebaut. Die Gedanken, die aufgerollt werden, prägen sich erregend dem Gedächtnis ein. Der Mann kennt die Quellen der Geschichte. Es sprudelt dazu noch aus ihm eine blinkende Quelle hellen Geistes. Er eröffnet welthistorische Horizonte, seine Elisabeth ist wohl das lüsterne, alte Weib, aber sie ist auch Landesnnitter, Staatsmann und politische Energie. Sie wünscht, daß England der Welt den Frieden schaffe, und sie muß den Krieg führen, weil ihr der mächtigste Kriegssührcr, Philipp II. von Spanien. Herr der katho- tischen Christenheit, den Weg versperrt. Uebermenschlich ringen der Spanier und die Britin. Soll die Erde vom Fanatismus oder vom Freigeist regiert werden? Sollen die Gedanken der Völker vor dem Kreuz unterliegen oder sollen sie auferstehen? Philipp will die Völker zerknicken, die kritische Vernunft will er ihnen stehlen. Elisabeth verlangt das Recht der Persönlichkeit und des Liberalismus. Ein mrgeheurer Zweikampf wird zu Ende gespielt. Es ist ein Theaterkampf, da er jedoch unendlich faßbar und mit körperlichster Deutlichkeit, mit plastischen Worten und ebenso unvergeßlichen Bühnenbildern die Nerven anpackt, gerät die Phantasie des Zu- Hörers in mächtiges Schwingen. Bruckner ist ein Regisseur mit inneren Stimmen und Finessen. Deshalb kann er es sich erlauben, dem Regisseur Hilpert und dem Bühnenbildner Ernst Schütte genaue und sehr nützliche Vorschristcn zu machen. Der Textdichter braucht nicht durch die Nachgestaltcr seiner Idee unterstützt oder gar vergewaltigt zu werden. Er liefert'selber, was notwendig ist, durch seine Viston. Die riesige Bühne wird durch ein Riesenkreuz geteilt. Die gegen das katholische Kirchentum wütende Elisabeth und ihr Vasallen- schwärm beten auf der Rechten, dos spanische Hochamt wird zur Linken gefeiert. Philipp klammert sich an den Gekreuzigten als ein sklavischer Diener. Elisabeth holt aus ihrem Gewissen die maraii- schcn Werkzeuge, die ihre Untertanen gebrauchen sollen. Als Philipp stirbt, und als Elisabeth den Plunder der Hoskleider und die brandrote Perücke wcggeschleudert hat, um ganz einsam und ganz inbrünstig die Frage nach dem wahren Herzensbedürfnis der Mensch» heit zu stellen, wird durch dichterisch gestaltete Menschen offenbart, was Wirklichkeitsmsnschcn sind. Gelegentlich zerrinnt die dramatische Rethorik, doch der Ueberfluh ist stets leichter zu beseitigen als De- dankenarmut. Außer ihrem klugen Kopf besitzt Elisabeth noch den sechzig- jährigen Leib, der sich nach der kräftigen Jugend des Lord Essex sehnt. Um diesen königlichen und weltgeschichtlichen Altweibersommer und seine tragischen Folgen zu erläutern, bedient sich Bruckner wiederum der scxualwissenschaftlichen Gelehrsamkeit. Das tückische Geheimnis der Geschlechtsdrüsen eignet sich aber mehr für die Ulster- suchung ernster Forscher als für dramatische Darstellung. So eist- steht.auch bei Bruckner nur«ine grausige Pikanterie, sobald diese Dinge abgehandelt werden. Agnes Straub spielt die Elisabeth. Sie ist nicht mehr der Star einer Truppe, die ihr jeden Willen ließ und dadurch nur Schaden brachte. Sie ist jetzt fest eingegliedert in die Zweck« der Dichtung. Sie darf sich nicht mehr in einzeln« Situationen ver- lieben, sie muß nur vorwärts, vorwärts und eine Heroin« des Ver- stände? spielen, die wohl in Perversität ausgleitet, zum Schlüsse ober doch die Idee einer ganzen Welt an sich nimmt. Daß sie beides bewältigt, Politik und Perversität, daß sie im Boudoir ebenso statt- lich stolziert wie im Staatsrat, daß sie zugleich Mannweib und Nur- weib sein kann, zugleich psychoanalytisches Objekt und aktiver Souverän, dos verdankt sie ihrem nun wieder methodisch ausge- nutzten imponierenden Talent. Werner K r a u ß variiert die Starrheit des Königs Philipp. Er verbeißt sich nicht in den grellen Thcaterböscwicht. Er blüht er- schreckend auf in seinem Fanatismus, ebenso erschütternd verwelkt und zerflottcrt er in der Todesstunde. Seine schauspielerische Kraft läßt Temperament und Technik zusammenarbeiten. Ek entsteht ein« gewaltige Menschengestalt. Max Hochdorf. Lieber tot als Sklavin. Formosa-Frauen töten sich. L o n d o n, 2. November. Nach den letzten Meldungen aus Paikoku auf der Znfel Jormosa sind durch die Kopfjägerrcvolte rund 4V Ja- paner und Eingeborene getötet worden. Tie Straf- expedition berichtet, daß die Frauen der Auf- ständischen in Massen Selbstmord begingen, um nicht in die japanische Gefangenschaft zu geraten. Allein in der Lrtschaft Mahebo seien 108 Frauen und Töchter der Rebellen tot aufgefunden worden. Die Strafexpedition. Tokio über London, 3. November. Ein japanisches Expeditionskorps von 130V Mann Hot in den Bergen von Formosa die aufständischen Eingeborenen mit M a- schinengewehren und leichter Artillerie ongezriffen, aber nur Teilersolg« erzielen können. Ertundungs- und Bombenflugzeuge unterstützten die Operationen Die Verluste der Ein- geborenen sind unbekannt. Die Japaner hatten einen Toten und einen Schwcroerwundeten. Bluttat eines Verschmähten. Die Braut erschossen.— Selbstmordversuch des Täters. Am Sonnkagabcnd schoß der ZSjährige Arbeiter Hans Hahn im Flur des Hauses Sophie- Charlotte. Straße l 04 die l9jöhrige Hausangestellte Lolte Go- r o ü c z i nieder und verübte unmittelbar darauf einen Selbstmordversuch. Dos junge Mädchen war früher bei einer Familie in der Barnimstraße in Stellung. E- hatte dort zum Monatsende ge- kündigt und bei der Witwe Sch. in der Sophic-Charlotte-Straße ein möbliertes Zimmer bezogen. Lotte G. unterhielt seit einiger Zeit zu Hahn Beziehungen. Wegen der ständigen Eifer- süchtcleien des Mannes kam es aber zu einem ernsten Zer- würsnis und die junge Hausangestellte wollte das Verhältnis wieder lösen. Ganz unerwartet erschien H. am Sonntagabend in der Sophie-Charlotte-Stroße. Er beabsichtigt« eine Aussprach« her- bcizuführen und sich mit seiner Freundin wieder auszusöhnen, Statt dessen kam es jedoch zu erneuten Differenzen. Schließlich bat Hahn das Mädchen, den Abend noch mit ihm zu verbringen. Das Paar verließ gegen 20 Uhr die Wohnung. Wenige Minuten später krachten im Flur des Hinterhauses mehrere Schüsse. Mieter, die sofort hinzueilten, fanden die jung« Hausangestellte und den Mann mit schweren Kopfschüssen bewußtlos auf. Ein Arzt konnte bei dem Mädchen nur noch den Tod feststellen. Eine Kugel war in den Kopf gedrungen und hatte die Schädcldccke durchschlagen. Der Täter, der sich ebenfalls einen schweren, offenbar aber nicht lebensgefährlichen Kopfschuß beigebracht hatte, fand im Westend-Krankenhaus Ausnahme. Sechzehnjähriger erschießt sich aus Liebeskummer. In der Grünauer Forst, in der Nähe der Eisenbahn- beiriebswerkstätten, fanden gegen 6 Uhr abends Spaziergänger einen jungen Mann tot auf. Nach vorgefundenen Papieren handelt es sich um den 16jährigen Bäckerlehrling Bernhard K l« i st, der bei seinen Eltern im Hause Paul-Singer-Str. 112 wohnte. Der junge Mann hatte sich erschossen. Aus einem Zettel gab er an, daß Liebeskummer ihn zu der Tat getrieben habe. Er war mit einem schwarzen Anzug, schwarzen«strumpfen und schwarzen Lackschuhen festlich gekleidet und in seinen Taschen fand man«ine Heiratszeitung._ Abflug des Do X verschoben. Der für Sonntag angesetzte Start des Flugschiffes Do X nach Amsterdam ist infolge der ungünstigen Wetterlage im oberen Rheintol verschoben worden. Mit einem Start ist für heut« nicht zu rechnen. Man hosst, daß der Abflug morgen vormittag möglich sein wird, salls sich die Wetterlage inzwischen ge- bessert Hot. Di« Dornierwerke teilen zur Verschiebung des Starts de, Flug. schiffes Do X auf Montag vormittag solgendes mit: Der vorgesehen« Ueberführungsslug des Do X nach Amsterdam muht« wegen Sturm. Meldungen von der englischen Küste und Holland auf Airraten der amtlichen Wetterstation und nach Rücksprache mit den Leitern des Luftschiffbaues Friedrichshafen oerschoben werden. Der �lieber« führungsflug noch Amsterdam ist nicht der Start zum Amerikaflug, der erst a b Lissabon beginnt. Es find vorher nach Dorführungs- flüge in Europa vorgesehen. Dos Ftugschiff bleibt startklar, um sofort nach Eintritt besserer Wetterlage nach Amsterdam über« geführt zu werden. SV00 Häuser zerflöri. Furchtbare Folgen des Erdbebens in Ancona. Ancona, 3. November. Die Feststellung«,, der Behörden lassen jetzt erst die furchtbaren Folgen des Erdbebens in ihrem ganzen Umfang« erkennen. In der Provinz Ancona allein sind über Svvv Häuser ein- g e st ü r z t oder haben so schwer« Schäden erlitten, daß sie ab- gerissen werden müssen. Andere erfordern umständliche Stützungs- arbeiten. Von diescn Häusern«nffallen 4000 auf Scnigallia und 1000 auf Ancona und die umliegenden vrtschasten. Kronkenhäuser schließen. Zu hohe Kosten durch ungenügende Belegung. Die städtischen Srankevhäuscr sind zur Zeil bei weitem nicht in dem vorgesehenen Ausmaß, b-l«g». Der Magistrat hat sich des« halb entschlossen, planwirtschostliche Maßnahmen zu treffen, durch die die sachlichen und personellen Kosten der Krankenhäuser herab- gemindert werden können� Di« Anstalt Blankenburg sowie einzelne Pavillon, oder Sfotioora in den übrigen Srankenhäusern«erden im Ausmaß der Unlerbelegung vorläufig siillgeleg». Vertrags- anstallen sollen nur in Höhe der vertraglichen Bindung belegt «erden. Ueber die Schließung des Krankenhauses in der Gitschiner Straße hat das Bezirkeamt Kreuzberg, wi« mitgeteilt, der Bezirks- Versammlung bereits eine Vorlag« zugeleitet. Das freiwerdene Personal soll, soweit möglich, anderweitig untergebracht werden. Gedächtnisfeier für Arno Holz. Lyceum-Club. Gestern vor einem Jahr starb der Dichter Arno Holz. Di« Oesfentlichkeit nimmt davon wenig Notiz. Keine größer« Er- innerungsseier mahnt an das Werk des Verstorbe:«,:. Darum ist es begrüßenswert, daß Freunde und Verehrer des Dichters eine Gedächtnisfeier im Lyceum-Club veranstalteten, eine Feier aller- Vings, die kaum die größere Mass« berührte, und schließlich kommt es darauf an, dem toten Dichter Arno Holz die Popularität zu verschaffen, die der Lebende nicht besaß, den Begriff mit Leben zu erfüllen. In knappen Umrissen entwarf Prof. Otto E. Le s s i n g eine Skizze von dem Werk. Er nannte die Dramen„Sonnenfinsternis" und„Soziolaristokraten" Dichtungen, für die die deutsche Bühne noch immer nicht reif ist und für die sie weder Mittel nach Wille zur Aufführung besitzt. Jenseits der geläufigen, begrifflichen Prägungen wie Naturalismus, Neuromantik oder Expressionismus steht die Lyrik. Der„Phantasus" ist mehr als eine Sammlung von Gedichten, er ist ein in sich geschlossenes Weltbild, eine Aus- deutung der Erscheinungen, lieber dem Theoretiker der Dichtung ist der Dichter vergessen worden; denn der Theoretiker konnte leicht abgestempelt werden, der Dichter dagegen nicht. Dann lasen Else Beyer und Rest Langer. Ein paar kleine Liebesgedichte zerstören die Legend« von dem'Arno 5?olz, der nur künstlich Verse zusammengefabelt haben soll. Die Einfachheit des Gedankens und des Gefühls findet ihren Ausdruck in der Einfach- heit der Form. Ist hier alles auf wehmütige Zartheit gestellt, so bricht in den„Daphnisliedern" di« große Vitalität des Dichters hindurch, die Freude und die Bejahung des Lebens.— t. Zunge Tänzer in der Volksbühne. Matinee im Theater am Bülowplotz. Die zweite Tanzmati,«?« in der Volksbühne wurde von einer Gruppe junger Tänzer bestritten, di- den verschiedensten Tanz. schulen entstammen. Diese jungen Meeschen, tienen der Glaube an die eigene Persönlichkeit natürlich und notwendig ist. zeigten nicht nur Solotänze, sondern vereinten sich auch zu gemeinsamen Gruppendarbietungen. Im Programm wurde betont, daß es sich hierbei um kollektivistische Arbeit handele. Gleichviel, ob es sich um den jlotten, spielerischen Auftakt„Wir beginnen" handelte, in dem S e n ta Hillert Körperbcweglichkcit geschickt und bühnenwirksam zur Schau stellte, oder um ihre Komposition „Fremdes Spiel", di« erkennen ließ, daß sie solchen größeren Aufgaben doch noch nicht voll gewachsen ist, der Gemcinschasts- gedanke siegte über den Cinzelwillen, die Gruppe fügte sich dem Werk. Besonders erfreulich und besonders notwendig war das für die große Tanzschöpfung„Halewyn" von Lisa Ney. Zwar wurde die Wirkung de» Wertes dadurch beeinträchtigt, daß die Bühnenbeleuchtung unzureichend funktionierte und das Spiel, das in einer großen Linie ablaufen sollte, insolgedesscn in lauter einzelne Bilder zerrissen wurde: trotzdem vermittelte'dos Werk einen starken Eindruck. Die vlämisch« Legende von dem miß- gestalleten tialewyn, der sich an seinen Spötterinnen blutig rächt. ist' von Lisa Ney in einem echten Tanzspiel nachgeformt worden. Der tänzerisch darstellbare Gefühlsablaus bestimmte die Gestaltung: die äußere Handlung war nur das Gerüst. Dieses richtig« Ein- ssthlen in die durch den Tanz ausdrückbaren Wert« der Legend« verjührte di« Komponistin allerdings bisweilen auch dazu, wesentliche Momente des dramatischen Geschehens tänzerisch außer acht zu lassen. Das Lied, das die Opfer lockt, bleibt so nur Musik, obgleich es notwendig jedesmal als tänz-risch-s Motiv an- geschlagen werden müht«. Selbst die Tänze mit der zauberhasten Sichel und dem Schwert und die Spiegelszen« Holewyns hätten sich betont tänzerisch und sogar nur tänzerisch unter Verzicht aus all« Requisiten, gestalten lassen. In diesen Punkten bedarf das Werk noch einer Ueberarbeitung. Es müßte schließlich di« selbstbewußt«, technisch begabte, aber im Tänzerischen kaum erlebeni-sähig« Lotte Auerh�ch einer geeigneteren Künstlerin Platz machen. Lisa Ney zeigte sich als Trägerin der weiblichen Hauptrolle gleichzeitig als eine Tänzerin von großer Begabung: der vielfache Stimmungs- wandel, den ihre Rolle erfordert, blieb immer glaubhaft, war immer echt durchlebt. Gut war auch der Ausdruck der breiten, weichen Gebärden ihrer Partnerin Iva Langcntels, die Rolle des Halewyn tanzte Adrcie Je r schick, der als Halewyn die Tragik des verstoßenen Häßlichen und aus'dieser Verlassenheit heraus döse Gewordenen zum Erlebnis macht. In der Schar der..Edelfräulein" fiel eine ganz große Begabung auf: Liselorc Bergmann. Eilte Tänzerin, deren Erlebnissähigkeit in ihrer Kunst unbegrenzt scheint. jSie tarzzl nicht, sie wird vom Tanz getrieben, ist in ihn verzaubert, losgelöst von Weit und Umwelt, tanzgewördenes Gesühl. Auch ihre Svlodarbietungen in dem ersten Teil der Matinee,„Gehetzt- verklingend" und„Habancra", hinterließen diesen Eindruck. Erschütternde menschliche Bekenntnisse vermittelten die Dar- bietungen von Io M ihaly. Hier offenbarte sich eine Künstlerin, die sich in dem Erlebnis der eigenen Persönlichkeit nicht befriedigt fühlt, sondern die es zur wahrhaften Gemeinschaft, zum Weiterleb- nis drängt. Ihre Tänze nannte sie„Mütter" und„Vision eines Krieges". Das klingt nicht nur wie die Titel von Kunstwerken der Käthe Kollwitz, das war auch Kunst, dem Geiste der Käthe Kollwitz verwandt. Diese Tanzmatinee wtird« zu einem ungewöhnlich großen und vielseitigen Erlebnis, trotz der noch wenig bekannten Namen der jugendlichen Tänzerinnen und Tänzer. Das Publikum zeigte sich begeistert. t—'«• Tonfilme für die Jugend. Obwohl genügend Film« von der Zensur auch für Jugendliche freigegeben werden, ist es doch ein guter Gedanke, besondere Film- Veranstaltungen für Jugendliche zu treffen, mit einem besonderen Programm. Der Mozart-Saal wird jetzt regelmäßig Ton- filme für die Jugend, worunter auch Kisider mit inbegriffen sind. ausführen. Die erste Probe am Sonnabend überzeugte von der Zweckmäßigkeit des Unternehmens. Man gab ein sehr reichhaltiges und mannigfach zusammengestelltes Programm. Die elementaren Heiterkeitsausbrüch« zeigten, wi« sehr dos bewegte Bild und die grotesken Barietetünste den Geschmack der Jugend treffen.„Tiersreundschast",„Marionetten. theater und Tonfilm",„Ein Tonfilm aus der Welt des Kakadus" zeigten, daß man dos Interesse der jungen dankbaren Gäste richtig eingeschätzt hatte. Und dann erst die Trickfilm« mit Hutzi-Putzi und Micky Maus! Diese phantastische Zaubcrwelt ist ja für die Kinder wie geschaffen: sie sind das modernste Märchen in Aktion. Daß lebendige Elowns, Jongleure und mujitalische Excentrics dem Kind mit seinem lebhosten Bewegungsdrange besonders nahe stehen, be- wies auch dieser Nachmittag. Nur vor dem Süßlichen, Uebertulti« vlerten, wie es das Kinderballett„Lebendiges Spielzeug"(noch dazu mit englischem Text) bot, sollte man sich in acht nehmen. Aber sonst war e»-in guter Anfang! r. Da» beste Bild der Vraundhweiger Galerie, Vermeers„Mädchen mit dem Weinglas", bleibt im Lande. Das Bild war zum Preise von 2 700 000 Mark von der braunschweigischen Museumsstistung an den englischen Kunsthändler Duveen verkauft mit dem Vorbehalt. daß das Gesamthaus Braunschweig-Lünedurg und der braun- schweigische Staat dem Verkauf zustimmten. Das braunschweigische Staatsministerium hat jedoch seine Zustimmung verweigert. Das Kunstwerk wird also Brounschweig und Deutschland erholten bleiben. Zureden— die Presse hatte einmütig protestiert— hilft also, und di« notleidende Braunschweiger Galerie wird sich anderweitig Helsen müssen.. „Sommen»acht»«ro»m- i« Ceifl«fl-W«atet. Plug R-inbardt wirb mit feiner Neuinstenienwa von.Somm-rna»l«trau n" ab streita« im Lelfin«. Theater gaflieren. Jeimann Thimig spielt den.Zettel» und Richard RomanowSky die„Thisb«». »ät« varsch bat einen längeren Bertrag mit Dr. Robert Klei» obge- schlössen. Sie wird al«. erst« Rolle die.Fanny" in dem»icucn Wer! von Pagnol im Ttnlsche» Äünstlerthealer spielen. Vollenberg in der Volksbühne..Die Desraudanteii". Komödie in drei Akten von Alfred Polgar. gclovgt Anfang Dezember mit Max Pallenderz-w der Hauptrolle m der DollSbühne zur Uraussüjrung. Funk und Arbeiterschaft Die Tagung des ArbeiterOfadio-Vundes (Schein wurde die Tagung des Arbeiter-Radio-Vundcs im Gewerkschoftshaus beendet. Der verhandlungs- verlauf ergab ein Bild der Einigkeit und Geschlossenheit und des festen Willens, in den Bemühungen um die Buhbar- machung des Rundfunks für die Arbeiterschaft energisch fort- zufahren. In den Resolutionen, die den Niederschlag der Tagung bilden, wird festgestellt, daß der Rundfunk auf die sozialistische Ar- beiterschaft zu wenig Rücksicht nimmt. Besonders bedauert wird das starke einseitige Uebcrwuchern von kirchlichen Darbietungen. Die Forderungen richten sich aus eine stärkere Aktualisierung des Rundsunks und größere Berücksichtigung von Veranstaltungen, die der Weltanschauung und Lebenswelt der Werktätigen, von denen die große Mehrzahl der Rundfunkhörer gestellt wird, entsprechen und ihrem Bildungsbestrebcn dienen. Zu diesem Zweck richtete die Tagung an die zuständigen Stellen das Ersuchen, geeignete sozio'- listische Kräfte für alle Teile des Rundfunkprooramms heranzu- ziehen, ebenso auch Vertreter der Arbeiterschaft als dauernde Mitarbeiter an diesem Programm, besonders an ihrer Vorbereitung, zu berufen. Weiter forderte die Bundestagung mit aller Entschiedenheit volle Gleichberechtigung im Rundfunk für die sozialistische Arbeiterschaft. Vor allem verlangt sie die Veran- staltung von würdigen künstlerischen Feiern im Rundfunk am 1. Mai, der für Millionen von Volksgenossen ein Tag festlicher Erhebung ist. Hierzu ist zu bemerken, daß in diesem Jahr zum erstenmal durch den damaligen Rcichsminister des Innern. Severing, die Ueber- traaung einer Maifeier durch den Rundfunk zugelassen wurde. Diese Zulassung ist nach dem Amtsantritt der Regierung Brüning wieder aufgehoben worden. Im weiteren verlangte die Konferenz die Beseitigung aller Bestimmungen, die sich einseitig gegen die so- zialislische Arbeiterschaft richten und ihre Feiern unter ein Ausnahmerecht stellen. Außer der Frei- gäbe der Maifeier forderte die Bundestagung eine stärkere Berück- sichtigung von proletarischen Gedenkfeiern und von modernem Geist gehaltene Feierstunden im Rundfunk. Weiterhin beschloß die Bundestagung die Abfendung von Telegrammen an den Reichs- kanzler, den Reichspostminister und den Reichsfinanzminister, in denen der Arbeiter-Radio-Bund die Reichsregierung um alsbaldigen Preisabbau der Rundfunkgebühren und den völligen Erlaß für Er- werbsbeschränkte ersucht. Klarste Wiedergabe fanden die Forderungen der Arbeiterschaft an den Rundfunk in der Rede des Vorsitzenden, Staatssekretär a. D. Vaake. Der Rundfunk soll ein Organ der demokratischen Republik sein. Die Zensur darf nicht dazu führen, die Politik aus dem Rundfunk fernzuhalten. Sic soll im Gegenteil einen breiten Raum im Programm einnehmen, aber von allgemeinen und großen Gedanken getragen werden. Was vermieden werden muß, ist klein- liches Parteigezant. Der arbeitende Mensch soll im Programm zu Worte kommen und seine Umwelt behandeln. Nicht aus politischen, sondern aus fachlichen Erwägungen heraus soll der Ausbau des Sendenetzes durchgeführt, die Rationalisierung im Rundfunk voll- zogen werden. Auch der Arme soll Gelegenheit finden, an den Ge- schehnissen der Welt durch den Rundfunk beteiligt zu sein. Auch die Rundfunkgesellschaften im eigensten Interesse sollten uns danken, wenn es gelänge, ein« Herabsetzung der Rundfunkgebühren zu er- reichen. Der Rundfunk, diese wichtige Erholungs- und Bildungs- stätte, soll kein Gegenstand des Erwerbsinteresses sein, auch des fiskalischen nicht. Unter allen Umständen müssen die Gebühren für Erwerbslose und Altersrentner sowie für andere Bedürftige erlassen werden. Härter noch als die Gebühren- frage macht sich die Kostcnfrage bei der Beschaffung der Apparatur liemerkbar. Hier muß eine genossenschaftliche gemeinnützige Beschaffung der Apparate ch die Wege geleitet werden. Ein Reichsrundfunkgesetz muß den Rundfunk zu einer gemeinnützigen Einrichtung des demokratischen Volksstaates unter der Kontrolle der Oeffentlichkeit und der Bildungsverbände um- wandeln. Das Gesetz muß auch das Rundfunkrecht berücksichtigen. Der Hörer muß für Geld den Anspruch haben, daß ein Empfang sichergestellt ist. Die Reichspost gewährleistet eine solche Sicherstellung bisher nicht. Der Sozialismus muß sich in seiner Kulturarbeit jeden technischen Fortschritt zunutze ntachen. Der Rundfunk' hilft dem Handarbeiter zum Verständnis der aktuellen Probleme. Er bringt nicht nur Vorträge, sondern reizt zu eigenen Versuchen an. Wer zum erstenmal sich einen Empfänger selbst baut, dem offenbart sich ein Wunder, das in ihm das Ver- langen nach Belebung und eigenem Weiterforfchen weckt. Es ist heilig« Pflicht, diesem Streben nach Bildung und Förderung, diesem Kulturwillen der Massen zu entsprechen, gleichzeitig ober auch dafür zu sorgen, daß der Rundfunk auch das Instrument dieser Masse wird. Viele der Besten unter der Arbeiterschaft haben sich dieser Aufgabe mit ganzem Herzen angenommen. Sie haben eine Gemein- schast beschlossen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Arbeiter- schaft zu zeigen, welch, herrliches Werkzeug ihr im Rundfunk ge- geben ist, eine Gemeinschaft, die alles dafür einsetzt, dieses Werk- zeug zu stählen und zum Wohle, des Volkes zu verwenden. Diese Gemeinschaft ist der Arbeiter-Radio-Bund Deutschlands. Bei den Vorstandswahlen wurden die bisherigen Vor- sitzenden B a a k e und H o s f m a n n- Schmargendorf wiedergewählt. Als Schriftführer und Kassierer werden fungieren Löwenbcrg. Pelz, Daegcr und Luther. Der bisherige Sekretär im Gau Berlin-Bran- dcnburg, Segall, wird sich in Zukunft den Arbeiten für die Pro- grammgestaltung widmen. An seine Stelle tritt Ludwig Ebel. Abbau der Angestelltengehälter. Die neue Aktion des VBMI. Eine Konferenz der Funktionäre der Metallange- stellten, die der ZdA. zu Sonntag vormittag einberufen hatte, nahm zu den„vorsorglichen" Kündigungen der älteren Ange st eilten der Berliner Metallindustrie Stellung. Diese Kllndigungsaktion ist lediglich die Einleitung des V o r st o ß e s auf die Tarifgehältcr der Berliner Metallangestcllten. Wenn auch der Wortlaut der Reverse, die von den einzelnen Mit- gliedsfirmcn den Angestellten des VBMI. vorgelegt werden, ganz verschieden ist, so geht doch klar aus ihnen hervor, daß der VBRiJ. das Gchaltsabkommen der Angestellten zum 1. April kündigen will und damit rechnet, einen Abbau der Gehälter um»twa Ig Prozent durchzusetzen. In einzelnen Betrieben sind den Angestellten R e- verse vorgelegt worden, in denen sie ihr Einverständnis er- klären sollen mit der Senkung ihrer übertariflichen Gehälter in dem gleichen Umfange wie dje Tkarifgehälter am 1. April abgebaut wer- den. Einzelne Firmen nehmen die Leistungszulagen von dem Abbau aus, andere dagegen wieder verlangen in den Reversen auch die vorherige Zustimmung der Angestellten zum Abbau dieser Leistungszulagen. Der Abbau der Angestelltengehälter zum 1. Aril ist, wenigstens nach dem Wortlaut der Reverse beim VBMI.. schon so gut wie sicher. Wie rigoros einzelne Betriebsleitungen vorgehen, zeigt die Tatsache, daß man vielen Angestellten nur wenige Minuten Bedenkzeit gab und die Unterschrift unter die Reverse dadurch zu erpressen suchte, daß man » neben die Reverse den Kündigungsbrief legte. Die Verweigerung der Reversunterschnft wurde auch in den meisten Fällen mit der Uebergabe der Kündigung quittiert. Die Angestellten haben sich nur ganz vereinzelt von diesem Vorgehen der Firmenleitungen einschüchtern lassen. Der größte Teil von ihnen hat, entsprechend der Aufforderung der Gewerkschaften, die Unterschriften abgelehnt und die Kündigung in Empfang genommen, bei ihrem Angestelltenrat jedoch sofort Ein- spruch dagegen erhoben. Der Vertreter der Mctallanzestelltcn im ZdA., Lange, forderte die Funktionäre auf, den Angestellten, die noch nicht mit solchen Re- versen bedacht sind, zu sagen, daß» sie den gleichen ablehnenden Standpunkt einnehmen sollen. Gegen alle Kündigungen, die auf Grund der Ablehnung der Reversunterschrist ausgesprochen werden, müssen die Angestellten späte st ens am fünften Tag« nach Erhalt der Kündigung bei ihrem Angestelltenrat Ein- spruch einlegen. Der Einspruch ist um so notwendiger, als viele Anzeichen darauf hindeuten, daß eine große Anzahl dieser Kündigungen nicht nur zum Zwecke des Gehaltsabbaues ausgesprochen werden, sondern um manchen mißliebigen Angestellten bei dieser Gelegenheit los zu werden. Heute nachmittag wird mit dem VBMI. wegen dieser standa- lösen Angcstelltenkündigungen verhandelt. Der Vertreter des ZdA. warnte jedoch angesichts der Erfahrungen, die die Angestelltengewerk- fchaften mit den Berliner Metallindustriellen in den letzten Monaten gemacht haben, diesen Verhandlungen optimistisch entgegenzusehen. lieber den Ausgang der Verhandlungen werden die Angestellten so- fort durch die Tagcspresse, insbesondere durch den„B o r w ä r t s" unterrichtet werden. Mit aller Deutlichkeit kam auf dieser Konferenz zum Ausdruck, daß die Angestellten nicht gewillt find, ihre in langen Jahren er- rungenen und immer noch unzureichenden Gehälter einfach durch ein Diktat des VBMI. unter das Existenzminimum herunterdrücken zu lassen._ Sie wissen nichts von Arbeitslosigkeit. „Abbau der Sozialversicherung." Die Landesversammlung des Landwirtschaftlichen Hauptver- bandcs in Württeinberg brachte in einer Entschließung ihre Ab- Neigung gegen die Sozialversicherung zum Ausdruck. Die weiteren Reformen der Arbeitslosenversicherung(Reform ist in diesen Kreisen gleichbedeutend mit Verschlechterung. D. Red.) dürfe nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. „Es muß vor allem eine Reform der Arbeitslosenversicherung derjenigen Saisonarbeiter, bei denen die bestimmt zu erwartende Arbeitslosigkeit schon voll in den Lohn einkalkuliert ist, durchgeführt werden." Welche Saisonarbeiter sind damit gemeint- und wie hoch sind ihre Löhne mit einkalkulierter Arbeitslosigkeit? Etwa die Wald- a r b e i t e r mit 60 bis 7S Pf. Stundenlohn? In diesen Krcnsen hat man von dem Umfang der Arbeitslosigkeit offen- bar noch immer keine Kenntnis, sonst wären derartige Auffassungen, die von normalen Verhältnissen in der Vorkriegszeit ausgehen, undenkbar. Die„Reform" der Krankenversicherung wird von den Herren der Landwirtschaft in Württemberg als„ein bescheidener Anfang" zu einer gründlicheren Verschlechterung begrüßt. Die freie Aerztewahl soll beseitigt werden samt dem§ 227 der Reichsversicherungsordnung, damit die Errichtung von Landkrankentafcsen nicht mehr der Zustimmung des Land- tages bedarf. Die Land- und Forstarbeiter merken die Absicht und werden sich gegen die„Reformen", mit denen sie von ihren Herren beglückt werden sollen, mit aller Macht wehren. Die Jfat der Zunglehrer. 10 000 Lehrerstellen eingespart. Der Prooinzialverband Bcrlin-Brandenburg der Allgenkeinen Freien Lehrcrgewerkschaft befaßte sich in einer Mitaliederversamm- lung mit der schon so oft behandelten Iunglehrersrage, worüber Kollege Riggert-Harburg referierte. Bei der allgemeinen Arbeits- losigkcit ist das Elend der Iunglehrerfchaft keine Ausnahmeerscheinung. Es gewinnt jedoch durch die geplanten Sparmaßnahmen der preußischen Regierung(Einsparung van 70 000 Lehrerstellen) gerade jetzt besondere Bedeutung: 17 590 stellungslose Junglehrer kommen nie wehr ins Ami! Bei der Gründung der Pädagogischen Akademien ist von dieser Sparsamkeit freilich wenig zu verspüren. Kaum auszudenken ist es, daß es eine Behörde oerantworten kann, 11 000 aus- gebildete Kräfte feit 6 bis 10 Iahren vom Beruf auszuschließen und für immer dem Erwerbslosenelend preis- zugeben, während man den Absolventen der Akademien sofortige Beschäftigung km Voltsschuldienst garantiert. Wie oft sind in den letzten Jahren von rurseren Gewerkschafts- kollegen in den Parlamenten Wege zur restlosen Beseitigung der Iunglehrcrnot gezeigt worden: Herabsetzung der Klassenfrequenz, Verlängerung der Volksschulpflicht, Verbot zur Gründung von ?lkademien, Schaffung neuer Lehrerstellcn auf dem Lande. Allein die enormen Unterhaltskvstcn für die Akademien könnten wesentlich zur Durchführung dieser Forderungen beitragen. Geradezu ein öffentlicher Skandal ist die Behandlung der diss identischen Junglehrer durch einzelne Rc- gierungen. Noch immer werden diese Junglehrer als Staatsbürger zweiter Klaffe angesehen, noch immer sind sie gegenüber weit jüngeren Kollegen bei der Einstellung und Anstellung im Bolksfchul- dienst benachteiligt, noch immer warten in Berlin dissidentijchc Kollegen auf ihre feste Zlnstcllung! Wozu denn Artikel 136, Abs. 2 der Reichsverfossung? Referent und Diskussionsredner waren einmütig der Auf- fasfung, daß die Forderungen der Freien Lehrergewerkschaften nur dann durchgedrückt werden können, wenn die gesamte Arbeit- nehmerschast, die immer unser Schulprogramm unterstützt Hot, an Macht gewinnt. Deshalb Einheitsfront mit der organisierten Arbeitnehmerschost! Zum B e a m t e n e r l a ß der preußischen Regierung wurde erklärt: Der Prooinzialverband steht auf dem Boden der Verfassung, muß aber aus grundsätzlichen Erwägungen heraus diesen Beamten- erlaß ablehnen. Vom Gpielieufel besessen. 40 000 Mark ManSantengelder unterschlagen. vor dem Schöffengerichl Charlottenburg, vor dem sich eben erst der Rechtsanwalt Dr. Ahrens zu verantworten halte, stand wieder ein Anwalt, Dr. Ernst Lewitt. Die Anklage umsaht sieben Fälle des Betrugs, vier Fälle von Ar- kundenfälschung. sieben Fälle der Untreue und der Unterschlagung. Die Summe der veruntreuten und unterschlagenen Gelder beträgt 40 000 Mark. Als während der Inflationszeit der Monatswcchscl des Vaters nicht reichte, versuchte der junge Student Ernst Lewitt durch Sk.'.t- spielen seine Kasse aufzufüllen. In die Refercndarzeit stieg er mit einer Schuldenlast von 3000 Goldmark. Er spielte weiter, sah sich schließlich gezwungen den Justizdienst zu quittieren und fand in der Rechtsabteilung eines Warenhauses ein« gut bezahlt« Anstellung. Im Lmise van drei Iahren hatte er sich das Sümmchen von 40 000 holländischen Gulden erspart. Die Stabilisierung der Mark machte seinen Posten überflüssig: der Konkurs seines Bankhauses brachte ihn um sein ganzes Geld. Die einzige Rettung sah er nun wieder im Spiel. In einem halben Jahr war er von neuem ver- schuldet. Durch eine Heirat sollte er sich sanieren. Er fand einen Schwiegervater, der ihm unter der Bedingung, daß er in einem Jahr sein Assessorexamen mache, einen Monatswechsel von 1000 W. auswerfen wollte. Die Vereinbarung wurde nicht eingehalten, der Spieltisch wurde mit dem Totalisator vertauscht: im Augenblick der Absoloierung des Zlssessorexamcns betrugen die Schulden 8000 M. Es kam zu Zerwürfnissen zwischen ihm und seiner Frau: der junge Assessor arbeitete zuerst als Hilfsrichter bei der Großen Strafkammer in Koblenz, versuchte darauf, trotz seiner Schulden, in Berlin«in Anwaltsbüro zu gründen, wurde Hilfsrichter in der Abteilung für Offenbarungssachen und kam schließlich auf die Idee, die Schufa (Schutzverbond für Unsallgefährdete) zu gründen. Das Unternehmen ging nicht, er wechselte immer wieder seine Mitinhaber, und als schließlich doch Mandantengelder einzugehen begannen, flössen sie nicht in die Taschen der Klienten, sondern in seine eigene. Der Rechtsanwalt setzte am Totalisator das fort, was er als junger Student am Spieltisch begonnen hatte. Eines Tages fand einer seiner Mandanten» der in das Büro wollte, keinen Einlaß: Dr. L. war verschwunden. Di« Spielwut des Anwalts hatte ein vorläufiges Ende erreicht. Kaum glaubhaft, daß ein Anwalt so frevelhaft leichtfertig handeln konnte, wie dies der Rechtsanwalt Dr. Lewitt getan. Aus eigener Machtbefugnis schrieb er auf die ihm ausgestellten Voll- machten auch die Vollmacht, fällige Gelder einzukaisieren. Und so brachte er die unglücklichen Opfer von Unfällen um die geringen Abfindungssummen, die sie für ihre erfolgte Invalidität zu erhalten hatten: in einem Falle»varen es 7000 M., in einem anderen 4000 M., in einem dritten 2000 M. usw. Hörte man aber diesen verhältnismäßig jungen Menschen über sein Leben und sein« Ver- sehlungcn sprechen, so staunte man, mit welcher Ruhe das geschah. Das Urteil lautete auf zwei Jahr Gefängnis und drei Jahre Ehroerlust wegen Betruges, schwerer Urkunden- fälschung, Unterschlagung und Untreue. Wegen des durch die Höhe der Strafe begründeten Fluchtverdachts wurde der Verurteilte sofort in Haft genommen. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Rambke, hatte aber nicht Unrecht, als er in seiner Urteilsbegründung u. a. sagte: Es handele sich hier uin einen der traurigen Fülle, die leider jetzt so viel die Gerichte beschäftigen und�die soviel Staub um de». ehrenwerten Stand der Rechtsanwälte aufwirbeln.., Kür 18000 Mark Strümpfe gestohlen. In der Nacht vom Sonntag zum Montag wurde�cher E t o m- Filiale in der Tauentzienftraß« 10 ein Einbruch verübt. Die Einbrecher, denen Strümpfe im Betrag« von 18 000 Mark in die Händen sielen, hatten sich Zugang zu der Filiale verschafft, in- dem sie durch die Decke einer leerstehenden Wohnung in der ersten Etage gegangen waren. Den Schirm, der zum Auffangen des Mörtels benutzt wurde, liehen sie stehen. Das Llrteil im llnierweltsprozeß. Das Schöffengericht Berlin-Mitte verurteilte den Schlosser Karl Chodorowski wegen Raubes zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis, während der Mitangeklagte Peter Plattos mangels ousreichenden Beweises freigesprochen wurde. Es handelte sich, wie erinnerlich, um den Raubüberfall in einem Lokal beim Schlesischen Bahnhof, dem der Baumeister Dietrich zum Opfer gefallen war. Gefährlicher Irrtum. Vierzehn Patienten einer Frauenklinik in Oslo find lebensgefährlich erkrankt, weil sie fälschlich mit einer Säurelösung behandelt worden waren. Die- Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet. V-ra»:worI'. fllr die IBedoItian: gro», NlLH», Berlin; Anzeigen; TTj. Glocke, Berlin. Berlag: Borwäris Verlag G. m. b. S>.. Berlin. Druck: Borwärls Buch-. drulkerci und Berlagsanstalt Paul Singer öc Co.. Berlin SW S8. Lindenstrage 8. Hierzu l Beilog» Immer weiße Zähne.„Ich möchte Ihnen mitlellen. daß wir schon über t S Jahre die Zahnpaste Thlorodont benutzen. Noch nie hat sie uns enttäuscht I Wir hatten immer weiß« Zähne und einen angenehmen Geschmack im Munde, umsomehr, da wir schon längere Zeit das CHIorodont- Mundwasser de- nutzen. Auch benutzt die ganze Familie nur CHIorodont» Zahnbürsten." gez. T. Chudoba, Fn... Man verlange nur die echt« Chwrodont-Zahnpaste, Tube 00 Pf. und 1 M., und«eis« jeden Ersatz dafür zurück. B°rkriea«vr.! I föeilage Montag, 3. November 1930 SprÄbimd StalaiUtfdfa täMi iko*u>ar& Ein Hexenprozeß anno 1611 Aus alten Akten mitgeteilt von Preuße „Den 3. Dcccmbris onno 1610." Zwei Männer und zwei Frauen erstatten bei der Vogtci„A in e l i n g h u s e n Upper T e ch e". zum Landgericht Winsen gehörig. Anzeige gegen die Schwestern Stehrs wegen Zauberei. Wichet Otten-Tadensen sagt aus, daß sein Äind krank gewesen sei und sieben Wochen lang weder Tag noch Nacht habe Ruhe finden können. Gegen ein Entgelt, bestehend aus Roggen, Speck, Brot und Honig, habe Anneke Stehr versprochen, von einem Lüneburger Weibe Hilfe zu holen. Da sei das Kind gesund geworden. Anneke Barg manns erklärt, daß Ehristophcr Nymann, der Ehemann von Anneke Stehrs, sie bedroht habe:„Deine Schwester hat in'mein Land gepflüget wie ein ehrloser Sock, und das soll ihr den besten Ochsen kosten!" Darauf sei der Ochse krank gewordci,>und gestorben. Peter Lüdemanns Frau: „Ich wohnte vor 15 Jahren in Oldendorf. Da kam mir ein Unglück unter meine Kühe, daß ich kein« melkend bekommen konnte, und auch fonsten war an den Tieren kein Gedeihen, sondern eitel Ungemach. Da riet mir des Müllers Christopher daselbst Mutter, ich solle doch Anneke Stehrs gebrauchen und der etwas geben, dann würde es wohl besser werden. Das habe ich auch getan und Anneke, auch Barbara Stehrs, ein ums andere gegeben: Speck, Brot, Flachs, Grütze. Da ward es besser mit unseren Kühen!" Riepk« Luders Hot Ehristophcr Nymann einmal wegen der geringen Schuld von einer halben Mark durch den Bogt pfänden lassen wollen. „Darüber erzürnt"— gibt die Lüders an—„hat die Barbara Stehrs meinem Schweine etwas angetan, daß es wie toll auf dem Rücken gelegen und liegend hat fressen müssen. Gleichwohl ober bat ich die Barbara, dos Schwein zu segnen(besprechen), was sie auch zu dreien Malen tat. Danach ward es besser. Aber nun kam es aus mein Kalb, das Barbara heimlich besehen hatte. Als ich sie herbei- holte, es zu besprechen, hat sie gesagt:„Es ist zu spät, sei du nur zufrieden, daß dir nichts Aergeres widerführet!" Aber als es dann auch auf meine Kühe hat konunen wollen, da hat sie solches gcwchret.". Anmerkung des Vogtes: „Die Barbara Stehrs Hot vor etlichen Jahren bei dem Pastoren in Embsen als Magd gedient. Der hat ein Wech bei. sich zum Hakeien.(Hecheln) gehabt. Die ist cine Erfzauberiu. gewesen und hat unter anderem auch den Pastoren zu Amelinghausen, Herrn kldaiN,' vergeben(vergiftet). Sie ist später zu Winsen verbrennet worden. Barbara ist damals jenes Weibes Schlofgesell gewesen und hat wahrscheinlich die Zauberei von ihr gelernet." Auf Grund der Aussagen setzt der Amtmann K a r st e d t zu Winsen neun Fragen auf, die den beiden inzwischen vcr- hafteten Schwestern vorgelegt werden sollen. Die„bezichtigte" Barbara Stehrs wird zuerst„g ü t l i ch" befragt. Sic bekennt auf die entsprechenden Fragen:„Ja, bött hcw ick und hew dat Böten lehrt von Alheit jheitinann in Dchns.— De Fro in Lünborg is dod.— Bon Peer Lühmanns Fro van Olndörch hew ick lütt bet'n Flaß un dree Eier kregen.— De Lllhmannsche hatt min Swcstcr fragt, off se in Amelinghusen of woll Glück hebb'n Wörden, wenn se darhen trecken dähn.— Ripke Lüders sin Swin hcw ick bött.— Dat Wis in Embsen, de bi'n Paswrn häkel, wör ut Winsen un is verbrennet, dat weet ick woll. Ick hcws von ehr lehrt. Wieder weet ick nicks. Ick hew kecn een wat Leegs(Böses) andan." Das Geständnis genügt den Richtern nicht. Die Angeklagte wird„peinlich" befragt. lieber das„peinliche" Verhör liegt ein doppeltes Protokoll vor, das eine offenbar die Kladde, bei der Folterung uniniltelbar nieder- geschrieben, das andere die Reinschrift. Sie beginnt mit folgenden Worten:„Den 9. Februari anno 1611 ist Barbara Stehrs von Amelinghausen wegen ihrer beargwöhnten Zauberei gütlich befragt und hat nicht geständig sein- wollen, daß sie eine Zaubersche wäre, wüßte auch nichts von der Zauberei, denn die drei Worte Gottes beim Böten: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Wie sie nun nichts mehr in Güte hat bekennen wollen, ist sie peinlich von dem Meister an- gegriffen, befragt und hat nachfolgender Art bekannt..." Und nun folgen siebenunddreißig Geständnisse von Dingen? die die Unglückliche niemals begangen haben kann. Da ist unter anderem verzeichnet: 3. Der Buhle sei ein Jungkerl gewesen und habe einen roten Bart, schwarze seidene Kleider mitplanten güldenen Knöpfen und einen linken rügen Hundefuß, einen weißen Hut mit schwarzem Band und Silberbeschlag, darauf drei weiße Kronsfedern gestccket gehabt. 5. Sie hätte mit ihrem Buhlen am Donnerstag in den Karten gcfpielet. Sie hätte 3, er i Blätter gehabt. Er hätte gewonnen und hätte ihr oft Geld gebracht, beizeiten halbe Taler, beizeiten 2 Schilling und 1 Schilling. 6. Das Geld hätte er aus Sarstedten Hause und aus dem güldenen Stürer in Lüneburg geholct. 7. Saget, ihr Buhle sei auch einmal zu ihr ins Gcfäng- n i s gekommen und habe mit ihr gebuhlet und wäre die Natur kalt gewesen. 8. Bekennet, ihr Buhle hatte ihr Pulver zugebracht, so rot gewesen, wozu er schwarze Hahnen und Hechnenfedern, quode Poggen und Lindwürmer genommen; welche er in seinem Namen auf dem Herde zu Puloer gebrennet und auf dem Holze klein geklopfet. 9. Sie hätte ihrer Schwester Mann, Christoph Nymann zu Amelinghausen, eine fahle Kuh umgebracht, indem sie derselben das Pulver aufs Gras geftreuet, darum, daß er sie ojt geschlagen. 28. Vor 4 Jahren hätte sie mit vorbemeldetem Pulver eine alte Frau, Dorothea Müllers zu Oldendorf, in ihres Schwagers Hause in einem Sonntagmorgen vergeben (o e r g i f t e t), darum, daß sie ihr eine leinene Mütze zu- gesagt und nicht geben wollen. Die Frau hätte eine Zeitlang gequiemet und iväre hernach gestorben. 32. Häkclmaker Niemann zu Amelinghausen hätte sie ein Stück Hafer vor 2 Jahren in des Teufels Namen auf dem Allerhpfe oerderben lassen, weil er sie hätte schlagen wollen. 36. Auf dem Blocksberg hätte sie Ochsenfleisch ge- g essen und Lüneburger Dreilingsbicr' aus Gläsern ge- trunken, und hätten einen hungern Spiel mann mit einem Hummclken(Dudelsack), und einem Bahrtuch gehabt. Wer die 37 Punkte des Protokolls liest, könnte den Eindruck gewinnen, das Schuldbekenntnis sei in aller Ruhe und Gefaßtheit dem Schreiber in die Feder diktiert. Denn die„Untaten" sind nach bestimmten Gesichtspunkten geordnet: als begangen an Bich, an Menschen, an Feldfrüchten und als Beteiligung am Hexensabbat aus dem Brocken. Die bei der Tortur gemachte Niederschrift, die Kladde, sieht anders aus.. Die dort verbuchten, in ab- gerissenen Sätzen gemachten wirren Aussagen, aus denen man die Ängstschreie der Gequälten herauszuhören vermeint, spiegeln in erschütternden Bildern de» rechten Seelenzustand des armen Menschenkindes wieder. Es gehört einige Nervenkraft dazu, dies Schriftstück zu lesen. Das Protokoll wird sofort an den Bogt zu Amelinghausen gesandt, der die Aussagen prüfen soll. Die Angaben der Zeugen stimmen im großen und ganzen mit denen der„Zaubcrschen" überein. Ein reitender Bote bringt das Ergebnis der Zeugen- Vernehmung umgehend nach Winsen. Das Todesurteil wird gesprochen, und bereits am folgenden Tage, am 12. Februar 1611, wird Barbara Stehr vom Scharfrichter zur Stadt hinausgekarrt und öffentlich lebendig verbrannt. Mit ihr wird noch eine tote„Zaubersche" auf den Scheiterhaufen gelegt: Engel Bruns von'Pattensen. Sie war eine .„Hartnäckige" gewesen, hatte trotz heftigsten Foltcrns„nichts Rechtes" bekennen wollen und sollte am folgenden Tage„peinlich und gründlich examiniert werden". Aber dazu hatte sie es nicht kommen lassen, sondern hatte in der Nacht ihrer Qual durch Auf- schlagen des Kopfes auf den Fußboden ein Ende bereitet... Anneke Stehrs erlitt dasselbe Schicksal wie ihre Schwester. Abschied von Wien Ein Stimmungsbild von J. P. Mayer Dieses Stimmungsbild wurde am Tage nach der Ein- weihung des Karl-Marx-Hofcs geschrieben: Gestern wurde hier der Ka r l- M a r x- H o f eröffnet. Der Karl-Marx-Hof ist ein Komplex von Neubauten, in denen für 1400 Familien, für 5000 Bewohner Wohnung geschaffen wurde. I» vier Jahren wurde dieser Bau vollendet. Genosse Seitz, der Wiener Bürgermeister, weihte ihn ein. Der mächtige Bau, der in den modern- sten, zweckmäßigsten Formen errichtet ist, macht«inen ungeheuren Eindruck. Zehntausende haben sich eingefunden, um ihren fertigen Bau zu feiern. Tausende von roten Fahnen und Plakaten(„HochSeitz!" „Es lebe die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung Wiens!" usw.), sozialistische Kampflieder, Ansprachen fassen die Versammelten zu. einer unbeschreiblichen Einheit zusammen:.(iia-neues, kollektives Zeitalter, so sagte ich neulich, steigt herauf. Hierlsind seine ersten Zeichen. Bor drei Jahren hatte die christlich-soziale Presse von der Gefahr des drohenden Einsturzes dieser Bauten geschrieben: Seitz erinnert heute daran, indem er auf die festen Konturen des ge- waltigen Blockes hinweist. Jubel umbraust ihn. Es ist für uns Norddeutsche schwer vorstellbar, wie Seitz, der Führer des roten Wien, gefeiert wird. Die Energien, die ihm diese Massen entgegen- bringen, müssen, scheint mir, in sein Wert strömen. Immer wieder: Hoch Seitz! Arbeiterjugend mit ihren leichten, wehenden roten Fahnen begrüßt ihn: Freundschaft, Freundschaft! Es ist wichtig festzustellen, daß bei dieser Feier nicht nur Arbeiter zugegen sind. Ich sehe auch Angestellte und viel M i t t e l st a n d. Diese Begeisterung, dieses Vertrauen zum Führer gehört durch- aus zur Demokratie. Wir sollen und dürfen das nicht vergessen. Der Führer vertritt die Masse, er ist ihr gewählter Vertreter, der in ihr verwurzelt ist, deren Blut sein Blut sein m u ß. Wie sehr der Karl-Marx-Hof den Geist unserer Epoche der Wandlung zutiefst äusspricht, wurde mir noch deutlicher, als ich am Nachmittag das Schloß in Schönbrunn aussuchte. Das Zeitalter des absolutistischen Machtstaates des 17. und 18. Jahrhunderts hat sich hier seinen Ausdruck geschaffen. Man soll uns doch in der Kunstwissenschaft nicht von den„ewigen" Schön- heitswerten sprechen. Man kann den Karl-Marx-Hof und das Schloß in Schönbrunn schön finden. Damit hat man jedoch beide Bauwerke aus ihrem gesellschaftlichen System, aus dem sie allein verstanden werden können, herausgerissen Es gibt keine frei- schwebende Betrachtung dieser Dinge. Der Karl-Marx-Hof ist der bauliche Ausdruck des demokratischen Massenstaates. Schloß Schön- brunn ist auf den Monarchen zugeschnitten, der das Machtgefühl feiner Einzigkeit auch in seinem Palast bestätigt finden muß. In den Räumen des Schlosses ist dieser Monarch nie vertraut„zu Hause", sie schaffen in ihrer Pracht eine Distanz, das Hofzeremoniell. Es wäre lächerlich zu behaupten, dieser Stil des 17. und 18. Jahr- Hunderts sei nicht formal geschlossener als etwa der Stil der mo- kernen Wohnbouten, bei denen die Inneneinrichtungen vorläufig noch sehr der Außenarchitektur wiederspricht.(Hier ist noch viel zu tun.) Sieht man von der Gloriette über das Schloß hinweg, so liegt Wien oor„ dem Klick dieses Monarchen, sein Wien. Heute ist es unser Wien. Es muß und wird unser Wien bleiben. Der Wahlkampf ist schon eröffnet. Ich notiere hier nur, was uns besonders auffallen muß. Während wir im letzten Wahlkampf das Hauptgewicht auf "Straßendemonftrationcn legten, fällt in Wien zuerst das Plakat als Werbemittel auf. Das hat feine besonderen Voraussetzungen, die bei uns Nicht die gleichen find. Aber es ist auch zu sagen, daß die Wiener Plakate besser sind als die unseren. Ich habe beobachtet, wie das zweite Plakat auf das Publikum wirkte; es behandelt die Strafella-Affärc in einer äußerst wirksamen Bildmontage, die verschiedene Dokumente zu einer einheitlichen Wirkung verbindet. Der Werbemarschall hat eine ganze Reihe von Plakaten vorbereitet. In einem eingehenden Gespräch mit ihm verdichten sich mir eine Reihe von Beobachtungen zu folgender These: Es ist zu bezweifeln, ob bei der deutschen Wahl vom 14. September Pressekonzerne ge- schlagen wurden. Tatsächlich liegt es doch so, daß der Wahlerfolg der Nationalsozialisten durch die Hugcnberg-Presse vorbereitet wurde. Die Auflagenhöhe des„Kleinen Blattes" in Wien, das ein Parteiorgan kleineren Formats als die„Arbeiter-Zeitunz" ist und nicht deren parteiofsiziellcn Habitus trägt, sollte uns ver- anlassen, das so oft diskutierte Problem unserer Parteipresse in Berlin an diesem konkreten Beispiel zu studieren. Alle Wiener Genossen, mit denen ich gesprochen habe, verkennen keineswegs die grundsätzlich andere Situation unserer Partei in Deutschland. Gleichwohl finden sich in der Beurteilung der Dinge bei uns interessante Disserenzierungen. Es würde zu weit führen, hier darüber zu sprechen. Versuche ich für mich, die Summe dieser Wiener Tage zu ziehen, so möchte ich sagen: Der Ausgang des Volksbegehrens:n Oesterreich hat 60 000 Stimmen mehr als bei den letzten National- ratswahlen ergeben. Ein in der Geschichte der Volksbegehren einzig dastehender Fall. Ein günstigeres Borzeichen zur Wahl kann es kaum geben. Für uns bedeutet jede Stärkung unserer österreichischen Bruderpartei einen gewaltigen politisch-moralischen Rückhalt. Die Idee des Sozialismus marschiert, Wien, das rote Wien, ist ihr lebendiges Symbol. Kurt Zchmsltrsr: SpOrtg SpOft! Eine Groteske Jedem richtigen deutschen Sportsmann kann es nur im höchsten Grade peinlich sein, daß seine Vorfahre» einmal das Volk der Dichter und Denker genannt worden find. Was für«in Unsinn, nicht wahr? Haben sie denn dabei irgendeinen Rekord aufgestellt— oder gebrochen? Wieviel haben sie denn in wieviel Zeit gedichtet? Wie hoch oder wie tief haben sie denn gedacht? Da ist nichts Präzises! Wir hingegen heut, wir wissen, was wir wollen: den Weltrekord drücken! Ist das nicht würdiges Ziel und schöner Lebens- zweck? Jawohl, das ist es. Schon die Jugend muß immer intensiver darauf hingeführt werden. In allen deutschen Schulen wird als Morgengesang dem- nächst ein neuer Kanon eingeführt werden: Was schadet's, wenn der Geist verdorrt,. Wir treiben Sport, wir treiben Sport! Natürlich wird trainiert: Wer am schnellsten singt und wer am längsten singt, kriegt einen Preis: eine silberne Platt« oder ein springendes Pferd in Bronze. Früher liefen die Menschen in der Gegend' herum und him- mclten die Landschaft an. Was war dabei für Sinn und Verstand? Wieviel Kilonieter machten sie denn in welcher Zeit? Kein Mensch hat darauf geachtet, und die ganze Rumspazicrerei ist für die Katz gewesen. Die Haare möchte man sich einzeln ausrufen über diesen Unverstand. Nein, wir. Heutigen, wir wissen gottlob, wieviel Kilo- Meter wir laufen. Damit nun wenigstens die vielen Bücher nicht nutzlos voll- geschrieben worden sind, wollen wir sie einem praktischen spart- lichen Zweck zuführen— wir wollen den Lesesport erfinden. Tra!- nii'g wird auch hier zum Ziel führen. Hundert Seiten in fünf Minuten wird man schaffen können, vier Minuten dreißig Sekunden wird eine gute Zeit sein, vier Minuten vielleicht«in Weltrekord. Langstrcckenleser über tausend Seiten, Kürzstreckenleser über eine Seite werden sich spezialisieren. Ich hasse, zur nächsten Olympiade werden wir antreten können. Herrliche Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich: Stabhoch- sprung mit Kurzstrcckenlesen über eine halbe Seite. Zehntausend- meterlauf mit Tausendseitenlesen. Sechstageradrennen mit Geschicklichkeitslesen im Stefan George oder im Talmud usw., usw. PS. Unsere Vorfahren haben doch nicht umsonst gelebt. Briefporto anno 1803 Im Jahre 1803 kostete ein Brief von Berlin nach Bernau 1 Groschen, von Berlin nach Emden 7 Groschen, von Berlin nach Tilsit 7 Groschen, 6 Pfennig. 1850 gab es in Deutschland(Preußen und Oesterreich ausgenommen) noch 15 selbständige Postgebiete. Die Einheitstaxe wurde erst 1868 eingeführt(Groschcnporto). Preußen hatte das Postprivileg des Fürsten Taxis, das aus dem Jahre 1516 stammte, 1867 durch Zahlung von 9 Millionen Mark und Uebergabe des Fürstentums Krotofchin abgelöst. Copytifhi 1930 by..Der Büdierkroii G. w. b. H.". Berlin SW Ol. (24. Fortsetzung.) „Nein, er ist nicht gut auf mich zu sprechen. Er Hot gesagt, ich sei ein unbrauchbarer Aeltester und mache ihm viel zu schassen." Mr. Percra setzte sich. „Irgendwelche Fragen?" sagt« der Richter. „Irgendwelche Fragen?" fragte der Dolmetscher Bobun. „Ich verstehe nicht", sagte Labun. „Takko", sagte dar Dolmetscher ärgerlich,„willst du irgend- welche Fragen an den Kläger stellen?" „Was ist da zu fragen? Er ist ja alle« gelogen, was er ge- sagt hat." Der Richter wartete eine Zeitlang, damit Babun sich«in« Frage zurechtlegen könnte. Er war verstört durch die Still« und die vielen Augen, die auf ihn gerichtet waren. Seine eigenen Augen hefteten sich auf den Djungel jenseits der Bucht. Endlich fiel Babun«ine Frage ein. „chabt Ihr nicht von mir verlangt, ich soll« dem Mudalali meine Frau geben?" „Nein", sagte Babchomi. „Hat der Mudalali sie nicht aufgefordert, in s«in lzaus zu kommen?" „Davon weiß ich nichts." „Wort Ihr nicht böse, als ich die Frau geheiratet habe?" „Nein." Verzweifelt wandte Babun sich zu dem Richter „Hamadoru! Alles, was er sagt, ist gelogen." Der Richter sah ihn voll an, aber Babun konnte nichts in dem unbeweglichen Gesicht lesen: die grauen Augen, die„Katzenaugen" tes weißen Hamadaru verwirrten ihn. „Ist das alles?" sagte der Richter. Bobun schwieg. „Wer ist dieser Mudalali?" fragte der Richter Babehami in scharfem Tone. „Fernando Mudalali, Hamadaru, aus Kamburupitiya. Er ist ein Händler und leiht im Dorfe Geld aus." „Was tut«r augenblicklich im Dorfe?" „Er ist gekomme», um Außenstände einzutreiben." „Wann ist er gekommen?"> „Bor ungefähr einer Woche." „Wann geht er wieder fort?" „Ich weiß es nicht." „Ist er oerheiratet?" t Ich glaube nicht. Ich weiß nicht." ' k kommt Ihr dazu, ihm ein Haus zur Verfügung zu stellen?" „Hamadoru, die kleine Hütte stand leer. Er kam zu mir und bot mich:„Arachi", sagt««r,„ich muß ein paar Tage hierbleiben. Ich brauche ein Haus. Ihr habt da die kleine Hütte, darf ich darin wohnen?" Und so sqgte ich: Worum nicht?" „Wem gehört die Hütte?" „Mir." „Wofür hobt Ihr sie gebaut?" „Sie wurde für diesen Schwager da gebaut, Hamadoru." „Wann?" „Äch weiß nicht." „Was soll da« heißen?" „.Hamadoru, ich glaube im vorigen Jahr." „Euer Schwager lebt ja aber bei seinem Schwiegervater?" „Jawohl." „Warum habt Ihr ihm dann«in Haus gebaut?" „Wir dachten, er würde die anderen Leute aufgeben." „Hot der Mudalali schon früher einmal in dem Dorfe gewohnt?" „Rein." „Habt Ihr bei ihm Schulden?" „Nein." „Der nächste Zeuge." Babehami ging zur Seit«, und der Korala trat aus den Zeugen, stand. Er wurde von Mr. Perera verhört. Er machte seine Au«- sogen sehr ruhig und klar. Er hatte Babehami getroffen, der ihm anzeigte, daß in sein.Haus eingebrochen und daß eine Kiste gestohlen worden sei; er habe die Kiste und ihren Inhalt beschrieben: er habe seinen Schwager im Verdacht gehabt, den der Mudalali nachts aus seinem Hause hatte kommen sehen. Der Korala beschrieb sodann, wie er bei der 5?aussuck)ung die Tücher und Schmuckfachen gesunden hatte, die Babehami, vorheriger Beschreibung entsprachen. Er legte die Sachen vor. Der Anwalt befragte ihn. „Stehen Sie sich gut mit dem Kläger?" „Ich stehe weder gut noch schlecht mit ihm. Ich kenne ihn nur als Aeltesten." „Sind Sie mit ihm zufrieden?" „Ich habe mich beklagt, daß er ein schlechter AAtester fei. Er belästigt mich mit törichten Fragen. Er ist sehr unwissend." Mr. Perero setzte sich. „Irgendwelche Fragen?" sagt« der Richter. „Irgendwelche Fragen?" sagte der Dolmetscher zu Babun. Babun schüttelte den Kopf.„Was ist da zu fragen?" „Kennen Sie diesen. Mudalali?" fragt« der Richter den Korala. „Ich habe ihn in Kamburupitiya gesehen." „Haben Sie ihn schon früher in Beddegama gesehen?" ..Rein." „Wußten Sie, daß er dort war?" „Nein." „Ist Ihnen etwas über ein schlechtes Verhältnis zwischen. dem Kläger und dem Angeklagten bekannt?" „Nein, ich tonnte den Angeklagten überhaupt nicht. Ich wohne viele Meilen weit von Beddegama entfernt." „Der nächste Zeuge." Fernando war der nächste Zeuge. Er trug bei dieser Gelegen- heit«in« schwarze Jacke von europäischem Schnitt, ein rosa S>«md und einen weißen Sarong. Er war ruhig und sehr sicher. Er er» zählte, wie er in der Nacht hätte hinausgehen müssen, wie er dann ein Geräusch im Hofe des Aeltesten vernommen und gesehen ljabc, daß Babun etwas hinaustrug und damit in den Djungel hinter jeinem Haust ging. J.WOOLF „Konnten Sie erkennen, was es war?" fragte der Anwalt. „Nicht genau. Er schien schwer daran zu tragen. Es war ziemlich groß." „Woran haben Sie ihn erkannt: können Sie beschwören, daß «r es gewesen ist?" „Ich kann beschwören, daß es der Angeklagte gewesen ist. Schon an seinem Gang habe ich ihn erkannt, aber ich habe auch im Mondlicht sein Gesicht gesehen." „Stehen Sie sich schlecht mit dem Angeklagten? Schuldet er Ihnen Geld?" „Ich stehe nicht schlecht mit ihm. Ich kenne ihn kaum. Cr schuldet mir Kurakkan, � den ich ihm geliehen habe. Ich hatte vor, ihn zu meinem Gambaraya zu machen." „Seit wann sind Sie in dem Dorfe?" „Seit ungefähr zehn Tagen. Ich versuche, mein« Außenstände hereinzubekchnmen. Die Ernte war sehr schlecht im letzten Jahre, und die Leute sind mir stark verschuldet." Der Anwalt setzte sich. „Irgendwelche Fragen?" sagte der Richter. „Irgendwelche Fragen?" fragte der Dolmetscher Babun. Babun schüttelte den Kopf.„Alles, was sie sagen, ist gelogen", murmelt« er. „Sind Sie verheiratet?" fragte der Richter Fernando. „Rein." „Leben Sie in Kamburupitiya mit einer Frau zusammen?" -.Ja.' „Wie kamen Sie dazu, sich?n der Hütte in Beddegama nleder- zulassen?" „Ich kam mit meinen Außenständen in Schwierigkeiten, weil im vorigen Jahre eine Mißernte nwr. Ich hielt es für sicherer, mich während der Chenazeit in dem Dorfe aufzuhalten und die Rück- Zahlung zu betreiben. Als ich die leere Hütte sah, fragte ich den Aeltesten, ob ich darin wohnen könnt« Er sagte ja." „Kennen Sie die Frau des Angeklagten?" „Ich habe sie einige Male gesehen. Ihr Hos stößt an die 5)ütte. Sonst kenne ich sie nicht." „Der nächste Zeuge." Der Mann, der die Kiste gefunden hatte, sagte aus. Dann wurden andere Dörfler aufgerufen, die die Sachen, die in Silindus Hütte gefunden waren, als Babehomis Eigentum erkannten. Keiner wußte etwas von einem gespannten Verhältnis zwischen Babun und dem Aeltesten oder von einer näheren Bekanntschaft zwischen dem Aeltesten und Fernando. Damit war die Vernehmung der Zeugen auf seilen des Klägers zu Ende. Der Richter wandt« sich dann in einer längeren Ansprache, die übersetzt wurde, an Babun. Er solle jetzt irgendwelche Zeugen rufen lassen, die für ihn aussagen könnten. Es stehe ihm auch frei, selbst in den Zeugenstand zu gel)«» und Aussagen zu mochem Wenn er sich dazu entschließe, müsse er es sich aber gefallen lassen, von Bobs- homis Anwalt in ein Kreuzverhör genommen zu werden. Tu« er es nicht, so würde er(der Richter) aus seiner Weigerung seine Schlüsse ziehen." Babun verstand nicht, was das heißen sollte. Er antwortete nicht. „Nun", sagte der Dolmetscher. „Ich verstehe das nicht." „Willst du selbst aussagen?" „Wie der Richter Hamadoru es wünscht." „Erklären Sic ihm das genauer", sagt« der Richter.„Nun passe einmal auf. Da ist die Aussage des Korala, daß er die Sachen in deinem Haus gefunden hat. Es ist nicht erwiesen, daß er ein vor- eingenommener Zeuge ist. Dann haben wir die Aussogen von Fer- nando, daß er gesehen hat, wie du nachts von dem Haust des Klägers kamst. Du sagst, daß Fernando hinter deiner Frau her ist und der Aelteste mit ihm iin Bunde steht. Bis jetzt ist nichts von aUedem erwiesen. Nach deiner Darstellung müßten die Sachen in böser Absicht von dem Kläger oder Fernando oder von beiden in deinem Hause versteckt worden sein. Nun höre zu, was ich sage. Hast du dafür irgendwelche Zeugen oder Beweist?"(Fortsetzung folgt.) e Buch ißilansE der HadikriegssLeH Man will sich klar darüber werden, welche Umschstlstung der Kräfte nach dem Krieg« stattgefunden hat, wie da» Gesicht der Gegenwart aussieht, wohin die Entwicklung zielt. Der Romancier versucht ein« Bllanz aus der Fülle der Ereignisse zu ziehen, einen Sinn in dein Getriebe zu entdecken und Gerichtstag zu halten. Der. Roman wird zu einer Kritik an der Gegenwart. In dieser Art find allerdings die beiden vorliegenden Nachkriegsroman«, nämlich Ernst G l ä f e r s„Frieden"(Kiepenheuer-Berlag) und„D e r Frieden brach aus* von Heinz Liepmänn(Phaidon- Verlag, Wien) nicht gehalten. Ein kleinerer Ausschnitt steht zur Diskussion, und die Ereignisse werden eher impressionistisch onge- deutet, als in ihren tieferen soziologischen Beziehungen gesehen. Den Autoren genügt eine Skizze der äußerlichen Vorgänge. Es ist November lSl8. Di« Heere kehren zurück. Die Republik ist ausgerufen und es beginnt der Kampf der radikalen und der staotserhaltenden Elemente. Als Schauplatz wird eine süddeutsche Residenzstadt gewählt. Gläser erlebt nun diese Kämpfe um die staatlich« Autorität in den Empfindungen eines Sechzehnjährigen. Ein Erinnerungsbild wird lebendig, und der Autor will dieses Bild, ungebrochen durch nachträgliche Reflexion, formen. Ein paar starke Moment« hosten im Gedächtnis, genau wie in seinem ersten Buch „Jahrgang 4302". Diese einzelnen Vorgänge, manche grausam scharf in ihrer unerbittlichen Härte herausgemeißelt, ergeben durch ihre Wider- spiegelung in der Seele des jungen Menschen ein Porträt der im Kriege aufgewachsenen Generation, ein Porträt von ihren Bestrebungen, ihrem Wünschen, Denken und ilfrem Empfinden. Es ist«ine Generation, die nicht weiß, wohin sie gehört, deren Götter zerbrochen sind und die keine neuen Gestade erblickt. Einige der aus ihrem geistigen Erdreich gerissenen Bürgerssöhne gehen zu den Spartakisten und erschöpfen sich später in unfruchtbaren Kunst- revolutionen. Zweisler an allen Wertungen erhalten keine Antwort auf ihre Fragen, und viele dieser Hamlets bilden heut« di« Gcfolg- fchaft des Hakenkreuzes. Zersetzung der aufwachsenden, großbürgerlichen Jugend bei Gläser. Zersetzung des Mittelstandes durch die Inflation bei Liepmann. Ist Giäser schon stark auf Momentphotographic eingestellt, so verzichtet Liepmann aus alle Bemühungen, die Inflation in ihren wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu gestalten. Er betrachtet sie als ein Phänomen, das in ter Wirkung verheerend ist und vor dem Begriffe wie Moral und Anständigkeit ihren Sinn verlieren. Ein Taumel erfaßt die Menschen, und dieser Taumel ist der Gegenstand der Liepmonnschen Dantellung. Die Inflation als Auslöserin schlummernder Instinkte, als Zauberin, die die Menschen vmoondeU. Im Grund« eine Familiengeschichte, die ihr Gesicht von der Inflation erhält. Wie in Liepinanns„Hilflosen" ist auch in dicstm Roman neben faszinierenden, von Tempo beschwingten Szenen viel Konstruktives zü finden. Die Menschen werden manchmal bewußt ins Grotesk« getrieben, sie erscheinen oerzerrt sast aus einer Freude an diesem Vorgang, während Gläser gerade durch die Nüchternheit seiner Gestaltung Typen aus Fleisch und Blut schojst, die als durchaus repräsentativ bewertet werden können Trotz großer fornioler Unterschiede haben beide Autoren dies gemeinsam: Ihre Leistung wirkt am intensivsten in kleinen Szenen, die einen Borgang visuell erfassen. Ihre Darstellung gibt Gegen- ständliches, und in der Anordnung des Stoffes liegt bereits eine Kritik. Es sind keine großen Zeitromane, aber Romane, die den Irrsinn bestimmter Zeitläust« belichten, Beiträge zu eine? Geschichte der Nachkriegszeit. Felix Schcrret. WAS DER TAG BRINGT VMiiininuiiiiiimmuiiuuuuuiiiiiiuimiiittunmtiujnuiKiunimiuiiiuumuMuuiiiiiuouuuiuuuiuiiuiiiuiuiiunuiiiiiniiiiiiiiiiiiimiuiiiiuniiHnuiiniwuiiinii Tennis in China In Itschang fand ein Tennisturnier statt(ist in einer englisch- ostosiatischen Zeitung zu lesen), bei welchem ein Chinese als Sieger hervorging. Das ist eine ziemlich belanglose Notiz: aber nur für den, der Itschang nicht kennt, von der Zeit her,«he dort die euro- päische Zivilisation ihren Einzug hielt. Da wohnten in Itschang an die 30 000 Chinesen und ein englischer Zollinspektor namens Umvin samt Frau Gemahlin, die sich in diesem„gottverlassenen Rest" über die Maßen langweilten. Es gibt freilich auf der anderen Seite des Ucknise(Itschang liegt 1000 Meilen flußaufwärts von Schanghai) einen sehr interessanten Berg, der der Pyramide des Cheops gleicht und ein Buddahkloster auf de,».Rücken trägt. Und etwas weiter oben stehen, den Fluh in ein enges Bett zwängend, die„Säulen des Himmels", zwei Loreleyfelsen, auf denen es wilde Affen gibt, die, wie die Chinesen behaupteten, Felsen aus vorbei- sahrendc europäische Dampfschiffe herobwerfen. Auf den Fels- plateaus stehen ferner in waghalsigster Stellung kleine Chinesen« dörfer, in welchen man die Kinder anbindet, damit sie nicht hin- unterstützen. Seinerzeit band man irur die Knaben an(um die Mädchen war es nach der alten chinesischen Weltanschauung nicht weiter schade)— aber unter dem zivilisatorischen Einfluß Europas werden wohl heute selbst die Mädchen angebunden. Was aber Mrs. Unwin anlangt, die sich, wie gesagt, sehr langweilte, so hatte sie sich in Itschang einen Tennisplatz airgelegt und zu dessen Eröffnung Freunde von Honkau herübergeladen. Die Freunde saßen, wer nicht mitspielte, im Kreise um den Platz herum und außen standen Chinesen und betrachteten die Vorgänge mit Staunen. Ein Chinese qlten Stiles war, wenn nicht mehr, so jedensolls damals ein Mann von Ruhe und Würde. Heftige Bewegungen betrachtete er als Zeichen schlechter Erziehung. Er rannte unter keinen Um- ständen, wenn auch ein noch so heftiger Platzregen losging, und lieber als über eine Wasserlache zu springen, hätte er sich ver« prügeln lassen. Sin Dörfler vom Felsplateau, als er Mrs. Unwin mit großem Eifer hin- und herlausen und-springen sah, schüttelt« ben Kops.„Wieviel bekommt die weiße Frau dafür", fragte er schließlich einen Chinesendiener der Inspektion,„daß sie so herumspringt."„Gar nichts", sagte dieser,„sie hat genug." Der Dörfler war für eine Weile fassungslos, dann fragte er den Diener: „Warum läßt sie denn dann nicht dich für sie herumspringen?" Und heute hat ein Chinese das Tennisturnier gewonnen: welch langer Weg bis dahin. hetze. Schutz vor Pest Die Pest wird durch Rotten übertragen. Deshalb werden insbesondere all« Schifte, die in einem Welthafen, etwa Hamburg. ankommen, genau untersucht, zumal wenn sie aus verseuchten Häsen kommen. Wenn man die Pest verhindern will, müssen die Schisse- rotten restlos vernichtet werden. 1923 wurden in Hamburg 376 Dampfer mit der übevaus giftigen und schnell wirkenden Blau- säure„ausgegast". Bon 1900 bis>929 sind nach Angaben von Prof. Dr. R. O. Reu- mann insgesamt 98 830 Ratten und Mäuse untersucht worden. Ei« stammten von 6466 Schissen. Die Untersuchung im Pestlaboratorium ergab 669 mit Pest behaftete Ratten au« 64 Schiffen. Auf einem Schisse fand man überhaupt nur zwei Ratten, während im ent- gegengesetzten Falle 902 Ratten gezählt wurden. Auf einem Schisie fand man 433 Ratten, von denen 81(!) Pestbatterien enthielten' In den oben erwähnte» 30 Berichtsjahren kam viermal Pest bei der Schiffsbesatzung vor. Von diesen vier Personen starben drei. Nur ein Fall kam zur ijeilurig. Blech! Die Leute, die sich durchaus die Brust mit Blech beschlogen müsse», scheinen nicht oll« zu werden. Sonst könnte man jenen Berliner Hosjuwelier(ja, so nennt er sich noch immer!) nicht verstehen. der von Zeit zu Zeit in den geeigneten Blättern folgendes Inserat losläßt: Kriegsorden. Medaillen, Ehrenzeichen des In- und Auslandes in Original und Miniatur. Ordensbänder,-ketten,-bleche,»banddekoratidnen/ Schützenorden/ Schützenmedaillen/ Schützenketten/ Fahnennägel. Fohnenkränze, Fahncnträgsrbrustschilder/ Film-, Theater-, Kegler-, Karnevalsorden. Hosjuwelier L. L.... Ordenfabrlt, Berlin... Der Herr Hofjuwelier sollte seinen Wcrbefsldzug für Karnevals« blech segeln lassen unter dem Motto: „Von der Wiege bis zum Grab Schnall' dir nie die Orden ab!" Hallenschau der Arbeitersporiler Zum zweiten Mole in diesem Jahre veranstalteten gestern die Arbcitcrsportlcr des 1. Kreises(Berlin- Brandenburg) im Arbcitcr-Turn- und-Sportbund ihr großes Hallensporttest im Sportpalast. 8000 Zuschauer, Parterre und Ränge überfüllt, ein auserlesenes Programm, das neben kampfsportlichen auch sportlich-unterhaltende Darbietungen brachte und die durch Franz Künstler betonte Verbundenheit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft mit den bundestreuen Sportlern: Das war das Signum des Festes! Das war tuieber ein Hallensportfest, dos Begeisterung aus» löste und einen tiefen Eindruck von de» Leistungen und dem hohen kulturellen Stand der Arbeitersportbewegung hinterließ. H a m- bürg, Leipzig, Kottbus, Guben, Forst, Garde* legen, Stettin und R o h n e O./L. hatten die Besten ihrer Arbeitersportlermnen und Sportler nach Berlin gesandt, um im Wettkampf mit den hiesigen Arbeitersportlern di« sportlichen Kräfte zu messen. Die Organisation des Festes war vorzüglich, Wetl- kämpfe und Vorführungen wurden in mustergültiger Weise und auf die Minute pünktlich durchgeführt. Beifallsstürme durchrasten das Haus: Freude und Jubel bei Zuschauern und Sportlern. Mit Beginn des Festes ist das gewaltige Rund des Sport- Palastes bis auf den letzten Platz von Zuschauern gesüllt. Die Brüstungen der Galerien sind mit rotem Tuch geschmückt, Trans- parent« geben die Losungen der Arbeiterklasse wieder..Proletarier aller Länder vereinigt euch!— Jeder Sportler muß eln Kämpfer für den Sozialismus sein!" und andere Parolen leuchteten in weißer Schrift auf rotem Tuchgrund mahnend auf die Festteil. nehmer nieder. Pünktlich um ld Uhr nimmt das Musikkorp» im Jnnenraum Aufstellung, Bundesmärsche erklingen, der Ausmarsch beginnt: voran die Kinder, ein riesiger Wall von roten Swrmfahnen folgt, dahinter die schmucken Sportlerinnen und die schlanken, sehnigen, muskelgestählten Sportler. Tausende Sportlerinnen und Sportler sind im Jnnenraum des Sportpalastes aufmarschiert,«in prächtiges, unvergleichlich schönes Bild junger, gesunder Menschenkinder, ver- bunden im Ziel, der sozialistischen Menschheitskultur den Weg be- reiten helfen! Der Borsttzende der Turnersparte, L e w i n, begrüßte die Anwesenden und die Bertreter der Scodt Berlin, der Partei, der Gewerkschaften sowie die auswärtigen Sportlerinnen und Sportler. Dann spricht der Vorsitzende der Berliner Sozialdemokratischen Partei, Reichskagsabgeordneler Iran; Künstler: Zum S. Hallenfportsest des 1. Kreises des Arbeiter-Turn- und Sporlbundes entbiete ich freundliche Grüße der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Berlcns. Den proletarischen Klassen- und Freiheits- kämpjer zecchnen aus: Zielklarheit, Energie und Zähigkeit! In politischen und wirtschastlichen Kämpfen hoben dies� Eigenschaften die ersten Voraussetzungen geschaffen zum Erfolg und Aufstieg der Arbeiterklasse. Die Arbeitersportler standen in Freud und Leid trotz vieler Anfeindungen immer zur sozialistischen Sache. Auf Gedeih und verderben waren Partei, Gewerkschaften und Sport- oraarstsolionen im alten Obrigkeitsstaat verbunden. Sie waren eine Schicksal-gemeinschasl. Und heute? Unsere Bundesgenossenschaft, liebe Sport- genossinnen und Sportgenossen, ist abermals zu einer Schicksals- gemeinschoft geworden. Roheit und Brutalität, der deutsche Faschismus, rüstet zum Schlage gegen Republik und Arbeiter- schaft. Lüge und Verleumdung sind die Waffen der Nationalisten im politischen Kampf. Generäle und Exprinzen als Führer der Nationalsozialisten wollen den deutschen Arbeiter vertrösten aus , die Errichtung eines Dritten Reiches. Doch mögen jene schreien und toben! Eine Bewegung, die an ihrer Spitze Psychopathen wie den Fememörder Edmund Heines hat, wird aus die Dauer keine Erfolge erringen. Die sozialistische Arbeiterbewegung ist in allen ihren Zweigen zugleich eine große kuliurbewegung. Die Arbeiterschaft zu stählen, körperlich und geistig gesunden helfen, ivas der Kapitalismus krank gemacht hat, das ist die große Aufgabe unserer Arbeiter» sportler. Der Kapitalismus frißt und frißt, er fordert seine Opfer, menschliche Arbeitskraft und tausendfach das menschliche Leben. Gerade die Opler von Alsdorf und Maybach mahnen uns, nicht zu erlahmen im Kampf gegen den Kapitalismus für die politische und ökonomische Besreiung des Proletariats. Die nächsten Stunden werden Zeugnis ablegen von eurem Können auf sportlichem Gebiet. Wenn uns der Tag aufgezwungen werden sollte, wo wir die Rechte der Arbeiterschaft zu verteidigen baben werden, dann stehen bestimmt die Arbeiiersportler an der Seile der Sozialdemokratie. Meinen Sportfreunden rufe ich zu Beginn de, Hallensportfestes ein dreifackies.Frei Heil" zu. Di« Musik stimmt die Internationale an: stehend singen olle Anwesenden die erste Strophe. Kaum hoben di« Sportler den Jnnenraum verlassen, ertönt der erste Startschuß und nun entwickelt sich»in sportliches Leben und Treiben auf der Kampfbahn, da, die Begeisterung der Zuschauer von Wettkamps zu Wettkamps, von Vorführung zu Vorführung, in gewaltigem Maße steigert. Einen ästhetischen Genuß bot da, Barren- turnen der Frauen, die mit schlanken, wundervollen Körpern di« Holm« der Barren bei ihren Hebungen durchwinden und so hie schwersten Barrenübungen in leicht flüssiger Weise vorführten. Fast lebensgefährlich sah das Pferdspringen der Manner aus. Gleich fliegenden Menschen setzten si« über da» Pferd in Hock- und Grätsch- und Hechtsprüngen bald quer und der Länge noch hinüber. Ja. das Gerät genügte nicht, zwei Turner fitzen aufrecht auf dem Pferd und nun geht's in eleganten Sprüngen auch da noch hinüber. Allerliebst waren die k.indervorführungen. Der Raum war fast zu klein, so zahlreich waren sie angetreten. Die Jungen und Mädel?, sie hüpften und tanzten und sangen, daß sie bald di« Herzen der Zuschauer sich eroberten. Etwa» Neue» brachten die Ruderer der„C o l l e g! a", di« in ihren Bor- führungen in feiner Weise di« Bewegungstempi, des Ruderns zeigten. Der Reigen der 12„Soli"«Radfahrer war fahr«xakt und fehlerfrei gefahren. Stürmischen Beifall lösten die Gymnastik-Vorsührungen der Männer und Frauen aus, dl« Athleten zeigten Artistik, wie sie auf erstklassigen varietibühnen kaum besser gezeigt werden kann: die Handballer führten ein lebendig flinkes Spiel vor: das Hochspringen der Männer und Frauen fand lebhaftesten Anklang, besonders ging das Publikum bei den Flieger- und Punkte-Wettkämpfen der Radsahrer mit Die best« Vorführung des Tages war di« vom A S V. Neukölln gezeigte .moderne Gymnastik", di« in solcher Vollendung gezeigt wurde, daß alles in ihre» Bann gezogen wurde. Das größte Interesse wurde den leichtathletischen Wettkämpfen entgegengebracht, di« außerordentlich spannend Verliesen. Oer sportliche Verlauk Punkt 11.50 Uhr ging die groß« Jagd in den Vorkämpfen las. Vorlauf auf Vorlauf trommelte über die Holzbahn. Jeder mußt« schon jetzt aus sich herausgehen, wenn er sich für die Entscheidung durchsetzen wollle. So behaupteten sich dann zu den Endkämpfen meist auch die Sportler, die in'der Vorschau erwartet wurden Gleich nach dem Einmarsch brachte die lOXZ-Runden- Stafette in den Endkämpfen Leben in das vollbesetzte Haus. ASC. Hamburg konnte den ersten Sieg landen. FTGB. Süden und Oberspr« zwangen die Hamburger jedoch, besomders in der ersten HAite zur Entfaltung ihres ganzen Könnens. Hierauf brachte das Barrenkurnen der Frauen die erst« Sondernummer. Erstklassig« Leistungen brachten ihnen den verdienten Beifall. Else Schefers forderte beim freien Handstand den ganzen Sportpalast zum Applaus heraus. Da» anschließend« S0t>-Bleter.Zugendlousen war«in sehr schönes Rennen, bis in die letzt« Runde lagen die sechs Spitzenläufer zu- sammen. Der während der ganzen Strecke führende Häuser, ASV. Neukölln, verteidigte seine Position, hart bedrängt bis ins Ziel. Der Kreisleiter Scholz verstand«s, mit 200 Sindern eine lebendige und lustige Iverbeeinlage zu bringen. Vielen Eltern dürste der Zweck klar geworden sein. Hoffentlich profitieren die Arbeitersportvereine aus dieser Absicht. Nun kamen die Sprinter zur Geltung. Di« in den Endresullaten vergleichbaren Zeiten lassen deutlich die Gleichwertigkeit erkenn«». Das Zielgericht hatte bei den kurzen Abständen ein« schwer« Ausgal-e. Nach dieser Hochspannung erfreuten ein sehr gut gefahrener Forbenreigen von„Soli" das Auge: sie können etwas, das muß man gestehen. In der folgenden ; S. LLseet-Luikenwalde 8,3.- IvB0.Metee.Louf. offen. J. Westphal-ALC. Ham- bürg 2; 43,»; 2.»olck-SleUln 2:54,2; 3. BadUe.Nordrinq 2:533.— 1««.Meier. Lauf, Einladung. 1. Huwe-AL«. Berlin 2:48,2;.2. ftittler-Oflrinfl 2:48,4; 3. Bra»n.3>S10N Meter. 1. Henlcknl.Hamburg.Langenliar» 9:26; 2..Älabs-Heiuiigsdars 9;37,2; 3. Brimner-Ostring 1(!:3.>,4.— 4 mal 400. Meter- Staffel. 1. AL«.-«erlin II 4:2: 2.«SE..«erIi» lll 4:8; 3. Nord- ring. Sport II 4:8,2.— 10 mal J Nnndr.«lasse f.), 9l£®..91nilöjln; 2. NM- mersdoos.— 10 mal 2 Runden,»lasse B. 1. RSC.-Hambneg 6:46; 2. IZTcs-B.. Obersprre 6:48; 3. tzTlS«.. Süden 6,58.— 10 mal 50.Metee.Pe»deIst-se>te, »lasse kl. 1. Nordring Turner l;4.8; 2.«SB. ReulMn II 1:7,4; 3. Schöne- berg 1:8,4.— 10 mal 50.Metee.PendeIs1asetie.»lasse B. 1. Süden-Spert lOü.fi; 2. 3ias..iv 1:05,4; 3. z'I«B..Mtit'e 1:06,2.— 10 mal.lO-Melee-Vendelflasette. »lasse A. 1.«SC. Berlin' I 59,8; 2. Nordrina-Spor, 1:1,7; 3. ASC,.» lBrnü breite juriitf).— 20 mal 2 Runden, l. AST.-Berli» I 18:11,7; 2. R-rdring� Sport 13:24,7; 3. Wedding 14:02.— Hvchsprun«. Einladung. I.©öesch-ilcü Berlin 1.65; 2. Wilde�Zorst 1,60; 3. Haub.obcrsprce 1,60.— Frauen. 10 mal SO-Meter-Bendelstafelte. 1. RSC..Berlin 1:10,8; 2. Weddina 1:11,8: 3, Oftm 1.18. —»leine Olampifdie, Einladung. 1. Wedding 1:4.4; 2. Süden 1:4 4; 3. Nord- ring l;4L.— Hochspeung. Einladung. 1. 6. SIeuI-Often, Weidlich-Moabu je 138; 3.»ergrüben. Sport 133.—.Engend. 800.Me1ee.L-us. 1. Hanler-RSB. Reulölln 2:17; 2. Schmaer.Hamburg!» 2:17,7; 8, Sirselorn-Zehlendorf 2:183. — 10 mal I Runde, l. Wedding 3:18.8: 2. Schöneberg 3:20,8: 3. Nordring- Turnrr 3:24,7.— Miinner. 4 mal 400 Meier. Einladung. 1. ÄSE..Berlt.n I 3:5»; 2. Slellin 4:4,2: 8. Rordringb-port 1 4:4,6. -ARBEITER. TUSSBALL Lichtenberg II— Eiche-Köpenick 1: 1 Der in den letzten Tagen heruntergekommene Regen brachte es mit sich, daß«ine große Anzahl von Plätzen spielunfähig war. Die Plätze, di« nach ihrer Loge und Bodenbeschaffenheit trotzdem noch spielsähig waren, glichen schon mehr Moorbädirn. So auch der Platz in Lichtenberg, Ncmnannenstraß«. Trotzdem trugen Lichten- berg 1! und Tichc-Köpenick das lällige Verbandsspiel aus. Wie schon das Resultat zeigt, ließ der Bod.'n ein ordliung«- mäßiges Spiel nicht zu: Eiche hatte außerdem noch das Pech, nur mit zehn Mann' spielen zu müssen, die Lichlenberger waren dadurch in großem Vorteil. Die Köp«nicker ließen das schön« Kombinations- spiel, da» ihnen sonst zu«igen war, gänzlich vermissen. Schon m der 7. Minute gelang«s Lichtenbergs Halbrechten, d«n Ball zum erstenmal über di« Lini« zu befördern. Di« Köpenicker setzten nun allee daran, den Ausgleich zu erreichen, der ihnen auch durch«inen IDMeter-Ball gelang. Nach der Pause glaubte man im allgemeinen, daß Eiche jetzt gewinnen würde, di« Enttäuschung ließ allerdings nicht lange aus sich warten. Wohl drückte Eiche einig« Zeit, an der guten Hintermannschaft der Lichtcnberger scheiterten jedoch alle An- griffe. Beim Schlußpfiff lautete das Resultat 1:1: Eich- war wieder einen Punkt lo«. W e i t e r e R« s u l t a t e; Schweisstcrnc gewann gegen Straus- berg mit 5:0, Nowawes gegen Butab mit 4:1, Herzfelde gegen Osten 7: 0. Kladow gegen Rathenow 2: 5, Britz 88 gegen Boruffla 0; 3, Saxonia gegen Eintracht-Reinickendorf 5; 4, Briefelang gegen Sokhl 2: 0. Kladow 2 gegen Grebs 1: 0. Schöneberg 2 gegen Herz- ferne 2 1:1, Britz 2 gegen Osten 2 9:1. Brieselang 2 gegen Skol2 1-4, Lichtenberg N tvi'gendmonnschaft) gegen Lichtenberg I 2:l1. Deutschland� Oesterreich Wien, 3. November.(Eigenbericht.) Am Sonnabend und Sonntag fanden in Wien zwischen Deutschland und Oesterreich zwei A r b e i t c r s u ß b a l l- Länderspiele statt, die Oesterreich mit 3: 1 und 8: 2 gewinnen tonnte. Skuo Anlaß dieser Spiele weilt« der Reichstagsabgeordnete und Präsident der?lrbeiterIportintcriintionnlc, Geliert, in Wien. In einer Ansprache überbracht« er die Grüße des Bundesvorstandes de» Arb«iter>Turn- und Sportbundcs von Deutschland und die der Sportinternotional«. Gcllert erklärte, daß do» Ergebnis der Wahlen in Oesterreich mit großer Spannung erwartet werde. Die ,,S Stunden et t» Rausch-Hürtgen gewinnen überlegen! In Sportpalast gab«s am Sonnabendabend als letzte Vorprüfung zu dem. am Freitag beginnenden Sechstagerennen ein Drei stunden- Mannschaftsrenne», das, besetzt mit drei- zehn Paaren, einen recht leblzaften Verlans nahm und verschiedene Akteure in Höchstform sah. Das Rennen war der Mannschaft Rausch-Hürtg« n. nicht zu nehmen. Sie belzerrfchten die Si- tuation in jedem Moment und ruhten nicht eher, als bis sie sich mit einem Rundenqcwinn gegen das übrige Feld der alleinigen Führung bemächtigten, Ganz mit Herz fuhren auch di« für Berlin neuen Holländer van H o n t- v a n der Heyden. M i e t h e halte Pech. Der Berliner, der mit dem Luxemburger Frantz gepaart war, brach bei einein Sturz das Schlüsselbein, kann also das Sechstagerennen nicht mitbestreiten. Im Verlauf des Rennens kchieden noch Vestetti, Jan van Kempen und Frantz au». Die Sieger Roufch-Hürtgen legten In den drei Stunden 124.1kW Kilometer zurück und sammelten 39 Punkte. Ein« Rund« zurück folgten als zweite Tietz-Ehmer mit 55 Punkten vor Krllger-Funda(41) und Dorn-Nickel(13 Punkte). Z w« i R u n d e n z u r ü ck: 5. van 5)out- van der Heyden 49 Punkte: 6. P. van Kempen-Mandelkow 24 Punkte: 7. Rieger-Kroschel 9 Punkte. Drei Runden zurück: 8. Engel» mann-W. Nickel 27 Punkte. Vier Runden zurück: 9. Sku- pinsti-Siezel 29 Punkt«: 10. Goossens-van Ncvelt« IS Punkte Der tänderfußballkampf Deutschland— Norwegen der bürger- lichen Fußballinternalionale endete in Breslau vor 40 000 Zuschauern unentschieden 1:1. Stltrackenkurfe de» ersten kreise» im A.-T.- u. Sp. B. und des „Touristenverein» der Naturfreunde". Beginn sämtlicher Kurse heut«, 20 Uhr, Aula, Donziger Str. 64. Anmeldungen dort. Rundsuntsport Dienstag. 4. November. 5.30 Uhr. spricht im Rahmen der Jugendstunde Dr. med. Hans Hoste über das Thema: „Was der Sportarzt dem jugendlichen Sportler zu sogen hat."— Am Freitag, 7. November, wird das 1. Sechstagerennen dieses Winters im Sportpalost gestartet. Die Funkstunde überträat jeweils interessante Ausschnitte und hat zu diesem Zweck einen ständigen Mikrophondienst im Sportpalast eingerichtet.— Am Sonnabend, 8. Novcmbtt. nachmittags 4.05 Uhr, spricht Dr. Ehristian Pseil über da? Thema:„Möglichkeiten und Grenzen des Trockenskilaufs." Bestrasle Roheit. Einer der bekanntesten Fußballspieler Ber- lins, der repräsentative Verteidiger Emmerich von Tennis- Ba- russia, ist wegen rohen Spiel« mit sosortiger Wirkung auf«in Jahr disqualifiziert worden. pommersche Kulturidylle Das platte Land als Stiefkind der öffentlichen Verwaltung Ein Parteigenosse aus Hintcrpoimnern jchreilit uns: Di« Tatsache«in«r nnmer mehr zunchmenden Landflucht ist bekannt, und würden Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot in den Städte» nicht für viele Landbewohner abschreckend wirken, so wäre aller Wahrscheinlichkeit nach'mit einer weit stärkeren Entvölkerung und Verödung des platten Landes besonders im Osten zu rechnen. Dabei ist es doch zum mindesten fraglich, ob die heutig« Massen- ansiedlung in Groststädtcn allein vom Standpunkt einer vernünftigen Wohnungskullur und Hygiene gesund ist. Aber ach, wie sieht es denn mit der H y g i e n e, den Verkehrs- Verhältnissen und sonstigen Errungenschaften modernen Lebens auf dem Lande noch vielfach aus— besonders auch bei uns in Hinter- pommcrn! Hierin haben wir sicher neben anderen , die Ursachen der Landslucht zü suchen. Wenn wir die Zeitungen rühmen hören, daß man jetzt vermittels der Äatapultslugzeuge mit der„Bremen" kauni mehr als vier Tage zur Beförderung von Post auf der Strecke New Vorl bis Berlin gebraucht, dann kann sich mancher Landbewohner sicher eiVtes wehmütigen Gedankens nicht erwehren, warum wohl sein Brief bis zum nur wenige Kilometer entfernten Nachbardorf noch drei bis vier Tage gebraucht. Nicht jeder Leser weiß vielleicht, daß die Reichs post als Vcrkehrcanstalt eines demokratischen Staates dafür sorgt, daß in einem von der Post sticsmütlcrlich behandelten Dorf zwar d e r R i l t e r g u t s b e s i tz e r täglich früh und auch Sonntags extra durch eine» Postbeamte n feine Postsachen zugestellt erhält, während die übrige Bevölkerung ihre Post erst nachmittags ntid am Sonntag gor nicht erhält.— Warum sorgen die Ler- ntaltiingsbehörden nicht schon im Interesse der öffentlichen Sicherheit mlid Wohlfahrt dafür, daß jedes Dorf eine öffentliche A e r ii f p r e ch st e 1 1 c haben muß? Was macht der Landbewohner einer abgelegenen Ortschaft sonst, wenn plötzlich Menschen oder Vieh erkranken, oder bei einem Unglücksfall, um rasch ärztliche Hilfe heranzurufen? Wie nützlich könnte solche Sprechstell« NKinchmal im Fall« einer Feuersbrun st sein! Wie arg sieht es manchmal mit den W e g e v e r h ä l t n i s s e n, besonders in der nassen Jahreszeit, aus. Nlir ein Beispiel für die„modernen" Verkehrsoerhältnisf« auf dcni Lande aus meinem efgencn Erfahrungskreis. Da beträgt Z.B. der nächste Weg zwischen zwei benachbarten Dörfern(Entfernung in der Lustlini« knapp T Kilometer!) rund 18 Kilometer, nur darum, weil ein kleiner Fluß die Grenze der Dorfgemarkungen bildet, über den es dort einfach keine Brücke gibt. Darum der schöne Umweg!— Bei solchen Verhältnissen wird auch di« Tatsache nicht s«hr überraschen, daß es Dörfer gibt, di« keinen eigenen Friedhof haben, so daß der Leichenzug auch bei Wind und Wetter über Land wandern oder fahren muß, um in dem nächsten Dorf die Leichen zu beerdigen. Wenn man hört, daß sogar Kleinstädte mit Unterstützung der Regierung und des Kreises große Schwimmbäder und der- gleichen einrichten, so kann man sich darüber nur freuen. Aber warum ist kein Geld da, um in so vielen Dörfern auch nur eine ganz primitive vadcansloll oder Badegelegenheit einzurichten. Oder fällte das Baden nur für Städter nützlich und notwendig sein? Müßte nicht jede neuerbaute Landschule, wie es. ja hier und da schon der Fall ist, zum mindesten eine einfach« B ra u s e b a d e c i n r i ch t u n g für die Kinder und die übrige Bevölkerung haben, sofern keine anderweitige Badegelegenheit �besonders auch für den Winter) vorhanden i�t? Und was fängt die schulentlassen« Jugend auf dem Lande an, um sich zu unterhalten und zu bilden? Ich spreche natürlich nicht von den Dörfern, in denen Jugendvereine existieren oder überhalipt existieren können. Aber wie sollte ein Verein bestehen können, der den ganzen Winter hindurch keine Versamm- lungen abhalten kann, weil eben im ganzen Dors kein geeigneter Raum dafür da ist. Ich habe z. B. in einer Gegend Hinterpommcrns mehr als ein Dutzend benachbarter Ortschaften gezählt, die keinen Gasthof, geschweige«inen Saal oder einfache Bühne hatten, wo zur Pflege der Geselligkeit und der Volksbildung einmal ein Theaterstück gespielt oder ein Gcsangobend veranstaltet werden könnte. Warum gibt die zuständige Behörde nicht Schont- k o n z e j.s i o n. in solchen Dörfern, wo doch in der Stadt fast an jeder Straßeneck««ine Kneipe existieren darf? Man hat"ja aus dem Lande vielfach noch keinen Kolonialwarenlodcn, weil sich dieser Verkauf allein oft nicht rentieren würde. Denn nicht um die Forderung nach mehr„Sausgelegenheit" handelt es sich hier, sondern darum, daß sonst doch niemand ein Interesse hätte, einen Saal zu bauen oder sonstwie Räume zu geselligen Zwecken zur Verfügung zu stellen.— Man müßte andernfalls schon Gemeindehäuser bauen mit einem Saal, der auch als Turn- hall«, mit einfacher Bühne, Radio, Bücherei und dergleichen nütz- l i ch e n kulturellen Einrichtungen für die Wohlfahrt des Landvolkes Verwendung finden könnte. Aber welch« Stelle würde wohl unter den bestehenden Verhältnissen das Geld dafür aufbringen: Also wäre ein ordentliches Gasthaus noch der beste Ausweg, und ein sich in solch«in Dorf verirrender Fremder hätte doch Gelegenheit zum Uebernachten. Sehr häufig fehlt für Schule und schulentlassen« Jugend auf dem Lande auch noch ein geeigneter Spork, und Spielplatz als Gcmeindccigentum. Selbst wenn ein Plag vom Gutsbesitzer zur Verfügung gestellt worden ist, so dürfen doch nur solche Vereine für ihre Veranstaltungen den Platz benutzen, die dem Besitzer genehm sind. Könnte nicht, besonders im Winter, ein Kreiswanderkino durch regelmäßige Lorstellungen den Be- wohnern abgelegener Dörfer auch Unterhaltung und- Belehrung bringen? Noch ein kurzes Won über die Benachteiligung der Landbevölkerung in bezug auf Schulbildung. Warum errichten die Landkreis« n i ch t. H il f s s chu l h e i m e, in denen schwachbegabte Kinder vom Lande betreut werden können, damit sie nicht in der Landschule oerküminern müssen. Denn der Lehrer der meist ein- und zweiklassigen Landschule weiß ja sowieso nicht, wie er bei den vielen Abteilungen und Fächern gerecht werden soll. Entweder muß er die Begabten, die Durchschnitts- oder die Minderbegabten vernachlässigen. Auf diesem Gebiet liegt eine ganz auffallende Benachteiligung gegenüber den Städten vor. Außerdem: Da baut man heute mit öffentlichen Mitteln kost- spielige Jugendherbergen— sicher eine schöne Sache—, aber gibt es keine schlechten, ungesunden und engen Schulkaten. mehr in Hinterpommern, die den Namen Schulhaus gar nicht oerdienen, in denen die Kinder 8 Jahre lang Tag für Tag sitzen müssen? Sollte der Neubau solcher Schulen vorerst nicht noch notwendiger sein? Kein Kindergarten sargt auf dem Dorf für die noch nicht schulpflichtigen Kleinen jener vielen Mütter, di« hier oft noch mehr als die Prolctaricrfrou der Stadt mitarbeiten und mitverdienen muß und sich darum nicht um di« Kinder kümmern kann. Die schlechten Arbeits-, Lohn- und Wohnungsoerhöltniss« besonders der Landarbeiter sind schließlich nur zu bekannt. Darum mögen die angejührten Tatsachen und Fragen genügen, um als Beispiele für die stiefmütterliche Behandlung der Landleute auf so vielen Gebieten zu dienen. Hoffentlich erfüllen sie ihren Zweck, indem sie möglichst viele Leser über di« kulturelle und soziale Zurücksetzung des platten Landes aufklären. Natürlich ist der Landbewohner selbst nicht immer schuldlos an den angedeuteten Verhältnissen, eben, weil er sie sich unter dem alten Regime viel zu lange hat gefallen lassen oder manchen Mißstand in seiner konservativen Denkungsart gar nicht als solche erkannt hat. Und erst jetzt nach Aufhebung der Gutsbezirke haben ja erst alle Landbewohner ihr volles Staatsbürgerrecht, indem sie nun in allen Gemeindeangelegenheiten mitbestimmen können.. Sehr oft können aber noch immer nicht die Guisarbeiter ihrem Willen Ausdruck geben, darum.müssen sie solidarisch auftreten, um dem wirtschaftlichen Druck des Arbeitgebers nicht zu unterliegen. Und gerade die G u t s d ö r f e r mit ihrer monarchischen Ordnung sind ja bisher das Aschenputtel öffentlicher Fürsorge und gemeindlicher Wohlsahrtsbcstrebungen gewesen. Da sollten die zuständigen Behörden endlich mehr für das Wohl der Landbevölkerung eintreten. Und besonders die Land- o r b e i t e r s cha f t selbst, die leider in Hinterpommern noch vielfach schlecht organisiert ist, müßt« selbst mehr ihre Wünsche und Ihren Kulturwillen in den Gemeindevertretungen zum Ausdruck bringen, um Wendel zu schaffen.— Hier dürften vor allem die Mittel des O sl h i l f e p r o g r a m m s der Rcichsregicrung eine zweckmäßige und soziale Verwendung finden, jedenfalls ein« bessere, als m der Form von Krediten an die Groblandwirtschaft, deren selbstsüchtige Herrschaft in den monarchisch regierten Gutsbezirke» wohl manchen Mißstand in Hinterpommer» ganz allein auf dem Gewissen hat. Eneb Johannes Markus. Polizeilehrer ehren Severins. Der Bund der Lehrer an den preußischen Polizciberussschulen, Bczirksverband Berlin, feierte am l. November das zehnjährige Bestehen der Berliner Polizcibcruis- schule. Der Bundesvorsitzende begrüßte di« erschienenen Ehrengäste: Polizeivizepräsident Dr. Weiß, Kommandeur Heimannsberg und die Polizeischulräte Boje, Kiehn, Rausch und Stefan. Nach den üblichen Festreden beschloß die Festversammlung, folgendes Telegramm an den Staatsminister Severing zu richten: „Die heute versammelte Lehrerschaft des Bundes der Lehrer an preußischen Polizeiberussschulen, Bezirksverband Berlin, gedenkt bei der Zehnjahresfeier der Berliner Polizcibernfsschule des Schöpfers der neuen preußischen Polizei und gelobt auch in Zukunft treue Arbeit zum Besten der Berliner Polizei und des Staates." Wirtschaftskrise und Arbeitnehmerichast. Angesichts der äugen- blicklichen schweren wirtschaftlichen Krise veranstaltet die Deutsche Welle zur Zeit eine Vortragsreihe, in der Führer der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Arbeilnehmer spcchc.i. Heut« Montag, den .) November, abends 8 Uhr, wird Herr Wilhelm Eggert. MdRW., Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes, über das Thema:„W i r t s cha f t s k r i s e u n d A r b e it n c h m c r- s ch o f t" sprechen. Damit wird die Vortragsreihe fortgesetzt, die am Freitag, dein 3l. Oktober, mit den, Vortrag von Geheimrat Dulsberg über das. Thema:„Der Weg aus der Krise" eröffnet wurde. Unterricht in der Säuglingspflege. In der Multcrschule des Dr. Neumanns Kinderhaus findet wieder Unterricht in Säuglingspflege stall mit praklischen Ucbungen wöchentlich einmal. Meldungen schrift- lich oder mündlich von 2— k Uhr im Büro des Kinderhauses, Blumen- straße 97. Wetter für Berlin: Etwas kühler, wechselnd bewölkt, frisch« südwestliche Winde.— Für Deutschland: Allgemein veränderlich mit Abkühlung. 3. Novemder. Berlin. 16.05 Dr. FriU Gumperl: Kunst- und Kulturgeschichte auf Briefmarken. 16.30 Ungarische Musik. 17.30 Dr. Uebcrall erzählt. 17.50 Dr. med. Jacobsobn: Kranke Nerven. 18.15 Zwiegespräch über Tollers„Feuer aus den Kesseln" zwischen Dr. W. Bloem und E. Toller. 18.45 Emil Faktor: Ungeschriebene Dramatik. 19.10 Bunte Stunde. 20.00 Wovon man spricht. 20.30 Programm nach Ansage. Nach den Abendmehdungeu bis 0.30: Tanzmusik. Königswusterhausen. 16.00 Willi Richter: Familiennamen erzählen. 17.30 E. T. A. Hoffmanns„Prinzessin Brambilla" und J. Callets„Capricio". 18.00 Prof. Dr. F. Blumenthal: Ist Krebs heilbar? 18.30 Min.-Rat Goslar: Die deutsche Reichsverfassung. 19.00 Englisch für Anfänger. 19.30 J. Deicke: Die Rentabilität der Milchviehhaltung. 20.30 Köln: CoIIegium Musicum. 21.35 Adolf Busch spielt Bach(Schallplatten). 20 Uhr CL A VIG O Ende nach 22 l hr Reichshallen-Theater Utiends 8, Sonntag nadim. Z>> Uhr Stettiner Singer Das neue Programm I Nadim. halb« Preise Oönhof t. Brettl: 10 große Nummern! Tanz.» Kapelle Hans Sixtus. Berliner ink-TriO N C U k 0 1 1 n, wLahnstr. 74t76J Familien- Nachmittag im ROSE THEATER Ur. Frankfurter Straße 132 Billettkasse für deu Vorverkauf; Alexander 3422 und 3494 Montag, Dlenitag. Donnirttag und Freitag nacbm- 5* Uhr Kukuli mit Traute. Hans. Paul und Willi Rose Preise: roh 30 Pf. bis 1.50 M Uarderobe u. Programm je lOPf, 20Min. Kaffeepause Kaffee mit Kuchen 25 Pf Kinder haben Zutritt Mittwoch 5 Uhr und Sonnabend 4� Uhr PeterdieDs Moodfatir' Das entzückende Weihnacbtsmirchen Preise von 30 Pf bis 1 50 M Wochentags Uhr, Sonnabends Zu. 10 15 Uhr, Sonntag u. 0 Uhi; „In der Johannisnacht• Nächsten Sonntag um 2�1 spricht Lndavlsr Hardt Heinrich Heine Außerdem Erstauffühnin® Der Aclcermami uud d« r To«' VoiüsbUtine Ttieater an Bulnwplati. 8 Uhr Der(rdhllche Weinberg Staatl. Sdiiller-Tli- 8 Uhr Clavigo Theater am SchittDauerdamm 6"i Uhr Jud Süß! Staatsoper Am PI.«.Republik 8 Uhr Der Barbier von Sevilla Deiitsdies Theater 8 Uhr Elisabeth von England von fem Bruckner Regie; Heinz Hilpert Kammerspiele 8i/2 Uhr Elga von Cerhart Heuptmaiin. Regle; Custev Härtung. Die Komödie 8>Ä Uhr Der Schwierige von Hugo von Hofosinnsthal. _________ Jlegie: Mn Reintanlt. meateri.fl. ßehrensir. 53-54 Direktion; Ralph Arthur Roberts s* Das häBiiche mädchen Englisch— Robans— Jansson. &BOSS.SCH AIIIPIELII AUS 8 Heute Beginn 7.45 Uhr. Lustige Witwe Hestcrberfr, Xfmxseki, Arno, Sehollwer, Jankubn.Sehaeflers, Winkelstern, Desnl. REGIE* CHAREEE 4". uhr CASINOTHEATER Lothringer Sirahe 97. Nur Im Monat November die entzückende Komödie Arm wie eine Kirchenmaus Gutschein 1—4 Pers. Fauteuil 1,25 M-, Sessel 1.75 M.— Sonstige Preise; Parkett 75, Rang 60 Pfg.. Barncwsky- Bahnen Theaitr In der Stresemnnnstr. Täglich 8V« Uhr Sturm im Wasserglas Knrandie von Frank. Komödienhaus 81/« Täglich SV* Konto X »on Bemaur Diid Oesterrnidinr Kleines Theat. Täglich SVt Uhr l-oiiiLcirx in meine Schwester und Ich udi VerKuil von llum. Musik von kutrtl Deutsehes Künstler-Theti. Tel. Bartrarassi ZUl PI* Uhr. Jim und Jill ünti MosIkIhi. Harald Paulsen. 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Stpl.6554 Täglich 8'/« Uhr DersroBe Ladierfolgl Max Adalbert in Haucnklcin Theater am Sdilttbaoerdamm Labte 3 Tontellnngan! Jud Süß! mit Ernst Deutsch ab Donnerst tgl.8V< Dreigrosdienoper mit Carola Neber lustspieihaus r ä gl 1 ch 8'.'. Uhr Kurt Götz in Hokuspokus metropoi-Theater Täglich 8>.> Üht Sensationeller Opereltenerfolg I Unter pers. Leitung des Komponisten Viktoria undihrHusar Zentral-Theat. Täglich 8>i- Uhr Sonnt auch 5'/. Ulir Mittwoch z 50. Male Eine Freundin so goldig wie Du Operette v. Meisel tildic, 99,—. Messing. Ii zur Miete WSO.Ansbacherstr.l ueritöuie| möGBi Möbclläuser metlc Ärcbit und bat Möbelbaitat, Atafje Auswahl, Heine Pteite: Beispielsweise! Lchlattimmee 433.—, Speiioitintnieeät?,—, Herten, immer389,—, Epiegelschtänke 118,—. Dielengatni. tue 38,—. Anrichte Vb» für Parkett M JbctlfteHe 66,—, Slici« lui u m« betfditäntc 48,— Statt 4.- ra. nur I■ Ehaiselonaues 28, gültig voni3. bisB. 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