BERLIN Montag 24. Aovemder 1930 10 Pf. Nr. 550 B 274 47. Zahrgüc:g LrscheinttSglichaußerSonntags. Zugleich Abcndau-zabe des„Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben Sö Pf. pro Woche. 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW68,Lindenstr. 3 Anzeigenpreis: Die einspaltige Noupareillezeile «0 Pf., Reklamezcile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. P o si seh e ck k o n t o: Vvrwärts�Vcrlag G. m. b.H.. Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Döillioff'292 bis 297 Oer polnische Terror Oeuischland ruft den Völkerbund an Ter ungchcurc Terror Rcftcn die deutsche Minderheit in Cstobcrschicsicn wird vermutlich die Innnnrtagunii des Bölkcrbundratcs de- schnftigen. Nach Artikel 72 der Genfer Minder- heitcnkonvcntion können die Ptölkcrbundstaatcn die Aufmerksamkeit des Rates auf Verletzungen des Internationalen Mindcrheitenschutzvcrtragcs hin- lenken. Tic deutsche Rcichsrcgicrung erwägt einen derartigen«chritt, sie wird nach Gintreffen des genauen amtlichen Materials über die Vorgänge in lCstobcrschlcsicn sich darüber schlüssig machen. Ter deutsche Generalkonsul in 5kattowitz. zugleich deutscher«taatsvcrtrctcr bein» Völkerbund- kommisfar für Lstobcrschlcsicn. hat vom Aus- wärtigcn Amt den Auftrag erhalten, an Lrt und Stelle genaues Material zu sammeln und der Rcichsrcgicrung sofort darüber zu berichten. Wenn eine solche Vcschwcrdc an das Sekretariat des Völkerbundes gerichtet wird, gibt dieses den Rats- Mitgliedern umgehend davon bkcnntnis. und es wird auch das Material zur Begründung der Beschwerde all diesen Regierungen übermittelt. Abtransport aus Bfesi-�ttowsk. Prozeß im Dezember.- AnNage vorenthalten. W a r s ch a It. 24. November.(Gigenbcricht.) Dffizictt wird bekanntgegeben, dag die verhafteten Lppositionsführcr aus dem berüchtigte» Brest-Litowsker Gefängnis in der Stacht zum Sonntag in andere Straf- anhalten Polens übergeführt worden find. Tie Sozia- listen Tr. P r a g i c r und M a st e k, der frühere Minister Tr..sticrnik werden gegen ftoiition von je 10 000 zfloth freigelassen. Ter größte Teil der übrigen Parlamcn- tarier, darunter die Sozialisten Tr. Liebermann, Varlizki und andere, sind in das Gefängnis von Grojez, einer kleinen Stadt bei LSarschau gebracht wor- den. Ucbcr ihr weiteres Schiktfal wird strengstes Still- schweigen gewahrt. Wie die Regicrungspresse versichert, soll der Prozesi gegen alle verhafteten Parlamentarier im Dezember beginnen. Bis jetzt wissen die Berhastete» aber selbst noch immer nicht, wessen sie beschuldigt sind. Senat paßt zum Sejm. Warschau. 24. November.(Eigenbericht.) Nach den bisher vorliegenden Meldungen ergibt sich folgende Verteilung der Mandate im polnischen Senat: der RcgierungSblock hat 72 Mandate( l.4 von der Staatsliste) erzielt, somit 24 Mandate gewonnen, denn im letzten Senat verfügte er nur über 4� Sitze. Tie Zcntrolinkc(Sozialisten und linker Sejm) hat jetzt lö Mandate gegen 25 im vorigen Senat, die National- demotraten 12(0). die(christlichen Demokraten 2(K). der Deutsche Wah(blort2(5, davon war 1 Mandat von der StaatSliste, was diesmal wegfiel), die Zionisten 1 lli). der Ukrainifch-Weitzrussische Block 0 lk3). Somit hat der Regierungsbloct auch im Senat die absolute Mehrheit erlangt, was hauptsächlich auf Kosten der Minderheiten erfolgt ist. die 15 Mandate verloren haben. Calonder läßt sich von Graczynski verspotten. Der Präsident der gemischten Kommission Calonder inter- nenierte auf Ersuchen des Deutschen Volksbundes beim Wojewoden Graczyirski wegen den Flugblätter des Ausständischenoerbändes, welche die sogenannte antideutsche Woche ankündigten, ferner wegen der Wahlterrorakte� Nach dem Bericht des..Krakauer Jllustr. Kuriers" soll der Wojewode dem Präsidenten erklärt haben. daß die Flugblätter sich nicht gegen die Gesamtheit der deutschen Minderheit richten, sondern lediglich gegen eine ihrer politischen Parteien. Der Kampf mit den Flugblättern spiele sich ebeiisolls zwischen polnischen politischen Parteien ob. Wenn es in einzelnen Fällen zu Terrorakten gekommen sei, so liege das on der großen Aufgeregtheit der G-emüter, weil die z-olnische Arbeiterschaft fast täglich von U eberfällen aus Untergang in der Elbsmündung Hamburger Dampfer gestrandet- 30 Opfer Hamburg, 24. November. Ter Hamburger 4500-Tonnen-DamPfcr„Louise Leonhard", der der Reederei Leonhard u. Blumberg gehört, ist am Sonntagabend bei schweren Nordwest- stürmen auf dem großen Bogclsand in der Elb- Drohung ■�cvfnnj „Gleich holen wir unsern Bruder, den Kozi. der brüllt noch viel lauter und hat Holz an die Pantinen!" Mündung gestrandet und auscinandergebrochen. Nach den bisherigen Meldungen ist von der NOköpfigen Besatzung niemand geborgen worden. Lurhavc,,. 24. November. Der Dampfer, der der Reederei Leonhardt u. Blumberg- Homburg gehört, erlitt infolge des schweren Sturmes bei den: Feuer- schiff„Elbe I" R u d.e r s ch a d c n. Wie die Reederei Leonhardt u. Blumberg dazu mitteilt, nimmt»inn an, daß der Dampfer bei den: großen Bogclsand aueeinandcrgebrochen und unlergegangcn ist. Bon der A) Mann starken Besatzung fehlt jede Spur, so daß leider anzunehmen ist, daß sie den Tod in den Wellen gefunden hat. Führer des Dampfers, der am Sonnabend früh den Hamburger Hafen verlassen hatte, war Kapilön K a r l H o f f m a n n. Das$364 BruttorcgistertoNnen große Schiff wurde 1921 erbaut. Der von Cuxhavetz heute nacht zur Hilfeleistung abgegangene Bergungs- dompser sowie auch ein Euxhavcner Rettungsboot haben bis zur Stunde auf ausgesandte Funkruse kein« Antwort erhalten und bisher a ü ch keinerlei Spuren gesunden. Die Suche nach den: Dampfer wird noch fortgesetzt. Lilwinow plötzlich zurückgereist. Was geht in Nußland vor? Genf, 24. November. Ter sowjctrussijch« Außentommissar L i t w i n o w, der die Sowsetrcgierung bisher auf der Vorbereitenden Abrüstungskonferenz vertreten hat, ist heute vormittag unerwartet nach Moskau abgereist. Ncber die Gründe dieser plötzlichen Abreise werden von sowjetrussischcr Seite keinerlei Mitteilungen gemacht. 5» Kreisen des Abrüstungsausschusses hat jedoch die Abreise Litwinows allgemeines Erstaunen er- regt, da die entscheidenden Fragen des Abrüstungs- abkommens in den nächsten Tagen zur Verhandlung gc- langen werden. Daher wird die Abreise Litwinows mit der gegenwärtigen Lage in Moskau in Zusammen- hang gebracht.» Polen in der Presse höre. Die Ticherheitsbehörden tolerieren die Gewaltakte nicht und intervenieren sofort, wenn ein derartiger Fall vorkommt, damit die Ruhe und Sicherheit garantiert sei. Die Ticherheitsbehörden hätten eine Anzahl»an solchen Ver- sügungcn erlassen, während Abschriften an Präsident Calander über- reicht wurden. Wahlergebnis und Todesopfer. Kailowih, 23. November. Aus den Ergebnissen aus Kattowitz und Königshütte ist zu entnehmen, daß sich die Verschiedenheit der W o h l I i st e n- nummern der Deutschen Wohlgemeinschust sür Sejm und Senat verhängnisvoll ausgewirkt hat. Die äußerst zahlreichen Ver- wechilungen haben einen außerordentlichen Stimmenverlust zur Folge, da die Zahl der falschen Stimmzettel sehr groß ist. Als in einem Kattowitzcr Wahllokal der deutsche Vertrauens- mann daraus aufmerksam machte, daß der Vorsteher zusammen mit einem Polizisten an Hand der Wahllisten verschiedene Notizen machte, veranlaßte der Vorsteher den Polizisten, den Ver- rrauensmann aus dem Wahllokal zu entfernen. In Wilczek drangen nachmittags acht bis zehn uniformierte Zlufständische in sämtliche Wohllokaie ein. um die deutschen Vertrauensleute zu entfernen. Wer das Wahllokal nicht sreiwillig verließ, wurde verprügelt. Die Polizisten standen dabei, ohne einzuschreiten. In Lipiny wurde ein Hüttenmeister schon seit vier Tagen in den 2lbcndstunden belästigt. Am Sonnabend unternahmen kurz vor Mitternacht etwa 80— 90 Ausstäitdische einen Generalangriff gegen seine Wohnung. Nachdem zunächst die Fensterläden mit Ziegelsteinen beworfen worden waren, wodurch 28 Scheiben i» Trümmer gingen, und eine zweite Abteilung die Haustür berannte, gob der Bedrängte Schreckschüsse ab. Dies veranlaßte schließ- lich die Ausständischcn, von ihrem Vorhaben abzustehen. Sie gaben aus der Polizeiwache an, daß sie von dem Hüttenmeister beschösse» worden seien, als sie ruhig ihres Weges an seinem Hause vorbeigekommen seien. Infolge der Einschüchterung der Bevölkerung auf dem Lande lausen diesmal die Wohlresultatc außerordentlich schleppend ein. Aus den gegen 1.43 Uhr srüh vorliegenden Ergebnissen geht hervor. daß die deutschen Stimmen in der Wojwodschast Schlesien durch die Verweigerung der Wahlberechtigung infolge An- zwcisliing der polnischen Staatsangehörigkeit bei Tausenden von Deutschen und durch Verwechslung der Stimmzettel bei den Senats- und Sejmwahlen an Zahl«ingebüßt haben. Nach den bisher vorliegenden Meldungen sind in der Nacht zum Sonntag und am Wahltag sechs Tote als Opfer des Wahllerrors zu verzeichnen. Die Zahl der Streichungen von Mindcrheitsangchorigen aus den Wahllisten wird unter Zugrundelegung der von der pol- nischen Presse gemachten Angaben aus mindestens 13 000 bis 20 000 geschätzt. Daß der Wahlterror sich diesmal noch viel schlim- mer ausgewirkt hat als bei den Wahlen am vetzgangcnen Sonntag, erhellt aus dem bedeutsamen Rückgang der Stimmen überhaupt. wobei allerdings auch beachtet werden muß, daß die Streichungen aus den Listen für die Warschauer Sejmwahlen nicht in dem Um- sänge vorgenommen wurden wie bei den Wahlen zum Schlesiic? Sejm. Züchtigung des Stahlhelms. Ein Oeutschtiroler muß reichsdeutschen Frontgeschlechtlern die Wahrheit sagen. Eine S t a hl h e l m d e l e g a t i o n ist nach Rom gereist und hat vor dem Diktator Mussolini geka�buckelt. Mehr noch, sie hat dem U n t e r d r ü ck c c d e s Deutschtums in Siidtirol als Ehrengabe das— Stahlhelm-Abzeichen überreich!! Diese Würdclosigkeit deutscher„Frontgejchlcchtler" läßt sogar die Leute bei Hugcnberg erbleichen. Dort nimmt in einer Zuschrist ck Süd tiroler das Wort, der zwar auf einen italienischen Namen hört, aber seiner Sinnesart nach sich zu den geknechteten Deuts chtirolern rechnet. Dieser Mann, Anton Graf Bassi Fedrigotti, schreibt in einem Brief an den„Lokal-Anzeigcr" chugenberzs: Es ist mir ein Bedürfnis, als Vertreter der Südtiroler Arbeits- r slle in Innsbruck und als A u s s ch n ß m i t g l i e o des A n d r ea s- 5) a f e r- B u ii d c s für Tirol unser Befremden und unsere schmerzliche Enttäuschung über das Bcrhalken der deutschen Stahlhclmdeputiertcn in Rom auszudrücken. Wenn man als Reserveoffizier des italienischen Heeres mit den italienischen Truppen in Afrika gekämpft und als Zeichner in besonderer Dienst- Verwendung einen Einblick in die Stellung des italienischen G e n c r a l st a b s ocgenüber einem Krieg mit Frankreich gewonnen hat. kann man sich über den Wert eines deutschen mili- tärischen Bündnisses mit Italien zum allermindesten seine eigenen Gedanken machen. Aber, da» deutsche Frontsoldaten in derselben Stunde, in der in unserer Heimat die Inschriften auf den Gräbern der gefallenen Tiroler lRkeran) überstrichen werden, eine tiefe Der- beugung vor Mussolini machen, ist uns geradezu unverständlich. Ich rede kein Wort von der nach wie vor absolut unverändert gebliebenen Zwangsherrschast des Faschismus in Slldtirok, die auf die gemeldeten Erleichterungen im dnutfchon Privatunterricht nichts als ein höhnisches De m e nt i gehabt hat(Faschistische Alpen- zeitung). Meiner a ch t u n d s e ch z i o j ä h r i g e n Mutter zum Beispiel wird seit 2X> Jahren der Pah von den Faschisten verweigert, weil durch di� gewaltsame Trennung der Mutter vom einzigen Sohn erreicht ufcrde» soll, daß ich zu Kreuze krieche. llnd selbst das, nämlich die Aussicht, meine alte Mutter nie wiederzusehen. würde Inich niemals dazu bringen, ni c i n c»d c u tfch e Gesinnung vor einem Italiener zu beugen. Und so denken wir Tiroler alle, vom kleinsten Buben auf, der geprügelt wird, wcilcrausdemNachhausewegvonderSchule mit seinen Kameraden deutsch gesprochen Hot. Und wenn man dies alles, das persönliche und das allgemeine, erschütternde Los von uns Dcutsch-Südtirolern nun bedenkt, dann versteht man nicht, daß deutsche Frontsoldaten das Stahlhelmzeichen einem Mussolini überreichen konnten, der Znnerhoser erschießen. Dr. Roldin verfiebcrn und zahlreiche andere Südtiroler Führer lange genug in den Kerker werfen ließ, bis er aus purer .Höflichkeit gegen seinen Kollogen Schober die ohne jedes gericht- lichc Urteil' eingekerkerten Männer freigab. Wir haben diese Erklärung eines entrüsteten Tirolers gegen die deutschen Militaristen vollständig wiedergegeben, weil aus ihr jeder erkennen kalrn, wie hohl das Geschwätz der Stahlhelm- und Nazi- Brüder über die„deutsche Freiheit" ist. Sie küssen dem Unterdrücker der Deutschen Südtirols dankbar und freiwillig die Hand, während sie in Deutschland selbst die schrittweise Befreiung durch ihre natio- nalistischen Schwatzereien gefährden. Mag sich der Stahlhelm die moralische Züchtigung zu Herzen nehmen, die der Deutsch.Tirolcr in dem deutschnationalcn Hugenberg-Organ ihm zu Teil werden ließ! Das genügt! Herr Adenauer, der Fürst der Oberbürgermeister. 'Herr Adenauer, die Oberbürgermeister von S&ln. fühlt sich durch unsere Feststellungen über seine Bezüge beschwert. Wir hatten behauptet, daß er rund 120000 M. bezieht. Herr Adenauer findet unsere Slngaben unrichtig und wünscht die Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse. Hier ist sie: 41 250 M. Gehalt mit Frau- und kinderzuschlägen 43 000„ Wohnungsgeld 10 000 ,. Aufwandsentschädigung 14 000 ,. Tantiemen von der Prov.-Feucrversicherung zur freien Verfügung 108 250 M. Pensionssähig sind neben dem Gehalt 20 000 M. vom Wohnungsgelü und 10 000 M. Aufwandsentschädigung, insgesamt also rund 70 000 M. 43 000 931. Wohnungsgeld— das ist so reichlich, daß der Herr Oberbürgermeister vom Wohnungsgeld eines Jahres ein ganz anständiges Haus bauen könnte! Im übrigen ist Herr Adenauer außerdem noch Aufsichtsrats- Mitglied der Deutschen Bant, sowie von einer Reihe industrieller Zlttiengesellschaften, und bezieht in dieser Eigenschaft noch mehrere 10 000 Mark Tantieme. Es ist ihm bisl�r noch nicht eingefallen, gleich Herrn I a r r e s auf 20 Proz. seines Gehalts zu verzichten, cr,setzt sich vielmehr gegen jedes derartige Drängen zur Wehr. Lohnabbau in der Metallindustrie. Der RrkSlaukr Schiedsspruch. Breslau, 24. November. Im Lohnslrcit der Breslauer Metallindustrie wurde von der Ä ch l i ch l e r k a n> in c r unter Vorsitz des stellvertretenden Schlichters für den Bezirk Schlesien ein Schiedsspruch gefällt, der eine Verminderung der Zeitlöhne um 5 Proz. und der bisherigen A k k o r d o e r d i e n st e um 7! i- proz. vorschlügt. Gleichzeitig wird eine Erhöhung des Akkordsatzes auf den Sluiidcniohiisatz vorgeschlagen mit der Maßgabe, daß bei der Festsetzung neuer Akkorde der durchschnittliche Akkordver-' d i e n st mindestens 20 proz. über dem Stundenlohn- sah lieg». Die Iicnregcluiig soll ab 1. Dezember 1030 bis 30. Iuni 1931 gellen. Die parleien haben sich über Annahme oder Ablehnung des Schiedsspruchs bis zum 28. November zu enlscheidcn. Ruhrzechenverband Witt Lohnabbau. Er rechnet auf Stegerwald. Bochum. 24. November.(Eigenbericht.) Der Zcchcaoerband erklärt ans Befragen, daß er in dieser Woche das im September verlängerte Lohnabkommen im Ruhrberg. bau kündigen werde. Er wird seine alte Forderung von 1 0 p r o z. Dohnabbau wieder erheben, wenn auch das Kündigungsschreiben ucrmullich diese Forderung nicht enthalten wird. - Man rechnet mit d«n Parteiverhandlungen in der e r st c n Ein Sonntag der Stürme Schwere Schäden in ganz Berlin- Lnsel Lindwerder unter Sturmstut Tie Sturmwelle, die schon am Sonnabend England, Belgien und Nordfranlrcich heimsuchte, hat im Saufe des Tonntag und in der Nacht zu Montag das ganze Gebiet Mitteleuropas in Mitleidenschaft gezogen. Ter Tturm war überall begleitet von Gewittern, Hagel-, Regengüssen nnd Schneefällen. Aus allen Teilen des In- und Auslandes werden schwere Schäden ge- meldet. Sie gehen nach oberflächlichen Schätzungen in die Millionen. Menschenleben sind dagegen im Reich nach den bisher vorliegenden Meldungen nicht zu beklagen. Sturmflut auf der Havel. Entgegen den Wettervoraussage,, verschlechterte sich das Wetter in der Nacht zum Sanntag außerordentlich, und in den gestrigen späten Abendstunden durchbrauste Berlin ein orkanartiger Sturm, der an vielen Stellen erheblichen Sachschaden anrichtete. Eine be- sonders alarmierende Meldung kam von der vielen Berlinern be- kannten Ausflugsinscl Lindwerder in der Havel, wo durch eine plötzlich einbrechende Flui ein erhebliches Siück der Insel abgeirenni wurde. Die Lage für die Insel Lindwerder, die in der Bucht zwischen der Holzablagc Liege und der Kleinen Stcinlanke gegenüber der Gatower Badewicse liegt, wurde bereits am Sonntag nachmittag recht kritisch. Ein heftiger, von Slimde zu Stunde sich steigernder S üd w est st u r in peitschte Wellen von über einem Meter Höhe unaufhörlich gegen die Südseite der Insel. Ekwa gegen lö Uhr erfolgie der erste Wassereinbruch in die dürsligen Befestigungsanlagen, die Flut hatte die Faschinen und Bohlcnanlagen bald derart unterspült, daß sich die Wellen immer weiter in die Insel hineinfraßen. In den Abendstunden wurde schließlich ein vier bis fünf Meier breiier Dondstreisen völlig abgetrennt und forlgeschwemml. Von dem Pächter des Restaurants Lindwerder wurde darauf die Feuer- wehr alarmiert, die mit mehreren Löschbooten, Rüstwagen und vier Zügen mit allen Spezialgeräten anrückt«. Im Scheine der Fackeln wurden unter schwierigsten Verhältnissen die ersten Hilss- maßnahmen geleistet. Die Arbeiten dauerten die ganze 9tocht hin- durch, und als heute früh gegen%7 Uhr ein erneuter Erdabrutsch drohte, wurde die Reichswehr um Hilfe angerufen. Auf Lastwagen eilten 120 Piomere an die Unfallstelle. 93Ut vereinten Kräften wurden nun die Userbefesiigungei» durch stark« Faschinen und Tausende von Sandsäcken erneuert. Gegen 10 Uhr vor- mittags waren die Arbeiten soweit gediehen, daß die Gefahr als beseitigt gelten konnte. Zur Zeit sind die Hilssinannfchoften auf der Insel noch tätig. Die Insel Lindwerder ist Privatbesitz und wird nur von einem Lokalinhaber bewohnt. Sic gehört dem Berliner Rechtsanwalt F. Mecklin, und ist im Sommer ein beliebtes Ziel für die Wasser- sportler auf der Havel. Auch im Staöiinnern ' sind durch den Orkan in verschiedenen Stadtteilen starke Ver- Wüstungen angerichtet worden. Die Feuerwehr wurde in der Zeit von 22 Uhr bis gegen Mitternacht annähernd dreißigmal alarmiert, um Hilfe zu leisten. In der L u t h e r st r a ß e 6/8 in Mariendorf wurde das Dach des Wohnblocks in einer Länge von SO Weier völlig abgedeckt. Nicht nur die Ziegel, sondern auch ein erheblicher Teil der Dachsparren wurde durch die Gewalt des Sturmes los- gerissen und hinabgcschieudert. Die Feuerwehr war an dieser Stelle stundenlang mit den Aufräuninngs- und Bcsestigungs- arbeiten beschäftigt.— An der Ecke Königin-Augusta-Straße und Linkstraße wurde ein Bauzaun, der bis an die Brücke heran- reicht, umgeworfen. Ein Ehepaar, das in diesem Augenblick an dem Zaun entlangging, wurde unter den Brettern begraben. Beide wurden von Passanten befreit und zur Rettungswache gebracht.— In zahlreichen Fällen wurden Rcklamefchilder, Antcnncnmaste und große Fcisiterscheibcn zertrümmert. In den Parkanlagen waren heute früh die Wege mit starken Baumästen dicht übersät. Die Wetterverschlechterung ist nach einer Mitteilung des amtlichen Wetterdienstes auf eine Depression zurückzuführen, die im Laufe des Sonntags von England über die Ostsee nach dem Baltikum abgegangen ist. Die Folge waren große L u f t d r u ck u n t e r s ch i c d e, die im Bereich der Depression vorhanden waren und sehr heftige Stürme im Binnen- lande zur Folge hatten. Es liegen bereits erneute Anzeichen für eine Tiefdruckbitdung über England vor; es wird jedoch angenom- wen, daß die Winde nicht mehr die gestrige Stärke erreichen werden. Einsturz der Münchener Kunktürme. Menschenleben nicht zu beklagen. Wünchen,?Z. November. Der schwere Föhnsturm, der schon wöhrsnd der Nacht über München tobte, brachte heute früh die beiden Funktürme des Senders München-Stadelheim zum Einsturz Um 671 Uhr nickte der rechte, eine Viertelstunde später auch der linke Turin in etwa ein Drittel der Höhe zusammen. Leide Türme stürzten in Richtung Südwest aus die freie Wiese, so daß weder Gebäudcschadcn entstand, noch Menschenleben zu beklagen sind. Beim Einsturz des zweiten Funkturmes durchschlug dieser die Starkstromleitung zum Strafvollstreckungsgefängnis: der Turm fiel über die Mauer des Gefängnisses und zertrümmerte einen Lagerschuppen im Gefängnis- Hof. Im übrigen blieb die Sendcanlage vollkommen intakt. Wien am schwersten betroffen. 2 Tote und 200 Verletzte. Wien, 24. November. Der Sonnlag gestaltete sich infolge de» orkanartigen Sturms, der in den vormillogsslundcn einsetzte, in Wien und Umgebung zu einem wahren Katastrophentag. Unter Donner und Blitz ging S Uhr früh ein Gewitter mit starkem Regenguß nieder. Gegen 10 Uhr vormittags fehle dann plötzlich der Sturm ein, der bis in den Wontag hinein dauerte. Leider hat diese Wetlerkatastrophc von geradezu europäischem Ausmaß in Wien besonders viel Wenschen belrofscn. Die Zahl der Verlelz len wird insgesamt aus zweihundert geschätzt, die meisten haben Knochenbrüchc, Gehirnerschütterungen und Schädelbrüche davongetragen. Eine Frau ist den erlittenen Verletzungen bereits erlegen, ein Mann wurde von einem einstürzenden Tor erschlagen, 600 Wann Feuerwehr mit 95 Gerätcwagen waren den ganzen Tag in Tätigkeit, um die durch den Sturm verursachten Schäden zu beheben. Dreißig Familien sind obdachlos, da der Sturm eine von ihnen bewohnte Baracke zerstört hat. Besonders schwer ist die groß« Industriestadt Wiener- Neustadt heimgesucht worden, wo kein einziges Haus unversehrt geblieben sein soll. Die Bäume in den großen Parks wurden fast sämtlich Hingelegt, die Dächer fast aller Häuser vom Sturm abgerissen. Die ehemalige Militärakademie und jetzige Fliegerkaserne wurde ebenfalls abgedeckt. Besonders stark nahm der Sturm das ehemalige Kriegsspital mit, wo jetzt Hunderte von Zlrbciterfamilien in Baracken untergebracht sind. Diese Baracken, die aus Holz gebaut find, wurde,, vom Unwetter niedergelegt. Durch herabfallende Dachziegel find zahlreiche Per- sonen verletzt worden. Auch ein Jugendheim wurde zerstört, wo- durch 1Z0 Kinder obdachlos geworden sind. Dezemberwoche und mit den Verhandlungen vor dem Schlichter in der zweiten Dezembcrwochc. Der Zechenoerband erwartet auch hier wie in der Arbeits- ;« i t f r a g e, die morgen, Dienstag, in Berlin entschieden wird. die Erfüllung seiner Forderungen durch den Reichsarbcits- minister. Die neue Nazi-Bluttat. Der mutmaßliche Haupttäter bereits festgenommen. Der politischen Polizei ist es durch umfassende Waßnahmen gelungen. einen Teil der nationalistischen Banditen, die in der Sonnabendnacht den Feuerüberfall auf den Arbeiterwander- und Geselligkeiksvcrein.Falke" im Edenpalast in Eharlotlenburg ausübten, festzunehmen. Bisher befinden sich sechs Hakentreuzler in Gewahrsam. Unter ihnen«in 22jähng«r Konrad S t i e f aus der Wilmersdorfer Straße, der mehrere Schüsse in den Saal gefeuert haben soll. Die Polizei hofft, auch die übrigen Teilnehmer der nationalistischen Bande in kurzer Zeit hinter Schloß und Riegel zu haben. Vom Polizeipräsidium werden hierzu noch die folgenden Mit- teilungen gemacht: Am 22. November dieses Jahres diangen gegen 11 Uhr abends etwa 10 bis 13 Augehörige der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, und zwar der Sturmabteilung 33, in den in der Kaiser-Friedrich-Straßc 24 in Eharlotlenburg gelegenen „Edenpalast" ein. Als sie bei ihrem Versuch, in den Festsaal cinzu- dringen, von den am Eingang stehenden Kontrollpersonen gehindert wurden, feuerte ein SA.-Mann nach übereinstimmenden Zeugen- aussagen vom Treppenslur aus durch die osfeuslehendcn Vurch- gaiigstürcii in den Saal hinein. Als nunmchr eine Konirollperson den Schügcn ani Wciterfcncrn hindern wollte, schoß dieser erneut und verletzte den Mann durch einen Bauchschuß schwer. Ins- gesamt sielen 3 bis 4 Schüsse, durch die noch zwei weitere Personen durch Oberschenkelschuß und Handgelenkschuß erheblich verletzr wur- den. Ein anderes Mitglied des Vereins wurde durch Schläge auf den Kopf derart zugerichtet, daß es mit einer schweren Gehirn- erschüttcrung in dgs Krankenhaus Westend, in dem auch die anderen drei Verletzten Aufnahme fanden, eingeliefert werden mußte. Von den auf frischer Tat betroffenen und der Abteilung IA zu- geführten sechs Personen wurden drei, darunter der vermutliche Schütze, als an der Schlägerei-beteiligt, mit aller Bestimmtheit von den Zeugen wiedererkannt. Gegen sie wird im Lause des Tages ein Haftbefehl erwirkt werden. Die polizeilichen Ermittlungen nehmen ihren Fortgang. Reichswehr und Kilmgesettfchast. Erklärung des?ieichswehrministeriums. Durch Wolffs Büro wird diese Meldung verbreitet: Die amerikanische F i l m g e je l l s ch a s t Fox, die am 10. April d. I. von der Zulassung zur B i l d b c r i ch t« r st a t t u n g über die Wehrmacht wegen des antideutschen Fox- Films„Die vier Söhne" ausgeschlossen wurde, hat dem Reichswehr- minister bindende Zusicherungen gegeben, daß der Film in kürzester Frist von dem gesamten Weltverleih zu- rückgezogen werden wird. Der Film wird nach Dezember 1930 infolge bindender Verpflichtungen nur noch in Argentinien, Austra- licn und Italien, nach April 1931 nur noch in Slrgcntmien gezeigt werden. Die Firma Fox hat zugesichert, daß sie das ihrige tun will, damit der Film auch in diesen Ländern möglichst bald end- gültig aus den Lichtspielhäusern verschwindet. Der Reichswehr- minister hat sich daraufhin bcreitgefundcn, die Ausschließung der Filmwochenschau Fox News von der Berichterstattung über die Wehrmacht auszuheben._ Fr ick maßregelt weiter. Koustquente Politik gegen die Nepublik. Altenburg, 24. November. Das thüringische Innenministerium hat dem hiesigen Ober- bürgermeister Schumacher, der Sozialdemokrat ist, bis auf weiteres die Polizeigewalt insoweit entzogen, als sie die Auf- rechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung an öffentlichen Orten aller Art, insbesondere in Versammlungsräumen sowie die Kriminal- und politische Polizei umfaßt. Auch dem PolizeidirektorSchüffler, Führer des Altenburger Reichs- banners, ist die Wahrnehmung der P o l! z e! g e s chä f t e üi diesem Ilmfange entzogen. Die verantwortliche Leitung und Ver- waltung dieser Polizeizwcige wurde dem Polizeihauptmann Heuer in Sondershausen übertragen. Diese Maßnahme ist als«ine Folge der Umgehung des Redeverbotes für Helmuth von Ger- l a ch anzusehen._ Menschenjäger offeriert sich. Inserat aus dem„Völkischen Beobachter": „Berufsjäger, Pg., SA.-Mann, Frontkampfer, scharf aus 2- und 4-bcinigcs Raubzeug, sucht Stellung, auch Vertrauensstellung jeder Art." Ein Menjchcnjäger zu kaufen— bedienen Sie sich, Herr Hitler! Ein Schicksalsiag für Deufschland Die Annexion Elsa£-Loihringens Mm 2 4. November 1870 wurde nach einer Kette glänzender Waffenersolge der deutschen Heere in Frankreich der Reichstag des Norddeutschen Bundes eröfsnet. Der Präsident des Bundes- lanzleramtes o. Delbrück verlas die Thronrede des auf dem Kriegs- schauxlatz weilenden preußischen Königs. Sie enthielt nach einigen frommen Redewendungen über die göttliche Segnung der deutschen Waffen die Friedensbedingungen, die dem besiegten Frankreich gestellt werden sollten. Da hieh es: „Sic müssen zu der Größe der Opfer... im Per- HiHtnis stehen: sie müssen vor allen Dingen gegen die Fort- scfiung der von allen Machchabcrn Frankreichs seit Jahrhunderten geübten Eroberungspolitik eine verteidigungsfähige Grenze Deutschlands dadurch herstellen, daß sie die Ergebnisse der unglückliäien Kriege, welche Deulschland in der Zeit seiner Zerrissenheit nach Frankreichs Willen führen mußte, rückgängig machen und unsere süddeutschen Brüder von dem Drucke der drohenden Stellung befreien, welche Frank- reich seinen früheren Eroberungen verdankt." Da? besagte in umschreibenden Worten 5ie Eroberung C l s a ß- L o t h r i n g e n s, auf die eine wilde Agitation die „öffentliche Meinung" schon geraume Zeit vorbereitet hatte. Damit sollte die Fortführung des Kriegs, für die bei Verzicht auf Annexionen nach der Vernichtung der französischen Heere kein Anlaß mehr vorlag, gerechtfertigt und die Bewilligung der geforderten weiteren Kriegsanleihe begründet werden. Lei den bürgerlichen Parteien mit der alleinigen Ausnahme des hannoverischen Protestlers, Professor Ewald, fand die Regierung keinen Widerspruch gegen dieses Kricgsprogramm. Nur die Sozialdemokraten Eisenachcr Richtung(Liebknecht, Bebel) beantragten: der Reichstag möge die Anleihe ablehnen und den Bundeskanzler auffordern, unter Verzicht auf jede Annexion französischen Gebiets mit der sranzösifchen Republik schleunig st Frieden zu schließen. Erfolg hatten sie, wie zu erwarten war. mit diesem Antrag nicht. Einzig die Lassalleancr stimmten dafür, drei weitere Sozialisten und Ewald mit ihnen gegen die Anleihe. Was sie erreicht hatten, war auf der einen Seite die Entfesselung jener grenzen- und gewissenlosen„natio- n a lc n" Heß e, unter der die Arbeiterbewegung seitdem zu leiden hat. Auf der anderen Seite aber, neben der Wahrung ihres eigenen Gcwissensstandpunktes, die Reinhaltung der Partei- nicht nur vor der ungeheuerlichen Verletzung der Grundsäße des Völkerfriedens und des Selbstbestimmungsrechts der Völker, die damals verübt' wurde, sondern auch vor einem furchtbaren politischen Miß- griff, der in der Folge zum entsetzlichsten Völkerkrieg und dem Zusammenbruch Deutschlands geführt und führen mutzte! Am Z. September 1870, demselben Tage, an dem der Braun- schweizer Ausschuß der Soziatdemokraten wegcn seiner Kundgebung für sofortigen Friedensschluß und gegen jede Eroberungspolitik verhaftet und in Ketten auf Festung gebracht wurde, hatte der Generolrat der Internationalen Arbeiterassoziation eine von Marx und Engels verfaßte Botschaft erlassen, in der diese Forderung politisch und wissenschaftlich, vom nationalen Standpunkt Deutschlands wie vom internationalen der Menschheit begründet wurde. Da wurde die Forderung der„Sicherung", der„materiellen Garantien", wie man damals sagte, geschichtlich, militärisch und politisch in ihrer Nichtigkeit entlarvt: wurde gezeigt, wie wirkungslos die gleichen Bemühungen gegenüber Preußen nach 1807 geblieben waren. Und vor allem, wie sie immer den K e i m neuer Kriege in sich bergen.„Wenn die Grenzen durch militärische Interessen bestimmt werden sollen, so werden die An- spräche nie ein Ende nehmen, weil jede militärische Linie notwendig fehlerhaft ist und durch Annexionen von weiterem Gebiet verbessert werden kann. Uebcrdies kann sie nie endgültig und gerecht bestimmt werden, weil sie immer dem Besiegten vom Sieger ausgezwungen wird und folglich schon den Keim eines neuen Krieges in sich birgt." Welches Gesicht aber dieser künftige Krieg tragen werde, auch das sagte das Genie der internationalen Sozialisten schon gleich nach dem Sieg von Sedan voraus: „Wenn das Glück der Waffen, der Ucbcrmut des Erfolges und dynastische Intrigen Deutschland zu einem Raub an fran- zöfischem Gebiet verleiten, so bleiben ihm nur zwei Wege offen. Entweder muß es, was auch immer daraus folgt, der offen- kundige Knecht russischer Vergrößerung werden, oder aber es muß sich nach kurzer Rast für einen neuen „dcfem'ioen" Krieg rüsten, nicht für einen jener neugebackenen „lokalisierten" Kriege, sondern zu einem Rasscnkampf gegen die verbündeten Rassen der Slaven und Romanen." Su Marx und Engels im Jahre 1870. Ist nicht alles Wort illr Wort in Erfüllung gegangen? Nur eins haben selbst diese schärfsten Kritiker der Bismarckschen Politik nicht für möglich ge- halten: daß es einmal den erleuchteten Nachsahren des„eisernen Kanzlers", deren Macht und Einfluß aber beruhte auf dem von ihm geschaffenen politischen System des militärischen Absolutismus und der von ihm mit schlimmster Tücke planmäßig großgezogenen politischen Verblendung und moralischen Korruption, gelingen werde, selbst den„historischen Bundesgenossen" der Hohenzollcrn-Monarchie, das damals eng befreundete britische Weltreich, in die Reihe der Todfeinde Deutschlands einzugliedern! Wie damals die„nationale" Meute gegen unsere Vorkämpfer tobte, das-ist uns Heutigen, die wir noch ganz anderes gewöhnt sind, nicht weiter auffällig. In jener Zeit aber, als das deutsche Bürgertum noch liberal war und auf„Bildung" hielt, erschien es doch bemerkenswert. In jener Zeit, in der der Oesterreicher Grillparzer den Stachelvers schrieb: „Der Weg der modernen Bildung geht: von Humanität durch Nationalität zur Bestialität!" Wilhelm L i eb k n e ch t führte damals u. a. aus:„Die An- leihe, die man von uns fordert, ist für die Durchführung der Annexion bestimmt. Die Annexion aber bringt nicht den Frieden, sondern den Krieg. Indem sie auch nach dem Frieden eine bcst'ändige Kriegsgesahr schalst, befestigt sie in Deutschland die Militärdiktatur."— Gegen die Anleihe stimmten in dritetr Lesung neben den beiden Eisenachern die Lassalleancr Schweitzer, Hasencleoer, Fritsche, Mcnde, serner Schraps und Ewald. Bekanntlich rächte sich das System Bismarck, das nun im „freien und einigen Deutschland" unumschränkt herrschte, indem ch nach Schluß der Tagung Liebknecht und Bebel verhaften und, nach- dem nwn sie mehrere Monate in Untersuchungshaft gehalten, in dem berühmt gewordenen Hoch verrat sprozcß in Leipzig (Schwurgericht vom 11. bis 20. März 1872) zu 2 Jahren Festung verurteilen ließ. Diese Ereignisse, die nur den Beginn einer jahrzehntelangen Kette gehässigster„gesetzlicher" und gesetzwidriger, mit allen Mitteln des Staates und der Arbeitgebermacht betriebener Verfolgungen und Beschimpfungen darstellten, haben es nicht vermocht, den Gang der Arbeiterbewegung und, als ihr Wahrzeichen, den Aufstieg der Sozialdemokratie aufzuhalten. Aber das System, das geglaubt hatte, durch Anftachelung der wildesten nationalen Leiden- schaftcn, durch Angliederung von Festungen und Provinzen seine Macht auf die Dauer nach innen und außen sicherzustellen, hat die Folgen seiner Politik viele Jahrzehnte durch Aufrechterhaltung des internationalen Wettrüstens und Ablehnung jedes durchgreifenden Mittels der Friedenssichcrung das deutsche Volk tragen lassen, bis schließlich die Früchte der Annexionspolitik reif geworden waren. Die herrschenden Kreise Frankreichs, unversöhnlich, dem eroberungs- gierigen Zarismus verbündet— das war der europäische Kriegsherd, der die Welt in Brand gesetzt und Europa zum Schauplatz der furchtbarsten Barbarei gemacht hat. Wäre nach dem Siege von Sedan soviel Einsicht und Gewissen vorhanden gewesen, auf die Eroberung als Frucht des Sieges zu verzichten und noch der Forderung der Sozialdemokratie durch beiderseitige Abrüstung einen dauernden Freundschaftsbund zwischen Deutschland und Frankreich zu begründen— der Gang der Weltgeschichte wäre wahrscheinlkch ein ganz anderer, ein menschlicher geworden. Die Sozialdemokratie war es, deren Politik Deutschland und die Welt vor Blut und Verfall bewahren wallte. Und die „Nationalen" aller Richtungen und aller Länder haben das zunichte gemacht. Wie lange noch? Simon Ratrenstein. Musik und Tanz Hautgout und reife Früchte. Zwei Tanzabende. Valeska Gert gab einen Abend im Schwechtensaal. Es war keine reine Pantomime. Und es war noch weniger reiner Tanz. Ganz sicher aber ist es eine große, einmalige Kunst. Valeska Gert hat diese Kunst geschaffen, für sich geschasfeit. Und niemand kann sie nachahnten, so viel« es auch versuchten. Grotesken und Parodien, die viel mehr geben als lustige Unterhaltung. Die in grauenvolle seelische Abgründe leuchten, spießerliche Geschmacklosig- kcit, Heuchelei und Verlogenheit geißeln, künstlerische Verirrungen tödlichem Gelächter preisgeben, Ihr Mittel ist die Uebcrtreibung. Das Leuchtende wird grellbunt, das Rasche zappelig, das Tönende kreischend. Sie scheut, was Stosf oder Mittel betrifft, vor nichts zurück. Der Schmerz fit heilig. Ergreifend, wenn er stumm im Herzen bleibt, lautlos aus klagenden Blicken spricht. Seine Aeuße- rung als hemmungsloses Heulen, Greinen, Wehklagen aber wirkt abstoßend und geinein. Int.Kummerlicd" wagt es die Gert, solch lauttönenden Schmerz zu karikieren. Ein Teil des P-iblilums wird es als Roheit empfinden, wenn eine Frau im Traucrgewand er- scheint und sich gebärdet, wie es Abertausende tun. Andere werden die grandiose Wucht der Gestaltung bewundern und ihre Kühnheit gelten lassen. Die Grenze zwischen dem Erhabenen und Lächerlichen wird herausfordernd, auftrumpfend überschrittest. Hier und in den meisten Nummern des Programms. Die Knust der Gert ist genieß- bar nur für die rettungslos Dekadenten und für Aestheten, die fähig find, alle künstlerischen Darbietungen mit interelselosem Wohlgefallen aufzunehmen. Ein weiter Weg vom raffinierten Hautgout der Gert zu den schönen, klaren, weichen Rhythmen der Herta Feist, die wir nach langer Pause im B a ch s a a l sahen. Diese Künstlerin besitzt alles, was zur vollendeten Tänzerin gehört. Nur eins mangelt ihr noch: die scharf umrissen« Persönlichkeit. Ihre Pantomimik hat nichts Naturalistisches. Sie ist abgeklärt zur Höhe einer Symbolik, die in rein abstrakten Stilformen komplizierteste seelische Vorgänge leuchtend klar und eindrucksvoll gestaltet. Ihre Technik gipfelt in prachtvoller Arm- und Handaktion, während die Sprünge letzte Leichtigkeit zuweilen vcrinissen lassen. In Dreitänzen mit Chat- lotte Borchardt und Ruth Lemke wurden mit den Mitteln des modernen Stils teils zarteste dekorative Ballettwirkungcn erzielt („Beschwingtes Spiel"), teils kultisckje Feierlichkeit zu wuchtigem Pathos gesteigert(„Feierlicher Dreiklang"). Alles in allem ein sehr -ersreulicher Abend. J. S. „Armer Columbus." Städtische Oper. Ein« Talcntprobc: 1027 hat sie Erwin Dressel, 17jährig damals, mit der Partitur seiner Oper„Armer C o l u m b u s" geliefert. Es zeugt von unzweifelhafter.Begabung, daß er so jung solch ein Werk zu vollenden vermochte. Es spricht nicht gegen seine Begabung, daß diese erste Arbeit in Wesentlichem mißraten ist. Ihr halbes Mißlingen war durch die unglückliche Wahl des Texies bedingt. „Armer Columbus,— die Vorgeschichte einer Entdeckung", genauer gesagt ist es die Geschichte ihrer Finanzierung. Eristoval Colhn. unerschütterlich in seinem Vorhaben, die gcträumten Inseln im Westen— Ameriia— zu entdecken und zu erschließen, ringt der Königin Isabella, der es seine Männlichekit angetan hat, und dem jüdischen Finanzminister Ephraim Santangel, der die kapitalistischen Chancen des Unternehmens kalkuliert, die Mittel für das Abenteuer der Reise ab. Dies der dürftige Inhalt, der sich durch acht Bilder zieht— doch wie? Personen und Geschehen der Weltgeschichte, alles wird, unter dem Vorgeben, es uns auf solche Slrt menschlich näher- zubringen, ins unwürdig Lächerliche verzerrt. Wäre der Kopf, den der Autor, Arthur Z w e i n i g c r, dafür anstrengt, so witzig, wie er sich als witzarm erweist, wäre die Sache mit soviel geistiger Ueberlcgenheit gemacht, wie sie. zu unserer nachhaltigen Ver- stimmung, geistverlassene Albernheit in die Breite treibt: es könnte ein lustiger Operettentext sein; doch leider ist diese Dichtung eine de- schämend traurige Angelegenheit geworden. Der knabenhaft junge Komponist, kritiklos diesem dummen Buch hingegeben, das bedeutungsvolle Hiniergründe vorspiegelt, erliegt all seinen Gefahren. Die ernstgemeinte Oper wird zum verletzend unseriösen Spiel mit großen hohen Dingen: bald verführt den Musiker der Stosf, heroisch-pothetische Töne anzuschlagen, die er aus der Welt des wagnerischen und nachwagnerischen Musikdramas bezieht. bald verleitet ihn der Dichter zur Haltung des überlegenen Spötters, Menschcnverächters aus tiefer Menschenkenntnis, und in dieser künst- lich angenommenen Haltung fühlt seine Jugend, wie es scheint, sich am wohlsten. Aber zu solcher inneren Unsicherheit der Einstellung kommt, den Gesamteindruck beeinträchtigend, die Wahllosigkeit und Hemmungslosigkeit seinerIahre hinzu, er nimmt und verarbeitet Einfälle und Anklänge, wie sie ihm in die Feder kommen, noch völlig unbekümmert um Stil und Niveau. Gewiß, er findet eigene Gedanken und kann schon viel— für einen Siebzehnjährigen. Ab- solut gewertet, reicht es noch nicht— für die Ansprüche eines Operntheaters. Als die Oper„Armer Columbus" eben geschrieben war. mußte es interessieren, sie einmal spielen zu lassen: als Vorführung gewisser- maßen, als Versuch: die Uraussllhrung in Kassel hat in diesem Sinn Interesse, ja, einiges Aufsehen erregt. Das ist drei Jahre her, und drei Jahre, die Jahre von 17 bis 20, sind eine lange Zeit in der Entwicklung eines Künstlers. Man erweist dem Komponisten Erwin Dressel, der seither erheblich weiter gekommen sein mag, mit der Berliner Aufführung dieses unreifen, unzulänglichen ersten Werks heute keinen guten Dienst. Den Widerspruch, den sie, wie voraus- zusehen war, finden mußte, bestärkt das ausfallend« Mißverhältnis zwischen dem geistigen und künstlerischen Format des Werks und dem verschwenderischen Aufwand an Mitteln, die in der Städtischcit Oper dafür eingesetzt werden— vielleicht in der Absicht, seine fundamen- talen Schwächen zu verhüllen, doch mit dem Effekt, sie nur deutlicher fühlbar zu machen. Der Premierenabcnd, der eine neue Aera der Städtischen Oper eröffnen soll, weckt Bedenken, und es ist notwendig, sie aus- richtig auszusprechen. Dr. Kurt Singer, der neue Intendant. führt persönlich Regie. Man weiß, daß er nie Regissour gewesen ist. Gewiß, sein Mangel an Handwerk und Berufsersahrung fällt dem Publikum, das eine sorgfältig ausgearbeitete Inszenierung zu sehen bekommt, nicht in die Augen: aber der Blick dos Theater- fachmannes läßt sich nicht beirren— und dos künstlerische und tech- nische Personal, die Mitarbeiter und Untergebenen des Regisseur- Intendanten, sie alle sind erfahrene Theaterfachleute. Es kann dem Ansehen des Hauses nicht förderlich fein, wenn der neue Leiter sich in einer fachkünstlerischen Koinmandostellung ausprobiert. In einer kritischen, zerfahrenen Situation der Städtischen Oper bat er die schwere verantwortungsvolle Aufgabe ihrer gründlichen Reorgani- sierung übernommen: es wäre zu wünschen, daß er sich nicht durch persönlichen Künstlerehrgeiz davon ablenken ließe. Das ist an sich kein Einwand gegen diese Inszenierung, die freilich, oerglichen mit Singers erster Regieleistung—„Maschinist Hopkins"— wohl kaum einen Fortschritt bedeutet. Im Musikalisch.m ist dl« Aufführung von Paul Breisach gewissenhaft vorbereitet. In den Hauptrollen: Margret Pfahl, Heyer, Hüsch, Steier; Ioh. Drath, als Gast in der Rolle des Columbus, gibt eine fesselnde Leistung. Viel Beisall, von«inem'Teil des Hauses gespendet: auch Stimmen des Mißfallens, berechtigter Ablehnung, werden laut. Für Erwin Dressel' kein Grund, an sich und seiner Zukunft irre zu werden. Wenn er, gereift, mit einer besseren Sache wiederkommt, wird er bei vorurteilslosen Hörern ejn williges Ohr finden. Klaus Pingsheim. Technik ist Auance. Drury Channell im mki bcn". ÄUc Bcranstal'tungen. so wird uns mitgeteilt, waren sehr stark besucht. Den Trauernde» ein Trost, den Lebende» ein Ansporn, so waren diese Feierstunden der Freidenker würdigstes Gedenken an die Toten... Bei den Z�ussengräbern in Buch. Auf dem A n st a l ts f r i e d ha f Buch, der auch«ine An- zahl russischer Kriegergräber enthält, peitschten Regenschauer über die Gräber. Blätterlos, dürftig ständen Bäuinc und Sträucher in diesem riesenhosien Waldfriedhof, der im Sommer eine wundervolle Ruhe und Schönheit darstellen inuß. Die Menschen, die zahlreich zum Besuch ihrer Toten gekommen waren, verloren sich zwischen den Gräbern. Diele Grabstellcn sind nur kenntlich durch Bauin oder Strauch, die vor Jahren gepflanzt pvurdcn. An einem Fliedcrbusch, der wie dürre Kinderarme seine Aeste aus einem Grab Izeraus- wachsen läßt, prangen Papierrosen. Die Hauptallee begleiten rechts und links Grobrcihen deutscher gefallener Krieger, in sorgsam ge- pflegte Tanncnbosketts gebettet, dicht daneben ruhen ihre russischen Kameraden. Auch ihre Gräber sind mit Blumensträußen' ge schmückt. Man hat sie am Tage der Toten nicht vergessen. Die Landesgruppe Brandenburg der Arbeiisgemeinschaft. der Der- einigungen ehemaliger Kriegsgefangener, hotte es sich nicht nehmen lassen, in einer schlichten, aber eindrucksvollen Feier der fremden Kriegskameraden zu gedenken. Die Feier sollte ein Symbol sein des Gedenkens an alle Kriegskameraden, die fern von ihrer Heimat in fremder Erd« ruhen. Bon weit her waren sie gekommen, alle Ortsgruppen hatten Vertreter entsandt. Mit ent- bläßten Häuptern vernahmen sie ergreifende Worte des Gedenkens. 688 999 Menschen starben in der Gefangenschaft, über 19999 Vermißte Zählt man, deren Grob man nicht kennt. Klänge de?-Toten- ab-schicds widmete der Gesangverein„Berlin Osten" den stillen Kricgskaincraden. Ein Kranz mit den Farben der Republik wurde niedergelegt. Toiensonntag bei den Arbeiiersangern. Im Lchrervereinshaus, Aleranderplatz, konzertierte die Sängervereinigung Norden(M. d. DASB.) und brachte unter Leitung ihres Dirigenten Joseph Schmid wirkungsvollst proletarische Kampf- und Freihciislicdcr zu Gehör. Di« prächtigen Uthmannschen Chöre„Du fernes Land" und„Am Strom", den „Gesang der Völker" von Guggenheim und die eindrucksstarken Kompositionen„In den Militärbaracken" und„Bauernrcvolution" von Eisler. Der gutdisziplinierte Chor, unter denen sich die Tenöre und zweiten Bässe besonders auszeichneten, verhalfcn dem licd- gewordenen Schrei der Masken nach Freiheit»nd Licht zu starker Wirkung. Mit schöngepslegtcm Organ sag Elise von Catopol Arien aus„Freischütz" und„Tannhäuser" und Beethovens„Ehre Gottes in der Natur". Die Gesänge wurden umrahmt von Konzert- darbietungcn der Kapelle Otto Kcrmbach. Die Arbeitsgemeinschaft Liedertafel Berlin- West, Schöneberger Männerchor Freundschaft (M. d. DATB.) hatte nach dem Schöncbcrgcr Ratizaus geladen, wo sie«in gut gewähltes, reichhaltiges Programm gesanglicher Darbietungen gaben. Mit Begeistcrnng sag der Chor zu Anfang Gesänge von llthmann und Negier, das„Lebenslied" von Kann, dann leitete es über zu Volksliedern schwärmerisch-scntimentalcn Cliarakters, wie Olhegravcns„Es fiel ein Reif" und„Trübsinn": sehr schön und stiimnnngsvoll klang„Unterm Machandclbaum" von Mohaupt, das leliensbejahcnd-fröhliche„Türkische Schenkenlied" von Mendelsohn und Veits launige Weise vom„Käser und der Blume". Das Salon-Quintett Werner spielte zwischendurch mit gnter Technik und beseeltem Vortrag klassische Musik. Den Toien des Krieges. Vortragsabend der Volksbühne. Die Volksbühne- veranstaltete am Totensonntag eine Gedenkstunde für die Kriezegefallenen. Edith H e r ni st a d t- Oettingen las im Bürgersaol des Rathauses aus Briefen Gefallener. Am eindringlichsten wirkte eine Zusainmenstellu.ig von Sludentenbriefen. Die 29- bis 2Sjährigen, die sie geschrieben haben, sind olle, wie es damals so schön hieß,„ans dem Felde der Ehre" geblieben. Aus deiv Briefen stieg dieses„Feld der Ehre" als grausige Vision auf: blutgetränkt, erfüllt von Tod»nd Verwesung, von Aasgcruch und Sterbegestöhn. Keine„Pazifisten", keine.in- bedingten Kriegsgegner haben diese Schilderungen gegeben, sondern junge Menschen, die auezogen, wie Tausende andere, freiwillig vielleicht, und die Briefe, deren entsetzlicher Inhalt den Herzschlag stocken ließ, waren keine Anklagen, nur Berichte, mit denen sich die Schreiber ein wenig befreim wollten von dem Grauen vor ihren Erlebnissen, die sie schließlich schon nicht mehr erleben können, gegen die sie zu ihrein eigenen Entsetzen ansangen, stumpf zu werden. Wollte die Siezitotorm das Graue» verscheuchen, alz sie un- mittelbor danach Dauthendeys naiv-pathelisches Kriegsgedicht „Das deutsche Herz" sprach. Sic erwies Daurhendey, der trotz- dem ein großer Lyriker war, und sich selber damit einen schlechten Die.nst. Aus anderen Briefen und Versen wurden Menschen lebendig; die aus reifem Schaffen, aus verhsißungsvollcr Jugend heraus- gerissen wurden; einzelne Namen, einzelne Briefe: Millionen Tote standen anklagend dahinter. T. E. S. Gemeindewahlen in Ostholsiein. Bürgerliche durch TtaziS aufoesogen. Eukin. 21. November. In den neunzehn Gemeinden des oldenburgischcn Landestcils Lübeck wurden am Sonntag die Gemeinde- ratswahlen vorgenommen. Gegen bas legte Wahlergebnis vom Jahre 1927 l>ab«n sowohl die bürgerlichen als auch die Sozial- dcmokraten Verluste zu verzeichnen. Di« bürgerlichen Mandate sanken von 196 auf 87, die der Sozialdemokraten von 83 auf 77, die Kommunisten, die 1927 drei Mandate erhielten, haben drei ge- wonnen. Di« Nationalsozialisten, welche erstmalig bei den Gemeimde- ratswahlen austraten, erreichten 23 Mandate. In der Stadt Eutin wurden gewählt: 3 Sozialdemokraten(bisher 6), 7 National- sozialisten(—), 3 Bürgerliche(9). t Orkan in Güdwefideuifchland. Schwere Schäden am lllmer Münster. Die Flugwetterwartc München verzeichnet den gestrigen Sturm als einen der schwersten, die überhaupt aus dem Fest- land vorkommen können. Im Münchener Waldfriedhof sind dem Orkan etwa zweihundert mächtige Bäume zum Opfer gesallen. Im Münchener Flughafen München-Obcrwiesenfeld wurde das Dach der Flughalle teilweise zerstört. Aus allen bayerischen Landpsteilen werden schwere Sturmschäden gemeldet. In Augsburg und Nürnberg und ihren Umgebungen wurden durch Gewitter und Regen und Stürme schwere Schäden angerichtet. In den Wäldern und in den städtischen Anlagen sind zahlreiche Wind- bruchschäden eingetreten. Gewaltige Stärke hatte der Sturm auch in der Bodenseegege n d. Dort sind Schäden eingetreten, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr verzeichnet hat. In der Jo- hannisgasse in Nürnberg wurde das Gerüst am Wöchnerinnenheim nachts 2 Uhr durch den Sturm auf die Overleitung der Straßenbahn geworfen. In ganz S ii d w e st d e u t s ch l a n d, in Württemberg und Baden und den Rhein hinab bis zur Pfalz hat der Orkan in furcht- barer Weife gewütet. Fast gleichlautend berichten alle Meldungen van einem großen Bcrlust an alten, vxrtnallen Wald-, Baum- und Obstgärtenbeständcn, von Sturmschäden an Gebäuden aller Art und von schweren Verkehrsstörungen. In K a m m e r st e i n bei Schwabach wurde eine Halle van der Gewalt des Sturmes hochgehoben und auf die andere Straßen- feite geschleudert. In Jmmendorf bei Koblenz wurde von einer Turnhalle das Dach abgedeckt und dann die Seitenwände ein- gedrückt, so daß die Halle v o l l st ä n d i g z u s a m nk c n- stürzte. Besonderer Schaden wurde am U l in e r Münster angerichtet. Dort wurde das Zlusbefserungsgerüst an einem Seiten- türmchen durch eine vom Sturm umgeworfene Fiale und andere stürzende Gcsteinsmassen zerstört. In der Südstadt von Karls- ruhe stürzte einer der kleinen Türme der Liebfrauenkirche ein. Die Trümmer durchschlugen das Gewölb« des westlichen Quer- schiffes und richteten im Innern der Kirche großen Schilden an. Der Einsturz erfolgte mit donncrartigcm Getöse, und in den nahe- gelegenen Häusern glaubte man zuerst an ein Erdbeben. Eine Hühnerfarm in der Nähe von Karlsruhe ist mitsamt den Hühnern vollständig verschwunden. )ihein und Mosel. Ein bedrohliches Ansteigen des Rhein«» und der Masel wird aus den mittleren und unteren Stromgebieten ge- meldet. In Koblenz hat die Koblenzer Schiffsbrücke den Betrieb eiirgestellt. Die Rl>ein- und Maselfront ist zum Teil schon über- schwemmt. Die Geschäfte und 5)äuser am Rhein sind zum Teil zu ebener Erde ganz geräumt und an der Moselfront sind verschiedene Familien bereits ausgezogen. In besonders bedauerlicher Lage be- finden sich die Einwohner der Rheininscl Niederwerth. Das auf dieser Insel gelegene Dorf ist zum größten Teil unter Wasser gesetzt und von jeglichem Berkehr mit dem Lande obgc- schnitten. In Neuwied am Rhein ist die Hochwasserwellc über hundert Meter tief in das Geschästsoiertel der Stadt eingedrungen. Schon in den?tachmittagsstundcn hat das Räumen der Geschäfte und Privathäuser begonnen. Länge Kolonnen Wagen stehen in den Straßen und bringen das vom Hochwasser gefährdete Gut aus dem Ileberschwemmunasgebiet. Das Stadtbauamt richtete die Mahnung an die Bevölkcruna, mit dem Räumen der Häuser nicht zu zögern. Nach den neuesten Wasserftandsmcldungen erreicht die Mosel bei Trier einen Stand von 6,19 Meter und steigt stündlich noä) um 3 Zentimeter. Nordseeküste. Hamburg.?1. November. An der ganzen Wasserkante tobt seit der Nacht zum Sonntag ein außerordentlich schwerer N o r d w e st st u r m, der im Lause des Tages die Stärke 19 bis 12 erreichte. Bei der Scewarte wurden bis zu 39 Sckundcnmctcrn gemessen. Am Nachmittag ging über Hamburg ein heftiges Gewitter mit st a r k e m H a g c i- schlag und Sturm nieder. Gegen 19.39 Uhr erreichte die Sturm- flut ihren höchsten Stand mit 8,19 Meter über Hamburger N u I l. Die tiefergclegcnen Straßen am Hafen wurden völlig überflutet. Mit ungeheurer Wucht trieb der Sturm die Wasser- mossen i» die Elbmündung. Die Sturmflut am Nachmittag brachte Kuxhavcn den seit Jahren nicht erreichten Höchststand vo» 2,79 Meter über Normal. Frankreich und Belgien heimgesucht. Ganz Frankreich und ganz Belgien siird, wie eingangs schon erwähnt, von dem Unwetter heimgesucht worden. In der Gegend von Paris verursachte der Sturm schweren Schoden. Samt- lichc französischen Flüsse sind infolge der andauernden Regcnfällc der letzten Tage erneut gestiegen und drohen über die Ufer zu treten. In Roucn ist ein großer Kran eingestürzt. Em Manu wurde getötet, ein anderer schwer verletzt. In der Nähe von Bannes stürzte ein Haus zusammen. Eine Frau wurde getötet. Belgien hat unter gewaltigen Ueberschwcmmungen zu leiden, die allmählich einen katastrophalen Umfang annehmen. Die Scheide, Nethe, Dender, Durme und Dyle haben die Dämme an insgesamt 39 Stellen durchbrochen. Die Ausdehnung der Ueberschwemmung«» ist größer als im Jahre 1928. Der Schoden ist ungeheuer und läßt sich vorläufig noch nicht annähernd abschätze». Die Regierung hat Truppen zur H i l f c l e i st u n g aufgeboten und die Urlauber tclegraphisch zurückberufen. Ein Nacheaki? Ein Berliner Montogsblatt bringt in großer Aufmachung die Meldung, daß die Stadt Berlin bei Lieferungen von Straßen bau Material schwer geschädigt sein soll. W« wir dazu von maßgebender Stelle erfahren, handelt es sich um die A n- zeige cjnes bei einer Stroßenbaufirma ent- lassen«» Ang« st eilten, die offenbar als ein Racheakt au- zusehen ist. Roch den bisherigen Ermittlungen der Staalsanwoli- schaft sollen in einigen Fällen Pflastersteine gestohlen worden sein: ob dabei die Straßenbausirma aber die Stadt Berlin die Geschädigten sind, steht noch nicht fest. Unklar an der ganzen Geschichte ist"auch, zu welchem Zweck man ausgerechnet Pklastersteiiie stielstt und wie man das immerhin nicht ganz leichte Diebesgut in so großer Menge forttransporticren kann, daß wirklich ein nennens- werter Schaden entsteht. Di« Ermittlungen d«r Staotsanwallschoft gehen weiter. plaza-preisausschreiben.»ÄriÄ f* bctflcc 6t r. 150; 2. F. E ablo tt ki. Weißens� iHcclrfeftr. 176111; 3 2 u 1 1 rf) r. Thaerstr. 33; 4. B Ä ü t o w, Ärmititr..51.—(22. II): l. B. 5» a h n o l t, Str. 261V; 2. M. G. Weiß, Hallesckies Ufer 10IV: 3. H a n v a Äaufmcnn, Dortmunder 10; 4. R. Pintall, Rhe'.nsberser 6tr.l8. fteiloge Montag, 24. November 1930 ShJUauk&iße Jßi Sb+vtesdi' Sm Stande des Eisens J)ie Herten de WendeC und ifir ßteied Iocuf, �om6couri, Conflans, Longwy, Neuf-Maisons, Bricy Usw., die Hauptort« des Erzbeckens, um die sich ander«, kleinere Orte gruppieren, sind nicht etwa Städte, sondern in Wirklichkeit große Dörfer. Selbst Longwy, obwohl«s wegen seiner großen Aus- dehnung und der Ausammenbollung kleinerer Orte in seiner nächsten Umgebung eine eigene Straßenbahn hat, ist nur ein großes Dorf. Don Luxemburg bis Nancy gibt es trotz der dichten Besiedlung nicht ein einziges Theater, nicht einen einzigen städtischen Konzertsaal. Kaum, daß man hier und da ein Kino dritter Güte sieht. Man könnte, will man gewisse Unterscheidungen machen, von der Einflußsphäre oder den„Grafschaften" der verschiedenen Schwerindustriellen sprechen. Zuerst kommt da der„B a r o n" Droux, wie man ihn noch vor 20 und 25 Iahren nannte, der damals dos gesamte Department Meurthc-et-Moselle wirtschaftlich und politisch beherrschte. Und wie beherrschte er es! Es war keinem Gewerkschaftsvertreter möglich, in dem Industrie- brcken auch im bescheidensten Hotel eine Unterkunst zu finden. Selbst heute sind die Bindungen noch sehr stark. Es wurde mir versichert, daß z. B. die Ankunft des Gewcrbeaufsichtsbeamicn von jedem Hotel sofort signalisiert wird, so daß es außerordentlich schwer halte, Mißstände zu beseitigen. Während der„Baron" Dreux— heut« nennt man ihn mehr samiliär„Voter Dreux"— vornehmlich den nördlichen Teil des Erzbeckens beherrscht, herrschen die de Wendel im mittleren Teil, aber auch jenseits der eheinaligen deutsch-französischen Grenze, im Moseldepartemcnt. Denn die de Wendel besaßen und besitzen auch dort Hüttenwerke,»Erzgruben und vor allen Dingen Kohlengruben. Bor dem Kriege gab es im Deutschen Reichstag einen nationalliberalen Abgeordneten de Wendel, während gleichzeitig«in Vetter von ihm in der französischen Deputiertenkammer saß. natürlich auch ein streng„natio- naler" Mann. Dazwischen hat sich der politische Einfluß der bürgerlichen Radikalen eingeschoben, deren Führer der Senator L e b r u n ist. Der Einfluß"der Sozialistischen Partei ist kaum spürbar, obwohl bei den letzten Wahlen der Genosse Doley in der Stichwahl mit nur 500 Stimmen dem einen der de Wendel unterlag. Doch wenn auch zwischen den verschiedenen bürgerlichen Richtungen Gegensätze, zwischen den schwerindustriellen Magnaten Eifersüchteleien bestehen mögen, sie gehören alle der schwcrindu- slnellcn Untcrnehmerorganisation an, dem Co mite des For- g e s. Deshalb wird man überall die gleichen Arbeits-, Lohn- und Lebensbedingungen finden. Die Arbeiter selbst wohnen außerhalb der Ortschaften in weitgcstrecktcn, monotonen Siedlungen, die alle den Fabriken gehören. Sie leben hier abseits, unter sich, von oller 5kultur abgetrennt. Alles gehört der Fabrik: der Boden, die Wohnhäuser, das Wasser, dos elektrische Licht, die Gaswerke, selbst die sogenannten Konsumläden sind nur schlecht maskierte— durch das Gesetz verbotene— Fabrikläden. „Es ist das gute Recht der Fabrik", sagte nur ein« alte Arbeiterfrau, deren Mann Gemeinderat ist,„z u v e r l a n g e n, daß die Arbeiter das Geld, das sie von ihr bc> kommen, nicht sonstwo ausgeben." Sie sagte das in voller Ueberzeugung. Und es war durchaus keine dumme Frau. Ihr heim war sauber, wohnlich, gepflegt, was dort durchaus nicht die Regel ist. Di« Herrschaft der Fabrik be- schränkt sich eben nicht nur auf das Materielle. In T h a o n bei Epinal fiel seinerzeit der dortige Fabrilhcrr, ein gewisser Lederlin, bei einer Generalratswahl durch. Tags daraus schnitt er einfach den Einwohnern Gas. Wasser, Elektrizität ab. Es war ja sein Wasser, sein Gas, seine Elektrizität. Er hätte noch weiter gehen und die Bürgermeisterei schließen, die Straßenreinigung aufheben, kurz, die ganze Gemeindstätigkeit be- seitigen können. Denn es ist ja seine Gemeinde! Das ist keine Redensart. Der B ü r g e r in e i st e r in solchen Orten ist entweder ein leitender Zlng« st ellterderFabrik oder ein von dieser materiell abhängiger Gewerbe- treibender. Dasselbe gilt von den Beigeordneten und den Gcnieiiideräten. Es kommt vor, daß von der Fabrik«ine opposi- tionell« Arbeiterliste toleriert wird, die aber unabhängig sein niuß, d. h. sie darf nicht der sozialistischen Partei angehören. Im ganzen Erzbecken von Briey-Longwy tras ich nur in Longwyhaut(Longwy wählt in mehreren Bezirken) sozialistische Gcmeinderäte, die unter der Führung des bereits genannten Ge> nassen Dr. Lafont gewählt wurden. Lasont, der einer wohl- habenden bürgerlichen Familie des Departements entstammt, wurde jn Longwy als Vertrauensarzt der Fabrik angestellt. Denn auch die Acrzle, die Kliniken und Krankenhäuser gehören der Fabrik. Aber Lafont, der sich als Arzt einer großen Beliebtheit erfreute, war nicht zu hellen von seinen sozialistischen Ideen, die man ihm als Iugendeielci zunächst nicht anrechnet«, in der Erwartung, er werde als verständiger Mann schon wissen, was er seinem Brochcrrn schuldig ist. Da Lafont aber keine„Vernunft" annahm, die Eisenbahner, Post- beamtcn, kleinen Gewerbetreibenden, kurz, all«, die nicht der Fabrik unterton sind, um sich versammelte und gegen die Fobrikherrschaft hie Fahne der Empörung erhob, wurde er e n t l a s s« n, wie irgendein räudiger ausländischer Arbeiter. So kam es. daß in Longwy schließlich eine sozialistische Gemeinderatsliste gewählt wurde. Die Kleinhändler von Longwy-Bos, die auch aus einer sozialistischen Liste kandidierten, wurden von der Fabrik durch die Gründung eine?„K o n s u m n e r e i n s" bestraft. Ist die Wahl von Lafont ein kleines Wunder, so wird es sicher ein großes Wunder fein, das sich in dem Erzbecken noch nicht ereignet hat, wenn es ihm gelingt, sich in Longwy zu halten. Entweder er oder die Fabrik wird nachgeben müssen. Wie schon erwähnt, muß der Ausländer, um in Frankreich zu arbeiten, ein« Identitätskart« haben, die ihm von der st a ä t- lichcn Berwaltungspollzei ausgehändigt— oder entzogen wird. Diese Kommissare sind scheinbar van der Fabrik unabhängig. Sie bekammen aber von der Gemeinde, in der sie ivohnen, eine »wtSrtich bei Acht. Wasser, f*** die von Und die Heizung, wozu noch eine Zluswandsentschädigung kommt, der Gcnieind« größer oder kleiner bemessen wenden karm. Gemeinde, das ist eben die Fabrik. Vor zwei oder drei Iahren ereignete es sich, daß die.Koeiäte industrielle de I'Kst, die etwa mit dem sogenannten Langnam- verein des Ruhrgebiets zu vergleichen ist, dem Spezialkommissar der Verwallungspolizei in Briey feierlich die Summe von 50 000 Franken überreichte,„um ihn für feine Ausgaben bei Bekämpfung des Bolschewismus zu entschädigen". Zu diesem etwas ausfälligen Mittel grisfcn die Unternehmer, weil in Briey selbst, das der Hauptort des Kreises und somit der Sitz der Behörden ist, Fabriken oder Bergwerke nicht existieren, die Gemeinde also zu solchen Aufwendungen nicht die Mittel hat. Der öffentlich so beschenkte Kommissar ist nicht bestraft, sondern befördert worden. Von einem anderen Kommisiar wurde mir berichtet, daß ihm die Entfesselung von Streiks nachgewiesen wurde. Ein Streik bietet immer Gelegenheit, seinen Eifer in der Bekämpfung des Bolschewismus zu betätigen. Und alles, was sich in das System nicht einfügt, gilt als Bolschewismus. Man wurde sich aber eine ganz falsche Vorstellung machen, wenn man annähme, die Fabrikdircktaren, Chefingenieure usw. scicn eine Kaste van Menschen, die in Luxusautos rollt, Prunkvillcn bewohnt, in marmorgetäfelten Privatkontors sich abschließt und mit der großen Masse der Arbeiter und Angestellten nicht in Berührung kommt. Der Fobrikdirektor ist äußerlich nicht zu unterscheiden von seinem letzten Buchhalter. Sein Büro ist ein bescheidener Arbeits- räum. Kurz, die Oberschicht ist nicht zu unterscheiden von der großen Masse. Sie will gar nicht unterschieden sein. Ein Gewerkschoftssekretär, der in einer Fabrik der de Wendel beschäftigt ist, sagte mir, daß de Wendel von 20 Beschwerden oder Gesuchen mindestens 19 in einem für die Arbeiter günstigen Sinne entscheide. Als Abgeordneter halte er sehr darauf, daß man ihm nicht vorwerfen könne, er sei ein Sozialreaktionär. Nur bei den Löhnen sei er horthörig. Aber er sei eben— zum Unterschied'von seinen Arbeitern— organisiert. Das Comite des Forgcs schreibe die Löhne vor. Als politische Herrscher sind die Fabrikbesitzer und Direktoren von den Wählern abhängig, d.. h. von ihren Arbeitern. Dach ist die zur Schau getragene Einfachheit nidst lzloße Mache. Es gibt keine Ueberspannung der Rationalisierung, daher auch nicht die Ucberlastung durch die fixen Kosten— und nicht die brutalen Massenentlassungen und nicht den Lohnabbau. Sind aber die Löhne nicht heute schon so niedrig, daß sie gar nicht weiter abgebaut werden können? f. Steincr-Jullicn. Vier Wände und die WeCt fiedanßen ßeim �ogis suefien Das Wohnungsproblem wird tausendfach erörtert— das Logier- Problem nie richtig angepackt. Es gibt sehr viel mehr Unter- Mieter als Hauptmieter, für sie sind Hotels, Pensionen und— für die groß- Mass« der weniger Bemittelten— möblierte Zimmer da: darin mögen sie selig werden, wenn sie es können, kein Mensch fragt, wie sie es fertig bringen. Es wird sehr viel ge- schrieben über Gartenvorstädte, Einfamilienhäuser, moderne Stadt- Apartments— das moderne heim. Möbliert« Zimmer sind und bleiben eben möblierte Zimmer. Teijchen jener vielbesprochenen Wohnungen, die der Inhaber erübrigen kann oder muß, um die Miete aufzubringen, und an einen Fremden abtritt, der dann, zum beiderseitigen Unbehagen in diese Familie hineingesetzt wird, ihr Leben teils heimlich miterlebt, teils stört. Es bedarf diplomatischer Künste oder einer angeborenen Rücksichtslosigkeit, sein Ich in so einer Parzelle.uneingeschränkt zu belzaupten. Aber wer fragt danach! Der abgetretene Raum strahlt die Atmosphäre derer aus, die ihn zu bewohnen pflegten, ihre Bilder hängen an der Wand, ihre Raumeinteilung obwaltet, mich ist die Parzelle meist inangel- hast abgedichtet, man sieht, hört, riecht, was in der Wohnung vor sich geht, und fühlt sich entredstet, überflüssig, störend. Wer fragt danach! Oft fragt man sich, ist das eigene oder fremde Elend größer? Was! hier will man mich hineinsetzen, mitten in ein Familien- leben. Tür an Tür, zwischen einem im Bett lebenden Sohn mit amputierten Beinen und einem ewig bastelnden Vater, der ver- geblich in einer Welt Beschäftigung sucht, in die er nicht mehr hineinpaßt? Oder ich soll diesem einsamen Fräulein, das schnell Katze und Kanarienvogel rettet, das Klavier in Beschlag nehmen. aus dem sie so viele Jahre ihren Beethoven gespielt, und die Ocl- bilder, die sie mit Liebe hingekleckst hat, oder ich soll diesen un- finanzierten Zahntechniker hinaustreiben, der da mit vielen In- ftrumenten ärmlich und ganz heimlich haust, sich wie ein 5)und unter seiner schlechtgehenden Praxis verkriecht? Ich möchte einmal die Memoiren eines Chambregarnisten schreiben, sagte ich zu einer jugendlich-alten Vermieterin. Es ist eine tragikomische Angelegenheit, so sein ganzes Leben in Kontakt mit Menschen und Dingen zu»»erbringen, die«inen nichts angehen: komisch, heiter, solange man jung und das Leben neu ist: da interessiert man sich und erlebt Abenteuer: später bleibt man ein Fremdling, das Interesse der Umwelt nimmt ständig ab und— das ist das Tragisd)«— nicht die Möbel, sondern der M« n j d) scheint sich auf der Lebensuxmdcrung durch das möblierte Zimmer abzunützen, und zum Schluß heißt es nur: wen haben sie bei euch herausgetragen mit den Füßen voran... so, so, das»vor der große, graue Herr... das schließt zuletzt alles Interesse der Mitlvelt ein: groß, grau, tot. „Ad)", sagte die Dame mit den zu vielen Zimmern, die sie zu gerne zu zu gutem Preise abvermietet.„Ich wollte Sie eben bitten, mir bei der Abfassung meiner Memoiren einer Vermieterin behilflich zu sein. Ahnen Sie denn, was man da erlebt, an Typen, n» Ansprüchen, an Gewohnheiten, an Enttäuschungen? Allmählich mikß sid) das-herz zu Stein verhärten." Es gibt, je nach Land und Stand, hunderterlei Arten van möblierten Zimmern, mit Steinsliesen und Marmorsäulen in Italien, mit Nischen, Alkoven und Rolokomöbcln in Paris, im Biedermeierstil im gemütlichen Wien, wo es viele recht un- gemütliche Hausdrachen hat. Anders betrachtet, gibt es aber nur e i n möbliertes Zimmer. Das möblierte Zimmer. Dieses stellt sozusagen eine Institution dar, typisch für Europa, beschränkt auf diesen Kontinent(im großen und ganzen), voller tragikomischer Mängel... und' ohne Ersatz. Kann der Geist dieser großartigen neuen Zeit da nicht Ah- Hilfe schaffen, überhaupt etwas schaffen? Denn das Mictzimmer ist ja nur etwas Erübrigtes, ein Ileberbleibfel derer, die zuviel haben. Die Wohnungen sind nicht in diesem Hinblick gebaut, das Zimmer, das du da mietest, hatte eine andere Be- stimmung, als dich zu beherbergen. Aber, was gibt es Besseres? Der Mensch im Boarding-Hou s e? Er ist noch sehr viel mehr redstlos.„Board and lodging." Dieses Angebot liest man in der Welt (so ziemlich der ganzen) so häufig wie in Berlin:„Möbliertes Zimmer zu vermieten." B-v»T d-> Penpoo...«md Logis« fchsn im grünen Albion(das sich nicht nur als Insel, sondern in allen Lebensformen von Europa losgelöst hat) ist da« zu vermietende Zimmer eine relativ seltene Erscheinung, das Boording-House, das englisth« Aequivalent für ein« Familkenpension(meist wirklich ein ganzes Haus) ist dort und in der ganzen angloamerikanifch-n Welt — und in allen von anglosächsischen Lcbensgcwohnten beeinflußten Teilen der Welt, als- tatsäd)itch so ziemlich überall die 5)aupt- Zufluchtsstätte des Mensdzen— ohne— Möbel, des Untermieters. Billige Restaurants sind nämlich(Lunch, d. h. Mittag-Imbiß-Lokale ausgeschlossen) überall daselbst selten, wer die Mittel hat, wohnt im Hotel, wer rechnen muß, ivohnt in steifleinenen, anglosächsisd)cii Pensionen,(die die Freiheit des Bewohners auf ein Minimum be- schränken und Pens konnten gleichen) etwas besser, etwas weniger gut, immer relativ billig, und im englischen Sinne komfortabel, immer von den Obersd>id)ten verachtet und gemieden. Auch Arbeiter»vohnen in den Pensionen Kanadas, Australiens, Südafrikas. Man kann auf der Welt herumreisen, soviel man will, Unweigerlld) landet man auch auf dem letzten Zipfel von Afrika, in Nordkanada, Südtasmanien, in Indien, in China, in einem jener verziveifelt monotonen, die Buntheit der Welt zerstörenden, das Reisen verekelnden Boarding-Häuscr, wo streng auf englische Zucht und Sitte gesehen wird, wo man sich pünktlich zu den Mahl- zciten am gemeinsamen Tisch einfinden, mit Eifer und Höflichkeit an den banalsten Gesprächen teilnehmen muß und in nichts seine Individualität behaupten kann. Wo ist die Rettung und das Heil? hoch lebe das im- p r o v i s i e r t e heim! Wie man sich in der weiten Welt überall ein trautes heim schafft, durd) List und Tücke, mittels Kamp und Küche... das ist ein Thema für ein Bud). hier handelt es sich nur um die städtisch« Nutzanwendung, wie id> sie fertig in USA. vorfand, den idealen Ersatz für das möblierte Zimmer, den Trost der Junggesellen und der Jung-Frau, die.möblierte Ein- zimmerwohnung. Das ist auch der hart der Familie ahne Möbel. Es ist so einfach, warum gibt es das nicht im hypermodernen Berlin? Das h a u s h a l t e z i n» m c r. häufig liest man in USA. auf einem Schild: bouse keeping rooms. Das ist's. Eine möblierte Einzimmerwohnung wod)enweise zu vermieten. Man erscheint, Beefsteak unterm Arm, im Büro, zehn Mittüten später bruzelts in der Pfanne und kodst der Teekessel— man hat sich in einem(möblierten) Apartnient-hoiisc eingemietet. Dieses Haus, nicht selten ein Walkenkratzer, besteht aus kleinen kam- Pakten Wohnzellen. Unten befindet sich ein Büro und ein gemein- samer Empfangsraum. Ein Hausdiener für alle ist das, und ein S t u b e n m ä d d)« n für niemanden(insbejonderc). Man wirt- sd)aftet selbst und kann etwas Bedienung haben. Alles ist vor- banden, was nian zum hausführen braucht, und dies wird einem so leidst wie möglich gemacht. Man kann(das ist ja jetzt der hodzgenuß hier) das Bett versdzivindcn lassen, in die Wand drücken, und eine klein« Kodistelle mit den neuesten Patenten ist auch da. Sogar«in automatisches Slbwasdibcckcn. Ich weiß, ich»vciß, in Berlin gibt es so etwas Aehnliches— aber teuer, aber unmöbliert, aber nicht wochenweise, mit dem Beefsteak unterm Arm, zu mieten und unverzüglich in Betrieb zu setzen, nicht zur Auswahl, zu allen Preisen, für Arbeiter, gut bllrgcr- lich, protzenhast. In allen Zentren, Städtchen und sogar aus dem Lande gibt es Hause keeping rooms in USA., in ollen Schattierungen, teuer meist, oft preiswert, manchmal lächerlich billig, wie ich's in Glendora fand, im Orangenparadics, wo ich arbeitete, in einer house-keeping-Hütte häufte, für ein paar Dollar die Wache, primitiv und doch kom- fortobcl, vor ollem aber souverän. Die Emanzipation der M ö b l i« r t c- Z i m m e r- Sklaven kann' nur(allmähiid)) durch dos Haushaltezimmer er- folgen. Man kann die'alten Häuser nickst olle umbauen. Aber: wenn man neue baut(hörst du, Unternehmer), warum nickst auck) H a u s h a l t e z i m m e r h ä u s e r? Ein Bau mit kompletten, von einander isolierten Miniaturen möblierten Wohnungen, Wohn-Schlaf- Zimmer, Bad und Korridorecke mit Kochstelle? Ein bißchen größer oder kleiner, einfach, für zivei Personen, drei, einen. Wir streben nach dem haushaltezimmer. Immer mehr verlangt man die eourh, oder das unsichtbar« Bett und die Kochstelle, viele kochen(wie ick,) Heimlid?, um zu sparen und sich ein heim zu improvisieren. Die Zukunft gehört dem unabhängigen heim für Menschen ohne Möbel, dem h a u s h a l te z i m m c r! ' Wann nstrd es kommen? Heinrich Hammer. ßci'lin sendet iTtragsgruppierung und Tbemcnwabl Zwcisctlos nach schwieriger, als die richtige Jiisaiinnenstcllung �es Unterlialtungsprogrammes für alle Hörer, ist die richtige Gruppierung der Vortrage und die richtige Auswahl ihrer Themen. Doch auch das ist kcinessalls«ine unlösbare Aufgabe. Die Grenzen, innerhalb derer sich Rundsunknorträge bewegen können, sind durchaus nicht so eng gezogen, wie heute manche maßgeblichen Stellen und viele«ntiäuschte Hörer glauben. Ausgcspra6)ene Fall)- vortrage wenden sich ja stets nur an eine beschränkte Hörer- gruppe. Berlin hat Darbietungen dieser Art der Deutschen Well« überlassen und zeigt sich auch bemüht, an dieser klaren und sllr die Hörer so nützlichen Trennung festzuhalten. Aber der Respekt vor der Fachwissenschast, der im Deutschen ganz besonders entwickelt sein soll, dars hier nicht die Möglichkeiten zubauen. Ein Bortrag, der in breiter Oesfcntlichkcit gehalten wird, ist umso besser, je mehr er auch Außenseiter seines Fachgebietes fesselt und ihr Interesse anzuregen versteht. Der Hörer macht darin auf der Deutschen Welle oft recht gute Erfahrungen. Doch heute soll vom Berliner Programm die Rede sein. Welche Gebiete stehen hier dem Vortragsprogramm offen? Die Antwort kann sehr großzügig sein: alle. Man kann zum Funkhörer über olles reden— die Hauptsache ist, daß nian etwas zu sagen hat und dieses Wissen einfach und klar mitzuteilen weiß. Die einzige Einschränkung bleibt, daß es große Uebcrblicke sein müssen, keine mikroskopischen Ausschnitte, die bereits die Bekannt- ichaft mit dem Ganzen voraussetzen. Leider wird der, Fehler immer wieder gemacht: Vorträge, die sich an das große Publikum wenden wollen, gehen von einer Fülle von Voraussetzungen aus. Immer wieder tauchen die Wendungen auf: bekanntlich— wie Sie ja wissen— wie Ihnen von der Schule her geläufig sein dürste— wie aus den Werken des Meisters hervorgeht. Ein Vortrag, der seine Beweise und Erklärungen nicht in sich selber birgt, gehört im günstigsten Fall vor ein Fachpublikum: der Masse kann er nie etwas bieten. Hieraus erklärt sich auch, weshalb so mancher bedeutende Wissen- schaftler vor dem Mikrophon enttäuscht: salbst über seine eigenen Forschungen und Entdeckungen kann«r dem Funkhörer oft nur ein sehr unklares und unbefriedigendes Bild geben, weil er der Vor- siellungswelt des Nichtwissenschostlers vollkommen fernsteht. Viele Gelehrte sind sich darüber selber durchaus klar und lehnen es aus diesem Grunde ab, vor dem Mikrophon zu sprechen. Und auch in Berlin scheint man allmählich den Ehrgeiz abzulegen, im Programm mit bedeutenden Namen Und Titeln zu prunken. Eine andere, Gattung von Vorträgen ist leider noch nicht ganz verschwunden. Der„gelehrte" Bortrag hotte doch jedenfalls immer seinen wesentlichen Inhalt, wenn dieser auch aus noch so unpopuläre Weise ausgedrückt wurde. Diese andere Sorte von Vorträgen nun besteht aus populär klingenden Themen und populär klingender Ausdrucksweif«: nur leider— d e r- I n h a l t fehlt. Es gibt ein« ganze Anzahl Menschen, die in ihrem Arbeits- und Interessengebiet plötzlich einem Einsall begegnen und die entdecken, dag man dazu eine ganze Menge sagen kann: nur wissen sie selber nicht ganz genau, was. Es fehlen ihnen die gründlichen Kenntnisse zur Be- Handlung des Stoffes und die Einsicht oder die Möglichkeit, sich diese Kenntnisse zu verschaffen. Ost aber schien beim Rundfunk in Berlin der Nachweis zu genügen, daß jemand Haupt- oder neben- amtlich in einein bestimmten Wirkungskreis steht, und man hielt ihn für befähigt, über alle diesen Kreis berührenden Fragen zu reden. Besonders peinlich waren lange Zeit sehr viele Vorträge in der „Fr a i�c n st u n d e"., die sich in törichter, gehaltloser Geschwätzig- keit öischlig taten. Hier ist sehr vieles besser geworden, wie über- Haupt die schlimmsten Auswüchse aus der ganzen Linie verschwunden sind. Vielleicht ist sogar auch hier eine grundlegende Aendcrung schon eingetreten:«in wirklich krasser Fall dieser Art läßt sich glücklicherweise aus der vergangenen Woche nicht mehr aufzeigen. Ein Zwiegespräch litt allerdings noch an wesentlichen Mängeln dieser Art.. Das war umso bedauerlicher, als das Thema in der Tat wichtig war und die beiden Rednerinncn auch eigentlich über genügend sachliche Grundlagen zu seiner Behandlung verfügten. Es ist von der Diskussion über„A I t e r s n o t und-Hilfe" die Rede. Zwei Frauen standen vor dem Mikrdphon, von denen jede offensichtlich in der Fürsorgearbeit für einen ganz bestimmten, sozial und kulturell scharf umgrenzten Kreis alter Leute tätig ist. Es wäre sehr interessant gewesen, ans diesem tatsächlichen Arbeitsgebiet zu erfahren, und damit einen Einblick in einen gewiß wesentlichen Teil der Alterspflegc zu bekommen. Statt sich auf diesem sicheren und van den beiden Rcdncrinnen wahrscheinlich bis in alle Einzelheiten beherrschten Gebiet zu bewegen, glitt die Unterhaltung immer wieder in vage allgemeine Fragen ob, durch die der Anschein einer wesentlich breiteren Basis erweckt werden sollte, während sie doch gerade deutlich die fehlende Grundlag« offenbarten. Aber wirkliche Nieten gab es in diesem Vorlragsprogramm weniger als Treffer. Zwei biographische Vorträge niachten befördere Freude: Dr. Nicolaus Feinberg„Am Grabe Tolstois" und Prof. RichardSpecht„Die letzten Tage von Johannes Brahms". Ob der Name„Brahms" für viele Hörer einen Begriff darstellte? Vielen Hörern des Vortrages von Prof. Specht wird er ein Begriff geworden sein. Denn der Bericht weckte das Interesse für den Menschen Brahms. Auch bei biographischen Vorträgen ist Voraus- setzungslosigkeit eine der wichtigsten Forderungen.' Darstellungen, die belanglos wären, wenn sie über einen völlig Unbekannten gc- macht würden, sind genau so belanglos, auch wenn der Name als Stichwort im Lexikon mehrere Spalten füllt und also auch wahr- scheinlich den Hörern inehr oder weniger bekannt ist. Die B c- r ü h m t h e i t eines Menschen ist wirklich keine Eni- s ch Ii l d i g u n g für seinen Biographen. Daß alle kleinen Klatschgeschichten belanglos sind, sollte selbstverständlich sein, muß aber in Hinblick auf manche Funkvorträge doch manchmal besonders betont werden. Die Darstellungen von Pros. Specht und Dr. Feinberg gaben Schilderunzen von persönlichen Eindrücken, die den Vortragenden wichtig geworden waren. Aus der Persönlichkeit der Großen, airf die sie sich bezogen, leiteten die Redner ihre Berechtigung ab, dies« Eindrücke vor dem Mikrophon mitzuteilen. Man freut sich, wesentliche Besserungen eines Programmteils gleich summieren zu können: loben ist ein« viel angenehmere Bc- schäftigung als tadeln. Und da auf wesentlich« Mängel im Unter- Haltungsprogramm schon in der Tagestritit der vergangenen Woche hingewiesen wurde, so sei hier zum Schluß auch der Funkunter- Haltung einige verdiente Anerkennung gespendet. Man hörte Unterhaltungsmusik verhältnismäßig häufig zu solcher Zeit, in der den Berufstätigen der Funkempfang möglich ist. Man horte Vor- träge aus Werken von Oskar Maria Graf und Hans Friedrich B l u n ck, bei denen sich die Autoron auch als funkgeeignele Sprecher ihrer Werte eripiesen— und nur in solchem Falle natürlich hat es Sinn, die Autoren selber vor das Mikrophon zu bringen. Und man erlebte in dem frommen und ge- bildeten Programm vom Bußtag eine packende Darbietung für alle �örer: Tolstois„Und das Licht scheinet in der Finsternis". Des. Sine Vcvwezhnachtsb&tracblung Kömmt da«in redegewandter Reisender in die Wohnung, bietet mit vollendeter Höflichkeit seine Ware an, und es gelingt ihm, die Kundin, die gar nicht die Absiäst hatte, etwas zu kaufen, nach langen Verhandlungen zum Abschluß eines Kaufs zu überreden. Alle Einwendungen seines„Opfers" weiß er zu entkrästen. Die Bezahlung habe keine Eile, die Frau könne in Raten zahlen, ganz Nach Belieben, wenn sie eben das Geld mal entbehren könne. Eine solche Gelegenheit so billig und dabei so gut zu taufen..„ usw. usw. Wenn es dann ans Unterschreiben geht, versichert der Reisende, das sei nur eine Formsache, er müsse die Unterschrift haben, damit der Name auch ganz genau stimme und die Ware richtig in ihre Hände gelange. So unterschreibt die Frau den Schein in den meisten Fällen, ohne ihn nur flüchtig durchzulesen. Der Finger des Besuchers zeigt auf eine Linie unterhalb einiger ge- druckter Zeilen, wo Vor- und Zuname hinzuschreiben sind. Er macht dabei noch einen Scherz, das ginge ganz schmerzlos, es wäre keine gefährliche Operation. Und nun die Folgen! Zunächst kommt eine Aufforderung der Firma, die am 1. Dezember fällig gewesen« Rate zur Vermeidung der Klage umgehend einzusenden. Im Gefühl ihres guten Rechts— denn sie hat das Geld augenblicklich nicht zur Verfügung — antwortet die Frau entweder überhaupt nicht darauf, oder sie schreibt, daß nach der Vereinbarung mit dem Reisenden dos Geld noch nicht zu zahlen sei. Darauf erhält sie von der Firma die Antwort: nach dem mit ihrer Unterschrift versehenen Bestellschein seien die Raten pünktlich, beginnend am 1. Dezember, monatlich zu zahlen, etwa mündlich getroffene anderweitige Vereinbarungen hätten keine Gültigkeit, dies stehe ganz ausdrücklich auf dem Bestellschein. Die Firma müsse daher auf sofortiger Einsendung des Betrages bestehen. Da die Frau hierzu nicht in der Loge ist, erhält sie einige Tag« daraus einen Zahlungsbefehl zugestellt, und zwar über die volle Kaufsumme, denn der ominiöse Bestellschein enthielt außerdem noch die Klausel, daß bei Nichtzahlung auch nur einer Rate, der gairze Betrag sofort fällig sei. Häufig begeht dann der Laie den Fehler, den Zahlungsbefehl einfach an das Gericht zurückzuschicken, e in./IrbeHslofeuroman Bruno N e l i s s e n Haken, Angestellter des Landcsarbeits- amts Nordmark, schreibt im Eugen Diedrichs Verlag, Jena, einen Arbeitsloscnroman„Der Fall Bundhund" und wird daraus» ohne Kündigung entlasiem Dieses Vorgehen der Behörde schafft einen Märtyrer und macht gleichzeitig Reklame. Der Roman wird nicht mehr künstlerisch oder weltanschaulich gcwertet, sondern' fast nur noch von dem Standpunkt aus, soll man der Behörde und den Parteien eins auswischen oder nicht. Welche Welt gestaltet nun der Roman? Es handelt sich um das Schicksal zweier Arbeitsloser, eines Akademikers und eines Hafenarbeiters, den der Krieg �zur Hälfte arbeitsunfähig gemocht hat. Dos Buch ist eine Anklageschrift, ein „j'aecuse". Grundhaltung: zwei ausgeprägt« Individualisten, die sich nie um staatliche und soziale Bindung gekümmert haben, ver- langen staatliche Hilfe, als es ihnen schlecht geht. Ein interessantes Buch als Dokument der Asozialen, gleichzeitig aber auch ein Buch, das gewisse Schwerfälligkeiten der staatlichen und gesell- schaftlichen Maschinerie ausdeckt. Der Mensch ist nichts weiter als ein kleines, winziges Rädchen in einer höchst komplizierten Mechanik, der Teil des Ganzen hat kein Sonderdasein zu führen. So er- scheinen die Dinge dem Verfasser. n des Ta manchmal schreibt er noch hinzu, er nähme den Zahlungsbefehl nicht an, und versäumt damit die Frist— es find drei Tage, fünf Tage oder auch eine Woche— innerhalb welcher ein rechtsgültiger Widerspruch hätte eingelegt werden müssen. Ist die Frist versäumt, so wird der Zahlungsbejchl— ohne daß irgendein Termin statt- findet— mit der Vollstreckungsklausel versehen, und nua erscheint zum Schrecken der ganzen Familie der Gerichtsooll- z i e h er in der Wohnung und pfändet. Indes, es ist noch nicht alles verloren, es gibt noch einen Ein« s p r u ch gegen den Vollstreckungsbesehl, der innerhalb einer Woche nach der Zustellung eingelegt werden muß. Diese Zustellung hat aber spätestens der pfändende Gerichtsvollzieher bewirkt, und man muß darauf achten, daß die Frist gewahrt wird, dann wird ein Termin zur mündlichen Verhandlung angesetzt. Wer nun das Glück hat, daß die Sache vor einem Richter verhandelt wird» der nicht nur noch dem starren Buchstaben des Gesetzes urteilt, kann dann(möglicherweise durch eine zufällig bei Abschluß des Geschäfts anwesend gewesene Zeugin beweisen, daß keine festen Raten ver, einbort waren �und daß lediglich durch die Zusicherung, daß die Zahlung Zeit hatte, der Kauf zustande gekommen sei.. Kommt die Sache aber nicht vor einen dieser seltenen, menschlich urteilenden Richter, so nützen angesichts des unterschriebenen Scheins keinerlei Einwendungen, die Pfändung bleibt bestehen und wenn Zahlung nicht erfolgen kann, wird das liebgcwordene M ö b e l ft ü ck zwangsweise verkauft. Ueber diese Zwangsvollstreckung ist noch einiges zu sagen: Ist nur die Ehefrau verklagt und gehört das Möbelstück zu ihrem Ein- gebrachten, so braucht der Ehemann die Zwangsvollstreckung nicht zu dulden, wenn er nicht ausdrücklich zur Duldung der Zwangs- Vollstreckung oerurteilt ist: denn dem Ehemann steht Nießbrauch und Verwaltung an dem eingebrachten Gut der Ehefrau zu. Der Wider» spruch des Ehemannes hat aber auch nur eine aufschiebende Wirkung. Die Finna kann, falls sie es das erstemal versäumt hat, in einer zweiten Klage den Ehemann zur Duldung der Zwangs» Vollstreckung verurteilen lassen. Und dann ist nichts mehr zu machen, man muß zahlen oder schweren Hdrzens den gepfändeten Gegenstand hergeben. Zllso Vorsicht, che du deine Unterschrift gibst l Und der Verfasser klagt an, nicht etwa eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die die Schuld trägt, sondern nur eine bestimmte Institution und in gleichein Atemzug d i e Parteien, die sich bemühen, den Arbeitnehmer zu schützen. Es bleibt bei einer Reportage, die die Oberfläche sorgfältig abtastet, bei jeder Lächerlichkeit interessiert stehen bleibt, aber ja nicht an dem Allerhciligsten der Gegenwart, nämlich an dem Kopitalismus, rühren möchte. Der Akademiker, der zum kleinen, behördlichen Angestellten geworden ist, sympathisiert mit den vom Glück Enterbten, er fühlt ihre Nöte mit, weil es ihm selbst schlecht geht, weil er selbst leidet. Warum leidet er aber? Nur, da es ihm nicht geglückt ist, dort zu stehen, wo heute seine Studienfreunde stehen. Enthüllt der Roman auch nicht das wahre Gesicht der Zeit, so zeigt er doch die Haltung dieser hamletschen Menschen, denen der Mut zur Entscheidung fehlt und die, atavistisch eingestellt, befangen in den Gedankengängen eines überallerten Pcrfönlichteitskultcs, mit den Aniorderungen der Zeit nicht mitkönnen. Ganz abgesehen von künstlerischen Ouolitäkcn bedeutet dieses Buch beinahe ein« Fortsetzung von Glasers„Frieden". 'Darum bleiben auch die Stellen, die das Leben des Arbeiters Bundhund schildern, blaß. Bundhund ist nur das Objekt, an de n sich Denken und Gefühl des Akademikers Duntelmann entfalten. In längerem, bewußt nachdrücklichem Stil werden diese Erlebnisse gc- staltet. Und weil der Roman zeigt, wie diese enterbt« akademische Mittelschicht, in ihrer Gesinnung hauptsächlich Gefolgsmann«» Hitlers, die Welt ansieht, wie sentimental im Grund« die Zeitfragen diskutiert werden, ist„der Fall Bundhund" ein pfycholcgischcs Zeitdokument. " Alfred An», WAS DER T 1 miiiiii:iiimnniiinittuimiiuiiimmmii:innMi:iifflnmiiimiimmi:iimitmmnnnimiiiiu Die Zeitung im australischen Busch Während in den zivilisierten Ländern der Welt die täglich erscheinenden Zeitungen für wenige Pfennig« getauft, gelesen und dann achtlos beiseite gelegt werden, gibt es auf Erden noch ein« Gegend, wo man die Zeitungsblätter als wertvollen Luxus be- trachtet, wo sie nach ihrem Erscheinen von Hand zu Hand wandern und nicht eher ihren Kreislauf beendet haben, bis sie im wahren Sinne des Wortes zu Fetzen geworden sind. Diese Gegend befindet sich im Innern von Australien, im australischen Busch, wo man nach dem Urteil von Kennern des Landes von jeglichem Verkehr weiter entfernt lebt, als in der Einöde des Südpols. Nur selten oerirrt sich ein Jeitungsblott dorthin und auch dies nur dann, wenn gelegemlich ein Flugzeug einig« alte Blätter über diesen zerstreut liegenden Gehöften abwirft. Für di« Ansiedler sind die Tage, in denen eine Zeitung zu ihnen kommt, wahr« Festtage. Wenn auch die Ereignisse, von denen darin geschrieben wird, längst überholt sind, und die Dinge dieser Welt vielfach ein völlig anderes Gesicht gewonnen haben, als hier geschildert ist, so ist doch für die Busch- leute di« Lektüre der Zeitungen wie ein« Berührung mit einer versunkenen Welt. Jede Zeile wird gierig verschlungen, jede Nach- richt nicht einmal, sondern wiederholt gelesen, um ja nichts zu über- sehen und alles genau in sich aufzunehmen. Wenn dann �in Ansiedler mit seinen Hausgenossen das Blatt gelesen hat, so trägt er es oft stundenweit zu«inem anderen Ansiedler, mit dem er die Ereignisse bespricht. So wandert die Zeitung von Farm zu Farm, bis sie schließlich, zerrissen und zerlesen, nach und nach in einzelnen Fetzen davonflattert. Postflugzeug anno 1822 Aus den Aktcnbeständen des Postministeriums in Washington veröffentlichen amerikanische Blätter ein bisher unbekanntes Schreiben aus dem Jahre 1822, in dem der Vorschlag einer Luftbeförderung von Briefen und sonstigen Postsachen gemacht wird. Der Schreiber- dieses Briefes ist der Herausgeber von Freemans Journal in Norristow», einer damals sehr verbreiteten Zeitschrift, der den Postminister Mac L«an von einer Erfindung in Kenntnis fetzte, die es ermöglichen sollte, Postsendungen jeglicher Art auf dem Luftwege zu befördern.„Ich mächt« Sie hierdurch", heißt es in dem Brief« wörtlich,„von ein«! neuen und genialen Flugmaschine in Kenntnis setzen, di« von ein«ni gewiss«» James Bennett in Philadelphia erfunden worden ist. Sollt« die Maschine zu d«m angegebenen Zweck in Gebrauch genommen wcrden, so würde sie di« Postsachen der verschiedensten Art nicht nux mit größerer Schnelligkeit, sondern auch weit sicherer, als«s bisher möglich ge- AG BRINGT HuiimiDmimiiuinraiinnwimummuiinimiiiminiiimminimmmiiiiimmimimiinir' wcsen ist, an den Ort ihrer Bestimmung bringen." Leider liegt dem Briefe weder«ine Beschreibung, noch auch eine Zeichnung oder eine sonstige nähere Angab« über die Maschin« bei, so daß man sich heute kein Bild mehr von der Erfindung Bcnnetts machen kann. Der Anregung von Frcemans Journal wurde von dem amcrita- nifchen Postminister keine Folge gegeben und es dauert« noch fast ein volles Jahrhundert,«he im Jahre 1918 mit einem Kostenaufwand von lüg 000 Dollars die erste Flugpost«ingerichtct wurde, die zwischen Washington und New Vvrk verkehrte, mit einer. Unter- brcchung in Philadelphia, von wo d«r«rstc Gedanke einer Flugpost ausgegangen war., Flugzeugstationen am Pol Auf einer Versammlung amerikanischer Politiker und Techniker in Williamstown(in Massachusets) wurden vor einigen Togen die Schwierigkeiten besprochen, die sich der Anlage von Flugzeugstalionen in den nördlichen Polargebieten eirtgcgenstcllten. Man ging dabei von dem Gesichtspunkt aus, daß die Anlage solcher Stationen in unseren Tagen ebenso wichtig geworden sei, wie die Anlage von Kohlenstationen für überseeische Dampfer im vergangenen Jahr- hundert, betonte aber, daß die ungeklärten Eigentumsrechte euro- päischer Staaten an einzelnen Ländern und Inseln in den nordischen Meeren die Ausführung dieses für Amerika so wichtigen Planes bedeutend verzögere. Als Landepukikte seien vorerst die Wrangel- insel, Spitzbergen, Franz-Iosef-land. Nardgrönland und Island, ins Auge gefaßt, aber über das Eigentumsrecht an der Wrangelinsel)' an Franz-Iosefsland und Nordgrönland würden sich noch weitschichtige Verhandlungen knüpfen. Für die erstgenannte Insel sei zwar trotz der russischen Ansprüche die englische Herrschaft unbestreitbar, während der Gegensatz zwischen Norwegen und Dänemark über Nordgrönland, und zwischen Norwegen und Rußland über Franz- Iosefsland weniger leicht zu entscheiden sei. Die im Innern Europas liegenden Staaten kämen bei den Verhandlungen über die Anlage solcher Stationen weniger in Betracht, da nach einer Einigung der nordischen Lände? die Frage auf einer internationalen Konferenz leicht zu lösen sei. Angesichts der jetzigen Verhältnisse werde es noch Jahre dauern, ehe solche Stationen, die den Verkehr mit dem nördlichen Teil der Vereinigten Staaten bedeutend abkürzten, an- gelegt werden könnten. Solche Stationen feien aber dringend nötig, nicht nur, weil der Weg über den Pol trotz seiner Schwierigkeiten der schnellste sei. sondern auch, weil die Zivilisation stets mehr in die bisher vernachlässigten Polargebiete vordringe und außerdem der gesamte überseeische Luftverkehr zahlreiche meteorologilche Stationen in der Nähe des Pols erfordere, wenn er sich ebenso regelmäßig, wie sicher abwickeln. soll«. I Arbeitersport im Regen Fugball~Resultatc „Wir spielen bei jedem Wetter, bei Sturm imö Sonnenschein", so heißt es in einem alten Fußballied. Daß es tatsächlich so ist, be- wiesen die Fußballer am gestrigen Sonntag. Soweit es die Boden- beschaffenhcit zuließ, wurden die Spiele auch ausgetragen. Trotzdem fiel der größte Teil der Spiele dem Regen zum Opfer. In der Wuhlheide standen sich Obersprec und Lichten- berg I im letzten Sericnspiel gegenüber. Wenn die Zuschauer glaubten, eine Widerholung der Spielerei von vor vierzehn Tagen zu erleben, so sahen sie sich gewaltig enttäuscht. Es wurde ein Spiel gezeigt, wie es dem Charakter des Arbeitersports voll und ganz entspricht; so hatte der Schiedsrichter nur wenig Gelegenheit einzu- greisen. Bei einiger Ueberlegenheit der Lichlenbcrger lautete dos Resultat bei Halbzeit 3:1 für Lichtenberg. Nach der Pause hotten die Obcrspreer mehr vom Spiel. Wenn es jedoch nur noch zu einem Tor reichte, so lag es an dem sehr unsicheren Sturnr der Obersprecr. Mit 3: 2 endete das Treffen.— Karow befestigte feine Stellung in der Spitzengruppe durch einen 2: 1-Sieg über Saxonia.— Spandau 25 scheint eine Niederlage nicht vertragen zu können. Das gestrige Spiel gegen Potsdam brachen sie beim Stande von 1:0 für die Potsdamer zehn Minuten vor Schluß ab.— Butab war auch wieder einmal«in Sieg beschicden. Gegen Wilmersdorf konnten die Techniker mit 7: y gewinnen.— Jüterbog gegen Friedenau 4: 2. Weitere Resultate: Herzselde gegen Lichtenberg ll 1: 1(1:0). Kogel 1 gegen Herzselde 2 3:0(2:0). Karow 2 gegen Saxonia 2 0:0. Freie Scholl« gegen Borwärts-Wedding 4:2(2: 1). Lugend m annschaften: Vorwärts gegen Minerva 1:1.— Saxonia gegen Minerva 2 1:2. Arbeiter-Hockey. FTGB.- N o r d r i n g gegen Mariendorf 4:2. Trotz des voraufgegangenen Dauerregens war der Platz in guter Verfassung. Nardring war mit voller Mannschaft zur Stelle, Mariendorf trat mit Ersatz an. Es entwickelte sich ein schnelles und offenes Spiel. Die Mariendorfer Mannschaft kam zu reichlich guten Torgelegcn- heiten, ohne sie auszunützen. Nordring kam dann mehr auf und landete aus einem Gedränge heraus das erste Tor. Lange können sie die Führung jedoch nicht halten. Ein Fehler der Nordringver- teidigung wird von Moriendorf prompt ausgenutzt und der Aus- gleich ist da. Mit großem Eifer hält Mariendorf das�Spiel weiter offen, muß sich aber noch vor der Pause ein zweites Tor gefallen lassen. Nach Wiederbeginn gelingt es Mariendorf ein zweites Tor aufzuholen und nochmals den Ausgleich herzustellen. Maricndorf hat jetzt unigestellt und das Schwergewicht aus der Verteidigung in die Läuferreihe verlegt. Nordring spielt jetzt geschlolsener. Der An- griff konmrt mehr in Schwung und sie können nach zweimal einsenden. Mariendorfs junge Mannschaft leistete nicht nur kräftigen Widerstand, sondern verstand es ausgezeichnet, sich mit eigenem Spiel durchzusetzen. Die Nordringer waren nicht so flüssig wie sonst. Ihr Spiel hatte etwas hemmendes, zu großzügigem Spiel konnten sie sich erst in den letzten fünfzehn Minuten aufraffen, in welcher Zeit auch die entscheidenden zwei Tore fielen. FTGB.-Neukölln und Pankow trennten sich wider Er- warten mit einem Endresultat von 6: 2 für Neukölln. Nachdem das Halb zeitresultat 2: 2 eine Gleichwertigkeit beider Mannschaften er- gab, mußten die Pankower sich nach dem Wechsel, trotz Wind im Rücken, den jetzt wesentlich besser spielenden Neuköllner beugen. Die Siegermannschaft Neukölln zeigte ein zusammenhangvolleres Spiel und besseres gegenseitiges Verständnis. Nur der Torhüter zeigt« zu Beginn reickstiche Unsicherheit. Pankow hielt nicht durch und war im Spielaufbau sehr zerfahren. Das Gesellschaftsspiel zwischen FTGB.-Berlin-Ost 1 gegen Tennis-Rot 1 endete 4:4. FTGB.-Nordring 2 und Pankow 2 trennten sich 2:0. Im ein- zigsten Frauenspiel siegte FTGB.-Neukölln gegen Ostring 1: 0. Qerste-SerienIcSmpte Aus der Gerätewettkampfserie im 1. Kreis des Arbeiter-Turn- und Sportbundes sind folgende Resultate zu melden: Männer, L-Klasse: Die gute Mannschaft der FTGB.-Lichtenberg schlug ASV.-Schöneberg mit 403: 404 Punkten. FTGB.-Mitte konnte die Freie Turnerschaft Hennigsdorf mit 504: 433 P. ab- fertigen. Die Freie Turn- und Sportoereiiiigung Nowaives unterlag in eigener Turnhalle gegen Osten II mit 474: 5l6 P. Neue Kämpfe finden statt: Montag, 24. November: Männer, Il-Klasse: Nord- ring II gegen Moabit, 20 Uhr, Berlin N., Sonnenburgcr Str. 20: Mittwoch, 26. November: Mahlsdorf gegen Osten III in Mohlsdorf, Schulstr. 1, 20 Uhr: Freitag, 28. Novenrber: Nowowes gegen FTGB.-Spandau in Nowawes, Friedrich-Kirch-Platz.-�-Klasse: Sonntag, 30. November: Turnerschaft Brandenburg gegen Freie Turnerschaft Eberswalde im Wohlfahrtsfonim in Brandenburg an der Havel, 14 Uhr. Wasscrball-Scric Spiele am Sonnabend und Sonntag Lichtenberg kannte am Sonnabend einen nicht ganz ver- dienten Sieg über Neukölln erringen. Wenngleich auch Lichten- berg unzweifelhaft die bessere Gesamtleistung bot, so wäre ein Un- entschieden durchaus am Platze gewesen. Das erste Tor des Abends fiel aus einem Kampf vor dem Neuköllner Tor, nicht ganz ohne Verschulden des Neuköllner Torwächters. Dieser Erfolg spornte die Neuköllner zu besseren Leistungen an. Der Erfolg blieb nicht ous, nach einem Torschuß aus dem Gedränge gelang dem Berbindungs- mann ein famoser Durchbruch, der nach kurzem Abspiel zum zweiten Tor führte. Ln der Folge drängte Lichtenberg außerordentlich. Ein nicht ganz einwandfreier Torerfolg Lichtenbergs wurde vom Schieds- richter gegeben. Die zweite Spielhälfte wurde äußerst scharf durch- geführt. Lichtenbergs Verteidigung spielte hart an der Grenze des Erlaubten. Schwimmerische Ueberlegenheit verschafft« Lichtenberg zwei weitere Erfolge, denen Neukölln nur noch«inen Treffer ent- gegenzusetzen vermochte. Ergebnis 4: 3 für Lichtenberg. Ehorlottenburg wartete anr Sonntag im Spiel gegen Möwe mit guten Leistungen aus. Nach zwei glatten Führungs- toren der Charlottenburger folgt« ein Tor de? ehrgeizig kämpfenden Möweftürmer. Ueberlegenheit in Taktik und Ballbehandlung schaffte einen weiteren Erfolg Eharlottenburgs bis zur Paus«. Nach dem Wiederbeginn dominiert« Charlottenburg, drei Tor« vergrößern den zahlenmäßigen Dorsprung erheblich. Einmal noch ist Möwe ein Er- folg vergönnt, dann beschließt Charlottenburg den Torreigen zum 7: 2-Ergebnis. Verteiltes Spiel bis zum Spielschluß bringt keinerlei Erfolge mehr. Der Gcsamteindruck dieses interessantes Spiels be- friedigte vollauf. - Waldlauf Der von der Freien Rudercroereinigung 1013 veranstaltete Waldlauf brachte trotz des aufgeweichten Waldbodens ganz an- sehnliche Resultate. Der Jugendlauf über 2000 Meter sah als erster den Ruderer Mebert mit 7:03 Min. an der Spitze. Zweiter wurde Paul mit 7:16,2. Bei den Männern siegte über 3000 Meter Neu- mann(FKU.) mit 8:57,2, 2. Gedat bom FRV. 1013 in der Zeit 0:01,2, 3. Fehler(FKU.) 0:18,3. Im Mannschaftslauf siegt« FKU. vor FRV. Ein Winlersportsilm des ATS. Der Arbeitcr-Turu- und Sport- bund unterstützt die Werbearbeit der Wintersportlcr durch einen lehrreichen und wirksam ausgemachten Wintersportfilm. Auf einer Ver- anstaltung der Arbeiterwintersportler im Saalbau Neu- kölln wurde am Sonnabend dieser Film gezeigt, der den Beifall aller Erschienenen fand. Im Film wird ein Skikursus vorgeführt. Er beginnt mit einer den Körper geschmeidig machenden Gymnastik, dann folgen die ersten Gehversuche und ersten Schwünge auf den Brettern. Nach und nach werden dann alle die Kniffe gelernt, um selbst am Steilhang sicher abfahren zu können. Der Film zeigt neben den vorzüglichen Sportaufnahmen auch sehr gute landschaftliche Szenenbilder und wird sicher als gutes Hilfsmittel dem weißen Sport neue Freunde gewinnen. Daneben wurde noch der bekannt« alpin- Film„Der Berg des Schicksals" gezeigt, der hnmer wieder gefällt. Der Leiter der Wintersportsparte im ATS., Dr. Walter Biese, wies in einer kurzen Ansprache auf die Schönheiten des Winter- fports hin. Reue Skisrockenkurie des Arbeiter-Turn- und Sportbundes und des Touristenvereins„Die Naturfreunde" werden im Dezember abgehalten. Beginn Freitag, 28. November, 20 Uhr, in der Ge- ichäftsstelle des Touristenvereins„Die Naturfreunde", Johannis- ftraße 15. Dort Anmeldung und Einteilung für di« Kurse. Axbidiersport in Not Trotzdem gebt» vorwärts Die Nöte der Zeit kamen auch Itt der letzten Vundesoor� standssitzung des Arb«iter-Tnrn- und Sport- bund es reckst deutlich zum Ausdnuk. Vor allem zeigt« sich dos im starken Zurückgehen des Bundesgeschäfts und in einer riesigen Zunahme der Unfallkassenbelastung. Auch der Betrieb der Bundes- schule hat wieder mehr erfordert, wobei andererseits die Zuschüsse von öffentlichen Körperschaften gewaltig zurückgegangen sind. Aeußerste Sparsamkeit muß daher auf allen Gebieten Platz greifen. Eine Kreisvertretersitzung soll im Januar 1031 stattfinden und sich weiter mft Sparmaßnahmen beschäftigen. Auch das Olympia in Wien 1031 macht schwere Sorge, da unbedingt notwendige Unterstützungen von öffentlichen Körper- schaften nur schwer oder gar nicht zu bekommen sind und die schlimmen wirtschaftlichen Berhältnisse die Leistungsfähigkeit der Organisation stark herabgedrückt haben. Die Herausgabe einer eigenen Bundesfußballzeitung durch Loslösimg des Fuß- ballfpiels von der weiter erscheinenden Freien Sportwoche muß ebenfalls wegen der wirtschaftlichen Krise zurückgestellt werden: vor- läufig bis zum 1. Juli 1931. Die Notwendigkeit eines eigenen Bundesfußballblattes wird dabei allseitig anerkannt. Bei einer besseren Lage soll das Blatt sofort erscheinen. Tie Lage im Bund ist, abgesehen von den wirtschaftlichen Nöten und trotz des Wühlens der Kommunisten, durchaus befriedigend. Der Bund nimmt an Mitgliedern sogar noch zu, wenn auch nur langsam. Die An- stürme der Opposition sind nicht imstande, den Vormarsch des Arbeiter-Turn- und Sportbundes zu hemmen. Die«Tow durch Deutschland" Die in diesem Jahr« erstmalig durchgeführt« Radrundfahrk durch Deutschland soll im kommenden Jahre in wesentlich größerem Stile aufgezogen werden. Man beabsichtigt, ein Gegen- stück zu der berühmten„Tour de France" zu schassen und das Rennen über eine Gesamtdistanz von 5000 Kilometer zu führen, wobei die bedeutendsten Städte Deutschlands berührt werden sollen. Auch das Engagement von Ländermannschaften, wie man sie bei der letzten Frankreichrundfahrt zum erstenmal starten ließ, ist ins Auge gefaßt. Wie gesagt, soll die Dcuischlandrundfahrt 1931 ein« getreue Kopie der berühmten„Tour de France" werden, nur mit dem Unterschied, daß bei uns«ine führende Fahrradfirma als Ver- anstalter, Geldgeber und Lieferant der Räder fungiert, während in Frankreich alles in den Händen einer großen Sportzeitung liegt. Tennis-Borussia siegt über FE.-Rürnberg 1: 0. Als driiteit großen Gegner innerhalb von acht Togen hatte Tennis-Boruffia den 1. FE.-Nürnbcrg verpflichtet, dessen guter Ruf und hohes Ansehen 15 000 Zuschauer nach dem Poststadion lockte. Leider litt das Spiel stark unter dem heftigen Wind, der dem Ball meist eine andere als die gewünschte Flugrichtung gab. Don der großen Form der Tennis- Mannschaft legt jedoch der knappe 1: 0- S i e g das beste Zeugnis ab. Rugbykamps Bukarest gegen Berlin Z:0. Die rumänischen Rugbyspieler aus Bukarest, die am Buhtag vom Berliner Rugbyklub knapp geschlagen worden waren, konnten sich im Städte- kämpf am Sonntag mit Berlin revanchieren und mit degi Ergebnis von 3:0(0:0) Sieger bleiben. zT»?. Die D.-A.-Eitzm!« fällt beute aus. Vcrwattungsaus'ckuZntun-t Mittwoch, B. Rouembcr, w: Uhr. Gnvsrkschaftshaus. G.-A.-Mitglildcr '■j Stimbc tri! her.— Beziet Westen: Morgen, Dienstag, wahrend de« llebnngs. t-etriebes Vortrag:„Wiedcrbclcbungsversuchc-. Gäste wiMommcn. Dann gVok- tionärsigimg bei Äickert. SV. Moabit. Mittwoch, 26. Rovember. 20 Uhr, bei Röstet, Putlitzstr. 16. Hockennbung. Iniercsscntcn werben noch ausgenommen. Serie SchwlM'.ner»roh. Berlin,». V. Grnvoe Reulöll»: Seilte. Montag, l6 Uhr, Ninbeiitbungsabenb, Stadtbob Rcuiölln.— Dienstag, 20 Uhr, Ucbungsobenb nir Jugendliche und Erwachsene beiderlei Gcschlcchls, Gonghofer- straste. 21 H Uhr Wasterballspiel der L-Mannschatt grgen die Altersriege. Jeden Mittwoch, 20 Uhr, Schachabend, Rosen- Ecke Riärarbstrastc. Ergängungo- frort in den Turnhallen Donaustraiie, 20 Uhr, irden Freitag fstr weibliche Mitglieder und«aiser-Fricdrich-Str, 4. Kinderableilungen tarnen jeden Freitag. 1« Uhr, Halle Thomasstrahe. Frei« Ruderer und Kanusabrer, 1. jlrels. Mittwoch, 26. November, 20 Uhr, Sparteiiausschuslststnng, Kreisocschäftsstelle. Slsäster Etr. 60—66. jd>rtellb«»irl Schoncbcrg.Friebenau. Mittwoch. 26. November. 20 Uhr, er» weitcrte Kartell stbnng bei Gehrke. Edcrsstr. 66. Vortroa Oehlschläger:„Warum Sportkartell?". Wahlen.— Adandolinen- und Gitarrespieler werden au den Uebungsabcnden des Mandolinentlubs„Eatania 1027" ftcralichft eingeladen. Jeden Donnerstag. 20 Uhr. bei Groll, Kaifer.Friedrick,. Elke Neue Kulnlstrahe. Warum sind die makedon- ZIGAREITEN SO BELIEBT? Wie wir bereits im vorigen Inserat erklärt haben, sind wir die einzige Firma, welche die Herstellung der Zigarette von der Tabakpflanze bis zum Fertigprodukt organisiert hat. DieManipulation desTabaks wird von uns mit der größten Sorgfalt ausgeführt, der Gärungsprozess ständig überwacht. Vier volle Jahre bleibt der Tabak in unseren Orientlägern, bis er das richtige Aroma erreicht undalleEigenschoftei eines erstklassigen Tabaks entwickelt hat. Wer Makedon- Marken kauft, /o des Kaufpreises on Waren. blt GtOSSE M& „s. nb b'ffrvf- ' MAKEDON ZIGARETTE NfABRlK G.M.B.H.. MAINZ AM RHEIN KONZERNFREI Fobrtlcnledarloga: Mak«don G.m.b.H. Ganeralveriretung: Carl Sudel, Berlin NW6,Lulsenstr. 30, Tel. D 2, Weidendamm 3354 Werden de* ClrßeiiersportA 4. CUierCei Erinnerungen Zm„Abend" vom 1?.. 14.»nd IS. November brnchken wir die Auszeichnungen unseres Mitarbeiters Fritz S t ü b m über das Werden des deutschen Arbeitersports, heute(«v schließen wir die Artikelserie mit„Allerlei Erinnerungen" aus früheren Tagen, um in der nächsten Zeit zwei Aufsätze des Verfassers zu oerössentlichen, die in kurzer Form über die einzelnen Sportverbände berichten, die in der Zenlrol- kommission für Arbeitersport und Körperpflege zusammengeschlossen sind. Früher war das Wandern eine feine Sache. Es gab noch keine Autos und Motorräder, die olle Straßen unsicher machten. Man brauchte deshalb nicht wie heute in den dichten Wald zu flüchten. „Frei wie der Vursch" konnte man seine Straße ziehen, mit Ge- sang und Musik. Die heutige Jugend kann einem leid hin. Sie schleppt die halbe Wirtschaft beim Wandern mit sich herum: Einen Kessel zum Abkochen, viel Proviant, Zelt und Schlafdecken, weil es im Wald kein Lokal und keine Unterkunft gibt, und aus dem Wald herauszugehen, ist immer mit Gefahr verbunden. Das war früher viel schöner. Zum„Turnerniarsch" gehörten mindestens 20 Mann, manchmal waren es auch 4V und mehr. Es ging irgend- wo hin. Die Hauptsache waren recht viele kilomeler, daher sprachen die Stubenhocker von den„Kilomcterfressern", weil sie es nicht nach- machen konnten. Und ein paar hohe Berge mußten erklettert wer- den, dos war der Gipfel des Vergnügens. Alles andere war Neben- fache. Denn wenn wir die Sekundärbahmvagen 4. Güte nach flei- ßigcm Gesang verlassen hatten, wurde in Marschkolonne angetreten, und dann wurde weitergesungen. Immer die Chaussee entlang, im Gleichschritt natürlich, denn sonst klappte der Gesang nicht. Den durstigen Kehlen winkte in der Ferne der Dorfkrug und der labende .Humpen. Mit den Dorfschönen gab es ein Tänzchen, die Bauern- barschen tonnten dafür vom Humpen mittrinken. Wenn wir abends verstaubt und müde heimkamen, sah uns jeder von weitem schon an: die hatten gewandert? Das war eine schöne Zeit! Die Wassernixen So uin 1905 war wieder einmal S ch w i m m f e st. Alles war in freudiger Erwartung des frohen Ereignisses. Da gab es eine große Sorge. Es hatte sich inzwischen eine Damenschwimm- r i e g e gebildet. Wie gewöhnlich wollte das schöne Geschlecht, txis auch manchmal das schwache genannt wird, auf diesem Fest mit einem W e t t s ch w i ni m« n brillieren. Natürlich ging das nicht in Kleidern zu machen. Sollten die Damen sich etwa im Badeanzug zeigen— in Anwesenheil der vielen Männer? Was tun? Da fand man einen glücklichen Ausweg. Vor der Leiter, von der die Damen ins Wasser gingen, wurde ein großer Vorhang angebracht. Dann betraten die Damen im langen Bademantel die Arena, allseitig bestaunt und freudig empfangen, legten hinter dem Vorhang den Mantel ab und stürzten sich ins nasse Element. Man sah nur noch die köpfe, was aber harmlos war! Daraus können wir wieder sehen: Es geht alles, man muß sich nur zu helfen wissen! �.eporterped» Es gibt gute Sportler und auch gute Berichterstatter! Alier alles Gute ist selten beisammen. Das zeigte sich auch bei einer Segelregatta in der Nachkriegszeit. Die Wettkänipfe erregten tillgemciiie Begeisterung, die Stimmung war eine gehobene. Auch der Humor fehlte nicht. Ein vergnügtes Trio unterhielt sich lebhaft, besonders ein Herr von etwa 55 Jahren hatte das Wort. Er hatte den Spitznamen„Süßhahn", weil er in seiner Jugendzeit bei allen Damen der süße Hahn im Korbe war. Auch sein Boot war eine Berühmtheit. Es war ein aller kleiner Kasten von Annodazu- mal, den man„Sammkasten" gelaust halle. Gerade war wieder ein Rennen zu Ende, der Beifall verrauscht. Ein Berichterstatter hatte schon lange die Ohren gespitzt, aber nur die beiden obigen Spitznamen gehört, die er eisrig aufnotierte. Am nächsten Tage berichtete die„Welt am Abend": Bei der gestrigen großen Segel- regatta ging„Süßhahn aus Sammkaslen" als erster Sieger durchs Ziel?— Alle ivaren sprachlos und ärgerlich, was sollte der Ulk� Erst später stellte sich heraus, wie diese Siegesmeldung zustande gekommen war— und dann gab es etwas zum Lachen! Jugendturnwarfe von Dunnemals Das ist ein besonderes Kapitel. Natürlich herrschte in den neun- ziger Jahren strenge Disziplin. Der Junge(bis 18 Jahren) hatte die Männerturncr mit„Sie" anzureden, während er geduzt wurde. Mit der Vollendung des 18. Lebensjahres begann der Mann. Im Arbeitersport hielten das viele Turnwarte für Unsinn und duzten sich deshalb mit den Lehrlingen. Das gab Aergcrnis. In Moabit mußte ein Turn wart deswegen sein Amt nieder- legen! Ader es kam noch Schlimmeres vor! Eine Männer- abteilung macht Partie zum„Alten Freund" auf Pichelswerder. Dort find auch eine große Anzahl Lehrlinge anwesend. Sie sind wie wild, schreien und juchzen vor Freude, liegen wie ein Knäuel olle übereinander. Offenbar haben sie einen Ringkampf gehabt und haben sich nun über den Besiegten geworfen. Es ist«in großer lrabbelnder Ameisenhaufen. Wir kommen neugierig näher. Da arbeitet sich aus dem Haufen etwas heraus, die Jungens purzeln zur Seite. Prustend und schnaubend steht ein Mann auf, streicht sich im Gefühl des Befreitseins einige im Umkreis der Glatze befindliche Haare zurecht, und nun erkennen wir ihn: Es ist der Tumwart! Wir waren baff. Das war einer der besten Turnwarte, man konnte ihn unmöglich absetzen.— Dann traten die Lehrlings an, mit Gesang und in guter Ordnung marschierten sie weiter. Als ob nichts gewesen wäre. Wir schüttelten den Kopf ob solcher geduldeten Disziplinlosigkeit!— Die Lehrlingsturnwarte hatten damals viel zu tun. Zum Heiraten kamen sie nicht vor den vierziger Jahren, manche verpaßten dann auch noch den Anschluß und blieben Jung- geselle. Das kam so: Zweinial in der Wache Turnabend, ein dritter Abend Schwimmen. Dazu Sitzungen, Kurse usw., blieb nur der Sonntag übrig. Die Jungens hatten meist nur 20 bis 30 Pf. Taschen- geld, das wurde gespart. Die halblagsporiien kosteten nichts oder höchfkens 10 Pf. Fahrgeld, das reichte für eine Spielpartie. Tages- Partien und im Sommer Nachtpartien mit Strohlager konnten 60 Pf. bis 1 M. kosten, das war dann ein großes Fest. Heute ist der Jugendturnwart fein raus. Cr absolviert einmal in der Wiche seine Gymnastik, gelegentlich steigt eine Wanderung. Alles andere erledigt die Jugend selber. Seitdem ist die Zahl der Zunggesellen stark im Abnehmen begriffen.—„Mit uns zieht die neue Zeit!" Protest der Hausgewerbetreibenden. Gegen ihren Ausschluß aus der Arbeitslosenversicherung. Der Zentralveiband der Lohngewerbetreibenden der Be- kleidungsindustrie protestiert gegen den Ausschluß der Hausgewerbe- treibenden aus der Arbeitslosenversicherung durch die Verordnung vom 3. November. Die Hausgewerbetreibenden, die fünf Jahre lang Beiträge zur Arbeitslosenversicherung geleistet hab«n, kranken- versicherungspflichtig waren und Beiträge zur Jnvaliditätsversiche- inng zahlten, fühlen sich durch diese Maßnahme in ihren Wirtschaft- liehen Verhältnissen schwer beeinträchtigt. Sie können fortab für den Fall der Arbeitslosigkeit keinen Unterstützungsanspruch erwerben. Deshalb werfen sie die Frage ab, ob die Reichsanstalt ihnen die Beiträge, die sich insgesamt auf etwa 300 bis 500 M. belaufen, zurückzahlen will. Es soll versucht werden, auf dem Boschwerdeweg« und durch Prozesse gegen die Reichsanstalt das Recht auf Weiterversicherung zu erkämpfen, oder aber die Rückzahlung der Beiträge herbeigeführt werden. Der genannte Verband appelliert an alle Hausgewerbetreibende, die versichert waren und es noch heute sind, ihn mit der Wahr- iiehmnng ihrer Rechte zu beauftragen, Lohnabbau in der Hutindustrie. Aei 16 proz. Dividende und 76 Pf. Stundenlohn. Die Arbeiterschaft der Wall- und Haarhutindustrie steht seit mehr als einem Monat in einer Lohnbewegung, hervor- gerufen durch die Unternehmer, die den Manteltarif und den Lohn- tarif kündigten. Den Lohntarif haben auch die Arbeiter gekündigt. Die Unternehmer fordern neben wesentlichen Verschiechterungen der manteaarrflichen SefHmmtingen«mtn Sohuabba» von über 15 P r o z., und zwar einheitlich für die Betriebe, die W o l 1 h ü t e produzieren und die oußcrordc irklich gut im Preise stehenden H a a r h ü t«. Di« Arbeiter beantragten die Erhöhung der Stundenlöhne um mindestens 10 Pro;. Dreimal wurde verhandelt, ohne daß es zu einer Verständigung gekommen wäre Di« Unternehmer behaupten, bei den jetzigen Löhnen nickst mehr konkurrieren zu können. Dabei führen sie die Konkurrenz im Ausland gegen Gruppen, die die gleichen Löhne bezahlen, teilweise sogar höher« Löhne. Außerdem ist der inländische Markt durch hohe Zölle geschützt, die 40 Pf. pro Stück und mehr betragen. Das Hauptiintcrnehmcn in der Woll- und Haarhutindustrie, dos ein Drittel der Gesamtbeschäftigten umfaßt, d i« Berlin- Gubener Hutindustri« zahlte in dem letzten Jahre eine Dividende von 16 Proz. bei einem Stundenlohn von 76 Pf. für Guben. Es soll nun versucht werden, den Lohnstrcit durch die Schlichtungsinstanzcn aus der Welt zu schaffen. Die Hutarbciterschait will, daß dies mindestens bei den bisherigen Lohnsätzen und unter Ausbau der bisher geltenden Tarife geschieht. 7. kreis, Eharlotienburg: Heute, Montag, 1914 Uhr, Bezirks- vcrordnetcnfi'aktion mit sämtlichen Bürgerdcputierten im Rothans Eharlotienburg, Sitzungszimmer 1. 14. Abt. Am 20. November starb nach kprzem, schweren Leiden unsere Genossin Anna Schäfer im 58. Lebensjahr. Ehre ihrem Andenken! Die Einäscherung findet am 25. November, •1714 Uhr, im Krematorium Gerichtstrahc statt. 41. Abi. Unser langjähriger Genosse Berthold Jöschte, 3. Gruppe, ist plöizlich verstorben. Ehre seinem Andenken. Be- erdigung Dienstag, 25. November, 14)4 Uhr, auf dem Garnison- friedhos. Um rege Beteiligung wird gebeten. Weiter für Berlin: Größtenteils bewölkt und windig mit Regenfällen und wieder ansteigenden Temperaturen.— Für Deutschland: In Ost- und Mitteldeutschland mi!d«s, regnerisches, windiges Wetter, im Osten vorübergehende Besserung. 51ootsx, 24. diovemder. B e r 1 1■. 16.05 Spatz: Am Siidrand der Sahara. 16.30 Konzert. 17.30 In der Weberei.(Dr. Laven.) 17.50 Fror". Dr. H. Entholt: Die drei HansestAdte. 18.15 Dr. Max Deri; Wissenschaft und Mystik. 18.45 Robert Kahn. Sonate Es-Dur, op. 40. für Violine und Klavier.(Prof. Klingler, Violine und der Komponist, Flügel.) 19.10 Programm der Aktuellen Abteilung. 19.30 Orchestcrkonzert unter Leitung des Franziskancr-Möochs-Dirigcnten Pater Barti aus Rcutte(Tirol). 1. Sirvitz: Auf zur östdrreichischco Zugspitz- babn, Marsch.— 2? Nicolai;„Die lustigen Weiber von Windsor", Ouv. — 3. Rieh. Strauß: Walzer aus„Der Roscnkavalicr'4.— 4. Blankenburg; Fröhlingskiuder, Marsch. 20.30 Uraufführung:„Die vier Teufel'4. Nach der Novelle von Hermann Ba.ig. Als Hörspiel bearbeitet von Otto Katz. 22.15 Wetter-, Tages-, Spcrtnachrichtcn. Anschließend: Tanzmusik. 0.30 Nachtmusik. 1. Mozart: Eine kleine Nachtmusik.— 2. Haydn: Sinfonie D-Dur.— 3. Mozart: Nocturno.(Berliner Konzcrtvcrcin 1930.) Königswusterhaiiscn.> 16.00 Stud.-Rat Edgar Rabsch: Neuzeitliche Musik im Unterricht. 17.30 Dr. Alex Kuthy, Debreccn, und Mitw.:„Ungarische, Musik". 18.00 Dr. Lincke: Krisenjahre des Kindergebisses. 18.30 Rcg.-Rat Hesse: Weshalb Berufsbeamte? 19.00 Englisch für Anfänger, 19.30 Dr. Hoesch: Rationelle Pferdeverwendung. 20.00 Leipzig: Militärkonzert. 21.00 Hamburg: Bunter Abend. t' 22.00 Wetter, Tagcsnachrichtcn, Sport.* �' Verantwartl. für die Redaktion: Franz»lüh«, Berlin; Anzeigen: Th. Slocke. Berlin. Berlag: Dorwiirts Vertag m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts Bück» hiudmi und Terlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin EW 68, Lindenstraße 3. Hierzu 1 Beilage. Gelbe Raucherzahne.„Nach langem Suchen endlich das Richtige für meine Zähne. Nach dreimaligem Gebrauch blendend weiße Zähne, trotzdem dieselben durch vieles Rauchen braun und unschön Wüllen. Ich werde nichts anderes mehr gebrauchen, als Chlorodont." 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Beltrenslr. 53-54 Direktion: Ralph Arthov Robciii 8Vi Uhr: in Volksbtthne Theiter am Bülowpla!!. 8 Uhr Mississippi Staatl.Sdiiller-Th. 8 Uhr' Nora Theater am Schitrhauerdamm 8 V* Uhr Staatsoper Am PI. d. Republik 8 Uhr Hoflmanns Erzählungen MMn ineater 8 Uhr Elisabeth von England von Fern. Bruckner Regie: Beim Bilpcrt Kammerspiele SV: Uhr Die zHrtlldten Verwandten m Boleridi Brndix Die Komödie SV. Uhr Der Schwierige von nago von Kefraaanstbai. Regie: Mai Beintetdt. Kleines TIteat. raglich 8Vs Uli 7 Der groBe Lustspiele[folg! Max Adalbert Fritz Kampers Dagny Servaes in Der Mann, der schwelgt 8.15 UUr— Bauöiea erlanbt 24 Tillerattes. Carr's u. Betty I I Das Tonphünomen Linder usw. MB lustepiemaus Täglich 8V. Uhr Kurt Götz in HOKUSPOKUS ntetropol-Theater Täglich SV* Sensationeller Opcrettenerf ol g I Viktoria undihrHusar ROSE -Theater Gr. 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