BERLIN Mittwoch z. Sezember 193« Erfcheinttiglich außer Sonnttg«. Zugleich Abendaukgabe de«.Vorwärts". BezugsPrei« beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3.60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW68, Lindenstr.» 10 Pf. Nr. 566 B 262 42. Jahrgang Anteigenpreit: Die einspaltige Noiipareillejeile 80 Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkont»! Vorwärts-Verlag G. m. b. H.. Berlin Nr.»7536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Mzibanden ausgehoben 160 schwerbewaffnete Nationalsozialisten auf einem Gutshof festgenommen Der Reichstagsbeginn Große Ansammlungen vor dem Parlament— Visher?tahe im Hause Breslau. 3. Dezember. Wie vom Polizeiprästdium mitgeteilt wird, wurden i» der Nacht zum Mittwoch in Jäschkowitz im Kreise Breslau etwa 130 Mitglieder der national- sozialistischen Sturmabteilung, darunter auch Sanitäter, uniformiert, feldmarschmäßig ausgerüstet und bewaffnet, festgestellt. Sie waren im Schlosse des Gutshofes des Rittergutspächters von Lelffen unter- gebracht, wo die Unterkunft in Sälen vorbereitet war. Ein noch in der Nacht hinzugezogenes Schutzpolizei- kommaudo stellte eine Menge Waffen, darunter scharfgeladene Karabiner. Pistolen, Hand» granaten. Munition und Hiebwaffen aller Art fest. Eine zahlenmäßige Feststellung war bisher nicht möglich, da die Ermittlungen fortdauern. Die vorläufig festgenomenen Nationalsozialisten war- den auf Lastkraftwagen dem Polizeipräsidium zugeführt, wo die weiteren Vernehmungen stattfinden. Tie Fest- genommenen werden noch heute dem Gericht zugeführt. Nazi- Krawall in Dresden. Im Anschluß an die Braun-Bersammlung. Dmden. 3. Dezember. Im Anschluß an die sozialdemokratische Versammlung im Zirkus- gebäud«, wo gestern abend der preußische Ministerpräsident Braun gesprochen hatte, kam es in den späten Abendstunden in der Ritter- stroß« vor dem dort gelegenen Partei heim der National- sozial! st en zu Zusammenstößen; nach nationalsozia- listischcr Angabe sollen etwa 200 Mann Reichsbannerleute das Heim gestürmt und die Fensterscheiben zertrümmert haben. Die Polizei muhte einschreiten und unter Anwendung des Gummiknüppels vor- gehen. Wie das Presseamt des Polizeipräsidiums hierzu ermittelt, nahmen die Nationalsozialisten sortgeseßt«ine drohende Haltung gegen die Polizei ein, so daß weitere Verstärkungen herangezogen werden mußten. Die weiteren Feststellungen waren durch das Ver- liolten der Nationalsozialisten der Polizei gegenüber außerordentlich schwierig. Die Feststellungen über die Vorgänge werden vom Polizei- Präsidium der Staatsanwaltschaft.zur weiteren Entschließung ,'ibersandt werden. Ein blutüberströmter Reichsbanner- mann wurde von Polizcibeamten aufgehoben. Die Beschwerde nach Genf. Text der Note an den Bö kerbund. Di« Note des Reichsaußcnministers an den Völkerbund hat folgenden Worllaut: Auswärtiges Amt. Berlin, den 27. November lSZO. Herr Generalsekretär; 3n Polnisch- Obcrschlesien sind in lehker Zeit Gewalttaten gegen die deutsche Minderheit geschehen, dle eine flagrante Verlehung der Bestimmungen der Genfer Konvention vom 15. Mai 1922 darstellen. Zn der Anlage sind die Einzelheiten, die Ursachen und Ziblgen dieser Gewalttaten geschilde t. Gemäß Artikel 72 Absah 2 der Konvention lenkt die Deutsche Regierung die Ausmerksamkelt des Bölkerbundsrats aus diese Bor- gänge. Zch bitte Sie, veranlassen zu wollen, daß die Angelegenheit aus die Tagesordnung der nächsten Tagung des Bölkerbundsrats gesetzt wird. Genehmigen Sie. Herr Generalsekrekär. die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung. gez. Eurtius. An den Ehrenwerten Sir Zames Eric vrummond. S.E.M.G.. E.V., Generalsekretär des Völkerbundes. Genf. Beigefügt ist das Bsweismaterial, das zum größten Teil unseren Lesern schon bekannt ist. Bemerkenswert sind auch die Hetzaufrufe, der polnischen Nazis: man braucht nur statt„Deuische" —„Marxisten" zu setzen und die Ausrnfe wären gebrauchsfertig stir jeden Djaf oder Grus. Daß der heutige Reichstag wieder«inen„großen Tag" haben solle, merkte man schon in den frühen Morgenstunden. In den Straßen herrschte noch das nächtliche Dunkel, als berests vor dem Nordportal des Reichstages sich eine Schlange von Menschen bildete, die um Einlaßkarten für die heutige Sitzung anstanden. In den Vormittagsstunden sammelten sich in den Anlagen des Tiergartens groß« Menschenmengen an, die wenigstens von außen her das Bild eines Reichstagsbsginns genießen wollten. Am Süd- portal, dem Eingang für Abgeordnete und Regierungnntglieder, hatte«ine Filmgesellschaft einen großen Apparat aufgebaut, mit dem ein Tonfilm ausgenommen werden soll. Selbstverständlich fehlen auch nicht die Vertreter der großen Lichtbildbüros, die den Einzug der„Prominenten" photographisch festhalten sollen. Im Hause selbst war es bis zum Mittag noch ruhig, nur der Aeltestenrat hat getagt. Die Fraktionen werden erst nach Schluß der heutigen Plenarvcrsammlung zu Sitzungen zusammen- treten. Die Abgeordneten finden die neue Notverordnung bereits im Druck vor. Sie füllt ein dickes Heft des Reichsgesetz- blatte?. Iin Aeltestenausschuß ist beschlossen worden, mit der heute beginnenden ersten Lesung des Haushaltsplans für 1931 sowohl die Beratung über die erste Noioerordnung, die dem Haushalts- ausschuß vorgelegen hatte, wie der neuen Notoerordnung zu ver- binden. Auch die noch etwa zu erwartenden Mißtrauensantröge sollen in die Beratung einbezogen werden. Die Aussprache wird mit einer Erklärung der Reichsregierung beginnen, die der Reiclifinanzminister Dietrich abgeben soll. Darauf dürfte sich der Reichstag auf morgen mittag 12 Uhr vertagen, um den Fraktionen Gelegenheit zur Stellungnahme zu der Erklärung der Regierung und zu der Notverordnung zu geben. Die Aussprache der Parteien wird also morgen beginnen, jede Fraktion soll eine dreistündige Redezeit haben. Die Regierung legt Wert daraus, daß die Entscheidung über die mit den Notoerordnungen zusammenhängenden Fragen bis End« dieser Woche herbeigeführt wird. Um das zu ermöglichen, sollen die System Stalin .jl JI „Schau. Aijoscha, Sa qeßt unser neuer Ingenieur, der bei uns den Fünfjahreplan ,n vier Iahren durch- führen will*„Wird schwierig sein. Kolja. da wir ihn doch spätestens in einem Jahr ais Schädling erschießen werden." Reichstags sitzungen am Freitag und Sonnabend bereits um 10 Uhr vormittags beginnen. In der nächsten Woche, in der der Montag wegen eines tatho- lischen Feiertages sitzungsfrei bleibt, wird sich der Reichstag mit außenpolitischen und anderen Anträgen beschäftigen. Hierzu gehören auch die Anträge wegen der Hochwasser- und Berg- werkskatastrophe. Der Aeltestenrat hatte sich auch mit den Vorschlägen seines Unterausschusses über die neu« Diäteniegelung für die Abgeordneten beschäftigt. Die Vorschläge des Unterausschusses, wonach die Diäten um 20 Prozent gesenkt werden, wurden gebilligt. Weitere Aenderungen am Diätengesetz sollen nicht vorgenommen werden. Es wurde die Einsetzung zweier neuer Ausschüsse beschlossen, und zwar eines Ausschusses für Liquidations- und Gewaltschädcn und eines Ausschusses zur Förderung der Leibesübungen. Seipels Geschoß. Schober darf nicht das polizeiwesen leiten. Wien. 3. Dezember.(Eigenbericht.) Die Ehristlichsozialen haben nach langer Beratung die Forderung des Schober-Blocks abgelehnt, die Tirct- tion des Sicherheitswesens aus dem Innenministerium herauszunehmen und dem als Vizekanzler und Außen- minister vorgeschlagenen Bundeskanzler a. T. Schober zu unterstellen. Tarauf hat der Schober-Block die Ver- Handlungen als gescheitert erklärt. Dr. Ender will auf diese Forderung des Schober-Blocks..noch zurück- kommen", zunächst berichtet er dem Bundespräsidenten. Ein besonderes Innenministerium ist erst durch die Berfassnngsänderung ermöglicht worden. Borher. und zwar seit dem großen Sanierungsabbau von 192:2. unterstand die innere Verwaltung dem Vizekanzler, und bevor der Bundespräsident Miklas die Regierung Baugoin- Starhemberg einsehte, war der Landbundführer Schumi» als Vizekanzler auch Ehes des Sicherheitswesens. In dieser Eigenschaft hat er z. B. den Putschisten Pabst ausgewiesen. Wenn seht die Ehristlichsozialen das Sicherheitswesen nicht Schober überlassen wollen, so folgen fie damit Heimwehrwünschen, die ihre Erfüllung bedroht sehen, wenn ein gesehestreuer Mann und nicht ein Faschist der oberste Befehlshaber der Gendarmerie und Polizei ist. Die christlichsoziale„Reichspost" erklärt, End er werde nun seine Mission in die Hände des Bundespräsidenten zurücklegen. Es bestehe die Wahrscheinlichkeit, daß der Bundespräsident den ge- wesenen Präsidenten des Nationalrats Dr. Gürtler beruft.(Die steirischen Christlichsozialen hatten Dr. Gürtler, den früheren Spitzenkandidaten, diesmal gar nicht ausgestellt!)„Die bürgerlichen Gruppen aber", so fährt das Blatt fort,„werden sich jetzt em- schließen müssen, ob sie arbeiten wollen oder nicht." Einig« Blätter, darunter auch die„A rb e i t e r- Z e i t u ng", glauben, daß es zur Bildung einer Beamtenregieruna kommen werde, die der beste Ausweg wäre, wenn sie neutral bleibe. Wie die„Reichspost" erfährt, wird Dr. Seipel in den nächsten Tagen aus dringenden Rat seines Arztes in Erholung?- urlaub nach Meran gehen. Gewöhnlich verreist er, wenn's durch seine Schuld wieder mal kritisch geworden ist. Verbindlichkeitserklärung. Verschlechterung für die Metallarbeiter Sachsens. Zu dem Manlellarisstreil der sächsischen Mekallindustrle haben die Nachverhandlungen im Reichsarbeilsministerluw am 2l. No- vember 1930 über den Schiedsspruch vom 5. November l9Z0 zu keiner Einigung geführt. Der Rcichsarbeiismlnister hat darauf den Schiedsspruch für verbindlich erklärt. Die Tragödie des Schülers. Der„?ieiz des ChtibruckiS"/ Jünf Pistolen in der Tasche Der Selbstmord des vierzehnjährigen Schülers Hans Rosen- b e r g, der sich gestern abend, wie im„V o r w ä r l s" ausführlich berichtet, in einer Grunewaldvilla erschoß, gibt der Polizei noch verschiedene Rätsel aus. Zweifellos handelt es sich um eine Pubertätstat. Ans einem überspannten Geltungsbedürfnis heraus ließ sich der Zunge zu einem Zugendstreich hinreißen. Erschreckt über die folgen seines Handelns, greift er dann zur Waffe. Hans Rosenberg besuchte die Obertertia des Staatlichen Arndt-Gymnasiums und war als guter Schüler bekannt. Seine Mitschüler schildern ihn als einen frischen, mürberen Jungen. Auch die Lehrer der Anstalt stehen vor einem RäM. Sie können sich nicht erklären, wie der Junge auf so phantastische Ideen geraten konnte. Ob Hans R. durch Lektüre oder durch Kinovorstellungen auf seine abwegigen Gedanken gekommen ist. kann noch nicht ge- sagt werden. Sonderbarerweise hat niemand etwas Ausfallendes an ihm wahrgenommen. Als er sich am Zg. November aus der elterlichen Wohnung entfernte, ahnte zunächst niemand, daß er sich Waffen eingesteckt hatte. Später entdeckte der Vater beim Rachsehen im Schreibtisch. daß seine Dreyse-Pistole mit 50 Schuß Munition verschwunden war. Schon der Umstand, das; der Junge sämtliche Patronen mitnahm, deutet darauf hin, daß er irgendeinen tollen Plan im Kopfe herum- trug. Außerdem halte der Schüler drei Schreckschußplstolen und ein Tesching, die nach seinem Tode noch bei ihm gesunden wurden, mit der dazugehörigen Munition zu sich gesteckt. Was ihn veranlaßt hat, in die Villa in der Juttastraßc einzudringen, wird wohl niemals geklärt werden. Vielleicht wollte er sich etwas zu esien besorgen, vielleicht war es Neugierde, vielleicht trieb ihn auch der„Reiz eines Einbruches" zu seiner Handlung. Als die Frau des Professors B. in ihrer Villa in der Juttastratze gegen 2» Uhr heim- kehrte, kam ihr auf der Treppe ein Junge entgegen, der ihr mit heller Stimme zurief:„Hände hoch oder ich schieße'" Gleich darauf krachte auch ein Schuß. Wie sich später herausstellte, hatte der Junge mis einer Schreckschußpistole einen Schuß gegen die Decke abgefeuert. Als Frau L. nach unten eilte, lief Hans Rosenberg in das Eßzimmer. Hier muh ihm plötzlich zum Bewußt- sein gekommen sein, in welche Situation er sich verirrt hatte. In überreizten, Ehrgefühl, womöglich als Einbrecher ertappt zu werden, schoß er sich dann«ine Kugel ins Herz. preisabbau-pleite in Berlin Bisher ganze zwei Prozent Berbilligung bei Lebensmiiteln Am Liehensee erhängt. Selbstmord eines Beamten.- Unglückliche Ehe als Grund. Auf dem Delbrückplatz am Liehenfee machten heute morgen Passanten eine» schaurigen Fund. An einem voume hing die deiche eines etwa vierzigjährigen gulgctleidelen Mannes, der sich während der Nacht dort erhängt Halle. Dl« Polizei stellte fest, daß es sich um de» Inspektor beim Pro- vinzialschulkollcgium, Ehristian Joachim sen. Lichterfelde, Zehlendorfer Straße 20 wohnhaft, Izandelte. I., der ein sehr Pflicht- getreuer upfc hei seiner Behörde beliebter Mann w-ar, lebte in einer unglück llch e n Ehe, die nach aiü» nach seine Vermögens- Verhältnisse gänzlich zerrüttete. Joachimsen trennte sich vor einiger Zeit von fäufec Frau und Merket dadurch immer mehr in Schuldem Ilm dein finanziellen Zusammenbruch zu entgehen, hat der Inspektor feinem Leben freiwillig ein Ende gemacht. Amokläufer iötei sechs Personen. Rangoon, 3. Dezember. sReuler.) Ein eingeborener Soldat, der sich mit einem burmesischen Polizeikommissar verfeindet Halle, tötete den Kommissar, als dieser aus der polizeislation ankam, durch einen Gewehrschuß und feuerte dann blindlings aus alle Menschen, die ihm zu Gesicht kamen. Fünf Dorfbewohner wurden dabei gelötet und vier Personen schwer verletzt. Schliehltch lötete sich der Amokläufer selbst durch einen Kopfschuß. Die mit großem Anlauf begonnene Preisabbauaktion der Re- gicnmg ist jetzt bereits in eine Sackgasse geraten. Wenn auch auf verschiedenen wirtschaftlichen Gebieten, wie zum Beispiel bei der Kohle, der Erfolg des Preisabbaues nicht zu oerkennen ist, so liegt doch bei den entscheidenden Punkten der Preisabbauaktion, bei der Senkung der Lebenshaltungskosten der breiten Massen, bisher ein völliger Mißerfolg vor. Wenn von Interessenten etwa die Wirkungslosigkeit der bis- herigen Preissenkungen für Lebensmittel bestriiten werden sollte, so verweisen wir auf die neueste Veröffentlichung der Berliner Wirt- ichaftsberichte, die vom Statistischen Amt der Stadt Berlin heraus- gegeben werde». Die neuesten Feststellungen dieser Behörde, die sich auf die Entwicklung der Kleinhandelspreise bis zum 18. No- vember erstrecken, lassen in der Tat den fast völligen Mißerfolg der Preissenkung aus den Rersiner cebensmillelmärklen erkennen. Wenn der Bericht des Statistischen Amtes auch darauf hinwerft, daß bis zum 18. November, dem letzten Stichtage der Uickersuchung, die in Aussicht gestellten Preissenkungen sich noch nicht in allen Gewerbezweigen auegewirkt haben, gelang sie doch zu dem Ergebnis, daß von«inigen wenigen Ausnahmen abgesehen, der Preisrückgang überraschend geringfügig gewesen ist. Die Kleinhandel-indexzissern für einzeln« Gruppen von Loben»- Mitteln, die auf der Grundlage von 1913~ 100 berechnet, und außer den Gemüscpreisen fast sämtlick-e vom Statistischen Amt erhobenen Preise umfassen, ergeben für Oktober und November 1930 folgendes Bild: Ol'obcr -Ntmoi«- durch- schnitt Fleisch' und Wurstwaren... 129,3 127,6 127,0 126,4 Fische.......... 185,7 187,2 175,6 173,9 Milch und Milcherzeugnisse... 129.8 128.6 128.1 127.0 Brot. Mehl und Nährmittel.. 139,6 138.4 137,7 135,8 Hülsenfrüchte........ 165,1 160,2 156,5 151,2 Sonstige Lebensmittel und Obst. 141,7 139,6 138,8 138,3 Die praktisch« Auswirkung der bisherigen Preis- ermäßigungen für den Haushalt der Bevölkerung ist gleichfalls nur Lebensbedürfnisse Gruppe - November S. 12. 18. unbedeutend. Die Kosten für die Ernährung einer fünflöpfigen Familie haben sich vom Oktober bis zuck 18. November 1V30 ins- gesamt nur von 95,49 M. bis auf 93,13 M. verringert. 3n der entscheidenden Periode der Preissenkung zwischen dem 5. und IS. November ist daher nur eine Ersparnis von 2.1 proz. für die Vevöltening eingetreten. Es gibt also an der Tatsache nichts zu deuteln, daß der gesamte Erfolg der Lebensmittelpreissenkung knapp 2 Proz. überschreitet, während aus der anderen Seite den Berlinern Metallarbeitern der Lohn um 8 Proz. gekürzt worden ist. Wir haben bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß die Hälfte der Lebenshaltungs- kosten, also die Ausgaben für Miete, Tarife und Verkehr, kaum eine wesentlich« Senkungerhoffen l a s k e n. Die Aus- gaben für Lebensmittel und Bekleidung machen im Beamten- und Angestelltenhaushalt bis zu 35 Proz. und im Arbeiterhaushalt b-s zu 44 Proz. der Lebenshaltungskosten aus. Sollen also die Lohn- drosselungen keine Einengung der realen Kaufkraft mit sich bringe», so muß für Lebensmittel und Bekleidung insgesamt ein« Der- billigung um rund 20 Proz. eintreren. An dieser ganz klaren Tatsache ändern auch die Preissenkungen auf den verschiedensten industriellen Gebieten nichts, denn weder kann der Arbeiter sich eine Preßkohle aufs Brot schmieren, noch nützt ihm die Preissenkung für Transformatoren, Glühbirnen oder Eisenteile etwas bei seinen Ausgaben für Kleider und Schuhe. Die Regierung hat immer ivieder betont, daß sie den Willen hat, eine Drosselung der realen Kaufkraft der werktätigen Bevölke- ruug zu verhindern Der bisherige Erfolg ihrer Zlktion aber zeigt, daß die Znlereflenlen im Lebensmillelgeschäfl auf der ganzen Linie Sieger geblieben sind, und daß sich schon jetzt ganz allgemein eine erhebliche Verknappung der Massenkaufkraft fühlbar macht. Die dringendste Aus- gäbe der Regierung ist daher, jetzt sofort die Lohnabbauosfensive ab- zustoppen und aus der anderen Seite ihre ganze Energie für eine wirNich durchgreifende Senkung der lebenswichtigen Preise ein- zusetzen. Unter anderen Umständen muß die gegenwärtige Krise zur Katastrophe führen. pilsudski denkt nach. Die Entrechiung der Völker Polens. Kaiholiken wider)tazis. Kampfkundgebung in Berlin. Die Siadthall« war am gestrigen Dienstagabend mit den Fahnen der Republik geschmückt und von katholischer Jugend unter Führung der Windthorst-Bünde so überfüllt, daß diese Kundgebung gegen die Nazi-Demagogie auf der Straße wiederholt werden mußte. Pater Georg Puchowski führte aus, daß die katholische Jugend die nationalsozialistische„Idee" bekämpfe, weil diese Haß predige und nur zerstöre. Der Windthorstbund-Führcr R i f f t a sagte, daß die Katholiken jetzt aus ihrer Reserve gegen die Hitler-Demagoie heraus und zum Angriff übergehen würden:„Gerade weil de? Staat jetzt in Not ist, betonen wir, daß wir zur Republik stehen und zu ihren Farben Schwarzcotgold". Reichstagsabg. Win kler teilte mit, daß überall im Lande die katholische Jugend den Kampf gegen den Nationalsozialismus auf- nehmen werde. Reichstagsabg. Krone verlas Abschnitte aus nationalsozialistischen Zeitschriften und Reden, die die katholische Kirch« und ihre Lehre scharf angreifen. Nationasozialismus, so erklärte Krone, ist unvereinbar mit Katholizismus. Im Nationalsozialismus vereinige sich alles, was gegen Kirche und Staat kämple. Beschwerde aus Güdslawien. Genf, 3. Dezember. Eine bereits im Juni eingereicht« Beschwerde der deutschen Minderheiten in Südslawien wird jetzt im Drcierausschuß zur Ber- Handlung gelangen. Die Beschwerde geht dahin, daß die südslawische Regierung die Artikel II und III des Mindcrheitenvxrtrages vom 10. September 1919 durch folgende Maßnahmen verletzt habe: 1. Auflösung des deutschen nichtpolitischen Vereins „Deutes Haus" in Cilli. 2. Uebertragung des Bereinsvermggens auf einen Slawen- verein. 3. Richtgenehmigung des zur Gründung beantragten deut- scheu nichtpoliliichen Vereins„Union". 4. Unterlassung von Maßnahmen zur Wiederherstellung des rechtmäßigen Zustandes in diesen Vereinsangelegenheiten. Der Beschwerde ist eine umfangreiche Denkschrift mit vielem Tatsachenmaterial beigefügt._ Feudales vergnügen. Das britische Oberhaus hat mit 74 gegen 10 Stimmen ein Mißtrauensvotum gegen die Arbeiterregierung au- genommen. Drrs ist aber bedeutungslos. Nach einer Warschauer Meldung will Marschall Pilsudski den Urlaub, den er nach dem Rücktritt vom Ministerpräsidium antritt, zun«„Studium" der Verfassung»- und Wahlrechtsänderung benutzen, die der Ertrag des ergaunerten„Wahlsiegs" sei«. soll. Dazu geben wir folgenden Bericht wieder, den wir aus Polen erhalten: Trotz der allgemeinen Ueberzeugung, daß eine ehrliche Wahl in Polen eine zerschmetternde Niederlage Pllsudftis und einen gewaltigen Sieg der Opposition bringen werde, war man darauf vorbereitet, daß die von den Wahlmachern Pilsudskis offen angetlindig- t e n Wahlfälschungen und Gewaltakte eine Zweidriitelmehr- heit ergeben werde. So groß ist aber die Beut« nicht. Er hat 2? Stimmen über die absolute Mehrheit, aber zur qualifizierten, die zur Verfassungsänderung nötig ist, fehlen ihm noch über fünfzig Stimmen: das gleiche gilt von einer Aenderung des Wahlrechtes. Bezeichnend für die inneren Verhältnisse Polens ist es, daß j Pilsudskis Mehrheit aus den Mandaten besteht, die den Weißrussen, Ukrainern, Deutschen und oppositsonellen Juden wegeskamotierl worden sind. Die hundertfünfzig ZNaadale der polnischen Opposition pilsudskis sind ein weithin hallender prolest gegen dle von den Agenten der polnischen Diplomatie im Anslande eifrig oerbreilete Fabel von der Popularität pilsudstis. Der„normale" Druck der politischen Verwaltung, die kleinen Er- Pressungen hätten vielleicht genügt, Pilsudski ein Biertel der Sejm- Mandate zu gewinnen, aber mehr als die Hälfte— da« ist mehr als ein..Wunder". Da mußte der ganz« polnische Osten verschwinden und G e i st e r die Wahlurnen bedienen. Pilsudski ist seit jeher mit Geistern in guten Beziehungen und zählt G e i st e r- beschwörer zu seinen intimen FreundonI Die Mittel, deren sich Pilsudski und seine Organe zum Zwecke der Wahlfälschung bedienten, sind in der europäischen Oeffentllchkeit zur Genüge bekannt, noch zu wenig betont wurde aber die Rolle der Richterschaft, welche dl« Gewaltakte patronisierte und hierfür von pllsudsti in einem seiner bekannten Interviews öffentlich belobt wurde. Besonders heroorgetan hat sich hierbei einer der höchsten Richter Polens, der Generalwahlkommissar G i s y z k i. Die Mehrheit, der Generalwahlkommission hat eine Erklärung veröfsentlicht, in der sie jede Mitverantwortung für die Tätigkeit des Generalwahlkommissars z u r ü ck w e i st und sein« Mitteilung an die Presse, er hä te im Ein- vernehmen mit der Gcneralkommission gehandelt, als durchaus unwahr bezeichnet: das Gegenteil dieser Behauptungen sei wahr. Der Generalkommissar unterläßt, im Gegensatze zu seinem Bor- gänger, Sitzungen der Kommission einzuberufen und gab den Bor- sitzenden der Wahlkreiskommissionen die dem Staatsgrundgesetz widersprechenden Weisungen. Aus den Ungesetzlichkeiten und Gewaltakten wurde während der ZKahlkampagn« kein Geheimnis gemacht, im Gegenteil, man konnte ungehindert darüber schreiben, war doch die ganze Aktion darauf gerichtet/ der Bevölkerung A n g st einzutreiben und das neue oberste Rechtsprinzip:MachtgehtoorRecht populär zu machen. Man schämt sich nicht des Mißbrauches von Recht, Gesetz und Gericht zu Wahlerpressungen. Achtzig gewesene Abgeordnete. Führer des politischen Lebens in Polen, fünftausend politische und gewerkschaftliche Sekretäre, Versammlunasredner. Vertrauensmänner schmachteten während der Wahlperiode In Serkern, pissudskl lckeute sich nicht versSnlich. öffentlich die Gefangenen verleumderisch gemeiner Verbrechen zu beschuldigen. Arn Tage nach der Senatswahl wurden die Gefangenen aus dem Militärgesängnis in Zioilarrest übergeführt, um am nächsten Tage gegen Kaution evtlasjen zu werden. Die Verteidiger wissen bis heute nicht, wessen man ihr« Klienten beschuldigt, von einer Anklageschrift ist bis heute keine Spur. Es scheint, daß man jetzt wienerisch sprechen möchte:„Sagn ma, es war uit." Die Beschwerden der M i n d e rh« i t s v ö l k e r finden jetzt in der europäischen Oeffenilichkeit lauten Widerhall, die Zeitungen bc- richten über Interventionen beim Völkerbund. In Polen hat man den Eindruck, daß die Behandlung der Bevölkerung nicht mir eine ungesetzliche, sondern eine sadistisch grausame war, daß die Machthaber ihr moralisches Defizit durch bestialische Verfolgung der Aufrechten zu verdecken suchten, aber es wird kaum behauptet werden können, daß die polnische Opposition weniger Ouaien, weniger Gewallläligkcil, weniger Gesetzwidrigkeit, weniger Mandalsraub zu ertragen hätte, als die Riinderheit, Völker. Die Gewalitätigteit der Fremdherrschaft ist niederträchtig, wie aber erst die Gewaltherpschast der Konnatlonalen in einem Staate, den die Verfolgten mit ihrem Blute von der Fremdherrschaft de- freit und wieder aufgerichtet haben! ?licht nur politjfer, nicht nur in Brest... Kaltowih, 8. Dezember. Nach den Vorfällen in Golassowitz wurden etwa 40 Personen wegen der Ermordung de» Polizeikommandanten Sznapka ver- haftet und im Kohlenkeller des Polizeihauses eingesperrt. Die in- zwischen aus der Haft wieder Entlassenen berichten, daß sie in diesem Keller die größte Zeit über stehen mußten, sich auch nicht an die Mauer lehnen dursten; versuchten sie es, wurden sie sofort von der Wache angeschrien. Diejenigen, die man wegen der Tötung des Polizeitommandaiiten in unmittelbarem Verdacht hatte, mußten auf den Kohlen knien und haben dabei schreckliche Qualen ausgestanden. Die Verhafteten blieben auch lange Zeit ohne jede Nahrung, bis schließlich ihren Angehörigen gestattet wurde, ihnen Lebensmittel zukommen zu lassen. Genossin Dr. Käthe Frantenkhal, Schulärztin in Neukölln und Berliner Stadtverordnete, befindet sich seit einigen Tagen im Urban- krankenhaus. an Vergiftungserscheinungen. Da sie segt ais Listen- Nachfolgerin für Adolph Hoffmann in Betracht kommt, hat die Tat- fache ihrer Erkrankung Veranlassung zu allerhand Gerüchten ge- geben, die auch in der bürgerlichen Presse ihren Niederschlag fanden. Seoerings Antwort im Fall Lüdemann. Der preußische Minister des Innern, Severing, hat die Klein« Anfrage des Preußischen Landtoge» wegen der Beilaggung der Wohnung des Oberpräsidemen Lüdemann in Breslau dahin beantwortet, daß es sich nach An- ficht der preußischen Regierung in diesem Fall um keine Dienst- wohnung handele. Die Doppelbeslaggung der Wohnung mit der Reichsslagge und der roten Fahne lasse jedoch den notwendigen Takt »nd die Zurückhaltung vermissen, die ein hoher politischer Be- amtcr ausüben müsse. Der ocgentiaische Expräsident Irigoyen und sein Innenminister Dr. Gonzalez, bisher an Bord eines Kriegsschiffes auf dem La-Plata-Fluß qesangengehalten. sind in das Marinedepot auf der Insel Martin Garcia übergeführt worden. Eine Werbewoche des Neuköllner Reichsbanners. Beginnend mck dem 30. November hat das Neuköllner Reichsbanner eine vier- zehntägige Werbewoch« angesetzt, die unter dem Motto: Sammlung der republikanischen Front durchgeführt wird. Neben der unermüdlichen Kleinarbeit der Funktionäre wird am Sonntag. dem 7. Dezember, ein Aufmarsch des Reichsbonners in Neukölln veranstaltet. Im Bri?er Hufeisen wird Landtags- abgeordneter Hermann Harnisch sprechen. In einer republita- nischen Feierstunde am 12. Dezember im großen Saal von Kliein wird der Gauvorsitzende Johannes Stelling sprechen. An die in der Werbung besonoers erfolgreichen Funktionäre werden wertvolle Blichprämien verteilt. Theater/ Mm Karl Th. Alttih:„Rächt überm Kreml" Schiilertheater. Karl Theodor Bluth dichtete schöne, schwere Lyrik. Vor der allzunohen Gedankenwelt und Wirkung hütete er sich mit nobler Zurückhaltung. Der Dramatiker Vluth ist robuster, aber auch unselbständiger. Cr bewies das schon in einem früheren Stück, das am Slaatstheater aufgeführt wurde. Auch diesmal läßt er sich von der literarischen Mode überslutcn, obwohl er versucht, dicje Schwache zu vertuschen. Der Geist, in den er seine dramatische Moral eintaucht, ist der sogenannte Zeitgeist des Theaters. Er gebietet, daß auch die Theatcrrepräsentanten der Äraft ihre Energie halbieren. Sind sie Herrscher, bann lassen sie sich von tolstoianischen Hemmungen einschnüren. Der Schwächling als Held— das ist das Ideal: das ist auch die Hauptfigur des Bluthschen Schauspiels. Sein Held ist der falsch« oder echte Demetrius, der Sohn des mörderischen Zaren Iwan. Vielleicht kam der wahre Demetrius in den Flammen um. Vicleicht wurde er gerettet. Der Jüngling, der von gutgläubigen Anhängern oder kaltblütigen Betrügern zur historischen Tat hervorgeholl wird, wünscht nach dem Bluthschen Willen das russische Volk durch MUde und ohne Gewalt zu erobern. Er ist nicht vollgestopft mll Autokratenbegierde, wie Schiller und .Hebbel es sich dachte». Erzogen wurde er als Mönch. Als Priester der christlichen Kirche hofft er, den Untertanen Freihell und Glück zu schassen. Es gelingt ihm nicht. Die Frau, der er sich vermählt, ist ein kriegerischer Drachen. Die Männer, die sich chm verbünden, kämpfen nur für ihn, damit er als Ungeheuer auf den Thron springt. So muß der brave Demetrius, halb ein Tolstoi, halb«in enttäuschter Lenin, fallen. Als das Gemetzel ausgetobt hat, seufzt der übrigbleibende Romanosf, also der Urvater der bis in unsere Tage hineinreichenden Zarendynastie: düstere, entsetzliche Jahr- hunderte der russischen Geschichte werden kommen. Der Dichter prophezeit nach rückwärts. Ernsthaft und mll pompösem Bühnenauswand bereitet er die Bühnenereizniss« vor. Er liebt das laute Theater, das nicht immer das poetische und wirksame ist. Seine Technik ist zugleich ganz modern und ganz allnwdisch. So verführt er den Regisseur(Leopold L i n d t b e r g), eine schreiend« und grelle Staatsaktton auszustaffieren. Prächtige Kostüme, ein Rhabarber der Massen, das man nicht mehr für möglich hielt, ein stilechtes und doch schon verstaubtes Stilgepränge, das sind die Requisiten. Die Kehlen der Künstler werden vom Säuseln bis zum Knurren und Donnern überanstrengt. Viele natürliche Bewegungen sind nicht sichtbar, hörbar sind ebensowenig natürliche Töne. Herr M i n e t t i spielt salbungsvoll und mit hohellsoollem Priesterton den Prinzen. Fräulein Koppenhöfer keucht in erotischer und soldatischer Versticgenheit, da sie seine Gattin, aber auch die Ehebrecherin agiert. Paul Bildt tobt als saufender Theaterböjewicht. G r a n a ch schmettert karikierend einen Leib- wachenkommandanten. Walter Frank, der greis« Zar, stirbt, als hätte ihm ein Tauber-Tonfilm-Regisseur das geräuschvollste Quaken besohlen. Ein Scheinwerferlicht, das besser sür das Kino als für die Lebenskunst der Bühne paßt, beleuchtet verschwenderisch all das tragische und übertriebene Kreißen und Gebaren. ...... Üoebdork. Ein Gruselfilm, der keiner ist. „Alraune" im Gloria-palafi. Lang, lang ist's her, da zog H. H. Ewers aus, um feine Zeit- genossen das Gruseln zu lehren. Nach den Rezepten von E. Th. A. Hosfmann, Po« und Baudelaire mixte er ein Gebräu aus Phantastik, Dämonie und Wollust, und manche Leute ließen sich davon berauschen. Richard Oswald hat schon oersucht, daraus«inen stummen Film zu gestaben und jetzt das Experiment als Tonsilm erneuert. Wenn irgendein Stoss dem Charakter des Tonsilms widerstrebt, so dieser. Die Realistik des Sprechens paßt nicht in diese verschrobene, schwül« Welt. Wenn überhaupt, hält« sie nur im Stile des Ealigari bewäl.igt werden können. Das ein- zige Ergebnis d«s Versuches ist Albert Bassermann als Ton- fillndarsteller. Er umgibt diesen brüchigen, aus Forscherdrang und Zynismus komponierten Geheimrat mit all dem faszinierenden Fluldum. das ihm«igen ist. Scharf und deutlich prägt sich seine Stimme ein, ihr Gurgeln und ihre Messerfchärfe, die uns von der Bühne her vertraut sind, sind nun auch ein Instrument des Ton- films geworden. Weniger glücklich schnitt Brigitte Helm ab. die das Kunstprodukt aus Verbrechersamen und Dirne v-rkärpert, die Alraune, die im Leben nur Unheil stiftet, und als sie der Li-be endlich begegnet, sich selbst auslöscht. Ihr starrer Vompyrtypus wirkte weder dämonisch, noch auspeitschend, ihr Dirnenlied und ihr Tanz ließen kalt. Agnes Straub wird als abenteuernde Fürstin. Bernhard G o e tz k e als ausgebeuteter Zauberlehrling, Harald Pa ulsen als der von der Phantastik geheilte Farmer in den Nebenrollen bemüht. Auch rein filmisch bot die Alraune wenig. Die Autoraserei machte uns nicht schwindeln, und das Halbdunkel der meist kurzen und abgerissenen Szenen erzeugte keine Sputstimmung. r. Famose Typen werden lebendig. Ihre Unterhaltung kommt von ungefähr, wie aus dem Augenblick geboren. Dabei glitzert der Humor, und treffende, von Lebensbeobachtung getragene Worte schlagen kräftig ein. Die Milieuschilderung ist das Beste an der Komödie. Im Gefühl, die Sentimentalität in den Hintergrund treten lassen zu müssen, hat der Regssseur Heinz Hilpert seine ganze Liebe auf die Herausarbeitung des Milieus verwandt, und es ist ihm groß- artig gelungen. Nur hätte das Bühnenbild(E. Stern) ihn besser unterstützen sollen. Unter all den prächtigen Typen(Jakob Tiedtke, Matthias Wiemann, Erhard Siedet, Ludwig Stössel, Rolf Müller, Rosa Baletti) leuchtet die große Kunst der Käthe Dorsch. Sie ist hinreißend wie immer. Ihre rührende Kindlichkeit und Schlichtheit im Schmerz wirken echt. ckgr. „Oer Gchwemepriester." Theater in der Klosterstraße. Wer führt heute die Komödien Hermann Essigs auf? Die The>ll«r wissen nicht, wie sie ihre Repertoires aufbauen sollen und vergessen einen der stärksten Dramatiker der deutschen Bühne. Ist Essig wirUich tot? Hat er nichts mehr zu sagen? Vielleicht spielt ein anderes Moment die ausschlaggebende Rolle, 1 nämlich Essigs Unversöhnlichkcll Was geschieht in dem Luftspiel „Der Schweinepriester"? Ein Priester besitzt ein Schwein, an das er seine ganze Zärtlichkeit hängt, aber damit nicht genug. Er benutzt es auch, um seine Gemeinde zu ärgern, um immer das zu tun, was die anderen gerade nicht wollen Ein vitaler Mensch ärgert sich über die Beschränktheit seiner Mitmenschen und versucht, sich immer stärker von ihrer Wertlosigkeit zu überzeugen, das tm er nicht aus einer intellektuellen Freude Henaus, fondern rein impulsiv, fast unbewußt. Essig macht keine Konzessionen. Er streut nicht Zuckerplätzchen aus,«r will auch nicht mit gütigem und deshalb versöhnendem Humor die Merkwürdigkeit der Menschen gestalten, er haßt nicht einmal, sondern er ist kalt. Er sieht eben die Welt von der Kehr- seit«. Di« sich überkreuzenden, seelischen Komponenten werden auf- gedeckt. Dies« Sezierarbeit bereitet Spaß, die Objekte, an denen sie geübt wird, bleiben im Grunde gleichgültig, und Gleichgültigkeit verträgt der Zuschauer ani allerwenigsten. Ein Menschenhasser mißt den Menschen immerhin irgendeinen Wert zu, sonst würde er nicht hassen. Bei Essig sieht man nur ein komisches, etwas ins Groteske verzerrte Gesicht. Vielleicht spielt man deshalb Essig nicht und vergißt dabei auch, daß hier eine große, dramatische Kraft besteht. Wie prachtvoll ist im„Schweinepriester" der Dialog. Rad greift In Rad und reißt die Maschinen vorwärts. Es ist ein Verdienst Franz Sondingers, von neuem die Aufmerksamkeit airs diesen Bergessenen zu lenken. Darüber könnte man fast übersehen, daß die Regie zu sehr dämpft, daß sie sich im Gebiet des Familicnlustspiels ansiedelt. Das Wesen Essigs komml nicht zum Ausdruck, nur das Gerüst der Handlung wird heraus- geschält, aber dieses dramatische Gerüst ist bereits wirkungsvoll. — t. „Ramensheirai." Theater am Aoliendorfplah. Der junge Baron Hans, ein Schüler des Konservatoriums, liebt Eva, seine Mitschülerin Da aber sein Schwager Unterschlagungen gemacht hat, muß Hans eine Rameneheirat eingehen. Eva begehl einen Selbstmordversuch. Am Krankenbett erklärt Hans ihr dann alles, und sie oersteht und verzeiht. Di« Namensheirat, die nur ein Geschäft war, wird gelöst werden Wenn dieser Film der erste Tonfilm wäre, der gedreht wurde, hätte man mannigfache Entschuldigungsgründe für ihn gehabt. Heute darf man wegen einer technischen Errungenschaft aber doch nicht jedes künstlerische Verantwortungsbewußtsein opfern. Beim Ab- schlußkonzert des Konservatoriums hört man eine musikalische Darbietung nach der anderen. Bei dem anschließenden Fest hört man andauernd eine musizierende Kapelle mit einem Liolinsolo und einem Stimmungssänger als Einlage. Und diese musikalischen Dauervor- träge laufen als völlig reizlose Bilder ab. Es gibt keine Bewegung, es gibt keinen wechselnden Hintergrund, selbst Flugzeuge werden nur benutzt, um in kindlich naiver Freud« am Tonsilm Motoren- geräusche mitzuteilen. Lots Weib erstarrte zur Salzsäule, das war ein einmaliger Vorganz. Der Regisseur Heinz Paul aber läßt seine Darsteller immerwährend zur Salzsäule erstarren. Die arme kleine Elevyn Holt ist festgefrorener Madonnenliebreiz, und Walter R i l l a muß sehr oft mit dem Rücken noch dim Zuschauer hin spielen. Kein Schauspieler kommt zu Leistungen, dazu ist der Film zu gründlich verpfuschr. Fox tönende Wochenschau hingegen bringt Reportagen, wie sie sein sollen. Sie sind wertvoll und anschaulich. e. d. Der englische König begrüßt die Londoner Voltsbühne. Zur Eröffnung der Londoner Volksbühne, die nach dem Muster dos New-Bor'ksr Theatre-Guild und der Berliner Volksbühne geführt werden soll und vorerst das Fortune-Theatr« gepachtet hat, war ein Telegramm des englischen Königs eingetrossen, das der Voltsbühne beste» Erfolg wünscht. Der König hat für sich und seine Familie mit Begleitung die Mitgliedschaft eintragen lassen. 3n der Urania findet der nächste FUmvortrag„Seltsame Kinderstube» in der Naiur" ftreilag, L'h IIb'-, im Langenbeck-Virchow-HauS, Luisen- slrahe öS, statt. Redner: Pros W. B e rn d t. Lütmenchr- nit. Zwitiben dem P i s c a t o r- K o l I e kt i» und der Gruvpe Junger Schnuipieler ist eine Jnterefsengemeinichast abgeichlossen worden. Beide Gruppen bereiten jrdt gemeinsam im Wallncr« thcater da? Schauspiel von Friedrich Wolf»Tai Aang erwacht' vor. Die Ge->rge-Dr-!s,-Ausstellung bei Bruno Easstrer, Berlin, ist bis Weib- nachl.n ver ängert worden. Die?lusslkllung ist auch Sonntag? von 12 bis 2 Uhr geöffnet, werktags von 9 bis 6 Uhr, Eonnadends von 9 bis 2 llfir Wieder Prozeß um das Christusbild Zwei Handelsfchulklassen als Zuhörer im Grosz-Prozeß Ovationen für Käthe Oorsch. Deutsches KÜnfilertheater:„Zum Goldenen Anker." Vorweg sei es gesagt: Marcel Pagnols Komödie„Zum Goldenen Anter' war ein großer Erfolg für das Deutsche Künstler- thcater. Die Zuschauer tonnten sich von Käthe Dorsch nicht trennen, die ihnen drei Stunden lang Genuß verschafft hatte. Von dem aus- gezeichneten spiel eines glänzend geführten- Ensembles sind sie ge- fangen genommen. Erst aus dem Heimweg wird ihnen die Tatsache klar, daß auch ein mittelmäßiges Stück einen schönen Theaterabend abgeben kann. Den Inhalt der Komödie bildet-eine Liebesgeschichte, wie sie schon hundertmal gezeichnet ist, nichts Neues und einen Schuß zu sentimental. �Tag für Tag sieht der Sohn des Besitzers einer Hajen- kneipe vom Schenktisch aus die Schisse, die In den Hafen von Mar- setll« einlausen und wieder hinausfahren in die weit« Welt. Da packt ihn die große Sehnsucht in die Ferne. Die gute kleine Fanny versucht olle Künste der liebenden Frau, sie lut gleichgültig und macht ihn eifersüchtig. Dann schlägt sie den Hetratsantrag des alten Kauf- manne aus,, sie denkt nicht an ihren Mädchenitolz, gesteht ihre Liebe und gibt ihm alles hin. auch sich selbst. Aber al» sie merkt, daß die Macht, die ihn in die Ferne zieht, stärker ist als seine Lisi*, da macht sie sich blutenden Herzens schlecht, um ihm den Abschied leichter werden zu lassen. In den ersten Akten merkt man nichts von rührseliger Tragik. in die sich die Komödie zum Schluß verliert Mit leichler Hand zeichnet der Amor das bunte Treiben eines imernationalen Hajens. Unter einem außergewöhnlich großen Andränge von Zuhörern, vorwiegend aus künstlerischen, literarischen und insbesondere juristischen Kreisen, begann heute im Landgericht III der vom Reichs- gcrichl an die B e r u f u n g s i n st a n Z zur nochmaligen Entscheidung zurückgewiesene Prozeß gegen den Kunstmaler George Gros; i und den Verleger Wieland herzselde wegen Beschimpfung der Einrichtungen der christlichen Kirchen. George Grosz hatte im Malik-Verlag eine Kunstmappc verlegt, be- titelt.Hintergründe", die für die Aufführung des„Sergeanten Schwejk" auf der Piscaior-Vühne bestimmt war und die 10 Blätter enthielt. Bon diesen Zeichnungen waren drei unter Anklage gestellt worden. Vom Schöffengericht Charlottenburg waren die beiden Angeklagten tm Dezember 1928 an Stelle von zwei Monaten Gefängnis zu je 2000 Mark verurteilt worden. Das Gericht hatte einen Verstoß gegen 8 166 StGB, in der Zeichnung„C h r i st u s m i t d e r G'a s. m a s k e" erblickt, aber wegen der beiden anderen Zeichnungen auf Freisprechung erkannt. Die neue Verhandlung war bereits im Oktober angesetzt gewesen, wurde aber bald nach Eröffnung vertagt. da das Gericht beschlossen hatte, Sachverständige zu hören, die von der evangelischen und katholischen Kirche benannt werden sollten. Dag ist inzwischen geschehen. Zu der heutigen Ver- Handlung waren acht Sachverständige geladen.(Der Verhandlung wohnten auch als Zuhörerschaft zwei Handklsschul- ? l a s s e n bei, die auf der Galerie untergebracht waren.) Neben dem Reichs kunstwart Dr. Redslob, der schon m den beiden früheren Verhandlungen als SachoerstSnoiger mitgewirkt hatte, war vom Gericht noch der Umversitätsprofesior Dr. K a h l, M. d. R., geladen. Als Vertreter der evangelischen Kirche war vom Evangelischen Ober» kirchenrat Pastor S chr e i n e r- Spandau vom Johanniestist in Plötzensee benannt worden, vom Katholischen Episkopat Univcrsitäts- Professor Dr. Wagner- Breslau. Von der Verteidigung waren Sachverständige aus pazifistischen Kreise» geladen und erschienen, und zwar Pfarrer Bleier von der Trinilalisknche in Berlin, Schriststeller Walter Dirks van der katholischen Rhein-Viainischen Volkszeitung. Ingenieur Dr. Albre cht-Hamburg als Vertreter der deutschen Quäkergemeinde, sowie Gras Harry Keßler, der aber bei der Eröffnung noch nicht erschienen war. Nach der Verlesung dieser Urteile gab Landgerichtsdirektor S i e g e r t als Vorsitzender der Strafkammer, die außer ihm mit Lavdgerichesrat Graßke, Gerichteassessor Arndt, einem Dachdecker- meister und einem Arbeiter als Schössen besetzt ist, einige Erläute- rungen zu dem Reichsgerichtsurteil. Im Gegensatz zur bisherigen Rcchtsansicht habe da- Reichsgericht zum erstenmal festgestellt, daß eine Gotteslästerung auch in bildlicher Darstellung erfolgen könne und daß daher geprüft werden müsse, ob in dem Christusbild eine Gotteslästerung zu finden sei. Die Anklage und der Eröffnunosbeschluß hätten in dem Christusbild mit der Gas- niaske nur eine Beschimpfung kirchlicher Einrichtunoen erblickt. Das Reii�sgericbt hätte weiterhin den Gedanken der Beschimpfung und die Möglichkeit einer groben Form der Beschimpfung in weiterem Rabmen betrachtet als das Landgericht, das diese beiden Tatbestands' merkmal« zugunsten der Kunst erheblich eingeschränkt hatte. M't R'-ckstcht auf diese veränderten Rechltsausfassungen sei das Urteil auf- gehoben worden, obgleich ausdrücklich anerkannt wird, daß der innere Tatbestand, ob G-osz sich bei seiner Veröffentlichung irgendeiner Bc- schimpsung oder Lästerung bewußt gewesen sei, derselbe bliebe. Der Vertreter der Anklage, Staatsanwallschastsrat Stenig, beton!-, daß der Strafkammer nicht eine Kritik des Reichsgerichts zustehe, und vertrat die Ansicht, daß diese Strafkammer der jetzigen Verhandlung die rn dem Urteil ausgesprochenen Grundsätze des Reichsgerichts zu- gründe legen müsse. Nach diesen Rechiserörterungen schilderte der Angeklagte George Grosz die Entwicklung seines Lebens und gab in kurzen Worten an, wie er durch seine düsteren Kriegs- und Großstadterleb- niss« schließlich dazu gekommen sei, sein zeichnerisches Talent nicht im üblichen Sinne der Kunst zu gebrauchen, sondern damit gegen die Mißstände der Außenwelt zu protestieren. Das neue Panama. Votschafler und Staatssekretäre helfen Oustric. Paris, 3. Dezember.(Eigenbericht.) Die Untersuchungskommifston im Oustric-Skandal soll bei der Prüfung der Akten über die Zulassung der Snio-Viscose-Altien zur Pariser Börse gefunden haben, daß Oirstric eine Reihe p a r l a m e n- t a r i s ch e r und diplomatischer Unterstützungen ge- funden hat. Der damalige französische Botschafter in Rom. der radi- knie Senator B e s n a r d, soll sich überaus zustimmend ausge- sprachen und den Unterstaatssekretär Vi dal im Poincarö-Kabinett des Bloc National durch dringendes Schreiben erklärt haben, er selbst habe jetzt alles getan um Oustric gefällig zu sein, nun müsse Vidal das seinige in Paris tun. Weiter soll seslgcstellt worden sein, daß der radikale Abg. Hesse dem Bankier als Referent gedient hat. Hess« protestiert in einem Schreiben an die Untersuchungskom- Mission aufs entschiedenste gegen diese Behauptung, die„ein glatter Betrug" sei. Nach dem ersten Bericht der gerichtlichen Sachverständigen über die Buchhaltung der Oustric-Bcmk soll das Defizit der zusammen- gebrochenen Bank sich aus 1,27 Milliarden Franken belausen; jedoch könne Oustric entgegen der Klage der Kulissensynditat« keineswegs der künstlichenHaussemanöverbeschul- digt werden können. In der Hausseperiode, namentlich bei den Akticn-Extensionen, habe Oustric, laut seiner Buchhaltung, mehr Aktien verkauft als gekaust. Di«„Verlustliste" der zusammengebrochenen Prooinzbanken um- faßt zwei neue Namen: die Privatbant Prost in Louhans im Iura und die Bank Eommercial in Douaix. Litauische Lockspitzelei. Sogar vom Kriegsgericht bescheinigt. Sowno, 3. Dezember.(Eigenbericht.) Vor dem Kriegsgericht in Ponewesch standen sieben sozialdemo- kratische Arbeiter unter der Anklage, eine Geheimoerbindung gc- bildet und terroristisch« Anschläge vorbereitet zu haben;«s sollen bei ihnen Bomben und andere Sprengstoffe gefunden worden sein. Das Ergebnis war Freisprechung, wobei das Kriegsgericht in seiner Urteilsbegründung für erwiesen annahm, daß die ganze Afsärc nur von Spitzeln inszeniert worden ist, die den Ange- klagten die Sprengstosse untergeschoben haben. Dieses Urteil erregt größ-res Aussehen, weil im Gegensatz zu den ordentlicher Gerichten die Kriegsgerichte bisher noch niemals irgend»" auf die Frag« der Spitzeltätigkeit eingegangen sind. Stockung bei den Arbeitsämtern Es fehlt an ausreichendem Personal Wenn die Verhältnisse ans den Berliner Arbeitsnachweisen msolge des fortwährenden Steigens der Arbeitslosenzahlen von Tag zu Tag unhaltbarer werden, so sind die Zustände aus den Dienststellen der Arbeitslosenversicherung seht schon geradezu katastrophal. Die Meßzahl für die Arbeitsleistung der Vcrsicherungsangestcllten wurde im März auf ISll festgesetzt, das heißt, es wurde für je 150 Unter st ützte eine Arbeitskraft bewilligt. Schon damals wurde von den Angestellten gegen diese Meßzahl p r o t e st i e r t, weil sie es rein physisch für unmöglich hielten, eine solche Arbeitsleistung zu vollbringen. Alle Proteste der An> gestellten blieben jedoch fruchtlos. Die Verordnung über die Krisenfürsorge sowie der Erlaß über Personcntreis und Dauer der Kriscnfürsorge vom 11. Oktober 1930 legte den Versicherungsangestellten eine erheb- liche fortlaufende Mehrarbeit auf. Sie müssen die Einkom mensunterlagen der Arbeitslosen genau prüfen, um die gesetzlich vorgeschriebene Bedürftigkeit der Antragsteller fest- stellen zu können. Zu diesem Zweck sind oftmals schriftlich« oder mündliche Nachfragen bei Behörden oder anderen amt- lichen Stellen notwendig. Hinzu kommt die vermehrte A u s- stellung von Bescheinigungen für die Wohlfahrts- ämter usw. und schließlich die Mehrarbeit, die sich jetzt aus der Durchführung der Verordnung über die beruf s- übliche Arbeitslosigkeit ergibt. Die Folge dieser Mehrbelastung mit Arbeit ist. daß die Arbeitslosen stundenlang in den überfüllten und wenig einladenden Räumen der Arbeitslosenversicherung warten müssen. Die Arbeitslosen machen ihrer berechtigten Erregung darüber natürlich gegen die Ange st eilten Luft. Zur reibungsloseren Abwicklung des Geschäftsganges tragen diese Wutausbrüche der ge- plagten Arbeitslosen selbstverständlich nicht bei. Um die Mehr- arbeit zu bewältigen, wurden vor einiger Zeit bei den Berliner Arbeitsämtern einige Hilfskräfte eingestellt, die aber a m 2 9. November wieder entlassen worden sind, obwohl die Mehrarbeit nicht aufgehört hat. Die Betriebsvertretung des Arbeitsamts Mitte hat des- halb an den Präsidenten des Landesarbeitsamts ein Schreiben gerichtet, in dem sie dringend um die Bewilligung von Ersatzkräften nachsucht, damit noch in letzter Stunde eine Katastrophe auf den Dienstellen der Arbeitslosenversicherung ver- mieden wird. Wie berechtigt das Verlangen des Betriebsrates ist, zeigte die Versammlung der Bersicherungeangestellten und Prüfer des Arbeitsamtes Mitte am Dienstag im Gewerkschaftshaus. An reichem Tatsachenmaterial wurde in dieser Versammlung einwandfrei nachgewiesen, daß es den Dersicherungsangestcllten einfach nicht mehr möglich ist. den an sie gestellten Arbeiksanforderungen gerecht zu werden, wenn sie ohne Hilfskräfte bleiben. Es ist zu erwarten, daß das Landesarbeitsamt nicht nur dem Ersuchen des Betriebs- rats des Arbeitsamts Mitte entspricht, sondern auch die Ver- sicherungsstellen der übrigen Arbeitsämter durch Hilfskräfte� ent- lastet, bei denen die gleichen skandalösen Zustände herrschen. Bergarbeiter gegen Orangsalierung. Aoch größerer Lohnabbau führt zur Katastrophe. Bochum, 3. Dezember. Der Bergbauindustriearbeiteroerband nahm am Dienstag zur Lage im Ruhrbergbau Stellung. Zur A r- beitszeitfrage wurde erklärt, daß die Verbindlichkeits- erklärung des Schiedsspruches durch den Reichsarbeitsminister unter der Arbeiterschaft große Empörung ausgelöst habe. Diese Arbcitszeitregeluirg müsse man als einen unsozialen Gewalt- frieden zu Lasten der Bergarbeiter bezeichnen. Zur Kündigung des Lohntarifes durch den Zechen- verband wurde zum Ausdruck gebracht, daß die allgemein im Gange befindliche L o h n a b b a u o f f e n s i o e, auf den Ruhrbergbau über- tragen, zu den schwersten Unruhen führen müsse. Obwohl die Bergarbeiter die schwerste und gefahrvollste Berufs- arbeit verrichteten, stehe ihr Lohntarif weit hinter dem vieler anderer Berufsgruppen zurück. Durch die 8,7 Millionen Feierschichten in den ersten zehn Monaten dieses Jahres haben die Ruhrbergleute ohnedies eine Lohneinbuße von 78,5 Millionen Mark hinnehmen müssen. Durch die Maslenentlassungen ist außerdem im gleichen Zeltraum ein Lohnausfall von SS Millionen Mark im Ruhrbeczbau entstanden. Solange ein fühlbarer Preisabbau nicht eingetreten sei, müßten sich die Ruhrbergleute einer Lohnsenkung mit allen Kräften widersetzen. Mit besonderem Nackdruck wurde betont, daß, falls der Reichsarbeitsmini st er in der Lohnfrage den Unternehmern das gleiche Entgegenkommen wie bei der Arbeitszeitregelung zeigen werde, di» Bergarbeitervertreter die Verantwortung für die weiteren Geschehnisie im Ruhrbergbau ablehnen müßten. Die Offensive gegen die Löhne. Solingen, Z. Dezember.(Eigenbericht.) Der Arbeitgeberverband für die M e t a l l i n d u st r i e des unteren Landkreises Sollngen hat den Gewerkschaften zum 31. Januar da» Lohnabkommen gekündigt. Bochum. Z. Dezember.(Eigenbericht.) Der Schiedsspruch für die westdeutsche Kanal- s ch i s f a h r t wurde von den Gewerkschaften abgelehnt. Die Unternehmer nahmen den Schiedsspruch an und beantragten seine Verblndlichkeitserklärung._ Die Kleinbahnen rollen auch. Zehn Pfennig weniger lohn je Stunde. Köln, 3. Dezember.(Eigenbericht.) Nachdem der Arbeitgeberoerband der rheinisch-westfälischen Straßenbahnen einen Schiedsspruch mit einem Lohnabbau von V P r o z. ab 1. Januar erzielte, blieben auch die anderen Bahnen im Rheinland nicht zurück. Bisher haben das Lohnabkommen gekündigt die Mühl- heimer Kleinbahnen A.-G in Köln-Muhlheim, Koblenzer Straßenbahnen, Rheinische Bahngesell- f ch a f t Düsieidorf und Köln-Bonner Eisenbahnen. Don der Direktion der Köln-Bonner Eisenbahnen sind den Gewerkschaften bereits die Forderungen eingereicht worden. Di« Direktion will den Lohn um 10 Pfennig je Stunde abbauen. In diesen Lohnkämpfen wird der Gesamtverband noch ein Wort mitreden._ Oer Giraßenbahnerstreik in Chemnitz. Von 1900 Mann streiken noch 210. Chemnitz. 3. Dezember. Die kommunistische Aktion gegen die Städtische Straßenbahn ist so ziemlich verpufft. Die Direktion will die angekündigten Entlassungen durchführen, doch soll heute nachmittag vor dem Tarisamt mit den Gewerkschaften verhandelt werden. Macdonald gretst ein. Oer Vergarbeiterstreik in Schottland. London. 3. Dezember. Der Präsident der Bergarbeiteroereinigung. Cook, erklärte am Dienstag, Schottland könne in seinem Kampfe nicht allein gelassen werden. Die Bertreterversammlung am Donnerstag werde zu entscheiden haben, ob man Schottland die Erlaubnis zum Abschluß eines Abkommens über di« Verteilung von 90 Arbeitsstunden über 14 Tage geben wolle oder ob der 71-t-Stunden-Tag streng durchgeführt werden solle, wozu unter Umständen«in Sym- pathiestreik notwendig machen würde. Nach seiner Ansicht bedürfe es hierzu der Abstimmung aller Bergleute Am heutigen Mittwoch wird der Ministerpräsident die Vertreter der Vergarbeiler empfangen. Daß Macdonald persönlich eingreift, deutet auf den Ernst der Lage hin. In Schottland werden bereits Versuche gemacht, den Streik auszudehnen. Die letzte Vertreteroersammlung der Bergarbeiter hat sich bekanntlich gegen alle Abmachungen ausze- sprochen, die sich auf die Verteilung von 90 Arbeitsstunden auf 14 Tag« bezogen. Eine solch« Abmachung war auf konserva- tioen Antrag in das neue Bergwerksgesetz hineingearbeitet worden. Konflikt beim Amtsgericht Berlin-Mitte Wie erinnerlich, entschied kürzlich das Arbeitsgericht in einer Klage des Angestelltenrats des Amtsgerichts Berlin-Mitte. daß der Angestelllenrat auch nach Dienstschluh diejenigen Räume des Amtsgerichts betreten dürfe, in denen noch gearbeitst wird. Auf die Rechtsbeschwerde des preußischen Justizfiskus hat jetzt das Landesarbeitsgericht jenen Beschluß dahin ein- geschränkt, daß dem Angestelltenrat das Betreten derjenigen Räume nach Dienstschluß nicht gestattet zu werden braucht, in denen be- stimmungsgemäß nur Beamte arbeiten Das- Landesarbeitsgericht folgt zwar der Auffasiung des Fiskus dahin, daß ß 71 des Betriebsrätegesetzes nicht unmittelbar bei dem Angestelltenrat Anwendung findet, sondern nur bei dem Be- t r i e b s r a t. Es folgert aber aus den im 8 78 des Betriebsräte- gesetzes dem Anoestelltenrat allgemein gestellten Aufgaben, daß'hm nicht diejenigen Mittel und Wege versperrt werden könnten, die ihn instand setzen, diese Aufgaben zu erfüllen. Zu diesen Mitteln und Wegen gehöre nach der Bestimmung des Landesarbeitsgerichts das Recht des Angestelltenrats, nötigenfalls auch noch Räume zu be- treten, in denen er dienstlich nichts zu tun hat. Gewerkfichafiserfolg bei der Oreeöner Dank. Bürgelliche zmüc gedrängt.— 3rEO gle ch Null. Im Zeichen des s ch ä r f �t e n Kampfes der Organisation stand gestern die Betriebsratswahl in der Zentrale der Dresdner Bank. Obwohl die Zahl der Wahlberechtigten infolge des Personalabbaues gegenüber dem Borjahr von 3017 auf 2880 gesunken war, vermochte der freigewerkschaftliche Allgemeine Verband seine Stimmenzahl gegenüber dem Borjahr um 67 auf 1210 zu st e i g e r n. während der Deutsche Bankbeamtenverein nur 518 Stimmen erhielt, also einen Verlust von 96 Stimmen erlitten hat. Dementsprechend verlor der DBB. im Betriebsrat und im Angestelltenrat je einen Sitz, die der Allgemeine Verband gewann. Die Sitzoerteilung im Betriebsrat ist die folgende: es erhielten AV. 10 Sitze. DBV. 2 Sitze, Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband 2 Sitze, Bereinigung der Oberbeamten 1 Sitz. Damit itt die ausschlaggebende Bedeutung des freigewerkschaftlichen Allgemeinen Verbandes im Betriebe der Dresdner Bank wieder erwiesen. Der Parole der R G O., un- gültige Stimnizettel abzugeben, hoben ganze acht Beschäftigte Folg« geleistet. Bkraniworil. kllr die Redaktion: A-an,«Mh». Berlin: Anzeigen: T».«locke. Berlin. Verlag: BorwSrts Verlag G. m. b. S.. Berlin. Bruck: Vorwärls Buch» druckerei und Berlagsanftalt Paul Singer& Co Berlin SW KS. LindcnRraKe 3. Hierzu I Beilage. Mittwoch, 3. 12 Staats-Gper Unter d. Linden 94. A.-V. 19 Uhr Tannttöuser (Parinr Fastnig) Ende g. 223..Uhr Mittwoch, 3. 12 Stadt. Oper Bisrnarckstr. Turnus III >9>e Uhr Petieinloditning; tu: tei ii. iretei Ktninlidicrt Die Puppen.ee Ende 22-- Lhr Staats-oper Im Plati dir flignUiT. V.-B. 30 Uhr Hans Hsiliaj Oitlnll. Kirtmeitol Ende g. 23 Uhr Staatl. Schaasph. lim Cndunnmartt). 81. A-V. 20 Uhr Wilhelm Teil Ende 22%'Uhr Staati.Scüillet'Tlieater.Qiantlig 20 Uhr NORA. Ende nach 22�. Uhr ToiKstHUine Thnln an BBIe«alati. 8 Uhr Die Matrosen von caltaro Staatsoper AmPl.d Republik 8 Uhr Hans Helling itaatüdiilttr-Tli. 8 Uhr Nora Treaier am tcr.i rDauerdamm »Vi Uh- Die Quadratur des Kreises Ptscator-SQIine (Wallner- Theater) Alex. 4592-03. 8''. 1 äfllich"Vi Mond von liiiks 'reise 0.50-6.00 M. WM! iseam 8 Uhr Elisabeth von England von Fern Enickner Rigii; Rein Hilpert Kammerspiele n-, Uh" Neu einstudiert Oer Diener zweier Herren von Carlo Loldoni lerit: Mn ReinM Öle Komödie S1/* Lhr Oer Schwierige in Kdje vra liitmaiDSIha F.tgle: Mn Rilnhardt. fheatiiii.Weüeos Täglich-Vi Sensationeller Operettenerfolg Viktoria undihrHusar scata Tägl. 5 u. 81;, Uhr. KS Barb. 9238 Tägl. 1— 6 M.— Nachm. halbe Preise. OrloiDal 3 Fralelllni, Dlgalanos Paul Kirklanü usv. PLAZA Tlgi. 6 B. 815 Sonnt. 2,Sti. 9n-Nachmlt:««(: Tob 3« Pf. hie X.BS Mark. Garderobe and Programm Je I OPf.tKa«-ee m.Koehea 2SPf. uh« CASINO-THEATER Lothringer Strohe 37 Neu! Nem Derheoldie Lebemann Duo da« grobe Festprogramm Für die Leser; j Gutschein 1—4 Pers. Fauieuil!.2Z M. t Sessel 1.75 M.— Sonstiee Preise I Rang 00, Parkett 75 Pfg. «BF- iSe&iertRai Singspiel in vielen Bildorn. | Cum, Splrn, Hanacn. Lleske, XTallborg, Arno. Janknhn, Panl Hvrbtgrr. I.ona. Sehaeflera, Wlnhclatern. Rolls, Desnl, Stark- Ctstettenbaucr. 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Hirtini Komische oper 8'.- Uhr Flamme von Hans Müller mit Christi Storm Täglich 3«-- Uhi tchnsewlt Glien und d e 7 Zwerge .usupiemaus Kurt Götz Täglich S'ii Uhi Meto v Hen y Bernstein iffstropoMbeatei Heute 7>.i Uhi Lei irpremiere Schön Ist die Weit RiAanlTiiilttr, Gitta Mpar. ZMiamIsrl. Inserieren bringt Erto m Kleines fheat. Täglich 8>«t Uhi DugroBe Lnslspieleriolgl Nax Adalbert in Oer mann, der schweigt eiiie-Sängei Kottbusser Str. 6 F. 8. Oberb. 6070 Tägl. 81/, U.. auch Sonntag und 3 Feiertag Z>, Uhi Wei nadits- firoBes VtlBnediti- lesisplel lignt. Il-l, Undt. ahf uOudBki Rose- Iheater Br.FranMiirerSir.!32 Tel. Alex 3422 u. 3494 5 Uhr Peterchens Mondfahri 8 15 Uhr: Der Diener zweierHerren Die schöne Galathee Erster Klasse Barnowsky-Site Tbeaier in der Slresemannstt, tele.Sbl, Stg. 8r«ll Wie es euch getaut Donn,. FreitazB'.ülir: Slorm im Wasserpias Komödienhaus 8»;< Uhr: Konto X Berliner Fahnenfabrik Fischer« Co.. 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Jetzt sitz« ich wieder am Steuer und das Glück ist mir hold: die Straße ist wieder einigermaßen mit größeren Geschwindigkeiten fahrbar, freilich nur um den Preis fortwährenden Hüpfens über unzählige kleine Löcher. Ein Jagderlebnis. Auf einer geraden Strecke hatte ich ein eigenartiges Ja gd- c r l e b n i s. Ab und zu tauchten im Lichte der Scheinwerfer Hosen auf, freilich nur vereinzelt und bei weitem nicht so zahl- reich wie z. B. im südöstlichen Teil der Mark Brandenburg, wo ich in einer nächtlichen Herbstfahrt während des Wahlkampfes Hun- derten solcher Tiere und sogar mehreren Rehen begegnet war. Ein- nial lief so ein Hase dauernd vor dem Wagen und fand den Weg aus dem Scheinwerferlicht nicht mehr heraus. In meinem englischen Beglei.er wachten atavistische Sportinstinkte auf:„Kill him!"„Töten Sie ihn!" rief er aus. Ich hatte aber die Absicht, dem Hasen auszuweichen, im selben Augenblick hörte ich aber unter dem Wagen einen dumpfen Knall: das Tier war zwar nicht überfahren, wohl aber angefahren worden und bei der großen Geschwindigkeit zweifellos auf der Stelle getötet worden. Ich überlegt« kurz, zog die Bremse an, hiell und stieg aus, um nnt der Taschenlampe das Opfer zu suchen. Während ich in der Duntelheit den Weg zu Fuß bis zur vermeintlichen Stelle zurück, legte, sauste aus der entgegengesetzten Richtung ein tschechischer Kraftwagen heran. Mit seinen starken Scheinwerfern ent- deckte der Chauffeur vor mir den toten Hasen, stoppte, stieg aus, hob das Tier auf und raste in Richtung Tabor davon! So endete kläglich mein erster schüchterner Versuch, mich als Wilderer zu betätigen. In W i t t i n g a u las Ich zum erstenmal ein Schild, das unser Endziel auswies:„Videni, 167 Kilometer."„Nach Wien." Und was sind 167 Kilometer für einen kräftigen Buick-Wagen? Drei- einhalb Stunden höchstens, nicht wahr? Etwa die Entfernung Halle— Berlin. Es war zwar schon 8 Uhr abends geworden, aber das Schild ließ uns alle Müdigkeit vergessen. Allein mit dem abendlichen Besuch bei der„Arbeiterzeitung" würde es wohl doch nichtä mehr werden. Und wieder eine Grenze! Durch dichte, hohe Wälder, deren Pracht inan freilich nur ahnen konnte, führte die Chaussee aveiter. Jetzt prasseln die ersten Regentropfen seit Berlin gegen die Windschutzscheibe— und beide sprechen zugleich denselben Gedanken aus: Ein Glück, daß es auf der Strecke Prag— Tabor trocken war, wie wir sonst durch- gekönimen wären, ist kaum auszudenken. Im selben Augenblick taucht unvermutet im Lichte der Scheinwerfer ein rotweißer Pfahl auf:„Republik Oesterreich". Mitten im Walde stoppen wir vor den beiden Zollämtern von Neu-Nagelberg bei Gmünd. Niederösterreichische Mundart gestal.et die Eintritts- formalitäten sofort gemütlicher. Auf die Frage, ob der englische Führerschein ebenso wie in der Tschechoslowakei auch in Oesterreich genüge, antwortet der Beamte mit einer generösen Geste:„Eigent- lich nicht, ober wer fragt schon bei uns danach!" Wir erkundigen uns nach der Beschaffenheit der Straße nach Wien:„Bis Horn, na, so ungefähr wie in der Tschechoslowakei— dann wird's besser." Als wir das Zollhaus verlassen, gießt es in Strömen, und dieser Regen wird uns bis Wien nicht mehr verlassen. Im ersten Städtchen S ch r e m b s stillen wir im Gaschaus unseren Hunger, während am Stammtisch die Honoratioren Politik trelben und die Vorzüge von Schober, Starhemberg und S« i p e l ab- wagen. Wir sind eben in das falsche Wirtshaus geraten. Weiter! Di« Straße wird zum Morast. Je weiter die Strecke, desto schlimmer. Jeder Versuch, die Geschwindigkeir vor- übergehend zu erhöhen, wird durch«in furchtbares Schleudern im unrechten Augenblick schwer bestraft. Die Durchlchnlttsge- schwind i gleit sinkt allmählich auf 3 0, auf 20 Kilometer. Aus den Pfützen spritzt das Wasser rechts und links zwei Meter hoch, Ein ständiger Kampf der Muskeln mit dem rebellierenden Steuerrad, um den Wagen aus den tiefen Flirchen zu befreien. Nach IVi Stunden löst mich mein Freund ab. Es gießt immer stärker. Endlich iini',412 Uhr nachts erreichen wir Horn, wo die verheißene„bessere" Straße beginnen soll. In einem Wirtshaus herrscht noch reges Treiben. Der Laustprecher überträgt tadellose Tanzmusik vom Wiener Sender. Noch 80 Kilometer bis Wien. Wir überlegen: sollen wir nicht lieber doch hier über- nachten? Aber wir haben es uns in den Kopf gesetzt, noch heute — soweit dieser Ausdruck um diese mitternächtliche Stund« am Platze ist— in Oesterreichs Haup stadt einzutreffen. Also los! Die Straße wird in der Tat wesentlich besser. Freilich ist an wirtliches Tempo nicht zu denken. Aber man braucht nicht mehr dauernd mit dem Steuer zu ringen. Gegen 2 Uhr nachts erreichen wir S t o ck e r a u, einstmals der Sitz des feudalsten t. u. k. Ka- vallerieregiments. Wie» um 3 Uhr nachts. Hier erleben wir ein Wunder: die Straß« wird doppelt so breit. Teerasphalt bedeckt sie, so sauber, so elastisch, daß man zu träumen glaubt: die rein st e Avusbahn! Uns auch die zahlreichen Gemüsewagen, Sie sie um diese Stund« de- Völkern, um die Erzeugnisse der Bauern nach der Wiener Markt- Halle zu bringen, sind beleuchtet. Wir nähern u rs halt wieder der Kultur. K o r n e u b u r g. wo die Heimwehrführer kürzlich ihren verfassungswidrigen Eid schwören ließen, wird durchrast, im Süden zeichnet sich der' Komm der Kah'enberggruppe in dem leuchtenden Himmel des nächtlichen Wien heraus...Gemeinde Wien" -ei« ein Schild am Wege, das mein Freund, nach englischer DKofilt« da wichtig«» Anlässen, mit doppelte« kurzen Hupen- signal begrüßt. Es ist zwar erst F l o r i d s d o r s, der XXI. Wiener Bezirk, der einzige Bezirk auf dem linken Donauuser, init der großen Lokomotio- und Wagenfabrik Dann die breite Donau- brücke und wir sind im II. Bezirk, in der Leopoldstadt, dem e i n st i° gen Wiener Ghetto, das noch heute diese ursprüngliche Be- stimmung aus den ersten Blick verrät. Freilich nicht um M>3 Uhr nachts, wo alles schläft. Am Opernring und in der Kärthnerstraße letzte, traurige Spuren vom Nachtleben. Gruppen von Straßen- dirnen oerlassen mit Kavalieren, oder meist auch ohne, die schließen- den Tanzdielen. Der Wagen wird in einer Garage, die sich im Hos des Ministeriums für soziale Fürsorge etabliert hat, unter- gebracht.„Ich denke," meint mit echt englischem Sarkasmus mein Freund,„daß wir heute nacht nicht mehr de» Genossen in der „Arbeiterzeitung" unsereü Besuch abstatten." Um diese Zeit prüfen wohl die Zensoren Vangoins und Swrhembergs die ersten Exemplare der gedruckten Blätwr nach „beschlagnohmewürdigen" Stellen. (Ein Schlußaufsatz folgt.) IIA LANDE DES EISENS DAS LEBEN DES ARBEITERS IN LUXEMBURG Wie lebt der Arbeiter im französisch-luxemburgischen Industrie- gebiet? Die Antwort auf diese Frage ist schwieriger, als es zunächst scheinen mag. Denn es handelt sich nicht nur um das Verhältnis der Löhne zu den Lebenshaltungskosten. Je nachdem, ob es sich um einheimische oder ausländische, um oerheiratete oder ledige oder um verheiratete ausländische Arbei.cr handelt, die ihre Familie in der Heimat zurückgelasien haben, sind die Lebenshaltungskosten, ja, auch die Löhne verschieden. Man muß das System der Industriellen begreifen, um auch diese Unterschiede zu verstehen. Die Industriellen haben das Bestreben, dem schreienden Arbeitermangel durch A n s i e d l u n g zugezogener verheirateter Arbeiter abzuhelfen. Daher werden die verheirateten Arbeiter begünstigt.- Die Wohnung. Zunächst in der W o h n u n g. Der verheiraiete Arbeiter wohnt in einem Häuschen von durchschnittlich drei bis vier Räumen;«in Raum dient als Küche. In den älteren Siedlungen sind diese Häus- chen kleiner, eins an das andere geklebt, ohne Garten. In den neueren Siedlungen stehen die Häuschen inmitten eines Gärtchens. Sie sind all« mit Wasserleitung und elektrischem Licht versehen. Die Mie.en dieser den Fabriken gehörigen Häuschen betragen zwischen 17 und 4Z.Franken monatlich(2,80 und 7,50 M.), je nachdem, ob es sich um kleine ältere Häuser ohne Garten oder um neue größere Häuser nnt Garten handelt. Die Mieten reichen natürlich nicht aus, um auch nur die Amortisierung der Baukosten zu deck.n, ge- schweige denn eine Rente abzuwerfen. Diese Werkswohnungen sind also ein Teil des Lohnes. Es ist durchaus nicht selten, daß die Frau des verheirateten Arbeiters sich Untermieter hält oder Kostgeher hat. Besonders bei den ausländischen Arbeitern ist das ziemlich häufig, zumal die Für- sorge für die ledigen oder alleinstehenden Arbeiter bei weitem nicht so groß ist wie für die Verheirateten. Wohl fiirdei man auch Ledigenheime, doch sind sie nach Zahl wie nach Qualität ungenügend. Zu den Vorteilen der verbilligten Wohnung kommen noch Vorteile bei der Entlohnung. Im Erzbergwerk, in der Hütte, im Walzwerk wird in Rotten gearbeitet. Außer dem sesten Stunden- lohn gibt es Prämien. Der Anteil des 1. Arbeiters an der Prämie ist größer als der des 2. Arbeiters, der des 2. Arbeiters größer als der des 3. Arbeiters usw. Es wurde mir von Gewerkschaftern glaubhaft versichert, daß ein Rottenführer im Erzbergwerk bis auf 100 Franken(16,50 M.) pro Schicht kommt. An diese bevorzugten, besser bezahlten Posten kommen in erster Linie die oerheirateten Franzosen, in zweiter Linie die verheirateten Ausländer, die dort mit ihrer Familie leben. Rechnet man zu dem höheren Verdienst den Vorteil der geringfügigen Wohnungsmiete und die Möglichkeiten eines Nebeneinkommens, dann wird ohne weiteres klar, daß Löhne wie Lebenshaltungskosten nicht für alle die gleichen sind. Zahlt der Verheiratete für drei bis vier Räume 17 bis 45 Franken monatlich, so mutz der Alleinstehende, wenn er nicht in einem Ledigenheim der Fabrik unterkommt, in einem engen Räume einer elenden Holzbaracke, den er mit einem Kollegen teilt, 30 Franken monatlich zahlen. Will er sich aber den Luxus eines eigenen Zimmers in der Ortschast leisten, so zahlt er dafür— sofern er«ins findet— 80 bis 100 Franken monatlich. Im Ledigenheim der Fabrik allerdings zahlt er nur 15 bis 25 Franken monatlich, und da er in der Regel noch«inen Wohnungszuschuß erhält, der, wie mir in einer großen Fabrik versichert wurde, 30 Franken monatlich beträgt, so wohnt er umsonst, es bleibt'hm sogar noch etwas übrig. Aber diese Ledigenheime sind, wie schon bemerkt, in jeder Beziehung ungenügend. Dazu kommt, daß die dort Wohnen- den so vollkommen unter der Kontrolle der Fabrik stehen, daß viele schon deshalb auf diesen zweifelhaften Vorteil verzichten. Das Realeinkommen. Aus diesen Gründen ist da» Realeinkommen de- Arbeiters sehr verschieden. Der verheira et« ausländisch« Arbeiter im Erzbecken, der s-ine Familie in der Heimat unterhalten muß.>st am schlechtesten dran. Ist er nicht ein Facharbeile, oder ein besonders geschätzter Spezialarbeiter(Angelernter), dann steh er auf der untersten Lohn- stufe mit einem sesten Tagelohn voi. 25 60 bis 27,80 Franken. Mit der Prämie und dem Wohnungszuschuß wird er es auf höchstens 32 Franken prc Ach srundenschicht bringen. Gearbeitet wir! in drei Cchichler. Es kommt aber etwa alle drei Wochen ein, Sonntagsschicht hinzu Das effektiv- Monatscin- kommen dieser untersten Gruppe beträgt etwa 800 Franlen(133 M). Im lo hringischen Kohlenbecken beträgt der Schichtlohn der untersten Gruppe der Uebertagearbeiter 28 Franken, wozu bei Verheirateten noch ein Zuschuß kommt, der pro Tag 1 Franken für Verheiraiete ohne Kinder beträgt, außerdem für das 1. Kind 1,25, für das 2. Kind 1,50 Franken, für das 3. und für jedes weitere Kind 2 Franken pro Tag. Es wird also bewußt eine bevölkerungs- politische Lohnpolitik getrieben, mit dem Ziel, einen im Lande verwurzelten Arbeiternachwuchs z» sch'ism. Das ist die unterste Gruppe. Der Hauer, die oberste Gruppe im Kohlenbergbau, verdient im lochringischen Kohlenbecken im Durchschnitt 46 Franken pro Schicht. Dazu kommen bei Ver» heirateten noch die erwähnten Familienzulagen und die Vergünsti- gung durch die verbilligte Wohnung sowie 120 Zentner Deputat- kohle im Jahr, für die 180 Franken zu zahlen sind. Ein tüchtiger Hauer bringt es bis auf 2000 Franken Lohn im Monat. Doch diesen Lohn erreicht nur ein kleiner Teil der Bergarbeiter. Da die dort beschäftigten Deutschen, wie mir der Sekretär der Sektion von Merlenbach des französischen Bergarbeiterverbandes versicherte, meist erstklassige Hauer sind— sie kommen aus dem Saargebiet, aus dem Rheinland, aus der Eifel—, so gehören die Deutschen zu den bestbezahlten Arbeitern, allerdings auf Grund ihrer Leistungsfähig- teit. Dies« Beobachtung machte ich auch anderwärts. Im Erzbecken sind die Höchstlöhne niedriger als im Kohlen- decken. In den Erzbergwerken dürften sie um 1800 Franlen liegen, in den Hütten um 1400 monatlich. In einer großen Hütte, die über 3000 Arbeiter beschäftigt, wurden mir als Durchschnittslohn 38 Franken(6,30 M.) pro Schicht angegeben. Die Lebensmittelpreise. Die Lebensmittel im französischen Erzbecken sind teuer. Rindfleisch kostet pro Kilo im Durchschnitt 20 Franken, Kalb- fleisch 17,50, Butter 21, Bohnen 5.. Zucker 4,50, Eier(im September) ö bis 10 das Dutzend, Milch 1,20 das Liter, Kartoffeln 80 bis 85 pro Zentner, Brot 2,50, Speck 18, Kaffee 21, Käse 19, Wein 2,75 Franken. Das sind die von der offiziellen Statistik ermittelten Durchschnittspreise für das Departement Meurthe-et-Moselle. Di« sonstigen Verbrauchsgüter sind noch teurer. In dem von der Fabrik Senelle-Maubeuge errichteten Konsumverein in Longwy kosten«in Paar derbe Arbeitsschuhe 165 bis 190 Franken. andere gute Schuhe 180 Franken, ein baunrwollener Arbeitsanzug 60 bis 90 Franken. Diese Preise übersteigen um mindestens 50 Proz. die Preise in Nancy, dem Hauptort des Departements. Im lothringischen Kohlenbecken sind die Lebensmittelpreise cher etwas höher, jedoch die sonstigen Verbrauchsgüter erheblich billiger. Das konnni daher, daß die �Bergarbeiter des Kohlenbeckens nicht so isoliert und außerhalb der übrigen Bevölkerung leben, daß es dort noch etwas anderes als Bergarbeiter gibt und daß diese Berg- arbeitet in ihrer Mehrheit entweder einheimische Arbeiter oder solche, die im Nachbarlande beheiinatet und der Landessprache mächtig sind. Der Bergarbeiter von Merlenbach z. B. kann leicht nach Forbach fahren und sich dort seine Schuhe kaufen, falls der Merlenbacher Schuhhändler ihn gar zu unverschämt übers Ohr haut. Im lothringischen Kohlenbecken ist das Verhältnis der Löhne zu den Lebenshaltungskosten also erträglich, besonders für die besser entlohnten Arbeitergruppen, während die unteren Gruppen kaum auf das Existenzminimum kommen. Das trifft vor allen Dingen auf die Arbeiter zu, die außerhalb der Bergwerke und Fabriken beschäftigt sind und also Prämien nicht erhalten. Während ein un- garischer Erdarbeiter in Merlenbach mir eine Rechnung auf Grund eines Stundenlohnes von 3,50 Franken aufmachte, war die Rech- nung eines polnischen Erdarbeiters in Heuinont bei Longwy kaum ins Gleichgewicht zu bringen. Stundenlohn 3,20, pro Tag also 25,60 Franken. Davon gingen ab 11,25 Franken für Kost,«in Franken für das Logis, 50 Cen.imes für Sozialbeiträge, verbleiben 12,66 Franken, wovon die Familie in der Heimat zu unterhalten war und der Verschleiß der Arbeitskleidung zu decken blieb. Daß unter diesen Umständen weniger als nichts übrig bleibt für K u l tu r a u s g a b e n, fei es auch nur für eine Zeitung oder den Gewerkschaftsbeitrag, von irgendwelchen Vergnügungen nicht zu reden, liegt auf der Hand. Und dies war ein Arbeiter aus Galizien, der elf Jahre in Deutschland gearbeitet hatte, ausgezeichnet deutsch sprach, der über dos ganze Gesicht strahlte, seine Schaufel sollen ließ, um mir die Hand zu schütteln, als er hör!«, wer ich sei. _. J. Steiner.JuIlicn. VON DEN INDIANERN BOLIVIENS Ein Schweizer Arzt, der zur Zeit ein Krankenhaus in Bolivien leitet, hat interessante Beobachtunzen über das Leben der Indianer Boliviens mitgeteilt. Den Begriff der Familie im Sinne der Zivll- ehe kennen die„wilden" Dölkerstämme kaum. Dagegen kommen schon ziemlich häufig kirchliche 2 rouungen vor. Die in die Ehe tretenden Mädchen sind 12— 13 Jahre alt und' bringen alle Jahre «in Kind zur Welt. Die Mutter führt ihren Mädchennamen weiter, während die Kinder den Nomen des Vaters erhalten. Die Geburt der Kinder findet regelmäßig außerhalb des Bettes statt, und zwar in Hockstellung. An der Decke der Hütte wird ein Seil befestigt, damit die Niederkommende einen Halt hat. Schon 24 Stunden nach der Geburt versieht die Mutter ihre Haushaltung wieder. Patho- logische Geburten gehören zu den großen Seltenheiten. Kindbett- sieber ist so gut wie unbekannt. Die Säuglingssterblichkeit ist aller- oinzs sehr groß. Obwohl jeder Indianer täglich 2- bis 3inal badet, ist er doch für hygienische Ratschläge sehr schwer zugänglich. Nach wie vor wird der Nabel des Neugeborene» mit einem alten Tuch« verbunden: als Streupuloer dient sein zerstoßener Ziegelstem. ÜCIezne Hefrachlunefen USÜ. bekommt eine Seele An ihren Zeitungen sollt ihr sie erkennen! Wer die amerikanischen Zeitungen kennt, kennt zum großen Teil die Amerikaner. Bei keinem Bolle kann man so klar den Charakter durch die Zeitungen erkennen, wie bei dem amerikanischen. Und an nichts kann man die große Veränderung, die in den Taschen und damit auch in den Seelen des amerikanischen Spießbürgers in letzter Zeit vorgegangen ist, so klar erkennen, wie an der amerika- Nische,, bürgerlichen Presse. Wer ein amerikanisches Blatt in den Zeiten der goldenen heiligen Prosperity zur chand nahm, dachte sofort: Ihre Sorgen möchte ich haben! E r st e Seite eines New-Aorker Blattes aus jener sorgenlosen Zeit, als auf der Wallstreet noch Gold und Silber floß. Schlagzeil«:„Er hat erfahren, daß seine Frau schwarzen Fleck auf der Schulter hat! Verdacht aus NegerblutI Sie will für Scheidung 5 Millionen Dollar!� Und dann im selben Blatt auf zehnter Seite mit kleinen Buchstaben: „B e r o w e r k S u n g l ü ck in Pittsburg> große Anzahl von Toten". Meldungen solcher Art bekamen früher in USA. zehn Zeilen Platz. Ksep smiling! Das Leben ist schön und wo es nicht schön ist, da soll man nicht hinsehen! Bergwerksunglück— zehn Zeilen... Lia Violetta, die Frau init dem schönsten Rücken Kaliforniens, ihr Bild=- hundert Zeilen. Und heut«? 5iaben die amerikanischen Spießbürger Seelen bekommen?! challo, Mr. Vabbit, seitdem Ihre Aktien fast wertloses Papier geworden sind, seitdem Ihr Konto die galoppierende Schwindsucht bekommen hat, da interessiert Sie auf einmal der schöne Rücken der Lia Violetta herzlich wenig! Wahrhaftig, es scheint, als habe der Spießbürger in USA. auf einmal durch den Riß in der Tasche ein? Seele bekommen! Er und seine Leibblättcr haben entdeckt, daß«s in USA. Menschen gibt, die keine Grapefruit und Cornglakes mit Sahne und hinterher cm anständiges Schnitzel zum ersten Frühstück ver- speisen! Denn—: Auf der ersten Seite eines Babbit-Blattes ist jetzt anstatt des schönen Rückens ein Bild zu sehen, das eine große Gruppe ver- härmter Menschen zeigt, die nicht mal auf einen Boxer warten! Die Unterschrift lautet: „Rew-Vorker Arbeitslose warten auf einen Teller Suppe..." Mr. Babbit ißt zwar sein Schnitzel weiter, aber das Bild liegt auf seinem Frühstückstisch. dl. G. f 02? die DiacbMPell Die ersten photographischen Aufnahmen der Andres- Expedition sind veröffentlicht worden. 33 Jahre lang haben die unentwickelten Filme unter Polarstürmen im Eise des 82. Breitengrades gelegen: ein Wunder, daß sie gesunden wurden, ein Wunder, daß sie entwickelt werden konnten: aber ist es nicht auch ein Wunder, daß diese Ausnahmen überhaupt gemacht wurden? Drei Tage nach dem Aufftieg geht der Ballon der Forscher 18 Breitengrade vor dem ersehnten Endziel aufs Eis nieder. Die Expedition ist damit gescheitert. Es besteht keine Aussicht mehr, als Sieger heimzukehren, aber die größte Aussicht, überhaupt nicht wieder heimzukehren. Der Kampf um den Ruhm der Polbezwingung ist zu der Forscher Ungunsten entschieden. Der Kampf um das nackte Leben beginnt. Und diesen hoffnungslosen Kampf photo graphieren die drei: ihre Not, ihr Elend, ihre Entsagungen, ihre Verzweiflung. Es ist Heroismus, in einem Luftballon in der Richtung zum Pol zu fliegen. Aber es ist der größere Heroismus, feinen Gang in den Tod im Bilde festzuhalten: in einem Bilde, das man niemals selber sehen wird., Für die Nachwelt... wie oft ist das eine Phrase! Man retuschiert in einen Gegenwartswunsch Ewigkeitsperspektwe. Andre«, Strindberg, Fränkel haben in Tagen und Stunden, als die ollerelementarsten Daseinssorgcn ihn«, die Seele abdrückten, als es verflucht nahe lag, einen photographifchen Apparat für ein reichlich überflüssiges Stück Möbel zu halten, wahrhaft für die Nachwelt geknipst. Man sieht die drei durch Eis und Schnee schreiten. Der Himmel ist grau. Alles, was den Namen Heimat verdient, ist unendlich fern. Drei Leben sind oerspielt. Wie mag es in den Herzen der drei aussehen? Trotzdem knipsen sie. Damit wir 33 Jahre später beim Nachmittagskaffee unseren Wissensdrang stillen können. Und unsere Neugier. Und unser Sensationsbedürfnis. Andree, Strindberg, Fränkel-- die größten Altruisten des vorigen Jahrhunderts. II. B. Hinwickeln Es ist nicht wahr, daß wir in einem Jahrhundert der Sachlich- keit leben oder in einem des Kindes oder des Sports. Wahr ist vielmehr, daß wir im Jahrhundert des Einwickelns leben. Das begann mit jenem Tage, an dem alle Halm« auf den deutschen Aeckern, alles Viehzeug auf den deutsche:, Weiden, aller Kohl in den deutsche» Gä�en in ein homerisches Gelächter aus- brachen; an dem ein Professor entdeckt hatte, daß Nahrungsmittel in rohem Zustand förderlicher sind als im gekochten. Die außer- menschliche Natur hatte das nie vergesse» und ergo nicht neu zu entdecke» brauchen, sie war ruhig sitzen geblieben wie im Märchen der Swinigel, und der Haje Menschengeist hatte sich totgelaufen— der Rückkehr in den'schlichteren Berdauungskreislauf der übrigen Säugetier« stand nun nichts mehr im Wege, und die Zeit schien nahe herbeigekommen, da der Mensch wieder sich weiden ließ auf einer grünen Aue und sich führen ließ zum frische» Wasser. Aber der Mensch hat seine Mucken. Der Mensch braucht seine Unterschiede. Ißt er schon dasselbe, was die Tiere nach seiner höflichen Auedrucksweise mir fressen, so macht er es wenigstens anders zurecht, so— wickelt er es eben ein. Jawohl: er wickelt ein. Das ist es. Er fabriziert Schächtelchen, klebt Tütchen, bindet Beutelchen und tut Genießbares und Un- genießbares hinein. Und feine Läden sehen olle aus wie Apvthekep, weil alles Mehl verpackt ist wie Puloer. alles Getränk wie Medizin, alle Marmelade wie Salb«. Es kann einem Apotheker passieren, daß er eine Medizin erst herstellen muß; dem Lebensmitielhändler des 20. Jahrhunderts kann das nicht passieren. Es ist alles dosiert, und es sieht alles aus, als wäre es verordnet: man wagt kaum, es ohne Rezept zu verlangen. Mystische Formeln sind gedruckt, auf Kakao und Nudeln und Haferflocken und Fisch- kouserven, der B i t a m i n g e h a l t ist angegeben- bis auf den Bruchteil des Prozents, und der Chemiker, der dos feststellt, ist gerichtlich vereidigt, damit er sich um Gottes willen in acht nimmt und sich nicht etwa verrechnet. Die Nudeln haben Schächtelchen mit einem koketten Zellophanfensterchen dnn (Zellophan hat man expreß für solche Zwecke erfunden); selbst der Harzer Käse prangt in Staniol und sieht aus wie eine Packung Marzipanpralinen, und die Marzipanpralineu ihrerseits betonen schwungvoll und adelsstolz, daß keine menschliche Hand sie berührt hat... Es steht also wohl zu erwarten, daß die Rahrungsmittel in naher Zukunft ihre Herstellung unter sich abmache» und sich vom Menschen gänzlich emanzipieren werden; dem kann das ja nur recht fein, denn an die Stelle der Pranke des Leuen, vor der er sich längst nicht mehr fürchtet, ist die Hand seines Mitmenschen getreten, die ihm geradezu Grauen einflößt— zumindest, falls sie seine Pralinen berührt. Gewiß: wir haben zurückgefunden zur Natur; aber vorher haben wir sie e i n g e w t ck e l t. Es siehi alles hübscher aus, wenn was drum herum ist, appetitlicher, hygienischer, und das ist recht so; denn die Natur hat Hunger und Gesundheit. aber der Mensch hat Appetit und Hygiene. Frühere Generationen hatten ja auch ihren Sparren oder ihren Fimmel, aber wir haben einen Komplex, vnd haben statt eines Gespusis einen Liebespartner oder gar«n Objekt unserer s e x u- e l l e n Libido; die Verpackung ist neu, ist sehr wissenschaftlich und sehr elegant, Gott sei Dank, und darunter blivt alles bim ollen, ebenfalls Gott sei Dank. Oder...? Oder geht doch eine Gefühls Wandlung jener dinglichen und jener geistigen Wandlung parallel? Hat der Mensch früher eine Seele gehabt, drin die gängigsten, notwendigsten Ge- sichle locker und ausgiebig lagen wie in den Echuttkästen des alten, guten, etwas dumpfig und sehr gemütlich riechenden Kramladens, in dem so gut gewogen wurde, wenn man etwas verlangte? Und hat der Mensch heute eine Psych«, in der alles sparsam dosiert und wohlverpackt ist, alles sauberer und ungemütlicher, alles rationeller und gefühlloser ist— und doch so viel unübersichtlicher, weil die simpelsten Gefühle in dickes Staniol gelegt werden und die scheusten in durchsichtiges Zellophan... Es scheint wohl richtig: der Mensch ist, was er ißt, und es geht ihm wie seinen Nahrungsmitteln: in seinem Lieben, seinem Denken, seinem Handeln ist er zurückgekehrt zur Natur— zugleich aber hat er sich besser eingewickelt, und zugleich läßt er sich besser einwickeln. Und nur zuweilen muß er sich redlich mühen, uin die ata- oistische Sehnsucht totzukriegen nach der leichten Schmuddligkeit des alten Kramladens, wo manchmal eine Kaffeebohne zwischen den Erbsen lag. i. G. H, M. � Buch PransB IHeltring als£Ueraturhifloriker Als die beiden ersten der neun Bände von FranzMeh rings ..Gesammelten Schriften und Aussätzen" legt die Soziologische Verlagsanstalt unter dem Titel„Von Caldero» bis H e i il e" und„Von 5)« b b e l bis G o r k i" seine Beiträge zur Literaturgeschichte vor. Eine Geschichte der deutschen Literatur zu schreiben, war einer der Lieblingsplän« Mehrings. Schwer zu sagen, ob die beiden Bände, die neben der Schrift über Schiller vornehmlich Aussätze aus der„Neuen Zeit" enthalten, das Be- dauern, daß jene Absicht nicht zur Ausführung kam. verstärken oder abschwächen. Im Grunde tun sie beides. Sie machen Lust auf den Genuß, den das geplante, rund und groß angelegte Werk aus der- selben glänzenden Feder geboten hätte, und zugleich liefern sie den Trost, daß wenigstens dieses hier aus der halben Vergessenheit, in die alte Zeitschriften zu versinken pflegen, in die unmittelbarere und gegenwärtigere Wirkiyig des Buches gerettet ward. All diese Arbeiten sind ja auch nicht etwa lose nebeneinander- liegende Bausteine zu einer Literaturgeschichte, sondern derselbe Puls und Impuls belebt sie und bindet sie zu einer Einheit im höheren Sinne. Sie sind wirklich, wie ihr Herausgeber Eduard Fuchs be- tont, gee:gnet, dem Leser„ein ganzes Weltbild zu eröffnen", denn die Methode, mit der Mehring die dichterische Eigenart vieler deutscher und einiger fremder Poeten zu bestimmen unternimmt, ist der historische Materialismus und der Maßstab, den er an die Gebilde der Literatur anlegt, ist die s o z i a l i st i s ch e An- schauung. Womit nicht gesagt ist, daß er für Tendeuzkunst im grobschlächtigen Sinne, die mehr Tendenz als Kunst ist, das geringste übrig hatte; dazu war sein ästhetisches Empfinden zu fein und zu echt.„Politik und Poesie," sagt er einmal,„sind getrennte Gebiete; ihre Grenze» dürfen nicht verwischt werden: gereimte Leitartikel sind immer noch widerlicher als ungereimte." Aber den sozialen Unter- grund einer dichterischen Schöpfung bloßzulegen, einem Roman. Drama oder Epos den inneren gesellschafts- und zeitbedingten Herz- schlag abzulauschen, einem Wert innerhalb der großen Gegensätze des Jahrhunderts seinen Platz anzuweisen, danach strebte er immer und das gelang ihm oft. Daß Mehring noch aus jener alleren Generation des deutschen Bürgertums hervorgegangen war, der die klassische Bildung nicht nur Hautties sah, verraten die beiden Bände aus Schritt und Tritt. Die Klassik lag ihm am meisten, die Romantik blieb chm vielfach stumm, wenn man von ihrem Nachzügler und Ueberwinder Heine absieht, und ein saures Gesicht zog er meist vor der Modern«, deren Helden nach seiner Meinung die Kunst revolutionieren wollten, ohne einem Nachtwächter auf die Hühneraugen zu treien. L e s s i n g, Winckelmann, Herder. Goethe, Schiller— an solchen Köpfen erprobte er seine Kunst der Durchleuchtung am liebsten und erfolgreichsten. Wenn sich in diesen Beiträgen zur Literaturgeschichte all die großen Vorzüge Mehrings entfalten: sein scharfer Blick, sein sicherer Geschmack, sein gesundes Urteil, feine männliche Haltung, seine historische Einfühlungsgabe, seine politische Unerschrockenheit und seine plastische Darstellungskrast, so liest doch auch sie nur der mit Nutzen, der sie kritisch liest. Denn auch ihre Schwächen verleugnen diese Arbellen nicht. Das Instrument der historisch-materialistischen Literaturkritik hatte Mehring selber geschossen und geschliffen: es war noch zu neu und unentwickelt, als daß er es mit voller Meister- schuft hätte führen können. Nicht seine Schuld ist es denn, daß die Anwendung der Methode nicht gar so selten fchematisch und schablonenhaft wirkt, zumal sich nichts so leicht und luftig der wissen- schaftlichen Begriffsbestimmung entzieht als die Blasen, die aus dem gärenden Hirn eines Poeten aufsteigen. Auch sonst zeigen sich Grenzen. Herder ausführlich abzu- handeln, ohne mit einer Silbe zu erwähnen, daß er nicht nur für die geschichtsphilosophische Betrachtung der Deutschen zum Entdecker der Slawen wurde, sondern auch auf Jahrzehnte die stärkste Be- fruchtung des Slawentuins mit deutschem Geist bedeutete, heißt eine ganze Provinz im Lande dieses Vorläufers Hegels übersehen. Und erscheint es nicht als Schrulle, wenn versucht wird, das mann- hafte Eintreten Z o l a s für den unschuldig Verurteilten der Teufels- insel durch den» Zusatz zu verkleinern, er habe es getan„im unbe- wußten Dienst einer Masse, die in ihrer Art nicht minder verrottete Klassenjustiz treibt, als jene Militärjustiz ist, der D r e y f u s zum Opfer fiel". Aber Kenntnis Frankreichs, seiner Geschichte, Literatur und Politik war nicht eben die stärkste Seite im Wesen Mehrings. Hermann �Vendel. JfätsehEcke des„Abend" •uuiiiiinuinniitiiiiiiiiiiuiuufluiuiiiiinmniuiiiiHiiiiminiUiiiiDuiiiiniiuniUiUimMtiiiiumnniumiiiiiiinRiuiiiHnitKintiiinmiiHiimmiHinninmininmnnniujamninuflV Silben-Kreuzworträtsel Waagerecht: 1. Beruf; 3. Monat; 3. opt. Glaskörper: 3. Weltstadt: 8. Geiervogel; S. Bestandteil im Tee; 11 amtl. Bescheinigung; 12. Gelände; 13. Männername; 14. Tierwelt; 13. grch. Stadt; 16. österr. Land; 17. Funteinrichtung: 18. Tonstück für drei Stimmen: 19. Säugetier; 20. Eiscnstist: 21. Kohlenwagen: 22. Lehr- anstalt; 23. Weide; 29. Gebärde; 39. Roman von Zola; 31. Musik- werk.— Senkrecht: 1. Rohrstück; 2. Wachslicht; 3. juristische Person; d.afrik. Bewohner: 3 Baum; 7 da-s. wie Leinewand; 8. Verbraucher- organijationen; 19. Freiheitslied: 23. Reinigungsgerät; 24. Ausstellung; 26. Volksrasse; 27, Wasserweg; 28. Behälter; 29. geistvoller Mensch.— ak. Silbenrätsel Aus den Silben a as bar der bell cham doch de dei di do e e � es ei ei«n en en fe fekt fen flu gen ger g«r grim ha i i i in in in la land le le lei lei lent li U lo lom mi na nach nat nau nau ne ne no nons no pferd pig ra re r« ne ro fe je sei sei si stanz ta ta tai teil ter ter tik tuch ter ti tum zer sind 31 Wörter folgender Bedeutung zu bilden: 1. Biblischer Name; 2. arabisches Gebirge; 3. Wäschestück; 4. weiblicher Vornam«: 5. ein Teil der norditalienischen Tiefebene; 6. Blumen: 7. Stadt in Thüringen; 8 Gewichtsbezeichnung: 9. Neben- fluß der Elbe; 19. Krankheit; 11. Schiffahrtskunde; 1? Natur- beaabuna; 13. weiblicher Vorname: 14. Hausgerät; 13. türkischer Ehrentitel: 16.«ladt in der Provinz Brandenburg; 17.. Zebra; 18. Gemüsepflanze; 19. mürrischer Mensch; 29. Pilzart; 21. Unter- richtsanstalt; 22. Gerichtsperson: 23. Spiel; 24. Besitz: 23. Sagen- Held; 26. Reinigungsmittel: 27. Partner; 23. Abschnitt eines Gerichtsverfahrens: 29 Beleuchtungskörper; 39. Felsenpartie am Rhein; 31 Wirkung.— Die Anfangsbuchstaben und di« Endbuch- staben, von oben nach unten gelesen, nennen«in Zitat«ms Goethes „Torquato Tasio".(ch gilt als ein Buchstabe.) ad. Magisches Quadrat Aus den Buchstaben dieser Figur bilde man vier Wörter, die von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, folgende Bedeutung haben: 1. Bekannter Sozialdemokrat, 2. Ostsceinsel, 3. Werkzeug, 4. Weiblicher Vorname. Scharade Di« 1 im schönen Schweizer Land Ist kür als Stadt gar wohl bekannt, Di« 2 find'st du als Mineral In Wald und Feld und überall: Das Ganze ist beliebt gar sehr Als Schmuckstück und entstammt dem Meer.• (Auslösung der Rätsel nächsten Mittwoch.) Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Lippe; 4. Clan: 8. Idee; 10. Ehe; 11. Mai; 12. Irmina; 14. Tdema; 1«. OfiM;; 17. Ale; 20. Elch; 22. Ase; 24. Liane; 26. Banane; 28. Lee; 30 Cm»; 81. Bert; 32. Lars; 33. Schritt.— Senkrecht: 1. Lima: 2. Iva; 3. Peitsch«; 5. Lea; 6. Ahne; 7. Regen; 9. Irma; 13. Galan; 15. Hella: 18. Eselei; 19. Bebel, 21. China; 23. Laina; 25. Bett; 27. nur. Teures Vergnügen: fahren— heil— Verfahren— Heilverfahren. Silbenrätsel: 1. 3ri#; 2. Nonne; 3 Benzol; 4. Emanuel; 5. Ravenna; 6 Enargik; 7. Zllinois; 8. Tupl; 9. Sagan; 10. Eaprivi; 11. Heine; 12. Arkansas; 13. JagolL—„In Bereitschaft sein ist alles." Magische Figur: 1. Mal: 2. Maler: 3. AI; 4. da; 3. Leder: 6. rar. D iam antra tsel: 1. m; 2 Hai; 3. Neger; 4. Nordpol; 3. Merseburg; 6. Herbert: 7. Taube; 8.?lrm, 9. g.— Die milletste senkrechte Reihe lautet: Magdeburg. Kapselrätsel: Wer Krieg predigt ist des Teufels Feldpater. Wandelrätsel: Kohle, Sohle, Sohlen, Fohlen, fehlen. feilen, Feiler, Feier, Feuer. Schcrzrätsel: Emu, Herbstlager am Flulj Nach dem Wolkenbruch des Sonntags kam am nächsten Tag so stürmisch die Sonne durch, dah das Zelt in einer halben Stund« tnochentrocken war. Jetzt nichts als gepackt und hinaus aus den Seel Die Wellen gingen hoch, der Wind kam spitz von vorn, es war nich' leicht, den schwer beladenen Zweier allein zu regieren. Immer stand das Boot halb quer zur Fahrtrichtung— manchmal si«ht man Hunde und Pserde so seltsam laufen„Querpopo" könnte man dos nennen, aber man nennt es noch etwas deutlicher. Mein Zellnachbar aus der Insel lief mir bald davon; er fuhr einen schlanken Einer, und sein Gepäck war knapp mehr als Taschen« tuch und Frehnops. Es ist sehr peinlich wenn man von vornherein als zweller Sieger im Rennen liegt, und manchmal sagte ich zu mir, wenn der Junge da vorn immer kleiner und kleiner wurde: „Mensch, du wirst alt'" Aber es war nur die sündhost schwere Fracht, bei der auch Tisch, Stuhl und Schreibmaschine nicht fehlen, von einem Dutzend Büchern ganz abgesehen. Ich nehme stets reichlich mll, ich muh mich im Zelt wie zu Haufe suhlen, damit ich mich nachher zu Hause wie im Zelt fühlen kann. Namentlich im Herbst braucht man unterwegs Lesestoff und Arbeitsgerät, die Abende brechen früh herein, die Sonne kommt spät durch, die Nacht ist lang und kann nicht ganz mit verwerflichen Wärmegetränken und schamlosen Brasilzigarren ausgefüllt werden. Vorgestern,«he der d'cke Regen kam, war der See verschleiert gewesen, ein silberner Dunst lag über der welchen Fläch« und oer- steckte die fernen Inseln. Heute war die Luft klar, wie rein ge- waschen,«in bißchen zu klar, schien es mir. die Wälder ganz hinten waren überscharf gezeichnet und schimmerten blau; das sind gute Zeichen zum Dahcimbleiben, wenn man nicht einregnen will. Zwischen den beiden letzten Inseln, die noch zu passieren waren, lag ein Schlepper mit einem Frachtkahn festgefahren: er war ins falsche Fahrwasser geraten, obwohl das bei dieser klaren Sicht fast unmöglich schien. Aus der Brücke stand der Kapitän und rief die Segenswünsche der Hölle auf alles herab, was In seinem Gesichts- kreis lag, auf den See und die Seezeich.m, auf die Wasserbauverwaltung, die Sonne, den Wind, die Inseln, deck Heizer, nur nicht auf seine Frau, die achtern Wäsche aufhing und dazu«in Gesicht machte, dah ich mir schon denken konnte, warum er seine Madam nicht in den Kreis seiner Betrachtungen«inbezog. Als ich um die Inselspitze bog und nichts mehr von den Schiffbrüchigen sah, hörte ich immer noch die wütende Stimme des Schiffers durch die fried- volle Gegend toben. Der Mann hatte einen schweren Zorn im Bauch. Endlich war der See zu Ende, der Fluh fing wieder an. Links an der Mündung stand das herrschaftliche Schloß in Prunk und Pracht mll Blumen und Gartenschirmen und legte Zeugnis ab für die bittere Not der Großgrundbesitzer. Aus einem Fenster im ersten Stock guckte ein Swbenmädchen mit weißem Häubchen heraus und sah niedlich aus. Sie machte Winkewinke und meine Seele freute sich des Anblicks. Am flachen Ufer standen Büsche und Gehölze, die Welt war leer von Menschen und Tieren, nur ein paar Krähen hielten un- sichtbar ihre Singestunde ab und mahnten daran, daß der Winter im Anmarsch war. Hinter einer Biegung wurde die Landschaft wieder afrikanisch, Sträucher und Bäume traten bis ins Wasser, Bilder aus Tropenbüchern kamen ins Gedächtnis, nur der kalte Wind war europäisch und zerstörte wieder die Illusion. Auf der Landzunge vor einer Bucht stand ein Reiher und glitt in die Lüfte, als ich näher kam. Die Sonne stand schräg, obwohl es erst nach- mittag war. Jetzt muh man schon landen zu einer Zeit, wo man sonst an heißen Sommertagen zur Abendfahrt ins Boot stieg. Die Bucht war schön von Hochwald umkränzt, windgeschützt und zur Morgensonne geöffnet. Der Zcltnachbar von der Insel stand bereits da und haute seine Zeltheringe in den Sandboden. So stieg auch ich aus und schlug das Lager auf. Die letzten Löffel Suppe aßen wir im Dunkeln. Der Mond lag tief und segelte gelb über die fernen schwarzen Wälder: Nebel stiegen auf und durchkälteten Zelt und Schlafsack, die ich nicht rechtzeitig geschlossen hatte, aber der glühende Katalytofen wandelte den Frost bald in Behaglichkeit. Wir hockten einträchtig im Zell, obwohl keiner des andern Nam und Art wußte, frönten verbotenen Genüssen in Alkohol und Nikotin, lieblicher Duft aus den Emailletassen umfächelte die Nasen. Dann fachsimpelten wir von wilden Fahrten ouf wilden Gewässern und rutschten, wie es sich für gute Deutsche gehört, zuin Schlug in die Philosophie hinein. Erst gegen Mitternacht beschlossen wir mit über- wältigender Mehrheit, die Welträtsel ungelöst zu lassen, der Nachbar empfahl sich und kroch ins Nebenzelt. Am nächsten Morgen lag wieder Nebel auf der Welt, das andere Ufer war grau verhängt, selten nur drang ein Vogelruf gedämpft durch die watteweiche Stille. Gegen Mittag endlich wurde es klar, wir packten auf und ein und gaben uns den Abschiedsgruß, denn der andere muhte umkehren und heimwärts fahren; ich glitt fluß- abwärt» weiter nach Nordwesten. Jetzt traten die Wälder vom Ufer zurück, das Land lag eben und sumpfig zu beiden Seiten In toten Flußarmen rauschte das Schilf, phantastische Wolken türmten sich gegen Abend auf. Ich spürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen und «ine Unruhe im ganzen Körper und wußte mll einem Male, daß es Sturm geben würde. Ich fühle Sturm immer, ehe das Barometer sich rührt, und habe so schon manche Wette gewonnen. Die Nacht verlief ruhig. Nur in der Morgendämmerung wachte ich auf von fchreckenerregenden schrillen Pfiffen. Es waren aber kein« Flußpiraten, sondern die Haoelfischer. die Netze auslegten und sich so verständigten. Geisterhaft schwankten ihre Laternen durch die dunstige Finsternis. Am Nachmttag, ich trank gerad« Kasse« im Zelt, weil es mir draußen zu kühl war, hörte ich von weitem etwa« wie Donner. Von den Wäldern kam es her. lauter und lauter kam von flußabwärts herangejagt, sern wurde das Wasser dunkel und kräuselt« sich, und schon war es da. was ich am Vortage gefühlt hatte: Der Sturm! Di« kleinen Bäume bogen sich wie Gerten, von den großen krachten die Aeste herab. Die Wellen knallten ans Ufer, und im Zelt gab es ein Klirren und Poltern und ein Durch- einander wie vor der Schöpfung der Welt. So fest das Zelt mll seinen vierzehn Heringen verankert war, die Leinen strass gespannt wie Violinsaiten— es nützte nichts. Die Giebelstangen bogen sich wie«in Schießbogen, die Wände bauschten sich nach innen, so tief, dah sie alles umrissen, den Kasseetisch mit allem Geschirr daraus. Di« aromatische Brühe lief in den Schlafsack, über die Decken: Bücher schwammen Im braunen Trank. Ich lieh klirren, was klirren wollte und stemmte mich gegen die Wand an der Windseite, denn jeden Augenblick drohte die Behausung durch die Luft davonzugehen. Die Leinwand knatterte und krachte unter den böigen Stößen, die Leinen sangen, mit aller Gewalt muhte ich mich gegenstemmen, um nicht mit umgerissen zu werden. So ging das«ine gute halbe Stunde, dann lieh das Wetter nach. Aber am Himmel sagten immer noch die Wolken wie vom wilden Jäger gehetzt. Mit Mühe packte ich ein und fuhr zurück zur Schleuse, die ich am Tag vorher passiert hatte. In der Eile hatte ich das Boot vorderlastig gepackt, aber das machte heut« nichts aus; als ich den Segelschirm ausgespannt hatte, schoß es davon, daß das Wasser über das Vorderschiff und sogar über den hohen Süllrand nur so spritzt«. In fünf Minuten legte ich so eine Strecke zurück, für die ich gestern mit Paddeln fast eine halbe Stunde gebraucht hatte. Schnell war der Geräteschuppen erreicht: der Schleusenverwalter stand bereits da und hielt die Schlüssel in der Hand. Gern bot er Gastfreundschaft für Boot und Zubehör. Eine Stunde später marschierte ich, nur den Rucksack als Gepäck, über die endlosen Wiesen nach der kleinen Stadt fern am Horizont. Dann fauchte die Klein- bahn durch die Landschaft, und am Abend umtoste mich der wirbelnde Verkehr des Potsdamer Platzes. Rurt Siems. 2. Breitcnsträtcr-Karnpfabcnd Das Programm endgültig perfekt Für den am ö. D e z e m b e r im S p o r t p a l a st stattfindenden Boxabend hat der Veranstalter Hans Breitensträter sein Programm nunmehr fest. Im Mittelpunkt des Abends steht die Begegnung zwischen den Halbschwergewichtsmeistern ihres Landes Ernst P i st u l l a- Deutschland und Gustav L i m o u j i n- Belgien. Als Ersatz für den abgesagten Schwergewichtskamps Hein Müller— Iosö Lete hat Breitensträter ein Mittekgewichtstreffen zum Abschluß gebracht. In diesem Kampf, der vieles verspricht, tritt Hans S« i f r i e d° Bochum gegen Poldi S t e i n b a ch- Oesterreich, der In letzter Zeit in aus- kändifchen Ringen eine Serie von Erfolgen zu verzeichnen hatte, an. Nach langer Zeit taucht auch Rudi W a g e n e r- Duisburg wieder einmal in der Metropole aus. Sein Gegner ist der Berliner Egon Stief, der ganz im stillen eine stark oerbesserte Form erreicht haben soll, die gegen Wagner zu berechtigten Hoffnungen Anlah gibt. Der deutsche Leichtgewichtsmeister Walter Heinifch wurde gegen den ins Leichtgewicht übergegangenen Exfedergewichtsmeister Franz D ü b b e r s verpflichtet, während Heinrich T r o l l m a n n mit Reinhard Franz gepaart wurde. Di« Kämpfe beginnen pünkttich um 20.13 Uhr. ft-ablidies Turnen Ein Film vom Schulturnen In der„Kamera" erlebte ein Film seine Uraufführung, der über die Grundlagen einer planvollen Körpererziehung in der Volks- schule berichtet. Der Film wurde hergestellt von der Firma Hubert Schonger, er wurde geschaffen von Schulrat Dr. Iacobi, Naugard, Medizinalrat Professor Dr. Müller, Turnrat Plager, Dozent Dr. Schutte, Turn- und Sportlehrer Wartschow(Stettin) und dem Kameramann Lorenz Paringer. Mit Mühe und peinlicher Sorgfalt wurde ein reiches Material zusainmengetragen, durch das die wissen- schaftliche Grundlage des Turnens vorzüglich herausgearbeitet ist. Gebrochen ist ein für allemal mit dem starren System von Anno •oazumal. Es ist gelungen, ganz andere Formen für den Turn- Unterricht zu finden. Turnen bedeutet fröhlich sein und fröhlich werden. Es soll keine Kraftmeierei getrieben werden: in dem Schwachen müssen die Kinder den Mitstrebenden sehen. Der ein- zelne muh sich verantwortlich fühlen für das Ganze. So wird echtes Gemeinschaftsgefühl großgezogen, das auch bei der richtigen Aus- Nutzung der Kampfspiele(Fußball) nicht verloren geht, sondern ver- stärkt wird. Trickzeichnungen unterrichten auf das genaueste über den Körperbau des Menschen und die Entwicklung der Schüler beiderlei Geschlechts. Aus Grund dieser Kenntnisie kann man die tiefere Bedeutung und den wahren Zweck einer jeden Uebung er- fassen. Das ist lehrreich für Pädagogen und des Aufmerkens wert für jeden Laien. Der kann am Beispiel dieses Films die eigene Arbeit überprüfen. Das Ist wichtig, denn wir haben einen weiten Kreis am Turnen Interessierter, die bei ihrer zielbewußten Weiter- arbeit sich gerade das Beste vom Guten selbst heraussuchen wollen. Line fahrbare Rettungsstation hat der Arbeiter-Semartterband für Oranienbarg and Umgebung in den Dienst gestellt. Das Auto ist nickt nur für den Krankentransport eingerichtet, es beherbergt in seinem Innern audi VerbandkXslen und Rettungsutensllten. Es ist das svcUc seiner Art in der Umgebung Berlins Kleiner Sport von überall Die Spaltungsverlufle in Westdeutschland ausgeholt. Eine nach längerer Zeit stattgefundene B«z>rlsvertreterkonseren,z des Rhei- nisch-Westfälischen Kreises im Arbeiter-Turn- und Sport- bund hielt einen Rückblick und befaßte sich mit Gegenwarts- und Zukunstsfragen. Sämtliche Berichte zeigten, daß trotz der großen Arbeitslostglrit, unter der besonders die jungen Sportler zu leiden haben, die kommunistischen Spaltung s ver suche glatt aufgeholt sind. Der Bundesvorstand Gellert-Leipziz konnte auf der Tagung dasselbe Ergebnis für den gesamten Bund zur Kenntnis bringen. wer fährt mll den Mlurfreunden. Wie bereits an dieser Stelle mitgeteilt, finden an den Weihnachistaxen mehrere Reisen und Sportfahrten statt. Nach Kitzbühel, dem Skiparadies Tirols und eine Wintersportsahrt Ins Riesengebirge. Bei diesen Fahrten ermäßigt 8ch die Teilnehmergebühr bei einer Beteiligung von 20 Personen. erner findet ein« Gesellfchaftssahrl aus 4 Tage ins Riefengebirge und eine ander« durch di« Sächsisch-Böhmische Schweiz statt. Zu allen Fahrten können sich noch Teilnehmer melden. Näheres durch das Reisebüro des Touristenvereins„Die Naturfreunde" N. 24. Iohannisftr. 13 Telephon Norden 0 1 4177 Freie Spork- und Schiißenvereinignnq Abi. Pankow. Donners- tag. 4. Dezember. 20 Uhr, im Jugendheim Görschftr. 14 Werbe- Veranstaltung. Referat:„Arbeitersport und Klassenkamps" und Lichtbildervortrag:„Zweck und Aufgaben des Arbeiterschützen- bundes". Partei- und Gewerkschastsniitglieder eingeladen. Anläßlich seine» zwanzigjährigen Bestehen» veranstaltet der Orteausschuß für Leibesübungen und Jugendpflege Wilmersdorf, Sonnabend, 3. Dezember, 20 Uhr, im Viktoriagarten ein Winterfest. Fefttarten 1 M. Das Anfängerkurnier des Brandenburgischen voxocrbandes nimmt Donnerstag, 4. Dezember, 20 Uhr, in der Heros-Halle, Scharnhorststr. b/7, seinen Fortgang. Auf dem Programm stehe» 11 Paanmgen. Ein gute» Geschäsi. Der Boxveranstalter Iess Dickson hat mit dem Kampf Paolino—-Carnera ein gutes Geschäft gemocht. Die zahlreichen Zuschmier bei dem am letzten Sonntag in Barcelona stattgefundenen Tressen zahlten an Eintrittsgeldern nind 700 000 Peseten(etwa 300 000 Mark). Bon dieser Summe erhielt Paolino 60 000 Mark, Carnera 43 000 Mark, so daß selbst nach Abzug aller weiteren Unkosten noch ein nettes Sümmchen übriggeblieben sei» dürste. Angesichts dieser günstigen Geschäftslage wird wohl ein Revanchekamps in Italien arrangiert werben, wo die Begeisterung der Sportsleute kaum geringer ist als In Spanien. bin neuer Arbeitersportfilin Em neuer Film der Arbeiter-Turn- und Sportschule,„Die Frau im Arbeitersport", kommt vom 6. bis 13. Deember in öerschiedenen Stadtteilen zur Vorführung Mit der Schaffung dieses Films versucht die Arbeiter-Turn- und Sportschul« in volksbikden- dem und belehrendem Sinne zu wirken. Der Film laust: Saim- abend. 6. Dezember, 19'A Uhr, Levctzowstr. 30 I.(Aula des. Kleist- lyzeums): Sonntag, 7. Dezember, 9Ä Uhr. Linienstr. 197(Kultur- abteilung des DMB.); Montag, 8. Dezember, 20 Uhr, Grünthaler Straße 5(Schulaula): Dienstag, 9. Dezember, 20 Uhr, Andreas- straße 21(Andreasfestsäle): Mittwoch, 10. Dezember, 20 Uhr. Schöneberg, Schwalbacher Straße 3/4(Aula der Rhcinaauschule): Donnerstag, 11. Dezember, 20 Uhr, Neukölln, Bergstr. 14�(Städtt- 'cher Saalbau)' Frcttag, 12. Dezember, 20 Uhr, Pvrckstr. 11(Volks- bildungsamt): Sonnabend, 13. Dezember, 20 Uhr, Charlottenburg, Scharrcnstr. 23(Sophie-Charlolle-Schule); Sonntag, 14. Dezember. ll'/a Uhr, Lichtenberg. Holteistr. 7/9(Städtische Jugendbühne). Eintritt 30 Pfennig. Karten sind bei allen Funktionären zu haben. Kartenanforderungen für die Organisationen unter Werdendamm D2 4726. Freie Schwimmer Sharlettenbure, Kanuabteilun«. Abteilungsverlammluiig beute, 20 Übt, bei Nrlefche, flalfct-ffticbrid).(Sic(StUnftrafic, SS®«.,«eziet Landballersitiunq heute. lOVi Uhr, bei Lehmann. bortrag:.Die Technik des Handballspiels".— Bezirk Lichtenberg. Donnerstag, 1. Dezember, FunktlonSrsitiuna im Vereinslokal. Frei« Faltbootfahrrr Berlin. Donners'ag, 4. Dezember, 20 Uhr, Sackescknr Hof, Rosenthaler Etr. 41. Musikalischer Abend. Mitwirkend«: Die ssaltbvoi» Snmphoniker und die Madrigalgcmcinschaft des Lungen Chors",(b liste will- kommen. Badeabend: Montag und Mittwoch um 20Zs Uhr im Ciadibad Mitte, Sarkengr. S. Schwimmbezirl Slreniberg 21.10 Quarnen-Ouartetl. 1. Schumann: Streichquartett A-Dur, op. 41, Nr. 3. 3. Beelhoven: Streichquartett B-Dur, op. 18, Nr. 6. 22.15 Wetter-, Tagesnaohrichten. Anschließend bis 0.30: Tanzmusik. Königs u'ustcrüauson. 16.00 Stephan Konetzky: Bericht Ober die Herbstarbellswochen der Pädagogischen Abteilung. 16.30 Hamburg; Konzert, 17.30 Dr. H. Michaelis: Musikalische Novellen. 18.00 Dr. Baschwltz; Auch Zeltunglesen will gelernt seial 18.25 Saltschick: Ooethes Faust. 19.00 Dr. Joh. Günther: Deutsch für Deutsehe. 19.15 Internationale Beamtenbewegnng.(Clntührendes Referat: Direktor Hubert Lenz, anschließend Diskussion.) 20.00 München:„Amella". 22.45 Wetter-, Tages- nnd Sportnachrichten. Wetter für Berlin: Fortdauer des beständigen Wetters> nachts leichter Frost.— Für Deutichland: Weiterhin beständig mit v-r- breitet«» Rachtjrösten. Das Testament des Generals. Siebzehnjähriger Kampf um eine Erbfchast. Kampf um die Erbschaft! Der schon 17 Zahre währende. von uns wiederholt besprochene Streit in der Familie des früheren kommandierenden Generals des III: Armeekorps. von Versen, der schon vor dem Kriege die Oessentlichkeit beschäftigt hat, gewinnt durch eine neue Wendung immer groteskere Formen. Der Kampf begann damit, daß die beiden Söhne des Generals von Versen. Max und William, im Jahre 1913 während eines Spazierganges auf Betreiben ihres Schwagers, des Fideikommiß- befitzers von Arnim-Succow, gleichzeitig wegen angeblicher g e- meingefährl icher Geisteskrankheit verhaftet wurden. Mar von Versen, der wohlbegründete Crbansprüche auf das bevor- zugte Erbteil, insbesondere die Familiengüter, erhob, wurde als angeblich gemeinfährlicher Geisteskranker ins Irrenhaus gesperrt. Dies« Angelegenheit hat seinerzeit auch den chof Wilhelms II. be- fchoftigt. Der srühere Kaiser selbst hatte einige Zeit vorher bei einem Fest im Neuen Palais zu dem Schwager Max von Berfens, dem Kammerherrn von Arnim-Succow, geäußert:„Ich denke, Ihr Schwager Max ist trank, warum ist er denn nicht im Irrenhaus?" Diese Aeußerung des Kaisers wurde wörtlich durch Geheimrat Leppmann von Versen aus den Polizeiakten vor- gehalten, nachdem die Brüder Versen in der Keithstraße von sechs Kriminalbeamten o e r h a f t e t und auf das zuständige Polizeirevier gebracht worden waren. Nachdem damals die Presse entschieden für den Internierten eingetreten war, erfolgte seine Entlassung. Die Erbschaftsprozesse wurden von Max von Versen nunmehr mit wechselndem Erfolge durchgeführt, jahrelang stritten sich die adligen Verwandten, einmal siegte der eine, einmal der andere. Friedrich von Versen wurden 107 000 Mark Schulden— immerhin keine Kleinigkeit!— auf sein Pflichtteil angerechnet. Endlich erhob Max von Versen durch seinen Prozeß- bevollmächtigten, Rechteanwalt Dr. Ehrenfried, die Pflichttells- klag«. In diesem Prozeß wurde der Vermögensver- walter der Erblasserin, der Prokurist einer Berliner Bankfirma, als Zeuge vernommen. Er bekundete unzweideutig, daß die Erblasserin Max von Versen zum bevorzugten Erben eingesetzt hatte. Der vernehmende Richter erklärte bei dieser Vernehmung, daß dieser Zeuge mindestens 10 Zahre zu spät vernommen worden sei. Friedrich von Versen, der Bruder de» Klägers, erhob jedoch den Einwand, daß tue Pflichtteilsllage verjährt hei, daß sie nur innerhalb von drei Iahren nach dem Tod« der Erblasserin, michin spätestens bis zum 19. August 191? hätte erhoben werden müssen. Das Landgericht I verkündete sein« Entscheidung dahin, daß der Kläger mit seiner Klage abzuweisen sei, da der Ber-> jährungseinwand durchdringe, trotzdem Max von Versen erst am 18. Januar 1939 auf Grund der Entscheidung des Kammergerichts davon Kenntnis erhalten hatte, daß er zur Erhebung der Pflicht- teilsklage berechtigt sei. Die Entscheidung des Landgerichts wird nunmehr angefochten werden. Der Ueberfall auf Professor Bosch, den französische Nazis in einer Pariser Versammlung erheblich verletzten, ist von dem Sozia- listen Grumbach und andern in der Kammer zur Sprache ge- bracht worden. Ministerpräsident T a r d i e u sprach die Mißbilligung der Regierung aus. plaza-preisausschreiben. Dennewttztiraßi 19; H.§ ipp I er, Weinstraße 13; K-Li bau, Manteuitcl, raste 42. �(Befdiäfis-Jtnjeiger � (Bezirk füden-'Wefien Wer braucht Ofeiiu.Kodiherder Nur gute und billige Qualitätsarbeit, auch auBornaib Qroa- Berlins Fliesen arbeit Baukeramik Berliner TSpferbütte GmbH[iio Berlin SO 36/ Waldemarstr. 14 Fernsprecher: Amt f e Oberbaum 0319 alousie- Fabrik Seit 1910 [241 Ernst Garff, Inh.£.& J. Gar! SO. 38. Britzer Str. 7. Tel. F 1 Horlizpl. 3070. MheKer t siciuidd! Ernst Bauen <3. m. b. H. BIER-GROSSVERTRIEB Fabrik alkoholfreier Getränke RIb. N 58, IvOieFer Slr.lSl Bln. SV 88. 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