Morgenausgab« Donnerstag � Jahrgang �.## Wf 25. 0-z°mb°r 19Z0 W» ßN � Mi Größter, in 10 Pf. Wöchentlich 85 Pf� monatlich 3,60 M. jB8 �HB ��9 rSif* SIUÖtDörf� 15 im voraus zahlbar. Postbezug 4L2 M.«W|H BS BK IL NK SB ü WM y/ j WW«s� M m HB fl�lll|||tz| mr¥ übonncment 6.— M. pro Monot. XT�y'. RS) tM Hgj KS H|«U HB Bg HB HB �Kr■tnWfr� mark.„Rlclnc Anzeigen' das ettge- *-' W�A Ja."' IM mt �Ml SsR. JhXV HHl HA\ RH Hl ��Hs�WU/ dnrikl« ÜLan?s Pfennig Izulöfsig zw«! Der„Vorwäns--rlch-i.» woch.ntü«- W � � Bl JBv W fÄt[bruf'®�t,>,-''"f8"ei»rf®0[" lich zweimal. Sonn.ogs und Monlag, W! Mi MNk�W�> �ST/ BMx Ä»,, // W I m SftA S'-ll.ng-Iuch. das erst. einmal, die Abendausgaben für Berlin gSi MWX �7 � �HV«tl\ // BN I Wort IS P.ennlg. icbes mettere ffiorl und im Handel ml. d-m Titel.De: MM �.'im W'» f'"" S-®.°L>' Uder IS»uchftob«. Abend", Jlluslr.ert. Beilagen.Volt � V S?l> wr zw-, Worle. Arb-llsmar l �Fröu en it irnm e �."iB H(Mn tTh rt Mi llfc ± M. � *i'3MÄ1Ä?-"""' S�OMwvlwi rsÄf,«"r~- Ae«tvaweg!!» WM» II»»S»NI�M»S»>WW� S!W>IWM�»I» ei�WWWS�SU U�WIla»WUMMW ÄtlkiVät'töiÄei'Iaü tti ö Postscheckkontos Berlins? bSK—Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindcnstr. 3, Dt.?. n. DiSc.-Gcs., Tcpositenk., Jerusalcmer Str.>x>kkb. Redaktion und Verlag: Berlin SW 68. Lmdenstr. 3 Fernsprecher: Dönboss Z3Z— ZÄ7 Tclegramm-Adr: Sozialdemokrat Berlin. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordncte Dr. Eduard David ist am 24. Dezember gegen 27l Uhr nachmittags im Alter von 67 Jahren ge- st o r b c n. Dr. David litt seit längerer Zeit an einer Grippe. Der Tod trat durch Herzlähmung ein. • Wie vor zehn Jahren der unvergeßliche Carl Legien. ist zu diesen Wechnachten Eduard David hingegangen. Auch er war einer von denen, ohne die man sich die Ge- schichte der Sozialdemokratie und der modernen Arbeiter- bewegung nicht denken kann. Seit nahezu vier Jahrzehnten hatte der gestern Entschlafene in allen Kämpfen der Partei vornean gestanden und auch in ihren inneren Auseinander- setzungen eine bedeutungsvolle Rolle gespielt. Eduard David gehört zu dem kleinen Häuflein von A k a d e m i k e r n, die schon Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihren Durchbruch zum Sozialis- mus vollzogen hatten. Er war am 11. Juni 1863 in Ediger an der Mosel geboren, hatte in Gießen und Bielefeld das Gymnasium, dann wieder in Gießen die Universität besucht und dort Philosophie und Geschichte getrieben. Schon als Student dem Sozialismus gewonnen, wurde er zunächst noch 1891 Lehrer am Gymnasium in Gießen, vollzog aber als- bald seinen offiziellen Eintritt in die Partei und gründete 1893 die„M itteldeutsche Sonntagszeitung". Im Jahre 1896 übernahm er die Redaktion der„Mainzer Volkszeitung", aus der er jedoch schon im Jahre darauf aus- schied, um sich der wissenschafllichen und der parlamenta- rischen Arbeit zu widmen. Seit 1896 war er Mitglied der Hessischen Kammer, der er bis 1908 angehörte. In den Reichstag wurde er 1903 gewählt, er blieb von da ab als Ab- gesandter der Stadt Mainz oder seiner hessischen Heimat Mit- glied der deutschen Volksvertretung bis zu seinem Tode. Es gab eine Zeit, in der es wirklich eine Ehre war, Mit- glied des Deutschen Reichstags zu sein, weil diesem Parlament zahlreiche Männer angehörten, die ihm durch geistige Leistung und Charakter das Gepräge verliehen. Einer von diesen Männern war Eduard David. Er gehörte zu den großen Sprechern des Hauses, die anzuhören ein geistiger Genuß und ein Erlebnis war. So glänzend er auch, wo es sein muhte, zu improvisieren verstand, zog er es doch vor, sich sorgfältig vorzu- bereiten, um das Beste zu geben. Da galt kein leeres Schlag- wort— jedes Argument mußte auf feine wissenschaftliche Be- ständigkeit aufs schärfste geprüft werden. Der Bund zwischen Sozialismus und Wissenschaft, den einst Marx und Lasialle geschloffen hatten, wurde in jeder dieser Reden aufs neue lebendig. Als die Sozialdemokratische Partei zu Ende des Welt- kriegs den verzweifelten Versuch unternahm, aus dem ver- wirtschafteten Erbe der Hohenzollern und der Junker das letzte für das deutsche Volk zu retten, war Eduard David! einer der Berufensten, an dieser Arbeit tellzunehmen. Einem Beschluß der Reichstagsfraktion folgend, übernahm er im Kabinett des Prinzen Mar von Baden im Auswärtigen Amt die Stelle eines Unterftaatssekretärs, der gleichbedeutend mit dem heutigen Staatssekretär war. Als Präsident an die Spitze der Nationalversammlung berufen— kein Parlament hatte je einen würdigeren Vorsitzenden gesehen—, mußte er sein Amt bald wieder abgeben, weil im Kabinett Not an Mann war. Zunächst wurde er in der Regierung Scheide- mann Minister ohne Portefeuille. Wegen der Unterzeich- nung des Friedens von Versailles traten S ch e i d e m a n n, Landsberg, Brockdorff-Rantzau und P r e u ß zurück. David, der wie fast alle Süddeutschen ohne Unter- schied der Partei eine Verzögerung des Friedensschluffes für unmöglich hielt, sprang für Preuß ein und übernahm das Reichsministerium des Innern der Regierung Bauer, gab es aber nach einigen Neonaten wieder ab, als die Demokraten ihre Rückkehr in die Regierung vollzogen. Als Vertreter des Reiches wirkte David in Hessen für die Interessen seines besetzten Heimatgebietes und hielt politisch-wiffenfchaftliche Vorlesungen an der Darmstädter Hochschule. Aber auch der„verdiente Ruhestand", in den er sich nach Zehlendorf bei Berlin zurückgezogen hatte, war von restloser Arbeit ausgefüllt. Ueber Davids Aemter und Titel— er war seit Ver- leihung des Ehrendoktorats durch die Universität München doppester Doktor— ließe sich noch mancherlei sagen, doch unendlich wichtiger als alle Aeußerlichkeiten ist die geistige Wirkung, die von ihm innerhalb der Partei ausgegangen ist. War er doch einer der bedeutendsten Vorkämpfer jener geistigen Bewegung, die man als„revisionistisch" bezeichnete, während ihre Führer selbst es vorzogen, sich Reformisten zu nennen. Eduard B e r n st e i n hatte es unternommen, den Marxismus unter Benutzung neuerer Forschungsergebnisse kritisch weiter zu entwickeln. In einer Reihe von Aufsätzen, die er 1898 in der„Neuen Zeit" hatte erscheinen lassen, brachte er seine neugewonnenen Auffassungen zu program- matischem Ausdruck. Die dadurch hervorgerufene Partei- diskussion fand einen Höhepunkt in der sogenannten „B e r n st e i n- D e b a t t e" des Parteitages von H a n- n o v e r im Jahre 1899. Bebel hielt eine von seinem leiden- schaftlichen Temperament getragene Rede, in der er sich mit seinem alten Freund scharf auseinandersetzte Aber wer sollte ihm antworten? Bernstein lebte noch in London im Exil! Da war es Eduard David, der damals Sechsund- dreißigjährige, der in die Bresche sprang und in einer groß angelegten Rede Bebel entgegentrat. Er beitritt auf das entschiedenste, daß der„Bernsteinianismu?" eine Ver- Wässerung der sozialistischen Grundsätze bedeut?., er erblicke vielmehr in ihm einen Fortschritt über die bisherige Theorie und Praxis der Partei hinaus. David schloß unter den folgenden Sätzen, die auch heute noch lesenswert sind: Die Bernfteinschc Schrift bricht also nicht mit dem ökonomischen Prinzip der Sozialisicrung, sie läuft im wesentlichen darauf hinaus, eine höhere prinzipielle Bewertung der Gegen- wartsarbeit auszusprechen. Wir haben die Gegenwartsarbeit fa auch heute ohne die höhere Bewertung restlos besorgt, aber es ist doch ein Unterschied, ob man in dieser Arbeit nur„Palliatin- mittel" oder Grundsteine zu dein großen Gebäude der Zukunft sieht. Ich weise entschieden alle Versuche zurück, Bernstein oder mir noch- zusagen, daß wir auf die politische Bewegung nicht genug Gewicht legen, daß wir etwa glauben, nur mit den Gewerkschaften oder Genossenschaften sei es zu machen. Nein, das glauben wir nicht. An alle drei Gebiete, gewerkschaftliche, genossenschaftliche und politische Bewegung, soll der Hebel angesetzt, diese Dreisalkigkeit soll hochgehalten werden. Dann erst wird die ganze Kraft entfaltet werden können.... Wenn Sie von diesem Gesichtspunkte aus Bernsteins Schrift betrachten, so müssen Sie mir zugeben, wenn ich sage: B e r n st e i n gibt uns mehr, als eruns nimmt. Gerade durch die höhere Bewertung der Gegenwartsarbeit wird die Zuversicht gesteigert, daß schon jetzt innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsform die Verteilung des Wertprodukts ganz wesentlich zugunsten der Arbeiterklasse zu beeinslussen ist. Und diese Zuversicht ist ein belebendes Moment in unserein Kampf: im politischen, ge- werkschaftlichen und genossenschaftlichen. Und dieses belebende Element, diese Zuversicht, diese höhere Bewertung wird uns zur Eroberung der politischen Macht und zu allem, was kommen mag und kommen wird, auch förderlich sein. Ick) habe an einer anderen Stelle bereits meine Ansicht dahin zusammengefaßt: Hoch dos Banner der Hoffnung, nicht nur aus eine bessere Zukunft, sondern vor allem und in erster Linie auch aus eine bessere Gegenwart. Seitdem hat es keine prinzipielle Debatte auf sozialdemo- kratischen Parteitagen gegeben, in der nicht David seine scharfe Klinge im Kampf für seine Ueberzeugungen geführt hätte. Aber die vollendete Ritterlichkeit seiner Kampfesweise und die von jedem anerkannte Reinheit der Gesinnung ließen persön- liche Gegnerschaften nicht aufkommen. War David schon als Süddeutscher geneigt, den Klaffen- gegensatz weniger scharf zu empfinden, als man es im rauhen Norden gewohnt war, so kam noch ein Zweites dazu, um ihn zum„Reformisten" zu machen: das war die Beschäftigung mit den ländlichen Verhältnissen seiner Heimat. David sah ein Bauerntum, das fest an seiner Scholle hing, in zäher Arbeit seinen. Unterhalt gewann und gar nicht daran dachte, sich vom Kapital oder vom Großgrundbesitz aufsaugen zu lassen. Als einer der ersten in der Partei— neben Voll- m a r u. a.— sah er die Bedeutung Der Agrarfrage und vertiefte er sich in ihr Studium. Frucht davon war die be- deutende Schrift„Sozialismus und Landwirt- f ch a f t", die im Jahre 1903 in erster Auflage, 1922 in zweiter erschien. In dieser Schrift fundamentierte David wissenschaftlich seine Auffassung, daß das Bauerntum berufen sei, einen dauernden Bestandteil der Gesellschaft zu bilden und daß es als solches erhaltungsfähig und erhaltungswürdig fei. Erst von der Solidarität der arbeitenden Menschen in Industrie und Landwirtschaft� erst von der Annäherung der Gegensätze zwischen Stadt und Land erwartete er den Sieg des Sozia- lismus. Der Sieg des Sozialismus— niemand sage, daß Davids Herz an diesem Ziel weniger leidenschaftlich gehangen als das irgend eines anderen! Im Grunde ist er stets derselbe ge- blieben, der er damals war, als er die Sicherheiten einer Beamtenlaufbahn hinwarf, um für kärglich unsicheres Entgelt der Sache der Arbeiterbewegung zu dienen. Daß Leidenschaft in seinem Herzen brannte bis ins hohe Alter hinein, wissen alle, die ihn näher kannten— wissen besonders auch die Mit- glieder des Auswärtigen Ausschusses des Reichstags, die erst vor wenigen Wochen seine Rede gegen die National- s o z i a l i st e n gehört haben. David hatte die Reaktion in ihrer neuesten Maske erkannt, Kampf gegen sie in Rede und Schrift wurde der Inhalt seines Lebens, bis ihn die tödliche Krankheit niederwarf. Es gab keinen besseren Deutschen als ihn— darum war er ein internationaler Sozialist. Auch er, der an diesem Weihnachtstag kalt und starr auf der Bahre liegt, war ausgezogen, ein Heilbringer der Bedrängten zu werden. Auch er hat!Ke Erfahrung machen müssen, daß die Kraft einzelner, ja ganzer Gene- rationen nicht ausreicht, all das Unrecht und oll das Unheil wegzuräumen, das in Jahrtausenden aufgehäuft worden ist. Daß er. ein illujionsloser Wissenschafter, keinen Augenblick schwankte, treu blieb, weiter kämpfte, macht seine Gr�ße aus. Alle späteren Zeiten werden ihn als einen von denen nennen, die den Kämpfern um eine bessere Zukunft des Menschen- geschlechts Fackel und Fahne vorantrugen. Weihnachten 1930* Kampf und Frieden. Von Adolf Grimme. Nach„Frieden auf Erden" sieht es nicht gerade aus in diesem zu Ende gehenden Jahr 1930. weder draußen außerhald der Landesgrenzen, noch im deutschen Innern. Man kann umgekehrt schon kaum noch eine Zeitung in die Hand nehmen, ohne daß der Blick auf eine Nachricht fällt, die über blutige Zusammen st äße von Deutschen mit Deutschen zu be- richten weiß. Und wenn vor kurzem der Vertreter einer an- gesehenen englischen Zeitung in einem Gespräch die Aeuhe- rung getan hat, während des ganzen Krieges habe man In England die Deutschen nicht so mit Schimpfworten überhäuft, wie es heute die Deutschen untereinander täten, dann müssen wir mit Scham und Schmerz gestehen, daß er nicht über- trieben hat. Dabei blickt nun schon seit 2000 Jahren die Menschheit wie gebannt gerade auf das Wort aus der Weihnachtsbotschaft am sehnsüchtigsten, das den Menschen, wenn sie nur guten Willens sind, den Frieden auf der Welt verheißt. Wie klaffen Sehnsuchtsbild und Alltagszustand auseinander! Sollte, wer den Frieden will, da nicht den Mut verlieren und denen' recht geben, die nichts mehr davon hören wollen, wenn jemand von einer fortschreitenden Entwicklung der Menschheit zu einer höheren Stufe der Kultur spricht? Sieht es nicht wirk- lich so aus, als fei doch all unser Tun umsonst? Das gerade ist der Irrtum: das Tun ist nie umsonst: vergeblich ist das bloße Warten. Und wir sind doch nur darum vom Ziel so unendlich weit entfernt, weil wir Menschen auf den Frieden viel zu sehr nur geharrt und nur gehofft und immer nur ge- wartet haben wie auf ein Geschenk, das der Menschheit eines guten Tages von irgendeinem Wundermann auf den Wech- nachtsgabcntisch gelegt werden würde. Jedoch der Friede kommt nicht als Wunder und nicht von selbst. Wenn einmal Friede wird auf Erden, dann ist er Frucht des Kampfes. So also dennoch Kampf? Wie läge das im Sinn der Wechnachtsbotschaft? Als wenn das, was der Nazarensr wollte, den Kampf ausschlösse! Das genaue Gegentell ist richtig: das Evangelium fordert Kampf. Und wir wären dem Frieden sicher längst ein gut Teil näher, wenn die Menschen nicht immer wieder über den weichen Zügen im Bild des Nazareners, über dem„sanften Lämmlein" und dem„milden Hirten" den H e l d e n in ihm übersehen wollten, der unerbitt- lich war, wo es um seine Sendung ging, und der hart zuge- griffen hat. wenn es sein Werk galt. Mag diese Gestalt nun Geschichte, Legende, Mythos, Sage oder was auch immer fem, so viel ist sicher, daß so. wie dieser Mann uns im Neuen Tests- msnt entgegentritt, er ein menschliches Verhalten in sich zur Darstellung gebracht hat, das in ihrem ganzen Sein ein Wagnis war. Er wußte, was Einsatz der Person heißt. Der Sohn des Zimmermanns aus Nazareth hat stets den Kampf für die Idee bejaht. Er ist ihm niemals ausgewichen. Ja, wie er einmal die Wechfler und die Schieber aus dem Tempel peitschte, da hat er sich in diesem Kampf sogar des Mittels der Gewalt bedient. Er wollte die Welt nicht lassen, wie sie ist. Sein ganzes Wesen atmete die Ueberzeugung. daß wir nicht auf der Welt sind, weil sie gut sei, sondern daß sie bester werde. Was hätte schließlich auch die Geschichte für einen Sinn, wollten wir die Schöpfung ansehen als einen einzigen und nur einmal in unvordenklichen Zeiten geschehenen Vor- gang und nicht vielmehr als einen Prozeß, an dessen Vollen« dung der Mensch zur Mitarbeit berufen ist. Solange nicht die Schöpfung vollendet ist, darf niemand um des«lieben Friedens" willen die Hände in den Schoß legen, sondern muß in der Welt den Rohstoff sehen, der ihm zur Mitarbeit und zur Gestaltung zugeteilt ist. Oder ist es etwa gut und muß als Zustand der„Vollen- dung" hingenoi..neu werden, wenn, um«in vielgenanntes Beispiel auch an dieser Stelle anzuführen, in Europa Menschen Hungers sterben, in Südamerika aber die Maschinen mit Mais geheizt und in Brasilien Zehntausende von Säcken mit Kaffee verbrannt werden? Was wäre das für eine grauenhafte Sinnlosigkeit, wenn es ewig so sein müßte, daß die Rücksicht auf den Weltmarktpreis im Wirtschaftsleben von größerer Be- deutung ist als die Rücksicht auf das Leben eines Menschen oder Välkerl Es kann doch nicht als eins für alle Ewigkeit stabilisiert« Ordnung angesehen bleiben, daß sich Millionen Menschen nach vollbrachtem Tagewerk in Winkeln und in Kellern und Asylen niederlegen müssen, und daß an- deren Millionen noch nicht einmal dies Tagewerk, das ihrem Leben einen Sinn zu geben vermöchte, beschieden ist. Wer das für in der Ordnung hält und wer nicht sieht, daß er für eine Aenderung zum Kampf antreten muß, der freilich wird in seinem ganzen Leben nicht begreifen, was Sozialismus ist und will. Der Sozialismus ist das Gegenteil von der „verfluchten Zufriedenheit" des Bürgers, die schon Lastalle gegeißelt hat. Der Sozialismus ist die Einsicht in das sittliche Muß einer bewußten Durch- organifierung der Weltwirtschaft. Der Sozia- lismus ist das Handeln aus der Ueberzeugung, die sich in dem Kampfvers ausspricht:„Vom Elend uns erlösen können wir nur selber wn." Und das ist nun dos immer wieder Ueber- fehene und iyzmer erneut Bestrittene, daß, wenn sich irgend- eine Weltanschauung mit der Botschaft des Nazareners im innersten verträgt, es dann die ist, die ernst macht mit der Forderung, daß auch im Wirtschaftsleben der Geist der Soli- darität regiert und nicht die Rücksicht auf das Ich das Tun bestimmt. Wohl sei es zugegeben, daß das Evangelium nicht eine bestimmte Form vorschreibt, in die der Mensch die Wirt- schaftsform überleiten sollte. Ganz außer Zweifel aber steht doch zweierlei: Wenn auch das Evangelium auf die Gesinnung und deren Wandlung abzielt, so darf doch nicht vergessen werden, daß nun nicht hier die Gesinnung und da die Welt ist, gleichsam als wenn die Welt mit ihren Lebensformen und die Ge- sinnung des Menschen zusammenhanglos nebeneinander her» liefen. Was wäre das für eine Gesinnung, die sich nicht auch einen Ausdruck schaffte! Ist es nicht vielmehr so, daß wir dl« Hallung und Gesinnung eines Menschen sogar erst dann er- fasten, wenn sie Ausdruck in einer Handllmg und in einem objektiven Werk geworden ist? Wo immer wir einer„Form" begegnen, da ist sie Ausdruck einer ganz bestimmten Hallung zur Well. Der, der die Schieber aus dem Tempel jagte, hat im Innersten erlebt, daß es eben nicht angeht, sich auf die bloße Gesinnung zurückzuziehen, wenn man auf eine Form des wirtschaftlichen Leoens stößt, die das Gegenteil von dem zum Ausdruck bringt, was gut und rechtens wäre. Das ist das eine. Und das andere, das außer Zweifel steht, ist, daß sich keine Wirtschaftsform mit Sinn und Geist der Bergpredigt verträgt, die auf dem Fundament des Egoismus ruht. Wenn es richtig ist, wie man immer wieder zur Stütze des kopitalisti- schen Systems anführt, daß man, wenn die Wirtschaft blühen solle, die Rücksicht auf den eigenen Profit stets mit in Rech- nung stellen müsse und wenn man damit sagen will, daß in diesem selben kapitalistischen System der Egoismus ein kon« stitutives, also unaufhebbarcs Merkmal sei, dann müßte eigenllich für den, der aus dem Geist des Evangelismus her- aus das Angesicht der Welt verändern möchte, das eine vor- gezeichnet sein: daß er nicht länger Bergpredigtgeist und das System des Kapitalismus für vereinbar hält. Soviel sei an- gedeutet, um ein Fragezeichen hinter die Behauptung zu setzen. hinsichtlich der Wirtschast verhalte sich das Evangelium neutral. Wir Sozialisten bilden uns nun freilich ganz und gar nicht ein. daß bei Beränderung der Wirtschaftsform nun auch die Menschen automatisch bester würden. Um das auch noch zu sagen: das ist nicht entscheidend. Bon Wesen ist vielmehr, daß in der Wirtschaftsform des Sozialismus der Mensch nicht mehr gezwungen ist zur Rücksichtnahme auf den eigenen Profit wie jetzt, wenn er im Konkurrenzkampf nicht erliegen will. Auch in der Wirtschaftsform des Sozialismus wird der Egoismus der einzelnen nun nicht mit einem Schlage ausgeräumt sein: worauf es ankommt, ist, daß eine Form der Wirtschaft in die Well gestellt wird, in der niemand um des nackten Lebens willen ein Egoist fem muß, der es nicht sein will. Für dieses Ziel zu kämpfen ist Pflicht, und Friede darf nicht sein, bis dieses Ziel erreicht ist. Denn„diese Well ist keine Luftspiegelung", wie es Tolstoi mit den Worten eines alten, weise gewordenen Mannes ausspricht:„sie ist". fährt Tolston fort,„kein bloßes Tal der Prüfungen und des Uebergangs zu einer besseren ewigen Welt: sie ist eine der ewigen Welten, die wir für die, welche mit uns leben, und für alle die. welche nach uns darin leben werden, nicht nur schön und fröhlich machen können, nein, schön und fröhlich machen müssen". So ist nicht das schon das Betrübliche, daß überhaupt Kampf ist und sein muß. Auch macht das nicht schon Sorge, wenn in diesem Kampf gelegentlich einmal die Hand aus- rutscht. Auch Christus hat die Wechsler aus dem Tempel hinausge peitscht. Erst recht ist nicht schon das ein An- laß zur Bekümmernis, daß in der deutschen Jugend Berell- schaft da ist. an die sie glaubt, mit allen Kräften der Seele und des Leibes einzustehen. Was niederdrückt, ist erst dies von niemand zuvor für möglich gehaltene Zurückgleiten weiter Kreise unseres Bolkes noch hinter alle Anfänge der Kullur, wenn sie körperliche Argumente den geistigen und seelischen für überlegen halten und zu feige sind, den Kampf zu führen ausschließlich und allein mit Waffen des Gewissens und des Geistes. Wer den Vorrang der Auseinandersetzung mit seelischen und geistigen Waffen gegenüber aller politischen Rauferei und gegenüber ollen körperlichen Argumenten verkündigt, der tut das nicht aus Feigheit, nicht aus Furcht vor der Gewalt: er tut es aus der schlichten Ueberzeugung, daß auf die Dauer unkörperliche Waffen allen körperlichen über- legen sind. Wir wissen nicht, was uns das nächste Jahr bringt. Das Elend der Arbeitslosigkeit heult durch die Straßen. Und wenn es Sinn des Lebens für den Menschen ist, am Bau der Schöpfung mitzuwirken, dann ist die größte Not der Arbeits- losigkeit nicht nur der Hunger, sondern die Unmöglichkeit, daß jeder, der von der Arbeit abgeriegell ist, darauf verzichten- muß, das eigene Dasein zu erfüllen mit einem Sinn. Und darum wissen wir das eine dennoch, daß eine Wirtschafts- ordnung kommen muß, die jedem Menschen nicht nur ein Minimum der Existenz zusichert, sondern ihm die Möglichkeit eröffnet, durch Arbell zur Erfüllung seines Lebenssinns zu kommen. Wir mästen um dieses Zieles willen kämpfen, und es darf nicht Ruhe werden in der Welt, bis dieses Ziel er- reicht ist. Wer diesen Willen zur Idee hat, der ist immun dagegen, jemals ein saturierter Bürger oder resignierter Well- verächter zu werden. Dem fehlt aber auch das Verständnis für jene„Religion der bloßen Innerlichkeit", die sich so in das Innerste ihrer Träger verkriecht, daß sie nicht umgestallend in die Well hineinwirkt. Wem es wirklich Ernst ist mit der Wechnachtsbotschaft, der wird kämpfen, bis als Frucht des Kampfes den Menschen das beschert ist, was die Weihnachts- glocken als Sehnsucht in die Welt hinein erklingen lasten: Fried« auf Erden für Mensch und Volk und Völker, so sie guten Willens sind! Papst gegen Rationalismus. Weihnachisrede vor den Kardinälen. Rom. 24. Dezember.(Eigenbericht.) Der Papst hielt am Mittwoch vor den Kardinälen, die ihm Weihnachtswünsche überbrachten,«ine Weihnachtsrede. Sie «nihiett unter anderem die seit langem vom Papst erwartete Per« dammung des Nationalismus und der Kriegsdrohungen. Einleitend sprach der Papst von der ungeheuer schweren Wirt- schastslage und der überall verbreiteten Arbeitslosigkeit. Ve raube vielen Arbeitern und ihren Familien das nötige Brot. Dieser Zustand lasse immer dringliche?«ine Besserung der sozialen und internationalen Ordnung notwendig erscheinen. SU müsse auf größerer Gerechtigkeit und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ländern beruhen, stall de» gegenwärtigen Kompfes. Er(der Papst) wünsche der ganzen Well den Frieden. aber es müsse der Frieden Christi sein und nicht einer, der nur auf einem„sentimentalen, verworrenen und äußerlichen Pazifismus" de- ruhe. Es müsse«in Frieden der allgemeinen Eerech- t i g k e i t sein. Aber schmieriger, um nicht zu sagen unmöglich. sei es, daß Frieden zwischen Völkern und Staaten herrsche, wenn anstatt wahrer und natürlicher Vaterlandsliebe ein egoistischer, harter und rücksichtsloser Nationalismus herrsche, der gleichbedeutend sei mit Haß und Neid, anstatt des gegenseitigen Wohlwollens. Am Schluß seiner Weihnachtsbotschast lündigt« der Papst ein« neue päpstlich« Enzyklika über die christlich« Eh« im Zusammenhang mit den neuen Bedürfnissen und der Umordnung von Familie und Gesellschaft an. » Wie die meisten Kundgebungen, die vom Vatikan aus» gehen, ist diese Papstrede nicht zuletzt an die Gläubigen in Italien gerichtet. Insofern richten sich ihre Berdam- mungsworte gegen den„eaoistifchen. harten und rücksichtslosen Nationalismus" au die Adresse Mussolinis, der diese Art von Nationalismus zum Grundgesetz der faschistischen Po- litik erhoben hat. Darüber hinaus wendet sich der Papst als Oberhaupt der gesamten katholischen Welt auch an die Katholiken der übrigen Länder. Wird seine Mahnung befolgt werden? Sind nicht gerade die französischen Katholiken seit jeher in ihrer"großen Mehrzahl identisch mit den verbohrtesten Mili- tarisien und Chauvinisten? Und können die deutschen Katholiken mit gutem Gewissen von sich behaupten, daß sie dieser Mahnung nicht bedurften? Gerade in der Außenpolitik macht neuerdings sogar das Zentrum die bedenklichsten Kon- zesiionen an die nationalistische Ideologie. Auch innerpoli- tisch ist der Trennungsstrich zwischen Katholizismus und Natio- nallsmus in Deutschland noch keineswegs so deutlich gezogen, daß man sagen könnte, die päpstliche Mahnung berühre seine Gläubigen in Deutschland nur wenig. Das Beispiel des Bischofs von Mainz, der die Zugehörigkeit von Katholiken zur Hitler-Partei mit den schärfsten kirchlichen Drohungen untersagt, ist bisher von keinem anderen deutschen Kirchen- fürsten befolgt worden, so daß unzählige Katholiken, dem zügellosesten Nationalismus huldigen und den Revanchskrieg unbehindert predigen dürfen. Man darf nun gespannt sein, ob es„ach dieser deut- lichen Warnung des Oberhauptes der katholischsn Kirche anders werden wird. Je nachdem wird man seine Schlüste über die Art ziehen müssen, wie der deulsche Zweig der römischen Kirche den„Frieden Christi" auffaßt und ob und inwieweit die Theorie der Bergpredigt mit der politischen Praxis in Einklang gebracht wird. Nazi-Weihnachten. Offener Anfruhr.— Sturm auf eine Polizeiwache. Stullgarl, 24. Dezember.(Eigenbericht.) Im Verlauf einer Weihnachtsfeier der Nationalsozialisten in Pfullingen kam es zu schweren Ausschreitungen. Degen 2 Uhr nachts sah sich die Ortspolizei genötigt, zwei National- soziallsten wegen Ruhestörung zur Feststellung ihrer Personalien ans die Polizeiwache zu bringen. Darauf stürmten die Nazis die im Rathaus besinbliche Polizeiwache und befreiten d i c G c» fangenen unter Tätlichkellcn gegen die Beamten. Kommunistische Demonstrationen. Oer Weihnochtszauber der KpO. In C h e IN n i tz und Hannooer fanden gestern kommunistische Demonstrationen statt. In beiden Städten muhte dt« Polizei ein- greifen, doch ist es zu ernsteren Zwischenfällen nicht gekommen. Bombenleger in Freiheit. Hafientlassung Herbert volckll. Siel, 24. Dezember. ' Wie die Justizpressestell« mitteilt, hat der Strasseimt des Oder- landesgerichts Kiel heute den Haftbefehl gegen den im Großen Vombenlegerprozeß zu Zuchthaus verurteilten Herbert Volck wegen Haftunfähigkeit ausgehoben. Johannes Rehmk« gestorben. Nach kurzen' Leiden ist gestern abend in Marburg der Nestor der deutschen Philosophie Geheimrat Professor Dr. Jolmnnes Rehmke im Aller von 84 Jahren gestorbc». Proiessor Rehmke wurde in Elmshorn geboren, studierte in Kiel und Zürich Theologie und Philosophie und wurde dann Lehrer an der Kantonallchule in Li- Gallen. Er habilitierte sich 1884 In Berlin und ging dann nach Greisswald, wo er ISSS/Sg Rektor der dortigen Universität war. Seit 1921 wohnte«r in Marburg. Kohr pensioniert. Ein Ruhestand— aber kein wohlverdienter. München. 24. Dezember. Der Präsident des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes, Staatsrat Dr. Gustav v. Sa Hr. txitt am 1. Januar wegen Erreichung der Altersgrenze in den dauernden Ruhestand. Dr. 0. Kahr war von März bis September 1921 bayerischer Minister- Präsident, Minister des Innern und Minister des Aeuheren, und vom September 192Z bis Februar 1924 Staatstommisiar für Bayern. Oktober 1924 wurde er zum Präsidenten des Verwaltungs- gerichtshofes ernannt. * Das dunkelste Kapitel der bayerischen Geschichte in der Nachkriegszeit trägt die Ueberschrift Kahr. Es war die Zeit vor dem Hitler-Putsch. Das System Kahr bezeichnete die amtliche Begünstigung des Rechtsbruchs und des Hochverrats, die Auflösung der Rechtssicherheit und die politische Korrum- pierung der bayerischen Justiz. Mörder wurden nicht nur nicht bestraft, sondern von bayerischen Beamten begünstigt. Das System Kahr war die Vorbereitung der Loslösung Bayerns aus dem neuen Reich, der offenen Rebellion gegen die Reichsgewalt. Das System Kahr hat die nationalsozia- listische Partei großgezogen. Nach dem Hitler-Putsch und noch vielmehr nach dem 5)itlzr-Prozeß, der die zweideutige Rolle Kahrs hell be- leuchtete, war Kadr ein politisch toter Mann. Daß dieser Mann, dessen System auf dem Rechts- b r u ch beruhte, nach dem Putsch zum Präsidenten des Bayeri- schen Verwalhingsgencktsboss ernannt wurde, ist von�allen streng rechtlich und verfassungsmäßig Denkenden als offener 5)ohn empfunden worden. Kahr wird pensioniert. Wir erinnern daran, daß I 0- Hannes Hoffmann, der vor wenigen Tagen gestorben ist. der Ministerpräsident Bayerns bis zum Kapp-Putsch, im Gegensatz dazu von der bayerischen Bürokratie mit Haß ver- folgt worden ist!_ Oer Osfiziersbund für den Hochverrat. Oer Chef der Heeresleitung und die Ludin-Spende. Der nationalsozialistische„„Freiheitskampf* veröffentlicht folgenden offenen Erlaß des Chefs der Heeres- l e i t u n g vom 17. November 1030: Der Deutsche Offiziersbund hat durch Schreiben an alle Offiziers- regimentsvereine aufgefordert, sich an einer Ludin-Spende zu be- teiligen. Die vom DOB. einzusammelnde Spende soll den drei in Leipzig abgeurteilten ehemaligen Offizieren Ludin, Scheringer und Wendt nach Verbüßung chrer Straf« zugute kommen. Die durch das Reichsgericht zu Dienstentlassung verurteilten Offizier« werden in dem Schreiben de» DOB. als.Kameraden" be- zeichnet. Für das Heer steht die vom höchsten Gericht de» Reiche» ausgesprochene Dienstentlassung absolut dem„schlichten Ab» schied* früherer Zellen gleich. Für das aktive Offizierstorp» handelt es sich also um ehemalige Kameraden, die lvegen eines schweren Vergehens gegen die Disziplin mit der Ehrenstrafe der Dienstentlassung bestrast sind, nicht um jetzige Kameraden. J6) habe mich über die Verschiedenhell vorstehen- der Auffassung mll dem Herrn Bundespräsidenten de« DOB. aus- gesprochen. Exzellenz von Hutler hat hierbei darauf hingewiesen. daß mll der Aufforderung zur Spende ein, Stellungnahme gegen da» Urteil des Reichsgerichtes nicht beab. ficht igt war. Eine Stellungnahme gegen di« Auffassung der Heeresleitung, daß die„fristlose Entlassung au» dem Heere* und „Dienstentlassung* durch Gerichtsurtell dem schlichten Abschied früherer Zellen gleichzustellen sei. hätte für den DOB- nicht in Frage kommen können, da die Auffassung der Heeresleitung ihm nicht bekannt war. General von Hutier hat sich dankenswerterweise einverstanden erklärt, derartige Fragen in Zukunft stets in gegen- seitigem Einvenrehmen zu behandeln. Ich ersuche die Offiziers- Regimentsvereine, denen aktive Offiziere angehören, durch diese hiervon In Kenntnis setzen zu lassen und im übrigen Vorstehendes allen Offizieren des Heeres bekanntzugeben. gcz. Frh. v. Hammerstein, General der Infanterie. Der Chef der Heeresleitung hat also mit den ehemaligen Offizieren, die für Hochverräter gesammelt haben, ein Kom» promiß von der Art des Vergleichs Wirth-Frick geschlossen. Wer der Deutsche Ofsiziersbund ist, geht aus seiner Stellungnahme für Hitler gegen Mücke hervor. Im übrigen kann dieser Erlaß die Stellungnahme des Offiziersbundes für die nationalsozialistische Zersetzung der Reichswehr nicht ab- schwächen._ Sowjeirussische Oelikatessen. Echte Inflationspreise für Lebensmittel. In allen Stadtteil«« Moskaus sind j«tzt staatlich« Geschäfte ein« gerichtet, in denen Lebensmittel ohne Karten und ohn« Meng.:« begrenzung abgegeben werden. Käse und Wurst kosten dort jedoch pro Kilogramm 20,80 M., eine Büchse Gemüse- oder Obsttonseroen 10,40 M., Butter 31,20 M- Es handelt sich um Waren, de? auf Karten überhaupt nicht oder, wie Butter, nur an Kinder in sehr geringen Mengen von«inigen hundert Gramm abgegeben werden. Diese Geschäfte nennen sich bezeichnenderweis» Delikateß- Handlungen, obwohl darin nur gewöhnliche Volks- nahrung zu finden ist Die Preise sind jedoch so hoch, daß Men- schen mll Durchschnittseinkommen nicht dort taufen können. Unter der Losung„Mobilisierung der Mittel der Bevölkerung* macht der Staat somit dem Lebensmlltelwucheb am freien Markt mit seinen durchschnittlich 10 Mark über den staatlichen Festpreise« für ratio- nierte Lebensmittel liegenden Forderungen erfolgreichen Wettbewerb. In diesen Preisen kömmt im übrigen die neue russische Inflation zum Ausdruck. Die Budapester Gemeindewahl. Oer Erfolg der Sozialdemokraten. Budapest. 24. Dezember.(Eigenbericht.) Nach der amtlichen Feststellung haben bet den Gemeindewahlen die Sozialdemokraten 38 Mandate und von insgesamt 264 209 abgegebenen Stimmen 72 S9Z Stimmen, also 27 Proz..:r- hatten. Di» amtliche Meldung behauptet, daß di« Christlich- sozialen mehr Stimmen«rhalten hätten, gibt aber nur die runde Zahl von 73 000 an. So war Weihnachten in der Kriegszeit. Oer„Einkerzenbaum*, zwecks Lichtersparnis amtlich empfohlen. __ l/S � Junger„Oaatvogel*, der verbreitetste Festbraten, wurde so erlegt. Oie Festgeschenke: Papierhemd und Holzsandalen. Llnd darum brauchen wir zu Weihnachten 1930 kriegshetzerische Filme! Solidarität der Weißen zerbricht- vor dem Zusammenbruch der Weltpreise /Von der Lordskabine ins Zwischendeck. Siogapor«, im Dezember.(Eigenbericht.) Die Folgen des lediglich auf den Tag eingestellten System» der Sownialwirtschaft, die im Glauben an ein« ewige Fortdauer chrer Hochkonjicnktur nicht einmal auf die xrimllwen Sich«rheito- Vorkehrungen der europäischen kapllalistischen Wirtschaft zurückgriss, beginnen sich in einem ihrer wichtigsten Zentren surchtl»a°» zu r ächen, und die Gefahr besteht, daß die Krise sich von hier aus weiter fressen und di« Schwierigkeiten der internatic- nalen Wirtschaft nach weiter vermehren wird. Eine der reichsten und der blühendsten Besitzungen des brllcschen Weltreichs, die Straite Settlements, bis durch den Namen Singapore symbolisiert werden, sind augenblicklich der Schauplatz einer ökonomischeu Katastrophe, die in der Geschichke des Landes unerhört ist. Sie hat ihre Ursache in der völligen Stagnation der einzelnen Industrien dieses Gebiet», der Gummipflanzung und dem Z! n n b e r g b a u. Der Umfang und dt« Folgen der Katastrophe hätten vermieden werden können, wenn di« Gummikönig« und Zinn- gewaltigen, die in der guten Zeit im Gold« schwammen, etwa» mehr Einsicht und Weltblick gezeigt hätten. Sie haben ihre Riesengcwinne teils in riesigen Ne»anlagen festgelegt, teil» im Privatleben verplempelt. Ihr schlechtes Beispiel hat aus ihr« europäischen Ange- stellten korrumpierend gewirkt, so daß jetzt Arbeitgeber wie Arbell- nehmer aus Mangel an Reserven dem Nichts gegenüber- stehen. Die glücklicheren von ihnen, die sonst wie Lords in den Luxuskabinen der Jndlendampser Ihre Curopareisen gemacht haben, haben diesmal als Zwischendeckpassagiere die tzeimat aufgesucht. wahrend die Mehrzahl von ihnen das furchtbare Schicksal des in den Tropen gestrandeten weihen Mannes erlebt, in die Tief« des eingeborenen Proletariat« herabgsdrllckt zu werden. Familien, die bisher in eleganten Villen des europäischen Viertel«, umgeben von einer kleinen Armee farbiger Diener, gelebt haben, Hausen jetzt wie Parias in elenden eingeborenen Logierhäusern von Singa- por«. Penang und anderen Städten der malayischen Halbinsel. Ein Schicksal, das nach den unerbittlichen Gesetzen de» Femen Ostens den gesellschaftlichen und moralischen Tod de» Europäer» bedeutet. Die Zahl der auf diese Weise aus der Bahn geworfenen Weißen wird auf mehrere Tausende beziffert. Diesem plötzlichen Zu- sammenbruch gegenüber hat di« als höchstes Gesetz proklamierte Solidarität der Europäer um de» Rasseuprestige» willen kläglich versagt. Da die Regierung weder über Hilfsfonds verfügt noch eine organi« sierte Arbeitslosenunterstützung vorhanden ist, hat sie sich zu einer sehr bescheidenen Aktion aufgeschwungen und drei Militär- l ag er zur Verfügung gestellt, in denen wenigstens ein Test der Notleidenden untergebracht ist und auch gespeist wird. Darüber hinaus verhallen sich die lokalen Behörden In dieser schwierigen Situation vollkommen hilflos und ihre Passivität wird von der lokalen Presse wütend kritisiert Anstatt wenigstens einen Teil der technisch erfahrenen, sprach, und landeskundigen Menschen bei öffentlichen Arbellen zu verwenden, werden für diese Zwecke weiter Leute aus der Heimat unter dem Aufwand großer Spesen herangeholt Unter den farbigen Arbeitern hat eine Massenflucht ein- gesetzt. Ganze Schiffsladungen von Menschen sind nach Indien und Java abgegangen, wo die Lage zwar auch nicht glänzend, aber doch nicht ganz so verzweifelt ist Im Oktober haben wir nicht weniger als 2S000 Inder und fast ebensoviel Chinesen die Stroits verlassen. Auf den Pflanzungen und Bergwerken, di« noch im Betriebe sind, geht alle» drunter und drüber. Di« Eingeborenen sind zu dankbaren Objekten einer von Indien herübergetragenen reoo- lutionaren Propaganda geworden und das stark reduzierte cuvopäilch« Aufsichtspersonal sieht sich außerstande, die Ordnung und Arbett»dlsziplin aufrechtzuerhalten. Diese Aufgabe wird unter den gegenwärtigen Umständen besonders schwierig, weil sich di« Be- Handlung der Kontraktarbeiter bisher nicht sehr viel von derjenigen von Sklaven unterschied«« Hot. Die Entstehung wie der Verlauf der ganzen Angelegenhell ist klassisch für den Zustand der kapitalistisch orga- nisierten Kolonialwirtschaft Sie ist aufgebaut aus einer widersinnigen Methode und auf vollkommen negativen Vor- auesetzungen. Ihr Zweck besteht einzig und allein in der Erzielung unnatürlicher Konjunkturgewinne bei brutaler Aus- Nutzung billiger menschlicher Arbeitskraft. In ihrer gegenwärtigen Form- kann sie einem Druck wie dem« jenigen der augenblicklichen Wellkrise auf die Dauer keinen Widerstand leisten. Wenn es nicht gelingt,«ine höhere Form für sie zu finden, muß sie sowohl die wirtschaftlich« Stellung des Europäers wie seinen politischen Einfluß in jedem Bezirk der sarbi- gen Welt schwerer untergraben, als es der wildesten antiimperialisti- schen Propaganda je möglich sein kann. Ein nobler Gemeindevorsteher. Wie Arbeitslose gemacht werden. Ein Gemeindevorsteher besonderer Art scheint der in Liska- Schaaken, Krei» Königsberg-Land, namens Porteck zu sein. Nach Mitteilungen, di« dem Verbandsoorstand de» Deutschen Landarbeiter-Verbandes zuteil wurden, Hot er einen armen Landarbeiter regelrecht aus Lohn und Brot gebrocht. Porteck hat di« Kontrolle der Arbeitslosen seiner Gemeinde über- tragen bekommen. So pf.'.chteifrig wie er ist, suhlte er sich zugleich zum Arbeitsoermittler berufen. Kürzlich vermittelte er dem Arbeiter M. eine Beschäftigung als landwirtschaftlicher Freiardeiter für ein Entgelt von 40 Pf. pro Stunde. Nach zwei Tagen wurde dem M. eine Verdien st möglichkeitmit68 Pf. Stunden- lohn angeboten, die er natürlich annahm. Kaum hatte Porteck er- fahren, daß M. seine Stellung gewechselt hatte, da ging er ans Telephon und veranlaßte den neuen Arbeitgeber, den M. sofort aus die Straße zu setzen, weil er seine vorige Stelle— als greiarbeiter mit täglicher Kündigung— widerrechtlich verlassen Hab«. M. flog! Doch hiermit hatte Porteck noch nicht genug. Als M. nach vier Tagen bei einem Brunnenbauer. Arbeit fand, machte sich P. sofort an diesen heran und bewirkte, daß der oersolgt« Arbeiter noch zwei Stunden Tätigkell hinausgeworfen wurde. Di« Krone setzte der famose Gemeindevorsteher seinem Treiben auf. indem er dem arbeitswilligen Arbeiter M. zu guter Letzt die Erwerbslosenunter- stützung sperrt«. P. schämte sich nicht, dies« üble Schikane in einer Sitzung der Gemeindevertreter selbst zu erzählen! Di« Folgen blieben natürlich nicht aus. Der Deutsche Land- arbetter-Verband nahm sich des M. an und erreichte, daß Por- teck 81,60 Mark für entgangenen Verdienst an M. zahlen mußte. Das Gebaren des Gemeindevorstehers Porteck kann nicht scharf genug verurteilt werden. Was er sich erlaubt hat. ist«in Mißbrauch seiner Funktionen als Gemeindevorsteher zugunsten der londwirt- schaftlichen Arbeitgeber. Wir erwarten von den Aufsichtsbehörden, daß sie schnellstens und energisch eingreifen. Der neue Gesandte der Sowjetunion, Herr E b i n s ch 0 t, stattete am Wcihnachtstagc dem Reichstagspräsidenten L L l> e einen An- trittsbesuch ab. Halbierung der türkischen Schulden. Die türkische Regierung beabsichtigt, die Frage der ottomanischen Schulden noch einmal auf- zurollen und da» Pariser Abkommen zu kündigen. Bei den neuen Verhandlungen will die Regierung eine Herabsetzung ihrer Schulden vm 50 Proz. verlangen. Ein Bevollmächtigter wird sich in Kürze nach Paris begeben. Schafft Arbeit für alle! Die Stimme eines Llnternehmers: Her mit der 40-Stunden-Woche. Die Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände hat in einem Rundschreiben gegen die Verkürzung der Arbeitszeit aus 40 Stunden die Woche Stellung genommen Herr Erich B. Leder- mann, Fabrilbesiger, der selbst zwei Betriebe leitet, widerlegt>n nachfolgenden Ausführungen die Argumente der Unternehmer und tritt für die Einführung der 40-Stunden-Woche ein..,Ich halte es für völlig falsch", schreibt uns Herr Ledermann,„daß die 40-Stunden- Woche wieder fallengelassen wird; denn wir nähern uns dem Zeit- punkt, an dem wir all« zweifellos nur noch 40 Stunden, und zwar mangels Aufträgen, arbeiten werden. Dann werden wir aber nur die Nachteile der 40-Stunden-Woche haben, nicht aber die Vor- t e U e genießen, die eine zeitige Einführung derselben uns durch Einfügung neuer Arbeitskräfte gebracht hätte." Bevor auf die Ausführungen der Vereinigung deutscher Arbeit- geberverbände zur Einführung der 40-Stunden-Woche eingegangen werden soll, muß doch darauf hingewiesen werden, daß genau dieselben Argument« stets laut wurden, wenn es sich darum han- delte, die Arbeitszeit herabzusetzen. Da seit etwa 70 Jahren di: Arbeitszeiten von 16 auf 12, dann auf 11, auf 10, 9 und schließlich aus 8 Stunden reduziert wurden, ist nicht einzusehen, warum d>? Argumente, die sich stets als falsch erwiesen haben, plötzlich zutreffen sollten. Der Verfasser des Rundschreibens behauptet, daß die Wieder- belebung der Wirtschaft und dt« Besserung der Arbeitslosigkeit nur erreicht werden kann durch di« Senkung der Löhne und Gestehungskosten. Dem stelle ich meine These gegenüber, die ich im folgenden beweisen werde. Sie lautet: Alle Uebcrlegungen müssen davon ausgehen, daß di« B e> kämpfung der Wirtschaftskrise nicht van der Seite der Produktion, sondern von der Seite des Konsums erfolgen muß. Eine Senkung der Löhne, eine Verlängerung der Arbeitszeit des einzelnen führt naturgemäß zur Kon- fumoergeudung:«ine mögl-chst gleichmäßige Vertei- i lung der Kaufkraft unter der gesamten Bevölkerung führt zur K o n s u m st e i g e r u n g. Diese gleichmäßige Steigerung kann nur erreickst werden, wenn die Arbeitslosen wieder in den Produt- tionsprozeß eingeschaltet werdest. Das Primäre ist die Forderung, die Erwerbslosen konsum- sähig zu machen; das Sekundäre ist die daraus resultierende verstärkt« Konsum- nachfrage und somit Konsumsteigcrung. Soweit also unter Senkung der Gestehungskosten die Senkung der Löhne verstanden wind, kann sie niemals wirtschafts- belebend wirken. Im Gegentell ist der Beweis leicht zu er- bringen. daß Lohnsteigerungen erhöhten Konsum und damit eine günstig« Wirtschaftskonjunktur bewirken. Ich gebe zum Beweis eine Tabelle aus dem 14. Sonderheft des Instituts für Kon- junkturforschung. dorm wurden die untenstehenden Steigerungen in den Jahren 1925 bis 19?9 des Konsums aller Detailgeschäfte ein- schließlich Warenhäuser und Konsumgenossenschaften festgestellt. Da- neben schreib« ich di« Löhne, die meine Arbeiter(qualifizierte Ar- beiter der Berliner Metallbranche) in den fraglichen Perioden er- halten haben. Labn Konstimlteia. Durchschnitt!. „ Std gegen Vorjahr Lobnsteig geg. " in Proz. Vorjahr! Pro; 0,60—0,9� 0,92—1,15 1,15 1,15-1,26 1,28—"1 1,33—1.97 Konsum 1924 1925 1926 1927 1928 1929 18 12 10 3-8 0*) 5 2 IV. 26 Milliarden M. 81 31 34 36. 36} •) auf Beginn der Arbellslosig'rlt zuriickzuküdren. Es �igt sich, daß der Konsum ungefähr entsprechend den Lohnsteigerungen gewachsen ist. Da die Endpreise ja nur zu einem Teil Löhne enthalten, muß die Steigerung nickst nur dem Wert noch, sondern auch mengengemäß vorliegen. Auch unter Berücksichtigung der Bevölkerungszunahme ergibt sich, daß die Konsumfähigkeit wach st, wenn di« Löhne steigen. Im Gegenteil muß jede Lohnsenkung konsumbeengend wirken, und zwar deshalb, weil der Preisrückgang der Ware niemals dem Lohnrückgang proportional sein kann, denn der Preis eines jeden Produktes setzt sich durchschnittlich zusammen aus: 1. rund 20 bis 30 Prozent Rohstoff, 2. rund 30 Prozent Lohnanteil(Angabe des Institutes für Konjunkturforschung), 3. rund 30 bis 40 Prozent all- gemeine Unkosten(Gehälter, Miete, Abschreibungen für Jnvesti- tionen, soziale Abgaben, Steuern usw.), 4. rund 10 bis 20 Prozent Unternehnierbruttogewinn. Durch eine Steigerung des Exporrgeschäftes, die infolge Lohnsenkung möglich wäre, kann die Verengung des In- landkonsums nicht ausgeglichen werden, denn der E r p o r t macht nur ein Zwölftel unseres Gesamtumsatzes aus, ganz abgesehen von Gegenmaßnahmen des Auslandes gegen deutsche Dumpingpreise und der allgemeinen Depression auf den Werltmärkten.\ Die Verlängerung der Arbeitszeit hat nur die Bedeutung, daß noch mehr Arbeitslose durchgeschleppt werden müssen. Selbst aber,! wenn unterstellt wird, daß bei einer Senkung des Lohnes uno j einer Verlängerung der Arbeitszeit das Endprodukt um einen ze» wissen Prozentsatz verbilligt würde, so wäre damit die Nachfrage nach dem Produkt noch lange nicht geschaffen. Die geforderte Arbeitszeitverkürzung ist nicht unter dem Gesichtspunkt der Selbstkosten, sondern dein der Kon- sumsteigerung zu prüfen. Bei vollem Lohnausgleich wüstde die Erhöhung nicht 17 Prozent, wie in dem Rundschreiben behauptet wird, son- dern 9 Prozent vom Lohn ausmachen nach den genauen Berechnungen von Dr. W i n s ch u h im„Volkswirt" vom 23. Ot- tober 1930. Da jährlich an Löhnen für Industriearbeiter 25 Mil- storden gezahlt werden, macht das eine Erhöhung von 214 Milliarden. Es ist aber zu bedenken, daß uns die Arbeitslosigkeit gegenwärtig Im Jahre rund 414 Milliarden kosten wird, eine Summe, die höher ist, als die Lohnerhöhung bei vollem Lohnausgleich, und die ohne die Gegenleistung der Konsumsteigerupg von Gewerbe. Handel und Industrie aufgebraucht werden muh. Nach diesen lieber- legungen scheidet die Arbeitszeiwerkürzung mit vollem Lohnaus- gleich nicht ohne weiteres aus. Wenn behauptet wird, daß bei einer Verkürzung der Arbeits- zeit ohne Lohnausgleich die Summe der Löhne ja dieselbe bliebe, und also der Konsum auch dann nicht steigen könne, so muß dies bestritten werden. Dem Konsum würden nämlich hinzu- geführt: die bedeutenden Sparbeträge, die bisher aus Angst vor Entlassungen in den letzten 114 Iahren, trotz dringender Bedürfnisse von kleinen Leuten angesammelt wurden, die In- o e st i t i o n e n. die bei starkem Abschwellen der Arbeitslosigkkeit und damit verbundener Beruhigung der politischen Leidenschaften wieder gemacht würden. Daß naturgemäß eine gewisse Mehrbelastung für den Betrieb eintritt, wenn ein« größere Anzahl Arbeiter bei nicht steigender Gesamtarbeitszeit beschäftigt wird, ist selbstverständlich Ich habe jedoch diese Kosten in einzelnen Betrieben durchkalkulieren lassen, diese Kosten sind unbedeutend. Was nun die entsprechende Umstellung der Betriebe betrifft, di« bei Einrichtung der verkürzten Arbeitszeit erforderlich wäre, so möchte ich nochmals darauf hinweisen, daß dieselben Schwierigkeilen bei Einführung der 48- Stunden-Woche überwunden werden mutzten und überwunden wurden, ganz zu schweigen von den Umstellungen, die im Krig« oft erforderlich und möglich waren. Doch wird wohl niemand mit dem Vorschlag die Absicht verbinden, die Produktions- mengen zu verringern. Es soll lediglich versucht werden, von der Konsumseite aus Produktion und Konsum zu ba- lancieren. Zu der Behauptung, daß es in einzelnen Fällen an S p e z l a l- arbeitern. trotz der hohen Arbeitslosenzahl, mangele, sei be- merkt, daß sich die Arbeitslosigkeit und der Produktionsrückgang auf fast sämtliche Branchen verteilt. An diesem Problem, das sich doch nur aus einzelne Spezialfälle beziehen'ann, darf die Re- gelung der Arbeitslosenfvag« nicht scheitern. Was die regionale Differenz in der Arbeitslosigkeit betrifft, so scheint es mir, als ob sich von selbst derartige Differenzen ausgleichen. Daß eine gut beschäftigt-' Branche nicht di« Facharbeiter aus anderen Branchen einfach einstellen könnte, ist klar: es erscheint aber unwahrscheinlich, laß sehr große Unterschied« bestehen bleiben werden, denn die Anzahl gelernter Arbeiter einer Branche entspricht stets etwa ihrem Bedarf. Im übrigen wird wohl niemand, der die 40-Stunden-Woch« propagiert, man an eine ganz schematische Re- gelung denken. In diesem Sinne erscheint es mir erforderlich, daß die Arbeitszeit in einer Branche sich einregelt nach den vor- handencn Arbeitslosen. Wenn eine bestimmte Anzahl Arbeitsloser als diejenige Zahl be- trachtet wird, die, fei es infolge von Krankheit oder wegen Un- fähigkeit, in der Wirtschaft keine Aufnahme finden kann, oann müßte di« Wirtschaft ihre Arbeitszeit verlängern können, wenn sie mit Aufträgen versehen ist, aber über diese Zahl hinaus keine Ar- beitslosen am Ort gemeldet sind. Steigt die Anzahl der Arbeits- losen am Ort, ist die Arbeitszeit wieder eventuell bis 40 Stunden pro Woche herabzusetzen. Die Befürchtung, daß bei Verkürzung der Arbestszeit nicht genügend Arbeitsplätze für die neu einzustellenden Arbeiter vorhanden fein werden, scheint doch wohl im großen und ganzen unberechtigt. Schließlich hatten ja von den heule Arbeikslosen vor 2 Jahren noch zwei Drittel ihre Plätze. und diese werden bis auf diejenigen Betriebe, die sich ganz be- sonders weitgehend rationalisiert haben, auch noch vorhanden lem. Sollte in einzelnen Betrieben die Einstellung neuer Arbeiter un- möglich sein, dann müßte dieser Betrieb eben sehen in 40stündiger Arbeitszeit nnl dem verkleinerten Umsatz, der eine Folge der Re- duzierung der Arbeitszeit wäre, seine Existenz zu finden. Da viele Betriebe, wie der Reichsverband der deutschen Industrie stets be- tont, verkürzt arbeiten, ohne zugrunde zu gehen, werden sie auf dieser Basis, falls ihnen die Fähigkeit oder die Möglichkeit niangelt, ihren Betrieb entsprechend einzurichten, stehen bleiben. Es werden dafür sicherlich andere unternehmendere Konkurrenten ihre Betriebe erweitern, um d«n Mehrbedarf zu decken. Der Hinweis auf Gasanstalten und Elektrizitätswerke dürfte übrigens falsch sein, da gerade bei derartigen Betrieben, die kontinuierlich arbeiten, durch die Reduzierung der Schichtzeiten eine entsprechende Regelung von Neueinstellunge» mög- lich sein muß. Es ist dies nichts weiter als eine mathematische Auf- gab«. Sie ist durch das Springersystem heute schon bei Werken wie Krupp. Leuna usw., gelöst. Natürlich sind damit Unannehmlichkeiten verbunden, mit denen aber doch gerechnet werden muß, wenn man derartige Probleme lösen will. Es muß natürlich scharf unterschieden werden zwischen: 1. den Betrieben, die infolge Rationalisierung und technischer Entwick- lung mit weit weniger Arbeitern als früher die gleichen Leistungen vollbringen, bei denen also die Arbeitslosigkeit im wesentlichen die organische Folge der wirtschaftlich-technischen Entwicklung ist. und 2. denen, bei welchen die Handarbeit nicht durch Ma- schinen ersetzt werden konirt«, und die Arbeitslosigkeit eine sekundäre Erscheinung ist. Zu den Befürchtungen wegen der Verkürzung der Arbeitszeit bei vielen Betrieben- bei denen aus faisonmäßigen Gründen starke Schwankungen des Beschäftigungsgrades sich ergeben, ist zu sagen, daß diese Gefahren zum großen Teil überschätzt werden. Es ist nicht einzusehen, wieso zum Beispiel die Konf«ttion, wenn sie mit einer größeren Lieferzeit zu rechnen hat, ihre Dispositionen nicht früher machen würde. �aß dies möglich ist, beweisen die Dispositionen der Übersee- ifchen Importeure, die bereits im Februar ihre Aufträge an Ehristbaumschmuck und Spielsachen für das Weihnachtsgeschäft erteilen. Gewisse Schwierigkeiten dürfen lediglich bei Auslands- g«schäften in Textilien bei der schnell wechselnden Mode auftreten, für die ja Sonderbestimmungen erlassen werden könnten. Im übrigen dürfte ein jeder wissen, der im Ausland Importgeschäfte ge- macht hat, day wir!n bezug auf Lieferzeiten fast allen Konkurrenten über sind. Da im übrigen die Leistung des einzelnen Arbeiters in 40 stunden pro Stunde größer ist als in 48 Stunden. würde die Lieferzeit sich nicht proportional verlängern. Wenn in den Ausführungen der Arbeitgeberoerbände darauf hingewiesen wird, daß die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze überflüssige Kapstal- inoestierungen darstellt, so beweist dies, wie sehr die Sstuation ver- kannt wird. Wir leiden ja zur Zeit in Deutschland gerade unter zu vielen leeren Arbeitsplätzen. Das wichtigste Cr- fordernis ist eben die Schaffung neuer Arbeitsmöglich« keiten für die ruhenden Hände, die ja auch ernährt werden müssen, wenn sie keine Tätigkeit ausüben. Eine er n st hafte Befürchtung betrifst den Rückgang in der Qualität des Erzeugnisses durch häufigeren Schicht- Wechsel. Jedoch erleben wir einen allgemeinen Rückgang der Qua- litäten besonders bei denjenigen Verbrauchsgütern, in welchen die Maschine die Handarbeit ersetzt hat. Es ist klar, daß das Produkt, welches heute in Massen für den Verbraucher hergestellt wird, nicht mehr die Qualitäten besitzen kann, wie das h a n d w e r k l i ch c. Schließlich wird jeder Unternehmer, schon um konkurrenzfähig zu bleiben, sich bemühen, einer Schädigung der Qualität durch den Schichtwechsel zu begegnen. Zu den etwas ausgesuchten Beispielen, die die Arbeitgeber- verbände anführen, um die Unmöglichkeit einer Verkürzung der Arbeitszeit darzulegen, ist das mit den Gruppen von drei und fünf Arbeitern, die Hand in Hand arbeiten, das Ausgeklügeltste. Die ge- ringste Verbesserung an einer Maschine ergibt schon Divergenzen in den Arbeitsleistungen von ganz anderen Ausmaßen. Die Arbeitszeilverkürzung soll nicht nur in Industrie und Handwerk, sondern auch in allen anderen Betrieben eingeführt werden, wo die Maschine als Hilfsmittel zur Personalverringerung geführt hat, also z. B. in Banken und im Handel. Es ist auch keineswegs ein- zusehen, warum mit den zeitsparenden Rechenbuchungsmaschinen usw. nicht wesentlich kürzere Zest gearbeitet werden soll. Selbst wenn aber diese Betriebe nicht berücksichtigt werden, ist das Instiiut für Konjunkturforschung der Meinung, daß weit über eine Million Arbestslose trotz aller Reibungsverluste bei der 40-Stunden-Woche wieder eingestellt werden könnten, eine Zahl, die immerhin außer- ordentlich wesentlich ist. Es werden im übrigen in dem Rundschreiben die Verluste nicht gewertet, die der Wirtschast dadurch entstehen, daß die Arbeitslosen ihr Handwerk und ihre Fertigkeit verlieren. Die h o ch q u a l i- fizierte Arbeiterschaft stellt einen wesentlichen Teil unseres Volksvermögens dar. Zusammenfassend muß gesagt werden: 1. Die stets gestiegenen Umsähe im Inland sowohl wie die im Export seit 1924 beweisen, daß nicht die Lahnerhö Hungen uns in die jetzige Krise gebracht haben. 2. Die Talsache, daß die Arbeilslosigkeil in den meisten anderen Ländern fast in gleichem Umfange auslritt, weist darauf hin. daß die gerade in den letzten Jahren Ins Phantastische entwickelte Gülei> erzen gung, die Arbeilslosigkeil und damit erst den Konsulnrückgang gebracht hak. 3. Der E n d p r e i s eines Produkkes kann sich niemals prozentual so verringern, als die L o h n v e r r i n g e r u n g in Prozenten ausmachi, da in jedem Preis eines Produktes Kosten enthalten sind, die nicht von Lohnsenkungen berührt werden. 4. De? Ruf nach Preissenkung hat nur Sinn, wenn die Löhne dabei nicht gesenkt würden, nur so kommt eine geringe Konfumerhöhung zustande. Bei den Lasten der Wirtschaft und den geringen derzeitigen Umsätzen ist eine solche bedingte Herabsetzung zur Zelt im großen und ganzen nicht möglich. Schon jetzt erheben sich die S.immen. die sich von Preissenkungen größeren Umsatz versprachen und schon enttäuscht sind.(Klöckner.) Da, wie gesagt, bei 10 Prozent Lohnabbau das Endprodukt sich nur um höchstens Z Prozent ermäßigen kann, wird der Kon- sumcnt, der die Zusammenhänge nicht versteht, den mangelnden Erfolg der Preissenkung dem Unternehmer in die Schuhe schieben. Die Kluft zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber wird vergrößert, die Radikalisierung gefördert werden. Zweimal Lohnsenkung. Die Echwenndusirie w.eder voran. Essen, 24. Dezember. Zwischen dem Arbeitgeberverband der Eisen- und Stahlindustrie und den Angestelltengewerkschaften haben gessern Verhandlungen stattgefunden, bei denen den Vertretern der Angestellten eröffnet wurde, daß der bestehende Gehallstarif zum 31. März 1931 zum Zwecke einer neuen Gehaltsreduzierung gekündigt wird. Gleichzeitig werden den Angestellten„vorsorglich" die Ei nzelarbeits vertrüge zum 31. März 1931 und, soweit Kündigungsschutzfristen einzuhalten sind, zum 30. Juni 1931 aufgekündigt. Die Angcstelltenvertreter haben auf die Härte dieser neuerlichen Gehaltssenkung hingewiesen, nachdem bereits in Anlehnung an die Lohnsenkung der Arbeiter eine 7l4prozentige Gehaltskürzung auch bei den Angestellten erfolgte, die am 1. Januar 1931 in Kraft tritt. Es wurde ferner auf die psychologischen, wirt- lchaftlichen und sozialen Auswirkungen dieser weitgehenden und unerwarteten Maßnahmen des Arbeitgeberoerbandes aufmerksam aeimicht Die Verhandlungen werden voraussichtlich erst im Fe- bruar oder März fortgeführt werden. * Man sieht, den Schwerindustriellen kommt der Appetit beim Essen. Die Preise hallen sie unerträglich hoch. Es zwingt sie ja niemand abzubauen. Das Reichswtrtschaitsministenum hat andere Sorgen. Aber die Vorkämpfer gegen die.„Zwangsschiedssprüche" sind um so eifriger dabei, mit Hilfe der entsprechend instruierten Schlichtungsinstanzen die Löhne immer weller zu senken. Lohnabbau auch in Dänemark. Kcpenhagen. 24. Dezember.(Eigenbericht.) Die dänischen korporativen und privaten Schlächtereien haben die Tarifverträge für sämtliche 5000 Arbeiter zum l. April gekündigt. Die Schlächtereien beruscn sich auf die Landwirtschaftskrise und fordern einen Lohnabbau. Verantwortlich für Politik: Victor Schiff; Wirtschaft:®. itllnaelhöscr; Gewerkschaftsbeweguno: 3. Steiner; sseuilleton: Dr. Zobn S�ilowzti: Lokales UNS Sonstiges: grit, ttarstädt; Anzeigen: Ti>. SloSe: sämtlich in Berlin. Verlag: VorwSrts-Vcrlag G m. d. S.. Berlin. Druck: vorwiirts.Buckdrnckerei und Verlagsanstali Paul Sngcr u. Co.. Berlin SW«8, Lindenstraste 3. Sierz» 3 Beilagen und„graucnstimmc". RasaNs M!<. 1.10, gr. Fl. Mk. 2.75, In Apotheken und Drogerien, sonst durch OTTO REICHEL, Berlin SO, EisenbehnstraBe 4. Verlangen Sie kostenlos das reich Illustrierte Buoh„Guter Rat In gesunden und kranken Tagen". Nr. 603* 42. Iahrgang 1. Beilage des Vorwärts Donnerstag, 25. Dezember 1930 Wir konnten gestern in einem Budi hläUcrn und e* klopfte an die Tür. Wir konnten ein Streichholz anzünden nud es klopfte an die Tür. Wir konnten eine Scheibe Brot absdineiden und es klopfte an die Tür. Wir konnten machen, was mir wollten, immer klopfte es an die 7 ür und drauflen stand ein Mensch und barmte:..Ach, lieber Herr, ein armer Mann bittet um eine kleine Gabe.. Schließlich rechneten mir im stillen: das mar eben der Dritte, der einen Kragen um hatte. Hätten diese Menschen gewußt, wie es hinter den Türen aussah, an die sie pochten, sie hätten es sidi erspart. Denn der Schein trügt. Der aufgewühlte, mensdiendurdi flutete City-Block, dieser nervenzer reißende Kampf des Handelns um den Käufer, der seinen Höhepunkt erst erreicht, wenn sich die Sdiatlen der Heiligen Macht schon in die Iläuserschlnditen senken, das ist ja nidil Berlin. Bestenfalls nur ein Teil. In der Vorstadt sieht es ganz anders aus, denn hier bedeutet Weihnachten Mühsal. Was nicht einmal etwas mit der heutigen Zeit der Not zu tun hat. Denn audi hier trügt der Schein. Weihnachten heißt in der Vorstadt eine ganze Wodie erzwungener Arbeitslosigkeit, kraft der Allmacht des Kalenders. Für den kommenden Sonnabend oer- lohnt es sich nicht, die Kessel für einige Stunden zu heizen, für den folgenden Montag und Dienstag ebenso nicht, also bleiben die Fabriktore bis zum neuen Jahr gesdilossen. Das heißt eine Woche lang kein Geld. Und am Mittwoch, am Heiligen Abend, heißt es nodi obendrein:„Ich bedhuere sehr, aber idi kann Ihnen nichts geben, idi sdiaffe es nidit, bis ein Uhr mittags die fjöhne auszurechnen; außerdem haben die Banken zu." So ist die Wirklichkeit. Inzmisdien klopfte es wieder, diesmal stand einer ohne Kragen vor der Tür.„Eine kleine Gabe!"„Aber Mann, warum kommt ihr denn bloß alle in diese Jammergegend, hier ist doch nichts zu holen." Da sagte der Bettler: „Wenn bei den Arbeitern schon nidits mehr zu holen ist, bei den Reihen shon längst nichts." So kamen wir mit einem Zerlumpten, bariumhangenen, ausrangierten; ehemaligen Mitglied unserer Gesellshaftsordnung ins Gespräh. Ein Marktplatz, eine Herberge und ein Pudel. Dieser Mann hatte einen Treffpunkt. Da wollte er am Welligen Abend sein. In einer kleinen Stadt, etwas abseits von Berlin, aber gar nicht so weit. Land st reicher machen öfter einen Treffpunkt aus. Bisweilen liegen zwischen zwei solcher Treffpunkte Jahre, manchmal auch ein Jahrzehnt. Denn Landstreicher haben noch das, was wir verloren haben: Zeit. Auch die kleine Stadt, in der wir selbander marschierten, hatte Zeit. Die Häuser standen noch da wie vor fünfhundert Jahren. Rur die Querbalken des Fachwerks mit ihren eingebrannten, verwitterten Lettern hatten sich, ein wenig müde geworden, zur Mitte gesenkt. Im Westen zog sich über den verhangenen, tiefgrauen Schneehimmel ein leuchtend kupferroter Streifen, irgendwo mußte dort die Sonne untergehen. Vom alten Kirchturm her läuteten die Glocken den Ztbend ein wie vor fünfhundcrr Jahren. Uebcr das holprige Pflaster des ausgestorbenen Marktes stiefelten bedächtig zwei Männer, einer von ihnen schnupperte in der Lust und sagte:„Heute gibt's noch Schnee, es riecht so danach." Dann kam der Schnee, leise und kalt. An den überall gleichen Stubenfenstcrn mit den beiden Gardinen� wölken hockten die Frauen und strickten. Wenn jemand vorüberging, sahen sie auf und grüßten. Der Böttcher hatte über seiner Ladentür ein Faß, der Goldschmied einen Ring und der Schlosser einen großen Schlüssel gehängt, in dieser Stadt war die Zeit stehengeblieben. Manche Menschen sagen auch, in solchen Kaffs wäre nichts los. Abends gingen wir in die Herberge zur Heimat. Wir mußten uns erst an die Dunkelheit der kümmerlichen Fremdenstube gewöhnen: daß in einer Ecke eine Kerze flackerte und tiefe Schatten über die zerzausten Landstreichergesichter warf, machte den Rahmen nur noch schauriger. Wir dachten: so sehen Räuberhöhlen in den Märchenbüchern aus. Wir teilten dies« Stube mit etwa zwanzig Männern, genau drei Frauen, einem Pudel und einer Katze. Der Pudel gehörte einem Leiermann, der spät gekommen war, dessen Drehorgel auf dem Hof unter einem Schuppen stand. Aber der Pudel schlief. Die Katze hob eine der Frauen vom Ose» weg, drückte sie an sich und fragte das Tier:„Wo ist denn meine Miez?" Beim Schein der Kerze sprachen wir von Weihnachten. Aber wir hätten ebensogut über eine Kirchweih oder ein Begräbnis sprechen können. Denn irgendwie sind diese alten Spcckjäger� weise, der morgige Tag läßt sie unbeküimnert, s ie h a b cn keine Sorgen me Hr. Dabei muhten wir sehr aufpassen und uns im Gespräch keine Blöße geben, denn die Landstraße von 1930 ist nicht mehr die von tOlZ. Viele der alten Leute hätten uns ihre Jnvalrdenkarte Nummer 20, 22 oder gar 25 vorweisen können, sie kaniüen noch sehr gut unsere Welt. Und als wir uns einiges stenographierten, lachte ein Junger und meinte:„Wie das aussieht, wenn man mal wieder Stenographie sieht, ich kann das auch, aber nicht Stolze-Schrep, sondern Gabels- berger." Ein anderer Junger sagte:„Wünschen Sie unseren Schlaf- räum zu sehen, damit Sie eine gute Milieuschilderung geben können?" Wie ein Keulenschlag traf das:„Milieuschilderung", diese gewählte Ausdrucksweise. Vorgestern war ein Anhänger Hitlers in der Herberge. der ging bald wieder, nachdem sie eine Nacht und einen Tag über das Dritte Reich mit ihm diskutiert hatten. Als wir dann von jenem Heim- weh sprachen, das alle Männer einmal überfällt, wo sie alles stehen und liegen lassen möchten, um irgendwohin zu fliehen, verbesserten sie uns und sagten:„Ach, Sie meinen Fernweh, ja, daran leiden wir olle." So sprachen die 18- bis 25jährigen in jener Herberge, die die Maschinen, die in die Städte kamen, hinaus a»? die Landstraße ge- Lotzen haben. Oer Bogen um die»Heiligkeit''. „Aber wir sollten Ihnen ja von Weihnachten erzählen. Da ist eins wie das andere. Wenn es geht, meiden die alten Kunden am Heiligen Abend die„Heiligkeit", das ist unser Spitzname für die frommen Herbergen Bodelschwinghscher Richtung. Wir wollen am Heiligen Abend nicht auch noch eine Predigt hören. Denn ein Christbaum steht ja auch in jeder wilden Penne. Manchmal läßt es sich aber nicht vermeiden, daß wir in die„Heilig- keit" gehen, wie damals in Hersfetd an der Rhön. Meistens sind die Polizisten am Heiligen Abend brummig, weil noch ein paar Kunden angekleckert kommen und einen Obdachlosenschein haben wollen, es dauert an diesem Tage etwas länger als üblich. Wir gingen dann rüber in die„Heiligkeit", der Hausvater hielt seine Ansprache und um 9 Uhr krochen wir in die Falle. Beim Einschlafen hörten wir vom nahen Kirchturm einen Bläserchor„Stille Nacht, heilig« Nacht" spielen. Wir dachten, gut, dann erzählen wir uns eben Witze. Da tam der Herbergsvater herauf und schimpfte:„Dieses Haus ist ein christliches Haus, wenn ihr die Strafe Gottes nicht fürchtet, dann will ich nicht, daß sie über mein Haus komme!" Am nächsten Morgen stapften wir über den dichten Schnee der Rhön durchs Gelnrge, in einem Dorf gingen wir zum Gemeindevorsteher und meldeten uns wieder obdachlos. Der war auch ärgerlich, daß am ersten Feiertag ihm ein paar Penner auf die Bude rückten, schickte uns dann aber doch ins Armenhaus. 5)i«r war nur eine arme alte Frau, die uns fragte, ob wir Kuchen hätten. Nein, antworteten wir, dann müßten wir gerade einmal zu den Bauern gehen. Zu Weihnachten ist ja mm alles msileidig, und so dauerte es gar nicht lange, da hatten wir einen schönen Batzen Kuchen. Die alt« Frau kochte Kaffee, wir zogen uns die Schuhe aus und wärmten uns am Ofen ordentlich durch. Das war ein sehr gutes Weihnachten für uns." „Ich habe noch kein Schlafgeld, will jemand ein Paar Stullen kaufen, dick beschmiert und mit viel Wurst, zwanzig Pfennige das Paar," unterbricht uns ein alter Speckjäger, der eben erst zurückgekommen ist und zwei Tage die Dörfer der Um- gegend abgeklappert hat.„Nee," sagen seine um die Kerze sitzenden Kollegen,„ist zu teuer," und dann leise zu uns gewandt:„Mann, wir sind doch nicht verrückt, wir haben s o eine Quelle, da kriegen wir einen ganzen Berg Wursteckcn für'n Sechser!" Dann können wir weiterreden über Weihnachten.„Ja, ich muß erst eimnal überlegen, uns ist nämlich Weihnachten so piepe, Zlch ja, Kinder in höchster Gefahr. Vierjähriger Zunge steckt die Wohnung in Brand.— Ein Feuerwehrmann als Netter. Zm hause königsberger Straße 36 spielte sich gestern ein aufregender Vorfall ab. In der Wohnung des Schlossers P.. die im Hochparterre des Seitenflügels liegt, waren die drei Kinder im Alter von vier Wochen bis vier Jahren allein anwesend. Die Abwesenheit der Eltern benutzte der vierjährige Zunge dazu, um mit Streichhölzem zu spielen. Dabei kletterte er auf einen Stuhl und versuchte eine Kerze an dem Weihnachtsbaum, der in der Wohnstube bereits geputzt dastand, anzuzünden. Das Kind kam plötzlich der Gardine zu nahe, die im Augenblick in Flammen ausloderte. Zn wenigen Minuten war das Zimmer völlig mit Qualm erfüllt, und die beiden älteren Kinder krochen in ihrer Angst unter die Betten, von einer Hausbewohnerin wurde auf dem hos. Rauch bemerkt. Sie versuchte in die Wohnung Einlaß zu bekommen, als aber niemand öffnete und das jüngste Kind unaufhörlich schrie, lies die Frau zum Feuermelder, um die Wehr zu alarmieren. Inzwischen war jedoch ein Feuerwehrmann, der Brandmeister Wiltke, der zufällig an dem Hause vorüberging. über eine Leiter in die Wohnung eingedrungen und hatte die drei Kinder in Sicherheil gebracht. Sic waren durch die Rauchgase stark mitgenommen. Die Wiederbelebungsversuche waren bei allen dreien nach kurzer Zeit erfolgreich. Das Feuer, das sich aus Möbelstücke auszudehnen drohte, konnte dann schnell gelöscht werden. Todessturz am Weihnachisabend. Ein schwerer Verkehrsunfall ereignete sich gestern nachmittag unter der Cisenbahnbrück' in der Wollankstraße in Pankow. Der Lljährige Motorradfahrer Erich Linke aus der Görfchstr. 14 in Pankow überfuhr den Zeitungshändler Otto P l e n n c r aus der Berliner Straße 4, der gerade den Fahrdamm überschreiten wollte. Linke kam mit seinem Rad dabei so unglücklich zu Fall, daß er auf der Stelle getötet wurde. Der Zeitungshändler, dem osfenbur die Schuld an dem Unfall beizumessen sein dürste, mußt« mit erheb- liehen Kopfverletzungen in dos Pemkower Krankenhaus gebracht werden wir kamen von Melnitz und marschierten nach Bad Gn stein. Als wir von den Bergen kamen, lag Bad Gastein wie eine Märchcnstadt unten verschnesi im Tal. Wir waren fürchterlich abgebrannt, ich hotte wohl drei Hosen an, aber eine so zerrissen wie die andere. Nun kann man sich in Oesterreich nicht etwa obdachlos melden, da würde einen der Gendarm sofort ins Spritzenhaus stecken und dann, da wir Reichsdeutsche waren, gleich über die Grenze abschieben. Wir trotteten also durch Bad Gastein, sahen in die festlich erleuchtete» Fenster und wirklich, hier kam uns das große Kotzen an, nichts zu fressen und da drinnen der Jubel. Wir klopften erst gar nicht irgendwo an. machten auch in Hofgastein keinen Hall, bis wir in tiefster Dunkelhesi an«inen«infamen Bcrgbauernhof kamen. Uralt war das Haus, das Dach reichte fast bis auf die Erde, wir sicherten uns noch schnell, ob auch kein Hund da wäre, dann riefen wir:„He, Bauer. macht's mal auf!" Nun, der Mann machte auf, er war ja etwas erstaunt, aber schließlich sagte er:„Nu, geht's eini in den Pferde- stall, da ist's warm und Decken hat's auch, schloft's da!" Wir ließen uns nicht lange nötigen." Ehristoph, des Kundenkönigs Tod. „Vergangene Weihnacht war es ziemlich traurig. Da ist Christoph, der König der Kunden, gestorben. Christoph war ein alter Droschkenkutscher aus Berlin. Dem war die Frau mit einem anderen durchgegangen, darüber wurde er ganz trübsinnig, das Geschärt ging auch immer schlechter als di« Autos aufkamen, und so kam' er aiif die Landstraße. Am vergangenen Heiligen Abend, w'a wir noch alle schnell„stoßen" gingen, um einige Pfennige zusammen- zukriegen, ging er schon nicht mehr aus der Herberge heraus, sondern blieb am Ösen sitzen. Als wir in der Dännnerstuude wiederkamen. fragten wir ihn noch:„Christoph, ist dir schlecht?"„Ja," sagte er. „mir ist ganz mies, bringt mich doch mal noch oben." Wir schleppten ihn in eines der Betten, brachten ihm Schnaps, damit er sich auf- wärmen konnte, dann war es bald vorbei mit Christoph. Das Atmen si«l ihm immer schwerer, wir rannten schnell zum Arzt, und als der endlich kam, sagte dieser:„Ja, hier kann ich auch nichts mehr machen. d c r A l t e i st t o t." So hatten wir am Heiligen Abend oben einen Toten im Bett. Als wir seine Taschen uinkramten, fanden mir noch 500 Milliarden wertloser Inflationsscheine, das war seine Hinter- lassenschast. Den unt«n in der Fremdenstube versammelten Kunden sagten wir nichts von dem so plötzlich erjolgtc» Tode Christophs, wir schleppten die Leiche herunter und versteckten sie auf dem Hof. Wir gingen zeitig schlafen, am nächsten Morgen, am ersten Feiertag, stiftete der Herbergsvater für alle Kunden eine echte Tasse Bohnenkaffee und zwei Stücken Kuchen. Das war unser letztes Weihnachten." Abschied von der Braut. Inzwischen war es in der Fremdenstube noch voller geworden, auch etwas lauter, denn Gustav wollte sich von seiner Braut trenne». Wir glaubten, sein Mädchen— es war wirklich ein Mädchen, wie Gustav auch einer von den Jüngsten in der Herberge war— wäre ihm untreu geworden, aber nichts von alledem, sein Mädchen siihlte sich nur vernachlässigt, weil Gustav abends immer so lange Karten spielt. Da wallte in Gustav der Freiheitsstolz auf und er verkündete allen trotzig:„Macht, was ihr wollt, ich haue ob, ich brauche keine Weiber!" Dann packte Gustav seine sieben Sachen ein, wenn es sieben waren, die jüngeren Kunden sahen sich das Mädchen an und dachten: dann wird sie eben meine Braut. Nur die alten Speckjäger, die rund um den langen Tisch saßen, verschwendeten weder einen Blick nach dem Mädchen noch hörteit sie zu. Dann kam die alle Cmmi, ein Kljähriges Mcnschenwrack, das auch einmal bessere Tage gesehen hat, stellte ihren Fcldstuhl am Ofen aus und begann sich die Haare zu kämmen. Früher führte sie ihrem Bruder die Wirtschast, nachdem dieser Bruder gefallen war, wurde auch sie trübsinnig und landete schließlich in den Herbergen zur Heimat. Jetzt handelt sie mit Streichhölzern, manchmal singt sie auch, sie soll eine ganze Menge zusammcnkriegen. Aber sie spart alles. Sie ist der personifizierte Geiz, schläft nie in ein«m Bett, denn das kostet ja 40 Pfennig pro Nacht, sondern auf einer harten Pritsche, die umsonst ist. Als die alten Kunden zu ihr sagten:„Emmi, kauf dir doch eine Decke, da oben ist es doch kalt," brummte sie nur und meinte, ein alles Weib brauche keine Decke inehr. Das ist die alle Eimni, wäre sie ein Mann, sie wäre widerspruchslos der Nachfolger Christophs, des Kundenkönigs, geworden. Wir tippen noch eimnal an und fragen nach dem diesjährigen Weihnachten.„Tja," meinte einer,„wir merken die Krise auch, Groschen gibt es gar nicht mehr, und wo es sonst Sechser gab, gibt es Heuer nur Pfennige. Aber bange sind wir eigentlich nicht, zu Weihnachten ist die Welt mildtätig, und wenn wir uns am Heiligen Abend soviel zusammengefochten haben, daß wir uns besaiifen können, dann sind wir ja schon zufrieden." -» „Zufrieden" hatte der all« Pennbruder gesagt. Wir sprachen nicht viel, als wir durch die klare, kalle Winternacht zurücktrotteten. Im Westen leuchtete jetzt der Orion, fern und schön. Irgendwo waren unsere Gedanken.... Schwindel mit Bürgerfieuer. Niemand zur Einziehung befugt! In Eharlottcnburg ist in diese» Tagen ein Betrüger ausgetreten, der sich unter dein Borgeben, mit der Erhebung der Bürger st euer beaustragt zu sein. Geld erschwindelt. Er wendet sich besonders an geschäftsungewandte Haus- v n g e st e l l l«> läßt sich ihre Steuerkarte vorlegen und quittiert über die erschwindelten Beträge auf den Steuerkartennbschuitten mit einem Stempel„Betrag erhalte». Deutsch". Wir möchten des- halb darauf hinweisen, daß die Bürgcrsteilcr, deren erste Rate übrigens erst am 10 Januar 1931 fällig ist, ebenso wie die anderen Staats- und Gemeindesteuern nicht durch Beamte von den Steuerpflichtigen und ihren Arbeitgebern abgeholt wird. Nur bei Durchführung des Mahn- und Zwangsvollstreckungsverfahrens sind die Vollziehungsbeamten ermächtigt, Zahlungen außerhalb der Steuertasse entgegenzunehmen. Die Vollziehungsbeamtcn sind mit D i c n st s ch i l d und beglaubigtem Lichtbildausweis versehen und legen stets einen Mnhnzettel oder Pfändungsbefehl vor. Sie quittieren über die erfolgte Zahlung stets mittels Quittung aus ihrem Durchschreibeblock, niemals auf anderen Schriftstücken. Drei Lugendliche unier Mordverdacht. Oer MorS in der Stargarder Straße vor der Ausklärnng. Unter dem dringenden Berdachl, den brutalen Raubmord an dem betagten Ehepaar Rick mann in der Stargarder Straße 47 verübt zu haben, wurden in der Rächt zum Mittwoch in Herbergen der Stargarder Straße und der Pappel-Allee von der Mordkom- Mission drei junge Burschen festgenommen und nach dem Polizeipräsidium gebracht. Schon bei den ersten Untersuchungen, die die Kriminalkommis- sare Dr. Wächter und Nebe mit ihren Beamten am Tatort vor- nahmen, kamen sie bald zu der Erkenntnis, daß sie nicht nur mit einem, sondern init zwei, vielleicht auch mit mehr Tätern rechnen inüßten. Andere Anzeiche» deuteten darauf hin, daß man die Täter in den Llreiscn jugendlicher Burschen zu suchen habe. In der Stargarder Straße und ihrer Umgebung sind eine Reihe von Herbergen und U n t e r k u n s t s st ä t t« n. in denen die Ar- b« i t s- und W o h u u n g s l o s e n zu nächtigen pflegen. Alle Besucher wurden unaufsällig, aber- sehr eingehend beobachtet und besonders Verdächtige auf ihren Gängen verfolgt. Schließlich blieben drei junge Burschen übrig, auf die man ein scharfes Augenmerk richtete. Es sind ein 20 Jahre alter Walter P.,«in 22 Jahre alter Otto H. und ein 23 Jahre alter Erich M. Diese drei hatte man früher sehr oft beieinander gesehen. Nach dem Bekanntwerden des Mordes aber schienen sie ihr Benehmen zu ändern. Sie trafen sich nur ab und zu und versuchten dann, diese Zusammenkünfte als Zufall hinzustellen. Nach einer kurzen geflüsterten Besprechung trennten sie sich bald wieder. Sie nächtigten auch in verschiedenen Herbergen und nicht mehr gemeinsam wie sonst. Weil sich der Ver- dacht gegen dieses Trio mehr und mehr verstärkte, wurden sie seit Montag nicht mehr aus den Augen gelassen. Schließlich wurden sie in der Mittwochnacht gegen 3 Uhr aus den Herbergen geholt pnd in das Polizeipräsidium eingeliefert. Die Mordkommission hat inzwischen-so viel Beweis Material gegen sie zusammen- getragen, daß an ihrer Täterschaft kaum zu zweifeln ist. Der Alex einst und jetzt. Die im östlichen Vorraum zum neuen U.-Bahnhof Alexander- plaß angebrachten Bilder aus der Vergangenheit des Alexander- Platzes haben Zlufmerksamkeit und das Interesse der Zlllgemeinhoit gefunden. Die Entwürfe für die von der Staatlichen Porzellan- Manufaktur hergestellten Bildplatten aus Porzellan sind von nam- hafte» Künstlern gefertigt, und zwar ist das Bild vom Jahre 1730 von Johannes Boehland. das Bild vom Jahre 1780 von Ger- Harb Ulrich, das Bild vom Jahre 1785 van Friedrich W i n ck l e r- Tanneuberg, das Bild vom Jahr« 1830 von Prof. Ludwig B a r t n i n g, das Bild vom Jahre 1900 von Tommy P a r- ging er, das Bild vom Jahre 1930 von Prof. Ernst Böhm gefertigt. Ruhiger Weihnachtsabend Menschenleere Strafen— Weihnachten in der Schupo-Kaserne Der Weihnachtsabend ist in ganz Verlin vollkommen ruhig verlaufen. Die große Zahl der Erwerbslosen, deren Rot und Elend das Weihnachtsfest nur noch greller beleuchtet, ist den Zrrsinnsparolen der Kommunisten nicht gefolgt. Wohl kam e» im Rorden in den frühen Rachmittagsstunden und später auch im Westen Berlins zu kleinen Ansammlungen Halbwüchsiger. Mühelos konnten die Demonstranten zerstreut werden. So ist denn der gestrige Tag glücklicherweise ohne die angekündigten Zwischenfälle geblieben und die Polizei konnte sich auf den Lereitschaslsdienst beschränken. Schon in der fünften Nachmittagsstunde nahm der Verkehr in der Innenstadt merklich ab. Der große letzte Sturm auf die Waren- Häuser und Spezialgeschäfte ließ nach und Ruhe legte sich eine Stunde später auch über die Außenbezirke, als die Läden um 18 Uhr chre Pforten schlössen. Bald flammt schon hier und dort ein Weihnachtsbaum auf; für viele wird der Tannenbaum wohl die einzige Festesfreude sein, und wieviele müssen auch auf diese bescheidene Freude verzichten! Die Rcichsbahndirektion lzaUe, wie im Vorjahr, auf den Bahnhöfen riesige Tannen aufgestellt. Strahlende Lichter- bäume gnißten die Reisenden an den Eingangspforten. Auch einige große Restaurationsbctricbe haben wieder silbergeschnmckte Tannen- bäume mit unzähligen Kerzen vor den Eingängen aufgestellt. Weihnachten in der S ch u p o k a s e r n e! Viele Be- amten haben keine Angehörigen in Berlin, nicht alle haben zu gleicher Zeit beurlaubt werden können. Da sitzen die„Hüter der Ordnung", so- fern sie nicht dank der irrsinnigen Parolen der Komnmnistcn auch diesen Abend auf der Straße zubringen müssen, gemeinsam in ihren Unterkünften und feiern im Kreis« der Kameraden die Weihnacht. Ein großes Hollo entsteht, als ein Schupawachtmeister mit Paketen schwer beladen den Raum betritt. Er hat den Ver- k e h r s p o st e n an. einer wichtigen Kreuzung im Berliner Westen und die Autofahrer haben ihn, wie viele seiner Kameraden, reich beschenkt. Jeder bekommt etwas ab. In einem Falle hat ein Schupowachtmeister seine Schokoladenspendc unter arme Kinder verteilt. Solche Zeichen wahrhaft edler Gesinnung sind Lichtblicke in diesen Tagen trostloser Weihnacht. Die letzten Giunden... Der Weihnachtsmarkt ist zu Ende. So aber sah es noch gestern abend aus: Die letzten Stunden... Das Weihnachtsgeschäft geht seinem Ende zu. Noch einmal strapazieren die Straßenhändler ihre Lungen, noch einmal sucht nian die Säumigsteu der Säumigen herbeizulockeen... Da sind die Leute mit den Spezialitäten—. Wohl dem, der einen Schlager auf den Weihnachtsmarkt gebrocht Hot—. Zufrieden schmunzeln die Glücklichen mit der„Mitki)-Maus", die eine Absatzhausse erlebte, wie wohl selten ein Scherzartikel. Aber andere sind schlechter daran. Beweglich klagt mir ein Händler fein Leid, dem irgendeine obskure Firma eine als„Bombenschlager" gepriesene Novität, Parfümzerstäuber„Erik a" genannt, angedreht hat.„Erika" war eine schlimme Niete—, kein Mensch wollte sich von ihr etwas vor- stäuben lassen. Bon 300 Stück hat der Händler bis zum Mütag des 24. Dezember ganze Siebenundzwanzig abgesetzt... Der Arme, der seit über acht Tagen in Frost und Wind steht, friert und sich heiser brüllt, hat beinahe umsonst gearbeitet.— Er ist keiner von der Branche, sondern ein Arbeitsloser, den gerissene Schieber mit einem Ladenhüter übertölpelt haben.— Nun kommt er müde und zerschlagen am Heiligen Abend nach Hause. Es war wieder umsonst. Von flottem Absatz erzählen die T a n n e n b a um h ä n d I e r. Aber dos Geschäft war trotzdem flau. Die Preise der Grossisten, hoch, ja unerschwinglich, fraßen auch hier dem kleinen Mann den Verdienst fort. Er. nur er bekam die allzu hohen Preise zu spüren. Das Publikum hielt sich zurück und mehr oder weniger freiwillig senkten sich die Preise bis zu 50 Prozent. Es ist ein W c i h n a ch t s f c st der Sorg«, das die Glocken einläuten... I Falscher Kontrolleur. Lleberfällt, knebelt und beraubt eine Frau. Do» Opser eines llebersalles ist die Ehefrau eines Elektrotechnikers, Mari« S„ in der Snesebeckstraße 146» in Reukölln geworden. Bei der Heimkehr am Mittwoch fand ihr Mann sie m i t g e- fesselten Händen und einem Knebel im Munde auf dem Korridor liegen. Der Kriminalpolizei, die benachrichtigt wund«, gab Frau S. an, daß gegen 12 Uhr ein angeblicher Kontrolleur der Bewag vorgesprochen habe, um den elektrischen Zähler ab- zrllesen. Arglos habe sie den Mann eingelassen. Plötzlich aber habe er sie angefallen. Nachdem er ihr die Hände gefesselt und den Mund mit dem Knebel geschlossen hatte, nahm sie wahr, daß sich noch ein zweiter Mann in die Wohnung eingeschlichen hatte, da die Tür offen geblieben war. Hilflos mußte sie zusehen, wie die Wohnung durchsucht wurde. Später stellte sich heraus, daß di« Eindringlinge 100 Mark bares Geld, einen Anzug und einen Mantel gestohlen hatten. Der Ehemann, der gegen 2 Uhr nach Haufe kam, fand die Frau gefesselt auf. Die Nachbarn haben von den Vorgängen nichts gehört. Oer Weihnachtsbaum unier der Erde. Abenienerlicheei ans Potsdamer Wäldern. Durch die Anzeige eines Knaben wurde die Potsdamer Polizei auf eine unterirdische Wohnung aufmerksam, die sich im Wald« hinter der Kolonie Cecilienhöhe befindet. Es handelt sich um einen 3,50 mal 4 Meter großen Wahnraum, der sorgsam mit Sand und Laub abgedeckt ist. In der Wohnhöhle be- fand sich neben dem Mobiliar ein geschmückter Weihnächte- b a>• m. Ein Bewohner dieser Holste konnte noch nicht ermittelt werden. Weiterhin wurde im Wald zwischen Potsdam und Caputh die Forstoervmltung durch Anzeige von Spaziergängern auf eins umfangreiche Schlingen st ellcrorgani- I a t i o n ausmerksam. Die Spaziergänger fanden ein junges R e h in einer- Drahtschlinge. Daraufhin wurde von der Forst- Verwaltung eine Streife durch den dichten Wald organisiert. Man fand dabei eine besonders angelegte Futterstclle und in deren Nähe nicht weniger als 22 Drahtschlingen. Aeuer Großsender für Berlin. Perlin wird demnächst zwei neue 100 Meter hohe Funktürme erhalten, die wahrscheinlich in der Röhe des neuen Funkzentrums am Saiserdamm zur Aufstellung gelangen. Der endgültige Aufstellungsort für den neuen Berliner Groß- sender mit den beiden Türmen wird jedoch erst nach Abschluß dcr Erwägungen und d«r technischen Messungen des Reichspostzcnkril- amtes bestimmt. Di« neuen Funktürme werden aus funktechnischen Gründen nicht aus Eisen, sondern— wie es schon beim Großsender Mühlacker und anderen Großsendern der Fall ist— aus Holz konstruiert werden. Vermutlich wird man eine sogenannte Reusenantenne, das ist ein Schlauch mit Antennendrähtcn, ver- wenden. D«r Berliner Funkturm in Witzleben und der diesem gegenüberstehende Antennenturm waren sowieso nur als Proni- sorium gedacht: sie sollen nach Inbetriebnahme des neuen Groß- fenders weiter als Antenncntürme für einen Hilfssender Berwen- dunz finden. Di« Aufstellung des neuen Berliner Großsenders wird in Angriff genommen werden, nachdem die Großsender in Schlesien und Mitteldeutschland fertig sind. In frühester Morgenstunde, nachdem ihn der Wecker wach- gerasselt hatte, fuhr er hinaus nach Freiemvalde und von dort mit der Kleinbahn ein Stückchen rechts ins Land hinein. Dort lag auf einsamer Ebene eine schnell errichtete, moderne Fabrik, in der Kampfflugzeuge hergestellt wurden. Die Werke, aufs ueuzeitlichste eingerichtet, standen unter staatlicher Leitung, und beschäftigten mehrere hundert Ar- bester. Ludwig Cisermann, vordem Meister seines Handwerks in der Gürtelstraße, Brotgeber zuletzt von nahezu zwanzig Ge- fellen, war hier im Betrieb nur eine Nummer unter vielen, vielen anderen, und nichts weiter als ein simpler Tischler, der zunächst in die Propelleriverkstatt eingereiht wurde. Die Arbeit, die ihm zugewiesen wurde, war schwer und erforderte gewissenhafte, peinlich präzise Arbeit. Der Staatsarbester Eisermann legte sich mächtig ran und beherrschte in einigen Wochen die Arbeit aus dem Grund. Der Wcrkstättenineister hielt mit seinem Lobspruch nicht zurück. „So schnell, wie Sie, Cisermann, hat sich hier noch keiner eingearbeitet!" Ludzvig lachte geschmeichelt und gab sich von da ab noch mehr Mühe. Aber er mußte einsehen, daß seine Kräfte doch nicht mehr die ollen waren. Nach zwei Monaten hatie er während der Arbest Schwächeanfälle. Er machte schlapp. „Mensch, geh zum Arzt!" mahulcn seine Kollegen. Cr meldete sich jedoch nicht krank, aus Furcht, die Stelle zu verlieren. Lieber biß er die Zähne zusammen und murkste weiter, bis es nicht mehr ging. Zum Glück bekam er bald Arbeiten, die ihn körperlich nicht so sehr mitnahmen. Er erhielt Zeichnungen in die� Hände und baute nach diesen Flugzeugrümpfe aus leichten Sporren und Spsrrhölzrn. Hier konnte er fein ganzes fachmännisches Wissen und Können zeigen und lebte innerlich mächtig aus. Doch körperlich kam er immer mehr auf den Hund. Dieser Staatsbetrieb war eben auch nichts anderes als eine Tret- mühle. Nur daß er einem Privatbetrieb die ungeheure Ver- günstigung voraus hatte: seine Arbeiter saßen sicher wie in Abrahams Schoß. Sie brauchten niemals zur Front. Dies und nur dies war's, was Ludwig aushalten ließ .in einem Leben, das sich von dem eines Sklaven nur wenig unterschied. Wie' hatte doch erst kürzlich sein Zuleimer bei einer Mittagspause gesagt:„Kulis sind wir, keine Arbeiter!" Der Mann hatte den Zweck auf den Kops getroffen: Kulis waren hier alle, die ganzen vierundzwanzig Mann, Kulis des Kaisers. * Manchmal wachte er auf wie aus einem bösen Traum. Das-war, wenn er Jfcha ansah, sein großes, blasses Mädel, dem zwei verräterische Flecke auf den Backen brannten, Flecke, die immer größer und größer wurden. In solchen Stunden des Wachseins verfluchte er nicht nur den Krieg und das dadurch bedingte Hundeleben, sondern auch die ganze irrsinnige Welt, den Schurken, der sie gemacht, und alle die Pfuscher, die sie nachträglich noch weiter vermurkst hatten. Vor allem verfluchte er das, worauf er im Normal- zustand am stolzesten war: sein Geld. Wohl lag es sicher ver- wahrt in den Bctongewölben einer Bank, geschützt gegen jeden diebischen Zugriff, und doch wurde es jeden Tag etwas wem- ger. Jetzt, wenn er es jede Woche Hundertmarkweise abhob, hatten die Papicrfetzen nicht einmal mehr genügend Kraft, für seine Familie die notwendigen Nahrungsmittel herbeizu- schaffen. Es war eine geheimnisvolle Macht am Werk, die den inneren Wert des Geldes schwächte und minderte. Ja, das Geld fing an, genau so mark- und saftlos zu werden, wie der elende Schlangenfraß, den man auf Schleichwegen dafür ein- handeln konnte. Sonntags, wenn er, statt auszuruhen und sich von der schweren Arbeit zu erholen, mit ZNaria und auch oft mit den Kindern in die Dörfer rund um Berlin fuhr, um hintenherum auf abgelegenen Gehöften Kartoffeln. Mehl, Butter, Eier, Fleisch oder Speck zu kaufen, mutzte er für das Geld und die freundlichen Worte, die er gab, manch« bäuerische Grobhell einstecken. Ludwig wutzte, datz die Bauern geben konnten, wenn sie , wollten. Sie wollten aber nicht, da steckte der Haken!„Das ' sind die Herren, die die Vaterlandsliebe gepachtet haben!" pflegte er zu seiner Frau zu sagen.„Siehst du, lieber ver- füttern sie ihre Milch den Ferkeln, statt daß sie uns abgeben. Wir können ruhig in der Stadt verrecken. Das bekümmert die Rommel nicht. Ich hätte gute Lust, dcr Bagage die Scheunen über den verdammten Schädeln anzuzünden! Sa steckte er gegen die Bauern voll Galle und Wut. Seine wahre Stimmung zeigte er aber nicht, wenn er auf einen Hof kam. Im Gegenteil, da konnte er wie mit Engelszungen reden. Und wo seine Rede nichts zu fruchten schien, da fing er an, seine bunten Geldscheine zu schwenken. „Was sollen wir mit dem Papiergeld anfangen?" sagten die Bauern.„Diese Sorte Papier ist doch höchstens noch für die Kriegsanleihe brauchbar. Für'n Arschwifch ist es zu klein. Behaltet'?! Doch wenn ihr Silbergeld habt oder Gold, dann hängt schon irgendwo ein Schinken im Rauch!" Von ihrem Standpunkt hatten die Leute auf dem Lande vollkommen recht. Auch für sie waren die notwendigen Waren und Industrieprodukte knapp. Zu kaufen gab's auf dem freien Markte so gut wie nichts. Alles war rationiert, höchst kümmerlich zugemessen und deckte kaum einen Bruch- teil des allgemeinen Bedarfs. Das Wirtschaftsleben war autzer Rand und Band. Jeder suchte sich durchzuwinden, wie und wo er konnte. Wer sich an. die Vorschriften hielt und die täglich wachsende Zahl der Notverordnungen und Gesetze, verlor bald das letzte Gramm Speck an den Rippen. Da hietz es denn, dem Bater Staat und seinen Knechten und Handlangern nach Möglichkeit ein Schnippchen zu schlagen. Mogeln war Trumpf. Wer nicht ganz aus den Hund kommen wollte, mutzte Schleichwege gehen. Not bricht Eisen! Das ist ein wahres Wort. Not bricht aber noch ganz andere Dinge. Die Notwendigkeit, leben zu müssen, unterhöhlte Staat und Gesetz. In diesem Unterminieren war Ludwig geradezu Berg- mann. Trotzdem langte das. was er von seinen Hamstcrsghrten mit den Seinigen nach Haus brackste, nie lange vor. Don Donnerstag bis Sonnabend war Schmalhans Küchenmeister. Da gab es an Lebensmitteln nur das, was auf Karten erhälllich war. Diese lilkputanischen Mengen machten nicht satt. Wenn er an diesen Tagen nach Haus« kam, lagen Maria und Ischa, um den Hunger zu vergessen, meist schon im Bett. Rur Franz satz am Tisch in der Küche und sah ihn? gierig zu, jeden Bissen zählend, den er in den Mund steckte. Manchmal Uetz Ludwig absichtlich den größten Teil des Essens stehen, damit dcr Jungs feinen Hunger stillen konnte. (Fortsetzung folgt.) Lichterglanz hinter Gittern. Arbeiter singen im Gefängnis.- Hoffnung leuchtet wieder auf. Trübe Weihnachten sind es diesmal, Weihnachten der Ar- bcitslosigkeit. des Lohnabbaus, der Not. Und doch sollt ein Junten in die herzen der Menschen. Erinnerungen an srüherc fröhliche Weihnachten steigen auf— vielleicht, ja bestimmt merden die Zeiten wieder besser. Besonders traurig ist es für die, die Weihnachten hinter Gittern verbringen müssen. Wehmut be- schlecht den Gesangenen. Seine Gedanken entfernen die Gitter, durchbrechen die Wände, überklettern die Mauern und wandern weil weg zn den Angehörigen und Lieben, zu Eltern, Geschwistern Jrauen, fiindern und Bräuten. Und irgendwo treffen sich die Gedanken mit den Gedanken dieser Menschen, die aus dem Wege sind zu den Menschen hinter Gittern. Traurige und doch fröhliche Weihnachten. Und damit die Gefangenen in diesen Tagen nicht allzu schwer an ihren, Gefangensein zu tragen haben, versucht man ihnen das weih- nachtsfcst so hell und freundlich wie nwglich zu gestalten. Im Zugendheim des Polizeipräsidiums. Auch hier gibt es Gitter. Die jungen Leute, die in den Sirasien Berlins aufgegriffen werden, sollen in Erivartung des Rücktrans- ports zu ihren Eltern oder in die Anstalten, denen sie entlaufen sind, nicht in Versuchung kommen, auf und davon zu gehen. Sie merken aber nichts von den Gittern. Es ist ein« g r o si e Familie. Das inerkt man ganz besonders bei der Weihnachtsfeier. 2ln hübsch gedeckten runden Tischen bei Kaffee und Kuchen, den vollen Weih- nachtsteller vor sich, der hell erleuchtete Weihnachtsbaum in der Ecke,-freuen sie sich trotz alledem ihrer Jugend. Der Hausvater und Leiter des Jugendheims, Rasch, mit seiner Familie und sänUlichen Erziehern nehmen am Fest teil. Auch die Leiterin der Wohlfahrts- Lellc am Polizeipräsidium, Fräulein D i t t m e r, ist anwesend. Ein Jung« trägt ein Gedicht von Wildenbruch vor„Der Winter Tod gsht schweigend um*, und ein anderer von Gaudy„Des Schiffsjungen Weihnacht". Unter Begleitung des Harmoniums werden gemein- fame Lieder gesungen, und der Heimleiter hält auch«ine Ansprache nüt dem Grundgedanken: Sie folgten einem Stern. Auch die Jungen sollen ein Ziel im Leben haben. Der Abend wird bei Gesellschafts- spielen verbracht. Auch ein Theaterstück von Hans Sachs wird auf- geführt.> Im Untersuchungsgefängnis Moabit wurde mn Heiligabend den weiblichen Strafgefangenen eine wür» dige Weihnachtsfeier bereitet. Usberall auf Treppen und Korridoren des Gefängnisses spürte man die schmückende weibliche Hand, die mit Lichtern und Tannengrün dem düsteren Ort«in festliches Ge- präge verliehen hatte. In jeder Etage brannten Weihnachtsbäume, und ln einzelnen Arbeitsräumen waren Tafeln mit Pfefferkuchen, Weihnachtsgebäck, Aepfeln und Nüssen aufgestellt; auch Nein« Ge- schenke lagen bei jedem Teller. Im Vortragssaale, lder ebenfalls mit Lichtern, Tannengirlanden und Blumen geschmückt war, hörten die Gefangenen die Christus-Legende, von den eigenen Zellen- genofsinnen in gutem Ausdruck uiü> mit Wärme vorgetragen. Ober- pfarrer Dr. Klatt sprach seinen Schutzbefohlenen Trost und Mut zu. Zwischen Rezitationen und Gesangsoorträgen des Frauenchors er- klang das Larghetto von Händel, vdn den Künstlerinnen Margarete Binckhaus und Hedwig v. d. Hayde meisterhaft zu Gehör gebracht. Licht und hell mag es in den Herzen der gefangenen Fräcken und Mädchen bei dieser Feier geworden sein, die ihnen hoffentlich über den Treiinungsschmerz von Familie und Angehörigen hinweg- geholfen hat. Arbeitersänger im Zrauengefängnis. Besonders stimmungsvoll gestaltete sich die Weihnachtsfeier im Frauengsfängnis. Die Gefangenen erwartete ein« grohs lieberrafchung: Fünfzig Sänger vom Arbeiterfängcr- b u n d trugen b«i gespannter Aufmerksamkeit ihren dankboren Zu- Hörerinnen Lieder vor. Ein Streichquartett und Klavicrvorträg« ergänzten das musikalische Programm. Zwei Gefangene rezitierten Gcdickstc. Frau Direktor Helfers hielt die Ansprache und wies darauf hin, dasi das Weihnachtsfest neben seiner Bedeutung als Fest der Liebe, der Freude und des Friedens auch eine jahreszeitliche Be- deutung hat. Die Tage werden länger. Man geht dem Frühling, der Sonne entgegen. Gemeinsamer Gesang beschloß die Feier. Zwei Frauen, hingerisien von dein Gesang des Männerchors und der An- spräche, richteten ganz spontan Worte des Dankes an die Arbeiter- fängrr und an Frau Direktor Helfers. In den Zellen folgte die Bescherung. Der Feier wohnten bei Ministerialrat Dr. Gentz vom Justizministerium, Justizrat Ehlers vom Strafvollzug und Frau Stadtverordnete Schröder als Gefangenenbeirätin. Plötzensee. Im Gefängnis Plötzensee fand vorgestern in, Beisein des Justizministers Dr. Schmidt, des Ministerialdirigenten Dr. Bürger und des Ministerialrats Dr. Wirth ein Konzert statt. In der Hauptkirche waren etwa Sl)l) Gefangene aus dem Ge- fördertenhause und aus dem 5iause für Kurzfristige versammelt. Prosessor Saal von der Staatsoper(Harfe), Kammermusiker Krüger von der Staatsoper(Kniegambe) und Kammermusiker Kornsand (Gcige) hatten ihr« Kunst zur Verfügung gestellt. Gestern nachmittag fanden getrennt für die Katholiken und die Protestanten kirchliche Weihnachtsfest« statt. Heut- am ersten Feimag spielt«in Blasorchester der Anstaltsbeamtcn Choräle und Weihnachtslicder. Am zweiten Feiertag« konzertiert in der 5)auptkirche die BaiGonion- vrchefteroereinigung 1912 für die Schwererziehbaren und die schweren Psychopathen, und am 27. Dezember die Kapelle Popsch wieder für einen Teil der Gesangenen. Jeder Gefangene er- hält ein Weihnachtspaket mit einer Stolle, Acpfel, Mandarinen, Zigaretten, Pfefferkuchen und dergleichen mehr. Das Geld dazu wurde durch freiwillige Spenden zusammengebracht. Verlegung von Diensträunien der Reichskanzlei. Die O st st c l; c bei der Reichskanzlei verlegt ihre Diensträum« zum 1. Jamiar 19:Z1 von Berlin W 9, Leipziger Platz 17, nach Berlin W 8, Wilhelm- siraße 77, Fernsprecher Zentrum 5641/(5- Weihnachtsfeier im Lindenhof. In der Städtischen Erziehungsanstalt Linden- h o f versammelten sich am Heiligabend im grosien Saal sämtliche 2 90 Jungen zu einer gemeinsamen fröhlichen Weihnachtsfeier. Ein Musikquintett spielte das„Andante" aus der„Glockensympho- nie" von Haydn und eine Pastorale von Bizet. Ein Junge rezitierte die„Wintersonnenwende" von Ernst Preczang und„Am Weih- nachtstag" von Anette v. Droste-Hülshoff, der Männerchor der An- stojt Jrug einige Lieder vor und zwischendurch und als Abschluß der Feier sangen die zweihundert Jungen gemeinsam Weihnachts- lteder. Direktor Krebs hielt die Zlnsprachc. Er erzählte, wie aus der heidnischen Sonnenwende das heutige Wcihnachtsfest entstanden ist, und schloß mit dem Gedanken„Licht in der Natur— Licht in den Herzen!" Gegenseitig« Hilfe der Menschen höchstes Gesetz der menschlichen Gemeinschaft. Der Feier wohnte nuch vom Landesjugendamt Obcrinagistrotsrat Dr. K n a u t h bei, der den Jungen die Grüße des Landesjugend- amtes und des Bürgermeisters überbrachte. Außer Magistratsrat Dr. Knaulh waren auch die leitende Iugcndfürsorgerin Frau Kritzinger und die Bezirksfürsorgerin vom Bezirksamt Tiergarten anwesend. 129 Jungen von den 299 begaben sich unmittelbar nach dem Fest, reich beladen mit Weihnachtspakcten, auf Urlaub. Für die 89 Jungen,- die über Weihnachten in der Anstalt bleiben, finden heute abend in einzelnen Gruppen intime Weihuachtsseicrn statt. Auch all diese Jungen erhalten ihren Weihnachtsteller und sind reichjich mit Gesellschaftsspielen aller Art beschenkt worden. Eine große össentliche Kundgebung süts Völkerverständigung und gegen Kriegshetze veranstaltet der Reichsbund der Kriegsbeschädigten und Krieacrhintcrbliebenen am Montag, dem 29. Dezember 1939, abends 8 Uhr, in den Sophiensälen, Berlin, Sophienstr. 17. Referent ist der Bundesvorsitzende Ehristoph P f ä n d n« r. Die Kriegsopfer werden gegen das Verbot des Remarque-Filuis „Im Westen nichts Neues" protestieren und gegen die Zu- lassung des militaristischen Stnhlhelmsilms sowie anderer kriegsoerherrlichender Filme. Weihnachtsfeier in Baumschulenweg. Die Weihnachtsseier der Partei findet am Sonnabend, dem 27. Dezember, im Alten Eier- Hans, Treptow, statt. Saaloffnung pünktlich 16 Uhr, Anfang 17 Uhr. Mitwirkende: Opernsänger Wilhelm G ulk mann (Städtische Oper), Fräulein Friedrich, Opernsängerin(Städtische Oper), Ebert-Manz-Ouartctt, Berliner Tonkünstlerquartett, Kinder- freunde imd SAI. Festansprache Genosse Dr. L o h m a n n, M. d. L. Eintritt 69 Pf. Erwerbslose und Kinder frei. Karten sind noch bei den Bezirkssührern zu hoben. tiafesfcnagtn für kicke Hutcif gab •• r U n«SM, Zlndenltr-»« J. parieinachrichien�W� für Groß-Berlin IC« au Ha««esirfcfefrctariai Kok, SSvcvvtu«cht», zu richte» Iraucnveranslaltungen. Die Fixnlthmarmne» füt Agitatios, die noch nicht die Fragebogen ein, gesandt haben, werden nochmals dringend gebeten, die ausgefüllten Bogen umgehend dem Frauenfekretariat einzuschicken. Da« Frauenfekretariat. * tl. Areis Schöneberg: Montaa, den 29. Dezember, 20 Uhr, bei Will, Martin. Luther-Straße, ssunktionarinnensitzung. 1». Abt. Montag, den 29. Dezember, 19 Vi Uhr, bei Sorgatz, Uferstr. 12, „Heiterer Abend." Portragende Leonle Brockmann. 19. Abt. Sonntag, den 28. Dezember, 18 Uhr, bei Berner, Bellernronn. Ecke Stettiner Straße.„Heiterer Abend." Vortragende Friede! Hall. 2v. Abt. Sonnabend, den 27. Dezember(L. Feiertag), 18 Uhr. Weihnächte- abend bei Bonte, Schulstr. 74. Vortragender Hans Fuhrmann. 30. Abt. Montag, den 29. Dezember, 20 Uhr, Diskusfionsabend bei Seifert, Pappelallee 4.7. 32. Abt. Montag, den 2v. Dezember, 19Vj Uhr, in Schmidt's Gesell s6)afts. Hans_Frn6)tstr. 36», gemütliches Beisammensein. Die„Ktuderfrenndc." und SAI. gestalten den Abend aus. Alle Genossinnen und Genossen sind herzlichst eingeladen. Güste willkommen. 33. Abt. Montag, den 29. Dezember, 19' 2 Uhr, bei Wcrtalla, Hohenlohe- straße 3,„Bunter Abend". Vortragender Franz Hosemann. Gemeinsame .�af-fectafel. Das Gebäck ist bitte mitzubringen. 42. Abt. Montag. 29. Dezember, 20 Uhr, bei Höhlte, Bergmannstr. 69, Frauen- abend. 33. Abt. Charlotten bürg. Montag, 20. Dezember, 20 Uhr, bei Han'.pcl, Ufenau- Ecke Eickingcnstraße. Bunte? Abend. Vortragende: Margarete Walkstte. 83. Abt. Lichtcrfelde. Montag. 29. Dezember, 19s> Uhr, in den Lichterfelder Festsälen, Zehlendorfer Straße. Weihnachtsabend. Musik, Rezitationen, 5linderbe''S)erung. Ansprache dcc Genossin Margarete Hartig. 80. Abt. Marieudorf. Montag. 29. Dezember, pünktlich 19 Uhr, Weihnachtsfeier mit den„Äinderfreunden" bei Mali. Chausseestr. 30). Alle Ge- nossinnen, Genossen und Eltern find herzlichst eingeladen. Rcuköllu. 92. Abt. Sonnabend, 27. Dezember(8. Feiertag). 1914 Uhr, im Jugendheim Böhmische Straße, gemütliches Beisammensein. Tassen und Kuchen sind bitte mitzubringen.—»3. Abt. Montag, 29. Dezember, 19Vb Uhr. Frauen- und Mädchrnabend bei Fridcrsdorf, Iägerstr. 3. Ernstes und Heiteres. Vortragender: Hanns Na mm. 104. Abt. Ricverschöueweido. Montag, 29. Dezember. 20 Uhr, im kleinen Saal des„ttpffhäusers", gemütliches Beisammensein. Nb. Abt. Grünau. Sonnabend,?7. Dezember(3. Feiertag). Im Lokal Julius Werner,>löpcuicker Str. 146, Weihnachtsfeier. Vorführung des Bild- bandes:„Mutter oder Madonna". Referent: Hanns Altmann vbm Frei- denkcrvcrband. Beginn der Veranstaltung um 17 Uhr. Alle Genossinnen und Genassen sind herzlichst eingeladen. 131. Abt. Ricderschönhausen. Dienstag. 30. Dezember. 19 Uhr, Frauenabend nur für Mitglieder im Lokal„Wolfsschlucht". ZreskoVstr. 1«...Ernstes und Heiteres." Vortragende: Friede! Holl. Außerdem Wahlen. Das Mitglieds- buch ist mitzubringen. 137. Abt. Rcinickeudorf-Uest. Sonntag, 28. Dezember, 17 Uhr, im Lokal Heese, Berliner Str. 73, Weihnachtsfeier. Vorführung des Bildbandes:„Mutter oder Madonna". Referent: Hanns Altmann vom Freidenkerverband. Um zahlreichen Besuch wird gebeten. Arbeiisgemeinschafi der Sinderfreunde Grofz-Berlin. Zierq»!,»». Ziuialalt«». Di« L-Tooc-�sali-t Sinnabend und Eonnwn lcidcr auzfallc». Diuvr, reffen wir und«in Sonnabend, dem 27. Dezember, um 8 Nile im Kleinen liernarteu. 70 Pf. Zoliraeld mitbrinaen. SobenschSndouirn. fflbr find am 3. fteiettoa im?>mendi>eim IZreienwolder Strofie, 17 llfir. Di««eboftelten Sachen werden verteilt. Wir machen einen KakaanachmiNaa. Pergekt eure Tasse nicht und seid pllnltlich, Geburtstage. Jubiläen usw. >». Abi. Unserem liebe»«enalfen Paul Reiche, llhristianioftr. N«, ,n feine», 8.1., UHe. Befchernna der f: M Kinder ,9 Uhr. Tan, 20 Uhr. Karlen nah nach an der«äffe erhältlich, j i«naerbalofc Senoffen freier Sintritt. Wir bitten NM rege Beteiligung, i'i Sonnabend, 27. Dezember: 38. Abt. Di« BezirfsfUlirer treffen sich zu einet kurzen aber wichtigen P-- sprechung mit dem ÄbUUunaaleiler um 19 Uhr bei Bartusch, Jrieden» straffe 8«: D 41. Abt. Gruppe Hoch hat am 3, Feiertag um 19 Uhr wie all- W j I jährlich im Lokal Winzler eine gefellige Zufammculuukt. 47. Abt. Weihuachlsfeier im geaffe» Saal de» Gewertfchaftahnnjes, j Z i!«ngelufer, ab 18 Uhr. Mitwirkende: Manz-Ouartett, SAZ, und Kindee- siiZ k l feeunbe. Freie lurneesthaft. Anschlieffend Tanz. Sintritt 10 Pf. Cr- t=l f 1«erbalafe frei. r" 91. Abt. Renkälln. Alle Bezirke rechnen bestimmt Beiträge und Sammel listen ab und btingen die Kartei zum Pergleich mit. rrL1ISM.iai fi MM tM 101. Abt. Treptow. Weihnachtsfeier:»Fröhlicher Anklang" im Pik-! 1 i! loriagarte». Am Treptower Park 2>i. Mnsit, gusgejsthrt von Mitgliedern!: t! der chachfchnle für Musil. Dardielungen der STBG. Siidost-Treptow, stj ! j Kinderfreunde und SAI, Treptow. Tan,. Eintritt 10 Pf. Beginn|; I ! i 19! i Uhr. Ende 1 Uhr.. k I ' j- M >09. Abt. Friedrichahagen. Weihnachtsseier im groffen Saal des b?! Gesellschaftshaufes, Friedrichste, 137. Programm: Konzert. Gasang. An- N spräche der Genossin Bahm-Schnch, Mandollnennorlräge, Bolkstänze, M Weihnachtsjviel. Aach Abfchluff des Pragtinums Bescherung der Kinder siZ und Tanz. Beginn pilnttlich 19 Uhr. Eintrittskarte 71 Pf. M Ei ö 1______ . r.- z— i— t � i i i r-� ,14!�j 7 III. Abt. Bahnodaef. Achtung. Funktionäre! 19 Uhr vom Lokal Seimann Flug. blätter abholen. 122. Abt. Biesdorf. 17 Uhr gemütliches Beifammensein bei Porath, f- Marzahner Sir. 31, verbunden mit Kinderbescherung. Eintritt frei, f: - S ,28.130. Abt. Pankow. 18 Uhr proletarisches Feit:„Räch Feiet, sif abend" im Restaurant Bürgerpart Pankow mit 200 Mitwirkenden, i'j Eintritt inkl. Tanz SO Pf. Erwerbslose gegen Porzelgung der Karte n freien Eintritt. -liäLStlilSligSääi 21. Abt. Unser langjähriger Parteigenoife Franz Malchin, Pasteurstr. 20. ist ocrstoeben. Ehre feinem Andenken. Einäscherung Montag. 29. Dezember, 14 Uhr. Krematorium Gcrichlstraffc. Um rege Beteiligung wird gebeten. KsnmT xu uns! Im Deutschen Freidenker-Verband E. V. ist die Feuerbestattung bei Todesfällen den Angehörigen eine zuverlässige Flilfe Irri'Fahmen folgender Leistung: AmtsarzHIche Bescheinigung über die Todesursache, vorschriftsmäßiger Hol*- bzw. Eisenbahntransportsarg, Einsargung des Leichnams, Transport nach dem Krematorium, Leichenträger, Leichenpaß, Harmoniumspiei, Sänger und Dekoration der Trauerhalle, Redner für die Trauerfeier, Einäscherung der Leiche und Beisetzung der Aschenkapsel auf Reihen-Urnenstellen zu den am Krematoriumsort geltenden Sätzen. Etaiträgas bis zum vollendeten 18. Lebensjahre RM 0,20(mit Anrechnung) ,, ,,„ SO.„ ,, 0,H0«Beitragsfrsiheit n. 20.1.) , �„ 60..... 1,-(„„ 12.,) Ältere vollen Betrag in monatlichen Raten Klrchenautfritf ist Badlngung Uber 600000 Mitglieder zahlt der Deutsche Freidenker-Verband E.V. schon jetzt. Das ist auch die Erklärung für seine Leistungsfähigkeit, die von keiner anderen Organisation Obertroffen werden kann Schon nach drslmonotiger Mlfgüed&cbatt (bei Unglücksfd.lan sofort) übornlmmt or kostenlos« Bestattung. Aufnahmcstellen: Moabit: Lokal Schmidt, Wiclefstr. 17. Mitte: Lokal Schilling, Holzarbeiter- verbandshaus, Rungettr. 30. Woddlng: Lokal Borkowski, Brüsseler Str. 43. Schönoborg: Lokal Reimann, Sedanstr. 17. Gesundbrunnen: Lokal Carus, Voltastr. 19;TokaLDobrohlawr Swinemünder Str. Prenzlauer Berg; Lokal Sawatzki, Allensteiner Str. 26. Lichtenberg: Lokal Strache, Boxhagener Str. 16. Osten: Lokal Schwarz, Ftiedensfr. 53. Kreuxberg: Lokal Burkhardt, Sawatzki, Allensteiner Str. 26. Lichtenberg: Lokal Strache, ßoxhage Str. 16. Osten: Lokal Schwarz, Ftiedenstr. 53. Kreuzberg: Lokal Burkhai Gärlitzer Str. 52; Lokal Lier, Naunynstr. 9; Lokal Rozek, Yo-ckstr. 74; Harsch, Engelufer 24-25. Neukölln: Gärtner jr., Laden, Wißm nnstr. 14; Vorwärts- Spedition, Rohr, Siegfriedstr.; Vorwärts-Spedition,Thal, Neckar Str. 3; Parteibüro der SPD., Fuldastr. 55-56(Idealpassage). Osten: Kromphardt, Paul- Singer-Str. 49; Kaiser, Kl. Andreasstr. 10; Pojahr, Posener Str. 19. Deutscher Freidenker-Verband E.V. ■• r 1 1 n S W 39, Gnoisanaustr. 41 „Eiaea der eigenartigsten und lesselndslen Memolrenwerke der WeltUterntur." Balzac. K-exinet du Vidocq? Seine Erinnerungen sind«in Baricht über ein Abenteurerleben. wie es phantastischer keine Dlchtorphantasie sich ansdenhen kann. B. Jolle» hat sie für dich neu entdeckt und übersetrt. ) Vidocci: Vom GaleerensirKlling zum Pollzelchef 280 Seiten Ganzleinen Preis Mk. 4.80(für Mitglieder Sonderpreis) Verlag Der BCcherkreis G. m. b. H. Berlin SW 61 Belle-Alllance-Platz 7 ullpith-Sa! z vorzüglich bei Sodbrennen und Magenbeschwerden Pulver 250g Q6Ö'Jfm/g Jgjf Jf JT YTE IM 0- 25 u 150 Theater, Lichtspiele usw. Donnerst ,Z5.li Staats-Oper Unter d. 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Ptnnieronbfsctznng Kammerspiele 8V. Uhn J uies uiietto ullen Kenzerthaus Clou Zur Zelt treten auf: Tanz und. linier halt ungl Senta Born in ihren Schalfentänzen— Leuchtballef Y wette Girarol Elll Kurs, OpemsSngerin— als Gast Frl. Lewis von der Holler-Revue An Gr. Doppelkonzert und Tanz Am 31. Dezember Fvöhlicbe �zlvesf erf ezez? An Deifleo WelhnadilsfeieHg. ab 4 Uhr Gr. Militümonzert von Tristan Bemard Regie: Hees Dejpc 25., 26, 27. u. 28. Dez. nachm 4 Uhr Hrankheit der labend na Ferdiaiad Srudcer. Regie; Gustav Härtung Premiereatejehang. Kleine Preise Die Komödie SV. Uhr Die Fee von Franz Holnar Regie; Stefan Hodi. 25., 26, 27. u 28. Dez. nachm. 4 Uhr Der Diener zweierHerren Regie; Mai Reinhanlt Preniereabautzoag. Kleine Preise. Komische Oper Täglich 8Va Uhr Peppina Operette von Robert Stolz. Kleines Theat. Täglich SV. Uhr: Der Klustergatte Schwank in 3 Akten An beid. Feiertagen « Uhr kleine Preise Meine SAvester und ich Thealer am Stfiilfbanerdamm Norden 5813 u. 0281 Täglich 8-/« Uhr Die Quadratur des Kreises Komödie v. Katajew mit; Rönier, Itnja, Hoh- raami. lorrt. lingen, Preise von 1— 12 M, Heute und morgen nachm. 3-6 Uhr p naeliim I. Vorattelluns: 50 Pf. bis 1.— M II. n. III. VorMtclInnsr 1.— M bis 2.— M Vorverkauf ununterbrochen | AM BAHNHOF FBIEDDICH5TP 04 6 Uhr- Kasino und Keller 1 MhrfDasTÜelbladt Programm "Oam Waldoff. CCarsfens. MZienv. HWiw&rz.H.PanteJ u. weitere TAJtrakfione/t. lulfeierfag Nachm. Myst.AUhr \ Sytosferfetw'Ayverk /äg/ab 10 Uhr Bu/o svauhr CASINO-THEATER'-vb. Lothringer Strafte 37. Nur noch bis 31. Dezember DerKeufdie Lebemann and das grohe Festprogramm Am I. Januar zum ersten Male: Biederleute Gutschein 1—4 Pcrs. Fautcuil 1,25 M- Sesscl 1,75 M.— Sonstige Preise Parkett 75 Pf, Rang 60 PI. Singepiel to rieten Bihjorn,• ranz. Splra, Hansen, Lleske. Wallbarg, Arno, Janbutin, Panl Hürblger, I�nm, Sehaeflers, Winkelttern. Bolls,»cml, Stark- Gstotlenbauer, Original Tiroler Watsehentanser. Original Tiroler Jodlerlnnen-4lnlntett,| Hnslk-Trio ans Setallersee. 1 Ja*«- Band/ Girls n. Boys( Grosse Chöre. Oer Zelt enlsprcetiond sind,«rot* des riesigen Andranges. K 0' er. |dle Gassen preise»,„ /O massig«. An beiden Weihnachtstagen I Vorstellungen. | Nachm. 3 Uhr Abendbesetzung Ermäßigte Preise] Sonntag, du 28. Dezember. 12 Uhr innnittags einmaliges populäres Jazzkonzert oalos Beia Preise von—.75 M. an bis 3J0 M. PIscator-BQhne (Wallner- Theater) Alex. 4592-93. 8V4 Täglich SV. Mond von links Preise 0.50-6.00 M. An beid Feiertagen 3-6 Uhr |gesdiIossm Vorstellung. Sonnabend u Stg.| 3*/2 Uhr Mond von links. Nenes Theater — am Zoo—— AmBahntiZso. StplGSSI Täglich 8-/4 Uhr Oer gr. Lacherfolg Guido Thieischer Das onentiicne Aergernis Preise I bis 8 M. Am I. u. 2. Feiertag 3 Uhr Caspa s Vonderkabinett Rose- meater Br.FranlttnrterSlr.i32 Tel. Alex 3422 u. 3494 An beid Feiertagen 3 Uhr faRRRlile Hanneniann 5.15 Uhr; HuKdU 9 Uhr Die DollarprinzessiD Philharmonie 7-6 Uhr I. Weihnachlsfeiert KOKZERT mit Benutzung der Konzert-Orgel ll.Weihnachtsiciert. 7-6 Uhr Wiener Abend d.Philharmon.Orch. Tintritt IM. logen 2 M. lustspieinaus Kurt GStz Täglich 8-6 Uhn sowie an beiden Weibnachtsfeier- tagen Vom Lieben nnd Lachen Theater d. Westens Täglich 8-/4 sowie an beiden Weib- naditsieiertagen Sensationeller Operettenerfolg I Viktoria undihrHusar I etsing-Theate ian» gut und Billig s Nur Gross- Bariin AlGxandarplatx Weiboaditspremiere 8-6 Uhr Mamsell Nitoudie Operette von Heive llellmann, Adalbert, Jöken Theater im Admiralspalast» An allen 3 Feiertagen Deutsche Uraufführung: Edgar Wallace Auf den Fleck! Sensation sstück aus Chlkasron Unterwelt. Abends S'/« Uhr. An allen 3Nachmittagen3T/2 Uhr halbe Preise beiPremleren-Bosetzg. Telef. 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Das Sozialistengesetz hatte bekanntlich auch die Gewerkschaften, chre Kassen und ihre Blätter zertrümmert. Als dann das G.?etz seinem Ende zuneigte, waren allerdings schon an zahl- reichen Orten neue Fachvereine vorhanden, teilweise auch schon Versuche zur zentralen Zusammenfassung dieser örtlichen Bereine gemacht worden. Der große Aufschwung der gewerkschaftlichen Be- wegung und die Erstarkung ihres wirtsihaftlichen und kulturellen Einflusses beginnen aber erst mit dem Fall des So- zialistengesetzes. Unmittelbar nach Wiederherstellung des ..gemeinen Rechts" in Deutschland erfolgte damals die Grün- dung der gewerkschaftlichen Spitzenorganisation, der„General- kommission der Gewerkschaften Deutschlands" unter Führung Carl Legiens, dessen Name in der Geschichte der Ar- beiterbewegung nicht untergehen wird. Carl Legien stammte aus dem Osten des Reiches. In Marienburg in Westpreußen war er am 1. Dezember 1861 zur Welt gekommen. Zu früh für den kleinen Erdenbürger starben seine Eltern. Der Verwaiste wurde im Waisenhaus erzogen und dann zu einem Drechsler in die Lehre gegeben, damit er während fünf langer Jahre sich in die Geheimnisse des Berufes vertiefe. Nach Beendigung dieser langen Lehr- zeit ging er als Zwanzigsähriger, wie es damals noch des Handwerks Brauch, auf die Wanderschaft. Er arbeitete bald hier, bald dort, kam vom Osten des Reiches nach dem Süden und Westen, und schließlich landete er 1886 in Hamburg. das damals schon eine vergleichsweise starke Arbeiterbewe- gung hatte, nachdem er bereits in Frankfurt am Main der Sozialdemokratischen Partei beigetreten war. In Hamburg wirkte er bald im Fachverein der Drechfler mit hingebendem Eifer, organisatorischer Begabung und mit groß« Sachkunde. Als dann 1887, nicht zuletzt auf fein Be- treiben, der Zusammenschluß der örtlichen D rechsler- Fa ch v ereine zu einem Verband« vollzogen war. wurde Carl Legien Vorsitzender dieser neuen Zsrtralorganisation. Trst 26 Jahr alt, hatte er auf diesen' Posten Gelegenheit, in Besprechungen und größeren Ber- sammlungen in ganz Deutschland seine agitatorischen und organisatorischen Fähigkeiten zu erproben. Erst vom Jahre 1886 ab konnte dafür eine Entschädigung von siebenhundert Mark im Jahre ausgeworfen werden, also rund 58 M. im Monat oder nicht ganz 13,50 M. in der Woche! Im Herbst 1890 versank das Ausnahmegesetz, das die Arbeiterbewegung zwölf Jahre lang geknebelt hatte. Neue Entwicklungsmöglichkeiten taten sich auf. Die Fachverbände — noch gespalten in lokale und zentrale Organisationen— mußten sich auf die neue Zeit umstellen. Eine Konferenz der Gewerkschaften wurde nach Berlin berufen, um Richtlinien für gemeinsames Vorgehen zu beraten. Auch Carl Legien nahm als Vertreter der Drechsler an der Konserenz teil. Er legte ihr einen ausgearbeiteten Organisationsplan vor, der die Zusammenfassung von Verbänden verwandter Berufe zu Unionen und die gegenseitige Unterstützung bei Lohnkämpfcn vorsah. Zwar konnte sich die Konferenz bei dem damaligen Stande der Organisationen noch nicht entschließen, diesem weitgreifenden Plane zuzustimmen, aber trotzdem ist sie für die Entwicklung der Gewerkschaften von überragender Be- deutung geworden. Sie setzte ein besonderes Komitee ein, das den Namen„Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands"— jetzt„Allgemeiner Deutscher Gewerkschafts- bund"— erhielt und bestimmt war. die schwachen Verbände sowohl mit gutem Rat als mit Materialien zu unterstützen und die gemeinsamen Interessen aller Gewerkschaften wahr- zunehmen. Carl Legien wurde Vorsitzender dieser neuen und wich- tigen Kommission. Er ist es bis zu seinem Tode— 26. De- zember 1920— geblieben. Mehr als 30 Jahre hat er an der Spitze der Bewegung gestanden, die heute allgemein an- erkannt ist in ihrer kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung, die aber in ihren Anfängen schwer ringen mußte, um sich Geltung zu verschaffen. Auf dem ersten Kongreß der Gewerkschaften in Halber st adt im Jahre 1892 umriß Legien die Aufgaben der gewerkschaftlichen Or- ganisationen dahin, daß sie zwar nicht die Lösung der sozialen Frage herbeiführen, wohl aber in der Gegenwart wesentlich die Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterklasse unterstützen könnten. Ungefähr zur gleichen Zeit veröffentlichte er im „Sozialpolitischen Zentralblatt" einen Aufsatz, in dem er gerade diese allgemein bildende und erziehende Aufgabe der gewerk- schastlichen Organisation besonders unterstrich: „Gleich den Pionieren haben die Gewerkschaften den Boden zu ebnen für cinq höhere geistige Auffassung und durch Errii'.gung bessfrcr Lohn- und Arbelisbedingungen, die Arbeiterklasse vor Verctcndung und Versumpfung zu bewahren um so die Massen der Arbeiter zu befähigen, die geschichtliche Aufgabe. weiche dem Arbeiterstand zufällt, lösen zu können. Die gewerkschaftlichen Organisationen sind gleichsam als eine Schule der Arbeiter zu betrachten, und jede Stärkung der Organi- sation muh die erzieherischeWirksamteit erhöhen. Der Lohnkampf aber erzeugt und stärkt die Eigenschaften, welche dem Arbeiter eigen sein müssen, um ihn zu befähigen, eine Umgestalning des heutigen Produktioneprozesses herbsiiühren zu können. So werden die Gewerkschoftborganisatlonen, die anscheinend nur zu dem Zwecke gebildet worden sind, um dem Arbeiter bessere Existenz« bedingungen zu schaffen, gleichzeitig zu einer Schule und Bildungsstätte des Proletariats.' Diese hohe Auffassung von den Zielen und Zwecksetzungen der Gewerkschaften— die nach der Redensart des Unter- nehmertums nichts als Streikvereine sein sollten— hat Legien durch die Jahrzehnte festgehalten, sie niemals abgeschwächt, wohl aber angesichts der steigenden Kraft und dem Auf- tauchen neuer Probleme nur erweitert. Carl Legien befaß unstreitig hervorragende Fühmreigen- schaften. Nicht in blendender Beredsamkeit sondern in kühler Sachlichkeit lag seine Stärke. Er wußte, daß die gewerk- schaftlichen Organisationen eine unbedingte Notwendigkeit seien für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Hebung der Gesomtarbeiterschaft. Diese Notwendigkeit auch den Arbeiter- Massen selbst nahezubringen, in den Organisationen Schutz- und Trutzbündnisse gegen soziale Not und Ausbeutung jeder Art zu erreichen, darin erblickte er seine Lebensaufgabe. Aber darüber hinaus war ihm der politische Kampf um die Gleich- berechtigung der Arbeiterklasse eine Selbstverständlichkeit. Schon 1893 wurde er in Kiel als sozialdemokratischer Abgeordneter zum Reichstag gewählt, und bis zu seinem Tode ist er es geblieben. Im Reichstag galt sein Wort. Man wußte, daß durch ihn die wachsenden Massen der Gewerkschaftsmitglieder sprachen. Ihm und seiner Initiative war auch der i n t e r n a t i o- nale Zusammenschluß der Gewerkschaften zu danken. Als Sekretär dieser internationalen Gewerkschafts- organisation hat er sich weitere unschätzbare Verdienste um die Gesamtgeltung der Arbeiterklasse erworben. Nach dem Kriege gab er das Amt ab, als die Verlegung des Sitzes des Internationalen Gewerkschaftsbundes nach Amsterdam sich nötig machte. Legien war der Typus des deutschen Arbeiters, der aus sich selbst gewachsen ist: gewissenhaft, zäh und im Grunds unbeirrbar. Ein Beispiel der Pflichterfüllung bis zu>n letzten, ein Wegweiser in die bessere Zukunft! Wie Goebbels seine Freunde verriet Ein Kapitel aus der Geschichte der Hitler-Partei. Die NSDAP, befand sich im ch erbst 1925 in«inem, wenn auch mühevollen, so doch nur durch den Marxismus gestörten Vorwärts- schreiten. Da schlug die«nticheidende Stunde: Mitte November 1925 er- hielt Adcllf chllter in München Nachricht von einer geplanten Tagung der nord« und westdeutschen Gaue seiner Partei in channcwr zweck» Gründung einer Ardeüsgemeinschaft. die, was er unschwer feststellen kannte, sich ausdrücklich gegen ihn und den siiddeiUsthen legalen, jo- zialfeigen Kurs Münchens richten sollte. Führer dieser Tagung war Gregor Straßer, gemeinsam mit Otto S t r a ß e r. Erster und letzter Punkt der Tagung war gesprochen und ungesprochen nur ein Thema: Sozialismus. Aufs tiefste bestürzt, sandte Hitler seinen treuen Adlatus Gott- fried Feder nach Hannover, um diese Meuterei niederzuhalten. Hitlers Dertreter wurde dort von den versammelten Gausührern des Westens und Nordens ein erschreckender Empfang bereitet. Der Sekretär Gregor Straßers, ein junger Mann namens Dr. Joseph Goebbels, fordert« sogar, Herrn Feder,„diesen Spitzel Hitlers�, von der Tagung auszuschließen. Es ging erregt her auf dieser Zu- sammenkunft, die von den Führern der Gaue Schlesien, Rheinland- Nord, Westfalen, Hannover, Lllneburg-Stad«, Schleswig-Holstein und Pommern besucht war, und bezeichnend ist der Ausspruch des Hannoveraners Ruft(heute Reichstagsabgcordneter): „wir lassen uns nicht von einem Münchener Papst regieren!'... Die einzelnen Beschlüsse der Tagung waren s ch r o s f st e n s antitapital istisch und wurden— was sämtliche Beteiligten heute vergessen haben— alle fast einstimmig angenommen. Für Hitler traten nur Feder und Dr. Ley, der Gauführer Rheinland- Süd, ein. Dieses Werk der sozialistischen Richtung war der Anlaß des Kampfes auf der im Frühjahr 1926 stattfindenden Führer- tagvng zu Bamberg, wo Hitler die Meuterer ausrotten wollte. Diese Tagung endete mit einem vollen Siege Hitlers. Der Tagungsort war geschickt gewählt, und ein alter Zahlabendfunktionär hätte den Neid bekommen können über die Regierungskünste des Anfängers Hitler. Die norddeutschen Gauführer waren nicht in der Lage, schon der Reisespesen wegen, die Tagung vollzählig zu besuchen. Für di«(Hannooerfche) Arbeitsgemeinschaft waren nur Gregor Straher und Dr. Goebbels erschienen, wohingegen die ge- samte bayerisch« Ritterschaft in die Bamberger Arena einritt. Hier tonnte Gottfried Feder, der Mann mit dem„Pro- grammatik-Komplex', kalte Rache für Hannover nehmen. Ange- spornt durch den großen Manitou-Hitler, zersäbelte er die nord- deutschen Sozialisten in kleinste Stückchen, die er noch mit dem Schrecksalz des Bolschewismus bestreute, auf daß sich der deutsche Spießer unter dem Hakenkreuz scheue, sie jemals in den Mund zu nehmen. Manltau-Hitler höchstselbst feuerte einige Donnerkeile, und so geschah es, daß Gregor Straßer für seinen Entwurf nicht einmal ein« Diskussion erreicht«. Die Arbeitsgemeinschaft wurde für auf- gelöst erklärt. Tot, erschossen mit der von der Eminenz geladenen Oktober- wiesen-Pistole. Triumphierend zog Monllou-hitler gen Süden und mit ihm ----- Herr Dr. Paul Joseph Goebbels, der nach Bamberg als Sekretär Straßers hineingchüpfi war, dort feinem Meister und dem von ihn: in Kaanover beschworenen Programm den Dolchstoß gab und al» liebste» Sind Densamin nach München mitgenommen wurde. Der Verrat des Dr. Goebbels, der, in Bamberg die Konjunktur witternd, alles verleugncl«, was er in Hannover selbst angebetet, steht einzig da in seiner an Fauche erinnernden wurst ig-schomloscu Plötzlichkeit. Hitler nagelt« den ehrgeizigen jungen Manu, dessen seit Klean nicht mehr unbekanntes Redetalent weder Grundsatz-, noch Skrupel befürchten ließ, sofort fest, indem er in München, in der Äaaba de» nationalsozialistischen Mekka, im„Zirkus Krone", austraten lleß. Hier hat Goebbels dann in großer öffentlicher Rede seine endgültige Schwenkung von Nord nach Süd— vom Sozialismus zum HMer-Faschismus— für immer vollzogen. Damit war di« Nordfront durchbrochen, die sozial'stischin Strömungen lahmgelegt. Aber di« Karri«re war gemacht! So schamlos ge- macht, daß der Ehef der nationalsozialistischen Sturmabteilung-n, Hauptmann von Pfeffer, Reaktionär reinsten Geblüts, nach der Rod« zu dem umgeschwenkten Sekretarius sagen konnte: „Ich bin zwar kein Soziallst, aber ich finde, Sie haben heule einen unerhärien Verrat an Ihren Freunden verübt!" Ritschewo— ein Jahr später war Dr. Goebbels Gauleiter im wichttgsten Abschnitt: Berlin! (Aus Millenberg:„Adolf Hitler— Wilhelm III." Ernst Rohwolt, Berlin.) (Aerlag Weihnachtsekend in Berkin. 426 400 Berliner ohne Arbeit. Wie im Reich Hai sich auch der Arbeilsmorki im v-reich des Lalldesarbeitsamis Brandenburg, dag Berlin, Brandenburg und di» Grenzmark umsaßt, in den ersten beiden Dezember- wachen weiter siark verschlechtert. Die Zahl der Arbeitsuchenden stieg vom l. big l5. Dezember um 4t 722 auf 599 120. Allein aus verlin entfallen hiervon 426 402 Arbeitsuchende. Rur 257 500 von diesen Erwerbslosen in verlin wurden durch die Arbeitsloscnversi«ung und die krisen- sürsorge unterstützt, also rund 170 000 Erwerbslose sind aus die städtische wohlfahrtspslege angewiesen. Bereits jetzt hat die Erwerbslosigkeit Innerhalb des Landesarbeilsamts Brandenburg einen Stand erreicht, der die hächstarbettslosigkeit im ver- gangenen Krisenwinter um 21 Prozent übersteigt. Allerdings wurden im vergangenen Jahr zahlreiche Wohlfahrlscrwerbs- lose von der Staiistik noch nicht ersaht. Der Zugang der neuen Arbeitsuchenden ist hauptsächlich aus Entlassungen im Baugewerbe, den Baustossindustrien und in der Land- Wirtschaft zurückzuführen. Aber auch in der Metallindustrie. die seit Monaten bereits einen Rekord an Arbeitslosen aufweist, haben neue Entlassungen stattgesunden. Technische Kräfte wurden besonders zu Konstruktionsarbeilen vom allgemeinen Maschinenbau angefordert, jedoch nahm andererseits die Arbeitslosigkeit bei den kaufmännischen Angestellten weiter zu. Weihnachisamnestie in Sachsen. 155 Begnadigungen verfügt. Dresden.?4 Dezember. Aus Anlaß des Weihnachisfestes sind vom sackstschen Justiz« Ministerium 135 Begnadigungen verfugt worden. Dadurch sind größtenteils Gefangene in Freihett gesetzt worden. Im übrigen wurden Straftaten gemildert, auch Bewährungsfrist wurde in einer Reihe von Fällen bewilligt. An die Filmoberprüffielle. Rettet Deutschlands Ansehen l Di« unterzeichnete Organisation gestattet sich, die Filmoberprüs- stelle darauf hinzuweisen, dafe noch längst nicht in ausreichendem Maße von der Möglichkeit Gebrauch gemacht worden ist. Deutsch- lands Ansehen im Ausland« durch Filmverbote in günstigem Sinn« zu beeinslussen. Wie die Stellungnahme gegen den Film.Im Westen nichts lfteues" eindringlich beweist, ist der energische Wille vorhanden, in der gekennzeichneten Richtung zu wirken. Di« Filmvberprüfstelle wird es daher sicherlich begrüßen, wenn sie bei solchen Bestrebungen nicht nur durch diejenigen Organisationen und Landesregierungen unterstützt wird, die in enger und engster Verbundenheit mit der Nationalsozialistischen Partei zu arbeiten bemüht sind, sondern sich auch auf solche Teile des deutschen Volkes stützen darf, die«s bisher unterlassen haben, sich mit lautem Geschrei ihrer Geburt inner- halb derselben Grenzpfähle zu rühmen. Aus diesen Erwägungen heraus und eingedenk des Sprichwortes: „Es kehre jeder vor seiner Tiir", gestat.en wir uns, aus ein zwei- teilige» Filmwerk hinzuweisen, das in Anlehnung an das Nibelungm- lied nach dem Manuskript einer deutschen Frau, unter Mit- Wirkung deutscher Schauspieler und eines deutschen Spiel- loiters, durch eine deutsche Filmgescllschast in Deu>schland her- aestellk worden ist und die Titel führt: „Siegsrieds Tod" und ,Lriemhilds Rache". Es handelt sich bei den dargestellten Personen um typische Ler- treter führender Schichten der germanischen Urbevölkerung zu beiden Seiten des als deutschesten aller Ströme gepriesenen Rheins. Sollte der Stolz wirklich national empfindender Kreise aus ihre Abstammung nicht in empfindlichster Weise dadurch verletzt werden, daß im Film hochgestellte Führerpersönlich- keilen als wortbrüchige Meuchelmörder des ihnen treu ergebenen Gefolgmonnes Siegfried auftreten, und daß zwar nicht ein Dolchstoß, wohl aber ein Spe«rwurf in den Rücken als eine unter fürstlichen Trägern kerndeutscher Namen mögliche Hand- lungsweise hingestellt wird? Bei der gerade in den letzten Monaten von gewissen Kreisen sehr oft und reichlich laut betonten Verbundenheit mit der alten und. ältesten deutschen Vergangenheit und bei der Lobpreisung ihres rassereinen Germanentums kann durch die Duldung des genannten Fllms im Auslande allzu leicht ein hoffentlich falscher Eindruck von den Beweggründen erweckt werden, die zu einer solchen Einstellung geführt haben. Oder ist es etwa unbedenklich,«inen Film vorzuführen, der die Ausführung eines hinterhältigen Mordplanes alz typisches Bei- spiel deutscher Frühgeschichte herausgreift und noch dazu die ver- bundsnen Verschwörer jahrelang unverfolgt und unbestraft läßt, ob- wohl der beseitigte Gegner als leuchtendes Beispiel ehrlicher Tapfer- keit und treuer Dienstbereitschaft gegenüber seinen Volksgenossen zu gelten hat? Dabei kann die Metzelei, die Kriemhild später unter ihren Bluts- verwandten anrichten läßt, nicht einmal als eine gerechte Bestrafung empfunden werden. Denn sie bedient sich zur Besriedigung ihres wahnwitzigen Hasses der fremdrassigen Erbfeinde des deutschen Volkes jener Zeit und hat sich die Möglichkeit dazu durch die verwerflich« eheliche Verbindung mit dem vielverschrienen König der Hunnen verschafft. Sollt« dies« Frau fürstlicher Abstammung etwa als«in Must«r deutschen Frauentums empfunden werden können?.,. 1: - Gibt etwa der feige Kindermord durch. j)agen� der das ong«.- .zettelt« Menschenschlachten auf die Spitze treibt, eine» begrüßens- werten Eindruck von heldenhafter Kompfesweise? Es wäre nicht zu verantwworten, wenn im Ausland« der Ein- druck entsteht, daß die filmische Darstellung dieser unerhört blutigen Vorgänge in Deutschland begeisterte Anerkennung findet. Tatsächlich hat man aber den Nibelungenfilm nicht etwa ver- boten, sondern sogar zur Vorführung vor Jugendlichen zugelassen. Auf Grund dieser Zulassung hat er erst kürzlich wieder Berliner Volksschulkind«rn vorgeführt werden können, obwohl solche Vor- führungen zweifellos geeignet sind, niedrigst« Instinkte zu weck-n. Auch ohne die uns bekannten Bestätigungen aus Lehrerkreisen wären wir überzeugt davon, daß der Film keineswegs geeignet ist, erzieherisch im guten Sinn« auf Kinder und Jugendliche einzu- wirken. Er gibt vielmehr dem Nachohmungsbedürfnis Minderjähriger in solcher Richtung so nachdrückliche Impulse, daß mit Recht von einer Gefährdung ihres Jnneniebens gesprochen werden kann. - Eine solche Wirkung ist besonders deshalb zu befürchten, weil gur Zeit gerade Jugendliche unter Mißbrauch nationaler Schlag- worte zu Gewalttaten aufgereizt und zu Roheitsakten verführt wer- den, für die ihnen bei ihrer Begeisterungsföhigksit der Film die possenden Beispiele bietet, weil die in ihm auftretenden Personen ol« deutsche Helden empfunden werden. Wir sind überzeugt davon, daß gerade der falsch verstcmd'ne und maßlos übersteigend« Stolz auf ihr Germanentum jugendliche Wirrtöpfe in ihrer Rauslust und Händelsucht bestärkt und zu der- artig flegelhaftem Betragen verleitet, wie es bei den Berliner De- mcmstrotionen gegen den Film„Im Westen nichts Nrues" in die Erscheinung getreten ftt, und daß dadurch nicht nur Deutschlands Ansehen im Auslände, fondern auch die öffentliche Ruhe und Sicher- heit ernstlich gefährdet wird. Wir fordern deshalb öffentlich nicht nur die Aufhebung der Dorfühirungsgenehmigung für Jugendlich«, sondern auch ein Berbo! oder andere geeignete Mahnahmen, um den Vertrieb an das Aus- land zu verhindern. Di« Organisierung von Straßentumulten lrhnen wir ab und hoffen trotzdem auf gebührende Berücksichtigung der an- geführten Gründe. Bund der Freien Schulgesellfchaften Deutschlands t. V. Arbeitgeber als Gieuerkaffierer. Äürgersieuer in Raten. Das Reichsfinanzministerium teilt mit: Nach den maßgebenden Bestimmungen hat der Arbeitgeber die B ü r g« r st e u e r bei Lohnempfängern in zwei gleichen Raten bei der ersten, auf den lO. Januar 1931 und 10. März 1931 folgenden Lohnzahlung«inzubehalten. Zur Erlsicht«- tung für die Arbeitnehmer hat der Reichsminister der Fi- nanzen im Einvernehmen mit den Reichsratsausschüfsen die A r b e t t- g« b« r ermächtigt, in den Fällen der Lohnzahlung für Zeit- räume von nicht mehr als ein«r Woche den Abzug jeder der beiden Bürgersteuerrat«» auf die Lohnzahlungen in der Zeit vom 11. bis 24. Januar 1931 bzw. 11. bis 24. März 1931 zu verteilen. In den Fällen, in denen die Lohnzahlung wöchentlich am Freitag «rfvlgt, könnte, wenn von der Ermächtigung Gebrauch gemacht wirh, di««ine Hälfte der Bürgersteuerrate bei der Lohnzahlung am Frei- tag, dem 16. Januar, und die ander« Hälfte am Fr«itag. dem 23. Januar, elnbehalten werden. Kann Rundfunk Die Lage des Rundfunks. Von Dr. Paul Hertz, MüR. Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Reichspost. Di« Preissenkungsaktron der Reichsregierung soll auch eine Gz- bährensenkung der Reichspost zur Folge haben. Da die Reichspost aber nicht nur höhere Betrüge als bisher an das Reich abliefern muß, sondern im Rechnungsjahr 1930 auch ein-n Fehlbetrag von 125 Millionen Mark hat, so wird das finanzielle Ausmaß der Er- Mäßigung der Gebühren sehr beschränkt sein müsien. Trotzdem ist es verständlich, daß auch die Teilnehmer am Rundfunk sich melden und eine Ermäßigung der Rundfunkgebühren verlangen. Ein Gutes hat diese Forderung jetzt bereits gehabt: eine Zeitlang bestand bei der Reichsregierung die Absicht, aus dem Rundfunk höhere Einnahmen für das Reich zu erzielen. Das sollte geschehen entweder durch eine Erhöhung der Rundfunkgebühren oder durch die Erhebung einer Steuer aus hochwertige Empfangsapparate. Diese Absicht, gegen die die ernstesten Einwände geltend gemacht wurden, sind inzwischen fallengelassen worden. Man kann auch annehmen, daß sie damit endgültig begraben sind. weit schwieriger aber wird eine Ermäßigung der Rundfunk- gebühren zu erreichen sein. Gewiß ist die Rundfunkgebühr mit zwei Mark monatlich in Deutsch- land am höchsten. Alle übrigen Länder haben niedrigere Gebühren. Es ist außerdem zu berücksichtigen, daß die Zahl der Rundfunkteil- nehmer in Deutschlnad ständig steigt. Infolgedessen wachsen auch die Gesamteinnahmen. Da nur ein Teil der Gebühren zur Deckung der Unkosten der Rnndfunksendegesellschaften dient, so wächst auch der Betrag, den die Reichspost aus der Rundfunkbenutzung erhält. Andererseits steigen allerdings auch die Ausgaben, und zwar sowohl bei den Rundfunkgesellschaftcn als auch bei der Reichspost, so daß die Möglichkeit besteht, daß eine Beschränkung der Einnahmen eine Er- Mäßigung der Ausgaben und damit eine Störung der Entwicklung und Ausgestaltung des Rundfunks nach sich zieht. Betrachtet man die Entwicklung des Rundfunks im einzelnen, so ist zunächst festzustellen, daß die Telloehmerzahl im Zahre 1929 von 2 635 000 ans 3 066 ovo. also um 431 000 16 Prozent, zugenommen hat. Di« Zunahme hat sich allerdings in den letzten Jahren wesentlich ver- iangsamt. Das ist nicht nur auf die wirtschaftliche Notlag« zurück- zuführen, die die Beschaffung und Unterhaltung eines Rundfunk- appartes für weite Kreise der Bevölkerung immer schwieriger macht, fondern auch auf schwierige Empfangsoerhältnisse. Bei einer Teilnehmerzahl von knapp 3 Millionen im Durchschnitt des Jahres 1929 wird durch die Rundfunkgebühr eine Gesamleinnahme von ekwa 72 Millionen jährlich erzielt. Ursprünglich entfielen davon etwa 60 Prozent auf die Rund- funkgesellschaften und nur 40 Prozent aus die Reichspost. Durch eine Neuregelung wurde die Reichspost wesentlich stärker berücksichtigt, so daß jetzt die Gebühr etwa zu gleichen Teilen aus Reichs» post und Sendegesellschaften entfällt. Die Sendegesell» schasten haben im Jahre 1929 aus den Gebühren ein« Einnahme von 37,8 Millionen erhalten und insgesamt Einnahmen von 38,9 Mil- lionen gehabt.,, Mit dieser Summe haben die Sende gesell- schasten ihre dauernd steigenden Aufgaben und Ausgaben zu bestreiten. Mehr als die Hälft« chrer Gesamt- einnahmen sind im Jahre 1929 für die Kosten des technischen De- triebes und die Programmkosten aufzuwenden gewesen, und zwar mehr als 22 Millionen Mark. Gegenüber dieser Summe treten die allgemeinen Unkosten sowie die Abgaben an Reichsrundfunkgesell- schast usw. erheblich zurück. An Ueberschuß ist erzielt worden der Betrag von rund 2 Millionen Mark, von dem rast die Hälfte in ein« Sonderrücklage geflosien ist. Bei der Beurteilung dieser Ausgaben der Sendegesellschaften muß berücksichtigt werden, daß der deursch« Rundfunk größere Ausgaben notwendig macht als das Sendewesen anderer Länder. Die«inbehaltenen Beträge sind binnen, einer Woche nach der letzten Lohnzahlung(in dem Beispiel bis zum 30. Januar) an die Gemeindekasie abzuführen. Oustric- Skandal zieht weitere Kreise. Ein zynischer Llnterstoatssekretär. Parts, 24. Dezember.(Eigenbericht.) Di« Untersuchungskommission im Oustric- S t a n d a l hat am Mittwoch eine neue Protestdemarche beim Iustizminister unternommen und erreicht, daß ihr innerhalb einer Frist von acht Tagen«ine genaue Aufstellung über alle Parla- m e n t a r i e r geliefert wird, die je irgendwie mit Oustric in Ver- bindung gestanden haben. Außerdem hat sie den ehemaligen Unte» staatssetretär V i d a l über die Zulasiung der Snia Bisco sa-Aktien vernommen. Vidal erklärte, daß er in Wahrung seiner eigenen Interessen gehandelt habe und nicht für Rechnung Oustrics. da er zum Aufsichtsratsmitglied der Snia Viscvsa in Aussicht genommen gewesen war. Wenn Oustric ihm einen„Vorschuß* von 13 000 Franken gegeben habe, so sei seine Persönlichkeit dafür eine ge- nügende Garantie gewesen.„Ra. diese Antwort genügt uns ja*, erklärte der Abg. Mandel tn bissigem Tone. Vidal protestierte vergeblich und wurde in eisigem Schweigen verabschiedet. Zum Schluß beschloß die Kommission, am zweiten Feiertag den ehemaligen Finanzminister C a i l l a u x sowie einige Beamte vom Auswärtigen Amt und vom Handelsministerium zu vernehmen. Lndianerüberfall auf Kords planiage. 21 Personen getötet. Rio de Janeiro, 24. Dezember. Di« im Innern de» nordbrasilianischen Staate» para gelegenen großen Gummiplanlagen Fords sind von Indianern über- fallen worden. Dabei sollen 2t Ansiedler getötet und mehrere verschleppt worden sein. Die Regierung de, Staates para hat ein amerikanisches Verkehrsflugzeug beschlagnahmt, um die aus der Plantage ansässigen Amerikaner in Sicherheit zu dringen. Räch den Plantagen find Truppen entsandt worden, deren Eintreffen jedoch nicht vor Ende der wache erwariet wird. billiger werden? �eitslose ist noiwendig. Der deutsche Hörer stellt bedeutend höhere Ansprüche an das Programm, so daß nicht nur die Ausgestaltung des Programms. sondern onch die Organisation des Rundfunks auf einer wesent- lich höheren Stufe vollzieht als in anderen Ländern. Der der R e i ch s p o st verbleibende Teil der Ruiidfunkgebühren stellt aber nun keineswegs eine Reineinnahme dar, der keine Unkosten mehr gegenüberstehen, und die als Ueberschuß anzusehen wäre. Aus dem der Reichspost verbleibenden Teil der Einnahme müssen nicht nur die Einziehungskosten für die Gebühren, sondern auch die Aufwendungen für die allgemeinen techni- scheu Anlagen des Rundfunks und eine große Zahl von anderen Ausgaben bestritten werden, die der Reichspost durch die enge Verbindung mit dem Rundfunk erwachsen. Wenn auch diese Ausgaben den Gesamtbetrag der Einnahmen aus dem Rundfunk nicht erreichen, so muß man jedoch berücksichtigen, daß die technische Entwicklung des Rundfunks noch in den Anfängen steckt. Besonder» für die Verbesserung der Empfangsverhällnisse muß noch außerordentlich viel geschehen. Gegenwärtig sind die Empsangsverhältnisse in weilen Teilen des Deutschen Reiches so ungünstig, daß nur noch mit hochwertigen Apparaten ein einwandfreier Empfang möglich ist. Es ist insolgedesien«inleuchtend, daß eine Verbesserung der Empfangs. verhällnisse für alle Teilnehmer des Rundfunks das wertvollste sein muß. Dadurch tritt auch eine wesentliche Verbilligung ein, weil man statt eines teueren Apparates mit einem billigeren Apparat dieselbe Leistukig zu erzielen vermag. Je besser die Empfangsverhältnisse sind, um so größer wird auch der Kreis der Personen sein, die für den Rundfunk Interesse bekommen. Unter diesen Umständen muß man die Absicht der Reichspost, durch Errichtung von zehn Großsendern den Empfang im ganzen Deutschen Reich voll- kommen einwandfrei zu gestalten, nicht nur begrüßen, sondern auch praktisch fördern. Die Errichtung eines solchen Großsenders aber kostet 2f- Millionen Mark, insgesamt also 25 Millionen. Diese Summen können nur aus den Ueberschüssen des Rundfunks entnommen werden. Würde die Rundfunkgebühr auch nur um 5 0 P f. ermäßigt werden, so würde das im Jahre 1929 einen Ausfall von etwa 18� Millionen Mark hervorgerufen haben. Da die Beträge an die Sendegesellschaften nicht noch weiter gekürzt werden können, wenn man nicht ihre Leistungen herabsetzen will, so müßte diese Summe an dem Anteil der Reichspost gespart werde». Der Rundfunk würde aus einem Ueberschußbetrieb ein Zuschuß- betrieb werden. Vor allem aber würde der Ausbau des Rundfunks und seine technische Ausgestaltung unterbleiben- müssen. Sicher aber werden fast alle Rundfunkhörer einig fein in der Aufsassuug, daß ein schlechter Empfang bei 1,50 Mark monatlich teurer ist, als ein guter Empfang bei 2 Mark. Trotz- dem bleibt es notwendig, für später eine Ermäßigung der Rund- funkgebühr in Aussicht zu nehmen. Sie wird möglich sein in der Zeil, m der der technische Aushau einigermaßen vollzogen ist. Inzwischen aber erweist sich eine Milderung für einzelne be- dürftige Schichten der Bevölkerung als dringend notwendig. Gegenwärtig gibt es etwa 30.000 Genehmigungen, welche unentgeltlich an Blinde, Schwerkriegsbeschädigte, Sieche, an Krankenhäuser, Heil- arrstalten. Heim« ust», erteilt worden sind.-' Das ist aber nicht aus- reichend. Das Teilnehmeroerhällnis kann mir vierteljährlich gelöst werden. Das muß in all den Fällen Härten und Unbilligkeiten hervorrufen, in denen eine plötzliche Verschlechterung der Ein- kommensverhältnisse die Ausrechterhaltung des Abschlusses unmöglich macht. Gerade in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise müßte infolge- dessen für diejenigen Teilnehmer, die erwerbslos find und sich in einer Notlage befinden, die Rundfunkgebühr erlassen werden. Eine solche Maßnahme würde auch zu einer Vereinfachung der Ein- Ziehung der Gebühren führen und nicht zu einer Erschwerung, wie manchmal behauptet wird. Denn gerade im Falle von Zahlung?- Unfähigkeit entstehen der Postverwallung bei der Einziehung der Gebühren Unkosten, die sich durch ein solches Verfahren vermeiden lassen. Selbstmord des Komponisten Aedbal. Vom zweiten Stock abgesprungen. Wien, 24. Dezember. Wie hier bekannt wird, hat sich der bekannte Operettenkompo- nist Oskar Redbal. der seit einigen Tagen in Agram zur Erst- aufführuug seines Balletts„Der faule Hans* weilt«, am Mittwoch aus dem zweiten Stock des Nationallheaters in die Tiefe gestürzt. Er erlitt einen schweren Schädelbruch und war auf der Stell« tot. Ueber die Ursache des Selbstmordes gehen hier verschiedene Ge- rüchte um. Es heißt, daß ein Leiden in Verbindung mit materiellen Schwierigkeiten den sechzigjährigen Mann zur Tat bewogen haben. 600 Todesopfer des Vulkans. Aeuer Ausbruch des Merop» auf Java. Amsterdam, 24. Dezember. wie aus Valavia gemeldet wird, sind durch neneAnsbrüche des Merapi 40 Ortschaften durch die glühenden Lavamassen und den Aschenregen zerstört worden. Der größte Teil der Ernte wurde vernichtet. Die Zahl der umgekommenen Tiere geht in die Taufend«. Räch nichtamtlichen Feststellungen sind bei dem Ausbruch des Vulkans auf Zava mehralsS00personenumgekommeu. Die Zahl der Flüchflinge wird aus 24 000 geschäht. Die von wlfleu- schasllern vorgenommenen Messungen ergaben, daß die Lava kurz nach dem Austritt aus dem Sraler die ungeheure Temperatur von 1350 Grad Celsius aufweist. Stadt in Argentinten verschüttet. Salka(Argentinien). 24. Dezember. Ein heftiges Erdbeben sucht« den Nordwesten Argentiniens heim. 35 Personen wurden getötet, 70 verletzt. Die Stadt L a p o m a, die etwa 1500 Einwohner zählt, soll gänzlich zerstört sein. Eine Hilssexpedition ist unterwegs. Vor den Toren des Reiches. Von Georg Decker. Mir leben in der Zeit des Wunderglaubens. Dieser Wunder- glaube entspringt der Ver;weifblng. dem grenzenlosen Hag gegen das Bestehend« und einer leidensclzaftliche» Sehnsucht nach irgend- welcher Aenderung. Nach welcher Acnderung? Aus diese Frage, wenn wir sie ernsthaft stellen, wurden wir keine Antwort bekommen. lind das gehört zum Wesen selbst des Wunderglaubens. Es handelt sich dabei nicht um ein klares Ziel, sondern um etwas, was plötzlich komnien rmd alles auf einnial anders machen soll. „Das dritte Reich" oder„Sowjel-Deulschland". das sind über- Haupt keine Begriffe, sondern die Zauberworte, die eine Erlösung verheizen. Diese Bedeutung haben sie freilich nur für die glaubenden Massen und nicht für diejenigen, die diese Worte geprägt und zu ihren Agitationsmitteln genrocht haben. Es gibt aber jetzt so viele, die glauben, weil sie glauben wollen. Das ist eine aus früheren Zeiten mehrfach bekannte seelische Einstellung: es ist schon so schlecht geworden, dah es unbedingt bald ganz gut werden inuß. Wir stehen vor den Toren des Reiches: nur möchtig genug klopfen, dann werden sich die Tore öffnen. Wenn jetzt diese Einstellung auf die ge g e n w ä r t i g e Wirt- f ch a f t s k r i s e zurückgeführt wird, so ist das nur in einem be- schränkten Matze richtig. Gewiß bewirken die Wirtschaftskrisen eine furchtbare Not und Erbitterung der Notleibenden, treiben die Massen in Verzweiflung. Nicht alle Krisen und auch nicht die stärksten von ihnen bewirkten aber eine solche Erschütterung der Gemüter, wie dies jetzt der Fall ist, und liehen solchen Wunderglauben entstehen. Eine solche Wirkung der Krise, wie wir sie jetzt beobachten, kann nur in einem bestimmten Zusammenhang mit der Epoche emstchen. Nicht das Maß der Not ist entscheidend. In der Vergangenheit gab es N o t z u st ä n d e. die jetzt in einem Land wie Deutschland fchlechtbin unvorstellbar sind. Jahrzehnte der Arbeiterbewe- gung, Jahrzehnte der zähen Kämpfe waren nicht umsonst gewesen. Selten war aber das Gefühl der Ausweglosigkeit ko stark Das liegt zum Teil am Charakter der gegenwärtigen Welt- trise, die sozusagen eine Krise ohne Ventile ist. Es sind letzt die Möglichkeiten weder für die iitneren Abwanderun- gen noch für die Auswanderung vorha-nden. Man hat zugleich ein« Agrarkrise auf dem Lande und eine schwere I n- dustriekris« mit der riesenhaften Arbeitslosigkeit, so daß die Abwanderung vom Lande zu den Städten nicht stattfinden kann. Die überseeischen Länder, die auch durch die gegenwärtige agrarisch« und industrielle Krise getroffen sind, sperren sich von der Einwand«- rung— gesetzlich oder faktlsch— ab. Es gibt nicht nur keine Aus- ivanderungsmöglichkeiten, die es auch früher nur für einen Teil gegeben hat, es gibt keine Hoffnung U S A., keine Hoffnung Kanada, keine Hoffnung Argentinien, keine Hoffnung Australien mehr. C o l i n R o h hat das Richtige getroffen, als er neulich von der„unmöglichen Flucht" gesprochen hat. Dlel stärker noch, und zwar in allen Bevölkerungsschichten, wirkt sich ein« andere Wandlung aus. Es ist der Glauben verloren gc- gangen, dah die bestehende Ordnung in sich selbst die Heilung ihrer eigenen Uebel trägt. Früher fast ausschließlich die Einsicht der s ozi a list i f ch e n Arbeiterbewegung, findet jetzt die Entzauberung des Kapitalismus eine außerordentlich starke Verbreitung. Bei den breiten Massen war es früher keine bewußte, geschweige denn durchdachte Ueberzeugung von der Allmacht des Kapitalismus, sondern bloß ein Gefühl, daß es zwar m>t den Rückschlägen aber doch allmählich bester wird, und daß sich schon auf irgendwelche Weise aus jeder schwierigen wirt- fchaftlichen Situation ein Aueweg finden wird. Namentlich in Deutschland in den beiden letzten Jahrzehnten vor dem Kriege »i-ahmen alle Zweige der Wirtschaft und alle Bevölkerungsschichten am mächtigen Ausschwung des deutschen Kapitalismus teil. Die Negation der bestehenden Ordnung beschränkte sich nur auf einen zwar ständig zunehmenden Teil der Arbeiterschaft, die sozialistisch rmirde. Bon den engeren Kreisen laut gepriesen, wurde das kapitalistische System von der großen Mehrheit des Voltes als unabänderlich und als im Grunde gut anerkannt. Man darf gewiß die Berbreitunq der bewußten Negation des Kapitalismus auch heute nicht überschätzen. Außerordentlich stark ist aber das Gefühl verbratet, daß die bestehende Wirtlchaftsord- nung ein Versager ist. Deutsche Kapitaliften haben ohne Zweifel selbst die Verbreitung dieses Gefühls in einen» sebr starken Maße gefördert durch ihre Politik sowie namentlich durch ihr ewiges Jammern. Der Kapitalismus, der an fem« Zukunft glaubt, muß optimistisch sein, wie es z. B. der amerikonisck-e Kapitntismus ist. Deutsch« Kapitalisten haben in all den' legten Jahren in jeder Situation nur«in einzige? Lied gekannt: es geht uns schlecht, und es wird noch schlechter gehen. Sie erzeugten selbst eine Ver- zwciflungsstimmung, scheinbar ohire es zu merken, daß sie dadurch auch dsn Glauben an die Vorzüge ihrer„Wirlschaflsjührung" »»ntfcraben Wer glaubt denn jetzt an die Kunst der sogenannten , W'rtschartsführer". deren Verfooen auch in vielen Fällen ganz offensichtlich wurde' Es war sehr lehrreich, einmal iin engere» Kresse einen von dcnjeuioen alten deutschen Kapitalisten, denen der Geist der Initiative und schöpferische Energie nicht abgesvrochen wer- den dürfen, über seine Klaisengenossen sprechen zu hör«»,. Seine Worte waren eine ein-ige Anklage aegen die IHfähigkelt und Kl�nlichkeit der heutigen kapitalistischen Generation. Mehrfach »viederbolte er:„Es fehlt jeder große Zug." Wer kann an die schöpferilchc Energie des Kapitalismus in der Zeit der Kapitalflucht qlaichen't Wer kann zu der Schicht Vertrauen baben, die nicht mehr Mut besitzt, um ihre Macht und ihre Auffassungen offen zu kämpfen, sondern um die Gunst der wildesten faschistischen Bewegungen wirb:, um auf diese Weise den Schutz für sein« wirtschaftlich« Macht- stellung zu firrden?„Wenn scbon Sozialismus, dann Nationalsozia- lisnms"— mögen diese Worte, die einem schwerindustriellen Magnaten zugeschrieben werden, letzt für die voin tobenden Klassen haß erfüllten Kapitalisten taktisch richtig sein, sie stellen aber zugleich eine vollkominene Preisgabe jedes k a p i t a l i st i- fche n Selbstbewußtseins dar. Kein Wunder, wenn diejc fapitalistilch« G-nsrat'on nicht einmal imstande ist. ihren eigenen Kindern einen befriedigenden Lebensinhalt zu bieten. Die kapitalistische Ordnung ist naahrhastig..alte Ordnung" ge- worden—„ancien vögime", wie man die von der großen sranzösi- scheu Revolution gestürzte alte Ordnung genannt hat. Dies wird letzt von der großen Mehrheit des deutschen Volkes emp- funden. Nur ist die Einsicht nicht da. dah die Umrvaudlung dieser Ordnung nur in einem mühseligen und zielbewußten Prozeß vor sich gehen kann. Weder die alte Generation, die in den letzten 15 Jahren so furchtbar viel durchgemacht und so furchtbar gelitten hat, noch die neue, der jedes Gefühl für die Entwicklung als sich allmählich durchfetzende Aenderung fehlt, will warten. Sie sehen sich in ihrer letzten Erbitterung vor den Toren des Reiche» stehen und wollen nur möglichst kräftiger klopfen. Selten haben die Zauberworte solche Macht gehabt. Die k o in»n u n i st i s ch e n Arbeiter lassen sich durch den russischen„Fünf- lahresplon" oder durch die Parole„Sowjetdeutschland" faszinieren, die nationalsoziali st ischen Anhänger durch die„Brechung der Zinsknechtschaft" oder„Arbeitsdienstpflicht". Man fragt weder nach dem realen Inhalt noch nach der Erfüllbarkeit, man will keine Täuschung, keine Widersprüche zwischen der Predigt und der Praxis sehen. Man glaubt, weil man glauben will. Die kom- munistischen Proletarier wallen nicht cmesehen— oder fangen sie schon an, das einzusehen?—, daß wegen der Spaltung der Ar- beiterbewegung die Gefahr akut geworden ist, daß sie ihren schlimmsten Feinden ausgeliefert werden. Ebensowenig wollen die nationalsozialistischen Anhänger auf dem Laude und in den Städten einsehen, daß ihre Bewegung im Begriff ist, ihr« Interessen denen des Großgrundbesitzes bzw. des Großkapitals zu opfern. Die Entwicklung der letzten Zeit ließ den größten Widerspruch unserer Lage klar in Erscheinung treten. Was den arbeilenden Massen jeßl am meisten nollut, ist eine zielbewußte sozialistische Politik. Die Einstellung des größten Teils dieser Massen ist dagegen am wenigsten geeignet, als eine Machtgrundlage für eine solche Politik zu wirken. Es besteht eine sehr weitgehende Einigkeit darüber, daß sich der Staat nicht mehr der»virsschaftlicheu Entwicklung gegen- über passiv verha ltcn darf. Es erscheint aber u.unöglich, eine ausreichende Einigung darüber zu erzielen, was der Staat machen soll. Praktisch« Maßnahmen, die wirtschaftlich durchführbar wären und die in der Linie der Uebermindung des Kapitalismus liegen, finden nur einen ganz geringen Anklang und werden von den an Wunder Glaubenden als kleinliche Maßnahmen verworfen. Das Ergebnis ist, daß, während sich viele Millionen für die Brechung der Z'msknechsschaft oder für Sowjetdeutschland begeistern, die kapitalistischen Verbände immer noch imstande sind, z. B. jedem Druck zur Senkung der künsi- lich überhöhten Produktionsmittelpreise mit vollem Erfolg Wider- stand zu leisten Die Situation ähnelt verjlucht der iy einer alten Fabel, als der Kater,»vährend der Koch seine Tiraden gegen sein gemeines Verhalten donnert, in aller Ruhe das gestohlene Huhn zu Ende frißt. Die Nationalsozialisten donnern gegen das„raffende" Kapital. In ihrem Programm steht die Forderung:..Wir fordern die Verstaatlichung aller(bisher) bereits vergesellschafteten Betriebe (Trusts)." Trotzdem sind die Aussichten des sozialdemokratischen Ge- sctzentlmirfes über die Kartell- und Monopolkontrollc alles ander? als sicher. Unser Gesetzentwurf verspricht doch kein Wunder! Die von uns vorgeschlagenen Maßnahmen können zwar zu einer tiefgreifenden Reform werden, sie siiid aber keine Eintrittskarte in ein neues Reich. So bleibt man vor den Toren des Reichs stehen, wöhreird die Kapitalisten in aller Ruhe das Huhn zu Ende fressen. Es ist jetzt schwierig, nicht irre zu werden. Vielleicht muß das d i e Schwierigkeit jeder entscheidenden historischen Si- luation sein. Und es verschwinden jetzt die letzten Zweifel darüber, daß wir uns in einer solchen Slluation befinden. Die Krisen in der kapitalistischen Wirtschaft entstehen und vergehen. Auch der gegenwärtigen Krise wird eine bessere Konjunktur folgen. Die Zersetzung der kopilalislischen Gesellschaft wird aber nicht mehr haltmachen. Was einmal zu der„alten Ordnung" geworden ist, n,uß der n e u e n Ordnung den Platz räumen. Sehen wir klar diese historische Lage, so wird uns auch nicht nur die Schwierigkeit, sondern auch die ganze Größe unserer Aufgabe klar. Die sozialistisch« Bewegung »st in eine schwierige Prüfungsperiode chrer Tatkraft und, ihrer schöpferischen Energie eingetreten. Auch wir stehen vor den Toren des Reiches. Wir wollen aber nicht klopfen, da wir wissen, daß niemand da ist, der uns die Tore öffnen könnte..Fein Gott, kein Kaiser, kein Tribun." Wir werden unser Reich des So- zialismus in schwierigen Kämpfen uird opferooller Arbeit erobern. Weihnachtsgeschenke för Großverdiener. Die Geschichte einer Subvention. Subventionen sind ein dunkles Kapitel in der deutschen Wirtschaftspolitik. Gewiß gibt es Ausnahmefälle, in denen em Eingreisen des Staates aus volkswirtschaftlichen und politischen Rücksichten gerechtfertigt erscheint. Prinzipiell muß aber betont werden, daß in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung die Herren Unternehmer nicht allein das Recht zum Einstreichen der Gewinne haben, sondern auch die Pflicht zur Uebernahme von Berlusten. Wenn wirklich da» Einspringen der öffekitlichen Hand notlvendig wird, dann darf es nicht geschehen ohne die Ein- räumlmg von Verwaltungs» und Aufsichtsbefug. nissen, damit nicht die Unternehmer die Gelder in Empfang nehmen und später doch.. gegen die Interessen von Arbeiterschaft und Oefseullichkcil handeln. Was Ist z. V. aus der Subvention des Siegerländer Bergbaus geioorden? Jetzt legten die L e r« i n l g t en Stahl- wert« doch den größten Betrieb im Siegerland still und warfen die Arbeiter auf die Straße! Zum Skandal werden die Subventionen, wenn die Privat- Industrie die R o t d e r Krise benutzt, um ein Eingreifen von Staat oder Stadt geradezu zu erpressen. Jetzt wird aus Dresden gemeldet— Sachjen scheint überhaupt in letzter Zeit seinen Ehr- geiz m der Finanzierung fragwürdiger Subventionsprojekte zu suchen—, daß die Stadt die Uebernahme einer„Z i n s b ü r g- s ch a f t" für eine Million Mark aus 5 Jahre für die Firma V i l l e r o y u. B o ch A.- G. beschlossen habe. Dieses größte deutsche Unternehmen der keramischen Industrie(Steinguigeschirr, Kacheln usw.) hat in Deutschland 12 Fabriken! das Dresdener Werk wurde im Oktober„wegen Unrentabilität" geschlossen und die 14W> Arbeiter und Angestellten entlassen. Di« Unrentabilität liegt in den ver- alteten Anlagen begründet und sollte durch den Bau van zwei Tunnelöfen behoben werden. Für diesen Bau sollte zui nächst die Sächsische Staatsbank eine Million zinslos leihen; jetzt hat die Firma sich«inen Auslandskredit besorgt für den der sächsische Staat und die Stadt Dresden die Zinsgarantie „für den Fall der Gewinnlofigkeit" in den nächste» fünf Jahren übernehmen. VUr garantieren, dah unter diesen Umständen das Unternehmen in den nächsten fünf Zahrev ohne Gewinn arbeiten wird! Denn natürlich müssen die alten Anlagen abgeschrieben werden, und der Umbau wird einige Zeit die Produktion ungünstig be- «influssen. Dazu kominen die Bilanzierungskünste dieses Unter- nehmens, wie sie bei Ausstellung der legten B'lanz zutage traten. Vier Jahre lang wu>?d«n aus das Kapital von 1.{r MMsren Mark 10 P r o z.D I vid e n de, also 150 000' M, gezahlt. Di« Dividende für das letzt« Jahr wurde auf 8 Pro;, ermäßigt— weil man schlecht verdient hatte? Weit gefehlt: Dem Gewinnvortrag des Vorjahres wurden nachträglich(!) 205 000 M, entnommen, die in die Rerseroen abwanderten, die außerdem um weitere 45 000 M. i m voraus aufgerundet� wurden. Damit nicht genug wurden wegen der„schroankenden Kreditoerhältnisse" einem weiteren Reserveposten 413 000 M. zugewiesen— so dah die offenen Reserven aus 1,02 TNillimien INark bei IL Millionen Mark Kapital anwuchsen. Die Gesellschaft strotzte also sozusagen vor auf- gespeichertem ReseroefeU. In Wahrheit hat also Villeroy u. Boch im letzten Geschäftsjahr fast 50 Proz. des Kapitals ve.r dient. Daß die veralteten Anlagen eines Werkes erneuert werden müssen, soll ja auch sonst in der Industrie vorkommen. Daß man aber einem derart g l ä n- zend rentierenden Unternehmen, dessen Kapital sich im Besitz ganz weniger schwerreicher Adelsfamiüen befindet, noch Geschenke in Gestalt von Zinsübernahmcn macht, macht diese Subventionegeschichte zu einem glatten Skandal. 7tew Uorks Weihnachtsüberraschung. Die Oiskontsenkun' der Bundesbank. Wie wir bereits in einem Teil unserer gestrigen Morgenausgabe meldeten, hat die Federal Reserve Bank of New Bork völlig überraschend den Wechsclzinssatz von Z'-, auf 2 Proz. herabgesetzt. Der offizielle Zinsfuß hat damit einen R e k o r d t i e f st a n d erreicht. Welche Gründe im einzelnen die Rern-Borker Notenbant zu diesem überraschenden Schritt bewogen haben, ist im Augenblick noch nicht ersichtlich. Neben kreditpolitischen Gründen, die eine Entlastung der Privatbanken bezwecken, spieien sicherlich auch k o n! u n k t u r- politisch« Absichten mit hinein. Es ist noch nicht gesagt, daß sich die New-Borker Zinssentung auch auf den e n g l i s ch e n Di-tontjatz auswirkt, da die Bank von England wohl ni-r bei gleichzeitiger Zmsfenkung der Bank von Frankreich einen Diskontabbau vornehmen wird. Wenn Frankreich allerdings seinen Zinssatz gleichfalls verbillig» wird, wozu es trotz der gegernvärt'gen Bankschwnrigkeiten durchaus in der Lage wäre. so kann mit einer internationalen Zinssenkungswelle gerechnet werde»», der sich die Deutsch: Reichsbant dann auch kaum entziehen würde. Der New-Borker Zipsabbau wird infolge der Vergrößerung des Zinsgesälles zwischen dem hohen deutschen und dem niedrigen amerikanischen Diskontsatz zweifellos amerikanisches Kapital zur stärkeren Investition in Deutschland anregen. preis ibbaj uiD V rtschzstsbelebun? Zorverongen des Ko junktur nstt'utö Das Konjunkturforschungs-Jnstitut befaßt sich in seiner Jahresschlußhetrachtung mit dem Ablauf des Krisen» j a h r e s 1S30 und schließt an diese Betrachtnnz eine Untersuchung über die Möglichkeiten eines wirtschastlichen Ausschwunges an. In diesem Ausblick auf die Zukunft, der den Kern der ganzen AdhanÄung darstellt, heißt es, daß die Industrie schon allein durch die Wiederauffüllung der geräumten Läger einen erhöhten Ab- satz finden kann, sobald die Preiseinbrüche und die Kreditklemme vorüber sind. Das Znsiilul betont, daß sich dieser Aufschwung um so eher durchsehen würde, wenn eine starke Preissenkung, dem durch Arbeitslosigkeit, Lohn- und Gehalksabbau eingetretenen kauf. kraflverlust entgegenwirken würde. Im Augenblick sind noch keine Anzeichen dafür vorhanden, daß die Lagerauffüllung jetzt schon einsetzt da die Lage auf den Roh- stoffmarkten und die planmäßigen Bemühungen um einen Preis- abbau es nicht wahrscheinlich machen daß die Preise der Fertig- »varen schon de» Tiefpunkt erreicht haben. Erst wenn ein Tiefpunkt der Verbraucherpreise eingetreten sst, wird man damit rechnen können, daß auch die vom Verbrauch hergegebene» Auf- triebstendenzen restlos zum Eilssatz kommen. Je durch- greifender und je rascher die Preissenkung vor sich geht, um so günstiger sind ihre konjunkturellen Auswirkung«»». Eine den Ar beitsmarkt wirklich entlastende Kon- j u n k t i» r ist jedoch nur denkbar, wenn neben den Kontum- industrien auch d>« übrigen Industriezweige(Kohle. Eisen, Ma- schinen usw.) ausreichend beschäftigt sind Da sich der deutsche Export trrtz der Weltkrise überraschend gut gehalten hat. ist damit zu rechnen, daß bei eintretender Belebung auf den Welt- i Märkten die deutsche Industrie von dieser Besserung besonders pro- fitiereu wird. Beruhigung bei den Banken. Die Monatsbilanzen der deutschen Kreditbanken für Ende November zeigen, daß auch in der deutschen VankweU die Rück» kehr zu normalen Verhältnissen sehr Ich»»ell wieder»tngetreten ist. Während im Oktober infolge der Reichstagswahlen vom 14. Cep- tember durch inländische und besonders auch durch ausländisch« Ab- rufe ein Rückgang der fremden Gelder von 580 Millionen eingetreten war, hat sich der Stand der fremden Gelder(Kreditoren) im November nur ganz unwesentlich vermindert. Durch verstärktes Eintreiben von Außenständen hat sich das gesamte Bi'a-" bild bei den Banken echebllch oeeftüsf igt Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Verlin ainrenbungen für dies« Sudril nut an da« Jaatndiesrttahat J'ertln SW 6t, flndoifTraSe 9 ?as Zngesdsekrcwriat bleibt»m Soaaabeud. dew 27. Dezember, geschloffen. heute, Donnerstag, 25. Dezember: Zlrnimolab: Treffpunkt der llederfeefabrer S Uhr pünktlich in der linken Ecke des Stettiner ffernbahnhofes.— Rcukiill» IX: Treffpunkt zur ffahrt 7>� Uhr Bahnhof Sermannftrahc. Steglig: Wir beteiligen uns an der sfahrt des Werbebezirks Teinpelhof. Sceffpgntt 7 Uhr Bahnhof Temvclhoi.— Reu- köll« lt ssahrt nach Eichhorst. Trefspunkt VsH Uhr Reuterplah.— IZalkplaj, l: Treffpunkt zur ssahrj nach Tiefensee IV} Uhr Bahnhof Schönhauser Allee. ssahrgeld einschließlich Schlafgeld l,Cö M.— Kumdoldthai»: Weihnachtsfahrr. ä-Tage-ssahrer Treffpunkt ö Uhr Bahnhof Gesundbrunnen sLullentninkel). Werbebezirk Tempelhos: Treffpunkt zur ssahrt 7 Uhr Bahnhof TcmpeNiof. Unkosten 1 bis lchv Mark. Morgen. Areitag. 2ö. Dezember: West«»: R-ichstagsbestchtigung unter sssthrung des Genossen Paul Löhe. Treffpunkt S Uhr Bahnhof Btilowstraße.— Eharlottenbueg: Seim Rosinen- strafe 4. Weihnachtsfeier— Schöncmeid«: Weihnachtsfeier 17 iz Uhr Seim Laufener Str. 2.— Reinickeudorf-Ost: Seim Lindauer Strafe. Souncnwend- frier.— Lichterfelde: Weihnachtsfahrt nach Uefdorf. S Uhr Bahnhof Steglig. Voriräge,VereineundVersammlungen. Reichsbanner„Schwarz- Rol.Sold". Defchäktsstcll«: Berlin E 14. Scbostianstr 87—2» Sok 2. Tr Ganvorstand. Unser ttamcrad Tr. Eduard David. Reichsminister a, D..'Mitglied des RiichsausfchusskS- ist am 2t. Dezember vel- Die Zeitungsnotizen an dieser Stelle in der Sonnabcndnummer ___________ Das Saubstra bleibt vom 2ö. bis einschlieflich SS. Dezember ge- schloffen.— Douuerstag, ZZ. Dezember. Weddina fiZportgrnppe). Wir treffen UNS um S Uhr bei Reufner. Seestr. SS. Liederbücher mitbringen. Lichtenberg. «ameradschaft Gustav Tempel. Weihnachtsfeier in beu Gcfamtritume» des „Tanziaee Wappens", Normannenstr. 38. Beginn piinktlich 17 Uhr. Ein'ritt frei. — Freitag, Z«. Dezember. ZSafferfpo'tabteilunz..Zug Oberfprec. 1« Uhr Weih. schiede». beachten. Nachtsfeier im Bootshaus Wendenschloß. Gaste»ilBoaemen.— Souaabend, 27. Dezember. Weißensce(Ortsoecciu). 18 Uhr Weihnachtsfeier im..Berliner 2of". Eintritt frei. Mitglieder anderer Ortsoerei.ie als Göfte willkammsn. Wafs-efportatteiluug. Zug Tegel. 20 Uhr Weihnachtsfeier im Bootshaus. Di- arbeitslosen Äam-raden und ttindcr unserer Mitglieder werden beschert. Eil- veiterfeiep am 81. Dezember im Bootshaus. Eintritt wird nicht erhoben.— Souutag, 28. Dezember. Wintersport abteilung. 23.83 Uhr Ankunft der Sa'.'- fahrer Potsdamer Bahnhof. Lichtenberg fOrtsverein). Piinktlich S Uhr fammeit stch der gesamte Ortsverein in Bundesklriduna auf dem Svortplah in Fried- richsfelds. Technische Uebung. Die Zungmannschaft bat stch restlos zu beteiligen. Seiner darf fehle»._ Reichs koricll Republik. Sportplah Friedrichsfelde. Sonntag, 28. Dezember. g Uhr, trifft stch der gesamte Ortsvereiu Lichtenberg einschNeßlich Zungmann- fchoit in Buudeskleidung zu einer technischen Uebung. Espcranto-Gesellsckaft Eharlotienburg. Montag. 2». Dezember, 20 Uhr, San- ditor» Wolter, Eharlottenburg. Birma eckst:. 114 fstnie), stlubzimmer. Heiterer Abend lSilyesterfeicr), Gäste willkommen. Brieftasten 0er Redaktion. B. 83. ZiW. A. Dortmunder Str. 18. fä&fchäfis** (Siezlwk Jlorden- Cfien Kaust m den Markthallen! 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Dezember 1930 Wie Sclinufpieler ffienda ver/elnvaml Ton 9iarel Capek Am 2. September vcrschwaiid der Schauspieler Beuda, Meister Bcndo, wie man ihn seither nannte. Das heiht, eigentlich geschah an jenem Tage gar nichts: die Bedienerin, die um neun Uhr in Bendas Wohnung kam, fand das zerwühlte Bett und im Zimmer die gewohnte Unordnung! daß der Meister nicht zu Haust weilte, daran war nichts Ungewöhnliches er mußte oft zeitlich früh ins Theater, mußte häufig auf Gastspielreisen oder sonst wohin gehen. Aber man begann auf sein Vers chwi irden aufmerksam zu werden, als er am tv. September nicht zur Probe von König Lear erschien und auch bei den daraus folgenden drei Proben ausblieb. Da wurde man beunruhigt und fragte telcphonifch bei Bendas Freund, dem Dr. Berg an, ob er nicht wisse, was mit dein Schauspieler los fei. Dr. Berg war Chirurg und verdiente uirgehuer viel Geld an Blinddarmoperationcn. Sonst war er ein dicker Mensch, mit einer dicken goldenen Brille und einem dicken, goldenen Herzen. Er schwärmte siir die Kunst, seine Wohnung war vmn Boden bis zur Decke mit Bildern behängt, und er liebte den Schauspieler Benda, der siir ihn freundschaftliche Richtachtung empfand und mit einem gewissen Wohlwollen gestattete,-daß der Arzt für ihn Schulden zahle, was nicht immer eins Kleinigkeit war. Bendas tragische Maske und das strahlend« Geficht des Dr. Berg, der, im Gegensatz tzu Benda, nur Wasser trank, sah man in allen Nachtlokalen bei- sammen, bei allen sardauapolifchcn Unterhaltungen und wilden Exzessen, die die zweite Berühmtheit des großen Mimen waren. Also diesem Dr. Berg wurde aus dem Theater telephoniert. Er antwortete, er habe keine Ahnung, wo Benda sei, werde sich aber gleich nach ihm umsehen. Er verschwieg, daß er ihn schon stit einer Woche in allen Nachtlokalen vergeblich gesucht hatte! ver- schwieg, daß er, soweit er feststellen konnte, der letzte Mensch war, der Johann Benda gesehen hotte. Das war am l. September gewesen. Damals hatte Dr. Berg den Schauspieler aufgesucht, da Benda sich seit mehr als einer Woche nirgends hatte blicken lassen. Der Doktor war vielleicht eine Viertelstunde vor Bendas Tür ge- standen, hotte fünf Minuten lang auf den elektrischen Taster ge- druckt, eh« Benda geöffnet hatte. Ein Schlafrock hing ihm lose über die Schultern, er sah verfallen aus, die Haare wirr und oerklebt. Bartstoppeln bedeckten das Gesicht.„Was wollen Sie?" hatte er gebrüllt.„Ich geh nicht aus, lassen Sie mich in Ruhe!" Und schon hatte er dem Arzt die Türe vor der Nase zugeworfen. Tags darauf war er verschwunden. So ging Dr. Berg wieder auf die Suche. Der Hauswart wußte heute nicht mehr auszusagen als das erstemal. Unlängst, in der Nacht, es mag gerade am 2. September gewesen sein, etwa um Z Uhr nwrgens, hatte ein Auto vor dem Haus gehalten. Niemand war ausgestiegen, nur die Sirene hatte getutet. Dann hatte eine Person das Haus verlassen, und gleich darauf war das Auto weg- gefahren. Die Hupe hatte trompetet, als hätten die Leute große Elle gehabt. Mehr wußte der Mann nicht. Um drei Uhr morgens kriecht man nicht aus dein Bett, wenn man nicht muh. Die Auf- wartcfrau sagte aus, der Meister habe die ganze Woche die Wohnung nicht verlassen, habe sich nicht rasiert, vielleicht nicht einmal ge- waschen, wenigstens habe er so ausgeschaut. Das Esten habe sie ihm bringen muffe», aber er habe fast nur Kognak getrunken und sei immer auf dem Sopha gelegen. „Wisstn Sie nicht, welches Gewand Herr Benda an hatte, als cr seine Wohnung verließ?" fragte der Doktor. „Gar tcins", sagte die Frau.„Ich kenne alle seine Anzüge, und alle hängen im Schrank, nicht eine Hose fehlt." „Er kann doch nicht nur mit der Unterwäsche bekleidet da Haus vrlassen haben", sagte Dr. Berg verdutzt. „Nicht einmal Wäsche hat er angehabt", erklärt« die Frau. „Ich habe jedes Stückchen seiner Wäsche aufgeschrieben, weil ichs zur Wäscherin trage; jetzt fft gerade gewaschen worden, ich habe alles geordnet und gezählt. Er hat achtzehn Hemden, nicht eines sehit, nicht ein Taschentuch. Auch die Stiefel sind alle da, nur ein Koffcrl ist fort, das cr immer mitnimmt, wenn er Theater spielt." Dr. Berg sah sehr nachdenklich aus.„Als Sie am 2. September in die Wohimng kamen, fanden Sie nicht eine besondere Unordnung vor, ich meine, war nicht etwas umgeworfen, war keine Türe auf- gestemmt?" „Unordmmg habe ich schon gefunden, doch nicht mehr als sonst, aber die Türen waren alle in Ordnung. Wohin könnt« er denn gegangen sein, wenn er nicht einmal Hosenträger angehabt hat?" Das wußte Dr. Berg natürlich ebensowenig wie die Frau und voll Sorgen wandte er sich an die Polizei. „Nach dem, was Sie nur gesagt haben, Herr", sagte der Polizei- beamte,„schaut das Ganze aus— hm, wie ein—" „Delirium?" stieß Dr. Benda hervor. „Ja", erwiderte der Beamte.„Sagen wir Selbstmord in Sinnesverwirrung. Bei ihm möchte mich das gar nicht verwundern." „Dann hätte man doch leinen Leichnam gesunden. Wie weit könnte dann ein Nackter gehen? Und weshalb hätte er das Kofferl mitgenommen? Und was hat der Wagen, der vorm Haufe gewartet hat, zu bedeuten?". „Hatte er Schulden?" forschte der Beamte. „Ol)", sagte der Loktor,„Johann Benda hotte zwar Schulden wie Blumen aus der Wiese im wommcr, aber die nahm er nicht tragisch." „War er unglücklich verliebt, krank, oder sonst...?" „Meines Wissens gab es nichts derartiges", meime Dr. Berg zögernd. Er erinnerle sich wohl daran, daß Benda mit Frau Greta, der Gattin des Fabrikanten Karbol, befreundet�var, sehr befreundet sogar. Diese Frau wollte durchaus berühmt werden, und deshalb hatte H«rr Korbel beschlossen, einen Film zu finanzieren, in dem seine Frau die Hauptrolle spielen sollte. Benda hatte nie von diesen Dingen gesprochen— sie konnten auch nicht mit seinem Ver- schwinden in Zusammenhang gebracht werden. -i» Einmal,«s war gegen Abend, begegnete Dr. Berg dem alten Schauspieler Lebduschka. Man sprach natürlich von Benda.„Das war ein Schauspieler", sagte der alte Lebduschka„Ich erinnere mich an ihn, wie er etwa fünfundzwanzig Jahre alt war. Da hat cr den Oswoll» gespielt. Junge Mediziner sind ins Theater gegangen. um zu sehen wie Paralpse ausschaut Dann den König Lear! Ich weiß nicht, wie er ihn gespielt hat, ich mußte immerzu seine Hände anschauen. Er hatte sich Hände gemacht wie ein Achtzigjähriger. Ich versieh bis heute nicht, wie er das zustande gebracht hat. Ich lann mich doch auch maskieren, aber das macht dem Benda tomer nach." Dr. Berg bereitete es eiue«uolancholifche Luft, diefe« Nvtrvloz zu lauschen.„Der war. ein Schauspieler!.Ich werde den König nicht spielen', schrie cr deu Theaterfchneider an,.wenn Sic mir so schofle Spitzen an den Rock nähen!' Er hat keinen Theaterschwindel an sich vertragen. Als cr den Othello spielen sollte, hat er tagelang alle Antiquitätenläden durchstöbert, bis cr einen Renaiffancernig ge- fanden hat. Er behauptete, er könne besser spielen, wenn er etwas Echtes trage. Das war kein Spiel mehr, das war geradezu— Verkörperung", sagte Lebduschka unsicher, ob er das richtige Wort gewählt habe.„Ich gehe jetzt hier ins Kino, Doktor", sagte der Alte und blieb stehen. „Ich geh mit", sagte der Doktor. Ihm graute vor dem Allein- sein. Man gab einen Matrofenfittn, aber Dr. Berg wußte nicht, um was es sich handle. Mit allen Sinnen lauschte er den Worten des alten Lebdufchka, der unentwegt meitersprach:„Er war kein Schauspieler, er war ein Hexenmeister. Cr war ein wirklicher König Earl Regien Ein Drechsler war Äugust Bebel wie Carl Regien. Beiden hatte die 0!c»t der Zeit geschrien. Fenertopj der eine, der andre wägende �!rast, Gin beiden aber glühte die gleiche 5eidenschast. Beide hatten sich ganz ihren Arbeitsbrüderu geweiht. Sie schrieben ihrenNamen mit seurigenTettern derZeit. Partei, so ries der eine, Gewerkschaft der andre aus, Sie bauten miteinander der Ä.rbeit großes Haus. Es liegen die zwei begraben und wurden dennoch nicht s stumm. Es geht ihr Geist und BZolleu in nnsreu Reihen um, Sie treiben und sie drängen die �Blassen sounenwärts. Sie haben ihr Denkmal errichtet sichin derÄrbeitHerz. Bruno Schöulank. und ein wirklicher Strolch. Mit der Hand winkte er, als habe cr sein Leben lang nur kommandiert. Schen Sie mal hier diesen Schiffbrüchigen aus der Leinwand. Er ist auf eiucr verlassenen Insel, hat aber, gepflegt« Nägel. Seh«» Sie, wie er den Bart an- gepickt hat? Wenn das Benda wäre, so-hätte cr sich vor seinem Auftreten einen echten Bart wachsen lassen und hätte hinter den Nägeln echten Schmutz... Was ist Ihnen, Herr Doktor?" „Entschuldigen Sie", stotterte der Doktor und erhob sich,„ich habe mich an etwas erinnert, ich muß jetzt gehen." Und schon stürzte er davon.„Benda hätte sich einen echten Bart wachsen lassen", murmelte er vor sich hin,„er hat sich eine» wachsen lassen! Daß mir das nicht früher eingefallen ist." „Zur Polizei", rief er einem vorüberfahrenden Auto zu und sprang hinein. lind als cr vor dem Beamten stand, der Nachtdienst hatte, bat er so slehentlich, man möge doch gleich nachsehen, ob am 2. September oder einige Tage später die Leiche eines unbekannten Landstreichers irgendwo, jawohl irgendwo, gefunden worden war, daß der Beamte seiner Bitte willfahrte. „Am 2. September früh fand der Heger in den Pürglitzer Wäldern die Leiche eines unbekannten Strolches, etwa 40 Jahre alt; am 2. September wurde aus der Elbe die Leiche eines unbekannten, etwa dreißigjährigen Mannes gezogen. Sie mag etwa vierzehn Tage im Wasser gelegen sein. Am 10. September wurde ein unbekannter Gehängter gesunden, ungefähr 60 Jahre..." las der Beamte mit monotoner Sttmmc. „Bon dem Strolch steht nichts Näheres?", fragte der Doktor atemlos. „Mord", sagte der Beamte und sah den aufgeregten Doktor forschend an.„Nach Meidung der Gendnrmeriestatio» war der Schädel mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert. Der Sezier- bcfund lautet: Alkoholiker, Todesursache: Verletzung des Gehirns. Hier ist die Photographic." Man sah einen Mann, bis zum Gürtel. Der Körper war in Fetzen gehüllt. Dort wo Menschen Stirn und Augen haben, sah man einen Büschel zusammengeklebter Haare und etwas, das viel- leicht Haut oder Knochen war. Ztur das mit struppigen Stoppeln bedeckte Kinn und der hnlbosfene Mund hatten etwas Menschliches. Dr. Berg zitterte wie Laub im Wind.„Hätte... er ein besonderes Merkmal?" stammelte er. „Größe 178, Haare graumeliert, auffallend schlechte Zähne", las der Beamte. Dr. Berg atmete erleichtert auf. Benda hatte gesunde Zähne wie ein Raubtier.„Verzeihen Sie", stammelte er glückselig,„daß ich Sie belästigt habe, cr ist nicht der, den ich suche." In jener Nacht durchstreifte Dr.Berg wieder einmal die nächl- liche Stadt, dock) Benda fand er nirgends. Da, es war schon gegen Morgen, durchzuckt« ihn jäh ein Gedanke, cr eilte nach Hause und stürzte in seine Garage, Eine Stunde später stand er vor dem Herrn Bezirkshauptmami in Pürglitz. Zum Glück für den Doktor stellte es sich heraus, daß er diesen Herrn schon einmal eigenhändig ausgeweidet, zugenäht und ihm zum Andenken einen in Spiritus gelegten Blinddarm über- reicht hatte. Infolge dieser keineswegs oberflächlichen Bekanntschaft hielt er in kurzer Zeit die Exhimricrungsbewilligung in Händen und sah bald darauf au der Seite eines fchr verdrießlichen Bezirtsarztes dem Ausgraben der Leiche eines unbekannten Strolches zu.„'Nack) dem hat sich schon die Polizei erkundigt", brummte der Bezirksarzt unwillig.„Das ist nicht der Benda. Das hier ist ein verkom- mener schmutziger Lump." „Gehen Sie nur allein hinein", sagt« der Bczirksarzt zu Dr. Berg und blieb,«ine starke Zigarre rauchend, vor der Toten- kcmrmcr stehen. Bald darauf taumelte Dr. Berg aus der Totentammer. „Kommen Sie, kommen Sie vafch", rief er leiser dem andern zu und ging zur Leiche.zurück. Er wies auf eine Stelle, an der einmal der Kopf eines Menschen gewesen war, und hob mit einer Pinzette etwas, was einmal Lippen geheißen hatte. Ekelhaft verdorbene Zähne wurden sichtbar, gelbe Zahnstummeln, die aus der schwarzen Karies hervorsahen.„Sehen Sie genauer her", hauchte Dr. Berg, fuhr mit der Pinzette in die Zähne und zog ein Stück schwarzer, verdorbener Masse heraus. Darunter leuchteten zwei weiße gesunde, starke Schneidezähne.„Schwarze Haare sind's, wie sie die Schau- spieler auf die Zähne kleben, wenn sie alte Männer oder Land- streicher darstellen wollen." * Noch am selben Tag wurde dem Fabrikanten Kordel- ein Herr...' gemeldet, der ihn dringend sprechen wollte.,.! „In Angelegenheiten des Films", sagte Dr. Berg auf die des Fabrikanten. „Welcher Film?" Gleichgültig klang des mächtigen Mannes Stimme „Des Films, in dem Frau Greta, Ihre Gatnn, die Hauptrolle spielen sollte und Benda den Landstreicher." „Ich weiß von nichts", knurrte Kordel. „Sic'wollten die Landstreichcr-Szenc im Pürglitzer Wald drehen lassen. Sic haben Benda am 2. September etwa um drei ilhr morgens im Auto abgeholt. Sie find, verabredungsgemäß, nicht ins Haus gegangen, haben nur stark getutet. Nach ein paar Minuten tam Benda, oder sagen wir lieber, es tam ein schmutziger, struppiger Strolch, in Fetzen gewickelt, Fetzen um die Füße. Deshalb fehlte auch nicht ein Stück aus Bendas Garderobe. Bei'Morgengrauen waren Sie an Ort und Stelle. Sie führten Benda vierhundert Schritte vom Weg.„Wo ist der Operateur?" wird Benda gefragt haben. Da haben Sie ihm den ersten Schlag versetzt, mit einem Totschläger aus Blei," „Sie find verrückt", zischte der Mann und rückte in den Schatten. „Oh nein, klarer denn je, und ich weiß, daß Sie Benda Ihrer Frau wegen ermordet haben." „Teufel!" Der Fabrikant wollte sich auf den dicken Doktor stürzen, aber da halten sich die beiden Detektivs, die im Nebenraum gewartet hatten, des Tobenden schon bemächtigt. (Deutsch von Anna Aurcdnicek.) 9m Tulkangebiei Javas Wieder einmal ist das schlimmste Vulkangebiet der Welt, der malaiische Inselarchipel, von einer furchtbaren Katastrophe heim- gesucht worden, und zwar ist es diesmal die schöne Insel Java, die durch de» Ausbruch des M e r a p i in grenzenlose Trauer und Schrecken versetzt wurde. Erst vor zwei Jahren ereignete sich aus einer anderen Sundainscl, Palpeweh, der Ausbruch des Vulkans Rotatinda, dem mehr als l000 Menschen zum Opser sielen, und in frischer Erinnerung ist noch das entsetzlichste Unglück, das sich in dieser Zone jemals ereignete, der Ausbruch des Krakstau am 26. August 1883, der den ganzen Archipel in eine Wüstenei ver- wandette und seine Lava über ein Bereich von nicht w'nigcc als vier Kubikmeilen ausspie. Alle Küstenstädte der Sundastraße wurden damals dem Erdboden gleichgemacht, und gegen 70 000 Menschen- leben sielen diesem schauerlichen Rasen der unterirdischen Mächte zum Opfer. Auch Java ist schon oft durch das Wüte» seiner Vulkane schwer geschädigt worden, wenn auch die Katastrophen glücklicherweise nur selten den Umfang der jetzigen hatten, denn auf Java befinden sich mehr tätige Vulkane als in irgendeiner anderen gleich großen Gegend der Welt. Eine Kette von nicht weniger als S7 vulkanischen Kugeln zieht sich durch die ganze Länge der Insel, und etwa die Hälfte ist noch in Tätigkeit. Zwar stehen diese Vulkane den großen Feuerbcrgen von Mittel- und Südamerika an Höhe dedeutend nach, aber� sie erreichen doch auch ganz gewalt'g" Erhebungen, und zwar übersteigen zehn die Höhe von 3000 Metern: der höchste, der Ardjuno, ist 3343 Meier hoch. Der zerstörendste Ausbruch, den man bisher bei den javanischen Vulkanen erlebt hat und der auch den jetzigen noch übertraf, fand 1772 statt, als der 2660 Meter hohe Papondajan feine im- geheuren Lavamassen über 40 Dörfer hinschleuderte, von denen da- mals allgemein berichtet wurde, sie seien„von der geöffneten Erde verschlungen worden". So plötzlich und geheimnisvoll vollzog sich diese Katastrophe. Tatsächlich wurden die Siedlungen von den aus- geworfenen glühenden Schlamm- und Steinmassen verschüttet. Wie auch diesmal bei dem Meropi ist es besonders die ungeheure Wucht des Ausbruchs, die diese Vulkankotastrophe kennzeichnet. Der ganze Gipfel kann dadurch„weggeblasen" werden, und die Massen des Berges werden dann iveithin verstreut. Beim Ausbruch des Papandajan bildete sich an Stelle des Gipfels ein neuer Krater, d�r eine Fläche von 20 Quadratkilometern bedeckte. Bei dem Ausbruch des Gu nt u r im Jahre 1800 ergossen sich mächtige Laoasträme über tie weite Fläche eines fruchtbaren Tales und wandelten sie in eine Wüste um. Das Bulkongebiet Javas, in dessen Zentrum sich der Ort Garoet befindet, bietet eine der großartigsten und unheimlichsten Landschafts- szenerien, die es gibt. Rings um das van tropischer Fruchtbarkeit erfüllte Tal bauen sich die Kegel und Krater der Feucrberge wie ein ungeheures Amphitheater auf. Das gleichmäßige Grau der Rauch- sahnen, die über diesem Halbkreis schweben, geben dem Bergmassiv eine tragische Stimmung von düsterer Majestät. Ein von Reisenden häufig besuchter Gipfel ist der Talaga-Boda, aus dessen Krater der milchweiße Spiegel des„Weißen Sees" ausleuchtet. ,Der Wald hüllt den Teusekstrichter in seine Schatten", ja schildert ei» Reisender diese romantische Stätte.„Kein Bogel, kein Schmetterling, kein Summen eines Insekts, nichts als das Schweigen des Grabes umfängt uns. Nur zuweilen geht ein zitternder Laut über das Waffer: es sind die Blase» der Schwefclmosierstoffgase, die an die Oberfläche sicigcn. Der Krater des Vulkans schläft seit dem Jahre>882, in dem cr über 20 Ortschaften unter feineni völlig überraschend heraus- geschleuderten Stein- und Schlockenrestcn begrub. Zu Füßen des toten Feuerberges liegen die Trümmer eines alte» Hindu lempels, und vom Gipfel aus entrollt sich dem Blick das gewaltige Bild von cli großen Vulkanen, die in voller Tätigkeit über den zerklüfteten Bergzinnen ihre van rauchenden Federbü schen betränken Kegel, erheben. Ilittcr ihnen ist der Höchste der 3000.Meter emporragende Tjikoroi, auf dessen schwarzem Abhang ein Wafferiall im grellen Sonnenlicht wie eine Diamantflut aufblitzt." Jieiliye Wacht der dvven Don SrnH ffloferichier SdjiiM fiel als weißer, weicher Brief vom 5)immel. In die schwarze, dichte Nacht hinein. Alles Laute lies auf fchiucigfmncn Gummisohlen durch die Straßen, und nur der Droschkengäule Geklingel fang durch die wirbelnden Flocken. Der Partier der Psl)chiatrischcn Klinik lag mit dem einen Ohr auf seinem Bizeps und und breitet über einem Stoß alter Kranken- gefchichten silberhellen Christbaumschmuck aus. Aus dem elektrischen Wecker sielen in dünnen Tropfen die Sekunden, und müde klappten dann und wann die Ilmstecker des Haustelephons hinein. Und da der Pförtner eben die regenbogenfarbige Chriftbaumfpitze aus ihrem 'lüsterndcn Scidenpapicr hob— läutete die Nachtglocke des Ein- fahrtstorcs, und in die Signalbirne hüpfte ein veilchenblauer Schein. Draußen fang es. Die Stimme sang von dem, daß allen eine große Freude nahe sei, daß Gottes Sohn auf dem Weg zur Erde fei— und daß des Friedens kein Ende fein würde... Und da der Pförtner die Türe nach iimen zog, kam ihm ge- ilockter Schnee, dünner Wind und eine segnende Hand entgegen. Aus fungsräulichem Mund tönte es lippenwarm: „La— aaßt uns das Kindlein wie— icgen— Das Herz zum Kripplein die— iegen... Eia popeia..." Und es«wr mit einemmal, als wäre ein frierender Weihnachts- eugel vor das Tor goslogen gekommen. Aber neben der singenden Gestalt stand ein schnaufender Schußmann mit llbcrschneitem Vollbart, der mit seiner stacheligen HelMfpitze alle himmlische Botschaft wie «in Blitzableiter von ihr abzog. Auf seinem abendlichen Dienstgang stürzte ihm aus einem Haus- gang der Kutscher eines Brotfuhrwerks entgegen:„Wachtmeister, bei mir im Stall liegt ein Frauenzimmer auf dem Stroh zwischen zwei brennenden Kerzenlichtern... schon zweimal kam sie au>f unsere Küchentürschwelle und kündigt« die Geburt des Menschensohnc� an, den sie gebären wird." Cr lief mit dem Kutscher in den Stall zurück und— da stand die Futterkrippe schon in hellen Flammen. Cr löschte das Feuer mit seinem Mantel... während das Frauenzimmer auf dem Fensterbrett stand und mit geweiteten Annen in den Hof hinaus sang:„Ich verkündige euch eine große Freude...!" Da nahm er das Weib und bracht« es hierher. Und der Pförtner der Klinik führte die Singende zum Assistenzarzt, der heute den Nacht- dienst hatte. In dem engwandigen Sprechzimmer roch es nach gebratenen Aepfeln, angebranntem Tannengrün und tropfendem Wachs. Der Doktor klopfte eben mit dem Perkussionshammer einige Mandeln auf, als die beiden eintraten. .. Ich verkündige euch eine große Freude! Heut« nacht...!" „Wie heißen Sie, mein Kind?" „Maria." „Und wer sind Sie?", „Ich bin die Magd des Herrn! Heut« nacht...!" „Die Magd des Hcrm...!" unterbrach er sie verständnisvoll und zog ein Ausnahmeformular aus dem Schubsach. Dann suchte er Pupillen, Schleimhaut und Sehnen nach Rs- ilcxen ab und fragte noch dies und das, indessen sie schon wieder zu iiimmen begann:„La— aßt uns das Kindlcin wie— iegen..." .Ja. wo haben Sie denn das Kindlein...?" „.Hier liegts doch, hier aus meinem Arn:...! Hier wiege ich das goldene Jejulein... Eia popeia...1" „Und wie lange schon wissen Sie, meine Maria, davon?" „Zuerst, da klopfte es an die Türe, mit Händcheil und mir Füßchen. Es wisperte vor dem Fenster, es lachte durch die Wand, es krabbelte über der Decke— an dem Fensterglas Zeigte es seine strohgelben Locken..." „Und wie kam es auf Ihre Hand?" „Ich roch den Duft des heiligen Geistes... Es duftete die ganze Nähstube. Lieblicher als wie die Frisierstuben, wenn sich feine Damen die Haare waschen lassen..." „Ja, aber dann?" „Ja, und bald darauf wurde ich vom heiligen Geist gebissen. Und es tat gar nicht weh!... Goldene Sonnentronen fielen in mein Haar... Und der hinnnlische Geist schüttelte meinen Leib. Da nahm das Jesulein von meinem Ann Besitz... Und jetzt muß ich es wiegen... Singen Sie doch �uch mit, schöner schwarzer Herr!" „Aber ich seh doch gar kein Jesulein aus Ihrem Arm. Das bilden Sie sich nur ein und..." „Solig sind die, welche nicht sehen und doch glauben." „Aber meine liebe Maria, warum sollte gerade das Jesulein auf Ihren Arm zu liegen gekommen sein?" „Bei Gott ist kein Ding unmöglich!" Da sah der Assistenzarzt aus eine Weile allen Widerspruch ent- träitigt. Und es war ihm, als wäre auch er schon in den Zauber dieser Nacht gesunken. Und alle wissenschaftlichen Perspektiven traten in ihm zurück. Nur ein leises Knistern funkte durch die heilige Stille der geweihten Nacht zwischen den beiden hin und her. Und sein« Hand schrieb wie im entrücktesten Traum aus den Fragebogen nur die Worte: „Maria I m m a c u l a t a". Dann führte er die Kranke in den Saal, der über dem Dauerbad lag. Warm überschnoit stand Bett an Bett. Eine Manische sprach im Schlaf. In der Saalecke lag die Blitzdichterin Maja, die mit Bitrial gurgelte. Nebe» sie hatte man ein« siebzigjährige Zcitungz- trägerin gebettet, die sich als Köchin der heiligen Anna ausgab und bei den schlafenden Jüngern am Oelberg Zugehefrau ivar. Auf ihrem Nachtkästchen lag noch das Weihnachtsgeschenk der Klinik: drei Aepje! mit Lebtuchen und Briefpapier... Maria hielt sich, da die Schwestern sie ins Bett brachten, von Engeln bedient. Ueberall um sie her gewahrte sie streichelnde Hände. Der Wasserhahn der Badewanne sang mit ihr zu ihrer seligen Kunde. Noch immerzu wiegte sie ihr Jesulein mit Eia popeia vor sich her. Die Wände des Saales wurden zu Glas, da sie sitzend im Bette um sich sah. Aus den Nachtlompen floh Himmelsblut. Heber ihrem Haupte bekam die Decke des Naumes ein lichtgerändertes Loch, von dem aus«in leuchtender Schacht ausstieg— schnurgerade in den Himmel hinein. Wie ein Denkmal erheb sie sich aus ihren Kiffen und sqng aus ihrer letzten Tiefe über die Betten hin: „Fürchte� euch nicht,... ich verkünde auch ein« große Freud«... Heute nacht habe ich euch den Heiland gsboren... Eia papcia.. Traumschwer hoben sich einige Kopfe zu ihr empor. Marias Singen brachte diesen Seelen das Glänzen des Weihnachtsbaumes nah, den ihr« Blicke vor etlichen Stunden aus dem Theatersaal der Klinik zu sich hinein genommen hatten. Einige sangen leise mit... Und da die Schwester Olga besorgt durch den Saal huschte, wurde das Weiße ihrer Haube zu wehenden Engelstlügeln. Wind ging durch die Fenster... Alle empfanden den Duft von Weihrauch und Myrrhe. Es war, als wäre der Krankenfaal zu einem Hoch- altar emporgewachsen... „Laßt uns das Kindlein wie— iegen... Das Herz zum Kripplein bic— icgen..." Und das Singen und Summen wuchs zum Choral an. Alle küßten sich die Hände, auf denen die Jesulein lagen... Einige legten ihm ihre rotbackigen Aepsel hin, andere wollteik ihr Knäblcin mit Brom- tablettcn ernähren... Und die Blitzdichterin zerriß ihr Laken, um Windeln für das heilige Kind zu haben... Die Schwestern rannten mit Kompressen von Bett zu Bett. Man gab Maximaldose», aber nichts half. Es gab nichts, das hier nach helfen wollte. Es wurde vergessen, die Türen hinter sich ab- zuschließen... Und die Kranken durchliefen die Säle wie v-Züge. Bald gab es kaum«inen Raum mehr, in dem nicht das Jesulein mit Wiegen und Eiapopciasingcn eingekehrt wäre. Ueberall war es»och einmal Weihnacht geworden— aber diesmal bis in den tiefsten Urgrund der Seele hinab. Und alle umarmten sich, küßten sich und nannten sich Bruder und Schwester. Es war Morgen geworden, bis es den Aerzten und dem Pflege- personal gelang, die von der Schneiderin Maria beeinflußten Kranken in einzelnen Räumen zu isolieren. Maria fand man mit glasigen Augen auf den Stufen.zum Hei.zraum sitzend, da der Morgen schon über den frischgepulverten Schnee an die Fenster kam. Von ollen übrigen Kranken war von Stunde zu Stunde immer mehr das Jesulein vom wiegenden Arm abgeglitten und vergesse» worden. Maria aber fühlte die gewichtlose Fracht auch den Tag über noch aus ihre Hand gesetzt. Sie gab ihn: Süppchen und Broj med winkte und lachte mit ihm. Nachmittags bekam Maria Besuch. Sie sagte zur Pflegerin, daß es der Engel des Herrn fein werde oder die drei heiligen Könige. Aber vor der Tür stand der Buchbinder vom vierten Stock, der mit der Schneiderin Maria Zimmer an Zimmer gewohnt hatte. Vom Wachtmeister hatte er über die Geliebte alles erzählt bekommen. Jetzt drehte er den Rand seines Hutes zwischen den Fingern hin und her und fand kein Wort, das er ihr hätte sagen können. Aus der Tasche zog er eine lackierte Haarspange, ein Brenneisen und ein Paar Schuhlitzen. Sie aber streichelte sein Haar und hob ihre Lippen nahe an sein Ohr:„Uns ist ein Kind geboren...!" Da lächelte er wie einer, der noch an Wunder glauben kann und trat für einen Augenblick lang in den Bann ihrer wirren Freude. Und so, daß er voll Gnade und Demut nach ihrem Munde suchte, der halb küssend, halb singend in ihn hineinsummlc: , La— aßt uns das Kindlein wie— icgen.. Und dann, wie aus einer anderen Welt hervor: „Es ist nicht dein, es ist nicht mein... Es ist dos goldene Jesulein... Eia popeia...!" Und schon schritt Maria in ihre Kai um er zurück. Und er nahm voll Wehmut wie Ehristbaumschmuck die silbernen Fäden einer heim- lichen Freude von seiner Seele ab... Anlon Schnack: CftlläFO Ein seiner Kenner Dalmatiens malt hier die Bucht und die Stadt, die durch„die Matrosen von C a t t a r o" bekannt geworden ist. Ich erschrecke: das Schisf hat angelegt, die irr- und wirrsäligen Bocchc di Cattara sind zu Ende und werden von den Bergen wie ein Sack abgeschnürt. Der Eindruck ist jäh, fast schmerzlich: weiß- glühend zerreiße» trostlose, brettartige und unerwartete Felswände den ausgekochten Himmel. Kaum ein Grün im Geröll. Tiefe Rillen. Abfallend wie Stahlplatten. Jach herunterschießend. Un- weigcrlich kalt, nackt, fahl, weißer Stein. Drei Viertel des Jahres feuert die Sonne gegen die Glaswand des Felsgebirges, das grausam und schön zugleich ist, Pseil für Pfeil, die herunter in das düstere Cattara Pech und Schweiel lallen lassen. Wie ein Ricsenoogel hackl es am Stock des Steins, greulich zerrupft, mit altem Gesicht, ausgesogen, ausgelaugt, schwarz und schattenlos, eine tote Stadt. -i-- Eine Riesenspinue hat hier ein steinernes Spinnennetz gezogen, in das die Lächer der Gassen und Tore stechen, gerade so breit, um hindurch zu schleichen. Es ist lautlos in ihnen. Mein Schritt ist oft allein. Ich komme zu Treppen, und diese Treppen sind wie geschliffen und machen den Eindruck von Eis. Kaum setzt sich der Fuß darauf, rutscht er ab. Löcher die Türen. Löcher die JeiFter. Wo sie offen sind, sticht der Blick in ein unabtastbares Dunkel. Wer auftaucht in einem solchen Höhlenquadrat, hat ein verschleimtes Ge- ficht, eine bleiche Farbe, ein traumloses Auge: so eine Grabcsluft in den Lungen, muß die Körper vcrhutzeln. Darüber der ruchlose Himmel, der auf die Dächer sich feuert und den Kalkbewurf an den Mauern sengt. e- Es ist unglaublich, wie diese Stadt mit iinstcrer, eingedrückter und schmutzbeladener Brust sich gegen den Saphirglanz der Bucht wirst, die bald grün wie Gletschcrwaiser ist, bald blau, und dem Himmel, ohne Wolkenzug, ohne Dunst und Nebelstreifen, in seiner Durchsichtigkeit nicht nachsteht. Es ist unerhört, wie sich menschliche Energie an die Bergwand gehängt hat: von der Stadt an lausen die Mauern die Wand hinauf, in großen Zickzacksprüngcn hin und her, geradezu, und umkreisen in einer schwindelnden Höhe va» 300 Meter de» Berg, um sich wieder mit Ausbuchtungen, Toren, Türmen und Kapellen fast senkrecht auf die andere Seite der Stadt zu stürzen. Ein riesenhaftes quadratisches Schwalbennest hängt in der Lust. Die verbissene und lalle Grausam- keit der Bergwand ist durch dreifaches Mauergesüge noch unzu- gänzlicher gemacht. Das hängt und fällt nicht ab, obwohl die Erdstöße mit ihren Hämmern schon daraus herumtrommelten. -ü Man hat sich hier abgewürgt. Die Völker sind in diesen Feuer- und Felskessel geströmt, um sich zu peinigen. Unergründlich ist mir der Kamps, der durch die Jahrhunderte hindurch um dieses fahle, in die Ecke gedrückte, glanzlose Nest entbrannt ist. Eine lange Kette von Interessengegensätzen, von Ucberfällen, von Plünderungen, von Besitzergreifung, von Brandschatzungen, verbindet den römischen Lcgionssoldaten mit dein Jnfantristen von SHS. Immer wieder ist hier Europa mit Asien zusammengeprallt. Römer, Griechen, Tataren, Serben, Türken, Venezianer, Ungarn, Basniaken, Oesterreicher, Franzosen, Russen, Engländer, Montenegriner warfen sich herein, warfen sich hinaus, zerstörten an der Stadt, bauten an der Stadt, sogen sie aus wie ein Polyp einen Fisch mit Genuß und Behagen vom letzten Bluts- und Saittropfen entleert. Drei Dinge erschrecken mich sehr: die Herden der Katzen, die Soldaten, die alten Frauen. Kein Blick um eine Ecke, kein Blick empor an einer Hnnswand, kein Blick in ein Fensterloch ohne von einem grünen, giftigen und blitzende» Tierouge getrosten zu werden. Diese Katzen haben nichts Gepflegtes, Deutschsamiliäres, Vertrauliches und Zahmes, es sind Gespenster, bei Kubin zu Hause, die Begleiter irgendeines un- sichtbaren Dämonen, der seinen Thron im Verfall hat. Die Treppen sind überlagert von ihnen, aus allen Fenstersimsen kleben sie wie Aussatz, es sind elende Körper, langgezogen von Hunger, fleckig und räudig, mit verklebten Haaren und vom Grind gepeinigt, scheu, mit gesträubtem Schwanz, grau und schwarz wie die Asche, in der sie sich in den Schlaf buddeln: gedrückt und geduckt hüpfen sie die Treppen herunter, vorbei an den allen und freudlosen Kindern, die mit wisiendem Gesicht wortlos die Hand noch einem Dinar hinhalten. Die Stadt ist eine Wabe voll Soldaten. Tritt um Tritt. Um die Weiittifche haben sie sich mit breiten Armen herumgelegt. Das Schiff halle über 100 junge Rädchen an Bord. Sie können sich nicht satt an ihnen sehen. Sie hocken auf den Treppen, sie lümmeln an den Toren. Sie hängen ihre Köpfe aus den schmalen Mauerschlitzen. Am Ouellbach kniet ein halbes Dutzend nieder und säuft. Alles Bauerngcsichlcr, man hat ihnen noch nicht viel abgeschliffen, ihr Triit ist groß und schwer wie der Tritt dos Ochsen am Pflug, hinter dem sie hergingen. Ein Büschel Grün hinter dem Ohr. Eine Blume zwischen den Zähnen, Hand in Hand oft: Ihre Naivität bezaubert, sie machen den Geist lächerlich, für den sie den Drillich anhaben. Ihre Knie hat die Hitze eingeknickt, sie hoben keine Gebärde, die an Mars erinnert. Es sind verkleidete Bauern, Hirten oder Holzfäller. -i- Am Kai ist die Markthalle. Haufen von Honigkluinpcn, die sich als goldgelbe, srischgepflücke Feigen entpuppen, aus denen die Sonne einen rosaroten zähen Soft gekocht hat. Kleine Berghügel von blauen und schwarzen Trauben. Körbe, die auscinandergeborsten sind und weiße Trauben in pcrligen Kaskaden übercinanderstürzc», giftgrüne Kugeln der Wassermelonen, Latinja genannt, die, aus- geschnitten, ein wässeriges, lockeres, rosancs Fleisch zeigt, durchzogen von Schnüren ebenholzschmarzer, glänzender Flachkerne.� Die Bauern dahinter sehe ich mir an: halbe Türken, riesige Hinterteile in den blauen Pluderhosen, mit dem Geruch von Ziege» und Böcken im Wams, schepp sitzt der rote Fex auf einem Ohr. Pflanzenhast haben sich ihre Beine zur Hockerstellung verwickelk. Stoisch thronen sie aus dem Boden. Schwelgend. Kaum bewegt. Moiichinal ein wenig an der Zigarette fingernd, die sie blitzschnell wickeln. Ihr Bergauge schnellt aus dem Winkel wie ein Bogelblitz, verachtend, dumm, erstaunt, kalt, nicht abzutasten. >Ü Der Kai ist arm an Schissen. Die Bucht liegt da, ein wenig unruhig in einem Nachmittagsziig, der von den Bergzipseln drückl, und blitzt, wo die Sonne parübersteht. wie geschmolzener Bleisluß. Ein gestrandeles Schiff, Kiel oben, auseinandcrbröckclnd, liegt im seichten Wasser. Ein riesenhafter Fischleib aus der Ferne, dem die Flossen abgeschlagen sind. Es liegt da seit Jahren. Es wird morgen da liegen. Es wird in einem Jahre noch da liegen. Niemand kümmert dieser Leichnam aus Rost»nd zersprungenem Holz. Dos Wasser gluckst um es herum und die Buben der Schiffsknechtc werfen von ihm ihre Angeln aus. An der Hafenstraße stehen die Autos für die 32 Staubscrpcntincn über die Flanke des Lovcen und des Golo Brdo. Teuflisch verwegeu ist die Fahrt nach Cetinje und über die wilde Sonnenhochfläche des Dorfes Njegos. Ein bleierner Schlaf hat die Stadt eingeschwefelt: die Häuser hoben tote Augen, die Türen sind zu und andere scheinen es zu sein, weil sie ganz schwarze Gänge haben. Der wachhabende Soldat vor einem Tor kann sich kaum auf den Beinen holten. Di« Ecksteine sind wie Schlacken, weißglühend, eben erst aus einem Kisscl gespieen. Das Bergmassio des Lovcen hat den unerträglichen Schein einer Glaswand. Grausam, ein Ungeheuer, bereit zu einem Zuschlag, wölbt'es seinen Tierbuckcl aus Stein in die fahle, ausgekochte Luft. Gut, daß das Schiff zur Abfahrt tutet. Ich sehe dos andere Ufer, es ist grün und scheint mit seinen Gärten in das Meer zu fliehen..._ ä>ie S)aUel uuler dem ireihnachlsbaum Auf dem Wcihnachtstcller finden sich neben den allgewohnten Aepfeln und Nüssen auch vielfach Datteln, und auch diese gehen auf cinen uralten Brauch zurück. Zu keiner Jahreszeit werden soviel Datteln gekauft wie zu Weihnachten. Warum dies geschieht, davon erzähll Walter Nöldner in Reclams Universum. Auf einem der lchönsten Werk« Martin Schongauers, dem Kupferstich der„Ruhe auf der Flucht", findet sich die Darstellung einer Dattelpalm«, mit der sich Botaniker und Volkskundler viel beschäftigt haben. Wie kam der altdeutsch« Meister zu der Wiedergabe dieses exotischen Baumes, den er nie gesehen,»nd warum durste die Dattelpalme auf diesem sonst so deutschen Bilde nicht fehlen? Der Baum ist seit jeher ein S in n b i l d des Morgenlandes und eng mit den Vorstellungen vmn Paradies« verknüpft. Die Verbindung der Varadiesvorstellung mit der Dattelpalme geht in die ältesten Zeiten der Kultur zurück, denn die Heimat dieses Baumes ist ja wohl in Mesopotamien zu suchen, das auch die Stätte des Paradieses ist. Di« Dattelpalme, ein« der ältesten Nutzpflanzen, ist bereits in altsumeriicher Zeit un Zweistromland in Kultur genominen worden und wurde lvahrsch�ntich von den Sumerern aus Vorderindien mit- gebracht. Die Entwicklung der Riesenstädte des Altertums, Babylon und Niniveh, beruht auf der Dattelkultur, die in den Oasen die besten Lebensbedingungen fand und als heiliger Baum verehrt wurde. Erst verhältnismäßig spät, ums Jahrtausend vor Christus, lam die Dattel nach Aegypten, und sie ist poch heute in ganz Nord- afrika und Arabien, evenso wie in Palästina die wichtigste Nutz- pflanze: die Früchte sind das Hauptnahru ngsmittel. die Dattelkern-' dienen alp Biehfutter und Schmiedetphlen. der Stamm liefert Nutz- holz, ay« den Blattfaser» werden Ratte» geflochten, die jungen Blätter geben ein wohlschmeckendes Gemüse, der Saft des Stammes wird zu Pallnzucker und Palmwein verarbeitet, und aus den minder- wertigen Früchten werden Dattelsirup. Dattelschnaps und Dattel- kasfee gewonnen. So mußte also dem christlichen Mittelalter die Dattelpalme als das bezeichnendste Symbol des Orients erscheinen, Ulli) die Darstellung der Geburt Christi erhielt ein« besondere Ro- niantir durch di« Anbringung dieses exotischen Baums, der sich aus allen größereu Krippendarstellungen findet. 3)ie Verberge der Melmger Von Wlax S)oriu Sridericm 3tex Judenfreund und iftepubUkaner , Friedrich IT., weilmid König von Preußen, steht plötzlich wieder einmal auf der Leinwand, die zwar nicht die Welt bedeutet, ober doch für die politische Welt heute ein« erhebliche Bedeutung hat. Aber mir wallen unsere Kenntnisse nicht aus Schulgcschichtsbüchern und „historischen" Filmen schöpfen, sondern aus zeitgenössischen Berichten und den eigenen Worten des Dargestellten. Anton Bo/.tl)asar König, ein g«wiss«nhafter Chronist und Vcr- ehrcr seines Königs, berichtet über das Jahr I73Z, das Jahr also, in dem die Vorbereitungen Preußens für den großen Krieg gc- troffen sein mußten:„In Rücksicht des preußischen Münzwesens war diese Periode äußerst merkwürdig. Der König hatte nämlich mit den Juden Ephraim, Frenckel und Kompagnie einen Kontrakt wegen Ilcbcrnahme der Ausprägung der Landesmünzen zu Königs- borg, Breslau, Cleve und Aurich geschlossen: da er aber fand, daß die Silberpreise und der Wechselkurs dadurch gestiegen waren, auch der Handel merklich beeinträchtigt zu werden anfing, weshalb sich denn auch Klagen äußerten: so beschloß er, gedachten Kontrakt aus- zuhebcn und gab die sämtliche» Münzen in den preußischen Staaten in die Hände der Juden Hertz Moses Gumpertz, Moses Jsaac Jtzig und Kompanie. Es ist bekannt, daß der Wohlstand verschiedener jüdischer Familien bei dieser Unternehmung sehr zuzunehmen an- sing.... Indessen ist auch gewiß, daß der Monarch zur Erreichung seiner Absichten, damals nur unter der jüdischen Nation Werkzeuge finden konnte und fand, auch daß unter den vorhandenen christlichen Kausleuten keiner weder Mut noch Willen hatte, sich auf diese Sache einzulassen. Diez äußerte sich besonders in den nachmaligen Kricgsjahren, wo das Münzwesen bloß durch jüdische Hände zum Vorteil des Königs be- trieben wurde und davon ich an seinem Orte reden werde." Es ist bekannt, daß im Laufe des Krieges der innere Wert der preußischen Münzen sich erheblich verschlechterte oder vielmehr vcr- schlechtert wurde: es trat noch heutigem Sprachgebrauch eine„In- slation" ein. Die gleiche Mass« Münzmctall, die srühcr S Taler «rgebcn hatte, lieferte in den zuletzt ausgegebenen Groschenstücken lö Taler! Natürlicherweise gab man vielfach den Juden Hieron die Schuld. Es kam sogar zu allerdings harintosen antisemitischen .Kundgebungcn. So fand beim Einzüge Friedrichs nach dem Sieben- jährigen Kriege ein Witzbald Beifall, der ein erleuchtetes Schwein mit den leuchtenden Worten„Pour Ephraim!" das Friedrichsdor fraß und Groschen von sich gab. an seinem Hmtse anbrachte. Ritter von Zimmermann, der berühmte Arzt, der den König auch in seiner letzten Krankheit behandelte, erzählt uns diese Geschichte und be- merkt dazu:«Trug, Wahn und Unwahrheit ist aber dies alles. Dies« berühmten jüdischen Kaufleute waren bloße Mllnzliescranten: und sie hatten auf den Metallen, die sie in die Münze lieferten, nicht mehr Gewinn als acht von Hundert. Durch die Einwechslung allein kann- ten sie sich Vorteile verschaffen. Aber den großen Gewinn bei der Erhöhung hatte bloß der König oder, besser zu reden, das bedrängt« und Einsturz drohende Staatsgebäude der preußischen Monarchie." Infolge der finanziellen Mitarbeit der jüdischen Kaufleute konnte also Fridericus Rex sieben Äriegsjahre durchhalten und wurde Preu- hens Held. Hören wir, wie er selbst über das K r i e g s h« l d e n- tum dache:„Mut und Gewandtheit", schreibt er im 6. Kapitel de» Antimachiavell,„finden sich ebensowohl bei den Straßenräubern wie bei den Helden. Der Untersched zwischen beiden besteht nur darin, daß der Eroberer ein erlauchter Räuber, der gewöhnliche Straßeichicb aber ein obskurer Spitzbube ist. Dem einen wird als Lohn für feine Gewalttaten Weihrauch und ein Lorbeerkranz zuteil, dem anderen der Strick." Im gleichen Buch äußert sich Friedrich auch über«in heute sehr-zeitgemäßes Theino, nämlich über die Herrschst eines Dilta- tors. Dies« Bezeichnung ist übrigens»ich ganz richtig, denn der Diktator war in der römischen Republik nur ein Beamter, den die Voltsvertretung zur Erledigung einer bestimmten Aufgabe inst be- sonderen Machtvollkommenheiten ausstattete, wenn der Staat in Gefahr war, und der nach der Wiederherstellung normaler Verhält- niss« fem Amt wieder abgeben mußte. Für einen Mcnschn dagegen, der gewaltsam die Alleinherrschaft an sich reißt, ist die richtige Be- Zeichnung»llsurpatop'. Heber solchen„starken Mann" urteilt Friedrich:_.. denn welch Eigenschaften nwn auch immer dem Usurpator zuschreiben möge, so wird nran mir doch zugeben, daß die Gewalttnt, durch die er sich zur Macht aufschwingt,«ine Ungcrechtig- keit ist. Was kann man von einem Menschn erwarten, der gleich mit einem Verbrechn ansängt, wenn»ich ein« gewalttätige und tyran- nische Regierung?" Spricht sich Friedrich hier gegen die dikattorische Gewalt- Herrschast aus, so überrascht er uns im 9. Kapitel desselben Werkes mit einer ausgezeichneten Begründung des Wertes der— Republik!„Kein Gefühl ist von unferenr Wesen unzertrennlicher als das Freiheitsgefühl. Der höchstkultivierte Mensch und der roheste Natursohn sind gleichermaßen von ihm durchdrungen, denn da wir ohne Fesseln geboren werden, so wollen wir auch ohne Zwang leben. Dieser Geist der Unabhängigkeit und des Trotzes hat so viele große Männer auf Erden hervorgebracht und die Verfassung der Frei- staatcn veranlaßt, welche«ine Art von Gleichheit unter den Men- schen herstellt und sie dadurch dem natürlichen Zustande näherbringt. ... Nie wird man wahrhast freie Republikaner bereden können, sich einen Herrn zu geben, auch den besten nicht, denn sie werden stets antworten: Besser von den Gesetzen als von der Laune eines Menlche» abhängen. Die Gesetze sind in ihrem Wesen gerecht: sie sind das Heilmittel gegen uiisere Uebel, dieses Heilmittel verwandelt sich in den Händen dessen, der nur zu wollen braucht, gar zu leicht in ein tödliches Gift. Ueberdies ist die Freiheit ein Gut, das man bei der Geburt mitbringt: aus weichen Gründen also— sagen die Republikaner— sollen wir auf dieses Gut verzichten?" Nun kömne nran vielleicht annehmen, Friedrich habe solche An- sichten gehegt, solange er selbst noch nicht König war. Jirdcssen finden wir auch in späteren Jahren noch ähaliche Aeußerungen von ihm. Noch wäbrend seiner letzten Krankheit hatte er mit dem erwähnten Leibarzt Zimmernrann, der aus der Schweiz stammte, folgendes Ge- spräch:„Gibt ez in der Schweiz noch Abkömmlinge der ersten Stifter der Republik?" Dies wußte ich nicht. Aber ich wußte, daß schwankende Antworten dem König mißfielen. Also antwortete ich keck: nein!—„Wilhelm Teil war ein großer Wohltäter seines Vater- lande»."— Er und sein« Gehllfei, erzeigten der Schweiz die größte Wohltat, di« man seinem Baterlands erzeigen kann: wir verdanken diesen heroischen Männern unsere Freiheit!—„Ich lieb« sehr die republikanischen Verfassungen." Sic Ungelehrlen. Es scheint fast, daß es jetzt mehr Leute gibt, die weder lesen»och schreiben können, als vor dem Kriege. In Frankreich zum Beispiel soll es lOMO junge Meuchen geben, die nicht einmal das Abc kennen. Sie waren in den Jahren 1914 bis IQsß noch sehr jung und haben in den Kriegsjahren keine Schule besucht. In Paris sollen 3,38 Pn-.?. der Großiährigen Analphabeten sein, in Leningrad sind es Ii Proz., in Moskau ZZ Proz., in Barcelona Z9 Proz., in Rom 19 Proz., in Budapest 4.78 Proz.. in Wien 2 Proz. und in Kiew sollen es sogar 43 Pro.z. und in Teheran 82 Proz. sein. In Prag zählte man 0,99 Proz. und in Berlin MZ Proz. Draußen schneit es nicht, na: draußen regnet es. Gor kein I Weihnachtswettcr— sondern ein richtiges Schnuddelwettcr. Die Handwcrksburschen sind honte naß geworden: am Buckel, an den Füßen— woll überall! Aber Humor war doch bei den Walz- brüdcrn, denn— heute abend is Weihnacht: und da sind wir in der guten Herberge von Vater Siebensam. Jawohl— in der Metzger- Herberge! Und es geht lustig zu: Vater Siebensam steht schmunzelnd hinterm Trösel und zapft Bier ab— und seine beiden Töchter, die Grete! und die Liefet: die tragen Essen auf. Jeder zugereiste Metzger bekommt heute'n Trumm warme Fleischwurst, mst Kartoffelsalat und mit'nem ordentlichen Knacken Brot. Dazu bekommt dann jeder noch zwei Schoppen Bier und zwei Zigarren. Und fröhliche Weih- nacht! Donnerwetter, das läßt sich leben— da liegt auf jedem Teller woll'n halb Pfund Wurscht. Wer bezahlt denn das alles? Wer ist der edle Spender?— Ja, Junge: rat einmal?— Wie soll ich raten?— Das hier bezahlt der Verband, der Verband der freien Metzger bewirtet seine wandernden Kollegen. Rur einmal im Jahr is Weihnacht— und heute soll'«.jedem walzenden Kutzow gut gehen. — Hoho, die beiden jungen Burschen da im Eck sind aber gar nicht im Verband drin— schüchtern schieben sie die Teller beiseite: Frön- lein, Sie haben sich geirrt?— Aber da ist auch schon Vater Sieben- sam zur Stelle: Och was, da is nix geirrt, auch ihr bekommt euer Weihnachtsessen— wenn ihr auch nicht im Verband drin seid, des- halb seid ihr doch Kollegen— langt zu: laßt es euch schmecken, Sagt eimnal, wo steht denn der Weihnachtsbaum, wo brennt er denn? Weihnachtsbaum— der ist hier in der Metzgerherberg« keine Sitte— da ist Vater Siebensam lange drüber hinaus. Aber euer Grünes habt ihr zu Weihnacht doch— da, die Grete! und Liefel räumen die leeren Teller ab— und auf jeden Tisch kommt ein Strauß Tannengrün, mit roten Rosen drin, mit Rosen aus Seiden- papier, die haben Vater Siebensams schöne Töchter selbst gemacht, das taten sie schon als Kinder— sie tun's noch heute als Jungfrauen. Freut euch drüber, Freunde! Tannengrün mit roten Rosen. Eure Weihnachtsbäume seht ihr schließlich auch jeden Tag— draußen, aus der Walze, fast jeden Tag kommt ihr durch'n Stück TanneNwaL», die Tage sind kurz, die Märsche sind lang— droben überm Tannen- lvald brennen die ewigen Sterne. Grün und Gold— der Wald. Hoffnung und Versprechen! Wer was soll einem allen Metzger- herzen groß versprochen werden? Wenn du mal über füm'zig Jahre alt bist— welcher Krauter stellt dich dann noch ein? Und wenn de sechzig bist und wenn de siebzig bist?? Ach, denk« nicht dran— heute is Weihnacht. Prost, Großvater— sagt die Grete!— und sie zeigt dir dabei die weißen Zähne— und der Purpur Ihrer Lippen spannt sich im gütigen Lächeln—. Ja, Großvater Katzow: 68 Jahre all und immer noch auf der Walze! Großvater Schorsch, dein schnee- weißes Haar, wie ein weißer Kranz lllgt es unter dem braunen Lederkäppchen hervor. Prost, Großvater Schorsch— die Grete! hat dir den Frühling ins Herz gelacht. Dem Schorsch wird es ganz warm in der Brust.— Und der Schorsch steht auf— und er geht hinter den Tresel— und er sagt dem Herbergsvater was ins Ohr-- der nickt— und die Liefe! läuft davon— und die Liescl kommt wieder — mit'ner mächtigen Ziehharmonika untern Ann— da: Schorsch. laß hören! Und nun spielt der Schorsch, aus der Zieha-Zieha-Zieha: der Ziehharmonika! Schorsch spielt das, was er kann— ivas er in seiner Jugendzeit gelernt und erlebt hat: das läßt der Schorsch hören! Da klingt das alte Tnitzlied auf, das Lied ans der Zeit des Bisinarckschen Sozialistcnbannes: Wir sind die Arbeitsmänncr, das Proletariat! Die alten Kollegen stimmen mit ein— die jungen Kollegen singen zur alten Melodie einen anderen Text: Wir sind die junge Garde! Ruhe. Pause. Und nun Holl der-alte Metzger Schorsch tief Atem— dann zielst er die Winnnerkonwdc weit auf— und dann läßt er dle Finger spielen— ein Präludium— und daim setzt das Weihnachtslied aus. den achtziger und neunziger Jahren ein — wie es damals die Sozialisten sangen, horcht: Schorsch singt! Zur Musik! Stille Nacht, heilige Nacht, Ueberau Lichterpracht, In der Hütte nur Elend und Not, Kell und öde, kein Licht und kein Brot: Ruht die Armut auf Stroh, Ruht die Armut aus Stroh! Zwischenspiel! Hä— ihr Alten, singt doch mit, unser Weih- nachtslied aus der Agitationszeit. Los, singt: zweiter Vers! Stille Nacht, heilige Nacht, Arbeitsvolk, halte Wacht, Woche mutig mit heiliger Pflicht, Bis die Weihnacht der Menschheit anbricht Bis die Freiheit ist da, Bis die Freiheit ist da! Braoo: ihr alten Genossen, ruft Pater Siebensam— und er gibt seinen Töchtern'neu Wink: her die leeren Gläser— jetzt spendiert der Herbergswirt'ne Runde. Vor fünszig Jahren war der Jungbursche Siebensam auch ans der Walze: die Kreuz und die Quere durch ganz Deutschland! Und jetzt singen wir den Sozialistcnmarsch. Und dann— die .Internationale! Die donnert und wettert durch das niedrige -Fremdenzimmer, die Tische wackeln und die Herzen flammen— die Internationale der Sozialisten und Metzger— ist e? nicht unterm Gesang des Marsches: als ob die Schlachthäuser von Chikago mit- sängen— und die großen Fleischfabriken am Rio Plata singen mit — und Australien singt die Arbeiterinternationale, die großen Ge- frierpaläste van Melbourne, Sydney und Brisdanc— Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht-- Schorsch mag nicht mehr spielen—. Ein junger schlanker Kol- lege steht auf, die Grete! hat ihm'ne Klampse gebracht—. Jetzt kommen die neuen Lieder: Wenn wir schreiten Seit an Seite—. Das sind die Lieder der Jungen, wie sie die in der SAI. gelernt haben. Schöne Wanderlieder— leider viel zu wenig Kampflieder! Der Schorsch haut mit der Fällst auf den Tisch: Es ist schon so, der Jugend ist zuviel ohne Kamps in den Schoß gefallen: Republik, Beseitigung der Soldatenfron— die Jungen, die Jungen, es fehlt an Kampfgeist! Aber is nich wahr— daß die Jungen keinen Kampfgeist hätten, und is auch nich wahr— daß die Jungen keinen Kameraden- geist hätten—. Da, durch die Türe kommen sie herein, die jungen Mctzgergesellen, die in der Stadt in Arbeit stehen— an die-ivanzig — dreißig Mann kommen herein— kühne Gesichter, blanke blaue, braune und schwarze Augen— die Münder energisch, die Stirnen frei und hoch— das hier, das ist die junge Garde vom Schlacht- bof und von der Wurstsabrik— die hier lassen sich von keinem Meister ein T für ein 5) machen— die hier haben ihren eigenen Willen und ihr eigenes Arbeitsgesetz, die hier sind stark— weil sie organisiert sind— die Meister achten ihre Gesellen, weil sie Respekt vor der freien Organisation haben! Und die jungen Arbeitskollegen bringen'n Waschkorb mit— da is Wurst drin, Leber- und Blutwurst und Knoblauchwurst— so: Wandergenossen, das sollen wir euch vom Meister Berg bringen— dem ollen Verbands» und Partei- genossen, wenn er auch Meister und selbständig ist, so ist er doch immer noch ein treuer Kollege und Genosse— Dann später springt das Grammo an: Walzer und Schieber und Tango— die jungen Metzgerburs chcn rücken die Tische beiseite — tut der GretÄ und der Licsel jeder'ne rote Rose ins Haar, die selbstgemachten—.und dann, schiebe-schiebe-rum: dreh dich um! Die Meihnachtsburschen tanzen mit den Frciheitstöchtern, rote Rosen im Haar. Draußen regnet es— hier blüht der Lenz, die Jugend! Die Alten aber— na, Kollegen, steckt euch noch'ne Zigarre an—- am Ende ist das ganze Leben nur Feuer und Rauch, Feuer in der Jugend— wenn man alt wird, dann qualmt es. Aber fröhliche Weihnacht für alle: Seid umschlungen in Freude! Da? Leben is kurz— die Freude noch kürzer. Äs« größte Cllli Von ä)r. Trotzdem wir Europäer auf dem Gebiete de» Muscumswescns schon ein« niehr als 2999jährige Vergangenheit haben— sofern man die antiken Tempelsammlunzen als Vorläufer unserer modernen Mu- seen betrachtet— sind wir äuch auf diesem Gebiet« bereits von den Amerikanern überflügelt worden und zwar insoweit, daß wir sie wohl nie wieder einholen werden. Auf die Besuchsziffern omerikanischer Museen kann jeder deutsche Musenmsdirektor nur mit Neid blicken. Amerikanische Mittelstädte erreichen Besucherzahlen, höher als die aller Berliner Museen zusammengenommen und mit den Museums- statistiken der amerikanischen Großstädte können wir schon gor nicht konkurrieren. Dos größte naturkundliche Museum und gleichzeitig das größte Museum, der Welt. überhaupt, ist das„American Museum of Natural History" in New Aork. Diese gewaltige Sammlung läßt alle unsrigen an Umfang und Bedeutung weit hinter sich. Ihre Schausäle bedecken nicht weniger als 39 499 Quadratmeter. Unsere drei Ber- liner naturkundliche» Museen, dos Museum für Völkerkunde, das Botanische Museum und das Museum siir Naturkunde haben zusam- men 13 999 Quadratmeter Schausälr und dos größte deutsch« Museum, das Museum für Naturkunde allein, weist nur'7299 Quadratmeter Fläch? auf. Dabei ist das American Museum noch längst nicht fertig, es wird nach den heutigen Plänen etwa dreimal so groß werden. In der Qrgantsation der Sammlungen und in der Art des Gc- boten«» unterscheidet sich dos American Museum nicht so sehr— höchstens durch die Fülle— von unseren Sammlungen. Wesentlich anders sind aber die Methoden, mit denen die Sammlungen dem Publikum zugänglich gemacht werden. In dieser Hinsicht sind die amerikanischen Museen überhaupt für die unserigen vorbildlich. Es gibt natürlich ausgezeichnete gedruckte Führer, die der Besucher kausen, die er ober ebenso gut in einem Lesezimmer, wo er geschickt zusammengestellte populäre und wissenschaftliche Literatur findet, studieren kann. Daneben legt die Museumsleitung ober den größten Wert auf sachkundige Führungen. An drei Wochentagen findet zweimal eine uncntgaltlich« Führung statt, für Gesellschaften, Vereine oder Gruppen von Privatpersonen steht außerdem auf Wunsch sederzelt ein Führer,—-ebenfalls unent- gelllich— zur Verfügung. Daneben gibt es zu festgesetzten Stunden besondere Führungen sllr Schüler, denen eine Art Praktikum voran- geht. Für die Schüler der unteren Klasse» werden Vartröge abge- hallen, die sich an das Klassenpensum anschließen: für die Kleinsten sind Museuuisspielc mit Fragekasten eingerichtet, die sie durch Studium der ausgestelllen Objekte beantworten können. Die besten Leistungen werden außerdem prämiiert. Besonder« Kurs« werden für tieum der Weit N.£ücke blinde Schüler abgehalten, die dann Gelegenheit haben, das Unter, richtsmaterlal zu betasten.— Andere Veranstaltungen, Vorträge usw. .werden außerhalb des Museums abgehalten. Für diejenigen Lehrer, die ihren naturkundlichen Unterricht im Museum selber abhalten wolle», stehen Klosienräume zur Verfügung. Im Jahre 1927 wurden insgesamt 281 Vorträge abgehalten, an denen 299 999 Schüler teilnahmen.— Eine besonders nützliche Ein- richtung des America» Museums ist der Verleihdienst, durch den die Schulen Anschauungsmaterial In jeder Zusammenstellung kostenlas geliehen erhalten. In Glaskästen werden kleinere biologisch« Gruppen, ein einzelnes Tier, eine Zusammenstellung von Mineralien, ein ver- kleincrtes Maschincnmodell, eine völkerbundliche Miniaturgrupp« usw. zusammengestellt, ein Text erläutert den Inhalt der Kästen, die von Museumsautoren kostenlosen die Schulen geliefert werden. Etwa 1299 solcher ftösten sind zurzeit vorhanden.— Ferner stehen 79 900 Lichtbilder zur Verfügung, die gleichfalls mit begleitendem Text, zu Serien zu jammengestellt, verliehen werden, lieber hundert Filme sind außerdem zu Leihzwecken vorhanden. Der Etat für„Aoltsbelchrung" betrug im Jahre 1927 83 333 Dollar.— Im Rahmen des bei uns in Deutschland üblichen Museums- etats ist allerdings für derartige Leistungen kein Platz. Das eine kann aber nicht übersehen werden, daß nur durch wirkliche Nutzbarmachung der Sammlungen für die Allgemeinheit, durch engste Fühkungnlchme mit dein Publikum, aus totem Schaumatcrial lebendiger Wissen- und Bildungsstoff werden kann. Die bei uns übliche Methode, das Museum zu öffnen und dann zu warten, ob sich Besucher. sinden, nimmt der Sammeltätigkeit ihren letzten Sinn. Großes leistet das American Museum auch auf dem Gebiete der Forschung. Im Jahr« 1927 hat es nicht weniger als 32 Soinmcl- und Forschungsexpcditionen aus'gesandt, davon 14 noch Ländern außerhalb Nordamerikas. Uebrigens tun es die anderen amerik«- niichen Museen den New Uorkern durchaus gleich, wenn natürlich auch nicht ln demselben Umfange, eigene Forschungsexpeditionen ent- senden sie alle. Die amerikanischen Museumsbeamten hoben also reichliche Gelegenhell zu eigener Forschertätigkeit. Wie groß der Porfprung des American Museums vor den größten deutschen ist, zeigt sich am besten beim Vergleich der Besucherzahlen. In das'American Museum gehen jährlich 2 Millionen Menschen, in die drei Berliner Museen zusammen nicht mehr als 129 999. Nichts beweist besser, daß unsere Muscumspolilik auf völlig falschem Wege wandelt. Ein solch ungeheurer'Abstand läßt sich auch mit Etat- schwierigkelle» nicht mehr begründen. EiD&eltsverband d. Eisenbahner Deutsdilands, Ortsgruppe Benin Di» Mitgliedern der Bahnmeisterei» 102»nd leinen sonstigen Freunden zur Kenntnis, daß unser Verbands- Mitglied .Julius Schwemmer am 22. Dezhr. im Alter von ÜO Jahren verstorben»t. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am 27 Dezember, IM'z llhr. aus dem Zentral- jriedhof Fbiedrtchsfelde statt. Um rege Beteiligung dlltct Die OiiererwaltoBg. Deotsüier Metaliarbeiter-Veriianil Vervaltungsstclle Berlin Todesanzeige Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Rohrleger Franz Malchin am 21. Dezember gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Einäscherung findet am Mon- tag. dem 2». Dezember, 14 Uhr, Im Krematorium Gertchtstiaße statt. Rege Beteiligung wird erwartet. Die Drtnvernrnltunx. Fröhliche | Weihnachten| nnd ein | Glüdcliches| Neujahr = wünnchi drn hier gewesenen=: == and kommenden G Asten~ | Familie Rokos| | Gasthof„LedererbrSa" s 1 Kattenberg i. Tirol| ItiiiiHfliiiioniiiniiiiiigniiiiiiiinii! Bekanntmachung. Fllr nachfiehend ausgeführte Bauvorhaben hoben wir die Son- stosslieserungea und Vanaussslhrungen zu vergeben� Zvv Einfamilienhäuser in Pankow 370, in Lankwiß 11 Zweifamilienhauser in Mahlow und Hähnow 1 Billa in Zeuthen 1 Doppelhaus in Buchholz mehrere Ein- und Zweifamilienhäuser in den Bororten 37 Wohuungen und 22 Garagen in Schmargendorf 18 Wohnungen in Wcißensee 20 Garagen in Sermsdors mit größerem Umbau 160 Wohnungen in Schmargendorf 260„ in W-stend 420„ in Treptow mehrere Solzhäuser innerhalb Groß-BerNn» „ Hausrenovierungen und Umbauten 1 Bootshaus mit Anlage<100 rn Front) Die Arbeiten werden in solche Abschnitte geteilt vergeben, daß fie auch von mittleren und kleinen Betrieben übernommen werden können. 1 Banffofftlcfctodgen: wie Kies, Sand. Mörtel, Bimskie«, Zement. Kalk, Gips. Mauersteine, Klinker. Kunst- fieine. Wand- und Bodenvlatten, Dach- ziegel, Dachpappen. Farben, Tapeten. Linoleum. Bauholz. Fugböden in Parkelt nnd Riemen, Oesen.Kochmalchinen, Bode- einrichtungen und Eisenlteterungen usw. 2. Arbeilsnusführnng: Erb-, Beton-, Eisenbeton-, Maurer-, Zimmerer». Pflaltererarbetten, A'phalt, Estrich und Plattenbelag, Tilchler-, Schlosser-, Glaser-, K empner-, Rohr- leger-, Puß-, Töpfer-, Tapezierer-, Schmiedearbeiten u Eilenkonstrultionen, Perlonenaulzllge. Heizungs- und Kühl- anlagen, ötahlftclettkonftruktioncn usw. Die Unterlagen und Bedingungen liegen in unseren Geschäfts- räumen zur Einsicht auf kctois. jede Figur pasfend.Herren- und Damcnpclze enorm billig. Seihhans Friedrichfiraßc 2, HallcschesTor Keine Lombardware, Wenig getragen- Zackeltanziige. Pole- lots, Ulster, pracht- volle Kammgarn- anzüge. Smokingan. .siigc. Selcgonheits- käuse in neuen Serrengarderoben, Brillanten, Uhren, GoldwarcnzuEvot!- preisen. Leihhaus Rose» thaler Tor, Luricnstraße 2031204, Ecke Rosenthalcr- straffe. 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