Morgenausgabe Nr. 606 A 305 4?.Iahrgang Wöch«nMch WPf» monaMch Z.SO M. im voraus zahlbar. Postbezug 4.32 M. einschließlich 60Pfg.Postzeitun�s. und 72 Pfg. Postbestellgebühren. Auslands abonnement 6.— M. pro Monat. * Der.Vorwärts' erscheint wochentäg» llch zweimal. Eondtags und Montaus einmal, die Abendausgaben für Berlm und im Handel mit dem Titel.De? Abend". Illustrierte Beilagen.Volt und Zeit" und.Kinderfreuno". Ferner .Frauenstimme" Jtechnit"..Blick in die Bücherwelt"..Iugend-Vorwärt»' und.Stadtbeilage". e vmw- Verliner SolkSblatt Sonntag 28. Dezember 1930 Groß-Äerlin 115 pf. Auswärts �0 pf. Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Pfennig. Reklame'eile 5.— Reichs- mark.„Kleine Anzeigen� das ettge- druckte Wort 2ü Pfenurg lzulässig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengeluche das erste Wort IS Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Zeile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. 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Stahlhelm, Deutfchnotionale und Na- tionalfozialisten setzten sich zu diesem Zwecke bereits vor Wochen zusammen, beratschlagten über die Methoden des Kampfes und schließlich auch darüber, welche bürgerlichen Gruppen und Splitter in die neue Kampfgemeinschaft noch aufgenommen werden sollten. So wurde auch die Deutsche Volkspartei um ihre Vundesgeitosscnschast ersucht. Sie erklärte sich grundsätzlich bereit, an dem Sturm auf das„Preußen der Sozialdemokratie" mitzuwirken, und zwar unter der Bedingung, daß es in der zum Volksbegehren oder Volksentscheid gestellten Formel lediglich heißt:„Dcr Landtag wird ausgelöst!" Schon war die er sie Panne in dem Ansturm da. Die Nazis widersprachen der von der Volkspartei gewünschten Formel, da sie mit dem Kampf gegen die preußische Regierung zugleich andere agitatorische Ziöle im Auge haben. Außerdem stellen sie verschiedene Forderungen auf. von denen die wichtigste die ist, daß d i e L e i t u n g der ganzen Aktion in ihren Händen liegen müsse. So debattierte man end- los hin und her, bis man schließlich überein kam, die Beratungen der vereinten Reaktion aus Stahlhelm, Deutschnationalen und Haten- treuzlcrn auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Ehe die Besprechungen fortgesetzt werden konnten, hat sich der Stahlhelm wieder selbständig gemacht, ein Zeichen, daß er von dem Verlauf der künftigen Verhandlungen ebenfalls nicht viel hält. In einem Aufruf fordert er zur Schaffung eines„Kampf- sonds" auf. Dieser Fonds soll zur Durchführung eines Volks- degchrsns auf Auflösung des Preußischen Landtags führen. Wann man diese Aktion steigen lassen will und wie die Bettelpfennige im einzelnen verwandt»»erden sollen, wird in dem Aufruf nicht gesagt. Unwillkürlich wird man bei diesem Appell an die Spießbürger daran erinnert, daß der Stahlhelm schon einmal ein Volks- begehren angekünvtgt und zu die-sem Zweck um Geld geschnorrt hat. ohne jedoch bis heute feine Ankündigungen wahrzumachen. Damals bandelte es sich daruni, dem Reichspräsidenten auf dem Um- weg über ein Volksbegehren mehr Macht zu verschaffen. Wochenlang Hot man dieses Volksbegehren propagiert. Ms es schließlich so weit war, ließen Seldte und Konsorten den Plan von gestern in die Versenkung verschwinden. Hat der neueste Appell des Stahlhelms an die Freigebigkeil den gleichen Zwecks Diese Auffassung muß man hegen, weil man selbst in reHts- gerichteten Kreisen zwar nickst von der Aussichtslosigkeit des Volks- begehrens, wohl aber des Volksentscheids fest überzeugt ist und ernst zu nehmende Stimmen dringend vor einer Durchführung der Aktion warnen. Aber selbst wenn der Stahlhelm Ernst machen wollte, würde das Geld, das Herrn Seldte sür seine Pläne zur Verfügung gestellt würde, nutzlos vertan sein, denn daß der Sturm der vereinten Reaktion auf Preußen im Volksentscheid abgeschlagen werden wird, ist so Richer, wie zwei mal zwei vier ist. Aus dem Sumpf der Wirffchastspartei. Schwerste Vorwürfe gegen den Vorfihenden Drewitz. Die B. S.-Korrespondenz teilt mit: Die Führerkrise in der Wirischaftspartei des Deutschen Mittelstandes, die durch die Vor- würfe des Abgeordneten C o l o s s e r gegen den Parteivorsitzenden Drewitz verursacht worden war und die durch die Beschlüsse des Reich-ausschusses der Partei einstweilen vertagt zu sein schien, tritt nunmehr in ein neues Staipum. Die Opposition gegen Drewitz wua iinmer stärker, und jetzt wird auch Material aus der De», kjchrift Colossers bekannt, die seinerzeit vom Reichs- aueschuß der Partei wieder eingezogen wurde, nachdem sie einer Reihr von Bezirksorganisaiionen bereits zugeleitet worden war. In dieser Denkschrift wird dem Abgeordneten Drewitz zunächst der Vorwurf gemacht, daß er von der Deutschen Mittelstandsbank. dem Bankinstitut der Partei, im Jahre 1928 aus Wahlgeldern Zlktien im Betrage von 100000 Mark für eigene Zwecke gekauft habe. Als dann dieser Betrag für die Wahl fehlte, habe Drewitz die Aktien nunmehr wieder bei der Bank be- liehen, so daß die Partei in die Abhängigkest des eigenen Bank- instnuls geraten sei. Weiter hat es auch bei den Mitgliedern der Mittelstandspartei starres Befremden erregt, daß ihnen von der Bank Aktien zum Neu»u>ert von 103 Prozent aufgedrängt worden feien, die jetzt 22 bis 23 Prozent im Kurse stehen und unverkäuflich seien. Auch wird bemängelt, daß die Bank der Mlttelstandsparlei von den kleinen Geschäftsleuten 16 bis 20 Prozent Zinsen pro Zahl für Kredite verlange. Danu wird Drewitz der Vorwurf gemacht, daß er Parteigelder inHöhe von 13 000 Mark zum Bau und zur Ein- richtung seiner Villa in Mahlsdors verwandt Hab«, ohne die Zustimmung der Parteiinstanzen hierfür einzuholen. Bisher sei von diesem Darlehen aus der Parteikasie noch kein Pfennig zurückgezahlt worden. Ein weiterer Fall in der Colosserschen Denkschrift bezieht sich darauf, daß Drewitz seinem Schwiegervater W. in Strehlen einen Kredit von 30 000 bis 40 000 Mark infolge seines Einflusses bei der Mittelstandsbank verschafft habe. Das Grundstück aus das diese Forderung eingetragen wurde, geriet in Zwangsoersteigerung, so daß die Parteigelder zum größten Teile verloren gingen. Auch durch ein anderes Kreditgeschäft sei die Mittelstandsbank erheblich beeinträchtigt worden. Colosser erklärt in der Denkschrift, daß Drewitz einem befreundeten Friseur in einer sächsischen Klein- stadl ein namhaftes Darlehen gegeben habe, wofür dieser sich ein Casö einrichtete. Dieser Betrieb siorierte nicht und kam gleichfalls zur Zwangsversteigerung, fo daß die Bank das Caf6 selbst über- nehmen mußte, um wenigstens einen Teil des Geldes zu retten. Ferner wird Drewitz von anderer Seite vorgeworfen, daß er in seinem EHeschcidungsprozeß die Vollstreckung von Geldforderun- gen dadurch abzuwenden versucht habe, daß er sein ganzes Besitztum der Mittelstandsbank übereignete. Als aber bereits pfändnagsbefchlüfse vorlagen, soll er dann versucht haben, einen Angestellten der Bank zur vordakierung des llebereignungsvertroges zu bewegen. Als dieser Angestellte sich weigerte, diesem Ansinnen Folge zu leisten, habe Drewitz ihn systematisch aus dem Betrieb« herausgedrängt. llvsi» die Vorgänge in Spanien unterrichtet ein Aufsatz, der uns von besonderer Seite zugegangen Ist. Siehe 4. Seite des Hauptblattes. Bon weiteren Vorwürfen fei dann noch hervorgehoben, daß er auch beträchtliche Gelder, di« der Partei anläßlich der Hindenburgwahl im Jahre 1925 zugeslosien seien, sür sich persönlich als„Entgelt für seine mühevolle Tätig- k e i t" einbehallen habe, ohne sie durch die Parteitasse gehen zu lasten. Soweit die Vorwürfe Colossers, die bereits seit längerer Zeit den Prüfungsausschuß der Wirtschasispariei beschäftigen. Die Verantwortung für die Richtigkeit der Vorwürfe muß natürlich Herrn Colosser überlassen werden. S,Z Mittionen USA-Arbeitslose. 3 7 Milliarden Mark iür Ttotffandsarbeiier. Die Ausgabev für öffentliche Rotstandsarbeiien im neuen Haushaltsplan werfen auf 885 Millionen Dollar(3,7 Milliarden Mark) beziffert. Die Zahl der Arbeitslosen in Amerika belänst sich nach einer Statistik des amerikanischen Gewerkschastsbuudes auf 5.3 Millionen. Zw Verlaus des lehlen Monats ist die Arbeits- losigkeit um 5 proz. gestiegen gegenüber 28 proz. in der gleichen Zell des Vorjahres. Ltnglücksjahr 1930. Ein kritischer Rückblick. Von Bnul Löhe. Ein Jahr des Unglücks und des Niedergangs geht zur Rüste. Drei schwere Bergwerksunglücksfälle mit vielen hundert Toten allein in Deutschland, eine größere Zahl noch in Rußland, zwei Hochwasserkatastrophen in Ost- und West- deutschland, eine noch schwerere in Frankreich, die Explosion des großen englischen Luftschiffes zusammen mit zahlreichen Flugzeugkatastrophen, der verheerende Erdrutsch in Lyon, der Brückeneinswrz in Koblenz, Erdbebenkatastrophen und Dulkanausbrüche in vielen Weltteilen— es sind nur die augenfälligsten und nächstliegenden Unglücksfälle, die in unse- rer Erinnerung haften, wenn wir auf das Jahr 1936 zurück- blicken. � Aber schwerer noch, niederdrückender und weittragender in ihren Folgen als. selbst diese Heimsuchungen, die uns jäh aufschrecken, ist die schwere Wirtschaftskrise, die schon im Zuge war, als das Jahr begann, und an Umfang immer weiter um sich griff in den einzelnen Staaten und in andere bisher verschonte Länder hinübersprang. Vergeblich mühten sich K a p i t a l i st e n in Amerika und S o z i a l i st e n in England, F a sch i st e n in Italien und V o l s ch e w i st e n in Nußland, bemühte sich die republikanische Regierung bei uns und die monarchische in Spanien, ihre verheerende Wirkung einzuschränken— nirgends hat dieses Bemühen bisher ficht- bare Erfolge gezeitigt. Es handelt sich, woraus wir immer wieder hingewiesen haben, eben um keine Krise eines poli- tischen Systems, sondern um eine Krise des Kapita- l i s m u s, der herrschenden Wirtschaftsreform. Sie zeigt sich im steigenden Maße unfähig, Produktion und Konsumtion, Herstellung und Verbrauch in Einklang zu bringen. Die Produktivkräfte sind den Besitzverhältnissen über den Kopf gewachsen. Die geschwächte Kaufkraft besitzloser Massen nimmt die Menge an Gütern nicht mehr auf, die eine ver- besserte Technik auf den Markt wirft. Erst eine planmäßige sozialistische Bedarfswirtschaft mit Regelung der Arbeitszeit und Arbeiterzahl nach den Bedürfnissen der einzelnen In- dustrien an Stelle der Profitwirtschaft wird diesen Abgrund überbrücken können, wird die völlige Lösung der Krise bringen. Was vorher geschieht und möglich ist: Arbeitszeitverkürzung, Arbeitsbeschaffung, Austausch von Arbeitslosen gegen bisher schaffende Kräfte, Ausdehnung und Befreiung der Märkte von bemmendem Zwang kann die Krise mildern, aber verschwin- den wird sie erst mit dem kapitalistischen System selbst. Die Agrarkrise, die unleugbare Rot vieler land- wirtschaftlicher Betriebe,' sie ist eine Teilerscheinung der all- gemeinen Wirtschaftskrise, denselben Ursachen entsprungen. Denn sie ist aus keiner Notlage entstanden, keineswegs aus Mangel an Agrarprodukten, aus Mißernten oder Hitzekata- strophen, aus pflanzlichen oder tierischen Schädlingen, die die Ernte vernichteten oder anderen Verheerungen. Rein, auch sie ist eine Krise des Ueberschusses und Ueber- f l u f I e s. Das Zuviel an Getreide, Vieh- und Viehprodukten, Obst und Gemüse kann der innere und äußere Markt nicht mehr aufnehmen. Die Folgen dieser wirtschaftlichen Erschütterungen sind die politischen Eruptionen, die wir fast überall beobachten. Mangel an wirtschaftlicher Einsicht macht überall die politische Herrschaft für die wirtschaftliche Rot verantwortlich. Bei uns klagt man die Demokratie und die Re- publik, in Spanien die Monarchie als Urheberin der Wirt- fchaftsnot an, tn Italien wird Mussolini, in Rußland, soweit es sich frei äußern kann, Stalin verantwortlich gemacht, in Amerika beschuldigen sich die beiden großen politischen Par- teien— überall setzt sich die Unzufriedenheit über den wirt- schaftlichen Druck in politische Empörung und Rebellion um. Sie gipfell meist in dem primitiven Satz:„es muß anders werden", ohne aber zu wissen, wie das..Anders" aussieht, das die Besserung bringen soll. Die einen sehen darin die Aus- rollung oder Vertreibung der Juden, die anderen den Sturz Mussolinis, die einen Aufrichtung der Diktatur, die anderen Beseitigung ihrer entsetzlichen Fesseln. Die Sozialdemo- k r a t i e dagegen, die jene Ursachen der Krise bloßzulegen ver- sucht, findet in diesen Ereignissen jene Lehre bestätigt, die man mit der Beschimpfung„Marxismus" zu erledigen gedenkt und die sich doch jeden Tag auch für den NichtProletarier jchmerzlich bestätigt. Kann die menschliche Arbeit und Technik Güter genug schassen, um dem Menschen eine einigermaßen befriedigende Existenz zu sichern— und das ist heute der Fall— dann muß ein mangelhaftes Besitz- und Verteilungs- system die Ursache der schweren wirtschaftlichen Erschütterun- gen sein, die uns bedrücken. Gewiß sind es Kriegstribute und Nach dem Film der Rundfunk. Reaktionäre Anschläge zur nationalistischen Veeinstuffung des Rundfunks. andere Fesseln, die die Lage für Deutschland besonders er- schweren, aber das Wüten der Krise auch in den übrigen Ländern chewÄst zur Genüge, daß das allein die Ursache nicht sein kann. Sind uns diese Zusammenhänge klar, dann ist auch der Weg gezeichnet, den die Arbeiterklasse in diesen Zeiten schweren Druckes und bedauerlicher Rückschläge ein- halten muß. Sie kann sich nicht irreführen lassen durch die Schreier nach dem reinrassigen„Dritten Reich" und durch die leichtsinnigen Hazardeure, die neue gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Völkern für unvermeidlich halten. Sie wird auch nicht zurückfallen in den Fatalismus des Proletariats aus der Frühzeit des Kapitalismus, die ihr ähnliche und schlimmere Geißeln' gebracht hat. Sie weiß, daß das„Dritte Reich" ein Apothekerrezept von Kurpfuschern ist und daß ein neuer Krieg Europa volSends verwüsten müßte, sie weiß aber auch, daß die wirtschaftlZche Entwicklung selbst ihrem sozialistischen Ziel zustrebt. Denn je unvereinbarer Produktions- und Besitzverhältnisse werden, �um so größer mird auch die Zahl der Menschen, die ihre Überwindung fordern. Auch wenn es nicht in der klaren Erkenntnis der Zusammenhänge geschieht, sondern nur in naiven Protesten und pseudosozialistischen Bekenntnissen. Es gibt keim- Macht, und gebärde sie sich noch so gewalttätig, die diese dCJtwicklung aufhalten kann. Kein Rückschlag, kein Hemmnis kötunen auf die Dauer das Heraufdämmern der Erkenntnis verhindern, das nur eine Gesellschaft, die die breite Masse der Arbeitenden befriedigt, noch lebensfähig bleibt. Wer aber die sozialdemokratische Arbeiterschaft mit Ge- welt verhindern will, ihren Zielen nachzustreben, mer glaubt, daß Jahre der Krife und des Rückschlags geeignet sind, sie von ihrem 5?ampf xr trennen, der beißt auf Granit. Die M a ch t d e r A r b e i t e r k l a s f e in Deutschland gründet sich nicht auf die parlamentarische Vertretung allein, die die anzunehmen scheinen, die mit der Beseiti- gung des„Parlamentarismus" auch die Sozialdemokratie als beseitigt ansahen. Wer das glaubt, gehört zu den Sonder- lingen. die das Barometer zerschlagen, um das Wetter zu verbessern. Sie täuschen sich gründlich. Selbst wenn es ein- mal gelänge, einen Kampfplatz zu vergasen, auf dem die Ar- beiterklasse ficht, so geht doch der Kaamps selbst weiter, und zwar mit doppelter Wucht und doppeltem Elan. Er wird geführt in tausend Gemeinden, Städten und Dörfern, in den Gewerkschaften, die zu Kopps Zeiten ihre Macht fühlbar werden fießen, er würde geführt werden von der großen Sportbewegung, der Bildungs- bewegung. den Jugendorganisationen, ja selbst d i e Konsumvereine der verschiedenstell Form müßten diesem Kampfe dienstbar gemacht werden. Zu tief hat sich der sozialistische Gedanke und die sozialistische Organisation in alle Lebensformen der Gesellschaft verflachten, als daß sie jemals wieder herauszuziehen mären. Wer unseren Marsch gewaltsam aufhalten will, wird uns gerüstet finden. Mit Landsknechten- und Mäusejägern aller Jahrgänge wird Deutschlands Arbeiterschaft fertig werden, wenn sie nur die Aermel aufstreift. Ueber alle Kleingläubigen und Mutlosen hinweg gilt deshalb auch an diesem Jahreswechsel dieParole: Unser der Siegt Zum Tode Cduard Davids. Veiieidskundgebungen des Reichskanzlers und der ReichStagsfrakston. Zum Tode Eduard Davids sind bei den Hinterbliebenen weiter zahlreiche Beileidskundgebungen eingetroffen: Reichskanzler Dr. Brüning schreibt: „Die schmerzliche Nachricht von dem Hinscheiden Ihres Herrn Gemahls hat mich tief erschüttert. Es ist mir ein aufrichtiges Be- dürfnis, Ihnen meine und der Reichsregierung herzliche Anteilnahme zu übermitteln. Mit Ihrem Herrn Gemahl scheidet eine der mar- tantesten Persönlichkeiten aus dem politischen Leben Deutschlands. Di« Reichsregierung wird dem Verstorbenen in dankbarer Erlnne- rung an seine wertvolle Mitarbeit stets ein treues und ehrendes Ge- denken bewahren."- Für die sozialdemokratische Reichstagsfraktion richtet« Genosse Breitscheid das folgende Schreiben an Frau David: „Die sozialdemokratisch« Reichstagsfraktion spricht Ihnen beim Tode Ihres Gaten ihr herzlichstes Beileid aus, und ich bitte Sie versichert zu sein, daß auch ich persönlich an Ihrer Trauer schmerz- lichsten Anteil nehme. Die Todesnachricht hat uns alle tief er- schüttert, nicht zuletzt, weil sie so überraschend kam. Bis vor kurzem beteiligte sich Dr. David aufs lebhafteste an unserer polllischen Ar- beit, indem er sein großes Wissen und seine gereift« Erfahrung in den Dienst des gemeinsamen Kampfes gegen die Feinde der Demo- kratie und der Arbeiterklasse stellte. Niemand oermutete, daß er uns so bald entrissen würde und daß wir seinen wertvollen Rat in dieser schweren Zeit entbehren müßten. Ein Trost mag es Ihnen wie uns sein, daß Ihr Gatt«„in den Sielen' gestorben ist. und vor allem, daß die Saat, die er in einem arbeitsreichen Leben aus» !,-streut hat. auf fruchtbaren Boden gefallen Ist. Wir werden sein Andenken in hohen Ehren halten.' Die Reichsregierung wird heute bei der Trauerfeier durch den Reichswehrminister vertreten werden. parlamentarischer Gchimpfrekord. Vom Hakenkreupparlamentarismus. Den Rekord in parlamentarischen Unflätigkeiten hält der nationalsozialistische Abgeordnete d-s Braunschweigischen Landtags, Schneider. Er brachte es in einer einzigen Landtagssitzung auf 97 rüpelhafte Zwischenrufe. Cm Lausejungenstreich. Kommunisten wer en Fenster ein. Am Weihnachtsabend wurde in Hamburg In der Privatwohnung des Polizeisenators Schönfelder, der der Sozaldemolratie angehört, das Fenster seines Arbeitszimmers mit Steinen einge- warfen. Im gleichen Augendlick wurde durch das Fenster des Eßzimmers eine Selterflasche geschleudert, die«inen Zettel mit Drohungen gegen den Polizeisonator enthielt, aus denen hervorgeht, daß die Täter bei den Kommunisten zu suchen sind. Durch die Würfe wurde niemand verletzt. Die Täter sind unerkannt entkommen. Hugenberg-Trabanten haben kürzlich einen Radiohörer- Bund gegründet, dessen Ziel ist, die deutschen Sendegesellschasten im Sinne des rückständigen deutschen Spießertums zu beeinflussen und vor allem freigeistige Sendungen zu verhindern. Viel Erfolg hat dieser neue Bund bisher weder hinsichtlich der Mitglieder- Werbung noch der von ihm verfolgten Ziele gehabt. Er macht des- halb neuerdings den Versuch, alle reaktionären Vereine und Klüngel vor seine Karre zu spannen und sie u. a. zur Werbung von Mit» gliedern zu veranlassen. Wo es reaktionäre Ziele zu fördern gilt. darf der„Stahlhelm' selbstverständlich nicht fehlen, wie aus nachfolgendem Schreiben, das wir dem„A r b e i t e r f u n k" eict- nehmen, hervorgeht: „Der Stahlhelm" Schwerin, IL. November 1930. Landesamt Mecklenburg. Landesverbands b e f e h l Nr. 20. Dem international eingestellten Rundfunk muß energisch zu Leibe gegangen werden. Das Bundesamt hat daher angeordnet, daß all« Landes- verbände bis zu den Ortsgruppen die Namen der Kameraden melden, die den Kampf gegen den undeutschen Rundfunk sühren wollen. Werbematerial für den„Reichsverband deutscher Rundfunkteilnehmer' ist den Ortsgruppen auf dem Dienstwege zugegangen. Die Namen der Kameraden bei den Gauen und flireisen ersuche ich zum 1. Januar 1931 zu melden, die der Kameraden bei den Ortsgruppen bis zum 1. Februar 1931. Franthell! Graf von Soden, Landesführer.' Nun wissen wir es endlich: der deutsche Rundfunk ist„inter- national' eingestellt, er ist„u n de u t s ch', ohne daß die Reichs- rundfunkgesellschast bisher den Mut besessen hätte, dieser u n v e r- schämten Lüge mit der hierzu erforderlichen Entschiedenheit entgegenzutreten. Und warum diese Lüge? Weil man glaubt, auf dem Wege der Hetze das Ziel der Beeinflussung des Rundfunks im national! st ischen Sinne am besten erreichen zu können. Es ist die gleiche Methode, die Hiller groß gemacht hat und von der man sich gerade deshalb einen besonderen Erfolg verspricht. Die Reichsrundfuntgefellschaft, mit Herrn Bredow an der Spitze, aber schweigt, obwohl gerade sie berufen wäre, über die ihr zur Verfügung stehenden Sender der neuesten Hetze, die in unser Volk getragen werden soll, entgegenzutreten. Um so wachsamer muß die Masse der freigewerkfchaftlichen und sozialistischen Rund- funthörerfchaft sein. Wachsam in dem Sinne, daß den Bolksver- Hetzern nicht auch noch der Rundfunk ausgeliefert wird. Dauerkrach um Fridericus. Auch in Hamburg Kundgebungen gegen den nationalistischen Hehfism. Hamburg, 27. Dezember. Die Vorführung des Fridericus-Films„Das Flötenkonzert von Sanssouci' hat am Zwesten Weihnachtstag auch in Hamburg zu Kundgebungen geführt. In z w e i der drei Theater, in denen der Film zur Aufführung gelangte, kam es zu Störungen. Mehrere Besucher erhoben sich, forderten mit lauter Stimme die Absetzung des Films und schleuderten Enteneier(?), die mst roter Farbe gefüllt waren, gegen die Leinwand. Die Geschäftsführung hatte in beiden Theatern für Polizeischutz gesorgt und ließ die Vorführung sogleich unterbrechen. Im Passage-Theater wurden etwa zwanzig Ruhestörer aus dem Saal entfernt. Nach kurzer Unterbrechung konnte dann die Borführung fortgesetzt werden. -i- Nach Berlin und Kassel jetzt Hamburg! Wo immer das Hugenberg-Machwerk zur Darstellung gelangt, protestiert das Publikum. Den denkenden Zuschauer erfaßt unwiderstehlich die Empörung darüber, daß dieser Irieas- hetzerische, verlogene Parabekitsch in Deutschland einstweilen noch gezeigt werden darf, während die Wahrheit des Krieges im Remarque-Film oerboten bleibt. Ueberall bricht spontan der Unwille durch, und mögen die Formen des Protestes zuweilen auch über das Ziel hinausschießen, eins bleibt festzustellen: mitderPasstoität der R e p u b l i- kaner ist es vorbei! Herr Hugenberg mag sich bei seinem Nazifreunde Goebbels bedanken: die Skandalfzenen bei der Aufführung des Remarque-Films haben jedenfalls das Echo ausgelöst, daß nun auch die Republikaner nicht mehr durch schweigendes Fernbleiben, sondern durch aktive Demonstrationen gegen den Mißbrauch des Kinos zu monarchistischen und nationalistischen Agitation?- zwecken protestieren. Bei dieser Gelegenheit eine Frage an den L e r b a n d der Kinobesitzer: Anläßlich des Remarque-Films ließ dieser Verband öffentlich erklären, daß seine Mitglieder ablehnten, die zu Auseinandersetzungen im Publikum führten. Gilt dieser Standpunkt nur im Falle Remarque oder auch im Falle Fridericus-Hugenberg?! Deutsche pilgern nach Luxemburg? Luxemburg, 27. Dezember. Die Kinotheater in Luxemburg machen ein Bombengeschäft mit dem in Deulfchlanb verbotenen Remarque-Film„Im Westen nichts Neues': die Darführung des Films wird dauernd prolongiert. Der Grund des Riesenerfolges ist außer im Interesse der einheimischen Bevölkerung darin zu suchen, daß ein ungeheurer Zustrom aus den angrenzenden deutschen Orten eingesetzt hat. Oer verschwundene General. Aus den Geheimnissen der polnischen Oiktaiur. Die Enthüllungen über die Greuel von Brest-Litowst. die Pilsudski an wehrlosen politischen Gefangenen verüben ließ, haben in der ganzen zwilisierten Welt Entsetzen und Ab- scheu erweckt. Der nachfolgende Bericht, der uns aus Warschau zugeht, erzählt von dunklen und rätselhaften Geschehnissen, die den Aufstieg Pilsudskis zur Macht eines Militärdiktators schon in früheren Tagen begleiteten. Man wird sich noch an das rätselhafte Verschwinden des polni- schen Generals Z a g o r s k i im August 1927 erinnern: angeklagt, den Maiputsch im Jahre 1926, den Pilsudski siegreich unternommen hatte, in allzu scharfer Weise bekämpft zu haben— Zagorski hatte den Befehl gegeben, die Truppen Pilsudskis durch Flugzeuge bom- barbieren zu lassen—, wurde der General fast ein Jahr lang in einem Wilnaer Gefängnis gefangengehalten. Auf die zahlreichen Bemühungen seiner Freunde, die darauf hinwiesen, daß der General ja nur seine Pflicht getan hatte, beschlossen die Behörden, Zagorski auf freien Fuß zu fetzen. Verschwunden? Am 7. August 1927 wurde Zagorski von einer Reihe höherer Beamten aus Wilna abgeholl, im Auto nach Warschau gebracht und, wie sie später erklärten, auf besonderen Wunsch Zagorsk-s vor einer in der Hauptstraße Warschaus befindlichen Badeanstalt abgesetzt. Bon diesem Augenblick an fehlt jede Spur des Generals — er war und blieb vom Erdboden verschwunden. Di« oppositto- nelle Press«, die Andeutungen darüber veröffentlicht«, daß der General von Anhängern Pilsudskis, ja vielleicht sogar auf dessen eigenen Befehl, zur Seite gebracht worden sei, wurde tagelang be- schlagnahmt. Die Behörden suchten eine Zeillang jeden Leichnam der aus der Weichsel gezogen wurde, mit dem verschwundenen General zu identifizieren: als dies mißlang, wurde erklärt, man fei im Besitz bestimmter Anhallspunkte, aus denen hervorgehe, der General sei aus Furcht vor der bevorstehenden gerichtlichen Ber- Handlung ins Ausland geflüchtet: und wirklich erhielten prompt darauf einige Freunde Zagorftis mehrere Zuschriften aus dem Ausland, die unzweifelhaft von der Hand des Generals stammten. Rur daß die von den Freunden sofort eingeleitete Untersuchung ergab, daß es sich um Notizen und Quittungen handelte, die Za- gorski noch während seiner Gefängniszeit in Wilna geschrieben hatte. Der General selbst war und blieb verschwunden. Nächtliche Schüsse im Aelvede?!. Das Rätsel, das das Verschwinden des Generals umgibt, ist jedoch nicht auf seine Person allein beschränkt geblieben: ein merk- würdiges Schicksal scheint auf allen Personen, die an dem Per- schwinden Zagorskis irgendwie beteiligt waren, zu lasten. Da ist zuerst der Gendarm K o r y z m a, den die oppofllionelle Presse beschuldigte, unmittelbar an der Ermordung Zagorskis beteiligt ge- wesen zu sein. Die amlliche Untersuchung, die nach Zagorskis Per- schwinden erfolgte, ergab hierfür allerdings keinerlei Anhaltspunkte: aber ein Jahr später— am 4. Dezember 1928— kam Koryzma, als er gerade in dem von Pilsudski bewohnten Schloß Belvedere in Warschau seinen Dienst versah, nächtlicherweise durch zwei rätsel- hafte Schüsse ums Leben. Di« Behörden behaupteten damals, dag es sich um russische Spion« oder um ein Attentatsversuch aus PU- sndski handelte. Das Verbrechen an Koryzma wurde auch nicht Ilarer, als die oppositionelle Presse mittellte, daß unmittelbar bevor die Schüsse gefallen waren, Koryzma dem Marschall Pilsudski begegnet sei und mit ihm einige Worte gewechselt haben soll. Der Tod Koryzmas bleibt ebenso unaufgeklärt wie das Verschwinden Za- gorskis. Noch zwei Tote. Ein Jahr später— zwei Jahre waren seit dem Verschwinden Zagorskis vergangen— verunglückte auf der Chaussee Spala— Warschau ein Militärauto. Der Chauffeur war auf der Stelle tot: es war der gleiche Chauffeur, der den Wagen gefahren hatte, in dem General Zagorski aus dem Gefängnis in Wilna nach Warschau gebracht worden war. Koryzmas Gehilfe bei der Beiseiteschassung Zagorskis soll, nach der oppositionellen Presse, ein gewisser Sjeczko gewesen sein. Er wurde im Juli 1930 als Mitglied einer pilsudsfistischen Kampsorganisation hinterrücks erschossen. Die Täter konnten nicht er- mittelt werden. v. Im September 1930 starb in Warschau während des Pferde» rennens plötzlich der pilsudstistische Offizier K o w a l e w s k i. Als Todesursache wurde Herzschlag festgestellt. Kowalewski ist nun der- jenige gewesen, in dessen Wohnung— wie die oppositionelle Presse behauptete— Zagorski nach seiner Ankunft in Warschau geschafft worden sein soll. In' Kowalewskis Wohnung endete die Spur Za- gorskis. Dunkle Geheimnisse bezeichnen den Weg der Diktatoren... Hinterindien in Aufruhr. Bombay. 27. Dezember.(Eigenbericht.) Die englischen und indischen Truppen, die in die Umgebung von Ra n g u n entsandt worden sind, um die dortigen Unruhen zu unter- drücken, sind am Sonnabend mit den Aufrührern zu- sammenge stoßen. Nach Meldungen aus Burma hatten die Aufständischen 8 0 Tote zu verzeichnen. Am Herd des Aufstandes in Therrawaddy, 120 Kilometer nördlich von Rangun, scheint die Ruhe wiederhergestellt zu sein: im weiteren Umkreis wurde jedoch noch Aujrührer gesichtet. pabfi in Tirol kaltgeflellt. Er llopst jetzt beim Stadlhelm an. Innsbruck. 27. Dezember.(Eigenbericht.) Major Vabsl ist ans der Tiroler heimwehr ans- geschieden. Dr. Steidle hat ihm im Kamen der Tiroler heim. wehr den Dank für seine bisherige Tätigkeit ausgesprochen. Die von Pabst in München mit den K a l i o n a l s o z i a. listen gesührten Besprechungen haben kein Ergebnis gebracht, da die von ihm beanspruchte Stelle inzwischen bereits beseht worden sein soll. Kenerdings soll P abst mit dem Stahlhelm in Verhandlungen stehen, die jedoch ebenfalls nicht aussichtsreich sein sollen. D.e Heimwehr wundert sich über Scharfmachertum. Wien, 27. Dezember.(Eigenbericht.) In der Sonnabendsitzung des Nationalrats wurde >er tiandelsoertrag mit Deutschland sowie der deutsch-österreichische Vertrag über Sozialoersicherung angenommen. Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde eine dringliche Anfrage der Heimwehrabgeordneten über die Kündigung von 10 000 Arbeitern der Alpinen Monlangesellschaft behandelt. In der Begründung dieser Anfrage erklärte der heim- wchrabgeordnete Lengauer, die Heimwehrgewerkschaft sei eine Gewerkschaft zum Schutz« der kapita- li st Ischen Ausbeuter. Als die Sozialdemokraten diese Aeuße- rung mit Beifall aufnahmen, sogt« Lengauer(der übrigens ein ehemaliger Kommunist ist), er habe sich v e r- sprachen und habe sagen wollen, sie sei«ine Gewerkschaft zum Schutze gegen die kapitalistischen Ausbeuter. Der sozialdemo- tkratische Redner und Obmann des Metallarbeiterverbandes Ja- n e c« k stellte fest, daß der Redner der hcimwehr bei einem Streik den Arbeitern in den Rücken gefallen sei. Die Debatte endete mit der Annahme eines sozialdemokratischen Antrages, der von der Regierung die unverzügliche Vorlegung eines Gesetzentwurfs fordert, nach dem die Stillegung von Großbetrieben in Zukunft nur mit behördlicher Gedehmigung gestattet sein soll. Llnsere gefinnungsiüchtiße Kilmzensur. Kemals Zaust. Vernichtungsfeldzug gegen die Opposition. konstanlinopel.Z?. Dezember.(Eigenbericht.) Der versuch zahlreicher Ortsgruppen der oppositionellen türkischen liberalen Partei, trotz der von dem vorstand dieser Partei beschlossenen Auflösung der Organisation de» Kampf gegen die Regier nn g Zsmel Pascha fortzusetzen, hat eine energisch« Gegenaktion der Behörden ausgelöst. Zu der ganzen Türkei wird neuerdings mit Verhaftungen, hau«. snchungen und Konfiskationen gegen die Oppositionellen vorgegangen. Die Führer der in Adann neugegründelen Oppositionspartei.AHall" sind restlos verhastet worden. Zu Slam- bul wurde der Ehcfrcdakkenr de» oppositionellen.Irr in", der vor sechs Monaten die Kampagne gegen die Regierung eröffnete, in» Gefängnis gesetzt. Gegen zahlreich« andere oppositionelle Blätter wurden unter den nichtigsten vorwänden Prozesse angestrengt. Zu Smyrna ist es der Regierung gelungen, mehrere opposillonelle Führer und ihre Blätter durch Largeldznwendnnqen zu.kaufen" und in» Regierungslager zurückzuführen. Zm türkischen Parlament wagen nur noch drei Abgeordnete von 316 dle Spposl. klon gegen die Regierung fortzusetzen. Putschversuch der verwische. Sonsianllaopel. 27. Dezember.(Eigenbericht.) In der Türkei ist. wie amtlich verlautbar wird, im Zusammen- hang mit der Untersuchung eine, originellen Putschver» s u ch», den der Derwisch au; Manissa in der kleinen Stadt Man«, msn(Provinz Smyrna) zur Wiederaufrichtung eines religiösen Staatswesens unternahm, eine.weitverzweigte Ver- j ch w ö r u n g" aufgedeckt worden. Urheber des Planes sollen maß» gebende Vertreter des Derwischordens.Nakfchbendir" fein. In zahlreichen Städten wurden die Würdenträger dieses Ordens am «ynnabend verhaftet Zahlreiche Verhaftete waren Anhänger der liberalen Opposition gegen die Regierung. Der Putschversuch des Derwischs aus Manisia in Menemen endete mit einem Feuerkampf zwischen Gendarmerie und den»Umstürzlern". Der Derwisch selbst und drei seiner Anhänger- wurden getötet. Der Rest flüchtete. Beihlen-Schwindel nachgewiesen. Oer geführte Vrieswechsel prag-Badapest. Prag, 27. Dezember.(Eigenbericht.) In der tschechischen und ungarischen Presse wurde kürzlich ein Vriefwcchse! der Führung der tschechischen und un- garischen Sozialdemokratie verössenllicht. Mit der Per- öffentlichuna sollte bewiesen werden, daß die� ungarische Sozial- demokratie finanziell von der tschechischen Sozialdemokratie ab- hängig ist Die ungarischen Faschisten benötigten diesen Schwindel iür ihren Kamps gegen die ungarischen Sozialdemokraten während der letzten Gemeindewahlen in Budapest Jetzt ist der Nachweis erbracht, daß die Briefe von de? Redaktion der nationalistischen ungarischen„Pragi Magyar chirlap" in Prag gefälscht worden sind. Maschinenschriftsach. verständige haben die Fälschung einwandfrei festgestellt. Lord Melcheii gestorben. Oer Leiter des englischen Edemie-TrustS. Lord Melchekk os Langsord, früher Alfred M o nd, ist am Sonnabend, SZjähria. in London gestorben. Er spielte im wirtschaftlichen und politischen Leben Englands eine bedeutende Rolle, zuletzt als Präsident des Chemietrusts, den er geschaffen hatte. Sein Vater, ein Chemiker, war aus Darmstadt nach England eingewandert. Ursprünglich Liberaler und während des Krieges Minister für öffentliche Arbeiten im Kabinett Lloyd George, trat er ISSS zu den Konservativen über, weil er in scharfen Gegensatz zu Lloyd George geriet. Melchett-Mond war Jude und der Führer der englischen Z i o n t st e n. Sein« Bersuche, Anfang 1929 eine direkt« Verständigung zwischen Arbeitgebern und Gewerk- schaften zwecks Unterbreitung gemeinsamer Vorschläge zur Be- kämpfung der Wirtschaftskrise und der Arbellslostgkeit herbeizuführen, scheiterten. Die niederländische Sozialdemokratie veranstaltete am ersten Weihnachtstag in allen größeren Städten des Landes gut besuchte Kundgebungen für Völkerfrieden und Abrüstung. Im Amsterdamer Konzerthnus sprach Albarda u. a. auch zur indonesiichen Frage. Al- barda erklärte, es sei betrübend, wenn die Niederlande den, von England durch die runde Tafel-Kcnferenz gegebenen Beispiel nicht p-iae. „Ein Film über 1914? Der Anblick der deutschen Diplomakie von damals ist dem deukschen Ansehen abträglich! wird verboten.- „Ein Film von 191S?— Das Ausland darf nicht erfahren, daß der deutsche Kaiser ausgerissen ist. Wird verboten." „Ein Film von 1920?— Dle Niederlage der Kappisten? Was untersteht mau sich! Wird ver- boten." „Ah— endlich ein Film, der den deutschen Heldengeist zeigt, wird genehmigt." Hankau und Kanton. Die Lteberbevölkerung Chinas Schicksalsfrage./ Von LmU Vandcrvcldc. hankau, die Hauptstadt der sehr reichen Provinz des Tsche- kiang, zählt 500 000 Einwohner, aber nochmehrÄräber. Denn wer in ganz China etwas auf Tradition hält, hat keinen sehnlicheren Wunsch, als sich in hankau begraben zu lassen. So kann man auf dem Kanal, der Schanghai mit hankau verbindet, tagaus, tagein unzählige Kähne erblicken, die sonderbare Ladungen von bunten Särgen nach der heiligen Stadt hankau bringen. Natürlich können sich nur die Reichen diesen Luxus leisten. Di« Armen werden an xbeliehiger Stelle begraben. In Schanghai beginnt man gemein- fame Friedhöfe anzulegen, aber die alte Sitte der Beerdigung der Familienangehörigen am Rand des eigenen Acker, und neben dem eigenen Haufe wird noch immer von den meisten hartnäckig befolgt. Der französische Generalkonsul in Schanghai«rzählle mir von einem Verein, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Kinderleichen in den Straßen aufzulesen und zu begraben und der in dem ersten halben Jahr seines Bestehens nicht weniger als 19000 kleine Leichen geborgen hat. Die Leichen waren von den Eltern der Kinder auf der Straße ausgesetzt worden, well sie für den Ankauf eines Sarges kein Geld hatten! Die Aula der Universität von hankau, in der ich einen Vortrag hielt, war ein ehemaliger buddhistischer Tempel. Der Kuomintang liebt die Buddhas nicht und wenn es nach der Mehrzahl seiner Führer ginge, würde man lieber heute als morgen das Eigentum der Religionsgesellschaften in den staat- lichen Besitz überfübren, so wie es vor 25 Iahren in Frankreich und neuerdings unter K e m a l Pascha in der Türkei geschehen ist. Wie überhaupt Iuno-China dazu neigt, den„Ghazi" als Muster- beifpiel zu nehmen. Aber an dem Tage, an dem ste zur Tat über- gehen wollten, würden sie bestimmt auf den Widerstand der Masten stoßen, die zwar nur wenig fromm sind und sich viel mehr für die irdischen als für die himmlischen Güter interessieren, die jedoch an den Sitten ihrer Ahnen Iren hängen. Das hat sich schon gezeigt, als die Führer des Kuomintang ver- suchten, das uralte Fest des herbstes durch den Nationalfeiertag des 10. Oktober zu ersetzen. Nirgends kommt einem dieser chinesische Traditmnolismns stärker zum Bewußtsein als in hankan. der Stadt der Grabmäler. Der Bürgermeister von hankau. ein Mann in den Dreißigern, ist erst jüngst aus einer amerikanischen Universität hervorgegangen. Er ist sehr um den modernen kommunalpolitischen Fortschritt be- müht, sei es auf städtebaulick-cm, auf bygienifchem oder auf so- zialem Gebiet. Die Provinz Tschekiang ist gegenwärtig, neben den drei mandschurischen Provinzen, vielleicht die ruhigste und wohlhabendste ganz Chinas. Ueber alten Pagoden erblickt man die hohen Essen der Seiden- und Wollwarenfabriken. Und doch befördern die Dschunken, die auf den Kanälen dieses fernöst- lichen Hollands verkehren, viel weniger Seiden- oder Teeladungen als Särge, übereinander gehäuft, die Särge jener Ebinesen, die zwar gut leben und sich bereichern wollen, aber unbedingt darauf bestehen, am Ufer des heiligen Sees von hankau bearaben zu werden, auf den hänaen jener grünen Hügel, wo seder Vfad zu einer Gruft führt, wo Tausend« von Budihas aus Kupfer. Terrakotta. Stein oder holz für das Fortbegeben der ältesten Traditionen sorgen. Von allen Städten, die ich in Ebina besucht Hab«, hat mich kein« so stark gefesselt nue Kanton, unsere letzt« Etappe vor der fteim- reis«. P e k in g in ein wundervolles Geschichtemustum: Ranking Ist eine werdende Hauptstadt. Schanghai ist ein abgeschlossenes Gebiet, wo die Interessen zweier Weltteile hart miteinander ringen; Kanton, die große Metropole des Südens, ist aber die typisch« chinesische Stadt, wie sie die Revolution modernisiert und verwandelt hat. Freilich zählt Kanton nicht nur hoch- moderne Gebäude. Universitäten, Zeitungen, Gewerkschaften, auch viele Ueberbleibsel vergangener Zeiten bestehen dort fort. Und ge- rade diese Gegensätze machen den Besuch dieser Stadt so interessant. Gerade während unseres Aufenthalte» waren 3000 Müllabfuhr» arbeiter seit zwei Wochen im Streik. Man karrn sich von dem da- durch entstandenen Gestank nur dann einen Begriff machen, wenn man weiß, daß selbst in normalen Zeiten der Geruch der Elends- quartiere sogar in die Hauptstraßen dringt, wo die modernsten Hotels und Warenhäuser ausgebaut sind. Der Leiter des Gesundheitsamtes, der aus den deutschen Universitäten hervorgegangen ist und der einen harten Kampf gegen den Schmutz führt, erklärte mir kurz die Ursache dieses Streiks, der weniger zwischen der Stadt- Verwaltung und den Arbeitern als zwischen' ihr und der Kaufmann- fchaft ausgetragen wird: letztere hatte seit jeher die MWabfuhp br ihrer Hand und versucht, diese Einnahmequelle um jeden Preis zu behaupten. Bon allen Großstädten, durch die wir seit Brüssel gereist sind, ist Moskau die einzige, wo Kraftwagen außerordentlich selten sind wo es an Straßenkreuzungen keine Schutzleute gibt, um den Der» kehr zu regeln. Ueberall sonst, sei es in Berlin, Peking, Tokio, in den Fremdenoierteln von Schanghai, in den volksreichen Be- zirken von Honkong oder Kanton machen die Schupos die gleichen Annbewegungen, um den Verkehr anzuhalten oder freizugeben. In Kanton gibt es fast ebensowenig Autos wie in Moskau, so daß man sich fragen muß. ob diese Verkehrsregelung wirklich so notwendig ist. Aber anscheinend würde man sich in den Augen der Fremden selbst herabsetzen, wenn man nicht verkehrsregelnd« Polizisten unterhie'te: das gehört eben zum modernen Großstadtbild, wie die elektriscbe Be- leuchtung und der Rundfunk. Die Verkehrspolizisten von Kanton tragen übrioens ein« Kopfbedeckung, balb Reaenschirm. halb Sonnenschirm, die in dieser Gegend glühender Sonne und strömender Regenfälle durchaus angebracht ist. Darüber hinaus unterscheiden sie sich von ihren europäischen Kollegen dadurch, daß sie stets in Begleitung eines mit Karabiner bewaffnelen Kollegen sind. Diese Vorsichtsmaßnahme soll bei dem gegenwärtigen Zu- stand der Unsicherheit in China keineswegs überflüssig sein. Im Gegensatz zu allen übrigen Stödten Chinas, wo sich die Bettelei in ihren furchtbarsten Formen breitmacbt, von den Be- Hörden geduldet, zunftartig und bezirksweise organisiert, haben wir in Kanton überhaupt keinen Bettler angetroffen. Alles arbeitet und selbst die Acrmsten verdienen ihre bescheidene Reis« Nahrung durch Rolstandsarbeiten. Kanton ist eine Stadl ohne Zugtiere. Die Arbeit, die in anderen Ländern von Pferden besorgt wird, liegt in China den Menschen, ob Männern oder Frauen, ob. Di« schwersten Karren werden von Menschen gezogen, die ungeheuersten Lasten von Menschen getragen, und dies für einen Tagelohn von 3 5 bis 60 Pfennigen! Aber das Entsetzlichste ist, daß diese Kulis der Einführung von Maschinen einen noch verzweifel- teren Widerstand entgegensetzen würden als die Weber von Schlesien und Flandern in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts— und aus dem gleichen Grunde. Von allen Problemen, die China zu lösen hat, ist das schwerste. das ernste und überhaupt das entscheidende, das Problem der lleberbeoölkerung. Das gilt zwar nicht für die Mandschurei, wo Millionen von Chi- nesen noch angesiedelt werden könnten. Aber an den Ufern des Bangtse-Flusies und in den Hofenstädten ist die Ueberhevölkerung einfach grauenhaft. Das überreichliche Angebot an Arbeits- kröiten hat eine Herabsetzung des Lebensniveaus zur Folge, die jeder Beschreibung spotte Es ist daher kein Wunder, daß man in manchen iung-chmeslstben Kreisen, zum Beispiel unter den aus Amerika zurückgekehrten Studenten, von Geburtenrege- l u n g zu sprechen beginnt. Aber bis zur allgemeinen Durchführung dieser Idee wird wohl noch viel Zeit vergehen. Ein junger, sebr moderner Chinese, früherer Pariser Student, mit einer Französin verheiratet, den ich fragte, ob nicht die Lehre des Malthus Fori- schritte im Fernen Osten mache, gab mir zur Antwort:„Eon- fneins hat gesagt, daß es em Verbrechen sei, kein« Kinder zu erzeugen." Spanien wird demokratisch. Die Bewegung geht weiter. Von V Madrid. Ende Dezember. Die Ereignisse, deren Schauplatz Spanien ist, sind nur eine der Phasen der tiefen Krise, die durch den Staatsstreich Primo de Riveras eröffnet wurde. Schon in dem Augenblick, in dem die Diktatur begann— am 13. September 1923— traten die liberalen Elemente des Landes zusammen. um über die 5)erstelhlng eines demokratischen Regimes zu be- raten. Die Gemäßigten waren der Ansicht, daß eine ver- sassunggebende Versammlung einberufen werden müßte, deren Mitglieder auf Grund des allgemeinen Wahlrechts zu wählen feien. Die anderen, vom liberalen Zentrum bis zur republi- l'anischen Linken und dem linken Flügel der Sozialisten, statten kein Vertrauen zu dieser Lösung, weil sie im voraus die Ueber- zeugung hatten, daß der König und seine Umgebung einen derartigen Versuch mit allen Mitteln sabotieren würden. Nach der Verfassung von 1876, die durch den Staats streich vom 13. September 1923 zu einem Fetzen Papier ge macht wurde, wird die gesetzgebende Gewalt ausgeübt vom Parlament und dem König. Als Alfons XIII. Primo de Rivera erlaubte, das Parlament zu beseitigen und diktato- risch zu regieren, hat er nicht nur die Verfassung beseitigt, die er beschworen hatte, er hat damit auch jede legale Ordnung aufgehoben und das Regime der Willkür eingeführt. Um aus diesem Zustande herauszukommen und dem Lande ein Regime zu geben, das einem modernen zivilisierten Volke würdig ist, Hot sich eine große Konzentration der demokratischen Kräfte vollzogen, die zwar eine friedliche Lösung vorgezogen hätte, wenn diese möglich ge- wesen wäre, die aber nicht davor zurückschreckte, zu Gewalt- maßnahmen zu greifen, um Svanien von einem Regime zu befreien, das sicst nur durch die Gewalt aufrechterhalten konnte. Das Volk, die Mittelklassen und die Studenten, unterstützt von einem großen Teil der Armes, sollten auf die Straße gehen und die Republik ausrufen. Der Morgen des 15. Dezember war der festgesetzte Zeitpunkt. Unglücklicherweise haben die Elemente, die in der Region von Iaca operieren sollten, zu früh losgeschlagen. Der Hauptmann Fermin Galän ging im Ueberschwang des Vertrauens in die Kräfte, über die er verfügte, drei Tage zu früh los und bat dadurch eine Ver- wirrung zwischen den Organen der Leitung und den aus- führenden Organen hervorgerufen, die von der Regierung ausgenutzt worden ist. Der General Queipo des Llano und der Flieger Ramän Franca haben durch einen kühnen Handstreich versucht, die Situation zu retten. Eine große Anzahl von Provinzorganisationen haben das gleiche getan. Aber die Führer der Bewegung, um das Scheitern einer so gut vorbereiteten Operation zu verhindern, beschlossen einen strategischen Rückzug, der die Kampfelemente intakt hiest, die zu einem günstigeren Zeitpunkt wieder eingesetzt werden können. Die Regierung des General Berenguer kennt weder die Quantität, noch die Qualität der Elemente, die der republika- nischen Bewegung zur Verfügung stehen. Professoren, Schriftsteller, Studenten, Industrielle, Handeltreibende, Ar- beiter, Bauern und Militärs— unter diesen mehrere Gene- räle, viele Offiziere und zahlreiche Truppen— alle waren und sind einig in der Zusammenfassung ihrer Kräfte, um die demokratische und föderative Republik auszurufen, in der die VerHerrschaft der Zivilgewalt gesichert ist. Alle diese Elemente hatten eine provisorische Regierung ernannt i und gleichzeitig die Personen bestimmt, die in den leitenden! lokalen und zentralen Verwaltungsstellen mit der Regierung f zusammenarbeiten sollten. Es waren auch die hauptsächlichsten I Dispositionen getroffen, um den demokratischen und fortschritt- lichen Charakter des neuen Regimes sofort zum Ausdruck zu bringen, das Spanien sich geben will, um für die Freiheit der Spanier und den Frieden der Völker zu arbeiten. Zuletzt wurde ein Manifest an das spanische Volk fertiggestellt und von allen Mitgliedern der provisorischen Regierung unter- zeichnet. Hier die Namen dieser provisorischen Regierung: Ministerpräsident Alcala Z a m o r a» ehemaliger Mi- nister und ehemaliger Führer der Liberal-Demokratischen Partei: Minister: Jndalecio P r i e t o, ehemaliger sozia- listischer Abgeordneter von Bilbau: Miguel Maura, ehe- maliger Abgeordneter und Sohn des früheren Führers der Konservativen Partei: Alejandro Lerroux, Führer der Republikanischen Radikalen Partei, ehemaliger Abgeordneter: Fernando de Los Rios, Universitätsprofessor, ehemaliger sozialistischer Abgeordneter: Manuel A z a n a, Schriftsteller, Führer der Republikanischen Allianz: Santiago C a s a r e s, Mitglied der Handelsflotte: Alvaro de Albornoz, ehe- maliger republikanischer Abgeordneter und Führer der Radikalsozialen Partei: Largo Caballero, Sekretär des Spanischen Gewerkschastsbundes, ehemaliger soziaustischer Abgeordneter: Martinez B a r r i o, Führer der Repuoi> kaner von Andalusien: Marcelins Domingo, ehemaliger republikanischer Abgeordneter: Nicolau d' L l w e r, Führer der Republikanischen Partei von Catalonien. Zu bemerken ist, daß de los Rios und Caballero dem Exekutivkomitee der Sozialistischen Partei Spaniens angehören. In Verfolg der unglücklichen Affäre von Iaca hat die Regierung zunächst Zamora und Maura rerhaften lasien. Angeblich sollen drei Minister gegen die Erschießung des Kapitäns Galan gewesen sein. Sicher ist, daß der Unterrichts- minister da g e g e n gestimmt und verlangt hat, daß sein Votum in das Protokoll eingetragen werde. Ossorio y Gal- lario, Prä' dent der königlichen Akademie für Rechtswisien- schaft und ehemaliger Minister, hat in einem Brief an Berenguer diesem das Recht bestritten, den Aufständischen von Iaca gegenüber die Gesetze anzuwenden, die von Pr.mo de Rivera eingeführt wurden. Berenguer hat diesen sehr energischen Brief dem Generalstaatsanwalt übergeben, der jedoch eine Verfolgung Gallardos abgelehnt hat und darauf gezwungen wurde, feine Demission zu geben. Wie versichert wird, hat die Anwaltskammer von Madrid be- schloffen, die vier Minister, die Rechtsanwälte sind, a u s z u- st o ß e n. Jedenfalls haben die Zeitungen mitgeteilt, daß der Wirtschaftsminister, der Schatzmeister des Vorstandes der Anwaltskammer war, feine Demission gegeben hat. Wie man sieht, ist die Stellung der Regierung sehr schwierig. Hinzu kommt die Erklärung, die von den so- genannten Konstitutionalisten veröffentlicht wurde. Es handelt sich dabei um eine Gruppe politischer Persönlich- leiten, die alle der Monarchie gedient haben, darunter Sanches G u e r r a, ehemaliger Ministerpräsident, ein Kon- servativer, Melquiades A l o a r e z, ehemaliger Präsident der Kammer, ein Reformist. V i l l a n u e v a, ehemaliger Minister des Aeußeren, ein Liberaler, B e r g a m i n, ehemaliger Unterrichtsminister, ein Konservativer, usw. Diese Persönlich- leiten erklären jetzt, daß sie angesichts des Ernstes der Lage einmütig erstens die Notwendigkeit der Einberufung einer verfaffunggebenden Versammlung anerkennen, zweitens die Beschlüsse dieses Parlaments, das sie als die einzige legitime Gewalt erachten, im voraus annehmen, drittens mit allen ihren Kräften dahin streben werden, um dem Land ein Re- gime wirklicher Freiheit zu geben. Es ist weiter mitgeteilt worden, daß die Konstitutionalisten die Absetzung des Königs verlangen würden, falls die verfassunggebende Versammlung sich'für die Monarchie erklären würde. Wenn sie in der Minderheit blieben, so würden sie sich weigern, irgendeine offizielle Stellung anzunehmen. Wie ich aus sicherer Quelle weiß, haben verschiedene hohe Mllstars den Konstitutionalisten gegenüber erklärt, sie würden das Regime unterstützen, das die verfassunggebende Versammlung wählen würde. � Nach alledem ist es klar, daß die Lage der Monarchie und des Königs unhaltbar geworden ist. Zamora, de los Rios, Caballero und Maura, die vom militärischen Untersuchung?- richter vernommen wurden— die anderen Mitglieder der provisorischen Regierung sind bisher noch nicht vernommen worden—, haben übereinstimmend erklärt, daß sie die Ver- antwortung für die Unterschrift unter dem Manifest über- nehmen. Die Frau Zamoras erklärte dem Untersuchungs- richter auf dessen Frage, ob es richtig sei, daß das Manifest in ihrer Wohnung diskutiert und ausgearbeitet worden ist: „Jawohl, und ich bin sehr stolz darauf." Was wird Berenguer jetzt tun? Verfolgt er die Führer der Bewegung nicht gerichtlich, so verliert er den letzten Rest von Autorität. Verfolgt er sie aber gerichtlich, so wird er damit die gesamte Oeffentlichkeit gegen sich aufbringen. Die spanische Demokratie ist auf dem Marsch und nichts wird sie aufhalten. Aeue Verhaftungen. Darunter zwei Generale. Madrid, 27. Dezember.(Eigenbericht.) Die Militärzensur verbietet streng die Verössent- j lichung der Namen der Verhafteten, außer denen der vier früheren Abgeordneten de loS Rios, Caballero, Miguel Maura und Zamaro. Ich erfahre aus sicherer ; Quelle. Saß jetzt verhaftet wurden die ehemaligen Abge- , ordnete j» de Ä l v a r e z und G a s s e t, der General- sekretär der spanischen Liga der Menschenrechte Bot- ! t e l a A s e n s i, der General R i q u e l m e, der sich in der j Armee eines großen Ansehens erfreut, und noch eiu l zweiter General, dessen Namen ich noch nicht erfahren konnte. Marschall Loffre im(Sterben. Das rechte Bein amputiert. Paris, 27. Dezember.(Eigenbericht.) Der Gesundheitszustand des Marschalls Josfre hat neuer- dings bedenkliche Formen angenommen. Der 78jährige „Sieger der Marne" leidet s chon seit vielen Monaten an einer Venenentzündung. Am Sannabend ist völlig unerwartet ein von fünf Aerzten unter- zeichneter Krankheitsbericht veröffentlicht worden, in dem der hoff- nungslofe Zustand des Marschalls offen zugegeben wird. Danach hat sich die Venenentzündung an beiden Beinen unterhalb der Knie derart verschlimmert, daß der Pariser Professor Lcriche einen sofortigen Eingriff vornehmen mußte. Von der Operation hatte die Oeffentlichkeit auf Wunsch Ioffres bisher nichts erfahren. Wie jetzt aber bekannt wird, hat sich nach einer vorübergehenden Besserung der Zustand des Kranken so verschlechtert, daß mit einem tödlichen Ausgang gerechnet werden muß. Bereits am 19. Dezember wurde der Marschall in aller Eile in die Klinik Et. Jean de Dieu gebracht, wo chm am Sonnabend früh nach halbstündiger Beratung des Aerztekonziliums dasrechteBeinamputiert würde, um die Ausbreitung des Brandes zu verhindern. Trotz dieser verzweifelten Maßnahme ist die Hoffnung der Aerzte, das Leben des Marschalls zu retten, vollkommen geschwunden. Joseph Ioffre ist im Jahre 185? In Rivesaltrs In den Pyrenäen geboren. Er ist aus der berühmten Schule von St. Cyr hervor- gegangen und dozierte vor dem Krieg an der Pariser Kriegsakademie. (Gewerkschaftliches siehe 2. Beilage.) Verantwortlich fiir Palitir Virtoi«(Wlf: Wirtschaft:®.»lI»«»lhSt-r: Gcwerlschaftabeweauna: S Lteiacr: ffeuilleton: Dr. z»l,n S»irow»kt! Lotales unii Eoustiaes: grit, Larftäd»! Änteiaen: ZI,. Sloike: sämtlich in Berlin. Berta»: Borwärts-Verla» G. in. b. S-, Berlin. Druck: Borwärts-Bur? drnckerei und Berlagsanstall Paul Einaer u. Co.. Berlin SW 88, Lindensirake 3. Hierzu 3 Beilagen. WERTHEIM--«b.«.-. Leipziger Str.(Versand-Abt) König««-. Hosenthaler Sir. Morltzplatz Wellt u. Spirituosen Frankf. Apfelwein«Radtles Urquell' Bowi«...... 0.6S 1929 Oberhaardler Bowten«. 0.75 1929 Wölkfeiner Rheinh«.« 0.8O 1929 Obermoseler..... i.co 1927 Planiger Ho le 1.20 1928 Bruttig. Rathausberg 1.50 1928 Liebtraumi ch(b'jpSOi) 1.50 1927 0ppenh. Goldberg 1.70 1927 Dhroner Roterde 2.00 1928 Rüdeshelm.Oberfeld 2.00 1926 Castillo Romerowa?,«. 1.50 1926 Saufernes weih. Bordeaux 2.00 1928 Ingelheim. Rotwein 0.65 San Antonio spanlidiar Rotwein 1,00 1928 C ürkh. Feuerberg 1.20 1926 San lusto Rloia Rotwein 1.40 1922 Chöt. La Crolef Bord. 1.40 1921 MÖdoC Bordeaux..... 1.70 192i Walporzhelm. R*:man 0.34 Bow.e glati optisch, l i Ltr. 4.88 Bowle Oilvan, för i Liter 6.75 Bowlenlöf.'ei giatt.. 1.35 Bowlenkrug 2.35 Bowlenkrug 9,sf i;i?»ven4.25 BlerbecherÄ'Ä 0.16 Teebecher gia«..... 0.12 Teebecher Trsubenschnif 0 26 Sektbecher 0.16 Sektkelch giatt. 0.38 Nr. 606 ♦ 47. Iahrgans i. Beilage des Vorwärts Sonntas, 2S. Dezember 4930 Kantinen haben meistens etwas vom Heuhoden an sidi. Einmal, meil sie fast immer in Sperlingslust liegen, ßleidi neben dem Dachboden, mit schräg abfallenden IV iinden und Luken statt Fenstern. Zum anderen sind sie von spartanischer Einfachheit mit ihren ungedeckten Tischen und rohgezimmerten Stühlen, gar nicht zum Verweilen einladend. Das wollen sie auch nicht, man soll dort nur sein halbes Stündchen frühstüdcen, Mittagbrot essen, oder wenn es hoch kommt, auch noch vespern. Selbst während dieser Zeit mahnt fortgesetzt die Telleruhr an der Wand, die nacht ist und keinen Glasdeckel hat; Es ist Zeit, kaue schneller, nein, rauche nicht mehr, es ist zu spät; bis eine Klingel schrillt und die eiligen Gäste wieder an die Werkbank holt. Kantinen mit gedeckten Tischen, auf denen Pfeffer- und Salzfäßchen stehen, rücken eins höher und heißen nicht mehr Kantine, sondern Kasino. Aber das stimmt alles hur halb für Tkeaierkaniinen. Denn Theaierkäntthenliegen'im Kellet, tief unten tiebeh tfe izu ngs kesseln, Wasserrohren und■Luftklappen: Man kann nicht sagen: wir gehen in die Himmelfahrtsdiele, sondern es heißt; mir gehen in den Volksbühnen-Keller. Wir wollen einmal in diesen Keller gehen. Die Theaterfantine. Man darf keinen.Schreck kriegen, wenn man erstenmal in eine Theaterkantine lammt. Dos heißt, da stehen Tische und Stühle wie anderswo auch und selbstverständlich ist eine Theke da, wo leise ein Wasserhahn schnieselt, als ob er«inen Schnupsen hätte, wo Biergläser umgestülpt aneinandergereiht sind und wo ein vernickelter Kasten, der ein Kessel ist, dampfend pustet, wenn jemand eine Bockwurst bestellt. Soweit ist alles in Ordnung. Nur die Leute, die Leute. Da kommt ein halbnackter Mann nach dem anderen in die Kantin«, mit Haaren an den Beinen, die ihnen allen auf dem Schädel fehlen, nur mit einer Toga bekleidet, Römer.sollen das sein, viele Senatoren und noch viel mehr Plebejer. Brutus trinkt noch schnell einen Schnaps,«he«r Cäsar erdolchen geht, Antonius ißt ein paar Sand- wiches, ehe er verschwindet und seine große Red« IM. Die Plebejer lassen sich den Würfelbecher geben und knobeln ein« Partie„Langen Helnrich" aus. man überlegt unwillkürlich: Donnerwetter, über- morgen«st Januar, ob die wohl frieren in ihren nackten Waden? Da springt alles wie von der Ta- rantel gestochen, trinkt aus, läuft, daß die San- dalen nur so klappern, die Treppen hoch, und auf der Bühne beginnt feierlich das Drama der römischen Aristokratie, Shakespeares„Julius Cäsar". Wir für unseren Tell könnten jetzt an unseren Tischen sitzen bleiben und zwei Jahrtausend« vorüberziehen lassen. Montags, wie gesagt, das antike Rom, Dienstags erstünde die märchenhafte Welt des jungen venezianischen Handelskapitals. Wenn oben der „Kaufmann von Venedig" gespielt wird, dann steht irgendein Bassonio ungeduldig an der Theke, der in seinem malerischen Aufputz eigentlich sagen müßte: „Lixnarina Oezipe, da uua gran sete!", aber das sagt er nicht, sondern ganz einfach:„Fräulein Deppe, ,ch habe großen Durst!" Am Mittwochabend würden bunte Hausen mittelalterlichen fränkischen Bauern voiks hereingezogen kommen und Ritter in schim- mernder Wehr dazu, um einträchtlich vergangener Zeiten zu ge- denken, wo das Theater noch groß und die Gage hoch war. Dann ist es Zeit, in Kantinen ist es eben immer Zeit, der schwere Vorhang rollt nach oben und die dekolletierten parfümierten und frisierten Besucher des Theaters sehen„Götz von Berlichinzen", dem der alte Staatsmimster v. Goethe 1804 all« scharfen, spitzen Zähne gezogen hatte, die der Uvgötz 1771 noch so trutziglich besaß. Und einen Tag später, am Donnerstag, wird es„traurig, öd und leer" im Kantinen- teller, die verzweifelten Hungergektalten aus Hauptmanns schlesischem Weberdrama der fruhkapitalistiischen Zeit marschieren auf,„diese Menschen mit dem starren Zug resultatlosen bohrenden Grübelns in allen Mienen".„A jeder Mensch hat halt ne Sehnsucht", wird mm oben gleich aufschreien, und so kaust sich der Lumpensammler Hrrnig rasch noch eine Boulette. Jetzt wollen wir etwas Atem holen, denn inzwischen sind die., Mäkrasen von Cattaro" gekommen. Vom Schlachtschiff auf die Bühne. Dl« Theaterkantine wird zur Hafenkneipe. Daß soeben der alte Hinze gekommen ist und wie an jedem Abend auch heute seine Gläschen zählt, die er beim Zeitungshandel eingenommen hat, kann das bunte Bild nicht weiter verwischen, ebensowenig die Frau St., die Souffleuse der Volksbühne, die so gern Würstchen ißt und Wer- much trinkt, wenn sie am' Schauspielerstammtisch sitzt. Diese Schauspieler, die gestern noch biedere Winzersleut aus dem„Fröhlichen Weinberg"' waren, haben sich während fünfwöchiger Proben zu wackeren Seeleuten durchgemausert, zu Matrosen, Heizern, Maaten lind Kapitänen der weiland t. u. k. Kriegsslott«. Dabei fällt unter den Statisten auch dem Laien sofort«ine hünenhafte Gestalt auf, ein Bootsmannsmaat südländischen Typs, der weder das Verkleiden noch das Schminken nötig hätte, denn man glaubt ihm auch so den alten Seebären. Und als wir mit diesem Mann zu plaudern be- Sinnen, kann er unsere Vermutung nur bestätigen:.1918 war er. genau so. ein zusistiger Mitspieler der Matrdsenrevoite von Cattaro wie er heute, bald 13 Jahre später, ein Mitspieler üi dem historisch«» Schauspiel der„Matrosen von Cattaro" ist. 1890 ist dieser Mar Bobbie» schon mit der S. M. Korvette I. Klasse„Aurora" der k. u. k. Marine zum Indischen Ozean gefahren, mn dort Tiessee- Messungen vorzunehmen, auf derselben„Aurora", aus der damals noch der Herr Reichsverwaser von Ungarn, der Admiral Horthy, ein Neiner Seekadett war.„Können Sie sich noch an Horthy er- innern?" fragen wir Max Bobbies, und etwas pikiert, wie wir so etwas nur fragen können, gibt der Mann zurück:„Na, und ob ich mich an Horthy erinnern kann, an den kleinen Kadetten von Nagy- Banja!" ISIS wurde Bobbies wieder eingezogen, von Pola ging's Keine Hafenkneipe, sondern„Die Matrosen von Cattaro" in der Kantine der Volksbühne. nach Cattaro, von Cattaro zur Küftenschutzbattevi« Grube. Hier reist« das Drama langsam, aber sicher heran, in Kiel war das Essen so schlecht wie in Pola. und in Wilhelmshaven war die Schinderei fo groß wie in Cattaro: am 1. Februar 1918 litten es die Mann- schaften der vor Cattaro liegenden Schlachtkreuzer nicht mehr. Auf dem Flaggenschiff„St. Georg" ging die rote Fahne hoch, die Matrosen griffen sich den Admiral, sperrten ihn ein und gaben ihm drei Tage lang ihr Dörrgemüse zu essen. Die Kreuzer„Gea",„Franz Josef" und„Ferdinand Max" schlössen sich dem Aufruhr an, aber statt zu handeln, debattierten die Aufrührer. debattierten so lange. bis der Admiral Horthy mit dem sicher gebliebenen Teil der Flotte aus Pola vor Cattaro eintraf und die Sandgeschütze der Küsten- schutzbatterien bereit waren, ihre schweren Brocken gegen die vier Rebellenschiffe hmüberzufunken. So war, in die Zange der Konter- reoolutton genommen, die revolutionäre Herrlichkeit nach ganzen drei Tagen aus, und elf Matrosen von der Besatzung der S. M. „St. Georg" büßten ihre kühn« Tat mit dem Tode. Das alles erzählt uns Max Bobbies. der nachmalige Theatermeister der Berliner „Plaza" und heutige«inundsechzigjähnge, aber noch ungebeugt- Statist, dann schrillt die Klingel, die Kantine wird leer und oben, auf den Brettern der„Volksbühne", geht die Matrosenrevolte von Cattaro in Szene. Nur Hans Peppler bleibt sitzen, er hat für seinen Fregattenkapitän noch einige Minuten Zeit und plaudert. Niemond dachte daran, daß vierzehn Tage später das heiße Herz dieses großen Mimen nicht mehr schlagen sollte. Rasch tritt der Ted den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben. Wir halten unterdessen Umschau. Eine gemütlich« Kantin« ist dieser Keller, und von schönen Stunden erzählen die Photos, die kein Fleckchen der Wände frei lassen: die Zeit Friedrich Kayßlers wird lebendig, da ist er selbst zu sehen als Graf Wetter vom Strahl,.>.: Hencksls, Schwannecke und die Straub in.Labale und Liebe", dar, Granach und Heinrich George in seiner großen Napoleon-Rolle. Van den weniger schönen Stunden dagegen hat die Geschichte selber einen Abdruck hinterlassen, an der Nordwand der Kantin« ist heute noch die böse Spur eines Granatsplittereinschlags aus den Spartakustogen zu sehen.„19. Januar 1919" hat jemand danebengeschrieben und etwas Pulverdompf dazugemalt. Gasthaus zum Tell. Im Staatsschauspielhaus mn Gendarmenmarkt wird Schillers„Tell" gegeben. Also wird die Kantine dieses Musentempels für den heutigen Abend zur Schweizer Dorftneipe. Ritter und Mönche, Bergbauern und Sennerinnen sitzen an den Tischen. Klein nur ist diese Kantine und zweigeteilt, diesseits des Büfetts ein Raum für die Schauspieler, jenseits einer für den Bühnenarbeiter. Hier die Künst und drüben die Technik. Noch ganz außer Atem tomnit der Stauffacher in den Keller. Heinrich Witte spielt ihn, die große Szene auf der Bergwiese ist vorbei. Immer, wenn er im„Tell" spielt, müßt« er daran denken, meint er, da hat der Stauffacher am Feuer die Worte zu sprechen:„Ob uns der See, ob uns die Berg« scheiden, und jedes Volk sich für sich selbst regiert, so find wir eines Stammes doch und Blui's, und eine Heimat ist's, aus der wir zogen." Und gerade an dieser Stell« hat sich einmal der Stauffacher versprochen und hat in den Theaterraum gedonnert:„Ob uns der See,.vt> uns die-Särge scheiden ja,. auch Schauspieler ver- wechseln mal ein B und ein. S:. und dann werden aus Bergen gleich Särge. Noch andere lustige Difige passieren. Man spielt« einst Wildenbruchs„Quitzows", ein Mime mit Nmnen S. hatte in dem Stück eine kleine Rolle zu spielen, der Mann geht in die Kantine, trinkt noch ein Bier, geht wieder hinauf in seine Garderobe, zieht sich um und trollt nach Hause. Seine Frau erkundigt sich, wie die Bor- ftcllung war, ganz gut, sagt S., da fällt der Man» aus allen Wolken: ,..Hergott, ich komm« ja noch mal. ich habe ja den letzte» Austritt ver- gessen!" Aber zu spät, zu spat. Deshalb leuchten jetzt in der Schau- fpieierkantine des Staatstheaters fortgesetzt rote Zahlen auf, eben ist es die Nummer 11, das bedeutet Attingyausens Tod. Aber der Attinghausen sitzt noch an der großen Tafelrunde und hat sich mit den anderen in eine hitzige Diskussion um den „Blauen Boll" hineingeredet. Wenn er erst die Melodie des niederdeutschen Dialekts in sich aufgenommen hat, sagt einer, dann wird er auch schon die Figur zu fassen kriegen. Attinghausen will noch etwas sagen, da faßt ihn jemand am Rockzipfel: „Mensch du mußt doch rauf", und während oben Attinghausen stirbt, verschwindet die 11 am Trans- parent, und eine 12 glüht auf: Geßler gürtet fein Schwert, rückt den Helm zurech!, gleich wird ihn Tell in der hohlen Gasse meuchlings erschießen. Denn Nummer 12 heißt: Hohl« Gasse. Und eine knappe Stunde nach der Vorstellung kommt der Nachtwächter des Theaters und bietet Feierabend. Wer noch pokulieren will, muß einige Häuser ivciter gehen. In dieser Kantine herrscht Ordnung, nichr «mmol Bilder, dürfen an die Wand gehängt werden. Aber die Staatstheater haben wenigstens noch Kantinen, die Reinhardt-Bühnen haben keine mehr. Wer dort die Mimen aus der„Elisabeth von Eng- land" zwischsndurch einmal beim Glase Bier sehen wollte, müßte die Kneipen der nächtlichen Schumann- straß« abwandern, um doch niemand zu finden. Die Arbeiter der Reinhardt-Bühnen holen sich ihren Tops Kaffee aus einer Restauration, die sie vom Theater- hos durch einen Hintereingang erreichen, dafür steht in dieser Kneipe ein Billard. Und die Statisterie sitzt nebenan in einer Kellerkneip«, nur wo die Schau- spieler sind, weih niemand, vielleicht sind es weiße Raben, die den Tropfen im Becher verschmähen. fesffage ohneMagenbe* Sodbrennen, Verdauungsstörungen sind kätiTig Folgen unregelmäfitgeo Essens oder einer Ueberanstrengung desMagens; sie werden durdietwc*»Bullridi-Salz« (oudi in Tobletten) nadi teder Mahlteil vermieden, rosp. sofort beseitigt »BuHridi-Salz« ist seil Ober 100 Jahren ix der ganzen Wek als unübertroffenes Mittel bei Magenbeschwerden bekannt Millionen nehmen es täglich. Es ist selbst bei(feuerndem, jahrelangem Gebrauch vollkommen unschädlich und von stets gleichbleibender prompter Wirkung.— In allen Apotheken und Drogerien BuUri ch mSatx Pulver 250 gr. Q60 jP Tabletten 0 25 und 150 Mord am W erbellinsec. Verbrechen an einem Studenten? /Im Waide erschossen aufgefunden Berlins neue Innenstadt. Die großen Straßendurchbrüche teilweise vollendet. In der lehken Zeil sind die beiden im Bau befindlichen Skrahcndurchbrüche in der Berliner Jnnenflad!, und zwar die Verlängerung der L i n d e n st r o h e bis zum Spillelmarkl und die Verbindung des Alexander- plahes mil der Jranksurier Slraßc soweit sorl- geschrillen, dah sie bereils teilweise in aller Stille dem ver- kehr übergeben worden sind.' Bei dem Durchbruch Lindenstraße— Beuthstraße, der eine direkte Verbindung zwischen dem Halleschen Tor und dem S p i t t e l- markt ermöglicht, ist bereits seit dem 20. Dezember der Nordwest- lichc Bürgerstcig für den Fußgängerverkehr fre-gegebcn worden, nachdem auch die Straßenbeleuchtung fertiggestellt war. Der andere Bürgersteig und der Fahrdannn werden gegenwärtig noch planiert und gepslastert und dürften innerhalb von zwei Monaten vollendet sein. Die Baumasken, die durch den Abriß der Häuser entstanden sind, hat man vorläufig durch einen grauen Holzzaun abgetrennt. Sehr störend wirken allerdings noch die durch den Abriß freigelegten Mauern, an denen zum Teil noch die Tapeten der früheren Wohn- räume in Fetzen herunterhängen, so daß ein Verputzen dieser Flächen unbedingt notwendig erscheint. Auch die Verbindung vom Alexanderplatz nach der Frankfurter Straße, die im Zusammenhang mit den neuen Untergrundbahnbauten von der Nordsüdbehn her- gestellt worden ist, ist schon teilweise dem Verkehr übergeben wor- den. und zwar beide Bllrgersteige und die eine Hälfte des Fahr- dammcs. Todessturz durch Glatteis. Tragischer Tod eineSBerlinerS während des Winterurlaubs. Meserih, 27. Dezember. Gestern abend um 11 Uhr ereignete sich aus der Dbra- Brücke in Ober-Görzig ein schwerer Unglücksfall, dem zwd Blenschenleben zum Opfer sielen. Als der Landwirt Paul S l r u h t e mil seinem 20>ährigen vetler Paul wegl. der aus Berlin aus weihnachtsurlaub bei den Ellern weilke, und seiner il Zahre allen Base Helene krause die Brücke überschitk, rutschten die beiden letzteren infolge Glatteis aus und stürzten über das Brücken- geländer in die durch das hochwasier sehr liefe Obra. Paul Slrutzke sprang den beiden sofork in voller Kleidung nach und es gelang ihm anfangs, trotz der Dunkelheit, feine Base im Wasser zu erreichen. Bei diesem Rettungsversuch geriet er aber selbst in Lebensgesahr und konnte von mehreren Leuten, die auf seine Hilferufe herbeieilten, nur mit Mühe gerettet werden. Helene Krause und Paul wegl waren aber bereits untergegangen. Die Ertrunkenen konnten trotz eifrigen Suchens bis jetzt noch nicht gefunden werden. Lastwagen gegen Straßenbahn. Zwei Verletzte bei einem Verkehrsunglück. Ein schweres Verkehrsunglück ereignete sich gestern nachmittag gegen 5i2 Uhr in der Reinickendorfer Straße, Ecke Plantanenstraße im Norden Berlins. Ein Lastkraftwagen mit Anhänger der Konsum- genossenschast Berlin und Umgebung stieß mit einem Straßenbahn- -.»HSgaMdSt�Utcke 32E, die in Richtung Eharlottenstrahe s»hr,''zu» sammen. �'.'' r'.r;"'■• Der Lastzug oersuchte�pon�e.r..Platanenstraße kurz vor der, Straßenbahn in die Reinickendorfer Straße einzubiegen, wobei der Anhänger des Lastwagens von dem Triebwagen der Straßenbahn gerammt wurde. Der Zusammenstoß war so stark, daß der Straßen- bahnwagen aus den Schienen gehoben und die Vorderplattform eingedrückt wurde. Auch der Lastkraftwagen wurde erheblich be- schädigt. Bei' dem Zusammenstoß erlitt der Mitfahrer des Last- wagens, Werner Pirsch aus der Waldstraße 12, eine erhebliche Kopfverletzung und Gehirnerschütterung, die seine Aufnahme ini Virchowkrankenhaus notwendig machte. Auch eine zweite Person, die sich auf der Vorderplattform der Straßenbahn befand, trug eine leichte Verletzung davon. Beide Fahrzeuge mußten aus dem Verkehr gezogen werden> so daß eine Verkehrsstörung von etwa einer Viertelstunde entstand. Trotz dem hohen Lohn, den die Flugzeugfabrik Ludwig zahlte, mußte er doch erhebliche Summen von seinen Erspar- nissen zusetzen, um sich und seine Familie durchzuhalten. Sein Geld auf diese Art„für nichts" dahinschwinden zu sehen, schaffte ihm ständig Galle ins Blut. Tag und Nacht beun- ruhigte ihn das. Mehr als je fühlte er sich als Sklave des Krieges. Wer weiß, wie lange das gegenseitige Zerschmettern an den Fronten noch andauerte. Noch ein paar Jahre so weiter, so stand er wieder mit leeren Händen da, wie ein Betller. Was dann? Schon der Gedanke an diese Möglich- leit brachte ihn manchmal von Sinnen. Sein Herzleiden ver- fchlimmerte sich dann, und trotzdem Maria ihn pflegte und alles tat, was sie ihm an den Augen ablesen konnte, oerließen ihn auf Stunden seine Nerven. Dann schrie, tobte, randalierte und schimpfte wie ein Wilder. Die zurückgehaltene Schützen- grabenwut brach aus ihm heraus, die Flut der bösesten Worte. War dann der Anfall verraucht, begriff er selbst nicht mehr, warum er Frau und Kinder in so unflätiger, beinahe irr- sinniger Weise beschimpft hatte. Durch vermehrte Arbeit suchte er nachher das Manko wettzumachen.* „Mehr essen müßten Sie, Mann!" sagte der Arzt.„Sie sind unterernährt, das ist der ganze Kasus. Die Nerven- tanzerei hört auf, sobald ihr Körper die genügende Nahrung hat!" Doch wie der Patient zu der unbedingt notwendigen Zusatznahrung kommen sollte, das wußte der Arzt nicht zu sagen. Er konnte wohl Rezepte verschreiben: aber diese Rezepte konnten nicht zaubern. Da kam Ludwig eines Tages ein glücklicher Zufall zu Hilfe, der ihn mit einem einzigen Schlage aller Lebensmittel- syrgen enthob. Einer seiner früheren Gesellen, den der Krieg in die rumänische Etappe oerschlagcn hatte, sandte ihm ein Fressalienpaket. Ludwig erkannte die günstige Gelegenheit und schickte Geld. Durch einen Leichensund in der Rühe des Werbellin- f e e s glaubt man auf die Spur eines Verbrechens gekommen zu fein. Die Staatsanwaltschaft in prenzlau hat das Berliner Po- Nzeipräfidium um Unterstützung gebeten und am Sonnabend hat sich daraufhin Kriminalkommissar Q u o ß mit mehreren Beamten an den Fundort begeben. Vor einigen Tagen wurde von einem Hofbesitzer aus Lichter- f e l d e, das etwa 12 Kilometer von Eberswalde entfernt liegt, in einer Schonung am Werbellinjee die Leiche eines jungen, etwa 2lZ bis 25 Jahre alten Mannes gefunden. Der Tote lag in auffallend oerkrümmter Stellung: dicht neben der Leiche wurde ein Revolver entdeckt sowie ein« Flasche, in der sich eine Flüssigkeit befand. In einiger Entfernung von dem Toten wurden außerdem eine golden« Armbanduhr, eine gotd- umränderte Brille und das dazugehörige Etui gefunden. An- fänglich wurde angenommen, daß der Unbekannte Selbstmord verübt habe. Bei der näheren Untersuchung der Leiche wurden dann aber Feststellungen gemacht, die zu der Annahme berechtigen, daß der junge Mann ermordet worden ist. Der Tod ist durch Kopfschuß eingetreten, die Kugel ist hinter dem Ohr eingedrungen und an der Schläfe wieder heraus- getreten. Bei dem Toten wurden mir 81 Pfennige gefunden, die Brieftasche fehlte. Nach der Kleidung zu urtellen, muß der! Tote begüterten Kreisen angehören. Es wird vermutet, daß es sich um einen jungen Studenten handelt. Die Tat liegt mindestens l Traiisiisisr Eduard David Die Kreise Charlottenburg, Wilmersdorf, Sdi8neberg und Steglitz werden gebeten, sieh durch Entsendung von Bannerdeputationen an der Feierllchkelt heute Sonntag, 11 Uhr, Parkfriedhof, lichterfelde-Söd, Lichterfelde, Luzerner Str.1, zu beteiligen! Der Bezirksvorstand. Hundeiyphus in Berlin. Keine Gefahr für Menschen'— Tausende von Tieren eingegangen. In Berlin herrscht seit einiger Zeit eine der gefährlichsten Hundekrankheiten, der sogenannte Hundetyphus, auch„Stull- zarter Seuche" genannt, die nach den Meldungen der Tierärzte den Tod von einigen tausend Tieren bereits verursacht hat. Die Seuche hat mit dem Typhus selbst, wie er bei Menschen vorkommt! nichts zu tun und kann auch Menschen n i ch't gefährlich werden. Um so schlimmere Folgen hat sie aber für die von ihr befallenen Hunde, bei denen sie meistens in kurzer Zeit zum Ein- gehen der Tiere führt. Sie ist um so schwerer zu bekämpfen, als die Ansteckurkg nicht von Hund zu Hund erfolgt. In den letzten Tagen ist allerdings infolge des Frostwellers ein Abflauen der Seuche festzustellen, doch ist nach wie vor für alle Hundebesitzer Borsicht geboten. Bisher. ist. es der tlerärMchen Msienschaft noch nicht gelungen� den-. Erreger dieser gefährlichen Hrmdekrankhell ein» wandfrci festzustellen. Ihre Symptome bestehen zunächst in E r» brechen und allgemeiner Mattigkeit der Tiere, später treten dann Geschwürbildungen im Maul auf, mit denen ein fäulnisartiger Ge- nrch verbunden ist. Oer einarmige Messerstecher verhastet. Der Kriminalpolizei ist es schnell gelungen, den Täter, der am ersten Weihnachtsfeiertag in der Borstgstroße den 2<)iährigen An- gestellten Hans Kratz in bestialischer Weise niederstach und tödlich verletzte, am Sonnabend festzunehmen. Der Messerstecher ist ein 32jähriger Sattler Alfred R. aus der Ramlerstraß«. Die Verhaftung des Täters, der nur einen Arm be- sitzt, ist in der Hauptsache der Aussage einer Frau zu verdanken, die Von da ab rissen diese wechselseitigen Sendungen nicht mehr ab. Sehr zum Nutzen der Eisermannschen Familie, die mit Hilfe des rumänischen Vollspecks durch den schlimmsten Kriegssommer kam, den Berlin bislang kannte. An den Straßenecken, auf den lichtlosen Hinterhöfen schmiß der Hunger die Menschen um wie Fliegen an türm- ligen Herbsttagen. Die hatten alle kein Geld für die Etappenpakete. Ludwig und die Seinigen ober erholten sich zusehends und wurden rund und gesund. * Im August 1918 trat ein Umschwung in der Flugzeug- fabrik ein. Nicht allmählich, sondern mit einem so plötzlichen und deutlichen Ruck, daß er dem indifferentesten Arbeiter merkbar wurde. Die Arbeit drängte nicht inehr. Halbfertig blieben die an- gefangenen Flugzeuge stehen. Der größte Teil der Arbeiter wurde beurlaubt. Als Ludwig seine Ferien antrat, pfiff er bedeutungsvoll durch die Zähne.„Aha", sagte er sich,„jetzt dreht sich'der Wind. Es kommt eine andere Zeit!" Mit Heißhunger warf er sich jetzt in seiner freien Zeit auf die Lektüre von Zeitungen. Früher hatt er von dem bedruckten Papier nichts wissen wollen. „Ist ja doch alles Schwindel!" Nun schlang er alles hinunter, brühwarm, wie es aus der Presse kam. Was er las, machte ihm Mut. Besouders das, was er zwischen den Zeilen Herausholte. Der vom Krieg zertrampelte Boden wantte, soviel wor sicher. Bald würde das Ganze zusammenstürzen. Wie eln Kartenhaus, in das der freie Atem bläst. Alles nur noch eine Frage von Tagen oder höchstens von Wochen! Ludwig grinste befriedigt in sich hinein: der Krieg hart- kierte sich selber. Bravo! Im Oktober, als er die Arbeit in der Flugzeugfabrik wieder aufnahm, schaffte die Belegschaft nur noch drei Page in der Woche. Nur noch drei Tage! Bald würde es überhaupt Schluß fein. Die Welt begann sich umzustellen. Sie brauchte keine Kampfflugzeuge mehr. 4 bis 6 Wochen zurück: nach Ansicht der dortigen Polizeibehörden besteht der Verdacht, daß der Unbekannte hinterrücks erschossen un>d dann in die Schonung geschleift worden ist. Die Pistole ist offenbar neben den Toten gelegt worden, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Zunächst ist die Ber- liner Polizei einmal damit beschäftigt, die Persönlichkeit des Toten zu erforschen. Den einzigen Anhaltspunkt bietet bisher die K r a- watte des Mannes, in der der Name einer Firma aus Mecklenburg eingenäht ist. Für Mitteilungen, die zur Fest- stellung des Unbekannten dienen können, ist eine Belohnung von 3 Mark beantragt worden. Für den Fall, daß es sich her- ausstellt, daß der Tote in der Tat von fremder Hand erschossen wurde, wird die Belohnung für die Ergreifung des Täters auf 1000 Mark erhöht werden._ Tragödie im Wochenendhaus. In einem Wochenendhaus in Bollensdorf bei Neuen- Hägen hat sich eine Tragödie abgespielt, die in ihren Hintergründen noch nicht ganz geklärt ist. Die Apothekerin Frau Dr. Irmgard R o t h e r tötete den Apotheker Bach durch zwei Schüsse in den Kopf und oerübte dann Selbstmord durch Erschießen. Wie es heißt, soll Frau Dr. Rother in einem Prozeß wegen Rauschgifthandels oerwickelt sein. Die Furcht vor der Ge- richtsoerhandlung dürfte zu der Tat beigetragen haben. R., der in der Gegend unter dem Namen„Alfred" als besonders roher Patron bekannt ist. noch der Bluttat die Borsizstrahe hinuntereilen sah. In einer Gastwirtschaft in der Nähe des Stettiner Bahnhofes konnte der Gesuchte von einer Streife der Kriminalpolizei festgenommen werden. Bei seiner Verhaftung spielle R den„wilden Mann" und die Beamten hatten Mühe, den Tobenden zum nächsten Revier zu bringen. Die Polizei fahndet noch nach dem zweiten Täter, der nach Zeugenaussagen zusammen mit R. auf Kratz ein- gestochen hatte. Der Verhastete will den Namen seines Komplicen nicht preisgeben.__ Explosion im Oahlemer Guishaus. Die leidige llnsitle. Kleidungsstücke in der Röhe von offenem Feuer mil V e n z i n zu reinigen, hak gestern wieder einmal zu einem Explosionsunglück geführt, das aber glücklicherweise noch ohne ernstere Folgen ablief. Im Gutshous der Domäne Dahlem war gestern nachmittag die 25jährige Haustochter Helene Müllenbeck im Badezimmer damit beschäftigt, Wäschestücke mit Benzin zu reinigen. Dabei entwickelten sich Benzindämpfe, die sich wahrscheinlich an der Flamme des Badeofens entzündet haben, denn plötzlich ereignete sich eine in der ganzen Umgebung der Domäne vernehmbare Explosion, unter deren Wucht das Mädchen zu Boden geschleudert und gleichzeitig die eine Rabitzwand des Badezimmers völlig eingedrückt wurde. Glück- licherweise brach aber kein Brand aus, so daß die Feuerwehr nur Aufrömnungsarbeiten vorzunehmen brauchte. Auch die Hausan- gestellte, die lediglich leichtere Brandwunden davongetragen hatte. erholte sich bald von ihrem Schrecken. Für das Gutshaus selbst hatte der Einsturz der leichten Zwischenwand keine ernsteren Be- schädigungen zur Folge._ Wintersportgerat auf der U-Bahn. Auch in diesem Winter soll, wie im Vorjahr, die Beförderung von Wintersportgerätcn auf der U-Bahn versuchsweise zugelassen werden. Rodelschlitten, die länger als 1,80 Meter sind, müssen von der Beförderung ausgeschlossen werden. Alle Sportgeräte müssen von Schmutz und Schnee frei sein. Wenn sich die Zulassung des Sportgerätes bewährt, soll diese provisorische zu einer Dauereinrrchtung werden._ Sprechchor für proletarische Feierstunden! Die Mitglieder treffen sich heute pünktlich 0 Uhr im Funkhaus, Pots- damer Straße 4. Dann kam die Revolutwn. loskrachend wie eine Rakete im Feuerstrahl und zu Millionen leuchtender Sterne ver- funkelnd. Ludwig fuhr zur Fabrik hinaus, aber nicht zur gewohn- ten Arbeitszett, sondern erst gegen 11 Uhr, und verlangte geräuschvoll und selbstbewußt seine Papiere. Er fuhr an vielen Fabriken vorbei. Ueberall ruhte die Arbeit. Keiner der hohen Schornsteine sandte mehr seine giftigen Rauchschwaden in die Luft. Es war wirklich ein boher Festtag, dies« Revolution! Jetzt war endlich die Stunde gekommen, wo man all das aussprechen konnte, frank und frei, was man bisher jahrlang in der Tiefe des Herzens hatte verstecken müssen! Jetzt sprach der Mund auch das Verschwiegenste aus! Keine Macht vermochte die Entrüstung zu bändigen, die jetzt aus dem Grunde der Seele losbrach, wo sie sich lange, lange Jahre lang wie ein Aschenbrödel hatte ducken müssen. Ludwig sprach hingerissen von der Freiheit des erwachen- den Volkes. Er verdammte den Krieg aus vollster Ueber- zeugung. Ueber den Admiral des Atlantischen Ozeans, der so schnell als ihn seine Autos nach Holland trugen, über die Grenze entwichen war, goß er volle Kübel des Hohnes aus. So mußte es kommen mit dieser Potentatcnbrut! Weggefegt wie die leere Spreu von der Tenne! Jetzt war freie Bahn da für jeden, der arbeitete! Vorwärts, Ihr Arbeiter! Ganz recht geschah es dem Militärstaat, daß er dem Ansturm des Volkszarns schon in der ersten Stunde erlag, daß er als Opfer seiner selber ruhmlas stürzte! Es gab doch noch Gerechtigtett in der Geschichte! Da sah man, daß die Macht eines grämen- wahnsinnigen Monarchen doch nicht bis ans Ende der Welt reichte. Ja, das Land ist befreit von einem Despoten, der seine Herrschaft nur aui Bajonette stützte. Hinweg ist er und kommt nicht wieder! Freiheit ist angebrv'hen! Freiheit für das ganze Volk! Für jeden Bürger! Vom Kind in der Wiege bis zum greisen Mann! Jawohl, Freiheit! Not und Elend wird ein Ende haben! Das Volk wird künstig bestimmen! Es wird sagen, was zu sagen ist! Das Volk wird sich eins Vertretung wählen, eine bessere, als es der alte, korruplg Reichstag war. Ein jeder wird in der Zukunft zu seinem Rech� kommen! Keiner wird mebr«rtterdrsickt sein! Die nächsten Tage bummelte Ludwig durch die Straßen. Berlin war zu dieser Zeit ein einziger aufgescheuchter riesiger Bienenstock. (Fortsetzung folgt.) Hoch wie der Montblanc... Der mächtigste Bundesgenosse der Presse bei der Verbreitung der neuesten Tugesnnchrichten ist die R« i ch s p o st, die nicht nur •chr weitverzweigtes Telegruphen- und Telephonnctz für den Nach- richtenverkehr, sondern auch ihren ausgedehnten Bestelldienst für die Beförderung der fertig gedruckten Zeitungen und Zeitschriften zur Verfügung stellt Welches ungeheure Maß von Arbeit tagtäglich erneut zu leisten ist, damit der Leser selbst in den entferntesten Lrtschaften des Reiches seine Zeitungslektüre mit der gewohnten Pünktlichkeit zugestellt be- konimt, geht daraus hervor, dost durchschnittlich jeden Tag nicht weniger als 5 IIS Ml) Zeitungsnummernstücke zur Bestellung auf- zegeben werden, die noch dazu soft zur Hälfte(45A Proz.) von der Tost selbst verpackt werden. Dabei ist der riesige Zeitung''verkehr, er im vergangenen Jahre die phantastische Zahl von 1,867 Milliar- lci' einzelner Zeitungsnunimern erreichte, noch immer iin Steigen begriffen— gegenüber dem Jahre 1928 war eine neu« Zunähme um I 2 Proz. zu verzeichnen. Auizer diesem Berg von Zeitungen, die miseinandergestapelt die Höhe des Montblanc mehrfach überschreiten würden, hat die Bost täglich etwa% Millionen außergewöhnliche Ze'tungsbeilagen •u befördern� gegenüber dem letzten Jahre erfuhr dieser Zweig des Zeiti'ngsverkehrs eine Erhöhung um 5.3 Proz. Die höchste Steigerung geaenüber den an sich schon sehr aün- �igcn Resultaten des Jahres 1928 erreichte fedoch der Abstitz deutscher Zeitungen im Auslände, der im Vorjahre um 8,5 Pro.z. stieg. Wäh- rend noch im Jahre 1928 insgesamt 32,2 Millionen in Deutschland bergcstelltc Zeitungsnummern im Auslände abgesetzt wurden, stellte sich die entsprechende Zahl im vergangenen Jahre auf 35 Millionen — ein sehr erfreuliches Zeicken für die zunehmende Be- c ch t u n g der deutschen Presse in den übrigen Weltteilen. Nurch Oachveniilaior in die Freiheit. Eelbstbefreiung eines verurteilten Mörders London. 27. Dezember. Wie die Blätter aus New D o r k melden, ist ein junger Ver- b recher namens Charles Fithian sieben Stunden, nachdem er wegen Mordes zum Tode verurteilt worden war, aus dem Ge- iängnis von Salem(Staat New Jork) entkommen, indem er durch eine Ventilatorenöffnung auf das Dach des Gefängnisses iletterte und von dort aus ins Freie gelangte, wo ein Auto mit Helfershelfern oi'.f ihn wartete. Cr hatte sich auf unaufgeklärte Weife einen Revolver verschafft, mit dem er seine Mitgefangenen bedrohte, um sie zu hindern, die Wärter zu alarmieren. Die Be- Horden hatten geglmibt, daß die Ventllntorenöffnung viel zu eng jei, um einem Menschen das Durchkriechen zu ermöglichen. �6 Zahre hinier Zuchihausmauern. Das Schwurgericht Oppeln verurteilte den Kellner Victor D a- m a st y aus Oppeln zu 19 Jahren Zuchthaus und 19 Jahren Ehr- verluft, well er am 13. Oktober seine Geliebt«, die Verkäuferin Elisabeth Wodarz, nachdem diese das Verhältnis mit ihm lösen wollte, erschossen hat. Der Angeklagte ist lchon fünfzehnmal vor- bestraft und hat in seinen 39 Jahren 16 Jahre hinler Gefängnis- >.nd Zuchthausmauern oerbracht.. Blinde schöpfen neue Hoffnung. Die Blindenkommission im Bezirk Friedrichshain ver- anstaltete für alle vom Wohlfahrtsamt des Bezirks betreuten Blinden eine wohlgelungene Weihnachtsfeier. Doppelt unglücklich sind alle die vielen Männer und Frauen, die der Ein- ladung folgten. Des Augenlichis beraubt ist bei ihnen die Sorg« um das tägliche Brot, der täglich« bittere Kampf gegen Not und Elend viel zermürbender als bei den gefunden, auf Arbeit und Besserung ihrer Lage hoffenden Klassengenossen. Den hoch anzuerkennenden Bemühungen der ehrenamtlichen Mitglieder der Kommission ist es zu danken, dah alle diese bedauernswerten Mit- bürger wieder einmal Zuversicht gewonnen haben an dem Mit- gefühl und der solidarischen Hilfe der Gemeinschaft. Der Nandonionverein 1921, die Solosänger Brangemann und Gille sowie der Blinde Meyer mit seinem Neffen sorgten für ein stundenlanges Bergessen der grauen Alltagssorgen. Der Bei- .fall, der oll den Mitwirkenden so zwischen Kaffee und Kuchen ge- spendet wurde, bewies, daß den Veranstaltern dieses Ziel restlos geglückt ist. In seiner Festansprache hob der Vorsitzende der Kom- Mission, Bezirksverordneter Reinck«, besonders die vorbildliche Arbeit de? Wohlfahrtsamtes, insbesondere des Gründers der Kom- Mission, Stadtrot Genossen Mann, hervor, der leider durch eine schwere Augenerkrankung zum erstenmal nicht unter seinen Schütz- lingen weilen kann. Am Schluß der Feier wurden die Teilnehmer reich beschenkt mit wollener UnterkleidunA Schuhen, Lebensmitteln und die Kinder der Blinden erhielten neben kleinen Näschereien, Spielsachen, auch gut ausgewählten Lesestoff. Der auf den R eichswehrf oldaten. Der nächtlich« Uebersall aus den 21jährigen Reichswehr- soldaten Werner Löwe kannte noch nicht weiter aufgeklärt werden. Bisher steht nur soviel fest, daß der Schuß auf Löwe aus den, Hinterhalt abgefeuert wurde. Die Kugel hat das Schulter- gelenk getroffen und den Knochen gesplittert. Aus den jungen Soldaten ist erst kürzlich in Charlotienburg von mehreren Burschen ein ähnlicher U eberfall verübt worden. Bei seiner Vernehmung im Westend-Krankenhaus gab Löwe an, daß er an dem betreffende» Abend nirgends Streit gehabt habe. Dadurch erscheint der Vorfall noch seltsamer. Die Politische Polizei hat die weitere Bearbeitung der mysteriösen Angelegenheit übernommen. Auszeichnung von Polizeibeamten. Der Polizeipräsident sprach dem Oberwachtmeister Franzke vom 61. Revier für sein mutvolles Eingreifen beim ?luihalten eines durchgehenden Pferdegespannes feine besondere An- erktmnung aus, ferner dem Polizeioberwachtmeister Ebel vom III. Revier und deni Polizeiwachtmeister Schmidt vom 29. Revier aus Anlaß desselben Vorganges, sowie dem Polizeioberwachimeister L a ch m u t h und den Polizeiwachtmeistern Wejtz, R o e g n e r und Simon von der 3. Bereitschaft Neukölln für die Festnahme einer Einbr«<�erba»de auf frischer Tat. Die heutige Morgenfeier de, Arbeiier-Kalstirkartell- im SSnliner Rundfuiik beginnt um 11 Uhr. Mitwirkende sind: Albert Florath, die Madrigaloerewigung des Jungen E h o r s und der S p r e ch ch o r für die Proletarischen Feierstunden. Die Ansprache Höst Robert Breuer. Unter„Freunden". Traurige W eihnaditsgesdiidite— Der Lebensir aum des Obsthändlers. Ein braver Obsthändler, der seinen Stand am Schl.stschen i Bahnhof hat, spart sein ganzes langes Leben: sein sehnlichster Wunsch ist, für die alten Tage in der Nähe von Bei Im ein kleines, Grundstück zu erwerben. Endlich hat er ein rundes Sümmchen bei- � sammen: auch die Spargroschen von Sohn und Tochter stecken! darin. Das Grundstück ist ausgewählt, das große Ereignis soll in � Erfüllung gehen: am Sonntag will die ganze Familie hinaus- fahren, um den Kauf perfeit zu machen. Schon am Mit woch Heb, der Obsthändler von der Bank 12 699 M. ab. Das Geld legt er, fein gebündelt, in seine beiden inneren Rocklaschen. Welch ein wohliges Gefühl, 12 999 M. bei sich zu haben... Unter den Bekannten des Obsthändlers befand sich auch ein Stellmacher, ein ehrenwerter Mann, der ihm stets seinen Wagen reparierte und eines Tages, als dem Händler bei einer Trinkerei säm iiche Schlüssel abhanden gekommen waren ,ihm neue Schlüssel anfertigte. Der Obsthändler liebte es nämlich, wenn er gerade gute Geschäfte gemacht hatte, eins über den Durst zu trinken; auck� der Stellmacher war nicht sel.en mst von der Partie. Wenig angenebme Kneipkumpanen. Wie es aber so in den Kneipen um den Schtesischen Bahnhof an der Tagesordnung ist, hatte der Stellmacher auch andere Trink- genossen—: weniger ehrenwerte Leute als der ObstHänWer. Manch« von ihnen waren vorbestraft. Zwei dieser Leute, N. und S.. erzählte er eines Tages, daß bei dem Obsthändler etwas zu holen sei: der Mann irüge immer große Summen bei sich. Auch von dem beabsichtigten Grundstückkauf wußte der Stellmacher Bescheid, eben- so. daß am Mittwoch die 12999 M. abgehoben worden waren. All! drei oerbrachten dann mst dem Obsthändler einen fröhlichen Abend, der alte Mann trank mehr, als ihm gut cat, der Stellmacher brachte ihn in seine Wohnung, half ihm beim Auskleiden und e t- fernte sich. Unten traf er feine Kumpanen. Wähe nd er am Tor seines gegenüberliegenden Hauses stehenblieb, begaben sich N. und S. in Pas Haus des Obsthändlers; N zog sich die Stiesel aus. öffnete die Wohnungstür vermi telst eines Schlüssels den er vom?teU- macher erhalten hatte, schlich auf Zchenjpitzen bis zum St: hl. aus dem des Obsthändlers Rock hing, bekam ihn zu fassen, und ei t hinunter Seine Stiefel mußte er später holen, er hat e sie in: er Eile stehenlassen. N. und S. nahmen sich je 4009 M. und gab � auch dem Stellmacher seinen Teil. Oer Traum ist aus' Der unglückliche Obsthändler gab vor Gericht eine tragikonüsche Figur ab Tragisch war es, wie er sich über sein Unglück be- schwcrte; tomisch, wie er dem Stellmacher, dem er doch„so getrau!" Vorwürfe machte. Der Stellmacher aber schwor hoch und heilig. bloß 899 M. bekommen zu haben. Wofür, wisse er se'bst nichl; er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Er log. Er hotte sein Teil von dem Geld abbekommen und mag es wohl als tüchtiger Geschäftsmann gut angelegt haben. Er war der einzig«, der von der Sache wirklich profi. iert hatte. Das Gericht erkannte es ihm auch hoch an und gab seiner Anerkennung in der. Höh? der Sirase entsprechenden Ausdruck. Der Vorsitzende meint« aber zum Obst Händler:„Tun Sie mir den einen Gefallen und tragen Sie näch- stens nicht so viel Geld in der Tasche herum." Welch bissige Jro ie! Der kleine Obsthändler dürste schwerlich noch einmal in Verlegenheit kommen, soviel Geld mit sich herumzutragen. Der Traum seines Lebens ist ausgeträumt. Bleibc nun noch eine Hoffnung: Das große Los..... Autounglück in Neukölln Drei Personen verletzt/ Wagen metenveit fortgeschleudert kurz vor Alilternachl stieß an der Ecke Denda-Delbrücksiraße ein mit zwei Personen besetztes privataulo mit einer kraft- d r o s ch k e zusammen. Durch die Wucht des Zusammenpralles wurde der Privatwagen melerweii fortgeschleudert und stark be- schädigt. Die Insassen des Privatautos, Frau käle L e w y und der Kaufmann Hans Z u r s w o r f sowie der Ehaufseur der Auto- droschke, Erich S ch a p i h wurden erheblich verletzt und durch die Jenerwehr in das Neuköllner Krankenhaus eingeliefert. Dtoise-Guischein als Geschenk. Als vor wenigen Jahren die Wochenendbewegung sich durchsetzte, wurde an dieser Stelle der Vorschlag gemacht, die Sonn- tagsfahrkarten nicht für einzelne Ort« auszugeben, sondern mehrere Preiszonen zu schassen, innerhalb deren man seine Reiseroute beliebig wählen könne. Und alz ein Dorteil dieser Ordnung- wurde die Möglichkeit, hingestellt, daß«i» verständiger Onkel seine. Neffen und Nichten mit solchen Fahrberechtigungsscheinen beschenken könne. Dieser Gedanke ist jetzt durch die Gutscheine fürReisenjederArt, soweit sie sich auf weiter« Entfernungen beziehen, praktisch geworden. Der Gutschein als Weih» nachtsgeschent war eine nett« Ueberraschung für manches Menschenkind, dessen Finanzen für größere Reisepläne nicht aus- reichen. Es ist in der Tat nicht einzusehen, weshalb solche Gutscheine nicht auf gleiche Stufe mst Briefmarken gestellt werden sollten, die von Hand zu Hand gehen. Und vielleicht kommt nächsten Sommer auch der Zonengutschein für den Nahverkehr. Das Gcsicht der Reichshauptstadt. Die Reichshauptstadt rüstet sich aufs neue, im« den Ruf„Jede r einmal in Berlin" in neuer Forn, und Gestaltung in die West hinauszutragen und insbesondere für chr großzügiges BewNstastungsprogramm des Jahres 1931 im In- und Ausland« zu werben. Hauptträger dieser Werbung sind«in allgemeiner Berlin-Prospekt und ein kurzer Wegweiser mit Bild- plan der Reichshanptstadt, die soeben vom Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt der Stadt Berlin in allen Welt- sprachen und in großen Auflagen völlig neu bearbeitet heraus- gebracht werden. Die beiden Neuerscheinungen des Fremdenver- kehrsamtes versuchen, jedem Berlin-Besucher und jedem Interessenten- kreis das Gesicht der Reiehshauptstadt in lebendiger und plastischer Weise zu vermitteln. Preise der Zentralmarkthalle werden plakatiert. Der Beschluß des Magistrats, die Kleinhandelspreis««gel- mäßig an den Berliner Anschlagsäulen zu veröffentlichen, ist im allgemeinen freudig begrüßt worden. Bon verschiedenen Seiten sind jedoch Bedenken geäußert worden, ob die vcm Statisti- scheu Amt ermittelten Durchschnittspreis« den praktischen Bedürf- Ein gefälliger Feiertag und Wochenschluß: der„Bunte Abend" unterhielt mit Kabarettdarbiettingen, die von einer lockeren Rahmenhandlung zusammengefaßt ivaren. Diese steigerte sich sogar in dramatisch zugespitzte Situationen, die sich allerdings, dem härmst sen llnterhaituiigscharakter der Veranstaliung entjprechend, harmlos und unausregend auflösten. Für die Kabarettvorträge hatte man eine Reihe tüchtiger Kräfte gewonnen. Vorangehend spielte ein« Stunde lang Artur G u t t m a n n mit seinem Orchester recht gut ausgewählle Unterhaltungsmusik.— Ein Teilnehmer an der Grönland« xpedition, Professor Dr. W c g e n e r s, be- richtete iin Programm der Aktuellen Abteilung über den ersten Ab- schnitt dieser Reise und die Aussichten für Professor Wegener und seine Begleiter, die im Eise überwintern wollen. Der Bericht war anschaulich und sür alle daran interessierten Hörer verständlich.— Die„Zehn Minuten Film" verzichteten diesmal auf Inhalts- angaben und Kritiken em.zelner Filme; Herbert Jh e ri n» bot einen recht wertvollen Uebsrblick über die deutschen Tonfilmergebniss« des letzte» Jahre», die technische Erfolge, Mißerfolge des Geistes zeigten. An Mitteilungen des deutsciien Filmregisseurs Ludwig Berger »'str die für Deutschland günstige Stimmung, die der Tonfilm„Im W e st e n nichts Neues" in Amerika auslöste, zeigte Jhering, mit welcher Unwahrhaftigkeit der Kampf gegen diesen Film geführt worden ist. Tos. nissen des kaufenden Publikums gerecht werden. Der Magistrat hat sich diesen Bedenken nicht verschlossen und wird daher in Zu- kunft an Stelle dieser Durchschnittspreise die Kleinhandelspreise in der Z e n t r a l m a r k h a l l«, die seit längerer Zeit auch be- reits durch Rundfunk bekannt gegeben werden, durch, Anschlag ver- öffentlichen. Der Anschlag wird zweimal wöchentlich am Diens- tag und Freitag erfolgen und die am Tage vorher festgestellten Kleinhandelspreis« enthalten. „Einer von unsere Leus'"— Theater in der Klostsrstraße. Kalischs alte Berliner Posse ist in dem kleinen Theater in der Klosterstraße auserstanden. Die Geschichte von dem getretenen, ver- achteten, überall umhergestoßenen kleinen Handelsjuden ersteht wieder, dem Juden Isaak Stern, der trotz allem ihm widerfahrenen Ungemach immer da ist, wenn es etwas einzurenken gibt. Der jedem zu seinem Recht verHilst, wenn er auch oft dabei selbst zu kurz kommt. Fritz L i o n ist in der Rolle,, die dem Stück den Name» gibt, echt in Maske und Spiel, Inge K l e i n gibt die reizende Schlossermeisterstochter Ernestine natürlich, frisch und ohne Ziererei, ihrem aufrechten Vater oerleiht L. Franken menschlich-sympathische Züge. Die beiden Apothekergehilsen Stössel und Kraus finde» durch K e l l m e r und I e s ch k e gute Darstellung. Mit den beschränkten Mitteln, die der Bühne zur Verfügung stehen, bracht» die Spiel- leitung das Stück zum Vergnügen der Besucher annehmbar heraus. Allgemeine Weiterlage. 27. Dez. 4930,abds. O wolS(enlos,0 heiter. 3 halbbedeckt a«K)lkig.9balecl(t*Regea&6raiipeln :Schm«=Nebei,lt Gewitt w@Wmds»ille Ii, der nordöstlichen Hälfte Deutschlands bestand am Sonnabend das Frostwetter fort; in Ostpreußen trat sogar eine wesentliche Berichärfung des Frostes ein, vielfach sank das Thermometer bis 12 Grad unter Null. Im Rheingsbiet war es dagegen merklich milder als am Vortage; in Aachen wurden am Sonnabendabend noch 8 Grad Wärme gemessen. Wesentliche Niederschläge sielen nirgends im Reiche. Zwischen Island und England liegt jetzt der Kern einer tiefen' Depression, die besonders der Nordsee stürmische Winde bringt. Da sie sich jedoch nordostwärts weiterbewegt, so dürste»ur das weftlichs Deutschland in den Bereich ihrer milden ozeanischen Lustmassen gelangen. Unser Bezirk wird morgen innerhalb des Uebertzangsgebietes zwifchen dem milden ozeanischen und dem kalten kontinentalen Lustkörper liegen. * Wetteraussichlen für Verlin. Messt trübe mit leichten Nieder- schlagen. Temperaturen um Null.— Jür Deutschland: Im Nord- osten Forldauer des Frostwetters mit geringen Schneefällen: im westlichen Deutschland trübes und ziemlich mildes Wetter mit leichten Niederschlägen. Stuhltterstopfuna. Nach den an den Kliniken für innere Krank- Helten gesammelten Erfahrungen Ist das natürliche„Franz-Josef"» Bitterwasser ein äußerst wohltuendes Abführmittel. In Apoth. erh. Wochenprogramm des Berliner Rundfunks. Sonntag, 28. Dezember: 7: rankjrymniJtik. Anjchließcud Aus Künigsbcrp; rrühiouzett. S: Tür den Landwirt. 8.50: Morgenfeier. Anschließend Glockengeläut des Berliner Dom». t#.M: Wettervorhersage. 11: Feierstunde. 1J: Mittagskonzert. 11: Elternstunde. 14-80: Jugendstunde. 18 Maudolinenorchcstsr-Konzert. 16:..Die Defraudanten", Komddie von Polgar. 17.30: Tanz-Tee-Musik. 1»: Emil Bclzner liest aus eigenen Werken. 10.33: Schatispielerportril. 19.80: Sport. nachrichten. 39: Orchosterkonrcrt. 33.10: Wetter-, Tages- und Sportnach- richten. Danucli Tanzmusik Montag, 29. Dozcmbcr: 7: runksrranastik. AnschÜcBend Frülikonrert. 12.30: Wettermeldung cn für d-, Chaise- longuea 34,—, Rom- moben 19,—, Bücher- fpinben. Schreib tische 52.— 78, 29 Emil Eefenre, Bei» Ifn. seit 1882 nur Oranienstratze 138. Sohll'ngsctleidrtc. rung ohne Aul» schlag. Neuer«ata- lag kostenfrei.' Billige Teppich« Webfehler. Teppiche Attanahmepreise ea.. 3x3 17,— .. 2X3 19,- ..'3X3 23,— .. 3X3 35,- . ,21/4x3« 25,- .. 2'AX.3« 34�— ,.2«X3V4 55,- .. 3X4 30,- ,, 3X4 52,— .- 3X4 88,- ,„ 8X4 115, Tcppichhaus ftötnec. 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Man muß die Frage er- weitern: Warum werden in Europa mindestens acht Millionen Menschen, in den Vereinigten Staaten von Amerika schätzungsweise sieben Millionen Menschen, und in anderen über- seeischen Ländern eine weitere nicht gezählte Jahl von Millionen Menschen, die als Proletarier vom Verkauf ihrer Arbeitskrast leben, außerstande sein, ihre Arbeitskraft zu veriverten? Aber auch so ist die Frage noch zu eng gestellt. Das Riescnheer der Arbeits- losen ist nur der schrofsest« Ausdruck von Not und Elend, die in der kapitalistischen Welt herrschen. Aber die Arbeitslosigkeit ist nicht der einzige Druck, der auf den Massen der Bevölkerung lastet. Unter denen, die in Arbeit stehen, sind weitere Millionen zur 5turz- arbeit gezwungen, andere Millionen sind zu chungerlöhnen oer- dämmt, und schließlich lastet der zermürbende Druck der Wirtschasts- krise nicht nur aus Arbeitern und Angestellten, sondern er führt darüber hinaus weite Schichten der Kleingewerbetreibenden und der Angehörigen freier Berufe, deren Existenz von der Masten- kauskraft abhängig ist, ins Elend. Die Antwort auf die Frag«, warum es so ist, muß notwendig die Form der Anklage annehmen. Anklage gegen den KapWa<''6mus. In der Frühzeit der kapitalistischen Wirtschaft, als das erste Massenelend des Fabrikproletariats in den schlimmsten Formen in Erscheinung trat, glaubten diejenigen, die den Angriff auf das Wirtschaftssystem abwehren wollten, das Elend als eine Zwangs- läufige Erscheinung erklären zu können, die darauf beruht, daß sich die Bevölkerung ungleich schneller vermehre als die produktiven Kräfte, im besonderen als der Nahrungsmittelspiel- räum in der Welt. Dies« Matthussche Erklärung war n i e richtig; aber es gab Zeiten, in denen sie wenigstens den äußeren Schein des ökonomischen Geschehens für sich in Anspruch nehmen konnte. Heute, nach einem Jahrhundert gewaltiger Zunahme der europäischen Bevölkerung, heute, nachdem diese Periode der ständigen Vermehrung der Bevölkerung in den meisten Ländern ihr Ende erreicht haben dürfte, ist diese Vorstellung von einem natürlichen Zwang zur Verelendung der Völker keinesfalls mehr haltbar. Auch die glühendsten Ver- teidiger der herrschenden sozialen Ordnung können nicht leugnen, daß die produktiven Kräfte in der Erzeugung von Nahrungsmitteln und in der Erzeugung von Industriegütern sich so gewaltig in der West vermehrt haben, daß eine einigermaßen hinreichende Versorgung der Bevölkerung nicht als ein ungelöstes Problem der Produktionstechnik angesehen werden taim. lieberall leiden Landwirtschaft und Rohstofsindustrien daran, daß sie in ihren Produkten ersticken, daß sie keinen Absatz haben, weil ihnen die zahlungsfähigen Abnehmer fehlen. Ueberall ist die Apparatur der industriellen Verarbeitung in weit größerem Unifanq« vorhanden, als si« ausgenutzt werden kann, überall stockt die Arbeit, füllen sich die Lager, nicht, weil die an sich unbegrenzten Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigt sind, sondern weil auf Grund der kapitalistischen Produktions- Verhältnisse, auf Grund der Zerreißung zwischen Produktion und Derbrauch, die mit der Entwicklung d«r Arbeitsteilung und der Erzeugung für den kapitalistischen Markt in immer stärkerem Maße eingetreten ist. die technischen Produktionsmöglichkcilen wirtschasllich nicht ausgenutzt werden können. Nicht unerbittliche Naturgesetz« sind es, von denen man das Massenelend ableiten muh, sondern die Unzulänglichkeiten einer gesellschaftlichen Ordnung, die aus Raub hervorgegangene Klassenherrschaft an die Stell« sozialer Gemein- schastsarbeit gesetzt hat, die einen gewaltigen Antrieb zur Entfaltung von Produktivkräften gegeben hat, die aber diese Kräfte nicht zum Wohle der Gesamtheit zu meistern weiß. Weil di« Mastenarbeitslosigkeit und olle anderen verheerenden Erscheinungen der Wirtschaftskrise, die wir gegenwärtig inter- national durchloben, zu den immer wiederkehrenden Krisenerscheinungen der kapitalistischen Wirtschast gehört, weil die Vorstellung von Kapitalismus ohne die Entfaltung von Mißverhältnissen zwischen Produkten und Verbrauch und zwischen d«n einzelnen Zweigen der Produktion so w e l t f r e m d ist wie die Vorstellung von dem Menschen, der sich von seinem Schatten trennen könnte, deshalb ist die grundlegende Antwort auf die grauenvolle Frage, di« wir an die Spitze gestellt haben, die An- klage gegen den Kapitalismus. Daß es das kapitalistische System ist, das im Entscheidenden verantwortlich ist für die Wirtschaftskrise, geht nicht nur aus den p.ch periodisch wiederholenden Wirtschaft:: krisen hervor, fondern vor allen Dingen auch aus der Tatsache, daß wir die Massen- arb«itslosigkeit gegenwärtig in nahezu gleichem Umfange in den großen kapitalistischen Ländern der Welt erleben trotz aller Verschiedenheit ihrer politischen Lage und trotz ihrer sich wider- sprechenden Stellung gegenüber den Reparationen. Nach der Verurteilung' Daß das kapitalistische Wirtschaftssystem der Hauptangeklagte ist, neben dem die anderen Angeklagten, von denen noch zu sprechen sein wird, nur eine mehr oder minder wichtige Nebenrolle spielen, ist»ine Erkenntnis, die für den praktischen Kampf d«r Arbeiterklasse entscheidend ist. Denn sie deutet an, daß das Ziel des Kampfes gegen die immer wiederkehrende Mastenarbestslosigkeit die Ueb«r- Windung des Kapitalismus fein muß, und daß man sich von diesem Ziel nicht ablenken lasten darf durch die einseitige Be- tonung von Ncbenfaktoren. die gerade in unserer Zeit zu politischer Falschmünzerei ausgenutzt wird Freilich wissen wir, daß der An- klaae und der Verurteilung des Kapitalismus nickt einfach die Exekution de« Urteils durch Einsperrung oder Hinrichtung folgen kann. Denn wir haben es eben nicht mit einem individuellen Uebeltäter zu tun. durch dessen Beseitigung allein schon die Besserung qeschassen wird, sor�ern mit einem Wirtschastssystem. Hier muß das System beseitigt werden, ohne daß die Wirtschaft, ohne daß die Produktion, an die die Lebensmöglichieiten der Völker «ebunden sind, dabei zerschlagen wird. Das.Einrichten" de, Kapitalismus wäre»ine verhältnismäßig einfache Sache, aber die Ueberwindung des Kapitalismus, seine Ersetzung durch ein besser funktionierendes Wirtschaftssystem, das höchste Produktiv!- tät mit sozialer Gerechtigkeit und Beseitigung des Elends verbindet, erfordert mehr als zerstören, es erfordert konstruktive auf- bauende Arbeit. Die kann nur durch den beharrlichen Kampf um die Umgestaltung der Wirtschast, um die Durchdringung der Wirtschast mit sozialistischen Elementen ge- führt werden, an deren Ende der zur Wirklichkeit gewordene Sozialismus steht. Die entscheidend« Bedeutung, die wir der klaren Erkenntnis beimefsen, daß der Kampf gegen die Wirtschaftskrise als der Kampf zur Ueberwinoung des kapitaliststchen Wirtschaftssystems geführt werden muh, hindert natürlich nicht, auf der anderen Seite zu er- kennen, daß es eine ganze Reihe von Mitangeklagten gibt, die zum mindesten für den außerordentlichen Umfang der gegenwärtigen Krisenerscheinungen, vor allen Dingen in Deutschland, die Ver- antwortung tragen. KrieaS�olaen und Kriegshehe. Der erste Platz auf der Bank der Mitangeklagten kommt dem Kriege zu. Zwölf Jahre nach dem Abschluß des Mordens haben nicht genügt, um das Unheil der wirtschaftlichen Vernichtung, das der Weltkrieg über die Menschen gebracht hat, zu beseftigen. Die Kriegrwirkungen lasten um so schwerer auch heute noch aus der Welt, als der Friede nicht auf der Verständigung, sondern auf Ge- walt ausgebaut wurden. Der Friedensvertrag ist so zu einer Quelle neuer Störungen geworden. Die Kriegsentschädigungen verschärfen den ökonomischen Druck, nakürtich vor allen Dingen in dem durch sie betasteten Devlsch'ond. Der Punkt Kriegsentschädigungen bildet eine ständige Quelle der politischen Veunruhigungen und damit wiederum eine Störung des wirtschaftlichen Auegleichs. Ist die Schuld des Krieges, die Schuld der Reparationen an der Verschärfung der Krisenerscheinungen unum st ritten, so stellt es den höchsten Grad der Verblendung dar, wenn Menschen glauben, diese Elcndsquelle verstopfen zu können dadurch, daß sie neuen Kriegsgeist in Europa schüren. Das Spiel mit neuen kriegerischen Lösungen, gleichviel ob man sie im Osten oder im Westen sucht, ist nickt nur Wahnsinn im Hinblick auf den endgültigen wirt- schaftlichen Zusammenbruch Europas, der eintreten würde, wenn aus dem Spiel einmal Ernst würde, sondern schon das törichte Treiben, das nationalistische Phrasen an die Stelle eines ernsten europäischen Verständigungswillens fetzt, bildet in der Gegenwart eine ständioe Quelle der Beunruhigung, die der Krisenüberwindung in der Welt, vor allem aber in Deutschland, hemmend entgegensteht. Wir finden weiter auf«der Asiklagebank in enger geistiger Ver- bindung mit den beiden erstgenannten Angeklagten den Pro- t e k t i o n i s m u s, der die Wirtsckastspolitik säst aller Länder im > letzten Jahrzehnt beherrscht. Durch nationale Absperrungen an Stell? internationaler Arbeitsteilung, durch die ständige Erhöhung von Zollmauern an Stelle der Erleichterung des internationalen Warenaustontcks find die Fchlleftungen von Kapital, die Entwick- tnngen von Mißverhältnissen zwischen Leistungsfähigkeit und Absatz- Möglichkeiten über das schon gekennzeichnete Maß hinaus inter- national gigantisch angewachsen. Man redet seit Iahren auf internationalen Konferenzen von der Notwendigkeit, die«uro- päische Zersplitterung in kleine wirtschaftliche Einheiten zu überwinden durch eine VereinigungEuropas: aber wenn man von den Konferenzen heimgekehrt ist, wird in jedem Lande die Politik der Absperrung fortgesetzt. Verhängnisvolle Wah'en/ fa'scheW'rischastSpolitik. Neben dem internationalen Protektionismus klagen wir weiter an die Fehler der inneren deutschen Politik, die geistige Verwirrung weiter Kreise des deutschen Volkes, die ihren Ausdruck in den S e p- temberwahlen gefunden hat, hat zu den schon bestehenden Krisenursachen die weitere Verschärfung der Vertrauens- erfchütterung im In- und Auslande gebracht. Sie hat zur Abziehung ausländischer Kredite, zur Kapitalflucht aus Deutsch- lcnd, zur Lähmung politischer und wirtschaftlicher Kräfte geführt. Die dadurch eingetretene Krisenvcrschärfung kann nur überwunden werden, wenn man den Elementen der Beunruhigung, den Ver- kiindern faschistischer Experimente, den eisernen Willen der Abwehr und der Erhaltung der Demokratie entgegensetzt, aber nicht, wenn man heute auf diesem oder morgen auf jenem Gebiete dem Wahnsinn mißleiteter Minderheitsgruppen des Volkes schwächliche Konzessionen macht. Wir sehen weiter auf der Anklageliink die fatsche Wirtschaftspolitik, die nach dem kurzsichtigen Wunsch kapitalistischer Machthaber das Heil im Loh ndruck erblickt, eine Politik, die mit der fort- gesetzten Zerstörung der Massenkaufkraft den Prozeß der Kcisenüberwindung nur weiter erschwert. Wir sehen, wie diese Politik der Regierung Brüning-Stegerwald stark in der Forderung des Lohnabbaues ist und wie sie schwächlich versagt im Druck auf die Preise, die durch monopolistische Machtstellungen über- höht sind. Wir sehen, daß eine schwächliche Finanzpolitik Reich, Länder und Gemeinden hindert, auch nur ihren sozialen Per- pflichtungen zur Linderung des Elends, das die Krise her- vorgerufen hat, hinreichend nachzukommen, ganz zu schweigen von dem Versagen der öfsentlichen Hand in der Arbeits- b e s ch a f f u n g, die konjunkturpolitisch heute notwendiger märe denn je, während aus Grund von finanzpolitischem Druck tatsächlich die öffentliche Hand in diesem Jahre gezwungen war, durch eine Fülle von eigenen Arbeitseinschränkungen die Krise weiter zu ver- schärfen. Kampfziele und Kampftaktik. Wir könnten neben dieser stattlichen Schar der Hauptangeklagten noch«ine ganze Reihe von Nebenangeklagten zur Beantwortung unserer Frage nach den Ursachen der Masienarbeltslosigkeit und des Massenelends aufmarschleren lasten. Aber die Liste genügt. Denn das, worauf es ankommt, ist, darzustellen, wie auf dem Boden des Kapitalismus eine große Reihe von Faktoren der nationalen Politik zusammenwirken, um den gegenwärtigen Krisenzustano zu ver- schärfen. Das Lebensinterejfe der Arbeitcrklasie erfordert, inner- halb ihres dauernden Kampfes um die Ueberwindung des kapita- listifchen Wirtschaftssystems als nächsten Schritt di? Einsetzung aller Kräfte für die Milderung und Ueberwindung der gegenwärtigen Wirtschastskrise. Die Erkenntnis von der Vielseitigkeit der Kräfte, die diesem Ziel entgegenwirken, beleuchtet die ganze Schwierigkeit des Kampffeldes, auf dem in diesem Augenblick der Kampf der S-i- zialdemokratie und der Gewerkschaften zu führen ist Für eine Klasse, die um ihre Befreiung kämpft, für eine Partei. die nicht nur Augenblicksintercssen dient, sondern die die höchsten Ziele der Freiheil und Gercchligkeit, des Aufbaues einer neuen Welt. i auf ihre Fahne geschrieben hat, bedeutet das klare Erkennen einer i schweren Kampslage niemals Mutlosigkeit, sondern nur Ansporn zur Verdoppelung der Kräfte. Aber die klare Erkenntnis muß auch dazu dienen, die gesteigerten Kräfte an der Stelle und in der Weise einzusehen, die der Augenblick erfordert. Von diesen Schlußfolgerungen, die aus dem lleberblick über die Faktoren, die wir für den gegenwärtigen Krisenzustand verantwortlich machen, zu ziehen sind, soll in einem zweiten Artikel die Rede sein. Die Arbeiisnoi im Baugewerbe. 600 bis 700 Millionen Lobnverluste. Nach dem Bericht des Deutschen Baugewertsbundes für Novctnber hat sich die schon im Oktober«ingetretene scharfe Verschlechterung des Beschäftigungsgrades im November fortgesetzt. Die Arbeitslosigkeit ist von 42,47 Prozent Ende Oktober auf 50,03 Prozent im November gestiegen. Damit hat die Erwerbslosigkeit bei den organisierten Bauarbeitern einen Stand erreicht, der mehr als doppelt so hoch als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre ist. Das platte Land ist von der Ar- beitskrife mit einer Erwerbslosigkeit v.on 55,1 Prozent st ä r k e r in Mitleidenschaft gezogen als die Städte, in denen sich di« Be- fchäftigungslosigkeit auf 45,9 Prozent beläuft Gegen Ende des Berichtsmonats lag der Beschäftigunzsgrzd etwa 35 Prozent unter dem Stand des November 1929, während aeienüber der gleichen Zeil des Jahres 1928 eine noch schärfere Differenz vorlag. Seit der Stabilisierung der Mark ist damit der niedrigste Beschäftigungsgrad, der bisher in den ent- sprechenden Monaten vorlag, erreicht worden. Am schärfsten wirkt sich die Baumarktkrife in Ostpreußen aus, wo 67,7 Prozent der organisierten Mitglieder arbeitslos sind. Dichtauf folgt Thüringen mit einer Erwerbslosigkeit von 64,3 Prozent, wofür die Tatsache entscheidend ist, daß in diesem Lande noch nicht 5 Prozent des Hauszinssteueraufkcmmcns für den Woh- nungsbau aufgewendet wurden Die weitere Verschärfung der Verhältnisse im Baugewerbe hat natürlich den Bauumfang im ganzen Reiche weiterhin erheblich eingeschränkt. Gegenüber 1929 liegt bisher eine Minder- l e i si u n g von 26 Prozent und gegenüber 1S2S sogar von 32 pro-« zenl vor. Dem entspricht ein llmsahaussall von 2 Milliarden Mark und Lohnverlnste in höhe von 600 Millionen bis 700 Millionen Mark Gchuhexpori bleibt stark Auch»m?rovmber hoher AuStuhrübereschuß � Die Schuheinfuhr stellte sich im November 1930 auf 70 353 Pabr, so daß gegenüber dem entsprechenden Monat des Vor- jahres«in Rückgang der Einfuhr um 13 Proz. zu verzeichnen ist. Andererseits betrug die Ausfuhr von Lederschuhen rund 297 600 Paar, was einer Steigerung des Exports gegenüber dem November vorigen Jahres von 11 Proz. entspricht Wertmäßig belief sich die Lederschuheinfuhr auf 755 000 Mark, der ein Aussuhrwert von 2,82 Millionen gegenübersteht. Bei einer Mehrausfuhr von rund 227 000 Paar betrug der wertmäßige Ausfuhrüberschuß mehr als 2 Millionen Mark. Siahlwerk Döhlen bleibt erhalten. Die Verhandlungen zwischen der sächsischen Regierung und dem rheinischen Konsortium wegen der Ausrechterhaltung der Sächsischen Gußstählwerke Döhlen A.-G. sind heute, nachdem auch die Stadt Freital sich zu ihrer Mitwirkung bereit erklärt hat, zum Abschluß gelangt. In Zukunft sind nunmehr die beiden Großaktionäre das Land Sachsen und dos Konsortium, die entsprechend im Aufsichts- rat vertreten sein und das Werk gemeinsam fortführen werden. Das Kapital soll im Verhältnis 4:1 zusammengelegt und durch Einzahlung beider Teile wieder aus 6 Millionen Mark erhöht werden Der Betrieb wird am 2. Januar 1931 wieder auf- genommen werden, nachdem dem Werk genügend Beschäftigungs- Möglichkeiten gesichert sind. Der Zusammenarbeit aller Beteiligten ist es zu danken, daß das für die sächsische Wirtschaft wichtige Unternehmen weiterhin aufrechterhalten bleibt. Neichsbank-Weihnachten. Die Notendank«n der dritten Oezembcrwoche. Nach dem Ausweis der Reichsbant vom 23. Dezember hat sich in der dritten Dezemberwoche die gesamt« Kapitalanlage der Bank in Wechseln. Schecks, Lombards und Wertpapieren um 187,2 aus 2202,2 Will. Mark erhöht. Im einzelnen haben diese Be- stände an Handelswechseln und Schecks um 189.2 auf 1065 Mlll c» nen und die Lomdardbestände um 9,9 aus 91,3 Mill zugeno:-m:n, während die Bestände an Reicheschatzwechseln sich um 11.9 aus 43,4 Mill oerriilgerten Di« ilrfzche für diese vermehrte Kapilal- anlage liegt in der Rückzahlung von Teilen des Ueberdrück mos- kredftes, die vom Reich an die Banken ausgeliehen waren und rtzt zur Rückzahlung gelangten. Im wesentlichen haben die Bauken diese Rückzahlung durch Wechseleinreichungen bei der Reichsbank finanziert. Erhöhter Geldbedarf der Wirtschast dürste jedenfalls hierbei kaum ein« Rolle gespielt hoben. In diesem Zusammenhang haben sich die fremden Gelder um lSÜ auf 451,3 Mill. erhöht. Die Steigerung der Giro guthaben ist fast ausschließlich auf Einzahlungen öffentlicher Stellen zurückzuführen. An Reichsbanknoten und Rentenbankscheinen zusammen sind 5.7 Millionen in den Verkehr abgeflossen, so daß am 23. Dezember 4275,3 Mill. Reichsbanknoten und 396,3 Mill. Rentenbankscheine im Umlauf waren. Die Bestände an Gold und deckungsfähigen Devisen haben sich um 14,8 auf 2761,7 Mill. vermindert. Die Deckung der Roten durch Göll» allein verringert« sich von 52,1 aus 51,8 Proz., diejenige durch Gold und deckungsfähige Devifen von 65 auf 64,4 Proz. Mansfeld wird forigeführi. Bessere Aussichten für die Zukunft? Di« Verhandlungen der Reichs- und Staatsbehörden mit der Verwaltung der Mansfeld A.- G. über die Weilergewährung der Subvention sind zum Abschluß gekommen. Es liegt jetzt ein Sachverständigengutachten über die Aussichten des Mansfelder Kupferbergbaues vor. Dieses kommt zu dem Schluß, daß bei dem jetzigen Kupferpreis eine Rentabilität ausgeschlossen ist, daß aber für die Zukunft gewisse Aussichten beständen. Zweifellos wird man mit einem so niedrigen Kupserpreis auf die Dauer nicht rechnen dürfen: er ist eine Folge der Krise und der durch das Kupferkartell künstlich gesteigerten Ueberproduktion. an der auch die letzten Drosselungsmahnahmen wenig geändert haben. Ausschlaggebend ist aber jetzt wie im Juli, daß eine Stillegung der Mansfeld Tl.-G. mit ihren 13 006 Arbeitern und Angestellten (32 000 mit Angehörigen) den Stach ganz bedeutend mehr an direkter Unterstützung und Aussätlen aller Art tosten würde als die Weiterzahlung der Subvention in Höhe von etwa einer halben Million Mark monatlich. Es handelt sich eben bei der Subvention Mansfeld um einen Ausnahmefall, weil das ganze Mansfelder Land von diesem einen Unternehmen abhängig ist, weil keine Möglichkeit vorhanden ist, die Arbeiterschaft in ab- s e h b a r e r Zeit einem anderen Berufe zuzuführen und well schließ- lich Mansfeld das einzige Kupferbergbauunternehnien in Deutsch- land ist. Während bisher die Abmachung bestand, daß der Zuschuß bei Unrentabilität des Gesamtunternehmens als „verloren" anzusehen war, soll die R ü ck z a h l un g s p f l i ch t der gewährten Summen in Zukunft unabänderlich sein. Das ist auch durchaus in der Ordnung, da ja nach dem erwähnten Cutachteii mit einem Steigen des Kupferpreises und nach weiterer Senkung der Selbstkosten eine Rentabilität des Unternehmens in späteren Iahren nicht ausgeschlossen ist. Man muß aber verlangen, daß die ständige Kontrolle durch die Reichstreuhand- g e s e l l s ch a f t bestehen bleibt. Einzelheiten der Neuregelung wird man erfahren, wenn die Parlamente sich mit der Mansfeld-Suboention beschäftigen werden._ Llmkämpste Gummireifen. Gescheiterte Kartellverhandlungen. Di« seit Wochen anhaltenden Verhandlungen in der Gummi» reifenindustrie, kartellmäßige Preisbindungen für den beut- schen Markt festzulegen, sind völlig gescheitert. Wenn auch noch die Möglichkeit besteht, daß in zwölfter Stunde eine Ver- ständigung erzielt wird, so ist doch mit ziemlicher Sicherheit damit zu rechnen, daß vom 1. Januar 1931 ab in der deutschen Gummi- reifenindustrie ein vertr agloser Zustand besteht, der einen Kampf aller gegen alle mit sich bringen wird. Im Kampf um den deutschen Markt stehen 25 Werke, die bei dem verhältnismäßig geringen Bedarf der deutschen Verbraucher- industrie nur einen verhältnismäßig kleinen Teil ihrer Produktion unterbringen können. Da der großen Zahl mittlerer und kleinerer Unternehmen Riesenwerke wie der hannoversche Continental- Trust und Dunlop gegenüberstehen, wird dieser Kampf mit sehr ungleichen Waffen geführt werden. Der Konsument ist in diesem Fall der lachende Dritte, denn unter den jetzigen Umständen wird am 1. Januar die schon längst fällig« zweite Preissenkung um nochmals 10 Prozent ein- treten, die bei einem Zustandekommen des Kartells wahrscheinlich abgebremst worden wäre. Mit dieser Zwesten Preissenkung sind die Gummireifenpreise seit dem 1. Oktober um insgesamt 20 Prozent abgebaut worden. Die bisherigen Händler- rabatt« werden von 20 auf 15 Prozent für Autoluftreifen und auf 12% Prozent für Elastic-Vollgummireifen herabgesetzt. Rußland-Auftrag für Kieler Werften. Die Sowsetunion hat jetzt mit den Howaldt- Werken m Kiel einen Liefervertrag über zehn Fischerei-Motordampfer abgeschlossen. Der Auftrag, der einen Wert von mehr als 6MiMionen Mark hat, ist von der Berliner Handelsvertretung der Sowjetunion bereits ertestt worden. Wie wir hören, wird die Finanzierung mit Hilfe öffentlicher Wirtschaften durchgeführt, wäh- rend sich andererseits die Howaldt-Werke oerpflichten, zur Durch- jührung dieses Austroges Neueinstellungen vorzunehmen. Es dürste sich hierbei um etwa 600 Arbeiter handeln, die bis zur Be. cndigung dieses Schiffbauauftrages acht Monate beschäftigt würden. Der Baubeginn setzt Anfang des neuen Jahres ein. Adler u. Oppenheimer zahlen wieder Dividende. Die Schuh- und Lederindustrie, die noch vor knapp zwei Jahren h o f s n u n g s- ! o s daniederzuliegen schien, hat ihre Rentabilität trotz der Krise im letzten Jahr teilweis« sogar verbessern können. Auch die Adler u. Oppenheimer A.-G. in Berlin kann sür das am 30. Juni 1930 abgelaufene Geschäftsjahr wieder die Dividenden- -ahlung aufnehmen. Es werden 4 Proz. auf das IZ-Millionen- Kapital oerteilt. Die Bilanz macht einen stark gebesserten Eindruck. Die Warenvorräte sind von 10 8 aus 9 Millionen Mark zurückgegangen, was neben gestiegenem Absatz aber auch mit der Preissenkung zusammenhänaen kann. Die Besserung zeigt sich aber auch auf der Passivseite: Bankschulden gingen von 11,8 aus 10,2 Millionen und Gläubiger von Ich auf 1,2 Millionen zurück. Die Bruttoeinnahmen werden dagegen mit 4.83 Millionen fast genau so hoch ausgewiesen wie im Vorjahre(4,73 Mill.). Das erweckt natürlich stark den Eindruck der„Frisur" d«r Bilanzz'ssern, zumal das Aktienkapital vollständig im Besitz der Familien Adl«r und Oppenheimer ist. In der Generalver- s a m m l u n g äußerte die BerwaUung. daß man bei der„Beliebt- best der Erzeugnisse" und der gut funktionierende» Absatzorgani. sotion damt rechne, daß der Umsatz im lausenden Gejchästsjahr nicht zurückgehen werde. Millionenbauauftrag der Rheinisch-westfäHschrn Elektrizitäts- werke. Das RWE., Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk in Essen hat nach einer Meldung der„Kölnischen Zeitung" einer Gruppe west- deutscher Bausirmen einen Auftrag zum weiteren Ausbau des Rhein- krastwerkes, Altbnick-Dogern, erteilt. Der Wert des Auftrags stellt sich auf etwa 13 Millionen Mark. Monteure in Rußland. Ohne Garaniievertrag— ein Hundeleben. Die anläßlich der Weihnachtsfeiertage in Berlin wellenden In- und Auslandsmonteure kamen gestern in den S o p h i e n s ä 1 e n zu der üblichen Monteurversammmng, in der sie von den Vertretern des Metallarbesteroerbandes über alle wichtigen Vorkommnisse während ihrer Abwesenheit informiert werden und gegenseitig ihre eigenen Erfahrungen austauschen. Die gestrige Zusammenkunst war insofern außerordentlich inier- «ssant, als die Monteure, die oon Sewjebrußlund her entweder auf Weihnachtsurlaub oder vor kurzer Zeit von Montagen nach Deutschland gekommen sind, über die cebensverhällnisse der deutschen Monteure in Sowjelrußland einiges zum Besten gaben. Das Thema war leider nur zu eng be- grenzt, den» sie sollten der Organisation mir darüber berichten, wie es ihnen persönlich in Rußland geht oder gegangen ist. Uebereinstimmend berichteten die Rußlandmonteure, daß sie persönlich über eine schlechte Behandlung sowie über schlechte Er- nährung nicht klagen können. Mit dem Auslösungssatz von fünf amerikanischen Dollars pro Tag(21 Mark) kämen sie verhältnismäßig gut aus Die russischen Auftraggeber und auch die Behörden geben sich alle Müh«, die von deutschen Firmen entsandten Spezialisten, an denen es dort sehr mangell, zufriedenzustellen. Daß die deutschen Monteure von der GPU. beobachtet, also b e- spitzelt werden und sich politisch völlig neutral verhalten müssen, ist für sie ollmählich zur Selbstverständlichkeit geworden. Daß sie weiter manchen Gewohnheiten entsagen müssen, auf die der deutsche Arbeiter nur sehr ungern verzichtet, ist für sie natür- lich immer noch angenehmer, als in Deutschland ohne Arbest ein kümmerliches Dasein zu fristen. Die mit ihren deutschen Firmen auf Grund ihrer Erfahrungen in Sowjetrußland abgeschlossenen Garantieverträge bewahren sie vor dem elenden Los, mit dem sich der russische Arbeiter bescheiden muß. I Diese erfahrenenen Rußlandmonteure warnten aber ihre deutschen Berufskollegen davor, sich ohne besondere Garantie- vertrag« als Facharbeiter für russische Betriebe in Deutschland anwerben zu lassen. Da diese Facharbeiter keine Ahnung von den russischen Verhältnissen haben, schließen sie ojt Verträge ab, die ihnen hier in Deutschland ganz g ü n st i g erscheinen, die ihnen in Rußland aber nur die dürftig st e Existenz gewähren. Die Rußland- moMeure erklärten gleichfalls, daß sie ganz genau wissen, daß man ihnen und den amerikanischen Facharbeitern nur deswegen austämm- liche Auslösungssatz« zähst, well sie diese Sätze einmal mit den deutschen Firmen vereinbart haben, und well man sie in Rußland eben dringend braucht. Verfügt Rußland erst selbst über genügend geschulle Fachkräfte, wird«s sich hüten, neben dem schlechtbezahlten russischen Facharbeiter einen um das vielfache höher bezahlten deulschen oder amerikanischen Fach- arbeiter zu stellen. Das gleich« ist auch der Fall mit den deutschen und amerikanischen Ingenieuren, denen man in Rußland teilweise INonalrgehäller bis zu 7000 Warf zahlt. lieber die Lebensverhältnisse der russischen Arbester sprachen die Monteure, die alle nach Rußland wieder zurückfahren, aus be- preislichen Gründen nicht. Ihre Andeutungen und ihr mitleidiges Lächeln auf diesbezügliche Anfragen aus der Versammlung sagten jedem deutlich genug, daß der russische Arbeiter leider gegenüber dem mit einem Garantievertrag arbeitenden deutschen Monteur ein Hundeleben führen muß. Im weiteren Verlauf der Versammlung wurden noch einige innerorganisatorische Fragen besprochen und dem Genossen G r o n vom Metallarbeiterverband nahegelegt, sür die Abstellung einiger Mißstände zu sorgen, die sich durch die unklrre Fassung einiger Be- stimmungen des Monteurabkommens ergeben. Arbeiiszeit im Sralinkvhlenbergbau. Oer(Schiedsspruch darf nicht verbindlich erklärt werden. Bochum, 27. Dezember.(Eigenbericht.) Der Bergbauindustriearbeiterverband stellt zu dem Arbeitszeitkonflitt im mitteldeutschen Berg- bau folgendes fest: „Für den mitteldeutschen Braunkohlenbergbau ist am 9. De- zember«in Schiedsspruch gefällt worden, der ein Weiter- bestehen der bisherigen Schichtzeit vorsieht. Diese beträgt für Arbester im Tagebau 9%, für die Arbeiter im Tiefbau 8% bzw. 9 Stunden. Dieser Schiedsspruch ist für die Bergarbeiter ein« große Enttäuschung. Die Lohnentwicklung im mittel- deutschen Braunkohlenbergbau zeigt nämlich folgendes Bild: Im Ottober 1928: 7,54 Mark Durchschnittslohn je Mann und Schicht. Dezember 1928: 7.43 Mark. Dezember 1929: 7.58 Mark und Oktober 1930: 7,39 Mark. Trotzdem die tariflichen Löhne m diesem Zeitraum erhöht worden sind, ist gegenüber 1928 ein« Lohnsenkung dadurch eingetreten, daß man die Spanne zwischen Tarif- und Effektivlohn vermindert hat. Insbesondere hat man die Prämien und Leistungszuschläge rücksichtslos gekürzt. Die Unternehmer des mitteldeutschen Braunkohlenbergbaues sabotierten also die Schiedssprüche über Lohnfragen und zum Dank dafür bringt der jetzige Schiedsspruch ihnen eine Schichtzest von 9� Stunden im Tagebau. Für die Bergarbeiter ist das um so aufreizender. Äs sich die Belegschaft in den letzten Jahren oon 78000 auf 66000 Mann oermindert hat, ohne daß der Schichtförderanteil zu- rückgegangen ist. Die Fällung des Schiedsspruches bleibt infolge- dessen vollkommen unverständlich, zumal die Geschäftsabschlüsse vom 1. und 2. QuartÄ 1930 recht gute Ergebnisse aufweisen. Eine Verkürzung der Schichtzeit um eine halbe Stund« hätte sür etwa 50 000 Arbeiter keine Verkürzung der Arbeite- zeit, sondern nur«ine Einschränkung der Pausen von einer Stunde auf eine halbe Stunde gebracht. Aber auch diese Regelung, die keine Steigerung der Selbstkosten bringt, ist ab- gelehnt worden. Für den übrigen Teil der Belegschaft, der in durchgehenden Beirieben beschäftigt- ist wäre eine Verkürzung der Arbeiiszeit um eine halbe Stunde eingetreten, mos aber" keine wesentlich- Belastung der Produktion bedeutet hätte. Als Beweis dafür dient die Entwicklung des mitteldeutschen Braunkohlen- bergbaues, in dem die Verkürzung der Schichtzest von 12 auf 9% Stunden weder ein« Verringerung der Produktion, noch eine Steige- rung der Selbstkosten gebracht hat. Nachdem die Delegierten der Bergarbeiter mst vollem Recht den Schiedsspruch abgelehnt haben, dürfen sie erwarten, daß dem Antrag der Unternehmer auf Per- bindlichkeitserklärung nicht entsprochen wird." Epidemie des Lohnabbaus. Eine auflesende tlnternehmerkrankheit. „Die wachsende Arbeitslosigkeit, die fortschreitenden Lohn- und Gehaltskürzungen, die Verminderung des Einkommens.- der Unternehmer und der Landwirtschaft werden eine weitere Verringerung der verfügbaren Kauf- b e t r ä g e bewirken." � So.schrieb vor kurzem die„Tonindustrie-Zeitung". Und was machen die Unternehmer der Tonindustrie? Fast alle'Lohn- Verträge, die zum Jahresschluß kündbar waren, sind von ihnen zum Zwecke des Lohnabbaues gekündigt worden. Sie fordern einen Abbau von 10, 20 und noch mehr Prozent. Der erkannten Wahrheit widerstreben, ist die schlimmste aller Sünden._ In Köln kann man es auch. Der Schlichtungsausschuß Köln fällte für die rheinischen Kleinbahnen einen Spruch, wonach die Löhne ab 1. Ja- nuar bis 31. Mai 1931 um6 Prozent In allen Gruppen herab- gesetzt werden. Dieser Abbau soll an Lohnsätzen von 59 bis 62 Pfennigen vorgenommen werden! * Für die Kölner Metallindustrie wurde«in S ch i e d s- s p r u ch gefällt. Er will das zum 31. Dezember gekündigte Lohn- abkommen mit einer Lohnsenkung in allen Gruppen um etwa fünf Prozent wieder in Kraft setzen und die Arbeitszeit von 51 auf 50 Stunden in der Woche verkürzen. Das Abkommen soll zum erstenmal mit sechswöchiger Frist zum 30. Juni 1931 kündbar fein. Die Erklärungsfrist läuft bis zum 30. Dezember. Auch das ArbeiisgerichtVerlin angesteckt Bor der Kammer 43. Land- und Forstwirtschaft, Vorsitzender Amtsgerlchtsrat A h r e n s, stand als Kläger der Landarbeiter K., der bei der Rsttergutsoerwastung des U n i a n- K l u b s in N e u e n- Hagen schon seit 1919 beschäftigt war. Der jetzige Administrator Meckelnburg hat feftgestelll, daß der Kläger nicht mehr voll arbeitsfähig sei und hat ihn deswegen zum 31. Dezember d. I. gekündigt. Der Landarbeiter hat gegen diese Kündigung beim Betriebsrat Einspruch erhoben und so kam es zur Klage. Vor dem Arbeitsgericht erklärte der Administrator M., daß er den Kläger weiter beschäftigen wolle, ihm aber den Lohn u m 25 Prozent kürzen müsse. Das Gericht wies, die Klage ab, mit der Begründung, daß die Kündigung keine unbillige Härte sei und es dem Kläger zugemutet werden könnte, für den um 25 Prozent geknrzkeu Lohn seine Arbeit weiter zu verrichten. Nach dem für den Kreis Niederbarnim gellenden Tarifvertrag für Landarbeiter sind die Löhne für nichtvollwertige Arbeiter zwischen dem Unternehmer und dem Betriebsrat zu vereinbaren. Der Unternehmer hat es aber nicht für notwendig gehalten, mst dem Betriebsrat wegen einer Lohnkürzung des Klägers zu verhandeln und will unter Umgehung des Tarifvertrages den Lohn von sich aus festsetzen. Das Arbeitsgericht, das doch für die Durchführung der Tarif- vetträge eintreten muß, unterstützt mst seinem Urtest den T a r i f b r u ch. Die Lohnabboumaßnahmen der jetzigen Regierung scheinen auf die Kammer 43 des Arbeitegerichts Berlin einen so starken Einfluß ausgeübt zu haben, daß diese Kammer einen be- stehenden Tariflohn nicht etwa um 5 bis 8 Prozent senkt, wie die Schlichtungsinstanzen es in der letzten Zeit getan haben, sondern sie mutet einem Landarbeiter zu, sich seinen Hungerlohn noch um 25 Prozent kürzen zu lassen, obwohl er noch vollerwerbsfähig ist. Den Unternehmern, denen die Löhne ihrer Arbeiter zu hoch sind, wäre also zu empfehlen, einen Streit vor die Kammer 43 des Arbeitsgerichts Berlin zu bringen. Sie werden dort noch viel besser bedient als bei den Schlichtungsbehörden. Ostpreußisches Landrecht. Oer geschlagene Lanvarbeiter hat unrecht. Bor einigen Tagen hatte sich das Arbeitsgericht Insterburg mit einer Feststellungsklage zu beschäftigen, die einen Hos- gänger betrifft. Der Vater des Betreffenden klagte auf Lösung des Dienstverhältnisses. Als Grund wurde Mißhandlung durch den Jnjpek-or des Gutsbesitzers von Z. angegeben. Der Inspektor will beobachtet haben, daß der Hofgänger nicht schnell genug gearbeitet hat. Aus Wut darüber verabfolgte er ihm einen Schlag in das Genick. Der Gestagene protestierte hiergegen. Darauf leg« ihm der Inspektor die Hand so stark auf den Mund, daß er stolperte und hinfiel. Einige Zeit> ach d-m Vorfall mußte sich der Hosgänger bei dem Gutsbesitzer v-rant- warten. Dieser erklärte ihm, daß er sich höchst a n st ä n d i g zu de- tragen habe, widrigenfalls«r entlassen werde. Wester«rklörte er ihm, daß der Inspek.or von ihm den Auftrag erhrlt-n habe, gegen die Arbeiter so vorzugehen, wie er es für richtig hält. Der Hofgänger oerließ darauf den Dienst, weil er befürchte.'«, weiteren Mißhanllungen ausgesetzt zu sein. Trotz dieser Sachlage lehnte das Arbeitsgericht Jnsterbmg d i« K l a g e a b mit der Begründung, daß das Verhallen des Hofgängers zu rügen fei! Er hätte sich dem Inspektor gegenüber nickt oerantworten dürfen. Im übrigen seien die Mißhand- Jungen nicht so schwerer Natur gewesen, daß sie die Lösung des Arbeit-o�rhältnisses rechtfertigen könnten! Aehnlich stellte sich der Vor|t�..ll>« des Amtsgerichts, Herr Amts- gerichtsrat Vi l mar, schon während der Verhandlung ein. Er erblär.e unter anderem, daß es nicht schadet, wenn ein fünf- zehnjähriger Junge ein paar in- Genick erhält. Man sagt dem Amtsgerichtsrat Dilmar srellich nach, daß er sich während des Dahlkampfes als Agitator für die Hakenkreuzler de- tätigt hat. Wie würde dieser Am.sgerichtsrat wohl geurteilt haben, wenn der Hofgänger den Inspektor geschlagen hätte? Das Urteil des Arbett-genchts Insterburg ist geeignet, das Ver- trauen der Arbeiter zu den Arbeitsgerichten zu erschüttern. Im übrigen erscheint uns der Fall wichtig genug, daß sich der Justiz» minister umgehend mit ihm beschäftigt. Gezüchtete Arbeitslosigkeit. Enilaffung deutscher, EinsteNung ausländischer Arbeiter. Der christliche Landarbeiierverband hat eine Eingabe an den Reichstag gerichtet, die sich gegen die Beschäftigung von ausländischen Arbeitern und Arbeiinehmermnen in den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben wendet und außerdem ver- langt, daß in den östlichen Grenzgebieten die polizeiliche Aufsicht gegen die Einschmuggelung von polnischen Arbeitern verschärft wird. Die Eingabe zählt eine Anzahl Fälle aus, in denen von Guts- besitzern deutsche Landarbeiter entlassen und dafür polnische Arbeiter eingestellt worden sind: Die für st li che G u t s ve r w a l t u n g Baumgarten in Mecklenburg hat am S. Februar 1930 lk deutsche Arbeitskräfte mit der Begründung entlassen, daß ihr genügend polnische Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Der Gutsbesitzer Linke in Pobzig in Anhalt klagte gegen einen Arbeiter, der bei chm ein Menschenalter beschäftigt war, auf Räumung der Wohnung. In dem Klageantrag kommt folgender Satz vor:„Ich brauche die Wohnung für die am IS. April eintreffenden ausländischen Arbeiter.' Die Gutsverwaltung Alt-Mellenthin im Kreise Soldin entließ am 12. April 14 deutsche Arbeiter„wegen Arbeitsmangels': wenige Tag« vorher hatte das Gut 4 4 pol- nische Wanderarbeiter bekommen. Die Domänenoerwaltung Hof-Damm im Kreise Greifenhagen entließ«inen deutschen Landarbeiter infolge von Baulandabtretungen, obwohl auf der Domäne 16 Tschechen be. schäftigt werden. In Bernburg-Anhalt wurde ein d e u t s cher Landarbeiter wegen Arbeitsmangels am 13. Januar entlassen. Gleichzeitig fordert« der Gutsbesitzer für das Jahr 1939 S 0 P o l e n an. Am 16. September wurden vom Rittergutsbesitzer von de r O st e n, Schloß Penkun in Pommern, 7 deutsche Arbeiter wegen Mangels an Arbeit entlassen. Gleichzeitig wurden 2 3 aus- ländische Wanderarbeiter beschäftigt; genehmigt waren nur 25. Die Gutsbesitzerin Hela von Ziethen in Rodewitz in Pommern entließ am 8. September S deutsche Arbeitskräfte wegen Arbeitsmangels und beschäftigt« zur selben Zeit 17 aus- ländische Wanderarb ei ter. Diese Angaben können noch ergänzt werden durch die Fest- stellungen, die am 6. Oktober eine Kommission des ostpreußischen Landesarbeitsamts im Kreise Osterode gemacht hat. Dem Gut Stephenswalde waren 18 Ausländer genehmigt, abgenommen wurde keiner, dagegen ssnd dort 109 ausländische Arbeiter ille- g a l angenommen und beschäftigt worden. Dem Herrn General Hell, Londesverbandsvorsitzender der DeutschnotionalenBolkspartei.aufGroß-Grieben, waren 39 ausländische Arbeiter bewilligt worden. Der Herr General hatte aber nicht diese Arbeiter beschäftigt, fondern etwa 99 polnische Wanderarbeiter, die ihm illegal zugeführt worden waren. Als die Kommission auf dem Gut ankam, wurde ihr mitgeteilt, daß die Frau General mit den Polen imWaldeausgeschwärmt war. Ganz entsetzt spricht die Eingab« des christlichen Landarbeiter- Verbandes von„einem beschämendem Mangel an natio- nalem Sinn'. Dos Schriststück ist unterzeichnet von Franz B e h r e n s, der bis zum 14. September Reichstagsabgeordneier war, lang« Zeit der deutschnationalen Fraktion angehörte und sich erst nach dem Krach mit Hugenberg den Christlichsozialen angeschlossen hat. Wenn schon Herr Behrens, der doch sein«„natio- nalen' Freunde kennen dürfte, solche Feststellungen machen muß, wie muß es dann in diesen Kreisen aussehen! Leider fehlt aber in der Liste des Herrn Behrens der Fall des F id« i t o m m i ß b« si tzers Walter von Corswand, der als Spitzenkandidat der Nationalsozialisten in Poinmern Mitglied der nationalsozialistischen Reichstags- f r a t t i o n geworden ist. Dieser„national«' Mann hat zugeben müssen, daß er zahlreich«„f r e m d st ä m m i g e' Arbeiter beschäftigt, weil sie b i l l i g« r arbeiten als die deutschen. Zwar steht in dem nationalsozialistischen Programm, daß die Angehörigen fremder Nationen aus dem Reiche auszuweisen und icde weitere Einwanderung Nichtdeutscher zu verhindern sei. Der national- sozialistische Großgrundbesitzer und Reichstagsabgeordnete von Coro- wand hat aber offenbar nur deshalb die billigeren ausländischen Arbeiter beschäftigt, well er, wie er im März dieses Jahres im Pommerschen Provinziallandtag erklärt hat, für seine Person jährsich 49 090 Alark verbraucht. 'tAVV Erwerbslose kommen in Arbeit. Weil der Hamburger Staat die Arbeitszeit kürzt. Die Hamburger Staatliche Pressestelle teilt mit: In den Erörte- rungen über die Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit jpielt die Frage der Verkürzung der Arbeitszeit eins erhebliche Rolle Der Senat hat bei feinen Beratungen, wie der Arbeitslosigkeit außer durch Notstandsarbeiten und sonstigen Maßnahmen gesteuert werde» könne, diese» Problem eingehend geprüft. Er ist dabei zu der Usber- zeugung gekommen, daß eine Berkürzung der Arbeitszeit für die vom Hamburger Staate beschäftigten Arbeiter und die dadurch möglich werdenden Neueinstellungen ein geeignetes Mittel zur Berrninderung der Zahl der Arbeitslosen sind. Die in Frage kommend« Arbeiterorganisation hat diesen Gedankengängen zugestimmt und dem Senat ihr« Unterstützung bei der Durch- führung zugesagt. Auf Grund dieser Besprechungen hat deshalb der Senat angeordnet, daß mit Wirkung vom 4. Januar 1931 ab die Arbeitszeit für alle im Arbeitsverhältnis stehenden Beschäftigten in den sämtlichen Betrieben und Verwaltungen auf 4 4 Stunden für die Woche herabgejctzt wird, und daß für die dadurch frei- werdenden Lohnsummen und ersparten Wohlfahrtsunterstützungen Neueinstellungen erfolgen. Durch diese Anordnung des Senats wird es möglich sein, etwa 1599 Erwerbslose neu in Arbeit zu bringen. De» Rückgang der �GO. In den Askanio-Werten, Friedenau, Kaiserallee, war die RGO. obenauf. Bei den letzten Betriebsratswahlen hatte sie die überwiegende Mehrheit der Stimmen erhalten. Nun waren wieder Wahlen. Das Ergebnis sieht so aus: Freigewerlschaftliche Liste 145 Stimmen, 3 Mandate und ein Ersatzmairdal Bei der letzten Wahl 153 Stimmen. REO. 143(229) Stimmen, 3 Mandate. Nazis 45 Stimmen, 1 Mandat. Wie man sieht, ist ein Teil der NGO. zu den Nazis abmarschiert, was nicht sehr überrascht, ein Teil aber ist zu den freien Gewerk- schaften gestoßen. Während der Stimmenanteil der NGO. von rund 69 Prozent aus rund 43 Prozent sank, stieg der Anteil der freien Gewerkschaften trotz de- Rückganges der Belegschaft und der Nazis von 49 auf 43 Prozent._ Oer gute Ton. Wie er in der Naiional Nesiiflrierkassen GmbH beliebt ist. Die amerikanische National Regi st ri erlassen- Ge- feilsch oft. mit der wir uns in den letzten Monaten häufiger be- schäftigen mußten, legt offenbar Wert darauf, ihre angeblich„soziale Einstellung' der breiten Oeffenlllchkeit zur Kenntnis zu bringen. In den Fachzeitschriften des Einzelhandels und in der Provinz- und Dorortpresse erscheinen langatmige, offenbar von der Firma verfaßte Artikel, die das Arbeiterparadies bei der National Registrierkassen« Gesellschaft in den buntesten Farben schildern. Wahrscheinlich hofst man damit einen besonderen Eindruck auf die deutschen Interessenten für National Registrierkassen zu machen. In Wirklichkeit übertrifft die sozialreaktionäre Einstellung dieses Unternehmen vielfach aber die deutscher privatkapitalistischer Firmen um ein bedeutendes. Selbstverständlich hat auch die National Registrierkassen-Gesellschaft das wirtschaftliche Risiko des Krisenjahres 1939 durch rücksichtslosen Abbau der Arbeiter und An- gestellten auf diese abgewälzt. Die Zahl der Arbeiter wurde im Laus« des Jahres 1939 von 959 aus 589 Ende November, und die Zahl der Angestellten von 359 auf 289� vermindert, obwohl der Umsatz auch nicht annähernd im gleichen Ausmaß gesunken ist. Di« Perfonalpofitik liegt in den Händen eines Direktors Hahn, der beachtliche Unkenntnis der arbeitsrechtlichen Bestimmungen mit der Abneigung gegen segliche Art von Sentimatilität oerbindet. Man kann kaum glauben, daß die amerikanische Leitung diese Art von Personalpolitik billigt, die sich insbesondere in einer skrupellosen Er- schwerung der Amtsführung der. gesetzlichen Betriebsvertretung äußert. Dabei bedient sich Herr Hahn neuerdings Methoden, die wir bei deutschen Unternehmern noch nickst beobacktet haben. Bei Verhandlungen mit zur Entlassung gekommenen Angestellten hatte er die Frechheit, den Vorsitzenden des Betriebsrats als„gemeinen Strolch und Betrüger' zu bezeichnen. Herr Hahn wird sich deswegen vor Gericht zu verantworten haben. Aber da die National Registrier- tassen-Geftllschaft gern die Oesfentlichkeit für sich in Anspruch nimmt, ist es wohl am Platz, die etwas einseitige Retlame durch die Tatsachen zu vervollständigen. Schrittmacher der Razis. Die Schrittmacher der Nationalsozialisten sind die K o m mu- nisten. Einen neuen Beweis für diese Tatsache brachte die B e- triebsratswahl in der Stern-Woll-Spinnerei� Altona-Bahrenfeld. Die Nazis Hollen sich von 12 Sitzen 4. Triumphierend stellt die Nazipresse fest, ihr Erfolg sei um so be- achtlicher, als bei den letzten Wahlen die KPD. alle Sitze in ihre Hand bekommen habe. Diesmal habe sie angesichts der nationalsozialistischen Konkurrenz auf die Aufstellung von Kandidaten verzichtet. Wenn sie für die Nazis das Bett gewacht haben, empfehlen sich die kommunistischen Herrschaften. Holland ist ein wildes Land. Dort wollen die Bankiers keinen Lohnabbau. In Amsterdam haben die Bankiers von emer Hera b« fetzung der Gehälter der Bankbeamten Abstand ge- nommen. Die Bersammlung der Amsterdamer Bankierveremigung hat sich dazu auf die Initiative des Präsidenten V i s s e r u n g hin mit großer Mehrheit entschlossen. Vissering, der Präsident der Niederländischen Bank, bestrirt erstschieden, daß die Lage des nieder- ländischen Geldhandels eine Herabsetzung der Gehälter rechtfertig«. Schafft Arbeit für alle! Ein sinnentstellender Druckfehler hat sich in dem Artikel«Schafft Arbeit für alle!' in Nr. 693 des „Vorwärts'«ingeschlichen. Im 6. Absatz, 1. Spalte heißt es da: „Eine Senkung der Löhne, eine Verlängerung der Arbeitszelt des einzelnen führt naturgemäß zur K o n s u m v e r g e u d u n g.' Es Es muh natürlich heißen:«K o n s u m o e r e n g u n g". Der Streit des Personals der schweizerischen Speiscioagengesell- schast, der seit 19 Tagen im Gange war, ist am Sonnabend mit vollem Erfolg beendigt worden. Es kam zu eme-n Abschluß eines Gesamtarbeitsvertrages.zwischen der Eisen- bahnergewerkschast und der Gesellschaft. Heute wird der Normal« betrieb wieder aufgenommen._ HreieGetverkscha?ts-Luaend Berlin ) Morg.n, MorNaz, finden folgend« Veranstaltungen statt: Wedding- j>:.gendh«int 5urlncr(Ifie Lcistraste. Duntes?adrr sende.— Brifc: Cti>olis»eo gugcudtic'm(iTatdni»).-XUctblict— Äuodlick.— Urban: Iugendl>«:m Lodrccht» Elke Canderstrake. Kehr aus!— Weibcnfee: Jugend- heim Piftoriusfir. 14. Eing-. und Lisderadcnd.— Karten für die Iugendvor- ftiUuna der Volksbühne am 1. Januar ISZl»um Preise von 80 Pf. sind im Jug-ndsekre'ariat ,u haben.— Die Musilgruppc übt jeden Montag von 20 bi» 22 Uhr im Berdandshaus. Einsendungen für diese Rubrik sind Berlin SW 68, Ltubrnitrahe 3. parieinachnchien für Groß-Berlin stets an da» Brzirkssekretarial 2. Hai, 2 Treppen recht», zu richte». Parteigenossen! Zu Charlottenburger Abteilungen verireiben zwei Betitelet einet Chemnitzer Firma zur Zeit Lrouze-Plaketteu mit den Pild. uisseu Bebels uud Eberls.— Sie sollen dabei angegeben haben, daß der lleberschuß aus dem Erlös streikenden oder sonst sich in Tlol be- findlichen Formern zugute kommen soll.— Eine Anfrage beim Parlelvorstand ergab, daß dieser keinerlei Kenntnis von dem Unter. nehmen hat.— Auch eine Nachfrage bei der Ortsoerwaltung Berlin des Deutschen ZNetallarbeiler-Berbandes hat ebenfalls ergeben, daß von dort aus keine solche Aktion aufgezogen worden ist.— Die Ge- nassen werden deshalb dringend ersucht, keinerlei Orgauisations- stempel oder Unterschriften als Empfehlung für diese Sache zu geben. Unsere Funktionäre bitten wir weiter dringend, es unter allen Umständen abzulehnen, Adressen unserer ZNilglieder für diesen Zweck anzugeben. I. A.: Alex Pagets. * Für den verstorbenen Genossen Eduard David, dessen Leiche nach Mainz übergeführt werden wird, findet heute, Sonntag, 28. Dezember, 11 Uhr, auf dem Park- friedhof Lichterfelde-Süd eine Totenfeier statt. Genossen und Genossinnen, die daran teilnehmen, fahren mit den Straßenbahnlinien 71 und 177 unmittelbar biS zum Friedhof. Wannserbahn kann bis Lichterfclde-Wr/t benutzt werden. 2- 9. Ätei» Wilmersdorf. Bei in Trauerseier für den Genossen David in Lickker- selbe am Connkag um U Uhr nrtUfen Äreis» sowie Abtei» lungsbanner zur Stelle sein. 3. Abt. Montag, 20. Dezember, 10 Uhr, bei Borlik, Sebastianstr. S7, Ab- reckmung mit sämtlichen Bezirksführcrn. 39. und 31. Abt. Parteigenossen! Besucht die Weihnachtsfeier der Kindcrfreunde am Dienslag, dem SO. Dezember, im Eihnngsfool de» Bezirlsaintcs Dan- ziger Str. 0t. Näheres siehe unter«indcrfreunde. 33. Abt. Die Bczirksfllhrer rechnen heute, Sonntag, und morgen, Atontag. mit dem ltafssercr, Genossen Ben, ab. Marken, Bczirksführcrbllcher ssnd mitzubringen. Eventuell Bcrtrctcr schicken. SL Abt. Eharlottenbnrg. Montag, 20. Dezember, Abrechnung beim Genossen Arndt, auch müssen sämtliche Sammellisten abgeliefert werden. 74 K. und c. Abt. gehlen dorf. Heut«, Sonntag, Beteiligung der Mit- «lieber an der Totenfeier für den verstorbenen Genossen Eduard David. Troffen 0?l Uhr bei Schneider. Potsdamer Slr, 2ö. Dortsclbst Abmarsch plliiülich 10 Uhr zum Parksriedhof Lichterfelde. 83.Abt. Lichterfeld«. Alle Genossen beteiligen ssch an der Trauerfeier für den verstorbenen Genossen Dr. David um 10-% Uhr im Parkfricdhof Lichterfeldc. S 117. Abt. Lichtenberg. Sonnabend, 3. Januar, Jnbilarfeicr in»er»» � W ssestsälen. Rezitation, turnerische Vorführungen, Ansprache: Artnr EH (H Richter. Tanz. Eintritt S» Pf. Arbeitslose Genossen Eintritt srei. I [H starten find bei allen Funktionären zu haben. i M II, i i ir i i ZSö 128. Abt. Pankow-Süd. Montag, A. Dezember, 10 Uhr, Bezicksführer 20 Uhr, alle IZunktionärc bei stobcr, Berliner Slr. 8«. Frauenveranstaltung. bv�lbt. Montag. 20. Dezember, IS'ch Uhr. ssrauenabend bei Grimm. Boddin. strafi« 10—11. Ltchtbildervorirag:.Mutter oder Madonna". Bezirksausschuft für Zlrbeiterrvohlfahrt. «reisleiier, streisleiteriunen! Wir mache« darauf aufmerksam, daß wir in diesem Zahr lein« Gewinuansgabe baten. An folgenden Stellen gelangen die Gewinn« zur Aueaabe: Hauptausschnh für Arbeiterwohlsahrt, Abteilung Lotterie. Berlin, Hedemaunstr. 7, Kos pt. rrcht». Dscklapie, u. So., Berlin 0. 2. stSuigstr. 51. A. Molltug, Berlin 29. 9, Leunestr. 4.— Gewinn iisteo find ab 2. Zaeuar In alle» de» Stellen, die Los« zum Bertriet hatten, käuflich. Arbeitsgemeinschaft der üiaderfreunde Groß-Berlin. strek» streuzberg. Gruppe Dossertorstraß!. Unsere Weihnachtsfeier muß wegen Keimmangcl auf unbestimmte 3eit verschoben werden, ssllr Rot« ffcHen und Iungfalken ist am Dienstag, dem 80. Dezember,„Lustiges Jahresende". Anfang ION, Uhr. strei» Prenzlauer Berg. Gruppe Freiheit. Montag, 29. Dezember, 17 Uhr, bei Peuntinger, Erlifenhagener Str. 44, kurze Kelferbefprechung.— Dienstag, 39. Dezember, 20 Uhr, in, großen Saal de» Bezirk-amt«, Danziger Str.«4 (nicht im Altcrihoim), gemeinsame Weihnachtsscier. Programm: Mnfik. Re. zirationen, Ansprachen, Aufführung de» LSeihnachtsliede»:„Aufruhr zum Feste". Einrrjtt srei.« Sterbetafel der Groß- Berliner Partei- Organisation| 21. Abt. Unser lieber Genosse Gustav Behling, Malplaquetstr. 35. ist ver- storben. Ehre seinem Andenken. Die Einäscherung findet am Dienstag, dem 30. Dezember, 12 Uhr, im Krematorium Gerichtstraß« statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 129. Abt. Zsriedrlchrfelde. Unser Genosse Otto Schumann, striegerheimftr. 15, ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Genosse Schumann ist als ganz junger Mann sehr schwer kriegsbeschäoigt worden. Die Beerdigung findet am Diens- tag, dem 30. Dezember, IS Uhr, auf dem Semcindefriedhof in gehlendorf statt. Ehr« seinem Andenken. Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Verlio Sinsendunaen kür diese Rubrik nur a» das SugenMekreiaria� LerN» GW 68. �lndenüroüe 3 Abteiluuasleiter! Die neuen Ausweisiarten für KahrpreisermLß igung können im Büro abaeholt werden Heute. Sonntag. 2S. Dezember: Lankwiß! Schul« Schulftraße. 19 Uhr Weihnachtsfeier.— Lichterfeldc: Heim Lichterfelde-West. Albrechlstr. 14». Weihnachtsfeier, 18 Uhr.— Tegel: Helm Schönedcrger Straße. Bunter Abend. 18 Uhr. Morgen. Montag, 2g. Dezember. IS� Uhr: Ar»»«alde, Blaß lr Montag, lOZö Uhr, Tunktionärfißuna bei« Genossen Erler. Westen: Seim Gcnihiner Str. 17. Bunter Abend.„Unsere Gruvo-nväter erzählen."— isalkplag II: Schule Sonnenburger Str. 20.„Sexuelle Trage»", II. Teil.— Sharlottcnburg-Rord lAeNcre): Heim Olbersstraßc. Tagcspolitil.— Westend(Aelterc): Heim auf dem Sportplaß Westrad. Arbcitegemcinschoft.— Zohannisthal: Rathaus, Bunter Abend. Werbebezirl zirk Wedding: Tambourlapellc. Der Uebungsabcnd fällt aus. Nächster Uebungsabend 5. Januar. Zgerbebezirl Tempelhos: Weihnachtsfeier der stinderfrcunde um IS Uhr im „Ma-Li". Werbebezirl Neukölln: Probe des„Querschnitt" im Heim Rennet Straße um 19 Uhr. Erscheinen ist Pfliä!!.. Vortrage, Vereine undVersammlungen. __________ Uluaoerband der Werktätige»,«. B. Bezirksgruppe Neukölln- Britz. 7. Januar 1931 Generalversammlung. Neuwahl de» Vorstandes, stlienio ssestsäle, Hasenheid- 13-15, 20 Uhr» Bei funäen Frauen ist der seelische Zustand hiinstg tost monatlich wiederlehrend duich schlechten Stög- Wechsel und mangelnden Stuhlgang stark in Olli.leidrnichasl gezogl» und oer störper zu Unzulrtedenbeiten geneigt. Von Aerzien wlrd gemäß der Zusammensetzung Swiet'» Uaiverial-Tee als geeignet emp ohten. den Stoffwechsel günstig zu beeinflussen, den Studloang zu regeln Seit 50 Jahren in fast allen norddeutsch Apothelen ä RM. 150 käutltch. sonst durch unsere Bersand-Avotbete. Brot», ärztllche Gutachten gratis durch han, Amlel, Sh»m. Zabri», Berlin 9W. 68 V, Ulexandrineastr. 20», Theater, Lichtspiele usw. x-�j t�u/ I Tiql. 5 u. 819 Sonm. 2, 3 b. 3" Alex. E 4. 8066 I. Vorstellung 5» Pf. bis I M. II. und III. Vorst. I bis Z M. 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Echwlegervaier, ivrudet Schwager und Drcßvaler Kll8tsv Ledliiig m. im Aller Don 67 Jahren. Im Namen der H!nterbliet,enen Guitav and Franz Behilna als Söhne. Die Sinä'tfiming findet am D ena. taa.dem M.Dezemder.mlllaqs I2Udr. im Kremdiorinm Get:chtllr.37/ 8 lia> SMKkSI! i* ��b��K&rngef.S.S �.£0,2.40 Daunen- Qbarbett- it 5C aus erster Hand Urea« 0.90,>.73, 0,60 Weih 5.-, 4,-,3.5v, I.vo Uienn 9—, 7.—, 4.— Obortott gtlüHl>2., 9.sC, 7 J•. 6.00 und andere Sorten in große, Auswahl Oaupfreinijann für unssre RuaJcn rntis. SACHSEL& STADLER BOhmlsmes BclCudeni-Siiailai-vaas C.2, LandsbrrpcrStr.43/», IltaeAleuodirr!. iii-liaiaii ao La-e, weiiD�iT-.staiMLeBioR�aj en leder Art. Angeb. u Prosp. kos em. Gebr.AdieiiI}a(liG.ffl.l).H.>Wef(i nao Stf.ö Eisen- und Wollblechwerke- Postfach£8» Unserer heutigen Auslage liegt e n Pro pett der Berti r Spraduchalc G m. h. H. Berlin WS., Lcipzlgei Str. 123 a, bei. woraus wir unsere Leser besouber» hinweisen. 7tt. 606• it. Iahrgaxg tOClft� Sonntag. 28. vez«nb«k i930 War ie Motorkor a: Alt? �ÜNckFAUNA Cin Stückchen hinter dem Dorfe deht sich ein verlassener Lehm- bruch ans. Schon längst brannten sie keine Ziegel mehr dort, nur der Abhang mit Ken großen Löchern ist geblieben. Diese Lehmbruch. stellen sahen ewig nackt und kahl aus, sie leuchteten gelb in die Weite und niemals sproßte etwas Grünes darauf. Und unter dem Hügel stand ein« Hütte, die zur Holste in den Abhang hineingedrückt war, so daß es möglich war, vom Abhang direkt auf das schief«, wellen- förmig gebogene Dach h«rabzulaus«n. I» dieser Hütte wechselten die Bewohner beständig, obwohl der Zins sehr niedrig war. Und unfreundlich war sie, düster und kalt. Eine feuchte Kühle atmet« aus ihr, wenn mau vorüberging, gleichgültig, ob«s im Winter oder im Sommer war. Sie war aus Sandsteinquadern erbaut, ständig feucht und zu zwei Dritteln mit Wasser oollgejogen. Stets wohnten arme Leute da. so arm, daß sie nicht einmal einen Vorhang beim Fensler besaßen. Sie empfanden auch gar nicht das Bs- dürfnis, die Fenster zu verhüllen, und so war es möglich, ihre arme Häuslichkeit vollauf wahrzunehmen. Doch niemand hielt sich dort lange auf. Die feucht« Kühle vertrieb jedermann von da. Und einmal zogen hier wieder arme Leute«in. Ein Mann mit seiner Frau und einer Greisin. Dies« Leute brachten sogar eine kleine Ziege mit: sie war bräunlich und hatte einen schwärzlichen Rücken, wie ein Reh sah sie aus. Wie sie sie an unseren Fenstern norüberführten, trieben sie sie ermunternd an: komm doch. Kleine, du gehst doch nach Hause— aber die klein« Ziege wollte nicht. St« sah sich beständig um. Die Leute— sie waren wohl arbeitssam und wollten in ihrer Armut ein wenig halbwegs leben— die Leute iwchttn wohl, daß sie das Häuschen verschönern werden. Am freien Sonntag weißten fieck es. und unten niolten sie es mit einem schwarzen Rande an. Sie reinigten die alten Fenster, daß sie bloß so glänzten, die jung« Frau hängte«inen kleinen Vorhang mit einem gestärkten Saum auf, in der Mitte hefestigte sie eine kleine Papierrose— und alles sah schon fröhlicher aus. Die Kinder liefen in die Lehmgrube, um hier zu spielen-- und gleich schlössen sie Freundschaft. Die junge Frau war für si« die Tante, die alte Frau die Großmutter. Und alle hatten«inander gern. Sie hingen aneinander mit der Liebe der Armen. Unier den Kindern njar ein hübsches, blauäugiges Mädelchen mit einem fast weißlichen Haarzöpschen. Man nannte sie Iozena. Und die hatte die Großmutter am liebsten. Jeden Mittag schenkte sie ihr ein kleines Blechtüpselchen voll frisch gemolkener Ziegenmilch. Und die Wangen des kleinen Mädels wurden ober auch dick. Und kauni daß es Mittag war, war die Kleine auch schon im Stäbchen, beständig schwatzt« sie, stampfte unruhig, erklärte und wartete auf ihr Blechtiipfelchen. Und wie sie so einmal ins Zimmerchen tritt, da bemerkt sie, daß das Stäbchen leer ist, die Tante fitzt nicht wie sonst beim Fenster und fädelt auch kein« Korallen. Auf dem Tische ist heute ein rosafarbiges Tischtuch ausgebreitet, und so etwas geschieht nur an großen Feiertagen. Damuf steht ein kleines Glas, in dem ein grüner Zweig, den man draußen zufällig gepflückt hat, freundlich herauslugt. Als ob man einen Gast erwarten wurde. Iozena dreht sich nach allen Ecken um. und siehe da: es ist doch jemand hier. In der Ecke ist dos Bett aufgebettet. Iozena läßt wie gewöhnlich ihr Zünglein los— sie hat nämlich ein keckes Mund- chen— aber die Großmutter weist sie zur Ruhe:„Komm, ich will dir etwas zeigen'. Und si« führt sie in den dunklen Winkel, zum Bette. Sie hebt sie in die Höhe:„Siehst du? Wir haben ein Kindchen'. Iozena starrt mit offenem Munde drein, sie ist keines Wortes mächtig. Si« schaut mit Derwunderung auf das kleine schlafende Kindchen mit den kleinen Armen und geballten Fäusten. Sie schaut «z genauest an, und dann gipselt die Summe all ihrer Beobachtun« gen in dem Ausruf«:„Es hat ein hübsches Häubchen, nicht wahr, Großmutter?' „Und mit einer Spitze, nicht wahr?" Die junge Mutter blickt das Kindchen und die Großmutter an und bemerkt, daß sie beide gleich freudige Augen haben, daß beiden gleiche Flammen in den Augen glühen. „Es wird glücklich sein, weil es ein Kund zuerst begrüßt hat', flüstert die Greisin wie im Gebete, das Baby nicht aus den Augen lassend. Iozena geht langsam, zögernd fort. Kaum hat sie die Schwell« überschritten, als si« wahrnimmt, daß Fannchen von unten heraufsteigt. Es ist noch ein Stück Weges zu ihr, doch das tut nichts. „Rasch, rasch, komm doch rasch dir etwas ansehen.' Sie läuft ibr entgegen, sie kommen zurück, und wie sie näherkommen, werden ibre Schritte rascher. Di« Großmutter jährt die neuen Gäste her- ein und zeigt ihnen das Kindchen. Rachznittag kommt die Türe gar nicht in Ruhe. Der Lehm- bruch ist verlassen, dafür aber ist das Stäbchen mit Kindern voll. Jedes bemerkt an dem Kindchen etwas anderes Schönes: nur eines verdrießt sie, daß das Kleine beständig schlummert. Ja, si« möchten es doch so gern« ein bißchen hin- und herhutschen. Cs ist ein Büblein. Aber das Hot wirklich nichts zu sagen. „Wir werden mit ihm spielen, nicht wahr, Großmiitterchen?" „Ich werde ihm den Ball leihen und er wird ihn herumkollern." „Das werde ich auch tun--* „Und bis Mutti Kartoffelsterz backen wird, werde Ich ihm da- van aeben.' „Ja, und Bater wird ihn mit dem Pferde mitnehmen." „Schläft er noch immer, Großmutter?" „Ja, und sprecht nicht so laut und seid ein bißchen ruhig." „Großmutter, und spricht er schon ein bißchen, wie unsere Manka?" „Was fällt dir denn ein", lächelte die Ali«,„er ist doch noch so winzig klein. Wir müssen es Ihm doch erst lehren." „Nun ia". klügelt Vlasta,„er ist beinah« wie unser Annerl, er spekuliert auch nach, natürlich." „Und die Tante steht gar nicht aus", meint eines der Kinder. „ist sie denn krank?' „Bist du aber dumm", meint« jetzt Vlasta drauf,„weißt du denn « nicht, dos; sich das Bübchen allein fürchten würde? Nicht wahr, Großmütterchen? Es möchte schreien. Ich schlafe auch mit der Mutti, ich halte sie bei der Hand, so drücke ich die Hand an mich und fürchte mich dann nicht. So." „Und ich auch.' „Und ich auch.' „Unsere Mutti fchläst mit d«r Stauda. Ich mit dem Barer, das ist besser. Der spielt mit mir Pserdchen und wirst mich bis zur Decke hoch", erzählt jetzt Karli.„Das kann die Mutti nicht." „Aber unser Vati kann das auch." „And meiner kann nach viel mehr.' 'W.>".-nUrVi'''tKV■ Di« Mutter des Kindchens ist über die unschuldig« Reinheit der Kinder zu Tränen gerührt,«in leichtes Rot steigt ihr auf die bleichen Wangen und ihre matten Augen glänzen träumerisch vor sich hin. Wie viel- Male hat die Alte die Kinder schon aus der Stube ge- wiesen, aber die Mutter hält sie davon ab. Es erfüllt sie mit einem unaussprechlichen Glück, daß die Kinder ihr kleines Bübchen lieb haben. Als sie endlich gehen, versprechen sie wieder:„Und morgen kommen wir es uns wieder ansehen". Und jetzt fliegt die Kund« durch das ganze Dorf. Die Laich- straße wird von dem Stampfen der Kiichersüh« munter, nach rechts, nach links, über den Hang und bis zum Bache fliegt die Botschaft. In alle Hütten dringt die Verkündigung: heute ward ein Mensch geboren... lPeriHtizt« lleberskßnns ren I. 3lti«nta«n.i Äa» Aller des ZKuUurmenfchen In welcher Zeit der Erdgeschichte hat der Mensch die erste Kultur angenommen? Mit dieser Frage beschäftigte sich der de- rühmte englische Archäologe Prof. A. H. Sayce in einem Vortrag. Dabei betonte er, daß die neuesten Entdeckungen alle Theorien der früheren Geschichtsforschung über den Hausen geworfen haben. Während man früher den Beginn der Kultur eng mit der schriftlichen Ueberlieferung verknüpft«, hat sich jetzt gezeigt, daß bereits Jahrtausende vor dem Auftreten der Schrift der Mensch seine größte Erfindung, die Sprache, gemacht l)at, daß«r schon damals «in Künstler ersten Ranges war. Grabungen in dem Rift- Tal in der afrikanischen Kenja-Kolonie offenbarten«ine gewisse Kulturhöhe, die den Gebrauch des Feuers und die Kunst der Töpferei kannte, in der zweiten größeren Regenperiode, die man gewöhnlich mit den beiden frühesten Eiszeiten Europas gleichsetzt. Hier erscheint also schon in ferner Vorzeit menschliche Kultur, und so hat die Archäologie ähnlich wie die Geologie die allmähliche Entfaltung des Menschen- geistes in den langen Zeiträumen nachgewiesen. Prof. Sayce sprach von einem Erlebnis, das er vor mehr als 30 Jahren hatte, als er eine archäologische Ilntersuchcing des Sandsteingebietes von Geb ei- es- SiCfilci in Oberägypten vornahm. Da die Ingenieure für einen zu errichtendem Nildamm die Steine zu benutzen wünschten, sollte erst festgestellt werden, ob sich hier nicht wichtige Uebcrreft« der Ver» gangenheii vorfänden. Einige Kilometer nördlich von dem Gebel fand sich ein ausgetrocknetes Flußtal am westlichen Nilufer, in dem einst Fluten geströmt waren, als in dem Regenzeitalter die Sahara noch mit dichten Wäldern bedeckt war. In der Mitte des Tales stand ein hoher Sandsteinblock, der von dem darübergelegenen Plateau hcruntergewoschen war und an dem sich in zwei Drittel Höhe eine Hochwassermarke des alten Flusses bejand. Darüber war der Fels mit Zeichnungen von Elefanten, Giraffen und Straußen bedeckt, Tieren, die nicht mehr in Aegypten vorkamen, als die Hieroglyphenschrist zuerst bekannt wurde. Die Umrisse waren mit Feuersieinwerkzeugen gemacht, von denen sich einige am Fuß« des Blockes fanden. Ueber den Zeichnungen aber standen Hieroglyphen au» der Zeit der 11. Dynastie zwischen MX» und SEX» v, Chr. Die Inschrift sah so frisch aus, wie wenn sie gestern«ingemeißelt wäre, während die vorgeschichtlichen Bilder blasser und verwaschen waren. So stellte sich im anschaulichen Gegensatz die ungeheure Zeitspanne dar, die zwischen den verschiedenen Einritzungen auf diesem Stein vergangen war. Unter der ägyptischen Stufenpyramide von Sakkara, die für die älteft« der Pyramiden gilt, hat man jetzt«inen Komplex von Ge- bänden freigelegt, der im Nilland« einzigartig dasteht. Man fand hier eine Bibliothek, Vorratsmagazine, Gräber und Tempel, von einer 17 Meter dicken Mauer umgeben. Die Maurerarbeit gehört« zu den vollendetsten in ganz Aegypten und schien«her einem modernen Haufe zu entstammen als einem so viele Jahrtausende zurückliegenden Bau; die kannelierten Säulen wiesen bereits auf den ionischen Stil der griechischen Kunst hin. Architektur, Kunst, die Glasur der Ziegel und vieles andere deuteten auf eine Entwicklung durch viel« Jahrhunderte hin, die dieser Periode der Vollendung vorausgegangen fein mußte. Auch die hieroglyphlschen Inschriften wiesen auf«ine fern« Vergangenheit hin, in der die Schrift entstanden sein mußte. Vor einigen Iahren entdeckte Sir Flinders Petrie bei seiner Untersuchung der großen Pyramide, daß di« riesigen Granit- blocke bereits mit dem Drillbohrer bearbeitet waren, der dann erst bei der Anlage des Moni Eenis-Tunnels wieder in ähnlicher Weise verwendet wurde. Hat man so die Geschichte des Nillandes um viele Jahrtausende «rweitert, so ist dasselbe in noch erstaunlicherem Maße bei Babylonien der Fall. Früher galt das alt« Babylonien, mochte es nun sumerisch oder semitisch sein, für künstlensch unbedeutend und unentwickelt: man hielt die Bewohner für Geschäfts- und Handels- lent«, die den Bank- und Handelsverkehr in die Wege geleitet hatten. Wer die von Woalley zu Ur ausgegrabenen Gräber und Tempel haben«ine außerordentlich« Hohe der künstlerischen Kultur im alten Babylon enthüllt. Manch« der mit Intarsien geschmückten Kunst- werke schienen«her der europäischen Welt von heut« als der orientalischen Welt von einst anzugehören, und dach stammen diese Gräber und ihre Inhalte eher aus dem vorgeschichtlichen als aus dem geschichtlichen Babylon. Ein ausgebreiteter Handel wurde durch diese Funde offenbart. Das Gold kam wahrscheinlich von den Küsten des Perfischen Golfes, das Silber wohl, wie das der 6. ägyptischen Dynastie, aus den Bergwerken des Taurus, während der Lapislazuli aus dem nordwestlichen Indien stammt«. In Indien haben die Grabungen von Nohenjo-daro in Sind und von Harappa in Pendschab ein« vorgeschichtliche Kultur enthüllt, die in enger Der- bindung mit der von Elam und dem sumerischen Babylon stand. Die bemalten Töpfereien, die Intarsien aus Perlmutter und Elfen- bein, sogar die Entwässerungsanlagen wiesen auf Babylonien hin, und Hundert« von Siegeln bewiesen den lebhasten Handel zwischen Nordwestindien und dem westlichen Asien. Die Kunst der Griechen ist ebenfalls in ihren frühen Ursprüngen im Minoischen und Myke- nischen Zeitalter erkannt worden, und ebenso hat man im nördlichen Europa auf hohe Kulturformen in ältesten vorgeschichtlichen Zeiten hingewiesen. So sind also nach diesen neuen Erkenntnissen 1000 Jahre nur ein Tag im Leben des Kulturmenschen. 3>as Sin ZKenner über den„großen Diönig' Fast zur gleichen Zeit eine neue Veröffentlichung wie der letzte Fridericusfilm erschien des bekannten Historikers Werner Hcgemann:„Jugendbuch vom Großen König" bei Jacob Hegner in Hellerau. Dieses Buch, in einer Zeit wilder Massenbetörung geschrieben, ist durch seine klar« Vernunft und unbeirrbare Wahrheitsliebe besonders bemerkenswert. Hegemann, der in seinen früheren Werken über Friedrich II. geflissentlich das Beiwort„der Große" vermieden hat, schreibt diesmal über ihn, als wäre er bereit, die behauptete Größe des Preußenkönigs ebenso anzuerkennen, wie es dessen Freunde tun. Er eifert nicht, er stellt keine Behauptungen seinerseits auf, er läßt nur die nackten Tat- sadien reden. Aber aus dieser Tendenzlosigkeit ergibt sich ein Bild, das in erschreckender Weise dem des edlen' Film- und Volkshclden gegenübersteht. Wer heute eine Charakterdarstellung unternimmt, deckt vor allem die Zusammenhänge auf, die den Dargestellten mit seiner Umwelt verbinden. Wer waren die Eltern des Helden? Bekannt ist der Gegensatz Friedrichs zu feinem Vater, der, obwohl ein Wüterich, immerhin als Organisator große Schätzung genießt. Aus der Schilderung Lzegemanns, die lediglich auf zeitgenössischen Berichten fußt, ergibt sich das Bild eines Geisteskranken, der an periodischen Verfolgungsideen und Wutansällen litt. Ein Fresser, der außer sonstigen schweren Lieblingsgerichten 100 Austern auf einmal vertilgt, Säufer, Liebhaber unflätigster Scherze, Prügel- profoß, Menschenräuber, dessen größtes Verdienst die Unterhaltung eines Heeres ist, die vier Fünftel der Staatseinnahmen verschlingt. Die Mutter gleichfalls von Verfolgungswahn befallen. Dieses be- trübende Milieu wird dadurch noch interessanter, daß die Kinder im trauten Verein mit der Mutter den Vater und Gatten bespitzeln. Der dreizehnjährige, frühreise Kronprinz nimmt bereits Bestechungs- gelder vom französischen Gesandten, später abwechselnd von England und vom deutschen Kaiser. Cr entwickelt o»s diesem Gebiet erstaun- liche Fähigkeiten, indem er seine Schulden den Fremden gegenüber viel höher angibt, als sie in Wirklichkeit sind. Der Vater, der in hellen Augenblicken einen Einblick in die bezaubernde Wirklichkeit dieses Familienlebens gewinnt, rächt sich durch unmenschliche Prügel. Das Rührstück der preußischen Historie ist die Flucht des jungen Kronprinzen, angeblich infolge der barborischen Behandlung durch seinen Vater. Hegemann weist nach, daß der Prinz von Kindheit an Freiheiten genossen hat, wie wenig andere Fürstenkinder So wurde beispielsweise der Lehrer vom König oerprügelt, weil er es wagte, Ansprüche an den Fleiß des Schülers zu stellen: so durfte der Sechzehnjährige bereits die Lieb« in vollen Zügen genießen. Wer als der betriebsame Prinz, der den Tod des verhaßten Daters nicht erwarten könnt«, der bezahlte Spion und Verräter, sich zur Flucht anschickte, da suchte der Vater in seiner hemmungslosen Gemütsart auf entsprechende Weise die empfangene Kindesliebe zu vergelten. Was waren nun die Verdienste des Kronprinzen, die ihn zum Abgalt eines Teils der Deutschen stempelten? Es wäre begreiflich. wenn die nationale Begeisterung sich einen naüonal gesinnten Helden erwählt hätte. Der Held Friedrich war der Feind des Deutschtums in jeder Hinsicht. Unfähig, auch nur einen Satz deutsch richtig zu sprechen, zeigte er dem Deutschtum in allen seinen Auswirkungen, in Politik. Wissenschaft, Dichtung. Jlunst«ine grenzenlose Verach- tung. Freund und Nochäsfer der Franzosen, paktierte er vom drei- zehnten Jahre an mit den Franzofen gegen den deutschen Vater, durchaus gegen den Willen seines Vaters, der den Bürgerkrieg verabscheute. Hegemann stellt Friedrich den wahren deutschen Helden gegenüber: Prinz Eugen, von dem er sagt:„Für einen politisch denkenden Deutschen ist es schwer, die Gestott Prinz Eugens zu betrachteil, ohne stets auf neue von Bewunderung, Dankbarkeit, Liebe und Trauer ergriffen zu werden." Während man in Wien bemüht war, das Deutschtum von der flandrischen Küste bis zum Balkan zu wahren, sucht« Friedrich, getreu dem Vor- biß seines Urahnen, des„Großen Kurfürsten". Uandern und Lothringen als Gegengabe für Schlesien zu verschachern. Noch war Friedrichs endgültig« Stellungnahme nicht entschieden, noch zahlte der deutsche Kaiser an den Kronprinzen und seine Schwester Wil- helmine 4000 Dukaten Bestechungsgelder jährlich. Im Gegensatz zum Thronerben rieten alle Offiziere dem König die kaiserliche Partei allen anderen Allianzen vorzuziehen. Der Verfasser meint:„Viel- leicht war damals das rcichsdcutsche Empfinden im preußischen Osfizierkorps noch nicht ganz erloschen." Friedrich sei unsauber, sagte der Vater von ihm, er wolle nicht mit Deutschen, nur mit Welschen sprechen. Er hat den Ton der diplomatischen Lüge erfaßt, die man auch dann ausspricht, wenn man weiß, daß man nienianben betrügt." Er war als Prinz geckenhaft oberflächlich, ruhmsüchtig, treulos. Hegemann, der schon in früheren Büchern das Heldentum Friedrichs kritisch zerpflückt hat, zeigt ihn als schlechten Verwalter, dessen Reformen meist nur auf dem Papier standen, als Unterdrücker des Volkes zugunsten eines unkultivierten frechen' Adels, ja als Urheber der schwersten, unstre Gegenwart noch drückenden Nachteile. Die Rückständigkeit unserer Landwirtschaft mit ihren zum Teil veralteten Methoden, die uns zjir Abhängigkeit vom Ausland« zwingt und Milliarden der Volkswirtschaft entzieht, ist die Folge einer Politik, die aus den Bauern Sklaven gemocht hat. An Sauberkeit und Hygiene steht laut amt- lichem Bericht beispielsweise die Milchwirtschaft weit hinter der anderer Länder zurück. Friedrichs Kriege haben nicht mir die Sied- Jung nach den, Osten verhindert, sie haben das Land verheert, die 'Kultur untergraben. Als Lehrer wurden auf dem Lande und in den kleinen Städten Unwissende Invaliden angestellt, deren Hunger- lohn zugleich ihre Kriegsentschädigung war. Und Friedrichs so viel gerühmte künstlerische Leistungen, so fragt der Architekt Hegcmann? Ein Barock, das schon zur damaligen Zeit veraltet war, ein Hinaus- schleudern ungeheurer Summen, von deren Rente allein die In- validen hallen leben können, für leere Spielereien, für dos Neue Palais in Potsdam. Hegsmann wollte einen Helden zeichnen. Seine Darstellung wurde das Charakterbild eines Mensch«», von dem der deutsche Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt sagt:„Wir Teutschen, wenn wir uns als Volk ansehen, haben uns dieses Königs wenig zu erfreuen gehabt, ja keine? hat uns so geschadet, nicht bloß scheinbar, sondern wirklich. Ich muß so harte Anklage» beweisen und will es." Hegcmann hat mit unermüdlichem Fleiß und kritischer Forschcrgabe diesen Beweis zu Ende geführt. ?»u1 GutmaruL Wülfel der Sahara Di« große Wüste Sahora mit etwa S Millionen Quadratkilometer Fläche ist nicht völlig unbewohnt. Außer den zahlreichen kleinen Oasen, die durch zutage tretendes süßes Grundwasser entstehen, sind einzelne Bezirke regelrecht bewohnt. Freilich handelt es sich nur um wenige Zehntausende, die wirklich abgeschlossen in grünen Enklaven der Wüst« wohnen. Die Sahara hat alle Arten Ucbsrgänge von der ödesten Sandwüste bis über harter Salzsteppe, grünender „Kramkram'-Weide hin zur dürren Weide für Giraffen und wilde Eselherden Die Sahara zeigt tiefe Stellen, die unter IVO Meter Meereshöhe liegen(weitere Tiefen und sogar Depressionen unter dem Meeresspiegel sind möglich, aber nicht sicher bekannt) und sie zeigt Erhebungen bis über 3(XX) Meter. Frankreich hat 1922 durch die Reife der Eitroen-Automobile quer durch die Sahara gezeigt, daß es sich nun— da es am Rhein gesättigt ist— dorthin wend-n wolle, wo es schon der gute alte Leibnitz vorsorglich hinweisen wollte: nach Airika. Jedes Jahr bringt neue afrikanische Unternehmungen, neue Pläne. Man erinnert sich des Projekts der Saharabahn. Einflußreich« Kreise be- günstigen es. Eine Bahn durch 3(50C Kilometer Wüste nach einem äußerst armen und dünn bevölkerten chinterland� zu bauen, hat zwar keinen wirtschaftlichen Sinn— aber es ist machtpolitisch ein an- genehmer Kitzel für die französischen Militärs. Man kann erwarten, daß dann einmal im Monat ein Zug von Algier nach Goa am Niger gehen wird... Noch ist es nicht so weit. Möglich scheint, daß die Entwicklung der Autotechnik dem Bahnmärchen ein Ende bereitet. Jetzt geht Frankreich daran, ein« Reih« oon Automobilexpedttionen auszu- rüsten, die der Erjorschung der Sahara dienen sollen. Es erscheint als möglich, daß man durch Ausgrabungen etwas über die Bor- geschichte der Wüste ersährt. Die Sahara war ja vor etwa 10 000 Jahren noch kein« Wüste, möglicherweise ist durch die Der- sandung dort«me unbekannte vorgeschichtliche— vielleicht auch sehr wichtige— Kultur verschwunden. Man will Ausgrabungen auf dem Hoggarplateau vornehmen, alte Handelsstraßen und alte Flußläuje ersorschen. Gerade der Hoggar hat die Aufmerkfamkett Frankreichs besonders erregt, well er sich— südlich vom Wendekreis gelegen— wie ein« Insel aus der Wüste erhebt und wegen des Reichtums an Quellen die Möglichkett einer allgemeuren Aufforstung und sogar Besiedlung nach«uro- päischem Muster zu ergeben scheint. Das ist zwar nur ein be- scheidener Tell, etwa 10 000 Quadratkilometer— zwei Drittel von Elsaß-Lothringen. Allein ähnliche Berhältnisie scheinen auch andere Wüstenplateauz auszuweisen, so das Gebirge Tafsilis und etwa noch «in halbes Dutzend Gcbirgsstöcke zwischen Algier und dem Hoggar, die vom Typ der Wüste Sahara erheblich abweichen. Das alles soll also nun eingehend untersucht und geklärt werden. Es ist auch oirklich blamabel, daß Europa so lange gezögert hat, diese vor seinen Toren liegenden völlig unbekannten Gebiete zu erforschen Der eneigl« Lcjer möge einmal einen Handatlas zu Rate ziehen, sich die eißen Flächen der Sahara ansehe» und dabei der vielen trostlosen olarexpeoitionen gedenken. Hier, in oen Inseln der großen Wüste, enige Tagesreijen vom Mittelmeer, liegen verheißungsvoll« Ge- iete, die sowohl für künftige Besiedlung wie auch für vorgeschichtliche ätudien recht interesiant werden können. Wieviel Sinne hat derWlenSch? Ton 3>rof. A. tPUUer Die Antwort auf die Frage, wie viele Sinn« der Mensch hat, lernten wir zuerst in der Volksschule und im Sprichwort: Der Mensch hat süns Sinne: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Gefühl. Diese althergebrachte Emtellung ist yon den Körperteilen abgeleitet, die Sinnesorgane beherbergen: Auge, Ohr, Rase, Zunge und Haut. Die Physiologie hat sich lange mit ihr zufrieden gegeben, aber endlich erwies sich dieses Einteilungsschema doch als ungenügend. Es stellte sich heraus, daß mindestens drei verschiedene Arten oon Sinnesorganen in der Haut gelegen sind. Zunächst Sinnesorgane, die die Empfindung der einfachen Berührung vermitteln, die Organe des Tastsinns; ferner Sinnesorgane, die stechende Empfindungen vermitteln, die Organe des Schmerzsinnes, oder wie wir heute viel- leicht bester sagen, des„Stichsinnes*, und endlich Organe eines Zinnes für die Temperatur. Meist nimmt man heute an, daß sogar zwei verschiedene Sinne zum Erkennen der Temperatur dienen, ein Kältestnn und ein Wärmesinn. Diese Anschauung gründet sich auf die Beobachlungstatsache, daß es in unserer Haut eng umgrenzt« Bunkte gibt, die bei Berührung mit einem warmen Körper leicht die Empfindung„warm* geben. andere, die ebenso leicht bei Berührung mit einem kalten Gegen- stand„kalt* vermitteln, während die„Källepunkte* nicht aus Wärme. die„Wärmepunkte* nicht auf Kälte ansprechen. Eine weitere Bereicherung erfuhr die Zahl der bekannten Sinne durch die Entdeckung, daß ein Teil des inneren Ohrs nicht dem Hören dient, sondern Empfindungen vermittelt, wie sie bei de- schleunigten Bewegungen des Kopfes oder des ganzen Körpers auftreten und am deutlichsten zur Wahrnehmung gelangen, wenn nach einer Anzahl rascher Umdrehungen um die Längsachse des Körpers die Bewegung rasch angehalten wird. Es tritt dann die Empfindung des Drehschwindels ein, die sich ebensowenig wie irgend- eine andere Sinnesempfindung mit Worten beschreiben läßt, die aber jedem Menschen bekannt ist und die sich jeder leicht ver- schaffen kann, wenn er sich einige Mal« rasch aus seinem Absatz herumdreht. Da für diesen Sinn ein besonderes Sinneeorgan in dem sogenannten Bogengangsapparat des inneren Ohres erkannt wurde, so war das Prinzip» der Einteilung der Sinne nach den Organen, die sie vermitteln, nicht durchbrochen. Wenn wir nun als Physiologen fragen: Was ist denn das Auge für ein Sinnesorgan?, so könnte man antworten: Das Auge ist das Sinnesorgan, mit besten Hilfe wir Licht und Farben emp- finden. Die Physik lehrt, daß„Licht*, ungefärbtes wie gefärbtes Licht, aus elektromagnetischen Schwingungen besteht. Wir könnten also sagen, das Auge ist ein Sinnesorgan für elektromagnetisch« Schwingungen und könnten oersuchen, in entsprechender Weise auch die übrigen Sinnesorgan« nach den Einwirkungen einzuteilen, die sie in Tätigkeit setzen. Das Ohr wäre dann das Organ, das nur die Kenntnis der rhythmischen Schwingungen der Luft vermittelt, aus denen— wie die Physik lehrt— die Töne wie die Geräusche bestehen. Einer solchen Einteilung stellen sich aber ganz eigenartige Schwierigkeiten entgegen, die nur bald zu der Einsicht führen, daß eine Einteilung der Sinne nach den äußeren Einwirkungen, die die •Das �eflamenl von Hblana Ton Jofef Schrcadron Räch dem großartigen Begräbnis des Bürgermeisters von ..ulana, der schönen Stadt an der Sawe, wurde das Testament diese- weltbekannten Stadtoberhauptes, des reichsten Mannes der Gemeinde. eröffnet und vorgelesen: „Dieses ist mein letzter Wille. Er soll bestehen, wie er nach den Formen des Testamentes am besten bestehen kann. Was mit meinem beweglichen, und unbeweglichen Vermögen geschehen soll, ist ganz unten, am Ende dieses Testamentes, gesagt. Fünfzig Jahre habe ich unter euch gelebt. Hochgeschätzt und verehrt. Also wartet! Erst eine andere Frage. Wer war ich? Meine Geschichte in dieser Stadt, zu deren würdigstem Oberhaupt ich schließlich erkoren wurde, beginnt im Jahre 1870. Das Jahr d.s großen Erdbebens. Damals war ich zwanzig Jahr« all. Arbeitslos. Ein Wanderer. Woher? Wohin? Gleich dunkel. Ich ging oon Haus zu Haus. Nichts. Hier und dort eine Grobheit. Hunger. Källe. Ein Bettler. Vom Arbeitslosen arbellsscheu. Nächtelang trieb ich mich in der Novigradcr Gaste herum. Dort war die all« Gemeindesparkaste. Etwas trieb mich her. Endlich schllch ich mich ein. Die Nacht über blieb ich in meinem Versteck im Keller. Im Morgengrauen durchsägte ich den vergitterten Eingang zum kleinen Panzerraum. Draußen pfiff der Föhn. Meine Blendlaterne gab mir schwaches Licht. Nach kaum 'einer Stunde hatte ich die große Kaste angebohrt. Brett, wie meine Hand. Der erste Griff faßte«in Paket mit hundert Stück blauen Tausendern. Der zweite eine Handvoll Dukaten. Alles schob ich in die Taschen meines zerlumpten Rockes. Plötzlich heulle der Sturm auf. Donnerkrachen. Alles schwankte. Die Eisenwänd« bogen sich. Das Haus trachte und kreischte über mir. Ich stand auf dem Kopf. Alles stürzte übereinander. Ich hörte es. Rur die Panzerzelle, in der ich mit meinem Raub lag, blieb unzertrümmert. Wie gut es ist, daß das Geld so fest verwahrt wird. Manchmal kommt es doch auch dem Menschen zugute. Als mich die zur Hilf« kommandierten Soldaten atemlos und schweißtriefend aus dem Geröll heraushollen,— ich simulierte eine Ohnmacht,— sah ich draußen die Leichen der Bank- Wächter, die in ihren Betten schliefen, und die nicht so gut verwahrt waren, als ich. Man soll sich immer in der Nähe des Geldes halten. Man ist gut aufgehoben. Sie pflegten mich. Wuschen mich mit Essig. Bis ich zu aller Freud« die Augen öffnete und— mich mit meinem Raub eilig verzog. Ich zog weise in die nächste Stadt. Nach Lepoglawa, wo das neu- moderne große Zuchthaus für Schwerverbrecher steht. Lächelnd kokettierte ich mit dem grauen Bau. In Ublana gab es nichts mehr. Die Gemeindesparkast« hatte mit dem Erdbeben auch das Geld der Leute verschlungen. Die. Leute konitten nicht einmal ihre geborstenen Häuser wieder aufftellen. Es fehlten die Ersparnisse und es gab keinen Kredit. In Lepoglawa errichtete ich einen kleinen Laden. Das ge- raubte Geld hielt ich dort gut verwahrt. Ich wurde Kantineur im Zuchthaus, verlieh Geld an Beamte und ganz klein«, doch gut ver- zinste Summen an die Wachleute, gab Wein und Schnaps auf Kredit und verdiente dabei reichlich. Die hunderttausend Dullien und das Gold von Ublana vermehrten sich von Jahr zu Jahr. Segen ruhte darauf. Mein Reichtum konnte numnehr auch sichtbar werden. Ich kam wieder einmal nach Ublana. Wie ich,— nicht ohne melancholische Erinnerungen.— durch die Hüttenstraßen der zerstörten Stadt ging, kam mir der Gedanke, euch und mir weiterzuhelfen. Ich baute mit dem gestohlenen Seide Häuser an den Stellen der Trümmer von Ublana neu auf, nahm oon euch Jahr um Jahr Ziesen und Mieten, und bald zinste mir fast die ganze Gemeinde. Dort, wo die Gemeinde- jparkassa oon Ublana vor dem Eidbeben gewesen, ließ ich ein neues, schönes Gebäude mit sauberem Schalterraum aufrichten, schmückte es mit goldenen Bienenkörben und anderen Enblemen frommer Spar- samkeit und vermietete es der Gemeinde. Besonders gefielen die schweren Eisenschränke, die ich, nach eigener Erfahrung, sehr zweck- mäßig und widerstandsfähig aufrüsten ließ. Als Hauptaktionär der Gemeindesparkasse investierte ich auch ein bedeutendes Kapttal mobil, und wenn ich abends durch die Geschäftsgasse ging, wußte ich, daß nicht nur die Mieter, sondern auch die Geschäftsleute mir zinfen, mir arbeiten. So wuchs mein' Vermögen von Tag zu Tag. Wo ein Haus verkäustich wurde, ein Besitzer starb oder seine Habe veräußern mußte, war ich zur Stelle. Schließlich wohnte und handelle halb Ublana in meinen Häusern. Wer nicht mein Mieter war, war mein Schuldner. So war es nur natürlich, daß ich der Herr und Bürgermeister der Stadt wurde, die mir gehörte, die ich mir mit eurem Geld« gekauft halle. Nie aber habe ich die Sturmnacht oon 1870 oergesten. Wenn ihr die Hüte bis zur Erde zogt, sobald ich über die Straße ging, dachte ich daran, wie brüsk ihr mich oon euren Türen wieset, als ich in Armut und Not um ein Stück Arbeit, um ein Stück Brot gebettelt hatte. Setther erkannte ich immer mehr, wie eng eure Ehre mit dem Gelde zusammenhängt. Eben deshalb: zahle die Landessparkasta in Zagreb der Gemeinde Ublana hunderttausend Gulden und zwei- hundertfünfzig Dukaten als Gegenwert der von mir der Gemeinde- fparkasta entwendeten Summe. Was darüber in meinem Besitze hinausgeht, siebenundzwanzig Häuser in der Nooigrader Gaste, vierundzwanzig Häuser in der Hauptstraße, zehn Höfe in der Gemarkung oon Nooigrad, fünfzehn Häuser in der Dorstadt Kilin, hundertdreihig Häuser in der von mir angelegten und nach mir benannten neuen Kolonie sollen wie folgt verteill werden: Angefangen vom ersten Tage des nächsten Monates, soll jeder Sträfling, der aus dem Zuchthaus Lepoglawa enttasien wird, in der Reihenfolge, wie ich sie hier aufgezählt, eines der von mir hinter- lastenen Häuser erhalten. Die Verteilung beginnt in der Hauptstraße und setzt sich fort bei den Häusern in der Nooigrader Gaste, bis zu den Häusern der Kolonie. Sie sollen aber in den Häusern wohne». Unter euch. So wird euch die Lehre, die mein Leben ist, und an der ihr nun gerne verschämt und verlegen vorbeigehen möchtet, täglich neu aufgedrungen werden. Ihr werdet sehen, wie die früheren Stiäflinge in ihren Häusern behäbiger werden, ehrlich und ehrstrebig. Und wenn einmal alle Häuser glücklich besetzt sind, und das Blut von Ublana sich vermischen wird mit dem Blut oon Lepoglawa, mag eine Nach- kommenschast entstehen, die den ersten Lepogiawer Bürgermeister von Ublana nicht nur achten und grüßen, sondern auch begreffen wird: Menschenschicksal in des Zufalls Macht: das war fein Name. Narren und Hanswürste! Hier mein Testament. Ihr habt es bezahlt. Ihr habt es verdient. Srkennet aus meiner Tak: Auch dl« Menschen brauchen einen Safe.* * Die Gemeinde Ublana ließ dieses Testament durch einen be- rühmten Advokaten anfechten. Sie erhebt Anspruch nicht nur aus das geftohl»« Geld, sondern auch aus den Vermögenszuwachs. Sinnesempfindungen hervorrufen, nicht durchsührbar ist. Betrachien wir einmal unsere Begriffsbestimmung der Leistung des Auges näher: Das Auge soll die sinnliche Erfahbarkeit elektto- magnetischer Wellen vermitteln. Es gibt solche Wellen von außerordentlich verschiedener Wellen- länge, und nur ein kleiner Teil von ihnen ist sichtbar. Das Spektrum reicht für unser Auge von Rot bis Violett: die Physik aber findet da, wo das Auge aufhört, Licht zu sehen, durchaus keine Grenze der Wellen, sie zeigt nur vielmehr„ultrarotes* und„ultraviolettes* Licht, die beide nicht sichtbar sind. Wir wollten die Leistung des Auges durch die äußeren Einwirkungen kennzeichnen, auf die es anspricht, und sehen nun, daß es nicht alle Arten elektromagnetischer Wellen sinnlich erfaßbar macht, sondern nur einen kleinen Ausschnitt aus ihnen, nämlich nur den Teil, der innerhalb der„Sichtbarkeits- grenzen* gelegen ist. Das bedeutet, daß wir jetzt die äußeren Ein- Wirkungen, die gesehen werden können, durch das Auge bestimmen: denn die Sichtbarkeitsgrenze» sind etwas, was jür das Augs, nicht für die elektromagnetischen Wellen bezeichnend ist. Wir haben uns also im Kreis« gedreht und können so nicht zu einer physiologischen Bestimmung desten kommen, was ein Sinnesorgan ist. Wir können uns aber, ja, wir mllsten uns sogar, wenn wir zu einer physiologisch einheitlichen Eintellung der Sinne gelangen wollen, von dieser Art der Betrachtung frei machen und die Sinne rein nach ihren Leistungen einteilen. Jeder Sinn vermittelt eine mehr oder weniger große Anzahl oon Empfindungen, einen Emp- findungskreis. Das Auge z. B. den ganzen Kreis der farblosen Welligkoitsempfindungen wie der Farbencmpfindungen. Die Emp- sindung eines Rot und Grün find ihrer Art nach(qualitativ) oon- einander verschieden, aber sie zeigen ihre Zusammengehörigkeit aus eine sehr eindringliche Weise: Es ist ohne wettere« möglich, eine Reihe von Farben herzustellen, die die Verbindung zwischen jedem Rot und jedem Grün in der Weise herstellen, daß der Unterschied zwischen zwei benachbarten Farben der Reihe nur gerade eben erkennbar ist Wir würden die Farben Rotorange, Orangero! Orange, Orangegelb, Gelborange usw. in verschiedenen Abstufungen wählen und würden durch beliebige kleine Veränderungen der Empfindung oon Rat bis zum Grün gelangen, ohne je auf eine Unterbrechung zu stoßen. In der gleichen Weise kann man von jeder Gesichlscmpfindung zu jeder andern gelangen. Alle Gesichts- empfindungen bilden einen Empfindungskreis(Qualitätenkreis). Wie wir von jeder Farbe zu jeder anderen durch beliebig kleine Schritte gelangen können, so können wir auch durch Reihen von Tönen von jedem Ton zu jedem anderen gelangen und können die Schritte so klein machen, daß nur das geübteste Ohr die Unter- ichiede eben wahrnehmen kann. Aber von einem Ton zu einer Farbe ist ein solcher Uebergang unmöglich, trotzdem nach den neuesten Forschungen auch Gesicht und Gehör in gewissem Zu- sammenhang stehen, wie das Farbenhören oder das Tousehen mancher Menschen beweist. Führen wir diesen Gedanken folgerichtig durch, so kommen wir zu der Feststellung: Der Mensch hat soviel Sinne, wie er ver» schieden- Empfindungsgattungen hat. Das Ergebnis der Durchmusterung unserer Empfindungen ist, daß der fünfte Sinn der alten Sinrieseinteilung in sieben oder acht eigene Sinn« aufgelöst werden muß, so daß die Gesamtzahl der Sinne auf elf oder zwölf steigt. Die Unsicherheit der Zählung beruht darauf, daß der Temperaturstnn meist in«inen Källe- und Wärme- sinn geteill wird, wodurch zwölf Sinne herauskommen. Sieben (bzw. acht oon diesen Sinnen vermitteln Empfindungen, die wir in der Weise deuten, daß wir Gegenständen, die außerhaib unseres Körpers vorhanden sind, entsprechende Eigenschaften beilegen. Diese Sinne sind Gesicht. Geschmack. Geruch. Temperaturstnn. Drucksinn. Stichsinn. Die vier weiteren Sinne vermitteln uns Empfindungen. die sich auf unseren Körper beziehen. Das sind zunächst der Schwere- sinn und der Dreh- oder Bewegungssinn, die uns die Stellung und Bewegung unseres Kopses und damtt unseres ganzen Körpers zur Erdachse' und zu den Gegenständen der Umwell sinnlich erfaßbar machen, und ferner der Kraftsinn und der kinästhetische Sinn, die uns über Spannung unserer Muskeln und über die Haltung unserer Glieder Kunde geben. Ob hiermit die Zahl der Sinne erschöpft ist. bleibt fraglich. Die Empfindungen, die sich auf das Innere unseres Körpers beziehen oder auf Gesamtzustände, wie Müdigkett, Frische, sind schwer einer zergliederten Untersuchung zugänglich, auch wie well in den Empfindungen des Harn- und Stuhldronges oder der Wollust besonder« Empfindungsgattungen enthalten sind, ist unent- schieden. Fraglich bleibt auch vorläufig, ob Triebempfindungen. wie Hunger und Durst, nicht eine besondere Stellung gegenüber den Sinnesempfindupzen beanspruchen können, so daß sie zwar nicht als besonder« Sinne zu zählen, aber doch als„Triebe* den Sinnen sehr nahe stehen würden. Eineiige Drillinge Eineiige Drillinge sind zwar auch viel seltener als die gewöhn- lichen Zwillinge, die aus zwei getrennten Zellen entstehen, aber sie kommen doch öfters vor, währerch Drillinge dieser Art, di« aus einer einzigen Eizelle sich entwickeln, zu den größten Merkwürdig- ketten der Natur gehören. Zwei solcher Fälle sind oon den beiden Biologen der Universität oon Alberto in Kanada, Alfred E. Clarke und Daniel G. Revell, beobachtet worden. Eineiige Drillinge haben immer dasselbe Geschlecht, und da sie die ganz gleiche Erbmasse aui- weisen, sind sie sich körperlich und geistig außerordentlich ähnlich. Fast immer sind Drilling« nicht aus einem Ei entstanden und weisen dann Lerschiedenhetten auf. Die von den beiden Gelehrten beob- achteten„identischen* Drillinge sind alle männlichen Geschlecht-. Das eine Dreiblatt stammt aus einer Famttie deutschen Ursprung« die zu Stony Plain in der Provinz Alberto wohnt. Es sind traf- tige Jungens, die jetzt 10 Jahre alt sind, und die jüngsten von 14 Geschwistern. Sie sehen sich so ähnlich, daß die Mutter jedem ein goldenes Armband, in dem sein Name eingraviert ist, angelegt hat, und diese Kennzeichen müssen sie immer tragen, um sie aus- einander zu halten. �Das Haar aller hrei zeigt hinten am Nacken ein« merkwürdige Spiralform, die kein anderes Mitglied der Familie aufweist. Die Abdrücke der Finger und der Handflächen zeigen bei den Drillingen eine sehr ähnliche Zeichnung, die an die des Vaters erinnert, während die Abdrück« aller anderen Familien- Mitglieder davon verschieden sind. Die Knaben haben die ganz gleich« Intelligenz, sind in der Schule gut im Rechnen und schlecht in Sprachen und erhalten stets dieselben Zensuren: fi« schwärmen für dieselben Spiele und dieselben Bücher. Das andere Drillings- Dreiblatt ist erst zweijährig. Die Knaben sehen sich ebenfalls zun, Verwechseln ähnlich und die Fingerabdrücke haben die gleich« Zeich- nung die von der chrer Schwester, dem einzigen anderen Kind, ver- schieden ist. Die Drillinge sind linkshändig, noch ziemlich im Laufen zurück und haben beim Zahnen ganz dieselben Schmerzen gehabt.