Morgenausgabe Nr. 608 Ä 306 47. Jahrgang Wöchentlich SSPf� mrmatßch 3,60 M. im voraus zahlbar. Postbezug 4,32 M. einschließlich 60 Psg.Postzeiwngs- und 72 Pfg. Postbestellgebühren. Auslands» abonnement 6.— M. pro Monat. * Der„SJonvörts* erscheint wochentög» lich zweimal. Sonntags und Montay» einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel.Der Abend". Illustrierte Beilogen.Volt und Zeit" und.Kind erfreund". Ferner �Frauenstimme" �Technik",.Blick in die Bücherwelt"..Jugend-Dorwärts" und.Stadtbeilage". Aerliner volksbla« Dienstag A0. Dezember 1.930 Groß-Äerlin 10 Pf. Auswärts 15 pf. Die einspaltige Nonpareillezelle 80 Pfennig. Retlame�eile 5,— Reichsmart.„Kleine Anzeigen' das ettge» druckte Wort 2S Pfennig(zulassig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Wort IS Ps|nnig. jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmartt Zeile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. Anzeigenannahme imHaupt- geschäft Lindenstraße 3, wochentäglich von SVa bis 17 Ubr. Äentsawegan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68. Lindenstr. 3 Fernsprecher: Dönhoff 292—297 Telcgramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Vorwärts-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: Berlin 37 536.— Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3,Dt.B.u.Disc..GeI.,D«Posit«nk.,Jerulalemer Str. SS/KS. Oer Sumpf der Wirlschastspartei. Drewitz wehrt sich.- Run wird gegen Coloffer ausgepackt. Der Abg. Drewitz erklärt dem VDZ.-Bijw zu dem Inholt der Denkschrift Colossers, daß die dann enthaltenen Lor- würfe unwahr seien. Er, Drewitz, hätte gar» nichts mit der Parteikasfe zu tun und bekäme keine Gelder von der Partei in die chändc: er sei auch gar nicht zcichnungsberechtigt für die Parteikasse gewesen, sondern nur der Generalsekretär der Partei und der Kassierer. Im übrige,: hätte der Prüfungsausschuß der Partei bereits alle Vorwürfe Eolosicrs nachgeprüft. Colosier selbst habe denn auch die Vorwürfe zurückgenommen, worauf die Denk- fchrrfl eingezogen worden sei. Man hätte sich dann dahin gceinigi, daß Colosser weiterhin, im Einvernehmen mit dem Parteivorstand, aber nicht mehr, wie bisher, selbständig, die Mittelstandszeitung herausgeben sollte(in der Angriffe u. a. gegen die Beamten er- schienen waren, die der Parteiführer nicht decken wollte). Cchosser hätte aber nachträglich seine Zustimmung zu diesem Beschluß wieder zurückgezogen, worauf der P a r t e i a u s s ch u h, dem 20 Personen aus allen Teilen des Reiches angehören, beschlossen habe, die Zeitungsgesellschaft aufzulösen und Colosser als Geschäftsführer abzuberufen. Herr Drewitz meint, daß sich vielleicht hieraus der neuerliche Vorstoß Colossers erkläre. Herr Drewitz bestreiict weiterhin, feinem Schwiegervater oder sich selbst für einen Wohnungsbau Kredite aus der Mittelftands- dank verschasit zu haben. Er sagt, die Mittelstandsbank sei keine Parteibank: rn> Aufsichtsrat wären vielmehr mich Deusichnationale. Zwar befinde sich unier den Tausenden Kreditnehmern der Mittel- standsbmtk auch der Schwiegervater des Herrn Drewitz; er hätte aber nicht 40 000, sondern nur 6000 M. Kredit erhalten. Und das Besitztum des Schwiegervaters sei auch nicht zwangsversteigert: vielmehr verfügte der Schwiegervater noch über drei Häuser. Richtig sei dagegen, daß Herr Colosser selber bei der Mittelstands- bank einen Kredit von 26 000 M. habe, obwohl er selbst Vorstand der Schöneberger Bank sei. Diesen Kredit habe Herr Colosier erst jetzt abgedeckt. Schiedsgericht gegen Colosser. Der Parteioorstand der Wirsichaftspartei teilt als Ergebnis seiner Verhandlung folgendes mit: „Der, Vorstand der Reichspartei des Deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) tagte am Montagnochmittag unter dem Vorsitz des Vorstandsmitgliedes Freidel-Hildeshcim. Cr beschäftigte sich nochmals eingehend mit den Angrisfen gegen den Parteivorsitzenden Drewitz. Es wurde beschlossen, das Parteischiedsgericht anzurufen und bei diesem zu beantragen, die Parteimitglieder Colosser und Dannenberg aus der Partei auszuschlie- ß e n. Weiter soll der Reichsausschuß am 4. Januar'nach Berlin einberufen werden. Der Parteivorsitzende Drewitz sah sich oeranlaßt, auf Grund der erneut gegen ihn gerichteten Angriffe in der Presse, die der Vorstand nach Prüfung der Verhältnisse als völlig unberechtigt ansieht, von der Ausübung seines vorslandsamles bis zum Spruch des Schiedsgerichts Abstand zu nehmen." Das Parteischiedsgericht wird am gleichen Tage wie der Reichs- ausschuh, also am 4. Januar, zusammentreten. Llfa-Monopol hintenherum? Der Kilm„1914" und das Auswärtige Amt. Die Filmzensur hat den Richard Oswald-Film„1914" ver- boten. Einziger Grund: ein Gutachten des Auswärtigen Amtes. Die Filmprüfstelle hat abermals so entschieden, als ob ein ministerielles Gutachten zu einem Verbot genüge. Das Verbot auf solcher Grundlage findet im Gesetz keine Stütze. Die Filmzensur von heute überschreitet die Befugnisse, die ihr der Gesetzgeber zugewiesen hat. In Wahrheit ist dieser Film vom Auswärtigen Amt verboten worden. Weil zwar wohl die Kriegsschuld Rußlands, aber nicht der Schuldanteil Englands und Frank- reichs genügend gewürdigt fei. Das ist wohl der„Wissenschaft- liche" Kampf gegen die Kriegsschuldlüge? Soll er betrieben werden nach den Methoden der Kriegspropaganda: Jeder Stoß ein Franzos, seder Tritt ein Brit', jeder Schuß ein Rufs'? Der Stoß und der Tritt werden wohl vermißt? Wer ist für dies Verbot im Auswärtigen Amt verant- wortlich? Entspringt es der Erwägung, daß wir mit Frankreich und England nur im Völkerbund sitzen, mit Ruß- land aber Vertragspartner sind, daß also der Schuß für den Russ' zumindest durch den Stoß und den Tritt kompensiert werden muß? Oder nimmt das Auswärtige Amt Anstoß daran, daß überhaupt Schuld am Kriege beim Zarismus gesucht wird? Die Wahrheit darf nicht gesucht werden— das Auswärtige Amt ist im Alleinbesitz der allein gültigen, unumstöß- lichen Wahrheit— genau so, wie das Pressereferat beim Hauptquartier im Kriege im Besitz der allein gültigen Wahr- heit war. Der Ruhm der Bauer und Nicolai läßt die Herren vom Auswärtigen Amt nicht schlafen. Die Filmprüfung auf Kommando der Ministerien vollzieht sich nach der Regel: p a z i f i st i s ch e Filme sind zu verbieten, Kriegs st immungsfilme zu genehmigen, vor allem wenn monarchistische Tendenzen damit verknüpft sind. Es wird wieder einmal in Stimmung gemacht, und der Film soll ersetzen, was während des Krieges die Stimmungsoffiziere leisteten. Diese Stimmungsmache gegen den Frieden hat eine ge- schäftliche Seite. Das Verhalten des Auswärtigen Amtes dem Film„1914" gegenüber nötigt zur Beleuchtung der geschäft- lichen Folgen. Unbestritten hat während der Herstellung des Films eine enge Zusammenarbeit des Herstellers mit Beamten des Auswärtigen Amtes stattgefunden, Wünsche. Anregungen und Bedenken von dieser Seite haben zu Aenderungen des Films in der Herstellung Anlaß gegeben. Trotzdem das Verbot! Jeder Filmhersteller übernimmt das Risiko, daß sein Kapital nutzlos vertan ist, wenn sein Film der Nuance der jeweils maßgebenden Stelle im Auswärtigen Amt nicht ent- spricht—, und heute scheint im Auswärtigen Amt bald diese, bald jene Stelle maßgebend zu sein— trotz Herrn Curtius. Die Folge muß eine Drosselung der Fabrikation von Filmen politisch-historischen Inhalts sein, das Hinausdrängen der Ge- schichtsdarstellung und der Vertretung großer politifch-geistiger Tendenzen aus der Filmproduktion. Wenn die Rechtssicherheit fehlt, wird dieser Zweig der Filmproduktion zu riskant. Ist dies der Zweck der Uebung? Es gibt aber eine Filmproduktion in Deutschland, bei der dies Risiko nicht zu bestehen scheint. Es ist dies die Produktion der von Herrn Hugenberg beherrschten Ufa. Das Film- Prüfungssystem, wie es sich in diesen Wochen offenbart hat, läuft auf ein Totschlagen der Konkurrenten der Ufa hinaus. Glaubt man im Auswärtigen Amt, das Ansehen Deutsch- lands im Ausland zu heben, wenn das Amt selbst sich dem Vorwurf aussetzt, militaristische und monarchistische Hetzfilme zu begünstigen und pazifistische Filme zu verbieten? Marschall Josfres Zustand wird in einer am Montagabend gegen 6 Uhr herausgegebenen amtlichen Mitteilung als„ä u ß e r st e r n st" bezeichnet. Die Scywäche des Kranken sei bis zur Grenze des Erträglichen gestiegen. Die wenigen Besucher, die am Montag bis ans Krankenlager zugelassen wurden, versicherten, daß-man das Ende des Kranken stündlich befürchten müsse.' 3)ie£efer des„Dormärls" gehören fast ausschließlich zu jenen Volksschichten, die von der Wirtschaftskrise am schroersten getroffen sind. Wenn der„Vorwärts" trotzdem im abgelaufenen Jahr seine Leserzahl nicht nur halten, sondern noch steigern konnte, so oerdankt er das der Treue jener Männer und Frauen, die sich lieber andere Entbehrungen auferlegten, als daß sie auf ihren„V orw ärt s" verzichtet hätten! Das kommende Jahr wird ein Jahr der größten Entscheidungen sein. Als Mittel der Aufklärung, als Waffe im Kampf wird der„Vorwärts" unentbehrlicher sein denn je. Darum rufen wir unsere Leser auf, auszuharren in ihr er T reue und wie bisher auch weiter unserem Blatt, dem Zentralorgan der Sozialdemokratie, immer neue Freunde zu werben. Derlag und Stedahiion des„Tonrärls" Oanziger Satyrspiel. Hakenkreuzangst vor Polen. Von Williolm Bittmann. Als Retter vor den Polen haben sich im Freistaat Danzig die Hakenkreuzler vor der Wahl zum Volkstag am 16. November 1939 angepriesen. Rund 39 999 Danziger Wähler sind darauf hineingefallen. Mit 12 Mandaten zogen die Nazis als stärkste bürgerliche Partei in das Parlament des Freistaats ein. Sozialdemokraten und Zentrum, die bisher die Regierung, den Danziger Staat gebildet hatten» erhielten 19 resp. 11 Sitze; ihnen fehlen zur Mehrheit auf dem auf 72 Sitze verkleinerten Volkstag ein halbes Dutzend Sitze.„Rechts- regierung unter Führung der National- f o z i a l i st e n als Folge der Volkstagswahl", so jubilierten die 39 999 Naziwähler in Danzig. Jetzt würde endlich ein- mal aufgetrumpft werden gegen Polen, das dem Freistaat die Lebensluft verkümmert, das den ganzen Verkehr aus dem Oberlauf der Weichsel systematisch dem Danziger Hafen entzieht und nach Edingen, dem mit riesigen Kosten ausgebauten polnischen Konkurrenzhafen dirigiert. Alle Not mußte nun ein Ende nehmen, die Nationalsozialisten in der Regierung würden Polen schon zur Räson bringen. Hatten sie es doch vor der Wahl in ihren Ver- sammlungen immerfort erklärt, daß Polen nur deshalb so dreist auftrete, weil der sozialdemokratisch-bürgerliche Senat ihm gegenüber so schlapp und feige sei. Aber die Gesichter der 39 999 Danziger Naziwähler wurden lang und länger, als die Nationalsozialisten nach der Wahl gar keine An st alten machten, die Führung des Senats zu übernehmen, um Polen zu zeigen, was eine nationalsozialistische Harke ist. Die Deutschnatio- nalen und andere Rechtsgruppen versuchten wochenlang, die � Nationalsozialisten zu einer Koalition mit ihnen zu bewegen. Der deutschnationale Volkstagsabgeordnete Schütz sprach in einer von seiner Partei einberufenen Versammlung am 5. De- zember schon von„M aulhelden, die, wenn sie gebraucht würden, nicht da seien". Der. Danziger Naziführer Greiser verkroch sich hinter seinen„obersten Führer in München, von dem er Anweisungen erwarte, und vertröstete auf das Erscheinen des von Hitler bevollmächtigten Reichstagsabgeordneten G ö r i n g. Und als Herr Göring am 7. Dezember endlich erschien, da erklärte er: „Polen werde gegenüber Danzig eine Politik schärfster Pe- drückung treiben, wenn Rationaisozialislen in der Regierung sähen. ! Danzig sei nicht souverän, sondern von Pblen und dem Völkerbund j abhängig. Deshalb würden die Rallonalsozialisten nicht in die Re- i gierung einlrelen." Herr Göring zerstörte damit grausam die Illusionen der 39 999 Naziwähler in Danzig, die den Phrasen der National- sozialisten vor der Wahl geglaubt hatten, daß sie die Retter Danzigs vor Polen seien. Jetzt mußten sie erfahren, daß sie vom Regen in die Traufe geraten sind, daß nach den eigenen. Worten Görings die Bedrückung Danzigs durch Polen um so schlimmer wird, je größer der Einfluß der National- sozialisten auf die Politik des Freistaats ist. Nach dem„Völ- tischen Beobachter" vom 16. Dezember 1939 hat Göring das Zurückweichen vor Polen folgendermaßen plausibel zu machen versucht: „Wir sind überzeugt davon, daß sowohl der Völkerbund als auch Polen alles tun würden, um einer Danziger Regierung, in der Nationalsozialisten sind, Schwierigkeiten zu be- reiten. Sei es auf finanziellem Gebiete durch Nichtgewährung notwendiger Anleihen oder Kündigung gewährter Kredite. Sei es durch politisch« Maßnahmen, wie zum Beispiel durch polnische Pro- vokateure hervorgerufene Unruhen, aus denen Polen das Recht ableiten würde, aus Sicherheitsgründen Danzig zu besetzen (für letzteres haben wir ganz bestimmt� Unterlagen)." Die Angst vor Polen spricht aus jedem Wort dieses kläglichen Verlegenheits-(Verlogenheits-) gestantmels. Wenn die Hakenkreuzler den Danziger Wählern dies klassische Ein- geständnis ihrer tatsächlichen Ohnmacht vor der Wahl am 16. November gemacht hätten, so hätten sich sicher viele Wähler dafür bedankt, ihnen die Stimme zu geben. Die jämmerliche Scheu vor der Verantwortung hat Herr Göring durch die großsprecherische Versicherung zu ver- schleiern versucht, daß die Nazis bei einer absoluten Mehrheit im Volkstag und einem hundertprozentigen Nazisenat schon auftrumpfen würden,� wenn auch in der Regierung des Deutschen Reiches ein nationalsozialistischer Minister säße, Die verdutzten Naziwähler in Danzig sind nun von einer grenzenlosen Enttäuschung gepackt. Die Nazi- Versammlungen, vor und auch unmittelbar nach der Volkstagswahl überfüllt, weisen jetzt einen kläglichenBe- s u ch auf. Die Dautschnationalen und die übrigen Rechts- gruppen geben ihrem Aerger über die Freigheit der Nazis offenen Ausdruck. Ihnen muten die Nazis jetzt zu, eine Minderheitsregierung der Rechten zu bilden, ohne daß die Nazis fte gegen die Linke unterstützen. Haben doch Sozialdemokraten und Kommunisten im Volkstag bereits die Nazis gezwungen,, mit ihnen gegen die Rechte zu st i m m e n. Heulen und Zähneklappern herrscht bei der Rechten über die Situovtion, in die sie durch ihre„nationalen" Brüder von der Nazi/raktion gebracht worden sind. Sie jammern, daß die NaziS nicht nur völlig versagt haben gegen die Polen, sondern nun auch noch gegen die „M a r x i st e n" versagen. So schrieb die deutschnationale „Danziger Allgemeine Zeitung" am 24. Dezember: „So ergab die Sitzung des Volkstages das beschämende Bild, daß die Nationalsozialisten Arm in Arm mit den marxisti- schen Parteien, mit denen sie im Wahikampf aufzuräumen versprachen, die unsinnigsten Agitationsanträge annahmen und den bürgerlichen Parteien, denen die Nationalsozialisten ihr« Unterstützung zugesagt haben, in den Rücken fielen... Es erhebt sich die Frage: Hat es überhaupt noch Zweck, die Koalitions- Verhandlungen zwischen den bürgerlichen Parteien mit dem Ziel einer bürgerlichen Minderheitsregierung weiterzuführen, wenn die Nationalsozialisten, von deren Unterstützung eine solche Regierung allein abhängig wäre, der bürgerlichen Koalition schon bei der ersten Gelegenheit in den Rücken fallen?" Die deutschnationale Volkstagsfraktion hat aus derselben Einstellung heraus beschlossen, „die Koalitionsverhandlungen erst weiterzu- führen, sobald von feiten der Nationalsozialisten schriftliche Bindungen eingegangen sind, durch die eine Zusammenarbeit mit ihnen und den bürgerlichen Parteien soweit gewährleistet ist, daß die der Regierung obliegenden Aufgaben erfüllt werden können." Dabei haben die Danziger Deutschnationalen genau so wie die Hugenberger hier die Nationalsozialisten erst hochgepäppelt, ihr Organ, die„Danziger Allgemeine Zeitung", behandelte sie mit Wohlwollen. Jetzt haben sie die Bescherung, vor der ihnen graut. Angst vor den Polen und Angst vor den M a r x i st e n, die sie vor der Wahl zu vernichten versprachen, beherrschen die Danziger Hakenkreuzler und macheu sie un- fähig, irgendwelche politische Verantwortung zu übernehmen. Das Danziger Satyrspiel gibt im kleinen einen guten Anschauungsunterricht dafür, in welche außen- und innenpolitischen Wirrnisse wir kn Deutschland geraten würden, wenn die Nationalsozialisten für die Regierungspolitik des Reiches ausschlaggebend werden würden. Manche der gläubi- gen Naziwähler könnten dadurch freilich von ihrem Irrwahn kuriert werden, aber dem deutschen Volk würde eine solche Pferdekur sehr schlecht bekommen. Kriegsteilnehmer gegen Filmverbot Die Stimme der Frontsoldaten Ostreise des Reichskanzsers. In Gemeinschaft mit den Osthilsekommissaren. Der Reichskanzler will vom 4. bis 11. Januar eine Reise durch die Ostgebiete unternehmen. Es ist geplant, daß Reichskanzler B r ii n i n g, die Ostkommissare des Reiches und Preußens. Treviranus und H i r t s i e f e r sowie der Generaldirektor der| Reichsbahn, Dr. Dorpmüller, und Reichsbankpräsident' Dr. Luther am kommenden Sonntag abend, dem 4. Januar, die Reise nach Königsberg antreten. Von dort sollen u. a. Tilsit, Neiden- bürg, Lyck und Marienwerder besucht werben. Daran anschließend folgt ein Besuch Schlesiens, und zwar u. o. der Städte Oppeln, »leiwitz, Ratibor und Breslau. Was ist mit den Bombenlegern? Weitere Haftentlassungen verurteilter Sprengstoffverbrecher Musen o. d. Luhe. 29. Dezember.(Telunion.) Die im großen Altonaer Bombenlegerprozeß verurteilten Land- oolkangehörigen Becker- Rottorf, V i e ck- Rönne und Lu h» mann-Clues sind am 23. Dezember vorläufig aus der 5)aft entlassen worden, und zwar, wie es heißt, bis zur ' Revisionsverhandlung. * Diese Haftentlassungen werden immer merkwürdiger! Erst der Häuptling Volck, dann drei Gefolgsleute. Man muß eine öffentliche Begründung fordern! Die Wesseiburener Anschläge noch nicht aufgeklärt. Heide l. h„ 29. Dezember. Die Urheber der Anschläge gegen die Wohnungen von Be° hördenoertretern in Wesselburen in Dithma eschen sind noch nicht ermittelt worden. Di« in den ungefchärften Handgranaten auf- gefundenen Zettel trugen Totenkopfzeichen und Ausschristen» von denen, Presssmeldungeil zufolge, die eine lautete: Erst Beamten- gehälterabbau, dann Preissenkung, während die ausführlichere zweite von einem„Weihnachtsgruß im Sinne von .Klaus Heim" spricht, bestimmt für diesenigen,„welche uns von Haus uttd Hof treiben wollen". Freude über eigene Schande. Oer Stolz der Mllssolini»Lakalen. Der„Angriff" des Herrn Goebbels freut sich, daß die „Times" über die Annäherung zwischen Mussolini und den Nationalsozialisten spricht. Voll Stolz zitiert er: „So seien z. B. jetzt keine Beschwerden der deutsch- sprechenden Minderhellen in Südtirol in der deutschen Presse mehr zu finden." Die Nationalsozialisten brüsten sich damll, daß ihr Verrat am Deutschtum in Südtirol und ihre Lakaienhaftigkeit gegenüber Musso- lini auch im Ausland bemerkt werden. Deutschland und das Europakomitee Nußland und die Türkei sollen«ingeladen werden. Im Völkerbundssekretariat ist ein« kurz« Not« her beut. schen Regierung eingegangen, die aus die Tagesordnung des Europakomitees am 16. Januar 1931 Bezug nimmt, in der erneut der Standpunkt vertreten wird, daß an den Arbeiten des Studienkomitees für die europäische llmon auch die europäischen Staaten, die nicht Mitglieder des Völkerbundes sind, Rußland und die Türkei, beteiligt werden sollen. Eine Protestversammlung, die der R e i ch s b u n d der Kricgsb eschiidigten, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebenen gegen das Verbot des Remarque- Films auf Montag abend in den Sophiensälen einberufen halle, war schon vor Beginn überfüllt. Unter den mehr als 1299 Teil- nehmern gewahrte man Hunderte von Schwerbeschädigten, Einarmigen, Einbeinigen, Blinden usw., sowie auch mehrer« hundert Kriegerwitwen und Eltern von Kriegsgefallenen. Bundesvorsitzender Kamerad P f ä n d n e r führte in seinem Referat aus, daß der Protest der Frontkämpfer und Hinterbliebenen sich nicht gegen das Verbot eines einzelnen Films richtet, sondern gegen den Geist der Kriegshetze, der dieses Verbot als Millel benutzt. um die neue Generation ebenso ahnungslos und seelisch unvorbereitet in ein neues Blutoergießen zu treiben, wie die Frontkämpfer- generation 1914 in den Weltkrieg gezogen ist. Der Redner hat den FUm„Im Westen nichts Neues" mll fast dem gesamten Bundes- vorstand noch vor dem Verbot besucht. Sie alle bezeugen, daß der Film nichts enthält, was der wirkliche Frontkämpfer als Beleidigung oder herabsehung betrachten könne. Den �Sergeanten Himmelstoß hat wohl jeder Kriegsteilnehmer persönlich in irgendeiner Form kennen gelernt. Wenn behauptet werde, daß der Film die Kämpfer von Langemark beleidige, so könne er, der Redner, als Langemark-Kämpfer sagen: Es ist eine Lüge, daß die Regimenter mit dem Sange des„Deutschlandliedes" zum Slurm angelreteu feien. Er habe viele Kameraden sterben sehen, aber keinen, dessen letzte Worte„Es lebe der Kaiserl" gewesen seien(lebhafte Zustimmung), wie auch kein Franzose mit„Vive la France" gestorben sei. Di« letzten Gedanken der sterbenden Kameraden seien ihre verlassenen Lieben daheim ge- wesen.(Lebhafte Zustimmung.) Die junge Generation, die den Krieg gar nicht oder nur als Kinder erlebt hat, soll sich von der älteren sagen lassen, daß ein Krieg kein„Flötenionzert von Sanssouci" ist.(Lebhafter Beifall.) Der Redner schloß unter stürmischer Zustimmung der Versammlung mit einem Appell zum Frieden und zur Völkerverständigung. In der Diskussion versuchte der kommunistische Reichstags- abgeordnete Graes, seine Partei als die allein zuverlässige Be- kämpserin des Faschismus hinzustellen. Kamerad Landtagsabgeordneter Kuttner wies darauf hin, daß danach die Republik wohl doch nicht so schlecht sein könne, wie die Kommunisten sie machen, da diese jetzt die Notwendigkell einsehen, die Republik gegen den Faschismus zu verteidigen. Sie tun es leider in der verkehrten Weise: in Preußen versuchen sie zusammen mit den Faschisten, die preußische Regierung zu stürzen und so die preußische Polizei an den Faschismus auszuliefern. Kamerad Kuttner zeigte dann an dem Beispiel des Fridericus-Films, mit welchen Lügenmethoden die natio- naiistische Kriegshetze arbeitet, wie sie den Krieg durch das Paradebild ersetzt. Gegen diese Kriegshetze tut republikanische Jnitiattoe not, Protest ohne Aufforderung und Be- fehl von oben.(Stürmischer Beifall.) Ein weiterer kommunistischer Redner mußte unter dem Un- willen der Versammlung abtreten, die nach einem Schlußwort des Referenten einstimmig folgende Resolution annahm: „Die am 29. Dezember 1939 in den überfüllten Sophiensälen in Berlin versammellen Frontkämpfer und Kriegerhinterbliebenen protestieren schärfftens gegen das Aufführungsverbot des Remarque- Films„Im Westen nichts Neues" durch die Filmoberprüsstelle. Nicht durch den Film ist das deulsche Ansehen im Auslande gefährdet worden, sondern durch das Verbot. Bedeutet es doch nur ein Zurückweichen vor einer Ideologie, die mll eigenen Kriegserlebnissen nicht verbunden ist, ein Zurückweichen vor Straßenterror irregeleiteter und unreifer Volksteile. Nicht aus Feigheit, sondern aus Lieb« zu unserem Land und zu unserem Volk und aus der Erkenntnis heraus, daß der Krieg nicht kulturelle und moralische Werte schafft, sondern v e r- nicht et, sind wir Frontkämpfer Gegner des Krieges. Helft deutscher Jugend zu dieser Erkenntnis. Heraus mit dem Film„Im Westen nichks Neues"!" Hitler will selbst regieren! Hugenberg ist abbaureif. Zu der kürzlich von der„DAZ.� angeschnittenen Frage einer etwaigen Regierungsbeteiligung Hitlers äußert sich nunmehr der„Völkische Beobachter" grundsätzlich. Das Blatt schreibt hierzu u. a.: In verschwiegenen Gemächern herrscht eine immer heftigere Aufregung, da man die kommende unvermeidliche Abrechnung deutlich herannahen sieht. Daher jetzt verschiedene Bemühungen, die „Hitler-Partei"„einzufügen" etwa in die sogenannte„Nationale Front"(so als zweilletzts) oder sie vernunftgemäß zu lellen und was dergleichen Ausdrücke für die Bemühungen, uns unschädlich zu machen, mehr sind. Da wir unbefangen sind, das Wohl der deutschen Gesamthell im Auge zu haben, so werden wir jeden Ratschlag prüfen, jeden guten Rat beherzigen, gleich von welcher deutscher Persönlichkeit er stammt. Aber mll dem„Einfügen" und mll dem„Beteiligen" ist es vorüber. Gewisse Leute und Gruppen meinen noch immer, sie müßten regieren, wenn es mll rechts nicht ginge, fo eben mll links. Diesen sagen wir, Denkfehler zu korrigieren ist mll eine Sendung der NSDAP. Denn diese Herren müssen gar nicht regieren, vielmehr sind sie schon lange abbaureif, ja mehr als das. Ts steht für die Zukunft nicht zur Debatte, ob man Hitler sich beteiligen lasse, sondern, mit wem Hitler einst regieren wird. Also genau mll umgekehrt verteilten Rollen. Deshalb kommt auch eine Koalition auf Grund des jetzigen Reichs- tages nicht mehr in Frage. Die„DAZ." hat kürzlich das schöne Wort geprägt, der Nationalsozialismus müsse„kanalisiert" werden. Die Neigung, sich diesem Prozeß zu unterziehen, ist offenbar bei den Hakenkreuzlern ziemlich gering. Hitler bereist die Kapitalisten. Adolf Hitler war kürzlich in Dortmund. Das wurde seiner- zeit von der Dortmunder Ortsleitung der Nazis entschieden demen- tiert. Jetzt ist erwiesen, daß dieses Dementi den Tatsachen nicht entsprach und daß Hitler während seines dreistündigen Dortmunder Aufenthaltes den w e st f ä l i s ch e n Industriellen«inen Besuch abstattete. Der Besuch ging in den Räumen des Westfälischen In- d u st r i e k l u b s vor sich, dem fast ausschließlich Vertreter der westfälischen Großindustrie angehören. Vertreter des Bergbaulichen Vereins nahmen an den Besprechungen teil. Welcher Art sie waren. läßt ein am 19. Dezember gehaltener Vortrag des Münchener Reaktionärs, Dr. Oskar Jung, über„Europäische Versuche zur Rettung der Privatwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung oertraulicher Gespräche mit Mussolini" erraten. Httler hat sich, ähnlich wie bei den Berliner Bank- und Börsenfürsten, auch bei den Kohlenbaronen und Eisenindustriellen des Ruhrgebiets angebiedert. Die Herren des Westfälischen Industrie- klubs sollen jedenfalls den Eindruck gehabt haben, daß Hitler auf ihrer Gelle und nicht auf der Selle der Arbeiter stehe. Achnlich soll es in Hamburg gewesen sein, wo Hitler kürzlich im Frack dem „N a t i o n a l k l u b" seinen Besuch machte. Im Nationalklub in Hamburg ist es übrigens wegen des Hitler- Besuches zu einem Krach gekommen. Einzelne prominente Mll- qlieder, darunter Deutsche Voiksparteiler, beabsichtigen aus dem Klub auszutreten, um gegen die Hitler-Begeisterung der Klubleitung zu protestieren. Schacht und Hitler. Htünchcn, 29. Dezember.(Eigenbericht.) Die Rede, die der frühere Reichsbankpräsident Schacht vor einigen Wochen auf der Iubiläumstagung des Wirtschaftsbeirates der Bayerischen Volk-partei gehalten hat, verursachte bei der Führung der Partei großes Unbehagen, weil Schacht unverblümt Propaganda für Hitler machte. Bei dem der Rede folgen- den Festessen wurde Schacht aus die allgemeine Mißstimmung aus- merksam gemocht und er beeilte sich, in geschlossenem Kreise seine Hlller-Freundschast wesentlich einzuschränken. Mit reichlicher Der- spätung werden nun die Worte, die er dabei gebrauchte, bekannt. Schacht korrigierte sich folgendermaßen: „Man kann mir verübeln, daß ich sagte, man könne mll genau so viel Recht mll den 29 Prozent Rochtsstchenden regieren wie mit den 25 Prozent Sozialdemokraten. Das bedeutet nicht, daß ich Propaganda für Hitter»rächen möchte, es bedeutet nur, daß wir uns in der Politik von einfelligen Einstellungen freimachen müssen. Es ist ebenso möglich, gegen Hitler wie gegen die Sozialdemokratie zu regieren. Es ist selbstverständlich auch möglich, gegen alle beide zu regieren, wenn man die notwendige Majorllät gewinnt. Daraus allein kommt es an: man soll Strömungen richtig einschätzen, nicht politische Führer allein. Daß das zufällig Herr Hitler ist, liegt daran, daß es keinem anderen eingefallen ist, die nationale Bc- wegung aufzufangen. Wer den Willen dieser Bewegung nicht'achtet, der gibt dieses Land und dieses Volk auf, und das ist alles, was ich habe sagen wollen. Ich bin überzeugt, daß wir diesen nationalen Willen nicht nur in den Leuten um Hitler haben. Hitler hat von Politik keine Ahnung. In Amerika habe ich chn so geschildert, als wenn er eine Art Apostel zu sein glaubt. Hitter ist kein politischer Führer, aber die Massen hinter ihm, mll ihrem dumpfen Drang zur Selbstbehauptung im Rate der Völker, die Lebensraum wollen, um die allein geht es." Oer Kremdenlegionär als Hakenfreuzler Eine Zierde der Hitler-Hartsi. vorkmnnd, 29. Dezember.(Eigenbericht.) Oberster Sturmabtellungsführer der Nazis für Westfalen ist ein gewisser Kohlhaas, der in Dortmund wohnt und dort bis vor kurzem bei den Hoesch-Werken gegen ein Monatsgehalt von 399 M. beschäftigt wurde. Ab I.Februar soll Kohlhaas als Ge- schäftsführer eines in Dortmund neu erscheinenden Nazi-Blattes fungieren. Als Kohlhaas sich kürzlich bei der Dortmunder Polizei um einen Presseausweis bemüht«, wurde er wegen nationaler Un Zuverlässigkeit abgewiesen. Warum er national unzuoerlässig ist, hat die Polizei bisher nicht oerlautbaren lassen. In nationalsozialistischen Kreisen geht jedoch das Gerücht um, daß Kohlhaas, einst Oberleutnant der deutschen Armee, von 1929 bis 1923 der französischen Fremdenlegion angehört und dort als Offizier deutsche Landsleute als Boches beschimpft und in der übelsten Weise schikaniert hat. Wahrscheinlich gilt er der Polizei deshalb als national nicht zuverlässig. Kohlhaas trat seinerzeit in die Fremdenlegion ein, weil er damals unter dem Verdacht an der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts beteiligt zu sein, oerfolgt wurde._ Hakenkreuzler Feder will nicht gestehen. Er will seinen Harleigenossen nickt Unsinn nackgesagt haben. Der nationalsozialistisch« Reichstagsabgeordnete Feder schickt uns folgende Verichtlgung: „Die Behauptung, ich hätte in einer Versammlung in Halle S bezüglich der verschiedenen Jnitiattoanträg« der NSDAP, geäußert, daß diese Unsinn seien, ist unwahr. Unwahr ist auch, daß in der in rage stehenden Versammlung am 17. Dezember 1939 ein Versamm- ngsbesucher die Behauptung aufgestellt hätte, daß unsere Anträge im Reichstag Unsinn seien. Wahr ist vielmehr, daß ich selbst im Laufe meines Vortrages zum Ausdruck gebracht habe, daß unsere so viel angefeindeten An- träge, die Herabsetzung des Zinles betreffend, durchaus in der Linie unserer Houplforderung nach„Brechung der Zinsknechtimrtschast" lägen, wenn ich auch selbst nicht der Dater der Anträge sei. Hoch- achtungsvoll G. Feder, M. d. R." Die russische Znflaiion. Marktkrawalle in den Städten. Moskau über Kowao. 29. Dezember. In der letzten Zeit hat sich in Sowjetruhland infolge der weiteren Kollektivierung der Baueruwirtschaften die Lebensmittelkrise weiter verschärft. Die Zufuhr von Nahrungsmitteln auf die städtischen Freimärkte ist bedeutend zurückgegangen. Die Bauern verlangen Bc' Zahlung entweder mit Industriewaren oder mit Gold- und Silbergeld, und weigern sich, die entwerteten Note« in Zahlung zu nehme». Auf einzelnen städtischen Märt- ten hat es ZusammenstShe zwischen den Bauern und der städtischen Bevölkerung gegeben. Verschärfung des Konflikts mit Japan. Das Sowjetgericht in Wladiwostok verurteilt« sechs Angestellte der japanischen Tschosen-Bank zu Gefängnisstrafen von zwei bis vier Jahren wegen Spekulation mit Silbergeld und Tscherwonzennoten. Zwei Japaner wurden zu niedrigeren Strafen verurteilt und werden nach Verbüßung ihrer Strafen ausgewiesen werden. Ein Proteststeinwurf. Amsterdam, 29. Dezember. In der vergangenen Nacht wurde durch«in Fenster des süd- slawischen Konsulats ein in ein rotes Tuch gewickelter Stein ge- warfen. Nach einem beiliegenden Brief handelt es sich um eine k o m m u n i st i s ch e„Aktion* wegen der Erschießung eines Kommuni st en inSüdslawien und der Verhaftung eines griechischen Kommunisten in SHS. Vanbsrvelde gegen neue Rüstungen. K-inen Krieg zur Verteidigung des Versoiller Vertrages. pari», 29. Dezember.(Eigenbericht.) Die Montagausgabe des sozialistischen„Populaire* enthäll eine Interview mit dem belgischen Sozialistenführer Bänder- o« l d e, das als Ergänzung zu dem kürzlich von Vandervelde veröffentlichten Zeitungsartikel gegen die geplanten neuen F e st u n g s- bauten an der Maas zu betrachten ist. Vandervelde versichert zunächst, daß sein Vorstoß durchaus im Sinne der Politik der sozialiist-schen Partei erfolgt sei, obwohl er von zahlreichen Kreisen im Ausland als eine Sensation empfunden worden sei. Die belgischen Sozialisten würden sich unbedingt gegen jede Erhöhung der Militärausgaben wen- den. Angesichts der gesteigerten faschistischen Gefahr in Deutschland und in Mitteleuropa und der Gewaltwahlen in Polen hätten es die Nationalisten in Belgien für angezeigt gehal- ten, ihre Propaganda zu verstärken. Sie hätten den Durchschnitts- bllrger glauben machen wollen, daß Europa nur noch um Fingers- breite von einem neuen Krieg entfernt sei. Ein Krieg aber sei nur in einem einzigen Falle möglich, wenn nämlich der Faschismus in Deutschland wirklich ans Ruder käme und sich mit den faschistischen Mächten in anderen Ländern ver- binden konnte. Anderer�its könne man nicht übersehen, daß in Belgien die Strömung für die unbodmAe Kr l e g« b ien st ver•" Weigerung, etwa im Sinne des indischen Unabhängigkeits- sührers Gandhi, immer mehr, namentlich in flämischen Pro- vinzen, an Boden gewinne. Die sozialistische Partei selbst habe auch in Belgien eine Berteidigungsorganisation zogen die inneren Faschisten gegründet. Man könne ihr das Vertrauen schenken, daß sie Belgien auch gegen ausländische Faschisten vertei- digcn werde. Allerdings seien die belgischen Sozialisten nicht bereit, unter der Vorgabe der Landesverteidigung gewisse militä- rische Hegemonien zu schützen, die sich im Schatten des Ver- sailler Vertrages hätten aufrichten können. Wie der französische Ab- geordnete Paul Boncour es mehrfach betont habe, würde der Versailler Vertrag zu einem Fetzen Papier herabsinken, wenn die Siegermächte nicht ebenfalls ihre moralische und juristische verpslichkuag zur Abrüstung anerkennten. Infolgedessen seien die belgischen Sozialisten der An- sicht, daß auch Belgien neue Bemühungen zur Abrüstung machen müsse. Sie seien nicht bereit, zur Verteidigung des Versailler Vertrages die Waffen zu ergreifen, der selbst in seinen Bestimmungen sein« eigene Revision vorsehe. Auszug des Ritters von der traurigen Gestalt Don Quichugenberg befiehlt seinem Schildknappen Gancho Quaatz, das uralte Strettroß zu satteln, auf dem er zur Befreiung seiner Dulzinea Agraria in den Kampf zu ziehen gedenkt. Islamischer Glaubenseifer. Ein Oerwisch will putschen—-1000 werden verhastet. Konstantinopel, 29. Dezember.(Eigenbericht.) Ans Veranlassung der türkischen Regierung find in der Provinz Smyrna wegen angeblicher Verschwörung gegen den Staat bisher annähernd 1009 Personen ver- haftet worden. Die äußere Veranlassung gab jener Putschversuch in der kleinasiotischen Stadt Menemcm, der mehrere religiöse Fanatiker das Leben kostete. Am Dienstag vor Weihnachten erschienen früh morgens kurz nach Sonnenaufgang in der Hauptmoschee beim Morgengebet plötzlich 6 Bewaffnete. Der«ine von ihnen, ein wegen seines religiösen Fanatismus bekannter Derwisch, bestieg die Kanzel, ergriff eine der helligen grünen Fahnen und forderte die Gläubigen ans, den allen Gottesstaal in der Türkei wieder auszurichten und die ungläubigen kemalisken mit den Waffen zu bekämpfen. Dieser Vorfall wurde rasch allgemein bekannt. Bald oersanunelte sich eine große Volksmenge vor der Moschee, wo der Derwisch wiederum eine Hetzrede hielt. Während ein Teil der Menge für den Fanatiker Partei nahm, wagte ein allgedienter Offizier, f ü r die Resormpolitik der Dittaturreglerung zu sprechen. Auf einen Wink des Derwisches stürzten sich dessen Anhänger auf den Offizier, schlugen ihn zu Boden und schnitlen ihm bei lebendigem Leibe den Kops ob, den sie auf die Spitze der grünen Fahne steckten. Als später Gendarmerie heranrückte und den Derwisch aufforderte, sich zu ergeben, stieg er mit seinen Anhängern auf das Dach der Moschee und eröffnete heftiges Gewehrsener auf die Polizei; ihr Kommandant und mehrere Beamte wurden getötet. Erst als die Gendarmerie Maschinengewehre in Stellung brachte und der Derwisch von einer Kugel getroffen worden war, fand der Zwischen- fall sein Ende. Di« Untersuchung hat ergeben, daß die„Verschwörer von Menemem* aus der benachbarten Stadt Manissa(dem antiken Magnesia) gekommen waren. Ihr Anstihrer, der Derwisch Achmed, hatte dort eine geheime Sekte gegründet, wie sie in den letzten Zähren zu Hunderten überall in der Türkei entstanden sind. Ihre Anhänger gaben sich den verbotenen religrösen Uebungen des 1925 aufgelösten Derwischordens der Naksch-Bendis hin. Die Celle plante«inen großen Aufstand Der Putsch von Menemem sollte gewissermaßen die Generalprobe dazu seip. Alle Verhafteten weigern sich vor dem Untersuchungsrichter Aus- sagen über ihre Mitverschwörer zu machen, wollen alle Torturen gerne und„zu Ehren Gottes* auf sich nehmen, hallen den gefallenen Derwisch Achmed für den Mahdi(Messias) und erklären, daß er be- stimmt zum Leben wiederauferstehen werde. Weit entfernt, wegen des Mißerfolges in Menemem niedergeschlagen zu sein, sind olle Ge- fangenen stolz auf ihr„Märtyrertum* und verfluchen die Richter und Beamten der Republik als „Ungläubige*. Die Regierung wird den Putschversuch weiterhin zur völligen Vernichtung der Oppositionspartei benutzen. Aufstand in Hinterindien. Die Rebellen umzingelt. Rangun über London, 29. Dezember. Zwischen den Regierungetruppen und den Ausständischen im ltharawady-Bezirk in Burma ist eine Schlacht im Gange. Bisher haben sich die Aufständischen in ihren Stellungen hallen können, obwohl sie mit Artillerie heftig beschossen werden. Ein Test des Dschungels ist in Flammen aufgegangen. Der starke Rauch ver- hindert das weitere Vordringen der englisch-indischen Truppen. Der Kanonendonner ist auf viele Kilometer zu hören. Die englischen Truppen haben die Eingeborenen in weitem Umkreis ninzingell, so daß ihnen nichts anderes übrigbleiben wird, als einen Durchbruch zu versuchen, oder sich bis auf das Letzt« zu verteidigen. Auto in den Humboldthafen gestürzt. Oer Ehauffeur gerettet/ Bergungsarbeiten der Feuerwehr. kurz vor Rlillernacht stürzte am Alexanderufer ein Privatwagen in den Humboldthafen. Dem(Ehaussenr gelang es im letzten Aogenblick, sich aus dem Führersitz zu befreien und schwimmend die Userböschung zu erreichen, wo der Verunglückte von hilfsbereiten Passanten herausgezogen wurde. Das Auto kam in sehr schneller Fahrt von der Invalidenstraße und bog in das Alexanderufer ein. An einer ziemlich unüber- sichllichen Stelle verlor der Führer des Wayens die Orientierung und geriet auf den Ladekai des Hafens. Als er seinen furcht- baren Irrtum bemerkte und die Bremsen anzog, war es bereits zu spät. Da» Fahrzeug rutschte auf dem vereisten Pflaster etwa 15 Meter weit und stürzte, sich mehrmals überschlagend, ins Wasier. Als die alarmierte Feuerwehr mit mehreren Löschzügen erschien, war der Chauffeur bereits in Sicherheit gebracht; die Bcr- gungsarbeiien, die im Lichte greller Scheinwerfer vorgenommen wurden und trotz der späten Stund« eine große Schar Neugieriger angelockt hatten waren bereits gegen 1 Uhr beendet. Tschechisch-ungarischer Handelskrieg Agrarische Treibereien und ihr Erfolg. Bor etwa zwei Monaten wurde in der Tschechoslowakei eine Be- stimmung Gesetz, daß aus ländisches Mehl vor dem gewerblichen Verbacken mit drei gleichen Teilen i n ländischen Mehles gemischt werden muß. Diese Bestimmung richtet sich so gut wie ausschließlich gegen die ungarische Mehleinfuhr. Ungarn ist als Produktions- land besonders guten Weizenmehles bekannt. Sachkundige behaup- ten, daß auch bei gleicher Ausmahlung das ungarische Weizenmehl an Geschmack und auch an Backsähigkeit den Weizenmehlen nördlicher gelegener Länder weit überlegen sei. Aus jahrhundertelangem Zu- sammenleben der Böller des ehemaligen Oefterreich-Ungarn ist ihnen die Geschmacksrichtung und die Vorliebe für feines Gebäck gemeinsam geblieben. Selbstverständlich waren es auch in der stark industriellen Tschechoslowakei die Agrarier, die mit ihren Klagen über ihre schlechte Wirtschaftslage, die viel zu niedrigen Getreidepreise, die hohen Steuern und Schulden usw. die erwähnte Bestimmung durchgesetzt haben. Für Ungarn ist diese Neuregelung ein überaus schwerer Schlag, denn Mehl ist ein Hauptausfuhrartllel des ungarischen Lan- des, das durch die Friedensbestimmungen von Trianon auf«inen Teil der ungarischen Tiefebene reduziert worden ist und dem nicht nur die Randgebirge, sondern auch welle Vorländer wegen ihrer überwiegend, nicht selten aber auch nur Minderhellscharakter tra- genden nichtmadjarifchen Bevölkerung weggenommen wor- den sind— damit aber auch wichtige Rohstoffgebiet« aller Art. Man weiß, daß das Um und Auf der ungarischen Außenpolitik die Wiedergewinnung des verlorenen, die Zrredenla sozusagen oberste ungarische' Staatseinrlchlung und ganz besonder» gegen die demokratische Tschechenrepublik der ganze haß der man- archistisch�hauvinlslischeu Beherrscher Ungarn» gerichtet ist. Auf die tschechische Mehlverordnung, die wie ein Pellschenschlag i wirkte, hat Ungarn mll dem Erlaß einer Bestimmung geantwortet, die die Einfuhr tschechoslowakischer Textilwaren aus das äußerste verteuert und erschwert. Damit wird wiederum die Tschecho- slowakei auf das schwerste getrofsen. Bon der altösterreichischen Textilindustrie liegt der allergrößte Teil auf dem Gebiet der tschecho- slowakischen Republik. Die Ausfuhr ihrer Produkte nach anderen Ländern mit starker Textilindustrie ist unter dem heute wieder all- mächtig«« Schutzzollsystem kaum möglich. Em« der größten Abnehmer der gesamten europäischen Textilindustrie, nämlich Rußland, ist als Käufer vollständig ausgefallen. So war das verkleinerte Ungarn eines der wichtigsten Ausfuhrländer für die Textilindustrie von Böhmen, Mähren und Südschlesien. Die starke Absatz- und darum auch Arbeitslosigkeit dieser großen Industrie ist nun noch erheblich gesteigert. Ungarn züchtet eine eigene Textil- industrie, deren Zukunft— nach Aushören des Handelskriegs— dunkel ist, die aber an ihm das größte Interesse hat. Die Prager Mehloerordnung aber, die eine so folgenschwere Wirkung gehabt hat, ist nach der Meinung Sachverständig« über- Haupt undurchführbar. Die kleineren Bäcker, also ihr« größte Zahl, haben gar nicht die technischen Einrichtungen zu einer der- artigen Mehlmischung: sie sind von altersher gewohnt, das Mehl aus den Säcken, in denen sie es kaufen, direkt zu verwenden. Der Händler denkt gar nicht daran, und hat noch viel weniger Einrichtungen dazu, die Wehlmischung vorzunehmen, zu der das Gesetz ihn gar nicht nötigt. Ein bezeichnender Fall ist folgender: ein Großbäcker meldete der zu- ständigen Behörde, daß er am nächsten Tage die vorgeschrieben« Mehlmischung vornehmen werde. Das Amt entsandte«inen Be- amten, der voll« acht Stunden treu und brav dem Arbeitsprozeß bei- wohnt«, allerdings tonnte ihn seine staatlich« Würde nicht davor be- wahren, selbst gründlich eingemehlt zu werden. Als der Groß- bäcker den Beamten bei Arbeitsschluß für den nächsten Tag zur Fort- setzung einlud, erklärte dieser, er danke schon, er werde aber am nächsten Tage nicht wiederkommen, man möge nur ohne ihn weitermischeu. Ob man das getan hat und ob auch in den unzähligen anderen Bäckereien, die sich übrigens rechtzeitig vor dem Inkrafttreten des Gesetzes sehr reichlich mit dem beliebten und viel begehrten ungari- sehen Mehl eingedeckt haben,— das landesübliche C h r i st brat, das in der Weihnachtszell um so mehr oerzehrt wird, als es fünf Tage lang kein« frischen Semmeln(Brötchen) gibt, kann nach allgemein« Ueberzeugung nur aus ungarischem Mehl hergestellt werden. Inzwischen sind nun auch, wohl unter dem Eindruck dieses M«hl° und Textillrieges, die Verhandlungen über das, was anstelle des abgelaufenen Handelsvertrages treten soll, gescheitert und der Zollkrieg ist auf allen Linien entbrannt. E ist nicht zu ver- kennen, daß dadurch auch die sowieso gespannten politischen Be- Ziehungen der beiden Staaten aufs neue porte» stad. Berenguers Verleumdungen. Spaniens Republikaner für Demokratie und Frieden. Von V Madrid, Ende Dezember. Alle verhafteten Politiker haben sich bei ihrem Verhör vor dem militärischen Untersuchungsrichter ausdrücklich dazu be- tannt, das Manifest unterschrieben zu haben, durch das das Voll zur Revolution und für die Errichtung der Republik auf- gerufen wurde. Sie haben dabei alle hinzugefügt:„Wir haben dieses Dokuinent auf Wunsch und in Gegenwart hoher ziviler und militärischer Persönlichkeiten unterschrieben." Diese Hol- tung der verantwortlichen Führer der Bewegung ist nicht ohne Eindruck auf die Regierung geblieben. Letztere scheint einen Prozeß vor aller Oeffentlichkeit zu scheuen, bei dem die Angeklagten nicht verfehlen würden ihrerseits das Regime an- zuklagen. Daher hat sich eine der letzten Kabinettssitzungen mit dem besonderen Fall von Largo Caballero beschäftigt, der als Mitglied des Staatsrates nur durch den Obersten Heeres- und Marinegerichtshof abgeurteill werden darf. Soll die Regierung unter das kaudinische Joch zweier großer Pro- zesse hindurchgehen? Das würde für sie eine Anhäufung von Gefahren bedeuten. Daher hat man daran gedacht, alle Angeklagten dem Obersten Gerichtshof auszuliefern, aber bisher ist noch keine Entscheidung darüber getroffen worden. Schon jetzt allerdings muß die Aufmerksamkeit der öffent- lichen Meinung in der Welt auf diesen künftigen Prozeß ge- lenkt werden, denn die Regierung und der König selbst— oder vielmehr die Königin � haben als erste das Ausland über den Charakter der Bewegung zu informieren oersucht, und zwar in ganz tendenziöser Weise. So haben der Ministerpräsident und der Außenminister sich beeilt, den aus- ländischen Berichterstattern zu erklären, daß die Bewegung einen ausgesprochen kommunistischen Charakter gehabt hätte und daß ihre Führer Werkzeuge der Sowjetregie- r u n g gewesen wären. Sogar die Königin war so unvor- sichtig, mit der Redaktion der englischen Zeitung„S t a r" zu telephonieren, um ihre eigenen Ansichten über die Lage in Spanien mitzuteilen: dies alles in einem Augenblick, in dem die unabhängige Presse Spaniens geknebelt ist, wo sie weder die eigene noch die ausländische Oeffentlichkeit über die Borgänge zu unterrichten vermag, und erst recht nicht in der Lage ist, auf die Verleumdungen und Beschimpfungen zu antworten, die die reaktionäre Presse mit Hilfe der Militär- zensur über sie häuft. Gestützt auf solche tendenziösen Dar- stellungen haben manche der wichtigsten ausländischen Blätter tatsächlich geglaubt, daß die republikanische Bewegung Spaniens ein finsteres Manöver der Sowjetleute und eine Gefahr für den Frieden sei. Deshalb kann nicht.laut genug verkündet werden, 1. daß es eine Kommunistische Partei w Spanien sozusagen gar nicht gibt; 2. daß unter den Männern und Organisationen, die die Bewegung vorbereitet, geleitet und durchgeführt haben, es nicht einen einzigen Kommuni st en gibt; 1 daß hingegen alle Männer ohne Ausnahme, die eine unmittelbare oder mittelbare Verantwortung in der— übrigens weiter gehenden— Bewegung tragen, glühende Anhänger der Demokratie und des Friedens und leidenschaftliche Verteidiger jenes Völkerbundsgedankens sind, den die Kommu- nisten verabscheuen. Die spanischen Republikaner haben den Fehler begangen, ihren Pressedienst zwecks Aufklärung der öffentlichen. Welt- Meinung nicht genügend zu organisieren. Freilich konnten sie auch nicht voraussehen, daß gewisse große Blätter des Aus- landes so leicht auf die Verleumdungen hereinfallen würden, die General Berenguer gegen sie ausstreuen würde. Die spanischen Republikaner, einschließlich der mit Ihnen verbündeten Sozialisten, haben dem General Primo de Rioera und den Fortsetzer seines Werkes, den General Berenguer, stets auf das schärfste bekämpft. Aber niemals haben sie sie beschuldigt, Werkzeuge Mussolinis oder anderer ausländischer Reaktionäre zu sein. Wie kommt also Berenguer dazu zu behaupten, daß die Führer der spanischen Erhebung die Helfershelfer rusiischer Kommunisten seien, wie kann er durch die Militärzensur die Regierungspresse schreiben lassen, daß die Teilnehmer an dem Aufstand gemeine Ver- brecher, Vorbestrafte und Verräter an der Sache Spaniens seien? Das läßt sich nur so erklären, daß die Re- gierung weiß, daß sie eine schlechte Sache verteidigt. Sehr bezeichnend ist, daß die Regierung, die die Ver- Haftung unzähliger Generäle, Heeres- und Marineoffiziere, großer oder kleiner Industrieller, Universitätsprofessoren und Mittelschullehrer, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Journalisten, sowie vieler Soldaten, Studenten und Arbeiter angeordnet hat, die Tatsache der Verhaftungen und die Namen der Verhafteten zu veröffentlichen o e r b i e t e t. Sie gestattet nur dann eine Veröffentlichung, wenn es sich um Gewerkschaftler oder Kommuni st?n handelt. Freilich war die Presse nicht in der Lage, viele Namen von festgenommenen Kommunisten zu nennen, weil diese nur eine verschwindende Minderheit bilden. Beinahe die Gesamthest der Verhaf- teten besteht aus Republikanern und Sozialisten. Es muß darauf hingewiesen werden, daß in sämtlichen spanischen Provinzen es Städte und Dörfer gegeben hat. in denen der Generalstreik vollkommen durchgeführt wurde, ganze Provinzen, in denen in Stadt und Land das Volk die Lage völlig beherrschte. Nirgends ist der geringste Anschlag gegen das Privateigentum erfolgt, außer in G i j o n in der Provinz Asturien, wo die Menge in das Gebäude des Jesuitenordens eindrang und angeblich versuchte, es in Brand zu stecken. Endlich hat es Orte gegeben, wo die Gendarmerie, sei es aus Sympathie mit dem Aufstand, sei es im Gefühl ihrer Ohnmacht, sich dem Volke angeschlossen hat. Wir könnten diese Orte nennen, ziehen es aber vor, die Namen nicht der Polizei Berenguers zu verraten. Als das Signal zur Einstellung der Bewegung gegeben wurde, beeilten sich die republikanischen Führer, selbst die Gendarmen davon zu benachrichtigen und ihnen nahezulegen, sich nicht weiter zu kompromittieren. Das alles beweist den wirklichen Charakter der Lage. Das Ziel war nicht eine soziale Revolution, sondern die Umwandlung des politischen Regimes, die Schaffung einer dem Volkswillen entsprechenden Verfassung, eines wirklichen Parlamentes und einer verantwortlichen Re- gierung. Sicherlich gibt es unter den Anhängern der republikanischen Bewegung viele, die in der Republik das Endziel, während andere in ihr nur den Ausgangs- punkt erblicken. Aber alle stimmen über die Notwendigkeit der Schaffung der Republik überein. Charakteristisch ist folgende Anekdote: Ein führender Politiker der Konservativen Partei fragte einen bekannten Sozialisten:„Erklären Sie mir bloß, wie ein Mann wie Sie, der doch sein ganzes Leben lang antimilitaristisch ge- wesen ist, die Mitarbeit der Militärs so ohne weiteres akzeptiert hat?" Der Sozialist antwortete:„In der gegenwärtigen Lage würde ich mich mit dem Major Franco, dem General Queipo del Llano und anderer republi- kanischer Generäle und Offiziere aus den 26 Garnisonen, die uns unterstützt haben, stärker verbunden fühlen als mit solchen Sozialisten, die die ganze historische Tragweite der jetzigen Zeit verkennen oder verkleinern würden. Zum Glück gibt es in Spanien derartige Sozialisten nicht." Am Schluß eines ausgezeichneten Artikels hat der be- rühmte Professor an der Universität Madrid O r t e g a y Gels et ausgerufen:„Oeloncks. est iMonarcinn!" „Sie Monarchie muß zerstört werde nl" Das ist der Ruf, den von einem Ende des spanischen Gebietes bis zum anderen Millionen von Bürger Wiederhofen, die chr Land lieben, die aber gerade deshalb die Begriffe Vaterland und Freiheit nicht von einander trennen. Reaktionäre Blätter des Auslandes, wie die„Daily Mail" und das„Echo de Paris", haben die republikanische Bewegung als eine Gefahr für den Fried e�n Europas hingestellt. Solche Aeuherungen sind diesen Blättern oder ihren Korrespondenten durch Berenguer selber nahegelegt worden, der auf diese Art Stimmung für die Monarchie und für seine eigene Regierung im Ausland machen läßt. Aber diese Beschuldigungen sind einfach sinnlos, denn das spanische Volk liebt den Frieden, es bekennt sich zum Völkerbund und zur Schiedsgerichtsbarkeit, während völkerbundsfeindliche Handlungen nur unter dem Diktatur- regime Primo de Riveras vorgekommen und Völkerbunds- feindliche Aeußerungen nur aus dem Munde des Königs Alphons selber gefallen sind. Die spanische Republik wäre die Rettung für Spanien und eine Garantie für die europäische Demokratie und für den Weltfrieden. Davon sollten die Demokraten aller Länder überzeugt sein. Und im übrigen ist die Errichtung der Republik nicht nur möglich: sie ist unabwendbar!_ Papstrede wird verschwiegen. Faschistenpresie darf nur Bruchstücke veröffentlichen. Rom. 2?. Dezember. Die Weihnaaitsansvrache des Papstes ist von den faschistifcheii Blättern nur in nichtssagenden Auszügen wiedergegeben und wenig beachtet worden. Die Klagen Pius' XI. über gewilse Borgänge bei der Trauung des Köirigs Boris in Bulgarien nach orthodoxem Ritus trotz gegenteiliger ausdrücklicher Versprechungen wurden weg- gelassen, ebenso die Ausführungen des Papstes über die Kriegsgefahr und sein Ausspruch. daß die Menschen vernichtet werden sollten, die wieder Krieg wollten. Kommunistenroheii. Sin alter Vertrauensmann überfallen. Der Arbeiterkonsumverein für Nordböhmen in Reicheicherg hat eine kommunistische Angestellte wegen Ilngeeignetheit entlassen und einen anderen Kommunisten auf einen anderen Posten im Betrieb versetzt. Darauf proklamierten die Kommunisten einen Käufer. st r e i k. Der brach ober nicht aus. Nun leiten die Kommunisten eine schriftliche Protestaktion ein. Zur Aufklärung der Mitglieder veranstaltet die Vereinsleitung in allen Orten Mitgliederversamm- lungen, die schon mehrfach zum Fiasko der kommunistischen„An- kläger" geführt haben. Zur Hebung ihrer Aussichten wollten sie in Gablonz a. d. Neiße NichtMitglieder in die Dersammlung ein- schmuggeln. Das ließ sich die aus Sozialdemokraten und oppositionellen Kommunisten desetzte Versammlung nicht gefallen, die Versammlung fiel aus. Auf dem Heimweg aber wurde Genosse Hermann H l a d i k, ein weihhaariger Mann von fast öll Jahren, seit seiner Glasschleiferjugend in der Arbeiterbewegung, gewesener Senator der tschechoslowakischen Republik und Kassenführer der Bezirkskrankenkasse, von vier Kommuni st en über- fallen, seines Stockes beraubt, dieser an ihm zerschlagen, Hladik zu Boden geworfen und aus ihn getreten. Der herkulischen Konstitution Hladiks allein ist es zu verdanken, wenn er nicht dauernd in semer Gesundheit geschädigt ist. Es gehört besondere Roheit dazu, sich an diesem Mann zu vergreisen, den tatsächlich das ganze Jssr- gebirge als grundehrlichen Vertreter der Arbeiterinteressen kennt! fGcwerkschnftlichcs siehe 2. Beilage.� Berantwartlich fiir Polilik- Victor Schiff! Wirtfchaft: G. itlinacldöfcr; Scivcrlschaftsbeweauno: I. Ltcincr: gcuilleton: Dr. Iot» Schilowoti: Lotalcs und Sonstiges: Krit, Jtatftöbt; An., eigen: Tl>. Glocke! sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Vcrlag®. m. b. S.. Berlin. Druck: Borwärls-Buchdruckerci und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SD. 08, Lindenstrabc 3. Kie:,a 2 Beilagen. FHT H F I jC£& WM■H M W|L H H H WW ü B Zusendung bei Bestellung von 5 M an Leipziger Str.(Vereand-Abi) Königstraße Rosenthaier Str. Moritzplatz Zusendung bei üestenung von 3 M an Obst, OemQse o. alle leicht verderblichen Artikel sind vom Versand ausgeschlossen Frisch. Fleisch Fr. Bratwurst... Pfund Schweinerücken pe Un- r.mhrheiten bei den Einzelgestandnisscn zutage getreten waren. Die Täter mochten inzwischen eingesehen haben, daß Leugnen und Ver :uschen nichts mehr helfen würde und deckten ihr« Karten auf. Wie schon«rwähnt, machte sich Halubka an die alt« Frau heran, die ihnen geöffnet hatte und ihr« Forderung noch Geld zunächst für«inen Scherz hielt. Zu Boden gestreckt, weigerte sie sich, das Versteck des Geldes anzugeben. In dem Augenblick kam ihr Ehemann ihr zu Hilfe, wunde aber sogleich von Mohring angefallen und mit dem Pistolcnkolben niedergeschlagen. Die Frau erkannte wohl, daß sie keine Hilfe zu erwarten habe und gab jetzt an, das Geld sei im Schreibtisch verborgen. Auf Zuruf des Halubka forscht« Mohring dort noch und fand eine Zigarrentosche, die voller Geldscheine war. Nachdem beide auch die Lodenkasse ausgeraubt und ihren Opfern noch Hiebe und Stöße versetzt hatten, flüchteten sie aus dem Hause. Sie hatten zwar mit Popp verabredet, sich zu treffen, doch wurde daraus nichts. Mohring und Halubka fuhren mit dem ersten Zuge, der auf dem Bahnhos Schönhauser Allee einlief, nach dem Gesund- brunnen hinaus und gingen von dort bis zur Kesselstraße, wo sie in einem Lokal«inkehrten. Unterwegs besahen sie die Beut« und mußten erkennen, daß in der Zigarrentasche nur alt« entwertet« Scheine waren. Ein einziger Zehnmarkschein war brauchbar. Den nutzlosen Rest warfen die beiden weg. Be- amte der Mordkommission fanden die Scheine, lieber die Teilung der Beute kam es noch zu einem Streit, denn Mohring beansprucht« 10 M,, damit er sich einen Anzug kaufen könne. Seinem Drängen gaben die beiden anderen nach und Mohring kaufte den Anzug, da der älte.'den er bei der Tat getragen hÄte, nnt Blut besudelt war. In einer Herberge in der Auguststrahe kamen die drei zum letzten Mal« zusammen, dann trennten sie sich Popp und Mohring fuhren zum Tanzvergnügen, Halubka besuchte eine Kino. Eduard Davids Ucbersührung im Tonfilm. Die gestrig« Trauerfeier für Eduard David wurde von der „Deka-Film" als Tonfilm aufgenommen. Ein Teil der Auf- nahmen erscheint in der kommenden„Emelka-Tonwoche*. Die Ge- i nntau-fnahmen werden vorgeführt anläßlich der Uraufführung des Film»„Die größte Radsportfchou der Well� am Sonntag, dem 4. Januar 1931, 11 Uhr,' in den„Baoaria-Lichtspielen', Friedrich- straß«. Schüsse am Görliher Bahnhof. Sin polizeioberwachlmeifier hinterrücks niedergeschossen. In den gestrigen Abendstunden kam es vor dem Nazivertehrs- lokal in der Wiener Straße 10 wieder einmal zu einer Schlägerei zwischen Halenkreuzlern und Kommunisten. Einige Zeit später erschien ein kommunistischer Trupp von etwa fünfzehn bis zwanzig Mann abermals vpr dem Lokal, in dessen Räumen sich die Nazis zu einer Weihnachtsfeier versammelt hatten, und schleuderten gegen die Fensterscheiben Steine und feuerten einige Schüsse ab. Zwei Polizeibeamten gelang es, einen der mutmaß- lichen Schützen festzunehmen. Als die beiden Schupoleute den Burschen zu dem in der Manteuffelstraße 103 gelegenen Revier bringen wollten, fiel plötzlich ein Schuß und der Obenvachtmeist-r Kowalski brach von einer Kugel in das Becken ge- troffen zusammen. Leider konnten die feigen Täter, die den Beamten heimlich gefolgt waren und aus dem Hinterhalt gefeuert hatten, entkommen. Der schwerverletzte Beamte fand im Staats- krankenhaus Aufnahme. Der Festgenommene wurde der Politischen Polizei übergeben. Er behauptet, parteilos zu sein. Fünf Personen überfahren. Raserei eines Betrunkenen. Durch einen rücksichtslosen Ehauffeur, der offenbar auch noch in angetrunkenem Zustande am Steuer eine» Geschästsautos saß, wurde gestern im Borden Berlins schweres Unheil angerichtet. Bor dem Hause Stargorder Straße 32 wurden von dem Auto zunächst zwei Personen, der 4Sjährig« Schlosser Albert Löhnert aus der Stralsunder Straße 16 und die 64jährige Frau Henriette Brems aus der Stubbenkammer Straße Z überfahren und schwer verletzt. Die Verunglückten fanden im Krankenhaus am Friedrichshain Aufnahme. Der schuldige Chauffeur entzog sick> seiner Verantwortung durch die Flucht, gab Vollgas und rast« in großer Geschwindigkeit d'avon. An der Ecke Prenzlauer Allee verlor der gewissenlose Bursche die Herrschaft über die Lenkung und geriet auf den Bürgersteig. Dabei wurden abermals drei Personen vom Wagen erfaßt und erheblich verletzt. Auch jetzt konnte der schuldige Autosührer wieder entkommen, dagegen wurde die Nummer des Wagens festgestellt, so daß schon heute mit seiner Festnahm« zu rechnen ist. Geheimrat �abnow fünfundslebzigjährig. Der erste Stadtmedizinalrat von Groß-Berlin, Geheimrat Dr. R a b n o w, der unmittelbare Vorgänger des gegenwärtigen Stadtmedizinalrats Prof. Dr. von Drigalski feiert heute seinen 7 5. Geburtstag. Rabnow hat als Stadtrat von Berlin-Schöneberg durch seine langjährige Tätigkeit als Dezernent für das städtische Wohlfahrts-, insbesondere Gesundheits- wesen, ganz besonders auf dem Gebiete der Woynungs- s ü r s o r g e und der.Tuberkulosebekämpfung pch große Verdienst« um das-allgemeine Wohl erworben. In Anerkennung dieser Verdienste wurde er nach dem Kriegs auf den Verantwortung»- reichen Posten des Stadtmedizinalrats für Groß-Berlin gewählt. Er hat aus diesem Posten den Grundstock geschaffen für die bestehende Organisation des städtischen Gesundheitswesens der Stadtgemeinde Groß-Berlin. Gsheimrat Rabnow gehört seit vielen Jahren der Sozialdemokratischen Partei an, die ihrem allen Vorkämpfer auf dem Gebiet des Volksgesundheitswesens an seinem Geburtstag die besten Wünsche darbringt. Tobessahrl eines Skilehrer». Auf einer Skitour zwischen Schlesierhaus und Hampelbaude(Riesengebirge) fuhr der Berliner Gewerbeoberlehrer Raida, der einen Skikurs leitete, gegen«ine Markienmgsstange. Die Stange brach, drang dem Ski- lchrer in den Leib und verletzte ihn tödlich. ft&l ..�4 IfeiS Ueberau, auf Straßen und Plätzen, wo gerade nicht ge- schössen wurde, standen Menschen, zu schwarzen, summenden Trauben gesammelt. Neberall gab es nur ein Thema: Politik. Gierig lauschte Ludwig jedem Redner. Er mischte sich in die Gespräche von Leuten ein, die er gar nicht kannte, und lief kläffwütend davon, wenn die Angeredeten nicht nach den ersten zehn Sätzen seine Meinung teilten. Doch ebenso schnell beruhigte er sich wieder. Zu überzeugen war niemand. Es stand ja nicht Einsicht gegen Einsicht, sondern Wille gegen Wille. Und des Menschen Wille ist eben unbelehrbar. Ludwig wich nicht von seinem. Er verteidigte ihn mit sturer Hartnäckigkeit. Mochten die Meinungen anderer auf die seinigen aufprallen wie platzende Handgranaten, der Schluß der Debatte ging immer aus wie das Hornberger Schießen. Bald waren ihm die politischen Ansichten der anderen zu scharf, bald zu gemäßigt. Im Grunde war er ja auch kein politisch geschulter oder irgendwie politisch begabter Kopf, sondern weiter nichts als ein aufgequirlter Spießbürger, der aus der Not seines Kriegs- erlebens heraus zu radikalen Ansichten gekommen war. Seine Gedanken, mochten sie noch so schief sein, hielt er allein für richtig. Nie zerbrach er sich den Kopf darüber, ob sie auch ausführbar feien. Zum Rat der Volksbeauftragten stand er in schärfster Opposition. Die tausenderlei Anschläge an den Plakatsäulen und Bretterzäunen mißbilligte er. „Wort- und Papierpolitit!" sagte er. ,Lat denn die neue Regierung nichts anderes zu tun, als sich um jeden Quark höchstpersönlich zu bekümmern? Das Volk hungerte doch. Da war keine Zeit für schöne Aufrufe. Da hieß es für Brat sorgen! Das war Pflicht der neuen Regierung! Was brauchte man ein Wahlrecht für Frauen und für Zwanzigjährige?! Als er Zwanzig war, du lieber Gott, was dachte er da an Wahlrecht oder überhaupt an Politik! Nicht die blaffe Bohne! Da mußte er schuften, daß ihm das Blut unter den Finger- nägeln stockte. Und daß es gut war, daß er geschuftet und dadurch etwas vor sich gebracht hatte, darauf war der Krieg das Exemoel. Ohne das erarbeitete Kapital liefe er höchst- wahrscheinlich nicht mehr herum, sondern moderte irgendwo in einem der vielen Massengräber draußen in fremder Erde. Wieder kaufte er sich Stöße von Zeitungen. Zwei-, drei- mal im Tag lief er mit ganzen Packen unterm Arm zu seinem Vater in die Schuhmacherwerkstatt, las diesem das Neueste vor und politisierte heftig mit ihm. Der alte Eisermann, der sich längst seine feste Meinung gebildet hatte, machte schließlich den fruchtlosen Debatten ein Ende, indem er sagte:„Weißt du. Junge, du bist ja kein schlechter Kerl und auch nicht dumm; das hast du bewiesen. Erstens, indem du den Militarismus, den ich aufs tiefste hasse, so glatt das Seil herunterließest, und zweitens, indem du den beiden fetten Kriegsgewinnlern eine in die Fresse appliziertest. Das war wirklich eine revolutionäre Tat von dir. Aber entschuldige, von Politik hast du keinen Hochschein, keine Ahnung, keinen Schimmer! Nimm mir das nicht übel! Von Politik verstehst du nichts I Da bist du nicht der Mann dafür!" Ludwig schlug mit der Faust auf den Schustertisch, daß die Werkzeuge tanzten, und schrie den Alten erbost an:„Aus- gerechnet mir sagst du das?! Weißt du, Vater, ich bin alt genug, um zu wissen, was ich sage. Meine Ideen sind gut: denn meine Erfahrungen haben mir bewiesen, daß es auf keinen Fall so geht, wie sich das die Regierung vorstellt oder gar wie es die Soldatenräte machen! Was quatschen die von Sozialisierung?! Mumpitz ist das! Da würden ja jedem die gebratenen Tauben gratis in den aufgesperrten Rachen fliegen. Hahaha. Da würde ja Deutschland wirklich das Schlaraffenland sein, in dem keiner mehr arbesten wollte!" Der alte Schuhmachermeister traute sich bedächtig den glatten Schädel, rückte die Brille auf die Stirn und sah seinen Sohn sarkastisch an:„Ich für mein Teil, Ludwig, quassle nicht drein. Ich warte erst mal ab, wie sich die Dinge alle gestalten werden. Wenn du aber so schlau bist, daß du zum vorherein weißt, wie die Dinge alle gemacht werden müssen, Menschens- kind, bitte, dann gehe du gefälligst hin und regiere! Ich bin überzeugt davon, in der Wilhelmstraße werden sie dich mit offenen Armen aufnehmen und deinen Worten dankbar Ge- hör schenken!" Fluchend entlief Ludwig aus der Werkstatt und ließ seine Zeitungen zurück. Vater Eisermann sammelte sie und schnitt sie sorgsam in kleine Vierecke. So waren sie außer für Revolutionspolitik auch noch für was anderes gut. * In dieser aufgewühlten Zeit starb Marias Vater. Gesund und fröhlich hatte er noch am Abend seinen Nacht- wächterdienst angetreten. Am Morgen brachte man ihn tot in die Wohnung.— Herzschlag. Maria, die sehr an ihrem Vater hing, war beinahe un- tröstlich. Ludwig war zunächst nicht sichtlich ergriffen. Er sagte nur:„Herzschlag, Maria! Das glaubt ja kein Mensch! Dein Vater und Herzschlag! Rein, verhungert ist er, der alte Mann, einfach verhungert. Der verdammte Krieg!" Ludwig kam bei diesen Worten so in Erregung, daß Maria einen der alten Nervenanfälle befürchtete. Sie hatte zu tun, in ihrer Trauer nöch den kranken Mann zu besänf- tigen. Auf dem Heimweg vom Begräbnis lüftete der alte Eiser- mann den ehrwürdigen Ziegenhaarzylinder, wischte sich die Schweißtropfen von der Glatze und nickte bedenklich:„Ja, Ludwig, alles ist vergänglich, wie schon der Prophet Jammer- hias sagt. Nun hat unfern lieben humorvollen Nachtwächter auch der Teufel geholt. Wann werdet ihr mich begraben? Wie lange dauerts noch, daß ich den Hammer schwinge? Eines Tages steht man nicht mehr auf oder klopft gerade eine Sohle oder riestert einen stinkenden Schuh, und dann ist es ge- schehen! Wie wenig ist doch unser kleines Leben wert... ja, ja..." Ludwig sah den Vater von der Seite an und stutzte, daß der alte Mann so klapprig neben ihm daherlief. Das hatte er gar nicht gewußt, gar nie daran gedacht, daß sein Vater auch mal hinfällig werden könnte. Einmal ja... er erinnerte sich... vor Jahren war es gewesen... da hatte er dem Vater gesagt, er solle die Schusterei an den Nagel hängen. Aber der Alte hatte ener- gisch abgewinkt. Und da hatte er sich eben gar nicht mehr groß um ihn bekümmert, sondern sich damit begnügt, ihm hie und da ein paar Mark Unterstützung in die Hand zu drücken. Unwillkürlich schwenkte er die Hand, als wolle er fageni „Es war nicht viel!"(Fortsetzung folgt) Sechstausend Kellner hoffen... 3000 Musiker und 2000 Artisten auch. Der freudvolle Betäubungsruinmel, mit dem die Menschen all- jährlich das alt« Jahr zu Grabe trogen— sie geben nun einmal das Hoffen auf ein besseres neues nicht auf—, hatte, praktisch bewertet. höchstens das Plus des„leben und leben lassen" für sich. Denn um den Stilnmungsthermometer etlicher Taufende auf den Siedepunkt zu briirgen, bedurste es schon allerhand Quantitäten der verschiedenartigsten Anregungsmittel: Mkohol, Musik, Gesang. Um den Riesenkonsum an wein- und feingeistigen Wünschen zu decken, dazu bedurfte es schon eines Massenaufgebotes an Menschen und Material, und so war Silvester eigentlich für die Berussangehörigen des Bergnügungsgewerbes stets ein kleiner Rausrcißer. Was tat es dem Kellner, daß er sich die Füße wund lief, um all die durstigen Kehlen zu stillen, daß sich der Musikus sein schönes Oberhemd und etliche Kragen durchschwitzte und der Stimmung?- macher am Podium in kaum einer Stunde keinen Ton mehr in der Kehle fand, es gab doch Geld, es gab wieder Brot für ein paar Tag«. Große, kleine und kleinste Lokale verstärkten ihren gastrono- mischen und Amüsierbetrieb und stellten Kellner, Musiker und Stimmungskanonen verschiedensten Geirres für diese Freudennacht ein. Ueberall ward musiziert, überall getanzt, überall Klamauk genracht. Aber es wird immer trostloser. War schon im Vorjahr die Siloesterkonjunktur nicht gerade gut zu nennen, so ist sie in diesem Jahre fast hoffnungslos. Einem durch die Wirtschaftskrise enorm reduzierten Bedarf steht ein aus derselben Not ins Doppelte und Dreifache gewachsenes Riesenheer Arbeitsuchender gegenüber... Am Heiligabend arbeitslos. 600l) erwerbslose männliche Gaslwirlsangcstellte und 4000 arbeitslose weibliche. Im Zlrbeits Nachweis ist es schwarz von Menschen, die stunden-, tage-, wochenlang stehen und warten und hoffen: Vielleicht wenigstens ein Siloestergeschäft! Aber die paar Austräge, die da einlaufen, was sind sie, gemessen an der Riesenzahl derr, die Arbeit suchen! Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Jeder, der seine Stempelkarte vorlegt, hat in den Augen die bange Frage: Wieder nichts? Das ist ein stummes Zwiegespräch zwischen Ver- mittler und Arbeitnehmer. Ohne Worte weiß ein jeder, was los ist. „Ein trauriges Amt ist es, das ich da bekleide." meint ein Ver- mittler,„es dreht einem das Herz um, all diesen Bedauernswerten nicht helfen zu können." Um der großen Not wenigstens ein ganz klein wenig zu steuern, haben sich durch Vermittlung des Arbeits- Nachweises verschiedene Arbeitgeber bereit erklärt, den Allerbedürf- tigsten eine Woche Freitisch zn geben. Natürlich konnte diese Hilss- aktion nur in ganz beschränktem Maße erfolgen, und Hunaer haben sie alle. Und nun konnnt ein jeder und bittet, und wieder heißt es hart sein und all jene abweisen, bei denen es doch noch nicht so ganz schlimm ist. Auch zu Weihnachten gedachten verschiedene gutherzige Menschen dieser Bedrängten und einer erzählt gerade mit leuchten- den Augen und beredten Dankesworten, wie schön die Bescherung war, wie fein die Leber- und die Zungenwurst schmeckte und daß es noch einen Topp Bier, mißerdem Kaffee, Zucker, Schmalz, Butter und noch allerlei gut« Sachen gab. Dos ist aber auch der einzige kleine Lichtblick in dem trostlosen Dunkel. Man hofft noch einiges Aushilsspersonal an Porliers. Zapfern. Zuträgern unterzubringen. aber, wie gesagt, viel wird es nicht werden.„Wenn wir Glück haben, dann erreichen wir im Höchstfalle St» Proz. der vorjährigen 23c. schäftigungszisser, bei einer mindest doppelt oerstärkten Zahl von Arbeitslosen." Leider ging auch das erhofft« weihnachtliche Aus- hilfsgeschäft in die Binsen: die Lokalinhaber hatten sich nämlich bereit erklärt, am Heiligabend ihre ständigen Kellner freizugeben und an ihrer Stelle für diesen Abend Aushilfspersonal zu enga- gieren. Nur eine ganz gering« Zahl hat jedoch ihr Wort gehalten. Nur ein Musiker wird verlangt. Ebenso trostlos sieht es am ZNusiternachweis aus. Hier steht dem Gespenst Wirtschaftskrise auch noch die berufliche Erdrosselung durch die Apparatemusik gegenüber und— immer wieder muß gesagt und- aufs schärfste verurtellt werden— die Schmutzkonturrenz der Nebenberufler und Dilettanten. Gerade das Silvestergeschäft, das sonst einen ortsüblichen lOOprozentigen Tarifzuschlag brachte, wird naturgemäß durch die materielle Willfährigkeit der Auhensetter für die wirklichen Berufsangehörigen so gut wie zuschanden gemacht. Es laufen auch hier einige wenige Aufträge ein, aber es ist alles nicht des Erwähnens wert. Ein erschreckendes Beispiel: Zw Roch- weis des Deutschen ZNnsikerverbandes. wo im Vorjahr um diese Zeit bereits etwa S00 Musiker angefordert waren, hat man in diesem Jahre einen einzige« Musiker verlangt. Bis in die Abendstunden des 31. gibt man aber die Hoffnung nicht auf. Auch bei den Artisten hat sich die Verdienstmöglichkeit für die Silvesternacht sehr verschlechtert. Und wenn in früheren Iahren eine Unmenge Künstler zwei und auch noch mehr Betriebe in einer Silvesternacht mit Stimmung und Humor oersorgten, so wäre heute mancher von ihnen froh, wenn er auch nur«ine einzige solche Mög- lichkeit hätte. Immerhin kann aber doch ein, wenn auch kleiner Prozentsatz mit einer Beschäftigung für diesen Abend rechnen. Natür- lich handelt es sich hier ausschließlich um Spaßmacher und Stimmungskanonen, denn wer in dieser Nacht künsllerische Lorbeeren ernten will, der wird schwer enttäuscht sein. Sobald die Uhr sich der zwölften Stunde nähert, kommt überhaupt kein Mensch mehr zu Wort und sei es auch ein noch so Prominenter, Man benützt die Künstler dann meist nur mehr als ulkiges Angriftsobjekt und es bleibt ihrem Humor und Mutterwitz vorbehallen, wie sie sich aus der Affaire ziehen. Am besten traf dies eine bekannte Berliner Vortragskünstlerin, die sich einen Moment lang von der Bühne aus das Tohuwabohu besah und sodann mit den Worten:„Ach, ihr Aeser seid ja sowieso alle besoffen, Prost Neujahr!" ungesehen und ungehört wieder verschwand. Auf den Straßen zischen Papierschlangen, knattern Rateten, quäken Blechtiere und tuten Papiertrompeten, tausend kleine Freuden vrn unzähligen bittenden, frierenden, darbenden Händen dargeboten.. Gilvesterverkehraufder5-Bahn Die letzten Züge in der letzten Nacht. In der Silvesternacht wird, wie wir beretts mitteilten, die Reichsbahndirektion Berlin auf der„L-Bahn" und den meist«: Vorortstrecken einen Sonderzugoertehr einrichten. Als letzte Züge werden auf der S-Bahn verkehren: Auf der Strecke nach Zossen: ab Potsdamer Vorortbahnhof 2,51 Uhr: auf der Strecke nach L i ch t e r f e l d e- O st: ab Potsdamer Vorort- bahnhof 3,5(5 Uhr, zurück ob Lichterfelde-Ost 4,15 Uhr. Auf der Wann seebahn: ab Wannseebahnhof 4,01 Uhr, zurück ab Wonnsee 3,59 Uhr. Arft der Strecke Stadtbahn— Wann- see— Potsdam: ab Charlottenbnrg 4,50 Uhr nach Grunewald, 4.30 Uhr nach Wannsee, 3,50 Uhr nach Potsdam: in der Gegen- richtung ab Potsdam 3,46 Uhr, ab Wannsee 5,07 Uhr. Auf der Lehrter Strecke: ab Lehrter Bahnhof 3,02 Uhr nach Nauen, ab Spandau-West 3,31 llhr nach Wustermark. Auf der Strecke Eharlottenburg— Spandau-West: ab Charlottenburg 4,26 Uhr, zurück ab Spandau-West 4,41 Uhr. Auf den Nord- st r e ck e n: ab Stetttner Bahnhof 2,15 Uhr nach Bernau, zurück ab Bernau 1,37 Uhr; ab 2,52 Uhr nach Oranienburg, zurück ab Oranienburg l,31 Uhr: ab 2,09 Uhr nach Vellen, zurück ab Velten 1,13 Uhr. Auf der Strecke Stadtbahn— Mohlsdorf: ab Schlesischer Bahnhos 4,46 Uhr, zurück ab Mahlsdorf 4,39 Uhr. Auf der Strausbcrger Strecke: ab Schlesischer Bahnhof 3,56 Uhr, zurück ab Strausberg 1,47 Uhr. Auf der Strecke Stadt- bahn— Erkner: ab Schlesischer Bahnhof 4,38 Uhr, zurück ab Erkner 3,11 Uhr, ab Friedrichs Hagen 4,03 Uhr. Auf der Gör- litzer Bahn: ab Görlitzer Bahnhof 2,32 Uhr nach Königs- Wusterhausen, zurück ab Königswusterhausen 1,29 Uhr. Auf der Strecke Stadtbahn— Grünau: ab Schlesischer Bahnhof 4,42 Uhr, zurück ab Grünau 3,20 Uhr und ab Schöneweide 3,49 Uhr II-Bahn hat durchgehenden Betrieb. Für die S i 1 v e st e r n a ch t hat die städttsche Verkehrsgesell- schoft wieder«inen besonderen Dienst eingerichtet, der es allen Berlinern ermöglichen soll, während der ganzen Nacht nach Hause zu gelangen. Die Untergrundbahn bleibt ununterbrochen in Betrieb, der besondere Fahrplan für Straßenbahn und Omnibus ist an allen Bahnhöfen der U-Bahn und an den Licht- säulen der Straßenbahn angeschlagen. Beuiezug im Waffengeschäst. Einbrecher schießen und haben Glück. Für den erfahrenen Einbrecher gilt es als unbedingt zu be- folgende Regel: Waffen dürfen am Tatort nicht mit- geführt werden: sie erhöhen nur das Risiko des Diebes- gefchäfts und nützen im Grunde genommen nur wenig. Erliegt aber einer der Versuchung, von den Waffen Gebrauch zu machen, so kann ein unglücklich verlaufener Schuß zehn bis fünfzehn Jahre Zuchthaus kosten— während es sonst mit einem bis zwei Jahren abgemacht wäre. Zwei Einbrecher, die jetzt vor dem Schöffengericht Berlin-Mitt« standen, hellten jedoch, obgleich sie in ihrem Handwerk erprobte Männer waren, diese weise Regel ihrer Zunft außer acht gelassen und während der Flucht geschossen. Allerdings hatten sie die Waffen zum Tatort nicht mitgebracht, sondern sie an Ort und Stelle an sich genonnnen. Das Feld ihrer Tätigkeit war nämlich ein— Waffen- gefchäft. Sie konnten von Glück sprechen: Kein einziger von den 24 Schüsien, die sie abgefeuert, hatte getroffen. Der aufregende Vorfall spielte sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November d. I. in der Prinz-Albrecht-Straße ab. Der frühere Klempner Raddatz und der frühere Flugmechaniker Baierowicz waren am Nachmittag des 9. November in die Büro- räume der Reichsverwertungsstelle und in die S ch i e d s- gerichtsräume des Auswärtigen Amts eingedrungen, hatten hier, um sich die Zeit zu vertreiben, in alter lieber Gewohn- hell, die Schubfächer der Schreibtische durchwühlt, verschiedene Kleinigkeiten wie Bleistifte, Farbbänder, Glacehandschuhe an sich genommen und hatten sich, als die Geisterstunde hereingebrochen war, aus den Räumen in den Hof begeben. Durch das Fenster stiegen sie in den Toilettenmum, gelangten von dort auf den Flur, öffneten die Tür zum Waffenladen, verstauten in zwei mitgebrachten Koffern zehn Tromm elrevolver, fünfzehn Selbst- ladepistolen, eine Menge Munition und anderes Waffengerät. Je zwei scharf geladen« Pistolen steckten sie in die Tasche— für den Fall eines Rückzugsgefechts, konstatierte der Vorsitzende. Wie immer gestaltete sich der Abgang selbstverständlich schwieriger als der Zugang. Der Wächter des nebenanliegenden Hauses bemerkte, wie zwei Männer aus dem Laden traten und holte zwei Beamte herbei. Di« Einbrecher sahen sich verfolgt und gaben Fersengeld. Die Be- amten und Passanten hinterher. Die Uebeltäter schössen wie aus einem Maschinengewehr. Auch ein Beamter machte von der Waste Gebrauch. Dann verschwanden die Männer in einem Hause. Man iand ihre Koffer auf der Treppe, sie selbst auf dem Dache. Die milde Jagd endete mit einer Festnahme. Das Gericht verurteilte jeden der Einbrecher zu zwei Jahren drei Monaten und einer Woche Zuchthaus und fünf Jahren Ehr- verlust. Die erbeuteten Waffen, unter der Hand verkauft, werden aber in ungeeigneten Händen zur Quelle neuen Unheils werden. Start der Weltraumrakete. Unter Leitung des amerikanischen Physikers Dr. Lyon soll am 10. Januar vom Monte Redorta(Norditalien) aus der erste Start der Weltraumrakete stattfinden. Man rechne: damtt, daß die mit einem Gyroskop, mit Thermometern und Luft- druckineßapparaturen ausgerüstete Rakete eine Höhe von etwa 70 Kilometern erreichen wird. Finanzier der oben- :euerlichen Angelegenheit, an deren Verwirklichung auch ein junger Wiener Gelehrter namens Dr. Adler mitarbeitet, ist Dr. Lyon selbst, ein schwerreicher Amerikaner, der von seiner Arbeit behauptet, daß sie in erfolgversprechender Weise eine Synthese der Ersahrungen A a l i e r s und Fritz von Opels bilde. Freude de« Jungen, Ehre den Alten. Am vergangenen Sonnabend veranstaltete die 1,15. A b< teilung Lichtenberg eine Weihnachtsfeicrstundc. Zunächst wurden die Kinder bedacht. Heller Jubel herrschte unter ihnen. Mit glühenden Wangen nahmen sie die Geschenke entgegen. Die Be- gsisterung stieg, als Kasperle zu seinen Spaßen einlud. Di« Müdig- keit war vergessen, keiner wollt« nach Hause. Auch die Invaliden wurden brtfccht. Anschließend fand die Iubilarfeier statt. Die Abteilung bereitete ihren Iubilaren eine festliche Tafel. Die Festrede hielt Genosse Wilh. Landa. der in ausdruckvollen Worten die Verdienste der alten Kämpen ehrte. Besonders gedacht« er der Parteiveteranen, die in treuer Pflichterfüllung der Partei über 50 Jahre dienten. Es folgte ein« bunte Reihe. Darbietungen der„Freien Tunierschaft" Lichtenberg fände:: ungeteilten Beifall. Ebenso erfreuten Varietönummern jung und alt. Alles in allem eine wohlgelungene Veranstaltung der 115. Abteilung, an die sich jung und alt lange erinnern werden. Ein feiner Vorgesetzter. Legt seine Untergebenen mit Bürgschaften hinein. vor dem Erweiterten Schöffengericht Schäneberg stand unter der Anklage des Betruges in fünf Fallen und wegen schwerer Arkundenfälschung der Oberzollinspektor R e i m a n n. Reimann hatte bei verschiedenen Beamtenkredittnstituten größer« Darlehen aufgenommen und unter Ausnutzung seiner Autorität als Vorgesetzter mehrer« seiner Untergebenen veraniaht, für ihn die Bürgschaft zu übernehmen. Abgesehen davon, daß er die Bürgen über die Art der von.ihnen zu leistenden Unterschriften täuschte, hatte er auch in einem Fall in einer Bürgschaftserklärung nachträglich die Haftungssumme von 300 M. durch Fälschung einer Null auf 3000 M. erhöht. Einer der Bürgen, der Zollsekretär S., ist durch den Angellagten wirtschaftlich ruiniert worden, da das Kredttinstitut seine Rechte gegen ihn geltend machte und ihn restlos auspfändete. Der Staatsanwait beantragte gegen Reimann, der sich auf sein« eigene wirtschaftliche Notlage berief, ein« Gefängnisstrafe von einem Jahr und neun' Monaten. Das Gericht verurteilte ihn zu lü Iahren Gefängnis und versagte ihm die vom Staatsanwalt angeregte Bewährungsfrist, weil er durch seine Handlungsweise seine Untergebenen auf das gröbste getäuscht und mißbraucht habe. r ifagetreue Beamte. Wirtschaftliche Not fast immer als Ursache. Bremen, 29. Dezember. Dieser Tage kam man im Bremer Hauptpostamt größeren Unterschlagungen eines älteren Beamten auf die Spur. Die Ermittlungen ergaben, daß der Leiter einer Rentenstelle im Laufe der letzten Monate nicht weniger als 30 000 M. veruntreut htt. Als man di« Verfehlungen entdeckt«, unternahm der Beamte einen Selbstmordversuch, indem er sich die Pulsadern austchnitt. Der Beamte liegt schwer krank im Krankenhaus. Koslar. 29. Dezember. In der Nacht vom 23. auf 24. November wurde bekanntlich in die Eissnbahnkass« in Goslar ein Einbruch verübt, bei dem den Tätern ein Barbetrag von 4000 M. in die Hände fiel. Den Bemühungen der Kriminalpolizei ist es nunmehr gelungen, die Diebe und Mtthelfer zu ermitteln und zum Teil festzunehmen. Bei den Dieben handelt es sich um zwei Hannoveranische Z e i l u n g s- fahrer, von denen der eine noch flüchtig ist. Als Helfer wurde der Reichsbahnsekretär Meyerding festgestellt, der in schlechten wirt- schafttichen Verhältnissen lebt. Meyerding hat von dem geraubten Geld nichts erhalten._ Ter Papst will stiegen. Der Papst ließ auf Grund der Entwürfe des päpstlichen Mathe- «'.atikers Pater Pia Gcatt:zz: zwe: Schraubenflugzeuge bestellen. Man entschloß sicb zur Wahl dieser Maschinen, die ohne Anlauffläche aussteigen, weil das Terntorium des Vatikans an sich zur Anlage eines Flugplatzes zu Neiu ist. Großfeuer im kanadischen Hotel. 26 Personen verbrannt. New Park. 29. Dezember. wie aas Eochra« in Onkario(Kanada) gemeldet wird, brach dort im Hotel Königin ein Vrohfeuer au», da» mit rasender Gefchwindigkett um sich griff. Sech» Personen, darunter der Hotelbesitzer und seine vier Sinder. kamen in den Flammen um. Zwanzig Personen werden außerdem vermißt. Man nimmt an, daß sie gleichfalls verbrannt sind. Der Brand war im Erdgeschoß ausgebrochen, wo der Hotelbesitzer hundertvlerzig Arbeitslose untergebracht hatte. Achtung! Schwindler! Das Bezirkskartell Berlin des Deutschen Beamtenbundes schreibt dem„Vorwärts": Aus Mitgliederkreisen wird uns mitgeteilt, daß ein elegant gekleideter Herr oersucht, in Abwesenheit des Ehe- maimes in die Wohnungen zu kommen, indem er den Frauen vor- spiegelt, als„Beauftragter des Deutschen Beamtenbundes" zu kommen, der für den Ehemann eine groß« Wcihnachtsüber- raschung Hab«. Sein Auftreten ist sehr sicher und so eingestellt, als ob er ein alter Bekannter sei. Bei versuchter Abferttgung vor der Wohnungstür spielt er den Beleidigten und ist entrüstet, daß er als angeblich„Beauftragter des Deutschen Beamtenbundes" keinen Einlaß in die Wohnung erhält, lieber den Zweck seines Besuches äußerst er sich nicht. Wir bitten mitzuhelfen, den Schwindler ding- fest machen zu können. Gefängnis in Flammen. Im dänischen Landesgefängnis auf der Festung Akershaus brach ein Großfsuer aus. Als die mehr als hundert Gefangenen, meist Mörder und Schwerverbrecher, aus ihren Zellen geführt wurden, unternahmen sie unter Bedrohung des Wachtperfonols einen Ausbruchsversuch, der aber durch herbei- gerufene Soldaten und Polizisten vereitelt wurde. Nachdem das Feuer gelöscht war, ließen sich die Gefangenen ruhig abführen. Staatsarchiv durch Feuer zerstört. New Park. 29. Dezember. Durch eine gewaltig« Feuersbrunjt wurde das Kapital (Regierungegebäude) in Bismarck im Staate Nord-Dakota vollständig zerstört. Das ganze Staatsarchiv, in dem samt- liche Aktenstücke des Staates Nord-Dakota ausbewahrt wurden, ist dem Feuer zum Opfer gefallen. Der Materialschaden beläust sich auf % Millionen Dollar. 1300 Todesopfer des Merap!. Amsterdam. 29. Dezember. Meldungen aus Batavio besagen, daß der Ausbruch des Merapi bisher 1300 Tote gefordert hat. Der Vulkan:st noch immer in Tätigkeit. Menschenleben befinden sich jedoch nicht mehr in Gefahr, da das ganze Gebiet geräumt ist. Eualitch— ffra-tigsch— Süchtig c« Devtsch. Z« Zanuar bttiireen neu« Spracheniurs« filc Anfänger und fortgeschrittene bei Tenosfln cheft. W. 50, Spichernstr. 18, Gartenhaus 3 Treppen rechts cUntergrundbahnhof Nürnberger Platö. Anmeldungen— auch schriftlich— di« ,u» 7. Januar täglich sau 0 K« 20 Ute. Berliner Post nicht sehr schnell! Viele Leser und Bezieher unseres Blattes erweisen uns dadurch großes Vertrauen, daß sie die Redaktion bitten, Prozesse zu beschicken »nd darüber zu berichten, offenkundig« Mißstände in Augenschein zu nehmen, Versammlungen, oft weit draußen in Vororten oder gar in der Provinz gelegen, zu besuchen, und anderes. Dabei wird von den Einsendern leider vergessen, daß die Reichspost keineswegs so aus der Höhe ist, wie sie selber meinen. So geschah es in diesen Tagen, daß eine Aufforderung, einen Prozeß zu besuchen, am Mittag zwischen 11— 12 Uhr, vom Postamt R. 4 gestempelt, erst am folgenden Vormittag, als der Prozeß bereits begonnen hatte, in die Hände der Redaktion gelangte. Man fährt mit der U-Bahn vom Postamt R. 4 bis zur Redaktion des„Vorwärts" insgesamt 15 Mi- nuten. Die Post braucht dazu beinahe 24 Stunden. Oder: Man wirft ahnungslos am frühen Abend in Berlin einen Brief in den Kasten, in der Annahme, daß so gegen 10 oder 11 Uhr noch geleert wird und stellt bei einem letzten Blick verzweifelt fest, daß der Brief, abends mitten in der Weltstadt Berlin in den Kasten geworfen, in seinem postblm-en Eilenbett bis am andern Tag früh um 5'A Uhr einen gesunden Schlaf tun wird. Hinwiederum ereignet es sich in Vor- o r t e n, die alle zu Großberlin gehören, daß am Wochentag die erste Post nicht morgens, sondern am Vormittag, so etwa zwischen g— 9-'A Uhr, zugestellt wird, und daß man es am Sonntag erleben kann, daß sie Überhaupt erst um 11 Uhr in die Hände der Adressaten gelangt. Man sieht also, die Post ist nicht sehr schnell in der Weltstadt Berlin. Wer also der Redaktion schriftlich etwas Wichtiges mitzuteilen hat, der denke an diesen Umstand und send« früh. Hinweise auf Prozesse und Veranstaltungen müssen immer zwei bis drei Tage vorher in den Händen der Redaktion sein. Aeites Nauen und Tradition. Jn� der Berliner Technischen Hochschule hielt kürzlich Prof. S ch m i t t h« n ne r- Stuttgart einen Bortrag„Neues Bauen und Tradition". Schmilthenner ist ein in Deutschland bekannter Architekt, der führend für die Richtung ist, die ungefähr bei Aus- bruch des Krieges stehen blieb. Um so mehr hätte sich der Vor- tragende nicht in Uebertreibungen gefallen dürfen, mit denen er jüngst« Bauentwicklung wie Skelettbau, Flachdach usw. kennzeichnete »nd sehr billig abtat. Der Redner führte aus: Das Geistige in der Architektur kann ebensowenig international sein wie die Kunst schlechthin. Wem es nicht klar geworden ist, warum die norddeutschen Städte anders beschaffen fein müssen wie die Städte des Südens, warum die Marienkirch« in Danzig die anders geartete Schwester des Straß- burnr Doms ist, der hat die tieferen Zusammenhänge nicht begriffen. — Zum Siedlungsbau meinte der Redner, daß bei dem Streben nach neuen Methoden der Sucht nach neuen Baustoffen zuviel Ge- wicht beigelegt werde. Rur diejenigen Konstruktionen und Bau- Methoden wären ernsthaft zu beachten, die bei gleicher Güte in bezug nuf Standfestigkeit, Dauerhaftigkeit. Gesundheit und Wärmehaltung nicht schlechter sind als der bisherige Ziegelbau. Man rede viel von der neuen Wirtschaft, mein« aber weniger die neue Wirtschaftlichkeit als die„neue Sachlichkeit". Die bekanntesten Beispiele des neuen Bauens, die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung, die Siedlung in Bres- lau, die Dammerstock-Siedlung in Karlsruhe, die Bauten in Desigu »nd Frankfurt können bei objektiver Würdigung den Anspruch, ein« Verbilligung im Wohnungsbau oder auch nur Weg« dazu erbracht zu haben, nicht erheben. Schmitthenner sprach sich für den vernach- lässigten Holzfachwertbau aus, der in neuzeitlichen Kon- struktionen eine Verbilligung von 20 bis 25 Proz. gegenüber dem normalen gleichwertigen Massivbau ergebe. Der Will« zu reinlicher Gestaltung unserer Wohnungsbauien ohne hohlen, untüchtigen For. rnalismus müßte wieder in Erscheinung treten. Bei dem neuen Bau» stil scheine es sich mir um eine Modeerscheinung zu handeln. Moderne Technik im MuseumSdienst. Im Märkischen Museum sind seit Wochen Versuche im Gange, den veralteten gedruckten Führer durch Schallplatte n zu ersetzen, wobei die Museumsleitung durch die Lautblldstelle der Staatsbibliothek unterstützt wurde. Der neue Sprechführer, der zunächst fünf Räume in aller Kürze erläutert und vermutlich schon in den Weihnachlsserien in den Dienst des Publikums gestellt werden kann, scheint insbesondere berufen zu sein, dos Problem„Museum und Schule" in ganz neue Bahnen zu lenken. Betrunkene Forellen. Vor kurzem wurde im S t o d t s e e des badischen Städtchens Pfullendorf beobachtet, wie die Fische, insbesondere die Forellen, ohne die geringste Scheu dicht an der Oberfläche schwammen »nd sich mit der Hand sangen ließen. Eine Untersuchung dieses merk- würdigen Verhaltens ergab, daß die Tiere betrunken waren. Der Alkoholgenuß war darauf zurückzuführen, daß eine Brauerei unbrauchbar gewordenes Bier in den Stadtsee ablausen ließ. Jnter- cssant ist, daß vor allem die Forellen der Wirkung des Alkohols besonders stark unterworfen waren, während die Karpfen bedeutend „trinkfester" waren._ Eine Besichtigung sehenswerter Einrichtungen des Bezirks Treptow veranstaltet das Bolksbildungsamt Treptow am Sonntag, dem 11. Januar 1031. Treffpunkt: 10 Uhr vormittags auf dem Borplatz des Bahnhofs Schöneweide im Zug« der Grünauer Straße gegenüber dem Amtshause. 10 Uhr 10 Minuten Bahnhof Treptow, Treptower Chaussee unter der Unterführung. Für die Fahrt steht ein städtisches Auto zur Verfügung. Besichtigt werden die Kinder- l e f e h a l l e, ein Klnderoarten, ein Kinderhelm, die Tageskurstätt« u. a. Schluß der Besichtigung 1.05 Uhr etwa am Bahnhof Schöne- weide. Untostenbeitrag für jede Person 50 Pf. Die Teil- itchmerzahl ist beschränkt. Es kann daher nur ein Teil der 2ln- Meldungen berücksichtigt werden, die da? Volksbitdungsamt Treptow, Berlin-Treptow, Neue Krug-Allee 2/4/6, bis zum 5. Januar 10Zl schriftlich erbittet. Dieienigen Teilnehmer, deren Anmeldungen berücksichtigt werden konnten, erhalten einen Ausweis. Au» der Heilanstalt entwichen. Am 5. November aelana es dem dreißigjährigen Kurt Bartels, der in der Heilanstalt Teupitz interniert war, während der Feldarbeit zu entweichen. Da sein jetziger Ausenthalt unbekannt ist, bitten die besorgten Eltern, sie beim Auftauchen des Vermißten freundlichst zu benachrichtigen. Anschrift: Karl Bartels, Berlin O. 34, Heidenfeldftr. 2. Einsendungen für diese Rubrik find LerH» SB«8. Liudeustraße 3. partemachnchten für Groß-Berlin stet» a» da» Bezlrtisekretarwi 2. Hof, STrevve» recht»,»o richte» 7. ftrci» tlharlottenbiirg. Die lZrilhjalnsiuaendweibe IWl findet ffir ffdar- lottcnbur» am Sonntag, 2g. März, 11 Ul>r, in der Aula der Eoohie-Char» lotte-Schnle(2twum), Echarrenstraße 23, statt. Anmeldungen unter Zahlung der Einlchrcibcgcbllhr von ö0 Pf. nehmen entgegen:.Borwarts". Spedition Shorlottenburg, Sesenheimer Str. l, pari.: ifrau Ioachimir, Charlottenburg. Kaiserdamm 93, Eingang Pognihstrahe(„Pormärts"» Spedition). 14—18 Uhr: Deutscher Pertehrsbund, Charlottrnburg, Bau- rcuthcr Str. 31 und beim Rrttor der weltlichen Schule, PestalotgifN. 49, wahrend der Sprechstunden. heut?. Dienstag, 30. Dezember. 17. Abt. Die Abrechnung der Beitragsmarken hat restlos bis gum 39. Deaem- der beim Genossen Höhne zu erfolgen. Tie Sammelliste Nr. 353 muh cbewfalls abgegeben werden. 24. Abt. Die Bezirlsführer werben gebeten, heute, Dienstag, bestimmt neues Markcnmaterial nom Äafstcrer abzuholen. 31. Abt. Alle Bezirksfiihrer, die trog des festgefehten Termins ihr Material noch nicht i» Ordnung gebrockit haben, müssen das nun unbedingt tun. Alle Genossen, die für Silpestcr nicht anderweitig verpflichtet ssnd. treffen stch bei unseren! alten Parteiwirt Wilhelm Eoldschnrdt. Stolpischc Str. 33. 38. Abt. Leute, 19 Uhr pünktlich, Eihung der Bezirksführer und Revisoren bei Bartusch, ssriedenstr. 88. Sämtlich« Marten und Liften ssnd abzu- rechnen. Jeder Bezirk muh unbedingt vertreten sein. 93. Abt. Charlottenburg. Heute, 29 Uhr, lZunktionärverkammlung bei Inskowiak. Holhendorffstr. 20. Bezirkskassterer sind besonders dazu ein- geladen. Um vünktliches Erscheinen wird ersucht. Bezirksausschuß für Arbeilerwohlfahrl. itreisleiter, Arcisleiterinnen! Wir mache» darauf ausinerksam, bah»tr in d'.escm Jahre keine Gcwinnausgabe haben. An folgenden Stellen gelangen die Gewinne zur Ansgabc: Hauptausschnh für Arbeitcrwohlfahrt. Abt. Lotterie, Berlin, Hedemonnstr. 7, S-f Part, rechts: Dschlapie» u. Eo., Berlin E. 2. »ünigftr. 31; A. Wölling, Berlin W. 9. Lenn�str. 4. Gewinnlisten sind-b 2. Januar in allen de» Stelle», die Lose zum Vertrieb hatte», käuflich. Sozialistische Skudentenschaft. Ortsgruppe Berka. Mittwach, 31. Dezember, Fahrt»ach Schönholz hei Melchm». Treffen 14 Uhr Stettiner Borortbahnhof. Arbeitsgemeinschaft der kinderfreuude Groß-Berlin. 7. ttrei, Eharlottenburg: Rote und IungfaUen treffen stch zur Silvester» fahrt am Mit'woch um 18 Uhr Babnhof Junqfernheide. Berpslegung. Decke, Trinkbecher mitbringen. Unkostenbeitraa 1 M. Gruppe ttottbusser Tor: Jung, und Rotfalken troffen sich Dienstag, 39. De. zeoibcr. um 12 Uhr am llottbusser Tor zu einer Fahrt. 30 Pf. Fahrgeld mit. bringen. Ärei» RrukSlln: Der Gesamtfreffpunkt zur Jahrcswendfahrt ist wr alle Teilnehmer am Mittwoch um 12 Uhr am GSrliher Bahnhof. Wimpel nicht vcr> aesscn.— Gruppe Lichtkämpfcr, Rote Falken: Heute alle Falken um 1714 Uhr im Seim Ganghoferftrahe. Treffpunkt zur Iahreswendfahrt morgen, Mittwoch, um UVt Uhr U-Bahnhof Berastrasse.— Gruppe Falk«: Zur Iahrcswendfohrt ist unser Trofspunkt morgen, Mittwoch, um 11 Uhr am Hertchergplah.— Helfer. kreis: Die Nachzügler treffen sich am Mittwoch um 131- Uhr am Bhf. Neulölln. Geburtstage,' Jubiläen usw. 33. Abt. Eharlottenburg. Unserem Genossen Joseph Dnrer und feiner Ehefrau Margarete zur Silberhochzeit die herzlichsten Glückwünsche. 38. Abt. Lalcnsee. Unserem lieben Genosse» Richard Schnl, u»b Frau,»arl,ruher Str. 14, die herzlichste» Glückwünsche zur Silberhochzeit.— Unsere Genossin Meto Jacobson, Joachim-Friebrlch-Str. 29, feierte am 27. Dezember ihr 23jähriae, Parteijubiläum. Nachträglich»nsere» herzlichen Glückwunsch. Wir wünschen, daß st«»och lange Jahre in»»leren Reihen«It. tämpft. 82. Abt. Steglig. Unserem Genossen P l« k«, Poschingerstr. 18, und feiner Gattin zur heutigen Silberhochzeit dir herzllchsteu Glückwünsche. »3. Abt. Rrukölln. Unserem Genossen Robert Keiueman», Leist na- ftrahe 23, zum 33. Geburtstage die herzlichsten Glückwünsche.— Unserem»«. Nossen Feit, Suse zum Mjährigru Parteijubiläum die herzlichsten Glück- wÜnstks«. 133. Abt. Ablershas. Unser»enoss« Ott» Soltow begeht heute setue» 80, Geburtstag. Wir übermitteln ihm unser« herzlichsten Glückwünsche. Sterbetafel der Groß- Berliner Partei- Organisation 34. Abt. Am 24. Dezember verstarb unser Senosse Mar Rosenberg, Rüdcrsdorfer Str. S9. Die Beerdigung hat bereit, stattgefunben. Ehr« seinem Andenken! 111. Abt. Bohnsdorf, llmer« langjährige treue Genossin Martha Meister ist verstorben. Ehre ihrem Andenken! Einäscherung heute, Diens- tag, 30. Dezember, um 131- Uhr, Im Krematorium B-umschulenwrg. Wir Hilten um rege Beteiligung. Das Programm am Sonntag war recht glücklich auf Volks- tümliche Unterhaltung• abgestimmt, besonders dank der vielseitigen musikalischen Darbietungen. Sie wurden den verschiedensten' schmacksrichtungen gerecht, dienten aber alle einer breiten Hör«r- schar. Die Uebertragung der von der Volksbühne aufgeführten Komödie„Die D e j r a u d a n t e n" von Asi«), Polgar, bereitete in einzelnen Szenen großes Vergnügen. Die Fülle der Darsteller und die Fülle der Bitber verwirrten dem Hörer aber das Gesamt- bild. Der Eindruck wäre weit stärker gewesen, wenn man sich mit einem geschickten Ausschnitt aus der Komödie begnügt hätte.— Sehr hübsch war die Aufführung„Herrn Direktors Zigarette n" in der Jugendstunde: ein unterhaltendes Spiel von Kindern für Kinder— mit einer Moral für Erwachsene. Das natürlich« Spiel der Jungen bewies, daß sie in dieser kleinen Aufführung durch- aus ihre Alltagsgefühle zur Schau stellten. Ellern und Erzieher konnten an diesem heiteren Spiel lernen, daß Nickit-Bestrafen einer Ungezogenheit ein viel wirksameres Erziehungsmittel werden kann als Sirtne— Die Veranstaltung„Schauspieler-Porträt" brachte AlbertBassermannvordas Mikrophon— leider ohne besonderen Gewinn für die Hörer. Der große Schauspieler, der in seinen Rollen so viel zu geben weiß, beschränkte sich in dieser un- mittelbaren Aussage über sich und seine Kunst auf einige belang- lose persönliche Mitteiluvgen. Auch das Interview, des Nabelpreisträgers Sinclair Lewis am Montag enttäuschte. Es ergänzte das Bild, das wir von dem Berfasier des„Babitt" haben, nicht wesentlich. Sympathisch be- rührte nur die ungekünstell«, natürliche Art, in der er die gestellten Fragen beantwortete.—„Aus deutschen Büchern vor hundert Jahren" war der langatmige und wenig aufschlußreiche Titel eines Vortrages, in dem Oberregierungsrat Dr. Werner Peiser den Hörern einen reizvollen Einblick in Reiseaufzeichnungen aus vergangener Zeit oermtttelte. Der Deiitschlandsender übernahm aus H a m b u r g ein Hörspiel„Dos Licht am Fenster" von Theodore Dreiser. Die geringe Zahl der wertvollen Hörspiele wurde durch dieses Werk nicht erhöht. Der Titel drückt eine optische Vorstellung aus und dos ganze Stück stützt sich eigentlich aus solche Vor- stellungen, in die der Hörer die akustischen Eindrücke übertragen mußte,' wenn ihm die Aufführung verständlich werden sollte. Der Inhalt des Hörspiels war ziemlich belanglos: in nicht eben origineller Weise wurde die Tatsacke behandelt, daß dem Fernstehenden manches schön erscheint, was sich in der Nähe als recht häßlich ausweist. Tes. n Sozialistische Arbeiterjugend Groß- Berlin Einsendungen säe diese Rudrst«ne an da« Zugendsetretaet« zieefln GW 3». Lindenürade» Für die Sondernorstelung der BoN»büd»« am 1. Januar. 15 Uhr. „Mississippi-, Schauspiel»PN Seor» Kaiser, sind noch Einzelkalten zu 89 PI. erhältlich. heule, Dienstag. 19'/- Ahr. Arkouaplah: Schule Elisabcthkirchstr. 19: Uebungsabend.— Gemertschaft»- haus: Heim Köpenicker Str.»82: Mitsiliedcrversammiung.— Roseuthaler Vor- ftadt: Schule Elisabethkirchstr. 19: Zille, Abend.— Zentrum: Heim Landsberger Sirassc 59: ,. Weibnachtserlebnisse-.— Gesundbrunnen I: Schule Eotenburger Strasse 2: Berichte der Weihnachtsfabrt.— Schillerpark: Schule Schöning. strassc 17:„Alkobol und Nikotin".— Wedding, R. F.: Heim Willdenowstr 3: Ig-Minuten-Referate.— Wedding-Nord: Heim Turiner Ecke Eeestrasse:..Aus dem Leben der Bergarbeiter".— Aruimplass: Schul« Sonnenburger Str. 20: Lichtbilder:..Gruppensatire".— Arnsmalder Plass I: Heim Rastenbueger Strasse 16:.Die mirtschastlichen Folgen des En'deckungzzeltalters".— Balkan: Schule Mandelftr. 2:»Rückblick auf das Jahr 1930".— Rordosteu I: Heim Danzlger Str. 82, B. 3: Funktionärverfammlung.— Frsedrlchsl-ain: Heim Diestelmepcrstr. 5—8: Funktionärssssung.— Hafen Heide: Heim Wassertorstr. 9: „Reichsbanner und SAI."— Köpenicker Viertel: Schule Wrangelstr. 12«: Weih. nachtsfeier.— Renköll» I: Heim Sander. Ecke Hobrechtstrasse:„Die Religion".— Reuköll» IN: Heim giethenstr. 38: Politischer Informationsabend.— Neukölln IV/« Pfd. 0.50 Malo*s.Kaviaran'/«Ptd 8.58V, � 3.40 H e I g. Kran en h umm.ViD».».» VvD». 2.9 0 Jap. Krebs........ Ds. 2.25 la Ital. Salat Pfd. 0.55 la Heringssal.mMay VzPtd. 0.45 la Mayonnaise... 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Auskünfte allerorts. Nr. 60S» 47. Jahrgang 2» Oiensiag, 30. Dezember �930 Filmindustrie und Kilmwirtschast. 24V Millionen Lahresumsah deutscher Kinotheater. Das neue Jahrbuch der Filmindustrie 1930, das jetzt yeröffent- licht ist, gibt werwolle Anhaltspunkte für die Zusammensetzung und die Entwicklung dieser jungen Industrie. Während 1911 im ganzen erst 11 Produktionsunternehmen und 1914 noch 32 Unternehmen in Deutschland existierten, ist diese Zahl Ende 1929 bis auf 424 g e st i e g e n. Der größte Teil dieser Unternehmen, nämlich 27S, haben ihren Sitz in der Reichshauptstadt. Während die Produktionsunternehmcn sich in den letzten zwei Jahrzehnten fast um das Bier zigfache vernrehrt haben, macht sich im Vertriebs- und Verleihgeschäft die Konzentration weit deutlicher bemerkbar. So sind die Bertriebsunternehmen von 1925 bis 1929 von 163 auf 118 zurückgegangen und die Verleihunternehmen in der gleichen Zeit nur von 171 auf 181 gestiegen. Seit 1911 hat sich die Zahl der Verleihunternehmen nur um das Dreifache vermehrt. Di« monopolartige Macht des Großkapitals im Filmgewerbe wird aus folgendem ersichtlich: 1918 existierten 78 Filmaktiengesellschaften mit einem Kapital von 73 Millionen Mark, und am 1. September 1930 nur noch 66 Aktiengesellschaften in der Filmproduktion mit einem Gesamtkapital von 84 Millionen. Die Hugenbergsche Ufa beherrscht also allein mit ihrem 45-Millionen-Kapital weit mehr als 50 P r o z. des Gesamt- k a p i t a l s in der deutschen Filmproduktion. Di« Ufa und Tobis zusammen mit 57 Millionen Kapital vereinigen sogar fast 70 Proz. der in der Filmproduktion investierten Kapitalien aus ihre Unternelzmen. Der Außenhandel in der deutschen Filmindustrie ist stark aktiv. So sank die Einfuhr von Rohfilmen 1929 von 2.1 aus 1.3 Millionen Mark, während in der gleichen Zeit der Export von 14,7 auf 20,7 Millionen hochschnellt«. Auch der Außen- Handel belichteter Filme weist infolg« der Kontingentierung in Deutschland eine erhebliche Mehraussuhr auf. Die Einsuhr stellte sich 1928 auf 1.1 und 1929 aus 1,37 Millionen, während die Ausfuhr in diesen beiden Jahren von 8,4 auf 10,34 Millionen stieg. Der jährliche Umsatz der deutschen Lichtspieltheater kann auf ungefähr 240 Millionen Mark geschätzt werden, so daß auf den Kops der Bevölkerung 4 Mark für Kinobesuch ent- fallen. 1918 existierten in Deutschland rund 2300 Kinos mit 803 500 Plätzen, im Jahre 1929 hatte sich sowohl die Zahl der Kinos wie die Platzzahl mit 5078, bzw. 1,94 Millionen Plätzen weit mehr als oerdoppelt. Auf 1000 Einwohner entfielen 1918 erst 12 und 1929 bereits 30 Kinoplätze. Sehr instruktiv sind die Zahlen über den Kinobesuch in den bedeutendsten Großstädten Deutschlands. So gingen in den Monaten Januar bis April in Berlin 1928 mehr als 23 Millionen, 1929 rund 21,5 Millionen und 1930 nur noch 20,5 Millionen Menschen ins Kino. In der gleichen Zeit gingen die Einnahmen von 22,3 auf 20,9 Millionen zurück. Hier spiegelt sich deutlich die allgemeine Wirtschaftskrise und die Rückstellung kultureller Ausgaben bei der allgemeinen Notlage wider. In den Provinzgroßstädten war diese Entwicklung nicht einheitlich. Hamburg hat gleichfalls in den beiden letzten Jahren einen Besucherrückgang von 14,6 aus 14 Millionen und auch München einen etwa gleichen Rückgang zu verzeichnen, währen in Breslau die Besucherzahl von 5,1 auf 5,8 Millionen stieg. Auch die Fanksurter Lichtspieltheater hatten in der gleichen Zeit steigende Besucherzahlen aufzuweisen. Di« Revolutionierung der Filmwirtschaft durch den Tonfilm kommt auch in der Umstellung des Theaterparks deutlich zum Aus- druck. Ende Dezember 1929 waren erst 205 Kinotheater mit rund 193 000 Plätzen mit Tonfilmapparatur ausgerüstet. Ende Juni 1930 waren es bereits 572 Theater mit 444 000 Plätzen und am 1. Oktober dieses Jahres sso Thealer mil rund 600 ovo Plätzen auf Tonfilmvorführungen umgestellt. Damit waren bereits 2 5 Proz. der deutschen Kinotheoter mit zwei Fünfteln der gesamten Plätze mit der Tonfilmapparatur ausgerüstet. Nach der letzten Betriebszählung waren in den Produktions- Unternehmungen 22 100, im Bertrieb und Verleih 3200 und im Theatergewerbe 22 300 Arbeitnehmer beschäftigt. Di« Bcschäftigungs- Verhältnisse haben sich im Filmgewerbe im Laufe des Jahres 1930, wie in allen Berufen, sehr verschlechtert. Im Durchschnitt herrschte auf den Berliner Vermittlungsstellen für das Filmge werbe ein täglicher Andrang von 300 bis 400 Arbeitsuchenden, dem«in durchschnittlicher Bedarf von höchstens 30 Personen gegenüberstand. Weltkrise, Löhne und Lebenshaltung Aus der Werkstatt des Internationalen Arbeitsamts. Die Heilung von Wirtschastskrifen hat in hohem Maße die wissenschaftliche Durchleuchtung der weltwirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zur Voraussetzung. Nur auf der Grundlage solcher sozialen Forschungen können zweck- mäßig« Maßnahinen gegen die Krisen in der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung ergriffe» werden, die immer auf dem Rücken der Arveiterschast aller Länder ausgetragen werden. Es darf in diesem Zusammenhang besonders auf die Arbeiten des Internationalen Arbeitsamts hingewiesen werden. Die deutsche Monatsschrist dieses Amtes„Internationale Rundschau der Arbeit" be- richtet in ihrem statistischen Teil fortlausend über die Entwicklung des internacionalen Reallohnes und der Lebenshaltungskosten in den verschiedenen Ländern der Weit. Nach dem Lohn- und Preisstand vom 1. Juli 1930 errechnet«' das Znlernalionale Arbeilsamt folgende Reallohn- mchziffern Hungerrevolten gefällig? Ltnhaltvare Lohnpolitik in der Textilindustrie. Die Textilindustriellen scheffeln wohl die höchsten Divi- senden und zahlen die niedrig st en Löhne in der dent- schen Industrie, aber die Konjunktur der Lohnabbau- schiedssprüche nehmen sie auch noch mit, obwohl sie die Löhne der Textilarbeiter und-arbeiterinnen mit Hilfe des„kalten Lohn- abbaues" schon gesenkt haben. In welchem Ausmaße hat die Eingabe des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes an die Reichsregierung ge- zeigt. Nun sollen die Schlichter auf diesem Wege noch weiter helfen. In Württemberg besteht in der Textilindustrie seit ein- einhalb Iahren schon kein Lohntarif mehr. Um nun die Löhne doch nock) weiter zu-senken� haben die württembergischen Textilindustriellen ihren sämtlichen Arbeitern zum lZ. Januar gekündigt und gleichzeitig mitgeteilt, daß die Löhne abgebaut werden sollen, und zwar in dem selbst für Textilindustrielle nicht bescheidenen Ausmaß von 10 bis 30 proz. Dabei muß man wissen, daß in Württemberg der Lohn des Facharbeiters nur 68 Pf. die Stunde beträgt und die Löhne der Frauen dort noch niedriger sind als anderwärts. In Betracht kommen etwa S6lM Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Textilindustriellen Nordbayerns haben zu Mitte Januar den Lohntarif gekündigt, gleichfalls mit der Absicht, die Löhne abzubauen. Dasselbe haben die Textilindustriellen Süd- b a y e r n s getan, die zugleich auch den Manteltarif gekündigt haben. Auch hier kommen etwa öS 000 Arbeiter und Arbeiterinnen in Betracht. Auf dem gleichen Wege haben sich die Textilindustriellen von München-Gladbach begeben, die den etwa 26 000 Arbeitern und Arbeiterinnen die Löhne abbauen wollen. Im Wuppertal(Barmen-Elberfeld), wo etwa 25 000 bis 30 000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Textilindustrie beschäftigt werden, sind die Verhandlungen über den von den Unternehmern verlangten Lohnabbau gescheitert. Die Gewerkschaften haben vor dem Schlichwngsausschuß den Antrag gesteM, die Verstand- lungen auszusetzen vis festgestellt ist, wie weit bereits auf dem Wege des kalten Lohnabbaues die Löhne gesenkt worden sind. Die Textilindustriellen von Düren, die etwa 6000 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigen, haben gleichfalls den Lohntarif zu Ende Januar gekündigt: natürlich nicht, um die Löhne zu erhöhen. In der Tuchindustrie von Neumünper, wo etwa 3000 Ar- beiter und Arbeiterinnen tätig sind, ist gleichfalls der Lohntarif ge- kündigt worden. Die Verhandlungen, die daraufhin stattgefunden haben, sind gescheitert. Bei diesem Vorgehen der Textilindustriellen muß besonders berücksichtigt werden, daß nur etwa 40 Proz. der noch beschäftigten Textilarbeiterschaft vollbeschäftigt ist, das heißt, daß 60 Proz. der Arbeiter und Arbeiterinnen verkürzt arbeiten. Bei dem niedrigen Lohnniveau der Textilarbeiterschaft kann man sich leicht ausrechnen, wie viel oder vielniehr wie wenig die Arbeiter und Arbeiterinnen heute schon verdienen. Viele dieser Arbeiter und Arbeiterimien verdienen heute weniger, als wenn sie arbeitslos wären und Arbeitslosenunterstützung beziehen würden. Diese Hungerlöhne sollen noch weiter verkürzt werden. Dabei muß noch folgender Umstand berücksichtigt werden: die Textilindustrie hat ihre Hauptzentren nicht in Großstädten, sondern in großen Industrie- dörfern, wo die gesamte Familie in der Textilindustrie be- schäftigt wird. Nun ist es heute sozusagen die Regel, daß mehrere Mitglieder der Familie arbeitslos sind, aber infolge der jetzigen Regelung der Arbeitslosenunterstützung Unterstützung nicht beziehen, weil noch ein oder zwei Mitglieder innerhalb der Familie vorhanden sind, die Arbeit haben. Daß den Textilindustriellen diese Not gleichgültig ist, daß sie durch ihre Lohnpolitik das Elend der Textilarbeiterschast noch verschärfen, wird niemanden mehr überraschen. Was anderes aber ift es, wenn die staatlichen Schlichtungsbehörden etwa geneigt sein sollten, sich als A n st i f t e r von Hunger- reo ölten zu betätigen. Ein Lohnabbau in der Textilindustrie sozusagen von Amts wegen muß zu gefährlichen Zu- ständen führen. Aerzte gegen Gewerkschaften. Faschistische Methoden im Hartmann-Vund. Von der Reichssektion Gesundheitswesen im Gesamt-Verband wird uns geschrieben: Bei der Bekämpfung der sozialen Nöte und der Auswirtungen der übersteigerten Arbeitsintensität zeigen sich die ersten Be- rührungspunkte zwischen der Tätigkeit der Aerzte und dem Be- streben der freien Gewerkschaften. Aber auch auf vielen andere» Gebieten, besonders auf dem der Sozialpolitik, sind Be- rührungspunkte vorhanden. Es kann auch nicht als berechtigt an- erkannt werden, wenn die Behauptung aufgestellt wird, daß wir viel zu viel Aerzte haben. In vielen Gemeinden, Kreisen, Provinzen usw. haben wir ganz vorzüglich ausgebaute Einrich- tungen sozialhygienischer Natur. Es würde durchaus den allge- meinen Interessen dienen, wenn wesentlich mehr Aerzte als bisher in diesen Apparat eingespannt würden. Auf diese Art könnte der Berufekrise des Aerztestandes entgegengewirkt werden. Reben dieser Berufskrise aber besteht eine Vertrauens- k r i s e, deren Folgen viel verhängnisvoller, deren Beseitigung dbcr wesentlich leichter möglich wäre. Bei Millionen von Versicherten ist das Gefühl vorhanden, daß der weitaus größte Teil der Aerzte vom Standpunkt der ärztlichen Versorgung aus die Kassenpatienten als Menschen minderen Rechts betrachtet. Die ärztliche Standesorganisation der Hartmann-Bund, hat leider diese Tatsache nicht erkannt, oder aber die Augen krampfhaft zugekniffen. Er tut so, als ob alles in bester Ordnung wäre. Man schließt sich standesgemäß ab und errichtet auf diese Art zwischen sich und dem übrigen Volke Barrieren. Durch das mangelnde Vertrauen zu den Aerzten wird leider die breite Masse des Volkes den Kurpfuschern in die Arme ge- trieben. Wir verstehen unter Kurpfuschchern nicht nur Laien; wir sind vielmehr der Meinung, daß sich der Kampf gegen alle Kurpfuscher, auch gegen die in den Reihen der approbierten Aerzte richten muß. Da wir der Meinung sind, daß das Volk eine dent- bar gute ärztliche Versorgung braucht, haben wir uns bemüht, die Mauern niederzureißen, die der Hartmann-Bund zwischen sich und dem Volke errichtet hat. Wir waren uns darüber klar, daß der Weg über die freien Gewerkschaften geht. Das ist auch notwendig angesichts der Tatsache, daß die Aerzte durch zahllose Vorschriften gebunden, eingeengt durch Beschränkungen ihrer Handlungsfreiheit, überwacht und mit disziplinarischen Maßnahmen bedroht, längst aufgehört haben ein freier Stand zu sein und auch deshalb in bezug auf ihre eigene Interessenvertretung an die Seite der organisierten Arbeiterschaft gehören. Die Reichssektion Gesundheitswesen im Gesamt-Verband hat es deshalb für notwendig geholten, eine freie Aerztefchaft ins Leben zu rufen. Der Hartmann-Bund, der es ausdrücklich ab- gelehnt hat, eine Gewerkschaft zu sein, hat darauf beschlossen, die Aerzte aus dem harlmann-Lund auszuschließen, die sich sreigewerkschasllich organisieren. Nun ist mit dem Ausschluß aus dem Hartmann-Bund eine wirtschaftliche Schädigung der Aerzte verbunden, weil heute noch Monopolverträge mit den Ersatzkasscn bestehen, wonach nur die Mitglieder des.Hartmann--Bundes zur Behandlung der Krankenkassenmitglieger zugelassen werden. Ueber die rechtliche Seite dieser Maßnahmen wird man sich an anderer Stelle auseinandersetzen müssen. Hier genügt die Fest- stellung, daß der Hartmann-Bund nicht davor zurückschreckt, die Mitglieder durch wirtschaftlichen Boykott zu zwingen, den freien Gewerkschaften fern zu bleiben. Interessant ist die Motivierung, nach der der Ausschluß vor- genommen werden soll. Der Hartmann-Bund hat nämlich entdeckt, daß die freien Gewerkschaften die S o z ia l i s i e r u n g des Heilwesens anstreben. Der Ausschluß aus dem Hortmann- Bund müsse erfolgen, weil ein Arzt, der für die Sozwlisie'rung sei, in den Reihen des harlmaun-Bundes nicht geduldet werden dürfe! Es muß als ein Skandal bezeichnet werden, daß Millionen Versicherter sich von Aerzten behandeln lassen müssen, die die freien Gewerkschaften in dieser unfairen und rechtswidrigen Weife be- kämpfen. Die nächste Zeit wird Klarheit schaffen. Es geht nicht nur darum, daß man einem großen Kreis von Aerzten die Mit- gliedschaft in einer freien Gewerkschaft und damit die Koalitions- freiheit strittig macht. Es geht vielmehr auch darum, daß der Hartmann-Bund als Spitzenorganisation von vierzigtausend Aerzten in Deutschland Methoden einzuführen versucht, die sehr viel Aehnlichkeit mit denen im faschistischen Italien haben. Tarifbrecher Reichsbahn. Sie wird zur Gesetzmäßigkeit gezwungen werden. Die Reichsbahnhauptoerwaltung hat den rund 140 000 Werkstätten- und Bahnunterhaltungs- a r b e i t e r n, nachdem in dem Streit um Arbeitszeit und Feier- schichten eine Einigung nicht zustande gekommen ist, den Einzel- arbeitsoertrag gekündigt. Damit verfolgt sie den Zweck, einen neuen Einzelarbeitsvertrag abzuschließen, der von den tarifvertraglichen Normatwbestimmungen abweicht. Die Eisenbahnarbeiter gehen diese ihnen unter dem Druck der Ent- lassungsdrvhung aufgezwungenen Arbeitsverträge, die nach der Tarrfvertragsortmung rechtsunwirksam sind, selbstver- ständlich ohne Bedenken ein, da damit der Streit ja nicht zu Ende ist. Der Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands, die Ge- werkjchaft deutscher Eisenbahner und der Allgemeine Eisenbahner- verband, d. h. die Ta r i f k o n t ra hent e n. haben am Montag im Anschluß an die Kündigung der Hauptverwaltung folgendes Schreiben zugehen lassen: „Die vertragschließenden Organisationen haben von der An- ordnung der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngejellschaft, betreffend Einlegung von Feierschichten in den RAM. und der Bahnunterhaltung durch Verfügung 51. 533 P. l. t. vom 18. Dezem- her 1930, Kenntnis genommen. Durch diese Anordnung wird in offenkundigem Widerspruch zu§ 28, Ziffer 1 LTV. der§ 3, Ziffer 1 LTV. von der Deutschen Reichsbahngesellschast eigenmächtig außer Kraft gefetzt. Hierdurch dokumentiert die Hauptver- waltung, daß sie die vertraglich übernommenen Verpflichtungen ihrer Arbeiterschaft gegenüber nicht einhalten will. Unter dem Druck der Kündigung soll dem einzelnen Arbeiter ein Slrbei tsvertrag aufgezwungen werden, der von den tarif- vertraglichen Bestimmungen abweicht. Die unterzeichneten Organisationen betonen erneut, daß sie bereit waren und sind, der veränderten Betriebslage in weitest- gehendem Maße durch entsprechende Vereinbarungen Rechnung zu tragen. Sie legen jedoch gegen ein solch willkürliches Vor- gehen der Verwaltung schärfste Verwahrung ein und wer- den nichts unversucht lassen, um die Hauptverwaltung zur Ein- Haltung ihres abgeschlossenen Vertrages zu zwingen.' Mit oller Gewalt für Lohnabbau. Lleberall dasselbe Lied. Essen. 29. Dezember.(Eigenbericht.) Die Lohnverhandlungen im Ruhrbergbau, die am Montagvormittag um 10 Uhr begannen, hatten bis abends 9 Uhr noch nicht zur Bildung einer Schlichterkammer geführt. Es ist damit zu rechnen, daß die Verhandlungen in den späten Abendstunden vertagt werden. * Der Arbeitgeberverband der rheinisch-west- fälischen Gemeinden hat die Lohntarife für die Ge- meindearbeüer, für die kommunalen Straßenbahnen, den Kraftoer- kehr und das Haus, und Pflegepersonal der Krankenanstalten zum 1. Februar 1931 gekündigt. Die Forderungen des Arbeitgeber- Verbandes sind noch nicht bekannt. Von der Kündigung werden rund 35 000 Arbeiter erfaßt. Die Nachverhandlungen über den Schiedsspruch für die rheinisch-west fälischen Straßenbahnen, die am 30. Dezember im Reichsarbeftsministerium stattfinden sollten, find auf den 5. Januar 1931 vertagt worden. Der Arbeitgeberverband hat, weil der Schiedsspruch, der 6 Proz. Lohnabbau vorsieht, n i ch l für verbindlich erklärt worden ist, den Arbeitnehmern mit vierzehmägiger Frist g e- kündigt. Die Kündigung läuft am 14. Januar ab. -i- Essen, 29. Dezember.(Eigenbericht.) JmLohnstreitderTransportarbeiterdesRuhr- großhandels wurde am Montag ein Schiedsspruch gefällt, wonach ab 1. Januar die Wochen- und Stundenlohnsätze sich um 6 Proz. ermäßigen sollen. Die Neuregelung soll frühestens zum 30. Juni 1931 gekündigt werden können. Die Erklärungsfrist für den Spruch läuft bis zum 5. Januar. * Krefeld, 29. Dezember.(Eigenbericht.) Der Verein der Metallindustriellen am linken Niederrhein mit dem Sitz in Krefeld hat die Kündigung sämtlicher Lohntarife der Metallarbeiter für den 31. Januar 1931 ausgesprochen. Die Unternehmer fordern eine Ermäßigung der Löhne für Arbeiter in reinem Zeitlohn ab 1. Februar um 12 Proz. und ab 1. April in sämtlichen Gruppen und Altersklassen um 15. Proz. * Die Verhandlungen über den vom Verband mittel- deutscher Metallindustrieller für das Tarifgebiet Halle, Magdeburg und Anhalt geforderten Lohnabbau von 15 Proz. sind, wie vorauszusehen war, am Montag in Halle nach fünfstündiger Dauer ergebnislos abgebrochen worden. Am 6. Januar tritt eine Schlichtcrkammer zwecks Fällung eines Schiedsspruches zusammen. -i- Bei den Tarifoerhandlungen im Bezirk der Lüdenscheider Metallindustrie, in dem etwa 10 000 bis 12 000 Arbeiter be- schäftigt werden, werden die Löhne nach einem gestern gefällten Schiedsspruch um 6 Proz. herabgesetzt. In der b a d i s ch e n H o l z i n d u st r i e wurde ein S ch i e d s- f p r u ch gefällt, wonach die Löhne in der Spitzengruppe von 1,14 M. je Stunde auf 1,08 M. herabgesetzt werden. Die neue Lohnregelung soll ab 1. Januar 1931 in Kraft treten. Die Er- klärungsfrist läuft bis zum 5. Januar. KPO. fürchtet die Konkurrenz. Die„Rote Fahne' bringt am Sonntag unter der Ueberfchrift: „Davongejagte Schädlinge suchen Dumme!' einen längeren Artikel über die Gründung eines Reichsbundes der Erwerbslosen. Unter den Gründern dieses„Bundes' fand sie alte Bekannte, die aus der KPD. ausgeschlossen worden sind, und vermutet, daß diese mit Vertretern der SPD. in Verbindung ständen, um einen Erwerbs- losenladen gegen die RGO. aufzuziehen. Die„Rote Fahne" fragt: „Wer bezahlt den Laden!? Wer hat die zehntausende Flug- blätter bezahlt!? Wer gab dem Bund einen Kredit von 2000 M.!? Wer bezahlt das Büro Unter den Linden!?' Nach der„Roten Fahne' kann es sich nur um die SPD. handeln, die ja für alles verantwortlich gemacht wird. Dazu ist zu sagen, daß die SPD. es ablehnt, irgendwie wilde Erwerbslosenausschüsse zu unterstützen. Dieses Privileg wollen wir den Kommunisten nicht streitig machen. Wir sind vielmehr der Auffassung, daß die Interessen auch der erwerbslosen Genossen am allerbesten in den freien Gewerkschaften und in der SPD. oertreten sind. Wir ersuchen deshalb besonders unsere Parteigenossen, sich fernzuhalten von Vereinigungen, die den Arbeftslosen einen Gewinn nicht bringen können, aber ihre Bei- träge gebrauchen. Damit erübrigen sich olle Folgerungen der „Roten Fahne'.__ Es gibt noch Giettungen in Berlin... Mit 30 000 Mark Kapitaleinlage. Uns wird geschrieben: Im Stellenmarkt einer großen Berliner Tageszeitung sucht eine Firma einen Buchhalter mft allen notwendigen Bürokenntnissen, macht aber eine Kapitaleinlage von 30 000 M.„zur ständigen Bevorschussung der Außenstände" zur Bedingung, mit dem dann aller- dings großmütigen Zugeständnis, daß die„Kontrolle und Gekd- gebarung' dem Bewerber überlassen wird. Gott sei Dank doch wieder einmal ein Lichtblick für uns Hand- lungsgehilfen, in diesem Dilemma eine Position zu finden, zu der nur eine lächerlich kleine Einlage erforderlich ist. Das Experiment erscheint mir risikolos, da„Dauerstellung und 10 Proz. pro Anno Verzinsung geboten werden. Also, wer hat das Geld und den Mut, Pionier dieser neuen Finanzierungsmeihode zu sein, bei der(vielleicht im Dritten Reich) „Zinsknechtschaft und Monopol der Banken" auf solche aparte Art gebrochen werden? Wer also als Kaufmann nicht das Risiko tragen will, eigenes Geld für die Zielgewöhrung an die Kündschaft bereitzustellen, darf Unternehmer und Nutznießer fremder Kraft sein; wer aber 30 000 Mark als Angestellter riskieren kann und will, hat sogar noch Aus- ficht, als Buchhalter eine Beschäftigung zu finden. Es muß sich doch wohl herumgesprochen haben, was man Stellungsuchenden heute alles zumuten kann. Aber gleich 30 000 M.I Aihtnua, SPD.-Buchdrucker! Leute um 17 Uhr Sitzung des Frat» tionsuorstandes on belannter Stelle. !�rete Gewerkschafts-LuqendBerlin s Heute, Dienstog, X914 Uhr, tagen die Gruppen: Treptow: Gruppen- heim Schule Wildcnbruchstr. dg— 54 cHortzimmer). Lustiges Iahres- Z— Spandau: Gruppenheim Stadt. Jugendheim Lindenuter 1. Lustiger Iahrcsabichlust.— Frauksurtcr Allee: Stadt. Jugendheim Litan-r Etratze 18. Wir verabschieden uns von Karlchsn Micsling.„Silpesterfeier."— Landsberger Platz: Gruppenheim Litaucr Str. 18. Mut mitbringen! Die Silvester�eitung wird verlesen.„Eilvesterseicr."— Lichtcuberq: Jugendheim Litauer Str. 18. Lustiges Jahresende...Silvcsterfeier."— Neu-Lichlenberg: Jugendheim Litauer Str. 18.»Wir verabschied-n uns von karlchen Micsling." ~ Paulow: Gruppenheim Pankow, Kisstngeustr. 48..Silvesterlpul."—®c. rrerkschastshaus: Gruppenheim Gngelufcr 24—25. Saal 11 des ssabrikardeNcr- Verbandes. Lustiges Jahresende.— Sek oueweide: Jugendheim Niederschöne» weide, D-rliner Str. ZI. Kabarett auf Schallvlatten.— Adlershos: Jugend. heim Bismarckstr. 1. Funk ioniirsttznng.— Weddiuq: Iug'nhhe'm Willdenow- strafte 5. Lusi'ges Jahresende.„Jeder kriegt Dunst."— Ostende: Wir seiern unsere Eiloesterfeier in der Litgucr Sir. 18.— Iugendgru'p« dc, Dc»!s-cu Bekleidungsarbeiter. Per bar de,: Iugendbeim Sebastianstr. 37—88„Gin froh- l'cher Beihnacht-abend."— Di« nächste Iugendvorstellung findet am 1. Januar. 15 Uhr. in der Aoiksbühne im Theater am Blllomplatz statt. Karten fllr 80 Pf. stnd in der Zugendgentrale, Gngelufer 24—25, Zimmer 20, und an der Theater. lasse iu haben. .�naendpruvpe Ses?enkra'verbonk>e6 der Anaeffettten yr/)/ Seute, Di-netcg, folgende Veronstaltuu.gen: Nordwest: Iugendbeim Lehrter E:r. 18—19. Bunicr Abend.— Sprech- und Pewegungschor: Ucbungeabend pünktlich 2V Ilbr in der Turnhalle der Schule Laruthcr Str. 20. Leitung Otto Polemann.— Karten fllr die Iuaendvorstellung der Polksbllhne am 1. Januar, ,um Preise 00» 80 Ps., stnd im Iugcndsekretariat ju haben. Armin t. Wegner; AM Kl»«f Yltl Vor den Gärten der persischen Stadt Täbris hockte da- Flug- zeug auf dem beschnsüen Acker wie eine große dunkle Krähe, und seltjam: es trug auch diesen Namen. In Persien sind nicht nur die Europäer, denen man begegnet, weitgereiste Menschen, auch die Flugzeuge haben ihr« abenteuerliche Geschichte. Das Junkers- Flugzeug, das vor mir stand, war in einem Weltdaucrrekord zwei- undfünfzig Stunden hintereinander zwischen Dessau und Leipzig in der Luft geblieben es war als Wasserflugzeug umgebaut worden und hatte im Seewettbewerb in Swinemünde gesiegt; es hatte Schweden besucht und war von Matmö bis zum Indischen Ozean geflogen. Aus dem Felde brannte ein Feuer. Zwei persische Lastträger koch.en in alten Petroleumbehältern Wasser, um den Motor anzu- wärmen. Der deutsche Pilot, ein Bayer, mit einem braungebrann- ten, sehnigen Gesicht, dos Wagemut und Besonnenheit zugleich mit fast ägyptischer Schärf« prägten, machte sich eben bereit, in seinen Pelz zu steigen. Es war der fünfundzwanzigste Dezember, früh zehn Uhr; der Morgen war kalt, mit wechselnder Sonne. Durch leichte Wolkenschleier erblickte man die schlanken Höhenrücken der Gebirge: nur der spitz« Sattel, den wir in der Richtung nach Kos- win überfliegen mußten, lag noch von Nebel verhüllt. Neben mir wartete ein russischer Kaufmann, der im Austrage der Sowjetregie- rung Persien bereiste. Fern vor den Toren der Stadt sah man die winterlich Elsten Gruppen der Bäume in den Gärten von Täbris. Wir waren kaum eingestiegen, als unser großer Bogel auch schon mit den Füßen den feuchten Acker kratzt« und sich schwerfällig erhob. Wie er die Luft fühlte, begann er sich plötzlich mit Leichtig- keit steil in den Himmel zu heben. Ich wartete einen Augenblick; dann nahm ich einen Bogen aus meinem Notizbuch und schrieb folgenden Brief: An Bord der Schildkrähe,?L12 Uhr mittags. „Liebe Freudin! Ich mach« mir das Bergnügen, dir aus der Luft zu schreiben. Ein Gefühl ungeheurer Seligkeit erfüllt mich. Vor zehn Minuten haben wir den Erdboden verlassen. Ich weiß nicht, in einer Höhe von wieviel hundert Metern wir uns schon be- finden, schon nach wenigen Minuten konnte ich die Wogen und Pferde auf dem Flugplatz nur noch mit Mühe erkennen; wir drehen uns mit großer Schnelligkeit, dabei steht das Flugzeug scheinbar still. Täbris oerschwindet unter uns wie eine Handvoll hingestreuter Asche, die der Hausdiener auf den beschneiten Weg streut, dannt die Borübergehenden nicht fallen. Auf einmal beginnen die Wolken neben mir wie weihe Pferde zu rennen, immer schneller, schneller. Wir sind hinüber—, der ganze Himmel ist klar. Von dieser Höh« aus liegen die Vorgebirge so klein da, daß das Land einem weiten weißen, unordentlich über die Tischfläche ge- worfenen Tischtuch gleicht. In der Kabine ist es still, der Boden so wenig bewegt, daß ich ohne Mühe schreibe; nur zuweilen wiegt unser Vogel sich leicht auf den Flügeln, wie zu Hause unser Boot bei leichtem Wellengang auf den mecklenburgischen Seen. 12 Uhr 12 Minuten: 2700 Meter hoch. Jetzt erblickt man im unendlichen Umkreis mit seinen verschneiten Pässen, seinen von Schnee vergrabenen Dörfern, das weite persische Hochgebirge in der Sonne Es ist die Heimat der Wölfe. Strahlend liegt es da, ein silbernes, wellenbedecktes Meer, nur um einzelne Bergzüge hängen noch Wolkenfetzen wie spritzender Schaum. Rechts ist eine hohe, weiße Kuppel hinter uns geblieben, von steilen Spitzen um- geben, der Hann Dagh mit seinen Brüdern. Immer weiter wird die; bergige Landschaft, immex strahlender der Himmel, immer silberner mein Glückt hl Uhr. Der Pilot öfnet das Fenster und gibt mir mit dem Finger ein Zeichen. Wir müssen über der persischen Stadt Miameh fein. Die Landschaft unter mir ist durch dicke Wolkenmassen ver- hüllt, ein ungeheurer See, schwimmen sie in den sie umgebenden Gebirgen. Diese Wolkenmassen sind stets«in« Gefahr für den Flieger, sie hindern ihn. die Entfernung zur Erde abzuschätzen. Wenn er durch das Versagen des Motors sich plötzlich zu landen gezwungen sieht, und dies« Wolkenwand durchstoßen inuß, bedeutet das in der Regel den Tod. Selbst die hohen Gebirge im Osten und Westen sinken jetzt niedriger. Noch ein wenig höher und ich hätte das Gefühl, ich könnt« meinen Blick um die Erde werfen wie eine Schlinge bis an dein Haus. Aus dieser Höhe, Geliebte, mit dem namenlosen Gc- fühl des Schwebens über der Erde, sende ich dir meinen Gruß, heut« am Mttag des ersten Festtages, da ihr euch alle zu Hause um die geschmückte Tafel versammelt. Wie sehr wünschte ich jetzt, dich bei mir zu haben, mit dir über die Weite und Schönheit der Welt zu schauen, welcher Sitz könnte herrlicher sein als der Filtich dieses Vogsls, der leichter als ein« Möwe sich über der Erde wiegt. O Seligkeit! Seligkeit! 1 Uhr. Wir sind über Sultaneh. Zwischen den letzten weißen Flecken erblickt man Felder und Hügel, schwarz wie Asche. Mitten aus den braunen Häusern der Stadt erhebt sich die hohe Kuppel der berühmten Moschee wie eine aus der Schnee-Erde brechende Krokusblüt«. Die Sonucblendet so, daß ich die Migen beschatten muß. 1 Uhr 32. Die Eben« verdunkelt sich wieder. Der Pilor öffnet dos"Fenster und reicht uns einige Stückchen Schokolade herein, eine Wethnochtsgabe aus Deulschiand. In der Tiefe«in Fluß, dünn wie eine Peitschenschnur. Ein paar kleine Wolken jagen wie Köpfe mit weißen gesträubten Haaren an uns vorüber, sie künden Lustsäck« an, und gleich darauf saust unser Flugzeug wie ein Fahrstuhl mit rasender Geschwindigkeit um hundert oder zweihundert Meter in die Tiefe. Meinem einzigen Reisegefährten, dem russischen Kauf- mann, wird übel: ich selbst fühle nicht die geringsten Befchwerden. Wir haben den Wind im Rücken, unser« Schnelligkeit nimmt zu. In der schwarzen Ebene stehen viereckige Würfel auf, Städte mit gelben Türmen, von einer Stadtmauer umgeben. Reben der Landstraße zieht sich eine Reihe merkwürdiger trichterartiger Der- tiefungen hin; es sind Vcrbindungslöcher der Wasserleitung zur B«- Wässerung der Felder. Von dieser Höhe sehen sie wie die Fuß- stapfen riesenhafter Kamel« aus, die von einer vorüberziehenden Karawane im Sande zurückblieben. 2 Uhr: 3000 Meter hoch. Die Ebene sst vollkommen frei von Schnee. Links ein graues Flußbett, das aus den Bergen kommt, im Talwinkel ansteigend eine Schar von Häusern. Wir sind der Erde wieder näher. Bäume, Terrassen, Weingärten klimmen an der Berglehne empor. Das ist Kaswin. Schon ist es unter, hinter uns, wir fliegen über den Bergsattel. Der trockene Salzschlamm im Flußbett gleicht grauem Diamantenstaub von einer seltsam schönen und ganz anderen Farbe als die Ebene. Wie die Erde zusammenschrumpst. wie auf der Landkarte umfängt der eine Blick zwei Städte, zehn Dörfer zu- gleich. Das Geräusch des Motors wird schwächer, wir fallen etwas, noch immer bin ich von namenloser Freude erfüllt. 2 Uhr 40. Wir hatten Kasiwn kaum hinter uns gelassen, als in der breiten Ebene schon die Zeichnung einer mächtigen Stadt auf- tauchte. Wie, schon in Teheran? In weniger als drei Stunden haben wir ein« Strecke von fast achthundert Kilometern zurückgelegt. Di« Eben« ein einziger brauner Teller. Gerade vor uns ragt die weiße Tüte des Demawent, des höchsten Berges von Persien, im blauen Himmel. Keine einzige Wolke ist mehr zu sehen, aller Schnee ist verschwunden, wir fliegen so schnell daß mein Bleistift nicht mehr zu folgen oermag. Schon sind wir über den Häusern. Ausgedehnte Gärten liegen mit ihren hohen Lehmmauern wie un- geheure Kreise und Quadrate draußen am Rande der Ebene. Wir kreisen wie ein Habicht darüber. 2 Uhr SO. Unser Vogel senkt sich. Immer milder, süßer wird die Sonne. Noch drei Flügelschläge über der Stadt. Straßen biegen sich uns steil wie ein Finger entgegen. Die ganze Stadt schwankt wie ein aufgehobenes Spielbrett; wir streifen fast die graublauen Minarettnadeln der Moschee und blicken von oben in die verbotenen Höf«. Man sieht die Kutscher mit ihren Wagen auf der Straße, einer hebt die Peitsche; ein Wollah steht im Hof der Moschee und blickt zu uns hinauf. Der Atem stockt mir vor Freude. Plötzlich ist die weiche, braune Brust der Ebene jenseits der Stadt wieder da> ein Fenster glänzt wie ein glückliche- Auge— und wir legen uns sanft an die Erde wie an dein Herz." Kaum waren wir gelandet, als die Luft heiß über mir zu- sammenschlug. Ich zog meinen Pelz aus, die Erde schwankte. Noch befangen von dem Blick über die unendliche Welt, ging ich durch die Straßen der Stadt, die mir nun doppelt traumhaft an diesen: Weihnachtsmorgen mit ihren Basaren, den Gewändern ihrer Frauen erschien, als hätte der Vogel Rock mich nicht nach Persien, sondern in eine indische Stadt getragen. Unwillkürlich mußte ich im An- blick all dieser Ding« an ein Lieblingsmärchen meiner Kindheit vom Prinzen Achmed und der Fee Pari Banu denken. Waren nicht fast alle Träume erfüllt? Der fliegende Tcppich? Der Fernblick durch das elfenbeinern« Rohr? Mitten auf der Straße stand ein herrlicher arabischer Hengst, ein Wunderpferd. Sem Fell war hellgelb wie Elfenbein, seine Mähne und sein ungestutzter Schweif, der bis zur Erde reichte, waren mit Hena brandrot gefärbt, und wenn der Wind hindurch- fuhr, bewegten sie sich in der Lust wie züngelnde Flammen. Nie glaubt« ich in der Welt etwas Schöneres gesehen zu haben, und hingerissen blieb ich stehen, um mich immer wieder nach ihm um- zuwenden. Auch dos Pferd blickte sich nach mir um. Andreas cnagy: 3)as„SUmÜiche SelbfimordinfiHul Jim den Erstähbingen des VUlofch Jßokitfch Ich weiß nicht mehr, wie ich in jenem Sommer nach Thuesand verschlagen wurde, in diesen norwegischen Hafen, der in amerika- nischem Aufschwung begriffen ist. Natürlich war die Stadt nur nach norwegischen Begriffen groß zu nennen, sie hatte etwa so viel Einwohner wie Debreczin. Uebrigens ähnelte sie Debreezin auch darin, daß sie enorm reich war und gleichsam in Fett erstickte. Nur schwamm Thuesand nicht in Schweinefett, sondern in Walfischtran. Hier war der Walfisch die erste Quelle des Reichtums. Vielleicht brauche ich gar nicht erst zu erwähnen, daß hier nicht mehr die seltenen, im Aussterben begriffenen Walfische des offenen Meeres gejagt wurden. Die Tiere wurden nach ökonomischen Grund- fätzen in mächtigen Herden gezüchtet, ähnlich wie die Schweine in Debreczm. Die Tiefebene war ein möchtiger Fjord, der durch ein eisernes Gitter vom Meere getrennt wurde. Ich sage euch, es war kein alltäglicher Anblick, die Walfischhirten in Motorbooten flink hin und her flitzen zu sehen, die ungeschlachten Walfischherden vor sich her treibend. Leider konnte ich mich über diesen Anblick nicht so recht freuen, denn damals plagte mich das Schreckgespenst des Hungers gewaltig. Damals war in allen meinen Taschen nicht ein einziges...(hm, zum Kuckuck, jetzt fällt mir nicht ein, wie dort die Goldwährung heißt!— JDere"— brummte einer der Zuhörer und verstummte dann wieder). Ja, eine reiche Stadt ist zur Freude der Reichen erbaut und einen armen Kerl kann dort der Teufel holen. Erst dachte ich daran, im Hafen nach Arbeit zu suchen. Aber gleich an der ersten Stelle, bei der ich es versuchte, wurde ich verständnislos angestarrt und die Kerle grinsten so. daß ihnen alle zweiunddreißig Zähne aus dem Maul hingen. Ich sah sie nur an und begriff sofort, weshalb sie grinsten. Alle Menschen» die hier arbeiteten, waren über zwei Meter groß; alle blond, rotbackig, mit einer Muskulatur, die man bei uns nur aus Gips bei den Valkonkaryatiden sehen kann. Wie ihr sicher schon bemerkt habt, bin auch ich nicht von Pappe*). aber inmitten dieser Leute mochte ich so komisch wirken wie eine Blattlaus, die den Riesenameisen ihre Hilfe anbietet beim Fort- schaffen eines krepierten Herkuleskäfers. Diese Riesen mit ihren breiten Brustkörben und krachenden Kinnladen verleideten mir ihre Gesellschaft in gründlicher Weise. Ich wagte es nicht mehr, in ihre Nähe zu gehen. Jetzt hätte ich auch schon gern gebettell, aber das war hier vollkommen unmöglich, da man hierzulande keine Not kannte. Ich konnte gekrümmt an den Straßenecken stehen und meine Fäuste auf meinen hohlen Magen pressen, aus vollem Halse ächzen und stöhnen, die Menschen lachten mich nur aus und gingen weiter. Sie glaubten, daß ich nur zu ihrem Vergnügen Grimassen schnitte. Die Elenden wußten nicht, was es bedeutet: hungrig und ohne Nahrung zu sein.' Zweitausend Kilometer von der Heimat entfernt, an den Ufern des finsteren Eismeeres, unter grausamen, gleichgilltigen Menschen, an der Schwelle des Hungertodes: In dieser Lage hätte selbst«in geschickterer Kerl als ich nur eine Lösung gefunden. Im Hasen be- fand sich ein« hohe Brücke, unter der auch größere Schiffe bequem durchfahren konnten: ich schleppte mich hin, beugte mich über das Geländer, und purzelle in die Dunkelheit wie ein fauler Apfel. Während des schweren Sturzes verlor ich das Bewußtsein, noch ehe ich den Wasserspiegel erreichte, und für mich wäre diese dumme Geschichte damit zu Ende gewesen. Aber als ich wieder zu Bewußt- sein kam, erkannte ich mit Bitternis, daß man mich gerettet hatte. Ich lag in einer Wachstube, pudelnaß auf der Pritsche und ein Polizeibeamter setzte sich sogleich an den Schreibtisch, als er be- merkte, daß ich die Augen geöffnet hatte, nahm den Federhalter in die Hand und begann mich auszufragen: „Erzählen Sie, wie es geschchen ist!" „Was soll geschehen sein?" .Herrgott nochmal! Sie sind doch ins Wasser gestürzt!" Diese unerhörte bürokratische Berbohrcheit erzürnte mich sehr. Ich antwortete gereizt: „Was geschchen ist? Ich habe mich auf das Geländer gestellt und bin hinunter gesprungen. Schluß! Weiter geht die Geschichte nicht" Der Federhalter entfiel ihm vor Ueberraschung. Er schrie mich mit einem Ausdruck von Ekel und Verachtung an: „Sie sind also Selbstmörder?" Ich begann ihm zu erklären, daß in meiner hoffnungslosen Loge nur der Tod als einziger Ausweg in Betracht kam, aber er brüllte mich ungeduldig an: „Das interessiert mich nicht! Ich will wissen, weshalb Sie sich umbringen wollten!" Na also, so ein Rindvieh von Beamten war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Jetzt brüllte ich zurück: „Weil ich sterben wolltel" Er sprang auf: seine Augen blitzten, sein ganzer Körper zitterte vor Wut Aus unglaublicher Höhe donnerte er auf mich herab: „Sie wollten auf der Straße sterben? Wie? Pflegen die *) Milosch Lokitsch erwcchnte in seinen Erzählungen oft und mit großem Selbstbewußtsein seine ungewöhnliche Körperkraft und treff- liche Konstitution. Der Leser hätte beides sehr zweifelnd ausge- nommen. würde er die eingefallene tuberkulöse Brust und die eckigen Schulterblätter gesehen haben, die so spitz waren, daß sie seinen schäbigen Rock fast durchstachen. Aber seine Zuhörer gehörten noch nicht der heutigen sportlichen Generation an. sondern waren Kaffee- hausmenschen, wie sie noch heute vereinzelt in der Gegend des Romanischen Cafes in Berlin vorkommen. Da fiel das nicht jo auf. Menschen Ihrer Heimat ihre Notdurft auf der Straße zu verrichten? Pfui! Das muß ein schönes Land sein! Pfui Teufel!" Ich wußte noch immer nicht, was er von mir wollte, aber lang- sam machte er es mir begreiflich. Ich erfuhr von ihm, daß in Thuesand jedermann das Recht zugestanden wurde, aus dem Leben zu scheiden, wenn er dessen überdrüssig geworden war. Aber genau so, wie man in dieser auffallend sauberen Stadt nicht einmal seine alten Stiefel fortwerfen konnte, auch wenn man ihrer noch so sehr überdrüssig war, wurde es einem sehr verübelt, wenn jemand sein abgetakeltes Leben zwischen die Passanten warf Also gab es in Thuesand, ähnlich wie heute in den Straßen großer Städte bereits überall jene kleinen, eisernen Häuschen stehen, die der Deutsche Bedürfnisanstalt nennt,— ein staatliches Institut, wo der Selbst- mordkandidat in voller Abgeschiedenheit sein Geschäft erledigen konnte, ohne bei friedliebenden Mitbürgern unliebsames Aufsehen erregen zu müssen. Der Polizeibeamie ließ mich auch gleich von einem Polizisten in diese Anstalt hinüberbegletten. Dieses Institut erinnerte in der Architekttir an die Irrenanstalt in Frohnau. Es lag in einem großen Tannenwäldchen, inmitten eines herrlichen Parkes und war vom eisernen Gitter umgeben. Neben dem Tor gewahrte ich eine hübsche Portierloge und dos Hauptgebäude zwischen den prächttgen Blumenbeeten machte den Eindruck eines Sommerhauses. Der Polizist übergab mich einem Herrn, vermutlich dem Direktor, und ließ mich mit ihm allein. Der Direktor betrachtete mich gleichgüllig wie ein Aktenstück, das man auf seinen Schreibtisch gelegt hatte. Cr ließ mich eine Liste ausfüllen, die jedoch nicht umständlicher war wie jene Anmelde- sormulare, die einem in Hotelzimmern vorgelegt werden. Dann sagte er trocken: ,.Jetzt lasse ich Sie unseren Statuten entsprechend eine halbe Stunde lang allein, da können Sie sich die Sache noch einmal Über- legen. Dann— falls Sie ihren Entschluß geändert haben— steht es Ihnen frei, zu gehen."' Ich versuchte, so leicht und ungezwungen zu wirken, als es mir möglich war und erwidert«: „Aber sagen Sie, mein lieber Direktor... könnte ich nicht inzwischen etwas zu futtern bekommen? Eingetretener Umstände halber habe ich nämlich..." Er ließ mich den Satz gar nicht zu Ende sprechen(womit er mich vor einer peinlichen Aufgabe bewahrte) und meinte mit der natür- lichsten Stimm« der Well: „Selbstverständlich... Wenn Sie hungrig sind, dann ist es klar, daß Sie essen müssen. Ich werde gleich den Auftrag geben." Tatsächlich kam alsbald jemand mit dem Essen herein, ver- mutlich ein Diener. Auch ihr habt gewiß davon gehört, welch unglaubliche Freß- orgien in Norwegen an der Tagesordnung sind, aber dies war ein Beispiel dafür, daß die Wirklichkeit mitunter die Sage übertrifft. Freilich sagt eine schöne Portion Gulasch mehr als das schönst« Kochbuch. Auf dem Holztcller, den dieser Diener oder Direktor vor mich hinstellte, befand sich eine solche Unmasie von geräucherten, gesalzenen, marinierten Fischen, Muscheln, Krebsen, Käsen und Fleischgerichten, daß ich weinend an die elenden Brötchen der Budapester Autwnatenbüfetts denken mußte. Ich tiiuß sagen, daß ich gründlich einpackte, obgleich ich schon lange keine Gelegenheit mehr gefunden hatte, mich in diesem lieben Sport zu üben. Und als"hätte in dieser Nahrung ein Zaubermlltel gesteckt, entfernte ich mich mit jedem Bissen mehr von jenem finsteren Gedankentreis, der mich vom Geländer der Brücke in die Tiefe getrieben hatte. Und als ich vollkommen gesättigt war, ja, in einer Ecke des Tabletts eine schöne dunkelbraune Zigarre entdeckt hatte, die ich, ihre Bestimmung blitzschnell erratend, in den Mund steckte, das eine Ende anzündend,— erschien mir der ganze Selbst- mord so sehr als unlogischer Blöüsinn, wie jene Träume, die einen manchmal zu plagen pflegen. Im bequemen Sessel zurückgelehnt, blaue Ringe vor mich hin- blasend, dachte ich gerade mit tiefem Mitleid daran, wie Nero und Caracalla zerspringen würden, wenn sie nachträglich erführen, daß in ihrem Zeitoller der Tobak noch nicht erfunden war. als der erste Herr, den ich für den Direktor hielt, zurückkehrte. Er fragte trocken: „Nun, haben Sie es sich überlegt?" Das brachte mich jäh zur Wirklichkeit zurück. Es kam mir zu Bewußtsein, daß ich«in lächerlicher Niemand war und unauf- hallsam dem Hungertode entgegentrieb, und für diese Mahlzeit mit meinem Leben bezahlen mußte. Sollte ich jetzt zurückgehen unter jene pausbäckigen Ungeheuer, in diese unverschämt saubere Stadt. deren Reichttim nur dazu diente, die Armut noch unerträglicher zu gestalten? Ich antwortete entschlossen: „Ich bleibe. Ich will sterben."(Schluß folgt.) Holland, dos Land der Fahrräder. Aus dem Jahresbericht über die ausgegebenen Fahrradkarten ist zu ersehen, daß die Zahl der Fahrräder in Holland von Jahr zu Jahr steigt. Die Anzahl der Fahrräder, für die Steuer bezahlt wird, betrug im Steuerjahr 1322 schon 1 310 700, im Steuerjahr August 1923 bis Ende Juli 1330 2703 523. Seit dem Jahre 192S stieg also die Zahl um mehr als 20 Proz. In diesen Ziffern sind nicht«ingeschlossen Kinderfahrräder. Dreiräder für Kranke, Dienstsahrräder beim Militär und für Staats- betriebe. Wenn diese alle hinzugezählt würden, dürste die Zahl der angegebenen Räder, noch gewaltig steigen. Man kann annehmen. daß aus drei Holländer ein Fahrrad kommt. Scherzartikel wie Luflschlangen, Kopfbedeckungen, Konfelll, Knallbonbons, Qlessblel usw. in grosser Auswahl enorm billig! Neujahrskarten in grosser Auswahl "5 g •— CCD ,■ CO v-v—: a_j r... 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O. Gr. Odcrstr. 37