Morgenausgabe Nr. 196 A 99 ■ 45.Zahrgang Wöchentlich SSPf� monatlich 3.60 M tm voraus zahlbar. Postbezug 4.32 M. einschließlich 60 Pf. Postzeitungs- und 72 Pf. Postbestellgebühren. Auslands' abonnement 6,— M. pro Monat; für Länder mit ermäßigtem Druckfochen« vorto 5.— M. * Der �Vorwärts' erscheint Wochentag» lich zweimal. Sonntags und Montags einmal, die Abendausgab» für Berlin und im Rondel mit dem Titel.Der Abend" Illustrierte Beilage„Volt und Zeit" Ferner„Frauenstimme"» �Technik".„Blick in die Bücherwelt", .Iugend'Dorwärts'u..Stadtbeilage� Nerliner Vowsblatt Dienstag 28. Apn'l 1931 Groß-Äerlin 10 pf. Auswärts 15 pf. Die elnspalt. NonparetlleAeile 80 Pf. Retlamezeile 5.— RM.„Kleine An» zeigen" das fettgedruckte Wort 25 Ps. (zulässig zwei fettgedruckte Worte), jede» weitere Wort 12 Ps. Rabatt lt. Taiif. Stellengesuche das erste Wort)5 Pf., jede» weitere Wort 10 Ps Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. 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Frankfurt, Jena, Breslau, Köln, Stettin, Dresden, Gelsenkirchen, Königsberg haben sie sich zu Kundgebungen zusammengefunden, die bis zu 15 l)00 Teilnehmer zählten. Weitere Demonstrationen in allen größe- ren Städten Deutschlands sind in den nächsten Tagen geplant. Träger dieser Bewegung ist der R e i ch s b u n d der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Krieger- Hinterbliebenen, die größte und erfolgreichste der deutschen Kriegsopferorganisationen. Was find die Ursachen ihrer spon- tann Bewegung, von der rund eine halbe Million Menschen ihre allmähliche Ausräumung ist zugesichert worden. Die deutsche Kriegsopferversorgung beruht auf einem modernen, auf sozialen und wirtschaftlichen Gesichts- punkten aufgebauten Recht, das unter dem ersten Kabinett Hermann Müller im Jahre 1926 geschaffen worden ist. Nach vorübergehenden Rückschlägen während der Inflationsperiode ist dieses Recht unter stärkster politischer Mitarbeit der Sozial- demokratie weiter verbessert worden. Die noch verbliebenen Mängel sind von allen Regierungen und Parteien anerkannt, ihre allmählige Ausräumung ist zugesichert worden. Seit zwei Iahren ist in dieser Arbeit ein empfindlicher Rückschlag im Gange. Großkapitalistische Kreise und ihre Presse haben- die Versorgungslast zum Gegenstand von Angriffen gemacht, die von keinerlei Sachkenntnis getrübt waren. Der Hansabund hatte ein Sparprogramm vor- gelegt, daß der Versorgu.ng den Betrag.von 2-2S- M.il- lionen Mark jährlich entziehen wollte. Der frühere Reichsarbeitsminister W i s s e l l hat sich mit stärkster Energie gegen diese wahnsinnigen Pläne gewandt. Er wurde dafür in der kapitalistischen Presse als ein Mann bezeichnet, der die Rentenpsychose züchte und Unwürdige an die„Krippe" lasse. Kaum zehn Jahre nach Beendigung des Krieges hatte sich aber in vielen Köpfen der„D a n k des Vaterlandes" in eine Futterkrippe verwandelt! Wegen einiger vertretbarer Sparmaßnahmen, die in erster Linie den Zweck haben sollten, den weitergehenden Angriffen auf die Versorgung die Spitze abzubrechen, wurden Wissell und die Sozialdemokratie gerade von den Kreisen in der bösartigsten Weise angegriffen, die vor rigorosen Eingriffen in die Rechte der Kriegsopfer nicht zurück- schreckten, als sie die Sozialdemokratie in der Regierung ab- gelöst hatten. Durch Notverordnungen und Verwaltungs- maßnahmen sind rund zwei Dutzend Eingriffe in das mate- rielle Recht und in das Rechtsmittelverfahren vollzogen worden. Obwohl diese Eingriffe sehr empfindlich waren, blieben die Massen der Kriegsopfer verhältnismäßig ruhig und überließen die Vertretung ihrer Interessen den Leitern ihrer Organisationen, die in der Verhandlung mit Regierung und Parlament über eine große Erfahrung ver- fügen. Die bisherigen Maßnahmen trafen außerdem vor- wiegend solche Perlonenlreise. die erst eine Versorgung er- strebten. Im Zusammenhang mit dem neuen Defizit. das infolge der anhaltenden Verminderung der Reichsein- nahmen in beträchtlicher Höhe im laufenden Rechnungsjahre zu erwarten ist, hat sich herumgesprochen, daß die Reichs- regierung nun auch die Bezüge der Kricgsbeschä- d i g t e n und Kriegshinterbliebenen, deren Ansprüche zweifelsfrei und seit Jahren b e st e h e n, bei der Durchführung ihrer Sparabsichten antasten will. Zur Durchführung solcher Pläne reicht die Sparermächti- gung, die der Reichsregierung im Haushaltsgesetz für 1931 ge- geben worden ist, nicht aus. Sie können nur durch eine neue Notverordnung verwirklicht werden. Für die Versorgung der Kriegsopfer find im Haushaltsplan 1931/32 rund 1399 Millionen Mark eingesetzt. In diese Summe teilen sich 838 953 Kriegsbeschädigte, 378 999 Kriegerwitwen, 621 999 Kriegerwaisen und 366 462 Kriegereltern. Die Durchschnitts- renten sind von solcher Bescheidenheit, daß dieEmpörung, die sich jetzt gegen die Absicht der Regierung in elementarer Weise geltend macht, nur z u v e r st ä n d l i ch ist. Dieser Ab- ficht muß mit aller Energie entgegengetreten werden. Die Kriegsopfer fühlen sich durch diese Pläne brüskiert und für die ungeheuren Blutopser und die treue Hingabe an das Ganze, dessen sie sich im Krieg wie im Frieden befleißigt haben, m i t schnödem Undank belohnt. Die 2'A Millionen ver- sorgungsberechtigten Kriegsopfer in Deutschland sind ein politischer Faktor, dessen Einfluß sich infolge der besonderen mora- Snowdens neue Steuern. Motorräder/ Benzin, Grundbesih.— 80V Millionen Mark für Arbeiislose. London, 27. April.(Eigenbericht.) Der„D u d g e t- T o g" ist einer der größten Kalendertage im politisch- parlamentarischen Leben Englands. Als Abschluß des schwersten Krisenjahres in der englischen Geschichte wurde deshalb die am Montag gehaltene Rede des Ainanzminislers durch den Zweifc), ob es dem vor zwei Monaten schwer erkrankten Snowdcn möglich sei, seinen Etat persönlich einzuführen. -!- Große Menschenmengen erwarteten den Finanzminisier vor dem Parlamentsgebäude. Das Haus selbst war bis auf den letzte» Platz von erregten Abgeordneten und Zuhörern überflutet. Von seiner Frau und zwei Aerzten begleitet kam Enowden unbemerkt ins Haus. Stürme aller Parteien begrüßten ihn, als er auf zwei Stöcken gestützt den Sitzungssaal betrat. Um seine Redezeit abzukürzen, hatte der Schatzkanzler bereits zwei Stunden vorher den Abgeordneten einen gedruckten Bericht über die Einnahmen und Ausgaben des Vorjahres überreichen lassen. Daraus ist zu entnehmen, daß die Ausgaben im Jahre 1939/31 die Summe von 799 Millionen Pfund Sterling erreicht haben, gegen- über 749 Millionen Pfund iin Vorjahre und 197 Millionen Pfund im Jahre 1913/14. Infolge der Wirtschaftskrise sind diesmal die Einnahmen erheblich unter dem Voranschlag zurückgeblieben. Die Arbeitslosenunter st ützung hat die hierfür e i» g e- setzte Summe uin 19 14 Millionen Pfund über- schritten. Jnsgefamt hat im vergangenen Jahre die Arbeits- lofenfllrforge dem Staat 32 Millionen Pfund gekostet. An den» schriftlichen Bericht Snowdens ist besonders bemerkenswert, daß als Ergebnis der Erbschaftssteuer 82 610 000 Pfund Sterling eingegangen sind. Die Schulden und Staatsanleihen konnten zwar um rulld öZ?1 Millionen Pfund vermindert werden, haben jedoch noch immer die phantastische Höhe von 7 413 278 999 Pfund Sterling. Von den deutschen Reparationszahlungen hat England im vergangenen Jahre 9 Millionen Pfund erhalten. Die erwarteten Sensationen für den neuen Etat sind in der Rede des„eisernen Schatzkanzlers" ausgeblieben. Trotz größter Sparmaßnahmen balancieren die Einnahmen und Ausgaben für das Jahr 1931/32 in der Summe von 893 366 999 Pfund Sterling. Für den Arbeitslosenfonds sind diesmal 40 Millionen eingesetzt. Für 37'/4 Millionen Pfund im neuen Etat waren keine Einnahmen zu finden. Snowden deckt sie durch Verdoppelung der M o t o r r a d- st e u e r auf 39 Schilling und eine Erhöhung der V e n z i n st e u« r von vier aus sechs Pens, eine Maßnahme, die der Schatzkanzler so- fort in Kraft treten läßt. Der große Rest des Defizits soll durch Erhöhung der Steuer aus den Großgrundbesitz beseitigt werden. Die Art dieser Zusatzsteuer überläßt Snowden der Finanz- kominission. Eine Erhöhung der Einkommensteuer lehnt der Finanz- minister ab, da sie nur ein Anreiz sei zu einer Herabsetzung der Löhne. Mit Ausnahme der von den Arbeitgebern und Angestellten zu erhebenden Einkommensteuer muß diese im konimenden Jahre zu zwei Dritteln bereits am 1. Januar entrichtet werden. Das letzte Drittel wird am 1. Juli fällig. In dem Etat ist keine Zollerhöhung und keine Erhöhung der Lebenshaltungskosten enthalten. Gtegerwald gegen Schiele. Differenzen um die Zollpolitik.— Vertagung der Kabinetts-Entfcheidung? llnnnerhalb der Reichsrcgierung wurden in. den letzten Tagen wiederholt Respreckzungen über neue von dem Reichs- ernährungsministcr Schiele verlangte Iollerhöhungen geführt. Die Differenzen sind nach wie vor außerordentlich groß. Sie konnten bisher nicht beigelegt werden. Wie im Mär z, so ist auch diesmal eine Verständigung zwischen den verschiedenen Auffassungen der einzelnen Reichsminister außer- ordentlich schwierig. Dem Reichsernährungsministcr stehen alle diejenigen Minister gegenüber, die von den Zollerhöhungen eine sehr gesährliche Zuspitzung der Beziehungen Deutschlands zu den Ostsee st aaten und Holland befürchten, die einen sehr beträchtlichen Teil der deutschen Ausfuhr aufnehmen. Bei dem Reichsarbeitsminister Dr. S t e g e r w a l d, der als der schärfste Gegner der Pläne Schleies angesehen werden kann, spielt neben den gekennzeichneten Gesichtspunkten auch die Verteuerung der Lebenshaltung, die mit den Zollerhöhungsplänen verbunden wäre und die nicht nur seine Lohnabbaualtion nachträglich ver- urteilen. sondern auch schwere gefährliche innen- politische Spannungen hervorruscn würde, eine ent- scheidende Rolle. Wenn aber in der Presse behauptet wird, daß Stegerwald in der Kabinettssitzung am Sonnabend mit seinem Rücktritt gedroht habe und setzt als Antwort darauf der Rücktritt Schleies in der agrarische» Presse als nahe bevorstehend bezeichnet wird, so muß man diese Gerüchte mindestens zunächst als verfrüht ansehen. Es ist nicht anzunehmen, daß Stegerwald seinen Rücktritt vollzieht, ohne daß der Rücktritt von Brüning und damit der Sturz der Gesamtregicrung herbeigesührt würde. Das aber ist um sc weniger wahrscheinlich, als der Standpunkt von S t e g e r» w a l d in früheren Stadien in weitgehendem Maße von Brüning geteilt wurde. Da vermutlich die Gegensätze, die schon im März zu einer Ver- tagung der Zollerhöhungsplöne geführt haben, sich auch jetzt nicht überbrücken lassen, so dürste eine nochmalige Vertagung wenigstens bis nach den Genfer Verhandlungen als der von der Regierung zu beschreitende Ausweg zu betrachten sein. Eine solche Vertagung ist aber nicht möglich bei den Forde- rungen nach Ermäßigung der Zölle, insbesondere der Er- Mäßigung des Zolles auf Weizen. Roggen und Gerste. Hier handelt es sich um eine Frage, deren sofortige Erledigung un- bedingt erforderlich ist. Bei Aufrcchterhaltung der bisherigen Zollsätze für Getreide wird den bisherigen Erhöhungen der Brot- preise in einigen Orten Deutschlands bald eine allgemeine Erhöhung in ganz Deutschland folgen. Die Regierung ist aber durch das letzte Zollermächtlgungsgefetz verpflichtet, alles zu tun, um einer Brotpreiserhöhung über den bisherigen Stand hinaus vorzubeugen. Diese Verpflichtung muß erfüllt werden. Sie läßt keine Vertagung der Zollermäßigungen auf Getreide zu. Die Entscheidung über das Brot. Im Laufe dieser Woche muß sich die Reichsregierung ent- scheiden, ob sie die gesetzlichen Verpflichtungen erfüllen und in ehr- licher Auslegung des letzten Ermächtigungsgesetzes eine Senkung des Brotpreises durchführen will. Auch heute warnen wir die Reichsregierung, sich nicht den Forderungen der agrarischen Katastrophenpolitiker zu beugen und in völliger Verkennung der lischen Kraft, die ihrer Ansprüche an den Staat innewohnt, in allen Verästelungen des Volkstums geltend zu machen weiß. Das Unrecht, das man diesen durch den Krieg um Glück und Gesundheit betrogenen Mitbürgern zufügt, wird sich bitter rächen. Es wird um so aufreizender wirken, als es gegenüber Ansprüchen vollzogen werden soll, die durch die Verfassung nicht einen so bevorzugten Schutz genießen wie die Pensionen der Offiziere, der hohen Beamten und der Minister, die nach altem Recht versorgt sind. Die empörenden Mißstände, die auf diesem Gebiete die öffentliche Meinung seit Jahren erregen, bestehen unvermindert fort. Die Regierung hat zlvar einen Gesetzentwurfüberdie Pensionskürzung dem Reichstag vorgelegt, aber wir haben nicht gehört, daß die Regierung, die alle ihre finan- ziellen Maßnahmen im Eiltempo durchführt, jemals ihren Ein- fluß zugunsten einer beschleunigten Erledigung dieser Frage geltend gemacht hätte. Das läßt tief blicken. Die K ü r z u n g der Bezüge unserer Kriegskrüppel, hilfloser Waisen und alter Eltern glaubte man aber ohne Befragung der Parlaments und der Beteiligten in aller Stille im Hand- umdrehen vollziehen zu können Wir warnen die Re- g i e r u n g vor diesem Schritt. Er wird sich politisch als ein großer Fehlschlag erweisen. Der Massenaufstand der Kriegs- opfer wirkt alarmierend. Flaggenzwischenfall in Meißen. Außenpolitisches Porzellan durch Nazis und Stahlhelm zerschlagen. Sochlage eine weitere Steigerung der Getreide- und damit der Brotprcise tatenlos zuzulassen. Die Lage ist auherordcntlich ernst. Wird das Kabinett nicht einschneidende Maßnahmen treffen, die eine tat- sächliche Senkung der Preise für das wichtigste Nahrungsmittel gewährleisten, dann sind die Folgen dieses Verhaltens nicht abzusehen. Den Brotpreis in Berlin durch Einführung eines minder- wertigeren Kriegsbrotes künstlich niedrig erscheinen zu lassen, ist ein Taschenspielertrick. Mie Maßnahm« selbst kann auch keinen Erfolg haben. Es handelt sich nicht nur um ein« Senkung des Berliner Brotpreises, sondern der deutsch« Brotpreis steht zur Diskussion. In Westdeutschland, namentlich im Rheinland, aber auch in Hessen, Baden und Württemberg wird auch, nicht wie in Berlin und Ostdeutschland, kein Roggenbrot gegessen, das nur ö bis Ili Proz. Weizenmehl enthält, sondern in diesen Gegenden wird hauptsächlich ein Brot konsumiert, das zu einem großen Teil au» Weizenmehl besteht. Die Propagierung eines Kommißbrotes würde dort auf den entschiedensten Widerstand der Verbraucherschast stoßen. D«r Einwand, daß gerade in Westdeutschland das rheinische oder westfälische Schwarzbrot viel konsumiert wierd, ist demagogisch. Siebzig Prozent des in Westdeutschland hergestellten Brotes sind helle Weizcn-Roggen- Mischbrote und nur zu dreißig Prozent wird dort ein Roggen- schrotbrot gebacken. Soweit ekn Bedarf an Roggenbrot dort be- steht, wird also schon jetzt ein solches hergestellt. Jede zwangs- mäßige weitere Ausdehnung des Konsums an Roggenschworzbrot, nur zu dem Zweck, uin mit einem Taschenspielerkunststück den Brot- preis in der Statistik niedrig erscheinen zu lassen, ist«in Eingrifs in die Freiheit des Konsums, schraubt die Entwicklung der Er- nährungsgewohnheiten um Jahre zurück und muß an der Em- pörung aller Konsumenten scheitern. In sast ollen deutschen Großstädten liegt der jetzige Brotpreis über dem Durch schnitt der Brotpresse im letzten halben Jahr. Ersparnisse an den Hungernden? Die Gewerkschasten beim Reichsarbeitsminister. Am Montag trugen die drei Spitzenverbände der Arbeitergewerkschaften dem Reichsarbeitsminister ihre Sorgen um die Arbeiterversicherung vor. Sie führten aus, daß die Arbeiter stark beunruhigt seien wegen der ständigen Angriffe auf die Sozialversicherung, wo doch allgemein bekannt sein müsse, daß die Renten meist nicht zum Lebensnotwendigsten reichten und die Sozialrentner im Hinblick auf die allgemeine Verarmung auch von ihten Verwandten nicht mehr die Zuwen- düngen von ehedem erhielten. Die organisierten Arbeiter seien sich des Ernstes der politischen und wirtschaftlichen Lage bewußt, sie könnten aber nicht ruhig zusehen, daß ihre Sorgen, im Ber- hältnis zur Lage anderer Bevölkerungeschichten. als weniger wichtig angesehen und behandelt würden. Auch der Arbeits- minister möge den ungerechtfertigten Angriffen verstärkt entgegen- treten. Der Reichsarbeitsminister ging auf die vorgetragenen Sorgen und Wünsche in ausführlicher Rede ein. Er ließ« sich durch ein« überspitzte Kritik nicht aus eine unsoziale Linie abdrängen. Die all- gemeine Wirtschasts- und Finanznot dränge allerdings dahin, daß, um Schlimmeres zu oerhüten. Ersparnisse überall dort vor» genommen werden müßten, wo sie vertretbar seien. Die Knapp- schastsversicherung werde durch geeignete Maßnahmen' Hilfe zunächst für ein Jahr finden. Ueber die Invalidenversicherung lägen bestimmte Pläne noch nicht vor. Was die Arbeitslosenver- sicherung beträfe, so könne er dem Gutachten der Kommission nicht vorgreifen. Er gebe den Arbeitern die Versicherung, daß er in der Sozialversicherung, im Tarif- und Schlichtungswesen das zu halten suche, was bei der heutigen Finanz- und Wirtschaftsnot überhaupt geholten werden könne. Gegen die Welle der Verfaffungsklagen. Nationalsozialistische VerfassungSstrettsochen zurückgewiesen. Leipzig, 27. April. In de» drei von der Nationalsozialistischen Partei angestrengten Versassungsstreitsachen, die am Sonnabend vor dem Staatsgerichts- hos für das Deutsche Reich verhandelt wurden, hat der Staats- gerichtshof heute entschieden, daß den Klägern die Sachbefugnis zur Erhebung der Klage nicht zuzuerkennen sei und demgemäß alle drei Klagen zurückgewiesen werden. Der Begründung schickte der Borsitzende, Reichsgerichts- Präsident Dr. B n m k e, einige grundsätzliche Bemerkun- g e n voraus: Die Zuständigkeit des Staatsgerichtshofes für das Deutsche Reich in Versossungsstreitigkesten innerhalb eines Landes sei im Artikel 19 der Reichsoersassung von zwei Voraussetzungen abhängig gemacht. Es dürfen innerhalb des Landes keine Gerichte zur Erledigung solcher Vcrfassungsstreitigkeiten bestehen, und ferner darf kein anderer Gerichtshof des Reich«s sür einen deartigen Streit zuständig sein. Irgendwelche anderen Vorschriften über den Be- griff„einer Verfassungsstreitigkeit innerhalb eines Landes" und über die Zuständigkeit des Staatsgerichtshofes finden sich weder in der Reichsoersassung, noch in dem Gesetz über den Staatsgerichts- Hof. Damit sei der Staatsgerichtshof selbst vor die Aufgabe gestellt. diese nähere Abgrenzung zu finden. In den zehn Iahren, die seit dem Beginn der Tätigkeit des vorläusigen Staotsgerichtshoses verflossen sind, hätten sich einigermaßen feste Regeln ausgeprägt. Zunächst habe sich die Notwendigkeit gezeigt, schon um einer ileberslutung des Staatsgerichtshofes mit Ber- fassungsklagen vorzubeugen, keine Popularklagen zuzulassen, d. h. nicht jedermann die Befugnis zuzusprechen, den Staotsgerichtshof anzurufen. Diese Befugnit sei vielmehr nur ganz bestimmten Stellen zugesprochen worden, insbesondere solchen, die an der Bildung des Staatswillens beteiligt find. Als solche Stellen seien vornehmlich anerkannt die Landtage und die Fraktionen der Landtage, weiter aber auch die politischen Parteien. Außerdem lönne aber nicht jede Stelle, die an sich parteisähig ist, einen jeden Streit vor den Staotsgerichtshos bringen: es müsse eine Legitimation in der bestimmten Sache vorliegen. Diese Sachbefugnis sei den Fraktionen sür die Fäll«, in denen eine Kürzung der Rechte des Landtages oder von Minderheiten des Landtages behauptet werde, und den Parteien, soweit sie als Träger bestimmter Funktionen und Rechte bei der Vorbereitung von Wahlen in Frag« kommen. zugesprochen worden. Bei den vorliegenden drei strittigen Ange- legenheiten sei die S a ch b e f u g n i s der Antragsteller in jedem Falle zu verneinen gewesen. Es habe sich nicht um die Minderung von Rechten des Landtages oder von Landtags- »ünderheiten, auch nicht um Verstöße bei Wahlen gehandelt. Daher hatten die Anträge zurückgewiesen werden müssen. Meißen. 27. April. sEigcnbericht.) 3n Meißen, wo in den letzte» Tagen französische Ar- b/itcrsporller weilten, waren zur Begrüßung der Ausländer au» Bahnhof eine schwarzrotgoldene und eine b l a u w e i ß- rote Fahne der französischen Republik gehißt worden. Stahl- helsner, Aazis, Alldeutsche und andere Spießbürger bestürmten darau/hia dos sächsische Znnenministerium. Mas tat es? Es kapignlierte vor den nationali st ischen Hetzern und neranlckßle die Entfernung des Banners der französischen Re- publik. Natürlich aus Gründen der..Ausrechterhaltung der Ruhe und Ordnung", die durch einige Schupobeamte ohne weiteres gewährleistet gewesen wäre. Dieser Vorfall ist nicht nur beschämend, er ist auch sehr bedauer- lich wegen seiner unvermeidlichen diplomatischen Folgen. Man Kelle sich vor, irgendwo in Frankreich würden die dortigen Nationalisten die Entfernung der schwarzrotgoldenen Fahne vec- langen, die zu Ehren deutscher Sportgäste gchißt worden wäre— Madrid, 27. April.(Eigenbericht.) In Madrider politischen Kreisen wird es höchst unangenehm empsunden, daß durch die Taktlosigkeit eines Berliner Blattes eine Kampagne um die Person des von der Regierung der spanischen Republik zum Botschafter i» Berlin auserschsnen Sozialisten A l v a r e z de l Bayo entstanden ist. Wir können dennoch versichern, daß man im spanischen Kabinett entschlossen ist, in Berlin das Agrement für V a y o nachzusuchen. Bayos Persönlichkeit ist in den Angriffen des Berliner Blattes völlig verkannt. Bon jeher ein eifriger Anhänger der republikanischen und sozialistischen Ideen, ist er seit langer Zeit zu einem ernsten und im Auslande wirksamen Freunde Deutschlands ge- worden. Bayos Wunsch bei Ilebernahme der Berliner Botschast wäre es, mit allen seinen Kräften sür die Annäherung Spaniens und Deutschlands zu arbeiten. Dabei gehe» seine Gc- donken gewiß auch über die direkten Beziehungen der beiden Länder hinaus und berühren in sozialistischem Geist die großen europäischen Probleme, sür deren Entscheidung der Völkerbund der ge- gebcne Platz ist. Vandervelde in Madrid. Madrid, 27. April.(Eigenbericht.) Der belgische Sozialistenführer Vanderoelde, der zurzeit in Madrid weilt, erklärte am Montag Pressevertretern gegen- über, daß er nach Madrid gekommen sei, um an der Tagung des Zentralausschusses der Gewerkschastsintertiational« teilzunehmen, in deren Verlauf er eipe Rede hasten werde. Obgleich sseixie i j e Ehrenmann Kube. Eine wüste Beschimpfung gegen Eevenng. Der ehemalige preußische Staatsoberförster B ü t o w in Sarau(N.-L.) hat an den preußischen Ministerpräsidenten einen Brief gerichtet, in dem er um Rücknahme seiner Ent- lassung ersucht. Bütow ist wegen seiner Tätigkeit für die Hitler-Partei diszipliniert worden. Für diesen Oberförster Bütow hat sich Herr Wilhelm Kube. M. d. L.. interessiert. Er schrieb über Bütow an Hitler den folgenden Brief: Mitglied des Preußischen Landtags, K/B Wilhelm Kube, M. d. L. Berlin SW 11, Prinz-Albrecht-Str. 5, Berlin»30, Motzstr. 91 III den 27. November 1930. (Fernr.: A 4 Zentrum 9041 bis 9050.) Herrn Adolf Hitler München Sehr verehrter Herr Hitler! In der Anlage überreiche ich Ihnen das Schreiben des brotlos gewordenen Parteigenossen Bütow. Bütow ist eine famose soldatisch« Erscheinung. Wie wäre es, wenn er besoldeter Gau- SA.-Führer für die Ostmark würde? Aus dem Gau gehen mindc- stens 800 M. für SA.-Zwecke ein, so daß man dem Parteigenossen Bütow sogar das alt« Gehalt als Oberförster voll anbieten könnte. Was glauben Sie. was es in der Beamtenschaft des Ostens für einen Eindruck macht, wenn die Nationalsozialistische Deutsche Arbesterpartei einen von dem Schweinehund Severing gemäß- regelten Oberförster mit gleichen Bezügen sofort in Ihre Dienst« übernimmt. Mit herzlichem Gruß Ihr treu ergebener gez. Wilhelm Kube. Der Fall Bütow ist jedenfalls erledigt. Sein neuestes Schreiben jedoch hat den Fall Kube aufgerollt. Herr Kube wird sich äußern müssen._ Oa höri man m'chis von Noiverorönung! Geographisches aus der„Kreuz-Zeiiung". Die biedere„Kreuz-Zeitung", die noch immer irgendwie unter Aus- schluß der Oeffenllichkeit erscheint, ist ganz aus dem Häuschen: Teddy T h ä l m a n n hat an die kommunistischen Arbeiter in M o s k a u ein Schreiben gerichtet, das dermaßen von dumme» Ronommistsreisn über den dicht bevorstehenden Endsieg der deutschon Knnmunisten strotzt, daß es wirklich nur von den zensurbehütcten Schäslein Stalins ernst genommen werden kann. In Deutschland findet sich einzig und allein die.Kreuz-Zeitung", die sich über dieses Schreiben aufregt, dessen Ini>all sie sich aus Moskau expreß herübertelegraphieren läßt.„Da hört man nichts von Notverordnung" jammen die alte Monarchjstentante. Die.Lreuz-Zeitung" hat ganz recht. Man sieht da wieder einmal, wie die marxistisch verseuchte Preußenregierung und die französischen Behörden würden nachgeben? Das Geschrei in der gesamten deutschen Rechtspresse mochte man in solchem Falle hören! Welche Forderungen würden die deutschen Nationalisten nicht erheben, um diese nationale„Schmach wiedergutzumachen" usw.! Wenn sich dann chie französische Regie- rung entschuldigen würde, könnte man bestinln»t bei Hugenberg und Goebbels lesen, daß das nicht genüge, daß der verantwortliche Prä- fekt sofort abgesetzt werden müßte, der zuständige Minister urwer- züglich zu demissionieren hätte, daß die deutsche Flagge obermal- gehißt und dabei ein französisches Bataillon mit Musik präsenticr-n sollte usw. Die Meißener Rechtsparteien hoben jetzt die Reichsregierung in die angenehme Lage versetzt, sich bei Frankreich entschuldigen zu müssen. Das ist aber den Herrschaften ganz egal: jjauptsoche ist sür sie. daß sie die nationalistischen Leidenschaften in beiden Ländern wieder einmal aufgepeitscht haben. Dos ist ihre Art, die„notio- nalen Belange" zu wahren. schon lange vor dem Umsturz in Spanien be- schlössen worden sei, müsse er seiner Freude über das glückliche Zusammentreffen dieses Ereignisses mit der Tagung der Gewerk- schaftsinternationale Ausdruck geben. Er habe bereits Unterredungen mit den sozialistischen Kabinettsmitgliedern Prieto, Callero und de los Rios gehabt. Sein Aufenthalt in Madrid werde nicht von langer Dauer sein, da er am Sonntag in Zürich an der Sitzung des Exekutivausschusses der Arbeiter-Jnternationale teilnehmen müsse. Cr werde über Barcelona zurückreisen, um auch den dortigen Sozialisten einen Besuch abzustatten. Ueber die politische Lage in Spanien befragt, antwortete Bau- deroelde, die Gegenwart und die Zukunft der sozialistischen Partei seien ausgezeichnet. Die Spanier würden einen großen Irr- tum begehen, wenn sie den Kundgebungen, die im Ausland bei der Ankunft des Exkönigs erfolgt wären, zu viel Bedeutung beilegten. In Belgien wie in allen anderen Ländern seien die Rcchtselemente natürlich mit der Umwandlung in Spanien unzufrieden. Aber d'e große Masse der europäischen Völker habe Spanien gegenüber leb- haste Sympathien empfunden. Insbesondere auch in Italien habe das neue spanische Regime außerordentliche Ausmerksamkeit erregt. * Auf dem hier tagenden Gewerkschaftskongreß sprach auch der frühere belgische Minister Vandervelde. Ihm wurde eine besondere Huldigung zuteil. U. a. sah man auf der Tagung auch die spanischen Minister Largo Caballero und Prieto. Am Schluß der Sitzung wurde ein Hoch auf die spanische Republik aus- gebrächt/-------•>'............ mit den Bolschewisten unter einer Decke steckt. Anderenfalls löite doch sicher die Preußenregierung die Pflicht gehabt, den Teddy-Bnef bei seiner Ankunft— in Moskau zu beschlagncchmen und seine Beröfsentlichung in der— Moskauer Presse z u v c r- bieten. Wozu sie doch durch die Notverordnung Brünings sicher- lich autorisiert gewesen wäre! Goebbels in München verhastet. Zur Zwongsvorführung zum Berliner Termin. München, 27. April. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Goebbels wurde am Montag abend um 10 llhr.-'ols er beim Abendessen in einem Münchener Hotel saß. von der Polizei oerhastet. Goebbels, der schon im Besitz einer Schlafwagentarte war. fuhr um 11 Uhr in Begleitung von Polizeibeamten naä) Berlin. Die Verhaftung wurde angeordnet, weil Goebbels einen Termin in Berlin am Montag nicht wahrgenommen hatte. Goebbels will brav sein. Herr Goebbels darf in Berlin wieder reden, nachdem er dem Polizeipräsidium folgende Erklärung abgegeben hat: „Namens und für den Gau Berlin der Nationalsazialislischen Deutschen Arbeiterpartei verpflichte ich mich, dafür Sorge zu tragen, daß in Versammlungen der Partei, in denen ich als Redner auftrete, die mit der Ueberwachung beauftragten Beamten der Ortspolizeibehörde nicht gröblich beschimpft, lächerlich gemacht oder sonst angegriffen werden." Herr Goebbels will künftig brav sein— ob es ihm gelingt, ist eine andere Frage. Die Wirifchastspariei bleibi bei Drewitz. Geschlossene Sitzung auf dem ZZarteitag. Die Wirtschoitspartei hielt am Montag in Hannover eine' geschlossene Sitzung ihres Parteitages ab, in der der Fat l Drewitz besprochen wurde. Die Aussprache war sehr erregt. Es folgte dann die Wahl des Parteiführers. Der bishe-öge Partei-. führer Drewitz ist mit 731 von 1001 Stimmen wiedergewählt worden. 258 Stimmzettel lauteten gegen Drewitz, 12 Vertreter enthielten sich der Stimme. Ein Gegenkandidat war von der Opposition nicht aufgestellt worden. Vor der Wahl wurde eine Reihe von Satzungsänderunzen angenommen. Danach soll der gejchästsfühlrende Vor- stand in Zukunft aus neun Mitgliedern bestehen, von denen drei, nämlich der erste Vorsitzende, der Schriftführer und der erste Schatzmeister ihren Wohnsitz in Berlin haben müssen. Zum gc- schästsführcnden Vorstand gehören der Vorsitzende der Reichstags- und der preußischen Landtagsfraktion. Außerdem wurde> in er- w e i t e r t e r V o r st a n d gebildet, der sich aus Vertretern der Wahlkreisverbände zusammensetzt. Del Vayo Botschasterkandidat. Spanische Negierung wird ihn vorschlagen. Hitlers Vormarsch. Wie seit dem 14. September 1930 die Nationalsozialistische Partei ihrem Ziel ständig näher kommt! Hakenkreuz- Ehrentafel. Aus dem Vorleben führender GA.-Leute. Die Wahl von Stuttgart. Ttationalsoziallstifche Enttäuschung. Aus Stuttgart wird uns zu dem Ausgang der Ober< bürgermei st erwähl, die gegen die Nationalsozialisten und die Kommunisten zugunsten des bisherigen Oberbürgermeisters Dr. Lautenschläger oussiel, unter anderem geschrieben: In Württemberg werden die Stadtoberhäupter aus Grund des -allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts bestellt. Die Ober« bürgermeisterwahl in Stuttgart, der einzigen Großstadt des Landes, war daher ein Barometer sür den Grad des Verständnisses der Wählerschaft für polstische Notwendigkeiten. Cs darf erfreulicherweise festgestellt werden, daß diese Wahl, die sozusagen zu einem Entschcidungskampf zwischen verantwortungsbewußter Sachlichkeit und unverantwortlicher Demagogie wurde, zugunsten der Sachlichkeit entschieden worden ist und zwar in einem geradezu achtunggebietenden Maße. Wenn zu einem Zeitpunkt, an dem man in Stuttgart 30 000 Arbeitslose zählt, die K o m m u» n i st e n, obwohl sie in der Person Torglers ihren zugkrästigsten Gaul aus dem Stall gezogen hatten, der den Wählern goldene Berg« versprach, gegenüber dem Wahlergebnis vom 14. September 13 349 Stimmen einbüßten, so ist das ein glänzendes Zeugnis für die von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften geleistete Erziehungs- und Aufklärungsarbeit. Aber auch die Nationalsozialisten, deren Verlust von "444 Stimmen geringer ist— wobei man berücksichtigten muß, daß sie bei der letzten Reichstagswahl in Württemberg schon am schlech- testen von allen deutschen Wohlkreisen abgeschnitten hatten und dieses Ergebnis jetzt aufzubessern hofften—, haben im Gegensatz hierzu eine empfindliche Schlappe erlitten. Sie wurden offiziell von der Volksrechtspartci und inoffiziell auch von einem großen Teil der Deutschnationalen unterstützt. Außerdem war ihr Kandidat ein Gemeindcbcamter. der von vielen Beamten aus beruflicher Soli» darität gewählt worden ist. Und wie war für ihn agitiert worden! Wenn er einen jüdischen Reklamechef engagiert hätte, so würde der Apparat kaum besser funktioniert haben. Sein Bild mit der Unter- schrift„Der neue Oberbürgermeister" hatte schon tage- lang an ollen Anschlagsäulen geprangt und war uni des schnö» den Mammons willen selbst von den beiden pseudodemokra- tischen Inseratenplantagen, dem„Stuttgarter Neuen Togblatt" und der„Württemberoer Zeitung", den Wählern zu Gemüte geführt worden. Und nun dieser Reinfall, obwohl Lautenschläger von An- fang an jede persönliche Agitation grundsätzlich abgelehnt hatte und die für ihn eintretenden Parteien sich unter Verzicht auf die Abhal- tung öffentlicher Versammlungen lediglich auf die Abgabe von Er- klärungen durch die Presse beschränkt haben. Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände wird man den Ausfall der Stuttgattcr Oberbürgermeisterwahl als ein h o ch e r- freulichesZcichenfürdenbeginnendenpolitischen Gesundungprozeß begrüßen dürfen- Das nennen sie»Erfolg-! Der nationalsozialistische„Angriff" berichtet über die Stull- gartor Wahl und den Lippeschen Volksentscheid unter der Ueber- schrift: Wahlcrfolge in Stuttgart und Lippe. Der „Erfolg" sieht so aus: In Lipp« hoben die den Volksentscheid be- treibenden Parteien 3 5 0 3 2 Stimmen erzielt gegenüber 46 000 bei der Septemberwahl, die Stimmenzahl beim Volksentscheid ist noch unter die Zahl der Cinzeichnungen zum Volksbegehren gesunken: in Stuttgart haben die Hakenkreuzler rund 3500 Stimmen gegenüber der Reichstagswahl eingebüßt. Das ist das Gegenteil eines Erfolges! Der„Angriff" behauptet zum Fall Lipp«: „Die den Volksentscheid betreibenden Parteien, an der Spitz« die--RSDAP., konnten ihr«>»t'i m m« n z a h l gegen- über der Reichstagswahl bedeutend steigern— trotz wüstem Terror der Linken." Es fehlen ihnen an der Stimmenzohl der Reichstagswahl 11 000 Stimmen— das nennen sie Steigerung! Znflaiionepoliti? in Rußland. In einem Jahr stieg der Geldumlauf um 4S Prozent. Zm Zahre 1930 ist der Geldumlauf der Sowjetunion von 2860,9 Millionen Rubel am l. Zanuor 1930 aus 4355.Z Millionen Rubel am 1. Januar d. 3. gestiegen, was eine Zunahme um 1l94,3 Millionen Rubel oder rund 45 Prozent bedeutet. Noch dem Ausweis vom 1. März 1931 stellt sich der Umlauf von Siaatsgeld auf 2308,2 Millionen Rubel. Da der Tscherwonznotenumlauf sich zum 1. März auf 2107,7 Millionen Rubel stellte, so betrug der gesamte Geldumlauf am 1. März 4415,9 Millionen Rubel. Am 1. Januar d.I. betrug demgegenüber der Geldumlauf der Sowjetunion 4355,2 Millionen Rubel, jo daß also in den Monaten Januar/Februar eine Emission in Höhe von 60,7 Millionen Rubel erfolgt ist. Im März ist eine we i t e r e Zunahme des Geldumlaufes«ingetreten, iridem der Tscherwonznotenumlauf von 2107,7 Millionen Rubel am am 1. März auf 2193,8 Millionen am 1. April, das heißt um 86,1 Millionen Rubel gestiegen ist. Im Jahre 1931 ergab sich also bisher ein« weitere Steigerung des Geldumlaui» um mindestens 147 Millionen Rubel. Dos Tempo der Inflation hat sich verlangsamt: die Inflationspolitik macht aber weitere Fortschritte. Papst gegen Kaschistenterror. Scharfes Schreiben der Kampf um die Lugend. Rom. 27. April.(Eigenbericht.) Auf die jüngste Mailänder Rede de, Generalsekretär« der faschistischen Partei hat der Pap st am Montag in einem Schreiben an den kordinalerzbischof von Mailand geantwortet, dessen Morl- laut noch weil schärfer ist als die letzte Popstrede. Die Angriffe des Generalsekretär» aus die katholische Volkspartei und deren soziale und erzieherische Bestrebungen werden entschieden zurückgewiesen. Gleichzeitig spricht der Papst von den Gefühlen des Haffe», in denen die Jugend vom Faschismus erzogen werde. Es wird ol, Wahnsinn und als eine wahre llugefchicklichkeit hingestellt, wenn die geforderte Totalität der faschistischen Herrschaf« auch da» seelische Leben jedes einzelnen umfassen wolle._ Oesider Zador gestorben. Desidcr Zador, der hochverdient« Boß-Bariton der Städti- s ch e n Oper, ist nach längerem Leiden einer schweren Krankheit erlegen. Der Künstler hat seinerzeit der Komischen Oper angehört und kam nach mehrjährigem Wirken in Dresden und Budapest an das Deutsche Opernhaus in Eharlottcnburg, von dem er an die Städtische Oper übernommen wurde. Zador war ein Sänger von vielseitiger Verwendbarkeit und van höchster tunstlerischer Zuuer- lässigkeit. Sein« Glanzrolle, in der er imernational« Berühmtheit .erlangt hat, war der Albcrich in Wagners Nibelungen. Einer der führenden Leute der hitlertreuen SA. in Branden- bürg o. d. Havel ist Herr Wilhelm N i l g e s(Brandenburg a. d. Havel, Lindenstraße 15). Uns interessiert weniger die besondere Rolle, die Nilges bei der Stcnnes-Revolte gespielt hat, als vielmehr die wahrscheinlichen Motive sür seine„entschiedene Haltung zu Hitler und zu Goebbels". Den Schlüssel für die„beispiellose Hitler- treue" des Herrn Nilges gibt dessen Vorleben: Nilges hat bisher folgende Strafen erhalten: 17. 9. 1913 ckvm Landgericht Magdeburg einen Verweis wegen Diebstahls: 5. 10. 1914 vom Schöffengericht Brandenburg eine Wache G c- s ä n g n i s wegen Diebstahls: 14. 12. 1914 vom Schöffengericht Brandenburg einen Monat G e- f ä n g n i s wegen Diebstahls:, 5. 8. 1915 vom Schösfengcricht Brandenburg zwei Mopate Ge- f ä n g n i s wegen Diebstahls: 8.12. 1915 vom Landgericht Magdeburg sechs Monate Gesang- n i s wegen schweren Diebstahls: 28. 3. 1916 von der Strafkammer Brandenburg unter Einrechnung der vorstehenden Strafe ein Jahr vier Monate G s- f ä n g n i s wegen wiederholten einfachen und schweren Diebstahls: 14. 5. 1918 von der Strafkammer Brandenburg ein Jahr sechs Monate Gefängnis wegen schweren Dieb- stahl s und Bedrohung: 12.12. 1919 vom Landgericht III Berlin«in Jahr Gefängnis wegen schweren Diebstahls im strafoer- schärfenden Rückfall: 3. 4. 1925 vom Schöffengericht Brandenburg zwei Jahre G e- f ä n g n i s und fünf Jahre Ehrverlust wegen D i e b st a h l s im Rückfall: 18. 8. 1923 vom Schöjfengericht Wesermünde-Geestcmünde ein Jahr Zuchthaus wegen Diebstahls im Rück- fall: die beiden letzteren Strafen wurden zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust zusammengezogen. D e r C h r- Verlust läuft bis 2 7. Februar 193 3. 16. 4. 1925 vom Amtsgericht Brandenburg neun Monate G e- f ä n g n i s wegen Diebstahls im Rückfall: 7. 8. 1925 vom Amtsgericht Bremen vier Monate Gefängnis wegen Diebstahls im Rückfall: 31. 7. 1925 von der Strafkammer Köln neun Monate Gcfäng- n i s wegen Betruges: 13. 7. 1028 vom Schöffengericht Brandenburg acht Monats G e- f ä n g n i s wegen versuchten und vollendeten Dieb- stahls im ftrafverschärfenden Rückfall. Herr Nilges ist noch immer SA.-Führer der Hitlcr-Partei in Brandenburg a. d. Havel! » Ein anderer hillertreucr SA.-Führer ist Herr Heinrich Rehr- mann in Bernau bei Berlin(Berliner Straße 161): er kommandiert die Standarte VI der NSDAP, m Bernau, den Sturm 36 und den Trupp Bernau. Aus seiner Vergangenheit ist folgendes von Interesse: Rehrmann wurde bestraft am 14. 11. 1912 von der Strafkammer Elberfeld zwei Monate G e- f ä n g n i s wegen Diebstahls i n z w s i Fällen: 5. 10. 1021 vom Schösfengericht Berlin-Tempechof ein Jahr und eine Woche Gefängnis und fünf Jahre Ehr- v e r l u st wegen Diebstahls im Rückfall: 8. 11. 1922 vom Schösfengericht Schwerin zwei Jahre Zuchthaus wegen schweren Diebstahls im Rückfall. «-' Adjutant und Kajsenführer der S ch» tz st a s s e! München ist Herr Georg A u m c i e r(München, Sebastianplatz 8). An ihm interessiert uns. daß er folgende Strafen erhallen hat: 31. 3. 1921 vom Dolksgerlcht Amberg drei Monate Gefängnis wegen schweren Diebstahls: 17. 6. 1921 vom Schöfjengcricht Amberg unter Einbeziehung der vorstehenden Strafe drei Monate 14 Tage G e f ä n g- n i s wegen Diebstahls. » Adjutant des G a u st u r m s S t a ß f u r t ist Herr Karl Resch mann(Staßfurt, Wilhelmstraße 1). Aus seinem Vorleben ist für uns wichtig, daß er folgende Strafe» erhalten hat: 12. 7. 1921 vom Schöffengericht Staßfurt fünf Monate Gcfäng- nis wegen schweren Diebstahls in 3 Fällen: 30. 6. 1922 vom Schöffengericht Bernburg zwei Wochen G e f ä n g- nis wegen Vcgünstigung: 11.11. 1929 vom Schöffengericht Stoßfurt zwei Wochen Gesang- n i s wogen Diebstahl«. Im Lande Mecklenburg-Strclitz stellten die National- soziolisten in letzter Zeit den Wandcrredner Körner als besonders zugkräftiges Paradepjerd heraus. Körner ist R e g i e r u n g s- obcrsekretär an der L a n d e s v e r s i ch c r u n g s a n sta l t Mecklenburg. Alz Beamter einer republikanischen Staats- behörde eignete er sich nach Ansicht der Nazis sicherlich zur Pro- pagierung des„Dritten Reichs" besonders gut. -Da Körne?-im Ländchep-stpelitz die„Kanone der Nazis" war. wurden alle Versammlungenj-in der„Pg. Körner" sprechen sollte, groß angekündigt. So hatten seine Freund« auch in Dahlen bei F r i e d l a n d sür ihn die Reklometrommel gerührt. Di« Kanone Körner ober blieb aus und die Nazis mußten die Dersommlungs- besucher nach Haus« schicken. Der Noziredner war oerhindert. Seine Rede gegen Republik, Marxismus und Korruption konnte er diesmal nicht vom Stapel lassen. Warum Körner in der Versammlung in Dohlen nicht sprechen konnte, wurde bald darauf bekannt. Körner war wegen Unterschlagung von 3000 Mark V ersicher ungs- beitrügen aus seinem Amt entlassen und der Staatsanwalt mußte ermitteln. Der„rauhe Kämpfer" Körner dürste vorläufig ousgekämpst haben. Er tiejert durch seine Handlungsweise einen neuen Beweis dafür, daß die Nazis am wenigsten dazu berusen sind, für Sauber- teit und Ehrlichkeit in Wirtschaft und Politik einzutreten. Ein Gchimpfboib verurieili. Ein Monat Gefängnis für einen fchlesifchen SA.-Führer. Görlitz, 27. April. Bor dem Erweiterten Schöffengericht Görlitz hotte sich heute der frühere Gauführer S6)lesiens der SA-, Krcmser-Brcslau. wegen lLergehens gegen das Republikschutzgesctz zu verantworten. Kremser hatte in einer Versammlung in Muskau die republikanische Staatsform verächtlich zu machen versucht und Minister beleidigt. Der Angeklagte will seine Aussllhruirgen nicht aus die Staatsfonn. sondern aus die Parteien gemünzt habeiz. Der Staatsanwall hotte drei Monate Gejängni« beantragt. Das Gericht verurteille Kremser wegen Vergehens gegen das Rcpubiiksthutzgesetz zu einem Monat Gefängnis: Landfriedensbruchprozeß in Stuttgart. Stuttgart, 27. April.(Eigenbericht.) Das Erweiterte Schösfengericht Stuttgart sprach in einem Landsriedensbruchproze>ß von l 1 konimunistischen Ange- klagten acht frei und oerurteilte drei zu Gefängnisstrafen v o n j e d r c i M o n at e n. Die Angeklagten hatten am 9. De- zember 1930 in Ludwigsburg einen Zusammenstoß mit National- sozialisten. Die als Zeugen auftretenden Nationalsozialisten wur- den, obwohl auch sie bei den nächtlichen Zusammenstößen provoziert hatten, vom Gericht, insbesondere aber vom Statasanwalt, äußerst höflich behandelt. Was die an der Schlägerei beteiligten Nazis gegen die Kommunisten aussagten, war sür den Staatsanwall maß- gebend, während man die Bkweisanträge des Verteidigers der An- geklagten niit frostiger Kälte entgegeniiahm. Wen man schon wegen der politischen Schlägerei überhaupt Anklage erhob, dann hätten unter allen ilmständen auch die Nationalspzialisten aus die Anklage- dank gehört; denn sie haben in jener Dezembernacht in einein Fall durch ihr« Aeußerungcn einen Zusammenstoß geradezu heraufbeschworen. Der 1. Rlai in der Spanischen Botschaft. Noch einer Mitteilung der Spanischen Botschaft in Berlin wird der spanische Geschästsiräqcr am 1. Mai. der van der spanischen Republik zum Feiertag ertl-irt wurde, zwischen 5 und 7 Uhr die Mitglieder der spanischen Kolonie im Botschaftsgebäude empfangen, Hochschulreaktion oben und unten Das Zusammenspiel von Hochschuwerband und völkischer Gtudenienschast Durch eine vor kurzem erfolgte Veröffentlichung in den„Mit- tcilungen des Verbandes deutscher Hochschulen" ist die Aufmerksam- keit neuerdings wieder auf Vorgänge gelenkt worden, die die geradezu unhaltbaren Zustände im deutschen Hochschulleben kenn- zeichnen. Es handelt sich um den sogenannten„Fall G u m b e l". der in Wahrheit ein Fall„Deutsche Studentenschaft" ist. Ausgangspunkt des erbitterten Kampfes der nationalsozialisti- schen Studentenschaft ist ein an sich nicht wichtiger Borfall. Dr. E'Umbel hatte vor einer Reihe von Jahren in einer Versammlung der„Deutschen Friedensgesellschaft" in seinem Schlußwort die An- roesenden aufgefordert, sich zu Ehren der Toten des Weltkrieges zu erheben, und hatte dann etwa die Wendung gebraucht„zu Ehren der Toten, die— ich will nicht sagen— auf dem Felde der Unehre gefallen sind". Man kann über den Geschmack und die Zweckmäßigkeit dieser Aeußerung durrfiaus streiten, und Dr. Gum- bei hat sie selbst später als eine Entgleisung empfunden. Daß er damit nicht das Andenken der unglücklichen Opfer des Welt- klieges, zu deren Ehren er sich die Versammlung erheben ließ, meinen konnte, sondern nur eine Acchtung des Krieges, wie sie späterhin unter dem Kcllogg-Pakt Gemeingut der offiziellen Politik geworden ist, aussprechen wollte, steht jedoch fest. Die von natio- nalistischer Seite nach einigen Tagen aufgebauschte Angelegenheit gab auch der Fakullät Anlaß, sich mit ihr zu beschäftigen. Die Eindeutigkeit des Vorfalls vcranlaßtc auch die Fakultät, von jedem disziplinarischen Versahren abzusehen. In dem damals erstatteten Gutachten fanden sich über die Person- lichkeit Gumbels, der nicht nur ein Versicherungsmathematiker von Rang, sondern eine temperamentvolle Kämpfernatur ist, Sätze wie dieser:„Auf den ersten Blick ist Gumbel ein fanatischer Idealist. Er glaubt an seine Sache, den Pazifismus, und an seine Mission darin. Wo dieser Idealismus in Frage kommt, hat er Mut, nicht nur die Zivilkourage, zu sagen, was er denkt, son- dern den Mut zum Wagnis seines Lebens." In gleicher Richtung bewegt sich eine Aeußerung derjenigen Studenten, die Gumbel als Lehrer tennengelernt haben. Wie ist es erklärlich, daß dieser Mann, der in Iahren ruhiger und von seinen Schülern geachteter Lehrtätigkeit keinen Anlaß mehr bot, auf jenen künstlich aufgebauschten Vorfall des Jahres 1S24 zu- rückzukommen, plötzlich wieder in den Vordergrund eines Konflikts gerückt ist? Die einfache Tatsache, daß das badische Kultusnnniste- rium ihm den mit keinen materiellen Vorteilen verbundenen Titel eines außerordenllichen Professors verlieh, bot der völkischen Stu- dentenschaft willkommenen Anlaß, diesen Mann anzugreifen, um in ihm das ihr verhaßte heutige republikanische System zu treffen. Dabei hat leider dieser Teil der Studentenschaft Helfers- Helfer im deutschen Professorentum gefunden. Das badische Kultus- Ministerium hatte korrektcrweise vor der Ernennung Gumbels die Fakultät angefragt, und es war, wie aus den im Vadischcn Land- tag verlesenen Akten hervorgeht, von dem Dekan der Fakultät, Pro- festor Gundolf, in Anwesenheit der Professoren Günthert und Ranke, seinem Vertreter die Antwort gegeben worden:„Falls das Ministerium dem Privatdozenten Dr. Gumbel die Bezeichnung „außerordentlicher Professor" gleichzeitig mit dem Privatdozenten Dr. G l o ck n e r verleihen würde, so würde die Fakultät Be- denken dagegen nicht erheb en." Daraufhin erfolgte die Ernennung Dr. Gumbels zum außerordentlichen Professor. Nach Tische, d. h. nach den Wahlen vom 14. September, las man es plötz- lich anders: Die Fakultät erklärt plötzlich, daß sie feststellen könne, daß, wenn die ganze Fakultät gefragt worden wäre,„sie viel- leicht in ihrer Mehrheit Bedenken erhoben hätte". Auf dieses „vielleicht" stützten sich die nationalistischen Studenten in ihrer neuen Kampagne, die sie mit einer Fülle von Taktlosigkeiten, rüden Ungezogenheiten und schließlich sogar mit Exzessen betrieben, so daß das badische Kultusministerium gezwungen wurde, die bis dahin tolerierte Heidelberger Studentenkammer aufzulösen. Man hatte in Baden gegenüber der entschiedeneren Haltung des preußischen Staats wirtlich ein großes Maß von Entgegenkommen gegenüber dieser Form der studentischen Selbstverwaltung gezeigt, über deren Unzulänglichkeit schon eine einfache Ueberprllfung der Ausgabenpraxis dieses„Parlaments" ausreichend Rechnung geben könnte. Die völkischen Studenten trieben nicht nur außer- halb und innerhalb der Hochschule ihr Unwesen, sondern sie schritten auch zu einer geradezu grotesken Volksabstimmung in den feucht-fröhlichen Kneipen Heidelbergs gegen den sozialistischen und pazifistischen Professor Gumbel, dessen Entfernung sie forderten. Sie gingen noch weiter und richteten an den„Verband der deutschen Hochschulen", die offizielle Organisation der deutschen Fzochschullehrerschaft, ein Schreiben, das von den gröbsten Ent- stellungen und Wahrheitswidrigkeiten strotzte. So wurde gleich eingangs behauptet, daß die„Berufung" des bisherigen Privat- dozenten Dr. Gumbel zum außerordentlichen Professor unter b e- wußter Umgehung der Heidelberger Fakultät erfolgt sei. Aus den vorstehenden Ausführungen geht ausdrücklich hervor, daß die Ernennung(nicht Berufung) Prof. Gumbels m i t dem Wissen der maßgeblichen Fakultätskreise erfolgt war. Alsdann wird behauptet, daß Prof. Gumbel viermal wegen Landesverrats angeklagt worden sei. Nicht ein einziges Mal ist gegen ihn eine solche Anklage erhoben worden, und daß er nicht das ihm unterschobene Wort geprägt hat, „die deutschen Soldaten seien auf dem Felde der Unehre gefallen", ist gleichfalls bereits erklärt worden. Die Aeußerungen daher, daß Die Arbeiterschast am 1. Rai! Arbeiter, Angestellte, Beamte, pattelgenossen, Sportler! 3n diesem Jahre veranstalten die unterzeichneten Organisationen gemeinsam vormittags 10 Uhr im Lustgarten eine Demonstration. Diese gemeinsame Veranstaltung soll zum Ausdruck bringen, daß alle Organisationen miteinander eng verbunden sind und gemeinsam für die Interessen der Arbeiterschaft kämpfen. Jedes Mitglied dieser Organisationen beteiligt sich am t. Mai an dem Aufmarsch sowie an der gemeinsamen Demonstration. Es ist Pflicht jedes einzelnen, mit dazu beizutragen, daß diese Kundgebung eine gewaltige und wuchtige wird, um der Reaktion und deren Helfershelfern zu zeigen, daß die Arbeitnehmerfchaft einig und gefchlosien zu kämpfen bereit ist. Darum auf zur Demonstration am l. Mai! Allgemeiner freier Angestelltenbund Orlskarlell Berlin. Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund Ortsausschuh Berlin. Allgemeiner Deutscher Beamtenbund Bezirksausschuß Groß-Berlin. Bczirksvcrband Berlin der SPD. ftartell für Arbeitersport und Körperpflege. Konsumgenossenschast am 1. Mai. Trotzdem die gesamte private Konkurrenz der Genossenschast am l. Mai ihre Läden ossenhält, bleiben die Verteilung» st ellen der Konsumgenossenschast am l. Mai geschlossen. Es ist jedoch Pflicht aller Genostenschaflsmitglieder, ihren Bedarf spätestens am Donnerstag, dem 30. April, zu decken. Am t. Mai macht kein freier Gewerkschafter irgendwelche Einkäufe! * Die Krankenkassen unlerhalten am 1. Mai nur einen R o l b e t r i e b. wir ersuchen daher alle Srankenkassenmitglieder, nur in dringendsten Fällen am l. Mai ihre Krankenkasse auf- zusuchen. Qrtsausschufs Berlin des ATGB. LrtStartell Berlin des AfA-Bundes. Bezirkskartell Berlin des ADB. es sich um eine„Reinerhaltung des deutschen Professorenstandes" und um einen„vaterländischen Kampf" handle, sind daher Unver- schämtheiten. Wie Hot der Verband deutscher Hochschulen auf dieses Schreiben reagiert? Man hätte annehmen müssen, daß der Verband deutscher Hochschulen durch seinen Vorsitzenden diesen Ehrabschneidern und Hetzern eine klare und würdige Absage er- teilt hätte. Weit gefehlt: im Eingang seines vom Zl. Februar da- tierten Schreibens, das erst jetzt das Licht der öffentlichen Kritik erblickt,„begrüßt der Vorstand des Verbandes der deutschen Hochschulen selbstverständlich jede Aeußerung auf bps wärmste, in der die deutschen Studenten ihre vaterländische Gesinnung be- künden". Als eine solche Aeußerung wird also die Anrcmpelung Gumbels betrachtet! Zur Sache stellt dann der Vorstand dieses Verbandes fest, daß sich die philosophische Fakultät Heidelberg 1923 „genötigt gesehen habe, auszusprechen, daß ihr die Zugehörigkeit Dr. Gumbels zu ihr als durchaus unerfreulich erscheine". Ueber die positiven Aeußerungen bezüglich der Persönlichkeit Dr. Gumbels, die wir zitierten, kein Wort! Kein Wort auch darüber, daß die Behörden keinerlei Anlaß hatten, gegen Gumbel einzuschreiten, viel- mehr die Wendung, daß„den zuständigen Behörden das damals vorliegende Material seinerzeit als nicht ausreichend er- schienen" sei, womit also gewissermaßen von dem Urteil des badi- schen Kultusministeriums Distanz genommen wird. Es wird dann die bereits wicdergegebcne Mehrheitsäußcrung der philosophischen Fakultät, die nach den Septemberwahlen erfolgte, wiedergegeben. Sie wird dadurch e n t st e l l t, daß nicht zuerst die Stellungnahme dieser akademischen Behörde gegen die Ruhestörer wiedergegeben wird, sondern daß nur der Schlußpassus, in dem der Senat gleich- falls gegen die durch das Ministerium erfolgte Ernennung Stellung nimmt. Wenn dann zum Schluß festgestellt wird, daß Fakultät und Senat in ihrer Mehrheit nicht nur die Persönlichkeit Professor Gumbels, sondern auch„seine agitatorische Tätigkeit in einer Weise beurteilt haben, der der Vorstand des Verbandes deutscher Hochschulen nur zustimmen kann," so zeigt sich hier deutlich der Pferdefuß der Erklärung. In dem ganzen Fall Gumbel hat ledig- lich die seinerzeitige Aeußerung Gumbels offiziell eine Rolle ge- spielt. Die Herren haben sich wohl gehütet, von seiner sogenannten „agitatorischen" Tätigkeit zu sprechen. Hier wird mit einem Male restlos deutlich, daß es sich gar nicht im Grunde genommen um das bandelt, was vor 6 oder 7 Jahren Dr. Gumbel einmal gesagt hat, sondern daß man in ihm den Friedensfreund und Sozialdemokra- ten, den mutigen Bekämpfer des Femeunwesens(„4 Jahre Mord"), zu treffen gedenkt. Genosse Prof. Radbruch hat darum tausendmal recht, wenn er in einem„Protest gegen einen Protest" überschriebe- nen Artikel sagt:„Nicht nur gegen Gumbel richtet sich der Kampf, re richtet sich eingestandenermaßen in erster Linie gegen das ganze System. das sich durch Gumbels Ernennung zum Professor kennzeichne." Kennzeichnend für' das Verhalten des Hochschulvcrbandes ist, daß es gegen die Verstöße des thüringischen Ministers Dr. Frick, sowie die Berufung Prof. Günthers gegen den Willen der Universität und der Einspruch Dr. Fricks gegen die Jenaer Rektorenwahl keinerlei Unmulsäußerung hervorgebracht hat. obwohl doch hier die Interessen der Hochschul- lehrerschaft und der durch die Verfassung garantierten Wissenschaft- lichen Freiheit ganz anders bedroht waren, als es jemals in dem Heidelberger Konflikt hätte der Fall sein können. Sollte es in diesem Semester zu neuen Exzessen an der Heidelberger Universität kommen, so fällt die ganze moralische Ver- antwortung auf den„Verband der deutschen Hoch- schulen". Seme Verantwortung muß jetzt bereits zu Semester- beginn festgestellt werden, und es ist damit zugleich die Frage zu verbinden, ob das Reichsministerium des Innern und die Kultus- Ministerien der einzelnen Länder gewillt sind, aus dem Verhalten des Verbandes deutscher Hochschulen Konsequenzen zu ziehen. Dr. Otto Friedländer. Oer Weg zur Gozialdemokraiie. KpO.-Funktionär kommt zur Partei. Dessau, 27. April.(Eigenbericht.) Das Mitglied der Dessnuer Parteileitung der KPD., Hinneburg, ist zur Sozialdemokratie über- getreten. Seine Gründe gibt Hinneburg in einem längeren „Offenen Brief" bekannt, in dem es u. a. heißt, daß die Kommunisten die Gcwerksckiaften zerschlagen und auf diese Weise jede Möglich- keit einer einheitlichen Arbeiterbewegung veniidsten wollten. Aus dem Briese geht ferner hervor, daß im Bezirk Groß-Dessau, inidem die freien Gewerkschaften über rund 12 000 Mitglieder verfügen. die RGO. nicht mehr als 80 Personen umfaßt. Die Kommunistische Partei sei in Groß-Dessau, wo die Sozialdemokratie 5300 Mit- glieder zählt, einschließlich der Mitglieder aller Hilfsorganisationen 600 Mann stark. Die bei der örtlichen Revolte der nationalsozia- listischen SZl. ausgeschiedenen Leute seien sämtlich« ick der Kommunistischen Partei gelandet. Dort hätten sich j-Pt ferner diejenigen ein Stelldichein gegeben, die sich bisher nachts auf den Straßen verprügelt hätten._ Falsche Gerüchte über Staatssekretär Abbeqg. Di« Meldung, der Oberpräsident von Oberschlesien, Dr. Lukasdiek, werde in das Ministerium des Innern berufen werden und die Nachfolgejlhast Dr. Abbeggs antreten, ist, wie von zuständiger Stelle erklärt wird, unzutrefsend. Auch ist, wie weiter betont wird, nicht mit einem Wechsel in der Besetzung des Postens des Staatssekretärs im Ministerium des Innern zu rechnen. (Gewerkschaftliches siehe 2. Beilage.) BerantworUick, fllc Politik: g«a», flläjs: Wirtschaft:(S. fllinadtiöf«: Gctvcrkschaftsdiweauna: 3. Stein«; Feuilleton: De. John Schikomsli: Lokalko unt> Eonftiges: lZrih ttarstädt; Anzeiaen: Tli. Klockr: sämtlich in Berlin. Berlaq: Borwärto-Bertan G. tn. l>. S>.. Berlin. Druck: Vorwärlo-Buchdruckcrcl und Berlasoanltalt Paul Einaer u. Co.. Berlin SB. 6«, Lindenftrabe 3. Hierzu 2 Beilagen. flelds Ranchsrzälme-WS dreimaligem Gebrauch blendend weihe Zahne, trotzdem dieselben durch vieles Rauchen braun und unschön wirkten. Ich werde nichts anderes mehr gebrauchen, als Chlorodont." B., Horst Berg.— Man verlange nur die echte Thlorodont-Zahnpaste, Tube 64 Ps. und 90 Ps., und weis« jeden Ersatz dafür zurück. WERTHEIM Zusendung von 5 M an. Obst, Gemüse u. letdrf verderbliche Artikel werden nicht zugesandt Sc weit(Dofeatt {Billige Jßeh&nsmitte Fglsch. Fleisch Obst ii. Gemüse Amorettenbirnen pm. 0.38 Tafeläpfel b-iik. 0.42 0.46 Apfelsinen mz-t. 0.38 0.56 Zitronen putr.nd 0.32 0.38 Blattspinat... 2"""d 0.35 Salat..... grahnr Kopf 0.1 8 Junge Schoten Ptund0.25 Grüne Gurken vön�an 0.38 Blumenkohl Kop<*.«n 0.32 Räwcherwaren Bücklinge 0.30 Sprotten� 0.35 KUfch. 0.32 MalrrAla»<>,• OorKhrognn n,< Schweinebauch Pfund Schweinerücken.aun Rinderkamm""'püHnd Querrippe....Pfund Gehacktes....Pfund Gulasch 0.90 Liesen Kalbskamm... Pfund Kalbsbrust•Rad'?fund Kalbskotelett..p�nd Hammel-Vorderfl. Fr. Bratwurst Spai|.aS Nierentalg aus*%VZd Frisch. Eisbein 0.64 0.70 0.76 0.68 0.75 0.55 0.66 0.76 1.40 0.86 0.95 1.75 0.58 1.16 rri»cn-c>»Dein bein, Pfd.«"*«' jpronen«n v.j? Kistch. UaJ* Rinderleber gefror.. Pfd. 1.1 6 Makrelen ue,und 0.35 Wurstwaren Dampfwursf �"tudTw. 0.85 Mettwurst 110 Leberwurst Ir.'Ftl.Hrunt 135 Teewurst 1.35 grobe 1.40 Speck ran 0.68 � 0.95 Schinkenspeck' 1*38 Holsteiner LÄVlind 1 35 Gek.Schinken�v.p": 0.40 Käse u. Fett Camembert vosä'i'd1i,i 0.20 Harzerkäse ed 0.48 Stelnbuscher voitfett,Pfd. 0.78 Holländer"ÄVrund 0.78 Limburger 0.46 0.80 Margarine u KÄd0.75 Markenbutter.... 1.52 Dän. Butter... Pfund 1.56 Konserven Dvu ig. Schnittbohnen«•« 0.35 ig. Brechbohnen«« 0.39 Gemüse-Erbsen— 0.46 Gem. Gemüse•••• 0.60 Spargelabschnitte v. 0.60 Junger Spinat..... 0.38 Kaiiforn. Pfirsiche. 1.18 Pflaumen-Konfit.'AE. 0.90 Huhnor gefroren.. Pfund von an 0.88 Hühner frisch.... Pfund von an 0.98 Brathühner frisch, Pfund von an 1.20 Frische Eier 10 stock von an 0.68 KabeljdU ganre Pisdre, Pfd. von an 0.12 Kabeljau-Filet. Pfund von an 0.20 Schellfisch.... Pfund von an 0.20 RotbarS ohne Kopf, Pfund von an 0.20 Grüne Heringe 3 Pid. v. an 0.36 Brafschollen... 3 puv. an 0.50 Frisch gebr. Kaffee eigene Rcsferei Pfund l.eo 2.40 2.80 3.20 3.60 ?!r. 196» 48. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts Dienöiag, 28. April 1981 Uneheliche Mutier ireigeinrochen Tröstliches Ende einer Frauentragödie. Dos Schwurgericht verkündete gegen Frau V. folgendes Urteil:„Die Angeklagte wird auf Kosten der Staatskaife freigesprochen. Der Haftbefehl wird aufgehoben." Wie Landgerichtsdirektor Ohnesorge ausführte, habe es das Gericht als erwiesen angesehen, daß die Angeklagt« ihr Kind vor- sätzlich im Tegeler See ertränkt habe, aber das Gericht habe die Schuldausschliehungsgründe des§ 51 prüfen und anwenden müssen. Nach einer Entscheidung des Reichsgerichts sei die freie Willensbestimmung eines Täters ausge- schlössen, wenn die Fähigkeit zur Abwägung von Anreizen zu bestimmten Handlungen und von Hcmmungsvorstellungen fehle. Die Angeklagte sei ein Mensch, der es verstand, zu arbeiten und sein Leid für sich zu tragen, und der es nicht verstand, einen Ausweg aus komplizierten Situationen zu finden. Sie habe dem Leben vollkommen hilflos gegenübergestanden. Die Angeklagte und ihre Eltern dankten dem Gericht mit bewegten Worten. In dieser schwachen, zarten Frau wurde, wie der Verteidiger, Rechteanwalt Dr. Rudolf Olden richtig bemerkte, die Mutterliebe zum Mutterschmerz. Jahre hindurch lebte sie in höchster Spannung. Als dann das Unglück, die Arbeitslosigkeit, über si« herein- brach, verlor sie, einer solchen Situation nicht gewachsen, völlig den Kopf. Der Vater, Mitglied des Vereins der ernsten Bibelforscher~- seine Briefe an die Tochter ins Gefängnis trieften nur so von Bibel- sprächen—. konnte, seinen Widerwillen gegen das uneheliche Kind nicht überwinden: die Mutter meinte wiederholt, ich will i>as blöd« Kind nicht bei mir im Hcms« haben. Das Krüppelheim forderte aber, ohne die besonderen Verhältnisie zu berücksichtigen, von der Mutter, daß sie das Kind zu sich nehme. Was sollte sie tun? Es zu sich nehmen bedeutete so viel, wie Elternhaus und Sohn ver- lasten, sich selbständig«inmieten und von den 15 M. Unterstützung sich und den Krüppel ernähren. Und was sollte später aus dem idiotischen Kind werden? Dos Spiel mit dem Gedanken:„Wenn dieses Kind doch stürbe", meinte der Sachverständige, Sanitätsra« Dr. L e p p m a n n, sei wohl vereinbarm itechterMutter- liebe. Es fei nicht auegeschlossen, daß gerade in dieser Angeklagten mit ihrer Anlage zu übermäßigen Affektreaktionen die zur Tat hin- drängenden Motiv« derart mächtig geworden waren, daß in ihr eine Vorstellung von der Strafbarkeil ihrer Handlung im Augen- blick der Tat nicht aufkommen konnte und daß ihr Wille vernünfti- gen Erwägungen nicht mehr zugänglich war. Dann käme aber für sie der Z 51 in Betracht. Die Spartaner töteten ihre lebensunfähigen Neugeborenen. Die heutige Zeit ist humaner. Man zieht sie in Idioten- und Krüppel- Heimen groß oder belastet mit ihnen bis zur Unerträglich keit das sonst schon von Leiden überbürdete Leben der proletarischen oder kleinbürgerlichen Mütter. Vielleicht hat da? Krüppelheim in Zwickau im Rahmen seiner bürokratischen Vorschriften zu Recht gehandelt, vielleicht hätte e» selbst dann nicht anders handeln können, wenn es die Folgen seiner Forderung vorausgesehen hätte. Und doch ist hier etwa» nicht in Ordnung und der Fall der unglücklichen Mutter B. sollte eine Warnung sein. Professor Binding sprach einmal von Vernichtung lebensunwerten Lebens und wollte dem Staat da. Recht einräumen, lebensunfähige Wesen der Vernichtung anheimfallen zu lassen. Es ist grausam, wenn der Staat eine Mutter in eine solche Lage bringt, daß sie keinen anderen Aus- weg sieht, als diese Vernichtung lebensunwerten Lebens auf eigenes Risiko, entgegen den Strafgesetzen, vorzunehmen. Die Wahrheit über die ltnterwelt. Ein Rundfunkvortrag des Berliner polizeiprösidenten. Der Bertiner Polizeipräsident, Genosse GrzesinskI, sprach gestern abend im Programm der aktuellen Abteilung der Funkstund« über das Thema„Die Unterwelt von Berlin". Die interessanten Aus- führungen werden mit zur Klärung und Aufklärung beitragen. Der Präsident wandte sich energisch dagegen, etwa Vergleich» mit New Port oder Chitago anzustellen, wie es leider wiederholt gefchsyen ist. Die Berliner Unter« slisvereine sind keine». weg» eine unserer heutigen Zeiterscheinungen. Schon lange in die Zeit vor dem Kriege gehen tu, Anfänge dieser Vereine zurück. Einzalne Organisationen existieren seit über vierzig Iahren. Größer« Verband« sind der„Ring G r o ß- B« r l i n" und der„Freie Bund M6". außerdem gibt et ein« Reih» von Vereinen, die diesen Verbänden nicht angehören. Di» auf den Fall .Jmmertreu" im Jahre 1929 und den Fall in der Tusqjstraß« sind die Ringvereineleute kaum auffällend in Erscheinung getreten, wenn auch die Mitglieder der Derein« untereinander hin und wieder Händel abwickeln und sich dabei nicht gerade mit Handschuhen an- fasten. Jnterestant war die Mitteilung, daß 50 Prozent der Berei nsmitglieider Zuhälter sind, die aicher« HSlst, re« lrutiert sich aus Vorbestraften, kleinen Gewerbetreibeichen und G«» schäftsleuten. die in der Hauptfach« di« Mitgliedschaft erwerben, um gegen den Terror geschützt zu sein, wiederholt ist an die Polizei die Aufforderung ergangen, die Vereine einfach auszulösen. Di« Er- fahrung hat gezeigt, daß dies kaum möglich ist, denn selbst in dem Fall.Vmmertreu" mußt« die Auflösungeverfiigung bald wieder rück- gängig gemacht werden, da der Verein den Nachweis erbracht«, daß er als lolcher mit der Angelegenheit nichts zu tun hatte. In allen anderen Fallen wird es ähnlich fein, und die Polizei dürft« wohl kaum Geheimgründungen ähnlicher Art verhindern können. Mit Recht bekannte der Polizeipräsident, daß dann die Ueberwachung der Unterweltsvereine noch schwieriger, vielleicht unmöglich sei. Besonder» wandte sich der Vortragende gegen die Meldung eines Berliner Blattes, wonach nur 18 Kriminalbeamte 39 Ring- veresnen gegenüberständen. Nicht nur die betreffende Dienst- st» l l» E 5, sondern die gesamte Berliner Kriminalpolizei mit ihren rund 1090 Beamten steht jederzeit bereit, ge. gebeneniall» geg«» di» 59 Ringverein« mit ihren etwa 3999 Mit- gliedern in Berlin da, Erforderlich» zu unternehmen. Ganz ab- gesehen davon, daß in Berlin 14 909 uniformierteSchupo Tag und Nacht für Leben und Sicherheit sowie Eigentumsschutz der Bürger sorgen. Der Polizeipräsident schloß mit der Aufforderung an da» Pubfi. kum, die Polizei bei Exzessen und bei der Aufklärung der Vergehen tatkräftiger als bisher zu unterstützen. Leider sind die Fälle nicht selten, in denen Geschädigt» ihr« Anzeigen zurückzogen od«r Zeugen nicht bei ihren Aussagen blieben. au»Angst vor der Rache der Unterweltsoer» in«. Es genügt eine vertrauliche Mit- tellung an di« Dienststelle ES de, Polizeipräsidiums, und dieser eigentlich selbstverständlichen Gtaatsdürgerpflicht sollt« sich niemand lm Interesse aller entziehen. Vorderpkattformtüren geöffnet. Pom 1. Mai d. 2. wird den Fahrgästen bis auf weitere« die Benutzung der vorderplattformtünn der Trieb, und Anhängewagen zum Sin- und Ausstetgen freigegeben. Der Personenwechsel erfolgt daher gleichzeitig über die hinter« und vorder« Plattform, wobei ein Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Trieb- und An- Hängewagen nicht gemacht wird. Di« Fahrgäste werden gebeten, die Vorderplattform nach Benutzung«teder zu schließen. Bluttaten in Ostpreußen. Wegen verlorener Prozesse. Königsberg, 27. April. Schwere Bluttaten wurden am INontag vormstlag in Graß-Strengeln bei Angerburg verübt. In der Wohnung des Besitzers Wicht kam es wegen eines Grundstücksverkaufs und einigen damit verbundenen Prozessen zwischen dem Besitzer W i cht und dem Bruder des Lorbesitzers S ch u l z i g zu einem heftigen Wortwechsel, in dessen Verlauf Schulzig einen Revolver zog und auf Wicht und seine Frau feuerte. Wicht brach, von vier Schüssen schwer getrofseii, zu- sammen, während Frau Wicht so schwere Verletzungen erlitt, daß sie sosort verstarb. Der Mörder begab sich auf das Feld, wo er bei feiner Ankunft den Bruder des Besitzers Wicht hatte eggen sehen. Auch diesen tötete S ch u l z i g auf der Stelle durch mehrere Revolverschüsse. Sodann ergriff er sein Fahrrad und flüchtete. Durch die Schüsse waren jedoch die Pferd« des Besitzers Wicht scheu geworden und gingen durch. Sie rasten hinter dem Mörder her, überholten ihn und rissen ihm mit seinem Fahrrad zu Boden. Schulzig wurde eine ganze Strecke weit von den Pferden mitgefchleift, erlitt aber nur eine ungefährliche Verletzung am Hinter- köpf. Er fuhr sodann mit seinem Fahrrad nach Angerburg, wo er sich aus der Polizeiwache verbinden lassen wollte. Dort wurde er verhastet. Bewag wird nicht verkaust! Deutschnotionale quasseln von Konkurs. Der«tadtverordnetenausschuß zur Be- arbeitung und Prüfung der Verkaufsverhand- l u n g e n über die Bewag, der am Moutag zu einer Sitzung unter dem Vorsitz des Stadtverordnetenvorstehers Haß zusammentrat, beschloß nach sorgfältiger Prüfung des Planes über den Verkauf der Bewag. diesenPlan abzulehnen, da er keine Grundlagen für einen Ber» kauf der Bewag biete« kann. Der Beschluß des Ausschusses ist v e r st ä n d l i ch. Di««m- geholten Gutachten haben übereinstimmend festgestellt, daß die an- gebotenen Kaufsummen dem Wert der Bewag nicht « n t s p r e ch e n. Fast ganz unberücksichtigt ist geblieben, daß in den nächsten Jahren ein Ausbau überhaupt nicht erforderlich wird. Versuche, für die Kaussumw«. die Konzossionsabzab« und die Tarif- recht« der Stadt Verbesserungen zu erreichen, sollen bUcher noch zu keinem Erfolg geführt haben. Sämtlich« Fristen des Planes, auch jür die Fälligkeit de, 7S-Milllonen>Kr«dits. sind, wie wir schon meldeten, inzwischen um 8 Tag« hinausgeschoben worden. Di« Bewag ist{«s wertvollst» Elektroabsett Europa». Es handelt sich um di« größte FlnanztranBaktion. di« aus dem Elektrogebi-t seit Vahren durchgeführt worden ist. La ist es nicht nur natürlich, sondern auch notwendig, daß die fmanzUlle und technische Pshanh- lung des Geschäft, mit aller Sorgfalt, vom Standpunkt Verki,� auch mit allst: Zähtgkelt erfolgt. .■ Unerhört und kindlich zugleich ist e, aö«. Venn ein Berliner Blatt ernschast berichtet, m känn» nach einer deutschnatio- nalen Bemerkung im Ausschuß«in Kontur« der Bewag in Frag« kommen. Jn Frage steht überhaupt nur«in« Geldbeschaffung für di« Stadt Berlin zur Schuldentilgung, nicht aber ein» Sanierung etwa der Bewag. Wäre d>« Bemerkung von dem.Lonkure" nicht so lächerlich, dann müßte man dem Blatt den schlechten Willen zur Schädigung der Position Berlins bei den jetzigen Berhandlungen unterstellen. lieber das Werden der Weltfeier des t. Wai schreibt Genosse Rudolf W i s s« l l sehr anschaulich in der neuesten Nummer des „Arbetterfunt. ymzfo* Roman aus dem Ungarisdien von Alexander von Sachcr-Masoch. Dieser kleine tollkühne Held, dieser König der Lüfte, den vornehme Damen und Herren, die goldene Ketten über dem Bauch trugen, feierten und verhätschelten! Betrübt sah ich dies ein. Auf dem Heimweg befaßte sich mein Vater noch ganz erregt mit der unerhörten Kühnheit der Künstler. Meine Mutter jammerte darüber, wie sie das Herz haben könnt««, Frau Griselde in diesem Zustande, mit einem Kindchen unter dem Herzen, durch die Luft fliegen zu lassen. Diese Dinge begriffen wir, meine Schwester und ich. nur zur Hälfte. � Aber wenn es auch aussichtslos erschien, Freddys Freund' fchaft zu erringen, gewann ich mir doch einen Freund unter den Gauklern. Mister Jack. Das war mein Mann! Nicht nur wegen seiner Scherze, die er mit dem Affen und dem Dromedar ausführte, nicht nur wegen der Sympathie, die ich ihm als Kollege im Clownfache entgegenbrachte, sondern hauptsächlich seiner Freundlichkeit wegen. Er wurde mein erster Freund in der Künstlerwelt, mein erster wahrer Wohl- iäter. Tags darauf mußte ich natürlich mit meinem kranken Fuß zur Schule gehen, well ich am Vorabend im Zirkus war. Nun, ich hinkte auf dem Wege zur Schule mehr als nötig! Beim Heimkommen fand ich Mister Jack, am Zaune lehnend, wo er sich mit Bater und Mutter unterhielt. Meine Schwester stand daneben. Die Schneiderefrau warf über den Zaun hie und da ein Wort dazwischen. Ich stellte mich auch neben meine Schwester. Mister Jack wollte uns eben die vier Karten für die Abendvorstellung überreichen. Mein Vater, wie e» so seine Art war, kehrte wieder den großen Herrn hervor und wollte die Karten von Mister Jack nicht annehmen. „Wir haben uns doch die Vorstellung gestern abend an- gesehen,«in zweites Mal gehen wir nicht mehr! (Sßarum sollte man die einnahmen der Gesellschaft um diese vier guten Plätze verkürzen, di« man doch an andere verkaufen tonnte? Des leeren Stalles wegen?) Dies erklärte mein Vater Mister Jack, meiner Mutter und der Schnetdersftau mit solcher Grandezza, als wieherten unser« eigenen Pferd« noch im Stall«. Als ob nicht dos Dromedar der„Hungerleider", die wahrhaftig nicht zu be« milleiden waren, dort einsam grunzte. Die Schneiderin zog meine Mutter an den Zaun und slüsterte ihr ins vhr: „Was haben Sie denn nur? Nehmen Sie doch ruhig die Karten! Weshalb sollten Sie sie nicht nehmen? Diese Leute bemitleidet ihr Mann? Die haben ja Geld wie Heu!— Auch wir haben die Karten genommen, obwohl wir nicht gehen, aber wir verkaufen sie! Die nimmt jeder gerne, wenn man sie etwas billiger hergibt. „Quatschen Sie nicht so viel, solch« Geschäfte mache ich nicht!" sagte mein Vater zur Schneiderin. Jetzt aber begann Mister Jack: „Aber.. aber... aber... gefällig der Billett. Der Herr Direktor bös auf mich, mein Herr, wenn Vorstellung nicht gefällt Ihnen!" „Natürlich hat sie uns gefallen, es war sehr schön", sagte mein Bater lachend,„aber einmal war genug, wir danken schön... danke... danke..." Meine Schwester und ich waren angsterfüllt und ver- zweifelt durch die Unausstehlichreit meines Vaters. „Aber... aber... aber...", beharrte zu unserem Glück Mister Jack,„mein Herr... also gut. und Frau Gnädige ein- mal gesehen Vorstellung... genug! Aber... kleine Fräulein?" und, auf meine Schwester zeigend, bemerkte er mich,„aha, aha... Servus, Freundchen!..." sagte er zu mir und gab mir die Hand. Ich schlug echt ungarisch ein und er wandte sich wieder meinem Vater zu: „Ja, mein Herr, hier kleiner lieber Jung, ihr gefallt Vor- stellung auch gestern, auch heute, auch morgen! Nicht wahr, kleiner Herr, kleines Fräulein?" Cr umarmte meine kleine Schwester, die sich verschämt an Mutter» Rockfalle klammerte. „Gut", sagte mein Vater zu uns. eigentlich mehr an die Mutter gewendet,„ollein können sie ja doch nicht gehen. Es war auch für sie schon genug, sie haben e» ja auch gesehen!" „Aber... aber... aber...", beharrte zu unserem Glück Mister Jack nochmals auf unser Kommen. „Abend nicht finster, wenn Vorstellung fangt an und nach Vorstellung ich werde kommen zu Haus mit zwei Kinder! Js recht so, kleines Freund?" stach er zu uns gewendet. „Also, kleines Fräulein, sagen zu lieber guter Vater, nicht fürchten, bitte erlauben zu gehen mich und Bruder in Hippodrom!" Ein braver Mensch,«in lieber Mensch, dieser Mister Jack. Er ließ nicht locker, oh mein Vater und meine Mutter versprachen, uns gehen zu lassen. Dann überreichte Mister Jack meiner Schwester und mir eigenhändig die Karten. Mein Vater liebte es, vor Gästen einesteils den Herrenmenschen. anderenteils den liebevollen und besorgten Vater hervorzukehren. Das war auch damals vor Mister Jack unser Glück. Diese seine Stimmung wirkte sich sogar noch nachträglich aus. Denn bei Tisch nannte er mich gemäßigter einen Mist- stoßen, als ich in meiner Zerstreutheit am Boden des Tellers kratzte. Sonst hätte er mich deshalb zumindest geohrfeigt. Neuntes Kapitel. erzählt von vielen Unterhaltungen und Lustbarkeiten, aber noch immer nicht von der Erfüllung des Herzenswunsches unseres Helden, die Freundschaft dessen zu erringen, nach dem sein Hzerz sich sehnt. In der ganzen Stadt gab es an diesem Abend nicht zwei glücklichere Geschöpfe al» meine Schwester und mich. Vater und Mutter erlaubten uns, nach vielen heilsamen Ermahnungen, ins Hippodrom zu gehen. Dort schlüpften wir wieder auf den ersten Platz. Und zu unserer größten Freude und Stolz blieb Mister Jack während des Absammelns bei uns stehen. Er sagte, wir sollten nach der Pantomime in die Garderobe kommen. Er werde uns nach Hause bringen, wie er es den Eltern versprochen hatte. Nach der Vorstellung drängten wir uns durch den her- ausflutenden Strom der Besucher zur Garderobe. Hier machten wir vor einem gestreiften Leintuch wie vor dem Vorhang eines Heiligtums halt. Einmal guckten wir hinein. Die Künstler zogen sich dort um stnd plauderten miteinander, aber Mister Jack tonnten wir nicht entdecken. Wir getrauten uns nicht einzutreten und blieben ratlos stehen. Das Hippodrom hatte sich geleert, der Diener löschte schon die Lampen aus mit Ausnahme jener, die in der Nähe der Garderobe brannten. Wir erschraken jedesmal, wenn einer der Künstler herauskam, etwas bracht« oder holte. Signore Robelly. im Straßenanzug, führte seine zwei Pferde an uns vorüber. Dann gingen die Signorinas schwatzend nach Hause. Auch Freddy und sein« Mutter kamen vorbei. (Fortsetzung folgt.) Falsche Erziehungsmethode. Ein Vater wegen Kindesmi�handlung unter Anklage. Der kleine W. ist ein voreheliches Kind: durch die Ehe der Eltern wurde er legitimiert. Seine Entwicklung verlief normal, nur eine schwere englische Krankheit hielt sein Wachs- tum zurück, er blieb klein und zart. Als er zur Schule kam. begann seine Erziehung Schwierigkeiten zu machen. Holte er für die Mutter ein, so vernaschte er die paar Groschen. Hin und wieder entwendete er auch Geringfügiges beim Kaufmann. Als einziges Kind fühlte er sich daheim einsam. Auf den Hof durfte er nur selten. So kam er auf dumme Gedanken: er riß die Tapete ab, zerkratzt« die neuen Betten mit einem Nagel, z ü n- dete auf dem Fußboden der Küche ein Feuer an und goß Wasser darauf. Der Vater griff zum Rohrstock, es gab auch manchmal ein paar Ohrfeigen. Der Junge schrie, daß es überall zu hören war. Die Nachbarn munkelten von Kindesmißhandwng. Als Mutter und Vater sich gar nicht mehr zu helfen wußten, gingen sie zum Rektor. Dieser tröstete sie. Der Knabe sei ein zwar sehr lebhafter, aber sonst netter, gescheiter kleiner Kerl. Es würde sich schon geben. Als einziges Kind brauche er einen guten Kameraden. Es läge kein Grund vor, ihn in die Klasse der schwer crziehbaren Kinder zu stecken. Der Arzt bezeichnete den Kleinen als Psycho- p a t h e n. Die Mutter wiederholte ihre Besuche beim Rektor, im ganzen etwa achtmal. Züchtigte die Mutter zu Hause den Knaben, so trat er sie mit Füßen. Wurde das Kind geprügelt, so schrie es, was es nur schreien konnte. Die kranke Mutter hatte bereits die Geduld verloren. Die Nachbarn wurden durch das viele Schreien bei den Züchtigungen des Kindes aufsässig, sie zählten die Striemen am Körper des Jungen. Ein Mieter, der beim Wohlfahrtsamt beschäftigt war, erstattet« Anzeige beim Jugendamt. Als der Knabe dann ins Waisenhaus kam, meinte der Vater:„Gut, daß der Willi wegkommt, dann brauche ich ihn nicht erst totzuschlagen."' Und die Mutter sagte:„Ich bin zufrieden, daß ich das Aas los werde." Vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte verant- wartete sich jetzt der Vater, ein etwa Zöjähriger Kraftwagcirführer, wegen grausamer körperlicher Mißhandlung. Cr' schilderte, wie schwer es ihm geworden sei, mit dem Knaben fertig zu werden, welche Sorge er mit ihm gehabt und wie er Rektor und Lehrer vergeblich um Rat und Hilfe gebeten habe. Die Behauptungen, der Nachbarn bezeichnete er als Klatsch und Tratsch. Rektor und Lehrer bestätigten, wie schwer der Knabe zu behandeln gewesen sei. Von dem, was der Junge vorbrachte, schien manches übertrieben. Man hatte den Eindruck, daß der Vater den schwer erzichbaren kleinen Burschen zwar falsch angefaßt, daß er von seinem Züchtigungsrecht in einer übertriebenen, ja rohen Weise Gebrauch gemacht, aber stets das Wohl seines Kindes im Auge gehabt hatte. Das Gericht entsprach deshalb nicht dem Antrag des Staatsanwalts auf vier Monate Gefängnis wegen grausamer Mißhandlung, sondern sprach den Vater frei. Bestimmt hat der Vater falsch gehandelt. Trotzdem hätte die Strafanzeige in diesem Falle lieber unterbleiben sollen. Das Jugendamt hätte richtiger getan, wenn es sich mit einer Einmischung im Interesse des Knaben begnügt und von einer Strafanzeige ab- gesehen hätte, und zwar im Interesse des Knaben selbst, der nun über Mutter und Vater von der Polizei und Untersuchungsrichter vornommcn werden mußte. (Sroßstadimenschen am Morgen Es ist früh am Morgen. Hell scheint die Sonne durch die weiten Fenster des Raums, in dem ich zusammen mit noch etwa vierzig Menschen mich befinde. Es ist ein langgestreckter Raum, der in der Zweckmäßigkeit seiner Einfachheit einen angenehmen Eindruck macht und daher eigentlich erheiternd auf die Stimmung der Leute wirken müßte. Ihr Verhalten aber ist ganz sonderbar, ganz ausfällig: wenigstens mir fällt es auf. Die andern empfinden wahrscheinlich gar nicht dieses aller Gewohnheit und Regel wider- sprechende Verhalten. Wenn vierzig Menschen auch nur ganz kurze Zeit zusammen sind, dann ergibt sich von selbst eine gewisse Gemeinschaft, und es pflegt recht lebhaft herzugehen. Hier ober spricht keiner ein Wort, keiner sieht hinaus auf das abwechslungsreiche Bild der Landschaft: manche lesen, die meisten aber blicken starr vor sich hin, nachdenklich und traurig, und besonders einige junge Leute sehen noch ganz verschlafen aus. Von Zeit zu Zeit wird die Tür geöffnet. Man sieht nicht nach den Neuangekommenen hin: sie treten ein, ohne ein Wort des Grußes, ohne den Hut abzunehmen, setzen sich, wo gerade Platz ist und fragen nicht erst den Nachbar, ob es gestattet sei. Warum auch? Der Nachbar merkt vielleicht gor nicht, daß sich jemand neben ihn setzt. Denn das ist eben das Merkwürdige, was mir bei diesen Menschen hier am frühen Morgen auffällt, daß ein jeder so ganz in sich zurückgezogen ist, teilnahmslos und gleich- gültig gegen seine Umgebung. Sie gleichen Blättern, die der Wind zusällig zusammengeweht hat und die er im nächsten Augenblick wieder zerstreut. Und so ist es. PlötzUch erhebt sich alles, drängt zur Tür und eilt hinaus. Das ist ja ein merkwürdiges Erlebnis, höre ich den Leser sagen. Nun, es ist durchaus alltäglich. Ich erlebe dies jeden Morgen in der Stadtbahn. Freiherr als Betrüger. Was aus einem russischen Offizier geworden ist. Vor dem Sitzungssaal des Schöffeng er ichts Schöne- b e r g drängen sich 3 0 Z e u g e n. Auf der Anklagebank sitzt ein Herr von Blum, der sich F r c i h e r r z u H o l st e i n nennt und neben ihm zwei seiner Komplicen, gleichfalls vielfach vorbestraft, ein Kauf- mann Graf und ein„Journalist" Messer, die die kleinen Leute, die sich vor der Eingangstür zum Gerichtssaal drängen, um ihre Er- sparnisse gebracht haben. Er war auf einem Gute in der Nähe von Moskau als Sohn eines russischen.Generals geboren, schlug gleichfalls die Militärlanf- bahn ein, wurde im Weltkriege zum Oberleutnant befördert, nahm nach den Bolschewiftenrevolutionen auf der Seite der Weihen am Bürgerkrieg teil, dann schloß er sich den deutschen Okkupations- truppen an. Herr von Blum beteiligte sich am Niederwerfen des Spartakusputsches, später am Schlesischen Grenzschutz und will noch in den letzten Jahren von den Kommunisten verfolgt worden sein. Während der vielen Kämpfe, die er mitgemacht hat, soll er das letztemal verwundet worden sein, sein rechter Arm ist verkrüppelt. Auf die schiefe Ebene kam Freiherr von Blum bereits im Jahre 1923. Sein Strafregister zeigt acht Vorstrafen wegen Betruges. Das letzte Mal verließ er das Gefängnis im Jahre 1928, er ver- suchte, wie er behauptet, sich durch redliche Arbeit durchzuschlagen, hat auch seinen neunjährigen Jungen— die Mutter des unehelichen Kindes ist tot— bei sich, war gerade dabei, sich mit der Tochter eines Steglitzer Gastwirts zu verloben, als er angeblich von Kommunisten überfallen und' schwer verletzt wurde. Nach Verlassen des Kranken- Hauses hielt er sich dis erste Zeit über Wasser, indem er bei den Wohlfahrtsämtern unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Unter- stützungen erschwindelte, sodann nahm er wieder seine Betrügereien auf. Diesmal in Gemeinschaft mit dem Angeklagten Graf, den er im Gefängnis Tegel kennengelernt hatte. Herr von Blum bediente sich bei seinen Kautionsschwindeleicn in der Regel immer derselben Methode: er gründete in verschiedenen Städten Schein firmen und warb durch Zeitungsinscratc Angestellte. Im Februar 1930 sucht er Görlitz heim, mietet hier zwei Räume, stellt eine Sekrc- tärin an und sucht durch Zcitungsinserate für sein Krcditbüro Kos- sierer mit Kautionen in Höhe von 500 bis 1000 Mark. Drei Bewerber fallen auf den Schwindel hinein. Im September taucht Herr von Blum in Hannover auf. Diesmal heißt seine Firma Frei- Herr von Blum zu Holstein, Diplomingenieur, An- und Verkauf von Grundstückshypothekcn, Geschäfte auf eigene Rechnung, Import und Export. Diesen Aufdruck führen auch seine Geschäftspapiere. Er sucht Vertrauenspersonen und Büroboten für Dauerposten und erschwindelte zusammen mit Graf, der die Rolle des Bürovorstehers spielt, von neun Personen 32S0 Mark. Es folgen ähnliche Betrügereien i» Breslau und in Ver- l i n. Immer wurden Firmen gegründet, stets fanden sich Leute, die mit ihren Kautionen hereinfielen. Herr von Blum hat unter Vorspiegelung falscher Tatsachen durch ein Gesuch an den Reichs- Präsidenten v. Hindcnburg eine geringe Summe erschwindelt. Er gibt sämtliche ihn belastenden Taten zu. Das Gericht verurteilte den Angeklagten von Blum zu zwei- «inhalb Jahren Gefängnis, den Angeklagten Graf zu anderthalb Jahren Zuchthaus und sprach den Angeklagten Messer frei. Im Spiel Selbstmord begangen. 14jähriger Knabe erhängt sich am Fensterkreuz Leipzig, 27. April. Eine Leipziger Familie ist von einem schweren Unglückssoll betroffen worden. Als die Angehörigen der Familie abends nach Haufe kamen, wollte der 14jährige Sohn Erhängen vor- täuschen, indem er sich einen Strick um den Hals legte und sich am Fensterkreuz aufhängte. Als die Angehörigen in die Wohnung hineingekommen waren, hing er bereits als Leiche am Fenster. Wicdcrlebungsoersuche waren ohne Erfolg. Or. Lohmann operiert. Der Wr esse che f der Stadt Berlin, Lantagsabgeord- netcr Genosse Dr. Richard Loh ma n», bat sich gestern einer schwierigen Operation unterziehen müssrm Es handelt sich um«ine citrige"Entzündung des Blinddarmes, der entfernt werden mußte. Die Operation, die in der Klinik Dr. Borchardts vorgenommen wurde, gestallete sich äußerst schwierig, weil der Krankheitsherd bereits stark in Eiterung übergegangen war. Die Operation kann als geglückt an- gesehen werden. Der Patient ist auch fast ohne Fieber.' Trotzdem betrachten die Aerzte den Zustand des Kranken als außerordentlich ernst, weil eitrige Stoffe in die Bauchhöhle getreten sind.' Wir wollen hoffen, daß es zu keiner Katastrophe kommt. 2» jähriges Jusiiläum der Berthold-Otto-Schulc. In diesen Tagen konnte die B e r t h o l ü- O t t o- S ch u l e in L i ch t c r f e l d e, Holbeinstr. 21. mif ein 2öjähriges Bestehen zurück- blicken. Ende April 1900 hat ihr nun 72jähriger Begründer mit der ersten freien Gesamtunterrichtsstunde die Schule eröffnet, die durch die 25 Jahre nicht nur ihre Daseinsberechtigung erwiesen hat, son- dern anregend und wegweisend auch der Schulrejormbewegung gc- worden ist. Von Schülern der Schule wurde in sehr feiner und ein- drucksvoller Weise„Das Postamt" von Rabindranath Tagore gespielt. Lustmord bei Bremervörde. Ermordung eines sechsjährigen Kindes. Bremervörde, 27. April. Die sechsjährige Tochter des Gastwirts Buck in Hesedorf bei Bremervörde, die seit gestern früh vermißt wurde, fand man heute morgen auf dem väterlichen Grundstück hinter der Scheune mit'durchschnittener Kehle. Alle Anzeichen deuten auf einen Lust- mord. Eine Schleifspur läßt erkennen, daß die Leiche in der Nacht zum Montag vom Tatort zur Fundstelle geschafft morden sein muß. Die Ermittlungen sind im Gange. Nehmt Rücksicht am% Mai! Auch viele Beamte möchten gerne mitfeiern. wir entnehmen der Zuschrift eines Genossen folgende be- achtliche Mahnung zum 1. Mai: „Bei verschiedenen Behörden kann der Beirieb am 1. Mai nicht ganz stillgelegt werden. Doch auch bei den Beamten und Angestellten der Behörden sind viele, die gern mitfeiern möchten. Leider sind es aber oft gerade unsere Genossen, die, weil sie am 1. Mai nicht ar, besten,� dftsen Tag benutzen, um die RaMsster, Stcuerbehärde. Kriegssürsorge. Wohlfahrtsamt, Baupolizei"usw. aufzusuchen, Pc- sonders habe ich im vorigen Jahr sehen müssen�daß unsere Genösse ist aber noch mehr KPD.-Leute, mit roten Nelken die Behörden mit Kleinigkeiten belästigten. Besonders haben unsere Gegner bei den Behörden darüber gelacht. Ein Wteilungslciter, den wir gebeten haben, am 1. Mai alle feien» zu lassen, konnte uns am anderen Tage zeigen, daß der An, stürm gerade' am 1. Mai dreimal so groß war wie an gewöhnlichen Tagen." Dieser Wunsch des parteigenössischen Beamten verdient weit, gehende Berücksichtigung. KAFFEE HA« . RH 0.81 das kleine Paket jetzt mir noch RM 1,62 das sroße Paket RH 1.71 die Vakuumdose Sparsamkeit! Sparsamkeit! Heißt die Losung unserer Zeit, Dodt entscheidend ist die Wte und wo und was man spa� Heut' auch kann die Frau fürwahr Sparen, mit Gewinn sogar, Wenn sie.•• wozu alles rät— äuschbifien. feinsJuneienden und büligen Marganne. DIE FEINE PREISWERT Wie soll Tabak verkaust werden. Preußen gegen Beränder�ng des paketqewichts Auf eine Kleine Anfr�he im PreußischenLand- t o g, die sich gegen die auch �ion uns kritisierte Einführung von 40=, 80- und 200-G�« mm-Packungen für Tabak richtete, hat das preuhisi�e Staatsministerium seine Bereitschaft erklärt, bei der Reichsrc�gjerung sich gegen die Versendung dieser nicht üblichen Gewichte auszusprechen, mit der eine Preisoerschleie- rung verbunden ist. Auf die weites Frage, ob das Staatsministerium bereit sei, bei der Reichsr�gj�rung vorstellig zu werden, daß der M i n i- stcrialcrlo,� vom 3 0. Januar 1931 über die Zulassung von kleineren Packungen für den Rauchtabak zurückgezogen wird,' antworte� fo,. preußische Minister für Handel und Gewerbe wie folgt:„�lach dem erwähnten Erlaß des Herrn Reichsminiflers der mn�nzen verbleibt dem Gewerbe die Wahl, ob es die bisherigen Packungen beibehalten oder die neuen Packungen einführen will. Uebcr die Frage einer allgemeinen und ausschließlichen Einführung der einen oder anderen Packungsart sind bereits Verhandlun- gen mit dem Herrn Reichsminister der Finanzen eingeleitet." Schönheitswettbewerb der Leipziger Straße. Die City zeigt, was sie kann. Daß sie noch konkurrenzfähig ist. sowohl in beziig auf die Ware, wie auf moderne Dekorationskunsi des Schaufensters. Die Leipziger Straße und mit ihr die Berliner City ist ja schließlich doch der Mutterbezirk des Berliner Geschäftslebens. Hier war und ist heute noch der Sitz der großen und bekannten Spezialgeschäfte aller Branchen, hier haben auch die großen Warenhäuser ihre ersten Zelte auf- geschlagen: und aller Fortschritt auf dem Gebiete der Produktion, der Dekoration und der Propaganda im allgemeinen hat hier seine ersten Versuche und Erfolg« erlebt. Was geniale Dekorateur- k u n st zu schaffen imstande ist, davon geben in dieser Woche die Schaufenster der Leipziger Straße ein beredtes Zeugnis. Es gibt kein Material, sei.es noch so spröde, nüchtern und unscheinbar, das geschickten Händen und einem guten Blick für Wirkung widerstanden hätte. Vom prächtigen Faltenwurf schimmernder Gewebe kommt man über das zart irisierende Weiß feinsten Porzellans zur Sport- und Wochenendkleidung. Von der Herrenkrawatte über den Füll- fedcrfyilter mit eigener Tankstelle zur lebensnotwendigen Konserven- büchsc. Alles hat den bestwirkenden Rahmen erhalten. Neuzeit- liche Dekorationskunst vermeidet jede Ueberlodenheit des verwendeten Materials, vermeidet grelle Farben und allzuviel Behelf«. Farbe, Linie und Arrangement sind bis aufs letzte durchkomponiert und zusammengefaßt in ein ruhiges, klarliniges Ganze. Eine stattliche Prozession Schaulustiger durchflutet die Straße, es gilt ja zu bc- stimmen, wer seine Aufgabe am besten gelöst hat. Das große Pu- blikum sowie eine Jury von Fachleuten werden das Urteil sprechen. Oer entführte Zunge wieder da. Die Entführungsgeschichte des acht Jahre alten Klaus Fink aus der Lessingstraße hat die erwartete Aufklärung gefunden. Der Kaufmann, der seinen Sohn überall suchte, hatte durch Bekannte in Erfährung gebracht, daß seine geschiedene Frau seit einigen Tagen in einer Pension in der Hedemannstraße wohnte. Als er dort erschien, weigerte sich die Frau zunächst, den Jungen, der dem Vater zugesprochen worden war, herauszugeben. Schließlich gelang es aber doch, den Jungen in die väterliche Wohnung zu bringen, aus der er entführt Mvrden war. Aufgeklärter Ueberfall. In der Nacht zum 10. März d. I. wurde, wie dainals ausführ- sich berichtet, ein brutaler II ebersall auf den 73 Jahre alten Rentner Hermann Kabel in der B r u n n e n st r a ß e 38 ver- übt. Der alle Mann bewohnt in» dritten Stock des Quergebäudes Siubc und Küche für sich allein. In, Lauf« der Zeit hatte er sich 700 Mark..zusammengespart, die ihm gerauht wurden. Der Ver- dacht der Polizei lenkte sich oin drei Milgsieder eines Vereins Einig« keir namens Alfred Kam tz, Silin Schiller und einem gewissen osienbar weniger beteiligten L. Könitz und Schiller befinden sich im Gefängnis, denn sie wurden vor kurzem bei einem Geschäfts- cinbrnch in Hcchcnfchönhanfen erwischt.?lus der.Holt wurden sie vorgeführt und Kabel erkannte besonders in Könitz den Mann wieder, der ihn mit den Füjzen bearbeitet hotte. An der Täterfchait der beiden ist nicht zu zweifeln, wenn sie mich leugnen. Von den Ersparnissen des alten Mannes ist nichts mehr da. Kousumabgabeftellen am I.Mai geschloffen. Das gesamte Personal der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend begeht, wie in den Vorjahren, den 1. Mai durch Arbeitsruhc: sämtliche Wgabesrellcn der Berliner Derbrauchcrorganisation bleiben aus diesem Grunde am Freitag. 1 Mai. geschlossen. An die Mitglieder der Konsumgenosscn- schast Berlin wird das Ersuchen gerichtet, ihren Warenbezug ent- sprechend einzurichten, d. h. den Freitagbedarf bereits in den Vor- tagen einzudecken. Jeder organisierte Verbraucher muß darauf be- dacht sein, daß die konsumgenossenschaftlichen Umsätze durch die Schließung der Abgabestellen am 1. Mai keine Beeinträchtigung er- fahren._ Mord um Milch. In Berg in Böhmen ermordeten zwei Brüder einen Prioarmann, weil er ihnen ungerechtsertigterweise wiederholt vorgeworfen hatte, von ihnen mit verwässerter Milch beliefert worden zu sein. Der Vorwurf hatte die Wut der Brüder im Laufe der Zeit bis zur Raserei gesteigert. Die Kaisen und Büros der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten A.-G. und.zwar die der Zentrale Berlin S 14. Wallstr. 65, und der Dep.-Kasse Berlin SW 68, Lindenstr. 3, bleiben am 1. Mai geschlossen. Die Maifeier der Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden findet am kommenden Sonnabend, dem 2. Mai, abends'A8 Uhr, in der Kaiser-Friodrich-Schule, Charlottenburg, Knesebeckstroßc( Sau ig ny platz) statt.— Di« Festrede hält Genosse Pfarrer Lleier.— Wen er wirken mit: Gertrud Eysoldt. Gesang- verein Harmonie(Mitglied des ASB.) Maichöre. Eintritt 50 Pf. Achtung, Arbeitcrsänger! Um am 1. Mai rechtzeitig im Lustgarten zu sein, muß der Abmarsch vom Saalbau Friedrichshain schon um Slä Uhr erfolgen. Wir ersuchen deshalb die Mitglieder, sich bereits um S Uhr im Saalbau einzufinden. Der Gauvorstand. Die Ausstellung der kindersreunde, die sich bis Sonntag im Gesundheitshaus Kreutberg befand, kann, bevor sie zum Partei- tag nach Leipzig geht, noch vom 2. bis 5. Mai täglich von 16 bis etwa 20 Uhr Im Bezirksamt Prenzlauer Berg, Danziger Straße 64. besichtigt wenden. Die Silberne Hochzeit begeht heute mit seiner Gattin unser Kollege Redakteur Wolter Trojan. Zehlendorf, R-iherbeiz« 38. — Dos gleiche Jubiläum kann heute ein aller Borwärtsleser, Hermann Leuschner, Reichenberg« Straße 7Za, feiern, gleich- zeäll mit seme« jährigen Wuterjuixlav». KLEINE ANZEIGEN iiiiiiimiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiitmiiii Uebertchriftswort 25 Pf., Ttit wort 12 Pf. Wiederholungsrabatt; 10 mal 5 Pro?, 20 mal oder 1000 Worte Abschluß 10 Proz. 2000 Worte 15 Proz, 4000 Worte 20 Proz./ Stellengesuche; Ueberschriftswort 15 Pf., Textwurt 10 Pf' Anzeigen, welche lür die nächste Nummer oestimmt sind, müssen bis 4V2 Uhr nachmittags Im Verlag, Lindenstr. 3, oder auch In sämtlichen Vorwärts-Filialen und -Ausgäbest©! en abgegeben sein | Mille|[ Maiblumen! Somit Motten. tafeln. Senkel, Sjo» keni-öger. Soäen. baNer, Ararnatien, Stabiioaren, Sei- fen, RaNerklinarn, Händleischlager lie- tert oreisrnert Ha» berfeld. Roch. Ecke Münzltragc. Kisidunguuici«. wasche usw. «enifl gctraaene Naoaliergarderobe von Millionöien. Aerzten. Anwälten. lZabelbatt billige Preise. Empleble Taillenmäntel.Pale. tots, tzroctz. Smo- kinftz, Dchrockan» liiae. Hosen. Svort-, Gebvelle. Gclcaen. beitskäufe in neuer Garderobe. Weite» sier Wea lobncnd. Lotbrinaerstrabe 5«. 1 Trevve. 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April jcflorbm ift Die Beerdigung ftndet am Wittmocki, dem 29. Apttl, nachmittags 2»/» Uhr. von der Leichenhalle de» Rentrai. iriedhol» fn Friedrichsleide au« statt. Siege Beteiligung wird ermarlct. Nachruf. Um 5. Starz starb unser Kolirg«. der Stohtleger Otto Kiekebusch geb. 2. Mörz 1805. Am 14.«vrii starb unser ZvIZege. der Rdhrleger Otto Salewski Am 19 Aprtl starb unser Rallege, der Schlosser � Florian lilner geb. 22. Februar 1896. Die Beisetzungen haben bereits statt. gefunden. Ehre Ihrem AndenZen! Die OrtsrerweUimg, Am Freitag, dem 24. Aprtl. ver schied ianst nach langem Seiden mein geliebter Mann, unser lreusoraender Sattt, Echwiegetonter, Großvater, Bruder. Schwager und vtfei Otto Krell im es. Lebenesahre. Hinlerdltedanen Im Slomen der Marl« krall, geb. ädinrtdt Beriw-Zlahnsdorf. Fvrststr. S Di» Beerdigung findet am Mittwoch, dem 28, April, nachm. 5 Uhr. oen bot Bast, de» Rahn»dAfer Frtedhotes au» statt. Bekanntmachung. Der Techniker Kurt Paul Schmidt an« Hamdurg. geboren am 6 April Kk 6 m Dresden, ist tarn Schiüseugertcht II in Stettin cm 6. März 1921 wegen äffend ucher, in ÜBangctin In Pommern am 28. Ju i jgtzo veriidter Beietdiaung de» »erru Minister» de» Innern Sererina und de, Herrn Polizetp-Lfidenten a. W Zorgiedei in Berlin zu 3 Monaten che- iöngni» oerutteilt worden. Stettin, den 21. Aorii 1931. Ver Odecftcatsantualt- JUERG� Alexsnderplatz Neu« Kftntgsir. 43 IS »n d«x Ociam tau flöge de».Vorwtrtä*«ind besonders wirk»«» «nd trotzden lehr 0111191 Kurbad* Ostend Täglich geöffnet 0 34, Bexaiagener skrstzel? Kistietio E M lleiere MU tolfit: SIP i V» Pfd Landmannstabak M. t>,?9 **'■ V*. Wolkenformer. 0LS %, Noch und Noch» 0,49 V,,* Post und Bahn„ 0,60 V,„ Paslorentabak„ 0,66 1 Sortiment H(S Zigarren)„ 0�5 1 reichlllustr Hauptkalalog 1 hübsch. 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Der G c s a n? t v c r b a n d als Tarifpartner, der früher oftmals von sich aus den Antrag gestellt hatte, verhielt siäi diesmal dem Antrag der Unternehmer gegenüber passiv, jedoch nicht ablehnend. Bon einigen größeren Betrieben des Berliner Fuhrgelverbes wurde den? Antrag der Fuhrherrninnung aber widersprochen, mit den? Erfolg, daß das Reichsarbeitsministerium die Allgemeinverbindlich- keitscrklärung a b.l e h n t e. Nach seiner Aufsassling hat der durch die Verbindlichkeitserklärung zustandegekolvinene Lohntorif zwischen der Berliner Fuhrherrninnung und den? Gesamtvcrband nicht die überwiegende Bedeutung i?n Berliner Schwer- und Lcichtiuhr- gcwerbe, die die Voraussetzung für die Allgemcinoerbindlichleits- erklärung ist. Diese Entscheidung des Rcichsarbeits?ninisteriums ist an sich noch nicht so sehr verwunderlich. Es war aber sonderbar, daß zu den Verhandlungen über den Antrag der Fuhrherrninnung nur die Fuhrherrninnung und ihre Antraggcgner, aber nicht die Gewcrlschastei? geladen wurden! Der erst am 21. Januar abgeschlossene Lohntarif, der eine Kürzung der Tariflöhne um SVi P r o z. brachte, ist von der Fuhr- Herrninnung bereits wieder zun? 30. April gekündigt worden, desgleichen auch der M a n t c l t a r i f zun? 30. März. Die Fuhr- Herrninnung sträubt sich ganz energisch, mit dem Gesamivcrband überhaupt noch Tarifverträge abzuschließen, lind in diesem Widerstand ist sie durch das R e i ch s a r b e it s- Ministerium bestärkt worden, wie in den bisherigen Partei- und Schlichtungsverhandlungcn von dem Obermeister der Innung T i l g n e r unumwunden erklärt worden ist. Herr Tilgner erklärte, daß bei den eingangs geschilderten Verhandlungen im Reichs- arbeitsministerium vom Vertreter des Reichsarbeitsministers Kalk- b r e n n e r gesagt worden sei, die Allgcmei??vcrbindlichkcit könne schon deshalb nicht ausgesprochen werden, weil die Löhne im Berliner Tran Sportgewerbe noch zu hoch seien! In den? Schreiben an den Gesamtverband war von dieser Be- grllndung allerdings nichts enthalten. Die Verhandlungstaktik der Vorstandsmitglieder der Fuhrherrninnung läßt aber darauf schließen, daß eine derartige Aeußerung von dem Vertreter des Rcichsarbeits- Ministers gemacht?vordcn ist. Wie ist eine solche Aeußerung vereinbar?nit der Pflicht, den Parteien behilflich zu sein beim Abschluß von Tarifverträgen? Und ?vie ist eine derartige Aeußerung vereinbar mit der Absicht des Rcichsarbeitsministers, einer zlveiten Lohnabbauwelle sich zu widersetzen? Oder gibt es im Reichsarbeits?ninisterium neben der Politik des Ministers eine dieser entgegengesetzte der Beamten? Diese Fragen bedürfen der Klärung. Wir fragen also: 1. Wannn hat man bei der Verhandlung über den Antrag der Fuhrherrninnung den Gesamtverbond ausgeschaltet? 2. Ist die Allgcmeinverbindlichkeit abgelehnt worden, weil ein Lohnabbau von 8'A Proz. nicht als ausreichend erachtet wird? Zweite Lohnabbauwetle seht ein! In der westdeutschen Kanalschiffahrt. Dortmund, 27. April. In dem Lohn- bzw. Gehallsstrcit in der Westdeutschen Senalschissahrt wurde heute unter dem Vorsitz eines für diesen Streitfall bestellten Sonderschlichters folgender Schieds- s p r u ch gefällt: Die Gehalts- und Lohnsätze laut Schiedsspruch vom 24. Tlooember 1930 ermäßigen sich mit Wirkung ab 25. April 1931 a) für Kapitäne. Schisssführer und waschinistea um 4 p r o z.. b) für Matrosen, Heizer und Schiffsjungen u m 3 p r o z. Die Tleu- rcgelung kann mit einmonatiger Frist erstmalig am 31. Oktober 1931 gekündigt werden. Die Stimme der Bergarbeiter. .Handelt, ehe es zu spät ist! A??? Montag trat in Bochum die Reick) skonferenz des Bergbauindustriearbeiteroerbandes zusammen. Der Volkswirt des Verbandes, Dr. Berg er, erstattete einen W i r t s ch a s t sü b e r b l i ck. Als Hauptausweg aus der Krise empfahl er die Einführung der gesetzlichen 40stündi- gen Arbeitswoche und unter gleichzeitiger Verpflichtung zur R e u e i n st e l l u n g von Arbeitskräften im Ausmaß der Ar- bejtpzeitverkürzung. In keinem Gewerbezweig drängten die natio- nalei? und internationalen Verhältnisse?nehr zu einer Arbeitszeit- Verkürzung als im Bergbau. In den bevorstehenden Genfer Ver- Handlungen müsse versucht werden. de?n Abkommensentwurs ein fortschrittliches Geficht zu geben. Vor einer weiteren B r o t v e r- teuerung müsse a?ifs ernsteste gewarnt werden. Dem Unheil müsse durch Beschränkung der Arbeitszeit gesteuert werden, solange es noch geht. Roch gehe es! Die Arbeiterschaft, soweit sie noch im Betriebe stehe, sei bereit, oll ihre Kräfte mit einzusetzen, damit das rettende Ufer erreicht werde. M a r t m ö l l c r von? Vorstand erörterte Lohn und Ar- b e i t s z e i t. Die Argurnentation der Unternehmer, die Arbeits- losigkeit könne nur durch Mehrarbeit, d. h. durch längere Ar- bcitszeit überwunden werden, scheiters an der Weltmarktlage. Für die Gewerkschaften erwachse deshalb die Ausgabe, alles darai? zu setzen, um zu einer Verkürzung der Arbeitszeit zu kommen. Mit Hilfe der Reichsregierung feien in sä?ntlichen Bcrgrevieren mit Ausnahme des Kalibergbaues die Lohne um 5 bis 7 Prozent gekürzt worden. Die Lohnsenkung bringe in den Hauptsteinkohlen- reoicren einen Lohnaussall. von jährlich 50 Millionen Mark, für das Ruhrgebiet allein rund 37 Millionen. Dazu kämen die Feier- schichten, die im Ruhrgebiet pro Monat allein 8,5 Millionen Mark Lohnausfall bedeuteten. Mit Lohnsenku??g hätten Unter- nehmer und Regierung den Absatz steigern wollen; der Ab- satz sei aber weiter zurückgegangen. Trotzdem werde ein weiterer Lohnabbau gefordert. Der Vorstand des Ruhrzcchenverbandes habe soeben erst erklärt, Lohnsenkung bei gleichbleibendem Kohlenprcis sei notwendig, u?l? die Kapital- bildung zu ermöglichen; dem? in Deutschland sei alles, was seit 1918 produziert worden sei, verteilt und konsumiert worden! Demgegenüber stehe die Feststellung des Instituts für Kon- junkturforschung, wonach die innerdeutsche Käpitalbildung von 1924 bis 1928 etwa 37 bis 38 Milliarden aus???ache. Bei einen? Einko?n mensverlust von monatlich 42 Mark oderltzPro- zent für einen Bergarbeiter im Durchschnitt und bei einem» Gesamlcinkommensverlust aus Arbeitszeit und Kurzarbeil im Jahre 1930 von mindestens 3,5 bis 4 Milliarden Mark müsse eine weitere Lohnsenkung die Krise verschärfen?li?d die Ka- pitalbildung erschweren. Martmöller wies mit Nachdruck darauf hin, daß im Bergbau neue Kämpfe im Anzug seien. Es sei damit zu rechnen, daß in zwei bis drei Monaten die Lohntarife gekündigt werden. Die Organisation werde ihre letzte Kraft ein- setzen, um eine neue Verschlechterung der Lage der Bergarbeiter abzuwehren. Das Ergebnis der Beratungen des ersten Konferenztages fand seine Zusammenfassung in einer einstim???ig angenommenen E n t- s ch l i e ß u n g. Darin stellt sich die Konferenz entschlossen hi??ter die vom ADGB. erhobene Forderung nach Einführung einer gesetzlichen oierz?g stündigen Arbeitswoche. Sie verlangt, daß bei den in Alisficht genommenen Arbeitszeitregelungen die besonders schwere und gefährliche Lage der Bergarbeiter eine entsprechende Berücksichtigung findet. Von der Reichsregierung erwartet fi? ferner, daß für die Genfer Beratungen die amtlichen Vertreter angewiesen werden, für eine weitgehende Schichtzeit» Verkürzung im Stein- und Brauukohlenbergbou unter und über Tag einzutreten. Ii? der Frage der Krisenmllderung verweist die Konserenz aus die sehr erheblichen Ersparrrismoglichkeiten. die durch Senkung der Kapitaltosten für die unbeschäftigte und über- zählige Produktionskapazität im Bergbau sowie durch Verminderung der internationalen Kampskosten bei internationaler Produktions- und Absatzregclung herbeizuführen wären. Abermalige Lohnkürzungen dagegen mühten die Wirt- schastskrise von neuem verschärfen. Oer Gireik der Rohrleger und Klempner Die Führung bleibt beim OMV. In? Streik der Berliner Rohrleger und Klempner ist am Man- tag eine wesentliche Veränderung nicht eingetreten. Es haben sich gestern noch einige kleinere Betriebe mit etwa 50 Beschäftigten der Abwehrbewegung angeschlossen, von denen erst an? Sonnabend dem Metallarbeiterverband die Ergebnisse der Streikabstimmung über- mittelt worden ist. Infolge der?nustergültigen Disziplin der Streikenden ist es auch am Montag nirgendwo zu Zwischenfällen gekommen. Die„Füh- rung" der im kommunistischen„Einheitsverband" für das Bau- gewerbe organisierten Rohrleger, die den Streikbeginn gründlich verschlafen hat und erst am Sonntag von ihren Mitgliedern die„entscheidenden" Beschlüsse fassen ließ, bemüht sich vergeblich,, auch zum Zuge zu kommen. Die in ihrer großen Mehrheit frei- gewerkschaftlich organisierten Rohrleger und Bauklempner kümmern sich nicht um die Aufforderung der NGO., gemeinsame betriebliche Streikleitungen mit den kommunistischen Sonderbündlern zu bilden. Die Führung des Streiks sowohl durch die Zentralstreikleitung als durch die einzelnen Betriebsstreikleitungen liegt fest in freigewerk- schaftlichen Händen. Am Montag wurde die Zentralstreikleitung wieder von vielen Firmen bestürmt, die sich im Falle der sofortigen Arbeitsaufnahme dieser Arbeiter bereit erklärten, die bisherigen Tariflöhne bis zur endgültigen Regelung des Lohnkonflikts weiterzuzahlen. Von der Zentralstreitleitung sind diese Anträge genau wie an? Sonnabend zurückgewiesen worden. Die Genehmigung zur Wiederauf- nähme der Arbeit wurde lediglich der Belegschaft einer kleineren Firma ertellt, die sich schriftlich verpflichtet hat, die alten Löhne b i s zum 1. Oktober zu zahlen. Am Mittwochoormittag 10 Uhr hält die Zentralstrcikleitung gemeinsam mit den Betriebsstreikleitungen eine wichtige Besprechung ab, und zwar im Sitzungssaal der mittleren Ortsverwaltung des Mctallarbeiteroerbandes. Linienftr. 83/85. Als Ausweis dient die Streikkarte und das Mitgliedsbuch der freien Gewerkschaft, der das Mitglied der Streikleitung angehört. Agrarier gegen Sozialpolitik. Slurm auf das Nachtbackverbot. Der R e i ch s l a n d b u n d hat nicht mir weiters Zoll- crhöhungen auf lebenswichtige Artikel, sondern auch sofortige Le- seitigung des Nachtbackverbots gefordert. Au dieser Forderung überrascht ganz besonders die I ä?n m e r l i ch k e i t der Begründung. Der Reichslandbund kommt in seiner Beweis- führung der Oeffentlichkeit mit den ältesten Ladenhütern. Er bs- hauptet z. B., daß durch das Nachtbackoerbot eine Ver- fchlechterung der Brotqualität und dadurch ein Rück- gang des Brotkons u???s eingetreten sei. Dieser Unsinn ist längst von den Fachleuten erledigt worden. Warum der Roggenbrotkonsum zurückging, ist auch den La??dwirten klar. Nicht nur in Deutschland, sol?dern in allen Industriestaaten ist dieser Rückgang festzustellen. Noch 1840 betrug in Frankreich die Roggenernte etwa halb so viel wie die Weizenernte. Heute ist sie ganz unbedeutend geworden, da Frankreich zum typischen Weizen- verbrauchsland wurde. Die-gleiche Erscheinung kann in England beobachtet werden, und auch in Deutschland, wo früher Roggev noch das ausschließliche Brotgetreide war, ist der Rückgang des Roggen- brotkonsums nicht aufzuhalten. Um die Ocffentlick-keit für die geforderten Zollerhöhunge» ein- zufangen, will man ihr eikreden, bei Nachtarbeit könne das Brot billiger»erden. Die Bäckereiarbeiter bedanke« sich ab« dafür, daß die V i e r t e l n? i l l i o n Menschen, die in? Bäckergewerbe be- schäftigt ist, in das Elend ständiger Nachtarbe?t hinab- gestoßen wird— nur damit die Agrarier ihre Ware zu noch höheren Preisen absetzen köni?en. Es geht in Wirklichkeit nicht nur um die Bäckerciarbciter, sondern um den Arbeiterschutz überhaupt. Wenn ausgerechnet die Agrarier den Angriff gegen den Arbcitcrfchutz einleiten, so wirkt das angesichts der Tatsache, daß' die Arbeiterschaft im Laufe der letzten Jahre zur Stützung der Landwirtschaft größte Opfer- bcreitschaft gezeigt hat, auch in diesen an Widerwärtigkeiten und Bitterkeiten so reichen Tagen ganz besonders widerwärtig. RGO.-pech bei Zwieiufch. ?ievolutionäre verschaffen Nazis einen Sih. Die L i st e der NGO. mußte als ungültig erklärt werden. Von den sechs Frauen, die auf dieser Liste standen, davon zwei als Listenführerinncn, zogen fünf ihre Kandidatur zurück, als der Wahlvorstand ihre eigenhändige Unterschrift forderte. Auch in? vorigen Jahre mußte die kommu?, istische Liste als unvollständig ab- gewiesen werden, so daß sich eine Wahl erübrigte. Von den 1499 Stimmen bekam die sreigcwertschastliche Liste 1220 Stimmen und die der„nationalen Opposition", Nazis und Stahlhclmer, 109 Stimmen. Unter den 170 ungültigen Stimmen befanden sich 89 NGO.-Stimmen. Wären diese 89 Stimmen gegen die Nazis abgegeben worden, dann kon??ten diese nicht den Sitz in? Arbeiterrat bekommen, den sie jetzt bekommen haben neben den«lf freigewerkschaftlichen Sitzen. Von den 490 A n g e st e l l t e n- stimmen erhielt die freigewertfchaftliche Liste 297, der Gcdag 191(ungültig 2). Die freige?vertschaftlichen Angestellten haben ihre fünf Sitze behalten, die übrigen haben drei statt vier bekommen. Den Betriebsrat bilden 12 Faeigewerkschafter, wovon zwei Angestellte, außerdem cii? Angestellter der Gegenliste. Kann die NGO. auch selber nichts verrichten, so kann sie ober den Gewerkschaften Knüppel zwischen die Beine werfen, u??d darauf kommt es ihr an, selbst lvenn sie den„Nationalen" damit in den Sattel helfen muß. Tarifanspruch der Verireier. Nicht Elektrogroßhanvel, sondern Einzelhandel. Zu unseren? in der Abel?dausgabe vom 21. April über die Ver- ha??dlung beim Rcichsarbeitsgericht am 18. April in der Revision der Firma H o o v e r G. m. b. H. wird uns von dem Vertreter der Angestellten. Rechtsanwalt Ewald Friedländer,?nitgeteilt, daß das Reichsarbeitsgericht den Berliner Einzelhandels- t a r i f, nicht den Tarif imElettrogroßhandel für anwend- bar erklärt hat. Das Reichsarbeitstzericht hat die frühere Beschrän- kung, daß der Einzelhandelstarif nur anwendbar fei, wenn der Ver- kauf aus einem offenen Laden oder mindestens von einer festen Verkaufsstelle aus erfolge, ausgegeben und ihi? auch für anwendbar erklärt, wenn der Vertrieb durch Reisende erfolgt. Es hat den Einzelhandelstarif für anwendbar erklärt, ob- wohl die Firma an sich eine Großhandelsfirma ist, weil dies« Firma eine besondere Organisation für bei? Berk au f an die Konsumenten geschossen und den Zwischen- Händlern zur Verfügung gestellt hat. Es hat Gruppe 3 des Einzelhandelstarifs für an- wendbor erklärt(328 Mark monatlich), daneben aber auch Er- stattung der im Geschäftsinteresse notwendigen Spesen(60 Mark monatlich) zugebilligt, weil das Tarifgehalt, abgesehen von den ge- sctzlichen Abzügen, dem Arbeitnehmer voll zukommen müsse und eine de»? widersprechende Abrede, daß der Arbeitnehmer die Speien selbst tragen müsse, dem unabdingbaren Tarifgehalt gegenüber u n w i r k s a ln sei. Auch der Einwand der Firma, der Anspruch sei verwirkt oder es fei auf ihn stillschweigend verzichtet, weil erst nach Beendigung des Vertragsoerhältnisses der Anspruch geltend gemacht worden sei, ist zurückgewiesen worden. Es ist anzunehmen, daß infolge dieser bedeutsamen Entschci- dung des Reichsarbeitsgericht das Arbeitsgericht sich mit einer Reihe von Klagen zu beschäftigen haben wird. Verhandlungen in der Schwerindustrie. Essen, 27. April.(Eigenbericht.) In den Parteioerhandlunge?? über den R a h n? e n t a r i s der E i s e n i n d u st r i e Nordwest in Essen wurden zunächst die Vorschläge des Arbeitgeb erverbandes erörtert. Die Gewerkschastei? bestritten die Möglichkeit einer Cl?tlastung von Lohnseite her und nannten das Vorgehen der Unternehmer Verärgerungs- Politik. Die Verhandlungen werden am 5. Mai fortgesetzt. Am 1. Mai tverden die Forderungen der Geu>erkschaften den Unter- nchmcrn überreicht. Arbeiter und Angestellte der Bcwng! Mittwoch, 17 Uhr, ProtesNuodacb»»« in den Srlnmträumcn der„Reuen Well", Knienheidc. Tnfte»-rdni!N>>:.Entlomwnnnlisieriin» der Berliner Werk«". Arbeiter und Angestellt« der Bewag! Sind eure Lohn» und Arheitonerhiiltnisse in«efnhr? Zlefcrent: Jos. Vrlonp, Mitglied de» Knuptuerstnude» de» Se- samtverbande». Zutritt nur neuen Bor,eii»>nn de» Betriebsausweises. Er» scheinen ist Pslicht. Der Betriebsrat: Elchuer, Lucas. �reie Gewerkschafts-Jugend Berlin läeute. Dirnstaa.?S!s Uhr, iaaen die Gruppen: Treptow: Iunciid. ixirn, Schule Wiltenbruchstr. 58—34(Lorlsimmer). Guihcit komr.lt mit leincr Milki-Mous.— Kranksurter Allee: Stadt, Iiiacndhcim Litauer Slrahe 18, Arbeiisdienftpflicht.— Lichtenberq: Iuaendheim Tossestr, ZZ. Sitte. Schaut und ssrcikörpcrtultur.— Reu-Lichtcnbera: Iuaendheim Gunterstr. 4?. Das Mädel in unserer Beweaung.— Pankow! Iuaendheim Kissinaensir. 48. Zimmer 5. Di- Mädchen aestoltcn den Abend aus,— Gewerkichaftshaus: Iu» aendhcim Enaelufer 24—25, Saal IT. Kabritarbiiterverbonb. Von der Woter» kant imn Berchtcsaodener Land, Eine lustiae Reis« durch De>-tschlands Provinacu und Dialclie.— Schöneweide: Jugendheim Niedcrlchönvweide, Berliner Sir, Sl. Sesellschostsspiele,—«blershos: Iuaendheim Bi-unarckstr. I. Aua der Geschichte der deutsche:, freien Gewerkschaften.— Weddinq: Jugendheim Willdeuowstr. 5, 2 Treppen. Märkische Sagen u»d Tpukacschichten.— Ostend-: Jugendheim Karlshorst, Trcskowallec 44 istanI-SchuIc). Die Entwickluna der Wir'schaft.— «rnswalder Plaht Iuaendheim Pastcurstr, 44 iObcrr-alschui- pk,. Z. 15). Vom Zunftaefcllen zum freien Arbeiler. Ioaendaruppe dessZentralverbandes der Angestellten Heute. Dienstag, finden folgende Beranstaltungen statt: Nordwest: Jugendheim L�drter Str. l8— 19. Wir lesen aus Travens Buch„Die BaumwollpflÄcker".— Lichtenberg: Jugendheim Guntcrsrr. 44. Bunter Abend.— Der Sprech- und Bewegungschor hält ob 20 Uhr in der Schule tTurnhglle) Barut'hcr Str. 20 einen Ue�ungsobcnd ab. Sogar Keltenraucher schüßer? sich durch vor Katarrh und nach Tabak riechendem Ateml itötös&IHd Das Loch im Fünfjahrplan. Oer großkapitalistischen Technik fehlen im Entscheidungsjahr die Arbeiter. Unter den Zuständen, wie sie in Rußland herrschen, könnte selbst ein Proletariat wie das englische oder deutsche, das mit moderner Technik vollkommen vertraut ist und dessen Zeitbegriss und Arbeits- rhythmus derjenige der modernen kapitalistischen Industrie ist, nicht das leisten, was heute von dem russischen Proletariat verlangt wird. Do Helsen alle Appelle nichts, weder„sozialistischer Wettbewerb", noch „Stoßbrigaden" oermögen aus dem darbenden und jrierenden russischen Arbeiter das. herauszuholen, was die„W i r t- s ch a f t l e r" von ihm fordern. Die Konferenz der Direktoren der Metallbetriebe mußte erst dieser Tage feststellen, daß„sich in den Betrieben Disziplinlosigkeit bemerkbar macht und daß sozialistischer Wettbewerb und Stoßbrigadentum immer zu/wächer werden".(„Sa Ind." 2b. 3.) In den letzten Wochen ist man daher auch zu einem neuen System übergegangen. Es wird nicht mehr an das patriotische Gefühl appelliert, sondern an sehr viel massivere Gefühle, und zwar nach dem Wort von cheinrich Heine:„In hungrige Mägen nur Ein- gang finden Suppenlogit init Knödelgründen." Die Stoß- brigadler werden jetzt bevorzugt beliefert. Sie erhalten(Erlaß vom 7. April) besondere Lebensmittelkarten, sie be- kommen zuerst Mäntel, Kleider und Schuhe, ihnen werden zuerst Wohnungen zugewiesen, ihre Wohnungen werden zuerst geheizt, ihre Kinder zuerst in Krippen und Kindergärten aufgenommen(Punkt 6 des Erlasses). Einzelne, offenbar„opportunistische" Funktionäre des Metall- arbeitcrocrbandes haben zwar gefunden, daß es nicht angehe, die Arbeiter in zwei Lager zu teilen, den einen zu nehmen, um den anderen zu geben(„Prawda", 19. Januar), aber man hat sie rasch zum Schweigen gebracht und jetzt gilt das neue System. Nützen wird es kaum etwas. Die Unfähigkeit der Bürokratie sorgt schon dafür. In Stalingrad erhielten die männlichen Stoß- brigadler Frauenhcmden, Frauen erhielten Hosen und Männerstiesel, Kinderlose erhielten Kinderschuhe: in Swerdlowsk wurden ebenso wie in Nndeschdinst die Stoßbrigadler vorzugsweise mit Schnaps beliefert. Und wo nichts war, war auch nichts zu verteilen. Die Prämie für die Stoßbrigadlcr im„Roten Proletarier" sah so aus, daß jeder zwölfte das Recht erhielt, im Dezember ein Paar Schuhe zu kaufen.(Alle Angaben auf der„Prawda" vom 19. Januar.) Die Arbeitslosigkeit ist zwar nicht liquidiert— mit der Kollektivisierung begann die Flucht der Saisonarbeiter in das Dorf zurück, nicht unähnlich der Massendesertion der Bauern aus der Armee, als 1917 das Land verteilt wurde, und die Saisonarbeiter hungern jetzt im Dorf wie sie vorher in der Stadt gehungert haben—, aber es besteht zweifellos ein empfindlicher Mangel an gc- lernten Arbeitern. Ani 2S. März hat das bolschewistische Zentralkomitee sehr energisch daran erinnert, daß der Erlaß voin 10. Oktober 1930 unter allen Umständen befolgt werden muß: Im Laufe der nächsten zwei Jahre darf kein einziger Arbeiter Ange- stcllter oder Beamter werden.«(„Sa Ind.", 26. März.) Aus den gleichen Gründen wurde kürzlich oerfügt, daß alle früheren Transportarbeiter unverzüglich zu ihrer alten Arbeit zurück- zukehren haben. Sicher würde der Fünfjahrplan auch dann nicht erfüllt, wenn der russische Arbeiter wenigstens das Lebensniveau des deutschen Arbeitslosen erreichte. Dieses jetzige ruffische Proletariat ist erst werdendes Proletariat, es find Lauern in der blauen Vlufe. Daß die Hälfte der Arbeiter eines Betriebes noch vor kurzem im Dorf gelebt hat(wie z. B in der Fabrik Karl Marx in Moskau, „Ekon. Schisn", 26. Februar), ist nicht etwa eine Ausnahme, sondern die Regel. Ueberaus bezeichnend sind die Ausführungen, di« in„Sa Ind." vom 18. Februar gemacht werden. Es heißt dort unter anderem:„Wir haben Fabriken, die Quintessenz europäischer Wissenschaft und Technik. Licht, luftig, geräumig, Maschinen. Ehrono- mcter, keine Fabrik, nein, ein Spielzeug. Wunderschön! Und dennoch wird der Plan nicht erfüllt. Woran liegt das?" 1925 sprach Urywajew, der Direktor der Kolomnacr Fabrik, vor der Kreispartei- konferenz:„In die Fabrik strömen immer neue Schichten. Wir haben 45 Praz. neue, eben aus dem Dorf gekommene Arbeiter. Wenn schon 192-5 bloß 55 Proz. alte Arbeiter waren, wieviele sind van ihnen im dritten, entscheidenden Jahr des Fünfjahrplans, wjcviel sind 1931 noch im Betrieb? Wenig, ganz wenig. 8 0 bis 85 Proz. sind junge Arbeiter. Die alten, meist Partei- Mitglieder, sind weg. Die einen arbeiten in der Partei, andere sind Verwalter, Wirtschaftler, Betriebsleiter usw. geworden, stehen auf Kommandoposten. Andere sind gestorben oder invalid. In den Fabriken sind 10 bis 15, selten 20 Proz. geblieben. Die jungen Arbeiter sind aber einfach nicht i m st a n d c, mit der nötigen Genauigkeit zu arbeiten." Ie mehr sich die Industrie ausdehnt, desto deutlicher wird. daß moderne Großindustrie mehr bedeutet als moderne ZNafchinen. Die Sowjetindustrie leidet nicht bloß an einem Mißverhältnis in der Entwicklung ihrer einzelnen Zweige, das aller Anstrengungen des Staatsplons spottet: die Entwicklung der Industrie überhaupt steht in einem Mißverhällnis zu der Entwicklung der Produktivkräfte des Landes. Die Bolschewiki haben Karl Marx' großes Wort von der revolutionären Klasse, die selbst die größte Pro- duktivkroft sei, falsch verstanden. Wenn wir sagten, daß der Fünfjahrplan an den Arbeitern zu scheitern beginnt, meinten wir zunächst das körperliche 11 n< vermögen der Arbeiter, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Das„entscheidende Jahr" des Fünfjahr- Plans ist das Jahr, in dem die physischen Kräfte des Proletariats mehr und mehr sich erschöpfen. Man hat mit Recht gesogt, daß alle Voraussagen über die weitere Entwicklung in Rußland vor allem deshalb so schwierig sind, weil ein Faktor nicht exakt bestimmt werden kann: das Maß der L e i d e n, die der russische Mensch ertragen kann. Die Lage im Kohlenbergbau, in der Metallindustrie, die ver- zweifelten Mittel, welche die herrschende Schicht anzuwenden beginnt, alles deutet daraufhin, daß dieses Maß erreicht ist. Das bedeutet natürlich nicht, daß die Industrialisierung nicht doch weitergeht. Aber von der Erfüllung des Fünfjahr„p l a n s" kann keine Rede mehr sein! Das mengenmäßige Gesamtziel wird nicht erreicht. Je weiter sich die Industrie entwickelt, desto tiefer wird die Klusk zwischen den Leitern der Industrie und den Arbeitern. Die alte Arbeiterschaft, das Proletariat, das unter dem Zarismus gekämpft hatte, das die Konterrevolution geschlagen hatte, das in seinen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen sich geschull hatte, dieses Proletariat stirbt aus. An der Werkbank stehen, in den Gruben arbeiten, das Traktorsteuer führen heute Arbeller, die noch vor ganz kurzer Zeit Bauern gewesen sind. Die Verwandlung des primitiven russischen Bauern in einen modernen Industriearbeiter, der U ebergang von der vorkapitalistischen Ar- beijsverfassung des Großgrundbesitzes zur kapitalistischen geht unendlich langsamer vor sich als die Bolschewiki es sich vorgestellt hatten. Wie in Indien oder in China ist auch in dem sich industriali- fierendcn Rußland die Arbeitsproduktivität in den neuen Fabriken. oerglichen mit der im Westen, niedrig, muß, der ganzen historischen Entwicklung entsprechend, niedrig sein. Selbst wenn der Plan ge- ändert würde, wenn die Akkumulation(Kapitalbildung) verlangsamt würde zugunsten einer erhöhten Lebenshallung der arbeitenden Massen— und diese Aenderung wird wohl erzwungen werden—. selbst dann müßte der Effekt der neuerrichtetea Betriebe geringer sein als wenn sie im Westen gebaut würden. Daß den Bauernmassen, die jetzt in die Fabriken strömen, die Schule des Kapitalismus fehll, zeigen die Ziffern der Planerfüllung. Dem Äussterben des alten Proletariats geht parallel die Ber- schärfung der Diktatur der Bolschewiki. Das„entscheidende" Jahr ist auch das Jahr des Prozesses gegen die angeblichen Menschewiki, der Terror wächst. Auch das alte Proletariat war nicht der alleinige Herr der Industrie. Doch mit der zunehmenden Vcrbäucrlichung des Proletariats bei dem Regime der Diktatur geht dem Proletariat die Gewalt über die Produktion immer mehr verloren. Dstiesenpleiie im Abzahlungsgefchäst Oer Einkaufs- und Abzahlungskonzern Adolf Kahn stellt die Zahlungen ein. Der Konzern Adolf Kahn in Berlin, der das A b z a h l u n g s- geschäft für Möbel und Textilien im großen betrieb und zu den führenden Unternehmen in diesem Geschäftszweig gehörte. ist z u s a m m e n g e b r o ch e n. Die Leitung des Unternehmens hat an die Gläubiger ein Rundschreiben gerichtet, daß die Firma ab 25. April ihre Zahlungen einstelle. Bei der Bedeutung, die diesem Konzern zukam, hat di« Er- klärung der Zahlungsunfähigkeit in den interessierten Kreisen des Einzelhandels und der Banken natürlich beträchtliches Aufsehen erregt. Das Unternehmen, das seinen Sitz in Berlin hat, besitzt Filialbetriebe größeren und kleineren Umfanges in zahlreichen Städten Deutschlands, besonders im Süden und Südwesten des Reiches. Unter anderem kontrolliert der Kahn-Konzern die Deutsche Bekleidungs-GmbH., die ihrerseits wieder in Breslau, Duisburg, sowie in Baden und Württemberg Filialen unterhält. In den letzten drei Jahren nun hat der Konzern seine Ausdehnungspolikik noch verstärkt. um seine Einkaufskraft und damit seine Konkurrenzfähigkeit zu stärken. Die Angliederung von Abzahlungsgeschäften in der Zeit absteigender Konjunktur hat sich jedoch als ein F e h l s ch l a g er- wiesen. So sind die Umsätze im letzten Jahr trotz der Vermehrung der Geschäfte von 8 auf 5 Millionen Mark, also umfast40Pro- zcnt gesunken und in den letzten Monaten des laufenden Jahres hat sich der Umsatzrllckgang in noch schärferer Form fort- gesetzt. Wesentlich zu dem Zusammenbruch hat aber auch die Cntwick- lung bei den Geldgebern des Unternehmens beigetragen. Die Adolf-Kahn-Gruppe arbeitete in erster Linie mit der Allgemeinen Betriebskredit GmbH., jener aus dem Zusammenbruch der Allge- meinen Frankfurter Versicherung bekannten Tochtergesellschaft dieses Vcrsicherungskonzerns. Wie es heißi, soll die Allgemeine Betriebs- kredit GmbH., die mit der Abwicklung bei der Hronkfurter Ver- sicherung beauftragt ist, Kreditzusagen nicht«ingehalten bzw. zu- rückgezogen haben, so daß sich die Finanzierungsmöglich- k e i t beim Kahn-Konzern erheblich verschlechterte. Dazu kam, daß der rapide Umsatzrückgang in den letzten Monaten auch andye Gläubiger zu Kreditrückziehungen oeranlaßt hat. Die Zurückhaltung de? Geldgeber auf der einen Seite und schlechte Zahlungseingänge der Schuldner auf der anderen Seite haben also bei den Schwierigkeiten des Kahn-Konzerns zusammen- gewirkt. Zweifellos aber hat auch der starke Konzernausbau der letzten Jahre nicht mehr die solide Linie innegehalten, die bei einem Unternehmen von der Art des Kahn-Konzerns unter allen Um- ständen erforderlich ist. Nach den bisherigen Meldungen belaufen sich die Passiven auf 5,5 Akillionen ZNark, wovon die Frankfurter Allgemeine Betriebskredit allein 3,8 Mil- lionen zu fordern hat. Einen verhältnismäßig geringen Betrag von 300 000 Mark hat die Diskontvereinigung des kreditgebenden Einzelhandels zu fordern, der im übrigen gedeckt sein soll. Ferner werden die Forderungen der Warengläubiger mit etwa 3,1 Mil- lionen angegeben. Demgegenüber stehen an Aktiven 5,5 Millionen Außenstände gegenüber, wobei allerdings noch nicht ersichtlich ist, inwieweit diese Forderungen eintreibbar sind. Außerdem sind noch über 1 Million an Warenvorräten und Grundstücke vor- Händen, deren Wert sich auf etwa 0,4 Millionen beläust. Angesichts dieser Lage wird damit zu rechnen sein, daß die Gläubiger auf einen Vergleich eingehen werden, der dem Unter- nehmen auf verkleinerter Basis ein Weiterarbeiten ermög- licht. Daran dürften auch die Warengläubiger interessiert sein, die bei einem Konkurs einen ihrer größten Kunden verlieren würden. Die A n g e st e l l t e n s ch a f t des Kahn-Konzerns setzte sich zuletzt noch aus fast 600 Personen zusammen. S proz. Continenial-Oividende Nur geringer Gewinnrückqang.— Gummifabrikate müssen billiger werden. Der Jahresabschluß der Continental-Gummiwerke in Hannover, des führenden Großuntörnehmens in der deut- schen Gummifabrikation, weist einen unwesentlichen Rückgang de» Geschäftsgewinnes von 24,3 auf 23,3 Millionen Mark auf. Nach Absetzung der Unkosten und Steuern, von denen letztere, von 8,2 auf 5,5 Millionen Mark erheblich zurückgegangen sind sowie nach reich- lichen Abschreibungen und Rückstellungen, die im einzelnen nicht erkennbar sind, wird ein Reingwinn von 3,64 gegen 4 Millionen Mark ausgewiesen. Hiervon werden 8 gegen 9 Prozent Dividende im Vorjahr ausgeschüttet: gegenüber 1928 liegt jedoch di«„Krisen"- dividende für 1930 noch um 1 Prozent höher. Di« Abschreibungen auf die Anlagen konnten diesmal verhältnismäßig niedrig gehalten werden, da nach Beendigung der Aufsaugeaktion im letzten Jahr fast 11 Millionen Mark Wert von den Anlagen heruntergeschrieben worden war. Wenn der Geschäftsbericht der Verwaltung darauf hinweist, daß das letzte Betriebsjahr durch die Schwankungen an den Gummi- und Baumwollmärkten ungünstig beeinflußt war, so vergißt die Direktion den Zusatz, daß auch durch das rapide Sinken der Roh- gummipreise schwere Sondcrprofite erzielt wurden. Kein Rohstoff hat— das führten wir erst vor wenigen Tagen aus— in seinem Preisstand derartige Verheerungen erlitten, wie der Gummi, der ollein vom Oktober 1930 bis Ende April 1931 um reichlich 30 Prozent gesunken ist. Seit 1925 sind di« Rohgummi- preise— wohl ein einzigartiger Preis st urzrekord— von 4,35 Mark auf 23 Pfennig je englisches Pfund, also um 95 Pro- zent, gefallen. Demgegenüber sind erst im letzten Jahr die Fertig- Warenpreise abgebaut worden, wesentlich jedoch nur die Preise für Auto- und Fahrradreifen um etwa 20 Prozent. ver Ilmsahrückgang wird wertmäßig mil 16 Prozent ange- geben, dürfte sich demnach also mengenmäßig höchstens um 9 bis 10 Prozent vermindert haben. Umsatzzahten werden nicht genannt, doch läßt sich aus Grund früherer Ziffern der Gesamtumsatz des Tontinental-Konzerns für 1930 auf etwa 160 Millionen� ZNark schätzen, wenn demgegenüber die Belegschaft von 17 000 bis auf 13 000 ZNann. also fast um 24 Prozent zurückge- gongen ist. so zeigt sich, daß die in den letzten Jahren bei Eonlinental durchgeführte Konzentration und Rationalisierung von Betrieben zu weiterer Steigerung der Absahlelstungen je Kopf geführt hak. Allein für 1930 lassen sich diese ZNehrleistungen der Arbeiterschaft auf 12 bis 15 Prozent schätzen. Die finanzielle Flüssigkeit hat sich infolge starken Dorratabboues von rund 18,3 auf 10,3 Millionen Mark noch erheblich oerstärkt. Den Schulden von 11,7 Millionen Mark stehen allein von 10,1 auf 16,3 Millionen Mark erhöhte Bantguthaben gegenüber, zu denen noch Forderungen von 27,2 Millionen Mark hinzutreten. Die flüssi- gen Betriebsmittel übersteigen insgesamt die Forderungen u m das Vierfache. Im laufenden Jahr haben sich die Umsätze auf dem Stande der letzten Monate von 1930 geholten, so daß sie im Hinblick auf die ab 1. Januar durchgeführten Preisermäßigungen mengenmäßig gestiegen find. Elektrifiziert England feine Eisenbahnen? Der von der Labourregierung eingesetzte Ausschuß zur Unter. suchung der Möglichkeit einer Elektrifizierung der gesamten eng- tischen Eisenbahnen hat di« Durchführung eines solchen Plane? empfohlen und man nimmt an, daß die Regierung diesen Empfehlungen folgen und Möglicherwey« die Elektrifizierung in Lcrbinoung mit der Verstaatlichung der Eisenbahnen durch- führen wird. Der Plan könnte in 15 Jahren realisiert werden. Man rechnet mit Gefamtkosten von 77,2 Milliarden M a r k. Rußland bestellt in Italien. Zwischen dem italienischen Korpo- ratwnsministerium und einer russischen Handelsabordnung sind Ver- Handlungen über einen neuen Wirtschaftsvertrag zwischen Italien und der Sowjetunion gepflogen worden. Wie verlautet, ist dieser Vertrag bereits unterzeichnet worden. Im wesentlichen soll er vor- sehen. daß die Sowjetunion in den nächsten sieben bis acht Monaten Bestellungen für etwa 3 50 Millionen Lire(7 7 Mil- lionen Mark) in Italien vergibt und die italienische Regierung für diese Summe die Sicherheit übernimmt. wenn ein Generaldirektor selbstherrlich handeln darf. Die Mühlenbauindustrie A.-G.(M i a g),«in«r der bekanntesten und rentabelsten Woschmenkonzerne Deutschlands, stellt ganz über- raschend für 1930 die Dividendenzahlung ein, nachdem in den vor- hergehe ndeil Jahren regelmäßig die hohe Dividende von 10 Prozent gezahlt wurde. Die Ursache dieser scharfen Maß- nahm« bildet die selbstherrliche Geschäftspolitik des früheren General- d-rettors Greffenius, der durch starke Beteiligung an betrieb-?- fremden Geschäften der Miag außerordentlich hohe Verpslich- tungen auferlegt hat. Den Aufsichtsrat. der dies« sellsamen ge- schäftlichen Privobinternehmen des leitenden Direktors nicht ton- trolliert hat. wie es fem« Pflicht war. trifft die Derantwortuna in vollem Umfange. Die Gesellschaft Hot bei dem jetzt veröffent- lichten Abi-yluß ein« Sonderrück st ellung auf sogenannte „gesellschastsfremde Perpflichtungen" vorgenommen, ein Beweis, daß es sich bei den Geschäften des Herrn Greffenius um M i l l i o n e n- betröge handelte. Färben vne-l Cnem. Reinigen seit 1869 Abholen un«> 2uttcll*r» hostanloa! fsrnr.iwcdcline Lassen Sie nur beim Fachmann chemisch reinigen und färben.— Sie ersparen Neuanschaffungen Pfingstaufträge rechtzeitig erbeten FILIALEN IN ALLEN STADTTEILEN. I Mans Skalier: �DCT COtlfei'ettCieV Dsr Beginn der Kabarettoorstcilung stand ossensichtlich un- mittelbar bevor. Der Zuschauerraum war soeben oerdunkelt, die, allerdings vorerst noch durch den Vorhang verdeckte Bühne soeben erhellt worden. Ein Gongschlag ertönte. In diesem Augenblick erhob sich iin Parkett ein cherr von seinem Stuhl, schritt auf die Bühne zu, erklomm die Stiege, die auf sie hinausführte, postierte sich in der Mitte und sagt«, in jenem leichten und mühctosen Plauderten, der guten Conferenciers zu eigen ist, das Folgende: „Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich weiß, daß Sie in diesem ausgezeichneten Kabarett schon manchen originellen Conferencier gehört haben, ab«r ich weiß auch, daß Sic noch niemals einen hörten, der sich in einer originelleren Lage befand, als ich mich befinde. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, die' Sie selbstverständlich und zu meinem Glück für eine Lüge halten werden: ich bin in diesem Kabarett gar nicht als Künstler engagiert, sondern ich bin ein stcllungSlloscr Artist, dem es sehr dreckig geht und der die Berufung zum Conferencier in sich sühlt, ohne bisher noch von jemandem gerufen worden zu fein. Sehen Sie, meine Herrschaft«», es ist immer mein Ehrgeiz gewesen, von dieser Stelle, auf der ich im Augenblick stehe, als honorierter Künst- ler zu Ihnen sprechen zu dürfen, aber leider ist es mir, dem Un- prominent«», trotz krampfhafter Versuche bislang nicht gelungen, bei dem Herrn Direktor vorgelassen zu werden. Es ist ja leider so. daß es in de» Kabaretts abends zwar fröhlich zugeht: man tut so, als hätte das Eheleben, die Politik od«r die allgemeine Pleite- Misere auch eine heitere Seite oder sogar ausschließlich eine heitere Seit«: aber in den Vormittagstunden geht«s naturgemäß dort genau so vernünftig zu wie anderswo. Der Direktor zankt sich mit den Mitarbeitern herum, setzt die Gagen herunter und weist vor allem Bewerber ab. Ich darf das ruhig sagen, ohne befürchten zu müssen, daß ich mich endgültig oekouvrier«. denn es ist ja üblich, daß in den Conferencen, mit deren Einverständnis natürlich, die Direktoren schlecht wegkommen. Das Publikum freut sich darüber, wenn über mächtige Männer hergezogen wird, und der Direktor freut sich, wenn sich in seinem Haufe das Publikum freut: so ist beiden geholfen. Was aber nun mein Unternehmen anbelangt, so habe ich die Direktion in«ine prekäre Lage gebracht Sie müssen sich jetzt vorstellen, daß hinter diesem Vorhang eine Anzahl ratloser und ehrlich bestürzter Herren stehen, denen der Humor gründlich vergangen ist und die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Es wäre ihnen natürlich möglich, mich einfach mit Gewalt von hier zu entfernen. Aber gewiß sogen si« sich, daß das an einer der über- mütigen Laune geweihten Stätte überaus sinnlos wäre, und sie erwägen wohl weiter, daß Sie, mein« Damen und Herren, die Szene, die sich ergeben würde, für einen einstudierten Trick halten würden, wie Sie ja gewiß meine ganze Rede für einen einstudierten Trick halten und um keinen Preis zu überzeugen sein werden, daß sie dos nicht ist. Ja, je mehr ich bekräftige, daß ich«in völlig un- programmäßiges Extempore bin, um so weniger werden Sic, ge- witzigt durch den Geistreichtum, mit dem in diesem Lokal Heber- raschungen geboten werden, mir Glauben schenken. Es bleibt d«n Herren hinter dem Vorhang also kaum etwas anderes übrig, als die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und ergeben abzu- wart«», was geschieht. Indessen, es wird nichts Besonderes ge- schehen. Ich wollte nur hier«inmal zu Wort kommen und da ich es auf normale Weise nicht erhalten konnte, nahm ich es mir durch einen Coup. Ich möchte dabei betonen, daß ich bei der Jnszenie- rung meines Planes s«hr behutsam zu Werke gegangen bin und daß ich die Herren dieses Hauses bitte, mir das zugute zu halten. Be- denken Sie, meine Damen und Herren, in welche Ungelegenhciten ein gewissenloserer Abenteurer als ich es bin, ein Kabarett zu bringen vermag. Da wird irgendein Sketsch gegeben. Plötzlich springt der H«rr aus dem Publikum auf die Bühne und schreit: „Halt, halt! Ich bin stellvertretender Schriftführer des Sittlichkeits- verein? und nehme an di«ser Szene Anstoß!" Den Schauspielern bleibt die Sprache weg. Aber ihre Verwahrungen nützen nichts. Es ergeht ihnen wie dem jungen Mann, der im Bade so ost den Ertrinkenden vorgetäuscht hat, daß kein Mensch auf s«ine Hilferufe hört, als er wirklich ertrinkt. Der Usurpator ist Herr der Szene. Kein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hat, kommt auf die wahnwigige Idee, daß ein stellvertretender Sittlichkeitsvereinsschrist- führer etwas anderes, denn eine legitime Erfindung des Kabarett- Programms ist. Der Herr aus dem Publikum kann schalten und walten nach Herzenslust. Es nützt nichts, wenn der Direktor er- scheint, es nützt nichts, wenn oer Vorhang gezogen wird, nicht ein- mal der echte Polizist wird«rnst genommen. Es vertreibt den fremden Herrn, wenn er nur sein« Rolle, eine Rolle zu spielen, geschickt genug spielt, nichts so leicht von der Szene und noch im schlechtesten Falle kommt er am nächsten Tage in die Zeitung, etwa unter der Ueberschrift:„Toller Str«ich im Kabarett, Köpenickiade eines stellungslosen Artisten." Und eben das hat der Herr aus dem Publikum ja gewollt. Uebrigens wird es selbst in diesem Falle noch gerissene Zeitungsleser geben, die vergnügt schmunzeln: Reklame- trick! Ich will also sagen, daß ich«in Freund der Rücksichtnahm« bin und den«in wenig aus dem Konzept gebrachten Herren Zeit zur Sammlung lasse. Es wäre bilamabel, wenn Kabarettisten dort, wo sie zu Hause sind, statt zu überraschen, sich überraschen ließen. Glücklicherweise gibt es einen Ausweg, von d«m ich annehme, daß er akzeptiert wird: Mein verehrter Kollege, der richtige Conferen- der, dirigiert seine oft bewunderte Schlagfertigkeit in der Richtung, daß er mein Zwischenspiel in seine Conference einbezieht und sich nnt mir derart in si« teilt, daß Si« am End« des Abends in Ihrer vielleicht inzwischen wankend gewordenen Meinung wieder gefestigt werden, ich sei tatsächlich nicht mehr und nicht weniger als eine Programmnummer Meine Damen und Herren,«s legt jetzt mein verehrter Kollege, der echte Conferencier, eine Genieprobe vor Ihnen ab...* Der Herr ging hinter den Vorgang. Dort stand der Dittklor und sagte zu ihm:„Merkwürdig, gestern, als das alles echt war und wir hier Blut schwitzten, hatte ich das G«fühl, daß dos Publi- tum die Geschichte l«gtcn Endes doch nur für Mache hielt. Aber heute, wo wir Ihr«n Trick in den Spielplan aufgenommen haben, bin ich überzeugt, daß das Publikum unbedingt an die Echtheit 'glaubt." PoUerkammer der primitiven Die Lippen-Negerinnen vom Tschodsee zeigen jetzt einmal den Berlinerinnen, was es wirklich heißt, für die Schönheit zu leiden. denn es ist wahrlich keine Kleinigkeit, die Unterlippe zur Aufnahme einer Holzscheibe von 20 bis 30 Zentimeter Durchmesser auszuweiten. Diese groteske Form der„Verzierung" stellt gewiß eine Re> kordleistung der Mode der Naturvölker dar und diese Sehenswürdig- keit hat zugleich den Vorzug der Seltenheit, denn der Lippenpflock verschwindet in Afrika immer mehr und wird nur noch von den Ureinwohnern mancher Gebiete getragen, die meist von kriegerischen Erobererstämmen unterdrückt sind, so daß diese Zierde, auf die man einst so stolz war, fast ein Kennzeichen der Schwäche und Unter- werfung geworden ist und daher von der Jugend verschmäht wird. Da die Mode des primitiven Menschen nicht so schnell wechselt wie bei uns und er sich überhaupt langsamer umbildet, so bevorzugt er weniger die leicht veränderlichen Schmuckformcn. wie Ringe, Ketten usw., sondern die dauernden Verzierungen, die seinen Leib selbst umgestalten und so zu einem unzerstörbaren Teil seiner Person werden, und für diese„Verschönerungsarbeiten" bieten sich die vor- springenden Teil« des Kopses, wie Lippen, Ohren, Nase, als bc- sonders geeignet dar. Der Pelcle oder Lippenpflock gehört also in eine ganze Gruppe solcher Schmuckformen und ist früher weit verbreitet gewesen. Bei den Eskimos tragen ihn nur die Männer, bei den Indianern Nordwestamerikas und bei vielen afrikanischen Stämmen nur die Frauen, und zwar galt dieses Ornament als Zeiche» der Reife, war den jungen Mädchen verboten und zugleich als Zeichen der Vornehmheit: je größer der Lippenpflock, desto vor- nehmer die Trägerin. Eine solche schwarze Dame, die etwas auf sich hält, würde ebensowenig ohne diesen Vorbau des Mundes auftreten wollen wie eine Europäerin ganz unbekleidet. In Afrika, wo die Modo des Pelele besonders heimisch war, wird er bald nur an der Oberlippe, bald nur an der Unterlippe, bald an beiden ge- tragen.„Der Lippenpflock", so beschreibt ihn der Reisende Lieder, „besteht aus einer runden, flachen, oft verzierten Scheibe aus Holz oder Ton, die in ein Loch der Lippe hineingezwängt wird. Durch da» Hineinpressen immer größerer Scheiben erreicht dies Loch oft eine ganz außerordentliche Größe und entstellt dann das Gesicht in widerwärtigster Weise. Bei alten Weibern, deren Lippenmusku- latur nicht mehr ausreicht, die Scheibe horizontal nach vorn zu halten, sieht das Pelele wie ein großes Schloß aus, das ihnen vor den Mund gelegt ist." Außer den Lippen sind es in erster Linie die Ohren, an deren Dehnbarkeit die ungeheuerlichsten Ansprüche gestellt werden. „Die Ohrläppchen," berichtet z. B Reichard von den Wanyamwesi, „werden schon in der Jugend mit einer Nadel oder einem Dorn durchbohrt: zunächst wird ein Faden hindurchgezogen, dann am dritten Tage ein feiner Strohhalm: diesem fügt man an jedem zweiten oder dritten Tag bei regelmäßigem Verlauf der 5zeilung einen weiteren Strohhalm hinzu, bis«in fingerdickes Bündel dieser Halme noch etwa Togen durch einen spundartigen Holzpflock ersetzt wird, der täglich durch Bast- oder Baumwollcnstoff verdickt wird, um die entstandene Oeffnung immer mehr zu erweitern. Ja, man steckt sogar den Hals eines Flaschenkürbis durch dos Loch und arbeitet so lange, bis man bequem eine sehr große Taschenuhr in der Oeffnung des mißhandelten Ohrläppchens unterbringen könnte. Der also Verzierte oder Verunzierte kann dann bequem das Ohr- läppchen über has Ohr ziehen. Andere«tämme. wie die auf Neu- Guinea, bevorzugen eine Vergrößerung des Ohres, bei der die Ohröffnung durch hineingepreßte Streifen elastischen Rohres kreis- förmig immer weiter ausgespannt wird. Bei anderen Naturvölkern durchbohrt man den Ohrrand und verziert ihn mit herabhängenden Perlenschnüren. Beim Nasenschmuck wird die Nasenscheidewand durchbohrt und allerlei Schmuck, wie silberne Ringe oder rotes Wollgarn mit daran hängenden Haifischzähnen, hindurchgezogen: die Durchbohrung der Nasenflügel, die dann zur Aufnahme von Ge- hängen dienen, ist bei den Hindufrauen die Regel, in Afrika nicht selten. Die Zähne bleiben ebenfalls von diesem Schmuckbetrieb nicht verschont. Entweder werden die Vorderzähne spitz gefeilt, wodurch wohl ein raubtierartiges, den Feind schreckendes Aussehen hervorgerufen werden soll: man seilt, wie im Malaiischen Archipek, die Vorderzähne kürzer, bringt in der mittleren Zahnreihe ein hohles Dreieck an oder schlägt gar einige Zähne ganz aus. In Afrika find diese Zahnverstümmelungen so verbreitet, daß man noch ihrer verschiedenen Gestaltung die Stämme in große Gruppen eingeteilt hat. Eine eigentümliche Schmuckform der Bewohner des sudanischen Wadais scheint auf einen medizinischen Eindruck zurück die sogenannte Dum-Frucht. d. h. eine durch fortwährende An- wendung von trockenen Schröpfköpfen entstandene Haut- erhöhung zwischen Ohren und Racken, die als Zeichen kriegerischen Sinnes und der Furchtlosigkeit gilt." Daß man sogar aus Schön- heitsgründen zur Umformung des Kopfes schritt, zeigt die S ch ä d e l- p l a st i k, die ihre wunderlichsten Blüten bei den alten Peruanern getrieben hat. Bei vielen Völkern, bei denen die Kinder in Wiegen mit harter Unterlage zu liegen pflegen, hat man beobachtet, daß sich der Kopf dem äußeren Druck anpaßt, und so benutzte man diese Erkenntnis dazu, um durch Festschnallen oder durch einengende Binden dem Schädel eine Form zu geben, die man für besonders anmutig hielt. Das Tätowieren, das ja auch vielfach bei den weißen Völkern Mode geworden ist, wird von den Primitiven z. T. noch viel intensiver betrieben: da gibt es die Knopf-Täto- wierung, bei der kleine Hautlappen losgetrennt werden, die dann nach der Heilung als Auswüchse in Form von Knöpfen oder kleinen Hahnenkämmen hervorragen, und die Rarben-Tätowiernng, bei der Wunden entstehen, die dann bisweilen farbig verschönte Erhöhungen hinterlassen. Die Entfernung der Haare ist ja in der Form des Rasierens auch bei uns allgemein verbreitet, aber der Naturmensch geht manchmal darin viel weiter und unter- wirft sich richtigen Folterungen, um die Haut ganz glatt erscheinen zu lassen. Spinnen auf&ifchfang Daß Fische viele Feinde auch unter den Insekten, besonders Wasserkäfern, habe», ist ebenso bekannt wie die Tatsache, daß ameri- kanische Riesenspinnen Vögel angreifen. Jetzt berichtet der ameri- kanische Forscher E. W. Gudger in einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift über beglaubigte Fälle, in denen Spinnen als Fischräuber festgestellt wurden. Schon vor vielen Jahren wurde ein solcher Fall von Prosessor E.T. Spring in New Jersey beobachtet. Spring sah, wie von einem Deich aus eine gerandete Jagdspinne von 18 Millimeter Länge einen Fisch von 81 Millimeter Länge in der Nähe der Rückenflosse biß. Der Fisch, wohl eine Elritze, schwamm mit ihr auf dem Rücken im Kreis herum, tonnte sie aber nicht los werden. Nach 6 bis 8 Minuten hatte die Spinne den sich kaum mehr wehren- den Fisch fast ganz ans Land gezogen. Der Naturforscher brachke die beiden Tiere in ein weithalsiges Glasgefäß, wo sich der Fisch am Boden des Gefäßes unter Wasser aufhielt, die Spinne darüber schwimmend Wache hielt. Nach drei Stunden war aber die Spinne tot, der Fisch starb erst am nächsten Tage. Ein anderer Gelehrter berichtet, wie sich eine Spinne von einem Baum auf einen Clritzcnschwarm ins Wasser fallen ließ, einen Fssch ergriff, ihn auch beim Tauchen nicht losließ, bis er an ihrem Gift starb und auf dem Rücken an der Oberfläche schwamm. Der Besitzer von Goldfischen, die im Zimmer In einem Glas schwammen, sah, wie beide von einer Spinne gestochen wurden. Er verjagte sie zwar, doch starben beide. Ein ähnlicher Fall ereignete sich 1SZ7 im Aquarium von San Franziska, wo aus einem gemauerten Bassin über Nacht Sonncnfischchen verschwanden, deren vertrocknete Leichen man später in der Nähe auf dem Boden fand. Auch hier hatte sich eine Wolfsspinne von einem nahen Bäumchen in das Becken hinuntergelassen und die Fische herausgeholt. In Argentinien wuroe eine Spinne der Art Diapontia gesehen, die in einem Tümpel ein Netz spann, das teilweise unter das Wasser tauchte, worin sich Kaul- quappen versingen. Die leeren Häute der Opfer waren rings um das Netz verstreut. Daß Spinnen auch Frösche, Schlangen, Eidechsen, Mäuse und Rotten angreisen, ist nichts Ungewöhnliches. Im Jahre 1025 sah ein Naturforscher, wie es einer Spinne gelang, einen sich lebhaft sträubenden Fisch auf ein in der Mitte eines Tümpels schwimmendes Blatt zu ziehen, nachdem er allmählich durch ihr Gift gelähmt war. Sic ließ erst los, als der Zuschauer mit einem Stock nach ihr schlug. Sie gelangte ans Land, wo er sie tötete. Jn�diesem Zusammenhang sei noch daran erinnert, daß auch Katzen wiederholt als Fischräuber beobachtet wurden, Wildkatzen, wie der Jaguar, Ozelot, Luchs, und besonders die in Indien heimische fischende oder Tüpfelkatzc, ober auch Hauskatzen, die an flachen Ufern lagern, bis sie einen Fisch durch ein rasches Zupacken mit den Krallen ergreisen könne». Am Meeresstrand sah man einst eine große Schar von hungrigen, von Sommergästen zurückgelassenen Kotzen, die die kleinen von großen Fischen ans Land getriebenen Fische herausholten. Der pünttlichc Vulkan. Im Hafen von Acajutia in Salvador gibt es einen Vulkan, der vollständig als Leuchtturm dicnl. Mit größter Regelmäßigkeit speit er olle 7 Minuten leuchtende Lava- ZZT T Z>\[™'"'°'Z n.iwen i!m°ru- zurück- massen aus, die bei Tage als Rauchwolken die Schiffer orientieren. zugehen.„Die Hauptz, erde des Mannes/ erzahlt Nachtigal,„ist be. Nacht als unfehlbares Blinkfeuer wirken. Jrran Jieilbut: 3)er&rüMmg dauert einenftag g Nach dem Kalender dauert er drei Monate lang, aber sür unsere Empfindung ist er nach einigen Tagen oorb«i. Er ist kurz wie die Liebe— j«ne Liebe, die eine große Sättigung will» Aber es ist nicht seine Schuld. Warum vermögen wir seinen leichten weichen Schritt nicht länger als nur wenige Tage zu hören, seinen Atom nicht länger als über di« erst«» Stunden hinaus zu riechen? Ja, um aufrichtig zu sein— der Frühling währt einen einzig«» Tag. Am zweiten ist er bereits ein gewohntes Gefühl. An einem Morgen, der, wenn man ihn genau besehen hätte, sich von keinem vorhergehend«» Morgen unterschied, merkte ich beim ersten Aug«naufschlag, daß«twa? los war. Regungslos aufgerichtet saß ich im Bett. Etwas Gefährliches, gleichsam brenzlich Riechen- d«s war in der Atmosphäre. Ich lauschte. Unten auf der Straße der zirpend« Klang sich nähernder Sohlen. Sonst kein Laut in der Welt. Ein sonniges Bergnügtsiin umzittertc die Fenstcrvor- hänge. und als ich, aus dem B«tt gesprungen, sie zur Seite schob, sah ich, daß der Himmel fleckenlos blau von der Farbe eines hell- b, lauen Bademantels war. Die Landschaft— Laubenkolonie», die «in Weg durchschneidet— war von einem Kribbeln besessen. Sie hatte offenbar süße Morgenträume. Nach dem Kalender hätte ich wissen müssen, was diese Ver- ändcrung in der Natur zu bedeut«» hatte. Aber der Frühling kommt, wie die Liebe, immer überraschend. Er kommt wie eine Braut, hie man am Anhalter Bahnhof erwartet, und dann noch eine Stunde lang auf dem Bahnsteig... und da hast du sie plötzlich in d«in«n Armen und du bist ganz und gor überrascht. Warum wohl? Nur, weil du sie in den Armen hast. Und mit«inemmal hatte ich begriffen, was los war. Ich warf die Hand in die Luft und schrie: „Der Frühling ist da!" Es war, als hätte die Welt nur auf diesen Ausruf gewartet. Auf dem Wege zwischen den Laubenkolonien hebt«in noch nie ge- sehencs Leben an. Di« Hunde, die das Glück haben, in der äugen- blicklichen Mode zu sein, rennen mit stolzen Fahnen, die T«rriers machen sich an die Dackel heran: Windhund«, mit unvermutet komischen Hochsprüngon der Hinterbeine, fegen aus irgendeinem Grund», den außer ihnen niemand weiß, wegauf, wegab, wenn ein« rennende Dame das ihr gehörige versteuerte vierbeinige Stück Leben zu sangen sucht, um es an die Leine zu fesseln, so fällt sie dem Gelächter der interessierten Zuschauer anheim. Es sieht gerad« so aus, als hätte sie die Absicht, den Frühsing persönlich an die Leine zu legen. Aelter« Herr«» ziehen den süßen Wind mit Bedacht durch die Luströhre«in. sie konstatieren mit Wohlbehagen, daß sie noch jung sind und noch genießen können wie in sämtlichen Vorjahrm: wenn sie, auf ihre Handstockkrücke im Kreuz gestützt, umgewendet stehen, um einem hochbeinigen Mädchen nachzublicken, haben sie einen frommen Ausdruck in d«n Augen, der mich rührt. Ein leopardiges Kätzchen sonnt sich, halb in der Hecke versteckt. Die Frauen schieben mit Kinderwagen an ihm vorüber, die Wägelchen fahren gern zu zweien nebeneinander— aber die Säuglinge liegen einsam darin: während ihre erwachsenen Brüder vor dem Mann mit der selbst- gefertigten Geige verweilen, die an ihrem unteren Ende in ein« Art von Grammophontrichter, zivecks Lautverstärkung, ausläuft. Der Geiger, d«r fein Instrument wie ein Violoncello handhobt, spielt „Au» der Jugendzeit", man möchte ihm«inen Taler schenken, um ihn zum Aufhören zu bewegen: seine Fingerspitzen treffen immer um Millimeterbreite neben de» gesuchte» Ton. Eben zieht seine Konkurrenz, zwei Musikanten mit Drehorgel und Handtrommel, vorüber; ein Junge, der eine Konservendose mit dem Fuß vor sich hertreibt, folgt ihnen, um bei jedem Ständchen dabei zu sein. Der Weg ist ooll«r diskutierender Leute, die sämtlich mit der Frage bc- schäftigt sind, ob das Glück dieses warmen Windes beständig oder nur vorübergehend und Täuschung sei. Ein seltsames Einverstand- nis beherrscht alle Lebewesen— ohne daß sie etwas dafür können, sind sie liebenswürdiger, weil licbebedürftiger, Verbindung suchend mit dem Blick, geradezu kosmisch verbunden in der Empsindui'g. Und ein« jung« Frau lächelt mich an— und die dämliche lieber- legung, ob dies Lächeln mir persönlich oder dem Frühling in: all- gemeinen gelte— verpatzt mir die niemals wiederkehrende Ge- lcgenheit, ihr zur Antwort in die veilchenblauen Auge» zu lächeln. Drei Jahre GAI Arkonaplatz. 'Unscre Sozicilistisck)e Arbeiter-Iugend versteht e?. Fest« zu feiern. Ein buntes, sarbenreiches Bild: der Saal und die Bühne im Gcsellschaftshaus, Swine münder Straße, rot dekoriert, mit Aufrufen geschmückt, in blauen Kitteln Knaben und Mädchen. Kinderfreunde und Rote Falken, jugendliche Genossinnen und Ge- nassen. Alles ist voll gespannter Erwartung. Dann verdunkelt sich der Saal, aus dem Hintergrunde ertönt ein Trompetensolo: die Int er- nationale. Plötzlich stehen auf der Bühne zwei Reihen hoch- gewachsener, elastischer Menschen in stahlgrauen Gewändern, die in vorzüglichem Gymnastikspiel und als ausgezeichnet« Sprecher ihre markanten Vers« den Hörern entgegenschlcudcrn. Es sind die R o t e ti Rebellen, eine Kampfgruppe der Ardeiterjugend, die mit ihren Borträgen sehr begehrt ist.„So lange wir jung sind, ist unser die Welt!" ertönt es aus dem Vorspruch eines Jugend- genossen der Gruppe. Dann folgen Chöre und Lieder. Eine Gc- nossin tritt aus dem Kreis der Sänger und hält eine kurze, ein- drucksoolle Ansprache. In schneller Folge wechseln nun die Dar- bietungen der eigenen Genossen mit denen der Roten Rebellen. Manche gewagte Satire auf Justiz, Bonzentum, auf Faschismus und Moskowismus erschüttern die Lachmuskeln. Vor Schluß des ersten Teiles werben die Roten Rebellen noch einmal in sympathischer Form für das„Rote Buch", für die Aus- gaben unseres Partcioerlages. Mit leuchtenden Augen laufen die Jungen und Mädels herum, sie haben es sich nicht träumen lassen, daß ihr Fest cpr so glänzendes werden würde. Sehr instruktiv und gut arrangiert war auch die kleine A u s st e l l u n g, die über die Tntwicklung der Gruppe und über ihre Arbeiten in den Jugend- stunden in Bildern und Statistiken Aufschluß gab. Allgemeine Wetterlage. Im ganzen Deutschen Reich herrschte am Montag veränder- liches Weiter. Oestlich der Elbe war es verhältnismäßig warm, die höchsten Temperaturen wurden in Ostpreußen mit bis zu 20 Grad erreicht. Niederschläge sind fast im ganzen Reiche gefallen und all- gemein in Schauerform, die stärksten Regenmengen wurden aus den Küstengebieten gemeldet, wo es auch stellenweise zu Gewitter- bildung kam. Unser Bezirk liegt zur Zeit im Bereich eines Tief- druckgebietes, das sich von der Nordsee über ganz Deutschland er- streckt und sich langsam oerflacht. Die von Westen her vordringen- den kühleren und feuchteren Luftmassen werden ihren Weg von der Elbe nach Osten zu fortsetzen. Wir haben demzufolge für die nächsten beiden Tage mit kühlerem und wolkigem Wetter zu rechnen, dabei werden noch einzelne Schauer auftreten. Wetleraussichlen für Berlin. Kühler, meist wolkig, vereinzelt Schauer.— Für Deutschland. Ueberall wolkig mit leichten Schauern. In der östlichen Hälfte Abkühlung, im übrigen Reiche Tempera- turen wenig verändert. Aus der Partei. Hermann Srdijfer. Im Alter von 69 Jahren verstarb in Zwickau Genosse Hermann Krasser, der 25 Lahre lang Redakteur an dem dortigen Parteiorgan war und zahlreiche Vertrauensämter innerhalb der Partei, der Gcwerkschafts- und Krankenkassenbewegung innehatte. Krasser war in den letzten Jahren auch Stadtverordnetenvorstcher. In ihm verliert die örtliche Parteibewegung einen anerkannten Führer. Die Organisation Wien ist, wie der Vorstand auf der Jahres- konferenz berichtete, in dem furchtbaren Krisenjahr von 267 126 nur aus 262 888 männliche Mitglieder zurückgegangen, aber die Zahl der weiblichen Mitglieder von ISO 030 auf 152 282 gestiegen. Die Frauen stellen bereits 36,7 Proz. der Organisation. Da auch der geringe Rückgang der männlichen Mitglieder keineswegs in ganz Wien zu verzeichnen ist, mehrere stark proletarisch« Bezirke vielmehr eine Steigerung ausweisen, dürften unter den Ursachen des Rückgangs auch Arbeitssehler einzelner Untergruppen sein, denen man nach- forschen wird. Gemessen an der Nationalratswahl in, November 1930 sind 59 Proz. der sozialdemokratischen Wähler Mitglieder der Partei, von den inäwnlichen Wählern sogar 81,1 Proz. und von den Wählerinnen 40,1 Proz. Das Bildungswesen der Orgaiiisation hat Schallplatten und Schmalfilme in seinen Dienst gestellt: seine Büchereien haben im Jahre 1930 nicht weniger als 2 027 649 Bände verlieben, um 317 654 mehr als ini Jahre vorher und 11,8 Proz. davon find gesellschasls- oder naturwissenschaftlichen Inhalts, worauf die 800 Funktionäre der Arbeiterbüchcreicn wohl stolz sein können. Von den 415 710 Mitgliedern entfallen 232 846 auf die manuellen Arbeiter(einschließlich 7710 Hausoehilfinnen, 3207 Hausbesorgern, 9272 Sozialrentnern), 49170 auf die Privatangestelltcn, 35 558 auf öffentliche Angestellte(einschließlich 2869 Lehrern und 3978 Heeres-, Polizei- und"Gcndarmeriepcrsonen), 17 875 Gewerbetreibende und Kausleutc und 6319� Angehörige der Intelligenz(Aerzte, Rechts- anwälte, Künstler. Studenten usw.). Von den 152 282 weiblichen Parteimitgliedern sind 66 693 nur im Haushalt tätig, die über- wiegende Mehrheit sind erwerbstätig. Dos Mitgliedsbuch des Genossen Hans Koschitzki, Dentist, Berlin-Wilmersdorf, Sigmaringcr Siraße 24, ist gestohlen worden. — Sollte es irgendwo als Ausweis benutzt werden, dann ist es an- zuhalten und der Vorzeiger festzustellen. I. A.: Alex Pagels. * Beginn aller Veranstaltungen 19% Uhr, sofern keine besondere Zeitangabe! heule. Dienstag, 28. April. 13.#«i«. Cnflcwr Vorstand eine bolbe Stunde vor Beginn der Mitglieder- Versammlung im gleichen Lokal. Morgen, Mittwoch, 29. April. Z. A rci«. Sitnmq der Mo Kommission und des Blldungsausfchuffeo bei Rdltel, BiiUidirt. II). 4. und 5. Aeeift. Cdencralvrobe jur Maifeier im Gartensaol des Saalbau ffriedrichadoin Um IS wir Kiuderfrcundc mir Helfer, um 20 wr die Iugendaruvven der beiden Kreise. Ii. Keeift. 19 Uhr Generalprobe aller Mitmirkenden nur Maifeier in der »Neuen Welt". ». Abt..Zalil- und Diskutierabend. 1. Kahlabrud bei Hikbner, Wilsnockrr Strano»4. 2..Zablabend bei Kaber. Stepbonftr. 11. 28. Abt. 20 Udr. Jüngere Barteigenossen. Ausspracheabend bei Borteidt, Witrttier Str. 19. 34. Abt. Jüngere Parteigenofsen. Ausspracheabend im Lokal Neumonn. Hu- bener Str. 47. 7». Abt. Mitglieberversaminlima im Gefellschaftshans des Weyens, Haupi- strafte 30—31. Hermann Harnisch, M. d. L.:.FSettroirtschaftstrise und Arbettslosigkeit". 82. Abt. 20 Udr bei Echelfbafe. Ahornstr. 15a. Mitglied erverfanunU, na. Be- richt Wer den Bezirksparteitag. Referat Kurt Heinitz M. b. 3t-:»Der üleichs Parteitag in Leipzig". J5. Abt. Ig?i Uhr Arbeitskreis junger unä» neuer Ngetretrner Barte imitq fieder in der Schule Zteukvlln, Sopfftrafte. IM. Abt. 20 Uhr bei Tliomalla, Berliner Str. SS, FlmktionSrfitnina. Donnerslag. 30. April. 13. ftpeift. Beftchtigung de, Konfumbeteiebes in Tempolhof, GevmaniaiU. 48. Treffpunkt 91» Uhr vor dem Bäckereigebände. Küheee: Genofle Hiebt. 19. kreis. BilduiiqsausfchuftmitgNeder 20 Uhr im Bürgerpart lBetr.: Bankorv, Niederfchönhaufen. Heinersborf). Anmefend auch die Vertreter der ..Kindevfrenitde", der.SAZ.", der„Kreien Turnerschaft", de»„Reichsbanners". Uebuna für die Maifeier. Irau�iveranstallung. 137. Abt. Heute. Dienstag, 28. April, is'h wr, Werbeveva»ftaltung im Lokal Seele, Berliner Str. 7S(am Kremmenev Bahnhof). Borfüheima der Licht. bildferie:»Im Westen nichts Neues". Ansprache: Ernst Nemnann. G» sang. Rezitationen. Arbeilsgemeinschaft der hinderfreunde Groß-Berlin. streift ReukAl». Tingekreis. Morgen, Mittwoch, Brobe znr Maifeier um 17 Uhr in der Schule Donaustr. 126. Anschlieftend um 19 Uhr Probe in der »Neuen Welt". Unsere Maiseier am Kreitag im Saaibau Berqstr. 147 beginnt nicht um 9 Uhr. sondern bereits um 8 Uhr.— Voranzeige! Helferkreis. Unsere Selkersiftnn« findet am Eonnabend, dem 2. Mai, 1014 Uhr, im Heim Stein- nreftftr. 114. statt.— Gruppe Kalke. Alle Kalten miliTen heute zur Gruppe kommen. Probe für die Keier mit der SAZ. Am Mittwoch Eltcrnversanmi- lirng. Referat:.Lngiene In Her Erziechung". Wichttq» oegantsatorische De, sprechun».— Gruppe Bouuolk. Elternoersannnluug Mittwoch, 21 Uhr, in de« Schule Lefsmaltrafte.— Gruppe Quelle. Morgen. Mittwoch, 20 wr. Schul: Mariendorser Weg, findet unsere Elternoersamniluna statt. Bezirk Kricdrichshaiu. Heute sind olle Roten Kalken und Zungfalken INN 18 Uhr im Jugendheim Tiisitcr Str. 4 zum ersten Gruppenabend der Gruppe Petersburger Platz. Wimpel mitbringen. Sämtliche Gruppenabende fallen aus. Mittwoch. 18 Uhr. Generalprobe für den 1, Mai im Gartcmaal des Saalbau Kriedrichsbain. Die Gruppen treffen fich 1714 wr an ihren Treffpläften. Donnerstag, 19' 2 Uhr, Kreiseltcrmpersammlnnq im Jugendheim Litauer Strafte 18. Thema:„Was erwartet die sozialistische Zugend von den Lehrern?" Referent: Rettor Grnfch. Krcitoq. l. Mai. Alle Gruppen müssen spätestens lölf, Uhr im Saaibau Kriedrichsbain fein.— Gruppe Petersburger Plaft. Erster Gruppenabend der neuen Gruppe beute, 18 Uhr, Jugendheim TUfltrr Strafte 4. Alle Eltern der 36. Abteilun« werden gebeten, mit ihren stindern zu erscheinen. Zelllagerhelser! Erste Zusaimncnkunst Mittwoch, 20. April, 21 Uhr, Ge- schästsstelle Lindenstr. 3. M-ijugendtag! Am Sonntag, dem 3. Mai. Bolkspark Rehberge, Pflicht. beteiligung ollcr Gruppe». Treffen 1314 Uhr Volksport Rehberge, Lagerwiefe 19 (stinderfreundilronsporent). Kahrverbinbung: U-Bah» Seestrafte(Weg zehn Minuten): S-Bahn Wedding(Weg 25 Minuten): Stoftenbahn 25, 27, 28, 128, 68 und 168. Unsere Mitwirtünq: 14 Uhr Einmarsch der Jugend in das Stadion, 17.20 Uhr 10 mal S0-Meter.Stafette der Kinderircunde. Stafettenmelduna zehn Rote Kalken, ein Helfer sofort an die Keutrale. 18 Uhr Schluftknudgebnng mit unserem Sing- und Sprechchor:»Unser die Sonne, unser die Erde". streift Prenzlauer Berg. Die stinderfreundeausstellimg befindet sich vom 2. bis 6. Mar im Brzirlsamt Prenzlauer Berg und ist täglich von 16 bis etwa 20 Uhr geöffnet. Sorgt für Massenbesuch. strris streuzberq. Die Sprechstunde der streisleitung fällt heute ans. Di: Gruppen treffen sich morgen, Mittwoch, 11% Uhr, znr Geiicralflfobc vor der »Neuen Welt". i Kunktionärkonteeenz Donnerstag. 90. April. 19'.: Uhr, in der Schuiaula stochstr. 13. Thema:»Gegcnwartsanfaoben der proletarischen Jugend". Refe- rcnl: Dr. Karl Schroeder. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. henke, Dienstag. 1914 Uhr: Arkomaplati: Elifabethkirchstr. 19. Einfiihrungsabend.— Gewerlfchaflshaus: Köpenickrr Str. 92.„Das Neueste vom Neuen."— Kölluifcher Barl: Warfen. strafte 18.„Der stamvt um den 1. Mai."— Oranienburger Tor: Trcckftr. 18. Mitgliederversammlung.— Rosenthaler Vorstadt: Elisabethtirchstr. t9. Hose- mann kommt!— Zentrum: Landsberger Str. 50.„Die Geschichte der drutscherr Republik."— Beuuneuplatz: Wicseustraftc.„Unsere Ausgabe als Arberter- jngend."— Gesundbrunnen I: Eotenburger Str. 2.„Soziolversiä,eruna."— Lochvlaft: Ecrichtstrafte.„Der 1. Mar als Kampftag der Arbeiterschaft."— Leopoldplaft: Utrcchter Strafte. Maifeier.— Schillerpaick: Schöninastr. 17. »Der 1. Mai als Weltfeiertag."— Weddin«: Willdenowitr. 5.„Der Stift im Betrieb."— Wedbing-Rord: Willdenowstr. 5.»Der 1. Mar als Weltfeiertag der Arbeiterschaft."— Aenimptaft: Sonnerrburger Str. 20.„Unsere Korderungcn zum l. Mai."— Arn-roaldee Plan I: Rastenburger Str. 16.»Der indisch: Kreibeitskampf."— Ballon: Mandelstr. 2.„Arberterjugond und Arbeitsdienst. Pflicht."— Kalkplan ll: Sonnenburger Str. 20. Kunktionärfitrung.— Selm- dolnplan: Donziger Slr. 62, B. 2. Tagespolitik.— Humannpian: Gleim. straft: 35.»Unsere Zugendschutzwrderungen."— Nordosten I: Danziqcr Str. 62, B. 3.„Einfithrnnq in die Wirtschaftsgeschichte". II. Teil.— Hallcicheft Torr Zlorckstr. 11. Kerrensahrer, 19 Uhr Besprechung.— Kaseuheide: Wassert» r- ftrafte 9. Einführnngsabend.—«öpenicker Biertel: Wvangelstr. 128..Ho:»- munolpolitik."— Reichenberger Biertel: Britzer Str. 30.„Soziale Wirtschafis- thcorie", ll. Teil.— Süden: Porckftr. 11, Zimmer 5.„Die Bedeutung des 1. Mar."— SAnveste»: Lindenstr. 4.„Kreidenkerhewegring."— Schöne- bei« M: Sauptstr. 15.„Politische Umschau."— Schöneberg V: Houptstr. 15. „Sexuelle Kragen."— Eharlottenburg(Jüngere)? Rosine nstr. 4..iZugrirdtur. sorge."— Eharlottenburg. SLd: Wallsir. 78.»Dos Volksbegehren."— Steg. lttz I: Alb rechtste. 47. Tagespolitik.— Lichterseide: Albrechtstr. 14 a.»Der 1. Mai."— Reu-Tempelhos: Winigensstrafte.„Strafe."— Britz:° 0,54 5IftI,dd and lelchtTerderWiek« Fische Kabeljau gt,oJu 0,1 2 Seelachs gt.,«.K,i.K..Pf