BERLIN Montag 18. Mai 1931 Der Abend erfcheint täglich außer Sonntags. Bugleich Abendausgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 W. pro Woche, 3,60. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW68, Lindenstr.3 Fernsprecher: Donhoff 292-297 Spalausgabe des„ Vorwärts" 10 Pt. Nr. 227 B114 48. Jahrgang Anzeigenprets: Die einfpaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Voßtfcheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b... Berlin Nr. 37 536. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Die Wahl von Oldenburg Das Bürgertum wirft sich dem Rechtsradikalismus in die Arme Oldenburg, 18. Mai.( Eigenbericht.) In einem ungewöhnlich heftigen Wahlkampf wurde am Sonntag Im Freiffaat Oldenburg die Wahl des Landtags durchgeführt. Sie ist im ganzen Lande ruhig verlaufen. Das Ergebnis der Wahl stellt fich im Lande Oldenburg und den beiden Landesteilen Birkenfeld und Lubed ziffernmäßig wie folgt: Landtagswahl Reichstagswahl Landtagswahl 17. Mai 31 14. Sept. 30 20. Mai 28 65847 Sozialdemokratische Partei. 57 536 66 643 Kommunisten 19 389 13 965 8.360 Wirtschaftspartei 4500 10 027 11 747 Nationalsozialisten. 101 490 76210 17444 Staatspartei( Demokraten). 8.983 13 607 24746 Deutsche Bolkspartei*). 5796 13 424) Deutschnationale*) 13.529 14206) Landvoltpartei. 5427 12 749 3 006 46245 . T Christl. foz. Bollsdienst Zentrumspartei. 3 065 47 729 41 213 75 Prozent Lohnabbau! Das Jdeal der Landbundagrarier Güffrom, 18. Mai.( Eigenbericht.) In der Jahreshauptversammlung des Landbundes für Medlen burg- Schwerin führte Reichslandbundpräsident Graf Kaltreuth u. a. aus: Reichsregierung zurückziehen würde, und daß dann auch die Land voltpartei der Regierung Brüning das Mißtrauen ausfprechen würde. In einem Schlußwort richtete der Vorsitzende des Landbundes Ein Kernstüd der gegenwärtigen Agrarpolitik sei die Frage der Mecklenburg- Schwerin, der Landvolkabgeordnete Wendt Einführung eines Butterzolles. Auch bei seinem letzten Berhausen folgende bemerkenswerten Worte an die Versammlung, such, diesen Zoll einzuführen, habe sich Minister Schiele gegen eine wirtschaftliche Gesundung setze eine politische unmittelbar vorüber seinen Kollegen Curtius und Stegerwald nicht durchsetzen aus. Es werde sich entscheiden müssen, ob die politische Gesundung fönnen. Man habe ihn bis nach Genf vertröstet. Gelinge nur durch den Stimmzettel oder auf anderen Wegen zu ereichen sei. es Schiele, nach der Genfer Konferenz einen Butterzoll von 100 Mark Es müßten, wenn in Deutschland eine wirtschaftliche Gesundung zu bekommen, dann habe die nationale Landwirtschaft einen Sieg fommen follte, mit einem Schlage und zu gleicher Zeit alle Löhne erfochten. Gelinge das aber nicht, dann sei er der Auffassung, daß und Gehälter jämtlicher Beamten, Angeffellten und Arbeiter der bewiesen sei, mas bisher zweifelhaft mar, Staats- und Privatbetriebe um 25 Proz. einheitlich gejenti werden.( 3urufe aus der Bersammlung: 75 Pro3.!) daß nämlich mit dem heutigen Kabinett eine Politit zum Schuße der deutschen Landwirtschaft nicht getrieben werden könne. 19 432 1 332 39 670 *) Diese beiben Parteien bildeten im bisherigen Landtage den Landesblod". Aus diesen Ziffern ergibt sich, daß Nationalsozialisten und kommunisten im Berhältnis zur Reichstagswahl noch einen Stimmenzuwachs erhielten. Dagegen wurden im November 1930 ernst noch im Lande Oldenburg Stadtratswahlen durchgeführt. 1930 erst noch im Lande Oldenburg Stadtratswahlen, wie Olden- Mit einer Spize gegen den Bollunionsgedanten erklärte der Redner, burg, Delmenhorst, Barel und Rüftringen, die Sozialdemokratie die im November erlittenen Stimmenverlufte wieder ganz oder zum Teil aufholte. In Rüftringen erhielt fie jetzt 12 453 Stimmen gegen 10 762 bei den Gemeindewahlen und behielt damit die in dieser Stadt bisher immer gehabte absolute Mehrheit gegenüber allen bürgerlichen Stimmen, im Stadt Oldenburg erhielt fie gestern 5862 Stimmen gegenüber 4520 bei den Gemeindewahlen. Die Mandatsverteilung. Der neue Landtag wird sich wie folgt zusammensetzen: Sozialbemotraten 11 Mandate( bisher 15), Zentrum 9( 9), Staatspartei 1( 5), Boltspartei 2( 5), Landvolt 1( 4), Rommunisten 3( 1), Deutschnationale 2( 4), Nationalsozialisten 19( 3). Die Wahlen in Oldenburg haben gezeigt, daß die Tendenz zur Radikalisierung noch feineswegs am Ende ist. Die Nationalsozia= listen haben rund 25 000 Stimmen gewonnen, die Kommunisten rund 5500 Stimmen. Nationalsozialisten, Kommunisten und Deutschnationale haben zusammen beinahe die Hälfte der Wählerstimmen nationale haben zusammen beinahe die Hälfte der Wählerstimmen erhalten. Gewiß tommt in diesem Wahlergebnis die besondere wirtschaftliche und soziale Struktur des Landes zum Ausdruck. Das vor. wiegend agrarische Land hat sich von seinen bisherigen agrarischen Interessenvertretern sehr entschieden abgewandt. Die Staatspartei, die einst in Oldenburg eine sehr starte Pofition in den Dörfern hatte, hat seit 1928 zwei Drittel ihres gesamten Bestandes eingebüßt. Seit der letzten Reichstagswahl verliert sie 4600 Stimmen. Aber auch das Landvolt hat gleiche Verluste zu ver= zeichnen. Es ist von 12 700 auf 5400 Stimmen zurückgegangen, das find 7300 Stimmen Verlust. Beide Parteien konnten bisher in Oldenburg als Vertreter der bäuerlichen Interessen angesehen werden, nun hat sich die agrarische Bevölkerung von ihnen ab- und den Rationalfozialisten zugewandt. Namentlich im Stimmverlust des Landvolks tommt die Reaktion auf die Schielesche Agrarpolitit zum Ausdrud, die Empörung der bäuerlichen Intereffen darüber, daß sie trotz aller Versprechungen hinter den großagrarischen Getreideintereffen zurücstehen müssen. Das Ergebnis zeigt, daß das Bürgertum fich dem Rechtsradikalismus in die Arme geworfen hat. Der sogenannte Landesblod aus Boltspartei und Deutsch nationalen, der bei der Reichstagswahl zusammen noch 27 600 Stimmen musterie, ist auf 24 500 Stimmen zurüdgegangen( die Splitterlifte in Birkenfeld fezt sich aus boltsparteilichen und deutschnationalen Stimmen zufammen). Der Verlust des Landesblods geht dabei fast reftios auf das Konto der Deutschen Boftspartei. Auch die Wirt. fchaftspartei hat mehr als die Hälfte ihrer Wähler vom September 1930 an die Nationalsozialisten abgegeben. man werde aus Genf wahrscheinlich nicht mit gelösten Handels: verträgen, sondern mit paneuropäischen Zollunionsgedanken zurücktehren, die das eine Gute an sich haben würden, daß sie phantastisch und undurchführbar seien. Redner ließ weiter durchblicken, daß der Reichslandbund, falls Schiele den Butterzoll nicht erreiche, endgültig den Minister aus der Das ist reiner, unverfälschter Rassenhaß! Er wird von den rechtsradikalen Agitatoren auf dem flachen Lande systematisch geschürt. Das ist also das Werf der„ notleidenden" Agrarier, daß beispielsweise ein noch am besten entlohnter Facharbeiter fünftig nur noch 12 M. Wochenlohn erhalten soll! Das verlangt dann Verständnis für die Interessen der Landwirtschaft! Bollunion aufgeschoben Leberweisung an den Haager Gerichtshof Genf, 18. Mai.( Eigenbericht.) Ein großes französisches Memorandum war vorangegangen, das ausführlich und sehr scharf die wirtschaftlichen, politischen und juristischen Gesichtspuntte darlegt, aus denen Frankreich sich einer österreichisch- deutschen Zollunion widersetzen müsse, ist am Donnerstag veröffentlicht worden. Eine deutsche Gegendarstellung wurde noch in der Nacht verbreitet. In der französischen Delegation hat sich ein Gegensatz zwischen Briand und dem Autor des Memorandums herausgebildet, insofern, als Briand nicht mehr für das verschärfte Borgehen ist. Es zeigte sich auch, daß Briand die Oberhand behielt, denn er zog sich in der Ratssigung völlig auf Hendersons Antrag zurück, den Haager Gerichtshof anzurufen. Reichsaußenminister Dr. Curtius eröffnete heute vormittag die 63. Ratstagung, an der zum ersten Male der spanische Außenminister Lerroug und der norwegische Außenminister Broudt land teilnahmen. Dr. Benn esch, Tschechoslomatei, ŋmans= Belgien und Dr. Schober- Defterreich waren auf Einladung zur Zollunionsdebatte erschienen. Zur Vereinfachung der großen Tagesordnung wurden die zahlreichen Minderheitenbeschwerden in befonderen Sigungen behandelt und die Berichte nicht mehr verlesen. Zur Zoullnionsfrage ergriff zuerst Henderson das Wort. lichen Stimmenverlust zu verzeichnen. Man fann an nehmen, daß der Gewinn der Kommunisten im wesentlichen auf Kosten der Sozialdemokratie erfolgt ist. Es bleiben dann aber immer noch fast 3000 Stimmen, die anderen Parteien zugeflossen sein müffen. Dies Ergebnis zeigt, daß die Sozialdemokratische Partei unermüdlich ihren Werbefeldzug gegen den Faschismus fortjeßen muß! Der Bahlausgang hat die Regierungsverhältnisse in Oldenburg, die ohnedies tompliziert genug maren, noch verwidelter gemacht. Seit dem Jahre 1923 find die Regierungsgeschäfte Als einzig feste bürgerliche Partei hat sich das in Oldenburg durch ein aus drei Personen bestehendes Beamten 8entrum erwiefen, das gegenüber der Reichstagswahl lediglich ministerium verwaltet worden. Dies Beamtenministerium stüßte sich 1500 Stimmen verfiert und seine Mandatszahl im Landtag behauptet. Dor allem auf den Landesblod und auf das Zentrum. Benn ein Die Sosialbemotratijge Partei hat einen erheb- folches Beamtentabinett weiterhin die Bermaftung führen follte, fo Die Berhandlungen zwischen Deutschland und Desterreich seien her. vorgerufen worden durch die schwierige wirtschaftliche Lage beider Länder. Er habe die Prüfung der Frage im Hinblick auf die be stehenden Verträge beantragt. Streng juristische Prüfung sei nötig, da das Protokoll von 1922 unter dem Schutz des Rates abgeschlossen worden sei. Die Angelegenheit berühre natürlich auch wirtschaftliche und politische Fragen. Henderson beantragte eine Entschließung, den Internationalen Gerichtshof um ein dringendes Gutachten zu erfuchen, ob der österreichisch- deutsche Vertrag vereinbar fei mit den Bestimmungen des Vertrages von St. Germain und des Protokolls von 1922. Er hoffe, daß Desterreich einverstanden sei und bis zur Entscheidung die Arbeiten für den Zollunionsplan nicht fortgeführt werden. los an. Destereich hätte nie die Verhandlungen begonnen, wenn Schober sagte, er nehme den Antrag Henderson bedingungs ihrem großen wirtschaftlichen Vorteil. Er wolle nicht auf die Eres nicht überzeugt gewesen wäre von ihrer Rechtlichkeit und wähnung der Meist begünstigungsflauset im französischen Memorandum eingehen, sondern sich nur an die vom Rat zu behandelnden Probleme halten. In den Direktiven des Abkommens ist ausdrücklich enthalten, daß Deutschland fein Recht auf ( Fortsetzung auf der 2. Seite.) bedürfte es dazu nicht nur der Stimmen des Zentrums, der Staatspartei, des Landvolks, sondern auch der Stimmen des bisherigen Landesblocks und vor allem die Tolerierung durch die Sozialdemo tratie. Zum Landesblod aber gehören zwei deutschnationale Mandate und die Deutschnationalen haben erklärt, daß sie die Einheitsfront der Hitler- Seldte Hugenberg nicht brechen würden. Wenn aber Deutschnationale und Nationalsozialisten auf eine ausgesprochene Hitler- Hugenberg- Regierung lossteuern wollten, so würden sie dazu die Unterstüßung des Zentrums brauchen. Unter dem Gesichtspuntt der Parlamentsarithmetit find die Dinge in Oldenburg festgefahren. aber schließlich muß das Band verwaltet werden, und mo in Länderparíamenten es nicht weiterzugehen scheint, finden sich doch die nötigen Berwaltungen- fiehe Sachfen. Das Mutbad von Lunde. Sozialdemokraiie steflt Schuld des Militärs fest. Siockholm. 18. Mai.(Eigenbericht.) Die von der sozialdemokratischen Reichstogsfraktion eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Ereignisse im Odalen-Distrikt hat an Ort und Stelle unter anderem die folgenden Feststellungen ge- troffen: 1. 3n der Protestversammlmig in Jronö gegen die Arbeit». willigen wurden Gewaltmatznahmen weder gegen das Militär oder die Polizei noch gegen die Arbeitswilligen beschlossen. Z. Der danach gebildete Demonstrationszug nach dem Arbeitswilligenquartier in£unde. wo sich die tragischen Ereignisse abspielten, führte keine Massen mit sich. Z. Die Polizei von Lunde war verschwunden und deren Funktionen Militärslreitkräslen überlassen. 4. Das etwa b0 Manu starke Militär oerbarg sich in Schützen- gräben, mit Ausnahme weniger Verittener. die dem Demo». strationszug entgegentraten. 5. Die eBvölkerung in Lunde wurde aus Scharfschiehen nicht vorbereitet. S. weder vorher, noch nachdem das Militär geschossen hatte, fiel ein Schuh aus dem Demonstrationszug. 7. Der Demonstrationszug wurde von vorn nnb von den Seiten nach einem vorher zurechtgelegten strategischen Plan beschossen. S. Nach dem Blutbad blieb da, Militär, obwohl sich darunter Sanitäter befanden, in den Schützengräben und überlieh die Rettungsarbeiten der Bevölkerung. Die Untersuchungskommission oerlangt strengste Bestrafung der verantwortlichen Zivil- und Militärbeamten. Die Zahl der loten ha« sich inzwischen auf sechs erhöh«, da noch ein verwundeter Arbeiter seinen Derlehungen erlegen ist. Die Untersuchung eines loten ergab acht Gewehreinschüss« auf der Brust in Daumenbreite Abstand. Die masieichaft besuchten Protestkundgebungen der Arbeiter- schast und vieler Sympathisierender aus dem Bürgertum gehen im ganzen Lande weiter. Stürmische Reichstagsdebatten lasten den Ausbruch einer Regierungskrise vermuten. Die Regierung hat in einer außerordentlichen Sitzung am Sonntag eine Kommission von fünf Mitgliedern ernannt, die eine eingehende Untersuchung der Unruhen in Rorland vornehmen soll. Selbstmord auf der Flucht Im Hausflur in der Ackerstraße erschossen Die aufregende 3agd hinter einem varlehn»- schwindler. der heute früh von einem Geschädigten aus der Strohe erkannt wurde, endete mit dem Selbstmord des Flüchtlings, der sich im Ftur des Hause» Acker st rahe 173 eine Kugel in die Schläfe fchoh. Der 23jährige Techniker Ernst Kornefsel, der seit längerer Zeit arbeits- und wohnungslos ist, beging im Laufe des letzten halben Jahres zahlreiche Darlehnsschwindeleien und Urkundenfälschungen. Bei der Kriminalpolizei liefen un- aufhörlich Anzeigen ein, ohne daß es gelang, des Betrügers Hab- Haft zu werden, heute früh um 6 Uhr ging einer der Geschädigten über den Koppenplatz, wo er zu seiner Ueberraschung aus einer Bank Korneffel sitzen sah. Als der Mann auf den Betrüger zuging, um ihn festzuhalten und der Polizei zu übergeben, zog Korneffel eine P i st o l e aus der Tasche und drohte seinen Gegner niederzuschießen, falls er auch nur den Versuch machen würde, ihn anzurühren. K. oersuchte nun zu f l ü ch t e n. Er lief durch die Ackerstraße, ver» folgt von mehreren Passanten und Radfahrern, die dem Geschädigten zu Hilfe gekommen waren. Als sich Korneffel von allen Sekten um- stellt sah. flüchtete er in das Haus Ackerstraße 173, wo er die Waffe gegen sich selbst richtete. Er war sofort tot. Autobus vom Berg gestürzt. Führer tot, der Wagen völlig zertrümmert. Kassel. 1». Wal. Aus der großen Serpenlinstrahe, dl« zum Herkules hinaufführt. kam am Sonnlogabend ein Personenkraftwagen aus der Kurve heraus und sauste den Abhang hinunter, ver wagen überschlug sich dabei mehrfach und blieb völlig zertrümmert auf der unten weiterführenden Straße liegen. Der Führer Bruno Schmidt aus Bremen starb im Role-Kreuz-Krankenhaus. ein zweiter 3nsosse namens heiter, ebenfalls aus Bremen, liegt in hoffnungslosem Zustand im Krankenhaus. Der dritte Insasse, han» O« t o aus Kassel. kam mit leichleren Verletzungen davon. Zollunion aufgeschoben. (Fortsetzung von der 1. Seite.) Aenderung der österreichischen Zölle Hab«, noch seien darin gemein- same Einrichtungen vorgesehen. Beide Parlamente blieben srei und müßten In jedem Falle jede Entscheidung selbständig verabschieden. Auf drei Jahre soll der Vertrag abgeschlossen werden. Er müste kategorisch zurückweisen, daß Verträge oerletzt würden. Deutsch- land habe nicht umsonst dem kleineren Partner die volle Gleich- berechtigung eingeräumt. Es sei s o p h i st i s ch, das anders aus- zulegen. Auch bleibe Oesterreich die Freiheit, mit dritten Staaten Verträge abzuschließen. Jede Regierung behalte ausdrücklich dieses Recht. Das alles beweise, daß Oesterreich in keiner weise aus seine wirtschaftliche Unabhängigkeit verzichte. Schließlich seien beide Staaten bereit, mit jedem anderen Land eben- solche Verhandlungen zu beginnen. Die Garantie-Mächte des Protokolls sollten Oesterreichs Unab- hängigkeit wahren. Wenn aber die Aengstlichkeit um Oesterreichs Unabhängigkeit so weit getrieben werde, um Oesterreich des Rechtes zu berauben, mit anderen Staaten zu verhandeln, so müßte er kategorisch verlangen, daß jene Staaten auch selber die Pflicht haben, die Unabhängigkeit Oesterreichs zu respektieren. Er schließe sich vollkommen den Vorschlägen hendersons an unter der Bedin- gung, bis zur nächsten Entscheidung des Gerichtshofes und des Rates nichts in der Richtung einer vollendeten Tatsache zu unternehmen. henderson fragte darauf nochmals formell, ob das heißen solle, daß bis zum Rechtsgutachten des Internationalen Gerichts» Hofes keine weiteren Fortschritt« in den Verhandlungen gemacht werden. Schober antwortete, daß er ohne jeden Vorbehalt hender- sons Antrag angenommen habe. Er könne also die Versicherung geben, die Henderson hier von ihm verlange. Nun verlas B r i a n d beruhigt eine Erklärung, daß in dem Memorandum vom Sonntag Frankreichs Standpunkt genau dar- gelegt sei. Es würden große politische und wirtschaftliche Probleme aufgeworfen, aber er sei mit Henderson einig, zunächst die ju- ristische Seite prüfen zu lassen: so unterstütze er Hendersons Vorschlag. Schobers Bereitwilligkeit, den Status bis zur Entschei- dung im Haag nicht zu verändern, sei ein Akt größten Entgegenkommens. G r a n d i enthielt sich Ii, seiner langen Rede wiederum jeder Parteinahme. Er besprach nur ganz allgemem alles, was bisher dargelegt worden ist; den Spezialfall Deutschland-Oesterreich hätten die italienischen Sachverständigen nicht als völlige Lösung der Wirt- schaftskrise erklärt. Politische und wirtschaftliche Fragen ließen sich bei engen Verbindungen nicht trennen. Für die juristische Seite sei Hendersons Vorschlag eine gute Grundlage zur weiteren Behandlung im Rat. Italien müsse sich das Recht darüber hinausgehender Unter- suchungen vorbehalten. C u r t i» s sagte, es sei zwar in erster Linie eine österreichische Rechtsfrage. Deutschland aber müsse erklären, daß die Rechts» läge nicht zweifelhaft sein könne. Oesterreich sei unabhängig solange es seine Unabhängigkeit nicht veräußere. Dieser Gesichts- punkt sei ausschlaggebend. Oesterreich erhebe jedoch trotz seiner unerschütterten Rechtsüberzeugung keine Einwendung gegen Hendersons Antrag. Die Reden Briands und Grandis vcranloßten, nochmals hervorzuheben, daß die wirtschaflsdiskustion im Europa-Ausschuß noch nicht abgeschlossen sei. Deutschland habe die Zollunion nicht als Allheilmittel bezeichnnet. Der Aufbau von unten her, d. h. regionale Vereinbarungen, müßten neben den GesainHösiingen in Betracht gezogen werden. Er behalte sich also vor, weiter darüber im Europa-Komitee zu sprechen. Zollunionen bedeuteten nicht absolut engere politische Der- bindungen, noch haben sie die Tendenz zur Erhöhung der Schutzzölle in sich. Curtius suchte das durch weit gezogene geschichtliche Parallelen mit dem Deutschen Zollverein und dem jranzösisch- belgischen Zollabkommen von 1840 zu belegen. Wenn der Haager Gerichtshof juristisch berate, so könne eine weitergehende Verhandlung vor dem Rat nicht erfolgen. Werde der österreichisch-deuffche Plan trotzdem als Sonderfall weiterverhandelt, so könne das nur so ausgefaßt werden, daß diese Staaten solche min eren Rechtes seien. Oesterreich und Deutschland verlangten Glauben für ihre Er- klärungen, daß der Plan rein wirtschaftlichen Absichten entspringt und er wiederhole, daß beide Staaten zur uneingeschränkten Mit- arbeit an jeder anderen wirtschaftlichen Zusammenarbeit bereit sind. Ausländsdeutsche Wahlen. Sozialdemokratischer Erfolg in Oanzig. In Danzig-Land brachten die Kreistagswahlcn der Sozialdemokratischen Partei einen großen Erfolg. Sie gewann gegenüber den Volkstagswahlen vom November 1930 erheblich an Stimmen, während alle übrigen Parteien mit Ausnahme der Hakenkreuzler Stimmen verloren: die Hitlerleute nahmen ziemlich genau den Stimmenverlust der Deutschnationalen auf. Der Stimmen- gewinn der Sozialdemokraten übertrifft den Stimm- vertust der Kommunisten. In den drei Kreisen Danziger Niederung, Danziger Höhe und Großwerder zusammen hatten die Wahlen das folgende Ergebnis(in Klammern die Stimmzahlen der Volkstags- wähl vom November 1330): Sozialdemokraten 13 634(16000), Kommunisten 6617 (7738). Block der Mitte 4175(3037), Zentrum 5788(7763), Deutsch- nationale 6729(3138). Nationalsozialisten 10 350(8153). In Mierau bei Neuteich schössen Nazis auf sozialistische Schutz- bündler, von denen einer tödlich, zwei andere leichter oerletzt wurden. Zn Innsbruck behauptet. Insbruck-Sladt hatte die Hälfte des Gemeinderats neuzuwählen. Bei 75 Prozent Wahlbeteiligung behaupteten in dieser Heim- wehrzentralc die Sozialdemokraten ihre Mandatzahl von 18 unter den 40 Gemeinderäten. Die Christlichsozialen sind mit 14 Vertretern etwas gestärkt, aber auf Kosten der Großdeutschen, die von 3 auf 4 zurückgehen. Hakenkreuzler und Komunisten bleiben trotz Stimmen- Zuwachs noch mandatlos. Bombenanschläge in Lissabon wurden nach einer Kundgebung zu Ehren des Präsidenten der. Republik in der Nacht oerübt. Darauf drang ein« Menge ins Gebäude der Zeitung„Republiea" und warf das Mobiliar auf die Straße. Durch die Bomben wurden zehn Personen leicht oerletzt. Agitation statt Politik. Revision des �oungplaneS und Rüstungsfreiheit? Während die Vertretung der Reichsregierung in Genf schwierige Verhandlungen zu führen hat, bemühen sich gewisse Kreise, ihr die Situation zu erschweren. So die Reichstagsfraktion der Deutschen Volks Partei, die auf einer Tagung in Saar- brücken eine Entschließung gesaßt hat, in der es heißt: „Weiter« scharfe Ausgabendrossetungen zur inneren Gesundung und Rettung wird die Regierung schnell und entschlossen durch- setzen müssen. Das doutsch« Volk wird diese Opfer nur tragen können, wenn es sieht, daß sie die Stärkung des Reiches im Kampf um die Revision der T r i b u t l a st e n zum Ziele haben. Die Reichstogsfraktion der Deutschen Volkspartei erwartet deshalb von der Reichsregierung, daß sie entschlossen, im inneren und zeitlichen Zusammenhang mit den Maß- nahmen zur inneren Sanierung, gegenüber den Gläubigermächten die Verhandlungen über die Re- vision der Tributverträge in Gang bringt." Herr Tre v ira nu s hat am Sonntag in Königsberg eine Aufrüstungsrede gehalten. Nach dem Bericht der Tele- graphen-Union sagte er: .Weiter ging er auf die kommend« Abrüstungs- konferenz ein und betonte, sie habe für uns nur das Jnter- esse, daß wir vor aller Welt feststellen könnten, hier werde nur der Welt Sand in die Augen gestreut, um der Zusage aus dem Wege zu gehen, die an unsere Abrüstung geknüpft sei. Wenn wir das festgestellt hätten, so seien wir von unserer Verpflichtung gelöst. Aber damit, daß wir dtc Wehrfreiheit wieder- gewonnen hätten, sei zunächst noch nichts getan, denn ob wir Gelder hätten, um sie auszunützen, das stehe dahin. Von i der Erreichung der Rüstungsfreiheit bis zum Schutz gegen schwerbewaffnete Nachbarn, �ei ein weiter Weg. Aber vor der Welt brauchten wir ja nichts anderes als die Erklärung, daß es rinfer eigener Entschluß sei, künftighin so und nicht anders zu verfahren." Soll das Politik sein, wenn aus dem Lager der Regierungs- Parteien im gleichen Atemzuge Revision des Poung-Planes und Rüstungsfreiheit für Deutschland gefordert wird? Oolchstoßlüge erledigt! Selbst die„Kreuzzeiiung" kennt jetzt die wahren Ursachen der Niederlage. In einer Besprechung der Erinnerungen V a l e n t i n i s, des ehemaligen Chefs des kaiserlichen Geheimkabinetts, schreibt die „Kreuzzeitung": „Am aufschlußreichsten ist die Schilderung der Vorgänge in den Jahren 1914 bis 1318. Wie gleich eingangs festgestellt sei, ist das Bild, das uns aus den Aufzeichnungen Valentinis entgegenblickt, ein trübes und wenig erfreuliches. Die in dieser entschei- denden Zeit zur Führung der Reichspolitik b e- rufenen Persönlichkeiten versagen auf der ganzen Linie, und, was noch viel schlimmer ist, sie stehen in steier Fehde mit den militärischen Stellen, die sie, sicherlich nicht zu Nutz und Frommen des Staatswohles und der Krone, mit einer Zähigkeit be- kämpfen, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, dabei oft den Kampf mit wenig fairen Mitteln ausfechtend. Ein trauriges Kapitel deulscher Zerrissenheil, und noch dazu in einem Augenblick, da bei der Bedrohung durch den äußeren Feind eine einmütige Geschlossenheit aller Faktoren im Lande das Gebot der Stunde gewesen wäre. Tragisch das Gs- schick des Trägers der Krone, der sich Zugeständnisse um Zugestand- nisse abringen läßt, der praktisch lange vor dem Sturz entthront ist."_ Aufmarsch für Abrüstung. Beschluß der Internationale. A m st e r i» a m, 18. Mai. lEigenbericht.) Tie Unterkommission des gemeinschaftlichen Ab- riistungsausschusses des Internationalen Getverkschafts- bundes und der Sozialistischen Arbeiter-Znter nationale legte die Grundzüge eines Aktionsprogramms fest, um die Massen vor der Genfer Abruft u�skonferenz zu großen internationalen lrnndgebungen in den wichtigsten Städten zusammenzubringen. Am 21. Juni tagt die Unterkommission wieder in Genf. Anwesend waren n. n. die beiden Generalsekretäre Schevenel und Adler sowie Dr. Breitscheid-Berlin« Französische Flieger in Bayern. Notlandung in Schweinfurt. Auf dem Schweinfurter Flugplatz landeten am Sonnabend- abend drei französische Iagvflugzeuge neuester'Bauart, von denen jedes mit zwei Maschinengewehren ausgerüstet war. Zlußerdem hatten die Maschinen photographisch« Auf- nahmeapparate modernster Konstruktion an Bord. Die Führer, ein Offizier und zwei Piloten, gaben an, mit ihren Doppcl- üeckern von Igeres abgeftogen zu sein, um die Maschinen über Lyon nach Straßburg zu bringen; sie hätten sich verflogen und Benzinmangel hätte sie zur Landung gezwungen. Die drei Flug- zeugsührer stehen unter militärischer Bewachung. Ob die Angaben über das Ziel des Fluges zutreffen oder ob die Maschinen nach der Tschechoslowakei gesteuert werden sollten, wird die Untersuchung ergeben. Die Flieger geben an, über den Bogesen im Nebel die Richtung verloren und bei Mainz den Main für den Rhein gehalten zu haben. Ihre Karten häten von der Grenze nur bis Mainz- gereicht. Die Maschinen gingen außerordentlich rasch nieder, wobei die eine beinahe am Fuhballtor eine» Spielplatzes hängen blieb. während die letzte zu rasch aus die zweite Maschine solgte, so daß nur durch plötzlichen Aufstieg ein Zusammenstoß verhindert werden konnte. Die Flugzeuge tragen die Nummern 7, 15 und 17 sowie als Ab» zeichen die französische-Rotweißblau-Kokard« mit einem Anker als Kennzeichen des Marinetuenstes. Munition wurde nicht mitgesüh'.t. Wenige Minuten nach der Landung war bereits«in Schutzmann und kurz darauf ein Polizei-Kraftwagen- zur Stelle. Di« Beamten oerhasteten die Flieger und beschlagnahmten die Maschinen. Das Ucberfliegen deutschen Gebietes durch die Franzosen soll bereits durch die Stuttgarter Behörden der Polizei mitgeteilt worden sein. Die Flugüberwachungsstelle Nürnberg-Fürth sandte mittels Flugzeugs einen Beamten. Am Sonntag kamen Offiziere der cichswehr und der Schutzpolizei, die die Einzelheiten feststellten. Die französischen Maschinen wurden durch Sackumhüllungen ver. wahrt und eine streng« Absperrung des Platzes vorgenommen. Verhaftungen in der Reichswehr. Zwei Gefreite der Reichs- wehr in Hannover sind unter der Beschuldigung verhaftet worden, eine kommunistische Zellenbildung in der Truppe versucht zu haben. x Manfred Gurlitt:„Soldaten". Tonkünstlerfest-Oper in Bremen. Nur eine Opernaufführung stand diesmal im Programm des Allgemeinen Deutschen Musikvereins und bildete zugleich den Ab- schluß seiner Bremer Tagung:.Soldaten" von Manfred Gurlitt. Das bekannte Drama von I. M. R. Lenz, Zeit- und Artgenossen des jungen Goethe, liegt zugrunde.„Soldaten"— das Stück, ein an- klägerisches Zeitstück damals, sollte eher„Offiziere" heißen: wie die Offiziere in Lille es mit einem unschuldigen Bürgermädchen treiben, die Gefallen« in den Abgrund treiben, das bildet den Inhalt Auch wenn die Handlung und ihr« Moral einer versunkenen Welt angehären, die soziale Anklage des„Soldatcn"-Dichters findet in der Gegenwart unmittelbarsten Widerhall. Vom Dramatiker Lenz führt über Büchners„Wozzeck" eine gerade Linie zum heutigen Theater. Seine verkürzende Technik der knappen Szenen, des jagenden Bilderwechsels ist beinahe die eines Filmmanuskriptes.(Es wäre herrlich, wenn wir viel solcher Filmmanuskripte hätten.) Kein Wunder, daß der moderne Musiker als Mensch und Künstler von heute nach solchem Stoff für eine Oper greift. Manfred Gurlitt hat zur selben Zeit wie Alban Berg, ohne von dessen Vorhaben zu wissen, eine Wozzeck-Oper geschrieben. Als Textbearbeiter der„Sol- daten" hat er aus eigenem nichts hinzugetan, er tastet des Dichters Sprache so wenig an, wie den Bau des Dramas; kein Dramaturg könnte mit Kürzungen behutsamer und zweckmäßiger verfahren. Der Komponist Gurlitt oersüot wohl nicht über die Kräte eines großen, dem Dichter Lenz kogenialen Musttdromatikers. Es fehlen dieser Oper mitreißende Steigerungen und erschütternde Höhepunkte. Die Musik lehnt sich an das Drama an, doch die stärksten Wirkungen gehen unmittelbar von diesem aus. Aber die Partitur fesselt durch eine Füll« echter lyrischer Züge und interessiert durch die Feinheit der Arbeit. Jedem der zwanzig Bilder versucht der Musiker ein eigenes Gesicht und geschlossene Form zu geben. Gestützt auf ein Fundament von produktiver Musikalität und gutem Mustkertum findet er als kluger Eklektiker. seinen Weg zwischen den Irrungen der heute allgemeinen Stilverworrenheit. Er schließt sich nicht an, ahmt nicht nach, doch es gelingt dem Kenner all dessen, was an Strö- mungen und Richtungen im letzten Jahrzehnt Gestalt gewonnen hat, den vieldeutigen Begriff„Moderne Musik auf eine einheitliche, ein- leuchtende Formel zu bringen. So war es eine glückliche Wahl, diese Oper als repräsentatives Werk des Jahres auf das Programm zu setzen. Die Wirkung wäre noch stärker gewesen in einer weniger vor- sichtigen Regie als der, die der Komponist, übrigens erfahrener Theatermann, persönlich führte. Die Aufführung, in der Maria H a r t o w als Marie eine durchaus überragende Leistung bot, zeigte als Gesamtleistung die Bremer Opernbühne auf erfreulich hohem Niveau. Klaus Pringsheim. Wanderiheaier der Volksbühne. Potsdamer Schauspielhaus. Der Verband der Deutschen Volksbühnenver- eine veranstaltete im Potsdamer Schauspielhaus eine Stunde der Wanderbühnen. Es handelte sich darum, jetzt am Ende der Spielzeit einen Ausschnitt aus der Wanderbühnenarbeit des Ver- bandes zu geben. Sl. Brodbeck, der Sekretär. des Verbandes, sührte aus, daß im gesamten Deutschen Reich 25 gemeinnützige Wanderbühnen bestehen, davon unterhalten die Voltsbühnen S Unter- nehmen. Die jährliche Spielzeit dauert 8 bis 10 Monate. Der Zweck dieser Theater besteht darin, Städten ohne feste Bühnen gute Theatervorstellungen zu bieten. Die Wanderbühnen geben ihre Vorstellungen an die örtlichen Spielgemeinden gegen feste Honorare ab. Jede Spielgemeinde verfügt über ein organi- siertes Publikum. Der Spielplan wird nach Vorschlägen der Theater- leitung zusammen mit dem Verbandsvorstand festgestellt. Spiel- und Reiseplan der Theater liegen schon vor Beginn der Spielzeii endgültig vor. Um einen möglichst umfassenden Eindruck von den Leistungen dieser Theater zu ermöglichen, spielte das ostdeutsche-mittel- deutsche Landestheater drei Akte aus drei Stücken, die in Kunstform. Dialogführung und Menschengestalwng Gegensätze bilden. An den Anfang stellte man den zweiten Akt von Kolben- heyers Schauspiel„Die Brücke". Dieser Akt bringt weniger Momente starker äußerer Spannung als Diskussionen über Zeit- Probleme. Die Menschen sind Sammelpunkte von Energien, sie ent- wickeln sich nicht in naturalistischer Breite, sie erscheinen als Träger von Ideen, manchmal fast als Abstraktionen. Und hier liegt die Schwierigkeit für Regie und Schauspieler, denn die Gefahr besteht darin, daß die Menschen drs Menschsein vergessen und nur zu Sprachrohren der Ideen werden. Dieser Gefahr entgeht auch hier die Darstellung nicht. Reizend dagegen die zweite Szene aus Ärmonts und Gerbidons Komödie„M a d a m e Hat Ausgang". Ueber die Situation, über das Schema der Charaktere und der Konvention der Sprache hinaus erwächst dos Bemühen, mehr zu geben, Formen mit Inhalten zu füllen, Typen zu Individualitäten zu steigern, und der dritte Akt von Rosenows„Kater Lampe" ist realistisches Theater im besten Sinne des Wortes. Hin und wider knallt allerdings eine Pointe zu laut. Regie, Darstellung und Bühnenbild halten gutes künstlerisches Niveau. Niemand tritt mit Starallüren hervor, sondern alle fügen sich in das Ensemble ein. Jedenfalls sind die Leistungen dieser Wanderbühne höher zu bewerten als die manches größeren Provinz- theaters._— t. Die Aolgen der Ohrfeige. Die Wiener Philharmoniker erhielten aus Bologna ein Telegramm, in dem ihnen T o s c a n i n i mit- teilt, daß er aus Gesundheitsrücksichten das Gastspiel an der Wiener Staatsoper absagen müsse. Generalprobe für Erwerbslose. Die Generalprobe zur Erstaulslibrung der Job. Straud-Operettc„Das Spitzentuch der Königin' in der Städtischen Oper. Donnerstag, den 21.Mai/vormittag. wird den erwerbslosen Musikern uud Biibnenangehvrtgen zugänglich gemacht. Karten durch die Organisationen. vilhoenchroulk. Jarmila N o v o t n a und' Margaret Phal werden in der Rolle der„Schönen Helena' in Max Reinhardts Neuinszc- nierun g der Offenbach. Operette im Kursürstcndamn,-Theater alternieren. Li« Egger-Lienz-Ausstellung wurde ain Ig. Mai vom ölierreichischen Gesandten Dr. Frank im Verein Berliner Künstler in der Bcllevuestr. 3 eröffnet. Dr. Surt Singer, der bisherige Intendant der Städtislbcn Oper, hat den Oberbürgermeister Dr. Sahm gebeten, ihm den Antritt seines per- traglichen Urlaubs am Tage nach der letzten Premiere dieser Spielzeit. „Das Spitzentuch der Königin', ab'23. Mai zu gestatten. Der Ober- bürgermelster hat diesem Ersuchen stattgegeben. Werner Srouh will an da« Staatliche Schauspielhaus, dem er bereits zweimal angehört bat, zurückkehren und zwar mit einem Kontrakt auf Lebenszeit. Im Goethe-Jahr würde er den Faust spielen. Hochsommer im Mai Maffenflucht aus der Millionenstadt Bei 30 Grad Wärme im Schatten hielten es am Sonnlag die wenigsten Berliner in der Stadl ans und schon vom frühen Morgen an sehte bei dem schönen Wetter ein Massenansturm aus die Verkehrsmittel ein. waren schon am himmelfahrlslag die Verkehrszahlen erheblich, so wurden sie gestern noch um über eine viertel- Million überboten. Die Reichsbahn beförderte 1 Million siebenhundert- tausend Fahrgäste. Grünau steht mit 48 000 Fahrgästen an der Spitze, dann folgt Nikolassee mit 39 000, W a n n s c e mit 30 000, Gr u n e w a l d mit 26 500 und Potsdam mit 25 500 abgegebenen Fahrkarten. Die BVG. beförderte 2 295 000 Personen, das sind 160 000 mehr als zu Himmelfahrt. Auf die Straßenbahn entfallen 1389 000,.auf die U-Bahn 419 000 und auf den Autobus 416 000 Personen. Rechnet man hierzu die Zehntausende von Rad- sahrern, Motorradfahrern und Automobilisten, die gestern in gerade- zu beängstigender Fülle die Chausseen bevölkerten, so läßt sich ohne Uebertreibung behaupten, daß fast ganz Berlin unterwegs war. Regen Zuspruchs erfreuten sich auch die Dampferreede- r e i e n in und um Berlin. Alle zur Berfügung stehenden Dampf- und Motorschiffe muhten in Betrieb genommen werden, um den Massenandrang zu bewältigen. Die Ausflugslokale an Spree und Havel machten gut« Geschäfte, in den meisten Gaststätten war zeit- weise kaum ein Stuhl zu haben. Das Wetter hielt sich fast den ganzen Tag über, bis auf eine vorübergehende Eintrübung am frühen Nachmittag, ausgezeichnet. Nur die Ausflugeorte östlich Berlins wurden von einem ausgedehnten lokalen Gewit- ter betroffen. Es ist beinahe selbstverständlich, daß das Ziel der Erholungssuchenden hauptsächlich die Freibäder waren. Schon um die Mittagsstunden wiesen die Freibäder in Wannsee, Grünau, Müggelsee, Plötzensec usw. außerordentlich starken Besuch auf. Drei tödliche Unfälle. Leider hat der Sonntag auch wieder mehrere Todesopfer ge- fordert. Im Freibad Grünau ging der 17jährige kaufmännische Angestellte Erich Keif aus der Wisbyer Straße 26 vor den Augen zahlreicher Mitbadender plötzlich unter. Einigen Schwimmern ge- lang es, K. schon nach kurzer Zeit zu berge». Wiederbelebungs- versuche der Samariter blieben jedoch ohne Erfolg. Ein Herzschlag hatte dem Leben des jungen Mannes, wie der Arzt feststellte, ein Ende gemacht. An der Schillingsbrücke ereignete sich am Sonntag nach- mittag ein bedauerlicher Unglücksfall. Von der Böschung stürzte der 6jährige Ernst Blum aus der Breslauer Straße beim Spielen in die Spree. Das Kind ging sofort unter. Die von Passanten alar- mierte Feuerwehr konnte den Verunglückten nur noch als Leiche bergen.— In einer Laubenkolonie in Blankenburg stürzte der elf- jährige Ewald Heim aus der Badstraße aus beträchtlicher Höhe von einem Baum. Mit einem Schädelbruch wurde der Schüler ins Pankower Krankenhaus gebracht, wo er in der Nacht gestorben ist. Bei dem prächtigen Sonntagswetter hatten auch die städti- schen Freibäder Massenbesuch aufzuweisen. Mehr als 70 000 Berliner erholten sich gestern in den großen Strandbädern am Wannsee, an den Mllggelbergen und am Plötzensee. Den Rekord j hielt selbstverständlich mit 24 400 Besuchern das Strandbad Wannsee. Riesenbrände in Japan. 14 Todesopfer.— Mehr als 1000 Häuser eingeäschert. Tokio, 18. Mm. Eine Reihe großer Brände haben wahrend des Wochenendes in Japan 14 Menschenleben gefordert und gewaltigen Sachschaden angerichtet. In der Stadt Kanekomaschi brach auS bisher noch nicht aufge- tlärter Ursach« in einem Lichtspieltheater ein Feuer aus, das mit rasender Geschwindigkeit um sich griff. 14 Kinobesucher fanden dabei den Tod, während bei dem durch die allgemeine Panik entstandenen Gedränge etwa 18V Personen verletzt wurden. Aus der Stadt M a t s n i im Südwesten der Insel Hondo wird gemeldet, daß 700 Häuser eingeäschert wurden. In dem bedeutenden Hafen Akita in Nord-Hondo wurden 600 Häuser vom Feuerzerstört, während in der in Nordjapan gelegenen Stadt Nigata 70 Häuser niederbrannten. Durch durch das Feuer angerichtete Schaden ist sehr bedeutend. Fallschirmabsprung aus 4400 Meter. Welthöchstleiflong einer Fliegerin. Leipzig, 18. Mai. Die Fallschirmpilotin und Kunstfliegerin Lola Schröter- Lorescu hat beim Großslugtag in Leipzig-Mvckau mit ihrem 119. Fallschirmabsprung aus 4400 Meter Höhe unter behoröiicher Kontrolle ihr« eigen« Welthöchstleistung für Frauen von 2600 Meter, die sie« im Herbst 1929 aufgestellt hat, wesentlich überboten. Der Absprung gelang planmäßig. Die Pilotin hat in der Höhe Wind von etwa 40-Stunden-Kilometern Geschwindigkeit angetroffen. Sie legte in IS INlnulen eine Strecke rvn etwa 20 Mo Metern schwebend zurück. Verwendung fand der deutsche automatische Heinecke-Fallschirm. Paris, 18. Mal. Während einer Flugvcranstaltung tn Epernay wollte ein 17jährig«s Mädchen aus der dortigen Stadt, nachdem es ausdrücklich die Organisatoren der Veranstaltung von jeder Verant- wortung enthoben hatte, einen Fallschirmabsprung aus 200 Meter Höhe vorführen. Der Fallschirm öffnete sich jedoch nicht und das Mädchen zerschmetterte auf dem Boden. Oer Gonntags-Kavalier. Er stürzt die Geliebte ins Wasser und flüchtet. Ein aufregender Vorfall ereignete sich in der vergangenen Nacht in der Nähe des Zirkus Busch. Passanten sahen dort auf der Brücke einen Mann und ein Mädchen stehen, die ollem Anschein nach mit- einander stritten. Plötzlich härten die Passanten das Mädchen aufschreien und sähen, wie es hintenüber ins Wasser fiel. Der Mann machte sich ellig davon und konnte auch nicht ein- geholt werden. Die Beobachter warfen dem Mädchen einen Rettungs- ring zu und brachten sie an Land. Sie wurde nach dem nächsten Polizeirevier gebracht, war aber von dem unerwarteten Bad so mit-' genommen, daß sie nur kurz befragt werden konnte. Es ist eine 20 Jahre alte Hausangestellte Hedwig P., die bei einer Familie in der Weißenburger Straße beschäftigt ist. Das Mädchen gab an, sie haben den jungen Mann kennen gelernt und sei am Sonntag mit ihm ausgegangen. Auf der.Brücke am Zirkus sei der„Kavalier" zu- dringlich geworden, und unversehens sei sie über das Geländer ins Wasser gefallen. Der Name und die Adresse des seltsamen Kavaliers, der seine Begleiterin einjach im Stiche ließ, sind noch nicht bekannt. Sechs Meter»Linier Tage" Oas größte Gchaubergwerk der Welt wegen Spionage für polen ist der Musiker 2. in Lauenburg (Pommern) oerhaftet worden. Er ist aeständig, Berichte über mili- tärische Angelegenheiten an eine polnische Rachrichtendicnststelle ge- geben zu haben. Er will aus wirtschaftlicher Not gehandelt haben. Die Internationale Hygieneausstellung 1931, die soeben in Dresden eröffnet wurde, hat mit ihrem Schaubergwerk die„Gefolei". deren Bergwerk damals 60 000 Besucher anlockte, weit übertroffen. Das neue Schaubergwerk-in Dresden ist zur Zeit mit seinen riesigen Ausmaßen das größte der Welt. Bergwissenschaftler, die es in diesen Tagen„befuhren", äußerten allen Ernstes, an eine Tiefe dieses Bergwerkes von 600 bis 700 Metern zu glauben. Auf diese Tiefe ist es auch genormt. Aber der ganze Bau liegt gerade 6 Meter tief unter der Erde. Im Füllort 1 stauen sich zahllose Kohlenzüge im Sammelbahnhof, der bis zu 6000 Tonnen täglich zu erfassen oermag. Im Schacht 11 zieht der Förderkorb an der Ladebühne bis zu 12 Wagen geförderter Kohl« auf einmal ab und rast sie mit einer Geschwindigkeit von 25 Metern in der Sekunde zu Tag. Die Sprengkammer mutet gefährlich an: Sprengkapseln lagern da in Wandnischen, Wettersprengstoffe und Dynamit in Kisten, das allerdings nur zum Steinsprengen benutzt werden darf. Der Flöz 1 zeigt auf der östlichen Grundstrecke horizontale und winklige Lage- rung von Kohle und Gestein, und Flöze bis zu zwei Metern Stärke. Wenn am Füllort Beton und Eisen den Füllort stützt«, genügt hier leicht« Türstockzimmerung: denn der Flöz hat sein Dasein nach dem Abbau beendet. Di« Vortriebsmaschine zerstört mit surrendem Kreischen in der Abteilung„Aushauen" die alte Romantik vom Grubenheinzelmännchen mit der Hacke. Di« Maschine, die Preßluft antreibt, unterschrämt die einzelnen Felder zehnfach so schnell und fast ohne alle Gefahr. Wo die Kohle schon abgebaut ist, wie im westlichen Teil des Flözes 1, stützen eiserne Grubenstengel den Raum. Der Druck des Berges ist hier gefährlich. Darum wird die Leere mit alten Steinen, der Hauer sagt„Berg", versetzt. Nur«in schmaler Weg führt durch dieses glitzernde grau-schwarze Labyrinth. Der Hauptquerschlag ist das Herz der Grube. Er zieht sich recht- winklig zu ihrer Gesteinslagerung durch den ganzen Bau. Eiserne Stengel halten ihn. Auch Beton hilft aus, wenn der Berg einmal ins Rutschen kommt, und die eingebauten Holzpseiler drücken elastisch wieder nach außen. Di« beim Aushauen kohlendurchstaubt« Luft ist hier sauber und rein, weil die Ventilatoren dauernd den Wetter- ström(stark sauerstoffhaltige Luft) zuführen. Nahe der Strecken- kreuzung zum Flöz II schwellt noch gerade ein Grubenbrand, den die Bergleute, die in Asbestanzügen mit ihren Sauerstoffapparaten und den Gasmasken in flackerndem Lichte wie riesige Saurier wirken, soeben abgedämmt haben. Die Gesteinsstaubsperre, eine Er- findung der letzten Jahre, ist heute im deutschen Bergbau Allgemein- j Pflicht. Der Luftdruck einer Explosion vor dem Ort zerstreut feuer- sicheren Gesteinsstaub, der in großen Kästen an der Decke hängt. Die Staubschicht überlagert das Feuer und löscht es, oder sie dämmt es ab. Die Benzinlampe des Bergmannes, bei vorsichtiger Anwen- dung durchaus nicht gefährlich, hat sich hier auch schon überlebt. Die elektrische Grubenlampe strahlt auf das schwarze Gestein. Oest- lich der Teilsohle des Flözes II neben dem Schießort zieht bereits das Förderband seine ewig rollende Bahn. Was die Hand vor zehn Jahren mit Mühe schaffte, das reißt die Säulenbohrmaschin« heute gemeinsam mit dem Schaufellader in Minuten spielend in den Berg hinein. Nicht nur strengste Rationalisierung, sondern auch höchster Lebensschutz, das ist der Grundsatz, den dieses Schaubergwerk für den Fachmann und für die Oeffentlichkeit zum Ausdruck bringen will. Eine Mahnung, für die die Wirtschaft und die soziale Für» sorge, aber gewiß auch die Oeffentlichkeit Verständnis hoben wird. Heist den Volksbibliotheken! Der Verband Deutscher Doltsbibliothekare hat aus Anlaß seiner 6. Jahresversammlung in Brounschweig die Not- läge der öffentlichen volkstümlichen Bücherei in breitester Oeffent- lichkeit dargelegt. Alle anwesenden Vertreter der Behörden. Ver- eine und Verbände anerkennen den Ernst der Lage und versprochen Förderung und Unterstützung. Als Ergebnis einer soeben unter größeren Büchereien oeran- stalteten Erhebung wurde bekanntgegeben: die Benutzung der Büchereien ist gegenüber dem Jahre 1928 um bis zu 100 Proz. gestiegen. Der Anteil der Arbeiterkreife beträgt oft mehr als 50 Proz. der Gesomtleserschaft. Besonders wichtig ist: dem Erwerbslosen vermittelt die Bücherei heute vielfach wesentliche praktische, geistige und seelische Hilfe. Darüber hinaus ist die Bücherei heute für olle Bildungsbe- strebungen Sammelbecken und Rückhalt geworden. Zur Durchführung allein der allerdringlichsten Aufgaben, die der öffentlichen volkstümlichen Bücherei heute gestellt find, reichen die Mittel, die nach manchen Kürzungen zur Verfügung stehen, nicht mehr aus. Und doch find die Kosten, die zur Fortführung der Ar- beit benötigt werden, im Vergleich mit den Aufwendungen für an» der« kulturelle und sozialpädagoglfch« Einrichtungen äußerst gering. Eine umfassende und durchgreifende kulturelle Nothilfe ist dringend erforderlich, die auch den öffentlichen Büchereien die erforderlichen Mittel verschafft. Großkampf in Nordfrankreich 120 000 Textilarbeiter in der Abwehr Vereinbarung in Nordwest. Rahmentarif für 150 000 Metallarbeiter verlängert. Dortmund, 13. Mai. Paris, 18. Mai.( Eigenbericht.) fälschung für überführt, das Bericht tam jedoch zur Frei. Die Generalversammlungen der nordfranzösischen fprechung. Es sei Krumsdorf nicht nachzuweisen gewesen, Textilarbeiter am Sonnabend und Sonntag haben den daß er die Scheine gefälscht habe. Streit für heute beschlossen. In einer Entschließung, die von allen Versammlungen angenommen wurde, heißt es, daß die Arbeiter den Vorschlag der Unternehmer auf Abschaffung der vierprozentigen Anwesen. heitsprämie nicht annehmen können, da dieser Vorschlag nur eine Verschleierung einer vierprozentigen Lohnkürzung darstelle und mit ihm die Drohung einer früher oder später durchzuführenden zehnprozentigen Senkung der Löhne nicht aus der Welt geschafft werde. An dem Streik werden sich auch die den Tegtilarbeiter. gewerkschaften angeschlossenen Metallarbeiter beteiligen, denen die Unterhaltung der Maschinen in den Fabriken obliegt. Infolgedessen dürfte sich der Streit auf etwa 120 000 Arbeiter erstrecken. * Man wird sich noch des großen Kampfes in der nordfranzöfi schen Industrie im Vorjahre bei der Durchführung der Altersversicherung erinnern. Am hartnäckigsten war dieser Kampf in der Textilindustrie, wo er schließlich mit einem Rompromiß endete dahingehend, daß während des ersten Jahres des Bestehens der Altersversicherung für die Anwesenheit eines Arbeiters in einem Betriebe eine Art Prämie von dem Unternehmer gezahlt würde in Höhe der Beiträge zur Altersversicherung, d. h. von 4 Proz. vom Lohn. Dieses Zugeständnis wollen die Unternehmer zurückziehen, was auf einen Lohnabzug von 4 Proz. hinausläuft. Christlich- deutschnationale Methode. Arbeitsvermittlung mit gefälschten Scheinen. Der christliche Gewerkschaftsführer und deutschnationale Stadtverordnete Georg Krumsdorf in Leipzig war im Jahre 1926 Sekretär und Führer der christlichen Gewerkschaften. Als sich Mitglieder dieser Gewerkschaften an Krumsdorf wandten, um bei der städtischen Straßenbahn Arbeit zu bekom men, wandte sich Krumsdorf an den inzwischen verstorbenen Direktor des Arbeitsamts, der ihm einige Formulare und zu weisungsscheine, wie sie der öffentliche Arbeitsnachweis bei der Zuweisung von Arbeitern verwendete, zur Information überließ. Durch Mißbrauch dieser Scheine, die nur vom Arbeitsamt ausgestellt werden dürfen, gelang es Krumsdorf im Mai und Juni 1926, mehrere Mitglieder des christlichen Metallarbeiterverbandes bei der Straßenbahn unterzubringen. Die Fälschung wurde entdeckt und Krumsdorf wurde der Urtundenfälschung beschuldigt. Er bestritt jedoch, die Zu weisungsscheine gefälscht zu haben. Es sei nur ein Racheaft der Sozialdemokraten und freien Gewerkschaften, daß er jegt auf die Anflagebant gefommen sei, weil er früher als Funktionär des Deutschen Metallarbeiterver= bandes zu den christlichen Gewerkschaften übergetreten sei. Bom Arbeitsnachweis seien die Mitglieder der christlichen Verbände nicht berücksichtigt worden, sondern nur SPD.- Leute. Deshalb habe er die Buweisungsscheine mit lnterstügung des früheren Direttors Rünger ausgefüllt, und habe dadurch erreicht, daß auch seine Mitglieder eingestellt wurden. Zum Glück für den deutsch nationalen Helden ist Rünger tot. In dem Tarifftreit zwischen dem Arbeitgeberverband der nordwestlichen Gruppe der Eisen- und Stahlindustrie und den Metallarbeiterverbänden wurde in der unter dem Vorsitz des Schlichters geführten Verhandlung folgende Vereinbarung zwischen den Parteien gefchloffen: 1. Der bestehende Rahmentarif vom 26. mai 1930 wird bis zum 31. mai 1932 unverändert verlängert. 2. Der Schlichter für Westfalen wird die Parteien im Laufe des Juli zu Berhand. lungen über den Lohntarif einladen. Der Rahmentarif regelt in der Hauptsache die Dauer und Bezahlung der Ferien, die Attordrichtsäge sowie die Familien- und sonstigen sozialen 3ulagen. Die Unternehmer hatten den Tarif gefündigt und eine ganze Reihe von Verschlechterungsannträgen gestellt. Infolge der Vereinbarung zwischen den Barteien bleibt der alte Rahmentarif, der für ungefähr 150 000 Metallarbeiter gilt, noch ein Jahr in Kraft.. Hinsichtlich des Lohntarifes, der noch bis Ende September gilt, bestimmt die Vereinbarung, daß bereits zwei Monate vor seinem Ablauf über die Neuregelung der Löhne verhandelt werden muß. Die Unternehmer hatten bereits zu erkennen gegeben, daß sie den Lohntarif zum 30. September fündigen werden. Lehrlingslohn muß gezahlt werden. Auch wenn der Unternehmer teine Aufträge hat. Der Kläger war seit Oktober 1928 bei der beklagten Firma hoch Tief Wasserschuh- Baugesellschaft in Berlin in der Lehre. Da die Firma seit dem 2. April teine Bauauf träge mehr hatte, auch feine neuen Aufträge mehr betam, hat sie den Lehrling nicht mehr beschäftigt, ihm auch den Lehrlings. lohn nicht mehr gezahlt. Der Kläger fordert Weilerzahlung des Cohnes für die Dauer der Beschäftigungslosigkeit. Das Landesarbeitsgericht hat der Klage stattgegeben, da es sich bei dem wirtschaftlichen Rüdgange der Beklagten im Grunde um einen faufmännischen Fehlschlag handle( mißlungener Ausgleich von Konjunkturschwankungen), dessen Folgen die Beklagte allein zu tragen habe. Die Parteien streiten sich um die Tragung der Betriebsgefahr im Baugewerbe. Gegen das landesarbeitsgerichtliche Urteil fämpft die Beklagte mit der Revision an, so daß sich das Reichsarbeitsgericht nochmals mit der Sache beschäftigen mußte. Da die Betlagte nicht zur Berhandlung erschienen war, wurbe ein Bersäumnisurteil gegen fie gefällt. Es bleibt bei der Entscheidung des Landesarbeitsgerichts in Berlin, daß der Lehrlings. lohn gezahlt werden muß. age grammsdlich its leichter Regen, westliche Binde. Wetter für Berlin: Etwas fühler, wechselnd bewölft, ftrichweise Für Deutschland: In der nordöstlichen Hälfte des Reiches leicht veränderlich mit Strichregen und Abkühlung, weiter nach Südwesten Der Staatsanwalt hielt zwar dem Angeklagten der Urkunden- hin meist trocken und heiter. SPD. 44. Abteilung Unser alter Genoffe Wilhelm Hering Naunynftr. 67 ift verstorben. Ein Menschenalter hat er treu der Partet gedient. Geine Einäscherung findet am Dienstag, dem 19. Mai, 17 Uhr, im Krematorium Baumschulenweg statt. Rege Beteiligung erwartet Der Abteilungsvorstand. Theater, Lichtspiele usw. Montag, 18. 5. Staats- Oper Unter d. Linden 259. A.-V. 20 Uhr Ein Montag, 18. 5. Städt. Oper Bismarckstr. 20 Uhr Geschl.Vorstlig. der Stadt Berlin Der Maskenball Troubadour Ende g. 23 Uhr Ende g. 22 Uhr Staats- Oper Staatl. Schausph. Am Platz der Republik. 20 Uhr Rigoletto Oeffentl. Kartenverkauf Ende 222 Uhr ( am Gendarmenmarkt). 44. R.-S. 20 Uhr König Hahnrei Rein Kartenverkauf Ende 22 Uhr Staatl. Schiller- Theater, Charitbg. 20 Uhr Emilia Galotti Ende gegen 22% Uhr HAUS VATERLAND KURFURST 7460 Das Vergnügungs Restaurant Berlins BETRIEB KEMPINSKI Volksbühne Theater am Bülowplatz. 8 Uhr Die Ehe Staatl. Schiller- Th. 8 Uhr Emilia Galotti Staatsoper Am Pl.d.Republik 8 Uhr 8 Uhr 15 Flora 3434, Rauchen erl. Winter Theater d. Westens Reichshallen- Theater Täglich 84 Uhr Das Veilchen von Montmartre Der große Operettenerfolg von Kalman Garten Lustspielhaus Programm hervorragend! Rigoletto Dayelma- Ballett Deutsches Theater 8 Uhr. Der Hauptmann von Köpenick v. Carl Zuckmayer Regie: Heinz Hilpert Original Pariser Cancan Kuban- Kosaken- Chor 2 Alvarez. Levanda. Bil u. Bil. 2 Dakotas. Tägl. 8 Uhr Das Spiel mit dem Feuer. Täglich 8% Uhr Allabendlich An beiden Feiertagen nachm. 31/3 Stettiner Sänger Das grosse Pfingst- Programm! Nachmittags ermäßigte Preise! Bähr- Stiefel Reitstiefel braun, schwarz 29.50 Metropol- Theater Motorradstiefel 22.50 25.50 Die Toni Wanderstiefel, wetterfest, aus Wien 11.50 13.50 15.50 Alle Sorten Sport-, Jagd-, Mady Christians, Reit-, Berufsstiefel Michael Bohnen H.Bähr SW19 Die Komödie 2 Boods. Carl Braun Lessing- Theater Spielmarkd 7 812 Uhr Dienst am Kunden von Curt Bois und Max Hansen Regie: Hans Deppe KurfürstendammTheater Bismarck 449 82 Uhr ROSE THEATER Nar Kurze Zeit! .Die fünf Schwindel Frankfurter" von Marcellus Schiffer. Musik von Mischa Spoliansky. Regie: Gustaf Gründgens Barnowsky- Buhnen Theater in der Stresemannstr. Täglich 84 Gestern. Hente Komödienhaus Täglich 8 Uhr Schwengels mit Felix Bressart und Rosa Valetti Lustspiel von Carl Rößler Montag bis Freitag 815 Sonnabend 700 1015 Sonntag 250 545 900 Eröffnung des Rose- Gartens am 1. Pfingstfeiertag An beiden Feiertagen 600 das traditionelle Frühkonzert mit Varieté 800 nachm. Konzert, Varieté u. d. Operettenschwank: ,, Das Liebesverbot" Große Frankfurter Straße 132 U- Bahn Strausberger Platz 6 tägiger Vorverkauf täglich von 11-1 Uhr und 4-9 Uhr Telefonische Bestellungen: E7 Weichsel 3422 Täglich 8 Uhr Husarenfieber Kastner, Herm. Böttcher, Colani. Neues Theater am Zoo Am Bahnh. Zoo. Stpl. 6554 Täglich 8% Uhr ... und wen verurteilen Sie? Komödie von Alfred Herzog Theater im Admiralspalast Täglich 8 Uhr vor der Brücke) Merkur 6754 Verkäufe Möbel Batentmatzaken Brimiffima". Me talbetten. Auflege matragen, Chaife 150 gebrauchte Fahrräder. 15,-20,- 25,-, 80, Machnow. Weinmeisterftr. 14. MusikInstrumente Sintpianos, Longues. Walter, Mietpianos Etargarderstraße achtzehn. Reingaden 3 aus FUNK UNDAM ABEND Rückschau. Am Sonnabend in großer Aufmachung ein Funkpotpourri ,, Amerita- Europa". Küchenmeisters Duftende Blumen" für Anfänger des Klavierspiels, die heute wahrscheinlich längst vera geffen sind, ins Riesenhafte vergrößert. Gleich zwei Orchester, Klavier, mehrere Sänger, alles, so gut man's friegen fonnte. Zwischen Bruchstücken aus bekannten Opern amerikanische und amerikanisierte Musit. Ein nicht vorhandener Einfall wurde groß artig herausgeputzt. Eine besonders hübsche Beranstaltung am Sonntag: Mozart erzählt sein Leben." Dr. Erich Fortner brachte unter diesem ausgezeichnet gewählten Titel Briefe und Kompofitionen von Mozart, die bis zu seinem ersten flassischen Wert, dem Jdomeneo, reichten, und die von dem liebenswürdig findlichen Menschen und dem großen Tonmeister so berichteten, daß der Hörer dadurch in das Schaffen, in das Wert Mozarts eingeführt wurde. Am Abend übertrug Berlin aus der Städtischen Oper Rossinis Angelina". Als Einführung bekam der Hörer eine langweilige Inhaltsangabe des tertlich belanglosen Wertes. Weshalb werden solchen Opernübertragungen nicht endlich ein paar musikalische Erläuterungen vorausgeschicht? Es brauchten feine wissenschaftlich belasteten Vorträge zu sein; aber der Hörer, dem am Klavier einige musikalische Höhepunkte der Oper angedeutet werden, gewinnt dadurch viel mehr Freude und Berständnis an einer Opernübertragung, als durch die meisten gründlichen Textangaben. In der Jugendstunde las Sylvia Lorenzo eigene Märchen. Weshalb man ihr für diesen unsinnigen Kitsch das Berliner Mitro phon zur Verfügung stellte, war wirklich nicht zu verstehen. Tes. Montag, 18. Mai. Berlin. 16.05 Paul Pischer: Anwendung der Kurzschrift. 16.30 Unterhaltungsmusik. 17.30 G. Schulhoff: Wildwasserpaddeln. 17.50 Reg.- Rat A. Hesse: Staatsbürgerliche Aufklärung tut not! 18.15 Edvard Moritz: Trio op. 43.( Der Komponist am Flügel. Giovanni Bagarotti, Violine; Karl Dechert, Cello.) 18.35 Reisestunde. Dr. Erich Marcus: Vorschläge für eine billige Sommerreise. 19.00 Gustav Mahler( gest. 18. Mai 1911). Lieder eires fahrenden Gesellen. ( Maria Basca, Alt; Berliner Funk- Orch. Dir.: Bruco Seidler- Winkler.) 19.30 Wovon man spricht. 19.25 Mitteilungen des Arbeitsamtes. 20.00 Volkstümliche Musik für Streichorchester. 21.00 Tages- und Sportnachrichten. 21.10,, Ein Volksfeind." Von Henrik Ibsen. Regie: Alfred Braun. 22.15 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Königswusterhausen. 16.00 Min.- Rat Dr. Carl Haslinde: Aus der Schulfunkarbeit. 17.30 Joseph- Joachim- Gedenkstunde.( Richard Czerwonky; am Flügel: Heinrich Steiner.) 18.00 Pfarrer Abramczyk: Die Adoption. 18.30 Dr. Fritz Klein: Innen- und Außenpolitik. 19.00 Englich für Anfänger. 19.25 Dr. Fensch: Buchführung als landwirtschaftliche Selbsthilfe. 19.45 Wetter für den Landwirt. Anschließend: Ob.- Ing. Nairz: Viertelstunde Funktechnik. 20.00 Wien: IV. Sinfonie, G- Dur, von Gustav Mahler. Krankentransporte führen zu behörbl. festgesetzten Preisen und für alle Krantentassen Ropp'iche Krantenwagen aus Bestellungenannahme in den Apotheken oder Sammel- Nr. D1Norben 3422- toftenloser Bettennachweis Tag und Nacht. Berantwortl. für die Redaktion: Herbert gepere, Berlin; Anzeigen: Th. Glode, Berlin. Berlag: Borwärts Berlag G. m. b. S., Berlin, Drud: Borwärts Buche bruderei und Berlagsanftalt Baul Ginger& Co., Berlin GB 68, Lindenstraße 3. Sierzu 1 Beilage. Komische Oper 8% Uhr Alt- Heidelberg Lucie Englisch, Westermeler, L.. Moebis, Penkert 99 GROSSES SCHAUSPIELHAUS Taglich 8 Uhr: Im weissen Rösst. in der Premierenbesetzung nur noch 2 Wochen Regie: Erik Charell. Sarotti" Aktiengesellschaft, Berlin Bilanz- Konto per 31. Dezember 1930 Grundstücke.* Akliva Maschinen und Einrichtungen Vorräte. Gebäude Kasse und Wechsel Postscheck und Bankguthaben. Debitoren• Wertpapiere und Beteiligungen Avale RM 1 500, Aktienkapital. Passiva Gesetzliche Reserve Sonderreserve Kreditoren Rückstellung für Steuern usw.. Unerhobene Dividende. Avale. Gewinn- und Verlust- Konto: RM 863 000.3 932 639.81 2383 584.99 5961 547 78 128 963.69 2790 077.65 4439 381.77 774 403.21 273 598.69 RM 14 500 000.2300 587.64 500 000.2 306 799.88 521 590.85 5 664.96 RM 1 500.Vortrag aus 1929. Reingewinn 1930. RM 142 121.20 .. . 996 834.16 21 273 598 69 1138 955 36 Gewinn und Verlust- Rechnung Handlungsunkosten Steuern Abschreibungen: über a) Gebäude.. preiswert. Bianofabrit Lint, Brunnenstraße 35. Riefenlager. Bechsteinpiano, Buthnerpiano, Ibachpiano, Schlafzimmer. Antleidefchrant, volle Türen, Birte mit Rebrano, vollständig rund gearbeitet, mit gro Ber Frifiertoilette, Gdywechtenpianos, Soder, 2 Stühlen, Biesepiano, Dun tomplett 760,- M. fenpiano, GalonMoris pianos 175,-, 275, Birfdomik. Gta- an, Martenflügel Tigeritt. 23, Soch- 490- an, gebrauch bahn Rottbuffer te. Abendroth, Pots Sor. Im Often: bamerstraße 74. Andreasstraße 30, gegenüber Leifer. 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Pumpen, Rühren, Filter Ersatzteile, Preisliste gratis Roblank& Co. Pumpenfabrik BERLIN N 65, Reinickendorfer Str. 95 Beilage Montag, 18. Mai 1931 SprÄbpnö SteUauLOatfe dt* koihawrtl Der Untergang der Kommune Hermann Wendel: Zum sechzigsten Gedenktag der„Blutigen Woche" Welcher Manoel Ott Kritik lieot torin, die Kommune oerot>e»u oeilig M svrcchen, sie fttr unfehlbar m erliören! ssricdrich Enqeis. &\5 am �1. Mai 1871 gegen drei Uhr nachmittags der städtische Werkführer D u c a t e l auf der Bastion 84 der Porte Saint-Cloud den Vorposten der Versailler mit einem Taschentuch winkte, zum Zeichen, daß sie unbesorgt in die Stadt einrücken könnten, erwies sich in der Tat dieser Teil der Pariser Umwallung von den Ver- teidigern verlassen. Bald fluteten in mächtigen Wellen die Angriffs- truppen, Regimenter der Korps Douay,(Eissel), C l i n ch a n t, Ladmirault und V i n 0 y in die ungeschützten Viertel; abends 'zehn Uhr besanden sich schon 20 OVO Mann innerhalb der Stadt, ohne daß die Kampsleitung der Föderierten etwas ahnte; der Kommune schlug ihr letzte- Stündlein. Und es war ein grau- siges Ende! Der Flammenschein der brennenden Gebäude be- leuchtete in diesen acht Tagen, der berühmten„Blutigen Woche", ein Morden, wie es gleich viehisch die Weltgeschichte kaum ein zweites Mal gesehen hat. Wo immer, den heldenhaften Wider- stand der Kommunards niederwerfend, eine siegestrunkene und rachedurstige Soldateska vordrang, ließ sie wahllos Mann und Weib, Greis und Kind, Kämpfer und Zuschauer über die Klinge springen. Paris war in vier große Militärbezirke eingeteilt, in vier große Schlachthäuser verwandelt; anderthalb Dutzend Kriegs- gerichte arbeiteten im Schnell- und Massenbetrieb: unaufhörlich krachten in der Prinz-Eugen- und der Lobau-Kaserne, im Park Monceau und am Bahnhof Montparnasse, in der Militärschule und in den Champs Elysees die Salven der Exekutionspelotons; auf dem Friedhof Pere Lachaise, der, einer der letzten Stützpunkte der Föderierten, in der Nacht zum 28. Mai den Angreisern in die Hände fiel, mähte, heißt es, Geschützfeuer die Gefangenenhaufen nieder. Während dreier Tage zog sich ein breiter, roter Streifen kilometerlang mitten durch die Seine; das Blut der hingeschlachteten Kommunards war es, das in den sonst so heiteren Fluß dieses schauerliche Ornament einwirkte. Hatten zuletzt höchstens 12(XX) Mann hinter den Barrikaden gefachten, so bezifferte die Regierung die Zahl der summarisch Erledigten auf 17 000; in Wahrheit überstieg die Zahl die 20 000: die Leichen wurden, oben- hin verscharrt, in der Sommerhitze durch die Ausdünstungen der Verwesung zu einer Gefahr für die Gesundheit der Stadt. Aber in gewissem Betracht erschien das Ende der Kommune als ihr Glück. Wie verblaßten neben den namenlosen Greueln der Versailler die paar Uebeltaten, für die die Kommune wenigstens zum Teil die Verantwortung trägt. Mochten sich 1874 aus dem sicheren Londoner Port auch dreiunddreißig mehr oder minder führende, Kommunards, darunter Eudes, Lul l i e r, Varl et und leider auch Ba l 14 ont, stolzen Munde» zum Nieder- brennen der öffentlichen Gebäude und zum Nie der- metzeln der Geisein bekennen, so bleibt doch� namentlich die Abschlachtung Wehrloser und Unschuldiger ein nicht wegzuwischen- der Flecken auf dem Bild der Kommune. Es waren ja auch die Mitglieder der Internationale, die sich diesen so nutzlosen wie gewalttätigen Methoden widersetzten. T h e i s z und C a m e- linat oerhinderten der eine, daß die Hauptpost, der andere, daß die Münze in Flammen aufging, B e s l a y schützt« die Bant von Frankreich, und Varlin, eine der reinsten und hinreißendsten Gestalten der ganzen Bewegung, setzte sein Leben aufs Spiel, als er sich den Geiselmorden in der Rue Haxo in den Weg warf. Die bluttriefend niederträchtige Rache der Versailler an den Unterlegenen hat aber auch für Jahrzehnte der s 0 z i a l i st i f ch e n Kritik an dem eigentlichen Wesen der Kommune über Gebühr den Mund geschloffen; obwohl Karl Marx seinen„B ü r g e r- krieg in Frankreich" zu Papier brachte, als Pulverdampf und Blutgeruch noch über dem Schlachtfeld lagen, und weder eine kühle Nachprüfung der Ereignisse möglich war, noch das nötige Material zur Verfügung stand, galt diese ausgesprochene Kampf- schrift, von deren Angaben und Auffassung A. Conrady später so viel zerpflückte, nur zu oft als geschichtlich« Quelle. Aber die Kommune eine Diktatur des Proletariats, als die sie die Jünger Moskaus heute noch feiern? Die Kommune eine sozialifti- sche Revolution und Lorschule der Umwälzung, die auch wir an- streben? Von beidem blieb sie weit entfernt. Wohl wurde an ihrer Schwelle„die Emanizipation des Proletariats" angekündigt, ober die Mehrheit, die, aus Blanquisten und Jakobinern bestehend, das Heft in der Hand hatte, vermochte sich darunter nur etwas Wolkenhaftes und Verschwommenes vorzustellen: in ihrem Sinne gab das Amtsblatt der Kommune, das„Journal Officiel", die Er- Hebung des 18. März nicht als ein Stück Klassenkampf, sondern als„Kampf der Freiheit gegen die Autorität" aus; ihr soziales Programm erschöpfte sich in einem Schlagwort des in 100 000 Exemplaren verbreiteten Aufrufs an die Landarbeiter und Bauern: „Keine ganz Reichen und keine ganz Armen mehr!" Das war, auf den Buchstaben genau, das rückwärtsgerichtete, klein- bürgerliche Ideal der Linken des Jahres 1793, die Losung Robespierres und Satnt-Justs und hatte mit modernem Sozialismus rein gar nichts zu tun. Aber auch die Minderheit innerhalb der Kommune, die der Sozialistischen Arbeiter-Internationale angehörte, schrieb nicht etwa die Vergesellschaftung der Produktionsmittel auf ihre Fahnt. Der Aufruf der Internationale zu den Kommunewahlen sah in der Gemeindefreiheit, die für viele die Kernsrage des Ganzen war, die Bürgschaft für eine Befreiung der Arbeiter und erhob Forderungen, die entweder wie Presse-, Vereins- und Verfamm- lungsfreiheit, Unentgeltlichkeit des Unterrichts, Laienschule, all- gemein demokratisches Gepräge trugen, oder wie die Organisation des Kredits, des Warenaustausches und der Genossenschaft weit mehr nach Proudhon als nach Marx schmeckten. Dabei ge- brach es der Minderheit an der Macht, ihr Programm gegen die oft widerstrebend« oder gleichgültige Mehrheit durchzusetzen. So gewaltig sich denn die Kommune im Kampf gegen Kirch« und Klerisei ausplusterte:„Wir streichen den lieben Gott!", so bescheiden duckte sie sich mit ihren sozialen Leistungen, die zudem alle«her in das Fach des Arbeiterschutzes sielen, als das Gebiet des Sozialismus berührten. Statt des Achtstundentages wurde ge- rade der Zehnstundentag durchgedrückt, die Uebernahme solcher Be- triebe, die von den Unternehmern verlassen waren, durch Arbeiter- genossenschaften kam über den Beschluß nicht hinaus, und wenn Fraen kel. der wirtlich eine Lanze für die Interessen des Prole- tariats brach, das übrigens in der Kommune umstrittene Verbot der Nachtarbeit in den Bäckereien die einzig wahr- Haft sozialistische Maßregel der ganzen zehn Wochen nannte, sagt das genug, denn diese zahme Reform ist seitdem von sehr vielen sehr bürgerlichen Regierungen durchgeführt worden. Auch der Einwand, daß die Kommune, alle ihre Kräfte im Kampf um ihr nacktes Dasein verzehrend, keine Zeit zu Versuchen großen Stils gehabt habe, hinkt. Denn einmal versagte sie, da in die Leitung der Operationen zu viel unberufene Schwätzer hineinredeten, auch militärisch, und zum zweiten gingen auch jene Verwaltungszweige, die abseits der Kriegshandlungen lagen, nicht an den Umsturz des Ueberkommenen heran. Die neueste, mit dem stärksten Willen zur Unparteilichkeit geschriebene Studie über die Pariser Revolution von 1871 behandelt ihr Gerichtswesen; ihr Ver- sasser, Georges Laronze, findet auf Grund sorgfältiger Prüfung an Hand der Akten in der Justizreform der Kommune„nichts Sozialistisches, ja nicht einmal etwas Revolu- t i 0 n ä r e s" und vermißt auch in ihrem ganzen Werk alles, was auf den Plan einer Zukunftsgesellfchaft hindeuten könnte. In der Tat war die Kommune, weniger durch die individuelle Schuld ihrer leitenden Köpfe als wegen der historischen Unreife einer ganzen Klasse, des Proletariats, statt einer sozialisti- schen Revolution ein blanquistischer Putsch von ge- waltigen Ausmaßen; mehr als der Arbeiter drückte ihr der wild- gewordene Kleinbürger seinen Stempel auf, und von B a k u n i n, nicht von Marx stammten ihre Stichworte und Losungen. Aber in der Geschichte wirken Bewegungen nicht nur durch das, was sie sind, sondern auch durch das, was sie scheinen. Wie darum Fahlheit die roten Wänglein der Bourgeoisie überzog, weil sie in Paris die kommunistischen„Teiler" an der Arbeit wähnte, so sah das Proletariat aller Länder in der Kommune einen Kampf für seine Sache; in einer Zeit, die der großen, Achtung einflößenden Arbeiterorganisationen überall entbehrte, war es den Armen und Unterdrückten ein Herzenstrost, daß in Frankreich wenigstens die Armän und Unterdrückten gegen ihre Ausbeuter und Bedränger die Massen erhoben. So schrieb zehn Jahre nach den Ereignissen G u e s d e s„Egalite", daß weniger durch sein Pro- gramm und seine Personen als durch die Hoffnungen, die es er- weckt, und durch den Schrecken, den es eingejagt habe, das revo- lutionäre Unternehmen des 18. März 1871 feine rechte Bedeutung für die Arbeiterklasse und den Sozialismus erweise, und so hatte August Bebel nicht unrecht, wenn er noch während der Ereignisse dem teils höhnenden, teils bestürzten Reichstag ins Gesicht schleu- derte,„daß der Kampf in Paris nur ein kleines Vorpostengefecht ist, und daß, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang! der Schlachtruf des gefam- t en europäischen Proletariats werden wird". Kommune und Kommunisten Die Kämpfer der Kommune gehören zu jener aufopfernden Vorhut im großen Befreiungskrieg der Menschheit, auf die sich das berühmte„Und so weiter" am Ausklang von L e n a u s „Albigenfern" erstreckt. Aber die allermeisten Führer der Be- wegung von 1871 wären wohl maßlos verblüfft, wenn sie aus ihren Gräbern auferstehen könnten und oernähmen, daß Sowjet- rußland nach Lenins Wort„ein Staat vom Typus der Pariser Kommune", also die Verwirklichung ihres Frecheitsideals sei. Viel- leicht würde sich dieses Staunen bei näherem Zusehen etwas legen, weil sie dann entdeckten, wieviel an reinstem Blanquismus, nämlich die Meinung, daß man mit einer kleinen entschlossenen Minderheit die Staatsgewalt nicht nur erobern, sondern auch auf die Dauer gegen die Mehrheit behaupten könne, im Grunde der Mostauer Heilslehre anhastet. Wie dem aber auch fei, die Kommunisten tun allerhand, das Gedächtnis der Kommune wachzuhalten. Zum sechzigsten Jahrestag der Pariser Revolution legt die Soziologisch« Verlagsanstalt«ine neu« deutsche Ausgabe von Liffagarays „Der Pariser Kommune-Auf st and", gebunden zu dem niedrigen Preise von 2,86 M., vor; die Einleitung stammt von K. H. W 0 1 f! der Anhang bringt Brief« von Karl und Jenny Marx über die Kommune. Liffagarays die Ding« keineswegs beschönigende Schilderung jener ateMraubenden Ereignisse wird in- sofern nie veralten, als er mit dabei war, hinter den Barrikaden focht und den greisen Delescluze im Feuer der Versailler zu- sammenbrechen sah; der frische Hauch eigenen Erlebens weht des- halb durch seine Darstellung. Nach Stichproben zu urteilen, ist die Uebertragung auch in erfreulichem Maße flüssiger, lebendiger und deutscher als die der Ausgabe des gleichen Werkes in der Jnter- nationalen Bibliochek. Aber wenn schon starke Kürzungen unver- weidlich waren, warum dann nicht durch Streichungen oerbessern? Es wäre wirtlich kein Schade, wenn der Leser des Jahres 1931 nichts mehr von den„Geheimnissen des Klosters Picpus" und dem „Keller der Kirche Saint-Laurent" erführ«, die beide Ausgeburten antiklerikaler Kolportagephantasie waren. Auch das Werk„Pariser Kommune 1871" mit dem Untertitel„Berichte und Dokumente von Zeitgenossen", im Neuen Deutschen Verlag, Berlin W. 8, erschienen, enthält eine Fülle des Wissenswerten und Aufschlußreichen über die Vorgeschichte und Ge- schichte der Pariser Bewegung, aber mehr für den kritischen als für den voraussetzungslosen Leser. Denn leider erweist es sich als ein Sehfehler, wenn der Herausgeber Dr. Hermann Duncker in diesem Buch„eine umfassende, aus den offiziellen und zeitgenöfsi- fchen Berichten erarbeitete Geschichte der Pariser Kommune" und demnach„die wohlgelungene Ausfüllung einer bedauerlichen Lücke im marxistischen Schrifttum" erblickt. Auf weiten Strecken handelt es sich um nicht mehr als eine Materialfammlung; Auf- rufe, Proklamationen, Zeitungsartikel. Dekrete, Auszüge au» dem „Journal Officiel", Sitzungsberichte der Kommune, Protokolle der Pariser Sektion der Internationale, Schilderungen aus der Feder von Zeitgenossen, wie A r n 0 u l d und Balles, Betrachtungen von Marx, Engels, Mehring, Lenin, Antonow reihen sich aneinander, aber verarbeitet, verarbeitet ist all das nicht, und der verbindende Text wirkt durchaus unzulänglich. Von den Originaldokumenten abgesehen, ist neben den eingestreuten Jllu» strationen und den freilich auch nicht überall zweifelsfreien Bild- tafeln noch das Wertvollste ein Stadtplan von Paris aus dem Jahre 1871, in den die Barrikaden und Batterien der Kommunards eingezeichnet sind. Schreibt dieses Werk eines anonymen Verfassers mit Recht dem Blanquismus die führende Rolle in der Kommune zu, so zeigen sich doch Ansätze zu einer Verbeulung der Tatsachen, aber wenn von den Dekreten und Programmen des Pariser Rathauses gesagt wird, sie gäben„ein Bild der gewaltigen L e i st u n g e n der Kom- mune", so erteilt Wolfs Einleitung zu Liffagarays Ge- schichte die richtige Antwort mit der Feststellung, daß„die prak- tischen Maßregeln der Kommune sehr d ü r s t i g" ge- wesen seien. Sie hatten zudem samt und sonders mit modernem Sozialismus nichts zu schaffen; vielmehr war, wenn Engels in Blanqui einen„Revolutionär der vorigen Generation" sah, auch die von Blanquis Geist erfüllte Kommune eine Revolution' der vorigen Generation, die dem Jahre 1793 unendlich näher stand als dem Jahre 1931. Wieso sie gleichwohl für Duncker und seine Gesinnungsfreunde ein„Grundstein für die Entwicklung des modernen Kommunismus" und„der erste weithin leuchtende Sieg der proletarischen Diktatur und des kommunistischen Gedankens" ist, bleibt unerfindlich, falls nicht eben doch das Blanquiftische, Gewalttheorie und Gewaltpraxis, zwischen dort und hier die Brücke schlägt. Aber die Anwendung der Gewalt ist für die französisch« Arbeiterklasse übel ausgelaufen; furchtbar zur Ader gelassen, durch die Massenerschießungen und Deportationen gelichtet, in seinem Vormarsch um Jahrzehnte zurückgeworfen, bedurfte das Proletariat fast eines Menschenalters, um wieder halbwegs ein politischer Faktor im Leben der Nation zu sein.„Die Fähigkeit, mit den Waffen umzugehen", heißt ss in dem von Duncker eingeleiteten Buch,„hat den Pariser Arbeitern den Sieg des 18. März 1871 ge- sichert", ohne Zweifel, aber ebenso zweifellos die Niederlage des Mai 1871 eingetragen. Auch wenn Marx als preisliches Er- gebnis des Bürgerkrieges in Frankreich vermerkte, daß er das französische Proletariat in den Waffen geübt habe,„und das ist die beste Garantie für die Zukunft", unterlag er einer Selbsttäuschung, denn nie mehr hat seitdem die französische Arbeiterklasse im Kampf um ihre Befreiung zur Flinte gegriffen. 0sr letzte Tag Aus den nicht veröffentlichten Erinnerungen eines Kommunards In der Nacht zum 21. Mai 1871 begann die letzte Offensive der Versailler Truppen auf diejenigen Straßenteile von Paris, die sich noch in den Händen der Kommunards befanden— auf die proletarischen Vorort« Belleville und die Hügel von Chaumon. Es war ein harter Kampf. Di« Kommunards hatten keine Aus- sichten mehr zu siegen. Di« hier veröffentlicht« Skizze gibt ein ge- treues Bild der Stimmungen dieser Kommunards am letzten Tage des Kampfes. Der Verfasser ist unbekannt— aus dem Inhalt geht bloß hervor, daß er zu den Kreisen der polnischen E m i- granten gehörte und sich dem Kampfe d«r Kommunards anschloß. Diese Skizze ist im Jahre 1876 für die russische Zeitschrift „Wperiod"(Vorwärts) niedergeschrieben worden, die in London von P. L a w r 0 w, einem Mitglied« der Ersten International« und einem guten Bekannten von Marx und Engels, redigiert wurde. Dieser Artikel ist seinerzeit aus unbekannten Gründen nicht er- schienen und wird jetzt zum erstenmal veröffentlicht. Das Original befindet sich im Berliner Archiv der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands. L. dlücolzjevskz'. *** Schwarz«, stockfinstere Straßen; schmutzige Bürgcrsteig«; der Himmel durch eine undurchdringliche Finsternis verdeckt; Regen- schauer und kalter, scharfer Wind. Di« Latern«n verbreiten ein schwaches Licht... Drückendes Schweigen herrscht in dem Vorort Belleville; die dumpfen Töne der Pauken und das Alarmgeläut durchdringen dies« fiir Paris so unnatürliche Stille. Ich erinnere mich... ich erinnere mich mit furchtbarer Klar- heit aller Einzelheiten dieses Tages. Es war vor fünf Jahren. Fern von meiner„Heimat". Ich—> ein Flüchtking— kämpfte für die„Freiheit" eines fremden Volkes! Ist das aber von Bedeutung? Mein Feind ist dort wie hier— derselbe... der gehaßt« Feind des Proletariers! Di« Gruppen der Nationalgarde stehen unbeweg- lich im Regen, von der Finsternis der einbrechenden Nacht umhüllt ... es leuchten die Bajonette. Wer wird siegen? Mir war es klar. Ich untersuchte mein Gewehr, lud meinen ,Lesome"-Reoower, brachte meine Patronentasche in Ordnung und verließ meinen Unterschlupf, um nie mehr dorthin zurückzukehren. Ich stieg die schmutzige Treppe hinab und befand mich bald in einer Nebengasse. Zwei Reihen hoher düsterer Häuser, die das schmale Gäßchen einrahmten, mit langen Fensterreihcn, mit Dächern, die das letzte winzige Stückchen des unfreundlichen Himmels verdeckten — so sah das Gäßchen— Ruelle Saulinier— aus; die Sonne blickte nie zu uns hinein— hier hauste der Proletarier von Paris. Aus den Fenstern dicht unter den Dächern steckten Frauen und Kinder ihre Köpfe hinaus— die Armen! Ein« furchtbare Stille herrschte in der Gasse. Am Ausgang der Gasse war eine Barrikade: das umge- kippte Gestell einer alten Postkutsche, halbzerfallene Fässer, Reste von Möbeln, ein Haufen Steine und Schmutz... und dieses alles war bloß mit einigen schmutzigen, alten Matratzen bedeckt. Ganz obenaus wehte ein rotes Banner: der Wind liebkoste dieses durchnäßte Banner des ausständtschen Volkes... Hinter der Barrikade standen Men- schen... ich blieb auch stehen. „W e r d a?" wurde ich gefragt. „Ein Kämpfer der Kommune," antwortete ich. Meine Genossen waren Arbeiter; ich merkte es sofort an den stolzen Zügen ihrer strengen Gesichter, an den Muskeln ihrer kräftigen Arbeitshände. Serfisa sendef Erziehung zum Itundlunkhoren Die Deutsche Welle brachte einen Vortrag von Alfred Flatau:„Dringliche Worte an den werktätigen Höre r". Es ging um grundsätzliche Fragen des Radiohörens überhaupt: deshalb scheint es geboten, besonders ausführlich auf diese Darlegungen einzugehen. Unsere lärmende Zeit hat bereits, ehe der Lautsprecher zur Herrschaft kam, unser Gehör abgestumpft. Lärm und Worte, Ge- räusch und Musik können an unserem Ohr oorübergleiten, ohne an upser Bewußtsein zu dringen. Wir spüren die Wirkung dieses von Unruhe erfüllten Lebens nur an dem immer stärkeren An- wachsen der Nervosität, die heute schon die Kinder heimsucht. Dem nervösen Menschen sällt die Konzentration des Geistes schwer. be< sonders nach anstrengender Tagesarbeit. Er will sich am Abend unterhalten. Deshalb schaltet er, wenn er zu Hause ist, den Laut- sprechet ein. Der bleibt dann im Betrieb, ob man Abendbrot ißt oder Zeitung liest oder sich mit der Familie unterhält. Am wenigsten störend wirkt bei allen diesen Verrichtungen Unterhaltungsmusik, da sie keine Forderung an den Geist stellt. Wenn die Hörer, die sie als Hauptbestandteil des Funkprogramms wünschen, wirklich ihre Aufmerksamkeit auf diese Musik richten würden, so würden sie sich bei den allzuoft gehörten, häufig sehr banalen Melodien sehr bald entsetzlich langweilen. So aber läßt man sich, im«örtlichen Sinne, von diesen Klängen nur„zerstreuen". Man vetl�rnt dabei von Tag zu Tag mehr die Fähigkeit zur Konzentration. Alfred Flatau betonte deshalb sehr richtig in seinem Vortrag, daß die meisten Menschen erst zu Rundfunkhörern erzogen werden müssen, das heißt zur geistigen Aufnahme dessen, was die Schall- wellen aus Lautsprecher oder Kopfhörer an ihre Ohren tragen. Die erste und wichtigste Mahnung an alle Rundfunkhörer heißt: Wenn dir die klänge oder Worte, die aus dem Apparat strömen, nichts zu sagen haben, so schalte ihn aus. Der Hörer dient sich und seinen Mitmenschen, wenn er sinnlose Geräusche vermeidet, und er schafft sich durch eine vernünftige Auswahl der Programmdarbietungen einen Genuß am Rundfunk, den er bei seinem gleichgültigen Dauerempfang nie haben konnte. Der Rundfunk ist heute keine technische Spielerei mehr: er ist eine geistige Kraft. Daß sie noch oft nicht recht fühlbar wird, ist zum großen Teil Schuld der Hörer, deren geistige Trägheit die Funkprogramm« am liebsten auf dem primitivsten Unterhaltung?- Niveau festhalten möchte. Natürlich braucht der arbeitsmüde Mensch abends Entspannung, die ihm zum Teil durch leichte Musik werden kann. Aber nur zum Teil; eine stärkere und nachhaltigere Cr- holung vermag oft gerade aus geistiger Beschäftigung zu strömen, die ein Ausgleich zu der immer ungeisttger werdenden Tagesarbeit ist. Nicht einer oberflächlichen sogenannten„Bildung" freilich darf diese Beschäftigung dienen, sondern sie muß sich um «ine sinnvolle Vertiefung und Bereicherung von Kenntnissen und Erkenntnissen mühen. Der Rundfunk gibt die Möglichkeit dazu. Alfred Flatau er- mahnte den Hörer: Suche dir aus dem wochenprogramm die Veranstaltungen und Vorträge heraus, die du abhören willst. Er empfahl, es gleich für die ganze Woche im voraus zu tun, um unter Umständen für einzelne Veranstaltungen bereits vorhandenes Wissen aufzufrischen oder zu vertiefen. Wer sich so sein Rundfunk- wochenprogramm zusammengestellt hat, erwartet die einzelnen Dar- bietungen mit steudiger Spannung: er ist bereit, sich auf sie zu konzentrieren. Läßt sich diese Arbeit im Arbeiterhaushalt, wo die ganze Fa- milie mit ihren häuslichen Verrichtungen meist in einem Raum vereint ist, ober stets ausführen? Es ist selten vorauszusetzen, daß Es regnete unaufhörlich. Die Nacht brach ein. In der Dunkel- heit waren kaum die einzelnen Silhouetten der Menschen an der Barrikade zu sehen. Wir standen schweigend und blickten krampfhaft in die undurch- dringliche Finsternis... wir wußten, wir wußten es allzugut, daß wir nichts mehr zu hoffen hotten! Woran dachten wir in diesen endlosen Minuten? An alles: in meinem erhitzten Kopfe wechselten schnell die Ge- danken: eine Erinnerung jagte die andere: ich rief in meiner Er- innerung den großen Tag des 28. März zurück— die feierliche Proklamierung der Pariser Kommune: Artillerie böllerte an den Ufern der Seine und begrüßte den Sieg des Voltes. Hinter den Barrikaden standen dichte Menschenmengen, es ertönten laute Freudenru�e„Es lebe die Kommune!" O, wie naiv war ich da- mals, als ich glaubte, daß alle Leiden zu Ende sind, daß der große Tag der Befreiung endlich angebrochen sei. Ein Gedanke folgte dem anderen, ein« Erinnerung jagte die ander«... und in dieser Zeit hörten wir das Geknatter der Gewehre— unsere Genossen wurden erschossen! Plötzlich erschien aus der Nebenstraße eine Kolonne Sol- baten, es ertönte eine Salve, die Kugeln flogen die Gasse entlang. Wir zielten und schössen. Das dauert« eine Weile... Dann drückten wir einander die Hände und warteten auf den Sturm. Wir hatten keine Putronen mehr... „Rebellen, ergebt euch!" rief uns der Offizier zu. Wir sahen uns an... und jeder erkannte in den strengen Zügen der Genossen, daß es unter uns keinen einzigen gab, der bereit war, sich lebend zu ergeben. Wir waren nicht mehr als 20 Mann. „Ergebt euch!" wiederholte der Offizier. .Niel" „Schießen!" Im düsteren Gäßchen wurde es für«inen Augenblick hell. Das Echo wiederHolle die Salve... Dann... was geschah später?... Daran erinnere ich mich nicht mehr. Die Soldaten zerstörten die Barrikaden, erstachen die Ver- mundeten mit ihren Bajonetten: ich lag unter den Trümmern der Barrikade, mir schwindelle, ich war verwundet und verlor das Bewußtsein. Der Feind trat die Leichen meiner Genossen mit Füßen. Es wurde ganz still. Dann fühlt« ich, wie ich aufgehoben wurde... Zur Besinnung kam ich erst unterwegs... im Krankenwagen. Ich lag auf einem Haufen von Menschentörpern, di« in den Wagen hineingeworfen waren. Ich wurde nicht lebend begraben, wie es mit Hunderten der Kommunard? geschah: ich wurde auch nicht nach der Venvundung erschossen, wie zahlreiche meiner Genossen, nein! Nur einem Zufall — denn in dieser furchtbaren Zeit konnte nur ein Zufall ein Menschenleben retten— verdankte ich mein Leben. Gerettet? Ich wurde vor das Kriegsgericht unserer Mörder ge- stellt und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt... alle Familienmitglieder dem Thema eines Vortrages das gleiche Interesse entgegenbringen. Hier gibt es nur einen Ausweg für den Hörer: die Rückkehr zum Kopfhörer. Hinter seinen Muscheln versinken die Gespräche und Geräusch» der Umwelt zwar nicht völlig, aber doch soweit, daß bei ernstem Willen dazu eine Konzentration auf die Funkdarbietung möglich ist. Müheloser freilich läßt sich dieses konzentrierte Hören in einer gleichgestimmten Gemeinschaft erreichen, und der werktätige Hörer sollte danach streben, wichtige Funk- darbietungen im kreise einer Hörgemeinschaft zu empfangen. Solche Gemeinschaft kann bereits die Familie bilden oder auch«in Freundeskreis. Der Arbeiter-Radiobund ist dazu überge- gangen, Abhörabend« für wichtig« Vorträge und Darbietungen zu veranstalten. Im verdunkelten Raum kann sich hier der Geist ganz auf das Wort einstellen. Wenn es nötig erscheint, wird der Ver- anstaltung«ine kurze erläuternd« Einführung vorausgeschickt. An die Funkdarbietung schließt sich eine Aussprache an. Alfred Flatau sprach den Wunsch aus, daß solche Abhörstunden möglichst zahlreich von den verschieden st en Organisa- tionen und Verbänden geschaffen werden, da sie nicht nur für den einzelnen Hörer einen unmittelbaren Gewinn bedeuten, sondern auch die Möglichkeit zu fruchtbarer Kritik am Rundfunk geben. Die Eindrücke einer größeren Gemeinschaft über eine Dar- bietung lassen sich an solchen Hörabenden doch immer soweit klären, daß ein für den Sender brauchbares Gesamturteil zustande kommt. Das aber trägt dann wieder dazu bei, künftige Programme zu vervollkommnen. Dieses Gemeinschaftshören kann sich naturgemäß immer nur auf Spitzenleistungen des Programms erstrecken: der Einzechörer am Radioapparat wird die Regel bleiben. Deshalb ist die Selbst- erziehung zum richtigen Funkhören die wichtigste Aufgabe jedes Funkteilnehmers, der vom Radio verlangt, daß es ihm mehr ist als nur ein mechanischer Sprechapparat. Ihn als solchen anzu- sehen, heißt aber das größte Wunder unserer Zeit entwerten. Im Rundfunk hat sich zum erstenmal allen Menschen deutlich sichtbar aus der technischen Grundlage eine geistige Macht entfaltet: die Technik, heute so oft mindestens scheinbar eine Kraft, die sich die Menschen unterwirft, ist hier nur noch ihr bescheidener Diener. Die drahtlose Welle, die heute die ganze Welt umspannt, bietet das Mittel, diese ganze Welt ihrem Geist zu erobern. Es ist Sache jedes einzelnen Hörers, daran mitzuarbeiten, daß wir uns dieses Geistes einst nicht zu schämen haben. De,. Qruß der walisischen Jugend Der 18. Mai ist in den angelsächsischen und einigen anderen Ländern zu einem Friedensfeiertag der Jugend(Lood. will Day) geworden, seitdem sich angesehene Erziehungsorganisatio- nen für ihn in diesem Sinne eingesetzt haben. Es ist der Erinne- rungstag der ersten Haager Friedenskonferenz von 1890, auf der sich die deutsche Delegation den traurigen Ruhm eines energischen Pro- teste? gegen jeden Abrüstungsversuch erwarb. Am 18. Mai übermittelt der britische Sender seit einigen Iahren, jetzt zum zehntenmal, eine sympathisch und eindringlich ge- halten« Botschaft der Jugend von Wales an die Jugend aller Länder. In allen walisischen Schulen wird der Text der Botschaft ausführlich behandelt, auch die Elternschaft wird für sie gewonnen. Der Anreger zu dieser liebenswürdigen Geste war die Völkerbunds- liga von Wales. Mag ihr politischer Einfluß nicht sehr weitgehend sein, ihr Einfluß auf Gesinnung und Denkrichtung ist zweifellos be- deutsam. Hier ist der Text des diesjährigen Grußes, der die Gestalt Nansens, des Förderers der Völkerbundbestrebungen, des Helfer« der Hungerleidenden in Rußland und China, des mutigen Pioniers der Forschung, in den Mittelpunkt stellt: „Wir Jungens und Mädels von Wales grüßen euch auch in diesem Jahre von ganzem Herzen, ihr Knaben und Mädchen von Europa, Asien, Aftika, Amerika und von den großen Ländern der Südsee. Heut«, am Tage des guten Willens 1931, gedenken wir in Wales im besonderen des Werkes von Dr. Fridtjof Nansen, der ein Freund aller Völker war und ein Held aller Kinder ist. Wir glauben, wie Dr. Nansen es glaubte, daß stetige fteundschaftliche Gesinnung zwischen den Völkern der ganzen Welt Friede bedeutet. Auch wir wollen mithelfen, die Welt für den Frieden zu gewinnen. Wir freuen uns der bisher errungenen Fortschritte und geloben, gemein- sam mit euch, auch in Zukunft alle unsere Kräfte daran zu setzen. noch größere Erfolge zu erzielen." Die einlaufenden Antworten werden den walisischen Kindern dann bekanntgegeben. Es wäre erfreulich, wenn sich die Zahl der deutschen Erwiderungen, die schon im Vorjahre beträchtlich war, weiter mehren würde. Wie wäre es, wenn Kinderfreunde, Rote Falten und SAJ. diese internationale Verbindung mit aus- nähmen? Man schreibt an die League os Nation» Union, 10, Museum Place, Cardiff, Wales. Wie gesagt. Deutschland ist mehr und mehr aufmerksam auf diese jährliche Kundgebung geworden, besonders nachdem 1926 Unter- richtsminister Becker persönlich mit einem Telegramm nach Wales geantwortet hat. Aber eine Instanz nimmt noch sehr wenig Notiz von der Sache: unsere deutschen Sender. Seit Iahren schon wird der Gruß von ftanzöflschen, schweizerischen, überseeischen Sen- dern weitergeleitet oder übersetzt. In Deutschland sieht man noch keine Veranlassung dazu, wie ich durch persönliche Anftage in Berlin feststellen konnte. Hoffentlich notiert sich der Deutschland- sen der die Angelegenheit wenigstens für das nächste Jahr vorl Xlkreä Ehrentreich. WAS DER TAG BRINGT .................................................................................................................................................................................. ERZÄHLT VON YORICK Zwischen Müncheberg und Neuendorf. Am Rande der Landstraße zwischen Müncheberg und Nenendorf saß ein Handwerksbursche und verzehrte sein sauer erfochtencs Früh- stück. Er hatte sich, um die Gemütlichkeit dieses Beginnens soweit zu erhöhen, als es die wenig komfortable Umgebung irgend zuließ, sogar eine Rllckenstütze gesucht: nämlich den Grenzstein, der das Ende der Müncheberger und den Beginn der Neuendorfer Feldmark bezeichnete. Es schmeckte ihm ganz gut, der Lehnstuhl war ein bißchen hart, aber besser als gar keiner, die Spnne schien leidlich, es lag kein Grund vor, sich zu beunruhigen oder irgendwo Kam- plikationen zu wittern-- da sank der Handwerksbursche plötzlich hintenüber, die Stulle entfiel seinen Händen, er lag wie tot. Sowohl von der Müncheberger als auch von der Neuendorfer Seite waren Feldarbeiter herzugelaufen, die den Mann aufhoben und ihn, da er kein Lebenszeichen gab, einstweilen und bis zur Ankunft eines Arztes in ein zur Ausbahrung Toter bestimmtes Zimmer einer nahen Heilanstalt brachten. Von hier aus benach- richtigte man die Polizei: ein toter Handwerksbursche sei aufgefunden worden: und während man den Gendarmen erwartete, besprach man den traurigen Fall: so lange, bis ein Müncheberger bescheiden an- fragte, wann und wo die Neuendorfer den Toten denn zu beerdigen gedächten? Die Neuendorfer? Wieso die Neuendorfer? Die wehrten sich energisch. Der Mann sei aus Müncheberg gekommen, also m Müncheberg zu beerdigen. Widerspruch der Müncheberger. Der Mann habe tot vor dem Grenzstein gelegen, aber mit dem Kopf auf Neuendorfer Feldflur: und der Kopf repräsentiere den Menschen, dagegen könnten die Neuendorfer doch wohl nichts einwenden. Oho auf der anderen Seite. Der Mann hätte mit den Beinen auf Müncheberger Mark gelegen. Also sei er von Müncheberger Gebiet aus umgesunken, also eben auf Müncheberger Gebiet. Tja, wenn er da gestanden hätte! Aber er hatte ja nicht gestanden, er hatte gesessen. Hier drohte es zu tätlichen Auseinandersetzungen zu kommen: über der rechtlichen Frage war ihr Verursacher selbst vollkommen vergessen worden. Und war, vermutlich von dem erheblichen Lärm, im Rücken der Streitenden und ungesehen von ihnen aufgewacht. Gerade war er einigermaßen wieder zu sich gekommen, da machte ein ganz Schlauer folgenden Vorschlag zur Schlichtung des Streites: „Wenn er aber an dem Feldstein gesessen hat, dann hat er eben mit der einen Seite auf Mllncheberger Gebiet und mit der anderen auf Neuendorfer Feldmark gesessen. Und denn ist es ja woll das Beste, wenn ihr Müncheberger seine rechte Seite beerdigt, und wir Neuendorfer--" Hier kam der Sprecher nicht weiter. Mit einem entsetzten Ausschrei jagt« der Handwerksbursch« durch di« Gruppe der Streitenden ins Freie, im Gesicht die gräßliche Angst vor dem Halbiertwerden-- lies querfeldein und ward nie mehr gesehen. Käuze. 1. In England starb ein« Miß Smith. Hochbetagt. Unvermählt. Sieben Katzen. Zwölftausend Pfund Sterling. Sie hinterließ testamentarisch die zwölftausend Pfund— den sieben Katzen. Um diese ihre Lieblinge zu pflegen und zu erhalten. Aber: aber unter einer Bedingung. Daß keine dieser sieben Katzen sich je mit einem Kater einließe. So wenig Miß Smith sich je mit einem Manne eingelassen hatte. Sollte dennoch: so muß die betreffende nachsichtslos ersäuft werden: und geht demnach auto- matisch ihres Anteils an den zwölstaufend Pfund oerlustig. Wie die modernen, unromantischen Katzen schon sind: keine von ihnen wird um eines lächerlichen Katers willen ein paar tausend Pfund verlieren wollen... 2. In Tibet regiert der Dalai Lama. Als geistlicher und weltlicher Herrscher. Der hat sich jetzt, wie sich das für einen solchen Herrscher gehört, ein Auto gekauft. Rolls Royce natürlich, jüngste Linie. Der Dalai Lama hat also sein Auto und könnte damit fahren: man bloß: sein Land Tibet hat keine autogeeigneten Fahrstraßen. Wenigstens gerade da nicht, wohin der Dalai Lama mit seinem Rolls Royce möchte. Was tun? Soll man, nun man ein Auto Hot, bei der altgewohnten, von vier Kulis getragenen Sänfte bleiben? Mitnichten. Sondern es wurden dreißig Kulis bereitgestef Um das Auto— zu tragen... Taxametermoritat. Wenn ich dichten könnte, richtige Verse dichten, so sich hinten reimen: dann würde ich aus dieser Geschichte eine Moritat machen, eine richtige MorUat von der Liebe mit erschröcklichem Ausgang und moralischer Nutzanwendung, zu singen nach der schönen Melodie: „Sabinchen war ein Frauenzimmer". Indessen muß ich in den Grenzen meiner Begabung bleiben und lediglich einen Bericht ver- fassen, indem ich den Stoff selbst berufsmäßigen Moritatendichtern gern zur Verfügung stelle. Was also das zu besingende Paar betrifft, so Handelle es sich nicht um Sabinchen und um den bösen Schuster aus Treuenbrictzen, sondern um einen Fabrikanten aus Paris und seine Freundin. Die hatten sich während längerer Jahre schon oft und gern geküßt und täten das noch heute ohne jede Störung, wenn sie es nicht einmal in einem Taxi getan hätten. Ob nun der Chauffeur der Taxe sich mittels des Rückspiegels allzusehr in das Tun seiner Fahrgäste vertieft hatte, oder ob nur eine ausgefeimte Niedertracht des Schick- sals vorlag: jedenfalls stieß die Taxe gerade während des anscheinend etwas zeitraubenden Kusses mit einer anderen Kraftdroschke zu- sammen. Und infolge der mit solchen Zusammenstößen verbundenen Erschütterung wurde dem Fabrikanten von seiner ihn küssenden Freundin— wie sage ich's meinem Kinde—, also in einer Moritat darf man ja mit der Sprache heraus:, also ihm wurde die Zungen- spitze abgebissen. Ich weiß nicht, wie sowas kommen kann, aber es kam. Es kam noch mehr. Nämlich zunächst ein mehrwöchentliche» Unverifiögen für den also Gebissenen, zu sprechen und mithin ge- schäftliche Verhandlungen zu führen: des weiteren ein Sprachfehlsr, de? leider bleiben wird— hinfort wird der Arme lispeln: und schließ- lich ein Scheidungsprozeß. Nämlich der Fabrikant war, was sich nun nicht mehr länger verschweigen läßt, verheiratet: konnte seiner Gattin aber keine glaubhaste Erklärung für das plötzliche Fehlen seiner Zungenspitze beibringen: wurde deshalb verklagt, mußte sich von einem Facharzt sagen lassen, daß in der Zunge Abdrücke von Damenzähnen gefunden worden seien, und wurde verdonnert. Indes, es gab noch einen weiteren Prozeß. Der läuft zur Zeit noch. Er wurde angestrengt von dem Gebissenen— nicht etwa gegen die gebissen Habende, sondern gegen den Taxamcterbesitzer. Der Beklagte behauptet, daß er doch nicht für die Kuhmethoden seiner Fahrgäste verantwortlich sei. Der Kläger hält dem entgegen, daß die Verstümmelung doch nicht der an sich harmlosen Methode, sondern dem Zusammenstoß zuzuschreiben sei. Wer Hot recht? Und wo liegt die Moral? Soll man sich nicht in Taxis küssen? Oder soll man sich„so" überhaupt nicht küssen? Oder soll es hinfort keine Rückspiegel mehr in Taxis geben? Bitte sehr, meine Herren Moritatendichter! ,, Lorbeer 06" Bundes- Fußballmeister Die gestrige Entscheidung im Arbeiter- Turn- und Sportbund Die Entscheidung ist gefallen: Corbeer 06- Hamburg hat| sich gestern in Hamburg durch einen einwandfreien 4: 2- Sieg über Leipzig- Pegau den stolzen Titel des Bundesfußballmeisters im Arbeiter- Turn- und Sportbund erkämpft. Bor ungefähr 22 000 Zuschauern zeigten beide Mannschaften einen Kampf, der hauptsächlich in der zweiten Halbzeit zu einem Ereignis wurde. Die Mannschaften führten ein an Abwechslung reiches Spiel vor, das in der ersten Hälfte die Leipziger und dann die Hamburger leicht überlegen sah. Raum hatte das Spiel mit dem Anstoß der Hamburger begonnen, als der Leipziger Sturm auch schon den ersten Treffer buchen konnte. Noch war Lorbeers Hintermannschaft nicht recht bei Befinnung, als der Ball auch schon zum zweitenmal im Netz lag. Das fonnte ja gut werden! Im allgemeinen gab man den Hamburgern jezt wenig Hoffnung; nach und nach fanden sich dann aber die Einheimischen, die auch von dem nicht immer objektiven Hamburger Bublifum gebührend angefeuert wurden. Häufige Fehlentscheidungen des Schiedsrichters wirkten peinlich; so wurden zwei Tore für Lorbeer unverständlicherweise nicht gegeben. Erst furz vor der Pause gelang es den Hamburgern, das Resultat auf 2: 1 zu stellen. Auch bei Beginn der zweiten Halbzeit war eine leichte Ueberlegenheit der Leipziger unverkennbar. Hauptsächlich waren es die Stürmer, die ihre Angriffe schwungvoll zu gestalten wußten. Die Lorbeer- Mannschaft gefiel sich in einer Ueberfombination, die bei der guten Hintermannschaft Pegaus wenig Gegenliebe fand. Blöglich lief der schnelle Lintsaußen Lorbeers durch. Sein scharfer Torschuß wurde wohl vom Torwart abgewehrt, doch gelang es einem nach setzenden Hamburger, den Ball zum Ausgleichstreffer einzusenden. Immer besser wurden jezt die Angriffe Lorbeers. Die einzige Auslese waren aber nur einige Eden, die nicht verwandelt werden konnten. Auch Leipzigs Stürmer unternahmen einige gefährlich aussehenden Angriffe, die jedoch von der vollkommen sicher und ruhig gewordenen Hintermannschaft Lorbeers abgestoppt werden fonnten. Ein Strafstoß für Lorbeer wurde vom Mittelstürmer zum Linksaußen geschickt, der sofort zur rechten Seite flankte. Rechtsaußen schoß sehr gut aufs Tor, doch noch besser hielt der Torwart den Ball. Dann waren wieder die Pegauer im Angriff. Der Torwart Lorbeers rannte dem Leipziger Sturm entgegen, dessen Lintsaußen schoß aufs leere Tor, doch in legter Sekunde war der rechte Verteidiger der rettende Engel. In der 33. Minute gab es wieder eine Ecke für Lorbeer, die vom Rechtsaußen sehr gut eingegeben, vom Mittelstürmer noch besser zum dritten Tor für Lorbeer verwandelt wurde. Einige Mi nuten später erhielt Lorbeer wieder eine Ecke zugesprochen. Schon lag das vierte Tor in der Luft, doch konnte der Mittelstürmer den Ball nicht mehr erreichen. Dann waren es die Leipziger, die dem Lorbeer- Tor einige Besuche abstatteten, die aber feine Sympathie bei Hamburgs Hintermannschaft fanden. Schon rüsteten die Zuschauer dazu, dem neuen Bundesmeister ihre Glückwünsche darzubringen, als der Mittelstürmer eine Flante des Linksaußen mit dem Schlußpfiff zugleich zum vierten Treffer einsenden konnte. So blieb Corbeer mit 4: 2 verdienfer Sieger. Damit haben die Hamburger zum zweitenmal den Titel eines Bundesfußballmeisters errungen. Der Berliner Sender übertrug die zweite Halbzeit des Spieles. Der Sprecher am Mikrophon, unser Arbeitersportgenosse Lerbs, der Vorsitzender der Hamburger Ortsgruppe des Arbeiter- Radio bundes ist, entledigte sich seiner Aufgabe mit bemerkenswertem Geschic; selten haben wir in Berlin eine so gute, lebendige Repor tage von einer sportlichen Beranstaltung gehabt. Schluß der Frühjahrsregatten beim Freien Seglerverband-2. Tag der Gruppe West war| Kurz vor der Ziellinie gelang es" Ronchi", seinem Gegner über die Segel zu laufen. ,, Freiheit IV" parierte nicht darauf und wurde mit nur 2 Sekunden Abstand auf den zweiten Platz verwiesen. Ronchi" segelte das Feld der 15- Quadratmeter- Rennjollen um 3:14 Minuten und das Feld der 20 Quadratmeter- Rennjollen um Nach der Gewitterwettfahrt am Himmelfahrtstage wenigstens der legte Bettfahrtag der Gruppe West Berlin im Freien Seglerverband am gestrigen Sonntag auf der Unterhavel vom Wetter begünstigt, trotzdem die Bettermacher ja anders prophezeit hatten. Es war den Seglern zu gönnen: Herr licher Sonnenschein mit hochsommerlicher Wärme. Ein Wetter, das aus den Seglern braungebrannte ,, Seebären" machte. Leider ließ der Wind, der zum Anfang der Wettfahrt gut durchſtand, gegen Mittag etwas nach, teilweise in Flaute ausartend. Bei einer Windstärke von 2 bis 3 Gefundenmetern schralte er von Südost nach Südwest. Die Wettfahrt begann mit einem Kreuzgang bis zum Großen Fenster, wo die Boote, je nach dem Schralen bes Windes, die Kälberwerder- Boje mit turzen Kreuzschlägen gut anliegen tonnten, ober lange Kreuzschläge einlegen mußten. Die fleinen Boote rundeten die Große- Fenster- Boje, um dann zurüd zu fahren. Von den 89 gemeldeten Booten starteten diesmal nur 59 Boote, da ein Teil der Boote durch die erlittenen Havarien am Himmelfahrtstage nicht regattaflar wurden. " " " Die Sonderklasse Angela" führte gleich nach dem Start in ber ersten Klasse. Der 60- Quadratmeter- Kreuzer Friedel" holte aber gut auf, so daß die Boote abwechselnd in Führung lagen, um in Sekundenabständen die Bojen zu runden. Mit nur 3 Setunden Abstand gelang es Friedel", die Angela" in der Zeit von 2:29:32 Stunden zu schlagen. In der zweiten Klasse wurde der Kreuzer Carmen" als Alleingänger Sieger der Klasse, da die beiden anderen Boote nicht starteten. Das richtige Wetter und wohi auch die richtigen Brisen fand der Kreuzer ,, Rabauterman" der britten Klasse. Mit 2 und 4 Minuten Vorsprung an der Kälberwerder und Großen- Fenster- Boje, vor dem 35- QuadratmeterNationalen- Kreuzer Iris" führend, holte er bis zur Ziellinie einen Beitabstand von 15:17 Minuten heraus; er wurde gleichzeitig schnellstes Boot der großen Bahn mit 2:27:03 gefegelter und 2:22:01 berechneter Zeit. Nur 1:49 Minuten länger benötigte ,, Libelle" als Sieger in der 30- Quadratmeter- Rennjachten- Klasse, da ,, Thetis" aufgab und Mohrchen" nicht startete. Pipifag" in der fünften Klasse trat auch diesmal nicht an, so daß Libelle II" sich tampflos den Preis holen fonnte. Gut starteten auch wieder die 15 und 20- Quadratmeter- Jollenkreuzer. Rama- Lulu" legte los und führte das Feld bis zur Ziellinie in 2:51:09 Stunden. An der Großen Fenster- Boje hatten sich bereits Min- Ruh" und ,, Traum für den zweiten und dritten Plazz flar gesegelt, jedoch betrug der Abstand zwischen den Boten 10: 49 und 18:46 Minuten hinter Kama- Lulu". Amigo" und„ Ami" übernahmen wieder die Führung in der 15- Quadratmeter- Jollenkreuzer- Klasse und behielten sie bis zur Ziellinie bei. Allerdings gelang es ,, Amigo", dicht bedrängt, Ami" in der Ziellinie nur um 2 Setunden zu schlagen. Eine neue Eigenschaft zeigte Kühleborn" in der 20- QuadratmeterRennjollen- Klasse, sich diesmal auch als ausgesprochenes Leicht wetterboot entpuppend. Bereits auf dem Wege zur Kälberwerder Boje hatte er sich von„ Aegier", dem Sieger der vorigen Wettfahrt, freigesegelt und führte bereits beim Runden der Boje mit elf Minuten Vorsprung vor Aegier". Dahinter famen: Luise", Frechdachs", Immi" und hilus III". Aegier" rückte bis zur Biellinie wieder auf und fam nur 46 Sefunden hinter ,, Kühleborn" ein, der 2:47:01 Stunden benötigte. Gegenüber Luise" hatte ,, Aegier" das Wegerecht nicht gehalten und wurde distanziert. Auf ben zweiten bis vierten Plaz tamen daher: Luife"," Glüdstind" und Frechdachs". In der 15- Quadratmeter- Rennjollen- Klasse führte furz nach dem Start Satan" ,,, Hiawatha" und Havelschwalbe". Die Kälberwerder- Boje wurde in der Reihenfolge von Satan", Havelschwalbe", Fridolin" und Hiawatha" gerundet, und damit standen die ersten drei Boote in der gleichen Reihenfolge für die Breise fest. Satan" benötigte 2:45:07 Stunden. Im Abstand von 5 Sefunden folgte Havelschwalbe" und in weiteren zwanzig Sefunden Fridolin". Ueberaus spannende Kämpfe gab es in der 15- Quadratimeter- Wanderjollen- Klasse, die wieder ein gutes Start bild boten und in Setundenabständen über die Startlinie gingen. Bis zur Kälberwerder- Boje teilte sich das 13 Boote starte Feld in Drei Gruppen unter Führung von Freiheit IV", Ronchi" und ,, Greif" in der ersten und Fridolin", Trabant", Jutrau" und Räpt'n" in der zweiten Gruppe. Freiheit" segelte bis zur " Freiheit" segelte bis zur Kälberwerder Boje einen Vorsprung von 4: 4 Minuten vor Ronchi" heraus, dahinter Trabant", Jutrau" und" Fridolin". Bereits an der Großen- Fenster- Boje rundeten Bord an Bord Freiheit IV" und ,, Ronchi" gleichzeitig die Boje. " " Mun begann ein erbitterter Bord- an- Bord- Kampf mit abwechselnder Führung, wobei Steuer- und Borfchofleute das Beste hergaben. " Der Ausschuß! Das ist der hochwohllöbliche Regattaausschuß, der sich nie irrt und gegen dessen Entscheidungen niemand Protest" Tde einlegt. einlegt. id 7 5: 8 Minuten aus. Auf den dritten und vierten Plaz kamen Trabant" und Jutrau"." Fridolin" mußte wegen Behinderung von„ Sweetheart" distanziert werden, und dafür fam Greif" auf den fünften Platz. Schnellstes Bot der kleinen Bahn wurde wieder ,, Froh- Fahrt" in der 10- Quadratmeter- Rennjollen- Klasse mit 2:13:09 Stunden, damit auch Preisträger seiner Klasse vor ,, Maja" mit 25:20 Mi nuten Abstand. Wippstert" in der zwölften Ausgleichsklasse holte sich den Preis, da ,, Taifun" aufgab und Jens" durch Segelreparatur nicht starten konnte. Rismet" ersegelte sich den Preis in der Ausgleichsfreuzer- Klasse. Dem Felde voran lagen Froh finn" und" Tutti" in der 15. Klasse der Ausgleichsjollen, in der gleichen Reihenfolge die Ziellinie passierend und damit Preisträger der Klasse werdend. Mühelos holte sich ,, Boreas" den Preis in der 16. Klaffe, da die Konkurrenz nicht startete. Die 17. Klasse fiel ganz aus, und in der 18. Klasse teilten sich Schwalbe" und Persönlich" die Preise, da die anderen gemeldeten Boote nicht starteten. Dabei eine Frage: Warum der große Startausfall bei den Ausgleichsjollen? Somit sind die Frühjahrswettfahrten beider Gruppen beendet. " Borzüglich flappte der Dienst der Motorboote an den Bojen und bei der Wettfahrtbegleitung. unermüdlich waren die Eigner am vorigen Donnerstag bei der Bergung der vielen gekenterten Boote. Ein gutes Einverständnis beider Nach einem Plauder. Kategorien: Segler und Motorbootler. stündchen im schönen Klubheim des Seglervereins Stößensee machten die Motorboote flar, um die Wettfahrboote wieder nach ihren Heimatshäfen abzuschleppen. Gode Wind Ahoi" hinüber und herüber, das waren die Abschieds- und Schlußworte der Frühjahrswettfahrten! W. T. Resultat der Segelregatta 1. Rlase, Rreuzer: Friedel" 2: 29,32. 3: 18,09. 2. Klasse, Kreuzer:„ Carmen II" 3. Klasse, Kreuzer: Alabautermann" 2: 22,01. 4. Klasse, 30- Quadratmeter- Rennjachten: Libelle" 2: 28,52. 5. Klasse, Flossentieler: Libelle II" 6. Alaffe, 20- Quadratmeter- Jollenkreuzer: Kama- Lulu" 2: 51,09. 7. Rlaffe, 15- Quadratmeter- Jollenkreuzer:" Amigo" 3: 10,45. 8. Klasse, 20- Quadratmeter- Rennjollen: ühleborn" 2: 47,01. 9. Klasse, 15- Quadralmeter- Rennjollen:„ Gatan" 2: 45,07. 10. Rlaffe, 15- Quadratmeter- Wanderjollen: Ronchi" 2: 41,53. 11. Rlaffe, 10- Quadratmeter- Rennjollen:„ FrohFahrt" 2: 13,09. 12. Klaffe, Wulfitieler:„ Wippstert" 3: 10,51. 13. Klasse, Ausgleichsjollen- Kreuzer:" Alraune" 3: 02,25. 15. Klasse, Ausgleichsjollen: Frohsinn" 2: 43,57. 16. Klasse, Ausgleiasjollen: Boreas II" 3: 13.20. 18. Klaffe, Ausgleichsiollen:„ Edwalbe" 2: 23,41. Arbeiter- Sportfeste Moabit und Neukölln eröffnen! Faft. zu gutes Sportfestwetter hatte der SV. Moabit bei seinem Ansporteln am Sonntag. Bei der sonst regen Beteiligung der Mitgliedschaft waren einzelne Konkurrenzen nur schwach besetzt, da nicht jeder die glühende Sonne stundenlang ertragen konnte. Doch bekamen die Zuschauer auf dem Sportplay Tiergarten auch wirkliche Kämpfe zu sehen; jeder gab sein Bestes, um nicht hinter seinen Bereinsgenoffen zurückzubleiben. Das Programm begann mit den Mehrkämpfen; dann wechselten Einzel- und Mannschaftskämpfe der Kinder, Jugendlichen, der Männer und Frauen in schneller Folge ab. Interessant war vor allem das Weitspringen und Diskuswerfen der Männer, wobei eine Weite von 5,80 meter bzw. 28,03 meter erreicht wurde, und die 4 X 100- meter- Stafette der Männer mit der schnellsten Zeit von 47,3 Gefunden. 100 Meter wurden in 11.9 durchlaufen. Der Höhepunkt des Tages war das Pushballspiel zweier MännermannSchaften, das unter großer Anteilnahme der Zuschauer und mit befonderem Eifer der Teilnehmer durchgeführt wurde. Die schnellere Mannschaft siegte hier 8: 0. Eine sehr wirkungsvolle Beranstaltung widelte gestern der Arbeiter Sport Verein Neukölln im Neuköllner Sportpart ab. Um 15 Uhr marschierten etwa 100 Sportler und Sportlerinnen zur gemeinsamen Gymnastik auf, wobei die Kapelle der SAJ.- Neukölln wesentlich zum Gelingen des Festes beitrug. Dic fleine Kampfbahn war von ungefähr 2000 Zuschauern umfäumt, die aufmerksam die Kämpfe verfolgten. Zunächst absolvierten alle Klassen der Teilnehmer Dreifämpfe. Alsdann sorgten 4 × 100Meter Stafetten für die nötige Sportstimmung; Ausscheidungsläufe für die Jugend über 200 Meter und für die Männer über 300 Meter folgten. Hierbei gab es bei vielen Anfängern schon recht achtbare Zeiten. Als Bestleistungen seien erwähnt: 100 meter, 9,35 Meter, Strobel 9,30 Meter; ältere Sportler: Hoppe, 100 Meter Kähne 11,8 Set., Weitsprung 5,60 Meter; Kugelstoßen, Oswald 12,8 Set.; 100 Meter, Jugend: Bolze 12,3, Siewert 12,4 Sef.; Hochsprung, Jugend: Siewert 1,52 Meter. Die Veranstaltung stand im Zeichen der Diympiade. Ergebnisse der Mehrkämpfe: Männner: 1. Rähne, W. 207,21 Buntte; 2. Steffan 202,38 Bunfte; 8. Soppe 190,13 Buntte. Jungmädchen: 1. Biepenburg 228,51 Bunte; 2. Merten, T. 217,31 Bunkbe; 3. Jenner 215,89 Punkte.- Frauen: 1. Hoppe 206 Buntte; 2. Ruß 160,91 Buntte: 3. Gericke 153,45 Punkte. Jugend: 1. Siewert 213,88 Buntte: 2. Saufer 209,44 Buntte: 3. Stegger 187,38 Buntte. Anaben: 1. Schulae 158,25 Buntte; 2. Berthahn 143,50 Punkte: 3. Berkner 198,95 Bunfte. Mädchen: 1. Großert 160,55 Bunkte; 2. Storch 119,28 Bunkte; 3. Glub 98,90 Punkte. Hertha BSC., Fürth 3: 1 Keilerei beim Fußballspiel Das gestrige Zwischenrundenspiel um die bürgerliche Fußballmeisterschaft zwischen Hertha BSC. und Spielpereini gung Fürth endete mit einem Sieg der Berliner. Hertha war während des ganzen Spieles leicht überlegen. In der Hauptsache waren es Sobeck und Lehmann, die ihrem Verein den Sieg schafften. Aber auch der Torwart gab alles her. Hertha BSC. hat damit seine schwerste Klippe, die ihr auf dem Wege zur Meisterschaft entgegenstand, überwunden. Leider gab es beim Spiel wieder eine Reilerei. Wer noch nicht wußte, in welcher Richtung sich die Werbekraft des bürgerlichen Fußballsports entfaltet, der mußte es bei dem gestrigen Meisterschaftsspiel im Poststadion gewahr werden. Das Spiel artete alsbald in die beim bürgerlichen Fußball beinahe obligaten Roheiten aus, die nur dadurch zu erklären find, daß den Beteiligten der Begriff des Spiels, der Freude an der Bewegung und an der Entfaltung der Geschicklichkeit längst abhanden gekommen zu sein scheint, daß vielmehr das ungezwungene Gewinnen wollen in ein vertrampftes Gewinnen müssen derfehrt worden ist, weil der ganze Betrieb" von dem überwiegenden Interesse der Manager beherrscht wird: how to make money, d. h. wie holt man aus der Sache das größtmögliche Stück Geld heraus? Kurz vor Schluß gerieten noch einmal zwei Spieler aneinander, und das war das Signal dafür, daß eine entfesselte Meute auf den Rasen stürzte, um den Fürther Sünder so zu vermöbeln, daß er bewußtlos von den Sanitätern weggetragen werden mußte. Wahrlich ein erbauliches Schaustück und überzeugende Erziehungserfolge des Deutschen Fußball- Bundes! Wie ist es übrigens möglich, daß diefer DFB. bei einer Tageseinnahme von mindestens 50 000 m. nicht imftande war, Vorkehrungen dafür zu treffen, daß das Spielfeld unter allen Umständen freigehalten murde? Es wird Zeit, daß von anderer Seite die Ordnung und Sicherheit auf den Sportplägen garantiert wird, die unter dem Patronat des DFB. nicht erreicht wird. Sawall überlegen Schwache ,, Revanche" auf der Olympiabahn! Das Revanchetreffen, das sich gestern Sawall und Krewer auf der Olympiabahn gaben, bildete im ganzen genommen eine mäßige Angelegenheit. Sawalls einziger ernsthafter Widerjacher, der Kölner Krewer, mußte infolge Motordefetts im zweiten Lauf beigeben. Der Besuch der Beranstaltung betrug nur etwa 3000 Personen. Im ersten Lauf hatte Dederichs die Spitze vor Thollembeek, Schön, Wolfe, Schindler, Krewer und Sawall geloft. Sawall und Krewer arbeiteten sich bald auf den dritten und vierten Platz vor. Im flotten Tempo führte Dederichs, der dann gemeinsam mit Thollembeet zunächst Schindler, später auch Wolfe und Schön überrundete. Im Anschluß daran ging Thollembeef zum Angriff auf den Spizenreiter Deberichs mit Erfolg über. Deberichs fiel auf den dritten Platz zurück. Angriffe des im zweiter Position liegenden Sawall auf Thollembeet mußte der Belgier abzuwehren. zweite auf wurde in umgekehrter Folge gestartet. Der an der Spize liegenden Samall passierte schon nach zehn Runden alle Fahrer bis auf Thollembeet und Krewer. Etwa 4 Kilometer später mar Der aber auch ber Belgier überrundet, so daß nur noch Krewer zu holen war. Da feßte Krewers Schrittmachermaschine aus, womit auch das Intereffe für dieses Rennen so ziemlich erloschen war. Von den in Berlin als Steher debutierenden R. Wolfe und Schön hinterließ ersterer dank der umsichtigen Führung Karl Saldows den stärkeren Eindruck. Schön hatte allerdings unter einem Defekt seiner Schrittmachermaschine zu leiden. Schindler mußte sich mit einer Statiftenrolle begnügen. -tz. —-■- IS. Mai 1931 Nr. 227 48. Jahrgang Neue Bausione am der Bauaussieiiung Häuser aus Gasbeton, Sägespänen, Steinstreh, Kupfer (s Eine Hauptausgabe der Deutschen Bauausstellung ist es, den gegenwärtigen Stand der Bautechnik widerzuspiegeln und zugleich neue Wege zu einem rationelleren und billigeren Bauen zu weisen. Mehr als je ist in der heutigen Wirtschaftskrise die Frage entscheidend, ob es gelingt, durch Senkung der Gestchungskoften aus einem Gebiete, von dem schon immer die Neubeiebung der Kon» junktur ausging, dem daniederliegenden Wirtschaftsleben neue 2m- pukse zu verleihen. Billiger und rationeller bauen, das heißt: am Bauaufwand sparen, geringere Mauerstärken als die beim Ziegelbau üblichen verwenden und dennoch ein« genügende Isolierung gegen Schall, Wärme und Feuchtigkeit bieten. Das heißt gleichzeitig trockener bauen und damit zu einer Ausnußung der Winterperioden kommen, die große Verluste durch Brachliegen der Baukapitalien mit sich bringen. Der Entwicklungsprozeß geht damit zugleich in der Richtung einer Verlagerung der Bauarbeiten von der Baustelle in die Fabirk, in der Richtung der Herstellung einer möglichst großen Zahl genormter Bauteile vor Baubeginn, die auf der Bausteve nur montiert zu werden brauchen. Als Konkurrent des Mauerziegels ist in der letzten Zeit be> sonders ein Stein aufgetreten, der bereits vielfach bei Geschäfts- bauten verwendet wird, wenn er auch sein« Brauchbarkeit für Wohn- bauten noch nicht restlos bewiesen hat: Der„Aerokret-Gasbeton" ist ein poröser Beton, der durch Zusah f von ga» erzeugenden Chemikalien zum Zementgemisch hergestellt wird. Diese Chemikalien entwickeln in Verbindung mit dem Zement und dem Anmachewasscr Gase, durch die das Material ausgebläht wird. Die erzeugten Gas« verflüchtigen sich innerhalb kürzester Frist, so daß als Endpunkt ein poröser und sehr leichter Stein zurückbleibt, der in Normalplatten von 60X33,3 Zentimeter geliefert wird. Ein A-Zentimeter-Gasbetonstein bietet ein« besiere Isolierung gegen Scholl und Warn« als ein« S1 Zentimeter starke Ziegelmauer. Der Gasbetonstein, der in erster Linie für die Bekleidung und Ausfachung bei Stahlskelettbauten, neuerdings jedoch auch für die vollständige Her- stellung tragender Außenwände angewandt wird, findet in Berlin bei dem Erweiterungsbau des Konsum-Warenhauses und bei dem Neubau des ADGB. in der Jnfelstraß« Verwendung. Unter mannig- fachen Namen, wie Tentsst, Treetex, Iso-Dielen, Heraklith usw., wer- den neuevdings besonders stark Bauplatten propagiert, die den Stein im Bauwerk gänzlich durch Holzerzeugnisse ersetzen sollen. beutest z. B. wird aus den Holzfasern der kanadischen Kiefer, die von Saft und Harz befreit sind, hergestellt. Der Rohstoff wird nach Hinzufügen eines wasserdichten Materials unter einem hydraulischen Druck von 140 Kilogramm per Quadratzentimeter zu Platten ge- formt. Ein anderes dieser Baumaterialien, die Heraklich-Platle, wird aus Holzwolle erzeugt, die durch Imprägnierung vollständig unentflammbar gemacht worden ist. Alle diese Bau-Leichtplatten, die trockenstes Bauen gestatten, verbinden Feuerfestigkeit mit hoher Isolierfähigkeit gegen Schall und Wärm«. Natürlich kommen sie nur für die Bekleidung oder Ausfachung von Holz- und Stahlskeletten, also für nicht tragende Innenwände, für den Dachausbau und für die Isolierung von Mauerwerk in Frage. Bei den ländlichen Sied- lungsbauten, die auf der Deutschen Vauausstellung gezeigt werden und die sämtlich die Anwendungsmöglichkeiten neuartiger, billiger Baustoffe zeigen sollen, nimmt da»„Solcnnil" genannte Steinstroh einen besonders große« Raum ein. In den ländlichen Gegenden ist das früher so beliebte Strohdach, das als sehr schlechter Wärmeleiter weder Kälte noch Wärme, aber mich Schall und Feuchtigkeit nur schwer durchläßt, immer mehr verschwunden: die fürchterliche Feuergefährlichkeit und das immerhin beträchtliche Dolumcn wogen feine sonstige» Borzüge reichlich auf. Dieser Baustoff hat jetzt in dem Steinstroh seine Auferstehung ge- feiert. Unter dem ungeheuren Druck von 5000 Kilogramni wird das simple Feldstroh nach einem geschützten Verfahren zu Platten zu- sammeirgepreßt, die für nichttragende Wände an Stelle von Steinen verwandt werden können. Die starke Zusammenpressung des Strohes führt da,zu, daß diese neuen Bauplatten unentflammbar sind. Selbst heiße Stichslammen brennen höchstens ein kreisrundes Loch, ohne daß das Feuer weitsrschwell. Die Isolierung dieser kompakten und nagelfesten Platten, die nur 5 Zentimeter stark sind, soll der eines fast 14mol so starken Ziegelmauerwcrks entspreche». Skepsis ist gegen die Behauptung der Hersteller angebracht, daß Ungeziefer sich in den Strohwänben nicht einnfften könne. Wenn auch die Ver- Wendungsmöglichkeiten des neuen Baustoffs gerade sür den Woh- Nimgsbau stark umstritten sind, so zeigt die landwirffchastliche Sonder- ausstellung ans dem Messegelände doch eine Reihe von Anwendungen bei landwirtschaftlichen Wirtschaftsgebäuden, wie Hühnerfarmen, Ställen, Wohnhäusern usw., die ihm eine Zukunft zu sichern scheinen. Erstaunlich vielfältige Verwertungsmöglichkeiten zeigt das„Eternit", ein Produkt, das aus Asbest und Zement unter hohem hydraulischen Druck hergestellt wird und als Dachbedeckung, Wandbekleidung sowie für die Herstellung von Röhren und Dachrinnen dient. Auch auf der Deutschen Bauausstellung zeigt sich, wie bei den vielen früheren kleineren Bauausstellungen und-messen, der Ansturm der Metalle gegen die bisher bewährten Baustoffe. Während sich der Stahl bereits seinen Platz in der Herstellung der Bauskelette für Geschäfts- und Berwaltungsbauten erobert hat, häufen sich neuer- dings in Deutschland die D ersuche, auch im Wohnungsbau den Stein gänzlich durch das Metall zu verdrängen. Wegen der hohen Bewirt- schostungskosten haben sich die auch auf der Bauausstellung wiederum stark propagierten, gänzlich aus Stahl hergestellten Wohnhäuser, bei denen die Stahlblechlamellen in Derbindung mit einer Isolierschicht und einer innenseitigen Holztäfelung die Außenwand bilden, bisher jedoch nicht durchsetzen können, Als neuester Konkurrent der Sleinbauwcise tritt jetzt das„All- Snpferhaus" auf. das erstmalig auf der Bauausstellung gezeigt wird. Es wird ferien- »näßig in der Fabrik hergestellt und kann innerhalb von zweimal 24 Stunden aus dem Bauplatz fertig montiert werden. Die Außen- feite der Hauswand besteht aus einer gestanzten Kupferplatte: die Innenseite, die sogenannte Zimmerfläche, ist aus einer reliefartig gepreßten Stahlplatte angefertigt. Beide Platten sind auf einen Holzrahmen maschinell montiert: der Raum zwischen beiden Platten ist mit einem Jsoliergewebe aus Metallafbestit-Filzzellcn ausgefüllt. Diese 10 bis 12 Zentimeter starken Wände sollen wärmetechnisch den gleichen Effekt wie eine 22 Zentimeter starke Ziegelwand bieten. Wenn auch ein abschließendes Urteil über diese neu« Form des Häuserbaucs, die besonders den Interessenten für Eigenheime emp- fohlen wird, noch nicht angebracht erscheint, so ist doch der unsägliche Kitsch und die wohntechnische Unbrauchbarkeit der von der Hersteller- firma gezeigten Entwürfe nicht gerade geeignet, in Kreisen, die weniger auf Sensation ausgehen, Sympathien zu erwecken. Es ist verständlich, daß die im allgemeinen wenig entwicklungsfreudige Ziegelindustrie angesichts des Ansturmes neuer Konkurrenzbaustoffe zur Verbesserung ihrer Erzeugnisse übergehen mußte. Die dem Mauerziegel anhafteirden Mängel(kleines Format, viele Fugen, hohes Gewicht) veranlaßten mehrere Ziegeleien, in den letzten Jahren außer den bekannten Lochsteinen noch poröse Ziegel aus kohlehaltigem Ton und auf der Stanzpresse geformte Steine in vielfacher Formgebung herzustellen, die eine schnellere und reibungslosere Abwicklung der Arbeitsvorgänge als bisher gewährleisten und leichtere, besser isolierende und wirtschaftlichere Ziegel ergeben. Die Deutsche Bauausstellung ist besonders dadurch werwoll, daß sie einen Ueberblick über neue Bauweisen nicht nur durch Aneinander- reihung von Fabrikationsständen bringt, sondern gleichzeitig die Möglichkeit des neuen Bauens in der Praxis an fertigen und halb- fertigen Wohn- und Wirtschaftsbauten zeigt. In anschaulichster Weise wird hier der Kamps der neuen Baustoffe gegen den alten be- währten Ziegel demonstriert. Neben Baumaterialien, die in engeren Fachkreisen als erprobt bekannt sind, ober in der breiteren Oeffent- lichkeit noch keine Geltung haben, werden Baustoffe gezeigt, die erst- malig mit dem Anspruch austreten, ein gesünderes und wirtschaftlicheres Bauen als mit dem massiven Ziegelbauweise zu ermöglichen. Mit der sinnfälligen Darstellung der neuen Bestrebungen zur Ver« billigung des Bauens durch die Anwendung besserer und preis- werterer Baustoffe hat sich die Bauausstellung ein großes Verdienst erworben. Da die landwirtschaftlichen Versuchsbauten für die Dauer von fünf Jahren gebaut sind, kann die Brauchbarkeit der neuen Vau- stoffe in der Praxis überprüft werden. Sache aller beteiligten Stellen, und zwar nicht nur der Bausachleute, sondern in erster Linie der Baupolizetbchörden, der Feuerversicherungsgefellschaften und der Hypothekenbanken, von deren Urteil die Zukunft der neuen Baustoffs abhängig ist, wird es sein, sich mit den neuen Konstruktionen und Baustoffen zu beschästigen und auseinanderzusetzen— im Interesse des Fortschritts in der Vauwirtschaft. Moderne Alchimistenarbeit Einen immer größeren Raum nehmen die Laboratorien, die Geburtsstätten unserer Wissenschaft und unserer Technik, im heutigen Kulturleben ein. Jeder größere Industriebetrieb, selbstver- stündlich jedes wissenschaftliche Forschungsinstitut verfügt über aus- gedehnte Laboratorien. Während die Betriebslaboratorien und die Privallaboratorien ausschließlich an der Verbesserung oder der Neuschaffung von Er- Zeugnissen arbeiten, hat man auf der anderen Seite eine Art von Forschungsstätten geschaffen, die in erster Linie der W i s s e n s ch a f t dienen und in denen es nur als eine nette Beigab« angesehen wird, wenn das Resultat für die Technik zu verwerten ist. Die Haupt- aufgab« dieser Laboratorien ist es, den experimentellen Beweis für die Richtigkeit von theoretischen Gedankengängen zu führen und damit Ansatzpunkt« für neue Gedanken zu schaffen. Maschinen und Apparaturen entstehen und werden manchmal schon nach Tagen, ja sogar nach Stunden des Gebrauchs verbeisert oder durch neue ersetzt. Physikalische Methoden wechseln während der Arbeit mit chemischen, und der Forscher im Laboratorium müßte, um hier geschickt jonglieren zu können, nicht nur ein guter Wissenschaftler, sondern auch ein ebensoguter Techniker sein. Da ein gleich gutes theoretisches und praktisches Können aber nur selten in einer Person vereinigt ist, hat man neuerdings auch im Labora- torium das System der Arbeitsteilung eingeführt, d. h. man hat den Beruf des technischen Assistenten geschaffen. Der tech- nische Assistent muß über umfassende Materialkenntnisse, reiche Berufserfahrung, in der Hauptsache über ein gutes Einfühlungs- oermögen verfügen, nicht zuletzt über eine nie ermüdende Geduld, um die Ideen und Theorien des Wissenschaftlers sofort in die Praxis umsetzen zu können. Dies gut geschulte Menschenmaterial wird unterstützt durch eine ausgezeichnete technische Ausrüstung. Elektrischer Strom in den verschiedensten Spannungen und in den verschiedenen Arten, wie z. B. Wechselsttom und Gleichstrom, außerdem Preßluft und Preß- gas sind jetzt schon Selbstverständlichkeit in einer guten Labora- toriumseinrichtung. Vakuumanlagen zum Herstellen luftleerer Räume sind ebenfalls vielfach vorhanden, da man viele Versuche nur in hohem Vakuum ausführen kann. Einige große Institute ver- fügen weiterhin über Maschinenanlagen zur Erzeugung von slüssigep Luft, die eine Temperatur von 180 Grad Celsius unter dem Null» punkt hat und alle Materie so stark abkühlt, daß Gase zum min- besten in flüssige und Flüssigkeiten in feste Formen übergeführt werden können. Um die Außenwelt vor schädlichen Einwirkungen durch die Forschungsarbeiten zu schützen, andererseits um die Versuche von störenden Einflüssen der Außenwelt zu sichern, sah man sich ver- anlaßt, Spezialräume zu schaffen. So gibt es Röntgenräume, deren Wände völlig mit Blei abgedichtet sind, um schädlichen Strahlungen abzuhelfen. Man baut sogenannte„thermokonstante Räume", d. h. Räume mit wärmeisolierenden Wänden, in denen eine beliebige Temperatur ohne Schwankung gehalten werden kann. Messungen, bei denen kleine Temperaturabweichungen große Volumen, änderungen zur Folge haben, würden in nicht thermokonstanten Räumen fehlerhafte Schlüsse ergeben. Das moderne Laboratorium zeigt daher oft ein phantastische» Aussehen, das den Laien an die Räume der Alchimisten im Mittelalter denken läßt. Glasröhren wechseln mit Schläuchen und Drähten, siedendes Quecksilber mit farbig glühenden Röhren: dazwischen sieht man Schalter und Hähne. So unüber- sichtlich eine solche Anordnung einem Laien erscheint, so genau kennt der Fachmann jeden erforderlichen Handgriff. Mühselig und nur schrittweise werden die Erfolge im Laboratorium erkämpft. Es ist leider noch nicht vorgekommen, daß man Blei in einen Topf warf und Gold herausnahm. Die besten Werke unserer Forschung sind in jahrelanger ausdauernder Arbeit geschaffen worden und haben große Opfer an Zeit und Geld gekostet. Auch Versuche mit nega- tivem Ergebnis, vorausgesetzt, daß sie sachlich aufgebaut waren, sind keine verlorene Arbeit. Man kann auch aus ihnen Schlüsse ziehen und an ihnen Neues erkennen. Da Deutschland ein Exportland von Jndustrieerzeugnissen ist, sind Laboratorien eine Notwendigkeit geworden: hier an der Wiege aller technischen Errungenschaften ist die Möglichkeit gegeben, durch zielbewußte Arbeit die Erzeugnisse zu verbessern und zu verbilligen, um dadurch auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben, dl. 8. Ein neuer Eisbredier Die Flotte, die den Fährdienst zwischen S a ß n i tz und Trälleborg versieht, hat vor kurzem eine Vergrößerung durch dos neue Glltersährschisf„Stark e" erhalten, das zugleich als Eisbrecher Verwendung finden soll. Der Gesamtbestand der Flotte beläust sich damit auf 5 Fährschiffe, von denen je 2 von Schweden und Deutschland, die„Starke" jedoch von beiden Ländern gemeinsam betrieben wird. Der neue Eisbrecher ist ein Doppelschraubendampfer von etwa 94 Meter Länge und 16 Meter Breite mit 3 Gleisen auf dem Wagen- deck zur Aufnahme von 22 Wagen mit je 10 Meter Länge. Außer- dem ist Raum und Verpflegungsmöglichkeit für Passagiere vor- Händen. Die Gesamtiragfähigkeit beträgt in betriebsfertigem Zuk stände mit Vorräten an Bord 820 Tonnen bei 5,4 Meter Tiesgang, wovon 580 Tonnen sür die beladenen Eisenbahnwagen bei gleich- mäßiger Verteilung über die ganze Glcislänge gerechnet werden. Der breite, gewölbte Bug hat eine besonders kräftige Konstruktion erhalten, um die Fahrt durch das Eis zu ermöglichen; im Eisgang- gürtel sind über die ganze Schifsslänge Zwischenspanten zur besseren Versteifung angeordnet. Die Ruder sind sehr stark ausgebildet, um auch die größten Anstrengungen beim Eisbrechen überwinden zu können. Die Außenbeplattung ist 20 bis 25 Millimeter dick. Die„Starke" ist das erste größere, seegehende, in Deutschland erbaute Handelsschiff, bei dessen Herstellung die elektrische Schweißung in größerem Umfange angewendet wurde. Die Deutschen Werke in Kiel, die den Schiffsrumpf lieferten, führten Schweißungen aus bei den schwer belasteten Unterzügen unter dem Wagendeck, den Befestigungen der schon erwähnten Zwischenspanten im Bereich des Eisganggürtels, bei stark belasteten Stützplatten im Maschinen- und Kesselraum, wasserdichten Schotten der Schlinger- tanks, Kohlenbunkern, Schächten und Deckhäusern. Die dadurch er- zielte Gewichtsersparnis gegenüber der Nietung beträgt 11 bis 29 Prozent. Für die Konstruktion der Antriebsmaschine, die von A. B. Lindholmen-Motala geliefert wurde, war der erforderliche Kraftaufwand beim Eisbrechen und wirtschaftlicher Kohlenoerbrauch maßgebend. Die maximale Leistung der beiden Dreifach-Erpansions- Maschinen bettägt zusammen etwa 5500 k'8 und oerleiht dem Schiff bei normalem Verkehr eine Geschwindigkeit von 13,5 Knoten. Eine besondere Einrichtung sorgt dafür, daß bei der Fahrt durch Eis, wenn die Drehzahl der Schraube und damit die Maschinenleistung sinkt, dem Mitteldruckzylinder selbsttätig Frischdampf zugeführt werden kann, um auch dann die Höchstleistung zu gewährleisten. Bei der Indienststellung wurde besonders betont, daß die neue Gütersähre„Starke" auch zur Hilfeleistung für ihre Schwesterschisfe dienen soll, wenn diese sich in Eisgefahr befinden. Man hofft so, die Fähroerbindung auch in kalten Wintern aufrechterhalten zu können. Die Deutsche Reichsbahngesellschaft tilgt und verzinst die Hälfte des Anlagekapitals der„Starke" und trägt auch die Betriebs- kosten zur Hälfte. Verurteilung eines Rundfunkstörers. Das Amtsgericht Gera hat am 9. März 1931 ein inzwischen rechtskräftig gewordenes Urteil gefällt, nach welchem die Besitzerin einer elektrischen Wäscherolle oer- urteilt wird, Störungen des Rundsuntempsangs während der Hcnrpt- sendezeiten bei Bcrmeidung einer vom Gericht für jeden Fall der Zuwiderhandlungen festzusetzenden Geld- oder Haftstrase zu unter» lassen und die Kosten des Verfahrens zu tragen. Die Photographic des Magens. Ueber diesen neuesten Erfolg der Technik als Helfer des Arztes berichtet das Machest der Monatshefte für Technik und Industrie,„Technik für Alle"(Verlag Dieck u. Ca., Stuttgart; Preis im Vierteljahr, drei reich illustrierte Hefte, dazu eine Buchbeilage, 2,25 Mark gehestet bzw. 2,90 Mark gebunden, einzelne Hefte je 75 Ps.). Weitere interessante, sehr populär gehaltene Aussätze veroollstäudigen den Inhalt des Heftes.