BERLIN Donnerstag 28. Mi 1931 10 Pf. Nr. 244 B 122 48. Jahrgang Ctfcfteint tigltd) a»ßer So«at«g». Zugleich Abendausgabe de«.Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 8S Pf. pro Woche. Z.SOM.»r» Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SWW.LindeuKr.L Fernsprecher: Dönhoff 292— 2g? T n« e i« e n» r« t«: Die einspaltlgeNonpareiUcjeU« So Pf., Reklamtieil« 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Dorwa'rtS-Derlag G.m. b.H.. Berlin Nr. s? 536.— Der Verlag behält stch das Recht der Ablehnung nicht genehmer Ameigen>»t, piccards Ballon gestrandet Am Südabhang der Oetztaler-Alpen— Insassen bewußtlos geborgen Nach einer Privertmeltmng an die Lufthansa aus Junsbruck auf den» Funkwege, ist der Ballon auf de« Gurgler Ferner in 3000 Meter Höhe gestrandet gesehen worden. Nach einer weiteren Nachricht soll er ins Tchnalser Tal abgetrieben worden sein. Ein« weitere Meldung um 12.13 Uhr an die Flugwetter» warte München berichtet, daß die beiden Insassen deS Piccard-Ballons in bewußtlosem Zu st and ge» borgen worden find. Von München aus ist ein Hilfs» flugzeug angefordert worden. Im Schnalser Tal niedergegangen? München, 28. Mai. weitere Nachfragen über das Schicksal d«, piccard-vallons brachten die Bestätigung, daß der Ballon wirklich im Schnalser Tal niedergegangen ist. Das Schnalser Tal ist ein südlicher ilusläufer des Oehtales. Die Grenze der beiden Täler bildet der Gurgler- Ferner. Einzelheiten über die Candnag. die am Donnerstagvormittag erfolgte, insbesondere auch über den Z n st a« d der Besatzung, können vorerst noch nicht gegeben werden, von Innsbruck und Meran aus find vier Autos unterwegs. Die ersten posttiven Meldungen dürften nicht vor 15 Uhr zu erhalten sein. « lieber die Suche nach dem Ballon Piccards lagen heute vormittag viele Meldungen vor. von denen wir die folgenden wiedergeben: Augsburg, 28. Mai.(Eigenbericht.) Die hiesige Ballonfabrik Riedinger, die Piccards Ballon fertiggestellt und zur Beobachtung seines Fluges einen Sonderdienst eingerichtet hat, wird seit Mittwochnachmittag aus ollen Teilen der Welt telephonisch und telegraphisch mit Anfragen über das Schicksal Piccards bestürmt. Reue Standortmeldungen über den Ballon liegen ober auch in Augsburg bisher nicht vor. Die letzte Meldung stammt aus Meran(Südtirol), wo man den Ballon um Mitternacht gesehen haben will. Eine Stunde früher meldete ein schweizerischer Flugverband bereits nach Augs- bürg, daß der Ballon um 22.20 Uhr bei Bozen beobachtet worden sei. Beide Meldungen sind aber bisher von keiner Seite bestätigt worden. Die letzte zuverlässige Beobachtung des Ballons stammt von der 2300 Meter hoch gelegenen Vergstatio« der Innsbrucker Seilschwebebahn auf dem hafelekar. hier sichtete man de« Ballon um 20.15 Ilhr am Bande der Stubaier Gletscher. Seine höh« war jedenfalls noch beträchtlich größer als die des Großglockners, 3000 Meter, weil dieser Berg bereits um 19.30 Uhr keine Sonn« mehr Halle, während der Ballon noch% Stunden später sich in schwacher Sonne zeigte. Am Donnerstagsrüh ist von München ein Leichtflugzeug zur Suche ausgestiegen, die gleiche Klemm-Maschine, die den Ballon am Millwoch bis zur eintretenden Dämmerung tief ins Gebirge hinein verfolgt hatte. Nach den Angaben des Führers betrug die Ballonhöh« am Mittwochabend zwischen ZOOO und 6000 Meter. Am Donnerstagfrüh um vier Uhr startete auch eine Verkehrsmaschine der Lufthansa nach Süden, um einen Ersatzmotor nach Pisa zu bringen. Der Führer, Flugkapitän Doldi, wurde angewiesen, einen Umweg zur Suche des Ballons zu fliegen. Die Freunde piccards optimistisch. Wie der Telegraphen-Union von Freunden Piccards erklärt wird, dürft« der Ballon Piccards bereits die Alpen über- flogen haben. Die letzte Beobachtung sei gegen 21 Uhr von Meran au» erfolgt. Dann sei wegen der Dunkelheit nichts mehr zu sehen gewesen. Zu Befürchtungen bestehe kein Anlaß. Die Beobachtungen ließen erkennen, daß der Ballon sein« Bewegungen bestimmt nicht von selbst habe ausführen können. Er habe immee die gleiche höhe gehalten, bis er an die Alpen gekommen fei, und sei dann höher gestiegen. Diese Manöver könnten nur durch mensch- liche Einwirkungen hervorgerufen werden. München, 28. Mai. Der gestern abend auf dem Münchener Flugplatz zur Beobach- tung des Ballons aufgestiegene Münchener Flieger Schechner be- richtet, daß o n de r K u g c l, in der sich Piccard und sein Begleiter befinden, nichts Außerdewöhnliches festzustellen Arbeitskonferenz eröffnet Begrüßungsansprache poultons Genf, 28. Mai(Eigenbericht). Die IS. Tagung der Internationalen Arbeitskonferenz wurde heute vormittag vom Vizepräsidenten des Verwaltungsrates, dem englischen Arbeitervertreter Poulton, eröfsnet. 46 Staaten sind vertreten, darunter 30 mit vollständigen Abordnungen. Im ganzen sind 141 Delegierte anwesend, 78 Vertreter von Regie- rungen, 32 der Unternehmer- und 31 der Arbeiterverbände. Die deutsche Regierung hat den ehemaligen Arbeitsminister Dr. Brauns und Ministerialdirektor Sitzler vom Arbeitsministerium entsandt. Die deutschen Unternehmer vertritt Kommerzienrat B o g e l, die Arbeiter der Vizepräsident des ADGB., Hermann Müller. Außer den Anträgen enthält die Tagesordnung drei wichtige Punkte, nämlich die Festsetzung de» Mindest alters für die Zulassung von Kindern zur Arbeit in nichtgewerblichen Berufen, die Dauer der Arbeitszeit in Kohlenbergwerken und die teilweise Abänderung. der Konvention über die Nachtarbeit der Frauen. In seiner Eröffnungsansprache bedauerte Poulton, daß verschiedene Staaten nur unvollständig oder gar nicht vertreten seien. Die an- gegebenen Gründe schlechter Wirtschaftslage, bevorstehender Wahlen oder der Schwierigkeit zur Feststellung der repräsentativen Verbände seien dafür keine genügende Rechtfertigung. Besonders herzlich be- grüßte er die drei vollständigen Delegallonen au« L a t a i n- a m e r i k a, nämlich von Argentinien, Brasilien und Chile. Dieses Jahr habe der DireNor in seinem Bericht festgestellt, daß die Wirtschaftslage in vielen Staaten den sozialen Fortschritt auf- gehalten habe. Die Bedeutung der Konferenz lieg« In der vorgeleg- ten Tagesordnung. Die Jahresberichte der Regierungen seien teilweise unvollständig. Im allgemeinen aber seien viele Gesetze durchgeführt worden, welche auf der Grundlage von Genfer Beschlüssen beruhen. Endlich werde eine große Aussprache über die Arbeits- l o s i g k e i t an den Bericht des Direktors anknüpfen. Zum Präsidenten der Konferenz wurde einstimmig der polnisch« Rcgierungsvertreter S o k a l gewählt. Der belgische Arbeiterführer Mertens gab für die Arbeitergruppe die Erklärung ab, daß diese Gruppe in Sokal nicht den Vertreter der polnischen Regierung sehe, gegen deren Politik sich die organisierte Arbeiters chaft immer aufs schärfst« wenden werde. Di« Arbettnehmergruppe sehe nur den Mann, der persönlich seit zehn Jahren am sozialen Fortschritt mit- gearbeitet Hab«. In diesem Sinne unterstütze sie seine Kandidatur. Sokal erwähnte tn seiner Begrüßungsansprache nochmals die Tages- ordnung und sprach der Konferenz seinen Dank aus. war. Der zur Verfolgung des Ballons Piccards entsandte Per- treter des WTB. berichtet aus Innsbruck, daß dort auch bis 5 Uhr morgens keinerlei Nachrichten über eine Lan- dung oder den mutmaßlichen Standort des Ballons Piccards«in- gelaufen sind. Weder bei der Polizeidirektion noch bei der Flug- leitung, noch bei sonstigen Stellen liegen irgendwelche Berichte vor. Die letzten auch in Innsbruck bekanntgewordenen Nachrichten besagten, daß der Ballon durch das Stubaital anscheinend vor einer starken Gewitterfront her nach Süden abgetrieben wurde. Was Witt piccard in der Stratosphäre? „Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist!" Dieses resignierende Wort Albrecht von Hallecs hat in seinem Forscherdrang der Mensch nicht zum ersten Male widerlegt, und auch Professor Piccards kühner Flug in die Stratosphäre dient nicht bloßer Rekord- lust, sondern dem Zweck wissenschaftlicher Erforschung jener Luft- schichten, die nicht mehr im Austausch mit den untersten Regionen der Atmosphäre stehen, in der wir leben und atmen. Man darf sich freilich die Grenze zwischen dieser untersten atmosphärischen Schicht, in der sich alle meteorologischen Vorgänge abspielen, der Troposphäre, und der darüber liegenden Stratosphäre nicht scharf gezogen vorstellen. In Wirklichkeit gehen beide Schichten allmählich und zwar innerhalb eines Gebiets von etwa 3 Kilometer Höh« ineinander über; man hat sich das so vorzustellen, daß in diesem Grenzgebiet die vertikalen Strömungen mehr und mehr zu- gunsten einer einheitlichen horizontalen Strömung zurücktreten, bis schließlich, in etwa 9 bis 12 Kilometer Höhe über der Erdoberfläche, der von der vertikalen Lustbewegung emporgetragene Wasserdampf- gehalt völlig verschwindet, so daß es von der Grenze der Stratosphäre an„Wetter" im irdischen Sinn nicht mehr gibt. Unter ewig wölken- losem Himmel fließen die immer dünner werden Luftschichten in ein- heitlicher horizontaler Richtung, wahrscheinlich der Erddrehung ent- sprechend stets von Westen nach Osten, und auch die Abnahme der Temperatur mit zunehmender Höhe erreicht ihr Ende? sie dürste über Mttteleuropa etwa 55 Grad Kälte betragen. Hier beginnt die Stratosphäre durchschnittlich in 105� bis 11 Kilometer Höhe, wogegen die Grenz« zwischen Troposphäre und Stratosphäre am Aequator erst in 16 Kilometer Höhe liegt. Infolgedessen nimmt innerhalb des Aequatorialgürtels die Temperatur mit der Höhe noch weit mehr ab als in unseren Breiten, und aus Java hat man denn auch eine mtttlere Stratosphärentemperatur von— 79 Grad C. registriert. Der bloßen Temperaturmessung halber, die mit Registrierballons schon seit Jahrzehnten erfolgt, hätte Professor Piccard also seinen kühnen Flug, nicht zu unternehmen brauchen. Was ihn bewegt, ist in erster Linie die Erforschung jener geheimnisvollen Strahlung, die aus dem Weltenraum zu uns gelangt, und die der deutsche Physiker Professor Kohlhörster schon vor einigen Iahren auf dem Iungfraujoch einwandfrei nachgewiesen hat. E» handelt sich um eine höchst wirtsame, sicherlich tosmische Strahlung, ähnlich den vom Radium ausgehenden sogenannten Gammastrahlen, Strahlen, die zehn Meter dicke Eisblöcke und selbst dicke Metall- platten durchdringen und vermutlich Zerfallsprodutte ferner Sonnen sind, die diese kleinsten Bausteine ihrer Materie in unaufhörlichem Bombardement in den Weltenraum ausstrahlen. Art und Wesen dieser kosmischen Strahlung hofft Piccard mit Hilfe dazu geeigneter Instrumente ergründen zu können. Daß sie nicht von der Sonne kommt, geht daraus hervor, daß Kohlhörster sie auf dem Jungfrau- joch auch während der Nacht nachgewiesen hat. Aber auch die Sonne strahlt dauernd winzige Teilchen in den Raum hinaus; es sind die Elektronen, die nach der Auffassung des norwegischen Physikers Störmer in großer Höhe eine Art woltenförmigen Schirmes um die Erde bilden, von dem, wie man oermutet, die elektrischen Wellen unserer Sender aufgefangen und zur Erde zurück- gestrahlt werden. Die Untersuchung dieser Sonnenstrahlung ver- spricht wissenschaftlich nicht minder bedeutsame Ergebnisse: denn die von der Sonne ausgesandten Elektronen erzeugen nicht nur die Polarlichter, sie beeinflussen auch den elekttischen Zustand der Troposphäre und damit die Entstehung der Gewitter. Das sind nur einige der wichtigsten Probleme, deren Ent- rätselung Prof. Piccard sich bei seinem Aufstieg zur Aufgabe ge- stellt hat. Atieniat im Bankhause. Bankier von unbekanntem Täter niedergeschossen. Im privakbüro des Inhabers der Bankfirma Pohle u. E o. in der Eharlolkenflrahe 56 ereignete sich heule mitlog eine schwere Blultal, die in ihren Beweggründen noch der Klärung bedarf. Die B ü r o r ä u m e der Bankfirma befinden sich im c r st e n Stockwerk des Vorderhauses. Kurz vor 11 Uhr erschien im Anmeldezimmer ein etwa 50jähriger Mann, der vorgab, den Chef des Bankgeschäftes in einer dringenden Börsenongelcgcnhett sprechen zu müssen. Der Unbekannte, der sich Gesingcr nannte, wurde in das Privatbllro des Bankiers geführt, wo er erklärte, nur unter vier Augen oerhandeln zu können. Kaum befand sich der Bankier mit dem Fremden allein, als Angestellte im Nebenzimmer in kurzen Abständen mehrere Schüsse fallen hörten. Aufs äußerste bestürzt drangen sie in das Prioatbüro ein, wo sich ihnen ein schreck- licher Anblick bot. Der Bankier hielt den unheimlichen Besucher, der eine Pistole in der Hand hatte, fest umklammert. Die Angestellten warfen stch zwischen die Kämpfenden: bevor es aber gelang, den Attentäter unschädlich zu machen, hatte er die Waffe gegen sich selbst gerichtet und sich einen Kopfschuß beigebracht. Alle» spielte sich in wenigen Sekunden ab. Plötzlich sank der 43jähr!g« Bankier Willi Pohle bewußtlos zu Boden. Au- Abschaffung des Krieges! Die Lösung der Wettfrage auf dem französischen Parteitag leinen Ztleftiern sickerte Mut. Wie öer sofort hinzugezogene Arzt feststellte, hotte eine Kugel die Lunge durchbohrt, ein zweiter Schuß hatte den linken Unterarm getroffen. In sehr be- denklichem Zustande wurde Pohle ins Westendkronkenhaus gebrocht. Der Täter, dessen Verletzung sich als ein ungefährlicher Streifschuß herausstellte, wurde als Polizeigefangener ins Staatskrankenhaus gebracht. Ueber seine Person verweigert er jede Aussage. In seinen Taschen wurde ein versiegelter Brief gesunden, der an die Staatsanwaltschaft Berlin gerichtet ist und offenbar die Motive zur Tat enthält. Der Täter ist noch im Laufe des Rachmittags in das Polizeipräsidium gebracht worden. Kraktionstagung im Reichstag. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion trat um 12 Uhr im Reichstag zur Beratung der polltischen Lage zusammen. Der Borsiand der Iroktion war bereits seit 10 Uhr zur Vorberatung versammelt. „Rote Reiter" vor Gericht. Harte Urteile gegen vier Angehörige des Reiterregiments 9. Aürstenwalde. 28. Mai(Eigenbericht). Wie bekannt, wurde Anfang April eine Anzahl Fürstenwalder Kommunisten und Angehörige des Reiterregiments 9 Fürstenwalde von der Abteilung I A der Berliner Kriminalpolizei wegen Z e r- setzungsarbeit und Zellenbildung im Reiterregiment 9 verhaftet. Während die oerhafteten Kommunisten nach Leipzig gebracht wurden und sich in nächster Zeit wegen der„Zersetzung?- arbeiten" vor dem Reichsgericht zu verantworten haben, wurden die verhafteten Reichswehrangehörigen wieder entlassen. Da. sie jedoch in Besitz des kommunistischen Zersetzungsmaterials gelangt waren, ohne, wie ein Erlaß des Reichswehrministeriums verlangt, ihren Nor- gefetzten davon Meldung gemocht zu hoben, so mußten sie sich wegen Nichtbcfolgung eines militärischen Befehls vor dem Schöffengericht Fürstenwalde verantworten. Bor den Schranken des Gerichts stand ein Unterwächtmeister, gegen den der Staats- anwalt ein Jahr Festung beantragte. Das Urteil lautete auf 6 M o- note Fe st un g. Ein Gefreiter erhielt 4 Monate Festung, ein anderer Gefreiter 3 Monate Festung. Etwas anders lag der Fall eines Obergefrciten. Er wurde am 21. März in einem Lokal von dem ihm nicht bekonnten kommunistischen Funktionär Markwitz angesprochen und über militärische Dinge ausgefragt. Er gab ausweichende Antworten, versäumte es aber, von diesem Dorfall seinem Vorgesetzten Meldung zu machen. Auch hier lautete das Urteil auf 2 Monate Festung. Als Sachverständiger war der Hauptmann Kübler vom Reichswehrministerium erschienen. Bei allen Angeklagten betonte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung, daß die Strafen nicht entehrend, doch aber fühlbar sein müssen. Es geht nicht an, daß die Truppe von staatsfeindlichen Parteien zersetzt werde und im Ernstfalle dann nicht mehr fest in der chand des Führers sei. Alle Verurteilten hätten wissen müssen, daß sie die Pflicht hatten, die Flugblätter„Der Rote Reiter" und auch die Versuche, sie aus- zuhorchen, sofort zur Meldung zu bringen. Denkmal für Auswanderer. "" Eine Stiftung an Krefeld. Krefeld. 28. Mai.' Im Krefelder Heimatmuseum übergab am Mittwoch der Vor- sitzende des Denkmalausschusses des deutsch-amerikanifchen Nationalbundes in Philadelphia, Rudolf Cronau, das Rronzemodell des Denkmals für die ersten deutschen Siedler in Amerika. Es handelt sich um eine Stiftung der amerikanischen Carl-Schurz-Gedächtnis-Stiftung in Philadelphia zur Erinnerung andieausKreftldimIahre1683augewan- derten Mennoniten-Familien, die die ersten deutschen Siedler in Nordamerika waren, dort die Stadt Germantown gründeten und 1688 den weltgeschichtlich gewordenen Protest gegen die Sklaverei beschlossen. Der Feier wohnten u. a. zahlreiche Vertreter von Reichs- und Staatsbehörden, der amerikanische Konsul in Köln(auch als Ver- treter der amerikanischen Botschaft in Berlin) und von der Vereint- gung Carl Schurz Frau Illa Uth-Berlin bei. Nach begrüßenden Worten des Oberbürgermeisters Hüpper sprach Rudolf Cronau über die Geschichte dieses Denkmals. Schon 1914 sei beabsichtigt gewesen, der Heimatstadt der 13 Familien den Bronzeabguß zu über- Mitteln, was durch den Weltkrieg verhindert worden fei. Lleberflüfsige Prozesse. Als Drucker in Hast, angeklagt und— freigesprochen. Göltingen, 28. Mai. Der Führer der Göttinger Kommunisten, Bürgeroorsteher Oskar Knodt, hatte sich wegen Gotteslästerung und wegen Aufforderung zu Gewalttätigkeiten vor dem Schnellrichter zu verantworten. Es handelt sich um einen Artikel in der von Knodt herausgegebenen Druckschrift„Die Einheitsfront", in der der christliche Glaube ver- höhnt wurde. Der Artikel war schon vor einigen Wochen Gegenstand emer Verhandlung vor dem Schnellrichter, die zu der Verurteilung des verantwortlichen Redakteurs, des Arbeiters August Hampe, und des Verfassers, des Handlungsgehilfen Leichter, führte.„Die Ein- heitsfront" wurde daraufhin vom Oberpräsidenten auf Grund der Notverordnung auf die Dauer von sechs Monaten verboten. Der Artikel erschien in der Nummer vom 19. April. Knodt war als Drucker und Verleger aufgeführt. Knodt gab an, er habe sich um die letzten Nummern der„Einheitsfront" nicht gekümmert, da er außerhalb Güttingens für die Kommunistische Partei tätig gewesen sei. Der Staatsanwalt hielt trotzdem den Angeklagten für schuldig und beantragte wegen Gotteslästerung ein Jahr Gesäng- n i s(!). Das Gericht erkannte auf Freisprechung. Der zweiten Verhandlung lag eine Rede zu Grunde, die Knodt auf dem Marktplatz zu Göttingen am 24. Februar gehalten hat, und in der er gesagt hoben soll:„Schlagt die Faschistenhunde tot, wo ihr sie findet." Knodt bestritt diese Aeußerung. Er will nur die Worte „Schlagt den Faschismus!" gebraucht haben. Der Oberstaatsanwalt hielt den Angeklagten für schuldig. Die Anwendung von Milde sei falsch, da sie nur als Schwäche ausgelegt werde. Es müsse scharf zugegriffen werden. Ein Jahr Gefängnis sei daher angemessen. Das Gericht erkannte auch in diesem Falle auf F r e i s p r e ch u n g. In der Urteilsbegründung wurde ausgeführt, daß Knodt die inkrimi- vierten Aeußerungen gebraucht, sich jedoch in großer Erregung be- funden habe und sich der Tragweite seiner Aeußerung nicht bewußt gewesen sei. Der erst in den letzten Tagen erlassene und ausgeführte Hastbefehl gegen Knodt wurde aufgehoben. Tours, 28. Mai.(Eigenbericht.) Der 28. Parteitag der französischen sozialistischen Partei wurde in der Rächt zum Donnerstag um 2 Uhr morgens beendet. Den Bericht über die Arbeiten der Kommission zur Frage oer Landesverteidigung und Abrüstung erstattete Leon Blum. Die Kom- Mission würde dem Kongreß drei Entschließungen unterbreiten, die den verschiedenen Tendenzen innerhalb der Partei entsprechen. Ein vierter von ihm ausgearbeiteter Text, über den an letzter Stelle ab- gestimmt werden soll, stelle„Die eigentliche Entschließung des Kon- gresies" dar. Leon Blum bat, diese Entschließung einstimmig an- zunehmen. Nachdem die Verfasser der drei Entschließungen ihre Auffassungen Dorgslegt hatten, schritt man zur Abstimmung. Die von Paul Faure unterzeichnete Entschließung des Zentrums der Partei, die jeden Kredit für den„Rlililärapparal der Bourgeoisie" ablehnt uns die Organisation eines Milizheeres vorsieht, erhielt 2436 Stimmen, die von R e n a u d« l vertretene Auffassung des rechten Flügels, die das Prinzip der LandesverteiDigung an- erkennt und sich in gewissen Fällen der Bewilligung der Militär- kveDite nicht widersetzt, vereinte 824 Stimmen auf sich. Die Ent- schließung des linken Flügels, die von Lageorgett« ausgearbeitet wurde und jede Verteidigung als einen Betrug ob- lehnt, erhielt 471 Stimmen. Im Anschluß daran wurde die als Parteiprogramm gedachte Entschließung Leon Blums durch Hand- ausheben(gegen 4 Stimmen) gebilligt. Sie lautet m ihren wichtig- sten Teilen:„Die Landesverteidigung ist nichts weiter als das Stre- den nach einer Sicherung der Unantastbarkeit und Unabhängigkeit Evangelist der Prügel (Hakenkreuzterror in Fehmarn: Oer Razipafior Riffel beobachtete die Sewalttätigkeiteu von seinem Haus aus, in der einen Hand eine Haken- kreuzfahne, die andere zum Hitlergruß erhoben.) „Kindlein, prügelt euch untereinander!" Deutscher in Aeu-Guinea ermordet. Auf ExpeditionSreise von Eingeborenen niedergemacht. London, 28. Mai. Einer Meldung aus Canberra, der Hauptstadt Australiens, zufolge läßt die australische Regierung Nachforschungen nach dem Schicksal eines Deutschen namens Baum im Innern des Mandats- gebiets von Neu-Guinea anstellen, der mit seinen eingeborenen Begleitern von einem feindlichen Stamm über- raschend angegriffen und getötet worden sein soll. Die Meldung besagt weiter, daß Baums Leiche von den Eingeborenen geschändet und zu religiösen Zwecken verstümmelt worden sei. Bei dem Ueberfall seien auch sieben seiner Diener niedergemacht worden, während es fünf anderen gelungen sei, zu entkommen. Der britische Bezirkskommissar von Morobe hat sich ins Gebiet des oberen Wattutflusses begeben, um die Angelegenheit zu untersuchen. Internationale Aerzte-Konferenz. Gründung einer Internationalen Vereinigung sozialistischer Aerzte. Der Verein sozialistischer Aerzte, Sektion Deutschland, und die sozialdemokratischen Sektionen in der Tschechoslowakei haben zu einer Internationalen Konferenz geladen, die in Karlsbad stattfand. Der Besuch der Tagung war sehr stark. Aus Deutschland, Tschechoslowakei(deutsche und tschechische Delegation), England. Norwegen.Dänemark, Lettland, Spanien und Ungarn waren Delegierte erschienen. Oesterreich, das bisher noch keine Ge- legenheit hatte, mit den Sektionen des Vereins sozialistischer Aerzte in engere Fühlung zu treten, hatte zum Kongreß zwei führende Parteigenossen entsandt: Dr. Friedjung und Dr. Cemach. Außer den Delegierten nahmen an der Tagung zahlreiche Gäste, Parlamentarier, Vertreter der freien Gewerkschaften in Deutschland und der Tschechoslowakei und viele im ösfenllichen Leben stehende Persönlichkeiten teil. Die unter sozialdemokratischer Leitung stehende Stadtverwaltung Karlsbads bereitete dem Kongreß der sozialistischen Aerzte einen würdigen Empfang. Die Tagung wurde eingeleitet durch eine große öffentliche Kund- gebung mit dem Thema:„Geburtenregelung und Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen". Vertreter verschiedener Länder nahmen das Wort: Norman Haire(England), Julian Marcus« und MinnaFlake(Deutschland), L e u r b a ch(Dänemark), Max Popper(C. S. R.), Evans(Norwegen). Aus den Berichten der einzelnen Sektionen am ersten Derhand- lungstage ersah man, daß die sozialistische Aerztebewegung im wesentlichen von der organisierten sozialdemokratischen der Nation. In den Augen des Sozialismus bedeutet somit die Landesverteidigung vor allem Den Frieden. Welche Partei könnte also für die wahre Landesverteidigung mehr ein- treten als der Sozialismus? Der Sozialismus will den Frieden. Er nimmt den Krieg auf keinen Preis und unter keinem Vorwand an. Er verteidigt die nationale Unabhängigkeit Damit, daß er sich bemüht, die Möglichkeil eines Krieges aus der well zu schaffen. Niemand kann sie mit größerer Wirksamkeit als wir verteidigen, weil wir Sozialisten sind und weil die nationale und internationale Aktion des Sozialismus auf die progressive Ausschaltung oller Kriegsursachen zwischen den Völkern hinzielt. In der Entschließung werden die sozialistischen Parlamentarier an Die statutenmäßige Ver- pflichtung erinnert, der Regierung alle Mittel zu verweigern, die die Herrschost der Bourgeoisie sichern könnten. Der Kongreß fordert Deshalb die sozialistischen Parlamentarier auf, stets gegen die MilitärkreDite, gegen die K o l o n i o l k r e d i t e und gegen das Gesamtbudgetzu stimmen. Außerdem wird der Vorstand der Parlamentsfraktion beauftragt, seinen Mitgliedern zu verbieten, irgendeine Berichterstattung über die Kredite zu über- nehmen, gegen die die Fraktion sich aussprechen muß. Der Kongreß nahm weiter mit sämtlichen gegen drei Stimmen eine Entschließung an, in der die Parlamentsfroktion aufgefordert wird, für die schleu- nig« Einführung des Verhältniswahlsystems bei Dcn Kammerwahlen einzutreten. In dem neugewählten Parteivorstand ist die Mitte mit 24, die Rechte mit 8 und die Linke mit 4 Sitzen vertreten. Aerzteschaft getrogen wird. So sind z. B. die großen Sektionen in England, Tschechoslowakei(eine deutsche und eine tschechische Sektion), Lettland, Ungarn rein sozialdemokratisch aufgebaut und auch die Mehrheit der Mitglieder in Deutschland sind Sozial- demokraten. Einen der Hauptberatungspunkte bildete das Referat des Ts- nossen Engelbert Graf über„Weltwirtschaftskrise und D o l k s g e s u n d h e i t", das durch Ausführungen von Alexander Bartos(Ungarn) ergänzt wurde. Weiter wurden folgende Themen behandelt: Sozialisierung de? Heil- wesens(Ref. M. Epstein(Deutschland) und A. Holit scher (C. S. R.) und„Arzt und Sozialversicherung"(Ref. B. Hoch, Deutschland). Die Internationale Konferenz fand ihren Abschluß in der Gründung der Internationalen Vereinigung sozia- listischer Aerzte. Don allen Vertretern wurde der internatio- nale Zusammenschluß sozialistischer Aerzte aufs wärmste begrüßt. Der Internationalen Vereinigung sozialistischer Aerzte sind bereits zehn Staaten beigetreten. Der Internationalen Konferenz ging eine Reichstagung des Vereins sozialistischer Aerzte voraus, auf der Genosse Paul Levy vom Gesamtverband(Reichssektion Gesundheitswesen) das Referat über das Thema:„Aerzte und freie Gewerkschaften" erstattete. Diebstahl von 40000 m Seidenstoffen. 20000 Mark Belohnung ausgesetzt. während der Psingstseierlage wurde voa Sonseklionseinbrechern ein großer Raubzug bei der Seideugroßhandlung von Aronheim in der Zerusalemer Straße 22 unternommen. Die Feststellungen, die jetzt getroffen sind, hoben ergeben, daß es der größte Seideneinbruch ist, den Berlin seil langer Zeit zu verzeichnen hat. Die Firma Aronheim unierhält ein Lager, dessen Wert sich auf etwa 1 Million beläuft. Bei der Aufnahme am Tatort ergab sich, daß die Einbrecher vom Dach« her herangekommen sind. In dem Hause befindet sich ein sogenannter Notgang, der vom Boden bis in den Keller reicht. Auf diesem Wege sind die Einbrecher auch an die Räume der Firma gekommen. Sie wandten sich einer Sonderabteilung zu, die in der Hauptsache kostbare einfarbige Seiden st osfe enthält. Die Kartons wurden leer zurückgelassen. An Hand dieser Verpackungen ist jetzt festgestellt, daß die Diebe 1900 Originalstücke mitgenommen haben, die zu- sammen ein Gewicht von etwa 82 bis 83 Zentner haben. Rechnet man jedes Originalstück zu 49 Meter, so haben die Einbrecher also 49999 Meter beste Seide weggeschleppt. Alles wurde, wahrscheinlich in einzelnen Lasten, über die Nottreppe nach einem Keller geschafft, in dem ein Glas- und Porzellangeschäft seine Vorräte verwahrt. Von diesen Sachen haben die Einbrecher nichts angerührt. Der Vorderausgang des Porzellankellers mündet auf die Jerusalem«? Straße. Von hier haben die Einbrecher auch zweifellos ihre Beute abtransportiert. An den Anschlagsäulen ist bereits ein Plakat der Versicherungsgesellschaften angeschlagen, das eine B e- lohnung in Höhe von 12999 Mark für Mitteilungen zur Wiedererlangung des gestohlenen Gutes auslobt. Die B e- lohnung wird jedoch auf 29 999 Mark erhöht werden. Im Veit ioi aufgefunden. Ungewiß ob Mord oder Selbstmord. Werder/Havel. 28. Mai. Heute früh fand der Inhaber des Schreibwarengeschäftes Hein- rich im Hinterzimmer seines Ladens in Werder den 2Zjährigen bei ihm wohnenden Karl Alert auf feinem Bett liegend tot auf. Neben der Leiche lag ein Tesching. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft unternahm sofort die nötigen Feststellungen. Bis jetzt steht noch nicht fest, ob es sich um einen Selbstmord oder um einen Mord handelt. Alert hatte am Abend zuvor zwei Freunde bei sich, mit denen er zechte. Der junge Mann soll ein Phantast mit großen Plänen ge- wesen sein, so daß ein Selbstmord nicht ausgeschlossen erscheint. Die Türen der Wohnung waren von innen verschlossen. Jedoch ver- wickelte sich der Inhaber des Geschäfts in Widersprüche, als er über die Waffe, aus der der Schuß abgegeben worden war, Auskunft gab. Er behauptet, daß der Selbstmord mit einem Revolver be- gangen sei. Der ZMuiflerrak ta Wien hat eine Erhöhung, des Kaffee- und Teezoll» beschlossen. Di« Herabsetzung der Beamtenge- hAter steht heute aus der Tagesordnung. Lügen, die unsterblich find Zwei Redakteure des„Tag" zu je 600 M. verurteilt Das Schössetigenchi BerUn-JItiHc, Abteilung 207, unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors herzseld verurteilte am Mittwoch den verantwortlichen Redakteur des„Tag", Rudolf I l e m m i n g. und den Landtagsberichler st alter ftötzn vom gleichen Blaffe wegen übler Rachrede in je zwei Zöllen, begangen gegen den Landtagsabgeordnelen Sutlner, zu je 500 Mark Geldstrafe. Dem als Rebenkläger zugelassenen Landtagsabgeordnelen Sutlner wurde die Publikationsbesugnis im„vorwärts",„Tag" und„Berliner Tageblatt" zugesprochen. Außerdem wird der Abdruck einer von Kutlner dem„Tag" eingesandten Berichtigung von Gerichts isegen angeordnet. * Diesem Urteil liegt folgender Sachverhalt zugrunde: Mitte Dezember l9St) fand im Preußischen Landtag die Debatte um den Remarque-Film statt Als Redner der Sozialdemokratie geißelte Genosse K u t t n e r unter stürmischem Beifall der Linken den Hugenberg-Usaschen Geschäftsblattpatriotismus. Gegenüber den verlogenen Angriffen aus den Film oerwies Kuttner darauf, daß es den„Unteroffizier Himmelstoß", die bekannte Figur des Remarque- Films, in Tausenden von Exemplaren in der alten Armee gegeben hat. Dies veranlahte den Angeklagten Köhn als Landtagsbericht- erstatter, in seinem Stimmungsbild zu behaupten, daß Kuttner viel schlimmer sei als der Unteroffizier Himmelstoß. Ihm habe ein Ge- richtsurteil in Sachen Davidsohn seine Roheit bescheinigt. Als Kuttner hierauf dem„Tag" eine Berichtigung des In- Halts sandte, daß an dieser Behauptung kein wahres Wort fei, druckte der„Tag" diese Berichtigung zwar ab, hing dann aber einen eigenen Artikel an, worin er auf Grund von Urteilen in den Pro- zessen Kuttner gegen Davidsohn, sowie gegen den„Deutschen Bor- wärts" die Richtigkeit seiner Behauptung zu erweisen suchte. Dieses Referat aus den Urteilen war nach der raffinierten Methode des deutschnationalen Berleumdungssystems zusammengebraut, indem die entscheidenden Stellen der Urteile ver- schwiegen, andere Stellen aus dem Zusammenhang gerissen, verfälscht und verdreht wurden. Eine erneute Berichtigung Ruttners druckte der„Tag" nicht mehr ab. Die Gerichtsverhandlung am Mittwoch war im wesentlichen mit der Verlesung der Urteile angefüllt. Der Borsitzende verwies die Angeklagten gleich zu Anfang darauf, daß ihre im „Tag" aufgestellten Behauptungen in den Urteilen keine Stütze fänden. Er regte«inen Vergleich an, den jedoch der Nebenkläger ablehnte, da nach seiner Erfahrung die Tatsache, daß ein linksstehender Politiker sich vergleicht, von einer gewissen Ver- leumderclique aus der Rechten sofort in dem Sinne ausgenutzt wird, daß er aus Furcht vor dem Urteil sich hätte vergleichen müssen. Die Vernehmung der Angeklagten ergab, daß der verantwortliche Re- dakteur F l e m m i n g sich auf seinen Mitarbeiter Köhn verlassen hatte, während Herr Köhn wiederum sich auf den großen Un- bekannten als Gewährsmann berief. Die Frage des Genosien Kuttner, ob der Angeklagte Köhn, wie es seine journalistische Pflicht gewesen wäre, sich zuvor den Text der Urteile verschafft habe, bevor er die eingesandte Berichtigung Kutwers anzweifelte, mußte der Angeklagte Köhn verneinen. Als Vertreter der Anklage führte Staatsanwaltschastsrat Fischer aus, daß hier wieder ein Exzeß des politischen Kampfes vorliege, der scharf gebrandmarkt werden müsse. Durch die ver- lesenen Urteile seien die Vorwürfe gegen den Kläger als hinfällig erwiesen. Der Staatsanwalt beantragte gegen Köhn wegen Be- leidigung in zwei Fällen 400 und 600 Mark, gegen Flemminq 300 und 400 Mark Geldstrafe. Der Nebenkläger Kuttner wies darauf hin, daß hier m i t außerordentlicher Hartnäckigkeit verleumdet war- den fei. Ein Irrtum könne gewiß jedem Journalisten unterlaufen. Deswegen würde er auch wegen der ersten Notiz allein sich eventuell verglichen haben. Nachdem aber eine Berichtigung eingegangen war, sei es journalistische Pflicht der Angeklagten gewesen, sich ge- naue Unterlagen zu verschaffen, ehe sie ihre falschen Behauptungen aufrechterhielten. Die Unterlassung dieser Pflicht sei zwar nicht be- wußte Verleumdung wider besseres Wissen, aber eine an Vor- satz grenzende grobe Fahrlässigkeit. Das Gericht kam zu dem oben angeführten Urteil. Die gegen jeden Angeklagten verhängte Geldstrafe von SOO Mark setzte sich zusammen aus je lOO Mark Strafe für die erste und je 400 Mark Strafe für die zweite Notiz. Wegen Uebertretung des Preßgesetzes durch Nichtabdruck der Berichtigung wurde der Angeklagte Flemming freigesprochen, aber nur aus dem subjektiven Grunde, weil er sich irrigerweise nicht zum Abdruck verpflichtet gehalten habe. Im übrigen stellte das Gericht fest, daß die Berichtigung den preßgesetz- lichen Erfordernissen entspreche, es ordnete deshalb von Amts wegen ihre Einrückung an. Schwerer als die Strafen, die ja Herr Hugenberg aus seiner großen Kasie zahlen wird, wiegt die für die Angeklagten vernichtende Begründung. Das Gericht stellte in feiner Urteilsbegründung fest, daß das Urteil gegen Davidsohn von den Angeklagten so dar- gestellt worden ist, als habe Davidsohn lediglich wegen des Aus- drucks„Mörder", wegen formaler Beleidigung eine geringe Geld- strafe erhalten, während in der Sache das Gericht ihm dahin bei- getreten sei, daß Kuttner widerrechtlich einen Menschen getötet habe. Tatsächlich ist Davidsohn, wie das Urteil ergibt, wegen übler Nachrede zu der damals höchstzulässigen Geldstrafe verurteilt worden und das Gericht hat seine Behauptungen auch sachlich für vollkommen widerlegt erachtet. Die Urteilsbe- gründung fährt fort: Es handelt sich um Anwürfe gegen eine Per- fönlichkeit, gegen deren persönliche Integrität nicht das mindeste vor- gebracht worden ist. Gerade vom politischen Standpunkt der An- geklagten aus sind die Angriffe auf den Nebenkläger ganz unver- ständlich. Sie ließen sich innerlich verstehen, wenn sie von entgegen- gesetzter(kommunistischer) Seite ausgingen, der inneren Ueberzeu- gung der Angeklagten aber können sie keinesfalls entsprechen. Wenn sie diese mehr als 10 Jahre zurückliegende Sache gegen den Neben- kläger vorholen, so zeigen die Angeklagten selber, daß sie sonst gegen ihn nichts einzuwenden wissen. Milder wurde den Angeklagten nur angerechnet, daß sie durch die Angriffe des Nebenklägers auf Hugenberg im Landtag in einer gewissen Erregung gewesen seien. Im übrigen aber seien die nach der ersten Berichtigung Kuttners auf- rechterhaltenen Unrichtigkeiten des zweiten Artikels derartig, daß dieser Artikel hart an die Grenze des§ 187, das heißt an Ver- leumdung wider besseres Wissen streife. Theophraste Renaudot Zum dreihundertsten Geburtstag der Zeitung Vor drei Jahrhunderten, am 30. Mai 1631, erschien in Paris die erste Zeitung. Gewiß hatte sie ihre Vorläufer, nicht zuletzt in Deutschland, wo die sogenannten„Ordinari-Zeitungen" au» dem Bedürfnis der großen Handelshäuser, sich systematisch und regel- mäßig Markt- und andere Berichte zu beschaffen, hervorgegangen waren, aber die„Gazette" bot wirklich, wenn auch in beschei- denem Umfange— Quartformat, erst vier-, dann achtseitig und nur Freitags herauskommend—, das, was wir heute eine Zeitung nennen. Ihr Herausgeber, Thäophraste Renaudot, der füglich auf den Ehrentitel des ersten modernen Journalisten Anspruch machen kann. wurde, wahrscheinlich im zweiten Halbjahr 1586 zu Loudun in Poitou geboren. Auf jedem Schönheitswettbewerb wäre er schon am Start ausgeschieden, denn er war ein magerer, knochiger, eckiger Geselle mit Riesenfäusten an langen Gorillaarmen und einer un- gewöhnlich plattgedrückten Nase, an der nur zu gern der billige Spott der Zeitgenosien anhakte. Aber er hatte einen offenen Kops voll gärender Gedanken; vielleicht weil er zu der meist geistig geweckten protestantischen Minderheit des katholischen Landes zählte, hing er fanatisch dem Fortschritt an und strebte nach dem Neuen, nicht«eil es das Neue war, sondern um der Menschheit weiter zu helfen. Der sich schon mit 20 Jahren den medizinischen Doktorhut an der Universität Montpellier geholt hatte, klebte in der Heilkunde nicht an dem überlieferten Kram der Quack- salber- und Feldscherzunft; er war. unter allerhand Anfeindungen. einer der ersten, die sich der eben aufkommenden Arzneien aus dem Laboratorium der Chemie bediente. Aber von Anbeginn faßte er auch den ärztlichen Beruf als öffentliches Amt auf, das ihn mannig- fach verpflichtete. Mit sinnendem Mitleid ruhte sein Auge auf denen, die doppelt unglücklich waren: krank und arm, und bald erkannte er, daß die Massenarmut eines Landes eine organische Krankheit des Gesellschaftskörpers darstelle. Die grobschlächtige Gesetzgebung jenes Jahrhunderts ging mit den armen Teufeln, die Wirtjchaftsentwicklung und Kriegsläufte von ihrer Scholle losgerissen und auf die Landstraße warfen, also enteigneten und proletarisierten, schonungslos um; sie wurden nicht als halbe, sondern als ganze Verbrecher behandelt. Noch im Anfang der Re- gierungszeit Ludwig XVI. schickte man den, der ohne eigene Schuld des Unterhalts und der Unterkunft entbehrte, auf die Ga- leeren. Das war nicht Renaudot's Fall: dem Zeitalter der Sozialpolitik weit vorauseilend, glaubte er, daß Hilfe für den Armen und Kampf gegen die Armut das Richtige sei. Der Zufall wollte es, daß er 1609 in seiner Heimat die nähere Bekanntschaft eines jungen Edelmannes namens Armand d u B l e f s i s machte, der seit kurzem als Bischof von Luyon wirkte. Alz dieser du Plessis, bald HerzogvonRichelieu. allmächtiger Staatskanzler von Frankreich war, berief er 1612 Renaudot, dessen„Traktat von den Armen" er wohl kannte, nach Paris und setzte durch, daß sein Günstling den Titel eines königlichen Leib- arztes erhielt und zum Generalkommissar des Armen- wesens ernannt wurde. Aber da Renaudot auf zu starke Wider- stände stieß, um seine kühnen Gedanken in die Wirklichkeit zu über- tragen, kehrt« er zur Ausübung des ärztlichen Berufs in fein« Geburtsstadt zurück. Erst 1624 siedelte er für die Dauer nach Paris über, um 1629 mit königlichem Privileg sein„Adressenbureau" zu eröffnen. Das war in erster Linie eine Stellenvermittlung, wo die nach Paris strömenden Arbestslosen offene Plätze erfragen und Stutleriahn in&reiheil Walter B u l l e r j a h n verläßt mit seiner Mutter, seiner Frau und seinem Verteidiger, Dr. Kurt Rosenseld(rechts), das Gefängnis in der Lehrter Straße.— Auf Antrag feines Verteidigers war Buller- jahn vor einiger Zeit aus dem Zuchthaus Brandenburg nach der Strafanstalt in der Lehrter Straße in Berlin übergeführt worden und wurde hier von Sanitätsrat Dr. Leppmann auf seinen Gesund- heitszustand untersucht. Dr. Leppmann hat sein Gutachten dahin abgegeben, daß durch die Fortdauer der Haft ein« schwere Gesund- heitsgesährdung zu erwarten sei. Daraufhin hat der vierte Straf- senat die vorläufige Hastentlassung Bullerjahns, die wohl als eine endgültige zu betrachten ist, beschlossen. die Unternehmer sich nach Arbeitskrästen erkundigen konnten: es war das erste Arbeitsamt. Damit nicht zufrieden, richtete Renaudot auch die erste Poliklinik ein, in der die Unbemit- testen, ohne zahlen zu müssen, ärztlichen Rot und Heilmittel be- kamen: ihrer 20 000 genossen zu seinen Lebzeiten diese Wohltat. Endlich schuf er, augenblicklicher Not augenblicklich zu steuern, das erste Leihhaus, das, ohne die Absicht wucherischen Gewinns, gegen beliebige Pfänder Geld zu ganz mäßigen Zinsen auslieh. Wie über diese Einrichtung hielt Richelieu auch seine schützend« Hand über die„G a z e t t e", deren Wert im Kampfe gegen seine äußeren und inneren Feinde er scharfen Blickes erkannte. Die erste Zeitung war derart ein offiziöses Blatt, durch das die Regierung ihr genehme Nachrichten verbreitete: als des Kardinals Pressechef wirkte Peter Josef, die„Graue Eminenz", der oft zu geheimer Zwiesprache mit Renaudot auf der Redaktion er- schien. Aber darüber hinaus sammelte der Herausgeber aus eigenem Nachrichten, die für die Leser anregend und wichtig sein konnten. Die erste Nummer begann mit einer Meldung aus K o n st a n t i- n o p e l über den persisch-türkischen Krieg und brachte im übrigen Korrespondenzen„aus aller Welt": aus Rom. Spanien. Portugal, Oberdeutschland, Schlesien. Venedig, den beiden Frankfurt, aus Stettin, Leipzig, Lübeck, Mainz, Niedersachsen, Amsterdam und Ant- werpen: Frankreich kam erst von der sechsten Nummer an zu seinem Recht. Als Renaudot am Ende des Jahres 1631 den ersten Jahr- gang gesammelt und gebunden herausgab, verkündete er als seinen journalistischen Grundsatz: Erforschung der Wahrheit, räumte aber bereitwillig ein, daß unter fünfhundert in der Eile ge- schrieben« Notizen die eine oder andere ihre Korrektur durch die Zeit erfahren könnte. Während der Ausruhrbewegung der„Fronde" gegen den unmündigen Ludwig XlV. gab er das nicht minder rühm- liche Beispiel, daß er mit der„Gazette" für die nach Saint-ltzer- main geflüchtete Regierung— nach dem Tode R i ch e l i e u' s war nun der Kardinal M a z a r i n am Ruder— publizistisch wirkte. während seine Söhne in' Paris den„C o u r r i e r F r a n g a i s" als Sprachrohr der Gegner der Regierung gründeten. Gleichwohl war es ein mit Arbeit, Mühsal und Kampf erfülltes Leben, das am 26. Oktober 1653 erlosch: am Freitag darauf brachte die„Gazette" den Nachruf auf ihren Gründer und Herausgeber. Ein allegorischer Kupferstich der Zeit stellte die„Gazette" als Frauen- gestalt auf dem Richterstuhl dar: die demaskierte Lüge wirft ihr Hassesblicke zu, die Wahrheit sitzt zufrieden ihr zur Seite, und als Gerichtsschreiber zu Füßen dieses Tribunals der öffentlichen M«:- nung wendet sich Renaudot verächtlich von denen ab, die durch Geld seine Gunst zu erkaufen suchen. Bezahlte Anzeigen hatte er stets von seiner Zeitung ferngehalten und in ein besonderes Blatt verwiesen. Aber wenn sich zwei Jahrhunderte nach Erscheinen der „Gazette" die Pariser Iulirevolution an den Preßordonnanzen ent- zündete und das Zeitalter der Preßfreiheit einleitete, so erschien kurz danach mit G i r a r d i n' s„Presse" jener sich wie eine Pest in ollen Ländern verbreitende Zeitungstyp, bei dem der Text nur Anhängsel des Anzeigenteils ist, ein bares Geschäftsunter- nehmen, das nach Lafsalle's brandmarkendem Wort„um schnöden Gewinnes willen dem Volke den geistigen Tod täglich aus tausend Röhren kredenzt". Diese üble Entwicklung hatte ein red- licher, stets aufs ösfentliche Wohl bedachter Mann wie Th�phraste Renaudot nicht voraussehen können. Hermann Wenclei „Majestät kämpft sür Republik." Kleines Theater. Solomon, der Weif«, von Beruf altisraelitischer König, entdeck: plötzlich in sich republikanische Neigungen. Er will sein Volk mit politischer Freibeit beglücken, aber das Volk sträubt sich. Den Ver- tretern genügt es vollkommen, wenn sie ungestört auf der Börse Geld und Brief sein dürfen. Und da faßt Salomon den genialen Plan, unzählige Königskinder mit den Töchtern des Landes zu zeugen, um dadurch«ine Ueberbrückuna. der Gegensätze herbeizuführen. Leider wird diese erotische' Sozialpolitik vorzeitig durch die Rückkehr der Königin unterbrochen. Ein Sketch ist zu einem Vierakter ausgewalzt. Max Jung- mann glaubt, geistreich zu sein, wenn er den König Salomon in Frack und Sakko als modernen Dandy serviert, aber dieser Witz trögt«inen langen Bort, und andere Qualitäten weist die Komödie kaum auf. Die Sehnsucht Iungmann» nach geschlissenen Bonnots und Apergus wird nicht erfüllt. Man merkt zu sehr die Absicht, und Banalitäten bilden das Resultat. Es bedeutet außerdem ein billiges Vergnügen,«in altes Thema mit Glossen über moderne Zu- stände zu dekorieren. Iungmann fehlt die Gestaltungskrast und die Leichtigkeit der Formung. Warum werden solche Sachen gespielt? Gibt es wirklich keine guten Theaterstücke? Die Aufführung besorgte die Spielvereinigung Ber- linerSchauspieler. Regie war nicht zu merren. Das Ganze macht den Eindruck einer Diiettantenangelegenheit, trotzdem sich Niko- witz, Lieck, Metzger und Marion Hartseil immerhin bemühen, ihre Rollen bestimmt zu umreißen. Wollen diese neugegründeten Schau- spielergruppen Interesse erregen, dann müssen sie sich nach wert- vollen Stücken umsehen. Mit dramatisierten Reportagen oder mit billigen, unzureichenden Komödien ist nichts zu machen.?. Lcd. Ein Internationaler Kongreß der Schriftstellerverbände wurde Mittwochvormittag in Paris eröffnet. 22 Länder sind vertreten, um«ine internationale Schriststellervereinigung zu gründen. Die Tagung wurde durch eine Rede des französischen Unterrichtsministers eröffnet. Als Vertreter Deutschlands sprach Heinrich Mann. Der Zweck der Neugründung ist eine internationale Regelung der Autorenrechte unter besonderer Berücksichtigung der durch Rundfunk und Film entstandenen Lage. Ein Biesenzeppelin für Holland. Die Niederländische Dampf- schissahrtsgesellschast und der Königl. holländ. Lloyd in Amsterdam beabsichtigen, Riesenzeppeline mit einer Aufnahmemöglichkeit sür hundert und mehr Passagiere herstellen zu lassen. Die Lustschiffe sollen den regelmäßigen Verkehr zwischen Holland und Holländisch- Indien in 4)4 Tagen besorgen. Mit dem Bau soll in Kürze be- gönnen werden. In der Kunstausstellung im Schloß Biederschönhausen ist auch eine Kollektivgruppe von 20 Plastiken zu sehen. Sie sind das Werk van Viktor Burbott, einem Schüler Professor Lederers, der durch Ankäufe und Aufträge der Stadt Berlin(Ebertbüsten u. a.) wiederholt ausgezeichnet wurde. Die Ausstellung ist um 14 Tage verlängert. Die Besucher der Berliner Bauausstellung machen wie alle Ausstellungsbesucher die gleiche Erfahrung. Die Freude an der Be- sichtigung der Fülle des vorhandenen Materials steigert sich wesent- lich, wenn man mit den wichtigsten Fragen und Problemen bekannt und oertraut ist. Die Zeitschrift„Die Gemeinde" hat deshalb zur Berliner Bauausstellung ein etwa 100 Seiten starkes reich illustriertes Sonderheft herausgebracht. Die einzelnen Artikel be- schäftigen sich eingehend mit allen wesentlichen Fragen des Bau- und Wohnungswesens. Die neuen hirnsorschungsinstitule. Die Gesellschaft zur Förde- rung der Wissenschaften weiht ihr Institut sür Hirnforschung bei Gelegenheit ihrer diesjährigen Iahrestagung am 2. Juni in Berlin-Buch«in.— Auch in Wien ist soeben das Hirn- forschungsinstitut eröffnet worden, mit einem Vortrag von Prof. Economo über die Arbeit des Hirnforschers. Ein Bildnis von Wagner-Iauregg schmückt den Hörsaal. Neben dem Institut in Buch, der Schöpfung seines Direktors Prof. Oskpr Vogt, hat damit Wien das zweiie große Institut dieser Art erhalten. vi« vagobundea-kunftausstetluag in den Räumen de«.Sturm", Bayreuther Str. 33, wird um ein« Woche verlängert. Aegyptische Arbeiterschast greift ein. 60V Toie im Wahlkampf.— Oikiawrregierung erschüttert. Salro. im Mai. iSigenberichl.) Die Unruhen während der ägyptischen Wahlen haben insgesamt i.>1t> Menschen das Leben gekostet. Das Zentrum der Un- ruhen bildete das proletarische und kleinbürgerliche Quartier von B u l a g h. das schon die Lasten des wütenden Widerstandes bei der Eroberung Kairos durch den ersten Napoleon getragen hat. Die Arbeiter der dort befindlichen Staats- und Eisenbahnwerkstätten sind fast geschlossen der S t r e i k p a r o l e der vereinigle« Liberal- Koastllulionelle« und der wafdisten gefolgt. Sie verharren in passiver Reststenz, die sich im Personen- und Güterverkehr empfindlich be- merkbar macht. Das Eintreten der arbeitenden Massen für die Opposition hat den Gegnern der Diktatur in Wirklichkeit zum Siege verholfen. Mit den Führern und ihrer Leibgarde, den Mittelschülern und Stu- denten, wäre Sedky Pascha wie zur Zeit der Parlamentsauflösung schon fertig geworden, aber König Fuad, dem alles andere vor- zuwerfen ist, nur nicht Mangel an politischer chellhörigkeit, hat die Situation wie immer, wenn seine politischen Interessen bedroht sind. sehr schnell begriffen. Das Abrücken von seinem bisherigen Schild- Halter Sedky ist auf nichts anderes zurückzuführen als auf die drohende Haltung der arbeitenden Bevölkerung. Auch England beginnt aufzuhorchen und sucht Fühlung mit den Anhängern des demokratischen System«. Zum erstenmal hat die ägyptische Arbeiterschaft einen Surs- Wechsel in der inneren Politik Aegyptens erzwungen. während sie bisher nur als Statisterie für die Cliquen und Coterien der politischen Geschäftemacher gedient hat. Der Druck von unten ist allerdings noch nicht stark genug gewesen, um die Struktur des politischen Lebens zu ändern. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es in Aegypten zunächst zur Bildung eines aus Beamten zusammengesetzten U e b e r- gangsmini st eriums kommen, das die Gemüter beruhigen und einigermaßen anständige Wahlen vorbereiten wird. Ihm wird ein Koalitionskabinett der Liberal-Konstitutionellen und des Wafd folgen. In dieser Kombination wird Mohammed Mahmud Pascha die erste Geige spielen. England, das nach bewährtem Brauch den Streitigkeiten so lange Gewehr bei Fuß zugesehen hat, bis sich das Zünglein zugunsten einer Partei zu neigen begann, hat bereits durch den Oberkommissar, Sir Percy Lorraine, mit Mohammed Mahmud und Seky Pascha Fühlung nehmen lassen. Per Saldo wird Eng- land auch von dieser Entwicklung, der Verhältnisse profitieren und endlich zu dem lange ersehnten Abkommen mit Aegypten gelangen. Der politische Dorteil, der ihm daraus entsteht, wird allerdings nicht billig bezahlt, denn der Sudan, der bisherige Stein des Anstoßes der anglo-ägyptischen Beziehungen, ist seit dem Abbruch der letzten Vertragsverhandlungen aus einer Verheißung zu einem Sorgenkind für Großbritannien geworden. Das Experiment, ihn zu einem Baumwollversorger der englischen Textil- Industrie zu machen und Lancashire auf diesem Wege von Aegypten und den Dereinigten Staaten unabhängig zu machen, ist kläg- lich zusammengebrochen. Amerikanische Volkswirtschaftler haben mit ersichtlicher Schadenfreude ausgerechnet, daß hierbei nicht weniger als eine halbe Milliarde englischen Kapitals ver- loren worden ist. Ob diese Angaben auf die Millionen stimmen oder nicht, bleibt gleichgültig, sicher ist, daß die Zustände der suda- nesischen Wirtschaft England froh sein lasten müssen, sich dieses Ballastes auf eine gute Art zu entledigen. Die Frage, wie lang« das in Aegypten in Arbeit befindliche Kompromiß vorhalten wird, läßt sich dagegen nicht so leicht beant- warten, denn die Grundlagen, auf denen die Einigung der drei in der ägyptischen Politik zur Zeit noch bestimmenden Faktoren, König, England und Parlament, aufgebaut ist, sind reichlich schwach und überdies ganz unsolide. Ein völliges Verkennen der Notwendigkeiten zur Beseitigung der wirtschaftlichen Nöte Aegyptens, gesteigert durch den Mangel an Willen einer durchgreifenden Fürsorge für die hun- geraden Massen, werden den schwankenden Bau kurz über lang von neuem erschüttern. In diesem Stadium der Entwicklung werden die diesmal noch mühsam durch sudanesische Polizisten und englische Militärbereitschast in Schach gehaltenen Massen von Bulagh eine ganz andere Rolle spielen wie in den Wahltumulten des Mai- monats 1931. „Rassereine Retter". (Sie sind die schlimmsten(Schieber und ZSetrüger. Tagtäglich steht in den nationalsozialistischen Zeitungen, daß sie fiir„gerechten Lohn* kämpsen. Dieser Behauptung steht die Tatsache gegenüber, daß in dem früheren nationalsozialistischen Parteiblatt in K o b l e nz. dem„Nationalblatt", zwölf Buch- drucker um ihren zustehenden Lohn geprellt worden sind. Sie hatten nach der Einstellung des Blattes auf r ü ck st ä n d i- gen Lohn geklagt, wurden jedoch vom Arbeitsgericht Koblenz mit ihrer Klage abgewiesen. In den Verhandlungen stellten sich unglaublich unsauber« geschäftlich« Verhältnisse in der früheren Koblenzer Nazizeitung heraus. Der ursprüngliche Unternehmer war die Lohn- und Akzidenz- druckerei in Köln, Filiale Koblenz. Di« Maschinen gehörten aber nicht ihr, sondern der„G. m. b. Sj., Filzengrab«n 2— 4" in Köln, einer nationalsozialistischen Gesellschaft. Diese hatte die Maschinen ober wieder aus zehn Jahre an eine Firma Gremminger ver- p fände tl Am 14. Dezember 1930 verpachtete der Reichs- tagsabgeordnete Dr. L e y.«in Mitglied der„G. m. b. H., Filzengroben 2—4* die Druckerei an einen gewisten Wienands in Koblenz. Dieser Vertrag wurde jedoch am 23. Dezember 1930 wieder aufgehoben. Aber Wienands druckte die Zeitung noch bis 31. Dezember 1930. Vom 10. Januar bis 20. April lieferte er nach Köln Matern, die im Kölner Naziblatt für Koblenz gedruckt wurden. Bis zum 9. Februar 1931 wußten die zwölf Buchdrucker nicht, daß Wienands Pächter(also verantwortlicher Inhaber der Druckerei) war. Infolgedessen haben sie ihre Klage auch nicht gegen Wienands gerichtet, sondern gegen die„G. m. b. Sj., Filzengraben 2— 4* in Köln. Mit Recht führte Arbeitersekretär Schettler in der VerHand- lung aus, die Verpachtung sei nur zum Schein erfolgt. Wienands sei Geschäftsführer des Dr. Ley gewesen. Der Pacht- vertrag sei nach% 307 BGB. aus«ine unmögliche Leistung gerichtet und deshalb nichtig gewesen. Der Beklagten sei bekannt gewesen, daß Wienands 1930 bereits den Offenbarungseid geleistet habe. Trotzdem lehnte das Gericht die Klage der zwölf Buchdrucker gegen die„G. m. b. H. Filzengraben 2—4" ab, weil Wienands der olleinige Arbeitgeber gewesen sei. Nun können die zwölf Buch- drucker sehen, wann und wo sie ihr Geld herbekommen. Wir möchten ober den Schieber und auf Bankrott spekulierenden jüdischen Gs- schäftemacher sehen, der es in diesem Punkte mit den rassereinen Rettern Deutschlands vor angeblich jüdischer Korruption aufnimmt. Die Gtreiklage in Nordfrankreich. (Start- köpfigkeit der Unternehmer. Paris, 28. Mai. Der Generalstreik im nordsranzösischcn Webereigebiet dauert an. Die Zahl der Ausständigen ist auf 118 000 gestiegen. Die Unter- nehmer halten an ihren Forderungen, zunächst die Löhne um 4 Proz. zu kürzen, fest, während die Vertreter des Gewerkschaftsbundes die Beibehaltung des laufenden Tarifes bis zum 1. August verlangen. In Roubaix-Tourcoing fand gestern eine kommunistische Kund- gebung statt, an der mehrere tausend Streikende teilnahmen. Die Manifestanten, die unter Absingen revolutionärer Lieder die Straßen durchzogen, verlangten vor allem die Zurückziehung der Gen- dormerie. Die Kundgebungen Verliesen ohne Zwischenfälle, wie überhaupt die Arbeiter bisher eine mustergültige Disziplin an den Tag gelegt haben. Eine Niederlage der NGO. KpO. im Nezirkeamt Inedrichshain unbeliebt. Di« kommunistische Propaganda für die Liste der NGO. war unter den vom Bezirksamt Friedrichshain beschäftigten Arbeitern eine besonders rührige. Galt es doch auch hier die bisher einheitliche frei gewerkschaftliche Liste zu schwächen und das Einoernehmen mit der sozialdemokratischen Mehrheit der Lezirksamtsmitglisder nach Möglichkeit zu stören. Mindestens SV Proz. der Sitze glaubten die Kommunisten im Bezirksamt Friedrichehain erobern zu können. Ihre Anstrengungen waren umsonst. Von 671 abgegebenen Stimmen entfielen auf die freigewerkschoftliche Liste 569 Stimmen und 9 Sitze, auf die„Rote Einheitsliste" 102 Stimmen und 1 Sitz. Seit dem Jahre 1925 haben die freigewerkschaftlich organisierten Kollegen den politisch zur KPD. gehörenden Arbeitern freiwillig«inen Sitz eingeräumt. Ein solches Zugeständnis wurde ihnen auch in diesem Jahre wieder gemacht. Dieses Eni- gegenkommen haben die Kommunisten abgelehnt, weil sie die Zeit für gekommen glaubten, die Mehrheit im Betriebsrat zu er- obern. Sie haben aber nicht mehr erreicht, als ihnen freiwillig zu- gestanden war. Bei den Ange st eilten gar hat man es nicht einmal geschafft, eine eigene Liste aufzustellen. Der Angestelltenrat setzt sich nur aus freigewerkschaftlich Organisierten zusammen. Im Betriebsrat des Bezirksamt Friedrichshain sind nunmehr zehn Freigewerkschafter und ein RGO.-Mann oertreten. Es wird die Aufgabe der freigewerkschaftlichen Kollegen sein, den kommuni- stischen Gewerkschaftsspaltern den mit Mühe errungenen Sitz im kommenden Jahr endgültig abzunehmen. Es war wieder nichts. Neuwahl des Arbeiterrats bei Seydel& Ge Der im März diese« Jahres gewählte Arbeiterrat der Buch- druckerei A. Seidel u. C i e. stellte bei Uebernahme der Geschäfte Unterschlagungen des ehemaligen Arbeiter- und Betriebsratsvor- sitzenden K. fest. Die Lumperei des K. ist von den Gewerkschaftlern des Betriebes in vorbildlicher Weise liquidiert worden, indem sie einen scharfen Trennungsstrich zwischen solchen Elementen und der Arbeiterschaft gezogen haben. Ein Verfahren, das wir der RGO. und den ihr nahestehenden Kreisen dringend empfehlen. Der Arbeiterrat erklärte außerdem seinen Rücktritt, um reinen Tisch zu schaffen. Die RGO. glaubte nun, da K. bis zur Aufdeckung seiner Verfehlungen Mitglied der SPD. war, die Belegschaft für ihre Methoden gewinnen zu können. Der Kampf wurde von der RGO. dementsprechend geführt. Bei der Wahl aber hat die große Mehrheit der Belegschaft wie bisher den Kandidaten der freien Gewerkschaften ihre Stimmen gegeben. Die Liste der„revolutionären Unorganisierten" bekam 3 Sitze, die Liste der organisierten Buch- drucker 5 Sitze, hinzu kommt ein Sitz der Angestellten, im Betriebsrat, so daß das Verhältnis im Betriebsrat 6: 3 ist. Der so oft angesagte Sieg der RGO. ist ausgeblieben. Gastragödie in Pankow. Vater uns Tochter tot aufgefunden. Die valerliebe zu seiner geisteskranken Tochter ließ in dem bZjährigen Handwerker August Sch. de« Plan reisen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden und sein unheilbar krankes Kind mit in den Tod zu nehmen. Sch. hatte mit seiner 34jShrig«n Tochter Martha im 3. Stock- werk des Ouergebäudes in der Heimstraße 29 in Pankow eine aus 2 Stuben und Küche bestehende Wohnung inne. Am Vor- mittag drang aus der Wohnungstür so starker Gasgeruch, daß Mieter aufmerksam wurden und die Feuerwehr alarmierten. Die eindringenden Beamten fanden Sch. und seine Tochter in dem völlig mit Gas erfüllten Schlafzimmer leblos auf. Wioderbelebungsver- suche blieben ohne Erfolg. Der alte Mann hatte die Vorbereitungen zur Tat so sorgfältig getroffen, daß ein Mißlingen ausgeschlossen sein mußte. Er hatte an den Gasmesser einen mehrere Meter langen Gasschlauch angeschlossen. In die Tür des Schlafzimmers hatte Äch. ein Loch gebohrt und den Schlauch hindurchgeführt. Die starken Gas- mengen müssen schon nach kurzer Zeit den Tod der beiden Leute herbeigeführt haben. Wie aus einem Abschiedsbrief hervorgeht, sollte die Tochter in eine Anstalt überführt werden. Die bevorstehende Trennung von seinem Kind war dem alten Mann« so furchtbar, daß er sich zu dem Verzweiflungsschritt entschloß.____ Oer Kampf um Preußen. Trotz größter Hitze war die Versammlung im Gesell- schaftshaus Zriedrichshagen außerordentlich gut besucht, in der Genosie Ernst heilmann, der Vorsitzende der preu- ßischen sozialdemokratischen Landtagsfraktion. über das Slahlhelmvolksbegehren sprach. Alles was rechts vom Zentrum steht, hat sich dem Kampf gegen Preußen angeschlossen, aber alle ernschasten Politiker sind sich dar- über klar, daß Preußen heute der ruhend« Pol im Chaos, ein Aktivum der ganzen Nation ist. Erst in letzter Zeit wieder ist es durch Preußens hilf« möglich gewesen, große Werke in chrer Mehr- heit für die Oesfentlichkeit zu erhalten, ohne daß davon groß ge- sprachen wurde, wie ja alles, was Preußen leistet, von rechts ver- schwiegen wird. Die Volksbegehrler wollen das„alle Preußen" wieder haben, aber sie jagen nicht, wie dieses alte Preußen gewesen ist. Nun, es ist das Preußen des Dreiklassenwahlrechts, des Herren- Hauses; ein Preußen, in dem der Arbeiter kein Bürger, sondern fast rechtlos war. heute möchte man aus den Sozialdemokraten wieder„vaterlandslose Gesellen" machen, aber wer hat denn im Rheinland den Kampf gegen Separatisten geführt und das Rhein- land für Deutschland gerettet? Und ist die Befreiung des Rhein- lands nicht Hermann Müllers Werk? Und wir sind inter- national, weil wir in der internationalen Zu- sammenarbeit das einzige Mittel sehen, künftige Kriege zu verhindern. Denn«inen neuen Krieg hält die europäische Kultur nicht aus. In der furchtbaren wirtschaftlichen Not unserer Zeit machen die Volksbegehrler die Republik verant- wortlich, aber in der ganzen Welt ist heute eine furchtbare Krise, die einfach eine Krise des kapitalistischen Systems ist. Wer helfen will. die Krise zu überwinden, der helfe die Republik s ch ü tz e n und den Ansturm aus Preußen abwehren, damit wir auf sicherem Boden einen neuen Aufstieg beginnen können. In der Diskussion sprach ein Redner' der Kommunisten. dieser Helfershelfer der Reaktion. Aber dieser Herr Raible mußte sich widerspruchslos sagen lasten, daß er noch vor drei Monaten bei den „reformistischen Gewerkschaftsbonzen' sein« Elaborate gegen die Kommunisten verkaufen wollte. Unter dem Gelächter der Anwesen- den mußte dieser Herr das Feld räumen, während die Versammlung in ein brausendes hoch auf die Sozialdemokratie einstimmte. Auf dem Budapest er völkerbundskongreß wurden nach dem Muster der Nansen-Pläne Völkerbundspäst« für die Staatenlosen � verlangt. lieber den Siralosphärenflng des Professor Plccard spricht Fliegerhauptmann a. D. Willy Meyer heute, Donnerstag, abend« um 7.00 Uhr, im Programm der Aktuellen Abteilung(Vortragsreihe „Wovon man spricht"). Wetter für Berlin: Mit Gewstterregen und Winddrehung auf Südwest Uebergang zu kühlerem und wolkigem Wetter.— Für Deutschland: Westostwärts fortschreitende Gewitter mit Abkühlung, im Nordosten noch warm und meist heiter. V-rantw-rtl. filt die Redaltioa: Se-beet Berlin:»Wimen: H.«locke. Berlin. Verla«: Vorwärts Verla«(8. m. b. s.. Berlin. Druck: Vorwäri, Buch- druckerei und Bcrl-asanstalt Paul Swscr&. Co., Berlin 6ffi«. Lindenltraßt 8. Sierzu t Beilage. ROSE Bi« Sonnabend 8 16 Sostita?, 91« Mal die drei letzt. Aufführen« s 2*o 5u p» „Die FranMrnler" RoseGarten Wochentags: 5" Uhr Sonntags: 5 80 Uhr Konzert nnd Inter* nsflonalerVarleMlell „DasLieöeswrbol" Dar lastigst« OperettAnsciiwanlL Wochentags KaftedcoAcn an gedeckten Tischen Treis« 1 d.Garten: 0,66— M. 2.— Große Frankfurter Straße xja U-Bahn Strausberger Platz Ctägiger Vorverkauf tftgllch von ix— i Uhr und 4—9 Uhr Telefonische Bestellungen 1 £7 Weichsel 94z» EIS' schränke elektrische Kühlschrän ke BiszulShonatsrateff ftaddals — Berlin W8. Leioziaer Str. 122-123— & Ca L-]uergens Alexanderplatz Neue Könlgslr. •af und Billig T Nur aross* Benin Alexanderplatx «KM lugiing* Rgstoufcnt Berlins BETRIEB( KEMPIHSklt Homöopathie der.-. Blas.-. Ball.-, Hagan-, Dana-. Harx-, lauer» a. Nerrcni.. i Acpr"Bnittr. 9. BshanBl. aar 2 U. LUSCI 5-2. 4.7, sm-s (ßeiiage Donnerstag, 28. Mai 1931 9fr Alml SuUaul4a& ibu>d*6 WeUbad Wanmee Siil£PfingSläUSflU(f/ Von diemrich Stemmer Ein spanischer Philosoph bekam beim Anblick der Masse Menschenfleisch in V i a r r i tz(wo einem doch immerhin der frisch hereinbrausende Atlantik tüchtig eins ums Ohr knallt)— Sehnsucht noch dem Kloster. Und was ist der romantisch benannte meeres- stille Lido eigentlich anders als ein nicht besonders ästhetisch wir- lendes Mossenbad— mit speziellen Reservaten für die Masse stjrand-Hctel-Mensch, der immense Strand ein Kamp sich gegen- einander behauptender, ebenfalls nacktmöglichster Egos, der opa- leske Ozean cin Menschennaquarium. Sie sind nicht so vollkom- m e n, die berühmten Weltbäder: merke dir's, o Wannfeel Im sandstrandlosen A b b a z i a zerreißt man sich, wie in den meisten Rivierabädern, die Füße an Fels und Stein... in Porto R o s e hat man, so gut es ging und teuer es kam, Sand aufgeschüttet, einen künstlichen Strand geschaffen. Und im hochherrlichen SidneyerVorstadtbad Manly.wo einem der grüne Pazi- fit noch viel tüchtiger um die Ohren knallt und die schönste Bade- onstolt der Welt steht, beinahe so schön, nur lange nicht so technisch- praktisch-hygienisch wie die Wannseer... in Manly, wo da» Baden keine bloße Erholung, sondern ein Sporwolksfest bedeutet, was sah ich? Drei dicke Röhren,«in gruseliges Abfluhröhrenbündel in Ab- ständen weder tief noch weit in den wehrlosen Pazifik geführt... niemand nahm Notiz davon. Der Wannsee fließt... „So, Sie fahren am Pfingstmontag nach Wannsee', sagte mein Freund P. I., schnitt wie immer«in maliziöses Gesicht und sprach, als ich in ihn drang, von Wasseranalysen, die man, meinte er, am wirklich langen Strand von Long Besch(New Park) kilo- meterwcit ins Meer mit dem Resultat vorgenommen hätte, daß da? Master unangenehm und auffallend von der Formel ll, O abwich. „Also viel Vergnügen!' „cherr Direktor' sagte ich auch gleich hinter dem Einlaß, für meine 20 Pfennig noch ein„Danke' hinzuerhaltend, obwohl außer mir noch 40 000 andere Badegäste da waren(Berlin ist die Stadt der„Bittes" und„Dankes')...,„haben Sie je von Wasser- a n a l y s e n gehört?' Das hatte der Direktor! Ich erfuhr, daß Wannsees Badewasser ollwöchentlich gesundheitsamllich inspiziert und hygienisch befunden wird. Der Wannsee ist nämlich kein See, sondern die v e r b r e i- terte Havel. Das Havelwaster flieht: S,6 Meter die Stunde beträgt die Strömung(um den„See' herum) bei Windstille, und durch diesen Umstand sowie durch seine sonnenseitige Lage ist die Vor- bedingung für ein ideales Bad geschaffen, sagt« der Herr Direktor, und dann sagt« i ch:„Danke sehr' und stürzte mich hinein, hinab in das Badegetümmel. Großstadt, h ier tan n st du b ad« n l- Der erste Anblick de» Wannseer Bade» ist auch für den Welt- gereisten, ist für jeden Nichtsnob finnbetörend, wunschausschließend... wa, soll man denn noch wollen... justament anders wollen? Dieses ungeheure Zusammen- und Auseinanderströmen, diese wohl- regulierte Menschenkaskade ist einzigartig. Alles liegt gleich über- sichtlich und einfach vor einem da wie jedes großen Rätsels Lösung: Großstadt, hier kannst du baden! Und ist es dieses Grunewald- grün, in das die schimmernden Badekörper zurückwellen, sind es die weißwinkenden Segel, oder ist es der blanke Rahmen des Badeemporiums, man hat hier gor nicht den Eindruck Menschenfleischfchau und"ich denke nicht daran, mich zu verhüllen und ins Kloster zu gehen, sondern mich zu e n t hüllen und meinen Körper Kirmeß seiern zu lassen. Nicht die Bullenhitze, sondern der überzeugende Rahmen schafft es, daß ganz ungezwungen eine neue We/tordnung eintritt, in der nicht Kleider Leute machen, sondern Körper. Schon auf den weißen Gartenbänken oben sitzen sie poren- atmend und sonnenslrahlensaugend in Eidechsenstarre: Körperlich- leiten. Sie konfrontieren siegreich im Wandelwäldchen den Anzug und das Kleid, knappe, klein« Dollküraste, gerade noch das bedeckend, was für Nichtnacktkulturanhänger noch nicht freigegeben ist. Bis 20 Jahre zurück Hab« ich sie in Kanada und Australien gesehen, wo man sie sofort als gleichermaßen dezent, schick und praktisch empfinden mußte, die all-wol Kostümchens, die jetzt Pariser Seiden und deutsche Trikots ausgestochen haben und als Original-Wien das Feld behaupten.... Welch ein Wiedersehen! Die Kaskade nimmt mich wie einen menschlichen Wassertropsen auf, ich weiß nicht, wohin ich fließen soll: Terrasten und Treppen verzweigen sich verlockend, bis mir ein Gelbjackiger sagt:„Treten Sie doch in eine Wechselkabin« ein, da brauchen Sie nicht zu warten.' Ich war mit einem 30-Pfennig-Billett in einem Ankleide- räum von Männern gelandet, wo von den 40 000 vier mit aller Ruhe ihre Kleider in den vier Ecken obstreisten, und konnte, falls mich diese-.Gedrängte' irritieren sollte, eine temporäre Einzclzelle beziehen....�.IlrixKe. Die Wechselzelle ist neben Wasserströmung und Sonne die ideale Strandbadgrundlage: nur sie hält die Menschenkaskade ewig in Fluß: der Erfinder stt ein Wohltäter der badenden Menschheit. Ich bin ein temporärer Insasse(wer ist je mehr in dieser wechselnden Welt) eines sich doppelseitig öffnenden bligbtank-praktischen Gehäuses, hänge, was ich auf dem Leib habe. an«inen Bügel, und reiche diesen einem Fräuleinchen hinein, das mir dafür ein Amulett mit Nummer 305 einhändigt. Man sieht... Man sieht, immer abwärts treibend, jetzt an Gang, Haltung, Gruppierung, Kostümierung, an menschlicher Vielfältigkeit und Viel- gebärdigkeit mehr, als in der Elle das Auge dem Gehirn zu ver- bauen übermitteln kann. Die wechselnden Bilder reihen sich gewolt- sam von dem Gesichtsfeld los, es ist ein überstürztes Wahrnehmen, wie bei einem zu rasch gedrehten Film. Irgendwie gehört zur vollen Badefreudigkeit unserer Tage die Masse, und nirgends gibt es «in besser reguliertes, die Masse mehr zur Geltung bringendes Bad als Wannsee. Was ist aus diesem bißchen Wollhülle und einer auf» Ohr ge- setzten Kuli-Spitzmütze nicht alles herauszuholen, von graziös aus- gefüllten Matrosenbuxen und Frottiermänteln ganz zu schweigen, die nebst japanischen Papierschirmen den Malern paletteartigen Esfekt aufs äußerste steigern, trotzdem man natürlich heute nur uni oder abgetönte Farben trägt. Man...1 Wannsee ist nicht man, Wannsee sind alle. Frühmorgens und in letzter Minute abends„kommt man' mit seinem Auto. Es regieren aber nicht die„Sperenzchen von Klasse", sondern die der Allgemeinheit, die ja auch«inen wechselnden Geschmack be- kündet, wiewohl sich alle darüber einig sind, daß der(zu diesem Zweck gesalbte, becremte und eingeölte) weihe Mensch nie braun genug brennen kann. Ginge die Iosephine Bater so wie sie von Natur gebacken ist, durch diese Terrassen, so ließen die künstlichen Mulattinnen resigniert die reizenden Köpfchen hängen Denkend: da kann unsereins nicht mit. Genau, wie sich drüben in Afrika, wo man die Scheitel ausrasiert und garantiert unfehlbare Hautbleichmittel en ms»?« anwendet, ejmer Naturweißen gegenüber die Waffen streckt. Wären die Schwarzen weiß und die Weißen schwarz, so fühlten sich beide als die glücklichsten Menschen— für einen Tag oder zwei. Man steht, in den Sandstrand tretend und dort herumstorchend. eine berückende Fülle von Kampierungs- und Platz- ergreisungsmethoden. Ein Demarkations.„Burg"-wall von Bierseideln erfüllt seinen Zweck nicht besser wie ein ausgebreiteter Bademantel,«ine zurückgelassene Frau, ein Handtuch, sogar ein S chn u l l e r- B o b y sah ich als Platz- Hüter. Wie in der Eisenbahn bestimmt nicht was, son- dem daß man etwas hinlegt. Man bemerkt aber(denn der Berliner hat«ine natürliche Abneigung gegen„simple llke", d. h. die natürlichste Lebensführung) allerhand Umständlich- keiten: bis fünf Thermosflaschen wies ein dreiköpfiger, kleiner, sich gegenseitig beölender, sonnenbebrillter Strondhaushalt auf, nebst einem Packen Grammophonschlager, die ja allerwärts zur Feier des Tages hemmdudeln. Der Strand ist eine Studie für sich — kaum so das Wasser. Es wird von einer ständigen kleinen Schar Wagemutiger ob- gesehen, die eine Motorbootpatrouille und einen auf einem Dach stehenden Fernrohrspäher für ihre Sicherheit sorgen hoben, verhält- nismähig wenig sportlich geschwommen.... ich meine so die Arm- Überschlagsbewegungen und die Schiffsschrauben-Hondbewegung eines vorwärtsrollenden Schnellschwimmers nach berühmten Hoitier Muster. Dafür wird angespritzt—, sympathische fremde Frauen zumal, denen man damit eine Aufmerksamkeit zu erweisen glaubt. Die Terrasse fesselt einen immer von neuem, wenn man zurück- kehrt: man müßt« sich— ständig knipsend und notierend— auf ein« der beschatteten Stufen niederlassen. Die Bemerkungen der jungen Eroberer über die vorbeischwirren- den jungen Mädchen muß man hören und jene über diese, woraus sich ergibt, daß die Eroberer, von der anderen Seite betrachtet, eigentlich die Eroberten sind! Den Tratsch über dies und das und weiß Gott was! Zwischendurch wird von oben ein Kind aus- gerufen und vorgezeigt, um heulend oder quietschvergnügt in den elterlichen Schoß zurückzukehren.(In späteren Jahren reklamiert einen keiner mehr.) Auf der Dachterrasse wird getanzt und hinab- sehend erblickt das Auge unten Paare im Sand hingegossen. Es sind verhältnismäßig, wenig Kinder und ältere Leute da, um so mehr Menschen in den Iahren, wo da? Herz unruhevoll ist und immer anders in Anspruch genommen sein will, wie eine Wechselkabine. Ich muß noch mal nach Wannsee raus: gucken, gucken, gucken. Gerdalteyl: StU StailS diVÜppel Wir wissen, daß die Maschine, als Helfer der Menschhest erdacht, zu ihrem Tyrannen wurde. Wir wissen, daß aus dem Felde der Arbeit Unzählige fallen, daß im Kamps mit den Maschinen Hundert- tausende verletzt werden. Wir wissen, daß die landwirtschaftlichen Maschinen l78 000 zu Invaliden machten, Förder- und Bagger- anlagen 40 000, die Metollindustrie 90 000, die Holzverarbeitung 40 000, giftige Dämpfe und Hitze 60 000, daß es im Jahre 1030 5 200 000 Versicherte gab, daß allein der Zentralverband 360000 Arbeitsinvaliden vereint. Die Wunden und Narben der Arbeitsinvaliden sind im Kampf geholt, in einem unsinnigen Kampf. Von Menschen erdachte Moschinen haben Menschen verletzt, weil sie ungeschult, ungeschickt, müde waren. All diese hat die Zivilisation geschlagen, die Wirt- schastsordnung. Wir wissen, warum es geschehen ist, lernen, wissen, wie es zu verhindern ist. Es gibt Wunden und Narben anderer Art, Verkrüppelungen, �Bericht über ein Georg Schwarz: Erik Reger, ein Publizist aus dem Ruhrgebiet, und man kann keines Besseren belehrt werden, wenn man feststellt: der bedeutendste bürgerliche Publizist aus dem Ruhrgebiet hat einen Roman(eigentlich eine Zustandsschilderung) geschrieben:„Union der festen Hand'(Vlg. Ernst Rowohlt, Berlin). Das Werk hat keinen persönlichen Helden. Kohle und Eisen, die Industrielandschaft an der Ruhr, ihre Organisation und De»- organisation, die Menschen, die hier schieben und geschoben werden. die Zustände und Bewegungen des ganzen Probuktionsorgonismus, das sind die handelnden Kräfte dieses Romanes. So ist er eine Art Naturgeschichte des Industriezentrums ge- worden, abhandelnd über Krupp, den Langnamverein, den Stahl- trust, die Wirtschastsführer und ihr« Mochtsphären, die Arbester und ihre verschiedenen Institutionen. Es ist ein gewichtiges Buch: sechshundert sehr konzise, sehr durchdachte, sehr geformte verdichtete Seiten, in einem Ton gehalten, der sich al» ironischer Realismus bezeichnen ließe. Reger beginnt mit den letzten Zuckungen des asten Regimes rm Kriege. Der Kaiser und sein Stab kommt noch mal im Hofzug nach Essen, in die Waffenschmiede gefahren, um die Suggestion seiner Herrschergestalt auf die murrenden Munstionsarbeiter ein» wirken zu lassen. Der Zusammenbruch ist nicht aufzuhalten. Dann kommt Neuorientierung. Umstellung auf«ine Friedensproduktion, auch im riesigen Gußstahlwerk. Streiks und Aufstände flackern hoch, um in den politischen Richtungskämpsen der Arbeiter zu» sammenzubrechen. Die Arbeiter versacken in Kleinbürgerlichkeit, in ihrer Abhängigkeit von den Ideologien der herrschenden Klasse. Reger sieht nur jene Arbeiter, denen das Klassenbewußtsein fehlt, auch wenn sie die Vokabeln des Klassenkampfes im Munde führen: er sieht den Spießerehrgeiz dieser Arbeiter in ihrem Veremsleben, in ihrem Sektiererwesen, in klebriger Geilheit, roher Rauslust, stumpfsinnigem Suff. Er findet nur Scheinbürgerlich. keit und Scheinrevolution in der arbestenden Schicht, das Dertikow, iit, Schleislackküche, das Goldrandservice au, Ausjchußporzellan, den Gesundbeterverein, den Gummikragen am Halse des frei- gestellten Betriebsrates, kurz et findet nichts außer jenen Kultur- surrogaten, die in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung dazu da sind, den Arbeiter dumpf, stumpf, blind und abhängig zu erhalten. Was das Proletariat an eigenem Geist es- und Kultur besitz geschassen hct. sieht Erik Reger nicht und kann es auch gar nicht sehen, weil seiner Art zu schauen jegliche Dialek- tik ermangelt, weil er unfähig ist. den dialektisch sich ankündigenden Umschlag der Quantität in die Qualität aufzuspüren. Regers Buch bezeichnet sich als einen Roman der Entwicklung, dennoch fehlt ihm die Dynamik. So wie Regers Ruhrgebiet aus sich selbst bewegt scheint und nicht im Zusammenhang mit dem übrigen Welt- geschehen, so sind auch seine Menschen und Menschengruppen nur an den tödlich hoffnungslosen Kreislauf ihrer kurzfristigen Eigen- gesetzlichkeit und Eigensucht gefesselt. Reger kann und will nicht glauben, daß das alles je anders werden könnte. Ewig wird der Mensch nichts sein und das Aktienpak et alle». Ewig werden Führer und Geführte nur bewußtlos« Objekt« der Entwicklung bleiben, Gefangene«ine» blinden Systems, ein von dem Trieb nach Sicherung und Profit getriebener Mückenschwarm. Bei all diesem trostlosen Pessimismus bleibt Regers Leistung bewundernswert. Es ist einzigartig, wie hier einer die Hinter» gründe der Gesellschast mit scharfen Lichtern ableuchtet und das dichte Gewebe der Jnteressenverknüpfungen in der Schwerindustrie durchsichtig macht. Reger hat leinen Stoff von vielen Seiten her durchgedacht, durcherlebt, durchdrungen. Darum kann er so exakt erklären, daß auch der Laie jedem der beschriebenen Prozesse zu folgen vermag. Eine böse Welt, aus der chr Chronist kein Entrinnen sieht, ist hier mit großen sprachlichen und gedanklichen Mitteln geschildert worden. Noch nie hat ein anarchischer Skeptizismus sein verächt- liches Achselzucken In«ine besser«, vielseitigere, fundiertere Form gebracht. Körperbehinderungen, deren Anblick uns schamrot werden läßt ob unserer geraden Glieder. Deren Anblick unsere Augen trübt und unsere Zunge befangen macht, weil wir bewegliche Beine und Arme und Hände haben und doch so ganz hilflos sind gegen dies, was Muskelschwund und Gelenkversteisung anrichten. Wir kommen da in ein Haus in der Schmidstroße. Selbst- fahrsr stehen herum, Wegweiser zeigen auf den Fahrstuhl, auf schräge Bretter, die die Treppenstufen ausgleichen. Ein großes Schild:„Selb st Hilfebund der Körperbehinderten— Reichsbund deutscher Krüppel'. Ein großer Betrieb, Buchdruckerei und-binderel, Weißnäherei und Kunstgewerbe be- schäftigen 120 Mitarbeiter. Die Natur pflegt ein Manko durch ein Plus an anderer Stelle auszugleichen, der Blinde wird feinhörig, der Taube scharfsichtig. Diesen verkrüppelley Gefährten ist eine Schönheit der Seele zu eigen, wie man sie sonst selten trifft. Noch nie sah ich in einer Gemein- schaft so viele, nein: nur gute, freudig« Augen. Diese geistig frischen Menschen mit ihrem heiteren Willen zur Lebensbehouptung haben sich eine beachtenswerte Selbsthilfe auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet geschaffen. Für die Arbeitsinvaliden sorgt die Sozialversicherung, für die Krüppel nur die Wohlfahrt. Durch Selbsthilfe: Beschulung, Berussausbildung und Arbeitsbeschaffung ist ein Werk ent- standen, das 7000 von den 350 000 Krüppeln in Deutschland zu- sammenfaht und zu werteschafsenden Mitgliedern der Gemeinschaft macht. Die durch Geburtsfehler, Kinderlähmung, allmählichen Muskelschwund oder Gelenkversteisung CAnbritis) Verkrüppelten haben Hilfsmittel gesunden, die Arm« und Beine ersetzen: der Selbstfahrer verschafft erstaunliche Beweglichkeit. Slrmlose oder-behinderte be- nutzen den Mund oder die Fuß« zu Handarbeiten. Die Kunststücke des armlos geborenen Artisten Karl Hermann Unthan sind bekannt geworden. Unbekannt sind die Zahllosen, die mit den Zähnen Feder und Bleistift führen, mit den Zehen die Schreib- moschine bedienen, malen, schnitzen, häkeln und stricken. Man hat, um das Bücken und Aufstehen zu verhindern, die„B e q u e m l i ch- k e i t s s ch e r e' erfunden, die entfernte Gegenstände greift. Eine Autofirma hat sogar Wogen so umkonstruiert, daß sie von Bein- amputierten oder-gelähmten chaufsiert werden können. In den Werkstätten in der Schmidstroße sind zum Beispiel in der flBeiß- Näherei Nähmaschinen, sämtlich durch Motor betrieben, an denen von bein- und auch armbehinderten Frauen gearbeitet wird. Besondere Konstruktionen findet man auch an den modernen Setz-, Druck» und Bindemaschinen. In den Betrieben arbeiten einige vollkommen gesunde Arbeiter, um die normale Leistung als Vorbild dafür zu haben, wie es in der freien Wirtschaft zugeht. Die meisten Krüppel werden befähigt, die Konkurrenz aufzunehmen. In den Büro», Fürsorge, und Beratungsstellen sind Männer auf Roll- stühlen beschäftigt und verkrüppelte Frauen, die ihre Gefährten beraten. Weil alle diese leuchtende Augen haben, sehen wir nichts anderes an ihnen, fühlen kein« Entstellung. Den im„Selbfchilfebund der Körperbehinderten' zusammengeschlossenen Menschen. Genossen zu- meist, ergibt sich aus dem Bewußtsein der eigenen Triebkraft und dem Zugehörigkeüsgefühl zur Gemeinschaft als nützliche Glieder der Geist des Sozialisums, Kegler bitten ums Wort! 20 Arbeiterkegler fahren nach Wien Der Gau 4( Berlin- Brandenburg) des Deutschen Arbeiter. Regler Bundes stellte in den letzten beiden Monaten in drei Treffen seine Gauriege für das Jahr 1931 fest, an dem sämtliche Gauvereine mit fast allen Mitgliedern teilnahmen. Der erste und zweite Start ging über je 100 Kugeln, mit dem Ergebnis, daß die 30 besten Regler dieser beiden Treffen zum dritten Start über 200 Kugeln anzutreten hatten. Nach diesem 400- Kugel- Kampf setzt fich die Zehner- Gauriege wie folgt zusammen: 1. Göge( ,, Vorwärts"), 2. Rogaschewsti( Frei weg"), 3. Wieland ( ,, Rühr. Mannsch."), 4. Preß( Frei Holz"), 5. Lock( ,, Vorwärts"), 6. Rothenburger( Borwärts"), 7. Hölzder( Kampfhähne"), 8. Knaad( ,, Rühr. Mannsch."), 9. Schick( Frei weg"), 10. Krause ( ,, Rühr. Mannsch."). Die Ersazriege besteht aus: 1. Brusch( Frei weg"), 2. Frig( Frei weg"), 3. Schulze( Kampfhähne"), 4. Fisch mann( ,, norte"), 5. Schönfeld( ,, Frei Holz"), 6. Genz( ,, Borwärts"), 7. Thiele( Frei Holz"), 8. Buch( Rühr. Mannsch."), 9. Morgenroth ( Frei Holz"), 10. Breitkreuz( norte"). Die Leistungen der einzelnen Regler find als sehr gut anzusprechen, obwohl beim zweiten 100- Kugel- Treffen Bahn und Kegelmaterial sportlich nicht erstklassig 100- Kugel- Treffen Bahn und Regelmaterial sportlich nicht erstklassig maren. Um 5. Mai hielt der Gau eine erweiterte Gauvorstandssitzung mit den Vereinsvorsitzenden und Vereinstechnikern ab, die sich in der Hauptsache mit dem vorliegenden Entwurf der neuen Bundessport. ordnung beschäftigte. Gautechnifer Schid wies bei Durchberatung der neuen Sportordnung darauf hin, daß der Bund das Kegeln grundfäßlich als Leibesübung betrachte, links. und rechtshändiges Regeln empfehle und nur eine Höchstzahl von 200 Rugeln geftatte. Bei darüber hinaus geschobenen Kugeln würde der Bund jede Haftung bei Unfällen ablehnen. Kleine Beanstandungen und Abänderungswünsche zur neuen Sportordnung follen der Bundesleitung übermiesen werden. Im allgemeinen ftimmte die Sigung dem neuen Entwurf zu. Zur Unterſtügung des Gautechnikers murde ein Sportausschuß gewählt, dem Grünsch ( ,, Rühr. Mannsch."), Schmidt( ,, Knorte"), Baldauf( ,, Borwärts"), Brusch( Freiweg"), Rizmann( Frei Holz") angehören. Zum Rast am 28. Juni im Grunewald- Stadion beteiligt sich der Gau geschlossen im Sportdreß. Als Gauvertreter wurde Göze( ,, Borwärts") zur Entfendung zum Länderkampf bei der Olympiade in Wien bestimmt, dem fich etwa 20 Sportfegler vom Gau Berlin- Brandenburg zur Reise nach Wien anschließen werden. Am 8. Juni, 20 Uhr, findet im Sportlofal Lort, Schönleinstraße 6, eine Bezirksversammlung statt, zu der das Erscheinen aller Bezirksmitglieder notwendig ist und unter anderem die Neuwahl des Bezirksvorsitzenden stattfindet. Als neuer Bundesverein hat sich der Kegelflub Hohe Kante"-Eichwalde dem Gau angeſchloſſen. 4 Alle freigewerkschaftlich und in der Partei organisierten Regler und Regelfreunde gehören in den Deutschen Arbeiter- Regler- Bund, der als einziger Keglerverband der Zentralfommission für Arbeiter= sport und Körperpflege angeschlossen und die wirkliche Interessenvertretung der Arbeiterfegler ist. Ausfünfte erteilt Gauleiter Siegfried Zoellner, Berlin- Pantom, Schonensche Straße 23. Neukölln ruff! Am Sonnabend und Sonntag treffen sich die besten Arbeitersportler für das Olympia Die am Sonnabend und Sonntag im Neuköllner Stadion stattfindenden Ausscheidungstämpfe zur Arbeiter Olympiade in Bien finden unter Beteiligung der besten Sportler aus Leipzig, Magdeburg, Dresden, Stettin, Rottbus, Forst, Guben, Brandenburg, Weißwaffer, Burg, Frankfurt, Ra thenow, Eberswalde usw. statt. Schon der Sonnabend bringt her vorragenden Sport. In der Zeit von 18 bis 20 Uhr fallen bereits die Entscheidungen im Hammerwerfen, 400- meter- Hürdenlaufen, 100- meter, 400- meter- und 1000- meter- Laufen. In der mittleren Strede mird Altmeister Wagner Leipzig bemeisen müssen, ob er dem Nachwuchs noch seine alte Form entgegenstellen fann. 3 Freibad Oberspree Eine neue alte Erholungsstätte Am legten Sonntag fand die offizielle Eröffnung des Frei. bades Oberfpree statt, und gleichzeitig stellte sich auch der bades Oberspree statt, und gleichzeitig stellte sich auch der neue Pächter des Freibades dem Badepublikum und Gästen vor. Es ist Berlins größter Arbeiter- Schwimmverein, die Freien Schwimmer Groß- Berlin E. B., denen in diesem Jahre die Verwaltung übertragen wurde. Das Bad, das seit seinem Bestehen immer an Privatpächter abgegeben, im letzten Jahre aber vom Bezirksamt Treptow selbst verwaltet wurde, ist in diesem Jahre erstmalig einem gemeinnügigen Verein zur Bewirtschaftung überlassen worden. Die jahrzehntelange praktische Erfahrung auf dem Gebiete des Freibadwesens dient der Freibadverwaltung fehr zum Vorteil. Das konnte man am Tage der Eröffnung deutlich merken: Ueberall war Ordnung und Sauberkeit. Durch den Umbau ist der Badestrand auf eine Länge von 350 Meter gebracht worden. Der hinter den Wirtschaftsgebäuden liegende alte Wald, der neuerdings erit dem Freibad zugeschlagen wurde, hat eine Tiefe von 200 Meter, so daß viele tausend Besucher Erholung finden fönnen. Das Freibad, das in der Hauptsache von der Arbeiterschaft des Eintrittspreise( Erwachsene 10 Pf., Kinder und Arbeitslose 5 Pf.) Südostens und Südens Berlins besucht wird, ist durch seine niedrigen im wahrsten Sinne ein Volksbad. Was Plößensee für den Norden, Müggelsee für den Osten, das ist das unmittelbar am Bahnhof Oberspree gelegene Freibad Oberspree für den Südosten und Süden Berlins geworden. Arbeiter- Tennis ab 18 Uhr auf dem Sportplah Normannenstraße. Sigung: Freitags ab 20 Uhr im Vereinshaus Often, Normannen- Ede Ruschestraße ( Sportplag). Deutschland- Rundfahrer auf der Olympiabahn. Neben einem international besetzten Dauerrennen über 100 Kilometer bringt die Olympiabahn an ihrem nächsten Renntage, Sonntag, 7. Juni, die gesamte Siegermannschaft der Deutschlandfahrt 1931, Thierbach, Stöpel, Buse, Geyer, Siegel mit dem Sieger Meze an der Spize vor ihrer Abreise zur Tour de Françe" zu einem Omniummatch an den Start. Faft 600- Stunden- Kilometer Fluggeschwindigkeit. Die sechs für das am 12. September in England stattfindende Wasserflugzeugrennen um den Schneider- Botal in Aussicht genommenen englischen Marineoffiziere machten in der Bucht von Southampton einige Probeflüge, die großartige Ergebnisse zeitigten. Der Mannschaftsführer Orlebar stieg mit dem Gloster Napier 6 auf, der eigens für das Rennen 1929 gebaut worden war, dann aber nicht startete. Obwohl man in die Maschine einen etwas schmächeren Motor eingebaut hatte, erreichte Orlebar Geschwindigkeiten von annähernd 600- Stunden- Kilometer, übertraf also bereits seinen eigenen über schwindigkeits- Weltreford. si drei Kilometer mit 575,7- Stunden- Kilometer aufgestellten Ge Bundesreue Vereine teilen mit: Abt. Norden: TB. Die Raturfreunde". Freitag, 29. Mai, 20 Uhr. Photoarbeitsgemein fchaft Reutöln: Bergstr. 29. Photoarbeitsgemeinschaft Often: Frankfurter Allee 307. Faltbootabteilung: Johannisstr. 15. Abt. Vinetaplah: Jugend heim Lorging. Ede Graunstraße, 19 Uhr. Jugendgruppe Sumboldthain: Jugendheim Bank. Ede Wiesenstraße. Abt. Südost: Heim Brizer Str. 27. Abt. Charlottenburg: Jugendheim Spreeftr. 30. Abt. Lichtenrade: 1912 Uht Der Start zu den Serienrunden der Berliner Arbeiterbei Dehlam, Bahnhof- Ede Golgstraße. Abt. Neukölln: Jugendheim Berg ftraße 29. 1 Abt. Treptow: Heim Tennissportler erfolgt am fommenden Sonntag. Insgesamt sind an Abt. Brik: Jugendheim Chauffeeftr. 48. Elfenstr. 3. Fahrten der Abteilungen Gonntag, 31. Mai. Faltbootabteilung: den Serienspielen 14 Frauen- und 25 Männermannschaften beteiligt. Mellensee, Ukleife, Crkner, Grünau. Abt. Mitte: Ertner. Treffen 7 Uhr Teilnahme der einzelnen Vereine: 31 Mannschaften von Tennis- Rothf. Ertner.. Abt. Tiergarten: Biefenthal. Treffen 7 Uhr Bhf. Gesundbrunnen. Abt. Wedding: Heiligensee( Endstation 128), 7 Uhr. Groß- Berlin, 5 Mannschaften von der FTGB., 3 Mannschaften von Roffen Weinberge. Abt. Prenzlauer Berg: Seidesee. Treffen 30. Mai, FT. Spandau. Die Treffen am fommenden Sonntag werden in den 18 Uhr Bhf. Echöneweide. Treffen 31. Mai, 7 Uhr Bhf. Schönemeide. Friedrichshain: Grottewig- Sütten. Treffen 7 Uhr Schlesischer Bahnhof. A- Gruppen gleich scharfe Kämpfe bringen. Die sehr starten NeuOften: Samithfee. Treffen 30. mai, 17% Uhr, Warschauer Straße. Jugendföllner von Tennis- Rot find Gast der FT.- Spandau. Die Treffen der gruppe Often: 30./31. Mai Bernau( 18 Uhr). Abt. Südwest: 31. Mai Bernau. Frauen sind offen, die Männer von Spandau werden alle Kräfte reffer B., Ranubegirl. Deute, 18 up FEGB., Ranubezirt. Heute, 18 Uhr, Treffen aller Mitglieder Sportplat aufbieten müssen, um auch nur einige Punkte zu ergattern. Tennis- Aasbachstraße. Rot- Friedrichshain trifft sich mit beiden Mannschaften der A- Gruppen Bf2. Oftring. Seute, 20 Uhr, Bereinsversammlung, Lichtenberger Stadion. Trainingstage: Dienstag, Donnerstag. Connabend, 19 Uhr, Lichtenberger mit der FIGB. in Weißensee. Die Treffen find offen. Tennis- Rot- Stadion. Lichtenberg stößt auf Tennis- Rot- Gesundbrunnen. Die zähen Lichten berger dürften die Sieger stellen: Es spielen: A, Gruppe für Frauen: Tennis- Rot Friedrichshain I gegen FTGB. I, 15 Uhr Boltspart Fauler Gee, Weißenfee; F. Spandau I gegen Tennis- Rot Neu föln I, 14 Uhr Börnicer Satte, Heerstraße: FTGB. II gegen Tennis- Rot Wedding I, 8 Uhr Rehberge. B- Gruppe für Frauen: Tennis- Rot Friedrichshain II gegen Tennis- Rot Wedding II, 14 Uhr Friedrichshain; Tennis- Rot Charlottenburg gegen Tennis- Rot Brenzlauer Berg, 9 Uhr Charlottenburg; Tennis- Rot LichtenA- Gruppe für berg gegen Tennis- Rot Gesundbrunnen, 14 Uhr Lichtenberg. Männer: Tennis- Rot Friedrichshain I gegen FTGB. I, 12 Uhr Weißenfer: FT. Spandau acaen Tennis- Rot Reutölln 1, 14 Uhr Seerstraße: Tennis- Rot Lichtenberg I gegen Tennis- Fot Gesundbrunnen I, 14 Uhr Lichtenberg. B- Gruppe für Männer: FTGB. II gegen Tennis- Rot Wedding I, 8 Uhr Rehherge; Tennis- Rot Friedrichshain II gegen Tennis- Rot Lichtenberg II, 14 Uhr Friedrichshain: Tennis- Rot Charlottenburg I gegen Tennis- Rot Röpenid, 9 Uhr Charlottenburg. C- Gruppe für Männer: Tennis- Rot Brenzlauer Berg gegen Tennis Rot Gesundbrunnen II, 8 Uhr Brenzlauer Berg: Tennis- Rot Reu fölln I gegen FT. Spandau II, 9 Uhr Bolkspart Neukölln: FTGB. III gegen Tennis- Rot Friedrichshain III, 14 Uhr Rehberge. D- Gruppe für Männer: Tennis- Rot Charlottenburg II gegen III, 14 Uhr Charlottenburg; Tennis- Rot Wedding II gegen Tennis- Rot Reukölln III, 14 Uhr Rehberge. dusid naodnot * Tennisturnier der Freien Turnerschaft Groß- Berlin. Im Bolts. part Rehberge fand unter Beteiligung von 26 Teilnehmern das erste diesjährige Tennisturnier der FTGB. statt. In 37 Spielen wurden in den einzelnen Konkurrenzen die Besten ermittelt. Biele Spieler hatten ihre vorjährige Form. noch nicht erreicht, aus diesem Grunde gab es manche Ueberraschung. Aufstrebende, neue Talente konnten fich in manchen Kämpfen gegen erfahrene Spieler durchseßen. Das in schönster harmonie verlaufene Turnier hatte in den Schlußtämpfen folgende Ergebnisse: 1. Frauen Einzel: Franz- Schmidt 6: 0, 6: 0; 2. Frauen Doppel: Hohmann- Franz- Schmidt- Arnold 6: 3, 6: 2; 3. Gemischtes Doppel: Müller- Müller- Franz- Streu 6: 4, 6: 5; 6: 2; 3. Gemischtes Doppel: Müller- Müller- Franz- Streu 6: 4, 6: 5; 4. Männer Einzel: Günther- Johl 6: 1, 6: 0; 5. Männer Doppel: Günther Müller- Johl- Streu 6: 4, 6: 3. Berliner Ringer auf Reisen In der kurzen Distanz treffen die wohl zur Zeit zu den besten Sprintern des Bundes zählenden Leps Magdeburg( Sieger vom legten Berliner Hallenfest), Hömler und Grünthal- Stettin, Spartase Braunschweig, Krüger Leipzig auf die Berliner Bertretung Heldt, Wienide und Tragel. In zwei mal zwei Läufen wird dieses auserlesene Feld über die Strede eilen. Es wird fich zeigen, ob die Auswärtigen auch auf der offenen Kampfbahn den Berlinern über find. Die lange Strede dürfte Sud- Leipzig in Führung sehen. Hier stehen den drei Berlinern sechs Auswärtige gegenüber. Neben den Einzelfämpfen bestreiten die Zehntämpfer die ersten 5 Geräte in der Reihenfolge 100- Meter- Laufen, Kugel stoßen, Hochsprung, Speerwerfen, 400- Meter- Laufen. Von den 10 gemeldeten Vertretern sind der Bundesmeister Naumann Leipzig, Scheibe-Magdeburg, Corts Brandenburg, Berbewerb im Heben. Der ausgezeichnete Halbschwere Fischer- Branden gens und Hez- Schönom an vorderster Stelle zu nennen. Es wird darauf hingewiesen, daß alle Eintrittstarten für beide Tage gelten. Eintritt 50 Pf., Jugendliche und Erwerbslose 25 Pf. Ordnerdienst der Alterssportler. Treffpunkt Sonntag, 12 Uhr, im Neuköllner Stadion zur Unterstügung bei den Olympiafämpfen. Meldung am Pressezimmer bei Engel. Leutloff. Rütt im Polizei- Stadion Eine neue Kampfstätte für Flieger Walter Rütt will, nachdem mit dem Brande der Rütt- Arena fein legtes Betätigungsfeld vernichtet wurde, wieder Radrennen veranstalten. Er tam auf die Idee, irgendeine Aschenbahn eines Sport plazes feinem Borhaben nugbar zu machen und fand nach einigem Suchen eine geeignete Stätte im Bolizei Stadion in der Refselstraße. Das Gelände liegt direkt an der Hinterfront der Polizeiunterfunft Chauffeestraße. Die Aschenbahn selbst ist 400 Meter lang und 7 Meter breit. Die Kurvenüberhöhung beträgt allerdings nur 75 Zentimeter, die eventuell durch Anlegen einer Holzfurve auf 100 3enti meter erhöht werden soll. Im übrigen fonnte man gestern bei einer Besichtigung die Feststellung machen, daß, nachdem mehrere Pro feffionals und Amateure einige flotte Runden zurückgelegt hatten, auch die nur 75 Zentimeter betragende Kurvenüberhöhung einen Dollen Spurt zuläßt. Geplant find Flieger und Mannschaftsrennen, die möglichst an Wochentagen stattfinden sollen. sa sulod did Die Eröffnungsrennen werden voraussichtlich am 11. Juni vor sich gehen. Eine Beleuchtungsanlage ist nicht vor. handen. Rütt hofft, in den nächsten sechs bis acht Bochen ohne eine folche auszufommen, indem er den Beginn der Rennen auf 19 Uhr festsetzt. Die Eintrittspreise find niedrig gehalten, fie sollen sich zwischen 1 und 2 Mart bewegen. Für Erwerbslose und Rinder will Rütt ermäßigte Preise gelten laffen. Borerst hat der Beranstalter den Plaz erst für diese Saifon gemietet, in deren Berlauf es sich ja zeigen wird, ob aus dem vorläufigen Provisorium etwas festes und dauerhaftes gestaltet werden tann. intellige.tz. Kampfstarke Berliner Arbeiterringer starteten dieser Tage beim Bettstreit des bundestreuen Sportvereins Biftoria- Budau mit gutem Erfolg. Besonders gut gefielen die Berliner Schüler und Jugend lichen im Ringen, sie fonnten mehrere erste Bläge belegen. Jeffo Tegel belegte in der Jugendklasse bis 120 Pfund den ersten Platz und in der Gewichtstlaffe bis 130 Pfund fiegte der Tegeler Schmidt. 3m Bantamgewicht der Männerflaffe siegte Kraste- Tegel, im Mittelgewicht belegten Höhne- Tegel und der Halbschmere Roſentreter- Tegel die ersten Bläge gegen starte Gegner aus Bernburg, Magdeburg und Braunschweig. Sieben Vereine standen im Mannschaftswett bewerb im Heben. Der ausgezeichnete Halbschwere Fischer- Branden burg vermochte im Einzelwettbewerb einen achtbaren zweiten Blaz zu belegen. Der beste mitteldeutsche Heber im Schwergewicht, Thralla- Magdeburg, brachte es im Beidarmigstoßen bis auf 265 ẞfd. 3m Boren fonnte Schröter- Tegel einen ersten Platz im Welter. gewicht erfämpfen. Kleiner Sport von überall Ein Teilnehmer der 10 000- kilometer- Fahrt tödlich verunglüɗt. Bei Badajoz, auf der Straße nach Madrid, fuhr einer der Teilnehmer an der 10 000- Kilometer- Fahrt des Automobilklubs von Deutschland mit seinem Wagen gegen einen Baum. Der Wagen wurde gänzlich zertrümmert. Der Führer war fofort tot, sein Beifahrer wurde schwer verletzt. Der Unfall soll darauf zurückzuführen sein, daß der Führer Hörbe am Steuer eingeschlafen war. Auch sein Mitfahrer ist seinen schweren Verlegungen erlegen. Das Unturnen der Kinder der Freien Turnerschaft Groß- Berlin am Sonntag, 31. Mai, verbindet der Verein zweckmäßig mit Wanderungen der Abteilungen, die sich um 10 Uhr am Bahnhof in Bernau treffen. Auf dem städtischen Sportplag an der Wandlizer Chaussee werden die Kinder am Vormittag schon mit denen des Bernauer Brudervereins einen Dreifampf durchführen. Für Eltern ist der Treffpunkt auf 14 Uhr am Bahnhof in Bernau angegeben. Spiele und sonstige Sportbetätigungen werden die Kinder auch am Nachmittag beschäftigen. Abt. Abt. Freie Schwimmer Charlottenburg, Ranuabteilung. Bootshaus: Spandau. Tiefwerder, am Jürgengraben. Heute Training der Sportmannschaft und An. fänger. Badeabende: Montags und Donnerstags Jungfernheide, Mittwochs und Sonnabends im Westendbad. Jm Bootshaus tönnen noch Brivatboote untergestellt werden. Bei geringem Beitrag und niedriger Bootsstandmiete unentgeltliche Ausbildung im Schwimmen, Kanu- und Ergänzungsfport. Weitere Auskunft Donnerstags und Conntags auf dem Bootsplatz oder durch W. Neumann, Berlin- Westend, Saefelerstr. 17 d. FUNK RUNDAM ABEND Rückschau. ,, Treppauf und treppab", Hörspiel von Erich Frey. Uraufführung des Berliner Genders. Die Geschichte eines Arbeitslojen, dem ein Mann mit gesichertem Einkommen seine Braut nehmen will. Der Arbeitslose ermordet ihn, wird von der Polizei verfolgt, angeschoffen, stiebt. Mit der Entdeckung des Mordes be ginnt die Handlung. Eigentlich fegt gerade von diesem Augenblick an ausgesprochen optisches Geschehen ein. Hierfür ist dem Verfasser die akustische Gestaltung sehr glüdlich gelungen, und Alfred Brauns wurden, dem Hörer der Schauplatz und die Zeit der Handlung gemalt. gefchickte Regie half ihm dabei. Mit wenigen einleitenden Geräuschen Gut und vorsichtig abgestufte Ausrufe und Schreie, abgerissene, zerwurden dem Hörer der Schauplatz und die Zeit der Handlung gemalt. flatternde Gäge entwidelten die Jagd nach dem Mörder, die sich mit beängstigender Anschaulichkeit abrollte. Dabei wurde Wirklich feitsgleichheit meder erreicht noch erstrebt; aber gerade durch die Hilfe der Berbindungsstege, die der Verfasser an die Ausschnitte aus der Wirklichkeit aus eigener Machtvollkommenheit heranbaute, fand der Hörer feinen Weg so mühelos, daß er ihm natürlich erschien. In diese Flucht, die des Spiels eigentliche Handlung darstellt, find Bisionen eingebaut, aus denen die Vorgeschichte der Tat und diese felber aufblenden. Auf der letzten Etappe feiner Flucht wird der sterbende Mörder von einem aus der Bahn des bürgerlichen Daseins entgleisten Arzt über die Treppen des Mordhauses bis in dessen unter dem Dad) gelegenen Wohnung geschleppt. Auf diesem Wege werden von Stodwerf zu Stockwerk die Wände der einzelnen Wohnungen dem Hörer transparent; er sieht die Bewohner und ihre Mitschuld. Nicht jede dieser Szenen ist ganz stark geformt. Aber das ganze Werk ist in seiner Gestaltung unmittelbar afustisches Ere lebnis, feine Umformung einer für sichtbare Bilder gestalteten Handlung. Dadurch hat dieses Hörspiel einen wesentlichen Vorsprung vor den meisten, die bisher über die Sendebühne gingen. Gin unsterbliches Kunstwert ist es nicht. Der Mörder ist mit Molnars ,, Liliom" nahe verwandt, nicht nur in seiner Person, sondern auch in der Atmosphäre, in der er sich bewegt. Zu tiefen, neuen Gedanken stößt das Wert nicht vor. Nein, es ist feine Dichtung; aber es ist fauber gearbeitete, wirkungsvolle Gebrauchsfunft. Bute Sprecher trugen die Aufführung. In Gestaltung und Sprechtechnik hervorragend waren die Träger der beiden Hauptrollen: Paul Graeg und Erwin Faber. Tes. Heute, 17.50 Uhr, spricht im Programm der Funfftunde Willy Möbus über ,, Arbeiterschaft und Rationalisierung". 16.05 Kappstein: Jerusalem. Donnerstag, 28. Mai. Berlin. 16.30 1. Norbert Gingold: Sonate für Cello und Klavier, H- Moll.( Otto Urack. Cello und Norbert Gingold, Flügel.) 2. Beethoven: Bagatellen, op. 126. ( Franz Mittler, Klavier.) 3. a) G. F. Händel Sonate D- Dur; b) Boccherini: Allegretto; c) Debussy: Im Kahn; d) Schubert: Die Biene.( Marta Linz, Violine, Franz Mittler, Klavier.) 17.30 Dr. Ueberall erzählt. 17.50 Willy Möbus: Arbeiterschaft und Rationalisierung. 18.10 Hellmut: Durch USA. 18.35 Harmonium- Vorträge.( Ernst Schauß, Meisterharmonium.) 19.25 Wovon man spricht. 19.30 Unterhaltungsmusik. 20.55 Mitteilungen des Arbeitsamts. 21.00 Tages- und Sportnachrichten. 21.10 Jack London. Ein Querschnitt von Hermann Kasack. Ltg.: Edlef Köppen. 21.15 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Königswusterhausen. Die Spiel- und Sportvereinigung„ Oberipree 28" beabsichtigt 22.30 ca.: Abendunterhaltung. im Ortsteil Baumschulenweg eine Fußballabteilung ins Leben zu rufen. Aus diesem Grunde findet am heutigen Abend, 20 Uhr, im Restaurant ,, Klosterhof", Köpenider Landstraße Ede Braunmeg, eine Gründungsversammlung aller bundestreuen Fußballspieler des Be3irts statt. Alle Interessenten sind hierzu eingeladen. Der Lichtenberger Arbeiter- Fußballklub ,, Normania" nimmt zur Bervollständigung und Verstärkung seiner Männer- und Jugendmannschaften noch Mitglieder auf. Ebenso sind auch Weltere als passive Mitglieder erwünscht. Trainingstage: Dienstags und Freitags 16.00 Schulrat Dr. Walter Nowack: Musikpflege in ländlichen Verhältnissen in Schule und Haus. 17.30 Mersmann: Hausmusik. 18.00 Pritz Heinz Reimesch: Goethe und das Deutsch- Böhmerland. 18.25 Saitschick: Faust und die Not unserer Zeit. 19.05 Englisch für Fortgeschrittene. 19.30 Gartenbauinspektor A. Demming: Kohlüberwinterung. 19.50 Wetter für die Landwirtschaft. 20.00 Unterhaltungsmusik. 20.40-22.15 Uebertragung von Langenberg.