ErschetnttSglich außer Evanrag«. Zugleich Abendautgabe des.Vorwärts'. Bezugspreis beide Ausgaben 8S Pf. pro Woche. 3,60M�prv Monat. Aedaktion und Expedition: Berlin SWSS.LindenKr.S Fernf»r;cher:Dönj»»ff«2— 29? Sfiailaubgaße x/et Antetgenpret«: Die einspaltige Nonparellleieile So Pf.. Reklamtjeile S M. CrmäKigunacn nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwckrts-Verlag G.m.b.H.. Berlin Nr. ST 536.— Der Verlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Anieigen vor? Hunderttausende marschieren! OieLeipzigerArbeiterschast begrüßt den sozialdemokratischen Parteitag feierliche Eröffnungssitzung- Programmrede von Otto Wels 3)erSBug derSiunderUaufende Leipzig. 31. Mai(Gig. Drahtb.). Noch immer marschieren und marschieren die Zehntau- sende durch die Straßen Leipzigs. Seit 2 Uhr mittags un- unterbrochen. Die Umgebung des Volkshauses ist von Men- schenmauern umlagert. Das riesige Gebäude selbst ist von einer Menschenflut umgeben. Musterhafte Ordnung ist den- noch überall. Die Stimmung ist festlich, fröhlich, begeistert trotz aller Sorgen, die so viele bedrücken. Der Volks�aussaal ist den Delegierten und einigen hundert Funktionären vorbe- halten. Schwarz umflort grüßt und mahnt Hermann M ü l l e r s B i l d die große Versammlung. Die Bühne wird von den Büsten Bebels und Wilhelm Liebknechts flankiert, die in Leipzig ihre große, geschichtliche Lausbahn be- gomiett haben. Am Vorstandstisch haben schon-lanqe vor der Eröffnung die Vertreter des Auslandes Platz genommen. Von der Galercs�dröhnen Männerstimmen: Die Michael- schen Chöre singen das Kampflied der Arbeit und„Der Weck- ruf hallt". Dann betritt Reichstagsabgeordneter L i p i n s k i die rotbehangene Tribüne, um Grußworte im Namen des Parteibezirks Leipzig zu sprechen. Er erinnert daran, daß schon 1909 ein Parteitag in Leipzig versammelt war. 1919 und 1922 tagten in Leipzig die USP. Lipinski schilderte dann knapp und eindringlich die jahrzehntelangen platten Kämpfe des sächsischen Bürgertums gegen die Arbeiterklasse und � das zähe Bordringen der Sozialdemokratie. Eine Beifallswoge durchbraust den Saal, als der Redner mit berechtigtem Stolz sagt, daß noch kein Parteitag eine Demonstra- tion wie die am Sonntag auf dem Meßplatz ge- sehen habe. In der Tat: der Zug war eine gewaltige Antwort an den Faschismus. Stürmisch begrüßt betritt dann Otto Wels, der Füh- rer der Gesamtpartei, das Rednerpult. Seine ersten Worte galten dem Andenken seines Freundes, des verstorbenen Her» mannMüller. Die Massen erheben sich und hören in stiller Ergriffenheit den Nachruf an. W«ls ehrt dann auch das An- denken aller anderen Toten der Partei. Seine Stimme er- hebt sich zur Klage, als er die Toten des Schlachtfeldes der Arbeit ehrt. Er reißt die ganze Versammlung mit, als er diesen Toten das Gelöbnis unermüdlichen Kampfes für den Sozialismus weiht. Von den Toten zum blühenden Leben: Der Parteiführer grüßt die Jugend, die an diesem roten Feier- tag gezeigt hat, welche begeisterten und geschulten jungen Menschenscharen hinter uns stehen. Der tagespolitische Teil der Welsschen Rede erinnert an den Leipziger Parteitag von 1909. Auch damals Krise, Arbeitslosigkeit, aber keine Arbeits- losenunterstützung! Damals Rückgang der Mitgliederziffern, jetzt, trotz Krise, eine Zunahme von 100 000 Mitgliedern. Die Zunahme hält an unter der Parole„Wo bleibt der zweite Mann?" Das ist ein Erfolg der Funktionäre, die ihre Frei- stunden dem Dienst für die Partei des Sozialismus schenken. Wels nennt die Nationalsozialisten, die das Wort„Arbeiter" schänden, die reaktionärste Partei Deutschlands. Die deutsche Sozialdemokratie ist und wird sein und wird siegen. Die Masten sind bereit, mit ihrem Letzten die Freiheit zu verteidi- gen. Wer jetzt in der Demokratie nichts anderes kann, als Mißtrauen säen, dient der Diktatur. Der Parteitag unter- streicht diese Worte mit demonstrativem Beifall. Die Hitze im Saal steigt zu hohen Temperaturen, aber das Temperament von Otto Wels versteht dennoch, die ganze Versammlung in Bann zu halten. Er zeigt die große politische Linie, die den Parteitag beherrschen soll. Delegierte und Gäste jubeln dem Führer der Partei, den Ideen und dem Kampf des Sozialismus zu. Den Abend des großen Eröffnungstages beschließen die Wahlen für die Leitung des Parteitages. Der Senior der Partei, Wilhelm Bock, wird auf Vorschlag von Auer- München unter lebhaftem Beifall des Parteitages«instimmig zum Ehrenvorsitzenden gewählt. W e l s und L i p i n s k i wur- Pen ebenfalls einstimmig Vorsitzende. Nun hat die Alltagsarbeit der Tagung das Wort. Der Leipzig. 1. Juni.(Eigenbericht.) Die Leipziger Innenstadt, insbesondere aber die Vororte, standen bereits am Sonntag feit den frühen Morgenstunden unter dem Eindruck des sozialdemokratischen Parteitages. Schon am Sonnabend begann der Anmarsch, trafen Sonder- züge und Lastkraftwagen mit Jugendlichen aus allen Gegenden Sachsens zusammen. Auch die Zahl derer, die aus Motor- und Fahrrädern oder nach langen Fußmärschen die Stadt des Partei- tages erreichten, war überaus groß. Sie kamen zu einem Treffen, zu dem die sächsische Jugend für Sonnabend und Sonntag auf- gerufen hatte. Ihre Sonnabendveranstaltung endete mit einem prächtigen Fackelzug, an dem sich über 10 000 Jugendliche beteiligten. Am Sonntag war die Jugend bereits in aller Frühe wieder auf den Beinen. In Lastwagen und zu Fuß demon- strierte sie in allen Stadtvierteln für die große Sache des Sozialis- mus, deren Träger sie einst werden sollen und wollen. Im Verlauf des Sonntagvormittag und in den ersten Nach- mittagstunden ging zugleich der Anmarsch der Tausende und aber Taufende vor sich, die aus Leipzig und aus der näheren und weiteren Um- gebung dieser Stadt ebenfalls mit Sonderzllgen, Lastautos und auch zu Fuß herbeigeeilt waren, um am Nachmittag an der großen Kundgebung auf dem Mesteplatz teilzunehmen. Viele Stunde« vor Beginn dieser Kundgebung formierten sich in allen Stadtteilen große Züge, marschierten Jung und Alt in geschlossenen Forma- tionen zum Messeplaß. In welchem Stadtviertel man um die Mittagszeit auch weille, im Süden oder Norden, im Wösten oder Osten, überall hörte man den Widerhall der Musik- und Trommler- korps. In die Taufend« und aber Taufende gingen die Fahnen, die zu diesem Zuge mitgeführt wurden, in die Hunderte die Trommlerkorps, die trotz der sengenden Mittagsglut unermüdlich ihre Instrumente handhabten. Wer konnte alle die zählen, die dem Ruf zum Mesteplatz gefolgt waren? Waren es 150 000, waren 200 000, oder waren es noch mehr? wer vermochte dazu jene zu registrieren, die in den Straßen Spalier bildeten und den Demonstrationszug begrüßten? Wieviel es auch gewesen sein mögen, sie haben ihrer Treue zur Sozialdemokratie durch ein offenes Bekenntnis Ausdruck gegeben. Was Leipzig am Sonntag dank seiner glänzenden Organisation wieder einmal geleistet hat, war mehr als Kiel und Magdeburg schon mit Rücksicht auf die geringere Bevölkerungs- zister leisten konnten. Diese Begeisterung, diese Harmonie zwischen Jung und Alt, haben Feind und Freund von neuem gezeigt, welches Leben und welcher Geist in der großen Arbetterbewegung Eröffnungstag gibt die Gewißheit, daß der Parteitag von Sachlichkeit und Begeisterung gleichermaßen getragen sein wird. Oer erste Arbeitstag. Leipzig. 1. Juni(Eig. Drahtb). Der erste Arbeitstag des Sozialdemokratischen Kongresses in Leipzig begann heute kurz nach 9 Uhr mit einem mehr- stündigen Referat des sozialdemokratischen Reichstagsabge- ordneten und Vorsitzenden des Holzarbeiterverbandes Tar- n o w über„Die kapitalistische Wirtschaftsanarchie und die Ar- beiterklasse". Ein Korreferat zu dem Vortrag Tornows, das am Schluß der gestrigen Eröffnungssitzung von einem ostsächsischen Dele- gierten beantragt wurde, lehnte der Parteitag gegen wenige Stimmen ab. Ebenso verwarf er auf Vorschlag des Parteivor- standes und des Parteiausschusses den Antrag, einen oder zwei der neun Abgeordneten, die im Reichstag bei der Abstimmung für den Panzerkreuzer B gegen die Fraktion gestimmt hatten, als Korreferent sprechen zu lassen. BERLIN Montag Unni 1931 10 Pf. Nr. 250 B 125 48. Jahrgang stockt, und daß vie Mafien, ob arbeitslos oder zu«hi«m kZrgksche« Lohn noch in Beschäftigung, ihren Führern folgen, sobald sie ge- rufen werden. Stundenlang harrten die Massen aus dem Messeplatz in der Hitze aus, und als schließlich V a n d e r v e ld e- Belgien die Grüße der Arbeiter-Jnternationale, Grumbach- Poris die der fran- zösischen Sozialisten und A u st e r l i tz- Wien die der österreichischen Parteifreunde überbracht hatten, ging es stundenlang zurück in die Quartiere bzw. in die Wohnviertel. Der An- und Abmarsch dauerte mehr als 8 Stunden. Bor dem Bolkshaus nahmen die Vertreter der aus- ländischcn Bruderorganisationen, die Mitglieder des Partei- Vorstandes und die Mitglieder der Kontrollkommisswn mtt dem Senior der Partei, dem Wjährigen Wilhelm Dock a» der Spitze, Aufstellung, um den Vorbeimarsch des von dem Messeplatz kommenden Demonstrationszuges abzunehmen. An der Spitze des viele Kilometer langen Zuges marschierten Fanfarenbläser und dann folgten in Achterreihen Tausende von blauen AaNea und Zugend w ihrer Tracht. Das war der Aufmarsch der Hoffnung der Partei. Die erste Stunde ist seit dem Beginn des Vorbeimarsches vorbei, ohne daß das Ende de» Zuges abzusehen wäre. Immer wieder kommen neue Ko- lonnen treuer Pioniere und treuer Soldaten des Sozialismus, als fei der Zug schier endlos. Inzwischen rückt die Stunde der Eröff- nung des Parteitages näher. Vor den Türen des großen Volks- Haussales begehren bereits Viele Einlaß, während draußen immer noch Kolonne auf Kolonne in Achter- und Zehnerreihen marschiert. So ging es trotz des gegen S Uhr nachmittags einsetzenden Gewitter- regens bis in die Abendstunden... Dieser" Aufmarsch und dieser Umzug in Leipzig war«in g«- waltiges Erlebnis, das allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben dürfte. Es war zugleich aber auch eine Mahnung an die Re- gierenden und an unser Gegner, den Bogen nicht zu überspannen. Wenn die Sozialdemokratie morgen aufruft zum Kampf gegen den weiteren Abbau der Lebensnotwendigkeiten unserer Arbeitnehmer- schaft, dann werden ihr Millionen folgen! 3)erSang von dertKrafi im'tliaifenfehrHf Jim tage der JCeipsiger 3>arteUagndemonUralion Solange das Weltgebäude steht, Ein Mund zum andern spricht's: Wem je der Sinn nach Taten steht— Der einzeln« ist nichts! Gehst du allem, verirrst du dich. Gemeinschaft fit das Ziel! Und niemals je vertierst du dich Vereint im Kampfgewühl. Da» ist der Sang vom Mafienschritt, Von Lust und Leidenschaft: Der zweite reißt den dritten mit— Kraft! Kraft! Kraft! Wa» st es, das so lichterloh Aus allen Augen sprüht? Was macht das Volk so stark und froh, Da» durch die Straßen zieht? Wie letzten Rampf's Fanfaren dringt's Bald durch die ganze Stadt, Da singt's und ruft's, da tönt's und klingt's, Jubel kein Ende hat. Das rote Wehen hört nicht auf! So herrlich klang noch nie In einem einzigen Siegeslauf Die neue Melodie. Der kühne Sang vom Massenschritt, Von Lust und Leidenschaft— Und alle, alle reißt er mit— Kraft! Kraft Kraft! Walter Victor. Die Zugend grüßt den Parteitag Oer Fackelzug der Zehntausend. Am Vorabend des Parteitages fand im Garten des Leipziger Bolkshauses eine internationale Kundgebung der sozioli- stischen Arbeiterjugend statt. Lange vor Beginn schon zogen dies« frischen, lebensbejahenden Jugendlichen zum Volkshause, singend, mit Musik, mit vielen, vielen roten Fahnen! An den Straßen staute sich die Menge un>0 hieß die Jugend froh und herz- lich willkommen. Fanfarenmusik der Leipziger Arbeiterjugend leitete die international« Kundgebung«in. Genosse L i p i n s k i begrüßte die Jugend für die Leipziger Parteiorganisa- tion: Wir sind gewiß, daß die Iugeno vollenden wird, was wir begonnen! Deshalb wollen wir sie im Geiste des Sozialisn, us er- ziehen.— Der Reichsvarsitzend« der Arbeiterjugend, Genosse Ollcnhauer, umriß die Ausgaben unserer Jugend im Kampfe um Freiheit, Demokratie, Sozialisinus und Bölkerfrieden und gegen den Faschismus.— Genosse Könitz- Wien sprach für die Jugendinternationale und di« sozialistische Jugend Oesterreichs. Die Jugend darf sich nicht niederdrücken lassen von den wirtschaftlichen und politischen Widerständen� sie ist Lichtträger und Lichtbringer, sie trägt das Licht des Sozialismus in die Herzen der Menschheit! Anschließend formierten sich die vielen Tausende zu einem Fackelzug. dessen Vorbeimarsch über eine Stunde dauerte und der überall mit freudiger Begeisterung empfangen wurde. In der Nähe des Haupt- bahnhofes löste sich der Zug auf, die Fackeln wurden zusammen- geworfen und eine riesige Feuersäule loht« in die dunkle Nacht wie «in Symbol, das vom Wollen der sozialistischen Arbeiterjugend kündete. Wetter für verlin: Ziemlich kühl und veränderlich, mit etwas Regen, mäßige Südwestwinde.— Für Deutschland: Fortschreiten der Gewitterregen nnt Abkühlung bis zum äußersten Nordosten, darauf im ganzen Reiche küht und veränderlich mit Neigung zu weiteren Niederschlägen. Otto Wels' programmrede Die Eröffnungsfihung. Die Tribünen des in Rot drapierten Voltshaussaales sind bis auf den letzten Platz gesüllt. Tausende begehrten vergeblich Einlaß. Im Saal haben die Delegierten Platz genommen. An der Rednertribüne ist das schwarz umflorte Bild Hermann Müllers an- gebracht. Unter den Zuhörern ist u. a. der preußische Kultusminister Grimme. Mit dem Kampflied der Arbeit, gesungen von dem Arbeiter- Gesangverein Leipzig, unter Leitung seines Dirigenten Michael, nahm die Veranstaltung ihren Anfang. Darauf folgte die Begrüßungsrede des Vorsitzenden des Leipziger Bezirksverbandes der SPD., des Reichstagsabgeordneten Lipinsti. Richard Lipinski: In den 22 Iahren, die seit dem letzten Parteitag der Gesamtpartoi in Leipzig vergangen sind, haben sich die politischen Verhältnisse völlig verändert. 1909 haben zahlreiche Parteigenossen an den Beratungen teilgenommen, die heute längst nicht mehr sind, fo Auer. Bebel, Singer, Molkenbuhr u. a. Da» Bürgertum und der Staat waren damals in Sachsen der Feind der Arbeiterschaft. Es herrschte der Ordnungsblock. Die Sozialdemokratie war geächtet. Aber in zähem Kampfe haben wir dem vürgerlum eine Position nach der anderen strittig gemacht, 1912 fielen bei den sächsischen Wahlen von den 23 Wahlkreisen 22 der Sozialdemokratie zu. Wir konnten den Ruhmestitel erringen, das rote Königreich zu sein. Heute haben wir eine Demonstration er- lebt, wie sie noch kein Parteitag erlebt hat.(Lebhafter Beifall.) Als wir den ehrenvollen Auftrag erhielten, die Borbereitungen für den Parteitag in Leipzig zu treffen, sagten wir uns, daß wir eine große Demonstration gegen den Faschismus ver- anstalten müßten. Insbesondere die Stadt Leipzig hat zum großen Teil dazu beigetragen, daß der Erfolg der heutigen Demonstration auf unserer Seite war. Wir haben schon einmal eine Riesenkund- gebung auf dem Meßplatz gehabt, und zwar 1908 gegen die Wahl- rechtsvevschlechterung. Damals waren es 80000, heute waren es sicher doppelt soviel. Dem Oberbürgermeister von Leipzig mutz man den Dank abstatten, daß er unsere Kund- gebung durch das Verbot einer Veranstaltung auf dem Augustusplatz so gefördert hat. In den letzten Jahren erlebten wir in Leipzig einen stetigen organisatorischen Aufstieg. Aller Spaltung zum Trotzgingesvorwärtsundaufwärts. Auf dem Parteitag werden wir nach Wegen zu forschen haben, wie es möglich ist, die wirtschaftliche und politische Denwkratie, den Sozialismus zu er- langen. Es heißt, aus der Geschichte lernen!(Stürmischer Beifall.) Nun betritt der Parteivorsitzende, Genosse Otto Wels, die Rednertribüne, vom Parteitag mit stürmischem Beifall empfangen. Otto Wels: Unser Parteitagssaal ist mit flammendem Rot geschmückt: aber dieses Pult umhüllt ein schwarzer Trauerflor, der das Bild Her- mann Müllers umkränzt.(Der Parteitag erhebt sich.) Seit 25 Jahren im Parteivorstand.»seit 10 Iahren unser Parteiführer, hat er gewaltige Leistungen für die Arbeiterbewegung vollbracht. Hervor- gegangen aus der Arbeiterklasse als tyvisches �Beispiel dafür, welche Kräfte in ihr lebendig sind und welche aus ihr gehoben werden können, hat er Unvergängliches geleistet zum Wohle des deutschen Volkes und der Menschheit. Ein Mann van eisernem Fleiß, von hartem Willen, eine Kämpfernatur und zugleich ein Forscher, der unermüdlich in die schwersten Materien eindrang, hat erst sein Tod erst recht der deutschen Arbeiterklasse die Größe ihres Verlustes offenbart. Die Arbeiterbewegung hat national und international in diesen Iahren z» schwere Verluste erlitten, als daß ich hier aller bekannten Kämpfer gedenken könnte. Wir haben in dem„Gedenkblatt" zum Parteitag die Erinnerung an sie wieder wachgerufen. Aber der ge- ivaltige Bau der gesaniten'Arbeiterbewegung verdankt über sie hin- aus sein Wachstum all den ungenannten Soldaten des Proletariats, den eigentlichen Bauleuten. Und selbst über ihren kreis hinaus gedenken wir heule den Opfern aller Arbeit, deren Schicksal allein uns schon da» Recht gibt, den menschenmordenden Kapitalismus auf Tod und Leben zu bekämpfen. (Allgemeine Zustimmung.) Der Ort unserer Tagung ist ein Symbol: Der Parteitag 1931 tagt in denselben Räumen wie der Parteitag 1909. Aber c» ist nicht mehr da» gleiche Gebäude, es ist inzwischen verjüngt und er- ncuert worden. Während des Kapp-Putsch es ist das Haus der Leipziger Arbeiterschaft durch Feuer vernichtet worden. Aber dank der hingebenden Opserbereitschast des Leipziger Proletariats ist es schöner und größer neu erstanden. So verbindet sich in unserer Bewegung das Alte mit dam Zungen. In diesem Räume sehe ich eine Anzahl Kämpfer aus der da- maligen Zeit. Neben sie und an die Stelle der inzwischen Gefallenen find junge Kräfte getreten, die bereit stehen, bi» zum letzten Hauch ihre Kraft einzusetzen, um den Ideen des Sozialismus zum Siege zu verhelfen. Wiedersehen der Leipziger und der sächsischen Arbeiterklasse, die mit einer so gewaltigen Kund- g e b u n g den Parteitag begrüßt hat. hunderttausende haben heule das Gelöbnl» für die Partei erneuert. (Stürmischer Beifall.) Und auch hier wieder eine Erinnerung an 190 9. Auch damals wollte die Reaktion, die in dem roten Sachsen besonders stark war,. die Abhaltung des Parteitages verhindern. Die Leipziger Arbeiterschaft hatte sich durchgesetzt. Unter der begeisterten Anteil- nähme der arbeitenden Bevölkerung konnten die Vertreter de, deut- schen Proletariats im damals noch neuen Bolkshaus ihre Beratungen abhalten. Und diesmal haben wiederum einige Behörden geglaubt, durch eine Politik der Nadelstiche die Kundgebung der Arbeiter- schast für ihre Partei oerhindern zu können. Aber nun erst recht! Hunderttausende find heute aufmarschiert, um für den unaufhaltbaren � Sieg des Sozialismus zu zeugen. . die Alten, die(chpn. seit Jahrzehnten der Bememma de, Prclet/ttiiti. die Treue halten. Es MAktchierte die Generation, die vier Iuh.e»nd--Dreiko«r Kriegs- front lag, um mit ihrem Körper da» Väterland zu schützen, das nach ihrem Willen ein Vaterland des arbeitenden Volkes werden soll. Es marschierte die sozialistische Arbeiterjugend, halbe Kinder noch und trotzdem schon in den Erwerbskampf gestellt, in den Kampf der Arbeiterklasse um Be- sreiung aus dein kapitalistischen Joch, um die Gestaltung einer höheren Gesellschaftsordnung. Es marschierten die Roten Falken, die Organisation der K i n d e r s r e u n d e, auf die wir init besonderem Stolz blicken. Noch drücken sie die Schulbank, aber in ihrer Freizeit sammeln sie sich, um einen neuen Gemein- schastsgeist zu pflegen, um sich sittlich und körperlich vorzu- bereiten für den Kampf um den Sozialismus. In den Kinder- repnbliken haben Kinderfrcunde und Rate Falten der staunen- den Welt gezeigt, was sie wollen, was sie erstreben. Diese Kundgebung war eine Feierstunde, wie man sie nur selten erlebt. Sle wird uns unvergeßlich bleiben, sie wird als Bekenntnis der orbeil?nden Massen sür die Sozialdemokratische Partei über unsere Verhandlungen leuchten, sie wird als aufwühlende Erinnerung uns bleiben, wenn wir in den Alltag unseres Kampfes zurückgekehrt sind. lind dieser Alltag läßt»ns noch einmal zurückblicken auf die Zeit des Leipziger Parteitages vom Jahre 190 9. Aus dem Bericht des Parteioorstandes auf dem Parteitag zu Leipzig 1909 hören wir: „Hemmend auf den Ausbau unserer Organisation und auf die Verbreitung der Parteipresse wirkt die seit November 1907 wütende wirtschaftliche Krise, die sich im Laufe des Berichtsjahres noch andauernd verschärfte. Am 12., 13. und 14. Februar nahmen die Gewerkschaften und Partei in Groß» Berlin eine A r b e i t s l o s c n z ä h> u n g vor und ermittelten 10130 0 Arbeitslose. Auch in anderen Gegenden wurden durch Zählungen ähnliche Resultate erzielt. Es ist nicht zu viel ge- sagt, wenn man behauptet, daß seit läng«rer Zeit mehr als Fine Million Arbeitslose in Deutschland vorhanden sind. Die Arbeitslosigkeit drückt nicht nur insofern auf das Ein kommen der Arbeiter, als an Stelle von Ueberstundenoerdiensl Perioden der Arbeitslosigkeit treten, sondern auch für den vollbeschäftigten Arbeiter sinkt das Einkommen. Die Not der Arbeiter wurde noch verschärft, weil in derselben Zeit, als die Einkommen der Arbeiter sanken, eine Erhöhung der Lebensmittelpreise eintrat. Die Roggenpreise stiegen 1907 auf eine selten erreichte Höhe, und die Weizcnpreise erreichten im Frühjahr 1909 den Gipfelpunkt. Der im März 1906 in Kraft ge- tretene Wucherlarif trat in dem Augenblickjn voll« Wirkung, als infolge der Krise die Löhne zurückgingen. So sind die Klagen, die bald ollen Berichten unserer Organisation angefügt find, verständlich. Die Genossen in fast allen Gegenden klagen, daß die Arbeits- lostgkeit die Organisation und den Abonnentenstand der Parteipresse schwächte. Mitglieder und Abonnenten der Parteipress« werden durch Arbeitslosigkeit gezwungen, ihre Stellung aufzugeben." Aber ein großer Unterschied ist zwischen der damaliaen Zeit und dem heute. Damals gab es keine Arbeitslosenversicherung! 1909 mußte der Parleivorstand berichten, daß die Arbeitslosigkeit die Organisation und die Parleipresse geschwächt habe. Zeht aber können wir mit Genugtuung mitteilen, daß trotz viel schwerer Wirtschaftskrise, trotz her grausamsten A»beitslos!gkeit. die se zu verzeichnen war, die Organisation der Sozialdemo- kratischen Partei Deutschlands seil Magdeburg, also lnnerhalb von zwei Zahren, um mehr als hunderttausend Mitglieder ge- wachsen und damit die Million überschritten worden ist. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Seit dem Abschluß unseres Be- richtes ist unter der Parole„W o bleibt der zweite Man n?" die Mitgliederzahl noch weiter in die Höhe gegangen. Di« immer- währende Mahnung„Wo bleibt der zweite Mann?" hat da kin« gesetzt, wo wir einstmals begannen: in der Kleinarbeit. Nicht nur Mitglieder wurden gewonnen, auch der Werber gewann dabei. Er lernte— Menschen lernte er kennen, beobachten und be- handeln. wir lassen nicht noch, bis die Parole erfüllt ist! Der Parteioorstand maßt sich nicht an, diesen erfreulichen Er- folg unserer Bewegung verursacht zu haben. Was wäre die So- zialdemokratische Partei, was wären die anderen Massenorganisa- tionen der Arbeiterklasse ohne die hingebende Arbeit ihrer Funktionäre? Niedriger Lohn, Kurzarbeit, Arbeits- losigkeit, Wohnungselend, Unterernährung, alle Plagen des kapita- listischen Wirtschaftssystems lasten auf ihnen. Eine Welt van Fein- den steht gegen sie. Aber nichts kann ihre Treue, ihre Opferbereit- schaft, ihre Ueberzeugung von unserem endlichen Sieg erschüttern! Sie arbeiten für ihre Partei, für den Sozialismus, wenn nach der Körper und Geist tötenden Iran im Betriebe die Stunden endlich herangekommen sind, die eigentlich für Muße und Er- holung bestimmt sind. Sie scheuen vor stundenlangen Wanderungen durch Sturm und Moor nicht zurück, um an den Kundgebungen uic Sozialdemokratie -»»l'zunehmen. Sie klettern treppauf, treppab, um immer wieder neue TiWvfer für unsere groß« Bewegung zu gewinnen. Wir mar- schieren gememsm», inch- rvenn zeitweis: greifbare politische Er- ialg« ausbleiben Wir fämficn mit nerdanieltem o�an weiter, auch wenn voruvergehende politische Mißersolge eintreten. Denn es geht für uns nicht allein um diese oder jene Tagesforderung, so wichtig sie für den Einzelnen, wie für die Gesamtheit auch sein mag. Es ist das sozialistische Ziel, dem wir unbeirrt nachstreben, es ist die lleberwinduno der kapitalistischen Produktionsweise und die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft, für die wir arbeilen, für die wir kämpfen.(Stürmischer Beifall.) Wie stark der Gedanke des Sozialismus in den breiten Massen des Volkes Wurzeln geschlagen hat, das zeigt am besten die Tat- fache, daß die reaktionär st e Bewegung unserer Zeit, die Nationalsozialistische Partei, den Begriff des Sozialis- mus und den Namen des Arbeiiers schändet, indem sie sich ihrer bedient. Schwerindusirielle und Groß- b a n k i e r» zählen sich zu den Freunden der jzitler-Partei. chohenzollernprinzen, abgetakelte Generale sind die bevorzugten Förderer dieser Bewegung. Und das nennt sich eine sozialistische, eine Arbeiterpartei! Aber so lächerlich diese Prostituierung der uns teuren Begriffe auch ist, so zeigt sie uns doch, wie allgemein die Erkenntnis davon ist, daß es au» dem Elend der kapitalistischen wirlschafl nur einen Ausweg geben kann, den Sozialismus, und daß der Kamps um deu Sozialismus nur von einer Klasse geführt werden kann, von der Arbeiterklasse.(Lebhastcr Beifall.) Und dies« Erkenntnis wird von den Nationalsozialisten dazu mißbraucht, um ihre reaktionären Pläne durchzuführen. Es gibt keine Lüge, es gibt keine Fälschung, es gibt keine Per» l e u m d u n g. die nicht von den jz a k e n k r e u z l e r n in den Dienst ihrer Sache gestellt würde. Ehrenworte werden gegeben, um gleich hinterher wieder gebrochen zu werden. Eide werden geleistet, von denen man weiß, daß sie nicht der Wahrheit ent- sprechen. Noch im September de« vorigen Jahres hatte 5ierr jzitler im Leipziger fzochverratsprozeß gegen die Reichswehrossiziere aus Ulm verkündet, daß die Köpfe in denSand rollen würden, wenn seine Partei erst zur Macht gekommen sei. Jetzt aber schwört er vor einem Berliner Gericht, daß die Nationalsozialistische Partei keinen anderen Gedanken habe, als auf friedliche und unblutige Art zur Herrschaft zu gelangen. Nichts mehr von Putsch, nichts mehr von der Rebellion, jetzt fließt sein Mund von„Legalität" über. ?m Zeichen dieser„Legalität" soll der Monarchismus in Deutsch- land wiederhergestellt werden. Im Zeichen dieser„Legalilät" sollen aber auch alle postlischen Freiheiten und ille foziata» Rechte vernichtet werben, die die arbeltendcn Klasse», Leulsch.- land« in jahrzehntelongem opferreichen Kampfe errungen halten. Wir aber sagen heule den Nationalsozialisten und allen, die mit ihnen sympathisieren: Wir Pfeifen ans eure„LrPa!itZt". (Stürmische, langanhaltende Beifallskundgebungen.) Wir wisien. was sich dahinier verbirgt! Die nackteste Reaktion, die brutalste Willkür, die Restauration aller volksfeindlichen Einrich- lungen vergangener Zeiten! Euer Musterland ist Italien. Auch dort war der F a s ch i s- m u s angeblich demokratischer als die Demokratie— sozialistcscher als die Sozialisten— republikanischer als die Republikaner und schließlich noch marxistischer als die Marxisten, um D, k t a t u r a n Stelle der Demokratie— Monarchie an Stelle der Republik— Terror und Gewalt an Stelle de» Gemein- saiafts�dankenSr zu Detzem �rt Mag auch ein Teil des deutschen Bürgertums sich seige vor jenen Großsprechereien ducken, mögen Großgrundbesitzer, Schwerin du st rielle, Bank- und Börsenfürsten und alle Für st lichtesten sich in der Nationalsozialiftischen Partei zusammenfinden. die deutsche Arbeiterbetvegung, die deutsche Sozial» demokratie ist und wird sein! Legal oder illegal— wenn die Nationalsozialisten den Versuch machen sollten, die von ihnen verkündete reaktionäre Gewaltheec- schast über das deutsch« Volk zu errichten, so wird die deutsche Arbeiterklasse den Kampf zu führen wissen mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln! Wir wollen nicht mit den Waffen der Barbaren kämpfen. Aber die Millionen des werktätigen Volkes stehen bereit, um bis zum letzten Blutstropfen die demokratischen Freiheiten und die sozialen Rechte zu verteidigen! (Langanhaltende stürmische Zustimmung.) Das erklären wir in voller Würdigung der schwierigen Wirt- schastslage, in der das deutsche Volk sich befindet. Wir wissen, daß jede von den Hatenkreuzlern oder den Kommunisten, die einer des anderen Schrittmacher find, verursachte gewaltsame Aus- elnandersetzung nicht nur den politischen Zusammen- bruch herbeiführen, sondern auch die jetzige wirtschaftlich« Krise bis zur wirtschaftlichen Katastrophe des deutschen Volkes treiben muß. Und es war nicht Furcht vor den Prahlereien der deutschen Faschisten nach dem lt. September 1930, die unsere taktische ch a l't u n g in den letztvergangenen Monaten bestimmte, sondern es entsprach durchaus den Grundsätzen der Sozialdemokratischen Partei und der Arbeiterbewegung, daß jeder Versuch unternommen werden muß, um die schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme a u f friedliche Weife zu losen. Wir wissen, daß wir mit dieser Taktik des Ausweichens d i e härteste Anforderung an die� Disziplin, a n die Selbstbeherrschung unserer Anhänger gestellt haben. Und wir sind stolz dnrauß daß trotz der von uns betriebenen, gewiß nicht populären Taktik die Masten des arbeitenden Volkes zu uns stehen, unsere Kaders geschlossen geblieben sind, unsere Organisation von Monat zu Monat stärker wird.(Bravo!) Di» Aufgaben, die heute der Demokratie gestellt sind, stellen an jeden, den Führer und den Geführten, der ja den Führer erst wählt, die höchsten Anforderungen. vi« Demakratie kann sie nur erfüllen, wenn fie vom gegen- seitigea verlratien durchblutet ist. Dioses B-rtrauen ist nicht mir Sache des Gefühls, sondern es fordert Verstand und Einsicht in die sachlichen Zusammenhänge. Parteigenossen! Wir stehen in einem Abwehrkampf von weltgeschichtlicher Bedeutung für die Demokratie, und damit für den Sozialismus. Demokratie oder Diktatur? das ist die Frage. Der Erfolg hängt von dem Vertrauen ab, das in den kämpfenden Heereskörpern zwischen Führern und Masten be- steht. Kommunisten und Faschisten suchen seit Jahren dies Per- trauen in der Arbeiterbewegung zu untergraben. Um so stärker wird bei uns die Erziehung zur Demokratie identisch mit der Vertrauensfrage in der Demokratie. „Mißtrauen ist eine demokratische Tugend." Gut! Aber wer jetzt im Lnger der Demvknrtie nichts anderes z« tun hat als Mißtrauen zu säen, besorgt die Arbeit der Apostel der Diktatur. Er schwächt die Demo- kratie. (Demonstrativer stürmischer Beifall.) Parteigenossen! Jeder politische Aboschütze hat erkannt, nur Verleumder können etrvas anderes sagen, denn alle Welt iveiß, daß die Politik der Regierung, die jetzt an der Spitze des Reiches steht, nicht unsere Politik ist. Wir haben niemals einen Zweifel darüber gelösten, daß wir jede Verantwortung für die Handlungen der gegen- wärtigen Reichsregierung ablehnen müssen. Das bezieht sich vor allem aus die Wirtschaftspolitik. Der Er- folg der Hakenkreuzler am 14. September de, vorigen Jahres hat die ersten Ansätze einer wirtschaftlichen Belebung zunichte gemacht. Nach dem Ausfall dieser Wahl ist die Kapitalkrast der deutschen Wirt- schaft um Milliardenwerte geschwächt worden. Der erste n a t i o- nalsozialistische Erfolg hat also darin bestanden, daß die wirtschaftliche Lage noch weiter verschlechtert wurde und daß sich damit dieArbeitslosigkeit in Deutschland auf die Riesenzahl des vorigen Winters vergrößern mußte. Aber ro«nn wir das alles auch wissen, so müssen wir doch der Regierung zum Vorwurf machen, daß sie eine Wirtschaftspolitik gefördert hat, die dem kurzsichtigen Standpunkt eines selbst- süchiigcn Unternehmertums mehr entsprach als den Interessen der breiten Massen der Bevölkerung. Die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften haben schon seit längerer Zeit in programmatischen Kundgebungen und in detailliert ausgestellten Plänen die Wege gewiesen, die zur Wiedergesundung der deutschen Wirtschast führen sollen. Wir oerlangten die Hebung der Massenkaufkraft durch Herab- fetzung der Warenpreise auf den Stand des Weltmarktes und die Erhaltung der Kaufkraft der arbeitenden Klaste durch Sicherung des Arbeitslohnes. Wir forderten den energischen Aus- bau des Handelsvertragssystems, vor ollem mit den Ländern, in denen wir unsere Jndustrieerzeugnisse absetzen können. Wir zeigten, wie die Ergiebigkeit der Landwirtschaft gesteigert und durch die Schaffung eines besseren Berhältnistes zwischen landwirtschaftlicher Erzeugung und städtischem Verbrauch der Agrarkrise wirksam begegnet werden könne. Mr forderten die ollgemeine Herabsetzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, um auf diese Weise für viele Hunderttausende von Volksgenossen neu« Arbeitsplätze zu sichern. Nichts von alledem ist oefchehen und die Folge dieser Passivität ist nicht allein die weitere Verschärfung unserer wlrlschastltchen Verhältnisse, sondern im Zusammenhang damit stehen auch die unausgesetzt sich folgenden Verschlechterungen der Finanzlage bei allen össentlichen Körperschaften. Und auch hier sehen wir das. ivas man im alten Oesterreich als Fortwursteln� bezeichnete. Wie oft schon haben wir in der letzten Zeit von Sanierungsprogrammen und Finanzreformcn ge» hört. Es ist aber bisher stets beim alten geblieben, man hat unser Finanzsystem nicht weiter entwickelt, sondern es zugunsten der besitzenden Klassen verschlech. i e r t. Auch hier hatte es die Sozialdemokratie an wegweisender Kritik nicht fehlen lassen. vom Skandpunkk der Volksgemeinschaft aus gesehen ist c» eine selbstverständliche Forderung, daß in Zelten wirtschaftlicher Not die besitzenden Klassen In verstärktem Maße zu den Lasten des Staates herangezogen werden. (Stürmische Zustimmung.) Diese Forderung hat noch gar nicht ein- mal etwas mit Sozialismus zu tun. Sie müßte von allen Parteien unterstützt»Verden, die so gern vom gemeinsamen Vaterland« sprechen,' wenn die besitzlosen Klassen für das Vaterland Opfer bringen sollen. Bei der Ausbringung der Staatslasten aber versagen regelmäßig die vaterländischen Gefühle der besitzenden Klassen und ihrer Parteien. Sie haben dabei geholfen, die Massenbelostung zu verstärken und die Vesitz- belaswng zu erleichtern. Als besonders krasses Beispiel dieser Selbst- sucht der besitzenden Klasten sei daran erinnert, daß es im Frühjahr dieses Jahres nicht einmal möglich war, die Erhöhung der Zu» schlage auf die Einkommensteuer für Einkommen über 20 000 M. und der Tantiemesteuer durchzusetzen. Und ich erinnere weiter daran, daß bisher auch die Herabsetzung der hohen Pen» s i o n e nund die Anrechnung der Nebenverdienste aufdiese Höchst- Pensionen an dem Widerstand der Besitzparteien mit Einschluß der Nationalsozialisten gescheitert ist. Die ungünstige Entwicklung der wirtschaftlichen und finanz- politischen Verhältnisse konnte natürlich mich nicht ohne Einfluß auf den Stand unserer Sozialpolitik bleiben. An alle unsere sozialpolitischen Einrichtungen werden die härtesten An- fordsrungen gestellt. Aber wenn je das Wort von der gegenseitigen Hilfe, die dos oberste Gebot des Volksstaates fein soll, verwirklicht »verden müßte, so in unseren Zeiten der allgemeinen Verelendung. Was geschah jedoch? An den Ausgaben für die Reichswehr Ist bisher nichts erspart worden, um so mehr jedoch an den Ausgaben für soziale Zwecket (Lebhafter Beifall.) Wir können es uns als D e r d i e n st anrechnen, daß es»»ns gelungen ist, die Angriffe des Unternehmer- tums auf» i e Sozialgesetzgebung, im allgemeinen abzuschlagen. Und wir dürfe»» weiter feststellen, daß die deutsche Republik, das deutsche Volk, im Jahre rund 12 Milliarden Mark für seine sozialen Einrichtungen ausgibt und sich damit noch immer neben anderen Nationen sehen lasten kann. Trotzdem sind die aus Drängen der Unternehmerverbände ein- geführten sozialpalitischen Verschlechterungen, besonder» in-der Ar» beitslosenversicherung und in der K r a n k e n v e r s i ch e- r u n g. sa erheblich, daß wir die größten Anstrengungen zu machen haben roerden. um sie wieder zu beseitigen.(Zustimmung.) Bon welchem Geist die besitzenden Klasten gegenüber der Sozial- gesetzaebung erfüllt sind, dasür zeugen die zahllosen Aussätze, Reden und Denkschriften, die von den Unternehm erverhönden in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind. Kann man aber diese reaktionäre Gesinnung vom Stan0p»mtt des Unternehmertum, aus begreifen, so muß man es geradezu chs e i n e S ch a n d e bezeichnen, »venn«in« Partei, die sich Arbeiterpartei nennt, gleichfall» in der gehässigsten»nd niederträchtigsten Weise die deutsche Sozialgesetz- gcbung herabzusetzen sucht. Bor»»»«nigen Tagen erst Hot der nationalsozialistische Minister Franzen in Braun- schweig, einer der prominentesten Führer der Hokenkreuzler, die«nverbslosen Empfänger seiner Strasbefehle wegen de, Schulstreiks als Armengeidempsänger bezeichnet. (Stürmische Entrllstungskundgebung.) In der kaiserlichen Zeit, die die Rationostozialisten wieder erneuern«ollen, war es der größte Schimpf, Armengeldempfänger zu sein. Wer Armenunter- stiitzling erhielt, ging, aller seiner politischen Rechte vertust ig, er wurde zum Staatsbürger zweiter Klaste gestempelt. Weih der Herr Minister Franzen nicht, daß die Arbeiter und Angestellten ein gesetzliches Recht auf die Unterstützungen aus der Arbeitslosenversicherung, haben? Ist es diesem Mann« und seiner Partei noch nicht ausgegangen, daß es keine höhere Pflicht für den Staat gibt, als für die Opfer der Krise, der Arbeit und des Alters zn sorgen? Aber diese Frage,, sind müßig. Da» Beispiel sei nur erivähnt, um den arbeitenden Klassen noch einmal deutlich zu zeigen,»vos ihrer wartet, wenn erst die Nationalsozialisten zur Herrschast über Deutschlcmd zugelassen werden sollten! Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß die hohen Reparationszahlungen, die Deutschland zu leisten hat. zu einer Berschärsung unserer wirtjchastlichen Not beigetragen haben. Die TozialbKlnokratisch«: Partei hat niemals ein Hehl ans ihrer Zlnschauung gemacht, daß zuerst für Brot und dann erst für Reparationen gesorgt werden müsse. (Beifall.) Wenn wir dem Dawes- Abkommen und dem Pounx,-Plai, zugestimmt haben, so geschah das nicht,«eil wir mit der hohen Belastung des deutschen Volkes zugunsten anderer Staaten einverstanden waren, sondern weil wir damit noch Schlimmeres verhüten wollten. Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß da» Dawes-Abkommen der Ruhrbesetzung ein Ende machte, die Deutschland zugrunde zu richten drohte. Wir erinnern weiter daran, daß der Poung-Plan nicht nur die Dawes-Lasten wesentlich herabsetzte, sonder», zugleich die Befrei- ung der Rheinlande herbeiführte. Aber gerade weil wir durch unsere außenpolitische Haliung die wirtschaftliche und nationale Vernichtung des deutschen Volkes ver- hindert und die ursprüngliche Höhe der uns auferlegten Last wesent- lich herabgemindert haben, dürfen wir für uns das Recht in An- spruch nehmen, eine weitere Herabsetzung der Reparatlonsabgabcn und die schließlichc Beseitigung jeder Reparationslast zu fordern, damit Deutschland nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich die Gleichberechtigung unter allen Völkern der Erde zurückgewinnt. Wir können Verträge halten, ohne die Bindung für un». sie zu erhalten! Das hieße völliger Stillstand.(Lebhafter Beifall.) Es ist aber eine vollendete Demagogie, wenn diejenigen, die den Z u s a mm e»»bruch des deutschen Volkes verursacht haben, die mitschuldig daran sind, daß der Weltkrieg bis zum Weißbluten unseres Volkes fortgesetzt worden ist, daß diese Verbrecher an der deutschen Nation setzt die Sozial- demokratie, den„Marxismus" beschuldigen, sie hätte die Repara- tionslasten erst verursacht! Dieses blöde Geschwätz ist bereits mit der Feststellung abgetan, daß Herr Adolf Hitler, der vor dem 14. September die Doung-Ketten zerreißen wollte, nach dem Wahl- tag den Engländern und den Amerikanern versicherte, daß die Na- tionalsozialisten, wenn sie zur Herrschaft kommen sollten, nicht daran dächten, die bestehenden Verträge zu ver- letzen. Und dieselben Nationalsozialisten, die vor der Wahl keinen Pfennig an unsere ehemaligen Kriegsgegner zahlen wollten, haben nach der Wahl im Auswärtigen Ausschuß de» Reichstags einen Antragnieder st immenhelfen.derdieEin st ellu»ig aller Reparationszahlungen verlangte! Parteigenosten! Nachdem ich- mich so mit den Nazis befaßt habe, gestatten Sie, daß ich wenige Worte auf die K o m m u- nisten oerwende, die für den Leipziger Parteitag ein Rund- schreiben von 30 engbeschriebenen Maschinenseiten hergestellt und versandt haben, in dem Tornows Referat, aber auch Preitscheid und Ollenhauer schon widerlegt werden und die unter dem Titel:„Wo bleibt der zweite Mann?" Broschürcnserien ankündigen. Parteigenossen! Für jene Parteien arbeitet die Wirtschaftskrise, arbeitet die Not! Hieße es nicht die Frucht siebzigjähriger Arbeit daransetzen und müßten wir nicht in die Erde sinken vor Scham, da» Erbe der von uns gegangenen Generation verschleudert zu haben, wäre da» Experiment nicht zu teuer bezahlt und würden uns nicht diejenigen verfluchen, die heute so tun, als könnte es nicht schlimmer werden: der Anschauungsunterricht, das Tclbsterleben dessen, was der italienischen Bevölkerung, dem russischen Ar» deiter und Bauern zugemutet wird, brächte die Un- fähigkeit jener Parteien so sehr an den Dag, daß sie um jeden Kredit kämen. In Rußland— darüber ist kein Zweifel— hängt alles von dem Gelingen des Fünfjahresplans ab. Es gibt niemanden in der deutschen Sozialdemokratie, der ein Interesse an seinem Scheitern hätte. Der Kampf, der sich dort vollzieht, der in der gewaltsamen Aufforstung der Industrie neben der Enteignung der Kulaken vor sich geht, ist in Wahrheit ein Kampf um die politische Macht zwischen Kommunisten und Kulaken, d. h. Großbauern. Mißlingt der industrielle Fünf- jahresplan, kann er das Land, die Kolchosen, nicht mit Traktoren und Maschinen beliefern, so ist auch die Kollektivierung des flachen Landes gescheitert, und das K u l a k e n t u m wird neben seiner wirt- schaftlichen Macht auf dem Lande durch seine Beziehungen zu den Städten entscheidenden politischen Einsluß errin- gen. lim diesen Kampf zu verstehen, brauchen wir nur darauf hm- zuweisen, was sich im Jahre 1789 in Frankreich vollzogen hat. Rur ist es hier für uns so unübersichtlich, wie jene Vorgange es für jene Zeit waren. Der russische Bauer, der das in der Revolution erhaltene Land gegen die Konterrevolution der wrangel. Denikin verteidigte, verteidigt es heule gegen die Sowjet», in Wahrheit gegen die Kommunisten. Es ist kein Zweifel, die Sowjets waren im Jahre 1918 einmal Organe des Mastenwillens, aber 1931 ist nicht 1918! Heute ist der Einfluß der Sowjets bedeutungslos, ebenso wie Betriebsräte und Gewerkschaften in den Städten jeden Einfluß verloren haben. Es herrscht allein die Bürokratie, die Dil- tatur der Bürokratie über das Proletariat und über die Bauern. Der Arbeiterflaat ist nur noch ein Märchen für gutgläubige Kinder. Deshalb braucht man nicht etwa zu schlußfolgern, daß die Leiter des Sowjetstaates olle nur Komödie spielen, wenn sie vom Sozia- lismus reden. Aber die Erscheinuiigen in Rußland zeigen die Wahrheit der großen Lehre von Karl Marx:„Die Befreiung des Prole- tariats kann nur sein eigenes Wert sein!" Die so- zialistische Wirtschast setzt eben eine reifere Entwicklung voraus. die in Rußland fehlte, die immer noch schwach ist, und dem- entsprechend unreif ist sein Proletariat. Der russische Arbeiter ist kein richtiger Proletarier, er ist«in Bauer in blauer Bluse, ohnepolitischeundgewerkschaftlicheSchulung. Das ist nicht feine Schuld, sondern die Folge der Rückständigkeit seines Landes. Freilich: bis jetzt ist Rußland nach außen hin der Arbeiter- staat, in Wirklichkeit aber lange nicht mehr. Der Kriegskommunis- mus, der höchstens bis zum Frühjahr 1921 währt», ist zusamm-n- gebrochen, und wir sehen jetzt in Rußland«inen ireuen Versuch, die produktiven Kräfte de» Landes in staatskapitalistischen Formen zu entwickeln. Die roten Zahnen des Kommunismus dienen nur dazu, das wahre Wesen dieser kapitalistischen Wirtschaft zu verhüllen. In Rußland wird jetzt da, geschassen, was in anderen Ländern der Kapitalismus geschaffen hat: Aufbau einer Großindustrie auf Kosten der werktätigen Masten, genau so wie die Großindustrie überall ausgebaut worden ist. Herren der Fabriken sind die russischen Arbeiter ebensowenig wie die Arbeiter in den kapitalsttifchen Ländern, und die Un- fähigkeit der russischen Bürokratie steht einer erfolgreichen Entwicklung de» Staats tapitalis- MUS entgeaen. Denn die Diktatur— und das ist das Entfchet. dende— verhindert das politische Reifen der Arbeiterklasse. Herr L i t w i n o w hat im Europa-Ausschuß zu Genf einen wirtschaftlichen Nichtangriffspakt in Vorschlag gebracht. Das ist ein Friedensangebot an die kapita- l i st i s ch e W e l t. Wenn j)err Litwinow noch den Sozialismus repräsentierte, könnten wir uns damit näher befassen. Aber hier steht nicht mehr der Vertreter der Weltrevolution, sondern der Vertreter der staatskapitalistischen Unterneh- m un g Rußlands vor den Repräsentanten des brüchigen Privatkapitalismus mit der Hoffnung auf engere Geschäftsverbindung mit liquideren Partnern. „Kommunismus ist Knappitalismus. nicht Sozialismus". Dieses Spottwort zeigt, wie man in der kapitalistischen Welt die wirtschaftliche Situation in Sowjetrußland auffaßt. In den 13 Iahren bolschewistischer Herrschaft ist der Einfluß der Sowjets gestorben. Eine drakonische Zensur erstickt jedes freie Wort, keine Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, überall herrscht politische Kirchhofsruhe in Rußland. Das erinnert uns an das folgende Wort Rosa Luxemburgs: „Mit dem Erdrücken des politischen Lebens im ganzen Lande muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr erliegen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Preß- und Versammlungsfrei- heit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffent- lichen Institution, wird zum Scheinleben, indem die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben schläft all- mählich ein. Im Grunde also eine Cliquenwirtschaft, eine Dikta- tur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker."(Lebhaftes Hört! hört!) Das schrieb Rosa Luxemburg im Sommer 1918 und die Gegen- wart gibt ihr recht! Bei all der Not und dem Elend in Rußland wäre es vielleicht nicht unmöglich, aus ihm eine leistungsfähige Wirt- schaft erstehen zu lassen. Aber sozialistisch wäre sie nicht. Denn Sozialismus heißt Vergesellschaftung der Produktionsmittel, und solange nicht die Gesellschaft über sie verfügt, sondern eine Parteigruppe, so lange kann von Sozialismus nicht die Rede sein. Das Proletariat kann nicht von noch so wohlwollenden Intellektuellen befreit werden. Aufgeklärter Absolutismus ist nicht die Regierungs- form der sich bildenden sozialistischen Gesellschaft. Zur Herrschaft der Gesellschaft über die ProduktionS- mittel braucht sie die Freiheit, die Demokratie. (Stürmischer Beifall.) Und wenn der faschistische Senator Enrico Fern sagt, der Faschismus in Italien fei im Grunde nur eine Welle der Reaktion auf den Bolschewismus der Nachkriegszeit, der auf der zeitweiligen Schwäche des Staates gegen ihn beruhte, dann hat mit der obigen Kennzeichnung des Bolsche- wismus und mit ihm auch der Faschismus selbst in kapitalistischen Augen seine Existenzberechtigung verloren. Bolschewismus und Faschismus sind Brüder. Sie basieren auf der Gewalt, auf der Diktatur. Sie mögen sich noch so sozialistisch gebärden, ohne Freiheit des politischen Handelns. Freiheit der Meinung, der Presse und der Organisation sind sie Zerrbilder des Sozialismus und geben der Arbeiterschaft keine Möglichkeit, ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Der Sozialis- mus aber kann nur werden aus dem freien Willen der werktätigen Massen; er läßt sich nicht einführen, er muß das Werk der Massen selber sein, und die tiefste aller Lehren, die wir aus Rußland und aus jener Entwicklung ziehen, ist, daß ohne Demokratie der Sozialismus nicht möglich ist. (Stürmischer Beifall.) Parteigenossen! Deshalb ist unsere Haltung so eindeutig und ' klar. Deshalb war unsere Gesamtpolitik stet» nur daraus gerichtet, den Interessen des arbeitenden Volkes zu dien e n. Nach der Reichstägswahl vom Mai 1928 haben wir unter Hermann Müller die Regierungsbildung übernommen, um zu zeigen, daß wir uns der Verantwortung wohl bewußt waren, die uns unser damaliger Wahlerfolg auferlegte. Der Sturz des Kabinetts Müller im vorigen Jahre ist nicht erfolgt, weil wir zu wenig für das deutsche Proletariat getan haben, sondern weil die besitzenden Klaffen befürchteten, daß eine Regierung unter sozialdemokratischer Beteiligung in der Krise zuviel für das arbeitende Volk tun könne. Wir brauchen nur die Zeit zu vergleichen, in der das Kabinett Her- mann Müller regierte, mit der heutigen Zeit, in der kein Sozial- demokrat der Regierung angehört, um den Zweck des Sturzes des Kabinetts Müller zu erkennen. Die Reichstagswahl vom 14. September hat die Situation für das arbeitende Volk noch wesentlich ver- s ch l e ch t e r t. Und nunmehr mußte unsere politische Taktik dar- auf eingestellt sein, das größte Unglück zu verhüten, das über das deutsche Volk kommen könnte, die Errichtung einer offenen oder versteckten faschistischen Gewaltherrschaft. (Lebhafte Zustimmung.) Dem entfesselten gewalttätigen Nationalismus setzen wir den wahren Radikalismus unserer Gedankenwelt entgegen. Der weg, den wir zu gehen haben, liegt klar vor unseren Augen. Daß er ein friedlicher sei. ist unser Wille, unsere Gegner werden un» gerüstet finden, wenn Einsichtslosigkeit und Machtgier uns von diesem Wege abzudrängen versuchen! „Nicht zählen wir den Feind, Nicht die Gefahren all'." (Longanhaltende stürmische Zustimmung.) Wenn wir alle unsere Kraft dafür einsetzen, um die republi- konische Staatsform, um die demokratischen Rechte zu erhalten, so tun wir das, weil wir wissen, daß nur aus dieser Grundlage der Kampf des arbeitenden Volkes um höhere Lebensgeltung geführt werden kann. Diktatur bedeutet nicht nur die Beseitigung oller politischen und staatsbürgerlichen Rechte, sie bringt zugleich die v ö l- lige Verelendung der breiten Masse des Volkes, sie beraubt sie der Möglichkeit, durch die Waffe ihrer Organisationen für Leben und Brot zu kämpfen. Das ist in Rußland heute ebenso wie in Italien. Und wenn das spanische Volk zugleich mit der Diktatur die Mon- archie beseitigte, so schuf es damit die Voraussetzung, um durch den sozialen Kampf eine Verbesserung seiner Lebenslage zu erreichen. (Stürmischer Beifall.) Unser Parteitag wird nunmehr zu prüfen haben, ob unsere Taktik richtig war oder ob sie in wesentlichen Punkten ge- ändert werden muß. In voller Offenheit werden wir wie immer über unsere Tätigkeit sprechen, in voller Offenheit werden wir aber auch neue Waffen zu schmieden haben, die dem Befreiungskampf des arbeitenden Volkes dienen sollen. Und so wollen wir an die Arbeit unseres Parteitages gehen mit dem festen Willen, ihn zu einem leuchtenden Punkt' in der weiteren Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung zu machen. Und unsere Beschlüsse werden getragen sein von dem hohen Gedanken, daß sie die bindenden Ziele für unsere Kampsgemeinschaft sein müssen. Mögen wir in Einzelsragen verschiedener Meinung sein, so gilt doch für unsere Gesamtarbeit und fo gilt für diesen Parteitag nur die eine Losung: Kcnnpf für die Befreiung des«bettende« Volkes aus den Ketten des kapitalistischen Wirtschaftssystems, Kampf für die Errichtung einer Gesellschaftsordnung auf sozialistischer Grundlage. Nieder mit der Reaktion, es lebe der Sozialismus! (Begeisterter, anhaltender Beifallssturm.) Damit erkläre ich den Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands für eröffnet. Wahl der Vorsitzenden. Auf Vorschlag von Auer-München wird Genosse Wilhelm Bock-Gotha zum Ehrenpräsidenten des Parteitages ge- wählt, Otto Wels und Richard Lipinski zu Vorsitzen- den. Beim Einnehmen der Plätze am Borstandstisch begrüßt der Parteitag den 8öjährigen Vorsitzenden des Nürnberger Einigungs- kcmgresses, Genosse Bock-Gotha, mit langanhaltendem, stürmischem Beifall. Hierauf begrüßt im Auftrage des Rates der Stadt Leipzig Genosse Bürgermeister Schulze den Parteitag: Die Verhandlungen des Parteitages der größten deutschen Partei sind nicht nur sür die Sozialdemokratie, sondern sür die ganze deutsche Republik von weit- tragender Bedeutung. Sie tagen im Zeichen der fürchterlichen Not und Verelendung der breiten Volksmassen. Ganz Deutschland blickt voller Erwartung auf die Wege aus der Krise, die Sie aufzeigen werden. Wir, die wir in der kommunalen Verwaltung tätig sind, bitten Sie vor allem, auch die unerträgliche Sorgenlast der Ge- meinden erleichtern zu helfen. Ein Prolog von Max Barthel:„Der große Hammer" wird von dem Rezitator M a t t k e wirkungsvoll vorgetragen. Vorsitzender Wels: Wir fahren in der Konstituierung des Parteitages fort. Auf Vorschlag von H ü n l i ch- Rüstringen werden zu S ch r i f t- f ü k r e r n bestimmt: Thielemann-Praunschweig. Kunze-Stettin, Haude-Görlitz, Zimmermann-Thüringen, Hamann-Cassel.Frau Daum- Niederrhein, Hosmann-Obcrpfalz, Steinert-Chemnitz und Johanna Haas-Ossenbach. Ebenso werden auf Vorschlag von Dietrich- Thüringen in die Mandats- und Beschwcrdekom Mission gewählt: Wil- Helm Krüger-Brandenburg, Palmer-Berlin, Koch-Aschersleben, Flora Frnnken-Zeitz, Frau Lonzke-Hannover, Lowig-Franken, Emil Kraus- Zwickau, Albert Faust-Hamburg und Schmitz-Westliches Westfalen. Die übliche Geschäftsordnung des Parteitages wird genehmigt. Zur Tagesordnung teilt Wels mit. daß Parteivorstand und Parteiausschuh beschlossen haben, das Referat über den Faschismus und den Bericht. der Reichstags- fraktion aufeinander folgen zu lassen und die Dis- kussion darüber zu verbinden: erst danach soll das Referat Partei und Jugend als Punkt 4 der Tagesordnung folgen.— Der Parteitag stimmt dem zu. Zu den Anträgen auf Bestellung von Korreferenten erklärt Wels, daß Parteiausschuß und Parteivorstand bereit seien, in der Debatte über den Fraktionsbericht einem der neun Ge- nassen, die gegen die Fraktion gestimmt haben, eine halb- stündige Redezeit einzuräumen. Der Referent zu diesem Punkte müsse innerhalb einer Stunde über zwei Jahre Arbeit der Reichstagsfrattion berichten, habe also für diese Streitfrage sicher sehr viel weniger Zeit. Petrich-Thüringen(zur Geschäftsordnung): Es ist alte, gute Tradition der Partei aus der Vorkriegszeit, zu Streitfragen Kor- referenten zu bestellen. Es wäre besser gewesen, wenn der Partei- vorstand von sich aus auch diesmal so versahren wäre und nicht erst Anträge aus den Organisationen abgewartet hätte. Auf dem Magde- burger Parteitag von 1919 hat es Bebel für eine Selbstverständlich- keit erklärt, daß man den süddeutschen Budgetbewilligern das Recht auf Verteidigung zugestehen müsse. Heute liegt die Situation ähn- lich: Panzerkreuzer und andere Porgänge in der Reichstagsfrattion sind in den Organisationen leidenschaftlich umstritten worden, und es ist notwendig, offen und klar darüber zu sprechen. Künstler-Berlin(zur Geschäftsordnung): Selbstverständlich soll darüber und über alles andere auf dem Parteitag offen und klar ge- sprachen werden. Aber genau so gut wie die neun Genossen, die gegen die Fraktion gestimmt haben, hätten das Recht auf ein Kor- referat die 2 4 Genossen, die unbedingte Gegner der Groener- Politik sind, die aber Fraktionsdisziplin durch Hingusgehen beachtet haben. Hier steht die Politik der Partei zur Debatte und nicht das Verhalten einzelner Abgeordneter. ver Vorteilag der deutschen Sozialdemokratie hat wichtigere und dringendere Ausgaben als diese Eigenmächtigkeiten(Beifall). Wels: Wir können unmöglich den Genossen, die gegen die Fraktionsdisziplin verstoßen haben, ein besonderes Ehrenrecht ein- räumen. Wenn Genosse Petrich glaubt, daß das Tradition ist, kennt er die Parteigeschichte schlecht. Es brauchte ja dann in Zukunft nur jemand gegen die Disziplin zu freveln, und er bekäme automatisch die Rechte eines Referenten auf dem Parteitag. Ich habe der Minder- heit bei der Wehrdebatte in Magdeburg ein Beispiel loyaler Ge- schäftsführung gegeben. Lassen Sie es also bei der Absicht des Partei- ausschusies bewenden und provozieren Sie nicht den Antrag, daß die Geschäftsordnung für alle gleichmäßig angewendet werden soll! Gegen wenige Stimmen wird gemäß dem Antrag von Vartei- ausschuß und Parleivorstand beschlossen. Kleineibst-Ostsachsen(zur Geschäftsordnung) begründet den An- trag, zum Referat Tarnows über die Wirtschaftskrise einen Korreferenten zu bestellen. Dies sei die wichtigste Frage des Parteitages, und ein Programm aufzustellen, das uns der lieber- Windung der Krise näherbringt, sei entscheidend sür die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Tornow müsse naturgemäß die Frage einseitig und subjektiv beleuchten(Widerspruch). Der Parteitag sollte den verschiedenen Auffassungen das gleiche Recht auf Dar- legung ihrer Ideen einräumen und der Linken die Möglichkeit geben, ihr positives Programm zu entwickeln. Wels: Ich kenne keine Rechte und keine Linke. Parteivorstand und Parteiausschuß haben dem Resolutionsentwurf des Genossen Tornow ohne jeden Streit zugestimmt. Der Parteitag ist doch nicht dazu da, daß eine kleine Gruppe von Genossen durch ihn ihre Bedeutung steigert. Breilscheid(zur Geschäftsordnung): Selten ist ein schlechter An- trag schlechter begründet worden. Wie kann Genosse Klein- eibst im voraus wissen, was Genosse Tornow aus- führen wird? Woher weiß er, daß es über die Wirtschaftskrise zwei verschiedene Meinungen gibt? Vielleicht gibt es über einzeln« Fragen der Krise vielmehr verschiedene Meinungen. Der ganze Antrag läßt sich nur daraus erklären, daß einzelne Parteigenosien sich unter allen Umständen als Opposition astichiert sehen wollen. (Heiterkeit und Zustimmung.) Der Antrag kleineibst wird gegen wenige Stimmen abgelehnt. (Wels:- Habt Ihn nun von den Probeabstimmungen genug?— Büchel- Chemnitz: Nein, darauf kommt es gar nicht an!) Vorsitzender Wels begrüßt die Delegierten der ausländischen Bruderparteien insbesondere Vandervelde und mit chm als Vertreter Belgiens Camille Huysmans, dem er noch nachträglich auch im Namen des Parteitages unter lebhaften Sympathiekundgebungen zum M. Geburtstag gratuliert. Als Delegierte Frankreichs begrüßt er Charles L o n g u e t, den Enkel von Karl Marx, und G r o u m- dach, den Vorkämpfer der deutfch-frai�ösischen Verständigung. (Beifall.) Rußland vertritt Genosse Dan, der jüngst dos Ziel eines wüsten Verleumdungsfeldzuges zur höheren Ehre des Bolschewismus war: seine Anwesenheit erinnert uns an die zahllosen Opfer bolsche- wistischer Willkür in den Kerkern und Verbannungsortcn Rußlands. (Sehr wahr!) Schweden vertreten die Genossen Möller und W a l l i n. Die schwedische Sozialdemokratie erscheint uns gegen- über dadurch rückständig, daß man sich m ihr niemals um den echten Ring des Marxismus gestritten hat— nach ihren wirtschaftlichen und politischen Erfolgen steht sie in erster Reihe.(Heiterkeit.) Genosse B u ch i n g e r, der Vertreter Ungarns, weckt in uns die ganze Leidensgeschichte des ungarischen Proletariats von der verunglückten Rätsdiktatur bis zu dem mehr als zehnjährigen Schreckensregiment Horchys und Bethlens� mit den Konzentrationslagern und Deportationen. Bei unserer heutigen riesigen Demonstration sagte uns Buchinger, als wir die Internationale sangen, daß sie das in Ungarn zchn Jahre Gefängnis kosten würde, und dabei ist der ungarische Faschismus noch nicht einmal der brutalste.(Bewegung.) Die tschechische und die deutsche Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei vertreten die Genossen Dr. S o u k o p und S t i v i n und Dr. H e l l er- Teplitz: wir freuen uns der unter ihnen erzielten Ver- ständigung. Deutschösterreich vertritt Genosse A u st e r l i tz, er hat sich seine Geschichte jeden Tag selbst in der Wieder„Arbeiter-Zeiwng" geschrieben.(Heiterkeit.) Die italienischen Parteigenossen oertritt Genosse S a r a g a t. Italien bedeutet für uns heute die Unter- drückung schlechthin und stellt uns die Gefahr der eigenen Zukunft vro Augen. Wir gedenken dauernd der mahnenden Worte, die Turati bei der Enthüllung des Matteotti-Denkmals im Brüsseler Volk haus gesprochen hat: Sorgt dafür, daß ihr nicht weint, weil wir weinen, weil wie. einmal eine Stunde lang die Demokratie gering geschäht Labea. (Bewegung und Beifall.) � Wels begrüßt weiter die Genossen Hansen- Dänemark, Woudenberg- Holland und Mau- Danzig, der trotz aller Weis- heit der Entente ein Deutscher sei und bleibe. Er heißt dann Th. L e i p a r t als Vertreter des Allgemeinden Deutschen Gewerk- schastsbundes willokmmen, der erschienen sei zum Zeichen innerster Kampfverbundenheit von Partei und Gewerkschaften sür die Rechte der Arbeiterklasse.(Lebh. Beifall.) Vom Arbeiter-Turn- und Sport- bund sind die Genossen Ä e l l e r t und K r e u z b u r g und Genossin I e u t h e erschienen. Albert Thomas vom Internationalen Ar- beitsamt hat den Genossen Donau entsandt. Mamille HuysmanS: Ich habe den Auftrag, im Namen aller ausländ ifchen Delegierten zu diesem Parteitag den Kongreß herzlichst zu grüßen. Ich verdanke diesen Auftrag vielleicht der Tatsache, daß ich viele Jahre internationaler Sekretär war und auch während des Krieges die deutsche Sprache nicht gan,; vergessen habe.(Heiterkeit und Beifall.) In Ihrer sehr schweren Lage suhlen wir uns mit ihnen solidarisch im Kampf für die Errungenschaften des Proletairats, solidarisch im Kampf der Arbeiter für nationale Gerechiig- keit, solidarisch im Kampf sür die Demokratie in Deutschland und für die Verteidigung der deutschen Republik, solidrarisch in ihrer gesunden Politik des Friedens gegen Militarismus und Faschismus.(Stürmischer Beifall.) Hoffentlich wird Ohre Politik der Vernunft in Deutschland sieg- reich bleiben dank dem festen Willen und der wachsenden Kraft der deutschen Sozialdemokratie. Wir beurteilen Ihre Situation nicht allein nach der zugespitzten Lage des Deutschen Reiches, sondern noch der internationalen Verwirrung in ganz Europa. Die ökonomische Krise hat England und Amerika genau so getroffen wie Deutschland. sie ist eine Krise des Kapitalismus selbst: sie beweist, daß der Kapi- talismus unhaltbar geworden ist. Neue Produktionsver- Hältnisse zu schaffen ist die weltgeschichtliche Mission des internationalen Sozialismus. Unter dem tiefen Eindruck der heutigen Nachmittagskundgebunz rufe ich: hoch vor allem die fozialdemoftalifche Zugend Deutschlands, hoch die Kämpfer von morgen! hoch diese herrlichen Zungen und Mädel, die uns garantieren, daß unsere Arbeit fortgeseht wird bis zur endgültigen Befreiung des Proletariats! (Jubelnder Beifall.) Vorsitzender Wels Ich• dqrf den ausländischen Genossen ver- sichern, daß wtt stark und gerüstet sind, die Republik zu schützen. Sie haben ja im Austnarsch auch.das Reichsbanner mit feiner straffen Disziplin undin seinem eisernen Willen gesehen-- Dank den Reichs- bannerkameraden!(Lebh. Beifall.) Die Wcitcrverhandlungen des Parteitages werden auf Montag- vormittag 9 Uhr oertagt. Blutiger Stahlhelmtag. Schwere Zusammenstöße in Schlesien. Breslau, 1. Zuni.(Eigenbericht.) Das provokatorische Auftreten der Stahlhelmleute führte in den Vorstädten und namentlich im proletarischen westenBreslaus wiederholt zu Zusammenstößen. Zn der Nähe des Odertor-Bahn- Hofs wurde dpi der Rückkehr der Stahlhelmzüge von der Skagerrak- Gedenkfeier von Kommunisten auf einen Zug geschossen. Ein Stahlhelmmann wurde schwer verletzt und brach, nachdem er sich noch 3)ie Heinde des ZProleiariais Tom Slahlhelmlag inSßreslau:()eneralnberfl r.Seekl, der SxkronpünsB, Qen. 3eldmarfchaU r.'ITLackenfcn eine kurze Strecke weit geschleppt hatte, tot zusammen. An der Zreiheitsbrücke wurden die Stahlhelmautos von Kommunisten mit Steinwürfen empfangen. Die Polizei ging mit dem Gummi- knüppel vor und zerstreute die Menge. Der Erschossene ist ein Buch- Halter Gustav Müller aus Grünberg. Der Regierungspräsident Hot aus die Ergreifung der Täter eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. * Wie die Polizei norfT meldet, wurde am Sonnabend abend auf der Kaiserstraße in der Nähe der Tiergartcnstrahe der Stahlhelm- mann Eduard P. aus Spandau von etwa 59 Personen mit Steinen beworfen, geschlagen und durch mehrere Messerstiche in die Lebergegend und in den Rücken verletzt. P. wurde nach dem Kloster der Barmherzigen Brüder gebracht. Lebensgefahr besteht nach An- gäbe des Krankenhauses nicht, dagegen dürfte mit einem längeren Krankenlager zu rechnen sein. Beia»b»ortl. Mr die Redaktion: ittbtti itpfti, Berlin: Anzeigen: Td. Stack«, Berlin. Verlag: Vorwärt» Verlag S. m. b. S.. Verlin. Druck: Vorwärt« Buäi- druckerei und Verlagsanflalt Paul Singer«I eo.. Berlin CD es. Lindenstrake Z. Sierzu 1 Beilage. !ßeila£e Montag, 1. Juni 1931 SivAM) }uyhßwr& Kapitalistische Wirtschastsanarchie und Arbeiterklaffe Oer erste Arbeitstag des Leipziger Parteitags Leipzig, 1 Juni.(Eigenbericht.) Kurz nach 9 Uhr wird die Sitzung eröfsnet. Zu seinem Refcrgt über„Sic k a p i t a l i st i s ch c Wirtschastsanarchie und Arbeiterklosse erhält Fritz Tornow das Wort. Frih Tornow: Unter ollen zivilisierten Völkern des Erdballs geht eine furcht- bare Erscheinung um: das Gespenst der Arbeitslosig- k e i t. In Deutschland 5 Millionen, über AI Millionen in den industrialisierten W lHschaftsb ezirken Europas und Amerikas. Die vollkommene Lösung der sozialen Frage, die ausreichende Ber- sorgung oller, scheitert nicht mehr an der Kargheit der Natur, sie scheitert nur noch an der Unvernunft der wirtschaftlichen Organisa- tion. an dem Wahnsinn des ökonomisch-sozialen Systems des Kapita- lismus. Dieses kapitalistische System klagen wir Sozialisten an. Es verwandelt immer wieder das Wachstum der Versorgungsmög- lichkeiten in eine Verkleinerung der tatsächlichen Versorgung. Die Uebcrproduktion. Die wesentlichste Erscheinung neben der Arbeitslosigkeit ist eine gewaltige Steigerung des produktiven Leistungsvermögens in aller Welt. Der Krieg hat glänzend bewiesen, daß die Produktivität fast unbegrenzt wachsen kann, wenn von der Bedarssseite her der Stachel angesetzt wird, nur das in der kapitalistischen Wirtschaft ein zahlungsfähiger Bedarf vorhanden sein muß, um pro- duklive Wunder auszulösen. Als der Krieg vorbei war, mußten die Millionen Armeen wieder als zivilisierte Bärger ausgerüstete, mußte der Produktionsapparat von Krieg aus Frieden umgestellt werden. Das gab neue zahlungsfähig« Austräge, neu« Aufträge für die Pro- duttion. Die produktiven Kräfte, einmal entfesselt, lassen sich nicht so leicht wieder zur Ruhe bringen. Sie sind ungebärdiger als der Zauber- besen in der Goethe'schen Ballade und parieren auch nicht vor der Beschwörungsformel des kapitalistischen Zaubermeisters: „In We Ecke, Besen! Besen! Sei's gewesen!" Der Besen hörte nicht auf zu toben. Die Lebensmittel wuchsen weiter in üppiger Fülle, als ob es daraus ankäme, alle Menschen satt zu machen und nicht nur die, die zahlen können. Die Rohstoffe strömten weiter aus ihren Quellen und nicht weniger wuchsen auch die verarbeitenden Kräfte weiter. Nach der amtlichen Statistik der Vereinigten Staaten ist in der dortigen Gesamtindustrie der Arbeitsertrag je Arbeiter seit 1919 um 45 Proz. angestiegen, die Gesamt- Produktion ist um 36 Proz. gewachsen, während sich die Arbeiter- zahl von 9 Millionen auf 8,1 Millionen vermindert hat. Neben Amerika steht DeutschlarK im Vordergrunde dieser Entwicklung. Es irifit für uns dasselbe zu, was das WirtschaftswissenschafKiche Institut der Unternehm ervereinigung in den Vereinigten Staaten feststellt:„Eine Entwicklung/ die im 19. Jahrhundert Iahrzehnie gebraucht hätte, kann heute in einem einzigen Jahr oder in wenigen Iahren zurückgelegt werden". was wäre das für eine glänzende Perspektive unter einer ver- nünftigen Wirtschaftsordnung, und was hat die kapitalistische Wirtschaftsordnung daraus gemacht! Die deutsche Wirtschaft nach dem Kriege. Die Tatsachen der produktiven Entwicklung stehen allerdings im schroffen Gegensatz zu den Klagen der Unternehmer. weit, die wir seit dem End« der Kriegszeit unausgesetzt gehört haben. Danach hätte es in einem fort bergab gehen müssen, und wir hörten, daß das„marxistische System", die hohen Steuern, So- üailasten, Achtstundentag und die hohen Löhne der Wirtschaft voll- s andig>das Blut ausgesogen hätten. Unmittelbar nach dem Krieg« allerdings konnte man nur mit Grauen daran denken, wie auf dem Baden einer so zerstörten Wirtschaft das deutsche Volk seine Existenz wieder finden solle. Es gehörte ungeheuer viel Mut dazu, unter diesen Verhältnissen die Führung des Staates zu übernehmen. Und es ist dos historische verdienst der Sozialdemokratischen Partei, diesen Wut ausgebracht zu haben. Die heutigen„Retter" des Vaterlandes saßen ja damals in den Mauselöchern. Di« erste Aufgabe war, das verschlossene Tor zur Weltwirtschaft zu öffnen. Diese Arbeit wurde unenblich erschwert durch die natio- nal-istische Sabotage. Man muß sich heute daran erinnern, daß selbst Leute wir Stresemann einige Jahre gebrauchten, um zu begreifen, daß erst die Stacheldrahtverhau« zwischen uns und den Siegerstaaten niedergerissen werden muhten, bevor Deutschland aus feiner moralischen und ökonomischen Erniedrigung wieder empor- steigen konnte. Wir hätten nach den 414 schrecklichen Kriegsjahren nicht auch noch über 5 Jahre Jnslationsfchrecken durchmachen müssen, wenn in gewissen Kreisen die Einsicht früher gekommen wäre! (Stürmische Zustimmung.) Erst vom Jahre 1924 an, nnt der Annahme des Dawes-Planes, der Stabilisierung der Währung und dem Einströmen von Aus- landskapital konnte die deutsche Wirtschast wieder ihren Ausstieg nehmen. Die Gesamtsumm« der volkswirtschaftlichen Güterumsäge ist von 172 Milliarden im Jahre 1925 aus 217 Milliarden in den Jahren 1928 und 1929 gestiegen. Die deutsche Warenausfuhr ist von 614 Milliarden im Jahre 1924 auf 1314 Milliarden im Jahre 1929 gestiegen und hat sich trotz der Weltkrise auch im Jahre 1939 mengen- mäßig fast auf dieser Höhe gehalten. Deutschland hat damit im Warenexport seine alte Stellung auf dem Weltmarkte wieder er- cbert. Alle diese Zahlen beweisen ganz eindeutig den schnellen und glänzenden Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft, die P r o d u t- tionsgrundlagen sind nicht nur im vollen Um- fange wieder hergestellt worden, sondern weit darüber hinaus. Schneller als die Produktion selbst sind die Produktionsanlaaen gewachsen und gleichzeitig wuchs die über- schüssige und nicht ausnutzbare Kapazität. Die Kapitalbildung. Wenn nun behauptet wird, daß dieser ganze Aufbau mit gc- borgtem Auslandsgelde bewerkstelligt worden sei, so wird auch das durch die Statistik widerlegt. Die gesamte Auslandsverichuldung — öffentliche und private— betrug Ende 1929 rund 27 Milliarden. Dem standen gegenüber deutsche Guthaben im Auslande in Höhe von rund 19 Milliarden, ohne die Kapito.lsummen, die heimlich aus dem Lande geflüchtet sind. Die effektive Verschuldung stellt sich also auf rund 17 Milliarden Mark. Demgegenüber sind von 1924 bis 1929 nach den Berechnungen des Instituts für Konjunkturforschung in die deutsche Wirtschast hineingebaut worden für Neuanlage» 29,8, Ersatzanlagen 26,2, Vorratsoermehrung 12,7, zusammen 65.7 Milliarden Mark. Das Auslandskapilal ist also nur ein geringer Bruchteil der Kapitalanlagen, die seit 1924 in der deutschen Wirtschaft durch- geführt worden sind. (Lebh. Hört! Hört!) Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht immer eine Kapitalnot bestände. Die Kapitalmengen, die durch den Krieg zerstört worden sind, waren in Generationen erspart und können nicht in wenigen Jahren schon wieder in der eigenen Wirtschast aus- gebracht werden. Wir sind deswegen noch auf lange Zeit hinaus auf Auslandskapital angewiesen und müssen alles versuchen, um möglichst leicht und billig zu Auslandskrediten kommen zu können. Dem steht aber die nationalistische Bewegung im Lande hemmend gegenüber! Wirtschastsanarchie? In Kiel hat Hilferding darauf hingewiesen, daß die gegenwärtige Periode dadurch gekennzeichnet sei, daß auf entscheidenden Gebieten die freie Unternehmerkonkurrenz abgelöst würde durch den o r g a- nisicrten Monopolkapitalismus. Ist es ein Wider- spruch, wenn wir heut« von einer Wirtschastsanarchie reden? oder ist inzwischen die Entwicklung rückläufig geworden? Weder das eine noch das andere. Der Monopolkapitalismus organisiert Wirtschastsbezirke. nicht die Volkswirtschaft. Er hebt in der Gesamtwirtschast nicht die Anarchie auf. er verlegt sie nur in eine andere Größenordnung. Er verwandelt den ökonomischen Bürgerkrieg Mann gegen Mann in einen ökonomischen Bandenkrieg. Aber der Kriegszustand selbst bleibt erhalten, und ist in vieler Beziehung noch zerstörender als früher. Der organisierte Kapitalismus schießt mit Granaten, wo vorher nur Flintenkugeln flogen. (Stürmische Zustimmung.) Der Monopolkapitalismus hat zweifellos zur Entstehung und Verschärfung der Krise sehr stark beigetragen, wie er auch ihren Ablauf verlangsamt. Am deutlichsten sichtbar ist die Störung des Preismechanismus, die von dort her kommt. Die schlimmste Wirkung des Monopolkapitalismus liegt ober vielleicht gar nicht einmal auf dem Gebiete der Preise, als vielmehr auf dem der K a p i t a l l e n k u n g. Die monopolisierten Wirt- schaftszweige erzeugen durch Preisdiktatur künstliche Rentabilitäten, und darum muß nun ganz automatisch auch der Kapitalstrom diesen künstlichen Rentabilitäten nachlaufen. Diese Wirkung des Monopol- Kapitalismus muß auf die Dauer das ganze Wirtschaftsgetriebe von der Kapitalfeite her in Unordnung halten, wenn dem nicht Maßnahmen für eine Regelung des Kopitalverkehrs und für eine scharfe Kontrolle der Karlelle und Monopole entgegen- gesetzt werden. Die Kapitalnot ist einerseits durch die umfangreichen Fehl- leitungen, andererseits aber noch künstlich gesteigert worden durch die bewußte Drosselung von Auslandskrediten in der Zeit, als der ausländische Kapitalmarkt dafür,-außerordentlich günstig war. Der verflossene Reichsbankpräfident Schacht darf für sich in Anspruch nehmen, das verhindert zu haben.. Er hat fjir fe.ine Politik gelegent- lich währungspolitische Notwendigkeiten angeführt, aber vor dem Enqueteausschuß hat er kein Hehl daraus gemacht, daß es vornehm- lich auch reparationspolitische Gründe waren. Die Stadt Berlin hat bekanntlich unter diesem Druck ihre Elektrizitätswerke verkaufen müssen, und am gleichen Tage bekam Herr Schacht einen glänzend bezahlten Aufsichtsratsposten in der Gesfürel. Er muß sich die Ver- mutuna gesallen lassen,>dab zwischen diesen beiden Tatsachen ein gewisserZ usammenhang besteht.(Stürmische Zustimmung.) Andere Strukturwandlungen. Die Entwicklung des Monopolkapitalismus ist eine sehr ent- scheidende Strukturwandlung des ganzen kapitalistischen Systems. Dazu kommt das Zurückdrängen der individuellen UnternelMer- Persönlichkeit durch die gesellschaftliche Unternehmungsform. Heute zeigt sich, daß der freie' Unternehmer gewiß noch in großer Zahl vorhanden ist, daß er aber in seiner Bedeutung weit zurückgedrängt worden ist durch die gesellschaftliche Unternehmungs- form. Hier sitzt an Stelle des Unternehmers mit-eigenem Risiko der„Wirtschaftsbeamte", der sich allerdings außerordentlich gut in feine veränderte Stellung hineingefunden hat. Die leitenden Beamten der Privatwirtschaft unterscheiden sich von den öffentlichen Beamten nicht etwa barin, baß sie noch ein persönliches Kapitolriftko zu tragen hätten, wohl aber in ihren Einkommens- begriffen. Da das Unternehmertum nicht müde wird, nach Sparsamkeit auf allen Gebieten zu schreien, kann man nicht daran vorbeigchen,.doß in der privaten Wirtschaft ein ungeheurer Luxus mit der Bezahlung oft sehr zweiselhaster Unternehmerqualitäten getrieben wird. Ministergchälter werden als selbstverständlich schon bei kleineren Unternehmungen gehalten, und in den Großbetrieben werden Ein- kommenszif-sern für diese Beamten erreicht, die selbst amerikanisch« Unternehmer, die den Dollar nicht verachten, in Verblüffung versetzen. Leider färben diese Einkainmens-begriffe ber privaten Wirtschaft auch auf die ö f f e n t l i ch e W i r t s ch a f t ab, und wir haben durchaus Ursache, uns dagegen zu wenden. Wenn allerdings auch das private Unternehmertum eine laute Kritik darüber treibt, bann ist das eine schwere Heuchelei. Durch die Anfrage der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion haben wir erfahren, wie sich die Gehälter der leitenden Beamten bei der Reichsbahn und der Reichsbank gestaltet haben, seitdem sie unter den Einfluß des privatwirtfchaftlich orientierten Aufsichtsrats gekommen sind. Danach erhielt der Generaldirektor der Reichsbahn neben freier Dienstwohnung ein Jahresgehalt von 122 999 Mk., der Reichsbankpräfident 299999 Mk. und jedes Mitglied des Reichsbankdirektoriums 199 999 Mk. Womit rst dieses Vielfache der Ministergehälter zu rechtfertigen? Lohnpolitik. Das kapitalistische Unternehmertum benutzt die ungeheure Arbeitslosigkeit zu einem skrupellosen und brutalen An- griff auf die Löhne. Dahinter stehen keine Volkswirtschaft- lichen Ueberlegungen. Es ist vielmehr soziale Brutalität. die Befriedigung eines Machtkitzels und eine stupide Volkswirtschaft- liche Tradition, die den kapitalistischen Enkel noch in der Volkswirt- schaft ebenso denken läßt wie den kapitalistischen Urgroßvater. Die Bedeutung des Lohnfattors ist aber heute eine ganz andere als in der Frühzeit des Kapitalismus. wenn 70 Prozent der Bevölkerung von Lohn- oder Gehalts- einkommen leben müssen, ist das etwas anderes, als wenn es nur 20 Prozent sind. Die Lohnarbeitevtlasse ist so groß geworden, daß sie jetzt der ent- scheidende Träger der nationalen Kaufkraft� ist, und darum wirkt jeder Druck auf den Lohn als ein Druck auf die Wirtschaft zurück. Durch eine Senkung der Löhne im einzelnen Betrieb« können auch die Gestehungskosten gar nicht mehr wesentlich gesenkt werden. Macht dach der Lohnanteil bei den Gestehungskosten in der chemischen Industrie nur 19 Prozent aus, in den Hochofenbetrieben gar nur 7 Prozent, in der Textilindustrie 15 bis 18 Prozent, beim Maschinen- bau 25 bis 35 Prozent, in der Automobilindustrie 29 Prozent usw. Darum war es auch eine bösartige Täuschung der Arbeiter und der öffentlichen Meinung, als der Lohnabbau mit dem Der- sprechen verbunden wurde, durch eine ebenso große Preissenkung den Reallohn erhalten zu wollen. (Stürmischer Beifall.) Seit dem Beginn der Lohnabbauoffenssoe hat sich die Zatss der Arbeitslosen um 1,5 Millionen vermehrt, und das ist der beste Be- weis für die Wirksamkeit dieser Aktion. Wenn trotzdem das Unter- nehmerlum jetzt schon wieder eine neue Lohnabbauosfenfioe vor- bereitet, wobei anscheinend die sächsischen Unternehmer den Ehrgeiz haben, die Führung zu übernehmen, muß man das brandmarken als eine Sabotage an der Bolkswirtschast und als bewußte soziale und politische Provokalion von höchster Gemeingesährlichkeit.(Stürmische Zustimmung.) Wenn die Kapitalisten sich einbilden, durch Lohnsenkung die Wirtschaft in Schwung zu bringen, womit wollen sie diese Auffassung begründen? Selbst wenn dadurch eine Steigerung des Exports er- reicht werden könnte, würde der Ver tust auf dem inneren Markte doch weit überwiegen. Nach der gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Situation ist aber ohnedem eine Steigerung der Exporttätigkeit kaum denkbar. Wie soll da der Ausgleich für den Aussall an Kaufkraft erreicht werden? Die Kapitalisten glauben zwar, daß es für sie vorteilhafter sei, Produktionsmittel zu erzeugen und nicht Verbrauchsgüter. Sie meinen also, der Konsum und die Verbrauchsgllter können ruhig zurück- gehen, wenn dafür nur die Produktionsmittelerzeugung aus- gedehnt werden könne. Die Anhäufung von Produktionsmitteln ist ja die Methode der Akkumulierung von Kapital. Dos gesellschaftliche Interesse ist selbstverständlich auf die Vermehrung der Verbrauchsgüter gerichtet, denn darin besteht ja überhaupt der Sinn der Wirtschaft. Das gesellschaftliche Interesse heißt also: mehr Brot! Das kapitalistische heißt aber: mehr Backöfen! Aus diesem Gegensatz der kapitalistischen und gelellschaftlichen Jnter- essen müssen sich automatisch immer wieder die Krisen entwickeln. Konjunkturperioden sind immer Jnveftitionsperioden, in denen der Produktionsapparat gewaltig ausgebaut wird. Goldene Zeiten für das Kapital, weil es sich selbst von Tag zu Tag dicker und fetter werden sieht. Dabei kommt unvermeidlich der Zeitpunkt, wo das große Loch in der Rechnung sichtbar wird, auch in der kapitalistischen. Der schöne Glaub«, daß die Anhäufung von Pro- duktionsnnttel immer eine Vermehrung des Kapitals sei, ermesst sich dann als Trugschluß. Wo der Absatz fehlt, da reduziert sich das investierte Kapital auf den Abbruchswert der Fabrikanlagen und den Schrottwert der Maschinen. Dann kommt der große Zer- störuirgsprozeß: die berüchtigte Echternacher Springprozession der kopttalislischen Wirtschaft. Drei Schritte in der Konjunktur voran und' dann immer wieder zwei Schritte m der Krise zurück. Aufbauen, um immer wieder zerstören zu müssen— zerstören müssen, um wieder aufbauen zu können. Wenn das kapitalistische Unternehmertum glaubt, den Zusammenbruch seines Kapitalgebäudes durch Lohn- abbau verhindern zu können, dann müßte es inzwischen eingesehen haben, welch ein furchtbarer Irrwahn das ist. Es scheint aber, als ob die Altersschwäche des kapitalistischen Systems auch zu einer Verkalkung des kapitalistischen Denkapparates führt! Die Arbeitszeit. Vor 19 Jahren hatte Hugo Stinnes in einer feierlichen Erklärung proklamiert: Wenn das deutsche Volk sich nicht vom Achtstundentag lossagt und zum Aehnstundentag übergeht, wird es die Grundlage seiner Existenz nie wieder finden. Heute würde wohl wohl niemand mehr den Mut aufbringen, eine solche Those aufzustellen. Es kann nicht mehr die Rede davon sein,-daß der Achtstundentag zu kurz ist, man kann nur noch darüber diskutieren, um wieviel er zu lang i st. Der Arbeitsmarkt redet in dieser Beziehung eine absolut deutliche und ganz eindeutige Sprache. Di« einfache Tatsache ist dios«: Wir haben einen Grad der Arbeitsintensität erreicht, daß es gar nicht mehr möglich erscheint. im Rahmen der bisherigen normalen Arbeitszeit alle Menschen vom Arbeitsmarkt jemals wieder unterzubringen. Es gibt nur zwei Lösungen: Entweder der Verbrauch steigt so gewaltig an, daß der Arbeitsmartt durch vermehrte Beschäftigung leer werden kann. Daß das kapitalistische System diesen Ausweg ermöglicht, ist nicht zu erhoffen. Deswegen bleibt nur die andere Lösung übrig, nämlich eine Verteilung der Arbeits Möglichkeiten auf die vorhandenen Ärbeitshände. Wir fordern die 40stündige Arbeitswoche, nicht nur als Not- Maßnahme für den Augenblick, sondern für die Dauer, und sind überzeugt, daß im Rahmen auch dieser Arbeltszeit die Versorgung der Gesellschaft, soweit sie im Kapitalismus überhaupt denkbar ist, gewährleistet werden kann. Endgültige Krise des Kapitalismus. Was sollen wir aus der gegenwärtigen ökonomischen Krise für Schlußfolgerungen für den Bestand-des kapitalistischen Systems ziehen? Einige Genossen glauben, daß es sich diesmal nicht mehr um eine zyklusmäßige Krise, der wieder ein Aufschwung folgen würde, handelt, sondern um die entscheidende, um die endgültige Krise, die nur durch den Zusammenbruch des Kapitalismus beendet werden könnte. Ich glaube, daß man mit solchen Prophezeiungen sehr vorsichtig sein muß. Es ist richtig, daß die gegenwärtige Krise an ilmfang und Tiefe alle früheren Krisen übersteigt. Trotzdem wird man mit einiger Sicherheit annehmen dürfen, daß die Wirt» schaft die Wege finden wild, die wieder zum Ausstieg fuhren. Die Senkung der Zinssätze und der Rohstosfpreife sind nach allen früheren Krifenerfahrungen auch schon die sichtbaren Anzeichen-dafür, daß einllmschwung sich vorbereitet, was natürlich noch nichts über die Zeüdaues sagt, mit denen-dabei zu rechnen ist. Nun stehen wir allerdings am Krankenlager des Kapitalismus nicht nur als Diagnostiker, fondern auch, ja— was soll ich da sagen? — als Arzt, der heilen will? oder als fröhlicher Erbe, der das End« nicht erwarten kann? Wir sind, wie mir scheint, dazu verdammt, uns sowohl alsErbezu fühlen, der die Hinterlassenschaft lieber heute als morgen antreten möchte, wie aber auch als Arzt, der heilen muß, weil davon das Leben derjenigen abhängt, für die er die Verantwortung trägt. Diese Doppelrolle, die uns die geschicht- liche Situation aufzwingt, ist gewiß keine sehr einfache Situation. Wir müssen aber damit fertig werden, konkret ausgedrückt heißt die Ausgabe, das kapitalistische System überwinden, aber die Wirt» schaft nicht nur zu erhalten, sondern sie zu verbessern. Das russische Beispiel. So sehr ich mich auch bemüht habe, über die V o r st e l l u n g des Zusammenbruchs der kapitalistischen Wirt« schaft, denwirgewaltsam herbeiführen müßten,— ich denke dabei an die Kommunisten— irgendwo eine einigermaßen deutliche Lorstellung zu sinden, es ist mir nicht möglich gewesen. Das einzige Konkrete ist der Hinweis auf das russische Beispiel. Was können wir aber aus diesem Beispiel für die deutschen Verhältnisse lernen? Wie das russische Experiment einmal auslaufen wird, das kann heute noch niemand sagen. Was wir aber wissen ist, daß seil 14 Zähren das russische Volk in einem dunklen höllenlal des Elends herumgeführt wird, das die schlimmsten Zustände des kapitalistischen Systems selbst in der Krise noch übersteigt. Es wäre sehr töricht von uns, etwa den Zusammenbruch des russischen Experiments zu wünschen. Die Bolschewiki haben soviel zur Mißkreditierung des Sozialismus in aller Welt getan, daß wir schon aus diesem Grund wünschen müßten, daß ihnen auch einmal wirkliche Erfolge blühen möchten. Aber selbst wenn wir das annehmen wollten, was will das für eine etwaige Anwendung auf Deutschland besagen? In Ruhland entfielen nach der Volkszählung von 1925 nicht weniger als 87 Proz. der Bevölkerung auf die Landwirtschaft, und für diese sechs Siebentel des Volkes hat man sich die Lösung des ökonomischen und sozialen Problems zu- nächst außerordentlich einfach gemacht. Sic beruhte aus dem Grund- satz:„Bleib' auf dem Lande und nähre dich redlich". Soweit der Boden reichte, gab man den Landproletariern ein Stück Ackerland und stellte im übrigen die Fiktion auf, daß für die Landbevölkerung die soziale Frage gelöst sei. Wir wissen, wie wenig diese Fiktion mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Wir wissen, von welchen furchtbaren Krisen auch die russische Landwirtschaft geschüttelt wurde, und mit welcher Brutalität die hungernden Landproletarier wieder auf das Land hinausgejagt worden sind, wenn sie in ihrer Verzweiflung glaubten, in den Städten Brot bekommen zu können. Die Frage, ob die deutsche'Arbeiterschaft und überhaupt eine Arbeiterklasse m-t w e st e u r o p ä i s ch e m K u l t u r n i v e a u in der Lage wäre, ein solches Maß von Entbehrungen Jahre und Jahrzehnte auf sich zu nehmen, wie es dem russischen Volk bis zum heutigen Tage aufge- zwangen worden ist, diese Frage braucht uns aber auch gar nicht naher zu beschästige». Denn, selbst wenn wir sie bejahen, wollten, könnten wir immer noch nicht das russische Beispiel nachmachen. Wir können nicht sechs Siebentel der Bevölkerung einfach auf das Land hinausjagen und sich selbst überlassen. Wir habd«n Ka- pitalstrom wieder in normale Bahnen zu lenken und die Kapital- Versorgung Deutschlands zu bessern. Di« Siche- rung des Weltfriedens und die international« Abrüstung sowie«in planmäßiges Zusammenarbeiten der Staaten aus diesem Gebiete gehären dazu. Es müssen auch internationale Maß- n ki h m e m getroffen norden gegen die Kapital, und Steuer- flucht. Wenn wir in diesem Zusaminenhang die Aufhebung der Reparationszahlungen und die Streichung der inter- nationalen Kriegsschulden fordern, so ist das keine Schwenkung unserer Reparationspolitik. Wir sind für Verständigung eingetreten. weil dies der einzigste und schnellste Wog war, um das Ziel der endgültigen Befreiung zu erreichen. Angesichts der gegenwärtigen Lage Deutschlands und der offenkundigen Tatsache, daß das Repara- tionssystom ein schwerer Störungsfaktär für die ganze Weltwirtschaft ist, haben gerade wir nun auch das Recht, die Beseitigung der Reparationen zu fordern. Für die innere Wirtschastspolitik fordern wir schärfste Kontrolle des Monopolkapilalismus, wozu ein entsprechender Gesetzentwurf dem Reichstage schon vor- gelogt ist. Wir fordern einen Abbau der Zotlmauern und protestieren damit auf das entschiedenste gegen die hoch- schutzzöll neris che Agrarpolitik der gegenwärtigen Regierung, die nben der Verteuerung der Ernährung unserer ganze weltwirtschaftliche Position auf das Schwerste bedroht. Systematische Konjunktur- und Arbeitsbeschoffungspolitik und planmäßi«!« Zluftragsregelung durch die öffentliche Hand sind weitere Möglichkeiten. Ib mehr die kapitalistische Wirtschaft bei der Gesamt- regelung der Volkswirtschaft versagt, um so mehr muß die ö f f e n t- l i ch e Hand für diesen Zweck eingesetzt werden. Aus diesem Grunde fordern wir auch eine Verstärkung des öffentlichen Einflusses auf die Banken und Kroditinftltute, denn die innere Fehlleitung von Kapital hat wesentlich zur Krisenverschärfung beigetragen. Wir fordern einen weiteren Ausbau der öffentlichen Wirtschaft und weisen schließlich auf die Notwendigkeit hin, Auslandskredite hereinzuholen, um damit in erster Linie Arbeitsbeschaffung s- plane durchzuführen. Wir fordern weiter die gesetzlich« Ber- kürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und die Unterstützung einer Lohnpolitik zur Verstärkung der Massenkauf- kraft. Selbstverständlich haben wir uns zu wehren gegen'die An- griffe auf die sozialen Einrichtungen und müssen für ihren weiteren Ausbau kämpfen. Man kann all die vorgeschlagenen Maßnahmen zusammen- fassen unter dem Titel: Verstärkung des slaallich-wisienschafllichen Einflusses auf die Wirtschaft— Einengung der kapllalistischen Verfügungsgewalt über die Wirtschaft— Ausbau der sozialen Funktionen des Staates. Die vorgeschlagenen Maßnahmen bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, würden bereits die Konstruktion einer Gesellschaftsordnung sein, die dem Sozialismus näher stände als dem Kapitalismus Allerdings Hänger. Ausmaß und Tempo dieser Entwicklung nicht von den Formulie- rungen ab, sondern vorn Umfange unserer politischen Macht, die wir für die Durchsetzung der Richtlinien aufbringen können. Die Ausfichten des Sozialismus. Wie sieht es denn überhaupt mit den Aussichten des Sozialis- mus aus? Wir müssen eingestehen, daß die sozialistische Bewegung noch nicht stark genug war, um das gegenwärtige Elend der kapi- talistischen Wirtschaft verhindern zu können, das heiße aber nicht, als ob durch die proletarische Klassenbewegung die kapitalistische Ge< sellschaftsordnung noch nicht geändert worden sei. Es sind nicht nur erst Seime, sondern schon starke Fundamente und tragende Konstruktionen für den sozialistischen Vau der Zu- kunsl vorhanden. Und wenn die Nebel dieser Krise sich verzogen haben werden, dann wird sich herausstellen, daß gerade in dieser Zeit der Kapitalismus an Terrain verloren hat. Immer stärker wird die Abhängigkeit der kapitalistischen Wirtschaft vom Staate, immer größer damit der gesellschaftliche Einfluß über die Wirtschaft. Und mit der Demokratisierung der Staaten wächst auch der Einfluß des Proletariats in der Wirtschost. Die ge- scllschastliche Wirtschaftspolitik nimmt zu, und es wächst auch der nicht kapitalistische Sektor der öffentlichen und gesellschaftlichen Wirt- schast. Der innere Strukturwandel im Kapitalismus, das Zurück- drängen des individuellen Unternehmertyps durch gebundene Unter- luhmnngsformen liegen auch aus dem Wege von der privatkapita- listischcn zur gesellschaftlichen Wirtschaft. Mit Recht hat der bürger- liche Professor Schmalenbach den Unternehmern zugerufen: 3hr seid, wenn auch unbewußt, Vollstrecker des Testaments des großen Sozialisten Karl Marx! Wer wollte leugnen, daß die sozialen Funktionen des Staates gegen rüer schon außerordentlich groß geworden sind. Wenn Karl Marx schon das erste Arbeitszeitgesetz in einem kapitalistischen Staate als einen bedeutsamen und grundsätzlichen Sieg der politischen Ockonomis des Proletariats gefeiert hat, wievielesolcherSiegehaben wir nachher noch dazu bekommen! In früheren Krisen hat sich die Gesellschaft überhaupt nicht um die Opfer des Kapitalis- mus gckllmniert, außer einer erbärmlichen und entehrenden Armen- Unterstützung für Arbeitsunfähige. Der gesamte Aufwand, der dafür in dem schweren Krisenjahre 1885 gemacht worden ist, beiies sich für das ganze Reich aus 91 Millionen Mark. F a st 3 Milliarden Aiarl sind im Jahre 1931 an die Erwerbslosen ausgezahlt worden! Die gesamte Sozialversicherung hat im Jahre 1929 fast 7 Milliarden ausgezahlt gegen 1,14 Milliarden im Jahre 1913. Im Reichsetat standen damals dafür 5814 Millionen, 1929 1576 Millionen. Wir sind mit diesen sozialen Leistungen noch längst nicht zn- frieden. Wir sind auch davon überzeugl. daß die Wirtschaft noch mehr leisten kann. Wir müssen aber auch begreifen, daß in diesem Fortschrllt doch schon ein nichk geringes Stück verwirk- lichter Sozialismus steckt. Reben den sachlichen Voraussetzungen müssen auch die psycho- logischen zur Verwirklichung des Sozialismus gegeben sein. Nach der materialistischen Geschichtsaufsassllng wird das gesellschaftliche Bewußtsein geformt durch das ökonomische Sein. Die wachsende Unfähigkeit des kapitalistischen Systems müßte sich also ideologisch in eine Abkehr von diesem System widerspiegeln. Run sehen wir in Wirklichkeit eine starke„antimarxistische" Bewegung. Ist das ein Widerspruch? Rein, die proletarischen Massen, die heute hinter dem Hakenkreuz herlaufen, wollen alles andere fein als Preistämpfer für den Kapitalismus. Diese armen Teufel fühlen die brutale Faust des Kapitalismus im Genick. Sie wissen nur noch nicht, wie sie sich davon besreieu können. Es kommt nicht darauf an, was die nationalsozialistische Führung aus dieser Bewegung machen wird. Von Wichtigkeit ist hier nur die Tatsache, daß die Massen, die dahinter stehen, zweifellos eine scharfe Gegnerschaft zum Kapitalismus im Bewußtsein tragen. Sic haben schon gelernt, den Kapitalismus zu verfluchen, nur haben sie den Sozialismus noch nicht begriffen. � Auch wenn man weiter in die gesellschaftliche Ideologie unserer Zeit hinelnsieht, wird man finden, daß bei aller Gegnerschaft gegen den unverstandenen Marxismus die Verteidigung des kapi- talistischen Systems sehr schwach geworden ist. Außer den unmittelbaren Nutznießern dieses Systems gibt es nicht mehr viele, die es ehrlich verteidigen wolln. Und bis weit in die Reihen der Unternehmer hinein kann man bange Zweifel feststellen, ob dieses kapitalistische System wirklich der ökonomischen Weisheit letzter Schluß sei. Einen besonders starken Beweis für die Um- Wandlung der gesellschaftlichen Ideologie gegen den Kapitalismus und für eine neue Gesellschaftsordnung haben wir in den letzten Wochen durch den neuen Papstbrief bekommen. Wo ist die These von der Göttlichkeit und Unanta�tbarkeit der geltenden Ord- nung geblieben? Eindeutig heißt es in der Enzyklika:„Reu- ordnung der ganzen Wirtschaft ist unerläßlich!" Das alles sind Zeichen der Zeit, die erkennen lassen, daß trotz der ökonomischen und sozialen Röte dieser Zeit der Sozialismus schneller marschiert als je zuvor. Während des Weltkrieges haben die Vorkämpfer für den Dölkerfrieden zeitweise den Glauben daran verloren, daß ihre Aufklärungsarbeit Ersola haben könnte. Als der Krieg vorbei war, hat sich gezeigt, daß die schrecklichen Erfahrungen dieser Katastrophe mehr für die Aufklärung getan haben, als alle Friedenspropaganda. Der Krieg selbst hat auf dem ganzen Erdball Millionen neuer Anhänger für den Ruf gewonnen: Nie wieder Krieg I wir dürfen mit Sicherheit daraus vertrauen, daß auch die furchtbare Rot dieser Krise am Bewußtsein der Völker nicht spurlos vorübergehen wird, und daß, wenn die Redet dieser Krise sich verzogen haben werden, in aller Welt Millionen neuer Anhänger für den Sozialismus und für den Ruf gewonnen sein werden: hin- weg mit der kapilali ischen Wirtschaftsordnung! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) eBuch Alpines 3£andbuch Die erdkundliche Darstellung ist in der glücklichen Lag«, von allgemeinstem Interesse und allgemeinster Derständlichkeit und doch gleichzeitig von hohem wissenschaftlichen Gehalt sein zu können. Diese Verbindung macht geographisch« Werke und länderkundliche Reisebeschreibungen so reizvoll und beliebt und sichert ihnen eine große Verbreitung weit über die Kreise der Wissenschaft hinau». Daher kann der Deutsche und Oesterreichische Alpsnverein, der nun ein Zllpines Handbuch herausgibt(2 Bände mit 176 Ab- bildungen, 4 bunten, 8 Tiefdruckiafeln, 2 Karten; Leipzig 1931, F. A. Brockhoue, jeder Band in Leinen 14,30 M.), mit Recht für sein Werk dieses zweifach« und weitgreifende Interesse voraussetzen, um so mehr, als ausgezeichnete Kenner des Alpinismus und fesselnde Darsteller zur Mitarbeit gewonnen sind. Im ersten Band dieses Werkes wird nur in kurzen, klaren Ab- Handlungen, wie es dem Charakter eines Handbuches entspricht, die Kenntnis der alpinen Welt von der ganzen Erde vermittelt. Der bekannte Alpinist und Erforscher des Alai-Pamir, Rickmer W. Rickmers behandelt.Die Gebirge der Erde". Die schwierige Aufgabe der»Alpinen Geologie" löst in trefflicher Art, auch für den wissenschaftlich nicht geschulten Touristen verständlich und von höcki- stem Interesse, Prof. Gunter Dyhrensurth. Gute Prosiie und Skizzen sowie eine tektonische Uebersichtskarte der Alpen er- ganzen, die Abhandlung. Die»Alpin« Wetterkunde", eine für jeden Alpsnwonderer so wichtige Frag«, hat in Henry Hoek einen sachkundigen Bearbeiter gesunden. Desgleichen haben„Die Tier- welt der Alpen" und„Die Alpenpflanzen' gründliche und klare. erfreulicherweis« reich bebilderte Darstellungen erhalten. Daß für die Tierwelt ein großes Verzeichnis volkstümlicher Nomen bei- gegeben ist. wird als besonders dankenswert empfunden werden. Vielleicht ließe sich ein ähnliches Verzeichnis für die Pflanzenwelt jetzt oder später nachtragen. Für all« genannten Abschnitte weisen Literaturverzeichnisse die wichtigsten Bücher zur Weiterarbeit nach Damit ist der Inhalt des ersten Bandes jedoch noch nicht er- schöpft. Ein ausführliches»Wörterbuch alpiner Begriffe und Aus- drücke, einschließlich der französischen, englischen und italienischen Fachausdrück«',«in« über die gesamte Erde greifend«»Alpine Ge- schichte in Einzeldaten" sowie«in Schlagwortoerzeichnis, alle dre: Abschnitte von Walter Schmidkunz bearbeitet, zeigen, welche Füll« von Material, handlich geordnet, die Herausgeber vorzulegen gewillt sind. V/. Tietgens. WAS DER TAG BRINGT Riniiiiiiiiniiiiiiliiiinniiiiiniiiiiii!Ui:M!iii::>iini>iit:iiiiii':i!i:iiiiiiimiuiiiinmiiiimiiniimiwiniuMiMinnumiiuiiiimiiuiiiinmuMiinnrauiiHiniiHiii««wiHHiimiuimiuw ERZÄHLT VON YORICK Gruslige Geschichte Unterirdische Gänge kommen an drei Stellen vor: in Mittelalter- lichen Sagen, in neuzeitlichen Kitschfilmen und in Moabit Es handelt sich hier um den unterirdischen Gang in Moabit. Er ver- bindet das Gerichtsgebäude mit dem Untersuchungsgefängnis. Ge- baut wurde er für den Transport von Untersuchungsgefangenen durch die Justizwachtmeister. Nicht gebaut wurde er für den Transport von Rechtsanwälten. Der Berliner Rechtsanwalt M. berücksichtigte diese Einschränkung nicht. Sondern er eilte, weil ihm nach der Verhandlung noch etwas eingefallen war, was er seinem bereits abgeführten Klienten noch mitzuteilen hatte, besagtem Klienten durch besagten Gang nach. In- des wußte der abführende Beamte einen kürzeren Weg zur Zelle des Angeklagten und hatte den auch eingeschlagen; war zurückgekehrt und hatte die Tür zum Gerichtsgebäude wieder verschlossen, denn es war sechs Uhr abends. Und als Rechtsanwalt M. nach vergeb- lichem Weg wiederkehrte und hinaus wollte, war die Tür in die Freiheit versperrt. Etwas mißgestimmt eilte der Rechtsanwalt zum Untersuchung?- gefängnis und begehrte beim wachthabenden Beamten seinen Klienten zu sprechen. Der Beamte, getreu seiner Dienstvorschrift, verlangte die schriftliche Sprecherlaubnis, die der Rechtsanwalt nach Lage der Ding« nicht besitzen konnte. Infolgedessen wurde er abermals zurück- geschickt. Der Rechtsanwalt ging gehorsam, aber die jenseitige Tür war noch immer zu. Er rief, er pochte; es hörte Ihn niemand. Der De- fangen« mußte sich selbst einen Ausweg suchen. Er geriet in einen Wirrwarr von dunklen Gängen. Aber an einen Ausgang geriet er nicht. Hingegen gelangte er schließlich in den Keller. Doch war auch der mit Gittertüren verschlossen. Der Verteidiger wurde nervös, angstvoll nervös— und rief gellend um Hilfe. O Glück: es erschienen zwei Beamte.„Ich bin Rechtsanwalt M.", sagte der Verirrte erleichtert.„Bitte, lasten Sie mich hinaus.' Die Beamten sahen sich vielsagend an.„Kann jeder sagen!' meinte dann der eine brutal. Der Rechtsanwalt erklärte die Geschichte seiner Irrfahrt. „Kennen wir!" lautete die Antwort.„Ihre Papiere?' Ja, die Papiere— die lagen noch im Gerichtssaal. Das Lächeln der Auguren wurde noch vielsagender oder, noch den Regeln des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, mehrsagend. Sie nahmen den Delinquenten in ihre schützende Mitte. „Und nun", meinte der«ine freundlich,,„und nun sagen Sie uns schon lieber gleich, in welche Zell« Sie den richtigen Rechtsanwalt, dessen Robe Sie sich da angezogen haben, eingesperrt haben. Jedes Kind sieht doch, daß Ihnen die Robe nicht gehört. Und haben Sie schon mal einen Rechtsanwalt ohne Papiere gesehen? Ree, mein Lieber— auf den Schwindel fallen wir nicht mehr rein. Wir nicht!" t Also sprachen die Hüter des Gesetzes und eilten einer Zelle zu: dem voraussichllichen Aufenthalt für den Rechtsanwalt, zumindest in der kommenden Nacht. Nun aber kommt, wie sich das am Ende gruseliger Geschichten zur Freude de« Lesers gehört, das Wunder. Es bestand darin, daß auch der dem Rechtsanwalt bekannte Justizwachtmeister, der seinen Klienten abgeführt hatte, sich dienstlich verspätet hatte und dem seit- samen Gefangenentransport zufällig begegnete. Fünf Minuten später wurde der Verteidiger zur selben Tür Hinausgelasten, die sich vor Stunden so brutal und heimtückisch hinter ihm geschlossen hatte. Und wenn er sich inzwischen nicht über andere Dinge geärgert hat, dann freut er sich heute noch! Autostraße zum Eismeer? Wie aus Victoria(in Britisch-Columbien) berichtet wird, sind dort vor kurzem Vertreter der amerikanischen und kanadischen Re- gierung zusammengetreten, um über den Bau einer Automobilstraße zu beraten, die aus dem Innern der Vereinigten Staaten quer durch Alaska zum Beringsmcer führen soll. Der Plan ist ungeheuer, da die Verbindung von Alaska mit den Dereinigten Staaten von Nordamerika mehr als 1000 englische Meilen beträgt und dann noch ganz Alaska durchfahren werden muß, ehe man die offene See erreicht. Das Gebiet, das für die Anlage der Straße in Frage kommt, ist bereits nach den verschiedensten Richtungen hin überflogen worden, um festzustellen, welche Teile der besonders in Alaska noch kaum betretenen Gegenden sich am besten zum Bau der geplanten Straße eignen. Neben den landschaftlichen Reizen, die das Gebiet besitzt, wird die neue Straß« auch reich an geschichtlichen Erinnc- rungen sein, da bis zur Grenze von Alaska die alten Wege aus- gebaut werden sollen, auf denen in den Jahren 1862 und 1898 die Goldgräber dorthin zogen, und wo noch viele der alten Blockhäuser stehen, die damals von ihnen erbaut wurden. Freilich werden dem Umfang des Unternehmens entsprechend die Kosten des Baues sehr groß sein, und die Provinz Columbien ist im Hinblick auf die schweren finanziellen Belastungen von dem Bauplan nicht gerade begeistert. Dagegen machen die Bertreter der Vereinigten Staaten geltend, daß die Nollendung einer solchen Automobilstraße die Be- wohner von ganz Amerika dorthin ziehen werde, und daß der Strom der Reisenden, die sich jetzt an den Stillen Ozean begeben, zum großen Teil an dos ihnen völlig unbekannte Eismeer abgelenkt vürde. Di« zu dem Unternehmen verwendeten Kapitalien würden daher außerordentlich ertragreich angelegt sein. Erst wenn die Straße gebaut sein würde, und die Bewohner der Bereinigten Staaten ebenso bequem zum Eismeer kommen könnten, wie jetzt zum Stillen Ozean, würde für dos mit dem romantischen Schimmer eines Goldlandcs umgeben« Alaska die wahre Blüte beginnen, die auch der Provinz Britisch-Eolumbien die reichsten Erträgnisse bringen werde. Olympia-Sonntag in Neukölln Die Ausscheidungskämpfe der Arbeitersporiler für Wien Gorsdi- Berlin springt mit 1,83 m neuen Bundesrekord! Die Ausscheidungstampse des 1., 2., 4., 15. und 16. Kreises im Arbeiter-Turn- und Sportbund für die O l y m- piade in Wien standen am Sonnabend und Sonntag in Neu- kölln leider unter keinem sehr günstigen Stern. Am Sonnabend abend oerzögerte ein starker Gewitterregen den Beginn der Ver- anstaltung um eine halbe Stunde. Um das Programm noch vor der Dunkelheit abwickeln zu können, mußten der erste Teil des Zehn- kampses und die IQst-Meter-Vorläuse bei leichtem Regen stattfinden, die Sportler kamen daher nicht zur vollen Entfaltung. Immerhin wurden am Sonnabend noch mit die besten Leistungen erzielt. Die 100 Meter konnte ch e l d t- Berlin nach scharfem Brust-an-Brujt- kämpf in 11,4 Sekunden vor Höwler-Stettin und Leps-Magdeburg beenden. Leps litt sichtlich unter einer Fußvcrletzung, konnte aber trotzdem in den 400 Metern die beste Zeit von 53,4 Sekunden laufen. Im 1500-Meter-Lauf zeigte sich Altmeister W a g n e r- Leipzig noch immer als der Schnellste. In der letzten halben Runde konnte er sich von dem ebenfalls gut lausenden Birkholz-Stettin frei machen. Bei den Hammerwerfern wartete B a d u r- Frankfurt mit einem schönen Wurf von 33,72 Meter auf. Der 10 000-Meter-Langlauf sah in K r a u s e- Leipzig den besten Taktiker in Front. Während der ersten Hälfte des Rennens führten Lietzmann-Brandenburg und Leistikow-Berlin stets mit 60 Meter Vorsprung. Die Leipziger nnd Friedrich-Gardelegen bildeten die zweite Gruppe, die gegen Schluß langsam aufschloß. In prächtigem Endspurt sicherte sich dann aber Krause die Führung. Der Sonntag Der Vormittag brachte vornehmlich die Mehrkämpfer und die Sportlerinnen auf die Beine. Wagner- Leipzig stellte auch im ö00>Meter-Lauf seine Ueberlegenheit unter Beweis. Den Zehn- kämpf gewann Scheibe- Magdeburg mit 699,06 Punkten vor Corts-Brandenburg und Krause-Eberswalde. Raumann-Leipzig, der Favorit, kam durch den Ausfall zweier Geräte aus dem Rennen. Den Fünfkampf holte sich ebenfalls Scheibe- Magdeburg vor Trennert-Köthen, und Roeßger-Mittweida. Bei den Sportleritinen siegte Ortel(Volkssport-Wedding) mit 220,55 Punkten vor Reit- mann-Weißwasier und Kalkreuter-Brandenburg. Der Nachmittag wurde bis um 15 Uhr mit den Vorkämpfen des Frühjahrssportfestes ausgefüllt. Inzwischen sah man die Hoch- und Stabhochspringer bei der Arbeit. «Lörsch- Berlin stellte mit 1,83 Meter beim hochsprang einen neuen Bundesrekord auf, während L e g e l e r- Dresden mit dem Stab 3,50 Meter übersprang. Bei den Endkämpfen gab es In allen Klassen der Würfe, Sprünge, Läuse und Stafetten prächtige Kämpf«. Der 800-Meter-Lauf der Olympiakämpfer hielt, was man sich von ihm versprochen hatte. Kurz vor dem Ziel tonnte H u w e- Berlin Schirdewahn-Leipzig passieren. Braun-Berltn wurde guter Dritter. Bei einwandfreier Bahn wäre sicher unter 2 Minuten gelausen worden. Mit einer guten Leistung wartete ferner die Sportlerin Z a i e n- ASE.-Berlin mit einem Wurf von 38,16 Meter mit dem Schleuderball auf. Um sich einen Begriff von der Gleichwertigkeit in den ein- zelnen Klassen zu machen, sei bemerkt, daß nicht nur die Kurz- streckenläufe, sondern auch fast alle 4X100-Meter-Stafetten, die Schwedenstafette der Jugend und sogar die 10x�-Rundenstafeite der L-Vereine nur mit Brustbreiten entschieden wurden. In der .�-Klasse der Viererstasette kämpften ATE. und Ostring bis ine Ziel hinein, in der K-Klasse waren Köpenick, Proles und Osten fast gleichzeitig am Band; Moabit, ASV.-Wedding und Fürsten- walde hatten kurze Abstände, Weddings ältere Sportler gingen knapp vor ASV.-Reukölln und ACE- durchs Ziel. In der Schweden- stafette tonnte Schöneberg ASV.-Reukölln den Rang ablaufen, wäh- rend die Olympische Stafette von Fürstenwalde vor Luckenwalde und ASV.-Reukölln belegt wurde. In der 3X1000-Meter-Stafette gewann mit Volkssport-Reukölln ein Außenseiter. Zu erwähnen wäre noch ein guter Weitsprung von A n t r i ck- Vraunschweig mit 6,78 Meter. Für Abwechselung sorgten die„5 E r n e st o s" vom Arbeiter- Athleten-Bund mit guten Darbietungen. ASV-Neukölln erntet« mit seiner Gymnastikabteilung wieder reichen Beifall bei seiner Sondervorführung. Den Abschluß der Veranstaltung bildete die 20 X5v-Rundenstafette der.�-Vereine, die nach wechselnder Führung zwischen ASC. und Ostring die ersteren gewannen. Die nachstehend angeführten Sieger der Neuköllner Kämpfe werden sich voraussichtlich in der Wettkampsmannschaft für die Ar- beitersport-Olympiade in Wien Hefinden. 100 Meter. S»ortl«r: 1. Sew(ASC.) 11,4; 2. SSwIer(Stettin) lU: 3.£tps(Maadebura) 11,6.— 400 Meter, Sportler: 1. Leps(Maadeburq) 58,4; 2. Trarcl(Ofttitifl) 53,6.— 1500 Meter, Sportler: 1. Waaner(Leipzig) 4:12,6; 2. Birkholz(Stettin) 4:17,4.— 10 000 Meter: 1. Rtauft(Leipzig) 35:27,2; 2 Leistikow(ASC.) 35:34,6.— 400 Meter, Hürden: Weinthal(Milnchen. Gladbach) 63,9.— Honemerroerfen: Badnr((Zrantfrirt a. d. Oder) 33,72 Meter. — 800 Meter, Sportler: 1. buive(ASC. Berlin) 2:02: 2. Echirdewahn (Leipzig) 2:02,2.— Kugelstoßen. Sportlerinnen: 1. Heine I Schönow) 8,88 Meter; 2 Dumte(Osten) 8 HO Meter.— Weitsprung, Sportler: Antritt(Braunschweig) 6.78 Meter.— Schleuderballwerfen, Sportlerinnen: Kaein(ASC. Berlin) 38.16 Meter.— Spccrwersen, Sportlerinnen: 1. Ortel(Boltetp. Weiching) 81,96 Meter; 2. Schulz(ASC. Berlin) 31,79 Meter.— Stabhochsprung: 1. Legaler(Dresden) 3H0 Meter: 2. Schulz«< Weihwasser).— Hochsprung: l. Dorsch«Berlin) 1,83 Meter: 2. Wilde(Maadeburg).— 5000 Meter, Sportler: Wagner(Leipzig) 16:28,6.— 200.Meter, Sportlerlnnen: Dietrich(Slcltin) 28. — Dreisprung. Männer: Roeßger(Mittweida) 13,07 W-tcr.— Specrwersen, Männer: 1. Schuster(Lnckewroalde) 48,51 Meter: 2. Schulze(Weißwasser) 48 Meter.— Schleuderbollwerfcn, Sportler: Staril(sfotft) 47,20 Meter.— Mehrkampf, Kehn-Kamps: 1. Sdzeibc(Magdebura) 699,06 Punkt«: 2. dort« (Brandenburg) 662,28 Punkte.— Mnf.Kamps(Olympia): Scheid«(Maqdc. durg) 330,46 Punkte,— Drei-Kampf, Sportlerinnen: 1. Ortel(Bolkssport Wedding) 220,55 Punkte: 2. Rcumann(Weihwasser) 218,71 Punitc: 3. Kalkrouter (Lrandendurg) 210,92 Punkte. tiRBEilEH TUSSBALL Schwimmer gegen Fußballer 1: Z Das war wieder einmal ein Wetterchen für die Schwimmer. Als nämlich Hanne, der Schiedsrichter, das Spiel, in dem sich An- gehörige der Schwimmersparte mit richtiggehenden Fußballern treffen sollten, begann, goß es in Strömen. In wenigen Minuten waren die Spieler und auch der Platz vollkommen durchnäßt. Da fühlten sich die Schwimmer so recht in ihrem Element, wogegen die Fußballer nicht so sehr erbaut waren. Aber trotzdem gaben beide Mannschaften ihr bestes her, um den Kampf so interessant wie möglich zu machen. Einzelne Spieler holten Momente heraus, die jedem geübten Fußballer Ehre gemacht hätten. Unter fortwährenden Anfeuerungen ihrer Anhänger begannen die Schwimmer den Kampf. Zu Anfang zeigte sich eine kleine Ueberlegenheit der Fußballer, die sie auch durch das Führungstor ausdrücken konnten. Doch dann /amen die Wassersportler immer mehr auf. Man sah, daß es ihnen 'mit dem Fußballspielen ernst war, wenn sich auch manchmal ur- komische Situationen ergaben. Nach mehreren vergeblichen Ver- suchen, das Resultat zu verändern, gelang es dem schnellen Rechts- außen der«Schwimmer, unter dem Jubel der Zuschauer den Aus- gleich zu erringen. Immer mehr belagerten sie dann das Tor des Gegners, ohne jedoch den Torwart bezwingen zu können. Erst in der zweiten Halbzeit kam der ersehnte Führungstreffer. Dann unternahmen die Fußballer wieder einige ihrer Durchbrüche, die auch kurz vor Toresschluß zum Ausgleich führten. Voll Stolz, den Fuß- ballern gezeigt zu haben, daß man auch als Wassersportler Fuß- ball spielen kann, verließen die Schwimmer mit einem dreifachen „Frei Heil" den Platz. Auch„Hanne" suchte hocherhobenen Hauptes und im vollen Bewußtsein, seine Pflicht als Pfeifenonkel erfüllt zu haben, seine Kabine. Das anschließende Treffen der ersten Mannschaften von Lichtenberg I und �ansa 31 zeigte wieder einmal, daß es möglich ist, wenn sich beioe Mannschaften Mühe geben, auch einen harten Kampf ohne jede Unfairnis zu spielen. Die 2: 1-Niederlage, die die Hanseaten einstecken mußten, wurde für sie zu einem Erfolg. War es doch erst das dritte Spiel, das sie austrugen. Das Resultat stand schon bei der Pause fest. Nach dem Wechsel machte sich der schwere Boden bemerkbar. Aber die beiderseitigen Hintermann- slhasten ließen es zu weiteren Toren nicht mehr kommen.— Einen äußerst flotten und wechseloollen Kamps lieferten sich Eintracht- Reinickendorf und Eiche- Köpenick. Die Reinickendorfer lagen bei der Pause mit 3: 0 in Führung. Dann rissen sich die Köpenicker zu- sammen, in gleichmäßigen Abständen wurde nicht nur der Vor- sprung eingeholt, sondern sogar mit 4: 3 in Führung gegangen. Erst in der letzten Minute tonnten die Reinickendorfer den Ausgleich her- stellen. Arheiter-Handhall FTGB.-Rosenthal 1. Männermannschast spielte am Sonnabend gegen Volkssport-Wedding 2. Männermannschaft und verlor hoch mit 15: 3(6: 2). Am Sonntag spielt« die 2. Männermannschast von Rosenthal gegen die Sportabteilung der Kleingärtner-Char- lottenburg. Di« Kleingärtner führten in der ersten Viertelstunde mit 2:0 Toren. Dann erst fand sich Rosenthal zusammen und könnt« in kurzen Abständen Erfolge erzielen, so daß es zur Pause 6:3 für Rosenthal lautete. Die zweite Halbzeit wurde von beiden Mannschaften wieder sehr lasch gespielt. Das Schlußresultat lautete 8: 5 für Rosenthol. Die Frauenmannschaften von FTGB.-Boum- schul«nweg und Turn- und Sportoereinigung Kaulsdorf trennten sich unentschieden 3: 3. FTGB.-Mitte(1. Männermannschast) weilte in Hennigsdorf und spielte gegen die dortige 2. Männer- Mannschaft. Das Resultat lautete 4:2<4:2) für Mitte. Hennigs» dorf(Frauen) gewann gegen FTGB.-Rordring(Frauen) mit 3: 1. 13 Steher im Stadion Der BDR. ohne Zuschauer Drei Veranstaltungen will der Bund Deutscher Rad- f a h r e r in dieser Saison im Grunewald-Stadion durchführen. Schon die erste, die gestern vor sich ging, endete— trotz Kampfbörse— mit einem finanziellen Mißerfolg. Das weite Rund des Stadions war höchstens von 2000 Personen besetzt, die sich in der über 40 000 Personen fassenden Arena recht wunderlich ausnahmen. Vierzehn Dauerfahrer der Nachwuchsklasse sollten um den „Goldpokal vom Stadion" in zwei Läufen über insgesamt 100 Kilo- meter streiten: dreizehn waren am Start erschienen, die sich aller- dings nur zuin Teil gute Kämpfe lieferten. Im ersten Lauf über 40 Kilometer wurde lange vom Forster Pawlack geführt, bis sich dann Damcrow in stetiger Weise vorarbeitete und die Spitze übernahm. Der favorisierte Gay, der kürzlich auf der Olympia- bahn einen guten Eindruck hinterließ, wurde dritter hinter Wolke. Wolke, der unter Karl Saldows Leitung fein Heil als Sturzkappen- fahrer versuchen will und auch schon sehr zu gefallen wußte, fuhr gestern reiht gut mit dem Kopf, rückte in der letzten Runde stark zu Damerow auf und ging zehn Meter hinter ihm durchs Ziel. Auch Funda hielt sich recht wacker. Der alte Fritz Bauer vermochte hier nichts auszurichten. Der zweite Lauf, der über 60 Kilometer ging, mußte dank einer wenig geschickten Handhabung der Start- folge beim 22. Kilometer wegen des einsetzenden Regens abgebrochen werden. Hier befand sich der Italiener Gay in Front. Wolke gab, da die Maschine seines Schrittmachers streikte, das Rennen auf. Heute abend, 19 Uhr, soll der Laus noch einmal ausgefahren werden. — tz. Ceyebnisse. Gvldpokol vom Siadiän. 1. Lauf. 40 Kilometer: 1. Damcrow 35:01,4; 2. R. Wolke, 10 Meter; 3. Gay. 12 Meter; 4. ftunM, 108 Meter; j. Bawläck, 300 Meter: 6. Sännölrr. 350 Meter; 7. Schmidt. 750 Meter; 8. Lo- tioff, 1100 Meter; Ii. Schäfer, 1150 Meter; 10. Allrqen». 1230 Meter; IX. Carpus, 1630 Meter; J2. Mcycr. 2100 Meter: 13. Bauer. 2800 Meter zurilit.— 2. Lauf (Sei 22 Kilometer abqcbrach«»): 1. Evo 19:57.6; 2. Damerow, 680 Meter; s. SoNrff, 900 Meter; 4, Corpus.«30 Meter; 5. Schmidt. 1010 Meter; 6. Schindler, ISOO Meter; 7. ssunäa, 1410 Meter! 8. Menrr. 1500 Meter; I>. Schäfer, 1650 Meter; 10. IUr«c»s. 1800 Meter; 11. Lowlaek. 2100 Meter; 12. Bauer, 2400 Meter; Wolke air-qcqcbcu.— Amateur-Punktefaliren; 1. Beinert, 27 Punkte; 2. Deefch. 26 Punkte: 8. Becker, 25 Punkte; 4. Solz, 24 Punkte.— MannfchaftS'Brrfoleiunosrrnnen: 1. Germania Charlotteirbur« l 8:38,8: 2. Post-Srorlverein 9:08: 3. Sermonia-Cdorlvttenbura II. ADAC- Regatta auf dem Templiner See Der Allgemeine Deutsche Automobilclub und der Deutsche Aul- bord-Club hatten am Sonntag ihre Motorbootregatta wie immer auf der ideale» Regattastrecke aus dem Templiner See bei Potsdam. Organisation und Abwicklung der Rennen klappten großartig, an Stelle der Zeitbälle hatte man fünf lange Neonleuchten angebracht, deren jede nach Ablauf einer Minute erlosch, so daß sich die Bootsführer gut über die Zeit zwischen Vorbereitungs- und Startschuß orientieren tonnten. Vor dem Regattayaus und an den Stegen dos gewohnte farbenfrohe, lebhaft« Bild der weiß-blau ge- kleideten Sportler und der schmuck hergerichteten Boote. Zur inter- nationalen Regatta vom 4. bis 7. Juni waren bereits die Spanier mtt einer Anzahl in der Form mehr als merkwürdig anmutenden Außenbordrennbooten eingetroffen. Sie wurden viel bestaunt. Eines von den oi«len interessanten Rennen lieferten sich die Vorderkajütboote mit Geschwindigkeiten bi» 18 Kilometer. Rudi II(Erb. Kofeld) mit einem Presto ll?!? hielt sich ständig an der Seite von Bummler III, der eine Klasse höher rangierte, d. h. bis 24 Kilometer hatt«. Ruthmaus II(Erbauer Encselbrecht), Seloe� 15 beendete zwar das Rennen siegreich, doch belegte Rudi II! einen sehr guten 2. Platz, da Bummler III 300 Meter vor dem Ziel mit einer Panne liegen blieb. Im Rennen der offenen Boots von 18 bis 24 Kilometer Geschwindigkeit änderte sich die Kämpflags vom Start aus nicht. Hansi(Reinicke-Werst) Breuermotor, legte sich in Front und hielt die Stellung vor Fifitus(Brumm-Breuer) und Charlotte(«Schramm-Ford) bis zum Ziel. In der Klasse der offenen Boote bls 36 Kilometer Geschwindigkeit holte sich Möwe durch sauberes, gleichmäßiges Fahren einen achtbaren Erfolg. Rudi blieb bereits im Start liegen— im Vorjahr« Halter Getriebeschaden—. Helga fiel an zweiter Stelle liegend einem Zünddesekt(am Motorl) zum Opfer. Die Plazierungen entsprechen nicht unbedingt den errechneten Siegen. Außcnbord-Tourenboote mit Motoren nicht über 566 ccm Zylinderinhalt lieferten sich im Rennen 5 ein scharfes Gesicht, bei dem schließlich Splash II mit Evinrude gut siegte vor Schneider und Iohkisonett«, die weit zurücklag. Der Sieger fuhr 39,8 Kilometer heraus, Schneider brachte«s auf 37,9, während der letzte nur 31,1 Kilometer erreichte. Genosse Richard Habel aus Neukölln, der langjährige Funk- tionär des Lrbeiter-Radfahrer-Bundes, ist von einem schweren Gc- schick betroffen worden, durch das ihm seine Ehefrau genommen wurde. Genosse Habel, bekannt als sehr geschickter und ruhiger Motorfahrer, hatte mit seiner Ehesiau eine Pfingstsohrt zu der 77jährigen Mutter der Genossin Habel nach Görlitz unternommen. Etwa 15 Kilometer vor Görlitz wurde er, trotzdem er noch rechtzeitig gestoppt hatte, von einem in geradezu wahnsinniger Fahrt rasen- den Motorfahrer, einem Willi H e i d e r aus Breslau, ange- fahren. Dabei ging der Beiwagen in Trümmer und die Genossin Habel erlitt so schwere Berletzungen, daß sie bald darauf im Städtischen Krankenhaus in Görlitz starb. Der Urheber des Unglückes flog zwar im hohen Bogen von seinem Rad, erlitt aber keine nennenswerten Verletzungen. Die Bestattung der auf so schreckliche Weise um Leben gekommenen Genossin Habel findet am Dienstag, dem 2. Juni, abends Uhr, im Krematorium Baum- schulenweg, statt. Cilly Aussem Meisterin von Frankreich. Im Kampf um die französischen Tennismeisterschaften gelang es der deutschen Eilly Aussem, den bedeutendsten Sieg zu erringen, den Deutschland seit dem Krieg im internationalen Tennis zu verzeichnen hat. Helene Mayer wieder Europameisterin. Bei den Europa- Meisterschaften im Fechten wurde Helene Mayer, Frankfurt a. M., die Olympiasiegerin von 1928, Europameisterin. Sic hat den Titel damit zum zweitenmal in Besitz genommen. ®onl>ct»ot)ül)nntfi«n der RS®®, tut Olympiade. Ued»»«staa für die Olnmviateilncbmerinnen deute tu der Turndalle Straßmonirstr. 8»m 20 Mir. Kartellbezirl Menkäll». Sidun« Dienstay. 20 Uhr, ,rn Jdcalrastno. TB.»Di« Aatursreunde". Ausipracheadrnd der eondcrabteilunaen Mr alle Bolkadtidnenmitalieder heut«, 10)4 Ubr, im Sidunassoal Borckftr. 11. Dr. Dödlin und Karl Hein» Martin sprkchen über:..Die Ehe" und den»Eplel» plan der Volksbithne". Votkedttdnenkart« l««iltmiert. i Jh Rückschav. Als„M ensch mit Büchern und Schallplatten" stellt sich Willi S ch ä f s e r s vor. Die Stunde, die er dem Hörer bot, entsprach dem Sinn der Veranstaltung. Schäfsers hatte«ine ganz persönliche Auswahl getroffen. Daß Goethe und vor allem Beethoven darin einen brdsin Platz einnahmen, war sehr begreif- lich. Aber dazwischen staird eine zärtlich« Liebe für Wien, ein Bekenntnis zu dem heute fast vergessenen Herbert Eulenberg, zu laum noch gekannter Lyrik, zu zeitkritischer Dichtung. Und aus allem zusammen formte sich das, was di« Stunde verhieß: das Porträt eines Menschen. Ein sympathisches Porträt. Im Programm der Deutschen Welle sprach Juliu, B a b „D o m W« s e n d e r K r i t i k". Er verteidigt« den Kritiker gegen jene, die ihn als nörgelnd«» Reporter verurteil«),— und gerade diese Anschauung ist sihr eingewurzelt. Schon Goethe, Möricke und Uhland sahen die meisten Kritiker in dieser Maske, obgleich es natürlich zu allen Zeiten Kritiker gab, die nicht verneinend und zerstörend, sondern aufbauend der kllnstl«rischen Produktion ihrer Zeit gegenüberstanden. Man brauchte mir an Lessing und Georg Brandes zu denk«n, die als Kritiker mindestens so unsterblich sind wie die Künstler ihrer Zeit, da ohne sie ein wesentlicher Teil dieser Kunst vielleicht überhaupt nicht wäre. Bab betonte, daß der Kritiker aber auch kein Feuilletonist ist, wie das heute so oft an- genommen wird. Die von einer persönlichen Stimmung aus- gelösten Impressionen sagen nichts über das Kunstwerk; sie sördern es auch nicht. Rur das Kunsterlebnis, das«in Kunstwerk im Kritiker auslöst, schasft fruchtbare Kritik. Tcs. Montag, 1. Juni. Berlin. 16.05 Dr. J. G. Poritzky: Sinnvolle Arbeit als Lebensziel. 16.30 1. Max Trapp: Divertimento für Kammerorchestcr, op. 27. 2. Ebel: SInfonietta Qlocosa, op. 39(Berliner Fimkordiestcr, Dir.: Piof. Max Trapp, Arnold Ebel).• «7.30 Radwanderfahrt(Hermann Hellweger). 17.50 Rut Landshoff liest Kurzgeschichten. 18.10 Unterhaltungsmusik. 18.50 Herbert Ihcring und Dr. Paul Frlcdländer: Idealismus und Materialismus. 19.30 Unterschiede(musikalische Gegenüberstellung). Am Mikrophon: Walter Gronostay. 30.30 Aktuelle Abteilung. 21.00 Tages- und Sportnachrichten. 21.10 1. Donisch: Streichquartett A-Moll. 2. Beethoven: Streichquarletl Es- Dur, op 74(Havemann-Ouartett). 22.00 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Königswusterhausen. 16.00 Hauptlehrer A. Köpke: Die Tageszeitung als Mittelpunkt des freien Gesamtunterrichts. 17.30 Das Melodram.(Sprecher; Karl Graef; Flügel: Prof. Julius Dahlke). 18.00 Prof. Dr. Loewe: Der jüdische Volkshumor. 18.30 Dr. Q. Masur: Bildung%und Gesellschaft Im 19. Jahrhundert. 19.00 R. Stumpf: Erinnerung an die Skagcrrak-Schlacht. 19.25 Dr. Kanneriberg: Rentablere Hcuwcrbung. 19.45 ca. Ob.-Ing. Nairz: Viertelstunde Funktechnik. 20.00 Von Köln(nur für Königswusterhausen):„Die Brautschau". Unwahrscheinliche Begebenheit von N. Gogol. Deutsch von Luise Flachs-Fok- schaneanu. Spielleitung: Josef Kandner. Krankentransporte führen zu bchördl. festgesetzten Preisin und für alle Krankenkassen K o p p' s ch e Kronkenwogen aus— Bestellungenannahme in den Avotheken oder Sammel-Rr. Dl—, Norden 3422— kostenloser Betrennachweis— Tag und Nacht. Rom zerreißt den Lateranvertrag Vernichtungsfeldzug gegen die katholischen Vereine 'Jede Diktatur kann kraft ihres terroristischen Un> Wesens keine andere Meinungsäusterung oder gar Cr» ganisation als ihre eigene dulden. Sollte der Vatikan bei seinem Friedensschluß mit dem Faschismus die Zu- kunft der katholischen Vereine für gesichert gehalten haben, so hat er sich schwer getäuscht. Das erlebt er jetzt. da die Faschisten in ganz Italien ihren nur zeitweise unterbrochenen Vernichtungskrieg Wider die katholischen Organisationen wieder aufnehmen, um ihnen dasselbe Schicksal zu bereiten, wie längst schon der Arbeiterbewe- gung. Wir erhalten darüber folgenden Bericht, der auch zeigt, wie das Papsttum sich mit kirchlichen und diplomati- schen Mitteln zu wehren versucht. Rom. 1. Jum.(Eigenbericht.) 3ii der Nacht zum Sonntag hat der„Osservatore Romano" Entlchlüss« des Vatikans verbreitet, die für den äußerst zugespitzten Konflikt mit dem Faschismus sehr bedeutungsvoll sind. Erstens ist mit sofortiger Wirkung den Bischöfen die Verantwortung und der Schutz für die katholischen Volksverbände übergeben. Das be- deutet, daß diese Verbände zu einem Teil der kirchlichen Einrichtungen gemacht werden, an die nach dem Lateramo- oertrag nicht gerütelt werden darf. Die von der Regierung wahr- scheinlich beabsichtigte Auflösung dieser Verbände wegen anti- faschistischer Gesinnung soll damit oerhindert werden. Zur Polizei- lichen Schließung einer Reihe katholischer Vereinshäuser ist es schon gekommen. Zweitens hat der Papst zum Protest gegen die überaus traurigen Vorfälle, unter denen sogar Beleidigungen der geheiligten Person des Papstes sind", die Entsendung des Legaten zu den Kirchenfesten in Padua zurückgezogen. Aus den gleichen Gründen und aus ernstlichen Befürchtungen heraus,„wegen der Schwere der Lage, wie sie sich seit einigen Tagen gestaltet hat", sehen sich die obersten Kirchenbehörden gezwungen, den eucharistischen(katholische W«lt-)Kongreß auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Diese Befürchtungen sind um so begründeter, als dieg leiche Nummer des Vatikanorgans ungeheuerliche Gewalttaten aus den verschiedensten Teilen Zlaliens meldet. So verschuchlen Faschisten in Verona, den vischosspalasi nachts mit Venzin in Vrand zu stecken. Das Feuer konnte noch gelöscht werden, sonst hätte es unübersehbaren Schaden angerichtet. So werden au» Venedig, ober anch aus anderen Städten, eine Fülle von Gewalltaten berichtet. Nicht allein Uebrfäll« auf Katholiken und Priester, vor allem auch Verwüstungen und Zerstörungen von kacholischen Vereinslokalen,«inen wahren JBerualtsturm auf eines dieser Ge- bäude in Venedig. Alle Einzelheiten lasten sich gar nicht wieder- geben, es stnd ihrer zu viele. Das Gerücht, wonach der Papst dringlich das gesamte diplomatische Korps zu einer Beratung über die Lage einberufen hätte, sei unrichtig. Wenigstens ist der Deutschen Botschaft beim Vatikan nichts davon bekannt, aber das diplo- matische Korps ist nach unserer Kenntnis vor zwei Tagen von dem Ernst der Lage durch das päpstliche Staatssekretariat unterrichtet wsrden. Oer Papst protestiert. Rom, 1. Juni. An seinem gestrigen Geburtstag hielt der Papst an«ine Glückwunschdeputation katholischer Verbände eine Ansprache, in der er ausführte, er begehe einen sehr traurigen Geburts- tag infolge der Ungebührlichkeiten, die sich in den letzten Tagen ereignet hätten und des Hasses und der Gewalt, mit der gegen die katholische Aktion vorgegangen wird. Der Papst habe als einer der ersten den Faschismus gelobt, als er den R e l i g i o n s- Unterricht in den Schulen wieder einfüihrte. Aber was die rechte Hand gab, habe die linke wieder genommen. Der Papst habe in den Beziehungen der Kurie zu Italien immer den ersten Schritt getan. Er habe immer die Hand geboten. In seinem Rundschreiben über die christtiche Ehe habe er die italienischen Gesetze lobend erwähnt, und in seinem letzten Rund- schreiben die guten Seiten der neuen berufs ständischen Ordnung Italiens gewürdigt. Dessen ungeachtet sei gegen die katholische Jugend und die katholischen Studenten Gewalt an- gewandt worden. Der Papst habe das Recht und die Pflicht, an das Konkordat zu appellieren und in diesem Sinne diplomatische Schritte eingeleitet. Abgeschn davon, müsse er als Bischof von Rom und Primas von Itlaien Protest erheben. Was solle er den jungen Leuten sagen, die von den Feindseligkeiten betroffen wurden? Der Papst zitierte Kapitel 5 der Apostelgeschichte Vers 412„Diese gingen nur freudig vom Angesicht des hohen Rates hinweg, weil sie würdig befunden wurden, um des Namen Jesu willen Schmach zu leiden." Selbst wenn die katholische Jugend die Auflösung ihrer Verbände über sich ergehen lassen müßte und sich nicht gegen die Gesetze auflehnen könnte, würde sie in geistiger Hinsicht immer mit ihren Bischöfen vereint sein. Der Papst erinnerte serner an den Spruch:„Fürchtet euch nicht, ich bin mit euch bis an das End« der Tage." Der Papst sprach schließlich die Hoffnung aus, daß diejenigen, die die Hand gegen die Kirche erhoben haben, nicht von der gött- lichen Gerechtigkeit gestraft würden, und daß die göttliche Gnade die Verfolger zurückführen möge auf die Bahnen friedlicher Zu- sammenarbeit. In einem Interview des in Bolgna erscheinenden„Resto del Carlino" dementiert der Präsident der Katholischen Aktion in Italien, Ciriaci, die„falschen und tendenziösen Versionen", die über die Jahresversammlung der Katholischen Aktion verbreitet worden seien, und erklärt unter anderem: Die Zusammen- arbeit mit dem Regime ist freimütig und aufrichtig. Die katholische Aktion kann unmöglich mit einer polittschen Aktion verwechselt werden. Auch nicht entfernt kann über die katholische Aktion als an eine maskierte Wiederherstellung der früheren Satholischen Volkspartei gedacht werden. Die Befürchtung, die Katholische Aktion könne zum Mittelpunkt regimef«indlicher Betätigung werden, ist unbegründet. Die Kacho. tische Aktion wird sich immer nach den Richtlinien des Heiligen Stuhles und in Uebereinstimmung mit den Be- stimmungen des Konkordats außerhalb jeder politischen Partei und jeder politischen Betätigung halten. Großfeuer in Biesdorf. Eine Frau schwer verleht.— Zwei Kinder gerettet. In dem östlichen Siedlervorort Biesdorf gerieten am Sonntag nachmittag, vermutlich infolge Selbstentzündung von Filmstreifen, die Fabrikationsräume der A i l m v e r w e r- tungsgesellschaft, Alt-Biesdorf 44, in Brand. Das Feuer flammte explosivartig aus und eine fast 150 Bieter hohe Flammen- und Rauchsäule kennzeichnete weithin die Stätte des Unglücks. Das Fabrikgebäude brannte völlig nieder. Die Flammen sprangen auf ein angrenzendes kleines wohngebäude über, in dem sich zwei kleine Kinder befanden. Die Blulter der Kleine», die gerade nach Hause zurückkehrte, erlitt bei dem Versuch, ihre Kinder zu retten, schwere Brandverlehungen. Die Frau mußte iu» Krankenhaus gebracht werden. Die in höchster Gefahr befindliche» Kinder konnten durch zwei Schupobeamte und einen unbekannten Zivilisten, der sich in hervorragender weise an dem Ret- tungswerk beteiligte, im letzten Augenblick geborgen werden. Die Feuerwehr war an der Brandstelle mehrere Stunden lang angestrengt beschäftigt. Der Schaden ist sehr hoch. Autobus mit 40 Ausflüglern umgestürzt. In der Köniostraß« in Wo n n s e e ereignete sich in der»er- gangenen Nacht ein folgenschweres Verkchrsunglück. G«gen 24 Uhr wurde ein A u s f lu g s- A u t o b us, der mit 40 Personen besetzt war und sich auf der Rückfahrt von Berlin nach Destau befand, von einem überholenden Privatauto am linken Vorderrad gestreist. Dem Führer des Autobus wurde die Steuerung aus der Hand gerissen und der wagen raste in den Chaussecgraben, wo er umstürzte. Unter den Insassen brach eine Panik aus. Glücklicherweise stellten sich dt« Folgen später als nicht ganz so gefährlich heraus, wie es zu- erst den Anschein hatte. Zwei Schwer- und sechs Leichtverletzte wur- den ins Hindenburg-Krankenhaus gebracht. Sturmschäden in Berlin Kolgen des schweren Ltnwetiers in den nördlichen Außenbezirken Das schwere Gewitter vom Sonoabendabend erfuhr in den gestrigen Rachmitlagsstunden durch ein Unwetter, das bis in die Abendstunden dauerte, ein« verstärkt Fortsetzung. Im Norden und Osten Berlins und den angrenzenden Vororten wurden am Sonntagabend durch den Gewiltcrsturm schwere Verwüstungen angerichtet. Zahlreiche starke Bäume wurden entwurzelt und durch einen Wolkenbruch in vielen tiesgelegenen Strahenzügen erhebliche Ueberschwemmungen verursacht. Der größte Teil Berlins wurde von dem Unwetter, das in nordwestlicher Richtung weiterzog, nicht sehr in Mitleidenschast gezogen. Der Sturm und der starke Regen brachen so überrascheud über die ausgedehnten Waldgebiete herein, daß Tausende von Ausslüglern bis aus die haut durchnäßt die Bahn- höse erreichten. Abgedeckte Dächer und entwurzelte Däume. Das von dem Wirbelsturm heimgesuchte Gebiet ist ziemlich be- grenzt. Es erstreckt sich in der Hauptsache auf die Ortsteile Tegel, Reinickendorf-West und-Ost, Wittenau, Waid- mannslust, Hermsdorf, Frohnau, wo in einzelnen Straßen Dächer abgerissen und die Holzsparren vom Sturm Hundert« von Metern mitgeführt wurden. In der Hauptstraße in Wittenau wurden allein ein Dutzend Bäume entwurzelt. In vielen Siedlergärten wurden schwere Verwüstungen angerichtet und die Obsternte völlig vernichtet. Bei der Feuerwehr, die etwa zwei- hundertmal alarmiert wurde, liefen in unaufhörlicher Folge Mel- düngen von Unwetterschäden ein. Allein in 80 Fällen mußten ge- sährliche Ueberschwemmungen beseitigt werden. Zwei Frauen schwer verleht. In der Bernhardstr. 18 in Wilmersdorf wurde durch Blitz- schlag ein Stück Mauerwerk vom Dachgiebel auf die Straße ge- schleudert. Zwei Frauen, die I8jährig« Agnes Gärtner au? der Maxftr. 41 und die 46 Jahre alt« Gertrud Räschke aus der Schoperstraße, wurden von dem niedersausenden Mauerblock ge- troffen. Beide mußten mit schweren Verletzungen in das Ger- traudten-Krankenhaus gebracht werden. Llnfälle auf dem Wasser. Obgleich die in den späten Nachmittagsstunden heraufziehende schwarz« Wolkenwand und fernes Donnergrollen das Unwetter an- kündigten, nahmen viele Wassersportler die Situation zu leicht und blieben mit ihren Fahrzeugen auf dem Wasser. Die meisten muß- ten für ihren Leichtsinn büßen. Auf dem Tegeler See wurden durch die Gewitterbö« allein über 20 Boote zum Kentern gebracht: ähnlich war es im Gebiet der Havel. Von den Rettungsmotor- booten des Arbeiter-Samariter-Bundes in Tegel wurde ein Ehepaar und deren Kind nach ein«m Paddelbootunglück vom Tode des Ertrinkens gerettet. 11 Boote stnd nach dem Sturm abgeschleppt worden. Auch die Hafen- und Schiffsschutzpolizei (früher Reichswasserschutz) hatte während de? Gewittersturmes alle Hände voll zu tun. 11 Ausflügler, die an verschiedenen Stellen in die Gefahr des Ertrinkens geraten waren, konnten unversehrt ge- borgen werden. Im Freibad Müggelsee ertrank der 30jährige Ar- beiter Wilhelm B a t h k e aus der Lübbener Str. 15. Im Langen See, unweit Schmetterlingshorst, ging der 17jährige Hans Ma- l i n o w s k i beim Schwimmen unter und versank lautlos. Im Landwehrkanal, an der Möckernbrücke, stieg der 28iährige Arbeiter Hermann Schmidt aus der Teltower Str. 42 ins Wasser, um stch zu erfrischen. Dabei erlitt«r einen Herzkrampf urw ertrank. Eifersuchtsdrama in Weißensee. Den Nebenbuhler angeschossen. Der Schlußakt einer Eifersuchtstragödie spielte stch am Sonn« abend spät abends in der Berliner Allee zu Weißensee ab. Eine Frau A., die dort wohnt, war früher gut befreundet mit einem 30 Jahre alten Johann Szukulski. Er machte aber schlechte Streiche und wurde zuletzt wegen schweren Diebstahls zu Gefängnis verurteilt. Seme Freundin sagte sich deshalb von ihm los unh knüpfte, während er in der Strafanstalt weilt«, Beziehungen zu einem anderen Manne, einem 3öjährigen Joses L., an. Szukulski hatte Urlaub bis zum 1. Juni erhalten und erschien in der Berliner Allee. Er wußte, daß die Frau sich einem anderen zugewandt hatte und beschloß, Rache an dem Nebenbuhler zu nehmen. Als Frau A. und L. von einem Ausgange heimkehrten, trat ihnen im Flur Szukulski entgegen und gab auf L. einen Schuß ab, der die rechte Schulter traf. Trotz der Verletzung tonnte L. den Schützen ent- waffnen und festhalten, während Frau A. einen Polizeibeamten herbeirief. Szukulski wurde festgenommen und gab zu, daß er die Absicht gehabt habe, den anderen über den Haufen zu schießen. Der Eifersüchtige wird dem Richter vorgeführt werden. TFiSatsf, Lichtspiele usw. Montag, 1. 6. staats-Oper Unter d. Linden 273 A.-V. 19 Uhr Palestrina Ende n.iZh Uhr An Plih dir Ripnblik V.-B. 19Vj Uhr Die un Oiflntl. Kartinnrtul Ende n.22Vi Uhr Montag. 1.6. staut. Oper Bisrnarckstr. 20 Uhr Qeschl.Vorstllg. Angelina Enden.22>/« Uhr Staatl. (u C tu dann« markt). 46. R.-S. 20 Uhr sisdie Sdiladit Iii« Rirtnnrtiif Ende n. 23 Uhr Staat!. ScbiHatei. Mtög 20 Uhr Emilia Galotti Ende nach 22>/> Uhr BETRIEB-jK KEMPIHSKlO margarete waiHotta Bln.-Steglitz, Fichtestr. 10. Tel. Stegl. 3684 Kiieder mr Laute- Realtatloneu VolUsbimne Theater in IRIowplitz. 8 Uhr Lumpazivagabundus Staat!. Sdiiller-Tti. 8 Uhr Emilia Galotti Staatsoper Am Pl.d.Republik Vh Uhr Die Zaabertlöte Oeotsdies meatet 8 Uhr Der Hauptmann von ROpentm v. Carl Zuckmayer Regie: Hein Hilpert Die Komödie Täglich 8>h Uhr Dienst am Kunden «on Curt Bois und Hex Hansen Regie; HansDeppe RoriBrsteiidamm- TPeater Bismarck 449 JjFfcJUhJ Alles Schwindel m Marcellus Schiffer. Musik von Mischa Spoiiansky. hgh;(nM Er&d�u IU MM llen Bnlloeil Gar wunderschön isi's bei Roses im Osten. � Für mich noch wert, dort froh zu sein, � Denn würd' ich rasten, würd' ich rosten � Und mich des Ostens nicht er- treun.�Nehm drum den Wanderstab wie Moses � Und rufe .Lebe wohl mein Schatzt'�lch pürsch mich jetzt vergnügt zu„Roses", ♦ Dort ist der„wahre lakob"- Platz.+ M WM in DmwaliieJikoli Vom I. bis 25. Juni Mont b. Sonnab. 8" Sonntag; 5«, 9» ROSE THEATER Große Frankfurter Straße 132. U-Bahn Strausberger Platz 6 ffiglger Vo/rer. kauf lüglicfa von 11-1 Uhr u. 4-9 Uhr Telefon. Bestellung: E 7, Weiduel 342Z ROSE-GARTEN Wochentags 5® Uhr Sonntags S® Uhr Konzert, Variete 8» Operette Das Liebesverbot Preise; 0,60 bis 2 M. Reichshallen-Theater Allabendlich|**[ Uhr Stettiner Sänger Der neueste Sctiu/anh „Alles verrückt!" Barnowsky-StltiDen Thealsr In der Stresemengstr. Täglich 8-/. Gestern n. Benfe Komödianhaue Täglich 8»/» Uhr Schweugels mit Felix Bressart und Rosa Valetti Met il. Wim Täglich 8Vi Uhr Schön ist die Welt mit Kammersänger Otto Fasse) Thealer Im AdmiraiSDalast Täglich 8V» Uhr Der lustige Krieg Schollwer, Carola Lilien, Priem Lustspielhaus Tägl. 8'fj Uhr Die goldene motie Lori Leax Komiscne üper 8'h Uhr Alt- Heidelberg Lüde Eofllisth, Weiteraieier, HJ.Moefiis, Peukert Lewng-flieatBi Täglich 8V* Uhr Der rasende Sperling Klnz, Vihrog, Meyo, Rex BOhren, Filter i Enatxleiie, Preisliste gratis KoblankaD). Pumpenfabrik BERUH I> 85, Reiiiikeiiiiorfir Str. 95 inetropol-ibeater Täglich 8>1. Uhr Die Toni aus Wien Mady Christians, Michael Bohnen L-]uergens Alcxanderplatz Neue Königstr, 5- MM aulllangs-,B»batt- B.Beklamemarten gegen Nachahmung gesetzt, gesch. fertigt seit«5 Jahr als Spezialltat Conrad HOlier Leipzig- Schkeuditz Ketitöule] | mottei| Vateztmatcaktm ■.SStitniflim«*, Mr. follbettcn.«uflrot. maltcatn, Cbaiic lenaues. Weiter. Statflatbet(tta*e achtzebn.ReinLaden musiit- liwirumeniB Sintpieaos, Mietviniw» überaus preiswert. Pianokabrik Link, Brunnenkrake 85.* Riefenlaaer. Bechkeinpiana, Blüthnerpiano, Ibachpiano. kchwechtenpianos. Biesepiano. Dun- senpiano, Solou- pianos 175,—. 275,— an, Marlenslünel 490,— an, gebrauchte. Äbendrofh.Bois- damerstrake 74.• Bährsiieiei eeltstlelel braun, schwarz 29.50 fflotorradstiefei 22.50 25.50 Ulanderstiefel, vetterfest. 11.50 13.50 15.50 Alle Sorten Sport-, Jagd-, Reit-, Berufsstiefei KI. Biftlmr Berlin$W1« Splttelmarkl 7 w dir Wdt) PwtiK 6?M | FainrMer Ballonrenner. Ballontouren.. Ballondamen. Maschs. neu 66,—, 85.—. 75,—. Original» Brennabor- Baüon- räder 85.-. Mach. now, Weimneiker- Krake M._ Sebraxchte Kabrröder. 20.- 25.-V 80,—. Machnow. Weinmeisierkr. 14. IS, Hauiflesüctiel Robngebisse. «latinabfälle. Oueckiilder. Rinn» metalle, Silber» schmelze. Goldschmcl. eerei. Chriftionat. Röpenickerstrake 89, Laitestelle Adalbert, Krabe.