Morgenausgave Hr. 227 A 140 4S.Iahrgang Wöchentlich LS Pf., monatlich 3.60 M. im voraus zahlbar, Postbezug 4,32 M. einschließlich 60 Pf. Postzeitun gs- und 72 Pf. Postbestellgebühren. Auslands« obonnement 6,— M. pro Monat; fiie Länder mit ermäßigtem Drucksachen« vorto ö.— M. Der„DorwSrts� erscheint wochentäg- lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgabe für Verlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend" Illustrierte Beilage„Volt und Zeit-. Ferner �.Frauenstimme-. �Technik-,„Blick in die Bücherwelt", „Iugend'Vorwärts-u.. Stadtbeilage- f w-'vw AerUner vottsblatt Mittwoch 17. 3uni 1931 Groß-Äerlin Ii) pf. Auswärts i.5 pf. £1« etnfpalL Nonpareillezelle 80 Ps. ReN-mkz-il« S,— RM.„Kleine An. «eigen" ia» seitgedrllckle Morl 25 Pi. (zulässig zwei fettgedruckte Wone>, jedes wettere Wort(2 Pi. Rabatt lt. Taus. Stellengesuche das erste Wart IS Ps. jede» iveilere Wart 10 Ps. Watte übel 15 Buchstaben zählen für zwei Warle. vrbeiismarll Jette SO Ps. Famitten» eiOP'"' De» Vertag behält sich da« Recht»er Ablehnung nicht genehmer Anzeigen aarl Jentvalorgan de« GozialdemoSratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernspr.: Tönhoff(\. 7) 29i— 297. Telegramm-At>r.: Sozialdemokrat Berlin. Vorwärts-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: BerlinZ? 636.— BanKonto: Bankder Arbeiter, Angestcstien und Beamten, Lindenstr. 3, Dt.B. u.Disc.-Ges., Depofitenk., Jerusalenrer Str. 66/K6. Brüning lenkt ein— keine Krise! Ein Anfangserfolg im Kampf um die Notverordnung! Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion nahm in ihrer gestrigen Nachmittagssitzung das Ergebnis der inzwischen mit Brüning geführten Verhandlungen zur Kenntnis und setzte dann die Debatte fort. Die endgültige Entscheidung rückte immer näher, als der Reichskanzler die Abgeordneten Wels und Breitscheid wissen lieg, daß er zu einer w e i t e r e n K o n z e s s i o n be- reit sei. Er ließ erklären, daß er in naher Zeit über die „notwendigen Aenderungen" der Notverordnung verhandeln wolle und dann auch mit der Einberufung des Haushalts- ausschusses einverstanden sei. In Anbetracht der Zusagen des Reichskanzlers sah sich die sozialdemokrotischc Fraktion im letzten Stadium der Verhandlungen vor eine neue Situation gestellt. Die große Mehrheit beschloh unter den obwaltenden Umständen, das Angebot der Reichs- rcgierung anzunehmen und der Einberufung des Haushalts- aussckiusses nicht zuzustimmen. Um 18*4 Uhr trat der A c l t e st c n r a t wieder zusom- incn. In der Zwischenzeit hatten die R e ch t s- u n d L i n k s- radikalen beschlossen, ihre Taktik vom Bormittag zu ändern und für die Einberufung des Haushaltsausschusses zu stimmen. Sie waren zu diesem Entschluß gekommen, nachdem der Staatssekretär der Reichskanzlei in der Mittagssitzung des Aeltcstenrats ohne zwingenden Grund erklärt hatte, daß die Rcgierung auch für den Fall der Einberufung des Haushaltsousschustes zurücktreten werde. Unter Bezug- nähme auf diese Erklärung stellte der Kommunist T 0 r g l e r in der Sitzung des Aeltestenrats den Antrag auf Einbenkfung des Housholtsausschusses. Nicht, wie er erklärte, well die Kommunisten die„Illusion" haben, daß in diesem Ausschuß an der Mtverordnung irgend etwas geändert würde, sondern um aus diesem Wege den Sturz d er Regierung zu erreichen. Die Deutschnationalen und Nationalsozia- listen schlössen sich der Erklärung ihrer Wegbereiter an. Die Abstimmung ergab, daß nur die Links- und Rechtsradikalen für die Einberufung des Haushaltsausschusses waren. Alle anderen Fraktionen stimmten dagegen. So hat die zugespitzte innen- und außenpolitische Lage Deutschlands im letzten Augenblick eine Entspannung erfahren. Jetzt liegt es bei der Regierung Brüning, ihr Wort schnellstens einzulösen. » Der am Dienstag von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion mit großer Mehrheit gefaßte Beschluß hat folgenden Wortlaut: „Nachdem di« Neftierung sich zur alsbaldigen Aufnahme von Verhandlungen zur Acndc- rung der Notverordnung bcreiterklärt hat, nimmt die sozialdemokratische Fraktion von der Crin- berufuug des HaushaltSausschusies angesichts der bedrohlichen Finanz» und Wirtschaftslage im gegenwärtigen Zeitpunkt Abstand." Das Büro der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gibt zu dem Beschluß noch folgendes bekannt:„Die sozial- demokratische Reichstagsfraktion war am Dienstag den ganzen Tag über im Reichstag versammelt, um zu den Anträgen auf Einberufung des Reichstags Stellung zu nehmen. Zunächst wurde beschlossen, die Ein- berufung des Haushaltsausschusses des Reichstags zu verlangen, um dort die Möglich- keiten der Verbesserung der Notverordnung zu prüfen. Nach der ersten Sitzung des Aeltestenrats um 12 Uhr gab der Reichskanzler den Vertretern der sozialdemokratischen Frak- tion Erklärungen zur Notverordnung ab, aus denen hervor- ging, daß die Reichsregierung bereit ist, bei den Ausführungsbestimmungen für die Milderung von Härten Sorge zu tragen. Von entscheidender Bedeutung für die Haltung der sozialdemokratischen Fraktion war eine weitere Erklärung des Reichskanzlers, er sei bereit, unter der Boraussetzung, daß das finanzielle Gesamt- ergebnis nicht gefährdet werde, die Verhandlungen mit der sozialdemokratischen Fraktion fortzusetzen. Er sei auch gewillt, im gegebenen Zeitpunkt der Eiuberusnug des Haushaltsausschusses des Reichstags z u z u st i m- m e n und an seinen Arbeiten mitzuwirken." »» ch- Der wirkliche Kamps mit wirksamen Mitteln gegen die unsozialen Härten der Notverordnung vom 5. Juni ist hier als Programm der Sozialdemokratischen Partei verkündet worden. Diesen Kampf hat die Reichstagsfraktion am gestri- gen Tage mit Energie und Konsequenz geführt. Sie hat dabei einen Erfolg davongetragen. Auch das ist hier schon gesagt worden: Nur gemeine Volksbetrüger können so tun, als könnten sie die Notlage, aus der die Notverordnung entstanden ist, und die harten Not- wendigkeitcn, die sich aus ihr ergeben, durch irgendwelche Be- schlösse einfach wegpusten. Wir werden uns also wohl hüten, den Erfolg, den die Fraktion gestern errungen hat, als einen olles wendenden Sieg hinzustellen. Wir sind damit einvcr- standen, wenn man diesen Erfolg im Verhältnis zu dem Er- strebenswerten als recht bescheiden bezeichnet. Auf der anderen Seite muß aber doch gesagt werden, daß erstens das gestern Erreichte ein Optimum darstellt, wie es unter entsetzlich schwierigen Umständen eben noch erreicht werden konnte, und daß zweitens für weitere Käwpfe um die Vcr- besserung der Notverordnung eine günstige Ausgangsstellung gewonnen worden ist. Der Fraktionsoorstand hatte am Montag beschlossen, die Einberufung des Haushaltsausschusses vor- zuschlagen, und die Reichstagsfraktion hatte sich gestern mittag diesem Vorschlag angeschlossen. Indem sie die Ein- berufung des Reichstagsplcmims abgelehnt hatte, hatte sie doch schon deutlich genug zum Ausdruck gebracht, daß sie nicht auf Krach und Krise ausging, nicht auf Klamauk und Kladde- radatsch, sondern daß sie einen praktischen Weg suchte, um praktische Verbesserungen der Notverordnung herbeizuführen. Daß die Rcgierung sich zunächst weigerte, diese Brücke zu betreten, wurde von der Fraktion nicht verstanden und hat sie Beschluß der Funktionäre. Appell an die klassenbewußte, disziplinierte Arbeiterschaft. Am Schluß der gestrigen Berliner Funktivnärver- s a m nrl u n g wurde nach einem Rcscrat Aufhäusers, über das wir an anderer Stelle berichten, folgende Resolution mit sehr starker Mehrheit angenommen: Die Zunktilmärversammlung der Sozialdemokratie Groß-B erlin sieht in der Notverordnung vom 5. Zum einen unerhörten Angriff aus die Lebenshaltung aller Schichten des arbeitenden Voltes. Einer völlig einseitigen steuerlichen Belastung der Lohn- und Gehaltsempfänger und der Verbraucher stehen der brutale Abbau der Erwerbsloscnunterstühung. der siriegsbeschSdigtenrcnlen. der Veamtengehälter und der wohlsahrlspslege gegenüber, lediglich die hohen Pensionen bleiben geschont. Der Lohnabbau der Arbeit- nehmer in� den öffentlichen Betrieben wird durch Eingriff in die Tarifverträge erzwungen, das Arbeitsrecht durch Einführung einer Arbeitsdieastpflicht ausgehoben. Die schlimzpste Häufung sozialer Härten und Ungerechtigkeiten ist in dieser Notverordnung verbunden mit Subventionen und Liebesgaben an Industrie und Landwirtschaft. Die Notverordnung bringt keine Sanierung der Ge- meinden und der Sozialversicherung, sie bringt vielmehr eine all- gemeine weilgehende Schwächung der Kaufkraft der breiten Massen: sie verschärst damit die Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit. Arbeiter. Angestellte, Beamte. Sozial- und Kriegsreniner müssen von der Sozialdemokratie gegen die verhängnisvollen Wirkungen der Notverordnung geschützt werden. Die Berliner Funktionäre verlangen deshalb von der Reichs- tagssraklion. daß sie noch vor dem Znkraftlrelen eine w c s e n kl i ch e Acnderung der Notverordnung erkämpft. Za diesem Kamps um Recht und Schutz der werktätigen Massen muh die Partei parlamentarisch wie außerparlamentarisch alle Maß- nahmen treffen, insbesondere auch die rechtzeitige Einschaltung des Reichstags verlangen. Die Funktionäre appellieren an die klassenbewnhtc. disziplinierte Arbeiterschaft in dieser ernsten, ge- spannten politischen Lage geschlossen zur Sozialdemokratie zu stehen. um die Pläne der Reaktion, vor allem die Zerschlagung der Sozial- Versicherung und des larisrechls mit vereinten Kräften abzuwehren. schwer verstimmt. Es machte geradezu den Eindruck, als ob die Regierung überhaupt keine Verständigung wolle, sondern den Konflikt und ihre eigene Demission. Dieses Bild hat sich jedoch im Laufe des gestrigen Tages stark verändert. Die Re- gierung zeigte sich zu sachlichen Zugeständnissen auf sozialpolitischem Gebiet geneigt, die nicht un- beträchtlich waren. Sie erklärte sich auch bereit, in einem nicht fernen Zeitpunkt an der Beratung der Notverordnung im Haushaltsausschuß mitzuwirken. Damit war der Verhand- lungsweg geöffnet, war eine neue Sachlage eingetreten. Die Fraktion zog hieraus die Konsequenz, indem sie auf den so- fortigen Zusammentritt des Ausschusses verzichtete. Mit diesem Beschluß der Reichstagsfraktion war das Drama des gestrigen Tages eigentlich beendet. Es folgte nur noch das Satyrspiel der zweiten Sitzung des Aeltestenrats, in der sich Deutschnationale, Kommunisten und Nationalsozia- listen Plötzlich für die Einberufung des Haushaltsausschusses begeisterten. Mit schöner Offenheit erklärten sie, daß sie an eine Verbesserung der Notverordnung gar nicht dächten, sondern daß es ihnen nur darauf ankomme, den S t u r z d e r Rcgierung Brüning herbeizuführen. Sie glaubten, die Mitwirkung der Sozialdemokratie an diesem Werke zwecks schnellster Herbeiführung der Faschistenherrschaft in Deutsch- land sei sicher. Wer beschreibt die Länge ihrer Gesichter, als sie sich auf einmal von der Sozialdemokratie verlassen fanden! Ja, die werden heute nicht schlecht über„Verrat" schimpfen! Als ob die Sozialdemokratie ihnen jemals versprochen hätte, sie in ihren Bürgerkriegsplänen zu unterstützen! Die Sozialdemokratie hat mit dem schweren Berhand- lungskampf des gestrigen Tages den Bürgerkriegspolitikcrn keinen Dienst, dem arbeitenden Volk jedoch einen desto beste- ren Dienst erwiesen. Man macht sich keiner Uebertreibung schuldig mit der Feststellung, daß Deutschland sich g c st c r n am Rande einer Wirtschaftskatastrophe be- fand und daß die Lage auch jetzt noch in sehr hohem Maße kritisch bleibt. Die Reichsbank mußte gestern und vor- gestern erneut 136 Millionen Devisen beschaffen. So stark blieben während dieser Tage trotz der Diskonterhöhung die ausländischen Kreditkündigungen. Rund 1 Milliarde Mark Devisen hat die Reichsbank seit dem 1. Juni verloren- Die Reichsbank steht nahe an der Grenze, wo sie keine Kredite, auch nicht zur Devisenbeschafsung, mehr gewähren darf, denn die gesetzliche Mindcstdeckung des Notenumlaufs ist durch die Devisen- und Goldverluste nahezu erreicht. Daraus wäre zwar auch jetzt noch keine Gefahr für die Währung entstanden, aber die Reichsbank hätte sehr bald zu der sogenannten Kreditrestriktion schreiten müssen, die wahrscheinlich die Banken in olleräußerste Verlegenheiten gebracht, mit Sicherheit aber gerade die noch arbeitenden Unternehmungen vielfach zur Stillegung und zu massenhaften Ar- beiterentlassungen gezwungen hätte. Diese Gefahren sind keineswegs schon voll beschworen, aber die gestern erfolgte Lösung der politischen Krise kann der entscheidende Anfang zur Wiederherstellung des ausländischen Vertrauens und da- mit zur Abwendung der Katastrophengesahren sein. Das war aber noch nicht alles. Das Reich selbst stand bei Fortdauer der politischen Krise und der ausländischen Kredit- kündigungen, nachdem Reichsbank und Banken fast ausge- pumpt waren, vor der Tatsache, am 19. nicht die Gelder für die vollen Länderüberweisungen und am 2S. nicht die Gelder für die vollen Gehaltszahlungen zu erhalten. Bei zahlreichen Städten und Gemeinden mußte die drohende absolute Kredit- not und unübersehbare Geldteubrung zur Zahlungseinstellung für die Wohlfahrtserwerbslosen führen. Obwohl die L a ge s 0 f u r ch t b a r war und obwohl die sozialdemokratische Reichstagsfraktion die Furchtbarkeit dieser Lage restlos kannte, hat sie sich von keinem Ultimatum einschüchtern lassen und für das arbeitende Volk um die Ver- besterung der Notverordnung gekämpft. Sie hat bei diesem Kampf Erfolge errungen und dein Willen der Ar- beiterschaft Beachtung erzwungen: die Katastrophen- und Bürgerkricgspolitiker haben ihr Ziel nicht erreicht. Diese Er- folge sind Anfangserfolge. Diese Anfangserfolge wüsten durch neue zähe Kämpfe in baldiger Zukunft ausgebaut werden. Geschlossener Kampfeswille! Organisierte Krast! Aufhäuser spricht vor den Berliner Funktionäre«. Die außerordentlich stark besuchte Funktionäroersarn mlung der Lerliner Sozialdemokratie im großen Saal des Saalbau Friedrichs- Hain eröffnete Genosse Franz Künstler gestern abend mit einem � kurzen unö eindringlichen Hinweis auf den Ernst der politischen Lage. Sodann ergriff Genosse Siegfried Aufhäuser das 2Lort zu seinem Referat„Sozialdemokratie und Not- Verordnung". Er führte aus: Die Notverordnung der Regierung Brüning hat zu einem leidenschaftlichen Protest der Arbeiterschaft geführt. Die Sozial» demokratie muß der Willensvollstrecker dieser ungeheuren berechtigten Erregung sein. Der Kampf gegen die Notverordnung aber wird sich in kurzer Zeit zum Ringen gegen die Staats- streichgelüste auswachsen. Als Referent habe ich die Pflicht, den Funktionären das Ausmaß der 5kraftanstrcngung, die nötig ist, aufzuzeigen. Bei aller Kritik und allem Protest kann nicht verschwiegen worden, daß die Kämpfe schwer und opferreich sein werden. Wir inüsscn uns bewußt sein, daß wirtschasts-, sozial- und finanzpolitisch die Lage ernst ist. Das zergt schon der Fehlbetrag im Etat, der 2,4 Milliarden beträgt. Das zeigt die Existenz von Millionen Erwerbslosen. Die Notverordnung aber bringt keine Sanierung, sondern muß aufpeitschen, weil sie ein« einseitige Belaswng ist. Die Bürokratie hat sie benutzt, die soziale Reaktion durchzuführen und die Errungenschaften der Republik zu beseitigen. Die Regierung Brüning sagt: Di« Grenze dessen, was wir unserem Volk an Entbehrungen aufzuerlegen vermögen, ist«r- reicht. Wir sagen, sie ist weit überschritten. Sozial- politisch ist sie gekennzeichnet durch eine Herabsetzung der Be- tzüge der Erwerbslosen, die keine Grenzen kennt. Den Gipfel stellt die Behandlung der Jugendlichen dar. Die Jugend- lichen müssen durch das Verhalten der Regierung dem Radita l i s m u s in die Arme getrieben werden. Die Einzelbestimmungen sind von einer Härte, die einfach unerträglich ist. Dem ' kleinen Beamten nimmt man die Kinderzulage, die hohen Pensionen bleiben bestehen, weil es sich hier um„wohlerworbene Rechte" hau- delt. Der Reichsarbeitsminister will die Großpensionäre zu einem Verzicht auffordern, indem er ihnen einen Brief schickt. Vielleicht hätte er gut getan, Rückporto betzulegen, da er sonst wohl keine Antwort bekäme.(Entrüstete Zustimmung.) Die Notlage der Kvm- munen wird durch die Notverordnung nicht behoben. Im Gegenteil, die Etats der Gemeinden stehen unter«rhöh-tem Druck. Man hat die Kommunen ermächtigt, unter Bruch des Tarifvertrages Angestellte und Arbester niedriger zu entlohnen. Das bedeutet einen Eingriff in das gesamte Xarifrecht.(Sehr richtig!) Anderthalb Millionen Beamte, eineinviertel Millionen Angestellte und Arbeiter sind hierdurch besonder» betroffen. Die Maßnahme führt zu verminderter Kaufkraft und ist ein An- trdeb fi»rz den L ah mackho UN im Priootbetrieh. Ar..' Die Notverordnung richtet sich ferner keweswegs nach der Leistungsfähigkeit. Während ein Arbeiter bei 2000 M. Jahres- cinkommen 20 M. Krisen st euer bezahlen muß, ist hierzu der Landwirt erst bei 8000 M. gezwungen. Die Aufhebung der Lohn- steuerrückerstattung kommt hinzu. Die Zuckersteuer ist ver- doppelt ohne Herabsetzung des Höchstpreises. Der Besitz, vor ollem der Hausbesitz, erhält Steuerbegünstigungen. Die vorgesehene Arbeits dienskpflicht hebt da» Arbeitsrecht auf and vermehrt die Erwerbslosigkest. Unerhört sind demgegenüber die Subventionen. Diese Notverordnung schafft keinen Ausgleich, sondern Erbitterung. Es genügt keine Aenderung schlechtweg, sondern eine beschleunigte grundlegende Beränderung tut not, oder es muffen die politischen Konsequenzen gezogen werden.(Lebh. Zustimmung.) Nachträglich ist es schwer, Aenderungen durchzusetzen. Vielleicht hätte man gut getan, vorher Energie zu zeigen. Die Berliner Ab- geordneten verlangten vor dem Leipziger Parteitag, daß die Gren- zen des Tolerierungswillens aufgezeigt wurden. Auf dem Partei- tag stand leider die Disziplindebatte im Vordergrund. Die Zeit ist zu schwer, um die Schuldsrage zu prüfen. Aber die Ver- liner Abgeordneten hatten zum Leifftern in jeder taktischen Situation die richtige Kampfmethode zu wählen. In der Partei heißt es leider: Koalition um jeden Preis oder Koalition um keinen Preis. Es heißt Tolerierung um jeden Preis ccher Tolerierung um keinen Preis. Auf dem Parteitag wurde deshalb abwechselnd für oder gegen gesprochen. Man braucht aber nicht ständiger Jo-Sager oder ständiger Nein-Sager zu sein. Dazu ist die Situation zu ernst. (Sehr richtig!) Unsere geschichtliche Mission ist. die Arbeiteriateresseu täglich wirksam zu vertreten. Es darf in der Partei nicht nur zwei anerkannte Parteikirchen geben, es muß auch Raum für die Dissidenten sein.(Hestert Zustinmmng.) Wir Berliner hatten in Leipzig weder einen Partei- kirchenvertrag mit Wels noch ein Konkordat mit Rosenfeld. Wer sich frellich so hält, wie wir, läuft leicht Gefahr, in Acht und Bann getan zu werden. Trotzdem: Man kann sich von Allheilmethoden unabhängig halten und doch gesund bleiben. Glauben wir auch heute nicht, daß wir uns aus einer starren Resolution gesundbeten können. Seien wir Berliner vorsichtig. Die mechanische Ein- � stellung für oder gegen Brüning reicht nicht aus. Aber wir lehnen es ab. aus staatspolitischen Erwägungen die Arbetter unseretwegeu Opfer bringen zu lassen. Ebenso verabscheuen wir eine Kolastrophenpolitik, bei der der Arbeiter unter den Trümmern liegt. Unsere Aufgab« ist e». gegen die Notverordnung zu kämpsea und hierzu die nächste Gelegenheit zu beuutzeu. p Die Redensart, es könne nicht schlimmer kommen, fft nutzlos. Nein, soweit unsere Krast reicht, müssen wir der weiteren Ver- «lendung steuern. Wir fürchten nichts, und die Taktik der Ver- zweiflung scheint uns nicht revolutionär. Revolutionär fft, die Nerven zu behalten und besonnene Kraft zu entfalten. Die Ein- berufung des Reichstages hätte bei seiner Zusammensetzung eine Mehrheit zur Aufhebung der Notverordnung, nicht aber zur Sanierung gegeben. Das Kabinett Brüning wäre zurück» getreten. Das Direktorium der Industrie hätte vor der Tür gestanden. Wir wären im Reichstag ohne Bundesgenossen gewesen. Auch das Wetterleuchten am Geldmarkt muß von uns beachtet werden und wir müssen wissen, daß soziale Hilf« nicht im lost- leeren Raum geleistet werden kann. In einem Reichstag, der der Tummelplatz der Radikalen ist, war das Notwendige nicht zu erreichen. Unsere Fraktion stand vielleicht vor einer der allerschwersten Entscheidungen. Unser Ziel mußte sein«ine Aende- rung der Notverordnung vor dem 1. Juli, d. h. vor ihrem Inkrafi- treten, zu erreichen. Brüning zeigt sich stur, er mißbrauchte die Tolerierung, er stand verständnislos den.Dingen gegenüber. Stundenlang hat die Frattion beraten, endlich gab Brüning in einigem. nach. Die Zugendlichen sollten die Krisenunterstühnng nach Prüfung der Bedürftigkeit erhalte». Die Gemeindearbeiter sollten vor doppelter Belastung geschützt werden. Schließlich erklärte sich Brüning bereit, über«ine alsbaldige Ein- berufung des Haushaltsau sschusses in Verhaichlun- gen mit der Sozialdemokratie einzutreten. Die Mehrheit der Frok- tion erklärte sich angesichts der überaus schweren Lage mft dem Lorschlag Brünings einverstanden, während uns Berkinerrl die Konzessionen nicht genügten. Gegenüber Zwischenrufern sagte Aushäuser:„Es ist Pflicht und Stolz eines Sozialdemokraten, seinen Genossen keine Phantasien, sondern die Wahrhest zu sagen. Verkleinern Sie die Schwierigkeiten nicht, wir stehen am Vorabend unabsehbarer Kämpfe, aber die Blicke der Arbeiterschaft müssen sich auf die Sozial, demokratie richten k Entweder gewivnl die Arbeiterklasse unter ihrer Führung, oder sie verliert. Geschlossener Sampfcswille muß von uns ausgehen. Seine Verzweiflung, sondern Kampf, keine wilde Rebellion, sondern organisierte Krast, keine innere Partei zer- setzung, sondern Einigkeit im Augenblick der Gefahr."(An- hallender Beifall.) lieber die Diskussion wird im„Abend" berichtet werden. Severins spricht. Lleberfüllie sozialdemokratische Versammlung in Kriedenau. Zn der überfüllten Aula der Rheingau-Schnle sprach Genosse Karl Seoering in einer Kundgebung der Sozialdemokratischen Partei. Das Thema des Abends lautete eigentlich: Der Kamps um Preuheu. Aber Genosse Severing betonte, daß die Ereignisse des Tages den Kampf um Preußen etwas in den Hintergrund gedrängt hätten. „Man wird«- nicht ohne weiteres verständlich finden, wenn ich oen Wunsch äußere, daß der Reichstag vorläufig nicht zusammen- tritt. Wenn ich als S o z i a l d e m o k r a t die Volksvertretungen ausschalte, so hak diese Volksvertretung selbst schuld daran. Hätte der Reichstag gezeigt, daß er arbeitswillig fft, dann könnte man ihn gar nicht oft genug versammeln. Er hat jedoch durch«roße Parteien zum Ausdruck gebracht, daß er für die Röte des Volkes kein Verständnis hat. So muß eben nach anderen Möglichkeiten gesucht werden, um diesen Nöten abzuhelfen. Mit der neuen Notoerord- nunz ist Niemand und wahrscheinlich auch Herr Brüning sglbst nicht in allen Einzelheiten einverstanden. Es kann niemand die Zu- stimmung bei ollen Volksgenossen finden, wenn es gilt, ein großes Defiztt im H-msholt zu decken. Aber«s hat keinen Zweck, jetzt jemandem Borwürfe zu machen. Das Defizit besteht und muß zum größten Teil durch eigene Kraft beglichen werden, wenn wir auf Herabsetzung der Kontributionen seitens der Interalliierten rechnen wollen. Wir Sozialdemokraten haben erhebliche Bedenken gegen verschieden« Bestimmungen geäußert, vor allein gegen Härten auf sozialpositsschem Gebiet. Aber wir waren nicht der Meinung, daß in einer Volloersammlung des Reichstages der Rat- Verordnung die Giftzähne auszubrechen feien. E» hätte mit der Sozialdemokralle ein« breite Basis zur Beseitigung der Rotvgrord- nung ergeben. Aber es hätte sich keine Mehrheit gefunden, um an Stelle der Notverordnung neu« Steuerquellen zu erschließen und die notwendigen Ausgaben zu decken. Es bestand noch die Möglichkeit. durch Einberufung de» Haushaltsausschusse» die Volksvertretung zu befragen. Nach den Besprechungen heute nachmittag hat Brüning jedoch erklärt, daß er mit de» verantwortuugs- bewußten Parteien die notwendige Revision der Rotoerordnung vornehmen will." Auf einen Zwffchenruf, daß wir im Winter noch mehr Arbeitslose haben würden, antwortete Severing:„Eben um das zu verhindern, mußte sofort etwas geschehen. Denn welche Folgen hätte eine A b- lehnung durch die Sozialdemokratie gehabt? Wir hätten die Regierung nicht bilden können. Und Hugenberg und Hitler können die Finanzen auch nicht mit dem Zauberstab in Ordnung bringen. Das Ausland hätte bestimmt einer nationassozialistisch-deulschnatio- nalen Regierung keine Erleichterung gewährt. Jeder weitere Entzug von Millionen aus der deutschen Wirtschast durch Kapitaislucht oder Kündigung von Auslandskrediten würde die wirtschaftliche Lage noch oerschlimmern. Die Gemeinden würden keine Gelder mehr für die Wohlfahrtserwerbslosen zur Berjügung haben. Der Reichs- tag ist heute ausgeschaltet. Wenn er aber wieder funktionieren sollte, dann gehört zur Mitwirkung bei der Gesetzgebung die Mitarbeit des Reichsrates. Dessen Mitglieder werden von ihren Länderrcgierungen instruiert. Wenn Hugenberg und Hitler das Reich haben wollen, dann müssen sie auch Preußen haben, um damit im Reichsrat Einfluß zu gewinnen. Preußen hat auch die beste Polizei und den festgefügtesten Beomtenapparat und deswegen der Kampf um Preußen. Dieser Kamps gibt uns aber auch Gelegenheil, darauf hinzuweisen. was in den letzten zwölf Zahren geleistet worden ist. Mit der Mitwirkung des Bolkes an Gesetzgebung und Regierung wird es vorbei sein, wenn es der Reaktion gelingt, Preußen in Besitz zu nehmen. Die Zeit bis zu' den Preußenwahlen gilt es zu nutzen, um all« zu überzeugen, daß man Preußen nicht den Krisenmachern überlassen darf, und zu arbeiten, daß die Wahlen«in Siegestag der Demokratie und der Republik fein werden." Nicht«ndemvollendsr Beifall schloß sich an die oft von Zusttm- mungskundgebungen unterbrochen« Rede an. Im Vestibül der Schul« waren mehrere hundert Personen verfammett, die keinen Einlaß mehr gefunden hatten. Hier sprach Genosse Dr. Otto Friedländer über den polttischen Sinn des Kampfes um Preußen. Auf der Straße wurde Genosse Severing nochmals mit bremsendem Jubel von den Massen begrüßt. Regierungskrise«> Deutschösterreich Wegen der Hastung für die Anleihe Wien, 16. Juni« sEigenbericht.) Die Bundesregierung ist zurückgetreten. Di« Ber- Handlungen zur Neubildung der Regierung werden am Mittwoch beginnen. Dem Rücktritt beä Besamttabinetts ging die Demission des Innenministers, des Landbürdlers Winkler. voraus. W irkler begründete seinen Rücktritt damit, daß der Fiuanzmiuistcr gegenüber de.« ausländischen Kredit- gebern eine Haftung für 86 Millionen Dollar über- nommen habe. Zur Sanierung der größten Industriebank des Landes, der Oefterreichffchen Kredttonstast, vor allem zur Sicherung der Spar- einlagen und Industriedarlehen hatte der Nationalrat durch ein Gesetz der Bundesregierung 150 Millionen Schilling bewilligt. Noch weniger als andere Länder fft Deuffchöfterreich in der Lage, unvorhergesehene Ausgaben von auch nur annähernd solcher Höh« aus eigener Kraft zu tragen. Ueberdies sind die finanziellen Folgen des Riefenbankratts durch die Sanierungsaktion noch lange nicht überwunden. Wieder einmal mußte man um ein« Anleihe betteln gehen, die durch Vermuttung der Bank für internattonal« Zahlungen in Bafel aufgebracht wird. Die Uebernahme einer Garantie durch den Staat für 80 MU* lioncn Dollar, da» find 5S0 Millionen Schilling oder 3Z0 Millionen Mark, übersteigt weitaus die Leistungsfähigkeit Deutsch. österreichs und legt ihm ein« Verpflichtung auf. die es niemals erfüllen könnte. Wenn der Landbund die Verantwortung dafür nicht übernehmen wist, so kann man das nicht mißbilligen. Er hat seinen Vertreter aus der Regierung abberufen, und da die Bundesregierung ohne die Stimmen des Landbundes nicht mehr die Mehrheft im National- rat hat, fft sie zurückgetreten. Dabei werden wohl auch die inneren Schwierigkeiten der Regierungskoalitton mitgewirkt haben, ine sich der Annohine des Sparprogramm» entgegenstellen: besonders leisten die Großdeutschen der Beamtcngehaltstürzung stärksten Widerstand. Da eine Koalition der Ehristlichfoziolen und Sozialdemokraten höchst- wahrscheinlich als vollkommen ausgeschlossen gelten muß, bliebe ma die Bildung einer bürgerliche» Minderheit»- regierung übrig, die sich ihre Mehrheft jedesmal zusammen- suchen müßte und sie für die Uebernahme einer so enormen Haftung wohl überhaupt nicht finden wird. Oer Zweck der Hastung. Wien. 16. Juni. Im Hauptausschuß des Notionalrats teilte Finanzminister Dr. I u ch mft, daß der Bund die Haftung für folgende, der Kredft- anstatt gewährte Darlehen übernommen hat; SO Millionen Echillüig, welche die österreichischen Sparkasseninstitute der Kreditanstalt als neue Einlagen zur Verfügung zu stellen sich verpflichtet haben, ferner für alle Forderungen, die der N a t i o n a l b a n k aus allen Krediten erwachsen, die sie nach den 30. Mai 1931 bis zu einem Höchstbetrage von 120 Millionen Schilling der Kreditanstalt in irgend- einer Form gewährt hat. Von dieser Hastung sei. jedoch bisher nur der Teilbetrag von 69 230 000 Schilling durch Eskomptetredite bei der Nationalbant in Anspruch genommen worden. Ferner wurden Vereinbarungen mit den österreichischen Sparkassen getroffen, wonach der Finanzminister für die am 1. Juni bereits bestandenen Gut- haben der Sparkassen bei der Krsdftonstall Zusicherungen gab. welche später zu einer Haftungsübernahme führen können. Schließsich teilte der Finanzminister mit, daß heute ein llebereinkomtneu mit dem ausländischen Gläubigcrkomitee getroffen wurde, wonach rund 71 Millionen Dollar ausläudifcher Derpflich- tungen der Kredstanstall für zwei Jahre unter den bisherigen Kredit- bedingungen gegen Uebernahme der Haftung durch den Bund u n- kündbar gestellt werden. Damit fei eine der wichttgsten Voraus» fetzungen für die F o r t f ü h r u n g der Geschäfte der Kreditanstalt und chrer Rekonstruktion geschaffen.— Nach längerer Debatte gelangre der Hauptausschuß zu der einhelligen Auffassung, daß di« in Demission befindliche oder«in« einstweilige Regierung keine weiteren Haftungen ohne vorherige Befragung des Hauptansschusses übernehmen darf. Marschall Tschianakaischek hat sich vom Kongreß der Kvomin» tangpartei als Staatspräsident und Oberbefehlshaber von China bestätigen lassen. Die chinesische Regierung soll die Aushebung de* Exterrttoriasität der Ausländer weiterbetreiben. Deutschland und einige andere Staaten haben guf disse» Vorrecht längst verzichtet, Personenzug abgestürzt. Schweres Eisenbahnunglück im Rheinland. Solu. 16. 3uttL Die CofomoBoc vud vier bis sechs wogen eines Personenzuges der Strecke Düren— heünbach stürzten Dienstagabend kurz vor 11 Uhr unmittelbar hinter dem Oürener hauptbahnhos eine Ueber- führung hinunter. Nähere Mitteilungen über das Unglück liegen noch nicht vor: insbesondere ist im Augenblick auch noch uicht bekannt, ob Personen dabei zu Schaden gekommen oder getötet worden sind. Verordnung gegen die Lugend. Forderungen der Sozialistischen Arbeiterjvgend. Die Notverordnung vom 9. Juni bringt neben ihren vielen anderen sozialen Härten und Ungerechtigkeiten auch eine unerträgliche Entrechtung der arbeitslosen Jugend. Zlach den Bestimmungen der Notverordnung sollen in Zukunft alle erwerbslosen Jugendlichen unter 21 Jahren vom Bezug der Arbeitslosenunterstützung aus- geschlossen sein. Sie erhalten Unterstützung nur, wenn ihr Unter- halt nicht in anderer Weise sichergestellt ist. Diese Bestimmung liefert hunderttausende junger Arbeitsloser der bittersten Not aus, und die Reichsregierung konnte keinen sicheren Weg zur völligen Radikalisierung der Jugend finden al» diese Aus» nahmebestimmung gegen die arbeitslose Jugend. An Stelle der Unterstützung bringt die Notverordnung der ar- beitslosen Jugend den sogenannten freiwilligen Arbeitsdienst. Nach- dem sich die Einführung der Arbeitsdienstpflicht als unmöglich herausgestellt hat, schafft die Notverordnung mit ihren Bestim- mungen über den„freiwilligen Arbeitsdienst" allen Befürwortern der Arbeitsdienstpflicht die Möglichkeit, arbeitslose Jugend- liche unter unwürdigen Arbeitsbedingungen zu politischen und wirtschaftlichen Zwecken zusammenzufassen, die den Interessen der Arbeiterschaft zuwiderlaufen, ohne daß der Not der arbeitslosen Jugend auch nur im geringsten abgeholfen wird. Der hauptvorstand der Soziali st ischen Ar- . beiterjugend Deutschlands hat an die sozialdemokratische Reichstagsfraktion das dringende Ersuchen gerichtet, in ihrem Kampf um die Notverordnung mit aller Energie auch aus die Aufhebung dieser die arbeitend« Jugend betreffenden Bestim- mungen hinzuwirken. Landgemeinden und Notverordnung. Der Gesamtvorst and des Preußischen Landgemeinde- tages West tritt an, 26. dieses Monats zu einer Sitzung in Bad Neuenahr zusammen. Neben der Beratung der Auswirkungen der beiden ersten Notverordnungen, insbesondere der Bürgersteuer, bilden Hauptgegenstand der Verhandlungen die n« u e N o t v e r- Ordnung vom 5. Juni 1931, sowie das Problem des Bolksschullastenausgleich». paulchen, der Geelentrofi. Geschmackvolle Werbemethodea der Nazis. Wilmersdorfer Einwohner erhielten dieser Tag« ein Papier durch den Türschlitz geworfen, das das Aussehen eines Tele- grammformulars mit genau nachgeahmtem amtlichen Auf- druck hatte. Entfalteten sie dann das vermeintliche Telegramm, so lasen sie in Maschinenschrift folgenden Text: Lieber Freund? Durch Paul Schulz erfahre ich soeben, daß du wegen deiner wirtschaftlichen Not deinem Leben ein Ende machen willst. Deshalb höre vorher auf da« letzte Wort deines Freundes. Du weißt doch, daß ich Nationalsozialist bin und trotz meiner Rot an die Zukunft des schaffenden Volkes fest glaube usw. usw. jährlich betragen. Wenn besonder« Bedingungen vor- siegen, kann die Behörde jedoch tarifliche Vereinbarungen. über weitere 160 Stunden zufassen. Es folgt noch eine Bestimm» ny. daß eine Verschlechterung der Arbeitszeitbedingungen zuungunsten der Arbeller durch die Konvention nicht eintreten darf. Spätestens nach drei Jahren ist eine Revision des Abkommens durch die Internationale Arbeitskonfercnz möglich. Tagung der Maschinisten. 40 Stunden und viergeteitte Schicht. Dresden, l6. Juni.(Eigenbericht.) Im Anschluß an den Geschäftsbericht des Vorstands nahm der Berbandstag des Verbandes der Maschinisten und Heizer drei Entschließungen an. In den ersten Entschießung wird die Aushebung dec Verordnung des Reichspräsidenten vom 10. November 1029 gefordert. Die Berordnung. so heißt es in der Entschließung, ist des deutschen Volkes unwürdig Ferner wird ver- langt die Aushebung der Beschränkung des Koalitions- rechts der in der Elektrizitäts-, Gas- und Wassergewinnung und -Versorgung Beschäftigten. Die Generalversammlung p r o t e st i e r t ferner gegen die Verwendung öffentlicher Mitiel sür die technische Nothilfe. In der zweiten Entschließung wird die gesetzliche E i n s ü h- rung der 40-Stunden-Woche sür notwendig erachtet. Der Verbandsvorstand wird beauftragt, in der stromerzengendcn Industrie die viergeteitte Schicht zur Einführung zu bringen. Die dreigeteilte Schicht entspricht nicht mehr den heutigen Verhältnissen, weil die Arbeitszeit den Maschinisten und Heizern eine 56stündigc Arbeitszeit auferlegt. Die entstehende Mehrbelastung durch Neueinstellung bei vollem Lohnausgleich kann die Industrie nach der Entschließung bei den niedrigen Lohnkosten der Kilowattstunde leicht tragen, o h n e den Strompreis für den letzten Verbraucher zu er- höhen. Die Generalversammlung ruft alle Kollegen zur Mitarbeit ans und erwartet die stärkste llnterstützung des Verbandsvarstands zur Erreichung dieses Ziels. Eine dritte Entschließung oerpflichtet alle vollarbeitenden Kollegen zur finanziellen Solidarität. um die Not der arbeitslosen Kollegen zu lindern. Der Vorstand fall Mittel zu einer W c i h n a ch t s h i l f e sür die ausgesteuerten Kollegen bereitstellen. Die Dienstagsitzung wurde eröffnet mit einer Begrüßung?- anspräche eineq Vertreters der mittlerweile eingetroffenen eng- tischen Delegation. Die Rede löste starken Beifall gerade an den Stellen aus, wo der englische Delegierte ein entschiedenes Bekenntnis gegen den Krieg ablegte. Die Arbeiterklasse aller Länder will einen ungestörten Kampf zur Erringung eines hohen Lohnftandards. Wir müssen dahin lammen, daß die Lohn- und Zlrbeitsbedingunaen in weitestgehendem Maße international geregelt werden. Gemäß der internationalen Verflechtungen des Kapitals müssen auch die Interessen der Arbeiterklasse wohrge- nommen werden. Die Maschinisteninternationale ist ein Mittel, um zu den aufgezeigten Zielen zu kommen. In der Aussprache über den Geschäftsbericht wurde u. a. lebhafte Klage über die Arbeitszeit in der H o ch f e e- f i f ch e r e i geführt. Es besteht dort in den Maschinenräumen der Fischdampfer immer noch der z w ö l f st ü n d i g e Dienst. Eine gesetzliche Regelung, die eine günstigere Arbeitszeit für die Schiff- fahrtskollegcn bringt, ist notwendig Im übrigen wurde die Tätigkeit des Vorstandes allgemein gutgeheißen. Die Dienstag- fitzung wurde ausgefüllt mit Beratungen zwecks Schaffung eines neuen Verbands st atuts, das Statut wurde gemäß der Vorlage angenommen. Die U n t e r st ü tz u n g s l e i st n n g e n des Verbandes bleiben erhalten. Arbeiislosenkundgebungen m Polen» Wegen Nichtzahlung der Llnterstükuno. Kattowitz, 16. Juni. Im Laufe des gestrigen Tages fanden wieder Demonstrationen der Arbeitslosen in Bielschowitz. Schwientochlowitz, Paulsborf und in der Industriestadt Zyrardorf in Kongreßpolen statt, weil die Gemeindeämter nicht in der Lage waren, die Arbeits- l o f c n u n t e rst ü tz ii n g e n auszuzahlen. In Bielschowitz hat die Polizei eine Salve in die Luft abgegeben, um die Demon- stranten, die das Gemeindehaus mit Steinen bewarsen und sämtliche Fensterscheiben zertrümmert hatte», zu zerstreuen. Zwei Po- lizisten, mehrere Frauen und'Arbeiter erlitten im Lause des Zu- sammenstaßes leichtere Lerletziingen. In Schwientochlowitz baben die Demonstranten«inen Bäcker- und einen Fieischcrladel, iibcr- sallen und Eßwaren entwendet. SPD.-Betrieb»s«tt>»n beim Prörkeemt Tnnvribos. Mvrlie«. N Tonnrr-.ian, 30 Uhr, Lokal Piaacr. TemyeNioi.?orfti-. zv. zraktiono- � tri versammluna. Gcnossc Mar Brinilzrr:.."if Rolorrorbwing". 113 TPD.-Fraktio» bei Arbeitsamt Bcrlin-Ost. Rorarn, ldoniieretam l-g W lgi? Ubr, Restaurant Brunn, Lichtenbera. oiirrlijunibüir. 40. Genosse M H Wilbrim Lonba:»Die oolinsche und wirtschastliche Laak", f Freie Gewerkschafis-Luaend Berlin Heute 19>2' Ubr tagen die tKrurw�n: BamnickulenVeg: Inarndheim Baumschulemvey. ErnWr. K» Anterbnstunasab�nd.— We hensee: Gruppenheim Wciftenfee. �arfstr?K und sicri.'ng."— Humboldt: JugeuHheim Ecf? Lortzwqstioßc'.„Alkohol und Nitotin in Lichtbildern".— Rordring: Hchijle Eonn-n burger Str. 20...Erlebnisse�h:.uflTn»VV„Rechte und Pflichten des� Betriebsrates-."— �euZölln: Jugendheim Neukölln. Bergftr.'tS (Höf)-«Berlin, wie es weiut und lacht."— Spaodan: Iuaendheim Linden. ufer 1. Hosemann btiimt was Neues. Schöneberi: Schöneberg, Lauptfir. 1ä (Cartenhaus). Unsere Mädchen gestalten den Abend aus. 0.1usendarupve kies�entralverbandes iVr Zfitaeiiellten Heute. M!ttwo,t>, finti soiaenbe Vrranstaltuna'n: Sesuodl-ruuiien: guaeirdticim Tchönsirbissr. I. Bortraa:„Der Lehrling im Arbciiorcch!." Referent! Bvmzel.— Schoo hanser Lorstabt: guarnhheim her Schule Kallanien. ayce S'. Bortraa:„guaeni) und ArbeitsdienstrssUcht." Referent: Huhn.— Nordost! guaendbc'm Daiuiaer Str. 62 lBarache 3).„Einer sraat und alle ant» worirn."— RcinISerdors: ssnoendheiv, Linhouer Str. 2 iBo-aifti. Lichtbilder» rortraa:„Auss nach Lübeck". Referent: Hciibrnnn.— Stroiau: Inaendhein» d-r Schmie chofilerftr. 01...Sraiieraana nach Trevtow."— vsscisr?:-: Schrie Berliner Sir. 3l. Eingana Hasselnwrderitrahe.„zahrtenerlebnisse."-• Lepenick: Iuaendheim T-aliiw'her Str. lö fGaranstast am Bahnhof Kdp.-nicki. Br-ttsche!.'. — Reukblnt sZuaendheiin Bdhmilch« Str. l— f. Ecke«anner St-aüP Bortraa: .Unser sst>A." Referent: Derkvw.— Südost: Iuatndln'ni Wranreistr. iÄ. Aua- srrachcadend über taaesrolitisch» sZraaen.— Aibönei-erq? sZur'ndheim Haupt. st'.aäc In(Hofgebdidr. Sechsenzimmeri. Taae-poliiische Rundscham- Chor- testen dura: ssuaendheim Spicthaqenstr. 1. Bortraa:.Die grau im Beruf»- Irirn." Rckercniin: Ellert.— Spandau: ssuqendheim Linde nirfer 1..Irahrjen. erlebmsse."— P-tsda-n.Rowowc?: Zuaardherbero« in Rawam,-». Vrieslcrstrasse. Arlmitsacmeinschaft:„Der So.naljemns olo rolitilche und kulturelle Beweguua". Leiter: Lewinski.— B-er'edleilnrq: Uehnna-abend 20 Uhr StSdtrhe Burnhalle, Brinzenstrake.- Spiele im ssreien od 15 Udr Svortplah ssriedrichchain. Berantwortlich für BoiiM- Bietor Schiff; Wirttchait: G Siinaeifi-fci; Ecwerkschaftobcwcauna: S Steiner: Feuilleton: Dr. Lohn«ch'ilowoki: Lokale» und Sonstiaeo: �rii, Jtaiftödt; Aneeiarn: Sh. Glocke: fümtlld- in Bcrliii. Bcrloa: Dorwiirts.Bcrloa G in d. S. Berlin. Bruch Borwarlz.Rnchdri.ikeret und Berlagzanssasl Taul Slnaer». Eo. Berlin ST SZ. Lindenstrake» Hierzu Z Brisaaeu. Nr. 277* 48. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts Mittwoch, 47. Juni 4931 Zeugen vergangener Zeit Die drei mächt igen Linden, die unser heutiges Bild zeigt die alten Linden nicht gesdilagen werden. Jetzt stehen sie und die in Senzig bei Königswusterhausen stehen, sind 960 Jahre alt, wie man aus einer allen Chronik ersehen kann, welche in Königswusterhausen geführt wird. Heute wie vor Jahrhunderten wird unter den mächtigen Aesten auf der Dorfaue das Fest des Rosenbaumes gefeiert. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als die drei auch schon alte Bäume waren, wird man mandien Marodebruder und Schnapphalm an Urnen aufgehängt haben. Jahrhunderte oor diesem Brennen und Morden wurden die Linden oon der Urbcovlkerung dieser Gegend, den Wenden, gepflanzt. Und diese wunderbaren Zierden unserer Heimat, die ein Jahrtausend allen Gefahren des Wetters und der Feuersbrünste widerstanden haben, sollten vor zwanzig Jahren bloßer Gewinnsucht zum Opfer fallen.' Wenn sie nicht ein Bauer namens Massante gekauft hätte, ständen sie heute nicht mehr. Dieser Mann, dessen Vorfahren unter Friedrich dem Großen aus Frankreidi eingewandert waren, halte Sinn für Tradition und erhielt der Nachwelt dies lebende Denkmal vergangener Zeiten. Als der alte Massante starb, gehörten die Bäume seinen Nachkommen, und ohne die Einwilligung aller Erben dürfen überdies noch unter Naturschutz und sind so wirklich vor Säge und Axt gesdiützt. 800 Meter tief abgestürzt. Zwei Bergsteiger tödlich verunglückt. Gens, 16. Juni. Am letzten Sonnabend waren zwei Genfer Bergsteiger zur Bs- stcigung des Grepon(Moni Blanc-Gruppe) von Chamonix aus aufgebrochen. Der heftige Föhn gestaltete den Aufstieg � besonders schwierig. Man sah die beiden Touristen zuletzt Sonntagnachmittag zwischen 4 und 5 Uhr auf dem Gipfel des Grepon. Seither hatte man keine Nachricht von ihnen. Am Montag früh brach eine Ret- tungstolonne auf, die nach mühseligem Suchen die beiden schreck- lich vcrstümmeltenLeichcn der Bergsteiger fand. Sie lagen am Fuße einer Felswand und waren zirka 7— 800 Meter tief abgestürzt._ Peiniger seiner Krau. Geldstrafe für schwere Mißhandlungen. Wegen Mißhandlung seiner SZjührigen Ehefrau Malwine hatte sich der SZjährige Landwirt und Putzer Albert G r i s ch e aus Altlangerwisch bei Potsdam vor dem Potsdamer Amtsgericht zu verantworten. /Der Angeklagte ist.32 �lahre mit seiner Frau verheiratet/ Als er merkte, daß feine Fraü nicht' jünger würde, sing er an, sich für seine jeweiligen 5)ausmädchcn zu interessieren. Die Belästigungen der Dienstmädchen waren- derart, daß die Mädchen manchmal bei Nachbarn Schutz suchen mutzten. Die mißhandelte Ehefrau, als Zeugin vernommen, bekundet, daß der Mann sie in ein Zimmer eingeschlossen habe, und im Beisein eines Hausmädchens mit eine m Peitfchcn stiel geschlagen habe. Daraus ließ der Angeklagte das Grammophon ausziehen und amüsierte sich über die am Boden liegende Frau. Ein ärztliches Attest besagt, daß die Ehefrau einmal zwölf bis fünfzehn Fau st schlüge von ihrem Mann erhalten hat. Nach den Mißhandlungen muhte sie drei Wochen im städtischen Potsdamer Krankenhaus zubringen. Das Gericht verurteilte diesen Musterehemann zu der lächerlich geringen Strafe von 90 M. Die Ehefrau erlitt vor Gericht einen tiefen Ohnmachtsansall, so daß sie aus dem Saal getragen werden muhte. „St. philibert" wird gehoben. Paris, 16. Juni. Das neun Meter tief liegende Wrack des untergegangenen Dampfers„St. Philibert' behindert den Schiffsverkehr, der an dieser Stelle besonders lebhast ist, außerordentlich, und es muh deshalb unverzüglich gehoben werden. Wegen des heute herrschenden die- sigen Wetters können aber die Bergungsarbeiten noch nicht in An- griff genommen werden: sie werden morgchi beginnen. Man ver- mutet, daß mehr als 200 Leichen noch im Schiffsraum liegen. Zwanzig Berlehie bei Straßenbahnzusammenstoß. Stuttgart, 16. Juni(Eigenbericht). Am Dienstag stießen in Stuttgart zwei Straßenbahnzüge zu- sammcn. 2 0 Personen wurden verletzt. Da» Unglück ereignete sich auf einer, abschüssigen Sirecke in der Wilhelmstraße. Der von hinten angefahrene Anhänger des«inen Zuges wurde auf feinen Woto.rwagcu heraufgeschoden. Ueber die Ursache des Unfalls verlautet, daß bei deni oon obenher auf den Anhängcrwagen aufgefahrenen Zug die Bremse versagt haben soll. Gerhart Hauptmann spricht im Rundfunk. Gerhart Hauptmann hat sich aiif Bitten der Berliner Funkstunde bereit erklärt, am Donnerstag, 2S. Juni, 19.40 Uhr, im Rundfunk zu sprechen. Seine Ansprache führt den Titel„D e u t s ch l a n d". Sämtliche deutschen Sender werden die Rede übertragen. Sprechchor für proletarische Feierstunden. Die nächste Uebungs- stunde findet am Freitag, dem 19. Juni, 19i4 Uhr, im Gesangssaal der Sophienschule, Weinmeisterstr. 16/17, statt. probe-Gtadtratswahl. Sozialdemokrat erhielt im Ausschuß die meisten Stimmen. Der Wahlausschuß der Stadtverordnetenversammlung faßte gestern Beschluß über die zu besetzenden Stellen eines besoldeten und eines unbesoldeten Stadtrats. Für die besoldete Stelle wurde von den Sozialdemokraten Stadtrat Dr. Heuer- Magdeburg vorgeschlagen, der 9 Stimmen erhielt, von den Deulschnalionalen Dr. Glaser(7 Stimmen), von den Kommunisten Erich G e n» f ch(4 Stimmen). Für die unbesoldete Stelle wurde von der Staatspartei Stadtrat Sah vorgeschlagen, der 10 Stimmen erhielt, von den Deutschnalionalen Stadtrat S o l w c s zS Stimmen), von den Kommunisten Paul£ a n g n e r (4 Stimmen). Die Wahl findet in der Stadfverordnelenvcrfamm- lung am morgigen Donnerstag statt. „Sie sind ein Todeskandidat!" Ein menschenfreundlicher Naturheilkundiger. Seit 30 Jahren betätigt sich der über 60 Jahre alte Jgnaz T. als Naturheilkundiger. Von Beruf ist er Friseur, bezeichnet sich jetzt aber als— Prioatgelehrter. Er hat ein Allheilmittel, das für alle Krankheiten ausreichen muß, für Leber, Lunge. Niere. Herz, Geschwülste und andere Gebrechen. Das Mittel besteht nach dem Gutachten der Preußischen Landcsanstalt für Lebensmittelcheime aus einem Aufguß von Alkohol und Stroh mchl. T. erfreut sich in Charlottenburg eines großen Rufes als Wunder- doktor. Er hat einen riesigen Zuspruch. Das Geschäft muß sehr einträglich gewesen sein, denn er läßt sich s ü r s« i n e„W u n d e r- m e d i z i n" 1 0 0 M a r k zahlen. In der Regel empfängt er die Kranken in seiner Sprechstunde mit den Worten:„Sie sind ein Todeskandidat, aber es ist gut, daß Sie zu mir kommen, denn ich werde Sie gesund machen.' Er verkaust dann seine Medizin. Im September vorigen Jahres kam zu ihm die Frau rines Landwirts aus Grohtychow, die schwer lungenleidend war und schon in verschiedenen Lungenheilstätten gewesen war. ohne dort Heilung gefunden zu haben. Auch dieser Patientin vn sprach er baldige Heilung und nahm ihr für seine Medizin 100 M. ab. Die ganze Untersuchung bestand darin, daß er die Patientin am Ohrläppchen faßte und ihre Fingernägel besah. Die Medizin ver- schlimmerte aber den Zustand der Kranken und deshalb erstattete der Ehemann schließlich doch Strafanzeige. Der Wunderdoktor wurde wegen Betruges und Wuchers angeklagt. Wie von ärztlicher Seite vor dem Schöffengericht Charlottenburg dargelegt wurde, war das stark reizende Mittel nur geeignet, den Zustand der Kranken erheblich zu verschlechtern und Lungenbluten hervorzurufen. Der Wert der„Medizin", für die er sich 100 M. gebeit' ließ, betrug rur einige wenige Pfennige. Das Gericht verurteilte T. entsprechend der Anklage wegen Be- truges und wucherischer Ausbeutung zu 6 Monaten G e- f ä n g n i s und 100 M. Geldstrafe. Wieder Benzinexplosion in der Wohnung. In der Wohnung des Rechtsanwalts Rill in der Roon- straße 13 ereignete sich gestern nachmittag«ine folgenschwere B e n z i n ex p l o s i o n. Gegen 15 Uhr war die 26jährige Ehefrau des Anwaltes mit dem Reinigen von Kleidern beschäftigt, wozu sie Benzin benutzte. Dabei bildeten sich die äußerst gefährlichen Benzin- dämpfe, die durch die offene Flamme des Gaskochers unter heftiger Detonation zur Explosion gebracht wurden. Eine Stichflamme durchschoß den Raum und Frau Rilk erlitt erhebliche Brandwunden an beiden Beinen und am rechten Arm. Die Verunglückte erhielt von einem hinzugerufenen Arzt die erste Hilfe. Durch den Luftdruck wurden mehrere Fensterscheiben zertrümmert. Die zu Hilf« r.erufer.e Feuerwehr konnte den Brand im Keime ersticken. Von I. ILF und F. PETROW Aber nicht das war es, was Ostap beunruhigte. Kolkas Möbel kannte er schon lange. Auch der Anblick Kokkas, der mit hochgezogenen Beinen auf dem Strohsack lungerte, hatte nichts Ueberraschcndes. Neben Kolka aber saß ein so entzückendes Wesen, dessen Anblick zur Folge hatte, daß sich Ostaps Stimmung sofort verdüsterte. Derartige Wesen sind nie geschäftliche Beziehungen— dazu haben sie zu blaue Augen und einen zu sauberen Hals. Das sind Geliebte oder, was noch schlimmer ist, das sind Ehesrauen, die man vergöttert. Und wirklich nannte Kolka das Wesen„Lisa" und duzte es. Worobjew nahm feinen Filzhut ab. Ostap rief Kolka in den Gang hinaus und sie sprachen dort lange im Flüsterton. „Ein schöner Tag, gnädige Frau", sagte Worobjew und fühlte sich nicht sehr am Platz. Die blauäugige gnädige Frau lächelte und ohne irgend- welchen Zusammenhang mit der Bemerkung Worobjews sprach sie davon, was für dumme Menschen in dem benach- barten Federbehälter wohnten. „Sie zünden absichtlich den Petroleumkocher an, damit man nicht hört, wie sie sich küssen. Sie sehen doch ein. daß das sehr dumm ist. Wir hören alles. Sie selbst aber hören gar nichts wegen ihres Petroleumkochers. Wollen Sie, ich werde es Ihnen gleich zeigen. Hören Sie nur." Und das Wesen, das alle Geheimnisse des Petroleum- kochers kannte, sagte laut:„Die Swerews.sind sehr dumm!" Hinter der Wand war nichts als der höllische Gesang des Petroleumkochers und dazwischen wieder Geräusch wie von Küssen zu vernehmen. „Sehen Sie? die hören nichts. Swerew, Sie sind dumm, blöd und verrückt!— Sehen Sie?" „Ja", sagte Worobjew. „Und wir haben keinen Petroleumkocher. Wozu? Wir essen in einem vegetarischen Restaurant, obzwar ich dagegen Zbin. Als wir aber heirateten,.Kolka und ich, träumte er da- oon, daß mir in einem vegetarischen Restaurant essen würden. Nun, so tun wir es eben. Und ich esse so gerne Fleisch." In diesem Augenblick kam Kolka mit Ostap zurück. „Machen Sie uns bald wieder das Vergnügen", sagte Kolkas Frau,„es wird uns sehr freuen." „Wieder macht man sich verrückt mit Gästen!" empörte sich jemand im letzten Federbehälter links.„Sie haben noch zu wenig Gäste!" „Und das geht euch, ihr Blödiane, ihr Narren, einen Schmarrn an", sagte Kolkas Frau mit einer völlig normalen Stimme. „Hörst du, Iwan Andrejtsch", regte man sich im letzten Behälter auf,„man beleidigt deine Frau und du schweigst dazu!" Auch aus anderen Räumen vernahm man Stimmen. Der Streit wurde heftiger. Die Kompagnons gingen hinunter zu Iwanopulo. Der Student war aber nicht zu Hause. „Kein Malheur", sagte Ostap,„ich weiß, wo der Schlüssel ist." Er suchte unter einär Panzerkassa, die in der Ecke stand, fazid den Schlüssel und öffnete die Tür. Das Zimmer des Studenten Iwanopulo sah ähnlich aus wie das Kolkas. mit dem Unterschied, daß es ein Eckzimmer war. Eine Wand war von Stein, und der Student war sehr stolz darauf. Worobjew bemerkte mit Trauer, daß der Stu- dent nicht einmal einen Strohsack besaß. „Sehr gut hat er sich eingerichtet. Ein anständiges Zim- mcr für Moskau. Wenn wir uns alle drei auf den Fußboden legen, bleibt sogar noch etwas Platz übrig." Im Museum Lisa lief aufgeregt durch die Straßen. Sie war der un- gesalzenen, dürren Makkaroni und all der vegetarischen Dinge müde. Sie hatte eben mit ihrem Mann gestritten. Mit Mühe hielt sie die Tränen zurück. Eine innere Unruhe jagte sie weiter. Sie überlegte dabei: ihr Leben war arm, dabei aber immerhin glücklich. — Hätten wir noch Tisch und zwei Stühle, so wäre es ganz gut. Und einen Petroleumkocher werden wir anschaffen müssen. Wir müssen uns irgendwie einrichten.— Es war ihr peinlich, nach Hause zurückzugehen und sie hatte niemanden, zu dem sie hätte gehen können. In ihrem Täschchen befanden sich zwanzig Kopeken. Lisa beschloß, ihr selbständiges Leben mit einem Besuch des Museums der Möbelindustrie zu beginnen. Sie überzählte noch einmal ihr bares Geld und trat ins Vestibül ein. In einem großen Saal mit Säulen und einer langen Fensterreihe erblickte Lisa den Genossen Bender, der lebhaft auf seinen Begleiter mit dem rasierten Kopf einsprach. Als sie vorbeiging, hörte sie die schallende Stimme:„Das sind Möbel im Stil Chic moderne. Mir scheint aber es ist nicht das, was wir suchen. Wir müssen alles systematisch prüfen." „Guten Tag", sagte Lisa. Beide wandten sich um und schnitten Grimassen. „Guten Tag, Genosse Bender. Es ist nett, daß ich Sie hier gefunden habe. Nun wollen wir alle drei gemeinsam die Möbel besichtigen." Die Konzessionäre sahen einander an. Worobjew war geschmeichelt, wenngleich es ihm im Grunde unangenehm war, da er befürchtete, Lisa könnte sie in der wichtigen Angelegen- heit, bei der Suche nach den Brillantenstühlen, stören. „Wir sind typische Provinzler, für uns ist so eine Aus- stellung interessant", sagte Bender ungeduldig.„Wie kommen Sie aber her, eine Moskauerin?" „Ganz zufällig. Ich hatte einen Streit mit Kolka." „Verlassen wir diesen Saal", sagte Ostap. „Ich Hobe ihn noch nicht recht gesehen. Er ist so hübsch." „Es gibt hier gar nichts zu sehen", sagte Ostap,„Deka- dence-Stil. Kerenski-Zeit." „Man sagte mir, daß hier irgendwo Gambs-Möbel aus- gestellt sind," sagte Worobjew,„vielleicht finden wir sie." Den Konzessionären war Lisas Anwesenheit sehr lästig. Waren die gesuchten Möbel nicht in dem einen Zimmer, wo- von sie sich mit einem raschen Blick überzeugten, so stürzten sie hastig ins nächste..— Indes verweilte Lisa immer längere Zeit in jedem Zimmer. Unwillkürlich und ohne sich selbst dessen bewußt zu werden, betrachtete sie die Möbel von dem Gesichtspunkt, wie sie in ihr Zimmer und für ihre Bedürfnisse passen würden. Ein Bett im gotischen Stil gefiel ihr beispiels- weife gar nicht. Es war zu" groß für ihr drei Quarattneter großes Zimmerchen. Die Säle nahmen kein Ende. Einige Räume enthielten Möbel im Empirestil. Ihre immerhin kleinen Dimensionen entzückten Lisa. „Sehen Sie nur, sehen Sie", rief Lisa Mitteilung?- bedürftig und packte Worobjew am Aermel.„Sehen Sie sich, diesen Scheibtisch an. Er würde wundervoll in unser Zimmer passen. Nicht wahr?" „Hübsche Möbelstücke!" lagte Ostap zornig.„Aber auch nur dekadenter Stil." (Fortsetzung folgt.) Zirkus zieht ein. 220 Autozüge, Dickhäuter, Pferde und Kamele. Zwischen 9 und 10 Uhr vormittags Verkehrsstockung zwischen Charlottenburg und Moabit: Chaufseure fluchen, BVG. fügt sich ins Unvermeidliche und die Fußgänger find zum Teil an dem ungewohnten Straßenbild interessiert. Im Schritt fährt eine Wagenkolonne von über 200 weiß-grün gestrichenen Lastautos nach der Zeltstadt Sarrasanis in der Wullenweberstraße. Voran der Entreprenrur am SIemens-Lautsprecher, der dem Publikum die morgige Premiere verkündet und des Chefs unwandelbare Liebe zu Berlin. Die Sarrafani-Kapelle fährt konzertierend per Auto an. In der Zeltstadt, aufgebaut auf einer 231X10 Quadratmeter großen Fläche, wird fleißig gehämmert, Zeltstoff gespannt, ausgeladen und geschleppt. 600 Arbeiter, zu einem kleinen Teil hier neu hinzu- genommen, sind am Werk, das Vorstellungszelt mit einem Durch- messer von 60 Meter, 16 Stallungen und was sonst noch erforderlich, aufzubauen. Aus den Wohnungen dringen mittägliche Düfte: auf dem Platz sonnt sich ein terrakottefarbener Buddha aus Stein, kleine Chinesenkinder spielen mit Eimerchen und Schaufel im Sande. Eine große Menschenmenge umsteht neugierig das Terrain, fachmännisch, mit ein wenig neidvollen Blicken wird die Arbeit beobachtet, wie gerne möchten sie da mitanpacken. Marokkaner, Chinesen, Indianer, Japaner, Smgalesen, Cowboys, Tschertessen, Artisten und Ballett- rattcn, ein reichhaltiger Tierbestand von Tigern, Elefanten, Löwen, Pferden, Zebras, Büffeln, Eisbären und anderem Getier erwarten am morgigen Mittwoch 9000 Besucher— soviel finden im Zirkuszelt Platz—. falls sie sich alle vollzählig einfinden sollten! * Als Angestellte des Zirkus in der Nähe des Spandauer Rathauses mit Ausgrabuttgsarbeiten an einer Müllgrube beschäftigt waren, entdeckten sie in etwa 1,35 Meter Tiefe ein menschliches Skelett. Nach Untersuchung durch den Spandauer Kreisarzt wurde jetzt festgestellt, daß das Skelett minde- ftens fünfzig Jahre in der Erde gelegen hat und von einem Kämpfer herzurühren scheint, der auf dem früheren Festungswall ums Leben gekommen sein muß. Der Schädel war noch sehr gut erhalten und die Zähne, die fest in den Kiefern saßen, waren vollzählig vor- Händen. Markthalle mit Musike. Di« Gegend rund um den Alex läßt an Lebendigkeit nichts zu wünschen übrig: aus den Tageskinos dröhnt die Kinoorgel, auf den Straßen macht sich der Riesenoerkehr durch heftigste- Hupen, Rasseln und Klingeln bemerkbar und als ergänzender Akkord erklingen Pflasterhäminer und Bauplatzgeräusche. Da hat sich denn auch die neu erstandene Markthalle in der Keibelstraße der vielstimmi- gen Sinfonie angepaßt und von der Empore, hoch über rotwangi- xen Tomaten, saftgrünen Salatköpfen und schneeigen Spargel- stangcn eryingen fröhliche Iazzweisen: die Verkäufer haben alle Mühe, sich mit der Kundschaft aus diese melodramatische Weis« zu verständigen und ihnen Güte und Preiswertigkeit der Ware so richtig ins Gehirn zu hämmern. Daß der Handel mit Musik ein im wahrsten Sinne des Wortes schwungvoller ist, läßt sich nicht leugnen, aber des Lebens praktische Seit« ist halt doch bei diesen miesen Zeiten da- einzig Ausschlaggebende und so ist man jetzt übereingekommen, während der Hauptverkehrszeit sang- und klang- los. zu bleiben. und nur in der.Mittagsstunde als Gratiszugabe zu einem äüßerst preiswerten Mittägstifch R a di o m u s fk-zü machen. Dazu finden sich denn auch eine ganze Menge Zuhörer ein, zum kleinsten Teil Mittagsgäste, zum größeren Zaungäste; es gibt zwar schon für 50 Pf. eine prima Nudelsuppe mit Huhn und für 60 Pf. ein Fleischgericht mit Beilage, aber die Gegend ist nur noch außen hin so fröhlich und leichtbeschwingt, wenn man genauer hinsieht und hinhört, spürt man den Jammer an allen Ecken und Enden. Hundert Nazis gegen zwei Reichsbannerleute. Im Anschluß an die Severing-Kundgebung in Friedenau kam es gestern abend gegen 22.30 Uhr in der Kaiserallee in Wilmersdorf an der Eck« der Hildegardstraße zu einem feigen nationalsozialistischen Ue der fall auf zwei Reichsbannerkamera» den. Als die beiden Reichsbannerleute gerade im Begriff waren, einen Straßenbahnwagen der Linie 44 zu besteigen, stünnte«ine Horde von ungefähr 100 Nazis auf den Straßenbahnwagen und versuchte, di« Reichsbannerleute am Einsteigen zu verhindern. Dabei wurden mehrere Fensterscheiben des Wagens zertrümmert. Herbei- gerufene Schutzpolizisten nahmen die Verfolgung der Hitlerburschen auf. Vier der„Helden" wurden festgenommen. Aus der Sommerbühne des Rosethealers wird mit dem Stück von Ouadenfeld und Halton„Der Hutmacher seiner Durchlaucht" eine sommerliche Harmlosigkeit gegeben, die durch ihre nette Auf- machung, das flotte, hübsche Spiel, und allerlei niedlich« musikalische �ssckckenlclickcr Spaziergang Streiflichter von der Bauausstellung— Von Menschen und Hühnern Als die illustren Gäste zur Eröffnungsfeier der Deutschen B a u a u s st e l l u n g in die Ehrenhalle marschierten, lief vor dem Eingang ein junger Hochbautechniker auf und ab. Der hatte sich mit Bindfaden ein Plakat um den Hals gehängt, auf dem zu lesen stand: Hochbautechniker, mit besten Zeugnissen, sucht Arbeit. Heute, einen Monat später, steht der junge Mann nicht mehr vor dem Eingang. Es ist zu bezweifeln, ob er Arbeit gefunden hat, wahr- scheinlicher ist das Gegenteil. Denn nach der letzten Erhebung des Deutschen Baugewerksbundes über den Stand der Arbeitslosigkeit im Baugewerbe waren von 453 000 Bundesmitgliedern 279 000 arbeitslos, das sind 61,46 Proz. Eine traurige Feststellung. Auf dem Leipziger Parteitag wies Erik N ö l t i n g auf die Abnahme der Arbeiterschaft innerhalb der Gesamtbevölkerung hin. Wie weit diese Entwicklung in Berlin gediehen ist, lehrt ein Schaubild auf der Bauausstellung. Nur noch in fünf Bezirken hat die Arbeiterschaft die absolute Mehrheit: Wedding sij? Proz.), Weißensee(53 Proz.), Spandau(53 Proz.) und Neukölln(51 Proz.). In Tempelhof, Pankow(je 37 Proz.), Charlottenburg(29 Proz.), Schöneberg und Steglitz(je 23 Proz.) nur noch in Verbindung mit der Angestelltenschaft. Proletarische Mehrheiten überhaupt nicht mehr zu errechnen sind in Wilmersdorf(16 Proz. Arbeiter und 33 Proz. Angestellte) und in Zehlendorf(16 Proz. Arbeiter und 30 Proz. Angestellte). Man sieht, wie notwendig di« Front- e r w e i t e r u n g ist. ».Tannen�- Oach oder Flachdach? Man ergötzte sich eben noch an den wunderhübschen Siedlungs- bauten unserer Architekten, die auf der ganzen Linie das Flach- dach bevorzugen, dann gießen einem wenige Schritte weiter in der Halle IV die Dachziegelfabriianten eine gehörige Dusche auf den Kopf. Keine Krähe setzt sich mehr auf ein Flachdach, wenn sie die Episteln dort gelesen hat. Das Flachdach, wird oer- glichen mit den Pinien südlicher Regionen, die armselige Wasser- fänger sind und bestenfalls Sonnenschutz bieten. Das Schrägdach aber gleicht sich der nordischen Tanne an. die mit ihren abwärts ge- richteten Zweigen der Schneelast ausweicht, das Wasser nach außen ableitet wie ein Regenschirm, vor Hitze schützt wie ein Tropenhelm und schließlich steht ein Schwarzwaldhaus da mit seinem spitzen Dach, von dem der Bauer schon wüßte, warum er es so baut. Das Flachdach mag gut sein für Kabul, an den Neckar gehört ein Ziegeldach. Schade, daß sich die Flachdächer auf der Ausstellung nicht verteidigen. * Die amerikanische Küche, die in der USA.-Abteilung die Brooklyn Borough Gas Company ausstellt, ist ein nicht minder umstrittenes Kampfobjekt. Sie ist das Resultat wissenschaftlicher Forschungen von Betriebsingenieuren und Fachleuten für Be- wegungsersparnis. so organisiert, um jede„verlorene Bewegung" zu vermeiden. Diese Küche mit ihrem rationalisierten Raffinement ist wirklich proper und ganz exakt. Aber die deutschen Hausfrauen, die sich die Küche ansehen, lächeln erst etwas, dann schütteln sie den Kopf und sagen nein. Vielleicht haben sie recht. So, wie die Küche auf der Aü�stellckng'ftehk/ okz-Stäotsküche, Ist alles schön und gut. Jetzt stelle Man' sich aber vor, in dieser Küche werden grüne Heringe gebraten und Kohlrüben gekocht. Dann ist sie entzaubert, wie jede andere auch. -!- Ganz bewußt wenden sich große Abteilungen der Ausstellung an die Hausfrau. In der einen wird ihr gesagt: Du läufst täglich vier Treppen rauf und runter, das sind im Jahre 130 Stunden Weg und eine Leistung, die einer zwölsmaligen Be- steigung der Zugspitze entspricht. Oder: es klingelt an der Korridor» tür. Da deine Wohnung verbaut ist und die Möbel ganz unzweck, mäßig hingestellt sind, mußt du bis zur Korridortür 25 Meter laufen. Das sind im Jahr 300 nutzlos zurückgelegte Kilometer. Deshalb: warum 25 Meter laufen, wenn man mit 5 Meter Weg ebensogut zur Tür kommen kann. Es kommt nur auf den Architekten an, daß er einen modernen Grundriß schafft und auf dich, daß du deine Möbel sinngemäß anordnest. So etwas leuchtet den Frauen auf der Aus- stellung sofort ein. Es ist, nebenbei gesagt, erfreulich, welches Interesse überhaupt die Ausstellung bei den Frauen findet. Preußen sonn sich sehen lassen. Schade, daß die Ausstellung des preußischen Mini- stcriums für Volkswohlfahrt so arg abseits vom großen Strom der Besucher liegt. Weiß Gott, Preußen kann sich s e h e.n l a s s e n. Von 1919 bis 1930 sind III Millionen Wohnungen gebaut worden: 1930 mit allein 214 600 Wohnungen war ein Rekord- jähr. 69 Proz. Neubauwohnungen(ab 1924) erhielten Hauszins- steuerhypotheken. Trotzdem fehlten 1931 nach eher zu gering be- wertenden Berechnungen noch immer 327 000 Wohnungen. Den relativ größten Wohnungsmangel zeigt Oberschlesisn mit 21 wohnungsbedürftigen Familien auf 1000 Einwohner, den geringsten die Provinz Hannover mit nur einer wohnungs- bedürftigen Familie. Glückliches Hannover! * Die chinesische Abteilung ist besser als die preußische besucht. Das neu« Nanking ist auch sehenswert, draußen, am Pangtse der Hauptbahnhof, dann vorbei am Kriegsministerium, am Zentral- gebäude der Kuomintang zur...Reichsregierung. Die Chinesen sagen auch Reichsregierung. Daneben liegt der Flugplatz, etwas südlich das Innenministerium und dann wieder ganz draußen das Grab Sunyatsens. Man kann sich auch Groß-Kanton ansehen oder Shanghai oder Peking, das setzt zu Peiping entthront ist. Aber sein Sommcrpalast ist immer noch schön, so schön wi« der Lama- tempel in Tibet. Neben der Großen Mauer fährt heut« die Eisen- bahn. Modernes China. Stolz weist eine Tabelle darauf hin, daß man 474 Bibliotheken. 90 Museen, 409 Vortragssäle. 254 Sport- platze und 74 515 Kilometer Autostraßen geschaffen hat. Am besten haben es die Hühner. Am besten haben es die Hühner auf der AusMung. Draußen auf dem Freigelände, auf der Musterfarm. Di« können spazieren gehen, haben einen Scharraum, eine Legehalle, dann sind elektrische Aufzuchtbatterien und elektrische Schirmglucke» da und weiß sonst noch was, wie Futterküche, Gucmogrube und Schlacht- räum. Wenn es nur alle Menschen so gut hätten, wie die Hühner auf der Ausstellung. • Wohin soll di« Technisierung ko> ÄvpSakwm» noch führen? Der Eindruck einer Flafchenspül- und-füllmaschine in Groß- brauereien oder Grohmolkereien ist fchon ungeheuer, wemge Hände sind da nur noch»onnoten., aber der Einhruck der automatischen Ziegelherstellung in�der.Halle.V�der ist erschütternd. Ein einziger Arbeitsmann steht da. reißt an zwei, drei Hebelst und sieht zu/wie die fertigen Ziegel aus der Trockenmaschine kommen. Dann legen sich die Ziegel wohlgemut aufs Fließband und fahren hinaus in die weit« Welt. Menschen werden dazu nicht mehr gebraucht.-Wie könnte alles gut sein bei organiflettem Bedarf und Verbranch. Auf dieser Ausstellung wird es einem so sonnenklar� daß der So- zialismus eine NotweuMgkeii ist. und tänzerische Dinge dennoch sehr gefällt. Hans Rose als Hut- machergeselle und Edgar Konisch als Hutmacher Bolle, beide aufeinander eingespielt, lösten Jubel- und Beifallsstürme aus. Leni Pyrmont, Willi Rose, Trude K u r tz e, Karl Gütlich, taten ihr Bestes, um die fröhliche Stimmung immer höher zu treiben.— Dem Polksftück geht ein sehr guter Varieteteil voraus. Man hat bei den Roses von nachmittags um 5 bis abends um Ml Uhr etwas für fein Geld und freut sich dessen. Der Arzt als Erzieher der Eltern, so betitelt Reichstagsabgeord- neter Genosse Dr. M o f e s einen sehr beachtenswerten Beitrag in der neuesten Nummer des„A r b e i t e r f u n k", des offiziellen Organs des Arbeiter-Radiobundes, in dem er die Wünsch« zahl- reicher Hörer hinsichtlich inhaltlicher Vertiefung der hygienischen Rundfunkvorträge beredt zum Ausdruck bringt. Der Präsident des Landessinanzamtes Verlin weist in seiner heute im Anzeigenteil erstatteten Bekanntmachung auf die Nach- Versteuerung von Zucker hin. Gefährlicher Schrifideuter Ein Stallschweizer als rettender Engel. Unter den kriminalistischen Hilfswissenschaften ist die Graph o- l o g i e wohl die wohlbekannteste. Drei Schriftsachverständige können im Gericht-saal mitunter drei verschiedene Ansichten ver- treten und das Gericht— eine vierte. Und diese dürfte manchmal gerade die richtige sein. Wie gefährlich aber ein von seiner Un- fehlbarkeit durchdrungener Schriftsachverstänidgsr dem Angeklagten werden kann, erlebte man neulich vor deni Schöffengericht Berlin- Mitte. Und es war nicht etwa irgendein Schriftsachverstän- diger, sondern ein gerichtlicher Schriftsachverständiger. Ein junges Mädchen hatte die Verbreitung zweier Fachwerke unter Stallschweizern übernommen. Sie schloß in verschiedenen Orten etwa 150 Lieferungsverträge ob und verdiente dabei eine ganz gut« Provision von 6 M. pro Bestellung. Als aber dann die Bücher von den Bestellen abgenommen werden sollten, da entstanden für die Verleger Schwierigkeiten. Ein Teil der Stallschweizer war verzogen und nicht auffindbar, ein anderer erklärte, überhaupt keine Bestellung gemacht zu hoben, so stellte sich auch heraus, daß in einigen Fällen Adressen angegeben waren, die angeblich nicht stimm- ten: die Stallschweizer, hieß es, wären da überhaupt nicht in Stel- lung gewesen. Die Folg« für das junge Mädchen war«ine Anklage wegen Bettrugs. Die Verträge wurden geprüft, der Schrtftsachver- ständige stellte fest, daß die Unterschriften in den Verträgen ein- ander glichen wie ein Ei dem anderen und sämtlich von der Hand der Angeklagten herrührten. Es war Betrug, wer wollte noch daran zweifeln? Also stand das junge Mädchen vor dem Schöffen- geeicht Berlin-Mitte und beschwor hoch und heilig, sämtliche Unter- jchrijten stammten von Staltschweizern. Was galten aber alle ihre Schwüre gegenüber der unerschütterlichen graphologischen Wissen- schaft? Natürlich rührten die Unterschriften von der Angeklagten, behauptete der Schriftsachverständige— unter seinem Eid nach bestem Wissen und Gewissen. Da geschah aber ein wunder. Ein Zeuge erschien— als rettender Engel—, einer jener Stallschweizer, die unauffindbar waren und dessen Unterschrift gleichfalls von der Aneeklagten gefälscht sein sollte..Gefälscht?" entrüstete sich der Zeuge,.gefälscht von der Angeklagten? Hier unter meinem Eide, niemand anders als i ch s e l b st hat diese Unterschrift geleistet." Unmöglich, meinte der Sachverständige, ein jeder sieht die Fälschung auf den ersten Blick, und mein« Wissenschaft sagt: die Unterschrift rührt von der Angeklagten.— Der rettende Engel gibt ein« Schrift- probe. Das Gericht vergleicht beide Schriften: zweifelsohne absolute Aehnlichkeit. Jeder einzelne im Gericht-ffaal würde dasselbe finden, nur der Schriftsachverständige stellt Unähnlichkelten fest. Seine Wissenschaft kann sich doch nicht geirrt haben. Nun pfeift das G«- richt auf jede Wissenschaft und spricht die Angeklagt, wegen sämt- licher Betrugsfälle frei, denn wer weih, ob die Wissenschaft des Herrn Schrifffachverständigen sich nicht auch in bezug auf alle übri» gen Unterschriften in gleicher Weise geirrt hat, wie in dem einen Falle. Eine gefährlich« Wissenschaft, die Graphologie, und ein noch gefährlicherer Sachvefftändiger, dieser Schriftsachverständige. Ge- dankt sei dem rettenden Engel und dem Staatsanwalt, der ihn herbeizitierte. Menschen verkommen. Der„Vorwärts" brachte vor kurzem einen Bericht über das tragische Schicksal zweier Frauen, Mutter und Tochter, die bitterste Not leiden und noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf« haben; die Frau ist infolge Krankheit dauernd erwerbsunfähig, die 19jährige Tochter muß von ihrem kleinen Verdienst den ganzen Unterhalt be- streiten und weil es zur Miete einfach nicht reichte, wurden sie exmittiert: infolge des starken Regenwetters der vergangenen Tage ist der Stall, in dem die paar Habseligkeiten untergestellt wurden und wo sich gleichzeitig die beiden Menschen aufhalten müssen, feucht und modrig. Die Sachen verderben und die Menschen nehmen schweren Schaden an ihrer Gesundheit; so mußte die Tochter infolge Krankheit von ihrer Arbeitsstelle wegbleiben. Die Leute, die sich des Mädchens annahmen und sie bei sich wohnen ließen, sind jetzt verreist und nun muß das Mädchen mit seiner schwerkranken Mutter im feuchten Stall unterkriechen. Soll man nun erst abwarten, bi, das Aergste eintritt, oder findet sich vielleicht hier doch noch ein Ausweg? Nach wie vor wird den Aermsten erklärt, daß weder Wohngelegenheit, noch Unterstützungsgeld für sie vorhanden sei: die Leute wohnen in Dallgow-Doeberitz, Kreis Osthavelland. Man muh sich über die völlige Indifferenz der zuständigen Behörde wundern._ Professor Valods Leiche ausgegraben. Riga, 16. Juni. Auf gerichtliche Verfügung fand heute die Exhumie- rung der Leiche des vorigen Winter verstorbenen bekannten National- ökonomen Professor Karl Ba l o d statt! von dem behauptet worden ist, er sei vergiftet worden. Das Ergebnis steht noch aus. Die Ausgrabung war auf Betreiben der in Berlin lebenden Witwe Balods und seine» nahen Freunde», des Abgeordneten Prof. Schlite, angeordnet worden. Stahlhelmer überfallen Kinder. Falken der Kinderfreundegruppe„Maria Dcmmning" kamen kürzlich von einem Falkenabcnd, als zwei Stahlhelmjüng- ling« die Kinder auf der Straße beschimpften. Ein Falke verbot sich die Belästigung. Als ob die beiden Stahlhelmhelden darauf gewartet hätten, stürzten sie sich jetzt auf die Kinder. Als in der Ferne Schupo zu sehen war. ergriffen die beiden die Flucht. Einige Straßen weiter stellten sich die Stahlhelmhelden den Kindern wieder in den Weg. Nur das Dazwischentreten einiger Reichsbanner- kameraden schützte die Falken jetzt vor jeder wetteren Belästigung. Arbettereltern. gebt diesen„Patrioten" die richtig« Antwort: schickt eure Kinder zu den Roten Falken. Neue Polizeiveroednuag über da» Naturschußgebiet Pfauen- insel. Im Amtsblatt ftir den Landespolizeibezirk Berlin vom 13. Juni 1931 ist eine neu« Bcrordnung über das Naturschutzgebiet Pfaueninscl veröffentlicht worden, die die Polizeiverordnunq vom 11. März 1924 aushebt. Mutter und Sohn. psychologische Rätsel in einem Toffchlagsprozeß. Vor dem Landgericht III beginnt heute die VerHand- lung gegen den ZSjührigen Max T h i e l e k e wegen söge- nannten deszendenten Totschlag»(Tötung eines verwandten in aufsteigender Liuie). Max Thielccke Hot am 6. August vorigen Jahres unter aufsehen- erregenden Umständen seine Mutter Camilla Thiclecke in der Joochim-Friedrich-Straße zu Charlottenburg getötet. Die Anklage wird vom Statsanwaltsrat Hers, den Ankläger im Lies- chcn Neumann-Prozeß, vertreten. Die Verteidigung liegt in den Händen des Rechtsanwalts Dr. Mendel. Am 7. August v. I.. morgens um 6 Uhr, erschien der Angeklagte im Büro des Polizeireviers und erklärte, er habe seine Mutter mit einem Dolch getötet, weil er von ihr mit einem Armee- rcvolver bedroht worden sei. Die Kriminalpolizei fand die Tote in eigenartiger Weise zugeschnürt auf dem Fuhboden der Wohnung liegen.„Ich Hobe sie mir nach mexikanischem Ritus als Mumie vor- gestellt und sie so beerdigen wollen," erklärte der Täter. Er habe, während die Mutter badete, sich mit ihr unterhalten. Uebcr die so- eben empfangene Nachricht von dein Tode ihrer jüngeren Schwester Ludmilla erregt, habe sie u. a. gesagt:„Jetzt bin ich wohl auch bald an der Reihe, aber zuerst muß die junge Generation ran." Sie habe die Seife auf den Fußboden sollen lassen, er habe sich gebückt, um sie aufzuheben. In diesem Augenblick habe die Mutter seinen Dolch aus der an seinem Gürtel befestigten Scheide gezogen, habe auf ihn zu» stechen wollen, und dabei immerzu gerufen:„Du zuerst, du zu- e r st." Es sei ihm gelungen, im Kampfe ihr den Dolch zu entwinden und da habe er blindlings zugestoßen. Die Leiche zeigte etwa 17 Stiche im Rücken, in der Brust und am Halse. Die Jugend des Sechsundzwanzigjährigen ist geradezu p h a n t a st i s ch gewesen. Uneheliches Kind eines Fabrikbesitzers und einer launenhaften pschopothischen Mutter, einer Schneiderin, wuchs er ohne Spielgefährten heran, kam in die Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld, und fiel hier durch sein sonderbares Wesen und seine hohe aber einseitige Intelligenz auf. Er zeigte eine ganz besondere VorliebefürBölkerkundc, lernte die i n d i a n i- sche Sprache, sammelte vergiftete Pseile u. dergl. mehr und oer- ließ Wickersdorf nach vier Jahren, weil keine Hoffnung bestand, daß er wegen feiner einseitigen Begabung der Abschlußprüfung gewachsen sein würde. Noch einem kurzen Studium in Paris fuhr er als blinder Passagier nach Kuba, ging über Mexiko zu Fuß noch den Bereinigten Staaten, lebte längere Zeit mit Jndionerstämmen und wurde schließlich nach Europa zurücktransportiert. Ohne Wissen der Mutter hatte er eine Näherin geheiratet. Als die Schwieger- tochter mit dem Kinde zu der Mutter zog, gab es immer wieder Streitigkeiten. Ein« gewisse Rolle spielte dabei seine uneheliche Geburt. Er wurde bald nack) der Mutter Thielecke genannt, bald Neuhaus nach ihrem ersten Mann, bald Tzschöckcll. So legte er sich einen eigenen Namen zu Coli» Suhamani,—„Mann, der sich zum Kampf stellt"— noch einer indianischen Sage. Er bewarb sich bei den Behörden um Anerkennung dieses Namen», die Mutter half ihm bei seinen Bemühungen: auch sein Töchtcrchen trug er unter dem Namen Suhamani ein; er ist deswegen auch wegen Urkundenfälschung angeklagt. Die Spannung zwischen Mutter und Sohn wuchs von Tag zu Tag. Beide fühlten sich gegenseitig bedroht. Der Sohn er- wog u. a. allen Ernstes die Ueberführung der Mutter in die Irren- onftalt. Welche befonderenUmständedi« Spannung zwischen Mutter und Sohn derartig«' Ausmaß« annehmen ließ� daß es schließ- lich zur Explosicn kam, wird die Gerichtsverhandlung ergeben. Die Lösung des psychologischen Rätsels der Tat liegt nicht zuletzt In den Händen der beiden Sachverständigen, des Sanitätsrats Dr. Leppmann und Mcdizinalrat Dr. Dyrenfurth. Llnsere Kampseslieder. Offene Singestunde für alle Gängeslustigen. Dos Preisausschreiben des Soziali st ifchen Kulturbundes für«in neues s o z i a l i st i s ch e s Lied, dessen Ergebnis jetzt bekannt wurde, war dem Gedanken entsprungen, daß in unserer Bewegung bei vielen Gelegenheiten ei» Mangel an mit- reißenden, einigenden Liedern austritt. Wohl besitzen wir manche Lieder, die uns durch ihre inner« Verknüpfung mit der Geschichte des Sozialismus an« Herz gewachsen sind, aber«s gibt nur eine sehr beschränkte Zahl solcher Lieder. Viele haben �ich nicht halten können. weil die Melodie zu konventionell ist und unserem heutigen veränder- ten Zeitempfinden nicht mehr entspricht. Auch unsere Bläscrkapcllen sind bei Festen und Umzügen immer wieder gezwungen, Anleihen bei der Militär- oder bürgerlichen Unterhaltungsmusik zu machen, weil das Proletariat bisher nicht in der Lage war, eine eigene Kunst zu entfalten. Die Texte der preisgekrönten Lieder find ausgesprochen kämpfe- risch, vihl mehr als z. B. das vor lü Jahren entstandene„Wenn wir schreiten", ein Lied, das heute überall gesungen wird und durch die Macht der Musik auch in bürgerlichen Kreisen unsere Gedanken er- klingen ließ. Di« neuen Lieder richten sich besonders an- die Akti- ven in uns er er Bewegung, vornehmlich an die Jugendkreise. Die Arbeiterschaft hat ein Anrecht darauf, mit diesen Werken schnell- stens bekannt zu werden. Sie müssen überall gesungen werden. Des- halb soll für Berlin der Versuch gemacht werden, diese Lieder in einer öffentlichen Singestunde mit allen, die kommen wollen, zu üben: sie soll am Montag, dem 22. Juni, abeirds 8 Uhr im großen Saal des Lehrervereinshauses am Alexandcrplatz. stattfinden. Es ist geplant, dann im Herbst eine öffentliche Vor- führung der preisgekrönten Lieder durch berufene Chöre folgen zu lassen. Alle fange slust igen, Ge nassen und Genossin- n e n, besoders die Kreise der Sozialistischen Arbeiterjugend und der Kindcrsreunde sind. zu dieser Singestunde herzlichst«ingeladen. Kriminalfest im Lunaport. Das Wohltätigkcitsfest der Berliner Kriminalisten, da« am Sonnabend im Lunapark stattsond. war«in großer Erfolg für die Veranstalter. Die Vorstandsmitglieder Kriminalrot Schlosser, Kriminalkommissar Dr. R i e s e sowie die Kriminalfekretär« Seidel und Moczeck hatten da» Fest mit großer Umsicht vorbereitet. An dem Kriminalisten-Suchwettbewerb„Wer sind die drei?" b«« teiligte sich da» Publikum mit größtem Interesse. Sieben Besucher >M VäNrenä der Ferien- und Reisezeit ■ kann der„Vorwärts" und der„Abend" auf Jede Dauer«llerorte bezogen werden Touristen und Wanderer ■ fordern das Zcntralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutsch lands bei den Bahnhofsbuchhandlungen, Zeitungs- Kiosken, Buchhandlungen und sonstigen Verkaufsstellen Sommerfrischler lassen sich den„Vorwärts" bei einer Aufenthaltszeit bis zu einer Woche per Kreuzband nachsenden. Das Porto beträgt wochentags 10 Pf., Sonntags 15 Pf.(pro Woche 70 Pf). Bei längcrem Aufenthalt ist der „Vorwärts" auf dem billigeren Wege der PostObcrweisung zu beziehen, welche die Hauplexpeditlon vornimmt In diesem Falle kommen zu dem Abonnements betrage nur die PostbestellgebOhren von 72 Pf pro Kalendermonat. Wenn Nachsendung der Zeitung gewünscht wird, ist die in Krage kommende Ausgäbestelle oder die Haupt» expedition des„Vorwärts", Berlin SW68, LindenstraBe 3, möglichst eine Woche vorher zu benachrichtigen. Laubenkolonisten wird der„Vorwärts" durch Boten zugestellt Genaue Bezeichnung der Laube ist erforderlich. Postabonnenten i müssen die Nachsendung unter Beifügung von 50 Pf. In Marken mindestens 2 Tage vor der Abreise schriftlich bei der Zusteii- Postanstalt beantragen. Vorwärts-Verlog hatten die 3 gesuchten Personen richtig gefunden. Der Leiter der Berliner Kriminalpolizei Direktor Scholz verteilte die Preise unter die 7 Preisträger. Großer Stoffdiebstahl. In der vergangenen Nacht wurde von bisher noch unbekannten Tätern in die Geschäftsräume der Firma A. Hübscher, König- straße(53, eingebrochen. Es wurden etwa 3l>l>(> Meter verschieden- farbige englische Hcrrenonzugstoff« gestohlen, die nach vorläufiger Feststellung einen Wert von etwa 35000 Mark darstellen. Die 42. Zahrcsvcrsammlunq de» Deutschen Gutlemplerordens findet vom 1. bis 7. Juli in Berlin statt, und zwar in den Gesamt- räumen der Kroll-Oper am Platz der Repubkit. Zm Alaseam für Itakurkanbe. Jnvalidensir.«3. spricht Miitwach, abend» k Uhr, Pros. Roser über den 5lrei»laus de» Stoffe». Allgemeine Wetterlage. «wluni d9»1.»bds. Nfe 0 welkenlos,® heitw.® halbbedeckt »wolkig.abedeckxbRegea&Groupein ,Schfiet=8ebel,TGewift«s@Win, Uhr Adicilmtasvorsiandssshuna bei Bartusch. ssriebenftr. 88. Es darf diesmal kein Vvrstandsnritalirb fehlen. Abt. Bechers Gefellschoftshaus, ilhausseeffr. 97. Mrtaliederversammluna. Dr. Reirt Rosenfcld, M. d. R.:„Bericht vom Parteitat, und die neue Not- verardnuna". Abt. Mittzliederver'ommlunq bei Anders, Bohiuiofftr. 85—37. Thema: „Parte itoq und Rotverardniintt". Referent Rreisvartihender Genosse Frift Thurm. Aroneaveranstaltungen. 1. Abt. Der für heute. IT. Juni, anaeftekt» 3raurnabend wird weaen der Rraiomitalfedrrpersommluna auf den 2t. Juni verfchoben. 8. AM. Dvnnerstaa. 18. 3unf. Treffpunkt zur Vestchtiaun« des Altersheims Birtchvrf 14 Uhr Bahnhof Graftaärfchenftrafte. Bezirksausschuß für Arbeiterwohlfahrt. 4. Kreis. Donnerstoa, 78. Juni, lÄ'/i Uhr, hei ltrüper, Grimmstr. 1, Zu- somownkunfi der Helferiinnenl der Arbeiterwohlfohrt, Tiirsaraerfinneni und Rreisausschuftmitalieber. 1. Riferat her Genofssn Dr. Maria Faftbender über „Die Pelmndluna pinä:opathifchcr und verwahrloster 3u«endlicher". 2. Gtenasje ifeuerstein:„Mitarbeit der AW. an der Trintcrfitrsorqe des Bezirksamtcs". 7. Rrri». ffreita«. 19. 3unl, 18 Uhr, Bestchiiauna des Waisenhauses Rummelsbura. Treffpunkt 14V> Ulw Bahnhof 3o» oben. Interessierte Genossen rönnen in beschränkter Zahl teilnehmen. Arbeitsgemeinschaft der Sindersreuude Grofz-Berlin. Berichtioune! Di« Zusammenkunft aller Helfer und Gruppenführer für die Aufmarschprode findet heute um 20 Uhr in der itorl-Marr-Schule, Neu» källn. statt. Die»reise«darlattenburq, Spandau, Wilneersdors, Zedlendarf, Stealift. Teeptaw. Weiftensee und Pankow wenden oebrten, heute zwischen 13 und 19 Uhr die Handzettel zur Sonncnwendfeier abzuholen. Kreis Feiebrtchshain: Heute. Mittwoch. 18—1914 Uhr, Spielen aller Falken auf dem Sportplaft im ssriedrichshain. Zutritt nur mit Falkenausweis. Sonniaa Fahrt nach Friedrithafride. Treffen 710 Uhr Weherwicse. Kosten 13 Pf. Ende 20 Uhr. Falken aus allen Gruppen können teilnehmen.— Gruppe Landsberger Plsft: Lountaa Gruppenfahrt nach Friedrichsfelde. Anmeldung Domieratoa und Frcitoa im Heim. Kosten IS Pf. Kreis Prenzlauee Berg: Die leftle Untersuchuno der Zelllaqerteilnehmer findet Freitag, 19. Juni, 11 Uhr, Schule ßberswalder Str. 10, Schularztzimmer, statt. Die notwendigen Helfer stellt der Hort. Vornahme der Abstriche 30. Juni, 11 Uhr. an«letcher Stelle.—«druppe Freiheit: Heute, 17 Uhr, im Heim Sonnenburaer Str. 20, Besprechung aller Zeltlaaerteilnehmer. Kreis Thaelottenburg: Alle Feriensahrtteilncbmer iRcstsallen und Zeltlager) nritssen am Daniwrsta«. 18. Juni, 14 Uhr, Berliner Str. 137 zur Unter- sudiuna kommen. Pünktlid» sein ist Pflicht. Domrerstag, 18. Juni, 20 Uhr, Selfrrbesprechung im Heim Rossnenstrafte. ( Sterbetafel der Grost- Berliner Partei- Organisation Zi. Abt. Unsere langjährige Genofssn Bertha Prause, Vaseaoalker Strafte ö. ist verstorben. Ehre ihrem Andenken! Einaltherung Donnerstag, 18. Juni, 19 Uhr. Krematorium Gcrichtstrafte. Um rege Beteiligung wird gebeten. V Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Serlin awsendmigen für diese lltobrlt nur a» das Zaaeodietretaitat SerNo SW«. ZlvbenstraM, Bezirksausschuftsthuag morgen, 19 Uhr, im Ciftungssaal des VB., Linden- Heule, ZNillwoch, Uhr. Pesnndbrnnnen, 9t. F.: Gotendurarr Sir. 2.:„Iugendtag".— Gesund- brUnne» II: Christianiastr. 38:„Sozialismus im Alltag".— Arnimplaft sind intereffierte Genossen der Adt. Schönhauser Vorstadt: Sonnenburger Str. 20, Zimmer 4:„Der Parteitag".— Schönhauser Borftadt: Spiel und Sport auf dem Erer, 18 Uhr.— Köpenitker Viertel: 19V4 Uhr Roter Treff.— Wannsce: „Lindenhdk'. Wilhelmplaft:„SA3. und KII"— Lichtenrade: Roonstrafte: .Unser Wandern".— Bohnsdorf: Wachtelstr. l: Lichtbilder:„Nazi in der Karikatur",— Neukölln IX: Werben. Treffpunkt 18V4 Uhr beim Genossen Kiote.— Köpenick I: Grünauer Str. 5: Fimktigmirstiuiitfl.— Feiedrichshagen: Friebrick- strofte 87:„Erste Hilfe bei Unglücksfällen."— Friedrichsfelde: Gmiierstt. 44: „Aktuelle Fragen".— Lichtenberg. Mitte: Schornweb crstr. 29:„Der Parteitag in Leipzig".— Reu>Lichte»M«o: Hauffstrafte: �Soziales Wonbern".— Lichtenberg- Rard. R. F.: Gunterstr. 44:„Moberntz Tanz oder Volkstanz".— Lid,tcnbezg- Roehweft: Dossestr. D:„Die Parteitage der SPD."-— Karow:„Pankgrafen", Bahnhofstr. l:„Alkohol und Rikolin".— Pankow, R. F.: Kissingenftr. 47: .Fürtotgaerziehnna— Iugendaefüugnis".— Westen, Arbeiisgemeinschaft:„Der Paririiaa in Leipzig". Referent Genosse Dr. Waller Pähl. SSG. Westen: 13 Uhr Ronnenstr. 4:„Wie bekämpfe» wir den Faschismus?" Werbebcziek Prenzlauer Berg: Alle InteressetUen für Ferienfahrien an. "dssieftend an den Foankfitrier Iugcndioq 20 Uhr Sonnenburger Str. 20, Zimmer 3. Werbebezirk Kreazderg: Brifter Str. 27—30:.Tluli urrcaktion und Jugend". WerMbezirk Renköln: Sprechstunde 17sd— 19>h Uhr Gongholcr strafte.— Sprechchorprobe IVA Uhr«anncr Strafte. In Sachen der Knkirvl-Fabrik Kurt Krisp gegen die Firma Deutsche Schollwerke G. m. b. H., Frankfurt a. M., teilen di« Scholl. werke mit, daß sie beim Landgericht Frankfurt a. M. eine einstweilige Verfugung erwirkt haben. Nach diesem Beschluß wird der Kukirol-Fabrik untersagt, den Kunden und Älmehmern der Scholl- werke mitzuteilen oder durch öffentliche Mitteilungen dekanntau- machen, daß die Simden und Abnehmer der Antragstellerin nicht oc- rechtigt sind, die Mittel der Firma Scholl zu propagieren oder zu verkaufen, sobald auf den Artikeln, Packungen, Prospekten der „Or.-Titcl" angebracht sei. Mnft das sein? Miift der Waldstag immer in dieser Sah versaufen? Müssen die guten Porsahe an der Un'uiänglithkeit einer üderileferlen Wasch» Methode scheitern? Rein, da» muft anders werben! Krisenstimmung im all» aemelnen und armübitngscrscheiiuingrn im btsgnbeccn kommen nicht mehr vor, wenn Sie nach der arbeit-, zeit, und geldstparenden Persslmrthobe wasihen. Zur Gesichts-Biiunung aber auch»ur Bräunung des ganzen ftStpets bei Sonnenbädern verwende man dia ralzmiidernde und kühlende Leodor-Fett-Trem«. Tube 60 Pf. und 1 Mk. Wirksam unterstützt durch Leodor-Edelsiffe Slück 50 Pf. Zu haben in allen Chwrodont-Derkaussstellen. tllax'Dorlu: 3) tlCll 1* I II f I Dieses ist das Schwesternhaus, das Waisenhaus, es ist auch eine Nähschule drin, wo fleißige Jungfrauen Kleider und Wäsche schneidern lernen. Und dies hier ist der Karl, Kollege Dachdecker, zwanzig Jahre alt— jawohl: ein strammer Junge, rot und braun von Sonne und Sturm, Augen schiesergrau, der Mund ein kühner Purpurschnitt, Muskeln wie Alt-Griechenland— und große Hände von guter Fruchtbarkeit, mit solchen Händen baut man die Welt neu. Nun— Karle, mach dich mal auss Dach hinauf— dos Schwesternhaus will an» Dach gesäubert sein, die Dachrinne ist ver- stopft, von Spatzennestern— oder, mag der Teufel wissen, wovon sonst? Da sind auch'n paar neue Schieferplattcn einzusetzen, der Blitzableiter ist nachzusehen— los: Karle, lustig, auss Dach! So, da wären wir nun— unterm Dach, auf dem Speicher- boden, Mensch, was für'ne 5?itze— nur schnell durch die Dachluke ins Freie— an die Luft, in den blauen Himmel hinein— Lust und Sonne sind Freiheit. Was machen wir zuerst? Mal die Rinne reinigen— wahrhaftig, sie ist ganz voll Dreck— und da, im Ab- flußloch der Dachrinne liegt ein Ball— ein Kinderball— da kann 's Regenwasser freilich nicht abfließen. Probieren, leis mit dem Fuß antreten, sind die Sjaltehaken der Rinne solide? Ei, gewiß doch, das Haus ist noch nicht alt, da ist noch nichts durchgerostet und ob- gemörtelt, nichts gerissen und nichts zerschlisien. Aber immerhin, wir wollen auch der Vorschrift genügen, das Leben ist einem jeden lieb— jeder Hochtourist seilt sich an, und jeder Dachdecker ist ein Hochtourist: anseilen! Die Leine, ja: sie ist stark und fest, bester Hans— die Leine im den Schornstein herum—> horrijeh noch mal, hier unterm Schornsteinrand sitzt wahrhastig ein Schwalbennest: pieppieps— guten Morgen, liebe junge Schwälblein! Sohooo— da ist Freund Karle, nun an der Arbeit, mit seinem Handbescn_[£st>bert er die Dachrinne— nehmt euch in acht dadrunten, 's fällt allerhand hinab: alles Gute kommt von oben! Karle, das sieht(janz gefährlich aus— wenn du da oben so auf der Dach- rinne herum jonglierst— wenn nur nichts passiert. Och, was soll denn groß passieren, guck doch das Seil: dreimal um den Leib, zwei- mal um den Schornstein— und Spielraum hat die Leine genug— ich steck mir erst mal'ne Zigarette an— mein Chef raucht ja auch, bei der schwarzen Kathi, im kühlen Weinkeller. Heisajuchhei— wie sie mich umsausen, die Schwi-Schwo-Schwalben— krikri: so geht das mit jubelndem Schrei ums Haus herum— ein Schwalbentanz rund um den Dachdecker Karle. Mensch, wie is das Leben so scheen! Plötzlich, die Sonn« tut einen Rutsch— Karle weiß selbst nicht, wie's kam, wie's ging— er hört nur einen vielstimmigen Schrei, irgendwer— irgendwelche haben Angst: sicher nicht der Karle— der hat keine Angst. Und im nächsten Augenblick springt«in helles Gelächter auf, ein lustiges Mädchengeschrei— juho, n Fisch, er sitzt an der Angel, er zappelt vor unserem Fenster. Ihr Nähmädchen, ein Geschenk des Himmels, ein blitzschöner junger Bursch— er zappelt im Blauen: vor Herz und Welt! Fangt ihn, fangt ihn, den Filsch. Und sie packen ihn, die Mädchen, bei den Beinen haben sie ihn— den Dachdecker Karle— falsch gesagt:„sie packen ihn"— nur eine hat ihn, das Friedchen ist es, das schönste und stärkste und mutigste Mädchen von der ganzen Nähschule— Fricdchen zieht den abge- rutschten Jungdachdeckcr, den schwebenden Himmelsfisch, zu sich ins offen« Fenster der Nähschule herein— da steht er, glühend, ftisch und gesund, der Karle. Junge, Junge, is nix passiert? Och was— jei: hier, die rechte Hand, die is'n bißchen abgeschabt, da geht'n Stück Fell'runter— weiter nix— der verfluchte Hgken von der -"Döchrinne, der gab nach— daher der Sturz— das Seil war aber »ei air.m'sm gut. Wir gratulieren von Herzen, ijerr Hochtourist— Glückauf und Glückab vom Doch! Am nächsten Sonntag war Tanz. Im Grünen. Im„Linden- hos". Vorm Stadttor. Die Linden blühen und duften. Das Bier schäumt weiß auf Gelb. Und unter den Lindenbäumen wirbeln die bunten Paare— aus dem buchenhölzernen Tanzboden. Chotts- vcrdek: wer sind denn die zwei flotten Tänzer da? Die?'ne Doch- schwalbe is der eine— der Karle, der neulich den Sturz tat— er ist der Fisch vom Fenster der Nähschule, der Fisch, den sich das Friedchen einfing— Karle und Friedchen sigd die beiden glänzenden Tänzer— Zickzack, der freie Sonntag! Ja— sie waren nun ein Paar, der Karle und's Friedchcn— junge Liebcslcute: die der Zufall zueinander brachte— mancher Sturz führt ins Glück! Aber zum richtigen Glück sehlt dem Karle und dem Fricdchen noch was: Friedchen seufzt abends im Mond- schein— hoo Karle, wenn wir doch verheiratet wären, dann ja, dann ja-- bums, da fällt ein Stern, mitten ins Dach der Linde hinein. Heiraten— ja, ganz scheen, aber zum Heiraten gehört auch Geld— und Geld, woher nehmen? Kleinigkeit, die ganze Welt schwimmt in Geld, guck dir doch die vielen Autos auf den Land- ftroßen an— haben die Autoonkels vielleicht kein Geld? Benzin, Wein, Zigarren, Braten, schöne Damen— is alles da, ein reicher Strom fließt über alle Landstraßen. Und Dachdecker Karle schwimmt auch aus der Landstraße— zu Fuß, auf der Suche nach dem Glück, auf Jagd nach Geld— alles der Heirat wegen. Haaa— das liebe, liebe Friedchcn, wie hgl sie beim Abschied geweint— komm nur bald wieder, mein Schatz! Und nach vier Wochen Wanderschaft war auf der Herberge'n Briefchen und'n Päckchen da, vom Friedchen: Mein lieber Fisch, ich habe soviel Sehnsucht— und in dem Paketchen sind'n Paar Strümpfe drin— ich habe sie selbst gestrickt, ich habe sie grau ge- nommen, das schmutzt nicht so. In Treue— und so weiter. Dein Friedchen! Es hat lange gedauert— erst kam'ne lumpige Ansichtskarte: Arbeit gefunden. Kuß. Karle. Dann kam'ne Postkarte ohne Ansicht, so: Ich. habe'ne Idee, wir heiraten bald, Brief folgt. Dein Fisch! Aber der Brief wollte und wollte nicht kommen— endlich, er is da, er is da— der Brief, der Brief, schnell ins Dachzimmer hinauf, daß niemand den hohen Herzschlag des Friedchens sieht, der Brief, der Brief, mein Fisch, mein Karle. Liebstes Mädchen. Wir sind fünf Mann— alles starke und tüchtige Brüder— wir haben uns zusammen getan— zu einer Gilde, zu einer Gemeinschaft, wir nennen uns: Sozialer Dachbetrieb! Wir fünf arbeiten selbständig, wir. haben Arbeit genug, mehr als wir leisten können, wir arbeiten Hand in Hand mit der Sozialen Bauhütte— und das Opernhaus sollen wir auch eindecken, der Baumeister ist Genosse, und die Sänger und Sängerinnen sagten— am liebsten hätten wir ein Kirschdach über dem Kopfe— rote liebe Früchte, da könnten wir immer naschen!— Wir verdienen hier gut, was sonst der Unternehmer einsteckte, dos geht nun in fünf Teile— unsere Arbeit wird nicht mehr von der Profitrate beschnitten— wir arbeiten glatt— unter Vollwert, nix da Mehrwert für den Unter- nehmer. Friedchen, nächstes Jahr heiraten mer. Den Ring habe ich beim Goldschmied extra so bestellt— zwei rote Rubinen in braunem Gold, du hast ihn nun wall, den Derlabungsring, wenn er zu weit ist, dann kannste ihn mit deinen blanken Zähnchen ja bißchen DiaMmen beißen. In Treu«— Dein Schatz.. tVallher.UppeU: JtUS SftChfCtl Kußball. Awr sowas Kindsches! Das sinn doch richdje Männer. — Was Hamm dn sie gedacht? Filleichd Bubben ausn Bubben- deahder? Ich weeß sclwer nich. Ich bin nämlich ganz zufällig hier rein- gekomm, weil ich die andern reingehn sah. Das iß doch ä Schbord- btatz? — S schdcht doch dran. Da werds wohl ooch eener sinn. Awr die duhn doch Ball schbieln. — Na und? Das iß doch kc« Schbort. — Was denn sonst? Ae Kindcrschbiel. Unn dort der ecne, den kenn ich icwrhaubt. Der iß sogar ferheirahd. Also's iß doch nich zu gloom. Schdadd daßr hibbsch mit seiner Frau unn. sein Kindern schbazicrn geht, wie sichs an Sonndach gehccrt..., d» hubbdr hier Nim mit solchen kurzen Hosen unn so enn bundcn Jumber unn schbielt midn Balle. Unn ooch noch for alln Leiden! Nich emal enn Schdchkragen hadr um zum Sonndach. Daß das den seine Frau crloobt. Emendc weeß .dies garnich. Wer weeß, was der der erzählt, wo'r hingeht. — Machen se doch nich solchen Kwadsch! Sie kenn een doch um dn gansen Genuß bring mit ihrn alwernen Gekwadjche. Um gansen Genuß? Sie. was ißn das fr ä Genuß? Das missen se mir mal sagen. Denn ihrn Schbiel zuzugucken, das iß bei ihn' ä Genuß? Worin beschehd dn der? — Nu, in Cr Schbannung. In dr Schbannung? Off was sinn sie dn da geschbannt? — Awr sie sinn dämlich. Off was werd mrn geschbannt sinn? Wer gewinnt! Wie dn: wer gewinnt? Die balln wohl um de Wcdde? Das geht wohl um Breise? — Nu klar. Unn außerdem ums Ehrgefiehl. Ach, wohl wer'n am heechsden schmeißen kann, hat gewann? Oder an weidesden? — Nee, um de censclnen Schbielcr handelt sich das nich. Das sinn doch Monnfchafden. Un die Bardel, die an besten schbield, die hat ähm gewann. Wie dn: die Bardei? — Nu, das sinn doch zwee Bardein! Zwee Bardein? — Nu ja Hiem die eene, unn driem die andre. Sehnse, dort die mit den geschdreifden Musder, das sinn... Dank« scheeen. Awr sie brauchen mir das nich weider zu er- leidern. Wenn das zwee Bardein sinn, da indresiiert mich das nich mehr. Fr Bolledik Habbich nämlich nischt iewrig... Graphologie. Sie! Was ißn das: Graffelochie? — das iß laddeinifch, unn heeßt off deitsch: Handschrifden- deidung. Unn da machen se solche Briche drfon? Das ferschdeh ich ja nu nich. Schdadd dasle froh sinn, dasse aus der Schule raus sinn . unn keenc Angst mehr zu Hamm brauchen, ob je in Scheenschreim enne guhde Zensur kriegen oder enne schlechde, da bezahln se sogar noch Geld drsvr. Wo das heidzudahche iewrhaubt ganz«egal iß, seiddcm de Schreibmaschine ersimden iß... Das kommt doch nich offs Scheenschreim an, sondern oft de Karakder-Eigenschasden. Die wern doch aus dr Handschrift raus- gelesen. Das gibbds doch garnich. — Nadierlich gibbs das. Wieso denn? — Nu, ä Mensch, der meindwegen schbarsam feranlagt iß, der macht keen Schdrich zufiel. Unn wer ordentlich iß, der setzt ooch beia schreim hibbsch een Buchschdahm nähm dn andern. Unn wer groß- ziegio iß, der läßt meindwegen de J-Bunkte weg. Un wer ä schdolschcs Wesen hat, der macht dein harten Bec immer unden so ne Ferzierung rann, unn so weider. Awr da kommt doch nischt drbei raus, wenn das aus der Hand- schrift gedeidet werd. Das n>eeß doch sowieso jeder, wie er iß. Da brauchdr doch keen... wie heeßt der?... keen Graffelochen drzu. Unn iewrhaubt: dähden sie sillcicht simf Mark bezahln, daß ihn wo. meeglich nachher eener sagt: Sie sinn ä schlechdcr Mensch, sie Hamm kec Dalent zr Lieme. Oder sie sinn ä samfdes Gemied, awr se wissen nich, wasse wolln. — Warum solldn das keen Zweck Hamm? Da kamer doch nach- her an sich arweiden, dasies besser werd. Das werd wohl in unfern Aldcr nich mehr fiel»itzen. — Un gans abgesehen dafon. Nemms« zum Bcischbiel mal an. es kann doch eener ooch gerne mal enn andern Menschen innemendj neinguckcn wolln. Meindwegen wennr enne Liebsde hat, unn er iß sich noch nich richdig schlissig, obr se ncmm soll, oder nich. Manche endbubbt sich doch midr Zeit ganz anderjch als wie scs forher scr- schbrochen hat. For sowas kammr sich jetzt schitzen. Da läßt mr sich einfach enn Liewcsbrief fchreim, unn da drmit geht mr zum Graffeloochen, unn läßt sich deiden. Unn wenn der sagt: Heerns-, wer die mal heirahd, der Hot nischt zu feixen, die iß schdrcidsichtig unn gewalddädig.... da kannr noch rechtzeitig abhaun. Awr da ließt doch der Graffelooche de gansen Geheimnisse, die filleicht in den Brief schdehn. — Die kammr doch forher durchschdreichen, eh mrn den Brief gibbt. Fr den geniegen schon ä baar Zeil«, wo se sieleicht fon Wedder erzählt, oder son ihrn kleen Bruder seiner ferschdauchden Färsche. Das geht den ooch nischt an! Un was mier grade noch einfällt: warum follns denn die jung' Leid« heidzudahche besser Hamm wi.' mir damals? Das iß doch im heechsden Grade ungerecht. Mier Hamm doch frieher solche Hilfsmiddel ooch nich gehabbt. Unfre Heirahderei war doch ooch ä Lodderieschbicl, wo? mehr Rieden gab wie Houbdgewinne. Nee, wenns nach mir ging, da mißde die Graffelochie ferboden wern... Krühaufsteher. Gudden Dahch! Ooch schon so zeidj offn Veen'? Das freit mich. Wenns nach mir ging, da mißden de Menschen olle Frieh- oftschdcber sinn. Da war fieles besser in dr Welt. S heeßt doch nich umsonst:. Morgenschdunde hat Gold im Munde. Awr Halden ses fr meeglich, da gibbds welch«, die sehn das nich ein. Dos de- greif ich nich. Was mich anbcdrifft, war das fon dr sriehsden Kindheet an mei Brinsieb. Jhrsch ooch, nowr? — Nu, offen gesagt, aus Bcgeijderung bin ich nich grade!0 zeidj offgeschanden. Mich wern se selben so beizeiden dreffcn. Awr gesdern ahmd habb ich enn kleen Schwibbs gehabbt, unn da kann ich Hinderher allemal nich schlafen. Da brummt mir so dr Schädel. unn in Bcdde drickt alle? so, daß ich denk, ich muß erfchdickcn. Drum habb ich Heid« mal enn kleen Morecnschbazicrgang gemacht. Awr mit Brinsieb unn so hat das nischt zu duhn. In Gegendeil. Ich kann mir nich forschdelln, inwicsern Morgenschdunde Gold im Munde Hamm soll. Nee? Awr schbiern se denn das nich? Wie scheen das kiehlt, unn wie's een da wieder klar in Kobbe werd? — Das schdimmt schon. Awr ich habb doch nich jeden Dahch enn Kahder. Das is ooch nich ncedj. Machen se nr mal de Brohwe offs Exembel, unn schdehn se frieh ähmso zeidj off wie Heid«, wenn je mal keen Hamm. Da wern se s«hn, daß ich recht habb. — Da kenn se mir doch ooch mal sagen, wieso unn Warum. Ich meene, was das mit den Gold bcbeiöen soll, was de Morgen- schdunde in Munde hat. Ach so. Ja. Also wissen se, die Morgenschdunde, das iß de schecnfte Schdunde son ganzen Dahch. So iß das zu erklären, wemmcr sagt, die hat Gold in Munde. Das iß ähm so ä Fergleich. — Nu ja, awr, da muß doch, was drhinder jchdecken, ich meene ärgendwas Bosidiefes. So ä Fergleich muß doch enn Sinn Hamm. Nadierlich Hot der enn Sinn. Das iß doch ä Schprichwort. Unn die Schbrichwärder Hamm doch alle enn Sinn. — Na, da sagen se mrsch doch mal, was fr een! An sich hat doch de Morgenschdunde nischt mit Gold zu duhn. Unn enn Mund hat se doch iewerhaubt nich. So buchstäblich dersene se doch das nich ncmm. — Wie denn sonst? Gold iß Gold, unn Mund iß Mund, unn Morgenjchduiide.. Sic! Wie kammr bloß so hordnäckig sinn?! Wegen so enn Wort. Aehmsoguhd häddc ich doch was andres sagen kenn. Mr muß doch schließlich was reden, wemmr sich so mudderseelnnllcene off dr Schdrahe drifft. Un ich habb gedacht, sie sinn wärklich Frieh- osftteher, unn srein sich, wenn ich das sag. Dran gloom duh ich doch selwer Nich. Bei mir isses nämlich ooch bloß Zufall, daß ich Heide mal schon so beizeiden raus bin. — Ich denke, das machen sie aus Jewrzeichung, jeden Morgen? Um Goddsswilln! Da war ich doch alwern. Die Sache iß die: ich gloowe, in mein Garden werd Heide Nacht de erschde Erdbeere reif geworden sinn, die war nämlich gesdern schon halwcgz rohd. Awr di« schdcht so nahe dein Zaun, unn da g«ht ooch noch grobe dr Weg frbei. Wenn ich mich da nich drzu halt, da komm ich zu schböt. Da Hamm se je mir gemaust. Surdüloie Spinnen Daß Spinnen sich keineswegs nur von Insekten nähren, sondern daß ihre großen Abarten sich auch Fische, Eidechsen, Salamander, Frösche, Kröten und Schlangen als Beute erwählen, ist schon häufig beobachtet worden. Der Naturforscher W. Gudger berichtet hierzu nach einige andere markante Fälle, in denen Spinnen ihre furchtlose Angriftslust bewiesen hoben. In der bekannten Echlongcnsarm zu Butantan in Brasilien wurden Riesenspinnen, die 6 Zentimeter, bei ausgestreckten Beinen 2l> Zentimeter lang waren, beobachtet, wie sie Schlangen in den Kops bissen, sie dadurch lähmten, dann den Kops der getöteten�Schlange mit den- Maudibeln. aufknackten und den Körper im Lauf von zwei Tagen' allmählich missögen, bis nur mehr vertrocknete Ueberreste übrigblieben. In Mexiko wurde im Freien der Angriff einer Spinne auf eine Klapperschlange beobachtet, die dabei zuerst sehr laut klapperte, bis sie in Krämpfe verfiel und endlich mit dem Klappern ganz aufhörte. Nach einer Minute war sie tot. In einem anderen Fall wurde ein 32 Zentimeter langes Chamäleon in drei Minuten durch das Spinnengift getötet. Spinnen, die versuchsweise mit Schlangen in einen Käsig gesperrt wurden, verschmähten Insekten als Nabrung. Eine Spinne war so gefräßig, daß sie in vier Tagen zwei ö Zentimeter lange Frösche und zwei kleinere Schlangen verspeiste, dann mußte sie sich freilich durch ein zweiwöchiges Fasten von ihrer Schwelgerei erholen. Es scheint, daß so die Spinnen in der Natur auch der zur starken Vermehrung schädlicher Schlangen entgegenwirken. Gewisse Spinnen sind aber auch imstande, Netze aus sehr kräftigenn Fäden zu spinnen, so daß sich sogar Vögel darin verfangen. Dabei zerxeißen sie das Netz und drehen bei den Befreiungsversuchen die herabhängenden Fäden zu einem starken Kabel zusamn'.en, das sie nicht zerreißen können. Die meisten Vogelspinnen fangen aber ihre Beute nicht im Netz, sondern stürzen sich auf sie, besonders auf Nestvögcl, die noch nicht flügge sind, und töten sie durch einen Biß ins Genick. Die in Madagaskar heimische Spinne Halabe erzeugt so starte Fäden, daß man daran dachte, sie in Farmen zu züchten und die Fäden für technische Zwecke, als Gespinstmaterial zu sammeln. In Indien gibt es Spinnen, die sich von Ratten, Moschusratten, Mäusen und Fleder- mäusen nähren. Die Durchschniltstemperalur auf dem Mars schätzt der schwedische Physiker Arrhenius auf minus 4k) Grad, also weit miter dem Gefrierpunkt des Wassers liegend. Nach seiner Ansicht sind die rotgelben Teile der Oberfläche des Mars öde, unfruchtbare Wüstenstrecker, und die früher als„Seen" und„Meere" bezeichneten Stellen Salzjümpfc, deren Salzmassen in sricheren Perioden durch das Walser aus den Erdschichten des Planeten ausgewaschen wurden. Durch die Ein- Wirkung der Kälte im Winter kristallisiert sich das Salz in großen Mengen, im Sommer aber saugt es Feuchtigkeit auf, wodurch sich allmählich wieder dunkle Lachen von Salzbrei bilden. Arrhenius vertritt den Standpunkt, daß der Mars viel zu kalt fei, als daß es ein höheres organisches Lebea dort geben könne: es ist aber möglich. daß es niedrigere Farmen des Pflanzen, und Tierlebens gibt, die unter den rauhen Bedingungen g�dci'ien können. Nach Arrhenius' Annahme hat das Leben auf dem Mars vor Jahrmillioncn seine Blütezeit gehabt. Der erste Zylinderhul aus einem Spaziergong. Im Jahre 1796 trug ein Modejüngling in London den ersten Zylinderhut, der in stattlicher Höhe aus seinem Haupte glänzte. Er erregte nicht nur Aufsehen, sondern auch Angst und Schrecken, und mußte seine Kühn- hcit mit einem ernsten Verweis büßen. Die Tageszeitung„Times" schrieb darüber folgendes:„Der Sünder wurde wegen groben Un- s»gs und Verursachung von Straßenunruhen dem Richter vorgeführt. Es wurde bewiesen, daß er auf öffentlicher Straße mit einem Hute aus dem Kopfe erschienen war, den er einen Seidenhut nannte, einem hohen Bau mit glänzendem Scheine, geeignet, furchtsame Wesen in Zlngst zu setzen." Tatsächlich sagten die Polizisten aus, daß mehrere Frauen bei dem ungewohnten Anblick in Ohnmacht gefallen seien, daß Kinder geschrien haben und daß ein kleines Kind sich aus Angst vor dem Hute zu Boden geworfen und den Arm gebrochen habe. Der„Tdiol". Ein lehrreiches Beispiel für die Wandlung der Wortbedeutung ist das Wort„Idiot". Das griechisch« Wort Idiot bedeutet zunächst..Privatmann", lieber den Umweg„der Nicht- stoatsmann",„der Unkundige" gelangte das Wort zu seiner l)eutigcn Bedeutung:„der Geistesjchivache", 5lr. 277* 48. Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Mittwoch. 47. Juni 4 934 Gegen billigere Kohlen. Die Kohlensyndikate zur Notverordnung. Die im Reichstohlenverband vereinigten Kohlensyndi- täte geben eine Entschließung bekannt, in der es u. a. heißt: „Die Notverordnung vom 5. Juni 1931 enthält die Ermächtigung der Reichsregierung, die Untertagearbeiter des Steinkohlenbergbaues vnd ihre Arbeitgeber ganz oder teilweise und auf begrenzte Zeit von der B e i t r a g s p f l i ch t für die Reichsanstalt für Arbeitsvermitt- hing und Arbeitslosenversicherung zu befreien, wenn dadurch eine angemessene Senkung des Kohlenpreises erreicht wird. Dieser Ausfall an Beiträgen soll der Reichsanstalt vom Reich ersetzt werden.— Es soll eine Senkung der Kohlenpreise, die der deutsche Steinkohlenbergbau bei seiner beutigen wirtschaftlichen Lage aus eigenem Vermögen nicht vornehmen kann, durch eine Unterstützung aus Reichsmitteln, d. h. zu Lasten der-Allgemeinheit der Steuerzahler, ermöglicht werden. Die im Reichskohlenverband vereinigten Kohlen- jyndikate sind demgegenüber der Auffasiung, daß eine Senkung der Kohlenpreise, so wünschenswert sie an sich sei, Wirtschaft- lich verfehlt und bedenklich erscheinen müsse, wenn dieses Ziel auf dem von der Reichsregierung beabsich- «igten Wege ermöglicht werden soll. Sie sind der Ansicht, daßdieEinsetzungvonReichsmittelnzurkünstlichen Beeinflussung der wirtschaftlichen Preisbildung grundsätzlich unrichtig ist. Würde dies nach Ansicht der Syndikate schon dann zutreffen, wenn die Mittel aus einem gesunden Reichshaushalt flüssig gemacht werden könnten, so um so mehr im vorliegenden Falle, wo dieser Haushalt sich im Zustande einer schweren Krise befindet und schon die Mittel zu seinem Ausgleich auf vielfach stark beanstandetem Weg« aufgebracht werden sollen. Schon vor Erlaß der Notverord- nung haben Vertreter des Bergbaues der Reichsregierung gegenüber leinen Hehl aus ihrer Ueberzeugung gemacht, daß bei der heutigen Verfassung des Weltkohlenmarktes eine Preisermäßigung, wie sie die Regierung mit ihren Maßnahmen ermöglichen will und die auf den gesamten Steinkohlenabsatz bezogen etwa 39 Pf. je Tonne ausmachen würde, kein« Vermehrung des Kohlenabsatzes durch entsprechende Besierung des bergbaulichen Arbeitsmorktes zur Folge haben wird. Daß aber nicht die Rede davon sein kann, mit einem Betrage von 23 bis 28 Millionen Mark, die in einem Zeitraum von neun Monaten zur Verfügung gestellt werden würden, die deutsche Wirtschaft anzukurbeln, dürfte auch für denjenigen, dem Wirtschaft- lich« Zahlengrößen wenig geläufig sind, verständlich sein. Die Syn- bikate geben schließlich ihrem Bedauern darüber Ausdruck, daß durch die Ankündigung der Regierungsabsicht und insbesondere durch die Ausführungen, die der Reichssinanzminister dazu gemacht hat, eine starke Beunruhigung in die Kreise der Kohlenverbraucher getrogen ist, mit dem Erfolg, daß die ohnehin so wenig erfreulichen Absatz- Verhältnisse des Kohlenbergbaues auf das Empfindlichste gestört worden sind.* Diese Erklärung zeigt, daß die Kohlenherren entweder eine �.ohlenpreissenkung überhaupt nicht oder nur dann wollen, wenn die Subvention aus Beitragserlaß bzw. Steuermitteln erhöht wird. Da» letztere wird allerdings nicht offen gesagt. Da die Kohlen- Preissenkung als wünschenswert erklärt wird, haben die Kohlenherren die Möglichkeit, sie von sich aus durchzuführen. Sie neben dem R e i ch s w i r tf ch a f t s m i n i st e r sonst das Recht, die Senkung der Kohlenpreis« zu erzwingen. Das liegt um s» näher, als eine solche Preissenkung wirtlich die Wirffchaft gerade im gegenwärtigen Augenblick ankurbeln könnte und die Kohlenherren dann nicht darüber zu klagen hätten, daß die Ankurbelung der Preissenkung ihnen das Geschäft verdorben dat. Daß die Kohlenherren auf die Subvention verzichten. wird dem Reichshaushalt ein weiterer Schritt zur Gesundung und für die Rcichsregierung eine Mahnung sein, die Gelder zur Milderung der sozialpolitischen Härten der Notverordnung zu benutzen. Immer noch überhöhte Zemenigewinne. Schles. portland-Zement zum Kampf um den Markt gerüstet Seit Jahren verlangt und erhält die Zementindustrie für ihre Produkte ungerechtfertigt hohe Preise. Sie kann das, weil die Konkurrenz durch den hohen F r a ch t a n t e i l am Gesamtpreis beschränkt ist und weil sich die Industrie überall zu Syndikaten zusammengeschlossen hat. Immer wieder aber entstehen durch den Eriksson wird amerikanisch. Ein neuer Schritt zur Monopolisierung des Aachrichtenwesens. Der große schwedische Ericsson- Kontern, die zweitgrößte europäische Telephonbau- und Telephonbetrieds-Gesellschaft, die bisher von dem schwedischen Zündholzmagnaten 3 v a r S r e u g e r beherrscht wurde, ist seht in amerikanische Hände über- gegangen. Joar Kreuzer hat sein Aktienpaket an die International Telephone and Telegraph Corporation verkauft. Für den amerikanischen Konzern bedeutet diese Einflußnahme eine ganz wesentliche Erweiterung seiner internationalen Machtstellung. Es ist etwa zwei Jahre her, daß über Verhandlungen zwischen Ericsson und der International Telephone and Telegraph Corpo- ration Gerüchte verbreitet wurden: es soll sich damals um Be- sprechungen über ein gemeinsames Vorgehen in den s Ü d a m e r i- konischen Ländern gehandelt haben, wo sowohl Ericsson als auch der ITT.-Konzern über ausgedehnte Telephon- und Tele- graphennetze verfügen. Das unaufhaltsame Vordringen des ITT.» Konzerns gerade auf dem südamerikanischen Kontinent zeigt unver- kennbar ein Streben nach Monopolisierung des gesamten südameri- konischen Nachrichtenverkehrs sowohl auf dem Telephon- und Tele- graphen- als auch auf dem Kabel- und Funkgebiet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es zunächst die lateinamerikanischen Beteiligungen(Argentinien, Mexiko usw.) des Ericsson- Konzerns gewesen sind, die den ITT.-Konzern am stärksten inter- essiert haben. Abgesehen davon ist gegenwärtig für kapitalkräftig? Gruppen der Bau von Fernsprechgeräten und der Betrieb von Nachrichten- organisationen, selb st in der Krise, ein unverändert glänzendes Geschäft. Sowohl der ITT.-Konzern, der im Jahre 1930 einen höheren Gewinn erzielte als 1929, als auch die Ericsson-Gesellschaft geben davon Zeugnis. Ericsson erzielte im Jahre 1930 einen Reingewinn von 7,2 Millionen Kronen gegenüber 7,1 Millionen Kronen im Jahre vorher. Die Gesell- schaft konnte wieder 8 Proz. Dividende verteilen. Im Geschäfts- bericht von Ericsson wurde ausdrücklich betont, daß die Weltkrise die günstige Entwicklung nicht aufgehalten habe. Die Verwaltung glaubt sogar, wie damals mitgeteilt wurde, daß eine Wirtschafts- krise die Nachfrage nach Fernsprecheinrichtungen nicht vermindere, sondern sogar den Bau neuer Anlagen günstig beeinflusse. Man wird diesen Ausführungen noch etwas anderes hinzu- fügen können: in den meisten europäischen Ländern ist es der Staat, der den Fcrnsprechbetrieb ebenso wie das Telegrophenwesen, das Funkwesen, die Post usw. beherrscht. Die Krise hat die finanziellen Mittel vieler Staaten so geschwäAt, baß einige von ihnen den Fernsprechbetrieb be- r e i t s abgegeben haben. So hat der ITT.-Konzern im letzten Jahr das Fernsprechmonopol in Rumänien erworben, Ericsson gemeinsam mit Siemens u. Halske das griechische Fern- sprechmonopol: weiter hat Ericsson unter Ausnutzung des Kreuzer- schen Zündholzmonopols in Polen seine Fernsprechlieferungen nach diesem Lande vergrößern können und bemüht sich augenblicklich um die Erlangung des Fernsprechmonopols in Finnland. Die gegen- wärtige internationale Krise-st der gegebene Zeitpunkt für Erweiterungen aller Gruppen, die es auf die Eroberung solcher Positionen abgesehen haben, die bisher in staatlichen Händen gewesen sind. Der Uebergang des mit einem Aktienkapital von rund 100 Mil- lionen Kronen(HS Millionen Mark) arbeitenden Ericsson-Konzerns an die ITT. ist ein weiterer Schritt auf dem Wege zur Mono- polifierung des Nachrichtenwesens der ganzen Welt. Für die weitere Entwicklung wird die erfolgte Anbahnung von Arbeitsverbindungen zwischen Ericsson und dem großen europäischen Schwachstromkonzern Siemens u. Halske A.-G. von Bedeutung werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es in absehbarer Zeit wieder zur Aufnahme direkter Beziehungen zwischen der Siemens u. Halske A.-G. und dem ITT.-Konzern kommen wird. Ericsson betreibt ausgedehnte Telephonnetze in Argentinien. Mexiko, auf Island, in türkischen und italienischen Städten: außerdem kon- trolliert er Fernsprechfabriken in England, Frankreich, Italien, Oesterreich, Ungarn und einigen anderen Ländern. Die letzten wich- tigsten Erweiterungen auf dem Fabrikationsgebiet waren die Er- Werbungen einiger schwedischer Fabrikationsgruppen und die ver- stärkte Beteiligung an einer sinnischen Gesellschaft. Im übrigen zeigt dieser Vorgang, wie eng Ivar Kreuzer, der Beherrscher des schwedischen Finanzkapitals, mit den amerikanischen Finanzkräften zusammenarbeitet. Die engen Verbindungen, die ins- besondere zwischen ihm und dem amerikanischen Bankhaus Lee, Higginson u. Co. bestehen, sind bekannt. Es ist nicht anzunehmen, daß Ivar Kreuzer lediglich wegen der Krise und verstärkter finan- zieller Anspannungen den Ericsson-Konzern verkauft hat, vielmehr ist es wahrscheinlich, daß er von vornherein auf diesen Konzern mit der Absicht Einfluß genommen hat, ihn später mit den amerika- nischen Interessen zu vereinigen. Anreiz der hohen Preise neue Werke, Außenseiter der Syn- dikate, die von diesen meistens aufgekauft(und stillgelegt) werden. Natürlich werden die K a p i t a l k o st e n dafür immer neu in die Selbstkostenrechnung eingestellt. Die Krise hat die B e s ch ä f t i- g u n.g der Zementwerl« so. stark gesenkt, daß die Konkurrenz der Slußenseiter immer unangenehmer wird, daß einzelne Syndikats- Mitglieder glauben, in offenem Konkurrenzkampf Vorteile für sich herauszuholen. Die Schlesische Portland-Zement-Industrie A.- G., Oppeln(Schultheiß-Ostwerke-Konzern) ist auf den kom- Menden Kamps um den Markt glänzend gerüstet. Schulden nur in Höhe oon 1,2 Millionen Mark bei 27 Millionen Kapital, starke offene und stille Reserven: selbst die Beteiligungen mit 7 Mil- lionen Mark sind niedriger als der Kurswert oon Dezember 1930 bewertet. Im Jahre 1930 ist der Absatz mengenmäßig um ein Drittel gegen 1929 zurückgegangen: wertmäßig aber war der Rückgang stärker, da die Preise um 10 Proz. gesunken sind. Aber der Bruttogewinn sst nur von 10,2 auf 8,3 Millionen zurück- gegangen-, und nach erheblichen Sonderabschreibungen kann man immer noch 8 Proz.(im Vorjahr 12 Proz.) Dividende verteilen. Im Geschäftsbericht wird auseinandergesetzt, wieviel mehr der. Konsument an gleichbleibender Qualität als an niedrigen Preisen interessiert sei: man darf das wohl als Eingeständnis für die lleberhöhung der Preise ansehen. Dann wird ein Loblied aus die P l a n w i r t i ch a st gesungen, freilich nur auf die der Syndikate. Man erfährt auch, daß die Verluste beim deut- schen Zementexport jährlich 30 Millionen Mark betragen. Wieder ein Geschenk ans Ausland auf Kosten der inländischen Verbraucher, ein Erfolg der Syndikatspolitik, die zu einer sinnlosen Ausdehnung der Anlagen geführt hat. Wie sinnlos in die deutsche Zementindustrie Kapital hinein- gesteckt wird, zeigt der Geschäftsbericht für 1930 der Portland Zementwerk Saxonia A.-G, Noch im vorhergehen- den Jahr sind erhebliche Summen für die Erweiterung der An- lagen ausgegeben worden, ohne Rücksicht auf die Beschäfti- gungsmöglichkeit. Tatsächlich wurde das Werk im Oktober 1930 st i l l g c l c g t: seit Mitte April 1931 arbeitet es wieder. Der Gesamtabsatz war um 20 Proz. niedriger als im Vorjahr, trotz« r- w e i t e r t e r Anlagen. Gleichwohl wird für 1930 eine D i v i- d e n d e von S(Vorjahr 10) Proz. auf das Kapital von 1,5 Mil- lionen Mark verteilt.— Nirgends zeigt sich die fehlerhafte Wirt- schaftsfichrung des Kopitalismus so grotesk wie in der Zement- industrie. Eine neue Laupleite. Schon wieder wird der Zusammenbruch einer Baufirma bekannt. Die Berliner Firma Lerche u. Nip- p e r t H o ch- und Tiefbau A.-G. hat die Zahlungen eingestellt. -Noch im Dezember 1930 wurde das Aktienkapital von 2,5 Mill. M. um 1 Mill. M. Vorzugsaktien erhöht. Die Mehrheit befindet sich in Händen des Bremer Großkaufmannes Friedrich Roselius (nicht zu verwechseln mit Ludwig Roselius. Kaffee Hag). Bei einem großen Bauvorhaben, das Gesamtkosten in Höhe von 50 Mill. M. verursachte, soll ein Verlust voxi 2 Mill. M. entstanden sein.> Berliner Alillioneninsolvenz. Die Berl. Teppichfirma Fischer u. Wolfs hat die Zahlungen eingestellt. Die ungedeckten Schulden sollen sich auf zwei Millionen M. belausen. Die Verluste haben ver- schiedene Gründe: Ausfälle sollen bei Schuldnern und bei der eigenen Textilfabrik eingetreten sein. Ve5ßlII)te XVäsdre, die lange gelegen hat. Um vergilbter und verfleck- ter Wäsche wieder ihr ursprüngliches tadelloses Aussehen zu geben, empfiehlt sich ein- oder mehrmaliges Kochen in kalt bereiteter Sillfleung auch zumWäscheklarspülen wird Sil mit allerbestem Erfolg gebraucht! Man gibt dem ersten heißen Spülwasser einige Handvoll Sil - kalt verrührt- bei. Dadurch werden der Wäsche alle Rückstände der W aschlauge viel sorgfältiger SW/ä* Stillstand fr Eine Richtigstellung u Zu unserem Artikel vom 3. Juni.Ernste Bilder vom Bau. sparen"' übersendet uns die Bausparkasse Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot in LuÄwifsburg(GdF.) die folgende Be- richtigung: „Es ist unwahr, dah eine größere Anzahl alter Bausparer, die auf 18 bis 20 Proz. zu schätzen seien, ihre Verträge rückgängig gemacht Hab«, weil eine Bertrauenskrise unter den Bausparern bestehe: wahr ist vielmehr, daß die GdF. ihren Bausparerbestand durch Abstoßung einer größeren Anzahl nach ihrer Ansicht au»- sichtsloser und die Verwaltung seit Jahren nutzlos belastender Verträge bereinigt hat, und daß oi« Zahl dieser durch oertrag- liche Einigung aufgelösten Verträge nicht entfernt den genannten Prozentsatz erreicht. Unwahr ist, daß 7547 Bausparer seit 1924/25 auf die Zuteilung ihres Baugeldes warten; wahr ist, daß von 7547 Bausparern von 1924/25 rund 6000 die vertragliche Bedingung für den Anspruch auf Teilnahme an den Zuteilungen verfügbarer Baugelder erfüllt und davon rund 4000 ihr Baugeld, größtenteils schon vor Jahren, erhalten haben. Unwahr ist es, daß nach dem Geschäftsbericht der Betrieb einer Bausparkasse ein gute» Geschäft für ihre Gründer ist, welches in Gewinnen von über 800 000 M. (1929) unnd über 600 000 M.(1980) bestehe; wahr ist vielmehr, daß bei der GdF. weder an die Gründer noch an irgendwelche sonstigen Personen die geschäftsplan- oder buchmäßigen Ueberschüsse verteilt werden, daß niemandem ein derartiger Anspruch zusteht, son- dern daß solche Ueberschüsse ausschließlich der Abwicklung des Bau- spargeschäftz durch Zuteilung von Baugeldern an die Bausparer zugeführt werden, was durch ihren Vortrag in voller Höhe auf jeweilige neue Iahresrechnung kontrollierbar ist." Wir erwidern darauf: Die GdF. setzt ihre MethodenderVerschleierungtat- sächlicher Verhältnisse, die den kritisierten Geschäftsbericht und ihre Werbeschristen kennzeichnen, fort. Wie auch das„Berliner Tage- blatt" und andere Zeitungen feststellten, erschwerte der Geschäfts- bericht 1930 die Beurteilung ihrer Entwicklung im Vergleich zu den Vorjahren dadurch, daß die Zahlen für das am 1. Januar 1931 abgetrennte österreichische Geschäft nicht mehr mitgenannt wurden. Auf dies« Weise wurde die rückläufige Bewegung des Bestandes an Bausparverträgen im verflossenen Jahre verdeckt. Wenn trotz eines Zuwachses von 7503 neu im Jahre 1930 ange- s Wüstenrot. »d die Aniwori darauf. worbenen reichsdeutschen Bausparern die Anzahl der GdF.-Sparer in Deutschland und Oesterreich vom 31. Mai 1930 bis 31. Dezember 1930— wie man zwar nicht aus dem Geschäftsbericht, sondern aus Statistiken der Deutschen Bau- und Bodenbank erfährt— von '58 771 auf 57 600, also um 1171, zurückgegangen ist, so liegen m i n- d e st e n s 8674 Vertragsaufhebungen vor. Bei 45 491 reichsdeut- schen Bausparern läßt sich damit abschätzen, daß 18 bis 20 Proz. der alten Verträge rückgängig gemacht wurden. Sollte die GdF. die Berechtigung dieser Schätzung bestreiten können, so braucht sie nur die wirklichen genauen Ziffern zu nennen und Farbe be- kennen. Das geschieht jedoch in der„Berichtigung" nicht. Ob die Verträge im einzelnen formell von der Gesellschaft oder dem Bausparer gelöst wurden, nachdem die Einstellung der Raten- Zahlungen das geschwundene Vertrauen auf baldige Zuteilung oder die zu stark« finanzielle Belastung durch den Bausparvertrag demon- striert hatte, ist unerheblich. Ihre vorderhand abschlägig beschiedenen Wünsche nach Hauszinssteuermitteln soll die GdF. u. a. mit der wachsenden Ungeduld ihrer Sparer begründet haben. Der Berichtigung ist zu entnehmen, daß entgegen meinen Schluß. folgerungen aus den kargen Statistiken der GdF. nicht 7547, sondern rund 3500 Sparer, darunter rund 2000, die alle vertraglichen Vor- aussetzungen erfüllt haben, seit 1924/25 vergeblich auf die Zu- teilung des gewünschten Eigenheimkredits warten. Mit diesem Effekt dürste keiner von den 3500 gerechnet haben, denen in den Reklame- schriften erklärt worden war. daß sie„unter Umständen" schon nach einem Jahre am Ziel seien. Sie alle haben ihre Verträge unter dem Eindruck einer Propaganda abgeschlossen, von der 1927 in einer angesehenen Fachzeitschrist gesagt wurde: „Die GdF. erweckt falsche Hoffnungen durch Uebertreibun- gen der Reklame, mißverständliche Darstellungen und Verschwel- gen ungünstiger Umstände." Bei einem Gesellschaftskapital von nur 110 000 M. konnte die GdF. aus den Erträgnissen des Jahres 1930 in Betriebsan- lagen, darunter einem großen neuen Verwaltungsgebäude, 915 000 M. investieren und ferner rund 607 000 M. den Reserven zuweisen.(Es heißt also Mißverständnisse fördern, wenn in muster- gültigem Deutsch erklärt wird, daß die Ueberschüsse„ausschließlich der Abwicklung de» Bauspargeschäfts durch Zuteilung von Ban* geldern an die Bausparer zugeführt werden".) Bilanzmäßig er- kennbar sind damit U« b e r s ch ü s s e von über ll/i» Millionen Mark, zu denen noch Abschreibungen in Höh« von rund 145000 M. kommen. Ob die Gewinne im Betrieb bleiben oder an die Gesellschaft ausgeschüttet werden, ist für die Sparer, die mit„Unkosten- beitrügen" und mit Zinsverlusten die Zeche bezahlen müssen, un- wichtig. Jedenfalls sind Jahresgewinne in nahezu 1 5 f a ch e r Höhe des G e s e ll s cha ft s k a p i t a ls schlechter- dings nicht mit dem Prädikat„gemeinnützig" vereinbar. E>r. Brockschmidt. Ltndurchsichtige Bilanz. Qndström verteilt 12 Prozent Dividende. Geschäftsbericht und Bilanz der Carl L i n d st r ö m A.- G., Berlin, geben nur mähigen Aufschluß über den Verlauf des Äe- schäftsjahres 1930. Zwar ermäßigt dieses zum Londoner Co- lumbia-Konzern gehörige Schallplatten-Unternehmen die Divi- dende auf das 7.Mill.-Mark-Kapital von 20 auf den immer noch respektablen Satz von 12 Proz. Ob aber wirklich Gewinnrückgang dafür maßgebend war, läßt sich nicht entscheiden. Der Umsatz des Jahres 1929(etwa 45 bis 50 Mill. Mark) ist nach dem Geschäftsbericht im Jahre 1930 nicht erreicht wor- den. Der ausgewiesene Brutto-Ueberschuß ist sehr stark, von 8,54 auf 5,72 Mill. Mark zurückgegangen. Die Handlungs-Unkosten sind um mehr als eine Million auf 4,5 Mill. Mark, gesunken. Die Ab- schrcibungen wurden auf ein Fünftel, von 1,1 auf 0,2 Mill. M. ermäßigt, das beste Zeichen, wie stark sie in den früheren Jahren überhöht waren. Daß die Bilanz immer noch außerordentliche st i l l e Re- serven enthält, geht schon daraus hervor, daß so wichtige Aktivposten wie Maschinen. Modelle, Patente, auch die besonders wertvollen Matrizen(Schallplatten-Formen) bis auf eine Mark abge- schrieben sind. Der Wert des Warenlages wurde weiter ver- ringert, von 3.1 auf 2,2 Mill. Mark,„bei vorsichtiger Bewertung" (Geschäftsbericht)! Auf der Passivseite erscheinen neben offenen Re- serven(eine Mill. Mark) Gläubiger und Rückstellungen wieder in einem Posten, mit 9,34 gegen 15,96 Mill. Mark. Was davon Gläubiger, was Rückstellungen sind, darf man raten. Dem Rückgang dieses Passivpostens entsprechen Rückgänge unter den Aktiven bei Bankguthaben und Forderungen. Ilisatsi', l-idikpisls usw. ) Ml. Stbiller-Wer. lwIA 20 Uhr Haus Herzenstod Ende ge?en 221* Uhr Rose-6arten das beliebteste Sommertbaeter 1 3 Programme: 1. Großer Kongertteil II. 8 Sensation. Variete- Nummern III. Operette. ..Der Hutmachcr Hr. I>ur ch taucht" Gr. 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Reingewinn—�.... ctnlnu' und verlnskrechuuug. RM II 1,72 II Hüttenertrag. 83632 38.90 850,42 1227,86{ mifglicbccbetoegung. 9 244,63 RM 1227,86 1 227,86 Bestand am 1. Januar 1930. Zugang per 1930.....—... See Vorstand: gez. SB. B u 1 a n. Oer Anfslchtsrat: gez. Johannes Dreßler. Die Die dieeiöhrige Deneralverfammlung hat beschlossen: 19. März 1931 zur Seneralverfammlung erschienenen Mit- g>ieder der.Naturfreundehaus-' ESmbH. befchlleßen, die Ge- nossenschaft aufzulösen. Die Vermögensteile werden faßungs- gemäß der Zentrale des Tourist, nvcrein»„Die Naturfreunde* berwiesen.* Ferner.„Die für den 16. April 1931 satzungsgemäß ein berufene zweite tveneralversammluiig bestaiigi den Beschluß der Sene-alversammlung vom 19. März 1931 auf Auflösung der„Naturfreundehaus* tktLmbH." Beide Befchlüfje wurden einstimmig angenommen. Liquidation erfolgt durch den bisherigen Vorstand. ISr die Llquidatareu: gez. SB. B ul an. Die Wiener Damen- Frisier• Salon uorzeiger erhält io Prozent Frisier. 0.80 Wasscr- velleo 1.5o Montag b. Freitag ermüBigte Preise. Jk Anoachnoirlen! Bitte ckieStraUc und Hausnummer zu beachten 1 BerUn SV19, RoBstr.19-20 Elfte Söiorn- sleinleDer- oasse DAUERWELLEN machen zu lassen ist Vertrauenssache, wir besitzen Fachkenntnisse und die denkbar besten Apparate, keine fem1"0- Wasserwellen Ä wellen nach Wunsch und kostet in earantjert guter Ausführung o h n e i eg H c h e ßs C" dalsal* Nachzahlung bis 24 Wickler Srudlw■•■Oa R Sewinuauszug 3. Klasse 37. Preußisch-Sübdeuifche Staals-Lotterk. Ohne Gewähr Nachdruck verboten Auf jede gezogene Nummer sind zwei gleich hohe Gewinne gefallen, und zwar ie einet auf die Lose gleicher Rummer in den beiden Abteilungen I und ll 2. Ziehungstag 16. Juni 1931 In der heutigen Bvrmittagsziehung wurden Gewinne über 400 M. gezogen 4 OBDittM»» 10000 Dt. B7089 332860„ 10«»Wim,, IS 3000 M. 202331 274049 277489 335875 369206 8 S-wisse ,s 2000 92t. 141996 286777 304558 356213 23®«pinn« zu 1000 93t. 22273 28814 30233 64003 126603 129264 143768 197879 264364 281281 308063 354380 367998 398238 46 e-tvisn« is 800 92. 33889 39521 60334 62736 103322 116252 131327 156041 228303 252553 259679 271189 276987 281970 302118 306378--------------------------------- 261816 266905 277938 311955 319037 319185 327954 387534 392971 2n der heutigen Rachmrttagsziehung wurden Gewinne über 400 M. gezogen 2 Gewisse zu 100000 9». 227109 4«-wisse«u 5000 M. 99548 391594 4 S-Wtss» jn 3000 M. 89302 146873 10«-toisn« m 2000 HL 53613 129764 188434 263046 346125 18«S-tsiss-*u 1000 M. 60497 78277 89737 111178 183143 225634 324506 365631 374662 26«ctoisn, eu 800 M. 6717 18452 128330 131474 143433 146416 149000 272009 297838 318065 334975 335405 379830 52«stnisne tu 600 HL 20446 28365 31415 104371 112958 116397 117350 128403 141008 141955 143004 161052 163379 215494224243 263205 267823 293083 236922 312064 320734 332480 358601 372536 382379 399517 KLEINE ANZEIGEN iiuiuiiiuiiiiitiiiiuiiiiiiiiiiuniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiuuimiiiiiuiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiuiimiiuiiiiuiiiiuuiiiiiiiiuiiiiuiiii Preise: Ubarsehrlftswort 23 Pfennig- Textwort 13 Pfennig Wiaderholungsrabat»; 10 mal 5 Proz., 20 mal oder 1000 Worte Abschluß 10 Proz., 2000 Worte 15 Proz., 4000 Worte 20 Proz.>- Stellengesuche- Dbersehriftswort 15 Pf., Textwort 10 Pf. � Anzeigen, welche für die nächste Nummer bestimmt sind, müssen bis 4>/s Uhr nachm. im Verlag, Undenstr. 3, oder auch in sämtl. 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