BERLIN Mittag 22. 3iini 1931 10 Pf. Nr. 286 B 143 48. Zahrgang ErscheinttSglich außerEonntag«. Iuzleich Abendausgabe des„Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 8S Pf. pro Woche, s.svM. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW 68, Lindenstr.Z Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 Anzeigenpreis: Die einspaltigeNonpareillezeile 8o Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigung cn nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwärts-Verlag G. m. b. H.. Berlin Nr. 37 636.— Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Wilhelm Bock I« Bat» Sulzbach, wo er seit mehreren Wochen zur Erholung weilte, ist heute der frühere Reichstags» abgeordnete, Genosse Wilhelm Bock- Gotha, im 86. Lebensjahre einem Ichlaganfall erlegen. Mit Wilhelm Bock ist einer der letzten Repräsentanten der Partei hingegangen, die noch an der Wiege der Partei gestanden haben. Wilhelm Bock war am 28. April 1846 geboren, stand also im 86. Lebensjahr. Obwohl man bei einem so hohen Alter alle Tage auf einen plötzlichen Abschied gefaßt sein muß, hat doch sicher keiner der Teilnehmer des Leipziger Parteitags voraus- gesehen, daß Wilhelm Bock diesen Parteitag, dessen Ehrenpräsident er war, nur um wenige Wochen überleben würde. Hatte er doch mit erstaunlicher Frische den Bericht der Kontrollkommission erstattet und ihn unter ungeheurem Beifall mit dem Ausdruck der Hoffnung geschlossen, noch einmal einen Tag der Einigung der Arbeiterklasse wie in Gotha und in Nürnberg erleben zu dürfen. Am Sonntag zuvor hatte er auf der Tribüne gegenübch: dem Volkshaus den un- geheuren Vorbeimarsch der Arbeiterschaft an sich vorüberziehen lassen und 2lA Stunden long in strömendem Regen ausgeharrt. Wilhelm Bock hat zwei Mcnschenalter lang in der deutschen Ar» beiterbewegung hervorragend gewirkt. Schon im Jahre 1873 war der damals 27jährige Präsident der deutschen Schuhmacher- g e w e r k s ch a f t und Redakteur des Verbandsorgans der Schuh- macher. Im Jahre 1875 eröffnete er den berühmten Einigung?» kongreß von Gotha, der die Eisenacher und die Lassalleaner zusammensührte. 47 Jahre später stand Wilhelm Bock auf dem Einigungsparteitag zu Nürnberg auf der Tribüne und legte seine Hand in die des fast gleichalterigen Wilhelm P f a n n k u ch— eine Szene, die keiner, der sie jemals erlebt hat, vergessen wird..Mitglied des Reichstags war er von 1884 mit einigen Unterbrechungen bis 1928. Zweimal war er sein Alters- Präsident. Dem ehemaligen Landtag des Herzogtums Koburg-Gotha hatte er gleichfalls Jahrzehnte lang angehört. Er spielte dort im „roten Herzogtum" die führende Rolle. Ein großer Schmerz war es für ihn, daß die Bewegung in Gotha, wo er seit 1869 lebte, unter dem Einfluß der kommunistischen Zersetzung verübergehend zerfiel, und es war für ihn gewiß eine große Genugtuung, daß er im Frühjahr dieses Jahres an öiner machtvollen Demonstration der Partei in Gotha teilnehmen tonnte. Wilhelm Bock starb in dem sicheren Glauben, daß die sozialistische Arbeiterbewegung trotz aller Schwierigkeiten und Hemmnisse unaufhaltsam ihrem Sieg entgegen- marschiert. Heute trauert die ganze Partei an der Bahre ihres geliebten und verehrten Alterspräsidenten. Reichsbannerauto verunglückt! Zwei Tote!— Siebzehn Kameraden schwer verletzt. Frankfurt a. M., 22. Juni. tEigenbericht.) Der Reichsbannerkapelle Ilmenau, die sich am Sonntag an einer Bezirks-Ionnenweudfeier in Groß- Breitenbach beteiligte, stieß auf der Rückfahrt ein furcht- bares Unglück zu, durch das zwei Kameraden getötet und 17 zum Teil schwer verletzt wurden. Tie Heimfahrt erfolgte in einem Lastauto, das in einer Kurve in Mans- bach gegen eine steinerne Hausplattc fuhr und umstürzte. Der Chauffeur und ein Mitglied des Reichsbanners wurden getötet. Nur vier von den zahlreichen Insassen bes Autos kamen ohne Verletzungen davon. Motorrad rast gegen Postauto. In der Nähe des Bahnhofes C h a r l o t t e n h o f in Potsdam ereignete sich am Sonntag ein schweres Verkehrsunglück, daß zwei Todesopfer forderte. Das Unglück ist daraus zurückzuführen, daß ein Motorradfahrer in voller Fahrt gegen einen Postomnibus prallte. Der Fahrer des Rades, ein 2<)jähriger Mann aus Ebers- walde, und seine Mitsahrerin wurden vom Rade geschleudert und blieben bewußtlos liegen. Im Krankenhaus konnte nur noch der Tod der beiden jungen Menschen festgestellt werden. Falliere» gestorben. Fast 90 Jahre alt, ist der frühere Prä- beut der französischen Republik, F a l l i e r e s, gestorben. 1883 war n Ministerpräsident und vou 1906—1913 Präsident der Republik. Ein Lahr Kriegsschulbenpause Oer Vorschlag Hoovers— die ersten Schwierigkeiten Washington. 21. Zuni. Präsident hoover gab gestern abend folgende ltrNärung ab. deren Wortlaut er den Missionschefs der beteiligten. Länder, darunter dem deutschen Geschäftsträger. Gesandt- schaftsral Dr. Leitner, durch das Staatsdepartement überreichen lieh: Die amerikanische Regierung schlägt einen einjährigen Ausschub aller Zahlungen aus Schulden der Regierungen. Reparationen und Wiederaufbauschulden vor, und zwar sowohl bezüglich des Kapitals wie der Zinsen, ausgenommen natürlich Schuldverpflichtungen der Regierungen, die sich in Privalhänden befinden.' vorbehaltlich der Zustimmung des Kongresses ist die amerikanische Regierung bereit zu einem Ausschub aller ihr von fremden Regierungen geschuldeten Zahlungen während des am t. Zuli 1931 beginnenden Etalsjahres unter der Bedingung, daß die wichtigeren Gläubigerstaaten ebenfalls alle ihnen geschuldeten Zahlungen aus Reglerungsschulden für ein 3 a h r aufschieben. Dieser Schritt ist von folgenden Senatoren bereits gebilligt worden: Ashürst, Bingham. Borah, Byrnes. Eapper, Feß, Fletcher, Glaß, Harris, harrlson. hüll, King, Rlorrow, Moses. Reed, Swanson, vandenberg, Wagner. David walsh, Thomas walfh, Walson, ebenso von IS Mitgliedern des Repräsenlanlenhauscs. Er wurde ferner gebilligt von dem Botschafter D a w c s und Owen D. Aoung. Zweck dieses Schrittes ist, das kommende Jahr der wirtschaftlichen Erholung der Welt zu widmen und die Kräfte in den vereinigten Staaken, die bereits am wieder- ausbau arbeiten, von den von außen kommenden verzögernden Faktoren zu befreien. Die über dle ganze well verbreitete Depres- sion hat die europäischen Staaten mehr in Mitleidenschaft gezogen als uns. Einige jener Staaten fühlen die Verminderung ihrer wirtschaftlichen Stabililät durch diese Depression in ernstem Maße. Das Gewicht der Regierungsschulden, das in normalen Zeilen tragbar wäre, drückt inmitten dieser Depression schwer aus die Völker. Aus einer Reihe von Gründen, die aus der Depression resul- tierlen. beispielsweise der Preissturz fremder waren und dos mangelnd« Vertrauen in die wirtschaftliche und politische Stabillläl im Ausland, begann eine abnorme Zuwanderung von Gold nach den vereinigten Skalen, wodurch die Kreditfähigkeil vieler fremder Staaten vermindert wurde. Diese und andere Schwierigkeilen im Ausland verringern die Kaufkraft für unsere Exportwaren und sind daher in gewissem Umfang schuld an unserer fortdauernden Arbeits- losigkeit und den fortdauernd niedrigen preisen für unsere Farm- Produkte. Rechtzeitige Mahnahmen sind daher geboten, um den Druck dieser ungünstigen Faktoren im Ausland zu lindern, zur Wiederherstellung des Vertrauens beizutragen und dadurch den politischen Frieden und die Wirt- schaftlichc Stabilisierung in der Welt zu fördern. Die Mißvergnügten Die Herren am Fenster:„Ein Lahr Ruhe verordnet er ihm! Was sollen wir denn in der Zeit machen!" Die Autorität des Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Lösung dieser Probleme ist begrenzt, da er hierin vom Kongreß unterstützt werden muß. Dem Präsidenten ist von führenden Mitgliedern beider Häuser des Kongresses herzliche Unterstützung zugesichert worden. Der Kern des Vorsästages ist, den Schuldnern Zeit zur Wiedererlangung ihrer nalionalen Prosperität zu geben, und ich richte an die Amerikaner den Rat, in ihrem eigenen Interesse gute Gläubiger und gute Rachbarn zu sein. 3ch möchte diese Gelegenheit dazu benutzen, meine Ansicht über unsere Beziehungen zu den deutschen Reparationen nnd den uns von den europäischen alliierten Rcgicrun- gen geschuldeten Summen offen zu äußer«: Unsere Regierung hat sich nicht an der Auferlegung der Reparationen beteiligt, noch sich irgendwie bezüglich ihrer Fest- sehung geäußert, wir haben mit voller Absicht keinen Anteil gehabt an den allgemeinen Reparationen oder an der Aufkeilung von Kolonien oder von Privateigentum. Die Rückzahlung der Anleihen, die wir den Alliierten für den Krieg und für Wiederausbauzwecke gewährten, wurde aus einer Basis geregell, die weder mit den deul- scheu Reparationen irgendwie zusammenhing, noch von deren Zahlung abhängig gemacht wurde. Daher ist die Reparalionsfrage notwendigerweise ein rein europäisches Problem, mit dem wir nichts zu tun haben. 3ch billige nicht im Entferntesten die Streichung der uns geschuldeten Summen. Das Weltvertrauen würde durch einen derartigen Schritt nicht gefördert werden. Seiner unserer Schuldner hat das je vorgeschlagen, aber da die Basis der Zun- dierung dieser Schulden die Zahlungsfähigkeit des Schuldners unter normalen Verhältnissen war. so führen wir nur konsequent unsere eigenen Prinzipien durch, wenn wir die gegenwärtigen anormalen Verhältnisse in» der Welt in Rechnung ziehen. 3ch bin davon überzeugt, daß das amerikanische Volk nicht den Wunsch hat. den versuch zu machen, vom Schuldner mehr herauszuholen, als er zahlen kann, und meiner Ansicht nach verlangt eine weilschauende Politik, daß unsere Regierung die gegenwärtige Situation in ihrer Rcaliläl anerkennt. Diese hallung entspringt vollkommen unserer bisher befolgten Politik, wir werden dadurch nicht in die Diskussion rein europäischer Pro- blcmc, zu denen die Rcparationsfrage gehört, hineingezogen, wir wollen lediglich unsere Bereitschaft ausdrücken, zur baldigen Erholung der wellprosperitäl, an der unser Volk so stark interessierl ist, unseren Teil beizutragen. 3ch möchte noch hinzufügen, daß wir. obgleich dieser Schritt mit der für nächsten Februar angesetzten Konferenz zur Beschränkung der Landrüstungen nichts zu tun hat, doch die Hoffnung haben, an- gesichts des starken Cinftusses des Wettrüstens aus die gegenwärtige Depression werde unser Schritt zu freuudschastlichen Beziehungen beitragen, die für die Lösung dieser wichtigen Rüflungsfrage so notwendig sind. Die Reichsregierung hat bereits die Annahme dieses Vorschlags in Washington erklären lassen. Die Durchführung des Hoover-Plans würde für den Reichshaushalt und die Reichsbahn eine Gesamtersparnis von rund 1500 Mllionen Mark bedeuten. Der Zusammenhang: Einladung der britischen Arbeiterregierung an Brüning und Curtius, Konferenz von Chequers, Bericht Macdonalds, Henderfons und Angel Normans an Mellon und von diesem an Hoover— Borschlag der Zahlungs- Unterbrechung, liegt klar zutage. Hindenburg an Hoover. Reichspräsident v. h i n d e u b u r g hat vor wenigen lagen eine Botschaft an Präsident hoover gerichtet. Dazu erklärt, wie aus Washington gemeldet wird, Staate- sekretär S t i m s o n: Seitdem die finanzielle Lage in Deutschland hier Gegenstand des Studiums wurde, hat Präsident Hoover sich bemüht, möglichst genaue und authentische Jnfor- m a t i o n e n zu erlangen. Er erbat daher kürzlich nun der d e u t- s ch e n Regierung eine derartige Information, wobei er den Wunsch Sonnenwende der Jugend SAL. und Gewerkschastsjugend seiern in Brieselang Am Sonnobendnachnnttag schien e? fast so, als ob der Wetter» gott den modernen Scnnenonbetern einen Strich durch die Rech- nunj� tnochen wollte. Mit zäher Langsamkeit zog sich ein Gewitter zusammen, dem dam? ein ausgedehnter Regen folgte. Durch die Nässe tonnte man ab und zu abenteuerlich vermummte Gestalten zum Bahnhof schleichen sehen. Das waren die Unentwegten, die in unverbesserlichem Optimismus auch noch während einer Sintflut auf Fahrt gehen würden. Aber dann klärte es sich auf und bei herrlichem Abendrot konnten wir vom Zug aus die untergehende Sonne beobachten. Es war die letzte Verbindung, um rechtzeitig nach Brieselang zu kommen. Auf der Station Brieselang lauter Empfang. In Grup- pcn wird auf das Iugendeeländc abmarschiert. Die stille ländliche Umgebung init ihren Gärten und kleinen Häusern ist heute belebt wie«ine Vorstadt. Auf den Wiesen steht noch das Wasser von den langen Regengüssen, doch geschützt in den.einzelnen Waldgruppen sind schon große Zelte aufgeschlagen. Leuchtend« Schilder zeigen die Namen der Organisationen, die hier ihr Nachtlager eingerichtet haben. Im Dunkql tappen wir diesem Ziele zu, oft genug in einem Tümpel versinkend. Aber wir müssen erfahren, daß die Feier auf der anderen Seite an einem Lautsprecherauto vor sich geht. Richtig, da schallt jetzt auch Musik herüber, und dort leuchten Fackeln. Es ist ein S p r e ch ch o r, der schnell die letzte Probe abhält. Doch jetzt brauchen wir uns nur mit dem großen Strom treiben zu lassen, es gibt nur ein Ziel: das Feuer. Fanfaren schmettern ihren Ruf in die Nacht, um auch die letz- ten Säumigen herbeizuholen. Dann singt die Menge der in weitem Kreise um den Holzstapcl versammelten Jugendlichen da« alte Kampf- lied: Dem Morgen entgegen. Die Musikkapelle der SAJ. gibt die Einleitung zu Barthels Sonnenwendfestspiel:„Grenzen- Las« Erde". Einzelne Sprecher verkörpem die verschiedenen Erdteile: Amerika, wo die Freiheit wohl im Hafen steht, aber im Lande größte Unterdrückung herrscht. Peter Schmidt aus Berlin. der für ganz Europa den Krieg verdammt. Ein Chinese prophezeit die Revolution im fernen Osten. Der Afrikaner Nagt, daß England und Frankreich sein Land zuschanden gemacht haben. Und aus Sidney in Australien konimt der einende Ruf an alle: Umarmt euch, seid bereit zur großen Wandlung. Inzwischen sind die dicken Bal- ken des Holzstoßes entzündet. Leise prasseln die Funken. Unter Fackeln leuchtet ein breites Transparent:„Gegen Faschismus, für sozial« Demokratie." Der Sprechchor verkündet: Wir bringen Licht, Flamme, mache unsere Herzen bereit! Loebe spricht. Im Scheine des auflodernden Feuers, das über begeisterte Menschen hinweg, den sernen Birkenwald magisch beleuchtet, steigt das Gelübde:„Brüder zur Sonne, zur Freiheit." Dann nimmt der Freund der Jugend, Reichstagspräsidcnt Genosse Lobe, das Wort: Aus der alten gennaiiischen Sonnenwende ist in unserer Zeit der Eroberung der Naturmächtc eine neue Feier geworden. Welche Geoanken beleben uns dabei heute? �Der Mensch hat sich die Natur Untertan gemacht, aber der Wohlstand ist nicht in unseren Händen. Wo Reichtum sein sollte, ist heute tiefste Not. Die wir!- schastlichc Krise und die Arbeitslosigkeit haben neue Schichten des Mittelftairdes erfaßt. Der Kapitalismus hat seinen Höhepunkt überschritten, aber die neue Ordnung kommt nicht von selbst. Bei dieser magischen Feier wollen wir goloben, für den Kampf zu rüsten„ Wissen und Energie zu steigern und bereit zu sein, unser Leben für diesen Kampf zu opsern. Flamin«, verzehre die morsche Zeit. Wir lvollcn die Welt erobern! Jetzt schlagen die Flammen ineterhoch in die finstere Nacht. Schweigend nehmen, die Herzen der Jungen diese Worte ihres Führers in sich aus und in dem Kampslied der Unterdrückten: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!" löst sich langsam die Span- nung. Diese viertausend jungen Menschen, die hier versammelt sind, wollen bewußt kämpscn, nicht für Phrasen oder romantische Vorstellungen, sondern auf dem einzigen Wege, der zum Ziele führt, dem Weg der organisierten'Arbeiterjugend, der zum Schluß der Feier das dreimalige dröhnende Hoch galt. ausdrückt«, daß fi« von höchster Stekke kommen möge. Hierauf erhiekt er Antwort in Form eines vom Präsidenten Hindenburg an ihn gerichteten Briefes, dessen Inhalt er als vertraulich und nur für ihn selbst bestimmt betrachtet. Im übrigen stimmt diese Information mit dem allgemein bekannten Gesamtbild übcrein, da» die Regirrung aus anderen amtlichen und privaten Berichten ge- mannen hat. * Der„Sozialdemokratische Pressedienst" führt u. a. aus: Durch das deutsche Volk geht einAufatmenderEr- leichterung, denn die Botschaft Hoovers eröffnet ihm Ausblicke, auf die es in den letzten Tagen nicht mehr zu hoffen gewagt hat. Dabei war es sich sicher nicht in allen seinen Teilen des g a n z e n E r n st e s der Situation bewußt, in der sich Deutschland befand. Das Wort von der K a t a st r o p h e, vor der wir standen, wurde eigentlich nur im engen Kreise der Eingeweihten gebraucht und man ließ es nicht über die Wände der Beratungszimmer hinausdringen, um den Ausbruch einer allgemeinen Panik aus wirtschaftlichen und politischen Gründen solange als möglich zu verhindern. Diese Katastrophe hätte in ihren Folgen Europa und die Welt mit in ihren Strudel hineingerissen und das ist der Grund, aus dem sich der Präsident der Vereinigten Staaten zu seinem rettenden Schritt entschlossen hat. Amerika muß sich aus diesen Vorschlag beschränken, denn es kann nicht un- mittelbar in das Verhältnis zwischen Deutschland und seinen Gläubigern eingreifen, wenn Hoover auch deutlich genug an der Politik der europäischen Siegerstaaten Kritik übt; aber wir dürfen wohl der Erwartung Ausdruck geben, daß die be- teiligten europäischen Regierungen verständig genug sein wer- den, dem Vorschlag beizutreten und daß namentlich Frankreich nicht aus Gründen des Prestiges oder weil es, was zum Teil seine eigene Schuld war, bei den letzten Verhandlungen nicht so in den Vordergruvd getreten ist wie England und die Ver- einigten Staaten, die Notwendigkeit der Stunde verkennt. Zu der beträchtlichen Entlastung unseres Haushalts käme hinzu, daß in dem Feierjahr Muße gegeben wäre, um die Neu- ragelung des Reparationsproblems inter- national zu erörtern. Daß der Doung-Plan, so wie er ist, am 1. Juli 1932 wieder in Funktion treten könnte, wird wohl niemand annehmen. Aber einstweilen ist die wichtigere Frage, in welcher Weise sich die Entlastung im Inneren auswirken soll. Darüber wird in der nächsten Zeit viel und eingehend gesprochen werden; heute sei nur das gesagt, daß bei aller selbstverständlichen Rücksicht auf das Gleichgewicht des Haushaltsplanes, bei aller Anerkennung der Notwendigkeit, den Betrag der schwebenden Schulden zu verringern, die Befreiung von dem Druck der Reparationszahlungen auch für den einzelnen Staats- bürger und besonders für den, der am m e i st e n Not leidet, unmittelbar fühlbar werden muß. Die letzt« Notverordnung ist in der Hauptsache mit den Zahlungsverpflichtungen an das Ausland begründet worden. Kommen diese— wenn auch zunächst nur für ein Jahr— in Fortfall, so ist es unvermeidlich, an eine ernste Nach- Prüfung der Verordnung und an schnellere Be- seitigung ihrerHärten heranzugehen. Die Haltung Frankreichs. Ernste Schwierigkeiten. Paris, 22. Juni.(Eigenbericht.) Die halbamtliche französische Nachrichtenagentur verbreitet zu der Botschaft Hoovers Folgendes: „In autorisierten französischen Kreisen weiß man die Be- deutung und die Hochherzigkeit der Geste der Vereinigten Staaten wohl zu schätzen, betont aber die Notwendigkeit, den Moratoriums- plan mit dem Uoung-Plan in Einklang zu bringen. Ein Meinungsaustausch hierüber wird zwischen den verschiedenen Regierungen vor dem eventuellen Zusammentritt einer internationalen Konserenz, für die gegenwärtig noch kein Zeitpunkt festgesetzt werden kann, gepflogen werden müssen. Der Vorschlag Hoovers hat in. Pari§ wie eine Bombe ein- geschlagen, da er vollkommen unerwartet kam. Die Presse bezeichnet den Vorschlag allgemein als eine edelmütige Geste und begrüßt es, daß Amerika endlich aus seiner Isolierung heraustritt, aber sie lehnt ihn fast allgemein ab, da von den euro- päischen Staaten Frankreich fast allein die Kosten zu tragen hätte und da der Vorschlag das Prinzip der U n a n t a st b a r k e i t der bedingungslos zu zahlenden Boung-Planziffern durchbreche. Auf diese Weise würde der Boung-Plan, der endgültigen Charakter haben sollte, allmählich unterminiert werden. In Ziffern ausgedrückt, würde in das französische Budget unter Berücksichtigung des Aortfall» der Schuldenzahlungen an England und Amerika ein Loch von 2'b Milliarden Aranken gerissen werden. Der„Matin" schreibt, Frankreich würde außerdem nicht einmal einen politischen Vorteil von diesem Opfer hoben, denn Deutschland werde sagen, daß das Verdienst sür den Vorschlag allein Amerika zukomme und daß Frankreich gezwungen worden sei, hinter Amerika zu marschieren.(!?) Schließlich werde es sehr schwierig sein, nach einem Jahr die Zahlungen wiederaufzu- nehmen. Das„Echo de Paris" beschwert sich darüber, daß Frankreich nicht vorher befragt und ihm der Vorschlag wie ein Geschoß an den Kops geflogen sei. Selbst die radikale„Ere Nouvelle" erklärt, daß die amerikanische Initiative für Frankreich u n a n- n e h m b a r sei. H- Frankreich erhält nach dem Voung-Plan von Deutschland jähr- lich 838,4 Millionen Mark. Es hat an England jährlich 2öl1 Mil- lioncn und an Amerika 149 Millionen Mark plus 1 Proz. Zinsen zu zahlen, das sind insgesaint 419 Millionen Mark. Die Stundung aller Reparationslasten, wie sie Hoover vorschlägt, würde also für Frankreich einen einjährigen Verzicht auf rund 428 Millionen Mark bedeuten. Erleichterung der Lage. Nur milde Handhabung der Kreditrestrittionen. Auch bei der Reichsbank herrscht die Auffassung» daß Hoovers Botschaft eine neue Situation geschaffen habe. Die an« Tamstag beschlossene und auch praktisch durchgeführte Rreditrestriktion soll jeht in milde« Form durchgeführt werden, da man er- wartet» daß die durch Hoovers Botschaft im Ausland und! Inland erweckten Erwartungen keine neuen Devisenver- lüfte der Reichs dank zur Folg« haben. Neber den amerikanischen Dollarkredit scheint verhandelt zu werden. In der heutigen General- ratsfihung der Reichsbank dürfte die Ermächtigung zur Unterschreitung der NotendeckungS- grenze deshalb nicht verlangt worden sein. Es besteht unseres Erachtens die Gefahr, daß die Reichsbank die Lage zu opimistisch beurteilt. Günstige Folgen von Hoovers Aktion werden sich endgültig erst in Wochen zeigen. Mindestens bei der Milderung der Kreditrestriktionen sollte die Reichsbank sehr vor- sichtig sein. Die Vorschläge des Präsidenten Hoover haben an der heutigen Börse naturgemäß größte Erregung hervorgerufen. Die Stim- mung ist völlig umgeschlagen. Herrschte noch in den letzten Tagen der vorigen Woche wegen der erneuten Deoisenabzüge schwärzester Pessimismus, der von schweren Kurseinbriichen begleitet war, so brachte das heute bekanntwerdend« Weltecho der Hooverschen Bor- schläg« eine stürmische Hausse mit sich. E» lagen aus dem Inland« und Auslande eine große Anzahl Kausoufträge vor, während auf der anderen Seit« so gut wie gar kein Material zum Verkauf herauskam. Dementsprechend schnell- ten die Kurse auf dem Aktienmärkte sprunghaft i n d i e H ö h e. So wurden u. a. Schultheiß mit 133 gegen 11? Proz. am Sonnabend verhandelt, JG.-Farben kletterten van 118 auf 134� Proz., Rheinisch-westsälische Elektrizitätswerke von 192 auf 114 Proz. und Gesfürel von 85 auf 199 Proz. Auf dem Devisenmarkt waren noch starke Schwankungen zu bemerken. So ging der Dollar in der ersten Börsenstunde bis auf 4,29,95 zurück, stieg aber sodann auf 4,21,29. Allgemein aber er- wartet die Börse eine stark« Entspannung auf'dem Devisen- und Geldmarkt, so daß man eine leichte Uebcrwindung der bevorstehenden Ultimoschwierigkeiten erhofft. Goebbels Versprechungen. Er sagt selbst, was sie wert sind. Nach dein Verbot des nationalsozialistischen Sportfestes im Stadion hoben bürgerliche Blätter— allen voran die„DAZ."— vorwurfsvoll darauf hingewiesen, die Braunhäusler hätten ihre Loyalität doch sogar soweit getrieben, daß sie stch zur Hissung der Reichsflagge Schwarzrotgold an her- vorragender Stelle schriftlich verpflichteten. Eine Erklärung des Dr. Goebbels Im Namen der Hitler-Gau- leitung sagt jetzt ganz offen, daß diese„Verpflichtung" ein auf» gelegter Schwindel war. Goebbels sagt wörtlich: „Im Bertraa zwischen der NSDAP, und dem Deutschen Aue- schuß sür Leibesübungen ist bewuhl die Bezeichnung Schwor, rot- gold weggelassen und nur von den Reichssarben die Rede. Unter Reichsfarben verstehen wir die Farben schwarz weiß- rot— entweder in der Zusammenstellung des Msinarck-Reiches oder unseres Dritten Reiches. Diese Farben tragen auch schon im Hinblick daraus, daß unter ihnen im Weltkriege zwei Millionen deutscher Soldaten gesatten sind, keinerlei parteipoliti- schen, sondern nur verpflichtenden nationalen Charakter. Da wir befürchten mußten, durch Hissen der schwarzrot- goldenen Fahne au» dem als unpolitisch gedachten Volks- jportsest eine politische Kundgebung zu machen— denn die schwarzrotgolden Fahne ist nun einmal eine politische Angelegenheit—, hallen wir vorsorg« gelrossen, daß sie nicht gehißt zu werden brauchte..." Goebbels erklärt demnach treuherzig, dckß er den Ausschuß für Leibesübungen glatt angelogen habe. Und dieser ist prompt darauf hereingefallen. Deutscher Segelflieger als Sieger. Oen Kanal zweimal überquert. Paris, den 21. Juni. Nachdem der Segelflieger K r o n s e l d am Sonnabend den Kanal von Frankreich nach England überquert hatte, startete er anschließend in Dover um 21.39 Uhr wieder zum Nückflug nach Frankreich. Die Landung in Calais erfolgte nach einer Stunde Hochschlepp etwa gegen 22.59 Uhr. Damit hat der deutsche Segel- siieger ftronfcld den Kanal zweimal hin und zurück überquert und den„Daily-Mail"-Preis in Höhe von 29 999 M. gewonnen. Blutige Straßenschlacht. Nazis gegen kommunistische Sportler. Aus der Wernsdorser Chaussee bei Schmöckwitz liescrlen sich wieder einmal Kommunisten und Halionalsoziallslen am Sonn- tagabend eine blutige Stratzenschlacht. vier Hakenkreuzler wurden schwer verletzt und muhten ins Köpenicker Krelstrankenhau, gebracht werden. Auch die Kommunisten Helten einige verletzte, die sie aber selbst in Sicherheil brachten. Die nationalsozialistischen Burschen befanden sich gegen 29 Uhr auf dem Wege nach Köpenick und stießen auf ihrem Marsch mit etwa 59 Sportlern des kommunistischen Arbeitersportvereins„Fichte" zusammen. In wenigen Sekunden war eine regelrechte Schlacht im Gange, bei der die Gegner mit Spaten, Koppelschlössern, Stöcken und Schlagringen auseinander einHieben. Als die alarmierte Polizei eintraf, flüchteten die. links- und rechtsradikalen Prügelhelden in die nahegelegenen Wälder und entkamen. Die Verletzten wurden durch die Polizei abtransportiert. Am Großen Feisster im Grunewald versuchten am Sonn- iagnachmittag etwa 2599 bis 3999 Kommunisten zu dcmoiistrieren. Es mußte ein größeres Schupoaufgebot«ingesetzt werden, um die Versammlung auszulösen. 14 Personen wurden festgenommen und der Politischen Polizei übergeben. Gelbstmord auf der Segeljacht. Aufregender Borfall in der Lindwerder-Bucht. Am Sonntagsabend spielie sich auf der Havel in der havelbuchl bei der Insel Lindwerder ein ausregender Vorfall ab. Der 4glährige Kaufmann Franz Till ick, der wegen vielfacher Saulions- und Darlehnsschwindelelen von der Berliner Slaatsanwaltschafl gesucht wird, verüble in dem Augenblick, als Kriminalbeamte zu seiner Ver- Haftung schreiten wollten, aus seiner Segeljacht Selbstmord durch Erschießen. Tillick hatte sich al» Fuhrherr ausgegeben und suchte duich Zeitungsinserate Chauffeure, denen er hohe' Kautionen abnahm. Außerdem beging er verschiedene Scheckschwindeleien, durch die besonders kleine Leute geschädigt wurden. Obgleich die Kriminal- polizei wochenlang hinter dem Betrüger her war, gelang es nie, ihn zu fassen. Zum Wochenende war der Polizei nun bekannt- geworden, daß sich Tillick auf seiner Segeljacht, die ihren Standplatz in der Lindwerderbucht der Havel hatte, aushielt. Als am Sonntag- nachmittag mehrere Kriminalbeamte draußeK erschienen, war Tillick mit seinem Boot gerade unterwegs. Die Beamten legten sich auf die Lauer und als T. gegen 11 Uhr zurückkehrt«, wollten sie den Betrüger festnehmen. Tillick übersah sofort die Situation und bevor er anlegte, schoß er sich«ine Kugel in den Kopf. Dabei stürzte er in die Havel, konnte aber wenige Augenblicke später geborgen werden. Schwerverletzt wurde T. ins Spandauer Kreiskranteuhaus gebracht, wv er in der Nacht zum Montag seinen Verletzu igen erlegen ist. Kampf mit Taschenräubern. Ringkampf auf dem Straßenbabnperron. Erhebliche« Aufsehen erregle am Sonnabend ein Kamps zwischen einem Kriminalbeamten und 3 Taschendieben am Potsdamer Platz. Der Beamte hatte die Diebe schon am Nachmittag in der Um- gebung des Anhalter Bahnhofs beobachtet. Anscheinend war es ihnen aber nicht geglückt, etwas zu erbeuten. Schließlich ruhten sie von ihrer„Arbeit" in einem Eafö aus. In den Abendstunden stellte sich das Trio wieder an der Straßenbahnhaltestelle in der Anhaltstraße auf. Ein Herr, der ihnen als geeignetes Opfer erschien, bestieg die vordere Plattform eine» Straßenbahnwagen». Di« drei folgten ihm. Der Beamte beobachtete vom Innern de« Wagens aus ihr Bemühen. dem Fahrgast die B r i e f t a s ch e zu ziehen. Am Potsdamer Plag hatten sie den Ahnungslosen bereite so in die Mitte genommen, daß jeden Augenblick der Diebstahl geschehen konnte. Der Beamte öffnete schnell die Tür und wollte die Diebe festhalten. Auch der Straßenbahnführer hielt seinen Wagen an und versuchte dem Be- amten beizustehen. Die Diebe schlugen aber um sich, auf den Krimi- nalbeamten und den Führer. Endlich gelang es, einen zu über- wältigen. Der andere setzte über das Schutzgitter hinweg auf die Straße und entkam. Auch der dritte flüchtete. Der Festgenommene ist ein 39 Jahre alter Zuckerbcrg aus Warschau, der als inter- nationaler Taschendieb bekannt ist. Der„Schweiger" redet. Seeckt gibt Interviews. Solange der Generaloberst von S c c ct t die 5)eereslcitung der Me ichswehr innehatte, galt er als der„große Schweige r". Seit et dort ausgeschieden und nun als Abgeordneter der Strescmann- Partei tätig ist, hat er sich aus das Reden geworfen� Nicht nur, daß er im Lande umher reist und seine Ausrüstungs- plane als Erlösung aus allem Ucbel anpreist— neuerdings gibt er auch auswärtigen Journalisten politische Interviews. Das eine ist so überflüssig wie das andere. Der Sonderberichterstatter des„Journal", Gce London, veröffentlicht am Sonnabendabend von Berlin aus eine Unter- redung mit Seeckt. In der Einleitung heißt es u. a., daß der Generaloberst eine derjenigen Persönlichteitcn sei. die„zur Führung berufen" sein würden, wenn die k o m m u» i- st i s ch e Gefahr, mit der man das Ausland und besonders Frankreich aus durchsichtigen Gründen stets zu schrecken pflege, tatsächlich ein- treten sollte. Im Verlauf der Unterredung habe v. Seeckt u. a. erklärt, daß das unglücklich« deutsche Volk zwischen zwei Feuern geraten sei: die furcht- baren inneren Schwierigkeiten einerseits und die schweren äußeren Lasten andererseits. Unter dieser doppelten Belastung drohe es zu- fammenzubrechen. Man brauche nur an die Arbeitslosigkeit zu denken, die sich im nächste» Winter zweifellos auf 6 bis 7 Millionen Menschen ausdehnen werde. Man müsse fragen, ob das wirklich so weitergehen könne, und ob Frankreich selbst ein Interesse an einem völligen deutschen Zusammenbruch und der daraus folgenden kommu- nistischen Gefahr an seinen Grenzen haben könne. Zu den Gerüchten von der Kandidatur des Kronprinzen für die Reichspräfidentenschast habe Generaloberst v. Seeckt erklärt, daß der Kronprinz gar nicht daran denke, irgendeine Rolle spielen zu wollen. Es sei lächerlich, etwas anderes zu behaupten. Warum fürchte man sich eigentlich in Frankreich vor einer Rechtsregierung in Deutschland? Eine Rechtsregierung werde die Außenpolitik de» Reiche» nicht verändern. Es gebe für sie nur ein« Aufgabe, das Reich vor dem Zusammenbruch und vollkommenen Ruin zu bc- wahren. Schließlich habe sich der Generaloberst über den Stahl» Helm ausgesprochen und besonders hervorgehoben, daß über diese Organisation große Irrtümer verbreitet seien. Der Stahlhelm sei nichls anderes als eine Art Bürgerschutz, dem die ruhigsten und vernünftigsten Elemente angehörten. Seine Aufgabe sei. im Rotfall Unruhestiftern den weg zu versperren. Diese guten Staats- bürge r wüßten, daß die nur 10V 000 Mann zählende und weder über Flugzeuge noch Artillerie verfügende Reichswehr nicht befähigt sein könne, einen kommunistischen Aufstand niederzuwerfen. Sie hielten sich bereit, der Reichswehr und der Schutzpolizei zu helfen, die Ordnung und den sozialen Frieden aufrechtzuerhalten. Das sei alles. Der Verfosier fügt hinzu, daß er zu träumen geglaubt habe, als man ihm die„Manifestanten" von Koblenz und Breslau als einen friedlichen Bürgerschutz vorstellte. Generaloberst v. Seeckt habe wohl die in Oberschlesien gefallenen Worte vergessen, daß Deutschland keine Ruhe finden werde, ehe es nicht den polnischen Korridor und Oberschlesien zurückgewonnen habe. Man müsse sich fragen, wie der Generaloberst diese Worte mit seiner Darstellung in Einklang bringen wolle. Auf die unzureichenden Truppen und Mittel der Reichswehr zuxückzukommen, habe Seeckt unterstrichen, daß die über das Reich verteilten 100 000 Mann tatsächlich gar keine Macht darstellten. Es wäre weise, wenn man Deutschland gestatten würde, seine Kräfte zu verdoppeln. Die Reichswehr müsse tatsächlich 200 000 Mann zählen. Er wisse allerdings, daß der Bersailler Vertrag die Zahl von 100 000 Mann vorschreibe, jedoch... Bei diesen Worten habe der Generaloberst eine unbestimmt« Bewegung gemacht, von der man nicht recht wisse, ob sie nicht da» b e k a n n t e Wort vom„Paptersetzen" andeuten sollte. Er Hab« jedoch geschwiegen, und dann besonders energisch hinzugefügt, daß Deutsch- land mindestens 200 000 Soldaten brauche, um die innere Ruhe und Ordnung sicherzustellen. Bürgerliche Gangeskunst. Bundesfest des Sängerbundes Berlin-Brandenburg. Am Sonnabend und Sonntag gab der Kreis II des Deutschen (bürgerlichen) Sängerbundes in Potsdam zwei große Konzerte, deren erstes m deiJ wunderschön am Templiner See gelegenen Fest- Halle de» Luftschisfhasens zu Gehör gebracht wurde. Die sämtlichen bürgerlichen Verein« von Potsdam und Rowawes waren die Auf- führenden. Das Fest war gut vorbereitet, und die beiden Fest- dirigenten Karl Landgreve und Walter Schmidt waren ihren nicht leichten Aufgaben durchaus gewachsen. Der erster« führte mit dem tüchtigen Potsdamer Tonkünftlerorchefter und den Pots- damer Männer- und Frauenchören alle Werke mit großer Routine aus, während der letztere mit den vereinigten Potsdamer und Nowaweser Männerchören seine Aufgaben vor allem durch seine feine, ausdrucksvolle Innerlichkeit zu vertiefen suchte. Es lag also nicht an ihnen, wenn ein vorurteilsloser aber kritischer Beobachter bei dieser ersten, wenn auch kleineren Parade ihrer anerkanntesten Komponisten aus dem Konzert sehr wenig„nach chause brachte". Paul G r ä n e r mit den interessanten Schattierungen seiner „Ruhe", der tüchtige, längst verstorbene Wilhelm B e r g e r mit seiner etwas phantasiearmen„Sommernachl", chons Brehme mit seinem schwachen elegischen Gesang„Das ander- Land", einer Achtung gebietenden Ansängerarbeit, und schließlich Waldemar vonBauhnernmit seiner sinnigen„Seeligen Stadt" und seinem sehr billigen„Deutschlandlied"(der Text ist von H o f f m a n N von Fallersleben und ein matter Abklatsch seines bekanntsn Deutschlandliedes)— sie alle sind ehrenwerte Männer. Aber wenn das die Spitzen sind, wie im Festhest angedeutet wird, dann können sich die Arbeitersänger in die Brust werfen. Da sind sie denn doch ein Stück weiter, reichhaltiger und anfeuernder in den Ideen, so sehr wir auch an manchen Neutönern zu nörgeln haben. E i n Wert hätte vielleicht olles wettmachen können, die Kantate „Wachet auf" noch Worten der heiligen Schrift für Männerchor, Mezzofopran-Solo(die treffliche G u st a Hamme r), Frauen- stimmen Knabenchor und großes Orchester— wenn es nicht von Hugo Kaun wäre. Aber dieser Altmeister schwankt auch hier, wie so oft in seinen größeren Werken, in allen Stilorten umher, ohne es zu einer einheitlichen, großen Wirkung zu bringen. Wendet man sich zu den anderen Tondichtern, so sei ihnen zugestanden, daß die meisten Texte ohne ollen Elan oder packende Gedanken sind, stille. lyrische, mondschcinsüchtige Gefühlchen. Aber sie selbst sind auch ohne besonderen Antrieb. Der Gegensatz zwischen den heutigen bürgerlichen Komponisten und Wagners herrlichem„Wach auf"(in der von RudolfWatzte prachtvoll ausgeführten Ansprache Hans Sachsens) trat allzu deutlich zutage.__ H. M. Zm September Wahlen in Homburg. Der Senat hat die Bürger jchaftswahl aus Sonntag, den 27. September IVZI, sest gesetzt. Berlin-Hamburg in 104 Minuten Schnellsahrt im Propeller-V-Zug Als kurz nach 5 Uhr in oller Sonntagssrühe das rasende Wunder des Krukenbergschen Propellerwagcns aus dem Bahnhof S p a n d a»- W e st mit gedrosselter Kraft einlief, wurde er bereits von zahlreichen Frühaufstehern erwartet. Sie standen auf dem Bahnsteig, sie standen zu beiden Seiten des Bahnkörpers und be- staunten das blanke, langgestreckte Gefährt, das mit der Kraft eines mächtigen Druckpropellers am Achterende über das Schienengewirr glitt. Man hat kaum den Eindruck des Fahrens, eher den eines Hinschwebens knapp über der Erde. Ein glattes, schlankes Etwas, nicht zu vergleichen mit einem Eisenbahnwagen, jede Kante abgerundet und alles so gut in sich geschlossen, daß man den Eindruck eines Luftschisfes auf Schienen nicht los wird. Eine lange Flucht schmaler Fenster i)cr Sdtienen-SEepp In Spandau zu beiden Seiten, durch die man auf«ine Einrichtung im Stil neuester Wohnkultur, hell, bequem und leicht, blickt. Diese Leicht- ftüssigkeit in den Linien und Maßen beherrscht den ganzen Wagen. Geräuschlos ist sein Gang, d. h. bis der Propeller sein ohren- betäubendes Lied beginnt. Aber der schwieg in Berlin und auch später, als der Wagen mit eigenem elektrischen Antrieb im Vorort- zugtempo nach dem Bahnhof Grunewald fuhr, wo ihn die Massen der Ausflügler festgebannt auf dem Bahnsteig und auf den Böschun» gen der Strecke erwarteten. Ueber die nächtliche Fahrt von Hamburg-Vergedors nach Spandau sei folgendes berichtet. Um 3 Uhr 27 Minuten war der Wagen in Bergedorf gestartet. Er hat die Z71 Kilometer lange Strecke in einer Stunde 44 Minuten zurückgelegt. Die Durchschnillsgeschwin» digkeit betrug dabei 170 Kilometer, die H ö chst g e s ch w i n d i g» keit 230 Kilometer. Nachdem bei Dergenthien die Höchst- geschwindigkcit erreicht war, mußte der Eisenbahnknotenpunkt Wittenberge wenige Minuten später, 4 Uhr 41, mit stark gedrosselter Geschwindigkeit— 60 Kilometer— wegen der kurven- und weichenreichen Strecke besohrci, werden. Bald war jedoch wieder eine Geschwindigkeit von etwa 200 Stundenkilometer erreicht. Dr. Kruckenberg wurde von den auf dem Bahnsteig Anwesenden mit herzlichem Beifall begrüßt. An der Fahrt hatten ferner teil- genommen der Mitkonstrukteur Dipl.-Jng. Stedefeld, der Führer Jng. Plack,' die Gattin Kruckcnbcrgs sowie zwei Monteure. Der Erfinder war von der Fahrt begeistert. Ingenieur Stedefeld bc- richtete, daß alles wie am Schnürchen geklappt hätte. Er habe unter- wegs ein Flugzeug von Hamburg aus beobachtet, als jedoch die großen Geschwindigkeiten erreicht wurden, hätte das Flugzeug nicht mehr folgen können. Auch bei größter Geschwindigkeit war immer ausgezeichnete Sicht. Jeder einzelne Kilometerstein konnte abgelesen werden. Einer der Mit- fahrer hat noch bei 180 Kilometer Geschwindigkeit gute Freunde am Bahndamm erkannt. Bei der Höchstgeschwindigkeit entwickelte die Maschine ihre größtmöglich« Leistung von 600 Der Brenn- stossverbrauch von Berlin bis Hamburg betrug genau 183 Liter. das sind etwa 70 Liter für 100 Kilometer, also ungefähr das Doppelte dessen, was ein starker Kraftwagen verbraucht/ Dem- gegenüber aber würde der Krastwagen mit nur etwa 60 bis 70 Stundenkilometer fahren und höchstens vier oder sechs Per- sonen befördern können, während der Schienen-Zeppelin durch- schnittlich mit 100 Kilometer Geschwindigkeit fährt und dabei24Personen— im Notfall über 40 Per- � sonen— befördern kann. Der Erbauer des Wagens ist davon überzeugt, daß sich der Wagen auch als Beförderungsmittel für eilige Postsendungen sehr gut eignet. Trotz der frühen Morgenstunden hatten sich längs der Bahn- strecke riesige Menschenmassen angesammelt. Halb Spandau war auf den Beinen. Nach einem halbstündigen Aufenthalt in Spandau setzte sich der Propellerwagen wieder in Fahrt, und der silberne Leib glitt ruhig, ohne Propellerantrieb, zum Bahnhof Grunewald. Hier hatten sich die Vertreter der Deutschen Reichsbahn eingefunden. Di« Stadt Berlin war durch Stadtbaurat Dr. Wagner vertreten. In einer Besprechung mit den Vertretern der Presse erklärte Dr. Kruckenberg, daß er van der Deutschen Reichsbahn aufs tat- kräftigste in seiner Arbeit unterstützt worden sei. Auf die näheren technischen Einzelheiten und auf Zukunftsfragen ging er nicht«in. Ingenieur Stedefeld brachte zum Ausdruck, daß der seit 1903 be- stehende Schienen wage nrekord, der damals von Reichelt mit 214 Stundenkilometern aufgestellt worden sei. nunmehr durch diese Fahrt gebrochen worden sei. Von 8 Uhr früh ab wurde der Wagen dem Publikum gezeigt. Ueber die Rückfahrt nach iiannooer ist noch nicht» Nähere» festgelegt, sie dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach am Mittwoch oder Donners- tag erfolgen. Von der Reichsbahndirektwon Altona wird zu der Fahrt des Schienen-Zeppclins mitgeteilt: Die Fahrt stand unter der persönlichen Leitung des Diplom-Jngenieurs Kruckenberg. Die Reichsbahn stellte lediglich den Bahnkörper zur Ver- f ü g u n g, ohne an dem Unternehmen selbst beteiligt zu sein. Von feiten der Reichebahn waren für die sichere Durchführung dieser � Versuchsfahrt umfangreiche Sicherungsmaßnahmen ge« troffen. Der Versuchsfahrt waren längere Erprobungen des Trieb» wagens im Bereich« der Reichsbahndirektion Hannooer vorange- gangen. Was die Verwendungsmöglichkeit des Pro- pellertriebwaaens im normalen Verkehr betrifft, so können aus dem Gelingen der Versuchsfahrt irgendwelche Schlüsse nicht gezogen werden, da die Durchführung der Versuchsfahrt nur unter zahl- reichen Borbedingungen möglich war, die sich auf den Strecken der Deutschen Reichsbahn im normalen Betrieb nicht ohne weiteres er- füllen lassen. Der Fahrt sind drei Vögel zum Opfer gefallen, die der Geschwindigkeit des Wagens nicht gewachsen waren. Kongreß der Pflanzenzüchter-Vereinigung. Wunder der Züchtung. Im Mittelpunkt der jetzt zu Ende gegangenen Berliner Tagung der Internationalen Pslanzenzüchtervereinigung stand ein« ein- fehende Besichtigung de» Instituts für Züchtungsforschung. Dort arbeitet der Bererbungstheoretiker Dr. C. Baur an zahlreichen Problemen der Pstanzenzucht. Ein besondere» Feld ist auch der Ob st Züchtung gewidmet. Beim Obstbau kommt«s daraus an, daß möglichst in jeder Jahreszeit das gewünschte Obst vorhanden Ist. Das Institut bemüht sich um die Züchtung von solchen Obstsorten. die bei geringstem Kapitalauswaird möglichst hohe und möglichst gleichmäßige Beträge sichern. Außerdem sollen Obstsorten gezüchtigt werden, die besonders auch in dem Mit Obst bisher weniger be- dachten deutschen Osten gedeihen. Der große Schlager des Instituts ist aber zweifellos die süß« L u p i n«. Die Lupine ist bekanntlich«ine anspruchslos« und da- bei sehr eiweißhaltige Pflanze von hohem Nährwert, deren Ver- fütterung bisher nicht anfewendet wurde, weil si« einen Bitterstoss enthält. Professor Baur und seine Mitarbeiter stellten nun fest, daß nicht alle Exemplar« diesen Bitterstoff enthalten. Durch Aus- wahlzllchtung gelang es, eine Lupine zu ziehen, die bitterstoffrei ist und sich hervorragend zur Versütterung eignet. Im Rahmen deo Kongresse» sprach u. a. der berühmte Wiener Vererbungsforscher E. T s ch e r m a k, einer der Wiederentdeckcr der Mendclschen Gesetze, über Kreuzungen von Roggen und Weizen. Solche Kreuzungen sind an sich nicht sortpflanzung». fähig. Wenn man aber diese Bastarde wieder mit einem ihrer Eltern kreuzt, so erhält man eine züchtungsfähige neue Sorte, die nach den Erwartungen Professor Tschermaks die Ertragsfähigkeit des Weizens mit der Anspruch»losifk«it des Roggens vereinigen soll. Wenn es gelingt, diese Versuch« zu einem brauchbaren Resultat sortzusühr«n, so würde das vielleicht eine Lösung des Roggenpro. blem» für Deutschland bedeuten. Auch dos berühmte schwedische Zuchtinstitut S w o l ö v war durch mehrere Vortragend« vertreten. Unter anderem sprach Ackermann über Weizenzüchtung auf Korn- qualität, eine besondere Domäne der schwedischen Weizenzüchtung. Vom Kilm-Kriedenspreis. Der vom internationalen Komitee für den Film ausgesetzt« Preis von 150 000 Franken ist von der am IL. Mai in Paris zu- sammengetretenen i»t«rnational»n Jury auch diesmal nicht zur Ber- teilung gebracht worden. Keine der durch die Landesausschüsse vor- gelegten Einsendungen entsprach den von der Jury gestellten An- sorderungen. Als neuer Termin sür di« Preisverteilung wurde der 15. Dezember 1931 festgesetzt. Die Bedingungen für dl« Teilnahme an dem Wettbewerb sollen geändert werden und werden rechtzeitig bekanntgegeben. Dem deutschen Ausschuß lagen nach ein«r unter 108 anonymen Entwürfen vorgenommen«» Vorwahl folgende vier Einsendung«! zur engeren Wahl vor: Dr. Rudolf Fmnk„Wir arbeiten", Fritz Griepe ,.?«? aspara ad astra", Dr. Edgar Beyfuh„Wem gehört di« Welt?", Georg Enders„Revanche". Mit Mehrheit von einer Stimme wurde die Arbeit Franks zur Einsendung an die Internationale Jury ausgewählt. Auf Grund des§ 5a der Bedingungen beschloß der deutsche Ausschuß f-rner, di- außer Wettbewerb eingereicht« deutsche Fasiung des amerikani» schen Films„Im Westen nichts Neues" ehrenvoll zu erwähnen. Zunkgemeinschoft engagemenlsloser Schauspieler. Im Einver» itändnis mit der Berliner Funk-Stunde bildet die Bühnengonossen» schast zur Zeit eine„Funkgemeinschast engagementsloser Schauspieler der Bllhnengenossenschaft", die in eigener Regie Sende- und Hör» spiele vorbereitet, um sie al» geschlossenes Ensemble-Gastspiel in der Funk- Stunde zur Sendung zu bringen. Die Funk- Stunde wird diese Mahnahme in weitestem Maße unterstützen und hat sich zu diesem Zwecke bereit erklärt, die Funkgemeinschast in regelmäßigen Abständen— etwa alle vier Wochen— zu engagieren und die Regie zu unterstützen. Die erste Sendung der Funkgemeinschast wird im Monat August stattfinden. Elektrotagung in Frankfurt a. AI. Der Verein deutscher Elektro- techniker und die Vereinifung der Elektrizitätswerke hält In der Zeit vom 2t. bis 23. Juni in Frankfurt a. M.«ine Elektrotagung ab. Gleichzeitig feiert di« elektrotechnische Gesellschaft Frankfurt am Main das Jubiläum ihres öOjährigen Bestehens. Montag sprach Oskar von Miller, der bereits vor 25 Jahren zum Ehrenmitglied «rnannt war, über die geschichtliche Entwicklung der Kraftüber» tragung aus weite Strecken. Earl Eredt.� der Autor der Dramen ,H 218" und„Justizkrise", hat ein Schauspiel„Madame Tallien" beendet. Es behandelt die interessante Epoche der sranzäsischen Revolution ungesähr vom Sturz Robespierres bis zum Staatsstreich des jungen Napoleon aiq naturalistisch-improssionistrscher Basis. Die Uraufführung im Noven» ber ist gesichert. Die internationale Aerztetogung nahm mit der Eröjsnung«in«, Ausstellung, die der wissenschaftlichen Forschung dienen soll, ihre» Anfang. Es wurde eine Organisation gegründet, die das Ku» pfufchertum bekämpfen soll. „Ortsnamen, die wechseln." Zu diesem Beitrag wird un» ge- schrieben: Trondhjem— nicht Trondjem— bat wieder seinen alt» Namen erhalten, aber man schreibt jetzt Tronoheim, wie Poststempel ausweisen. ZRarln Isojiin an bei Släblisditn Oper. Intendant Eberl ist rf a» limgen, Maria Ivogiin auch sür die nächste Spielzeit an die Städtisch, Oper zu verpflichten. Sonntagsruhe in der City. Rur in der sowjetrussischen Handelsvertretung wird gearbeitet Ein Leser schreibt uns: Gestern siihrtc mich ein Sonntagspaziergang durch die Berliner City. Es liegt olles in tiefem frieden, die Warenhäuser, die großen Geschäfte, die Banken, die jeitungshäuser sind geschlossen."Angestellte und Arbeiter haben sich tufgemocht, diesen einen Tag in der Woche fern von dumpfen lrbeitsräumen und Büros draußen in freier Luft zu verbringen. ver aber die L i n d e n st r a ß e hinuntergeht, sieht ein seltsames Kild: In einem einzigen Haus in der Berliner City wird ge- irbeitet. Es geht hinaus und hinein und um 1 Uhr mittags strömen ms dem Tor Männer und Frauen, Russen und Deutsche, zumeist »fsensichtlich kleine Büroangestellte, denen die Sonntagsruhe tntzogen ist. Man ist erstaunt, und der Unkundig« wird be- ehrt, daß es sich hier um das Gebäude der sowjetrussischen Handelsvertretung in Berlin handelt.» Mit Vertretern Sowjetrußlands über soziale Fragen zu dis- iutieren, wäre vielleicht müßig. Bon Interesse aber wäre es, zu irsahren, ob die für die Ueberwachung der Einhaltung der Sonntags- ruhe zuständigen deutschen Behörden über das Verhalten der sowjet- ttissischen Handelsvertretung unterrichtet sind und ob die notwendige 5rlaubnis zur Durchbrechung der Sonntagsruhe eingeholt ist. von Feierschichten bei der Reichsbahn. Kommunistische Worte und Taten. Der kommunistische„Klassenkampf" veröffentlichte eine Meldung, nach der zwischen der Reichsbahn und den Gewerkschaften über eine Erweiterung der Feierschichten in den Werk- stätten, Güierböden, Bahnbetriebswerken und in der Bohnverwaltung verhandelt wird. Diese Meldung ist glatt erlogen. Den Gewerkschaften ist es gelungen, Erleichterungen zu erreichen. Allerdings unter heftiger Gegenwehr der Verwaltung. Ammer wieder berief diese sich darauf, daß die Arbeiter be- reit seien, vier Feierschichten im Monat in Kauf zu nehmen and der Widerstand dagegen nur von den Gewerkschaften ivsgehe. Worauf gründete sich diese Behauptung der Verwaltung? In Königsberg sollte eine Anzahl Werkstättenarbeiter vorüber- gehend in andere Dienstzweige überwiesen werden. Der k o m m u- aistische Betriebsrat des Werkes Königsberg hat der Uebsr- Weisung von 70 Mann z u g e st i m m t. Er bot auch der Verwaltung die B e i b e.h a l t u n g von vier Feierschichten an. Die Werkdirektion konnte auf ein solches Anerbieten nicht eingehen und so wurde die Vereinbarung über vier Feierschichten zwischen der Direktion und den kommunistischen Letriebsratsmitgliedern abge- schloffen. Dieses Borgehen der NGO. ist typisch. Den Arbeitern gegenüber spielen die RGO.-Bertreter den starken Mann. In Wirklichkeit aber arbeiten sie mit der Verwaltung Hand in Hand. Es liegt Methode in diesem Treiben. Eisenbahner, macht Schluß damit! Eure Organisation ist der Einheitsvcrband der Eisenbahner Deutschlands. Textilbeinebe in Nordfrankreich geöffnet Llnternehmer rechnen auf Streikbrecher. Paris, 22. Juni. Die Unternehmer der bestreikten Textilindustrie in Nordfron-. kreich haben, ohne die weiteren Schlichtungsversuche des Arbeits- Ministers abzuwarten, beschlossen, heute, ihre Fabriken wieder zu öffnen. Sie haben sich aber zu keinem Entgegenkommen an die Arbeiter bereitgestinden. Ob sich genügend Streikbrecher finden, ist noch fraglich. Immer noch Lohndruck. Die Verhandlungen zur Erneuerung des Reichstarifs- Vertrages für die Kartonnagenindustrie, die dieser Tage im Reichsarbeitsministerium fortgesetzt wurden, brachten noch immer kein positives Ergebnis. Sie werden in etwa drei bis vier Wochen wieder aufgenommen. Der Tarifvertrag läuft noch bis Ende Juli. Der Haupt st reitpunkt besteht m der Forderung der Arbeitgeber, das Lohnniveau der Arbeiterinnen generell im Tarif zu senken. Der Lohn der Arbeiterinnen, die in der Kartonnagenindustrie sehr stark vertreten sind, liegt im allge- meinen bei 63 Proz. des Gehilfenlohns. Die Arbeitgeber wollen dieses Verhältnis zuungunsten der Arbeiterinnen abändern. Ebenso verlangen sie Abbau der Ferien. Lohnkürzungen in Ostpolen. Weil russische Aufträge schlecht bezahlt werden. Kallowih, 22. Juni. . Die Ministerialkommifsion hat beim Demobilmachungskommissar mit den Vertretern der Arbeitnehmer eine Konferenz abgehalten. Der Vorsitzende war der Ansicht, daß die Akkordhöhe der Metall- und Hüttenarbeiter eine gewisse Senkung erfahren müßten, da die Hütten zur Zeit nur sowjetrussische Austräge in Ausführung hätten und diese sehr niedrig berechnen müßten. „Das Programm". Organ der Internationalen Artistenloge, gibt wie alljährlich so auch jetzt wieder eine sorgfältig und geschmackvoll zusammengestellte Zirkusnummer heraus. In heutiger Zeit bedeutet sie eine Tat, diese Nummer 1524, die den Leser von den altrömischen Kampfspielen bis zur Jetztzest leitet und aufs ein- gehendste nicht nur die Rot der Gegenwart, sondern auch„die Not- Verordnung und die Artisten" erörtert. Parteigenossen in der Reichsfinanzverwaltung! Die sozial- demokratischen Arbeiter, Angestellten und Beamten der Finanz- und Zollämter haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenge- schlössen. Alle Parteigenossen der Reichsfinanzverwaltung werden ersucht, sich dieser Arbeitsgemeinschaft anzuschließen und ihre Adresse dem Bezirkssekretariat Berlin der SPD., Lindenstr. 3 (Genossen Holz), mitzuteilen. Rückschau. „Das Glück bei D o n i z e t t i." Vortrag von Felix Stößinger im Sonnabendprogramm der Funkstunde. Man konnte bei diesem Vortrog nur eins wirklich bedauern: daß im An- schluh daran den Hörern keine Oper von Donizetti geboten wurde. Stößinger ist in Donizetti verliebt, und diese Verliebtheit klang aus jedem Wort seines Vortrages, aus jeder der zärtlich ausgewählten Schallplatten. Sie gab der ganzen Darbietung den erwärmenden Schwung, strömte auf den Hörer über, weil sie klug begründet, nicht gesühlsduselnd vorgeschwärmt wurde. Die Werke Donizettis wurden von Stößinger jedoch nicht lehrhaft theoretisiercnd zerpflückt, sondern als Ganzes beleuchtet. Er bewies mit seinen Ausführungen, daß ein musikwissenschaftlicher Vortrag ein sehr hohes Niveau halten und dabei im schönsten Sinne volkstümlich sein kann. Vielleicht hätte eine kleine Umgruppierung diese volkstümliche Einstellung noch etwas steigern können. Aus Liebe und Respekt zu der Musik und ihren Vermitllern— Stößinger hatte die herrlichsten Donizetti- platten ausgewählt, die es gibt— trennte er seine Darlegungen von dem musikalischen Teil und ließ diesen für sich' sprechen. Daß Stößinger diese Gruppierung bevorzugte, ist sehr verständlich: dem musikalisch ungcschulten Hörer ist es jedoch leichter, einem Vortrag zu folgen, in dem die Klangdarbietungen mit den erläuternden Be- richten verpflochten sind. Man möchte sehr wünschen, daß Stößinger einmal Gelegenheit gegeben wird, sich an der Einführung zu einer Opernaufsührung zu oersuchen. Anna Seghers sprach die„Erzählung der Woche". Die Hörer erlebten das seltene Wunder: die Begegnung mit einem Genie. Anna Seghers ist das nicht immer, wenn sie auch stets eine begabte Schriftstellerin ist. Genial waren ihre„Fischer von Sankta Barbara": genial war dieser nicht bis ins letzte durchgeformte Bericht von chinesischen Soldaten, die ihre Körper jedem Drill beugen und deren Freiheitswillen hoch und frei und machtvoll bleibt. Es ist fast unheimlich, wie Anna Seghers den Menschen aus der Atmo- sphäre seiner Welt heraus formt, so. daß jeder sein Gesicht, seinen persönlichen Ausdruck erhält, und doch immer als Produkt und Teil dieser Welt begriffen wird. In dieser knappen Skizze war in ein- dringlichen Strichen Europa und China gegeneinandergestellt. Eine sehr schöne Veranstaltung übertrug am Sonntagabend der Deutschlandsender aus Wien:„Sonnwendfeier in den Bergen." Am Havelekar auf der Nordkette, hoch über der Stadt Innsbruck, stand der Sprecher bei einem Sonnwendfeuer und gab Bericht von dem Bild, das die bis in die höchsten Höhen hinauf von Feuern überflammten Berge boten. Man konnte den Gesang der jungen Tiroler Menschen und ihre Sonnwendfröhlichkeit be- lauschen. Dem Hörer strömte eine Ahnung zu von der Frische und der Herrlichkeit der Tiroler Berge. Weniger stark war der Eindruck. den am Nachmittag der Hörbericht aus Innsbruck hinterließ, den die Funkstunde übernahm. Hier fehlte das Gefühl gegenwärtigen Lebens; es entstand nur das kunst- und kulturhistorische Bild einer schönen und merkwürdigen Stadt. Eindrucksvoll war in diesem Hör- bericht der Orgelklang aus der ehemaligen Hofkirche; die wunder- bare Akustik erbaute dem Hörer den Raum. Die Freidenker veranstalteten eine Morgenfeier— ein seltenes, aber desto erfreulicheres Ereignis. Sie brachten eine Darbietung, die künstlerisch voll befriedigte. Im Mittelpunkt der schönen Feierstunde stand eine Ansprache des Vorsitzenden Max S i e v e r s, der die positive, auf Lebens- und Zukunftsgcstaltung gerichtete Einstellung der Freidenker betonte, deren Weltanschauung nicht auf Zerstörung gerichtet ist, sondern die den Aufbau will. Tes. Montag, 22. Jnni. Berlin. 16.05 Dr. Paul Frank, Dr. Erich Moses und Paul MachnitzH: Freiwillige Hilfe im Rettungsdienst. 16.30 1. a) Couperin: Allemande; b) J. S. Bach: Sonate Es-dur:(Alfred Schroeder und Lisa Schroeder-Spolianski, Flügel). 2. Tscbaikowsky- Licdcr.(Natti Loessel-Carrar, Sopran; Flügel: Waldemar Liachowsky). 3. Fitelberg: Quintett für Flöte, Oboe, Klarinette, Baß-Klarinette und Posaune. 4. J. Wolff-Liedcr(Natti Loessel-Carrar). 5. Mozart: Fantasie für eine Orgelwalze(Alfred Schroeder und Lisa Schroeder-Spolianski). 17.30 Wir zelten. 17.50 Bücherstunde: Reisen in Deutschland.(Arn Mikrophon; Dr. Alphons Marx). 18.05 Dr. W. Pohl: Sozialpolitische Umschau. 18.30 Hartinuth Merlecker: Sornrnerrcisc in das billige Sachsen und Schlesien. 18.55 Mitteilungen des Arbeitsamtes. 19.00 Unterhaltungsmusik. 20.50 Tages- und Sportnachrichten. 21.00 Wovon man spricht. 21.25 1. Mozart: Sonate F-dor, Nr 9. K.-V."377. 2. Brahms: Sonate d-moll. op. 108(Tossy Spiwakowsky, Violine und Jascha Spiwakowski, Flügel). 22.00 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Abcndunterhaltung. Königswusterhausen. 16.00 Schulrat Alfred Tschcntscber: Aus der Arbeit der Volksschule.(Tagung des deutschen Lehrervereins. 17.30 Dr. Wolfgang Herbert: Vom Spielmann zum Orchestcnnusikcr. 18.00 Pfarrer D. Thomr Spanisches Volksleben. 18.30 Otto Eckert: Christentum und Geistesleben. Eine Stunde mit Büchern. 18.55 Wetter für die Landwirtschaft. 19.00 Englisch für Anfänger. 19.25 Gutsbesitzer Wrede: Rationelle Durchführung der Erntearbeiten. 19.45 Wetter. Anschl. Ob.-Ing. Nairz: Viertelstunde Funktechnik. 21.15 Mönchen: Kammermusik. Welter für Berlin: Kühler bei veränderlicher Bewölkung und Neigung zu einzelnen Schauern: frische Westwinde.— Für Deutschland: Im Süden bestöndig und trocken bei wenig veränderten Temperaturen. Im Norden veränderlich und kühl mit Schauern, an der Küste windig. Groß-Berliner parteinachrichten. 108. 91 W. attiiftlteöcrwtfflmjnluBB h«lt«,(und nicht, mvt irrtümlich oii(jefl«bcn, am Mittwoch, 6tabttl)cntet, fttifbtichftt. 6. Bericht vont Parteitag. Reserent Karl Willam. IN.»bt. Bahnadars. Die iilngettn Genossinnen und Genossen treffen ssch Dienstag. 20 Uhr, im Jugendheim Wachtelstrahe. Vortrag dis Genossen üudwig Dornrr itbcr das Thema:.Was dann?" gahlreicher Besuch wird erwartet. Sterbetafel der Groß- berliner Partei» Organisation| 132.«bt. Genossin Helen« Lucht, geb. Sal»nann. Blantenburg, ssrgu de, Bezirlsocrordneten Genossen Lucht, ist im SS. Ledensiahre verstorben. Ehre ihrem Ändenten! Beerdigung Dienstag. 23. Juni, 15 llhr(nachmittags 3 Uhr), von der Halle des städtischen Friedhofs Blankenburg aus. Wir bitten um rege Beteiligung. Die Parteigenossen treffen sich um W/i Uhr im Restaurant stlug. Dorfftraße 2. Derantwortl. fllr die Redoktion: Herbert Severe, Berlin: An, eigen: Td.»locke. Berlin. Verla«: Vorwärts Verlag«. m. b. S.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW 63. Lindenstrate I. Hier»« 1 Beilage. Allgemeine Ortskrankenkasse Berlin-Lichterselde. Der 6. Nachtrog ,ur Sahung ist vom Vberversicherungsamt genehmigt und tritt vm dem heutigen Tage in Kraft. Geändert sind die S§ 12,20, 31 und 103 Druckexemvlarc des Sahungsnachtrages lind in einigen Tagen bei der Kasse er- («Itlich Der D o r st a n d: Brandenburg e r Michel Vorsitzender. Schriftsührcr. Rvkhshonon-Thocrtsr Allabendlich[*] Uhr Stettiner Sänger Zum Schluß der Schwank „Alles verrückt!" VolüsbUtine Theater zw BDIowplatz. 8 Uhr Lumpazl- vagaDundus StaatLSdiilier-Tb. 8 Uhr Haus Herzenstod Staatsoper Am PI. d. Republik 8 Uhr Aas einem Tolenhans 8 Uhr Der Baaptmann von ROpenilh Carl Zuckmayer Regit; Heinz Hilpert Täglich 8V, Uhr Diensl am Kunden von turt Bois und Max Hansen Regie: Hans Deppe Kurf ürslen dämm- TDeater Bismarck 449 |�8V4jJhrJ Die schöne Helena von lacqnts DDenbtdi BcgtcHizKeloiiardt WWW zwischen Hansa- und GoliKOwsKy Brücke Tagucn 2x 3 Uhr nachmittags und 7 30 Um abends Taglich 10-12 Uhr Besieh • tigung der Tierschau und dpr Gesamt-Schau Rose-Garten Bas tiihrende sommertneater Berlins Wochent-SJO U, Sonnig 5 U. Großes Konzert und 8 internationale Varietenummern S1» Uhr: Operette „Der Hutmacher sr. Durchlaucht" Wochentags Kaifeekochen an gedeckten Tischen Preise: 0.60 M. bis 2.00 M. ROSE Bei Sfpiel und Sfcori Hur Erfrischung aas köstliche Siitaico ■Jeberall zu baben T Generalvertreter S i« r i ck£ Krüger Landsberger Alleeft— 7. Tel: Alexander 4703, Königstadt 1666 BERLIN O 34 Täglich 8V( Uhr Zum goldenen Anker Valetti, ilorney, Elsholtz, Behner, Stössel. Faber, Walter. liietropol-Theater Täglich 8'/. Uhr Die Toni aus Wien Madtz Christians, Michael Bohnen Komiscne oper Fricdrichstr. 104 S'.i Uhr Frauen haben das gern... Muslkal. Scharank von Arnold Musik v. Walt. Kollo Sommerpr. 0.50- 7.00 — Klite-Sänger n Kottbusser Str. 6 Tägl.OV« U. 0i« jroli las- stittigjs- Rnu Pnu UBt SÄ Fraiieü um mich sein! von HarryWalden pule Kapfffin- Kanlabak Sv C. Köcker. Berlin LlBtcnborgsr Stroit 22. KOnlgsu Uli Parteigenossen finden freundl. Auf- nähme, reichlich. Ver pfiegung.S Mahlzeit., TO. 3.T5 pro Tag, Garten mit Liege» wiese direkt amHaüse. nahe Wald u. Buhn. albert Hanles, Rarrielaasoa. Ran. Jp/I L-]uergens Alcxanderplatz Neue Königstr. 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'Haltestelle Adalbert. strotze. föeilage Montag, 22. Juni 1931 SwflMl $tui[cuii4a£e vo+uttLrü Im Dienste der Freiheit! Aus Wilhelm Bocks Erinnerungen Der verstorbene Senior unserer Partei. Genosse Dock, hat im Zahre 1927 seine Lebenserinnerungen in einem„3 m Dienst der Freiheit" betitelten und im Dieh-Verlog erschienenen Büchlein niedergelegt, wir geben im folgenden einzelne Abschnitte aus der Schrift wieder. Die Kinderjahre. Aus dem wirtschaftlich gedrücktesten Proletariat stamme ich. In dem an Armut reichen Orte Großbreitenbach kam ich am . 28. April 1846 auf die Welt. Selbst im Hungerlande Thüringen galt Großbreitenbach am Rennstieg als ein Ort von größter Armut. In diesem 4000 Einwohner zählenden Marktflecken gab es reiche Leute im heutigen Sinne überhaupt nicht. Meine Eltern lebten in tief- st e r Armut, sie konnten sich keinen eigenen Haushalt gründen. Als sie endlich so weit waren, brach im Jahre 1848 die Revolution aus. Mein Vater, der sich an ihr beteiligte, mußte sliehen, niemals mehr haben wir von ihm gehört. So fiel die Last der Sorgen für die zwei Knaben vollständig auf die Schultern der M u t t e r. Sie mußte in schwerer Arbeit für unsere Nahrung und Kleidung sorgen. Noch heute habe ich ihre groß« Geduld zu bewundern und ihrer Energie zu danken, daß ich mich entwickeln konnte. Von ihrer schweren Taglohn- arbeit brachte sie den Jungen am Abend etwas zum Essen. Ein klein wenig wurde die Mutter von ihren Brüdern, von denen der älteste etwas wohlhabend war, unterstützt. So konnte sie sich einmal eine Ziege kaufen, mit deren Milch der Kaffee, der in Wirklichkeit Runkelrübenbrühe war, etwas gefärbt werden konnte. Wie im ganzen Thüringer Walde und vor allem in meinem Ge- durtsorte üblich war, wurden wir schon in frühester 3ugend zur Arbeit bei fremden Leuten angehalten. Wir halsen den Landwirten bei der Ernte, im Frühsommer holten wir aus den Sümpfen Binsen und flochten sie zu Kornbändern, mit denen die Garben zusammengebunden werden sollten.-Im Herbst betätigten wir uns bei der Kartoffelernte, im Winter und Frühjahr wurden für die Zinngießereien Bleisoldaten, Schäfereien und der- gleichen gemalt. Mit 13 Iahren kam mein Bruder in die Groß- breitenbacher Porzellansabrik als Dreherlehrling. Bald verdiente er zwei, später drei Mark in der Woche. Mit diesem Beitrag zum Haushalt der Familie war zum Teil wenigstens die ärgste Hunger- leidenszeit überwunden. Ich selbst mußte den ganzen Winter aus dem Walde den für das Heizen und Kochen notwendigen Bedarf an Holz holen. Die Einwohner hatten das Recht, die angefaulten Stocken aus der Erde zu roden. Es war eine überaus schwere, ober doch gesunde Arbeit, die dasselbe dem Körper leistete wie Turnen und Sport. So hart die Arbeit war.' so geschah sie gern und freudig. sahen wir doch unverdrossen die Mutter bei harter Arbeit. Sie murrte niemals über ihr schweres Schicksal, und wir nahmen uns an ihr«in Muster. Mehr als den nackten Lcbensbedars deckte nicht die Arbeit der Mutter und der Kinder. Unsere Nahrung bestand meist aus Kartoffeln, die in mannigfacher Weise zubereitet wurden. Auf unseren Haushalt traf das Thüringer Sprüchlein zu: Kartoffeln in der Früh, des Mittags in der Brüh', des Abends samt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit! An jedem Morgen wurde eine Handvoll Kartoffeln in die Ofen- röhre des großen Kachelofens gelegt, der, wie es im Thüringer Wolde üblich war, von außen geheizt wurde. Zu den gebratenen Kartoffeln gab es eine Tasse Runkelrübenbrühe, genannt Kaffee. Das war das erste Frühstück. Die Runkelrüben wurden in Würfel geschnitten, braun geröstet, in einem Mörser gestoßen, mit heißem Wofler über- brüht und gekocht. Wer es sich leisten konnte, verbesserte diese Brühe mit etwas Zichorie. Der überwiegende Teil der Bevölkerung genoß diese Mischung als Kaffee zum ersten Frühstück. Auf dem Schulweg nahmen wir als zweites Frühstück«in Stück trockenes Brot mit. Wenn das Brot knapp wurde, erhielten wir einige gebratene Kartoffeln mit. In der Pause schälten wir die kalt gewordenen Kar- tosseln, während die Kinder der wenigen Wohlhabenden Brot mit Wurst und Schinken essen konnten. Daß wir ein Gefühl des Neids empfanden, war nicht zu verwundern. Wir wurden nicht getröstet, wenn der Lehrer und der Pfarrer diese Unterschiede als göttliche Einrichtung priesen. Wenn wir aus der Schule nach Hause gingen, und die Mutter nicht zu Hause war, da hatte sie immer vor ihrem Gang zur Arbeit eine Kartoffelspeise bereitet und warm- gestellt. Während das unsere Nahrung zu Mittag war, gab es zum Vesper ein Stückchen trockenes Brot, das aus Mehl und geriebenen Kortoffeln gebocken war. Des Abends gab es natürlich wieder Kartoffeln, Kartoffeln in der Schale oder Salzkartoffeln. Das waren Kartoffeln, die geschält wurden und in etwas Salzwasser oder in Heringslauge getaucht wurden. Bei Festlichkeiten, die natürlich sehr selten waren, wurde auch einmal ein Hering gekauft. der ober nicht auf einmal aufgegessen werden durfte.'Am Sonntag konnte sich die Familie meist ein halbes Pfund Fleisch gönnen. So war unsere Ernährung das ganze Jahr hindurch, und Jahr für Jahr änderte sich hieran nicht das mindeste. Wenn die Mutter und Bruder Friedrich einmal mit Heber- anstrcngung einen oder zwei Gulden mehr verdient hotten, dann konnte zum Kirchweihfest oder zu Weihnachten Kuchen gebacken und«in größeres Stückchen Fleisch gekauft werden. Trotz dieser armseligen Ernährung entwickelt« ich mich zu einem kräftigen Jungen, während mein Bruder, der körperlich Schwächere, in seinem Berus als Porzellandreher lungenkrank wurde und während seines ganzen Lebens an der Proletarierkrankheit litt. Trotzdem erreichte er dank seiner beispiellos vorsichtigen Lebens- weise das Alter von 69 Iahren. Mein« Schulzeit machte mir keine Beschwerden. Ich ging gern zur Schule, obgleich mir Schule und Arbeit nur sehr wenlg Zeit zu jugendlichem Spiel mit den Kameraden übrigliehen. Ich war ein guter Schüler, in der Oberschulklass«, in Geschichte und Geographie. der beste. Wir saßen in der Schule nach Leistungen, die besten vorn«, die schlechtesten auf den hintersten Bänken, vor mir nur einig« Schüler, die bei dem Lehrer Privatunterricht nahmen. Die Schule! hat auf meine geistige Entwicklung einen starken und guten Einfluß ausgeübt, was vor allem dem Lehrer zu danken war. Er war tüchtig und fähig, er lehrte im Geschichtsunterricht nicht nur die Schlachten, die Fürsten und Generäle geschlagen hatten, er machte uns auch mit der Kulturentwicklung der Völker vertraut, so daß sich mein Gesichtskreis erweiterte und ich in späteren Iahren leichter als mancher andere begriff, um was es sich beim Sozialismus handelt. Wie auch sonst auf dem ganzen Thüringer Walde, so fehlte in meinem Geburtsort auch jede Spur von politischem Leben. Saum kannte man eine Zeitung. Wahlen zum Parlament und öffentliche Versammlungen, die die Bevölkerung aufgerüttelt hätten, gab es zu dieser Zeit in Thüringen nicht. Die einzige geistige Nahrung waren schlechte Romane, die in Heften von Kolporteuren vertrieben wurden. Alle Bewohner lebten stumpfsinnig dahin. Sie alle waren fromme Kirchgänger. Der Pfarrer war die einflußreichste Persönlichkeit. Die Kinder mußten bis zum 14. Jahre regelmäßig zur Kirche gehen, während der Pfarrer dies weit weniger regelmäßig tat, sich oft von uns Schülern der ersten Schulklasse vertreten ließ, die ein vor- geschriebenes Kapitel aus der Bibel oder aus den Evangelien vor- zulesen hatten. Nicht selten wurde ich zu diesem Dienste heran- gezogen. Später erst hob das Konsistorium diese Einrichtung auf. Die Mutter erzog uns zu sehr frommen Knaben. Bor unseren armseligen Mahlzeiten mußten wir ein Gebet verrichten, meist mit dem Schlußsatz:„Komm Herr Jesus, fei unser Gast und segne, was du bescheret host." Diese frommen Worte empfanden wir bei der Armseligkeit unserer Nahrung als Hohn, wir brachten die gute Mutter endlich dazu, so schwer es ihr auch fiel und so sehr sie wußte, daß wir ihr jeden Wunsch gern erfüllten, das Gebet wegzulassen. In Gotha blieb ich hängen... Im Frühjahr 1869 wanderte ich von Hamburg über Berlin und Leipzig, ich kam bis nach Gotha, wo ich hängen blieb. Dort be- stellte ich einem Meister den Gruß eines Gesellen, der bei ihm ge- arbeitet hatte, was ihn veranlaßt«, mich für einige Wochen zur Aus- Hilfe einzustellen. Da mein Reisegeld auf einige Groschen zusammen- geschmolzen und ich von der Wanderschaft ermüdet war, so kam mir der Wunsch des Meisters sehr gelegen, ich schlug ein, ohne zu ahnen, daß mit diesem Schritt mein« ganze Lebenslaufbahn entschieden war. Sofort, nachdem ich in Gotha Arbeit gefunden hatte, erkundigte ich mich, ob eine Lassalleanische Organisation vorhanden sei. Ich er- fuhr, daß ein kleiner Verein von Lassalleanern besteh«, daß er aber nur selten Zusammenkünfte habe, daß in Erfurt, Weimar, Apolda und Eisenach die Verhältnisse ähnlich lagen, daß sonst wenig oder gar nichts vom Sozialismus in Thüringen zu s p ü r e n sei. So war ich also in ein großes Tätigkeitsfeld gekommen und sofort machte ich mich daran, es zu beackern. Bei der ersten Zu- sammcnkunst begrüßten mich die Genossen freudig. Sie hofften von dem Eingreifen eines jungen feurigen Genossen das beste und sie versprachen, mich dabei kräftig zu unterstützen. Leider hatten von den 13 bis 2v Genossen, obgleich sie sich Lassalleaner nannten, kaum die Hälfte eine Broschüre von Ferdinand Lossalle gelesen. Aber meine Begeisterung griff auf sie über und wir fnochten uns alle an die Werbeorbeit für die Partei. Bittere, herbe Enttäuschun- gen mußten wir dabei erleben und manches Unangenehme erdulden. Die Arbeiter traten uns damals oft noch roher und brutaler ent- gegen als die Kapitalisten. Man empfand bitter, daß das ganze Volk durch die kapitalistischen Zeitungen gegen die Sozialdemokratie aufgehetzt war. Die dümmsten Urteile über unsere Bestrebungen in dieser Presse fanden Glauben, so daß die Sozialdemokraten alles teilen wollten und wenn sie es dann versoffen hätten, so wollten sie von neuem teilen. Die Sozialdemokraten erstreben die Weiber- gemeinschasten und die freie Liebe, den Herrgott und die Religion wollen sie abschaffen, drei bis vier Stunden, am liebsten gar nicht, wollen sie arbeiten. Di« Arbeiter seien dazu da, um die Sozial- demokraten von ihren Groschen ernähren zu lassen. Ein wüstes Durcheinander, einen Zuchthaus st aat erstrebten diese Leute. So wurde in den reaktionären und liberalen Zeitungen, Flug. schriften und Broschüren die Sozialdemokratie in Mißkredit gebracht. Das Traurigste war, daß die große Mass« diesen un- sinnigen Verleumdungen Glauben schenkt«, und ein Uebrigcs taten die Witzblätter. So brachte der„Kladderadatsch" das Bild einesStromers, Rock und Hose zerfetzt, mit struppi- gem roten Haar und Bart, mit dickem Knotenstock und der Schnaps» ! flajche, die aus der Rocktasche hervorguckte, und als Unterschrift dieses greulichen Bildes:„Ein Normalsozi". Die Arbeiter besaßen ein durch Schule und Kirche und Ueber- lieferung eingeimpftes Untertänigkeitsgefühl, sie sahen in jedem Unternehmer den„Brotherrn" und sie handelten nach dem Satze: „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing." Ja, viele Arbeiter suchten sich die Gunst ihrer„Brotherrn" und der Behörden zu erwerben, indem sie die Sozialdemokraten provozierten und mißhandelten. Fremde Arbeiter zu gewinnen, war leichter als einheimische, deshalb nannte man auch die Sozialdemokraten„Fremdes Gesindel". Die Behörden wetteiferten die Sozialdemokraten zu schikanieren, sie ächteten sie durch Haussuchungen und Sistierungen, durch Denun- ziationen bei den Unternehmern. Das waren die Verhältnisse, unter den wir wenige Genossen agitieren mußten. Ein heute gar nicht mehr verständlicher INut war notwendig. um sich als Sozialdemokrat zu bekennen und sich nicht niederdrücken zu lassen durch all die Feindschaften, die uns umgaben. durch alle verächtlichen Blicke, die sich aus uns richteten, durch alle die haßerfüllten Antworten, die wir erhielten. Verhöhnt und verspottet wurden wir von allen Seiten. So standen wir mit wenigen Genossen vereinsamt da, jeden Tag der Verfolgung und der Maßregelung ausgesetzt, und trotzdem trieben uns unsere Ideale vorwärts, alle Hindernisse überwindend, als wären wir von einem heiligen Feuer erfüllt. Glaubten wir ein großes Hindernis überwunden zu haben, so standen wir im nächsten Augenblick vor einem noch größeren. Aber das hemmte uns nicht, wir gingen ohne langes Besinnen nimmer vorwärts. Freilich, viele verloren den Mut und hielten sich von uns sern. Aber die kleine Kerntruppe überwand alle Verzweiflung und setzte sich durch. Jeder kleine Sieg, jeder Erfolg, einige neue Genossen gewonnen zu haben, stärkte uns, trieb uns weiter an und belohnte uns mit herzlicher Freude. In den Großstädten kam die Verfemung der Sozial» demokraten weit weniger zum Ausdruck als in den kleinen und mittleren Stödten und auf dem Lande. Dort gehörte oft eine große Energie dazu, in eine von uns berufene Versammlung zu gehen. Oft suchten radaulustige rohe Elemente, durch Freibier und Schnaps auf- gepeiffcht, unsere Versammlungen zu stören. Oft störten uns freilich auch diejenigen, die zu uns gestoßen waren. Die neue Bewegung zog gesellschaftlich Geächtete an und diese Leute brachten unsere Be- wegung vielfach in Mißkredit. In armseligen Spelunken mußten wir uns zusammenfinden, und selbst da wurden wir oft nicht ge» duldet. Sein Wirt wollte mit uns, den Ausgestoßenen. zu tun haben. Die Wirte fürchteten Nachteile von den Behörden und Spießbürgern, wenn sie uns als Gäste annahmen. Am Ansang unserer Bewegung störte unsere Entwicklung di» noch stark verbreitete h a n d w e rk s m ä ß i g e P r o du k t i o n, die zwar durch den sich reckenden Kapitalismus stark geschwächt war. Am Anfang der 60er Jahre herrschte noch in großen Teilen Deutsch- lands die Zunftorganisation, mit der erst die Gesetzgebung von 1869 gründlich ausräumte. Nach den Zunftordnungen war die Voraus- setzung für den Betrieb eines Gewerbes eine bestimmte Lehrzeit. Gesellen- und Meisterprüfung. Im Jahre 1869 gelangten wir erst zur Gcwerbefreiheit und zur Freizügigkeit. Der Liberalismus phantasierte, daß nun ein jeder Mensch sein Geschäft betreiben könne, wo und wie er wolle. Wie oft mußten wir hören, daß jeder seines Glückes Schmied sei, daß jeder ein wohhabcnder Mensch werden könne. Lange, lange Jahre dauerte es, bis der Proletarier den Glauben an diese Phantastereien verlor, die ein Hemmnis waren für den Siegeszug des Sozialismus, an den wir alle, die wir für unsere Partei gewonnen waren, fest glaubten. Wir waren bereit, für unsere gute Sache das Schlimmste zu ertragen, weil wir meinten, das sei Pflicht jedes guten Menschen. Lei den„äisenachern" Leider war damals die Arbeiterbewegung in zwei Lager ge» spalten: in die Anhänger L a s s a l l e s und die von Bebel und Liebknecht. Beide Richtungen bekämpften sich lebhaft, viele Arbeit, Mühe und Opfer wurden mit diesem Streit unnütz vertan. Der von Bebel und Liebknecht, Bracke und Geib im Jahre 1869 nach Eisenach berufene Kongreß sollte eine Einigung herbeiführen, die jedoch völlig mißlang. Hier einige Worte,- wie i ch z u d e n„E i s e n a ch e r n" kam. Acht Wochen vor dem Kongreß hatte ein Freund Bebels in Gotha eine Versammlung einberufen und Bebel als Referenten gewonnen. Ich trat Bebel als Lassalleaner entgegen und hielt ihm vor, daß die Großdeutschen Demokraten ein» sehen gelernt haben, daß sie ohne die Macht der Arbeiter nichts seien, deshalb zu uns kommen und uns sozialistische Zugeständnisse machen, daß er noch 1868 gegen das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht sich ausgesprochen. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt, aber ich wurde als Delegierter gewählt, mit dem Auftrag, zu prüfen, welche der Parteien im Rechte sei und die Einigkeit zu fördern. Noch dem gewaltsamen Auftritt in Eisenach schloß ich mich den Eisenachern an. Bebel und Liebknecht tagten mit ihren Anhänger» im Gasthaus„Zum Löwen", die Lassalleaner im Gasthaus„Zum Schiff". Vom„Löwen" wurde eine Deputation nach dem„Schiff" gesandt, um eine gemeinsame Tagung herbeizuführen. Doch dieser Versuch mißlang ebenso wie seine Wiederholung. Ja, die Lassalleaner unter Führung Tölkes erklärten, sie würden nach dem „Löwen" kommen, aber nicht, um ihre Mandate abzugeben, sondern um unsere zu prüfen. Und wenn das nicht zugelassen würde, den Kongreß im„Löwen" sprengen, was ja auch geschah. Die Leitung der Parteigenossen im„Löwen" berief für den Sonntag nach dem Gasthaus„Zum Mohren" die Fortsetzung der Tagung. Die Gothaer Genossen, die dem Kongreß einen Besuch abstatten wollten, standen Wache, damit keine Störung eintrete. Die Gothaer Genossen mußten das tun, denn in Eisenach hatten wir noch keine Genossen. Der Kongreß schuf für die Partei ein Programm und ein Orga» nisationsstatut; zum Unterschied von den Lassalleanern wurden sie als Eisenacher bezeichnet und zum Hohn bei den Lassalleanern, als sie ihnen Vorwürfe mochten, auch als„Ehrliche" bezeichnet. Liebknecht hatte in der Diskussion gesogt:„Wir sind arm aber ehrlich und ebenso ehrlich ist unsere Ueberzeugiing." Daher der Name„Ehrliche"..., ftechfstragevi des Tages Tedescvklärung Vevacbollener Vom Schöffengericht Berlin-Mitte wurde kürzlich ein wegen Bigamie angeklagter Arbeiter freigesprochen. Er hotte vor 26 Jahren geheiratet! seine Ehefrau hatte ihn und das in der Che geborene Kind bereits nach zwei Jahren verlassen und hatte nie wieder etwas von sich hören lassen. Auch ihre eigene Mutter blieb ohne jede Nachricht von ihr. t9t4 wurde der Mann einge- zogen, geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1920 nach Deutschland zurück. Nach oll den Erlebnissen hatte er den Wunsch, sich wieder zu verheiraten und erkundigte sich bei der Mutter seiner Frau nach deren Verbleib; aber diese hatte auch nie- mals wieder etwas von der Tochter gehört und erklärte, sie sei über- zeugt, die Frau habe sich längst das Leben genommen. Daraufhin geht der Mann eine neue Ehe ein, die nun seit elf Jahren besteht. Plötzlich taucht die c r st e Frau wieder auf, und der Mann wird wegen Bigamie(Doppelehe) angeklagt. Dieses Strafverfahren und eine eventuelle Anfechtung seiner Zweiten Ehe hätte er sich ersparen könen, wenn er vor Eingehung derselben im Wege des Aufgebots- Verfahrens die erste Frau hätte für tot erklären lassen; und man sieht daraus, wie wichtig es ist, Kenntnis von den gesetzlichen Bestimmungen zu haben. Eine Todeserklärung ist zulässig, wenn seit zehn Jahren keine Nachricht von dem Leben eines Verschollenen eingegangen ist; jedoch darf sie erst erfolgen, wenn der Verschollene das 31. Lebensjahr vollendet haben würde. Nun gibt es noch verschiedene Bestimmungen, die den Zeitraum des Verschollensein» abkürzen; zum Beispiel betrögt er nur fünf Jahre bei jemandem, der das 70. Lebensjahr vollendet haben würde, bei einem Kriegsteilnehmer drei Jahre nach Beendigung des Kriege», bei einem auf einem untergegangenen Schiff befindlich gewesenen ein bis drei Jahre; und zwar bei Fahrten innerhalb der Ostsee ein Jahr, innerhalb anderer europäischer Meere zwei Jahre und außer- europäischer Meere drei Jahre. Eine Todeserklärung des einen Ehegatten gibt dem anderen unbedingt das Recht, eine neue Ehe einzugehen und diese bleibt zu Recht bestehen, auch wenn der Versäiollene wieder erscheint und scin� Todeserklärung infolge Anfechtungsklage aufgehoben wird. Allerdings ist in solchem Fall den beiden Ehegatten der neuen Ehe das Recht vorbehalten, die jetzige Ehe anzufechten. Dieser Fall dürfte sich aber wohl nur sehr selten ereignen. Jedenfalls kann bei Vorliegen einer Todeserklärung niemals die strafbare Handlung der Bigamie vorliegen, auch wenn der für tat erklärte noch lebt. Strafbare Bigamie ist nur dann gegeben. wenn ein Ehegatte eine neue Eh« eingeht, ohne daß seine frühere Ehe aufgelöst oder für nichtig erklärt ist. Sie wird aber wohl nur dann einen strengen Richter sinde», wenn ein Ehegatte schuld- h a f t c r w e i s c bei Bestehen seiner Ehe eine zweite Ehe eingeht und damit den ersten Ehegatten bewußt hintergeht. Bei uns in Deutschland wird eine solche doppelte Eheschließung beim gehlen der Todeserklärung oder einer Urkunde über ein Schcidungsurteil oder Tod des Ehegatten überhaupt nicht möglich sein. Aber es ist auch der Fall denkbar, daß ein im Auslände lange Jahre lebender Ehe- gatte leichtfertig ein« neue Eh« dort eingeht und sich dann bei seiner Rückkehr nach Deutschland wegen Bigamie vor dem Strasrichter verantworten muß..VkrAsretsto Falkenfeld. 3erZin sendiel: Problem des Qemeiwiachatiaemptanga Der Leiter der Deutschen Welle, Professor Dr. S ch u b o tz, nimmt in der„Ansage", dem Pressedienst der Deutschen Welle, zu der Frage des G c m e i n s ch a f t s e m p s a n g c s Stellung. Er teilt die Darbietungen des Rundfunks in erhebende, unterhaltende und be- lehrende ein. Dann stellt er sest:„Erhebende und unterhaltende Sendungen lassen sich zwar von Hörergemeinschajten, z. B. in Familien- oder Freundes- oder in einem erweiterten Kreise von Gleichgesinnten abhören; aber eine Diskussion des Gebotenen würde der Wirkung eher abträglich als zuträglich sein... Anders liegen die Dinge für das Vortragsprogramm, josern es den Hörern Stoff und Anregungzum eigenen Denken vermitteln will. Vieles, was hier geboten wird, ist strittig und sordert zur eigenen Stellungnahme de» Hörers heraus. Sie wird ihm erleichtert, wenn er die Möglichkeit hat, ihm unverständlich Gebliebenes durch Befragen eines ihm erreichbaren Sachverständigen— der Rundfunk r e d n e r ist es ja nicht—. zu klären. Diesem Zweck dient der Gemeinschafts- empfang. Er ermöglicht die Vertiefung des Gehörten und kommt hiermit den Wünschen der Sendeleitung nach nachhaltiger Wirkung der Vorträge entgegen. Ein Muster des Gemeinschaftscmpfanges ist der Schulfunk, dessen Darbietungen, in der Klasse aufgenommen, Gegenstand einer sich anschließenden Erörterung zwischen dem Lehrer und den Schülern sind. Aber auch außerhalb der Schule haben sich in allen deutschen Sendebezirken Hörergruppen gebildet, die ge- legcntlich oder regelmäßig Vorträge über ihrem Jnteressenkreis nahe- liegenden Gegenstände empfangen oder diskutieren. Gemeinschaft»- empfang kann mit Nutzen nur von Hörergruppen gepflegt werden, die im gewissen Sinne gleichgestimmt sind, d. h., die ein gleichartiges Interesse an den zu behandelnden Themen haben. Sie können sich «Also erst im Hinblick auf bestimmte im Rundfunk zu behandelnde Gegenstände bilden." Der Vergleich mit dem Schulsunk zeigt, aus welcher Perspektive Professor Schubotz die Härergemeinschaften betrachtet. Es scheint aber, daß er dabei nur einen Neinen Teil der Möglichkeiten Über- blickt, die sich solchem Gruppenhören bieten. Das Abhören wissen- schaftlicher Darbietungen aus gemeinsamem, gleichgerichtetem Jnter- esse an dem gerade behandelten Thema kann oft sehr zweckmäßig sein. Was Professor Schubatz hierzu sagt, ist ohne weiteres einleuch- tend. Jeder, der solche Vorträge häufig allein abhört, weiß, wie oft durch kleine, scheinbar nebensächliche Unklarheiten das Verständnis erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Die grundsätzliche Be- schränkung der Vorträge auf 2l) oder 25 Minuten macht es dem Redner häufig unmöglich, alle Einzelheiten voll zu beleuchten. Kultur- und Bildungsgemeinschaften können außerdem gelegentlich Kurse auf Vorträgen und Vortragszyklen der Rundfunkprogramm« auf- bauen und zu dem vor dem Mikrophon, also in breitester Oefsent- lichkeit diskutierten Thema Stellung nehmen. Weshalb der Rund- funk r e d n e r nicht zu solchen Diskussionen herangezogen werden kann, wie Professor Schubotz meint, ist nicht ganz einzusehen. Wen» e» sich um einen Hörertreis handelt, der seiner besonderen Einstellung nach gerade an dem Bortrag besonders interessiert ist, so wird der Redner sich wahrscheinlich oft bereit finden, vom Senderaum au» sofort die Hörergemeinschast auszusuchen und sich mit ihr über den Inhalt seiner Ausführungen auseinanderzusetzen oder sie zu ver- tiefen. In den Hörergemeinichasten des Arbeiter, Radio- Bunde» ist schon häufig vorgenommen worden. Diese Hörergemeinschaften gehen aber schon beim Abhören wissenschaftlicher Vorträge über die Grenzen des Rundfunk-Gemein- schaftsempfanges hinaus, die Professor Schubotz sieht, wenn er „gleichartiges Interesse an dem zu behandelnden Thema" dafür voraussetzt. Seine Parallele zum Schulfunk scheint aus dem[elbstper- ständlichen Wunsch des Leiters der Deutschen Welle entstanden, Sinn und Gehalt der wissenschaftlichen Rundfunkdarbietungen zu verftesen. Was dem Rundfunk allein nicht gelingt, soll die Hörergemeinschaft erreichen. Damit wird aber einer der wesentlichsten Mängel sehr vieler wissenschaftlicher Rundfunkdarbieiungen berührt, die Tatsache nämlich, daß sie am Verständnis und an der Aufnahmefähigkeit des einzelnen abgleiten müssen, weil sie kein geschlossenes Bild des Stoffes oder de? Stoffgebietes, sondern nur Ausschnitt« vermitteln, die zwar als Teilstücke empfunden werden, aber nichts von dem Ganzen ahnen lassen. Daß um dieser Unzulänglichkeit willen ein ge- meinschastlicher„Schul"empsang sehr häusig zweckmäßig ist, bleibt richtig. Aber dies« Hilssstellung der Hörergemeinschaften kann nicht ihre wesentlichste Aufgabe sein. Der Gemeinschaftsempsang hat einen viel tieferen Sinn; wenn man ihn etwas pathetisch ausdrücken will, so kann man sagen, daß diese Hörergruppen der Ausdruck sein sollen des geistigen G e- M e i n s ch a f t s e r l e b n i f f e s, dos der Rundfunk mit jeder Sen- dung bietet. Gemeinschaftsempsang heißt: sich bewußt werden, daß jede Funkveranstaltung direkt oder indirekt jeden angeht, den Leben»- kreis jedes einzelnen beeinflußt. Danim ist Gemeinschaftsempsang für Darbietungen der verschiedensten Art wichtig und notwendig. Er soll den HöreL nicht zu einer primitiven Kritik anregen; noch weniger soll er ihn veranlassen, hochwertige Kunst in naivem Bildungseifer zu zerrupfen. Aber er soll ihn zum Rundfunk-Hörerled- n i s erziehen. Hörergemeinschajten, die sich entsprechend der Annahme von Professor Schubotz„erst im Hinblick ans bestimmte Im Rundfunk zu behandelnde Gegenständ» bilden", müssen natürlich an dieser Ausgabe vorübergehen, sür die„gleichgestimmte" Menschen in einem umfassen- deren Sinne notwendig sind: die Weltanschauung dieser Menschen muß den gleichen Grundton haben. Wenn dann trotzdem ein gleichartiges Interesse an dem betreffenden Thema oder seiner Aus- gestaltung fehlt, so Ist das Gemeinschaftshören gerade dafür besonders wichtig, well es Klärung über Sinn und Inhalt der Darbietung bringen kann. Bei erhebenden und unterhaltenden Sendungen wird das mindesten» so häusig notwendig sein wie bei belehrenden. Wesentlich wird jedoch das Gemeinfchaftshören erst bei Veran, staltungen, die keine ganz großen oder allgemein anerkannten Kunst, werk« bringen, besonder» natürlich bei neuartigen, für den Rund, funk geschaffenen oder zusammengestellten- Darbietungen. Die Stellungnahme des einzelnen Hörer«, auch wenn er sie dem Sender mitteilt, kann leinen Eindruck von dem Wert oder Unwert de» be, treffenden Hörerlebnisses geben, selbst wenn eine ganze Anzahl Zu, schriften über eine Veranstaltung eingehen. Wohl ober hätte es Bedeutung, wenn die verschiedensten Argumente in einer Hörer, g e m e i n s ch a f t wach würden, deren Zusammenfassung zu einer Gcsamtablehnung oder Gesamtanerkennung—. des Werfe« führt. Die Gemeinschaftsdislufsion von Bildungsmanstaltungen dgrf, wenn es sich dabei um weltanschaulich« Probleme bandelt, nicht beim Einzelvortrag haltmachen, sofern«in inneres Verhältnis zu d«? Rundfunkdarbietung angestrebt wird und nicht nur eine Ausein- anderfstzung mit dem von irgendeinem Redner behandelten Stoff. Geistige Interessen gemeinschaften werden nur aus diesen«in- gehen; die Hörergemeinschaft, die Verbindung des Rundfunks mit dem Leben sucht, wird sich um Erkenntnis der großen Zusammen- hänge bemühen. tärockhaus, 8. Mand Das Handbuch des Wissens in 20 Bänden, wie sich jetzt der Große Brockhaus offiziell nenn«, ist in sehr kurzer Zeit schon bis zum 8. Band vorgerückt. Der 8. Band beginnt mit dem Buch- staben H, und er braucht gleich eine ganze Spalte, um diesen Buch- stoben zu erklären. Da wird zuerst dieser 8. Buchstabe unseres Alphabets als Houptlaut erklärt und fein« Bedeutung in anderen Alphabeten. Eine kleine Tabelle zeigt uns die Schriftcntwicklung des H, aus der wir zu unserer Ueberraschung ersehen, daß die Buchstabynform des H aus der altfemitifchon Schrift, 9. Jahr, hundert vor Christi hervorgegangen ist. Es ist merkwürdig, daß das H in der modernen Antiqua dem altfemitifch H vor 2800 Jahren vielmehr ähnelt als dem H'der Gutenbergfchrift. Dann folgt eine Erklärung des H als Abkürzungsbuchstabe in der Geschichte, in der Naturwissenschaft, im Münzwesen. Folgt ein kleiner Absatz über das H im Münzwesen überhaupt, dann über das H in der Musik, über da» H al? Zahlenzeichen. Schließlich hat auch der Große Brockhaus Über das H nichts mehr zu sagen unb nun beginnt die Darstellung der Welt, die von H bis Hythe. einem englischen Seebad reicht. Politisch interessieren im neuen Band die Abschnitt« über die Haager Konferenzen, deren erste 1899 die von Ruhland angeregte Friedenskonferenz war und deren letzte den Poung-Plän schuf. Politisch ist die Darstellung der Yoimg-Konferenz im ganzen und großen richtig, sie versäumt auch nicht, die Rolle Snowdens bei der Herabsetzung der so wichtigen Sachlieferungen darzustellen. Habsburger und Hohen zollern werden streng historisch, ohne politische Stellungnahme dargestellt. An politischen Persönlich- leiten finden wir in diesem Band, wieder durchaus korrekt orientierend, Hindenburg, Holstein, Hvover dargestellt. Die Literatur und Kunst ist stark in dem Band vertreten. An Städten finden wir mit Stadtplänen, Straßenverzeichnissen und lokalgeschichtlichen Darstellungen den Haag. Halle, Hamburg, Hannover. Einen großen Raum nimmt die ganze Welt des Holzes ein. Sechs Tafeln zeigen zuerst in sechzehn Farbproben das Aussehen der verschiedenen Holzschnittflächen, dann in fünfzehn kleineren schwarzen Bildern Holzgewinnung und Holzverarbeitung und schließlich in kleinen Artikeln, Darstellungen und Tabellen alles, was zum Holz gehört. vom Holzbau bis zur Holzbearbeitung, Holzbearbeitungsmaschinen (wieder vierundzwanzig Bilder), die Geschichte des Holzschnitts. illustriert mit vier farbigen und fünfundzwanzig schwarzen Ab, bildungen, usw. Das alles find willkürliche Proben, und man könnte genau so an den Kapiteln Horntiere, Hautslügler. Hotels. Hochhäuser, Hund« zeigen, mit welcher raffinierten Kunst aus relativ kleinem Raum Text und Bild eine Füll« von tatsächlichen Dingen verarbeiten. Die gllustrotwn ersetzt oft ganze Monographien und wieder ist bei jedem halbwegs wichtigen Abschnitt eine Zusammen- st-llung der Bücher pegeben, die den Ratsuchenden bibliothekarisch weiterleitet. FeUx Stössiyxer. WAS DER TAG BRINGT BiiiniiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiitiiniHiiiinmifnniiiiHimiiiHiiiniiimiiinuiiiiiu>)ni)tuiuuiuniiuiiiiiiinfinniiiiiiiiiiiiintiiiiutiimiinii]iiiiinnnimiiniiiiiiiiii(tiiiiiiiiiiiiii(iiiiiiiiiio ERZÄHLT VON YORICK Schwabenstreich Man lese diese kleine Geschichte mit Andacht. Sie verdient, nie vergessen zu werden; sie ist ein herrlicher Beitrag der Wirklichkeit zum reichen deutschen Anekdotenschatz. Sie spielt, was bei guten Anekdoten häufig ist, in Schwären; sie bildet den gelungensten Schwabenstreich, der im schwabenstreicharmen Heute mir denkbar ist. Also, lest und lacht: Es war ein alter Bauer in einem schwäbischen Dorf, und es war ein Bäcker in einem schwäbischen Städtchen. Der Bäcker bezog vom Bauern Butter, der Bauer vom Bäcker Brot, wie es sich gehört. Nun schien es aber dem Bäcker, al» ob die Butterstücke des Bauern, die drei Pfund wiegen sollten, immer leichter würden. Sein« Waage gab ihm recht, und endlich wurde es dem wackeren Meister zu viel, und er verklagte seinen Butterlieseranten beim Richter. „Ihre Butterstücke sollen nicht die erforderliche Schwere hoben!" sagte der Richter zum Bauern, und er wie» chm al» corpus delicti eine» der Bufterstück« vor.„Dies soll drei Pfund wiegen, nicht wahr? Es wiegt aber, wie ich sestgestellt habe, viel weniger." „Deez isch ausgschlosse, Herr Richter!" sagte das Bäuerlein. „5 Habs doch auch immer nachgwogc!" „Vielleicht", meinte der Richter,„vielleicht stimmen Ihr« Ge- wicht« nicht?" „Gwichtc?" Da» Bäuerlein war erstaunt.„Gwichtc Hab i nöt. Brauch i auch nöt;" „Ja,«sber womit wollen Sie denn, wiegen, wenn Sie keine Ge- wichte haben?" „Des isch ganz einfach, Herr Rrichter, ganz einsgch und grecht isch dees. Gehns, f krieg vom Bäcker mei Brot, wie er von mir sei Butter, und so a Laib Brpt, der wiegt drei Pfund, nöt wahr? Nu, und da leg i halt auf die eine Seit von der Waag die Butter und aus die ander ein Laib Brot, und bann balancier i aus!" Spruchs, zog ein„Dreipfundbrot" des Bäckers hervor. Der Richter wog nach— und die Butter war aufs Haar genau so schwer wie das Brot... Der Richter lachte, der Bauer lächelt«, der Böcker wütete; aber der Bauer wurde freigesprochen und der Bäcker— verdonnert. Ein Bivat dem schwäbischen Bauern! Geschästetüchtigkeit ist gut; aber Pfiffigkeit ist besser! Ludmilla Sie kennen sie bestimmt: die kleine Ludmilla aus Baden bei Wien; es ist ja eine alte Bekannte von Ihnen. Sie entsinnen sich nicht? Nun, Sie kennen Ludmilla, wenn Sic die mehr oder minder hübschen, aber immer fixen und appetitlichen kleinen Verkäuferinnen kennen, die in jeder Konditorei und in jedem Feinkostgeschäst von Berlin, Hamburg oder Itzehoe oder Buxtehude zu find«,, sind, ihr Kittel ist weiß, ihre Hand» sind geschickt, ihr Lächeln ist höflich, ihr« Umgebung bildet während der Geschastsstunden d«r repräsentative Lgdenraum und ein« verschwenderische Fülle von Kuchen oder Deli- tatessen, und nach den Geschastsstunden messt irgendeine ärmliche Wohnung im Proletarierviertel und ein brot- und Margarine- geschmückter Abendbrotstisch für«ine Anzahl hungriger Geschwister � sa eine, ganz genau so eine also war Ludmilla, sie unterschlcd sich in nichts von ihren hunderttausend Kolleginnen und würde sich auch heute noch nicht unterscheiden, wenn ihn die Staatsanwalt- ichajt von Baden bei Wien nicht herausgejunden hätte— den Unterschied. Dabei war es nicht„ihre" Konditorei, in We eingebrochen wurde, sondern das Geschäft lag dem ihren bloß benachbart. Indes erfuhr die recherchierende Polizei, daß die in der nahen Konditorei beschäftigte Ludmilla das Kind sehr, sehr armer Leute war; und das erschien als ausreichend, um eine Haussuchung in der Wohnung von Ludmillas Eltern zu motivieren. Aon der Einbruchsbeute zwar wurde nichts gesunden. Dafür aber kamen die klugen Beamten einem anderen Verbrechen auf die Spur. Nämlich sie entdeckten ein halbes Pfund Eibischzuckerln, von denen Ludmilla zugab, daß sie her Konditorei entstammten, in der sie beschäftigt war. Ludmilla mußte mit den Beamten und dem halben Pfund Eibisch- zuckerfn zur Polizei. Wurde verhört, Wurde durch geschickte Fragen meisterhast ist die Enge getrieben. Und gestand schließlich unter atemloser Spgnung der Verhörenden, die Eibischzuckerln nicht gekauft, sondern ohne weiteres mitgenommen zu haben. Für ihre jüngeren Geschwister. Während und nach deni Geständnis weinte Ludmilla. Der Staatsanwalt trat in Aktion und erhob Anklage wegen Diebstahls. Ludmilla stammelte vor Gericht wiederum weinend das Geständni? ihrer Untqt herunter. Di« Sache war also geklärt; nur sollte noch der Inhaber der Konditorei darüber vernommen weden, wie weit er sich geschädigt fühlte. Und der Konditorei- besitzer trat auf und erklärte; Gar nicht. Kar nicht fühle er sich geschädigt. Er könne sich auch gar nicht geschädigt fühlen, weil es sich bei dem halben Pfund um unverkäuflichen Eibischzuckerk b ru ch gehandelt habe. Da wurde Ludmilla freigesprochen und konnte wieder in die Konditorei gehe» und in Frieden und ahm Vorstrafe eine der hunderttausend netten, appetitlichen Verkäuferinnen sein, die«in sanftes Lächeln und eine geschickte Hand haben... Um aber hier mal ein ganz unpolitische» Wort zur hoch- politischen Anschlußfrage zu sagen: Wenn es also, es könnte doch mal, gesetzt den Fall, und es käme irgendwann, irgendwie einmal zum Anschluß Oesterreichs an Deutschland: könnte eine hohe Polizei von Baden bei Wien nicht vom Anschluß ausgeschlossen werden? Nänstich die Sache ist leider die, daß wir Behörden, die e,,, fünf-- seitiges Protokoll über«in halbes Pfund Eibischzuckerln ausnehmen und achtzehnjährige Mägdlei» wegen einer Lappalie zu bestrasen imstande sind--- daß wir solche überamtlichen Behörden eigentlich IN ausreichendem Maße besitzen... Oas schlimmste Gas Die Gasmaske ist aktuell. Wird mit all«,, Mitteln aktuell ge- macht. Es soll ja wohl Krieg, bald und es soll so schrecklich« Gase geben oder nicht? Welches Gas aber ist das schrecklichst«? Ein Er- eigni« in Moskau gibt Auskunft. Dort waren auf dem Markt häusie, Gasabwehrübungen für die Bevölkerung veranstaltet worden. Kluge Einbrecher begriffen die Chancen, die sich ihnen so boten.-Sie warfen«ine» schönen Nach- mittags ein paar hannlose Rauchdomben. Di« Menge ergriff so- fort panischer Schrecken: si« floh. �— Für die Einbrecher gab es gute Beute; unter den Flüchtenden aber— zwanzig Tote! Un» so hieß« denn die Antwort aus di« Frage nach dem ge- jährlichsten Gas: das gefährlichste Giftgas ist die Giftgas- psychoiel Montag 22. Juni 1931 Nr. 286 48. Jahrgang Das Rätsel der Wünschelrute Eine neue Entdeckung und ihre Deutung Der Glaube an die Wünschelrute ist uralt. Hinweise auf sie findet man schon bei Moses(4. Moses 20,11), Virgil(Aeneis Vi, 20ö fg.) und im Nibelungenlied(X, 1064). 3m Mittelalter hat man die„Wünschelgertc" zum Aussuchen von Erzgängen, vergrabenen Schätzen usw. benutzt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist sie wieder in Gebrauch gekommen zum Aussuchen von unterirdischem Wasser, Erz- und Salzlagern. Beweiskräftige Ersolge der Wünschel- rutengänger haben auch die ernste Wissenschast veranlaßt, sich mit diesem Phänomen zu bejchästigen, ohne daß bis heute eine wissen- schaftliche Deutung der Wirkung der Wünschelrute gegeben werden konnte. Man nimmt an, daß der Gabelzweig aus elastischem Holz, jetzt auch au? Metall, in der Hand reizempfänglichcr Personen bei diesen beim Ueberschreiten unterirdischer Vorkommen von Erzen, Wasser, Salzen und Metallen Empsindungen auslöst, die sich dann reflektorisch durch Hand und Arm auf diese übertragen, sobald sie in Schwankungen gerät. Manche Anhänger der Wünschelrute neh- inen an, daß es sich dabei um Deformationen des elektrischen Fel- de? der Erde-durch Wasser, Verwerfungen, Spalten usw. im Unter- grunp handelt. Die physikalische Wiisenschast erklärte:„Der menschliche Orga- nismus reagiert je nach seiner eigenen Polung auf solche elektrischen Schwankungen, die Muskulatur wird erregt und der im labilen Gleichgewicht gehalten« Rutenstab wird dadurch in das stabil« Gleich- gewicht verlagert. Diese Schwankungen des Feldes über der Erb: werden veranlaßt durch Aenderung der elektrodynamischen Zustände unter Oer Erdoberfläche, die also der Rutengänger indirekt wahr- nimmt." Das würde also bedeute», daß die elektrischen Erdspan- nungen eine bestimmte Wirkung aus den Rutengänger auslösen, die dieser wiederuin auf die Rute überträgt. Ein bremischer Brunnenbauer, Wehrs, hat sich diese Folge- rungen zunutz« gemacht und planmäßige Untersuchungen über die unterirdischen Wasserläufe seiner engeren Heimat angestellt. Cr kam zu den Ergebnissen, die man als verblüffend bezeichnen muß, wenn sie auch der wissenschaftlichen Bestätigung»och porbehaiten bleiben müssen. Wehrs will gefunden haben, daß alle Wege, die in den Dörfern einzeln« Gehöft« miteinander verbinden, olle Psade und Straßen aus Urzeiten her. alle Landstraßen, die nicht erst neuerdings angelegt wurden und nichr in gerader Linie verlaufe», über unterirdische» Wasserläusen liegen. Daß sie also bewußt von unseren Zlltoordern auf Grund der Kenntnisse der Wasserläufe angelegt worden seien, weil— und nun kommt die interessante Folgerung Wehrs— das Vorhandensein dieser Wasser- oder Metalladern infolge der von ihnen ausgehenden elektrischen Feldspannungen„Schwankungen", d. h. Störungen der Erdoberslächenspannungen hervorriefen, die auf gewisse Organismen, wie Menschen, Tiere und Pflanzen, ge- webezerstörend und verkümmernd wirkten.!>tach Wehrs bleibt z. B. ein« lebende Heck« dort, wo sie von einem unterirdischen Wasserlauf unterquert, also senkrecht geschnitten wird, in der Wachstumsent- wicklung zurück. Im Walde ist, immer nach Wehrs, die Vegetation an den Stellen, unter denen sich ein unterirdischer Wasierlauf hin- zog, im Vergleich zu anderen Stellen so gut wie gar nicht vor- Händen. Bäume, über solchen Wasserläufen angepflanzt, verküm- inerten, Häuser, die über Wasseradern stehen, werden fast rege!« mäßig vom Blitz heimgesucht und die darin Wohnenden leiden fast durchweg an Rheumatiemus, Schlastofigkeit und haben in den Räu. men Feuchtigkeit. Wehrs untersuchte das Schicksal von Einwohnern solcher Häuser und fand, daß Brände durch Blitzschläge, Siechtum durch Krebs, Berkrüppelung, Geisteskrankheit usw. auf Grund des Vorhandenseins unterirdischer Wasserläus« vorgekommen sind, und zwar in fast 90 Proz aller Fälle. Man muß natürlich die exakt« wissenschaftliche Nachprüfung dieser Befunde abwarten, die vermutlich nicht lange auf-sich warten lassen wird, llm aber aus die Wünschelrute bzw. die Rutengänger zurückzukommen, so scheint nach den Wehrsschen Befunden die alte Erkenntnis bewahrheitet zu sein, daß der sensible, auf jeden Fall aber in bestimmter Weise polar mit Spannung versehene Ruten- gänger auf die entgegengesetzt polaren Spannungen unter der Erde reagiert,«ine Reaktion, die sich in dem Anschlag der Wünschelrute kaum als gelüftet anzusehen ist, so regen die Wehrsschen„Befunde" doch in hohem Maße dazu an, den exakten physikalischen Nachweis zu erbringen, daß die geheimnisvollen Stoffstrahlungen unter der Erde bestimmende Einwirkung auf die Lebensfähigkeit oder-unfähig- keit der Organismen über der Erde besitzen. LneK Keller. Die Propellereisenbahn bewährt sich! Von Dr.-Ing. Otto Steinitz lNoKdruck verlwien.) Mit der gelungenen Schnellfahrt des von dem Ingenieur Kruckenherg gebauten Propellextr.iebwagens von Hamburg nach Berlin dürften nunmehr endgültig alle die Bedenken beseitigt sein, die infolge ungenügender Sachkenntnis zum Teil selbst von berufener Seite seit zwölf Jahren gegen diese Antriebs- ort vorgebracht wurden. Der unter dem sachlich unzutreffenden und daher etwa- komischen Namen„Schienenzeppelin" populär ge- wordene Wagen erreichte seine Höchstgeschwindigkeit in der Nähe von Wittenberge mit 230 Stundenkilometern bei einem Brennstoff- verbrauch von nur 0,?1S Litern je Kilometer. Schwierigkeiten in Kurven oder«ine Beeinflussung der Gleisschotterung durch den Propellerwind ergaben sich nicht. In dieser und anderer Beziehung decken sich die Ergebnisse durchaus mit dem. was der Verfasser dieses Aufsatzes feit 1918, wo er als erster Pionier der Propellereisenbahn in Deutschland auf' trat, vorausgesagt hatte. Der„Vorwärts" darf für sich da» Ver- dienst in Anspruch nehmen, mehr als andere Blätter von vornher- ein auf die Bedeutung meiner Versuche mit dem Propellertrieb- wagen hingewiesen zu haben, der trotz der Geringfügigkeit der mir dafür bewilligten Mittel und der wiederholten Durchkreuzung meiner Baupläne bereits gestattete, eine größere Pasiagierzahk bei der höchsten erlaubten Fahrgeschwindigkeit von 90 Kilometern und einem Kraftbedarf zu befördern, der ein Viertel des„Schienen- zeppelins" betrug- Insofern irrt eine Berliner Nachtzeitung, die gestern behauptete, olle früheren Versuche wären erfolglos gewesen und nicht als Borerfindungen zu bezeichnen. Wohl aber sind die neuen Erfahrungen kennzeichnend für den Fortschritt, den der Propellerbahngedanke in der Psychologie der Allgemeinheit gemacht hat, ist e, doch heut« möglich, dafür einzu- treten, ohne als verschrobener Erfinder verlacht zu werden. Ja, Industrie und Eisenbahnverwaltungen sind dem neuen Projekte in einer Weise entgegengekommen, an die früher nicht entfernt gedacht werden konnte. Der Umschwung dieser Anschauung wird sicherlich noch gefördert werden durch die behagliche Ausstattung, die kkdr Wagen seit seiner ersten Probefahrt auf der Versuchsstrecke bei Hannover erfahren hat. Zwöls bequeme Sessel, temperierbare Ventilation, modern stilisierte Beleuchtungskörper und dergleichen tragen sicherlich zur Annehmlichkeit der Fahrt bei. Deshalb darf man da« Fahrzeug als Fortschritt begrüßen, wenngleich seine tech- Nischen Leistungen durchaus nicht über das hinausgingen, was nach den früheren von mir angegebenen Grundlagen zu erwarten war. Die Leser des„Vorwärts" werden sich vielleicht noch der in diesen Spalten vor längerer Zeit von mir geschriebenen Worte er- innern:„Die Reisegeschwindigkeiten bei Eisenbahnfahrten, die in den letzten Jahrzehnten nur ganz unerheblich verbessert werden konnten, werden in kurzem eine aufsehenerregende Steigerung er, fahren, sobald die Direktoren und Finanzleut« sich die Ueberzeugung der technischen Wissenschast zu eigen gemacht haben werden, daß mittel» des P r o p e l l« r a n t r i e b s ein besonders wirtschaftliche» und leistungsfähiges Schienen- fahrzeug geschaffen werden tan n." Dies« Voraussage scheint jetzt in Erfüllung zu gehen. Man wird sogar hoffen dürfen. daß uns die nächst« Zukunft technisch �Iwch vollkommenere und leistungsfähigere Typen, als sie der„Schienenzeppelin" ist, He« scheren wird In jedem Falle wird für die Propellerbahn neben der Luft- schraubenanordnung da» nach ärodynamischen Gesichtspunkten zu- gespitzte Wagengehäuse typisch bleiben, sowie die Ausführung als Triebwogenaggregnt. Die mir grundsätzlich pon Anfang 1919 bis Ende 1927 patentiert gewesene Zuspitzung des � Wagengehäuses wurde von mir praktisch durch Verjüngung in waagerechter Rich- tung vorgesehen. Demgegenüber zeigt« der kurz« Zeit danach von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt entworfene Triebwagen- zug«in« Verjüngung durch Verringerung der Höhe, eine Form, die mit Rücksicht aus Luftwiderstand und Nutzraum weniger günstig sein dürfe. Die Projekte von Wiesinger, Bennie und Kruckenberg haben zigarrenartige Rotationskörper als Spitzen. Dies« aus dem Luftfahrzeugbau übernommene Form ergibt aber bei Gelände- bahnen einen größeren Fahrwiderstand mit Rücksicht auf die Stromstörung durch Erdnähe. Immerhin sind die Vorteil« des Propellerbahnsystem» für den Personenfernverkehr so groß, daß e» auf solche vergleichsweise geringfügigen Unterschiede nicht ankommt. vi« Technik spart durch wissenschaftliche Forschung In der von einer Reihe wisienschastlicher Institut« und Gesell- schaften herausgegebenen Zeitschrift„Forschung tut not" lesen wir: Nur in den seltensten Fällen läßt sich der wirtschaftliche Ertrag wissenschaftlicher Forschungsarbeit durch genaue Zahlen ausdrücken. Denn das in die Forschung hineingesteckte Kapital verzinst sich oft erst nach langen Zeiträumen, und auch diese Verzinsung tritt viel- fach nur unmittelbar im Zusammenwirken mit anderen Faktoren in Erscheinung. Vereinzelt ist immerhin der Versuch einer zahlen- mäßigen Bilanz der Forschung möglich. Hierfür einige eindrucks- volle Beispiel«: Die Preußische Versuchsanstalt für Wasserbau und Schissbau schlug für die neue Seeschleuse von Pmuiden die zum Füllen und Entleeren kurze Umläufe durch die Torkammern statt langer Kanäle in den Kammerwänden vor. Dadurch war man in der günstigen Lage, die beiden Kammerwände viel leichter bauen zu können. Darüber hinaus konnte die Füllzeit der Schleuse noch verkürzt werden, und die Schiff« liegen ruhiger in der Schleuse. Die Leistungs- fähigkeit der Anlage ist erhöht worden. Die Ersparnis der Baukosten beträgt nach Angabe der Bauverwal« tung über 2 Millionen Maxi, Die Ersahrungen dieser Versuche kamen der Nordseeschleuse in Bremerhaven unmittelbar zu- gut«. Der Entwurf wurde gleich danach aufgestellt und die Erspar- nisse gegenüber der bisher üblichen Bauweise dürsten sich in ähnlicher Größenordnung bewegen. Erhebliche Ersparnisse brachten auf gleicher Grundlage die Versuch« für die Schleppzugschleuse des Mittel- landkanals bei Allerbüttel-Sülfeld. Die wirtschaftliche Auswirkung der Untersuchungen der Schiff- bauabteilung zeigt folgender Fall: Die Verbesserungen durch Schlepp. versuche an dem Modell eines kleinen Frachtdampfers von 4000 Tonnen Verdrängung ermöglichten bei gleichem Kohlenverbrauch«ine Steigerung der Geschwindigkeit um 80 Proz. oder bei gleicher Ge- schwindigkeit eine Verminderung der Maschinenleistung um 27 Proz., was in 170 Dampftagen«ineErsparnisalleinimKohlen, oerbrauch von etwa 18 000 Mark bedeutet. Bei größeren Schiffen bringt die kleinere Maschinenanlage und der Minderver- brauch an Kohl« sehr fühlbare Ersparnisse an Zinsen und an Perfo, nalkosten und wegen der Herabsetzung des toten Gewichts auch eine Erhöhung der Ladefähigkeit. was Deutschland durch Einführung des legierten Bleches sparte. Mit Silizium legiertes Eisenblech, in der Elektrotechnik kurz „legiertes Blech" genannt, hat den dreifachen elektrischen Widerstand wie das früher angewendete gewöhnliche Transformatorenblech. Im März 1902 veranlaßte Prof. Gumlich von der Physikalisch- Technischen Reichsanstalt, der die praktische Tragweite der geringen Leitfähigkeit siliziumhaltigen Eisens erkannt hatte, ihre technische Auswertung. Die von zwei Firmen unternommenen Versuche führten 1904 zu einem Material, das walzbar war, etwa um das Zwei- einhalbfache geringere Verluste hatte als gewöhnliches Transfor- matorenblech und nicht alterte. Die ersten praktischen Erfolge hatte die Firma Geist in Köln, 190S begann die AEG. in großem Umfange legierte Bleche zu verwenden, 1900 nahm die Bismarck-Hütte die Herstellung der Bleche auf. Andere Walzwerke folgten, und 1913 war die Erzeugung auf mehr als 8000 Tonnen gestiegen. Durch Ver- wendung dieses Bleches konnten die Transformatoren bei zunehmen- der Leistung immer kleiner werden, da man nicht mehr so viel Eisen in sie hineinzupacken brauchte. Die Einführung des legierten Bleches hat Deutschland schätzungsweise jährlich 50 MillionenMark an Encrgieverlusten erspart, also etwa das Doppelte dessen, was die Physikalifch-Technifche Reichsanstalt in 38 Jahren ihres Bestehens Deutschland gekostet hatte. Die Reichsbahn spart durch Forschung. Schweren Schaden verursachte in den Iahren 1919 bis 1921 das Versagen einzelner gußeiserner Konstruktionsteile, besonders der Schieberbuchsen an Lokomotiven. Manchmal mußte schon noch wenigen Tagen eine eben instandgesetzte Lokomotive wieder zur Wertstatt gebracht werden, weil die Schieberbuchse ausgelaufen war. Erst durch planmäßige Untersuchungen im Forschungslaboratorium wurde ermittelt, daß der Gefügebestandteil Ferrit im Gußeisen dies« mangelnde Abnutzungsfestigteit hervorrief. Gußeisen mit Ferrit wurde deshalb von der Verwendung ausgeschaltet, seitdem waren die kostspieligen Schäden behoben.— Die früher zum Verschließen der Waggons verwendeten Bleiplomben tonnten mit einem spitzen Werkzeug aufgebogen und noch der Be- raubung des Waggons mit der Plombenzange wieder so verschlossen werden, daß die unbefugte Oeffnung nicht nachzuweisen war. Durch Legieren mit Antimon wurde die Plombe soweit gehörtet, daß sie nicht mehr aufzubiegen war, ohne zu reißen. Hierdurch wurde also die Sicherheit beim Transport erhöht und die Reichsbahn sparte hohe Beträge für Entschädigungen. Oeschweihte Kräne Das Nürnberger Wert der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg ist, wie die Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure mitteilt, dazu übergegangen, zunächst einzelne Kranteile und dann ganze Krane mittels Schweißverbindungen statt der Nietung herzustellen. Wesentlich trug dazu die Erkenntnis der er- reichbaren Vorteile bei: die Profile erfahren keine Querschnitts- fchwächung durch Nietlöcher, Knotenbleche werden entbehrlich und die Anfchlüst« und Stoßverbindungen der einzelneu Träger unteretn- ander können einfacher ausgeführt werden. Gewlchtserfparniste bis zu 28 Proz., die der ganzen Konstruktion zugute kommen, können zur Zeit auf diese Weis« erzielt werden. Was jedoch augenblicklich der erfolgreichen Ausnutzung dieser Vorteil« noch hindernd im Wege steht, ist neben der Gebundenheit an die vorhandenen normalen Walzwerksprofile, die sich z. T. wenig für die Schweihung eignen, das Arbeiten mit den noch auf Nietung eingestellten Fabrikationseinrichtungen in den Werkstätten. Ferner müssen alle Konstruktionen entsprechenden Aenderungen unterzogen werden. Um von den Normalprosilen wegzukommen, sind bereits geeignete Profile durch Zusammenschweißen verschiedener Flach- stähle hergestellt worden, wobei aber zu prüfen bleibt, ob die ge- wonnene Gewichtsverminderung nicht durch die Schweißkosten wieder aufgehoben wird. Deshalb wird auch in Fachkreisen die Forderung nach Schaffung neuartiger Profile zu normalen Preisen erhoben, durch die man eine wesentliche Verbilligung der Gesamt- kosten zu erzielen hofft. Die Wahl der einfachen Stumpfoerbindung ist nicht immer günstig, da hierbei im Schweißgut wie im Urmaterial fast die gleiche Beanspruchung auftritt. Nach den zur Zeit geltenden Vorschriften ist die zulässige Spannung für die Schweißnaht so niedrig, daß in den meisten Fällen die Erreichung des notwendigen Ouerfchnitts ein Ausschweißen von Laschen oder überhaupt die Verwendung stärkerer Profile erforderlich macht. Gegenüber der hierdurch ver- ursachten Verteuerung erscheint die Ueberlappungsverbindung vor- tkilhgfter, die mit einer Verlängerung der Ueberlappung auf ein- lache Weife die Vergrößerung des Nahtquerschnitts gestattet. Be- lastungsoersuche haben'zu dem Ergebnis geführt, daß die Durch- biegungen geschweißter Fachwerkträger kaum von den bei genieteten 'Krgnträgern gemessenen Werten abweichen. Um ein Bild über das Verhalten bei stark wechselnder Bean- spruchung, wie. sie durch unsachgemäße Kranbedienung heroorge- rufen wird, zu gewinnen, wurden geschweißte Fachwerkträger eines ?,ö-Tonnen-Krans mehrmals nacheinander mit 10 Tonnen Nutz- lost plötzlich belastet und wieder entlastet. Die derart erzeugten Schwingungen waren so stark, daß die eingebauien Meßgeräte aus den Schneiden sprangen, was ein Messen der Durchbiegungen un- möglich machte. Sie waren jedoch nicht so stark, um das Reißen auch nur einer Schweißnaht zu bewirten. Für die Maßhaltigkeit ist es wichtig, in der Wertstattzeichnung sämtlich« Schweißstellen nach Art, Lag«, Läng« und Dicke eindeutig anzugeben und beim Anreißen mit aufzuzeichnen. Sodann findet durch den Schweiher eine Kontrolle mittels Lehre nach erfolgter Schweißung statt. Die fertig geschweißte Eisenkonstruttion wird vor dem Anstrich einer sorgfältigen Prüfung auf Güte und Abmessungen unterzogen, die sich ohne Zerstörung der Nähte allerdings nur auf die Beurteilung der äußeren Beschaffenheit beschränken kann. E. H. Rund um die Technik In Deutschland find in den letzten Iahren durchschnittlich 000 bi? 700 Millionen Mark im Straßenbau angelegt worden. In England wurden im Jahr 1980 89889 Patente gegen 89 898 im Vorjahr erteilt. Das P a r i s e r R o h r p o st n« tz soll mit einem Aufwand von 110 Millionen Franken in fünf Jahren nach Berliner Vorbild um- gebaut werden. Durch dos vor zwei Jahren eröffnete Berliner Fernamt, das größte Europas, werden täglich 08000 Ferngespräche vermittelt. Hinzu kommen noch 30 000 Schnellverkehrsgespräche, die über ein besonderes Schnellverkehrsamt gehen. (Aus der Zeitschrift o» BDT.) Arbeitersport— Sonnenwendfeiern Trotz der ungeheuren Wirtschaftsnot liehen es sich Taufende von Naturfreunden am Sonnabend nicht nehmen, zur Sonnenwend- sei er ihres Vereins zum Uedersee zu fahren. Allein 500 kamzn au» den Reihen der Arbeiterjugend und der Arbeitersportler von Eberswalde und Finow. Stettiner, Prenzlauer und Schneidemühler Naturfreunde waren gleichfalls vertreten. Dazu kam die einheimische Pevölkerung aus Finowfurt und Umgegend. Es war ein imposantes Fest, das diese Massen auf dem Naturfreundegelände vereinigte. Auch die Organisation des Ferienheims zur Unterbringung und Beköstigung bewährte sich gut. Die rechte Stimmung brachte bereits das Konzert der Arbeiter- Musiker unter Leitung ihres Dirigenten Puppe, sowie der Fackel- reigen der Faltbootfahrer auf dem See. Inzwischen strömten Scharen um Scharen herzu, Zelt reihte sich an Zelt, eine wahre Stadt entstand. Musik und der„Junge Chor" unterstrichen mit Kampsliedern wirkungsvoll die Aufführungen. Mit dem Abbrennen des cholzstoßes fand die Sonnenwendfeier ihren Abschluß. Trotz der unsicheren Witterung herrschte am Sonntag in und auf dem Wasser»nd auf dem ganzen Gelände ein lebhaftes Natur- freundetreiben. Bei Wanderungen, beim Spiel mit Faust-, Hand- und Medizinball, im Lagerieben und beim Musizieren bot sich ein buntbewegtes Bild, das Gewähr für eine lebendige Zukunft-eni- Wicklung' der Jugend bietet. 5oiu»eiwei»de am Pätzer See Draußen. 12 Kilometer hinter Königswusterhausen, bei Groß- besten, liegt das Sonncngelände des Freikörperkulturbe- zirks der Freien Turner schast Groß-Berlin. Ein WX) Meter langes und 200 Meter breites, urwüchsiges Stück Wald- geländc am herrlichen Pätzer Hinter See gibt den Arbeitersportlern Gelegenheit, sich»ach Herzenslust, ungezwungen zu tummeln, zu baden und zu sporteln. Die FTGB hatte am Sonnabend zur Sonnenwendfeier auf ihreni„Sonnenland" aufgerufen. Neben den ständigen„Anwohnern" zog eine stattliche Zahl junger und älterer Vereinsmitglieder und Sportler hinaus. Um 23 Uhr trafen die letzten Gäste ein, gleich darauf ging es mit Gesang in einem langen Fackelzug zum Fest- platz. Düster stand der von den Festteilnehmern umringte Holz- stoß im Scheine der Fackeln. Eine kurze, eindrucksvolle Feier, gc- meinsamer Gesang schallt durch die Nacht—> dann lodern die Flammen hell empor. Ein Funkenregen der Nadeln trockener Fichten wird in Richtung des Sees abgetrieben. Der Vorsitzende der FTGB., Kosel, spricht im Scheine des Feuers feste Worte zur Sonnenwende: Wir müssen schüren das Feuer, wir wollen freie Menschen sein! Freie Bahn dem Proletariat, freie, ungehinderte Entwicklung, freie Entfaltung für unser Wollen und Streben! Frohe, gesunde, lebensfreudige Menschen wollen wir sein! Frei Heil! schallt es in die Nacht hinein. Nach Rezitationen der Iugendgruppen rückt man näher an das wärmende Feuer des langsam verglimmenden Holzstoßes heran. In fröhlichen Tänzen umkreist die Jugend die Flammen, um zu- letzt in kühnen Sätzen über die Reste hinwegzusetzen. Mit „Brüder zur Sonne" schließt die wirkungsvolle Kundgebung in der freien Natur. Nach einigen Stunden Nachtruhe brach ein neuer Sonnentag an._ Johannis-Feuer in Tempelhof Diesmals gab's nun keinen Raketenwagen, keine Schleppslug- zeuge, keine Fallschirmabsprünge zu sehen, und trotzdem wies der Flughasen schon am Nachmittag eine beträchtliche Anzahl von Be- suchern auf, die die Kunstflugoorführungen des Piloten R e i ch e l t, der sich allmählich zu einer„Kanone" entwickelt, bewunderten und die außerordentlich zahlreichen Rundflugstarts der„Sturmvogel"- und Hansapassagiermaschinen beobachteten. Auch zu den Nachtrund- flügen, die die Lusthansa mit einer dreimotorigcn Junkers veranstaltete, war der Andrang sehr groß. Um 19 Uhr, kurz nach dem Eintreffen der Leningrader Maschine, wurden sämtliche Lichter ge- löscht, und fauchend und zischend stiegen die ersten Raketen in die Luft. Es war ein ganz prachtvolles Höhenfeuerwerk, das da abge- brannt wurde, wohl zwanzig Minuten lang war die Luft angefüllt mit dem ohrenbetäubenden Lärm der explodierenden Feuerwerks- körper, entfalteten sich die wunderbarsten und farbenprächtigsten Feuergarben am nächtlichen Himmel. Zum Schluß flammte das Johannisfeuer auf, und der gesamte Flughafen erstrahlte in Rot der bengalischen Flamme». Arbeiterschwimmer auf Reisen Wasserball: Charlottcnburg-Hannover 6:2 Die Freien Schwimmer Charlottenburg weilten gestern in Braunschweig beim Schwimmklub Delphin und schlugen beim dortigen Wasserballturnier im 5iauptspiel die Freien Schwim- mer Hannooer-Linden in eleganter Manier. Hannover, der End- spielgegner bei der Bundesmeisterschast im letzten Herbsh gab den Charlottenburgern damals viel zu schaffen: in Göttingen gelang der Sieg recht knapp mit 2:9 für die Charlottenburger. Das Wieder- zusammentreffen gab nun den Gegnern die Gewißheit, daß der Meisterschaftssieg Charlottenburgs kein zufälliger war. Das gestrige Spiel zeigte eine wesentliche Formverbesserung der Berliner, was auf das intensive Wintertraining zurückzuführen ist. Sie glauben, daß sie bei der Olympiade in Wien einen guten Gegner für die österreichische Ländermannschaft abgeben werden. Nach einem lS99-Meter-Schwimmen quer durch Braunschweig am Sonnabend fanden ain Sonntag den ganzen Tag über Wasser- ballspiel« in allen Altersklassen statt, die den größten Anklang bei der Braunschweiger Bevölkerung fanden. Hannover trat mit voller Mannschaft an, Charlottenburg muhte für den verhinderten Tor- Wächter Ersatz einstellen. Hannover hatte die bessere Hälfte gelost und so standen die erste» Minuten für Charlottenburg recht un- günstig: galt es doch, g-gen einen leichten Strom zu schwimmen und gegen die Sonne zu spielen. Trotzdem gab es ein schnelles und kampfreiches Spiel von Anfang bis zum Schluß. In der 24. Sekunde brachte eine Kombination zwischen linkem und Mittel- stürmer Charlottenburg den ersten Erfolg. Hannover war dann im Vorteil, konnte jedoch nichts erreichen, da die Stürmer zu unent- schlössen waren. Nach und nach fanden sie sich und in der 3. Minute siel der verdiente Ausgleich. Die Stürmerreihen wurden aus beiden Seiten gut abgedeckt, das Spiel war zeitweise sehr körperlich, so daß der Schiedsrichter tüchtig durchgreifen muhte. Kurz vor Schluß der ersten Halbzeit gelang den Charlottenburgern noch der Fiih-- rungstreffer. Nach Halbzeit fand sich Charlottenburg in der besseren Spielhälste gut zusammen und erzielte zwei Tore in kurzer Folge. Beim Stand von 4: l raffte sich Hannover wieder zusammen, so daß ein zweites Tor der linke Stürmer unhaltbar für Hannooer einsenden konnte. Damit war dann aber auch der Torsegen für Hannooer erschöpft und nun kam Charlottenburgs schwimmerische Ueberlegenheit sehr stark zur Geltung. Nach schöner Kombinotion schoß der linke Stürmer das fünfte Tor, dem kurz vor Schluß noch ein sechster Treffer folgte. Ausschlaggebend für den Sieg war das zusammenhanglose Spiel der hannoverschen Stürmer, die mehr verteidigten als stürmten. In den anderen Spielen siegte der Regattaklub Halle mit 7:3 über Freie Schwimmer Hannover I: eine weitere hannoverische Mannschaft spielte gegen Delphin-Braunschweig 2: 2. Charlotten- bürg wurde in einer 4X199-Meter-Kraulstaffel zweiter hinker Hannover-Linden. Delphin-Braunschweig gewann die Frauenbrust- staffel, 4x79 Meter, vor Hannover. Berlin XII in Senftenberg Alle Vereine der näheren Umgebung Senstenbergs waren bei einem großangelegten Schwimmfest zur Stelle, fo u. a. auch eine Vertretung aus Dresden: sie lieferten sich durchweg interessante Kämpfe. Nach einem imposanten Festzug durch die Stadt begannen vor einer großen Zuschauermenge die Wettkämpfe, die eine schöne Eröffnung in einem Ausschwimmen der sehr starken Kinderabteilung des Vereins hatten. In der folgenden Kraulstaffel für Männer über 6X59 Meter belegte Berlin XII hinter Dresden, die 3:26,8 Min. benötigten, mit 3:33,4 einen guten zweiten Platz. Eine 4Xö9-Meter-Lagenstaffel für die männliche Jugend sah über- raschenderweise Senftenberg in Front, die um Handschlag gegen Berlin in 2:59,7 Min. siegreich blieben. Einen Vereinsmehrkampf, bestehend aus 59-Meter-Balldribbeln. Streckentauchen und 59-Meter- Rückenschwimmen ohne Armtempo beendete Berlin mit Groß- Röschen im toten Rennen mit 81 Punkten. Den schönsten Erfolg errangen die Berliner in der 4Xl99-MeterBruststaffel für Männer. Während Berlin beim zweiten Wechsel mit 8 Meter Rückstand an letzter Stelle lag, gelang es den Schlußschwimmern nicht nur aufzu- schließen, sondern noch einen derartigen Vorsprung herauszuholen, daß mit etwa 19 Meter Vorsprung in 6:29,8 angeschlagen wurde. Zweiter wurde Spremberg in 6:39. Das Hauptwasserballspiel sah Berlin und Dresden im Kampf und wurde von Berlin dank besseren Zusammenspiels und leichter taktischer Ueberlegenheit in der zweiten Spielhälfte mit 7:4(3:3) gewonnen. Eiche's Ehrentag 35 Jahre»Eiche"- Copcnick und das Sportfest Endlich war es einmal dem Turn- und Sportverein Ciche-Köpcnick geglückt, ohne den bei ihm schon traditionell gewordenen Regen sein Jubiläumssportfest unter Dach und Fach zu bringen. Auf dem herrlich am Wasser gelegenen„Eicheplatz" läßt sich ein Sportfest jederzeit mit einer gemütlichen Badepartie ver- binden, dazu kommt, daß der Platz auch von Wassersportlern mit dem Boot zu erreichen ist. Nach den Vorkämpfen fand als Auftakt unter Begleitung eines sehr starken Blasorchesters ein S t i l l a u f aller Teilnehmer statt. Darauf begrüßte der überaus rührige Vereinsfunktionär Hoff- mann die Erschienenen. Bei den Einzelkämpfen gab es einige recht gute Leistungen. So liefen im 499-Meter-Lauf drei ASC.er unter 64 Sekunden. Sieger war Braun. Die 199-Meter-Läufer hatten günstigen Wind. Traxel-Ostring und Kähne-ASV.-Neukölln erzielten 11,6 bzw. 11,6 Set. Die Sportlerin Dump« brachte es auf 11,9, und der Jugendlouf sah die Ostringer Schillbach und Lehmann in guten Zeiten in Front. Zu erwähnen sind ferner die Speerwürfe über 46 Meter von Dahn-ASC. und Lehmann-Ostring sowie der Hochsprung von Dahn mit 1,58 Meter. In den 3999 Metern lief Kintscher-Ostring sin überlegenes Rennen, während der 1999-Meter- Jugendlauf eine sichere Sache für Bolze-ASV.-Neukölln war. Schöne Kämpfe brachten auch die Stafetten. Ostring war in de? /�-Klasse im Borteil, da ASC. nicht die vollen Mannschaften zur Stelle hatte. In der 4X199-Metter-Stafette zwang jedoch Köpenick den Sieger zur Herausgab« seines Könnens. Die gast- gebenden Köpenicker zeigten überhaupt sehr gute Durchschnitts- lcistungcn. Fast in allen Konkurrenzen find sie unter den ersten drei zu finden. Die Frauenftafetten und die Schwedenftafette der I!-Klasse buchten sie ganz für sich: die erftere vor ASC., die zweite von AEB.-Neukölln. Den Abschluß des Festes bildete«in Fußballspiel Lichtenberg I gegen Eiche. Die Festgeber waren auch hier die Glücklicheren: sie gewannen nach fairem Spiel mit 3: 1(2: 1). •ARBEJTER. TUSSEALL »A gegen B" 2; 1• Wenn zwei Auswahlmannschaften gegeneinander spielen, so nimmt man doch zumindest an, daß jeder sein bestes hergibt, um seiner Mannschaft zum Sieg zu verhelfen. Diese Annahme er- wies sich am Sonnabend als irrig. Mehrere Spieler waren derartig nachlässig, daß man glaubte, Leute der unteren Mannschaften vor sich zu haben. So sind auch die zeitweise sehr schlechten Leistungen der sonst immer guten Städtespieler zu verstehen. Das erzielt« Re- sultat von 2:1 Toren für die.�.-Mannschaft gibt kein klares Bild. Hoffentlich zeigen die für den kommenden Sonnabend auserwählte» Spieler, die gegen Lichtenberg und Weißens« kombiniert spielsn, mehr Zusammenhalt. Weitere Resultate: Wilmersdorf und Britz 88 trennten sich Unentschieden 2: 2, nachdem die Britzer bereits mit 2:1 in Führung lagen. Eine hohe Niederlage bereiteten die Pankower den Nowawesern. Mit nicht weniger als 13: 3 Toren mußten die Nowa- wcser die Heimreise antreten. Di« beiden Neulinge in der Bewegung. Blankenburg und ASN.-Südost lieferten sich einen harten Kampf, aus dem die Blankenburger mit 6: 3 als Sieger hervorgingen.— ASV.-Südost 2 gegen Blankenburg 2 3:2. Zur 35-Iahrsei«r hotten sich die Köpenicker ihren alten Rivalen Lichtenberg I verpflichtet. Nur knapp mit 3: 2 blieben die Iubilare Sieger. Norwegische Arbeiter-Fußballspieler kommen. Der Arbeiter- Turn- und Sportbund hat den Osloer Fußballmeister des narwegi- schen Arbeitersportbundes, Sportverein„Iordal" für mehrer« Spiele verpflichtet. Die Norweger werden am 28. Juni gegen ein« Kieler Auswahlmannschaft spielen, am 1. IuN in Altana gegen eine Au,« wahlmannschaft des Bahrenfelder SV. und„Komet" Blankenese, am 4. Juli im Freitol i. Sa. und am 5. Juli gegen die Bezirks- Mannschaft Forst/Lausitz. Dänische Arbeiter-Fußballspieler in Schlesien.„Fero" Kopen- Hagen gab auf seiner Gastspielreise einen achtbaren Gegner ab und gewann gegen Vorwärts Haynau 9: 9, gegen Eintracht-Bunzlau 5: 3, gegen Falke-Goldberg 2: 1, gegen Freya-Iauer 3:0 und verlor gegen Sportfreunde-Liegnitz 1: 3. Kleiner Sport von überall Neue Bundeshöchstleistung bei den Arbeitersportlern. Bei den Olympiaausscheidungen der thüringischen und sächsischen Leicht- athleten in Altenburg warf D r a ch e-Heidenau den Speer 5 6,55 Meter und bei den Sportlerinnen K r ü g e r-Dresden-Cotta 3 4, 9 9 Meter. Fußballspiel Deutschland— Norwegen 2:2. Ebenso wie am vergangenen Mittwoch das Fußballänderspiel gegen Schweden, so endete auch das Länderspiel gegen Norwegen, das vor über 29 999 Zuschauern im Stadion von bürgerlichen Mannschaften gespielt wurde, unentschieden 2: 2, nachdem mit 1:1 die Seiten gewechselt worden waren. hertha-D SC. auch Berliner Nleister. Im noch ausstehenden Verbandsspiel mit dem Polizeisportverein Stettin sicherte sich Hertha- BSC. nach dem Erfolge in der deutschen Meisterschaft nun auch den Titel eines Berliner Meisters. 8999 Zuschauer hatten sich zu dem Spiel in Stettin eingefunden, daß die Berliner mit 4:1(9:1) zu ihren Gunsten entschieden. Rekordleistung im Rlannschastsfahren des DDR. Die am Sonntag ausgetragene 199-Kilometer-Meisterschaft im Mannschaftsfohren des Gaues Berlin im Bund Deutscher Radfahrer wurde zu einer Rekordfahrt. Beteiligt waren 35 Mannschaften mit über 299 Fahrern, die auf der Strecke Nauen— Kyritz— Nauen sich erbitterte Kämpfe lieferten. Am Wendepunkt hatten die„Arminen" 49 Sek. Zeitvorsprung und dehnten diesen bis zum Ziel bis auf zwei Minuten aus. Die Mannschaft legte ein derartiges Tempo vor, daß mit der ausgezeichneten Zeit von 2:31:41 ein neuer deutscher Rekord herauskam. ver Benzimkandal Benzinzolle und Betriebsstoffpreise Durch die letzte Notverordnung wurde der Zollsatz für aus- ländische Betriebsstoff« von 19 M. auf 17 M. erhöht, was ein Hinaufschnellen des Preises um etwa 7 Pf. je Liter, das heißt also um 22 Proz., zur Folge hatte. Die inländischen Betriebsstoff- gesellschaften haben sofort die gleiche Preiserhöhung vorgenommen, obwohl dies durch nichts gerechtfertigt ist. Dieses Vorgehen in Verbindung mit der Tatsache, daß di« Preise auch schon für solche ausländischen Betriebsstoffmengen, welch« sich bereits diesseits der Grenze befanden, erhöht wunden, hat leb- hafte Erbitterung bei den Verbrauchern hervorgerufen. Der All- gemeine Deutsche Automobil-Club«. V. als größter Derbrauchei- verband hat nunmehr, da das Gesetz keine Handhobe gegen die geschilderten Maßnahmen bietet, an den Reichswirtschastsminister nachstehendes Telegramm gerichtet: „Die deutschen Betriebsstoffgesellschaften haben die Erhöhung der Mineralölzölle benutzt, um ihre Presse ohne jeden Grund in einem der Zollerhöhung entsprechenden Umfange zu erhöhen. Zeitungsnachrichten zufolge soll diese Erhöhung, welche bereits den enormen Bettag von 6,5 Pf. für den Liter ausmacht, nun auch noch auf 7 Pf. abgerundet werden. Als größter deutscher Der- braucherverband fordern wir schärfste Maßnahmen gegen eine derartige ungerechtfertigt« Bereicherung auf Kosten der Per- braucherschast."_ Werfiüwrtf Für Wienfahrer! Die Fahrgelder für die Hinfahrt am 18. und 21. Juli sowie für die Rückfahrt am 27. Juli sind unverzüglich an die Stelle einzusenden, an die die Anmeldung erfolgte, ebenso der Festbeitrag. Einzelfahrende können sich an den Sonderzugsousschuß Berlin wenden und die Anmeldung dort vollziehen. Rückfohrtmög- lichkeiten bestehen noch am 1. August von Wien, Salzburg, Inns- brück, Kufstein und am 8. August von Kufstein oder München. An- fragen richte man an den Sonderzugsausschuß Berlin, Johannis- sttohe 15. Naturfreundegeschäftsstelle: Telephon Norden Ol, 4177. Deutscher Arbeifer-Keglerbund UtbungMbcnb« ixr Bereinc im Bezirk Berlin unö Anschriften: SN.Y.„ST"i 1935". Bors.: Kurt Roaaschewfli, Berlin. Pankow, Bleiche- rotier Str. Sic. Jeden Donnerstag von 20 bis 33 Uhr bei Paul BSHm. Mar- strahc I«. SKK.„Nnartc". Bors.: Ott» Holzhütter, Berlin, Stolpisch» Str. fö. Jeden Freitag oon lj bis 18 Uhr in der.Lichtburg", Bahnhof Gesunt-brunnen. SKK.„Frei Holz", Spandau. Bors.: Karl Schilling, Spandau, Feppeli». strahe 20«. Zedcn Sonnabend oon 20 bis 23 Uhr bei Loebel, Spandau. Sarlolust. S«N.„Kampfhähne". Bors.: Richard Hölzer, Berlin�Ruhlebcn, Broendecr. »eg 15. Jeden Dienstag von 20 bis 23 Uhr bei Thom, Sharlottenburg, Spree- strah« 11. SKN.„Riihrigc Mannschaft". Bors.: Georg Hildebrandt. Berlin�lhar. lottenburg, Wilmcrsdorfcr Str. 143— 144. Joden zweiten Bonnerstag oo>t. 1644 bis 19% Uhr Berliner Negelsporthalle. Alcrondrinenftr. 107. Neglerrieg«„Freie Schwimmer", Spandau, 1929, Bars.: Brun» tbuhlmen. Soandau, Wröhinännerstr. 9. Jeden Freitag oon 20 bis 23 Uhr bei Laebrl, Epanban-Narlslust, ASKN..Vorwärts". Vors.: Mar Labwig, Berlin. Melchiorstr. 12. Jeden Freitag oon AI bis 23 Uhr in der Berliner Aegelsporthall«, Alerandrine». straße 107. SKlt.„Hohe Kante", Eichwald«. Bors.: Julius Hempel, Eichwolde, Wald- strafe 24-27. ÄSÄSl.„Frei weg 1929", Branbenburq«. d. Havel. Bors.: Arthur Koppe. Brandenburg a. b. Havel, St. Annenstr. 19- 20. Säfte bei ollen Beroiven jederzeit willtommen. Auskunft erteilen die Bcrringvorfigenden. Äau- geschäftsftelle: Siegfried Focllncr, Berlin.Pankow, Schanensche Str. 23. Tel:. phon: v. O., Pestalozzi 5728._ Freie Sport- und Mnstlvercinigung Berlin. Sonntog. 28. Juni, müssen alle Mitglieder mit ihren Fanrilienang�hörigen Punkt 14 Uhr im Drunewald. Stadion sein. Die Spirlleute lBundrsflettmngl und die Bleileradteilung in der vorgrschriebenrn»lcidung treten um 14>� Uhr an der Podbielsi�iche zum Einmarsch an. Die Arbeitslosen des Vereins erhalten ihre Eintrittskarben in der Uebungsstvndr Freitag.?>!, Juni, Spielleute mit Instrument« im„Sport- Haus". Dirckscnstr. l, an der Zannowihbritike. Blaser in der �ilhlisch-stlause", Miihlischstr. 36 Uebung-Heginn 20 Uhr. Am 4. und 5. Juli beteiligen«ch beide Abteilungen gn der 70-Jahr-Feicr des Männrr-Turnverews in Bernau. Abfahrt Sonnabend, 4. Juli, 18.35 Uhr vom Borortbohnfteig Sesiunddrunnen. T«..Die Ziatur freunde",«dt. Friedrichshain. Dienstag, 28. Juni, 19 Uhr, Baden brnd in stlingenbrrg. b »artrllbezirl«edbing. Bas Abendsportfest des«artells am BonnersNag. 25. Juni, 18 Uhr, im Stabion Rehberge, uru« von allen Vereine» besucht werden. Antreten aller Teilnehmer I»'4 Uhr. Es folgen: 18.40 Uhr: Dreikampt fftr Männer und Jugend: lOO.Metcr.Lauf, Hochsprung. Bngclftoh-N.(Einzel. kämpfe Männer: Speerwerfen und Stabhochsprung. Dreikampf stir Frauen >,nb Jungmädchen: lOO-Met-r-Lauf, Weitsprung und stuaelstoßen. Einzelkampf Diskuswerfen. 18.40 und 20.15 Uhr: Vorfiihrunaen der«inder. älteren F-au-n »nd Turner. 20.15 Uhr: Stafettcnläufe aller Ttilnehmor. aucherchem Handball., Fußball- und Faustballspiele. Reue Anschrift der»eschöktssteller Sari M-I eller, Berlin 3t. 66, Reiniekrndorfer Str. kl.