BERLIN Sonnabend 22. Zuni 1931 A \ l 10 Pf. JIr. 296 B14Ö 4».Zah!'gang ErscheinttSglich außer Sonntags. Zugleich Abendausgabe des„Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60M. pro Monat. Redaktion und Expedition: BerlinSW68,Lindelistr.s Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 Anzeigenpreis: Die einspaltigeNonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile 5M. Crmäßigunaen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwärts-Verlag G.m. b.H.. Berlin Nr. 37 S36.— Der Verlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Brüning bei den Bankiers „Einseitige Lohnsenkung drosselt die Konsumkraft" Auf der Tagung des Zenkralverbandes des Deut- scheu Bank- und Bankiergewerbes, die heute vormittag im ehemaligen Herrenhaus stattfand, nahmen Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsbankpräfidcnt Dr. Luther sowie zahlreiche führende Regierungsverlreler teil. Nach der Begrüßungsrede des Vorsitzenden Dr. Solmssen nahm Dr. Brüning zu eingehenden politischen Erklärungen das Wort. Der Reichskanzler führte aus: Die jetzige Regierung braucht das Vertrauen des ganzen Voltes, um die ihr gestellten schweren Auf- gaben lösen zu können. Der Bankiertag hat auf seine Tagesordnung das Thema der K a p i t a l b i l d u n g in Deutschland gesetzt, und die letzten Wochen haben deutlich die ungeheuren Gefahren gezeigt, die durch die Abhängigkeit von den internationalen Kapital- Märkten und die überraschenden Abzüge ausländischen Kapitals für Deutschland entstehen können. Das Eingreifen des amerikanischen Präsidenten hoover war eine wellgeschichlliihe Tat. Alle Kulturstaaten der Welt, die unter der Wirtschaftskrise leiden, erwarten von der Aktion Hoooers den Anstoß zu einer Besserung in der Weltwirtschaft. Der Vorstoß Hoooers weist den Weg zu einer weltwirtschaftlichen Solidarität. Für Deutschland bedeutet die Aktion des amerikanischen Präsidenten eine V e r- traue nskundgebung, daß Deutschland von den Ersparnissen, die ihm durch die einjährige Zahlungseinstellung zugebilligt werden, den richtigen Gebrauch machen wird. Das Vertrauen des Auslandes ist aber auch für Deutschland eine unbedingte Notwendig- kcit. Die zu erwartenden Erleichterungen sollen in Deutschland zu einer inneren Erstarrung der Gcsamtwirtschaft benutzt werden, jedoch geht allen anderen Aufgaben eine gesunde Finanzwirt- s ch a f t der öffentlichen Körperschaften voraus. Die Regierung weiß, daß die Notverordnung große 5) arten enthält, sie ist sich aber auch bewußt, daß eine gesunde Sozial- politik nur auf der Basis stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse möglich ist. Daß der deutschen Volkswirtschaft diese gesunde Basis fehlt, haben die finanziellen Wirren, die in den letzten Wochen durch die überraschenden Abzüge ausländischen Kapitals in Deutschland entstanden sind, nur zu deutlich bewiesen. In den vergangenen Jahren der Scheinkonjunktur, deren Schwächen vielfach nicht richtig erkannt wurden, sind schwere Fehler gemacht worden. Man muß aber aussprechen, daß nicht etwa allein von der öffentlichen Verwaltung in Deutschland Fehler be- gangen wurden, sondern auch von dem privaten Unter- nehmertum. Die deutschen Unternehmer sollen sich nicht nur daraus beschränken, an der öffentlichen Finanzverwaltung und der öffentlichen Wirtschast Kritik zu üben, denn mit dieser Einseitigkeit allein kommt man den Dingen nicht naher. Die deutsche Privatwirtschaft muß sich viel- mehr ein Beispiel an den Vereinigten Staaten von Amerika nehmen, wo eine schonungslose Kritik bemüht ist, den von der Privatwirtschaft gemachten Fehlern auf den Grund zu kommen und künftige Fehler zu vermeiden. Die Regierung hat sich nicht gescheut, den Finger in die Wunde zu legen und sie erwartet daher auch von der Privatwirtschaft die Initiative Fehler der Vergangenheit zuzugestehen und aus ihnen zu lernen. Es muß klar und deutlich ausgesprochen werden, daß eine Hebung der Produklivilät der Wirtschaft nur durch Lohnsenkungen keine Rettung bringen kann.(Sehr richtig!) Diese einseitige Lohnsenkung muß die Konsumkraft der Bevölkerung derart drosseln, daß eine weitere Schwächung der Wirtschaft eintritt. Eine verantwortungsbewußte Kreditpolitik der Banken muß es fein, dafür Sorge zu tragen, daß die kurzfristige Verschul- d u n g ihrer Kreditnehmer nicht über den Stand hinaus wächst, der nicht mehr durch die eigene Wirtschaft alimentiert werden kann. Wo sich darüber hinaus weitere notwendige Kredit- bcdürsnisse ergeben, müssen diese durch langfristige ausländische Kredite befriedigt werden. Auch müssen die Banken nach den Er- fahrungen der letzten Jahre scharf darauf achten, daß die K a p i t a l- i i, v e st i t i o n e n in der Industrie nicht zu stark forciert werden und auch in diesen Fällen muh dem entgegengearbeitet werden, daß sich die Industrie mit kurzfristigen Krediten übernimmt. Auch bei diesen Fragen der Kreditpolitik müssen die letzten I n f l a t i on s b a z i l l e n, die noch in Deutschland grassieren, ver- schwinden. Der Reichskanzler schloß seine Ausführungen mit dem (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Beschluß der französischen Kammer Absolute Wahrung der Rechte und Interessen Frankreichs Paris, 27. Juni.(Eigenbericht.) Tie Jnterpellationsdebatte über den Vorschlag «poovers endete um M7 Uhr morgens mit dem Ziege der Regierung. Tie Kammer nahm, nachdem der Minister- Präsident die Vertrauensfrage gestellt hatte, mit 38« gegen 183 Stimmen die von dem Linksrepnblikaner Fougere eingebrachte Tagesordnung an. Sie hat folgen- den Wortlaut: „Die Kammer tritt entschlossen für das Friedenswerk ein, dem Frankreich stets gedient hat, indem es die Zusammenarbeit der Völker, oft zum Rachteil seiner eigenen Interessen, begünstigt hat. Sie ist entschlossen, die im Haag von den Signatarmächten des B o u n g» Planes feierlich eingegangenen vertraglichen Ver- pflichtungen aufrechtzuerhalten. Sie billigt die Erklärungen der Regierung, vertraut auf sie, das» sie die Politik der internationalen gegenseitigen Unterstützung mit der absoluten Wahrung der Rechte und Interessen Frankreichs in Einklang bringt und geht unter Ablehnung jedes Zusatzantrages zur Tages- ordnung über." Poris, 27. Juni.(Eigenbericht.) In Laufe der Nachtsitzung der Kammer führte der Vorsitzende der sozialistischen Fraktion Leon Blum aus, die Sozialisten hätten irMcer den Standpunkt vertreten, daß Deutschland nur für Zahlun- gen für die Wiedergutmachung der angerichteten Schäden gezwungen werden könnte. Wenn man Deutschland nicht mit den Kriegslasten erdrückt hätte, würde man sich nicht in den gegenwärtigen Schwierigkeiten befinden. Jetzt zahle Deutschland nicht einmal das, was es für die Repara- tionen zahlen müßte. Die Verpflichtung Deutschlands, die u n- geschützte Annuität zu zahlen, die für die Reparationen bestimmt sei, könne prinzipiell nicht be st ritten werden, weil Deutschland der Urheber der angerichteten Schäden sei. An- gesichts der Tatsachen komme den bedingungslos zu leistenden Zahlungen eine weniger absolute Bedeutung zu, als man es be- haupten wolle. Läon Blum erinnerte die Kammer dann an den lg. Juni, den schwarzen Tag der Reichsbank, und fügte hinzu, unter derartigen Umständen stelle das verlangen noch einer Zahlung der ungeschützten Annuität eine finanzielle Ruhrbesetzung dar. Man könne von Deutschland keine weiteren Zahlungen fordern, bevor nicht das Vertrauen zu der Stabilität der deutschen Finanzen und der deutschen Wirtschaft wiederhergestellt sei. Dieses Vertrauen bringe der Vorschlag Hoovers, der ein Hoffnungsstrahl für die ganze Welt sei. Frankreich müsse sich dieses Hoffnungsstrahls bemächtigen und sich an die Spitze der Hilfsaktion zugunsten Deutschlands stellen. Die Reichskasse befinde sich in großen Schwierigkeiten, außerdem gebe es in Deutschland i'A Millionen Arbeitslose. Frankreich müsse Deutschland soweit zu Hilfe kommen, daß die Arbeitslosigkeit aufhöre und die Absatzkrise beseitigt werde. Frankreich müsse es sich zur Ehre machen, einen derartigen Hilfsplan auszuarbeiten. Aber die Politik der Zusammenarbeit sehe den wahren Frieden voraus, der in einem bewaffneten Europa nicht möglich fei. Deshalb müsse zunächst abgerüstet werden. „Die Welt— so schloß ßeon Blum unter großem Beifall der Linken — wünscht den Frieden in ruhiger Freiheit und Sicherheit." Ministerpräsident L a v a l gab schließlich eine kurze Erklärung ab, in der er die Umstände auseinandersetzte, die die Regierung dazu veranlaßt haben, den französischen Vorschlag mit einem Gegen- Vorschlag zu beantworten. Er bat die Kammer, der Regierung durch ein Vertrauensvotum die notwendige Autorität für die weiteren Verhandlungen mit Amerika zu geben, indem sie die von dem Abg. Fougere«ingebrachte Tagesordnung billige. Die Regierung stelle für die Annahme die Vertrauensfrage. Lö o n Blum erklärte darauf, daß die Sozialisten für die Regierung stimmest würden. Aus dem Abstimmungsergebnis ist zu ersehen, daß dig Regierung durch die Sozialisten gerettet wurde. Laval antwortet Brüning. Ministerpräsident Laval führte aus, am 17. Juni sei die Regies rung benachrichtigt worden, daß Deutschland ein Moratorium bean- tragen werde. Zwei Tage später sei der Vorschlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingetroffen. Die Regierung hätte eine energische Note gemäß dem Reflex eines Volkes, das so viel gelitten habe und das sein Recht nicht verkannt wissen wolle, aufsetzen können, er sei aber nicht sicher, daß man damit gut getan hätte. Hätte man etwa kurzer Hand den Vorschlag hoovers ebenso annehmen sollen, wie die anderen Großmächte es bereits getan haben? Die Kammer würde das nicht zugelassen haben. Die Regierung habe deshalb die von ihr gewählte Methode vorge« zogen. Das Parlament könne ihm, dem Ministerpräsidenten, nicht abstreiten, daß er Ruhe und Kaltblütigkeit beweise. Präsident Hoover habe eine vorbehaltlose Zustimmung gefordert, die französische Regierung jedoch einmütig eine Antwort mit Vorbehalten abgefaßt. Jetzt handele es sich darum, ob man gut oder schlecht gehandelt habe. Er meine, daß das Parlament die Regierung morgen mißbilligen würde, wenn die Verhandlungen abgebrochen würden und wenn man nicht die Gelegenheit benutzen würde, mit Staatssekretär Mellon und dem Botschafter der Ver- einigten Staaten Fühlung zu nehmen. wenn Deutschland nicht mehr durch den amerikanischen Vorschlag geschützt werde,»verde es mit einem Moratorium an Frankreich herantreten. Der Finanzminister habe aber auseinandergesetzt, daß der abgeänderte amerikanische Vorschlag für Frankreichs Finanzen weniger schädlich sei als das Moratorium. Eine andere Hypothese wolle er nicht ins Auge fassen. Das Problem sei so Heitel, daß er nicht zögere, zu erklären, wenndieKammey die Regierung stürze, würde die kommende Regie. rung, falls sie die Interessen Frankreichs nicht verraten wolle, mit Amerika auch nicht brechen können. Vor zwei Tagen habe nun in einer Rundfunkrede der d e u t f ch s Reichskanzler einen Appell an Frankreich zur Zusammen. arbeit gerichtet. Er antworte auf diesen Appell. Briand habe Herrn v. Hoesch gesehen und ihm gesagt, daß die französische Regie- rung Dr. Brüning sowie Dr. Curtius bitten würde, so schnell wie möglich nach Paris zu kommen. Er wisse auch, wie er mit Brüning zu sprechen haben werde. Die heiligen Rechte Frankreichs würden verleidigt werden. Als Frankreich sich 1326 in einer noch viel kritischeren Lage befunden habe als Deutschland heute, habe man nicht an auswärtige Hilfe appelliert Frankreich habe sich die notwendigen Opfer auferlegt. Deutschland wende sich nun an Frankreich. Frankreich habe gegen- über Deutschland eine Politik der Zusammenarbeit betrieben. Er meine nicht, daß der Augenblick gekommen sei, auf diese Politik zu verzichten. Deutschland erlebe schwierige Tage. Es werde in Frank- reich unter gewissen Bedingungen die notwendige Unter- stützung finden. Die Regierung werde dem Reichskanzler sagen, damit diese Politik europäischer Zusammenarbeit eine günstige Ent- Wicklung nehmen könne, müsse die gegenwärtig über Deutschland lagernde dunkle Atmosphäre verschwinden. Zwischen der Stahlhelmkundgebung und den gegenwärtigen Forderungen bestehe ein großer Widerspruch. Die Regierung werde dem Reichskanzler weiter sagen, daß Frank- reich entschlossen sei, Deutschland zu Hilfe zu kommen unter der Be- dingung. daß die zehn Milliarden, um die das deutsche Budget er- leichtert werden würde, nicht zu Rüstungen gegen Frankreich oder gegen den Frieden dienen. (Lebhafter Beifall.) Die Regierung werde Dr. Brüning ferner sagen, und das sei bereits Präsident Hoover erklärt worden, daß die Stim- mung der öffentlichen Meinung Frankreichs sowie die heutige Kammersitzung bewiesen, datz die Regierung nicht ungestraft mit der Empfindlichkeit eines Landes spielen könne. (Lebhafter Beifall,) Laval fuhr fort: Um ihre Pflichten erfüllen zu können, wird die Regierung gegenüber dem Reichskanzler keine Sprache führen, die der Würde des deutschen Volkes Abbruch tut. Sie will, daß dies« beiden großen Völker die wohltuenden Gesetze des organisierten Friedens(lebhafter Beifall) wiederfinden können, Laval richtete zum Schluß einen dringenden Appell an die Kammer, wohl zu über- legen, daß sie nicht für die Regierung, sondern für Frankreich zu sümmen habe. Es gehe um ein nationales Interesse, und die Kammer werde sagen müssen, ob Frankreich morgen die VerHand- lungen einstellen solle. Die Sozialisten iolerieren Laval. Leon Blum begründete hierauf, weshalb er und seine Freunde, obwohl sie die Regierung kritisierten, diesmal für sie stimmen würden. Eine feindselige Abstimmung würde das Scheitern der Berhandlungen nach sich ziehen, und als AnHanger des Friedens werde die sozialistische Fraktion die Regie- rungsantwort billigen, Die abgeänderte Tagesordnung Fougere und Genossen wurde hierauf mit 386 gegen 189 Stimmen angenommen, nachdem der Ministerpräsident die Vertrauensfrage gestellt hatte. Um 6,35 Uhr wurde die Sitzung aufgehoben. Breitscheid in der französischen Kammer. Paris, 26. Juni. In der Kammer wurde heut« dle Anwesenheit de? sozialdrmo» kratischen Reichstagsabgeoroneten Dr. Breitscheid, der von der Tri- büne aus der Verhandlung beiwohnt«, viet bemerkt. Dr. Breitfcheid hat sich mährend der Sigungspaus« mit einigen sozialistischen Ab- geordneten unterhalten. Chsfbesprechung in der Reichskanzlei. Deutsche Zurückhaltung gegenüber dem französischen Gegenvorschlag. Me wir erfahren, begann in der Reichskanzlei heul« vormittag, gleich nachdem der Kanzler von der Eröffnung des Bankiertages zurückgekehrt war, eine Chefbesprechung, in der die außenpolitische Situation durchgesprochen wurde. die durch die französische Antwort an Amerika gegeben ist. 3n potitischen Kreisen wahrt man weiter Zurückhaltung, um zunächst abzuwarten, wie die für heute nachmittag vorgesehenen Verhandlungen ZNellons mit der französischen Regierung verlaufen werden. Irgendwelche Acußerungen sind von selten der deutschen Regierung unter keinen Umständen zu erwarten, bevor das Ergebnis dieser Verhandlungen vorliegt. Börse sehr unsicher. Kurssteigerungen nach Brünings Bede. Nach neuen Devisenverlusten Kursrückgänge. Die heutige Berliner Börse ließ sich zunächst durch Frankreichs Widerstand gegen choooers Plan von ihrem Optimismus nicht ob- bringen. Die Frankreich entgegenkommende Feststellung Brünings, daß di« Erleichterungen aus dem Feierjahr ausschließlich der innerwirtschaftlichen Stabilisierung Deutsch- lande dienen werden, und die amerikanische Festigkeit gegenüber den französischen Wünschen beseitigten die anfänglichen Unsicher- heiten. Die erst fest einsetzende, dann aber«twa» schwächere Börse führte schließlich auf dem Aktiemnarkt zu erheblichen Kurs- st e i g e r u n g e n. Die Aktienkurse der begehrtesten Werte stiegen bis zu 6 und 7 Punkten: Siemens festigte sich von 163 auf 168)4, Salzdethfurt von 212 auf 215, RWE. von 120 auf 123. Festver- zinsliche Papiere waren allerdings«her etwa angeboten, was mög- licherweise mit der Geldbeschaffung für den Ultimo zusammenhängt. Als im weiteren Verlauf bekannt wurde, daß auf dem Devisen- markt di« Nachfrage erheblich zugenommen hat, gingen die Kursgewinne auf dem Effektenmarkt wieder vollständig verloren, und die Unsicherheit»ahm zu. Die gestrigen und vor- gestrigen Devisenabgaben, die zusammen etwa fünfzig Millionen Mark betragen haben, werden angesichts d«s Um- ftandes nicht als beunruhigend angesehen, daß zum Halbjahres- schluß sehr beträchtliche Auslandskredite fällig waren. Die Tagung der Bankiers (Fortsetzung von der I.Seite.) Hinweis, daß die Weltkrise durch wirtschaftliche Maßnahmen allein nicht behoben werden kann, und daß es darauf ankommen, alle Kräste im lnternaticknaten Zusammenwirten wirtschaftlicher und politischer Art zusammenzufassen. Nach dem Reichskanzler nahm BeichsbanfprSsident Dr. Luther das Wort. Er gab in gedrängter Form einen Ueberblick über die Entwicklungen auf dem deutschen Geld- und Devisenmarkt, wie sie sich seit Ende 1929 in einemungeheurenTempo abgespielt hätten Im einzelnen führte Dr. Luther aus: Wir erleben In diesen Monaten und Wochen sozusagen Weltgeschichte in Sieben- m e i l e n st i e s e l n. Ereignisse, die erst kurze Zeit zurückliegen, sind für uns jetzt bereits Geschichte geworden. Vom Ende 1929 bis zum Juni 1930 war es der Deutschen Reichsbank gelungen, durch die Zinsenscnkungswelle die Differenz zwischen den wichtigsten ausländischen Diskontsätzen und dem Reichsbankdiskont von 2)4 bis auf 1—114 Proz. zu verringern. So nützlich es war, die drückenden Zinslasten in Deutschland zu erleichtern, so zeigte sich doch in dieser Zinsabbauwelle bereits das Eintreten der schweren K r i s e, die sich vom Sommer bis Dezember 1930 ständig verschärfte. Sodann ging Dr. Luther nochmals auf die bekannten Vorgänge nach den Seplemberwahlen zum Reichstage ein, wo die Reichsbank infolge einer Milliarde Gold- und Devisen- oerluste gezwungen war. den R e l ch s b a n k d i s t o n t von 4 auf 5 Proz. zu erhöhen. Allen Bemühungen zum Trotz war es der Reichsbank nicht gelungen, den im Oktober von 4 auf 5 Proz. heraufgesetzten Diskontsatz im Interesse der Wirtschaft wieder abzubauen. Den Hintergrund zu den letzten Wirren auf dem deutschen Devisen- markt bildeten diesmal ursprünglich nicht Vorgänge in Deutschland, sondern die allgemeine Erkenntnis>m Auslande, daß Deutschland sein« Reparattonslasten nicht weiter würde trage können. Hinzu kam die Katastrophe bei der Oesterreichischcn Credit- Kränzen drückt sich! Weil sein Verieidiger erkrankt ist... Der mit großer Spannung erwartete F r a n z e n- Prozeß verfiel der Vertagung. Zum Stück für den schwer kompromittierten brounschwelglschen Staatsminister war sein Verteidiger. Dr. Alfons Sack, tag, zuvor an einer rettenden Grippe erkrankt und hatte abgesagt. Obwohl kein Fall einer notwendigen Verteidigung vorlag, vertagte da, Gericht dte Verhandlung. lieber die kurze Verhandlung geht uns folgender Bericht zu: Um �11 Uhr eröffnete Amtsgerichtsrat Dr. Herzseld die Verhandlung gegen den brounschweigischcn Staatsminister Dr. Franzen wegen Begünstigung. Die Anklage wird vom Ober- staatsanwoit Köhler vertreten. Di« Plätze des Angeklagten und seines Verteidigers, R.-A. Dr. Sack, sind teer. Dr. Sack hat gestern infolge einer Grippe einen Herzanfall erlitten. Seine Krankheit wird durch ein ärztliches Zeugnis bestätigt. Wegen der plötzlichen Erkrankung seines Verteidigers ist auch Staatsminister Dr. Franzen, der stch bereits gestern in Berlin aufhielt, zur Verhandlung nicht erschienen. Der Namensaufruf her Zeugen ergibt di« Anwesenheit des prcußi- schen Landtogsabgeordnelen Lohse, des falschen Lohse, des Land- wirts Guth, des Landgerichtsdirektors Rückert und außer diesem eine Reihe anderer Zeugen, die über die Glaubwürdigkeit des Majors Heinrich(!!) auf Antrag des Verteidigers, R.-A. Dr. Sack, gehört werden sollen. Durch den Verteidiger selbst bestellt sind u. a. der Landgcrichtsdirettor Scheer aus Kiel und Landgerichtsrat Fuhs. Der Vorsitzende gibt bekannt, daß die Verhandlung wegen der plötzlichen Erkrankung des R.-A. Dr. Sack auf 14 Tage ver- tagt wird. Die Zeugen werden zu Sonnabend, den 11. Juli, 10 Uhr, geladen. « Herr Franzen ist noch einmal auf 14 Tage durch einen„Glücks- fall vor der gerichtlichen Feststellung bewahrt geblieben, daß er als Minister eines deutschen GNedstaatee sich der strafrechtlichen Begünstigung eines Vergehens schuldig gemacht hat. Hinter der Krankheit seines Verteidigers hat Herr Franzen Deckung genommen. Es liegt uns fern, das ärztliche Attest anzuzweifeln, das dem R.-A. Dr. Sack feine Grippe bescheinigt. Sicher aber ist folgendes: Wenn Herr Franzen ein gutes Gewissen in der Sache hätte, so konnte er sehr wohl ohne Verteidiger antreten und, da er selber volljurist und ehemaliger preußischer Amtsrichter ist, feine Sache alleine führen. Sicher hat Herr Franzen als Richter in Hunderten von Fällen, die weit komplizierter lagen als der höchst einfache Sachverhalt seiner Begünstigung, über An- geklagte gcurteilt. denen kein Verteidiger zur Seite stand. Warum kann er, der Jurist, nun ohne Verteidiger nicht verhandeln? Freilich,— ob ihm der Derteidiger zu mehr nützen wird, als zu einem vierzehntägigen Strafaufschub?! anstatt, die ihre Ursache letztlich ober auch im Pols- tischen liegen hat. Nach dem schwarzen Freitag vom 12. Juni, an dem die Reichsbank einen seit 1924 noch nicht eingetretenen Rekordoerlust an Gold und Devisen hatte, mußte der Diskontsatz ungeachtet aller Schäden für die Wirtschaft sogleich um 2 auf? Proz. heraufgesetzt werden. Wenn nach einer Beruhigungspause in der vorigen Woche ein neuer Einbruch am Devisenmarkt statisand, so waren die inner- politischen Vorgänge nur eine Einlage des Geschehens und bei diesen Treignisien wann im Auslände Kräfte tätig, auf die Deutschland keine Einwirkung besah. Aus der Entwicklung der letzten Zeit zog Dr. Luther zwei Schluhfolgerungen: Die deutsche Reichsmark hat ihre volle Festigkeit auch in den allerschwerstcn Situationen bewiesen und die Reichsbank hat gezeigt, daß sie imstande ist, die Währung in vollem Umfange zu verteidigen. Mit dem törichten Gerede von derInslation muß end-' lich ausgeräumt werden. Es ist doch grotesk, von einer bevorstehen- den Inflation zu spreelzen, wo der Notenumlauf der deutschen Reichsbant nicht nur nicht über, sondern sogar unter dem Normal stände liegt. Eine endgültige Beruhigung in Deutsch. lgnd ist nur von der politischen Seite her möglich. Hoovers Schritt beweist die wachsende Erkenntnis in der Welt, daß eine Steigerung der deutschen Not auch di« übrigen Länder mit hineinziehen muß. Deutschland hat bewiesen, daß es durch«tgeneKraftan streu- g u n g seinen Wiederaufbau durchgeführt hat. Auf diesem Weg« äußerster Krastanstrengungen wird Deutschland weitergehen und Hoovers gührertat wird in diesem Zusammenhang nicht nur Deutsch- land, sondern der ganzen Welt helfen. Waffenschieber verhastet. Konkureiverbrechen und schwerer Betrug nachgewiesen. Der bekannt« Schiehsachverständige G. B a r e l l a ist heute vor- mittag aus Peranlassung der Staatsanwaltschaft v e r h a s t e t und in das Untersuchungsgefängnis nach Moabit gebracht worden. Gegen Barella, der viele Jahre lang in der Französischen Straße 24 eine Wassenhandlung und Gewehrfabrit besah, war, wie bereit, aussührlich mitgeteilt, Anzeige wegen Waffenschiebung und Konkursoergchen» erstattet worden. Das gegen Barella vor- liegende Belastungsmaterial hat dem Untersuchungsrichter nach ein- gehender Prüfung Veranlassung gegeben, gegen Barella Haftbefehl zu erlassen. Die Festnahme des Beschuldigten erfolgte bereits eine Stunde nach Herausgabe des Hastbefehls. Im Laufe der Unter- suchung hat sich herausgestellt, daß sich der Schießsachvcrständige nicht nur des schweren Betruges, sondern auch des Konkurs- Verbrechens schuldig gcniacht hat. Kastiage für den �Herrgott". Allunwissenheit des Theaterdirektors gerichtlich festgestellt. Das in Deutschland oft gegebene Hasencleversche Lust- spiel„Ehen werden im Himmel geschlossen" hat in O e st e r r e I ch zu einer gerichtlichen Katastrophe geführt. Nachdem das Stück zweimal im sozialistischen Arbeiterheim aufgesührt worden war, wurde es polizeilich verboten, außerdem erhob die Staatsanwaltschaft Klag« wegen Gotteslästerung, und zwar ausgerechnet— gegen die Darsteller der Hauptrollen. Dies« wurden denn auch verurteilt und zwar zu je vierzehn Tagen strengen Arrestes mit zweijähriger Be- Währungsfrist. Bei dem Darsteller des Herrgottes wurde die Strafe noch durch einen Fasttag(nicht etwa Festtag!) ver- schärft. Dagegen wurde der Theoterdirektor freigesprochen, weil er das von ihm aufgeführte Stück— nicht gekannt habe! Offenbar war das Gericht der Ansicht, daß dl« göttliche wisienheit ihr irdisches Gegenstück nur in der Allunwissenheit sonst allmächtigen Theaterdirektors finde. All- des Bellmann gegen Verfinsterung. Er ist in Ehemnih, nicht im Süden. Chemnitz, 27. Juni. Zu der Mandatsniederlegung de« voltsparteilichen Reichstagsabgeordneten Dr. Bellmann war von interessierter Seite behauptet worden, daß die heftigen Auseinander- s e tz u n g e n über Notverordnung, Reparationsfrag« und Einberufung des Reichstages„kaum den Anlaß zu dem Schritt gebildet haben könnten", zumal Dr. Billmann wegen einer schweren Erkran- kung im Süden weile. Wie das„Chemnitzer Tageblatt" hierzu meldet, hat stch Dr. B e l l m a n n, der sich b e st e r Gesundheit e r f r e u t und sich in seinem Wohnsitz Chemnitz aufhält, mit aller Eni- schiedcnheit gegen die„Verfinsterung der Tatsache" ausgesprochen, daß nichts anderes als die von ihm scharf be- kämpfte Politik der Fraktion in den großen politischen Fragen der letzten Zeit, besonders ober die Notverordnung und der Beschluß auf Reichstagseinberufung ihn dazu veranläßt hätten, sein Mandat niederzulegen. Vom Schornstein erschlagen. Furchtbarer Tod eines Eisenbahnschlossers. Im Ausbesserungswerk Tempelhos der Reichsbahn eretg. nete sich heute ein schwerer Unfall, bei dem der 59jährige Schlosser Franz Spring gelötet wurde. Bei der Abnahme eines Lokomotipschornsteins vom Dampskessel rutschte das etwa vier Zentner schwere gußeiserne Rohr aus den Lzalteketten und stürzte auf den ocirunter arbeitenden Schlosser. Dem Unglücklichen wurde die Wirbelsäule ge» brachen, so daß der Tod auf der Stolle eintrat. Aon der Polizei ist sofort ein« Untersuchung einoeleitct worden. Schießerei in Oberschöneweide. Öie Schnalle als Lebensretter. 3n der Wohnung des Karlosselhändler» w. in der valepastrahe in vberschöneweide kam es gestern am späten Abend zu einer aufregenden Revolvcrschießerci. Ein 62jähngcr Kausmann Karl D. aus der Petersburger Straße hotte an einen Herrn W. ein« Forderung in Höhe von 600 M. Gegen 22 Uhr erschien D. in der Wohnung seines Schuldners. Zwi- schen den beiden Männern«ab es eine heftig« Auseinandersetzung, da die Forderung von dem Händler bestritten wurde. In seiner Erregung zog D. plötzlich einen Trommelrevoloer hervor und feuerte auf den Händler zwei Schüsse ab. Eine Kugel durchschlug die Fensterscheibe und das andere Geschoß prallte an der Hosen- trogerschnalle des Kartoffeshändiers ob. Unmittelbar darauf rich- tcte D. die Waffe gegen sich selbst und brachte sich«inen Schuß in die Schläfe bei. Schweroerletzt wurde er in das Antoniuskranken- Haus gebracht._ Keine Llrlaubssperrung für Schupos. Eine Berliner rechtsstehende Zeitung hat„aus dem Polizei- Präsidium gehört", der für die Schutzpolizeibeamten für die erste Julihälfte bereits bewilligte Urlaub sei wegen des bevorstehenden kommunistischen Spartakiade-Rummels gesperrt worden. Wie uns die Pressestelle des Polizeipräsidiums auf Anfrage mitteilt, ist diese Nachricht falsch. An eine Urlaubssperrung für die Beamten wird in keinem Falle gedacht. Sportflieger abgestürzt. Seinen Derlehungen erlegen.— Flugzeug zertrümmert. Erfurt, 27. Juni. Am Freitagabend ereignete sich auf dem Flugplatz in Erfurt ein Unglück. Ein Sportflugzeug de» Technikums Bad Frankenhausen kam über dem Platz ins Trudeln und konnte nicht mehr abgefangen werden. Das Flugzeug stürzte aus etwa 150 Meter Höhe ab. Es wurde vollkommen z e r t r ü m m e r t. Der Führer. Wolfgang S t i r l. ein Schüler des Technikums, erlitt so schwere Verletzungen, daß er nach kurzer Zeit starb. 200 Kilomeier in der Stunde Lage und Aussichten der Deutschen Lusthansa. Die Direktion der Deutschen Lufthansa machte in emer Pressebesprechung als Ergänzung zu ihrem Geschäftsbericht einige Ausführungen über die Lage und die Aussichten der Ge- sellschoft. Das europäische Netz der Lusthansa hatte im Jahre 1930 mit 26 357 Kilometer(im Vorjahr 26 750 Kilometer) etwa den gleichen llmfang wie 1929. In der Struktur des Liniennetzes sei damit eine gewisse Stabilisierung eingetreten, die Schaffung neuer Verbindungen wird kaum mehr erfolgen. Im mitteleuropätschen Verkehr mit seiner dichten Zugfolge werde das Flugzeug nur von Bedeutung sein können, wenn in den kommenden Jahren die durchschnittliche Reise- geschwindigkeit auf mindesten» 200 Kilometer die Stunde erhöht werden kann. Als Standardtyp werde sür die nächsten Jahre das Flugzeug von 10 bis 15 Passagiersitzen zu gelten haben. Von besonderer Bedeutung sei der Einsatz von Verdichtungsslugzeugen. Die Lusthansa hält daher eine Erhöhung de? Veihilfebetrages für diesen Zweck sür unbedingt ersordcrlich. An eine Ausdehnung des Passagiernachtverkehrs für die nächsten Jahre werde zur Zeit nicht gedacht. Aus den Bemerkungen über den außereuropäischen Dienst sei hervorgehoben, daß nach Ansicht der Lusthansaoerwaltung drei bis vier Jahre vergehen dürften, ehe ein planmäßig«! Atlantitverkehr möglich wäre. Jugend und Wirtschaft Protokoll einer Abhörstunde � In dem Zyklus„Die Welt des Arbeiters", den die Deutsche Welle sendet, fand ein Gespräch zwischen jugendlichen Arbeitern statt. Das Thema lautete„Jugend und Wirt- s ch a s t" Eine Rundfunkhörstunde im Parteihaus beschäftigte sich mit der Veranstaltung.(Nicht der Vortrag, wie im„Vorwärts" irr- tümlich mitgeteilt wurde, sondern nur die Diskussion in der Abhör- stunde wurde von Dr. Ernst Nölting. dem Leiter der Staatlichen Wirtschaft-schule. geleitet.) Das Gespräch vor dem Mikrophon sollt« die Gedankenwelt jugendlicher Arbeiter zeigen. Die jugendlichen Redner brachten anscheinend nicht immer ihre ganz persönlichen Mei- nungen, sondern sie bemuhten sich, bestimmte Jugendtypen zu per- körpern. Di« Diskussion in der A b h ö r st u n d e beschäftigte sich zuerst mit der Frage, ob solche Gespräche überhaupt geeignet sind, dem �zörer wesentliche Eindrücke zu vermitteln, oder ob in anderer Form, etwa als Vortrag, mehr geboten werden kann. Die Aeußerungen sämtlicher Diskussionsredner bewiesen, daß die Gesprächsform vom Hörer bevorzugt wird. Gegen das eben ab- gehörte Gespräch erhoben sich jedoch zahlreiche Einwände: A.; Man hatte die Empsindung. daß alle drei Sprecher keine Arbeiter waren. Die Unterhaltung wirkte konstruiert. Für die Behandlung des Themas wäre eine freie Aussprache zwischen wasch- echten Arbeitern nötig gewesen. 15.: Es besteht di» Gefahr, daß bei Stegreisgcsprächen nichts herauskommt, obwohl das Ergebnis dann auch nicht viel schlimmer al» heute wäre. Man wird die Gespräche auf eine Anzahl Stich- worte festlegen müssen. C.: Ich kenne zufällig die Sprecher. Nur einer ist ein Student, die andern sind waschechte Arbeiter. Sie haben sich dos Gespräch selber ausgearbeitet und es dann der Deutschen Welle ein- gereicht. E>. glaubt nicht, daß die Unterhaltung die wirkliche Meinung der jugendlichen Sprecher wiedergab. schließt sich dieser Ueberzeugung an. Eine lebhaste Diskussion beginnt über die Frage, ob solche ton- struierten Gespräche statt freier Aussprache vor dem Mikrophon nötig sind. Grundsätzlich werden Unterhaltungen wie die eben gehört» von beinahe allen abgelehnt. Zur Gestaltung der freien Aussprachen wird gesagt, daß die richtige Auswahl der Sprecher dafür Gewähr bieten würde für eine lebendige Diskussion. Wenn es wirklich einmal zu Pausen im Gespräch kommt, so sei dos auch nicht so schlinim. H.: Das Gespräch war abgelesenes Zeug, keine freie Rede. Es war viel zu viel hineingepreßt, was zu dem Thema nicht wesentlich in Beziehung steht. Die wichtigste Frage: Was sagt der junge Mensch zu der heutigen Wirtschaftsform? wurde überhaupt nicht berührt. Genosse F l a t a u gibt einige sachliche Erklärungen. Für alle Rundsunkvorträge besteht ein Ueberwachungsausschuß, dem mindestens das Thema und eine ausführliche Disposition dazu vorher eingereicht werden muß. Ganz freie Rede ist infolgedessen nicht möglich. Aber auch der von einigen vorgeschlagene Pride- Vortrag, der solchen freien Gesprächen vorausgehen solle, würde die Unbefangenheit schon beeinträchtigen. Die Redner würden sich un- bewußt oder auch von der Kritik zu diesem Probegespräch beeinflußt, auf Stichworte und Formulierungen festlegen. Es bleibt daher für die Gestaltung solcher Aussprachen olle- dem Fingerspitzengefühl des Leiters überlassen. Diese Gespräche sind grundsätzlich für un» sehr wertvoll. Die Zeit, die der Arbeiterbewegung am Mikrophon ein- geräumt wird, ist außerordentlich knapp bemessen. Wir müssen daher verlangen, daß die Zeit richtig ausgefüllt wird. Wir wollen nicht ein primitives Hörspiel, wie es uns heute geboten würde, sondern eine Aussprache, die in die T i e f e geht. Es entsteht eine Aussprache darüber, ob der Leiter des Ge- spräche an diesem teilnehmen, oder für den Hörer unsichtbar bleiben solle. Die geäußerten Meinungen gehen dahin, daß die Teilnahme des Leiters an dem Gespräch notwendig sei, um«in Abgleiten vom Thema zu verhindern. Natürlich müsse er nur au, den Ge- sprächsteilnehmern ihre Meinungen herausholen und dürfe ihnen nicht die seinen oktroyieren. Zum Gesprächsthema selber nahm Dr. Nölting das Wort: Die Themenstellung„Wirtschaft und Jugend" betraf eigentlich nicht das Gespräch, das wir gehört haben. Ich möchte daher vorschlagen, daß wir die Aussprache nicht beschränken auf das, was in dem Gespräch gesagt wurde, sondern daß wir herauszuarbeiten versuchen, was die Themenstellung uns hätte erwarten lassen. Zu der t« ch- Nischen Seite der Veranstaltung möchte ich noch bemerken, daß ich glaube, es ist notwendig, daß vorher bei solchen Unterhaltungen abgegrenzt wird, worüber gesprochen werden soll, da sie sonst zu sehr on der Oberfläche bleiben. In diesem Gespräch wurde viele« berührt, was nur in Einzeloorträgen sinnvoll erörtert werden kann. Wir wollen uns jetzt also die Frage stellen: was will der junge Arbeiter von der Wirtschaft? Es wird von den Teilnehmern des Abhörabends zuerst die Frage der Ausstiegsmöglichkeit für den jugendlichen Proletarier erörtert. Der Sehnsucht der bürgerlichen Menschen nach i n d i- v i d u e l l e m Aufstieg wird die Sehnsucht der proletarischen Jugend nach Aufstieg der K l a s s e entgegengestellt. Grundbedingung für den Jugendlichen sind Arbeit und Existenzmöglichkeit: aber darüber hinaus will er die Möglichkeit zur sozialen und geistigen Entwicklung. Das Bildung» in onopol der besitzenden Klassen, die Bildungsmöglichkeiten des Proletariers, die Erweckung der Bil- dungsbereitschast in der großen Masse wird von verschiedenen Red- nern behandelt. Die Bemerkung, daß das eben abgehört« Gespräch auch nicht darauf eingegangen sei, wie der Arbeiter sich zu der heutigen Ar- beitstechnik im rationalisierten und automatisierten Betriebe verholte, löst eine eingehende Unterhaltung darüber aus. Der Diskussion gelang es so, den Teilnehmern der Abhärstunde eine Veranstaltung fruchtbar zu machen, die dem einzelnen nicht» gegeben hätte. Tee. Joseph Joachim. Zu seinem hundertsten Geburtstag. Ein Stück deutsche Musikgeschichte, beste Berliner Musiktrodition bleibt mit dem Namen Joseph Joachims verknüpft, des berühmten Geigers, desien die Fach- und Kulturwelt gelegentlich der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstags mit höchstem Respekt gedenkt. Am 28. Juni 18A im Burgenland— in dem Dorf Kittsee bei Preß- bürg— geboren, wo er schon als siebenjähriger Knabe auf dem Konzertpodium öffentlich austrat, erhielt er seine weitere Ausbildung in Wien und Leipzig. Hier nahm sich vor allem auch Mendelssohn .>.» n......................in, i um.. iijj > ...............■ ii i-„Iii Jofeph Joachim, 31 Jahre all de, jungen Geigergenies an und ebnete ihm den Weg nach London, wo Joachim bald eine der glänzendsten Erscheinungen des Konzert- lcbens wurde und jahrzehntelang blieb. Ueber Weimar und Hannover führte dann sein Weg nach Berlin, das seine zweite Heimat, bis zu seinem Tode. lSv?, gewesen ist. Seit 1868 stand er hier an der Spitze der eben gegründeten Staatlichen Hochschule für Musik. Ihm vor allem, seiner aufbauenden Arbeit und der werbenden Kraft seines Namens und seiner Persönlichkeit, dankt das Institut sein heutiges Ansehen. Von seiner einzigartigen Bedeutung als Lehrer zeugt eine große Anzahl hervorragender Geiger in aller Welt, die aus seiner Meisterschule hervorgegangen sind. Joseph Joachim, gefeiert als Konzertsolist wie wenige seiner Zeitgenossen, stellte dem damals vorherrschenden Typ des- glänzenden. mondänen Virtuosen da« Bild eines tiefernsten nachschassenden Musiker« entgegen, dem die Pflicht gegen das Wert, treue Hingabe an die Kunst der alten Meister mehr galt als die Perführungskünste des blendenden Technikers. Das Größte, Nachhaltigste hat»r aus dem Gebiet der Kammermusik, vor allem als Begründer und Führer des nach chm benannten Streichquartetts geleistet. Mit großer Liebe hat er sich besonder» für die Musik von Brahms ein» gefetzt, desien Altersgenosse und Freund er war. Seine Jnter- pretation der letzten Beethoven-Quartette hat musikgeschichtliche Be- deutung erlangt. Als höchster Vertreter des klassischen Kammer- muptstils ist Joseph Joachim vorbildlich nicht nur für sein» Zeit ge- wesen. Als Komponist Hot er die Literatur seines Instruments um eine Reihe von Werken bereichert, die freilich nie sehr weit über die Fachkreise gedrungen sind. Joachim war zwanzig Jahre mit der bekannten Bühnen- und Konzertsängerin Amalie Weiß ver- heiratet. WalierHarlan:„Das Nürnbergisch Ei". Staatsschavspielhaus. Walter Harlans Schauspiel stammt aus einer Zeit, in der man weniger Sorgen al, heute und mehr Sinn für bedächtige und lehr- haste Poesie gehabt hat. Es steckt viel saubere Arbeit in dem Stück. Wir lernen, was das für eine geniale Tat gewesen ist, die Erfindung der Taschenuhr des nürnbergischen Eies, der Uhr ohne Gewichte und Pendel, die auch aus schwankenden Schiffen geht. Wir lernen, daß der Uhrmacher Peter Henlejn am Kehlkopfkrebs gelitten und sich nicht eher hat operieren lassen, bis seine Uhr durchkonstruiert und bis es für seine Gesundheit zu spät war. Und wer Interesse für technische Basteleien hat, der gerät sogar manchmal in Spannung, wenn er sieht, wie sich eine Idee aus der anderen entwickelt, bis das große Werk vollendet ist. Aber von einem Schauspiel verlangen wir mehr al» Belehrung. Wir wollen mitgerissen sein und mit den Figuren leben, die aus der Bühne agieren.- Harlan hat seine Erfindungsgeschichte mit vielen schönen Lebens- Weisheiten umrankt und sie ganz auf Idylle gestellt. Und Leopold Icßner unterstreicht in seiner Inszenierung die geruhsame Be- schaulichkeit. Er will den Zauber der mittelalterlichen Romantik er- stehen lassen. Aber er bringt es nur zu totem Kulissenzauber. Er läßt die Nüancen der verschiedenen Charaktere dick auftragen und die Darsteller ihre Rollen hersagen. Sie mühen sich mit Walter Harlans konstruiert mittelalterlichen Worten ab, ohne blutvolles Leben in sie zu tragen. Nur Sybil Rares findet als Peter Henleins Frau zu Herzen gehende Töne und läßt alles Lehrhafte vergessen, da- sich in den vier langen Aksxn wie ein Alb auf die Zuschauer legt. Theodor L o o s, Ludwig Donath, Leopold von Ledebour und Rosa Pategg holen aus ihren Rollen mehr Menschliches heraus, als in ihnen steckt, während Wolf Trutz und Albert Florath papierene Theaterfiguren bleiben. Das Publikum erkennt die fleißige und saubere Hostheaterarbeit an und ruft den Regisseur lebhast applaudierend vor di« Rampe. __ v«r. Privatbetrieb städtischer Theater? In einem Aufsatz über die Notsage der deutschen Theater in der „Scene" spricht sich der Franksurter Intendant K r o n a ch« r gegen die verschiedensten Rettungsvorschläge für di« deutschen Theater, die in einer Abkehr vom staatlich oder städtisch subventionierten Theater gipfeln, scharf aus. Kronacher kommt zu dem Schluß:„(Bf ist charakteristisch, daß gerade in jenen Orten von der Rückkehr zum Privatbetrieb am meisten gesprochen wird, di« nach dem Durch- schnitt ihres Publikums wesentlich provinziell eingestellt sind, und in denen das Gefühl für künstlerische Qualität nur schwach«nt- wickelt ist. Nichts ist leichter, als bei Senkung des Niveau» in solchen Stödten, wo keine Ansprüche gestellt werden, Ersparnisse zu machen. Der Mangel an Qualitötsgefühl. an künstlerischem Ber- ständnis ist bei vielen Leuten, die in einer nicht gerade kultur- gesättigten Atmosphäre als Abgeordnete oder sonstwie Berechtigte in Parlamenten und Ausschüssen über das Theater reden, so evident. daß man dort über alle notwendigen Sparmaßnahmen hinaus auch nicht vor einer Senkung des künstlerischen Niveaus zurückschrecken und sich hinterher noch selbstgerecht an die Brust schlagen würde, man habe das deutsche Theater in dieser schweren Zeit gerettet. Gegen all diese Gefahren schützt nur der Zusammenschluß der Ber- bände, die berufen sind, die geistigen und wirtschaftlichen Interessen des Theaters zu vertreten." polarsorschung mii dem U-Bvoi. Pläne vor 30 Jahren. Der Versuch von Wilkins, mit seinem Unterseeboot„Nautilus" nach dem Pol zu fahren, ist zwar zunächst mißglückt, soll aber doch durchgeführt werden. Daß dieser Gedanke, der auch heute noch so abenteuerlich erscheint, bereit» vor fast 30 Jahren ernsthaft«r, wogen worden ist. darauf wird in der Frankfurter Wochenschrist „Die Umschau" hingewiesen. Der kühne Forscher, der dies«„frühreife" Idee hatte, war der vor kurzem gestorbene Erfinder des Reisekompassea Dr. A n s ch ü tz- K a e M p f e.. Er hiest 1902-in Oer Wiener Geographischen Gesellschaft einen aufsehenerregenden Vor- trag, der später unter dem Titel„Das Unterseeboot ii» Dienste der Polarforschung" erschienen ist. Anschuß hatte sehr ernsthafte Unter- suchungen und Berechnungen für seinen Plan durchgeführt: so hatte er z. B. 210 eigene Messungen der Eistiefe unter Wasser gemacht, die einen Höchstwert von 22 Metern zeigen und im Durchschnitt mit einer Eistiefe von 6 Metern rechnen lassen. Auch die Licht- Verhältnisse unter Wasser im Polarbecken hatte er mit verschiedenen Bersahren eingehend geprüft uno faßte sein« Ergebnisse mit den Worten zusammen:„Ich werde also in der mir größtmöglichen Tauchtiefe von 40 Metern noch eine Lichtintensität haben, die etwa der Beleuchtung eines Zimmers um 8 Uhr abends Mitte Juni in unseren Breiten bei klarem Wetter entspricht." Anschuß versangte zur Durchführung seines Plane» ein Unterseeboot mit einer Tauchfähigkeit von 40 Metern und erklärte in seinem Vortrag, er habe technische Gutachten erholten, die den Bau eines allen Ansprüchen genügenden U-Bootes für durchaus durch» führbar erklärten. 10 Jahr« seines Lebens Hot er sich immer wieoer mit diesem Gedanken beschäftigt. Wie Wilkins war er der An- ficht, daß der Monat Juni die günstigste Zeit sei. Sein Vorschlag fand heftigen Widerspruch, aber auch begeisterte Zustimmung. Der Wettbewerb um das Reichsehrenmal. Der demnächst mis» zuschreibende allgemeine Wettbewerb für dos Reichsehrenmal bei Berka wird 20 000 M- für 20 gleiche Preise auswerfen. Unter den Preikträgern soll dann ein«neerer Wettbewerb stattfinden. Städtisch« Subventionen für die Pariser Theater. Die Stadt- Verwaltung von Poris beschäftigt sich mit einem Vorschlag, au» ber ihr zufallenden Lustbarkeitssteuer Subventionen an die großen Pariser Theater zu gewähren. Die Stadt würde dadurch auch einem Wunsche der Regierung entsprechen, die anläßlich der Sudventions- debatte für die staatlichen Opern- und Schauspielhäuser die Ansicht ausgesprochen hatte, daß ein Teil der verlangte» Mehrjubvention für die Staatstheatcr von der Stadt Paris getragen werden müßte. Die Bildcrredaklian, ein neues Lehrfach. In dem Bestreben. die Fähigkeiten des Modenzeichners und Werbegraphikers auf weitere Gebiete zu lenken, hat die Schule Reimann ein neues Lehr- fach angegliedert: vie Bilderredaktiou. Die Lehroufgabe wurde dem Modenzeichner Artur Regeisky anvertraut. Steins Seburlsschloß in seiner ollen Gestalt. Wie aus R o s s au an der Lahn berichtet wird, ist dos Geburtsschloß des Reichsfreiherrn vom Stein aus Anlaß des 100. Todestages des Staatsmannes wie- der in seinen ursprünglichen Zustand versetzt und auch der Oefsent- lichkeit zugänglich gemacht worden.' Nürnberg für die Wünchcner Künstler. Anläßlich der Erössnung der Rardbayerischeu Kunstausstellung übermittelte der Nürnberger Oberbürgermeister Luppe den Münchener.Künstternerbnnden, die durch die Brandkatastrvphe im Glaspalast schwer geschädigt worden sind, die Einladung der Stadt Nürnberg, im nächste» Jahr die städtischen Ausstellungsräume für ihre Veranstaltungen zu benutzen. Jedem Deutschen nur ein Paar Schuhe im Jahr. Wie stark die wirtschaftliche Einschränkung der deutschen Bevölkerung bereits fortgeschritten ist, geht aus einer Mitteilung des Instituts für Kon- junkturforschung hervor, nach der der Schulverbrauch pro Kopf der deutschen Bevölkerung im Jahr durchschnittlich mir 1,3 Paar beträgt, während in Groß-Britannien aus jede Person jährlich 1,8, in den Vereinigten Staaten sogar 2,6 Paar kommen. Paul Eger Leiter des Deulschen Theaters in Prag. Vom Theaterverein wurde Dr. Paul Eger als Leiter des neuen Deut- chen Theaters in Prag oerpstichtet. Er tritt am 1. September ein Amt an. Die deutsche Sprache in New Park. Die Schulbehörde in New Park hat eine Untersuchung über die in den Schulen oelehrten Fremdsprachen angestellt. Daraus geht hervor, daß der Unterricht in Deutsch tn den New-Porker Schulen eine ungeheure Ausdehnung angenommen hat. In wenigen Jahren, so prophezeiht der Be- richt, wird Deutsch die am meisten verbreitete Fremdsprache in New Port sein. Dr. vela valaz» wird im Juli im Nahmen der Tonsilm-Lchrkurse de» Sternschen Konservatorium» ein Seminar über„Regie und Spiel im T o n s i l m" abhalten. Ferner wird der Produktionsleiter Frank Wysbar Borträge über„Filmwirtschaft und Produktionstechnil" halten._ Tarif der Berliner puher gekündigt. Oer Kündigung der Unternehmer fotgt die der Arbeiter. Am Donnerstag beschäftigte sich eine stark besuchte Fachgruppen- Versammlung der iift Baugewerksbund organisierten Putzer mit der Frag«, ob der Baugewerksbund den Tarifvertrag der Putzer zum 30. September kündigen solle oder nicht. Der Fachgruppenleiter Genosse L e h n i g gab zunächst ein« chrono» logische Darstellung der vielen Kämpf«, die erst um die Schaffung und dann um den Ausbau des Tarifvertrages für die Berliner Putzer geführt worden sind. Während im Hochbau schon seit 1899 «in Tarifvertrag bestand, wurden die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Putzer erst im Jahre 1920 tariflich geregelt. Der damals ab- geschlossene Tarifvertrag war noch sehr lückenhaft. Im Jahr« 1929 gelang es endlich, auch den größten Teil der Akkordarbeiten, die bis dahin der freien Vereinbarung unterlagen, tariflich zu regeln. Di« Fragen der Arbeitsvermittlung, de» Urlaubs, der Fahrgeld- und Laufgeldentschädigung usnck sind bis heute noch nicht tariflich fest- geleg«. Obwohl also der Tarifvertrag noch sehr reformbedürftig ist, haben ihn di« Verbände der Berliner Bauunternehmer zum 30. September gekündigt. Di« Kündigung ist bestimmt nicht zu dem Zweck erfolgt, von der Unternehmerseite her die tarifliche Regelung der Arbeitsvermitt- lung und der übrigen noch nicht geregelten Fragen anzustreben. Infolge dieser reaktionären Haltung der Berliner Bauunternehmer fiel den Putzern die Entscheidung nicht schwer. Sie beauftragten die Fachgruppenleitung den Tarifvertrag ebenfalls zu kündigen und seine Aenderung in einem für die Putzer günstigeren Sinne zu fordern. In einer einstimmig angenommenen Entschließung wurde zum Ausdruck gebracht, daß die Putzer zu baldigen Berhandlungen bereit sind, um das Baugewerbe bei Ablauf des Tarifvertrage» am 1. Oktober vor Störungen zu bewahren. Kampf gegen Notverordnung Gesamwerband gegen Vernichtung der Gewerkschaftsbewegung Freitag beschäftigte sich im Gewerkschaftshaus eine außer- ardcntiichc Generalversammlung des G e s a m t v e r b a n d c s mit den Auswirkungen der Notverordnung auf die Ber- liner Gemcindearbeiter und die Arbeiter der übrigen öffentlichen Betriebe. In der Generalversammlung herrschte eine Gewitter- stimmung, die die verantwortlichen Stellen als eine ernste War- n u n g betrachten sollten. Der Bevollmächtigte Genosse Schaum schälte die besonders krassen Bestimmungen über die A n g l e i ch u n g der Gemeinde- arbciterlöhn« an die der Rcichsarbeiter, den Einbruch in das T a r i f r e ch t und andere einschneidende Bestimmungen aus der Notverordnung heraus, die im Endeffekt bekanntlich in einem A b- bau der Löhne der städtischen Arbeiter Berlins bis zu 33 Proz. gipfeln. Die Durchführung dieser Notoerordnung würde bedeuten, daß die lohnpolitische Arbeit der Organisation in den letzten süns Jahren mit einem Schlage vernichtet würde. Es ist jetzt endlich an der Zeit, erklärte Genosse Schauni, daß sich die verantwortliche» Stellen darüber klar werden, welche Fol- gen die Durchführung gerade dieser Bestimmungen der Notver- ordnung zwangsläufig haben müßte. Die Berliner Ortsverwaltung des Gcsamtvcrbandcs erhebt warnend ihre Stimme, denn auf Grund der Stimmung der Arbeiter in den städtischen Betrieben hat sie die Gewißheit, daß dieser ungeheuerliche Lohnabbau nicht widerstandslos hingenommen wird. Die Ar- beiter aller städtischen Betriebe haben der Ortsverwaltung bereits mit nicht mißzuocrslehendcr Deutlichkeit zu erkennen gegeben, daß sie entschlossen sind, dem willkürlichen Lohnabbau mit den schärfsten gewcrkschast- lichen Kampsmitteln zu begegnen. Die Debatte bestätigte, daß die Warnungen des Bevollmäch- tigten keine leeren Redensarten waren. Die Belegschaftsvertreter aller städtischen Betriebe brachten übereinstimmend zum Ausdruck, daß die Erregung in den Betrieben nur noch eines geringen A n st o ß e s bedarf, um einen Kampf auf der ganzen Linie auszulösen. Genosse Orlopp vom Hauptvorstand des Gesamtverbandes gab die Erklärung des Gesamtvorstandes ab, wonach der Haupt- vorstand entschlossen ist, unter Beachtung der Satzungsbestimmungen den ossenen Kampf auszunehmen, wenn die SlusnahmebesliM' mungen der Notverordnung gegen die Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe nicht aufgehoben werden. Er betonte weiter, daß dies keine leere Geste des Vorstandes sei, sondern daß sich der Vorstand des Gesamtverbandes der Kon- sequenzen dieses Beschlusses voll bewußt ist. I» einer gegen wenige oppositionelle Stimmen angenommenen Entschließung brachte die Generalversammlung zum Ausdruck, daß die Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe um so mehr zum schärf- st e n Kampf gegen den Angriff auf ihre Existenz bereit sind, als durch die Arbeitszeitverkürzung auf 44 Stunden ihre Wochen- Verdienste bereits erheblich gesenkt sind. Die Bezirks- und Ortsverwaltung erhielt den Auftrag, alle gewerkschaft- lichen Mittel in diesem Kampf einzusetzen. Die Generalversammlung wählte noch als Delegierte zum Gewerkschaftskongreß in Frankfurt a. M. die Genossen O r t m a n n und Schaum und die Genossi» Luise Kähler. Vergebliches Bemühen. Kommunisten suchen GAI. zu sprengen. Unter dem Titel„Arzt oder Totengräber?" veranstaltete die Kommunistische Jugend Berlins in den Musiker-Festsälen eine„S A I.- O p p o s i t i o n s- V e r s a m»n l u n g". Diese sollte der Anlaß sein, die„Einigkeit der proletarischen Jugend" zu de- monstrieren. Schon vor Beginn der Versammlung wurden TAI.- Genossen, die arbeitslos waren oder sich mit Recht aus die Einladung berufen konnten, wonach der Eintritt unentgeltlich sei, von den sogenannten„Stoßtrupps" der KI. a m Saaleingang verprügelt. Mit Stühlen und F ä u st e n wurden junge Arbeiter verletzt. Ganz merkwürdige Individuen, die weder mit der Jugend noch mit der Versammlung etwas zu tun hatten, standen mit aufgekränipelten Aermeln am Eingang. Die SAJ. wurden jedoch eine so große Uebermacht, daß die Kommunisten es mit der Angst zu tun bekamen. Es wurden nun die kommunistischen Stoßtrupps„Sampsbund" alarmiert. Nur das besonnene Verhalten der SAJ.-Genossen hat es zu keinen Störungen kommen lassen. Ein„ehemaliger" SAJ.-ler'eröffnete die Versammlung. Von den wirklichen Mitgliedern der SAJ. wurde deantragt, den Vorstand paritätisch zusammenzusetzen. Doch die Anhänger der„proletarischen Demokratie" lehnten jede Diskussion und jede Ab- stimmung über den Antrag ab. Trotz dieser Provokation blieben unsere Genossen ruhig und wollten in der Diskussion unsere Auffassung vortragen. Theoretisch und politisch naiv wurden Menschen von den Kommu- nisten auf die Bühne geschickt, um zu erklären, sie hätten mit dem Kurs der Partei und unserer Organisation gebrochen. Ihre potheti- schen Erklärungen wurden mit Heiterkeit von der Versammlung aus- genommen. In der Diskussion sprach dann mit einer verlängerten Redezeit�der Vorsitzende der Berliner SAJ. Er betonte, über die tagespolitischen Auseinandersetzungen hindurch müsse die proletarische Jugend nach dem Ziel und nach dem Wege fragen. Die t o m m u n i st i s ch e Politik und Taktik habe die Kamps- front der Arbeiterklasse geschwächt. Er schloß mit dem Ruf:„Es kann in einer Situation wie der heutigen nur die eine Parole geben, ein jeder Junge revolutionärer Arbeiter gehört in die SAJ. und die Sozialdemokratie. Es war den Kommunisten unangenehm, Wahrheiten zu hören, und sie störten und provozierten. In der folgenden Geschäfts- ordnungsdebatte verlangte die SAJ. eine„proletarische demokra- tische" Handhabung der Geschäftsordnung. Da man es u n m ö g l i ch machte, hie Auffassung der Arbeiterjugend zu äußern, vielmehr auf einige unserer Genossen sofort losprügelte, und da es den Kommu- nisten augenscheinlich auf eine sachliche Auseinandersetzung nicht an- kam, forderten wir unsere Genossen auf, die „Oppositions"- Versammlung zu verlassen. Der vordem überfüllte Saal wurde aus einmal leer, zurückblieben ein kleines Häuflein KI. und ein paar„übergetretene" SAI.-ler. Die Versammlung war für alle jungen Genossen, die hier und dort noch der Ansicht waren, man müsse mit der KI.„Einheitsfront" machen, ein Beispiel, daß die KI. und die KPD. für Massen- aktionen der Arbeiterklasse nicht in Frage kam- men. Doch das Verbrechen der Kommunisten ist, daß man die jungen Arbeiter, wenn auch nicht materiell, so doch ideo- logisch gekauft hat. Langsam wurden sie zu Spitzeln ausgebildet. Einzelnen wurde eine Reise nachRußland versprochen. Uebcrgetretene SAJ.-Genossen, die bei uns in der Organisation unfähig waren, einen Werbebezirt oder eine Gruppe zu leiten, haben in der Kommunistischen Jugend eine Tätigkeit gefunden, in Versammlungen als„Oppositions-Redner der SAJ." aufzutreten. Der Bezirksvorstand der Berliner SAJ. richtet an alle Genossen den Ruf, auch wenn hier und dort die politischen und wirtschaftlichen Fragen anders beurteilt werden, geschlossen und gesestigt i n R e i h' und Glied in der Bewegung zu bleiben. Die Sozialistische Arbeiterjugend ist die wahrhaft proletarische Massenorganisation der arbeitenden Jugend. Alle Wünsche der KI., unsere Organisation zu zertrümmern, werden scheitern. Die nächsten Wochen werden gerade die Jugendorganisation vor große Aufgaben stellen.'Willz- Kressmann. Englands Arbeitslosenversicherung. Erhöhung des Fonds von 90 auf 115 Millionen. London, 26. Juni. Das Unterhaus nahm in zweiter Lesung die Vorlage an, durch die die Deckung des Fonds der Arbeitslosenversicherung von 90 auf 115 Millionen Pfund Sterling erhöht wird. Vorher hatte es mit 240 gegen 180 Stimmen einen konservativen Abänderungsantrag gegen diese Erhöhung abgelehnt. Thealer der Woche. Vom 25. Juni bis 5. Juli Volksbühne. Theater am Bülowplah: Bis.1. Lumpazi Dagabundus. Ah 4. Die Komödie der Irrungen. Der Lchlachtcnl-nkcr. � Staatstheater. Staatsoper Unter den Linden: 28. und l. gigeunerbaron. 29. Siegfried. 30. Tannhöuscr. 2. Eottcrdämmcrung. 3. Eine Nacht in Venedig. 4., ö., 8. Geschlossen. Kroll. Oper: 28. Carmen. 29. gdistaff. 30. Aus einem Totcnhaus. 4. Fide- lio. 2. Madame Buitersln. 3. Die Hochzeit des Figaro. 4., 5.,«. Geschlossen. Städtische Oper: 28. Das Spitzentuch der Königin. 29., 30., 1., 2., 3. Geschlossen. Staatliche« Schauspielhau». 28., 1. und 3. Das Nllrndcrgisch Gi. 29. Cevil Rhades. 30. Agamemnon. 4., S., V. Geschlossen. Schiller.Theater: 28., 30., L, 2. und 3. Der Richter von Falomea. 29. Haus Hcrzenstod. 4., S., S. Geschlossen. Theater mit festem Spielplan: Deutsches Theater: Der Hauptmann von Köpenick.— Kammerspiele: Ge. schlössen.— Die Komödie: Dienst/2 Uhr Frauen haben das gern... Musikal. Schwank von Arnold Musik v. Walt. Kollo Sommerpr.U.50-7.00 — Elite-Sänger— Kottbusser Str. t> Tägl»>/. U. groSi Ags- stattongs- fltae Pom La8t sdiöne Frauen um midi seinl von HarryWalden Lening-flieatei Täglich 8V, Uhr Zum goldenen Anker Valetti, Horney, Elsholtz, Hehner, Stässel, Faber, Walter. WOCHENENDE IH LUNA HEUTE FEUERWERK und das grros«o Prog-ramm Konntag: BOX K AN PF WM TheatEi 8 Uhr Der Haiiplmann von Köpeoidl v. Carl Zuckmayei Regia; Heinz Hilpert Ifietropoi-Ttieaier Täglich 8", Uhr Die Toni aus Wien Mady Christians, Michael Bohnen Sonntag, den 28. Juni naebm. 3 Uhr föeilage Sonnabend, 27. Juni 1931 DrrJüMt StAJaulCaße*6» cmVorA dew s&ft- vutjfäen Als ich Ostern 1925 meine Tischlergesellenprüfung gemacht hatte, stand mein Entschluß fest, ins Ausland zu gehen. 1921 war ich zwei Semester auf der Kunstschule gewesen in der Abteilung sür Schrift und Gebrauchsgraphik. Ich hatte auch die Chauffeur- Prüfung gemacht. Nach USA. bekam ich keine Einreise- crlaubnis, und da die Ge- lcgenheit günstig war, fuhr ich Ansang Juni 1925 nach Brasilien mit dem Ziel Rio Grande do Sul. In Porto Allegre machte ich den letzten Versuch, nach USA. zu kommen— vergeblich. Auf dem Konsulat sagte man mir, daß sich in USA. keiner durchsetzen würde, der sich in Brasilien nicht behaupten könne. Vor Ablauf von drei Jahren würde keine Einreiseerlaubnis erteilt. So blieb ich, wo ich war und ging auf Anraten eines Landeskundigen als Tischler in die deutschen Kolonien in die Nähe des Städtchens E. an» Rio T a g u a r y. Zunächst fand ich Arbeit bei einem Bau- und Möbeltischler, einem jungen Deutsch-Brasilianer in meinem Alter, der„auf eigene Faust" in einer alten Schmiede seine Werkstatt Halle. Dreimal die Woche arbeitete ich bei ihm, verdiente leidlich _ die andere Zeit arbeitete ich sür mich, machte mir Werkzeuge und richtete mir ein Holzhaus ein, das ich für 25 Milreis— 12,50 Mark im Monat gemietet hatte. Dazu hatte ich einen Stall für ein Pferd, das ich nnr von dem Rest Reisegeld für 150 Mark gekauft hatte, und ferner noch ein altes Holzhaus, das ich als Holz- lagerschuppen und eventuell als Werk- statt benutzen wollte. Alles lag in einem großen Garten, besser: Busch, mit vielen Orangen- bäumen, Bananen, Felgen und sonstigen Früchten, umgeben von einer großen Weide für mein Pferd und einem Stü-k Maisplantage, ebenfalls für das Pferd. Nach Norden lag die„Straße" und nach Süden der Bach Boa V i st a, links und rechts grenzten die Kolonien der Nachbarn an. Das eine Haus konnte ich sehen, es lag etwa 1900 Meter entfernt, ebenso im Garten wie das meine. .Ich konnte Stimmen hören von dort und Sonn- und Feiertags immer das Grammophon. Die Wohnung des anderen Nachbarn lag hinter einem Hügel. Nach etwa sechs Wochen bekam ich schon einen selbständigen Auftrag, ich sollte Riemenscheiben bauen für eine Mühle, die aus- gebrannt war. Ich arbeitete in einem Sägewerk mit Wasserrad- antrieb. Dort war eine äußerst primitive Bandsäge und eine lebens- gefährliche Hobelmaschine. Ich wurde schnell fertig mit ineiner Arbeit. Viele verschiedene Hölzer lernte ich dort kennen. Nach und nach bekam ich mehr Aufträge und schließlich blieb ich ganz zu Hause, machte Möbel, Fe n st er, Türen, Kornklappern — kurz alles, was von einem Kolonietischler verlangt wird. IVi Jahre habe ich Schulden gehabt. Kredit ist besser als Bargeld, sagt man hier. Ich hatte aber viel trocken Holz und konnte auch bei größeren Arbeiten existieren, wenn ich lange kein Bargeld bekam. Einsam war es bei mir. Oft arbeitete ich bei den Kolonisten im Neubau und wohnte auch dort. Wenn man 21 Jahre alt ist, dann kann man sich leicht anpassen, besonders wenn man weiß, daß es nur vorübergehend ist. Der Handwerker, überhaupt jeder gelernte Berus ist geachtet, wenn auch der reiche Schmalzbauer der Inbegriff aller Wünsche und Dollkommenhciten ist. Es gibt eigentlich keinen Standesunterschied. Wenn man sleihig und im üblichen Sinne „ehrlich" ist, d. h. nicht stiehlt oder an«in Mädchen nur mit ernster Hciratsabsicht herantritt, dann findet man überall freundliche Aus- nähme. Einzig die Konfession könnte einen Trennungsstrich ziehen. Aber auch da läßt sich manches Mißtrauen beseitigen, wenn man nicht rechthaberisch ist und den anderen gelten läßt. lieber- Haupt ist es ratsam, jeden Dünkel des besser geschulten Europäers vor den Deutsch-Brasilianern abzutun, dann läßt es sich mit den Kolonisten trefflich leben und man kann sogar seine eigene Meinung vertreten. Wenn ich auswärts arbeitete, dann war ich Sonntags zu Haus, sonst war es meistens umgekehrt. Oft ritt ich zu Lands- leutcn in die Nachbarschaft: selten hatte ich Zeit, mehrere Tage fort- zubleiben. Etwa 60 Kilometer entfernt in den Bergen, wo bereits die Jtaliener-Kolonien beginnen, wohnt in T. der alte B.,„d e r M ll h l b a u e r". Von ihm hatte ich gehört und wollte ihn gern kennenlernen. Mit einem Landsmann, einem Kolonisten, bei dem ich einen Umbau gemacht hatte, ritt ich zu ihm. Wenn ich heute die Notizen lese über die neuesten Rekorde im Stabhochsprung, im Kricchstoß-Schwimmen, im ununterbrochenen Tanzen über 120 Stunden oder im Wettradeln über 4800 Kilometer(Tour ckc: k'rance) — dann muß ich an den alten Mühlbauer denken, und an das Schicksal manches Kolonisten, der über diese Rekorde lächeln würde. In einem Brief habe ich davon erzählt. Hier ist er: Boa V i st a. den 29. April 1928. „Meinen Ritt in die Berge stellt Ihr Euch doch etwas anders vor. Es war wirklich ein kleines Opfer, mit diesem h o l st e i n i- scheu Lehrersohn zu reiten. Der graubraune schmutzige Voll- bart, sein naiver, nicht unsympathischer Glaube, seine weißgekalkte protestantische Kirchenauffassung, Heilsarmee, Stadtmission, Bewah- rungsanstalten für Jugendliche und evangelische Siechenhäuser. Ein- frommer Mann. Aeuherlich verbrasilianert, sein Pferd mager, totes Kapital,„zum Reiten genügt es", und schlachten lassen tut man die Pferde nicht. Er ist kein schlechter Kerb. Gewaschen hat er sich nicht die ganzen fünf Tage unserer Reise bei fürchterlicher Hitze. Irgendwelche medizinischen Kenntnisse erwarb er sich vor Jahren in einem Hamburger Krankenhaus als Pfleger. Hier doktert er so unterderhand an Mensch und Vieh. Wenn er doch nur diese Entbindungsgeschichten verschwiege, diese Einzelheiten seiner Eiter- beulcnerotik! Ich Hab' ihm Grobheiten gesagt— es half nichts. Es ging durch Flüsse und Bäche. Autos klapperten vorbei mit langen Staubfahnen. Wir mußten über etwa 500 bis 700 Meter hohe Berge, auf steilen, schmalen Wegen mit Steingeröll. Die Tiere sind die Berge nicht gewöhnt. Ost sührte ich mein Pserd. Der fromme Mann blieb darauf sitzen, bis am letzten Tag feine Stute so mitgenoinmen war, daß ich einen gänzlichen Zusammenbruch be- fürchtete und, um ihn zu zwingen, jedenfalls langsam zu reiten, abstieg und zu Fuß ging. Er soll schon zwei Pferde auf diese Weise umgebracht haben. Ain Nachmittag des zweiten Tages sind wir in T. an der F o r q u e t a, einem viel umsprochenen Bach, der so gewaltig an- schwellen kann, daß«r den e.roßen Rio Taguary einfach staut durch die Gewalt seines Einmündens. Vor Jahren sind hier Häuser und Ställe weggerissen worden, ein Bergrutsch verschüttete die Straße. Im Winkel zwischen der Forqueta und ihrem Zufluß wohnt der Mühlbauer, da liegt seine Mühle. Bei ihm bleibe ich den Abend und die Nacht. Der fromme Mann geht zum Fährmann, mit dem er befreundet ist. Des M ü h l b a u e r s Haus ist alt, niedrig und primitiv gemacht, ausgemauertes Fachwerk. Oberhalb der Mühle liegt es an der Straße, langgestreckt. An dem einen Ende ist Küche und Eßzimmer in einem Raum, dann eine Art Veranda, Verbindung zwischen Küche und Wohnhaus, zum Hof hinaus geöffnet, nach der anderen Seite zum Mühlbach hin ein Geländer, dicht bewachsen mit Blumen und Schlinggewächsen. Hier sitzen wir. Das„Wohnhaus" besteht aus zwei Räumen: einer winzigen Kammer, vollgestopft mit Schränken und Betten sür die erwachsenen Mädchen, und einer etwas größeren Kammer dahinter für die Eltern, den männlichen Nachwuchs und die nicht erwachsenen Mädchen. Niemand ist zu Haus von der Familie. Es ist Karfreitag. So bin ich denn allein mit dem Mühlbauern, einen« kleinen vertrockneten Mann unbestimmten Alters, krumm, hinkend, mit grober Sprache und schroffen Manieren und den steten Augen der Seeleute. 5 0 Jahre ist er im Land, ein wohlhabender Mann für hiesige Verhältnisse. Sohn eines Schiffers auf der Oder, in der Kajüte geboren: diente bei der Marine. Als Unteroffizier bekommt er die Ausnahmestelle als Ordonnanz nach Berlin aufs Kaiser- liche Marineamt. Dort ist er einer der 16 Matrosen, die damals in Berlin waren, wie er sagt. Dann ist er wieder auf der Oder gefahren, auf der Weichsel bis weit nach Ruhland hinein. Er erzählt von russischen Festen. Es ist unmöglich, daß der Elb- verkehr heute ohne Kettendampfer geht. Er läßt sich nichts sagen und ich bin doch an der Elbe aufgewachsen. Wir blättern in seinen Papieren. Auch das Patent für den Rhein hat er. Ein Brief bietet ihm den Posten als Oekonom auf einem Kriegsschiff an. Er sagt zu. Dort fährt er als Zivilperson mit einigem Kapital. In den Häfen bringt ihn das erste Boot an Land. Er kauft ein. Den Offizieren ist das Beste gerade gut genug. Herrliches Leben! Spanische Küste: Mittelmeer. Eine große Reise um Südamerika, Buenos Aires, Feuerland, Chile und wieder zurück. Er kündigt in Santos, schmuggelt viele Kisten spanischen Wein an Land, schickt 6000 Gold-Milreis an seine Eltern und mustert als Matrose auf einem Salzschoner an. Zwischen Santos und Porto Allegre. Um die Weihnachtszeit: glühende Sonne. Das Schiff bekommt Risse, fährt trotzdem aus. Die Festtage pumpen sie drei Tage und Nächte. Sie pumpen ums Leben, bis die Risse wieder gequollen sind. In Porto Allegre mustert er ab.„Was sollt' ich versaufen bei der elenden Heuer"! In SäoLeopoldo kauft er sich ein Pferd und behält gerade noch ein englisches Pfund Bargeld. Er reitet nach Süden auf den wenigen Urwaldstraßen durch den Kamp.„Ich wollte auch das ein- mal sehen". So kommt er an den Rio Taguary jenseits des Städtchens E. Es ist Winter geworden. Es regnet, regnet, regnet viele Tage. Er mietet sich ein, schimpft auf das verfluchte Asfenland. Das Geld wird knapp. Da bietet man ihm eine Stelle als Knecht an in einer Mahlmllhle.„Ich bin Matrose, was verstehe ich von einer Mühle!? Am nächsten Tage geht er aber doch hin und bleibt ein Jahr dort. Er hat sich 1000 Milreis gespart und geht mit einem Bekannten, auch ein Reichsdeutscher, mitten in die Wildnis nach T., wo er heute noch wohnt. 20 Jahre haben sie unglaublich gearbeitet. Aus den Bergen Steine geschleppt, Wehre, Wasserräder gebaut, aus Holz und Blech, eine Schneide- und eine Mahlmühle gebaut und später gut verdient. Alles selbst gemacht: Bäume gefällt und behauen, Schindel gerissen, sich um niemanden gekümmert, alles versucht, selbst versucht, niemanden um Rat gefragt. Eine Leistung — Menschen wie Tiere! Er behaut in der Mühle einen Vaumklotz. Die Axt kommt gegen das Dach, rutscht ab und schlägt ihm vorn in den rechton Fuß. Der Fuß ist gespalten, er nimmt ein Stecheisen und sticht die zwei Zehen neben der großen ab. Warum? Er sagt:„Ich weiß es selbst nicht mehr, ich habe wohl gedacht. sie würden ja doch steif bleiben, und sie später entfernen, wäre ja viel schmerzhafter gewesen"... In Erinnerung versunken steht er auf, holt aus dem Schrank ein Streichholzkästchen und öffnet es vorsichtig. Was ist darin? D i.e beiden Zehen des Mllhlbauers! Zwei kleine braune Mumien, vertrocknet mit den Nägeln. „Wir hätten sie wohl doch noch gekocht und gegessen, aber mein Freund war nicht zu Hause und ich lag auf dem Bett. Als er nach drei Tagen kommt, waren sie schon trocken." Der Mllhlbauer legt die Zehen auf den Fuß neben den schiefen großen Zeh.„Ja, das sind sie, dort haben sie gesessen!" Hochwasser kommt, das Wasser- rad schwemmt fort, der Graben ver- schlämmt und das Wehr ist kaputt. Das Wasser fällt und die zwei fangen wieder von vorne an. Wehr bauen, Wasserrad bauen. Seine rechte Hand kommt ihm unter das Sägengatter. Als zwei Mittelfinger steif bleiben, reitet er lange durch die Berge in die Jtaliener-Kolonien, geht zum erstenmal zum Arzt und läßt sie sich abnehmen. Und dann? Zwanzig Jahre vergehen und die Freunde trennen sich. Der Mühlbauer bleibt und er, inzwischen 47 Jahre alt geworden, heiratet eine 20jährige Deutsche, beginnt ein neue- Leben, zeugt zehn Kinder und.. Doch davon ein andermal! So tnachi man•Dollars � Dieser schlagkräftige Titel steht über dem neuen Roman Upton Sinclairs und könnte eigentlich über jedem seiner Werke stehen. Wie in allen seinen früheren Romanen, so ist auch in diesem hundertprozentiges Amerikanertum, Magie des Dollars. seine Macht über Menschen, von der alle träumen und zu deren Er- langung ihnen kein Mittel zu schlecht und keine Möglichkeit zu be- grenzt ist. Dieser Dollar, Maßstab aller Weltwerte ist eigentlich ein Phantom. Und gerade deshalb jagen ihm die Menschen nach — nicht nur in Amerika— vor allem aber dort, wo er sozusagen frisch aus der Retorte kommt. Im übrigen aber bedeutet- Dollar überhaupt den Begriff Geld. Besonders in den Iahren nach dem Weltkriege wurde er sozusagen zu einer Welt-Währungs-Einheit. Seine Anb'etung erfolgt diesseits und jenseits des großen Wassers. Nur wie er gemacht wird, das unterscheidet Amerika von den übri- gen Ländern der Erde. Sinclair liefert in seinem neuen Roman wieder einen Beweis dafür. An einem Einzelschicksal demonstriert er das Werden eines Geldmächtigen und zeigt an diesem Beispiel Allgemeines, Typisches auf. Sein Jed Rusher, der Held des Buches, dessen Aufstieg zum Multimillionär geschildert wird, ist wieder Urtypus hundert- prozentigen Amerikanertums. Jed Rusher, der in einem gottver- lassenen.Nest inmitten Rinderherden und einer versklavten Familie auswächst, frühzeitig die Macht des Besitzenden am eigenen Leibe zu spüren bekommt, sehnsuchtsvoll den Blick dem Schienenstrang, der das dreckige Dorf durchschneidet, entlang in die blaue, unendliche *) Malik-Berlag, Berlin. Ferne wandern läßt und überwältigt die vorbeiflitzenden Expreß� Züge anstarrt, dieser Jed Rusher bekomnit es schon als ganz kleiner Junge mit dem Ehrgeiz zu tun, der aber festgefangen im engen Milieu noch nicht weiß, wo hinaus. Als eines Tages einer dieser überwältigenden Vlitzzüge in dem armseligen Rindernest hält, Jed sich neugierig an die Waggons heranpirscht, die Passagiere, die Menschen wie er und doch für ihn Fabelwesen scheinen, erblickt, als er zum ersten Male mit einer ihm ganz fremden, aber doch un- bewußt geahnten Welt, mit der sogenannten„großen Welt" be- kannt wird, entscheidet sich sein Leben. Der robuste Sohn eines Proletariers beginnt gegen die drückende Enge des Proletariats zu kämpfen. Er will aus den Tiefen der Armut und Sklaverei empor zu Reichtum und Macht: Und wie er diesen Kamps nach„oben" führt, Ehre, Charakter, Ge- sinnung verkauft, rücksichtslos seinem Ziele zustrebt, selbst die Liebe für seine Zwecke ausbeutet, immer steiler emporklimmt und bereits im Besitz weiter aufreibende Jagd nach Besitz macht, all das schil- dert Sinclair mit der ihm eigenen suggestiven Gestaltungskrast, die im Gegenständlichen, Wirklichkeitsnahen,„Undichterischen" liegt. Grade das Chronistische, Reportagehafte, das er als Einziger zu einer eigenen Kunstform erhob, ist das immer wieder Be- zwingende seiner Werke. Sinclair ist nicht nur einer der schonungs- losesten, sondern vor allem objektivsten Kritiker am Kapital und der ihm dienenden Gesellschaftsklassen. Und grade diese Objektivität macht die Stärke seiner unermüdlichen Kämpfernatur aus. Zu all dem ist er ein überlegener Ironiker, wie der Schluß seines neuen Buches beweist, wenn der auf dem Gipfel seiner Macht stehende Jed Rusher der Universität eine Stiftung macht, mit dem Bemerken: „Das Geld ist für einen Lehrstuhl zur Bekämpfung der Boden- reform und anderen ökonomischen Irrlehren bestimmt." Enthüllung kapitalistischen Mäzenatentums. Vortrefflich die Uebersetzung Paul Baudischs. Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Sittengeschichte des Geldeck. Trieckricb UcKtneKer. treten Deim tteletie-ttmetter tinertleg im Gruneuiald-Staiiion an Beoinn 14.30 Uhr• ntassenspori• Elnzelspnrt• Otto weis spricht Sporl am Sonntag Der Zlrbeiter-Zutzballoerein Eintracht-Reinickendorf spielt heute, Sonnabend, mit zwei Mannschaften in stärkster Aufstellung gegen Saxonia in Reinickendorf-West, Scharnweberstrahe. Beginn 18 Uhr. Die Molorboolabkeilung de» republikanischen Deulschen Reichs- Auto-Eiubs startet heute um 16 Uhr zu einer Zielfahrt nach Ketzin von den Stegen des dem Freien Seglerverbande angehörenden Segleroereins Stößensee. In Ketzin findet ein Zusammensein statt, an dem auch Landrat Siering und der Bürgermeister von Ketzin teil- nehmen werden. Rennsporl. Mit größter Spannung sieht man der Entscheidung des 6 3. Deutschen Derbys auf der Bahn in Hamburg- Horn entgegen. Nicht weniger als 18 Dreijährige werden zum Kampf um die 100 000 Mark am Z400-Meter-Start aufmarschieren. Als die berufensten Anwärter gelten allgemein Agathon(Pretzner), Dionys(Böhlke), Granville(Blume), Reichswehr(Haynes), Missouri (Zimmermann) und Priester(M. Schmidt). Radsport. Zum Kampf um das„Goldene Rad von Berlin" treten auf der O l y m p i a b a h n sieben Dauerfahrer an: Weltmeister Möller, Sawall, Krewer, Eonstant, Maronnier, Urago und Thollembeek. Segelflugrevue in Tempelhof. Am Sonntag werden der Ber- liner Bevölkerung im Rahmen eines Flugtages aus dem Flug- Hafen Tempelhos Darbietungen gezeigt werden, die für Berlin völlig neu sind. Der„F l a ch l a n d s e g e l f l u g t a g", der von der Berliner Flughafengcsellschaft zusammen mit dem Deutschen Luftfahrtoerband e. V. und der Segelflugschule Grünau im Riesen- oebirge veranstaltet wird, vereinigt einige der besten deutschen Segel- flieger, die alle heute üblichen Arten dieses zur Zeit besonders aktuellen Sportes, vorführen werden. Wolf Hirth, der vor kurzem seine Aufsehen erregenden Segelflüge über New Aork ausführte und vor«inigen Tagen drei Stunden über Breslau segelte, wird vor allem den Start von Segelflugzeugen mit Hilfe von Autos und Motorflugzeugen zeigen. Seine Darbietungen werden ergänzt durch Segelflüge von Bedau-Berlin und von Mcyer-Aachen, der sich als Segelflugzeugkonstrukteur besonders hervorgetan hat. Außer den Segelflugoorführungen werden die bekannten Kunst flieger Glardon-Hainburg und Weichclt-Münster ihre Künste zeigen. Das Programm wird ergänzt durch Fallschirmabsprung, Orchest«rtonzert uird ein abschließendes Feuerwerk. Beginn der Vorstellung 1ö.30 Uhr. Vühne-Zilm gegen Palelle-Feder betitelt sich ein Fußballkampf, den die Vereinigung„Oase" am Sonntag, 16 Uhr, im Poststadion veranstaltet. Bekannte Bühnengrößen und Filmschauspieler, Presse- leutc und Zeichner, sowie frühere„Internationale" wirken mit. Großer Preis von Ruhlebcn. Ruhkeben bringt am Sonntag in dem Großen Preis von Ruhleben eins der bedeutendsten Ereignisse des deutschen Trabersports. Beginn der Rennen 15 Uhr. Den Be- suchern wird Gelegenheit geboten, den Verlauf des Deutschen Derbys zu Hamburg in einer Rundfunkübertragung zu hören. Im Rundfunk hörten wir: „Arbcitslosenbetreuung durch Sport" lieber dieses Thema sprach der Geschästssührer W i l d u n g von der Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege im Berliner Rundfunk. Der Vortragende wies eingangs auf die Not der Erwerbslosen und besonders der erwerbslosen Jugend hin, deren Zukunft in trostloses Dunkel gehüllt sei. Es müßte alles getan werden, um den Jugendlichen über die Oede und Leere ihres Daseins hinwegzuhelfen. Dazu wären Spiel, Sport und Wandern hervorragend geeignet, denn sie bewahrten sowohl die körperlichen wie die seelischen Gelenke vor dem Einrosten. Es gelte, dieser Jugend einen Ersatz für die ihr verloren gehende Lebensfreude zu geben in Form von lustbctonten Hebungen aus dem grünen Rasen. Der Vortragende entwarf dann ein Bild von dem Uebungsplan und den entstehenden Kosten, das er besonders an dem Hamburger Beispiel erläuterte. Den Teilnehmern an den Hebungen, die wöchentlich zweimal je zwei Vormittagsstunden abgehalten werden, müssen Sportkleidung und Sportgeräte aus allgemeinen Mitteln zur Verfügung gestellt werden. Die Teilnehmer erhalten ihren Kontroll- stempel auf dem Sportplatz, so daß ihnen der Weg zur Stempel- stelle erspart bleibt. Während der Uebungen oder nachher muh ein Frühstück verabreicht werden: ebenso muß entstehendes Fahrgeld ver- gütet werden. Die Kosten sind aber im ganzen nicht sehr hoch. Preußen hat für die Betreuung der erwerbslosen Jugend 1 Mil- lion Mark zur Verfügung gestellt, die den einzelnen Landesteilen zugeteilt werdere. In Berlin hat sich unter dem Vorsitz von Stadt- schulrat N y d a h l ein Ausschuß gebildet, der mit der Organisation bereits begonnen hat. Der Vortragende glaubt, daß sich in Berlin eine vorbildliche Einrichtung schassen lassen werde. Voraussetzung sei natürlich, daß die erforderlichen Mittel befchafst werden können, wozu Aussicht vorhanden ist. I�otvrrsdpreis von Deutschland Der letzte Meldeschluß für Deutschlands bedeutendstes motorrad- sportliches Ereignis, den am 5. Juli auf dem Nürburgring stattfinden- den Großen Preis von Deutschland Hat die Zahl von 72 Konkurrenten ergeben, die sich zusammensetzt aus dem besten Fahrermaterial des In- und Auslandes. In der 250er Klasse starten 20 Bewerber, in der Klasse bis 350 Kubikzentimeter 17, in der Halbliterklasse ebenfalls 17 und in der großen Klasse 19. 21 Aus- ländern stehen 51 Deutsche gegenüber, aber dieses deutsche Ueber- gewicht wird durch die Qualität der Gäste bei weitem ausgewogen, denn alle Fahrer, die in den drei Läufen der diesjährigen englischen Tourist-Trophy auf den ersten sechs Plätzen endeten, starten auch im Großen Preis. Sie werden alles daransetzen, die in den letzten Jahren auf dem Nürburgring errungenen Siege erfolgreich zu verteidigen. �erhefeste in den Bezirken Kreuzberg und Friedrichshain Die Arbeitersportvereine des Bezirks Kreuzberg wickelten am Donnerstag Werbespiele ab, die sich eines regen Besuchs er- freuten. Während die Sportler aus dem Urbanplatz die letzten Vor- bereitungen trafen, wurden die Stafetten der Schwimmer, die aus zwei Läufern, einem Radfahrer und einem Schwimmer bestanden, an der Wiener Brücke abgelassen. Zuerst starteten die Knaben und die Frauenmannschaften der Schwimmunion, des ASV.-Kreuzberg und des SV. Möwe, nach zwei Minuten folgten die Jugend- und nach einer weiteren Minute die Männermannschaften. Die Läufer wurden an der Glogauer Ecke Reichenberger Straße von den Rad- fahrern abgelöst, die in schneller Fahrt durch die Reichenberger, Forster Straße und dem Kottbusser Ufer dem Ziele zustrebten. Der zweite Läufer setzte an der Manteuffelstraße ein und übergab dem an der Admiralbrücke wartenden Schwimmer den Stab, der ihn dem Schiedsrichter am Ziel beim Urbanhafen übergab. Darauf folgte ein Aufschwimmen, das von einem Wasierballspiel zwischen Union- Jugend und ASV.-Kreuzberg abgelöst wurde und das die Union als Sieger sah. Dann wurde den Zuschauern ein von zwanzig Frauenmitgliedern exakt durchgeführter Kunstreigen vorgeführt. Während die Frauen Pushball spielten, zeigten die Arbeitersamariter, wie sie zu jeder Zeit den Volksgenossen die erste Hilfe angedeihen lassen. Den Abschluß der Veranstaltung bildete das Wasserbollspiel Möwe gegen Union, das Möwe mit 3:0(1: 0) für sich entschied. Das schöne Wetter hatte etwa 5000 Besucher angelockt, die der Sonnenwendseier des Bezirks Friedrichshain des Kartells für Arbeitersport und Körperpflege beiwohnten. Umrahmt wurde die Feier von Veranstaltungen, an denen sich alle Kultur- und Sportvereine beteiligten. Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einem flott durchgeführten Handballspiel,„Proles" gegen „Berliner Schwimm-Union". Ein ausgeglichenes Spiel wickelte sich vor den Augen der Zuschauer ab, bei dem von Anfang an die Schwimmer etwas überlegen waren. Ihr gutes Zuspiel brachte Tor- erfolge, die Proles trotz Anstrengung nicht verhindern konnte. Resultat 1: 2<2: 1) für Union. Während des Handballspiels rüstete auch die Altersriege, die Faustballspiele zeigte. Die Turner voll- führten sehr gute Reck- und Barrenübungen. Großen Anklang fanden auch die Frauen- und Männerfreiübungen für Wien. Den Höhepunkt des Festes bildete dann die eigentliche Sonnenwendfeier, die mit dem Liede„Wacht auf", gesungen vom Berliner Volkschor, begann. Rezitationen, der Sprechchor der Naturfreunde und die Feucrrede des Stadtrats Günther folgten. Mit dem gemeinsamen Absingen der International« fand die Feier ihren Abschluß. �rheiter-�asserhsII-Zerie Neukölln-Mowc 5: 4 Der Neutöllnsieg kommt überraschend. Mit einigen neuen Leuten, die sich gut der Mannschaft anpaßten, gelang es den Neu- köllnern, den Gegner in den ersten Spielminuten förmlich zu über- rumpeln. Nicht ganz ohne Schuld der Möweverteidigung, von denen besonders der rechte Verteidiger trotz vieler Durchbrüche in der Ab- wehrarbeit nie recht auf der Höhe war. Das Spiel begann mit dem Anwurf Neuköllns. Der Ball wurde, zu weit vorgelegt, eine Beute der Verteidigung, die ihn weit in die gegnerische Spielhälste beförderte. Der Schuh des Mittelstürmers ging an die Querlatte und der Torhüter rettete. Der zurückgegangene Mittelstürmer Neuköllns spurtete mit dem zugespielten Ball gut durch und gab an den gut postierten Verbinder ab, der unhaltbar zum ersten Erfolg für Neukölln«insandte. Neukölln blieb auch weiter durch gutes Zuspiel leicht überlegen und konnte durch einen klaren Fehler der Möweverteidigung auf 2: 0 erhöhen. Möwe kam trotz guter balltechnischer Leistungen nur schwer gegen die von Glück begünstigten Neuköllner auf und mußte sich noch ein weiteres, im Alleingang erzieltes Tor des N.-Verbinders gefallen lassen, ehe der erste verdiente Gegenerfolg gelang, den der Neuköllner Torsteher verschuldete. Dieser spielte einen abgefangenen Ball seinem Verbinder zu kurz zu, der Mittelstürmer Mäwes erwischte den Ball und be- förderte ihn kurz entschlossen ins Netz. Bei einem Kampf vor dem Möwetor erwies sich ein Neuköllnstürmer als flinker gegenüber Tor- steher und Verteidiger und erzielte das vierte Tor für seine Mann- schaft. In der zweiten Halbzeit kam Neukölln mit viel Glück zu emem fünften Erfolg, und man glaubte kaum noch an eine wesent- liche Aenderung des Resultats. Doch das Unerwartete trat ein. Möwe riß sich mächtig zusammen und wurde bei nachlassenden Leistungen des Gegners klar überlegen. Mehrfach sauber angelegte Vorstöße der Hintermannschaft brachten in kurzen Abständen drei Erfolge ein, und nur der Schlußpfiff verhinderte das eigentlich verdiente un- fchiedene Resultat. Lrst kuschen— dann hetzen Ein schamloses Spartakiade-Flugblatt Wie die Kommunisten ihr der Polizei gegebenes Versprechen. ihre Spartakiade nicht der politischen Massenver- hetzung dienstbar zu machen, halten werden, davon liefert«in im westlichen Deutsck�and verbreitetes Flugblatt eine drastische Probe. Wir geben daraus folgende saftige Stellen wieder: „Die bürgerliche und die sozialdemokratische Sportbürokratie steht im faschistischen Lager. Ihr Ziel ist: Wehrhastmachung der sporttreibenden Arbeiterjugend für die fa° schistijchen Ziele des Kapitalismus.... Wo stehen die Arbeiter in den national- und sozialfaschistischen Sportorganisationen? Stehen sie bei den faschistischen Führern oder stehen sie bei ihren Klassengenossen, die um Brot und Freiheit kämpfen. Wo st e h e n die sozialdemokratischen Arbeitersportler? Stehen sie bei den Führern, die den Faschismus unterstützen durch Schießerlass«, die Brüning die Notverordnung bewilligten, oder stehen sie bei den roten Arbeitersportlern?... Wien oder Berlin? Wien ist das Sporttreffen der sozial- faschistischen Führer. Die Sportler sind Staffage, Ka- nonenfutter, das die Macht der Sozialfaschisten damon- striercn soll. Wien ist Wehrsport und Demonstration für Faschismus, Kapitalismus. Not und Hunger gegen das arbeitende Volk und für imperialistische Kriege. Die Rote internationale Sportspartakiade ist Wehr- spart gegen National- und Sozialfaschismus, gegen Kriegs- rüstungen, kriegerische Interventionen gegenSowsetunlvn. Wer diesen Leuten noch etwas glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen._ Sdimeling— Stribling Am 3. Juli steigt die Weltmeisterschatt Am 3. Juli wird im Cleveland-Stadion um die Schwer- gcwichtsweltmeisterschaft geboxt zwischen dem Titelhalter Max S ch m e l i n g und William Lawrence Stribling, beide etwa 170 Pfund schwer und je 1,82 Meter groß. Max Schmeling ist der neunte in der Reihe der Titelhalter, seine Vorgänger waren James I. Corbett, Bob Fitzsimmons, Jim Jeffries, Tommy Burns, Jack Johnson, Ieß Willard. Jack Dempsey und Gene Tunney.— alles ganze Kerle, die nicht nur sagten, daß sie jeden Gegner nahmen, sondern das auch taten. . Schmeling ist unter äußerst günstigen Umständen an die Spitze gekommen Als der„deutsche Dempsey" in Amerika auf den Plan trat, waren die besten Kräfte der amerikanischen Glanzperiode im Boxsport entweder abgetreten oder auf dem Abstieg. Schmeling hatte nach P a o l i n o— den Tex Rickard zu gern zum Weltmeister gemocht hätte— nur noch Risko und Sharkey als- gefährliche Hindernisse vor sich. Für Risko reichte es: in dem Titelkampf gegen Sharkey hat er sich nicht mit Ruhm bekleckert, diese Tatsache ist nun einmal nicht aus der Welt zu schassen, und wir wollen an- nehmen, daß er noch besseres zu leisten im Stande ist. Stribling ist ein guter Boxer, aber ein Gegner, bei dem der Deutsche noch Ansicht aller, die beide persönlich kennen, eine reelle Chance hat. Ob die 250 oder 300 Kämpfe, die der Amerikaner hinter sich hat, wirklich so schwer ins Gewicht fallen,— darüber kann man auch anderer Meinung sein. Sie beweisen u. a. auch, daß Stribling jede Ehauce zum Geld verdienen gründlich aus- genutzt hat: aber dafür ist er ja schließlich Berufsboxer. So ganz stubenrein ist er übrigens auch nicht. Er ist einer gut gemachten „Flasche" nickt abgeneigt, und für den Kampf mit Porath, den er in der ersten Runde k. o. schlug, wäre er in einem europäischen Ring disqualifiziert worden. Stribling hielt den Norweger mit der Linken fest und schlug ihn mit der Rechten ans Kinn. Immerhin ist die in der großen Zahl von Kämpfen gewonnene Erfahrung etwas wert, aber der kann Schmeling seine unverbrauchte Iugendkraft ent- gegenstellen. Des Deutschen augenblickliches Können und seine wirkliche Kampfstärke sind schwer festzustellen. Er hat zu lange pausiert, und Training und Kampf sind zwei grundverschiedene Dinge. Zuge- geben, daß er bei dem Sharkey-Kampf nicht auf der Höhe war, so haben die vier Runden, in denen der Amerikaner den Ton angab, sein Selbstvertrauen bestimmt nicht gestärkt. Schmeling schlägt eine schwere Rechte, ob er sie bei dem sehr geschickten Amerikaner an- bringen kann, ist eine andere Frage. Das Match ist ziemlich eben, ein klarer Vorteil ist für kcintN herauszurechnen. Entscheidend ist die Form des Tages: nach den Trainingsmeldungen sollen sich beide in glänzender Verfassung be- finden. Schmeling wird in besserer Form antreten, als vor einem Jahr gegen Sharkey. Andererseits verlautet, daß Stribling fest mit einem Siege rechnet: sein Vater soll schon Verträge vorbereiten für eine Tournee durch die Staaten, die sein Sohn als frischgebackener Weltmeister unternehmen wird. Für Schmeling ist der Ausgang des Kampfes von entscheidender Bedeutung, er muß die Zweifel, die man nach dem Abschneiden gegen Sharkey hegte, auf alle Fälle zu be- seitigen suchen und sich als würdiger Titelhalter erweisen. Das Zeug und die Mittel hat er dazu, aber wer siegen will, der muß zur Offensive übergehen, das Ist auch für einen Boxer oberster Grundsatz. Geschäftlich scheint sich die Sache gut anzulassen, bis Mitte Juni waren schon für 500 000 Dollar Karten verkauft, bei Preisen von 5 bis 25 Dollar. Max Schmeling wird aus dem Trainingscamp in Eonneaught Lake in Pennsylvania von Graham Monamee heute. Sonnabend, 23 Uhr, interviewt. Die Fund-Stunde wird oersuchen, das Zwie- aespräch im Programm der Aktuellen Abteilung zu übertragen. TB..Die Sohttfrcmbt". äRontoo, 29. In»,. 20 Uhr. Photogemeinkchaft, Stammatuppc: Iohannisstr. 15.— Malgcmeinschoft: Jugendheim Weangcl- steahe 1W.— Dienstag, zg. 20 Uhr. Arbeitslreiz der IUngeren: fflug- hafcnstr. 08.— Abt. ssricdcnau-Echvnebergi Ofscnbacher Str. 5a.— Abt. Ober- schSneweidei Jugendheim Laufencr Str. 2.— Abt. Norden: Eonnenbuiger Straße 20.— Abt. Friebrichshotn: Jugendheim Frankfurter Allee StN.— Abt. Wedding-Gefundbrunnen: Willd-nomstr. 5.— Abt. Osten: Jugendheim Ebertn- straße 12.— Abt. Humbvldthain, Etainingruvpe: Willdenowstr. 5, ab 18 Uhr.— Humboldthain, Ninbergruppe: Pank. Ecke Wiefenstraße, ab 17% Uhr oeitlagrr DöNnsee.— Abt. Hennigsdorf: Bljhowftr. 18.— Mitimoch. t. Juli, 20 Uhr. Jugendgruppe Osten: Frankfurlcr Alle« 807.— Abt. Friedrichshain: Werbeiund- gebnna des Sportkartclls 19 Uhr Sportplah Friedrichshain.— Donnerstag. 2. Inli, 20 Uhr. Abt. Tiergarten: Jugendheim Lehrter Str. 18—19.— Ratut. kundliche Abteilung: Iohannisstr. 15.— Abt. Roseirthaler Borstadt: Schule Weinmcistrrstr. 10-17.— Abt. Prenzlauer Derg: Danziger Str. 02.- Abt. Ciddivcst: Porckstr. 11, Raum 4.— Abt. Neukölln: Jugendheim Flughafenstr. 08. — Abt Lichtenberg:«Suntcrstr. 44.— Abt. Weißensee: Pistoriusftr. 24.— Abt. Streichorchester: Von 19 Uhr bei Weißenberger. S. 59, Freiligrathstr. 9. Tennis. Not Groh. Berlin. Abt. Neukölln. Treff zum Nast U-Bhf. Reichs- kanzlerplah»Zh Uhr, Nachzügler Sportforum. Sportkleidung und Schlager. ©pielrvcrboi! Arbeitcr-Schüßenbund, Abt. Pankow. Treffpunkt zum Rast 12 Uhr U-Phf. Blnctaploh. Kleidung: Weißes Hemd «s«. Wedding. Treffpunkt zum Rast 8-ch Uhr Retielbeckplaß. Freie Schwimmer llhorlottcnburg, Äanuabtcilung. Sonnabend. 27. Juni. Connenkwendfeier im Vootshaus. Sonntag, 28. Juni, fällt die angeseilte ktoot staute aus. Alle Mitglieder treffen sich um Jäü Uhr iu Weiß zum Ab- nrarnb nach dem Stadion im Vootshons. FTG». Margen Rast lPflichloeranstaltung). Antreten 14� Uhr Grüne- wald-Stadon in Vezirkskleidung mit Brufwbzeichen hinter Pereinsbanner.— Bezirk Rcinickendors-Oit: Morgrn Treffpunkt 1194 Uhr am Seebad lResidenz. straße). Meldung: Schmarze Hose, weißes Hemd.— Bezirk Westen: Morgen Treftplmkt 12�4 Uhr Bahnhof Bi» owstraße, Ausgang Potsdamer Straße. „ AS«- echcnebctg-Fiiebcnau 07. Zum Rast Schwiininadteilun« 12', i, Uhr Hochbhf. Vit. owstraße, Turner und Leichtathleten um 9 Uhr Untcrgrunbbahnhof Hauptstraße. Alle anderen lllzh Uhr Bhf. Ebersstroßr. All- Mitglieder be- tettigen nch�an dem Aufmarsch in der VcreinsIIeidung: Schroaez« Hofe, weißes Hcmb mit 8, Schwimmer: Rote Baehofc und Trikot. --------------- lDis einzige Ersatzkasse für sämtliche Berufszweige Ist die- Kranken- und Sterbekasse für das Eteufscbe Reich Inn Zalar«; 1««-» ttetfrttndm(l.l<*«lasrf elder Ersalzlcca«*«) Im Jatar« lOR4■'Un«'«' dje Versicherungspflichtigen und Nichtversicherungspflichtigen ausreichenden Krankenversicherungsschutz bietet H«Bma|»twerwaltfun£|: Berlin N 24, Oranienburg»«er Stfr. tf>? und 300 Verwaltungsstellen im Reich