Morgenausgabe Nr. 315 A 159 4S.Iahrgm Derwaltunaskommunique der Norddeutschen Woll- kämmerei und Kammgarnspinnerei, Bremen, angegebener, Verlust von 200 Millioner» Mark sind in- und ausländische Banken aus Grund ihrer Forderungen uberwiegend beteiligt. Dabei scheint es sich jetzt hcrauszustellcr», daß die Geschäfte der Ultra Mare vorzugsweise durch ausländische Banken, vor allem holländische und englische, zum Teil auch tschechoslowakische, gc- laufen sind, so daß die Verluste der ausländischen Banken in der Hauptsache auf die Transaktionen der Ultra Marc cntsallen. Die gesamten Banken gläubiger sollen bekanntlich auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Wie weit dieser Aussoll zu gehen hat, hängt von den Verhandlungen ab, die gegenwartig noch über die Beschaffung von 50 Millionen Mark neuen Mitteln geführt wurden. Es hatte den Anschein, daß die in dem Verwaltunaskommuniquä erwähnte Interessenten- g r u p p e daraus dringt, daß die Bilanzbcreinigung durch die vollständige Abschreibung der Tochtergescll- s ch b f t c n vor sich geht. In diesem Zusammenhang schreibt die„W c s e r» Z e i t u n g", daß sie von keinem Geheimnis spreche, wenn sie als die erwähnte Jnteressentengruppe das Reich ansehe, das sich über die Reichs- bank unter den skizzierten Bedingungen bereit erklärt habe, die SO Millionen Mark neuen Rkittcl cinzuschießen, oiis Gründen, die auf der Hand liegen. Es will unter ollen Um- ständen einen Zusammenberuch des Nordmollekonzerns mit seinen unabsehbaren Folge,, für die deutsche Wollindustrio, den deut- schcn Kredit und den deutschen Arbeits markt ver- hindern... Zu dieser Meldung teilt das„Berliner Tageblatt" mit: Auf unsere Rückfrage zu dieser Meldung wird uns von der Danat- bank erklärt, ihr sei von dieser Transaktion nichts bekannt. » Es wäre der Höhepunkt des Nordwolle-Skandals, wenn in dein Augenblick der Bildung eines p r i v a t w i r t- s ch a f t l i ch e n Garantiesyndikats das Reich den größten Gegenwartsskandal dadurch für den ausländischen Kredit Deutschlands ungefährlich machen muß, daß aus äffen t- liehen Mitteln Auslandsgläubiger befriedigt werden müssen. Sieht so die R e t t c r f u n k t i o n der„deutschen Wirtschaft" aus? Keine Verhandlungen Danat-Bank-Geichs- Kredit-Gesellschast. Wie die Reichs-Kredit-Gesellschoft A.-G., Berlin, dem WTB.- Handelsdienst mitteilt, ist die von einer hiesigen Korrespondenz verbreitet- Nachricht über Verhandlungen Zwischen der Danat-Bonk und der Reichs-Kredit-Gesellschast völlig aus der Luft gegriffen. Roch immer kritische Devisenlage. Di« Lage auf dem Geldmarkt hat sich trotz der Aktion der Industrie und der Banken gestern in keiner Weise erleichtert. Die Reichsbonk mußte wieder mit einem Betrage von et w a 4 5 Millionen Mark die vovhondene Devisennachsroge ausgleichen. Die Erleichterung gegen vorgestern ist also recht gering. Der Dollarkurs bewegte sich eher über als unter dem Goldpunkt. Für Tagesgeld wurden teilweise sogar Zinssätze angelegt, die noch üb e r denen vom kritischen Junischluß lagen. Die Lage aus dem Geldmarkt ist und bleibt also nach wie vor außer- ordentlich gespannt. Roch 3,96 Millionen Arbeitslose. Enilafiung im Juni auf 9�000 Personen zurückgegangen. Auch in der zweiten tzunihälfte hat auf dem Arbeitsmarkt nach dem jetzt vorliegenden Bericht der Reichsanstalt die E n l l a st n n g noch angehalten. Das Tempo der Besserung hat sich jedoch ganz erheblich verlangsamt. 3n der verichtszeit vom lS. bis Zl>. 3uni verringerte sich die Ab- nähme der Erwerbslosigkeit bis aus 38 000 Personen, womit die Gesamtzahl der Erwerbslosen in Deutschland aus 3 962 000 Per- s o n c o sank. Infolge der verschärften Bedingungen ging die Zahl der hauptuntcrstuhungsempsänger der Arbeitslosen- Versicherung durch die zahlreichen Aussteuerungen in ivcitaus größtem Umfange zurück, und zwar verringerte sich die Zahl um 62 000 auf insgesamt l 414 000 Personen. Die Srisensürsorgc hatte einen geringen Zuwachs von 6000 Personen zu verzeichnen und erreichte damit den Staad von 940 000 krisenunterstühten. Die Zahl der bei den Arbeitsämtern anerkannten Wohlsahrtserwerbslosen betrug am letzten Stichtag Ende Mai 1 004 000 Personen. Nach den bisher vorliegenden Berichten hat sich die Zahl der wohlsahrts- rrwcrbslosen wenigstens in Preußen im Lause des letzten Monats ein wenig vermindert. Seit dem lleberschreiten der winterlichen höchstarbeilslosigkest ist der Arbeitsmarkt in Deutschland iosgesaml um rund 1030 000 Erwerbslose entlastet worden, während in der gleichen Zeit des Borjahrcs bei allerdings erheblich geringerer Arbeitslosigkeit im Winter die Gejamtentlaslung nur 725 000 Personen umfaßte. Die lleberlagerung gegen 1930, die im März l,75 Millionen betrug. ist jetzt bis auf l,32 Millionen gesunken. Die folgende Tabelle zeigt, in welchem Umfang sich die Besserung wis dem Arbeitsmarkt in den einzelnen Monaten durchsetzte. Die Abgänge auf dem Arbeitsmarkt betrugen: 1931 1930 bis 31. März........— 226 000— 325 000 „ 30. April........— 360 000— 254 000 . 3t. Mai........— 291 000— 152 000 . 30. Zuni........— 91 000+ 7 000 Bei ciuein vergleich mit dem vorigen üahr zeigt sich, daß iu- folge der Ausdehnung der Krise die Entlastung schon im Mai nur etwa halb so stark war wie im Mai dieses Jahres. Der Zuni 1930 braästc sogar schon wieder ein leichtes Zln st eigen der Ar- bestslosigkeil. während im Juni 193l immerhin noch über 90 000 2lrbe>»slose wieder eingestellt werden konnten. Wenn auch kein Grund vorliegt, bai einer Zahl von 3,96 Millionen Arbeitslosen diese Est- wicklung auch nur als annähernd befriedigend anzusehen, so bleibt sie doch immerhin beachtlich. Stellt man die Tatsache in Rechnung, daß in diesem Frühjahr der Baumarkl wegen der anhaltenden Finanzierungsschwierigkeiten die Saisonentlastung nur in ganz un- genügendem Maße gefördert hat. so tritt bei der Entlastung des Ar- beitsmarkles deutlich in Erscheinung, daß der Tiefstand der Krise überwunden ist und sich in einzelnen Teilgebieten der Wirtschaft nicht nur die übliche saisomnößigc Besserung, sondern auch eine leichte konjunkturelle Belebung durchsetzen konnte. Ob diese ersten Keime der Besserung durch die finanziellen wirren der letzten Woche« erstickt wurden, oder ob das Inkrafttreten des hoover-planes sowie die Aufnahme neuer Anslandskredite stark genug sind, diesen Rückschlag mehr als auszugleichen, muß erst die Entwicklung der nächsten Monate zeigen. Im einzelnen sogt der Bericht der Reichsanstalt, daß die Land- Wirtschaft in den meisten Bezirken die im Frühsommer regel- mäßig eintretende stille Zeit überwunden hat. Jugendliche Arbeits- kräfte waren nach wie vor stark geftagt. Auch im Steinkohlen- b e r g b a u scheint endlich die Abbauwelle zum Stillstand gekommen zu sein. Allerdings blieb die Zahl der Feierschichten unverändert hoch. Besser sieht die Lage im Braunkohlenbergbau aus. Die Bautätigkeit hat sich etwas besser gehalten, als man nach dem Stande vom Anfang Juni erwarten konnte. Allerdings ist von einer suhlboren Entlastung des Arbcitsmarktez der Bausacharbeiter bei dem überaus starken Andrang noch nicht die Rede. Gestützt wurde der Baumarkt im Juni überwiegend durch die ländlichen Bezirke, in erster Linie durch Siedlungsarbeiten. Auch in der M e t a l l v e r- a r b e i t u n g hat sich endlich eine leichte Besserung, wenn auch unter vielen Schwankungen, durchgesetzt. Bemerkenswert blieb, daß die Baumwollindustri« weiterhin Arbeitskräfte in größerem Ilmfange aufnehmen konnte. Auch Neueinstellungen bei der Reichsbahn brachten dem Arbeitsmarkt des Berkchrsgewerbes eine gewisse Entlastung. Weitere Verschlechterung in England. Seit Anfang Mai 465 ovo Arbeitsuchende mehr. London.?. Zuli Ja Großbritannien hat sich die Lage aus dem Arbeitsmarkt in der zweiten Znnihälsle zusehends verschärst. Die Arbeilslosenzahl stieg um 57 000 aus 2 684 900 Personen. Diese Zahl entspricht einer Arbeitslosigkeit in Deutschland von 3L Millionen. Seil Ansang Mai bereits stockt die saisonmähiac Entlastung in England und der Zugang an neuen Arbeitsuchenden stellte sich in den beiden letzten Monaten aus säst ISS 000 Personen. Das Garantiesyndikat. Hintergründe und Motive der Industrieaktion. Tausend deutsche Großunternehmungen mit zusammen rund 20 Milliarden Vermögenswerten haben sich gemeinsam in einem Schreiben an den Reichsbankpräsidenten bereit erklärt, gegenüber der Golddiskontbank eine Garantie von zu- sammen 500 Millionen Mark zu übernehmen, die nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel auf die einzelnen Großunter- nehmungen umgelegt werden sollen. Die Golddiskontbank ist ein Tochterunternehmen der Reichsbank, Hauptaktionär ist die Reichsbank, Dr. Luther ist gleichfalls ihr Präsident. Die Verwaftung der Golddiskontbank wird aber entscheidend von der Großindustrie und den Großbanken beeinflußt. Die Aus- führungsbestimmungen der bereits erlassenen ent- sprechenden Notverordnung stärken den Einfluß der Privatwirtschaft noch. Ein siebenköpfiger Ausschuß, berufen von Dr. Silverberg und Dr. Luther, hat über Kreditgcwäh- rungen der Golddiskontbank zu bestimmen. Voraussetzung für die Wirksamkeit der Garantie ist natürlich, daß die Be- schafsung neuer ausländischer Anleihen gelingt. Die Gold- diskontbank soll über ihre jetzige Funktion der Exportsinanzie- rung hinaus zu einer größeren Aktionskraft gebracht werden, sie soll weitere ausländische Kreditabziehungen in Deutschland verhindern und langfristige Auslandsanleihen beschaffen. Wir begrüßen jeden Schritt, durch den wirksam die Kredit- und Vertrauenskrise bekämpft wird, unter der keine Gruppe furchtbarer leidet als die Arbeiterklasse. Es ist aber not- wendig, die Hintergründe und Motive dieser Kredit- sicherungsaktion klarzustellen. Das bestimmte Motiv ist nicht eine Hilfe für den bedrängten Staat und das darbende Volk — das deutsche Volk hat von den Tagen der Inflation bis zur letzten Notverordnung die Bereitschaft des Großunter- nehmertums zu Opfern für den Staat und ihre Hilfsbereit- schaft gegenüber den breiten Masten der Bevölkerung zur Gc- nüge kennengelernt—, sondern H il fe für sich selb st, Abwendung der Gefahren, die jetzt bereits oder bei Fortgang der Kreditkrise auch den größeren Unternehmungen drohen. An der Verschärfung der Kreditkrise tragen aber die- jenigcn Unternehmerkreise, die jetzt am lautesten ihre vater- ländische Gesinnung rühmen und rühmen lassen, ein hohes Maß der Mitschuld. Sie waren die treibenden Kräfte der falschen Wirtschaftspolitik, der schädlichen Lohn- und So- zialabbaupolitik, die die Konsumkraft der Masten ausgehöhlt, die Wirtschaftskrise verschärft hat, sie haben nicht zu Mil- derungen der innen- und außenpolitischen Spannungen bei- getragen, im Gegenteil, sie eher noch gefördert und somit die Verschärfung der Vertrauenskrise heraufbeschworen. Die Kette großer Kapitalverluste durch Fehldisposftionen, durch unverantwortliche Handlungen leitender Wirtschaftsfllhrer, die letzte Affäre, der Zusammenbruch des Norddeuffchen Wollkonzerns, haben weiterhin den Kredit und das Ansehen der deutschen Wirtschaft im Ausland schwer erschüttert. Angesichts dieser in hohem Maße mitverschuldeten Si- tuation haben die Großunternehmungen diese Aktion zur gemeinwirtschaftlichen Sicherung ihrer Kredite und als Versicherung gegen die Auswirkung eigener Fehler ein- geleitet. In dem Brief an den Reichsbankpräsidenten wird pathetisch betont, daß die Großunternehmungen sich des großen Obligos ihrer Garantie bewußt wären. Auch hier scheint es notwendig, die Größenordnung dieses Obligos, das,' wie gesagt, in erster Reihe aus rein privatwirtschastlichcn Erwägungen von den Unternehmungen eingegangen wird, ins r i ch t i g e L i ch t zu stellen. Im Durchschnitt belauft sich, da 1000 Großunternehmungen mit mehr als 5 Millionen Mark Betriebsvermögen sich an der Haftung beteiligen, die Haftungssumme im rohen Durchschnitt eine halbe Million Mark, für die kleineren und mittleren Konzerne ist sie natur- gemäß noch wesentlich geringer, für die Großkonzerne und Riesenunternehmungen höher. Wenn man bedenkt, daß die deutschen Banken und Industriekonzerne in den letzten Jahren vielfach in viel größerem Umfange Kreditgewährun- gen, Bürgschaften, Beteiligungen usw. übernommen haben, die sich nachher als wenig fundiert erwiesen, wird man die hier übernommenen Garantien zur Erhaltung und Stärkung der eigenen Kreditbasis wirklich nicht als großes Solidaritäts- opfer darstellen können. Wir hoffen, daß sich diese Garantiekonstruktion als eine wirkungsvolle Kreditbasis erweist. Wir möch- ten aber gleich betonen, daß uns die Ueberwindung der Ver- trauens- und Kreditkrise an zwei Voraussetzungen geknüpft erscheint: die außenpolitische Entspannung und die rücksichts- lose Beseitigung der offen zutage getretenen Mißstände der Wirtschaftsführung, eine weitreichende Kontrolle und Ueberwachuug der großen Wirtjchaftstörpe� emea Surs- Wechsel in der Wirtschaftspolitik, die nicht aus Schwäche Fehlerquellen auf Kosten der Gesamtheit fortbestehen laßt, sondern die auf eine wirkliche Gesundung der Wirtschaft abgestellt ist. Wenn wirklich die Golddiskontbank zu einem breit an- gelegten Kreditinstrumcnt ausgestaltet werden soll, so wird die öffentliche Kontrolle wesentlich zu ver- st ä r k e n sein. Es darf keineswegs geduldet werden, daß sich 1000 Großbetriebe letztlich unter Einsatz des Kredits der Reichsbank, die erforderlichen Kapitalmittel sichern, dagegen die Hunderttausende von Mittel- und Klein- betrieben mit voller Wucht weiter von der Krcdittrise betroffen werden. Mit größter Entschiedenheit muß es aber zurückgewiesen werden, wenn man in Unternehmerkreisen jetzt die Stirn hat, an diese Bildung eines Garantiesyndikats zur Befesti- gung des eigenen Kredits des Großkapitals p o l it i s ch e Forderungen zu knüpfen. Die ,,DAZ." erdreistete sich, davon zu sprechen, daß die Wirtschaft„jetzt in die Bresche springt" und verlangt als Belohnung hierfür eine neue schöp- ferischc Gestaltung der gesamten Innen- und Wirtschafts- Politik, das heißt politische und materielle Konzessionen. Nicht das deutsche Unternehmertum, sondern die b r e i- t e n Massen der Bevölkerung mußten für die Fehler der großkapitalistischen Wirtschaftsführung zur Rettung der Reichsfinanzen die größten Opfer bringen. Nicht die. deutschen Großbanken, sondern die R e i ch s b a n k hat unter eigenen größten Anstrengungen und unter Mithilfe des Auslands die ärgsten Gefahren der Kreditkrise, für deren Verschärfung das deutsche Unternehmertum mitverantwortlich ist, abge- wendet. Auch wir hoffen, daß durch großzügige Kredittrans- aktionen aufs rascheste die akute Kreditkrise gebannt wird; wir sind uns aber darüber im klaren, daß eine wirkliche Gesundung erst eintreten wird, wenn die Regierung sich von ihren falschen wirtschaftlichen Methoden abwendet, sich aus ihrer Abhängigkeit vom Großkapital und der politischen und sozialen Reaktion befreit und gegen die vorhandenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Mißstände durch weit- reichende Reformen und Kontrollen ener- gisch durchgreift. Wortlaut der Notverordnung. Zur Durchführung der Kreditaktion der Banken- und Industrie- firmen— die sie am Dienstag abend in einem Brief angeboten hatten— erläßt die Rcichsregierung eine besondere Notoerordnung, durch die die gesetzlichen Befugyisse der Golddiskontbank erweitert werden. Verordnung des Reiehspräfi-denten über die Schaffung einer Wirft chnstsgarantie vom 8. Juli 1981. Auf Grund des Artikels 48, Absatz II der Reichsverfassung wird entsprechend der Anregung namhafter Träger des deutschen Wirtschaftslebens folgendes verordnet: § 1. Die Reichsregierung wird ermächtigt, durch Rechtsver- ordnung in Anlehnung der Vorschriften de» Aufbrlngungsgesehes vom ZO. August 1924 die danach ausbringungspslichtigen Unternehmer, deren Betriebsvermögen 5 Millionen Mark übersteigt. anleilhast zu verpflichten, die Hastung bis zum Gesamtbeträge von S00 Millionen Mark für etwaige Ausfälle aus Kreditgeichästen zu übernehmen, welche die deutsche Golddiskontbauk im Interesse der Ausrechlerhalluvg des deutschen Auslandskredils läligl. Die Reichsregierung erläßt die näheren Vorschriften. Sie kann mit der Durchführung treuhänderischer Aufgaben die Bank für deutsche Zndustrieobligationen in Ergänzung der ihr im§? des Zndustricbankgesehe» vom ZI. März 1931 zugewiesenen Aufgaben betrauen. 8 2. Diese Verordnung tritt mit dem Tage der verkündung in Kraft. Reudcck,«. Zuli 19Z1. Reichspräsident von Hindenburg. Oie Durchführungsbestimmungen. Nach den Durchsührungsbestimmungen zur Notverordnung er- streckt sich die Haftung für den Garantiesonds der Golddiskontbank auf alle Unternehmer und Unternehmungen mit einem Betriebs- vermögen von mehr als 5 Millionen Mark, die nach dem Auf- bringungsgesetz vom 30. August 1924 sür die Industrieb elaswng ausbringungspslichtig waren. Die Haftung aus dem Garantiefonds tritt nur ein für Kreditgeschäfte, die innerhalb von zwei Iahren nach Inkrafttreten der Notoerordnung abgeschlossen werden. Der Reichs- bankpräfident hat einen Ausschuß von 7 Mitgliedern zu berufen, der als Vertretung der haftenden Unternehmer bei den Kreditgeschäften mitzuwirken hat. Bemessungsgrundlage für die Haftung ist jeweils das bei der Aufbringungsumlage zugrunde gelegte Bctriebsver- mögen. Die im Garanticfall umgelegten Beträge find an die Bank sür deutsche Jndustrieobligationen abzuführen, die der Deutschen Golddiskontbank die Ausfälle zu vergüten hat. Günstiges Aussandsecho. Die großen N o t« n i n st i t u t c, wie die Bank von England, die französische Staatsbank, amerikanische Banken von Wellruf und andere große Geldinstitute beabsichtigen, wie der„S o z. Presse- dien st" erjährt, zu der Bildung eines deutschen Ga- rantiesyndikats eine Erklärung abzugeben, in der u. a. ge- sagt werden soll, daß Deutschlands Vertrauen in der Welt jetzt neu gestärkt sei. Man erwartet von dieser Erklärung eine weitere Stabilisierung des deutschen Geldmarktes. Kommunistische Floiienpropaganda. Aei dem englischen Mannebesuch in Kiel. kiel, 8. Juli. Nach der Meldung eines hiesigen Blattes sind in der vergangenen Nacht von Kommunisten an verschiedenen Stellen der Stadt P l a- kate in englischer Sprache angeschlagen worden, in denen unter Mißbrauch des Namens der Besatzung des Linienschiffes „Hessen" eine angebliche„Bordkommune Hcstsen" die eng- tischen Matrosen, die hier zu Besuch weilen, mit„Rot Front" be- grüßte und zum gemeinsamen Kampf mit der russischen Armee für den Weltkommunismus ausforderte. Die Plakate wurden von der Polizei sofort entfernt. Man ist den Tätern aus der Spur. Angehörige der Rsichsmarmc haben, wie das Blatt meldet, nnt der Angelegenheit nichts zu tun. „Deutschland Englischer Appell an London. S. Zuli(Eigenberuhf.) Der„Daily herald" wendet sich in seiner Donnerstag- Ausgabe unter der lleberfchrift„Deutschland kann helfen" mit folgendem Appell an die Reichsregierung: „Niemand hat in England nur einen Augenblick daran ge- dacht, von Deutschland einen politischen preis für die ihm gewährte Hilfe zn verlangen. Eine derartige Forderung würde man in England mit Mißfallen ansehen. Nichtsdestoweniger ist es wahr, daß die Welt weit gegangen ist, um Deutschland zu Helsen, und es ist ebenso wahr, daß Deutschland es in der Hand Hai. der weit während der nächsten 12 Monate eben- falls zu helfen. Man könnte sich z. V. keinen hilfevolleren Beitrag zur Abrüstungskonferenz denken, als eine spontane Erklärung der deutschen Regierung, daß mit Rücksicht auf die finanzielle Lage alle Arbeiten an den neuen Schlachtschiffen bis nach der Konserenz eingestellt werden sollen. Man könnte sich weiterhin keinen besseren Beitrag zu den Wirtschaftsverhandlungen denken, als die Versicherung, daß das Projekt der Zollunion nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem gesamteuropäischen Wiederaufbau belricben werden soll." * 4 Wer über die Stimmung in den maßgebenden englischen Kreisen einigermaßen orientiert ist, der kann sich über die Bedeutung und den Ernst dieses Appells nicht täuschen. Der„Daily Herald" wird hier häufig übertriebener- weise als regierungsoffiziös bezeichnet, weil er die einzige Tageszeitung ist, die die Politik der regierenden Labour- Party vertritt. Aber indiesemFalle spiegelt der Artikel des„Daily Herald" zweifellos die Meinung der Regie- rung wider. politische Zusicherungen in Paris wiederholt. Paris, 8. Juli.(Eigenbericht.) Der deutsche Botschafter von Hoesch hotte heute abend in Abwesenheit des Außenministers Briand mit dem Ministsrprösi- denten L a v a l eine Unterredung, die sich auf die nach der fran- zösisch-amerikanischen Einigung über den Hooverschen Vorschlag zu unternehmenden Schritte bezog. Der Botschafter gab im Laufe der Unterredung der Befriedigung der Reichsregierung darüber Ausdruck, daß nach der in Paris erfolgten Einigung der Hooverfchc Vorschlag jetzt von allen Mächten angenommen worden ist. Außerdem übergab er dem Ministerpräsidenten den Text der vom Reichskanzler Brüning am 2. Juli gegenüber der amerika- nsichen Regierung abgegebenen Erklärung, betreffend die V e r w e n d u n g der durch den Zahlungsausschub verfügbar gewordenen Summen und der gestern von der Reichs- regierung veröffentlichten K u n dg e b» n g an das deutsche Volk. Es ist zu haften, daß die französische Regierung und die öfteptliche Meinung diese freiwillige Geste der Reichsregisrung anerkennen und nicht noch weitere Garantien für die Per- Wendung der Gelder verlangt. Londoner Expertenkonferenz am-l?. Juli. � Londou, 8. Juli.(Eigenbericht.) England hat dem französischen Wunsch zugestimmt, den Regie- rungcn als Datum für den Beginn der Londoner Experten- k o n f e r e n z den 17. Juli statt des ursprünglich ins Auge ge- saßten 13. Juli vorzuschlagen. Es ist beabsichtigt, auch Amerika zu der Konferenz einzuladen. Die gesamte Londoner Presse betont am Mittwoch, daß während des Feierjahres Verhandlungen über eine Neuregelung de» internationalen Schuldenproblems stattfinden muß- ten. Man würde diese Frage in England am liebsten sofort aufrollen. Nicht zuletzt deshalb sollen die Londoner Verhandlungen auf ei»glischer Seite von den M i n i st e r n Henderson, Snowden und Graham geführt werden. An dem Berliner Besuch der englischen Staatsmänner ändert sich durch die Londoner Konferenz, wie hier von zuverlässiger Seite erklärt wird, nichts, Mißtrauen in Paris. Paris, 8. Juli.(Eigenbericht.) Die französische Rechtspresse ist über die in Aussicht stehenden neuen internationalen Konserenzen und Verhandlungen sehr beunruhigt. Sie befürchtet, daß Frankreich„n o ch weitere Opfer" auferlegt werden sollen. Vor ollem ist der Rechtspresse die Wahl Londons als Konferenzort nicht genehm. Die französischen Vertreter seien dort zu isoliert und könnten daher dem Schatzkanzler Snowden, von dem man die gleiche Unnachgiebigteit erwartet wie im Haag, nicht mit der notwendigen Festigkeit entgegentreten. Die meisten Ge- fahren werden jedoch von der von der Londoner Regierung vor- geschlagenen Konferenz der Rcgierungs Vertreter befürchtet. Das„Journal des Debats" erklärt, man würde sich aus dieser Kon- ferenz zweifellos bemühen, unter dem Deckmantel einer Revision mit der Zerstörung des Poung-Planes zu beginnen. Darauf lasse auch die Washingtoner Meldung schließen, nach der Amerika, falls der Plan Hoovers nicht die erwarteten Wirkungen haben sollte, eine Revision des Kriegsschulden- und Reparationsproblems im nächsten Jahre zu beantragen beabsichtige. Das bedeute, so meint das Blatt, daß man Frankreich auffordern werde, gegen die Strei- chung der Kriegsschulden aus die Reparationen zu verzichten. Z�iese Kombination wäre für Frankreich vernichtend, da zwischen beiden Elementen keine Gleichheit bestehe. Der„Temps" äußert ähnliche Befürchtungen und verlangt, daß. wenn eine solche Konserenz ein- berufen werde, vorher ihr Programm genau festzusetzen sei. Mit besonderem Mißtrauen verfolgt die Rechte auch die Reise des amerikanischen Staatssekretärs Stimson, der heute in Rom eingetroffen ist und der, wie man hier vermutet, bei seinen Verhandlungen mit den italienischen Ministern das Flottenabrll st ungs Problem zu regeln versuchen werde. Da Stimson von Rom nach London und dann erst nach Paris zu reisen beabsichtigt, befürchtet die„Libcrle", daß er sich mit der ita- lienischen und der englischen Regierung über die Flottenabrüitung verständigen und Frankreich zur Annahme der gefundenen Lösung kann helfen?" die Reichsregierung. zwingen werde. Frankreich müsse also mißtrauisch- sein und sich das Pariser Abkommen zum Beispiel nehmen. Besonderer Dank an Mussosiim? Die Wege der deutschen Diplomatie sind oft wunderbar. Kaum ist der Hoover-Plan durch die Zustimmung Frnnkreichz in Krast getreten und schon läßt der Reichskanzler Dr. Brüning durch den italienischen Botschafter in Berlin ein besonderes Dank- schreiben dem italienischen Diktator Mussolini überreichen. Warum gerade Mussolini? Weil er, im Gegensatz zu Frank- reich, dem Hoover-Plan so schnell zugestimmt hat? Gewiß, ober nach schneller hatte England seine Zustimmung gegeben, wie überhaupt die 5looversche Aktion zum großen Teil auf die Initiative und die dringenden Borstellungen der englischen Arbeiterrcgierung in Washington zurückzuführen ist. Das weiß die ganze Welt. Trotzdem hat man von einem beson- deren Dankschreiben Dr. Brünings an Macdonald bisher nichts erfahren. Es ist notwendig, einer Lcgend-e entgegenzutreten, die bereits durch die deutschnationale Presse aus durchsichtigen Gründen lanciert worden ist und die durch das Schreiben des Reichskanzlers genährt werden könnte: Nämlich der Legende, als ob dem Fa- schistcnhäuptling ein besonderes Verdienst an der Hoaver-Aktton zugunsten Deutschlands gebühre. Herr Hugenborg ist bereits so weit gegangen, in einer Rede die Namen Hoover und Mussolini in gleichem Atemzuge zu nennen. Das ist lächerlich. Mussolini spielt in dieser ganzen Affäre die Rolle des fünften Rades am Wagen, und wir sehen nicht ein, warum die Reichspolitik sich dazu hergeben muß, sein innerpolitisch e-s Reklame- bcdürfnis zu befriedigen. Das hätte man gerade von dem katholischen Reichskanzler Brüning nicht erwartet in einem Augenblick, in dem der Pap st dem Faschismus unerbittlichen Kampf angesagt hat. Daß die französische Regierung sich in dieser Angelegen- heit Deutschland gegenüber sehr ungeschickt verhalten und da- mit im deutschen Volke tiefe Mißstimmung hervorgerufen hat, ist hier wiederholt betont worden. Das besondere Dankschreiben an Mussolini gewinnt unter diesen Umständen eine vielleicht gar nicht einmal beabsichtigte außenpolitische Bedeutung, als wollte die Reichsregierung Italien attestieren, wie vornehm es sich im Gegensatz zu Frankreich verhalten habe. Oder sollte man mit diesem Schreiben eine solche Geste doch beabsichtigt haben, wollte man die Franzosen für ihre renitente Haltung durch einen demon- strativen Dank an Italien„bestrafen"? Das wäre eine recht kin- dische Politik, zumal jeder objekttoe Beurteiler wird zugeben müssen. daß eine glatte Zustimmung zum Hoover-Plan Mussolini ungleich leichter sollen mußte als der Regierung Lavol: einmal, weil die Opfer, die damit Frankreich zugemutet wurden, gar nicht zu vergleichen waren mit den sogenannten„Opfern" Italiens, außerdem aber auch, weil Laval mit einem Parlament rechnen mußte, in dem der wildeste Nationalismus stark vortreten ist, weih- rend der römische Diktator bis auf weiteres niemandem Rechenschaft schuldet. Ganz besonders mißfällt uns der Satz in Brünings Brief, wonach die Befriedigung des deutschen Volkes über Italiens Zu- sttmmung um so größer fei, als es die O p f c r kennt, die Italien infolge- dieser Zustimmung bringen mußte". Erstens sind diese Opfer lächerlich gering, namentlich im Vergleich zu dem Opfer Amerikas, Englands und Frankreichs. Zweitens ist es überhaupt ein Skandal, daß Italien, das gegen dos ver- bündele Deutschland in den Krieg gezogen ist, nur um Gebiete Oesterreichs zu erobern, gar noch„Reparationen" von Deutschland bezieht. Durch das Schreiben Brünings, in dem Italiens„Opfer" besonders bezeugt werden, wird der Eindruck erweckt, als hätte Italien irgendein moralisches Recht auf deutsche Tributzahlungen. Wenn es ober ein Land gibt, bei dem das nicht der Fall ist, so ist das wohl Italien. Schon aus diesem Grunde müssen wir in diesem Schreiben alles eher denn ein Musterbeispiel von n a t i o- naler Würde erblicken. Zuspitzung in Rom. Faschistenpresse für Kündigung des Konkordats. Rom, S. Tuli.(Eigenbericht.) Die S p a n n u n g z w i s ch e n V a l i k a n und der italienischen Regierung hat sich nach dem jüngsten päpstlichen Rundschreiben so verschärft, daß die römische presse am Tttittwoch offen von der eventuellen votwendigkeit spricht, das Konkordat zu kündigen bzw. völlig aufzuheben. Auch in Regiernngskreisen erklärt man, daß da» päpstliche Rundschreiben eine neuen nd unerwar- tete Lage geschaffen habe. Scharfe Presseangriffe gegen den Papst. Rom. 8. Juli. Die E n t r ü st u n g über die jüngste Enzyklika des Papstes ist in der faschistischen Presse noch im Zunehmen begriffen, durch das im Auslande und besonders in den oittifaschisttschen Kreisen hervorgerufene zustimmende Echo. Die Regierungskreise bezeichnen a. als schweren Irrtum Pius' Xl., die Enzyklika zwei Tage vorher im Ausland verbreitet zu haben und damit die internationale Solidarität gegen das faschistische Regime anzurufen.(Das Dokument wurde in der Tat zunächst durch Sonderkuriere nach Paris und München überbracht und dort veröffentlicht. Red.) Die Italiener müßten sich schon durch dieses Borgehen verletzt fühlen, da ihre Eigenliebe nichts mehr verletze, ata die fremde E-rnmischung in ihre Angelegenheilen. Die päpstliche Anrufung der inlernattonolen So- lidacität gegen den faschistischen Staat könne nur tiefes Bedauern und Proteste hervorrufen, und es fei nur der Disziplin des faschisti- schon Regimes zu verdanken, wenn die Reaktion nicht in Tätlich- leiten ausartete. Pius XI. habe vergessen, daß die Mehrheit der Italiener keine päpstliche Einmischung in die poli- tischen Angelegenheiten wünsche und daß eine klerikale Partei in Italien immer die Bildung einer antiklerikalen Partei hervor- gerufen und gerechtfertigt hätte. Veränderungen im Reichstag. An Stelle des Abgeordneten Dr. Georg Bellmann, der sein Mandat niedergelegt hat, tritt der Bolksschullehrcr Alfred Baum, Brunndöbra i. Voqtl.(Deutsche Valk-partei) und an Stelle des Abgeordneten Ernst Rcmke, der fem Mandat niedergelegt hat. tritt Frau Hanna Sandtner, Stenotypistin, Berlin(Kommimisttsche Partei), in den Reichstag ein. Nr. 3i5* 45. Iahrgang 1. Beilage des Vorwärts Oonnersiag, 9. Juli 4931 Dem Wohle Berlins! Sozialdemokratische Etatrede im Rathaus.— Damm gegen die Elendswelle. Die Debatte über die Gestaltung des städtischen Haushaltsplanes im Stadtparlament fand gestern mit einer großangelegten Rede des sozialdemokratischen Fraktionsführers F l a t a n ihren Höhepunkt. Flatau legte in seinen überzeugenden, wirkungsvollen Ausfüh- rungen die Gründe dar. die eine Zustimmung der Sozial- demokraten zu diesem Etat der Not erfordern. Tie von hoher Verantwortung getragene größte Fraktion des Rathauses geht unbeirrt des Geschreis von rechts und links ihren Weg. im Interesse der notleidenden schaffenden Berliner Bevölkerung und im Interesse der Reichshauptstadt, die es vor der Katastrophe zu schuhen gilt.— Tie entscheidende Abstimmung über die Annahme des Etats wird heute in den späten Abend- stunden erfolgen. Flataus Rede. Genosse Flatau führte, oft von Beifall unserer Genossen unter- brachen, aus: Die Kritiker des vorjährigen Haushalts hatten sich bei seiner äußerlichen Kennzeichnung anscheinend so verausgabt, daß sie für den diesjährigen Etat bisher keine neue Begrisfsbestimmung finden konnten. Für den vorliegenden Haushalt, der noch weniger als der letzte ein Jdealctat ist, dürfte eine der alten Bezeichnungen zutreffen, nämlich daß er ein Etat der Wahrheit ist, aber in etwas anderer Be- dcutung als bisher: er bringt in Wahrheit durch feine Zahlen zum Llusdruck die wirkliche Not, in der sich die Stadt gegenwärtig be- findet. Die Finanzkalanntät Berlins ist nicht ein Merkmal der Reichshauptstadt, sondern ein Teil des Gefamtfchickfals der deutschen Städte. Genosse Flatau zeigte dann an erschöpfendem Zahlen- Material aus der preußischen Verwaltung, wie die Not der Städte infolge der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen außerordcnt- lich hohen Erwerbslosigkeit gestiegen ist. Der Redner zeigte weiter, wie die Finanzkalamität Berlins im besonderen durch die riefen- haften Ausgaben für die Erwerbslosen hervorgerufen ist und wie sie kaum noch zu meistern sein wird. Wenn auf solche Weise ein fast gleiches Schicksal aller deutschen Städte festgestellt werden kann, so ist damit wohl klar bewiesen, daß nur Gehässigkeit oder linwissenheit behaupten können, daß die Berliner Not eben nur eine Berliner Eigentümlichkeit sei. die ihren Ursprung habe in einer „Berliner Niißwirtschäft" mit dem unheilvollen Einfluß der maß- geblich beteiligten Sozialdemokraten. In dem Etat sind für die -Wohlfahrtspflege für tv3l> rund 12,5 Millionen Mark"eingesetzt gewesen, man hat aber 28 Millionen Mark verbrauchte Die gesamten Etatinittel sind in Berlin im Durchschnitt um rund 38 Proz., in einzelnen Teilen um über 40 Proz. gedrosselt worden— und das in einer Stadt, der man nicht vorwerfen kann, daß sie, wie der Deutschnationale v. Iecklin bezüglich Berlin behauptet hat, im „Tempo ihrer wirtschaftlichen Entwicklung kein Maß halten" konnte. Es ist die Stadt Duisburg, und ihr Oberbürgermeister ist Dr. Iarres.(Lebhaftes Hört, Hört! bei den Soz.) Das ist ein bündiger Beweis dafür, daß die beklagenswerten finanziellen Ver- hältnijse Berlins nicht in Zusammenhang gebracht werden können mit den Gründen, die die Gegner der Berliner Verwaltung und der Sozialdemokratie anführen und die aus einer Perspektive blicken, die man schon nicht mehr Froschperspektive, sondern höchstens noch Maulwurfperspektive nennen kann. Der Redner rechnete dann mit den Kritikern ab, die immer wieder glauben, der Stadt Berlin die gesteigerten Soziallasten zum Vorwurf machen zu müssen, und kam zu dem Ergebnis, daß die Aeußerungen prominenter Wirt- schaftsführer die Sinnlosigkeit dieser Kritiken beweisen. Berlin könnte eben finanziell ganz anders disponieren, wenn die Wohlfahrlsausgaben nicht so außerordentlich gestiegen wären. Die Sozialdemokraten haben in den enggezogenen Grenzen, die nun einmal gegeben waren, bestimmte Vorschläge ge- macht, die von der Absicht diktiert waren, Ausgleiche herbeizuführen. Diese Ausgleiche können nicht sthematisch vorgenommen werden, man muß vielmehr dabei das Gesamtbild vor Augen haben und suchen, durch Vereinfachungen und Vereinheitlichungen in der Verwaltung die Möglichkeiten zu erfassen, die zu Ersparnissen führen können. Wir haben bei den einzelnen Etatkapiteln Anträge gestellt, die die organisatorische Umbildung der Verwaltung verlangen. Nach- dem der Magistrat jetzt vervollständigt ist, dürfen wir bei seiner von uns Sozialdemokraten bewußt beeinflußten Zusammensetzung er- warten, daß diese Aufgaben in engstem Einvernehmen und nach genügender vorheriger Verständigung mit den Stadtverord- neten vorgenommen und erledigt werden. Genosse Flatau wandte sich dann im besonderen der Handhabung der Richtsätze für die Wohlfahrtspflege zu und verlangte, daß die Willkürlichkeiten in der Behandlung der Personen aufhört, denn es sei nicht zu er- tragen, daß die proletarischen Bezirke in der Wohlfahrlspslege nicht mehr ein noch aus wissen, während beispielsweise ein westlicher Bezirk es sich noch leisten kann, eine in einer sehr behaglichen Wohnung hausende Familie jahraus, jahrein zu unterstützen, und zwar mit einer Summe, die einem normalen Arbeitseinkommen entspricht. Dieses Beispiel könnte um viele oennehrt werden, und deshalb verlangen wir von der Zen- trale, daß hier mit rauher Hand eingegriffen wird. Einen sehr breiten Raum in den Diskussionen des Haushaltsausschusses haben die Angelegenheiten der st ä d t i s ch e n Gesellschaften beansprucht. Ich möchte hier noch einmal wiederholen, sagte Flatau, was ich bei meiner vorjährigen Etatsrede gesagt habe, daß nämlich genau geprüft werden muh, welche Gesellschaslen zur Zeit ihren Zweck noch erfüllen. Man soll aber auch nicht dauernd an diesen Gesellschaften herumorganisieren, sondern den Gesellschaften, die eine gesunde Entwicklungsgrundlage haben, Zeit lassen, das zu er- fülle», was man von ihnen erwartet. Bezüglich der Lieferung einzel- ner Gesellschasten an Private betonen wir Sozialdemokraten, daß die Gesellschaften es oermeiden sollen, den gegenwärtigen Stand und Umfang dieser Lieferungen zu überschreiten. Mit besonderer Heslig- keit sind natürlich wieder Debatten über die Berliner Verkehrs- gesellfchaft geführt worden. Die Grundlagen, die in dem vorliegenden Etat geschaffen wurden, um die finanziellen Angelegen- Helten der BVG. besonders in den Grundstllckstransaktionen zu klären, sind auch von den Sozialdemokraten anzuerkennen. Für die weiter draußen liegenden Siedlungen forderte Genosse Flatau aus- reichende Verkehrsverbiudungen. Selbstverständlich hat man es auch nicht vermieden, in den Debatten all die persönlichen G e- hässigkeiten wieder hervorzusuchen, die bei der Behandlung des Kapitels BVG. bisher beliebt wurden. Man hat diese Gehässig- leiten bis aufs höchste gesteigert, wenn es sich um Kritiken an Per- sönlichkeiten handelte, die Mitglieder Sozialdemokratischen Partei sind. Soweit hier augenblicklich noch die Möglichkeiten gerichtlicher Klarstellungen gegeben sind, will ich auf diese Dinge nicht eingehen. ms munei' des Toigeprugenen Aussage der Frau Ledebour im Scheuen-Prozeß. Lüneburg, 8. Juli. Dos Kernstück der heutigen Verhandlung im S ch e n e- ner Fürsorgeprozeß bildete die Aussage der Mutter des Zöglings Ledebour. der den nach der Revolte erlittenen Mißhandlungen erlegen ist. Das Gericht, hatte anfangs auf.die. Vernehmung verzichten wollen, da es überzeugt ist, daß die Angestellte Knoblauch bei der Abfassung ihres Berichts an das Landesjugendamt über die Revolte und den Besuch der Frau Ledebour in Scheuen bestrebt gewesen sei, den Angeklagten Straube zu schonen. Frau Ledebour wurde dann durch den Nebenkläger geladen. Sie sagte aus, sie sei am 25. Februar auf einen Eilbrief aus Scheuen hin nach dort ge- fahren. Die Verletzungen ihres Jungen waren im Briefe nur kurz erwähnt. Die Zeugin war Stunden in Scheuen und fuhr dann ins Krankenhaus nach Celle. Dort wurde sie aus Scheuen ange- rufen, sie möchte die Nacht in Scheuen zubringen, und man holte sie im Auto ab. Die Schwester im Krankenhaus sagte:„Sie scheinen in Scheuen ein s ch l e ch t« s Gewissen zu haben, weil sie immer anrufen". Bei der Ankunft in Scheuen stand ein Essen bereit: es gab Wein, und Grammophon oder Radio haben gespielt. Noch gegen Mitternacht sangen die Jungen vor den Fenstern, und Straube sagte, es sei ein Bierabend, den er mit den Jungen vcran- stalte. Am nächsten Tage sagte ihr Sohn, die Revolte sei nicht po- litischer Natur gewesen. Straube habe die Jungen immer geschlagen. Der von Fräulein Knoblauch an das Jugendamt entsandte Bericht sei entstellt. Frau Ledebour berichtete sodann unter Tränen, daß ihr Sohn ihr ausführlich erzählt habe, wie er in der Nacht, als er durch den- Schlag mit der Hacke schwerverletzt daniederlag, noch einmal von.Straube mit einem Gummiknüppel g-e- schlagen worden sei. Der junge Hans Ledebour sollte nämlich einen Bericht unterschreiben, daß er nichts gegen seinen Erzieher einzuwenden und seine Prügel verdient habe. Er habe diesen Be- richl für das Berliner Zugendami unterschrieben, weil er sonst noch mehr Schläge erhalten hätte. Mit erstickter Stimme sagte Frau Ledebour zum Schluß:„Mein Sohn war kein Verbrecher, er hätte gerettet werden können. Es ist unerhört, daß man ihn so lange hat liegen lassen." Nach den bisherigen Dispositionen sollen am Sonnabend die Sachverständigen gehört werden, so daß am Montag der Staatsanwalt plädieren kann. Die Urteilsverkündi- g u n g wird voraussichtlich Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche erfolgen. Von I ILF und F. PETROW „Ein guter Photvgraph hätte ihn unbedingt schon er- reicht!" schrie Persizki „Also soll man ihn photographieren oder nicht? „Aber selbstverständlich! Eilen Sie! Sicher sitzen dort schon die Photographen aller Zeitungen!" Der Photograph lud Apparat und Stativ auf die Schultern.„Er befindet sich augenblicklich in der Direktion der staatlichen Maschinenfabrik. Vergessen Sie nicht: Newton Jsak— an den Namen des Vaters kann ich mich momentan nicht erinnern. Machen Sie also ein hübsches Bild von ihm zum Jubiläum. Aber bitte nur nicht:„Newton an der Arbeit". Auf Ihren Bildern sitzen alle am Schreibtisch und lesen Manuskripte. Photographieren Sie ihn im Gehen. Oder vielleicht im Familienkreis." „Wenn man mir ausländische Platten zur Verfügung stellen wird, werde ich auch Menschen im Gehen ausnehmen. Jetzt gehe ich aber." „Beeilen Sie sich! Es ist schon bald sechs Uhr!" Der Photograph ging den großen Mathematiker anläßlich seines zweihundcrtjährigen Jubiläums photographieren, und die Redaktion wälzte sich vor Lachen. Mitten im schönsten Lachen kam Stcpa, Redakteur der Abteilung„Wissenschaft und Leben". Hinter ihm keuchte eine dicke Bürgerin. „Hören Sie, Persizki", sagte Stepa,„diese Bürgerin hat ein Ansuchen an Sic. Kommen Sie näher, Bürgerin, der Ge- nosse hier wird Ihnen alles erklären." Stepa lächelte und lief davon. „Nun?" fragte Persizki.„Was wünschen Sie von mir?" Madame Grizewa— sie war es— hob ihre schwärme- rischen Augen zu dem Reporter empor und drückte ihm schwei- gend einen Zettel in die Hand. „So", sagte Persizki,„... unter das Pferd geraten... vrit einem leichten Schrecken davongekommen.., Worum frtwdelt xz jidj eigentlrchl" „Die Adresse", sagte die Witwe mit flehender Stimme, „könnte ich nicht die Adresse erfahren?" „Wessen Adresse?" „O. Benders." „Woher soll ich die Adresse wissen?" „Der Genosse, der mich zu Ihnen führte, sagte mir, daß Sie sie kennen..." „Ich weiß nichts. Wenden Sie sich an das Adreßbüro." „Vielleicht werden Sie sich erinnern, Genosse. Er trägt gelbe Schuhe." „Ich selbst habe auch gelbe Schuhe. Und zweihundert- tausend Menschen in Moskau tragen ebenfalls gelbe Schuhe. Wollen Sie vielleicht von all denen die Adressen wissen? In diesem Falle— ich bitte sehr. Ich werde meine Arbeit auf- geben und mich mit dieser Angelegenheit beschäftigen. Im Laufe eines halben Jahres werden Sie alles wissen.— Ich bin beschäftigt, Bürgerin." Die Witwe aber, die zu Persizzki ein gewisses Vertrauen fühlte, folgte ihm in den Korridor, wobei sie mit ihren ge- stärkten Unterröcken ein sonderbares Geräusch verursachte, und wiederholte ihre Bitten. — Stepa ist ein Schuft— dachte Persizki.— Das macht ober nichts. Nächstens hetze ich ihm den Erfinder des Perpetuum mobile an den Hals, der wird springen.—„Was kann ich denn tun?" fragte er gereizt und blieb vor der Witwe -stehen.„Woher soll ich die Adresse des Bürgers O. Bender kennen? Bin ich vielleicht dos Pferd, das ihn zu Boden ge- morsen hat?" Die Witwe antwortete mit einem tonlosen Wortschwall, aus dem man nur immer wieder„Genosse" und„bitte" heraushörte. Es war bereits Büroschluß. Die Kanzleien und Gänge leerten sich. Irgendwo schrieb noch jemand eine Schreib- nraschinenseite klappernd zu Ende. „Pardon, Madame, Sie sehen, daß ich beschäftigt bin!" Mit diesen Worten verschwand Persizki in der Toilette. Er ging dort zehn Minuten auf und ab und kam dann heiter heraus. Grizewa erwartete ihn geduldig am Ende des Ganges. Als sie Persizki erblickte, belebte sie sich wieder. Der Reporter war wütend.„Tante", sagte er, ich will Ihnen also sagen, wo sich Ihr O. Bender befindet. Gehen Sie geradeaus, dann wenden Sie sich nach rechts und dann gehen j Sie immer geradeaus. Dort werden Sie eine Tür sehen. I Treten Sie ein und verlangen Sie Tscherepenikow zu sprechen. r ws 10 Proz. und sogar noch weniger. Zu den letzteren gehören Kohlenbergbau und Schwarzmetallurgie."(„Prawda" vom 2. Juli.) Der an- scheinend nur kleine Unterschied ist sehr wichtig. Die Bolschewiki wären nämlich heilsroh, wenn die Metallurgie wenigstens um 1l), ja, wenn sie auch nur um 6 Proz. mehr produziert« als in der gleichen Zeit des Borjahres. Aber in Wirklichkeit kteibt sie sogar hinter der Produktion der ersten füns Monate 1930 zurück. Dieses Zurückbleiben der Metallindustrie und des Bergbaues, dieser Mißerfolg an den entscheidenden Abschnitten der Füns- johressront, sind der wirkliche Grund für den neuen Kurs. Ueber das Schicksal des Fünfjahresplans entscheidet aber die Schwerindustrie, entscheiden Kohle, Eisen, Stahl, Walzeisen. Es ist daher auch nur selbstverständlich, wenn gerade aus diesen Ge- bieten die Planaufgaben ganz besonders ernst sind. Die Metallproduttion hat erst 1930 das Vorkriegs- Niveau übersteigen können. An Eisen wurde im Jahre 1930 um 19 Proz� an Stahl um 34 Proz., an Walzeisen um 28 Proz. mehr erzeugt als vor dem Krieg. Entsprechend dem außerordentlichen Bedarf des Landes soll das Jahr 1931 die Stahlproduktion im Verhältnis zur Vorkriegszeit verdoppeln, die Eisen- und Walzeisenproduktion auf nahezu dasDoppelte steigern. DerPlansiehtvor: Eisen................. 8,00 Millionen Tonnen oder 00 Proz. mehr gegen 1930 u. 89 Proz. mehr gegen Vorkriegszeit Stahl................. 8,85 Millionen Tonnen oder 55 Proz. mehr gegen 1930 und das Doppelte der Vorkriegszeit Walzeisen............... 0,60 Millionen Tonnen oder 48 Proz. mehr gegen 1930 u. 90 Proz. mehr gegen Vorkriegszeit Der chauptanteil fällt auf die Vereinigung„Stahl", in der die großen Betriebe im Zentrum und im Süden zusammengefaßt sind. bei Eisen 73 Proz. der Produktion, bei Stahl 58, bei Walzeisen 61 Proz. Der Rest verteilt sich auf„Oststahl" im Ural und in Sibirien und auf die sogenannte kleine Metallurgie. Die„Melallnrgie" arbeitet nun in dem dritten„entscheidenden" Jahr des Fünfjahrplans, wie die folgenden Ziffern zeigen, ganz außerordentlich schlecht. In den ersten vier Monaten 1931 betrug die Roheisen- Produktion 1528 000 Tonnen. Das sind genau 19,1 Proz. der Iahresaufgabe! Ein« erschreckend kleine Menge. Soll der Plan ersüllt werden, dann mühten in den folgenden acht Monaten 6 472 000 Tonnen produziert werden, was ausgeschlossen ist. Um so mehr ausgeschlossen, als weder Mai noch Juni den dazu not- wendigen Umschwung gebracht haben. In den ersten vier Monaten 19 30 betrug die Roheisen- Produktion 1 670 000 Tonnen. Die Produktion im Vorjahr überstieg die des Jahres 1931 noch um 142 000 Tannen. Das geschieht in dem Jahr, in dem statt 5 Millionen nunmehr 8 Millio- nen Tonnen erzeugt werden sollen. Statt zu steigen, sinkt die Produktion! Das gleiche gilt für Stahl und Walzer Zeugnisse, wie die folgend« Uebersicht zeigt. Würz 1931. März 1930. April 1931. April 1930. Blai 1931. Mai 1930. Eisen 395,600 440,100 412,500 430,500 410,400 446,400 Stahl 439,200 496,000 416,300 477,700 413,500 494,300 Walzeisen 340,600 404,200 313,000 380,000 295,800 383,700 Tonnen Die Juni-Ergebnisse sind noch nicht bekanntgegeben, doch sind sie leicht zu erschließen, wenigstens für Eisen. Die Vereinigung „Stahl" erzeugte im Juni 313 600 Tonnen, das ergibt eine Gesamt- eisenproduktion für die Union von etwa 410 000 Tonnen. Wir fassen zusammen: Am Ende des ersten ch a l b- jahres 1 9 30, im Vorjahr also, waren erzeugt 2 557 000 Tonnen, mehr als die Hälfte der Jahresproduktwn. Am Ende des e r st e n Halbjahres 1931 waren erzeugt 2 348 000 Tonnen, weniger als in der gleichen Zeit 1930, noch nicht 30 Proz �>cs Iahresplans. Mit anderen Worten: Der Metallpfan für das„entscheidende" Jahr ist nicht erfüllt und kann nicht mehr erfüllt werden. Was das bedeutet, braucht wohl nicht näher ausgeführt zu werden. Es sei bloß ein einziges Zitat aus der„Prawda" vom 18. Mai angeführt:„Die Fabrik„Roter Oktober" in Odessa, welche Traktorpflüge erzeugt, wurde am 16. Mai für drei bis vier Wochen stillgelegt. Es fehlt an Eisen. Die Folge ist, daß die aus Stalin- grad und von den Putilow-Werken gelicserten Traktoren unver- wendbar liegen bleiben müssen. Die Fabrik braucht im Monat 45 Waggon. Alle Versuche der Direktion, sich das notwendige Eisen zu beschasfen, blieben erfolglos." In der Nummer voni 5. Juni kann man finden, daß die Fabriken zur Erzeugung land- wirtschaftlicher Maschinen in der Ukraine im zweiten Bierteljahr nicht mehr als die Hülste des Plans ausführen. Das sind die Zusammenhänge, welche die neue Wendung erzwungen haben. Wie die Metallindustrie kann auch der Kohlenbergbau sich nicht einmal oines Produktionszuwachses von 6 Proz. über da' Borjahr rühmen. Januar und Februar 1931 litt der Bergbau allerdings stark unter der außerordentlichen Kälte. Die Pläne wurden im größten Kohlenrevier, dem Donetzbecken, im Januar zu 72,8 Proz. erfüllt, im Februar zu 58,5 Proz. Aber die Plan- ersüllung besserte sich auch nicht in den folgenden Monaten. Dom März bis Juni betrug die Förderung im Donbah um ganze 0,8 Proz mehr als in den gleichen Monaten 1930. Dabei liegen die Verhältnisse im Donbaß noch relativ gut. In dem zweiten großen Revier, dem um Moskau herum, steht es noch schlechter. In den drei Monaten März, April, Mai wurden m der ganzen Union sogar um 930 000 Tonnen weniger Sohlen gesörderk als in der entsprechenden Zeil des Vorjahres! Weder„sozialistischer Wettbewerb", noch die be- rühmten„Stoßbrigaden" haben auch nur nennenswerte Er- folge erzielt. Von ihnen ist in der neuen Rede Stalins mit Recht nicht mehr die Rede. Kommunalkreditund Aktienbesitz Wie Dr. Eilverberg über den Verkauf der kommunalen FUßE.-Aktien denkt. Wir haben gestern in dem Artikel„Inncrc Wirtschafts- bereinigung" darauf hingewiesen, daß man die durch die Krise er- l_ zmungenc kurzfristige Verschuldung der Städte, die übrigens keine ausländische ist, dazu benutzen will, um die Städte zum Verkauf von lebenswichtigem Aktienbesitz an großen K r a f t n n t e r n e h m u n g e n zu zwingen. Es handelt sich dabei um eine in der Reichsbank geäußerte Ansicht und um den Aktien- besitz rheinisch-westfälischer Städte an der R h c i n i s ch- W e st- sä lischen Elektrizitätswerk 21.-0. Wir haben aus den volkswirtschaftlich gefährlichen Charakter solcher Zumutungen hinge- wiesen und diese Zumutungen scharf abgelehnt. Es ist außerordentlich interessant, daß Dr. Paul S i l v e r- b e r g, einer der auss engste mit dem RWE. verbundenen Wirt- schaftssührcr des Rhein-Ruhr-Gebiets, weit davon entfernt ist, die höchst merkwürdige in der Reichsbank geäußerte Auffassung zu teilen. Er bezeichnet eine Behauptung, die ihm selbst eine solche Ausfassung bzw. Aeußerung unterstellt, als wissentliche Lüge. Die volle Privntisierung des RWE. liege keinesfalls im Interesse des rheinisch-wc st sälischen Elcktri- zitätswerkes selbst und sei"angesichts der entscheidenden Bedeutung der Städte für die Stromverteilung praktisch auch nicht möglich._ Berliner Konsum im Juni. Wieder 2300 neue Mitglieder. Die Konsum-Genossenschast Berlin und Um- g e g e n d verzeichnete im Juni 1931 einen Umsatz von 5 606 984 Mark. Der Zugang neuer Mitglieder belief sich im Juni auf 1308. womit die Aufnohmeergebnisse der letzten Monate nicht um erheblich überschritten wurden. Im 32. Geschäftsjahr, da» mit dem 30. Juni 1931 abschloß, haben insgesamt 26137 Haushaltungen ihren Anschluß an die Berliner Ver- braucherorganisation vollzogen. Der Einiagcnbestand der kansumgenossenschaftlichen Sparkasse, die von rund 144 000 Mit- gliedcrsamilien als Spareinrichwng benutzt wird, belief sich am 30. Juni auf 49 138 163 M. Der Monat Juni brachte ein« Erweiterung der konsumgenossen- schaftlichen Worenvermittlung durch Eröffnung einer Lebens- mittel- und einer Fleischabgobestell« in Zeuthen, Miersdorfer Str. 13. Insgesamt verfügt die Genossenschaft über 287 Lebensmittel- abgabestellen, 85 Fleischabgobestellen, 4 Waren- Häuser, 2 Manufakturwarenabgabestellen und 1 Möbelhaus. Er- gänzend treten 2 Wanderabgabestellen hinzu, die der Bedarfsdeckung in Siedlungen und in den Außenbezirken dienen. Abschluß der Oierig A.-G. Reingewinn zur Neservebildung verwandt. Die C h r i st i a n D i e r i g A.- G., L a n g en b i e l a u, ver- ösfentlicht den Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr 1930. Die Gründung der Deutschen B a u m w o l l- A.- G.(D e b a g), in die die beiden größten deutschen Baumwollunternehmen— Dierig A.-G. und F. H. Hummersen A.-G.— eingebracht wurden, hat sich im Berichtsjahr noch nicht ausgewirkt. Die Debag wird beherrscht von der Familie Dierig, die srüher das ganze Kapital der Dierig A.-G.(30 Mill Mark) befaß und die Dierig-Aktien gegen Debag- Aktien umgetauscht hat: dazu besaß sie die Aktienmehrheit der Ham- mersen A.-G. Der Bericht der Christian Dierig A.-G. führt aus, daß trotz der Krise und trotz des Preisdruckes der Umsatz wertmäßig sich nicht vermindert habe: er muh also wieder etwa 28 Mill. Mark betragen haben. Da man sich stühzeitig auf die Krise vor- bereitet habe, tonnte ein Verlustabschluß vermieden werden, obwohl der Preissturz eine Abwertung der notwendig hohen Lager- vorrät« gebracht hahe. Der Bruttogewinn ist von 5,3 aus 4,9 Mill. Mark zurückgegangen: die Abschreibungen wurden von 2,1 auf 1,7 Mill. ermäßigt. Der Reingewinn des Berichtsjahre» wird mit nur 0,13 Mill. Mark(0,59 Mill.) ausgewiesen, der sich durch den hohen Vortrag aus dem Borjahre auf 1,28 Mill. Mark erhöht. Da- von soll eine Million Mark als Sondcrrücklage in Reserve ge- stellt werden: der Rest wird vorgetragen. Die Anlagen erhöhte» sich durch Zugänge auf Maschinen- tonto um 0,4 Mill. Mark auf 28,4 Mill. Mark, denen ein Ab- schreibungsfond? von rund 13 Mill. Mark gegenüber steht, so daß der Wert der Anlagen mit 15,4 Mill. Mark zu Buche steht. Die Zugänge sind wie üblich nicht über Slbfchrcibungsfonds, sondern ü b er Unkostenkonto finanziert worden. Die B e t e i l i- gungen erhöhten sich durch Zulauf von Hammersen-Aktic»(in- zwischen umgetauscht in Debag-Aktien) von 0,6 auf 8,1 Mill. Mark Die Forderungen und Guthaben gingen entsprechend zurück, von 19,3 auf 10,4 Mill. Mark. Das Warenlager ist weiter— trotz des Preisrückganges— gestiegen, von 15,1 auf 18,0 Mill. Mark und hat bei einem Umsatz von etwa 2§ Mill. Mark eine bedenkliche Höhe erreicht. Allerdings sind die Schulden verhältnismäßig nicht hoch und haben sich weiter ermäßigt, von 13,9 auf 13,4 Mill. Mark. Tiefpunkt erreicht? Eiahlvereins-Llmsatz etwas höher. Aber Produktion noch weiter gedrosselt. Die Vierteljahresausweise der Vereinigten Stahl- werte A.-G. sind von besonderem Interesse, da der Absatz der Grundstoffe Kohle und Eisen für die Beurteilung der Konjunkturlage sehr wichtig ist. Der Gesamtumsatz des Stahloereins zeigt zum ersten Male seit langer Zeit eine kleine Besserung: er betrug im zweiten Quartal 1931(April bis Juni) 212,3 Millionen Mark gegenüber 2 06,6 Millionen Mark im vorhergehenden Quartal. Der Inlands- a b s a tz mochte 119,3 Mill. Mark aus und ist gegenüber dem vor- hergehenden Quartal noch geringfügig gefallen(122,5 Mill.): die rückläufige Bewegung scheint damit zum Stillstand gekommen zu sein. Der Auslandsabsatz zeigt eine ziemlich starke Besse- rung: er stieg von 84,1 auf 93,0 Mill. Mark. In den abgelau- fenen 9 Monaten des Geschäftsjahres 1930/31 ging der Ge- samtumjatz gegenüber der Bergleichszeit des Vorjahres von 976,5 auf 652,7 Mill. Mark(um 33 Proz.) zurück: der Inlandsabsatz ver- lingerte sich stärker(606,2 auf 371,8 Mill. Mark oder um 39 Proz.) als der Auslandsabsatz(24 Proz.). Die Produktion des Stahlvereins zeigte im Gegensatz zum Umsatz eine weitere Verschlechterung. Die Kohleförderung betrug im 2. Quartal 1931 nur 4,2 Millionen Tonnen gegen 4,7 Millionen Tonnen im ersten Quartal: die Koksproduktion ging von 1,45 auf 1,26 Mill. Tonnen zurück. Weniger stark war der Rückgang bei der Eisen- und Stahlproduktion: an Roheisen wurden 0,78(gegen 0,81) Mill. Tonnen, an Rohstahl 0,91(gegen 0,96) Mill. Tonnen produziert. Die rückläufigen Produktionsziffern zeigen, daß der Stahloerein einen Teil seiner Lagervorräte oerkauft hat, um sich finanziell ein wenig zu entlasten. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter und Ange- st e l l t e n ist infolgedessen weiter verringert worden. Am 30. Juni 1931 wurden 102 924 Arbeiter beschäftigt, gegen 152,936 am 30. Juni 1930. Ihre Zahl ist also entsprechend dem Umsatzrückgang u m e i n Drittel verringert morden. Weniger stark war der Abbau bei den Angestellten: ihre Zahl verringerte sich von 16 732 auf 14 042. Ueber die Einwirkung der Russen- und Reichsbahnaufträge wird noch nichts mitgeteilt. Der Auftragsbestand hat am 30. Juni nur etwa 55,3 Proz. des Auftragsbestandes im Monats- durchschnitt im Geschäftsjahr 1929/30 betragen. Ncuestens wird noch bekannt, daß auf dem Werk Nachrodt ab 6. Juli sechs Walzstraßen in Betrieb gesetzt wurden, wodurch 350— 400 Arbeiter wieder eingestellt werden konnten. Angls persian in Oeuischland. Die Kapitalerhöhung der„Die?" von 24 auf 60 Millionen. Der große englische Petroleum konzern Zlnglo Persian Oil Company, der schon seit einigen Jahren an der Olex G. m. b. H. beteiligt ist und die Aktienmehrheit dieser Gesell- schaft in Händen hat, führt jetzt eine Kapitalcrhöhung der Olex von 24 auf 60 Millionen Mark durch und bringt dadurch seinen Aktienanteil auf 60 Proz. Die Erhöhung der englischen Interessen- nahine entspricht den Kapitalinvestierungen, die in den letzten Jahren mit englischen Geldmitteln vorgenommen worden sind. Die Olex war früher die Verkaufsgesellschast der Deutschen Petroleum Zl.-G., die vor dem Kriege die größte deutsche Oelgesell- schaft war und auch im Ausland(Rumänien, Galizien usw.) über ausgedehnte Interessen verfügte. Die Beherrschung der Olex, die jetzt ein weitverzweigtes T a n k st e l l e n n c tz in Deutschland hat, ist dadurch bemerkenswert, daß die ülnglo Persian, der zweitgrößte britische Oelkonzern, seit 1914 unter Kontrolle der britischen Regierung steht. Von dem Aktienkapital in Höhe von rund 480 Millionen Mark befinden sich für 150 Millionen Mark Aktien in Händen der englischen Regierung. Die Belieferung der englischen Marine mit flüssigem Brennstoff erfolgt durch diese Gesellschaft. Kupser-Hauffe schon wieder vorüber! Das Internationale Kupferkartell hatte die durch die Hoooer-Aktion angeregte günstige Stimmung auf den Welt- börsen benutzt, den Kupferpreis in die Höhe zu treiben. Es machte das so, daß es die auf dem Markt auftretenden Anforderungen, die an sich gering waren, n i ch t v o l l befriedigte. Jetzt, da dieser vor- übergehend stärkere Bedarf gedeckt ist, versängt die Taktik des Kartells nicht mehr. Der Londoner Kupferpreis mußte gleich um 0,50 Dollarcents, von 9,27)� ous 8,77% Dollarcents je enz- lisches Pfund, herabgesetzt werden. Die amerikanischen Lohnhütten sollen aber auch diesen Preis schon wieder unterbieten. Diskonterhöhung in Spanien. Der Diskontsatz der Bank von Spanien wurde am Mittwoch von 6 aus 6% Prozent erhöht. Aus Barcelona wird gemeldet, daß die Bank von Katalonien mit einem Aktienkapital von 50 Millionen und Passiven von 370 Mil- lionen Peseten die Zahlungen eingestellt hat. Großhandelsindex gesunken. Das Statistische Reichsamt hat den Großhandelsindex für den Monatsdurchschnitt Juni aus 112,3 berechnet: gegenüber Mai(113,3) ist er also um 0,9 Prozent gefallen. Bei allen Preisgruppen ist ein Rückgang eingetreten: am stärksten war er bei den A g r a r st o f f« n, die von 109,2 auf 107.? zurückgingen, obwohl die Bieherzeugnisie eine leichte Steigern'' erstthr«. .Axel Staftmutfen: JtliS Gewöhnlich ist da« L»b«n genau so schwer, wie man«» sich macht. Und da» bedeutet, daß ein Mann wie Heinrich Gnade, der gewöhnt ist, durch eine unglückliche, fast möchte man sagen, patho- logisch« Anlage oller Lorgänge und Geschehnisse des Daseins bis ins Letzte zu zerdenten und zu zergrübeln, nie zu einer rechten Freuds an eben diesem Dasein kommt. Er hatte fast fünfzig Jahre gewartet, ehe er sich entschloß, zu heiraten. Und nach weiteren drei Jahren begann er bereits dar» über nachzudenken, warum er geheiratet hatte. „Gewiß," dachte er,„Helga ist schön, jung, nicht über ein er- trägliches Maß hinaus dumm. Sie besitzt— was sehr selten ist— Takt des Herzens und Takt der Seele. Sie drängt sich mir nicht auf, sie hat Achtung vor meinem Wunsch— meinem häufigen Wunsch nach Einsamkeit. Aber— lieb ich sie denn?" Ost beobachtete er sie mit der verstohlenen Heimlichkeit eines schlechten Gewissens. Heiter und fröhlich wie ein schönes Tier ging sie durch sein Haus, in jenem vollkommenen inneren Gleichgewicht, das nur solche Menschen besitzen, bis. von Skrupeln und Bedenken nicht belastet sind. Sie spendete Ihm jene wohl abgewogene kühle Zärtlichkeit, die dem vorzeitig verbrauchten Gelehrten, dem leiden- schaftlichen Denker und müden Träumer genügte. Und wenn das, was er noch zu bieten vermochte, in seinen späteren Jahren, nämlich väterliche Zuneigung zu der jungen, kameradschaftlichen Anteilnahme, gutmütige» Gewährlassen, ihr nicht genügte, so zeigte sie es doch nicht. Viele andere Männer an Gnades Stelle wären sehr glücklich ge- wesen. Gnade war es nicht. Zum Glücklichsein muß man eine Ver- onlagung mit in» Leben bringen, die diesem Manne vollkommen abging. Aber er war natürlich auch nicht unglücklich. Er war überzeugt, daß Helga die beste Frau für ihn war. Sie hatte ihr« Mängel, gewiß. Aber sicher weniger al» jede ander« Frau, die irgendwie in Betracht kam. Sie stellte keine Ansprüche an ihren Mann, die Gnade nicht hätte befriedigen können. Aber da sie nun einmal so eng mit seinem Leben verbunden war, hielt der Mann es für nötig, sein Verhältnis zu dieser schönen Frau zu überdenken. Er war überzeugt, noch wenigen Jahren schon, I daß er sie nicht aus Liebe geheiratet hotte. Das Problem beschäftigte den Mann um so mehr, als es von jeher sein Stolz und sein Ziel gewesen war, nichts zu tun ohne einen hinreichenden Grund. Diesem Grunde kam er nahe, als eine Krankheit ihn, den Zarten, immer Anfälligen und zu Ertrankungen geneigten, auf» Lager warf. In den langen Nächten, wenn die rote Ampel ihr mattes. warmes Licht verstreute, wenn Helga unermüdlich, freundlich, mit gütigem Zuspruch auf und nieder ging, ihm die tausend kleinen Handreichungen gewährte, die eine Krankenpflege notwendigerweise mit sich bringt,— in diesen Nächten, wo das Fieber ihn nicht schlafen ließ, kam Gnade endlich zu der Erkenntnis:„Ich habe sie ou« Angst geheiratet." - Er lächelte getröstet und ein bißchen verworren.„Ja— aus Angst", dachte er. Die Angst vor diesem einen, Ungeheuerlichen, da» sich aller Erkenntnis so hartnäckig widersetzte, und durch da« doch seder— auch der Schwächste, der Armseligste, der Mutloseste noch hindurch mußte? Unweigerlich hindurch mußte? Ja, die Ueberzeugung, es müßte gut sein, in der Stunde de« Tode» jemanden bei sich zu haben, der einem die Hand hält, den Schweiß van der Stirn trocknet, ihm sagt: was dir auch geschieht— du bist nicht ollein—, diese Ueberzeugung war e» wohl, die ihn in die Ehe getrieben hatte, die ihn z« diesem jungen Mädchen ge- trieben hatte, das jetzt sein« Frau war. Sie war dreißig Jahre jünger— sie würde, nach menschlicher Voraussicht, ihn überleben. Sie würde bei ihm sein, wenn es galt zu sterben. Vorläustg zwar, vorläufig dachte er noch nicht daran. Es sah anfänglich bös« genug aus mit ihm: er hatte keinen sehr Widerstands- fähigen Körper— doch dann erholte er sich überraschend schnell. Er war schon wieder aufgestanden— er war heiterer und aufge- schlössen«? al» je vordem, al« ein unerwarteter Rückfall ihn wieder niederwarf. Dieses Mal ging es zu Ende. Gnade spürte es. Er brauchte nicht das Gesicht de» Arztes, nicht das Antlitz seiner Frau zu studieren, um es zu wissen. Er spürte den Griff de» Todes an seiner Kehle, er spürte ihn an dem Herzen, da» in wahnsinniger Angst alle Kraft zu letztem tobenden Widerstand zusammenraffte. Aber er wollt« die Angst überwinden. Er würde nicht einsam sterben— und das war gut. Fast vermochte er zu lächeln vor Be- friedigung darüber, daß er nicht so ganz allein dem Tode Auge in Augen gegenüberstehen würde. In einer Nacht— durch das offene Fenster des Kranken- zimmers kam ein süßer Duft von Gräsern und Blumen und da« leise, selige endlose Zirpen der Grillen, die im Garten ihre Lieder probierten, in dieser Nacht rief Gnade seine Frau an sein Lager, nahm ihre Hand in seine feuchten, schweißbedeckten Finger und sah sie lange und ernsthaft und gütig an. „Helga", flüsterte er mit röchelnder Stimme.„Jetzt geht es zu Ende.. Die Frau wollte widersprechen. Aber er schnitt ihr das Wort ab.„Bemühe dich nicht", sagte er.„Ich weiß, daß es zu Ende geht. Ich täusche mich nicht. Es wird bald keine Brücke mehr sein von dir zu mir— ich gehe fort—, dorthin, wo es keine Wiederkehr gibt. Haft du... willst du mir noch irgend etwas sagen?" Er wußte wohl, warum er diese Frage stellt«. Er wollte sie bestätigt sehen, er wollte hören, daß sie ihn liebe, ihn bemitleide, daß sie Schmerz trage um ihn. Cr wollt« sich ihres Herzens ver- sichern, wollte die Gewißheit haben, sie würde ganz bei ihm sein in dieser letzten schweren Stunde. Auch mit ihrer Seele, auch mit ihrem Herzen. Denn er hatte große Angst. Aber die Frau deutete den ernsten dringenden Blick seiner Augen anders.„Er ist ein guter", dachte sie mit innerlichem Schluchzen.„Immer war er gut zu mir. Gewiß hat er mich auch geliebt, auf seine Art. Warum betrog ich ihn? Er weiß, daß ich ihn betrog. Seinen Augen sehe ich an, daß er es weiß. Nun will er, daß ich es gestehe— daß nicht die Lüge zwischen uns stehen soll in dem Augenblick, da wir für immer voneinander scheiden. Er wird mir verzeihen." Und sie gestand. Getrieben von ihrem Gewissen, mit stockender,� lallender Zunge, in Pausen, nach Worten suchend, sagte sie ihm alles.' Der Mann sank bei jedem Satz, den sie sprach, tiefer in seine Kisten zurück. Seine Augen quollen heraus, er ächzte dumpf. Nein— das hatte er nicht erwartet. Er, der seine Liebe abgeleugnet hatte, in der Tiefe seines Herzens hatte er fest auf ihre Liebe zu ihm ver- traut. Sie hatte ihn betrogen— und er hatte es nicht gewußt. Sie war neben ihm hergegangen und hatte zu ihm gesprochen, hatte ihn angelächelt, und zuweilen zärtlich gestreichelt. Aber Worte und Lächeln und Zärtlichkeit galten einem anderen— und er hatte es nicht gewußt. Sie hatte sein Vertrauen getäuscht und noch jetzt, in dieser Stunde, senkte sie den Stachel schmerzender Eifersucht tief, tief in die Brust de« Sterbenden. „Hinaus", stöhnte der Mann mit röchelnder Stimme, als die Frau endlich, endlich I— geendet hatte, und wies mit bebender Hand nach der Tür.„Hinaus!"... Erschrocken, betroffen, zitternd sah die Frau ihn an. Sie wollte sprechen, betteln, erklären. Aber vor den drohenden Augen des Mannes bekam sie Angst. Langsam, Schritt für Schritt, das Gesicht dem Kranken zugewendet, ein vpn Tränen überschüttetes, nasses Gesicht, näherte sich der Tür, verließ das Zimmer. Und dann fiel der Mann, erschöpft von den Erregungen der letzten Minuten, zurück in die Kissen. Fester preßte die unsichtbare Hand seine Gurgel, größer und größer wuchs die letzte Angst in seinem Herzen. Er warf sich hin und her. Schweiß perlte über feine Stirn, in die Augen trat ein seltsam brennender Glanz. Und dann starb er. Ganz allein starb er seinen einsamen Tod... S)er£eih baut die Seele Dem Wort Schillers:„Es ist der Geist, der sich den Körper baut" stellt die moderne Pfychologie den Ausspruch Nietzsches ent- gegen:„Stele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe." In einer soeben im Morrte-Berlag zu Hannover erschienenen Schrift„Die Seele ist Leib" führt der bekannte Arzt und Psychologe Dr. Paul Cohn eine Fülle von Tatsachen dafür an, daß olles Seelische nur Ausdruck leiblicher Vorgänge ist, und gewährt uns damit einen über- raschenden Einblick in die Zusammenhänge unseres Befindens mit unserer Stimmung. Sa ist da» S e l b st b e w u ß t s e i n meist eine Folge des Ge- fühls«ine« kräftigen Körpers. Dieses„Staturgefühl" verleiht einer wuchtigen Erscheinung auch„Gewichtigkeit" de« Auftretens.„Hinden- burgs mächtiger Körper allein," sagt der Verfasser,„würde da» massive Selbstbewußtsein und damit die robuste körperliche Unterlage auch seiner seelischen Person mit sich bringen. Bismarck« Selbst- bewußtsein ist ohne seinen starken Körper nicht zu denken." Ein weiterer Faktor de» körperlichen Selbstgefühls ist da« H a l t u n g s- g« f ü h l des Menschen. Von der Haltung gehen stärkste Ströme rückwärt» zum Gehirn aufwärts, die Kraft geben und Kraft nehmen. Besonder« wichtig ist die Kopfhaltung: ein zurückgeworfener Kopf allein erzeugt ein Gefühl von Stolz, während der nach vorn hängende Kopf auch seelisch„kopfhängerisch" wirkt. Stärker noch wirkt das Zurückwerfen des Körpers, und schon das senkrechte Aufrichten des Rückens, das Zurückbeugen des Ober- körpers beim Bergsteigen, das bloße Zurückgedrücktwerden durch «inen- starken Wind von vorn ruft Gefühle von Kraft und Selbst- sicherheit hervor. Diese seelische Wirkung der Haltung wird sodann durch die S i tz m ö b e l bedingt. Steife, hohe, schmale Stühle, die zu fenkrechter Rückenhaltung zwingen, machen steif, reserviert, „aristokratisch". Breite niedrige Sitzgelegenheiten, in denen man sich bequem zurücklegen kann, verleihen Behaglichkeit und innere Ruhe. Lehnsessel noch ein Gefühl der Sicherheit. Beim Thronsesiel gibt die Erhöhung de» Sitzes das Empfinden der„Erhabenheit". Ein Sofa macht auch seelisch„bequem", und noch mehr ein Diwan, auf dem man sich immer weiter zurücklehnt. Sehr wichtig für die Seelenstimmung ist der Gang,«in Pro- bukt au» Körperbau, Muskelkraft und Nervenkraft: auch von ihm strahlen rückwärt» stärkste Empfindungen in da» Gehirn hinein. Schwere» Gehen macht schwer, leichtes leicht. Selbst dl« Unterschiede de« Lustdruck« nach oben oder unten wirken merklich auf diese Geh- gefühl««in. Einem schwebenden Gang entspricht ein« schwebende Seele. Beim Schreiten, von dem so viel für da» Seelisch« des Menschen abhängt, tritt das Mustelgefühl in Tätigkeit, und der „Schritt" unserer Gedanken wird durch unsere Sangart bestimmt, dt« sehr verschieden ist. je nachdem e» sich um«inen yreilustmenschen oder um einen Stubenhocker handelt. Stach stärker stud die stelisthen Erregung«, die vom Tanz aus- strahlen, weil es einstmals die stärksten Luftgefühle des menschlichen Gehirns waren, die zum„Tanz der Glieder führten". Neben dem Muekelbewußtsein wirkt als feinste Feder des Organismus das Neroenselbstbewußtsein mit, das den Grad der Ausdauer oder Ermüdbarkeit bestimmt und dem Menschen das Gefühl der Sicherheit oder der Schwäche verleiht. Das Gefühl der Schwere oder Leichtigkeit, das vom Körper aus- geht, kann durch die Kleidung weitgehend beeinflußt werden. Schwere Kleidung macht nicht nur den Körper, sondern auch die Seele schwer. Leichte leicht. Der Panzer gab einst das Gefühl der gesicherten Kraft: die steife Offizier»unisorm mit ihrem hochgeschlosse- nen Kragen zwang zur steifen Haltung de« Rückens und des Kopfe», oerlieh ihrem Träger eine Stimmung der Strenge, der„Autorität". Der lange Rednerrock, der hochgeschlossene Rock de» Geistlichen wirken in ähnlicher Weise. Da» den Körper wohlig umfließende griechische Kostüm bestimmte die Leichtigkeit de» griechischen Wesens, der griechischen Kunst. Der Schlafrock stimmt nicht„leicht", sondern salopp. Ob man Pantoffeln oder eng anliegende Stiefel trägt, ist für da» Allgemeingefühl von Bequemlichkeit oder Straffheit schon wichtig. Da» enge Schnüren der Stiesel wird mit von dem unbe- wußten Trieb geleitet, von den Füßen her ein Spannungsgefühl zu bewahren. Art und Sitz des Hutes wirken in ähnlichem Sinne. Der Zylinder gibt dem Kopf ein„steiferes" Gefühl als der weiche Hut und wird daher bei ernsteren Gelegenheiten gewählt. Beim Hut kommt auch sehr wesentlich mit in Betracht, wie weit«»"die Stirn beschattet, bedrückt oder sie frei läßt. Die freie Stirn macht auch die Seele frei, während der Druck über den Augen als Hemmung empfunden wird. Da» frei« Bergvolk der Tiroler trägt nicht nur das kleine leichte Lodenhütchen, sondern auch dieses noch so hoch und schräg, daß die frei« Stirn ein Gefühl der Leichtigkeit und Unter- nehmungslust verleiht. ITläufe Jlrmeen auf Wanderung Eine in Eharbin erscheinende russische Zeitung weih von dem seltsamen Abenteuer einiger amerikanischen Jäger zu berichten. Mehrere Amerikaner begaben sich in da» westliche Gebiet der oft- chinesischen Eisenbahn, um dort Tiger zu sagen. Unweit der Station Archan trafen die Jäger ungeheure Scharen von Mäusen, die aus der Mongolei in der Richtung nach Chingan wanderten. Dieses unheimliche Mäuseheer bewegt« sich auf einer Front von etwa 40 Kilometern. Es waren unendliche Reihen kleiner grauer Mäuse. Alles, was den Nagetieren im Weg« stand, wurde vertilgt. Die Jäger wurden von einem panischen Schrecken ergriffen und liefen kopslo» vor dem Ansturm der Mäuse davon. Sie tonnten nicht schlafen und liefen zwei Tag« lang, ehe sie sich au« dem Bereich der Mäuseoffevpve retten könnt«». .Kurl Ulielhke Sottkonirone „Sieh mal rasch hin", sagte James und deutete mit den Augen nach dem Herrn, der aus dem Abteilfenster lehnte. „Uno?" fragte Betty. „Aehnelt er nicht sehr dem verdammten Lewis?" „Keine Spur". „Was tut er? Ah. er kauft Kirschen. Hm, hm, Lewis würde keine Kirschen kaufen, höchstens Schnaps. Wenn das Lewis wäre. weißt du, Betty, das wäre mir verflucht unerwünscht. Bor dessen Rochgier habe ich doch so wo» wie Angst." „Ich weiß nicht. James, aber ich habe so ein dummes Vor- gefühl, als ob die Geschichte schief gehen würoe. Die Zollrevision soll doch so unglaublich streng sein an dieser Grenze". James steckte sich grinsend eine Zigarette an.„Das einzige was man von deinem sogenannten Vorgefühl sagen kann, ist, daß es wirNich dumm ist. wie du es selbst genanrn hast. Du kennst meine Frechheit doch eigentlich zur Genüge!" „Was nützt dir die ganze Frechheit, wenn sie das Paketchen mit oen Diamante finden!" jammerte Betty. James gähnte und würdigte Betty keiner Antwort mehr. sondern streckte sich auf den Polstern des Abteils aus, das er mit Besto zusammen inne hotte, und schloß die Augen, als sich der Zug langsam in Bewegung setzie. Er schlies auch totsächlich ein, und erst, als ver Zug an der Grenze hielt, wachte er wieder auf. Betty saß ihm nervös gegenüber und slüfterte:„Sie müssen xileich kommen". „Wer?" gähnte James.„Wer muß kommen?" „Die Zollbeamten". James sprang auf und steckte die Hand in die rechte Hosen- tasche. Dann begab er sich an die Tür des Abteils und spähte hin- aus. Aha, da kamen sie, gleich zu viert.„Pässe, bitte" James reichte seinen Paß hin. der aus den Namen Ted Charleatown nebst Frau Mary lautete."Tut nur leid. Mister Charlestown," sagte der Beamte,„aber wir müssen Sie bitten, uns zu folgen. Das gleiche gilt für ihre Gattin". „Wohin?" feixte James. „In den Durchsuchungsraum. Wir haben behördliche An- Weisung, das Gepäck eines Reisenden Ted Charlestown genau zu durchsuchen. Well die Gefahr besteht, daß ein bekannter Hochstapler. der sich unter diesem Namen verbirgt, versuchen wird. Diamanten einzuschmuggeln." Betty stieß«inen gut gemachten Entrüstungsschrei aus.„Soll ich etwa auch untersucht werden?" „Bedaure, gnädige Frau, aber ich muß tun, nxis meine vorge- setzte Behörde von mir verlangt. Sie iveroen überdies von einer Beamtin visitiert werden." „Also, Kind, nun rege dich nicht auf," sagte James mit schmal- ziger Stimme.„Du weißt, daß wir der Disitation mit größter Ruhe entgegensehen können, aus dem furchtbar einfachen Grunde, weil ich außer ein paar Zigarren nichts Zollpflichtiges Habel" Lächelnd und den neuesten Tonfilmschlager trällernd, folgte er zwei Beamten, während die beiden anderen die weitrre Kantrolle des Zuges übernahmen. Man führte ihn in einen hellen Raum mit hohen Fenstern. Das gleiche geschah mit Betty. Beide mußten sich bis aus» Hemd ausziehen und bei beiden wurde nicht», aber auch nicht der geringst« Diamantsplitter gefunden. Das gesamte Gepäck des Ehepaares Charlestown vmrde ourchwühlt. Gefunden wurde nichts. Ein besonders pfiffiger Zollbeamter nahm sich die fünf Zigarren vor, die James ironisch als einzige« zollpflichtiges Gut bezeichnet hatte, drückte sie, knautschte st«, schnitt sogar probe- weise eine davon auf, um nachzusehen, ob vielleicht etwa« Zollpflichtiges darin säße— alles mit negativem Ergebnis. Man wußte James und Betty mit Entschuldigungen entlassen. Betty war selbst sprachlos.„Wo hast du die Diamanten bloß hingesteckt?" fragte sie. „Mein Geheimnis." lachte James.„Aber ich will es dir trotz. dem sagen." Und er flüsterte ihr in» Ohr:„Es kamen doch vier Zollbeamte in unser Abteil, nicht wahr? Well, die beiden, die uns begleiteten, kamen nicht in Frage. Aber einer von den beiden anderen, die für die Zugkonttolle zurückblieben, kam t» Frage. Siehst du ihn? Dort steht er; es ist der Mann mit dem blonden Schnauzbart." „Was meinst du eigentlich?" flüsterte Betty. „Na also, dem habe ich die Diamanten in die Tasche gesteckt." »Du bist wahnsinnig l" „Ablosut nicht! Was willst du— da sind sie am sichersten Und jetzt werde ich sie mir wiederholen. Paß auf, wie ich das machen werde. Schatzl" James holte die vier Zigarren au» seiner Tasche und ging auf den Mann mit dem blonden Schnauzbart zu.„Hallo, lieber Freund, bin so ziemlich malträtiert worden von dieser Zoll- station. Da Sie unbeteiligt dabei waren, darf ich Ihnen und Ihrem Kollegen wohl diese paar Zigarren zukommen lassen. Es ist eine gute, teure Sorte, aber mir macht es doch keinen Spaß mehr, sie zu rauchen, nachdem man sie derartig betastet und untersucht hat!" Da- mit schob er dem Mann mit dem Schnauzbart die vier Zigarren in die recht« Rocktasche. Grüßte leicht, indem er die Hand an den Hut legte und ging nach dem Zuge zurück. Er zwinkerte unauffällig zweimal mit dem linken Auge, und da wußte Betty, daß der Streich geglückt war. James hattt das Päckchen wieder! Hatte es sich zurückgestohlen, während er dem Beamten die Zigarren oedizierte. Pfeifend kam er ins Abteil, setzte sich und lachte.»All«? klapp'. prima, prmw. Sogar der beunruhigte Herr, den ich für dtejoa verdammten Lewis gehalten hatte, ist ausgestiegen. Nun kann uns nichts mehr passieren!" „Nein," freute sich Betty und fiel ihm um den Hals,„nun kann uns nichts mehr passieren!" Damit hatte sie auch recht. Denn dos Schlimmste, das ihnen hätte, passieren können, war ihnen schon passiert. Sie wußten es bloß noch nicht. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Die Grenze w.rr überschrilten. Draußen tauchten Schilder und Tafeln mit fremden Ausschriften auf. Man war gerettet. Man konnte etwas riskieren. James erhob sich strahlend, holte das Päckchen aus der Tasche. öffnete die Schnur, wickelte das Papier auseinander. Dann setzte er sich wieder hin Käsebleich. Denn was war in dem Päckchen? Diamanten? Kirschkerne, neugieriger Leser, waren darin. Feuchte Kirsckz- kern« und nichts anderes. Und ein paar Worte waren mit Tinten- stift auf die innere Seite des Papiers geschrieben:„Aus solche alten Tricks fallen Zollbeamte herein, aber nicht dein dich liebender Lewis." Seit dieser Stunde neigt James begreiflicherweise zu Tobsuchti- anfallen Xiehhaberf ender in Jimerika Die Rundfunkabteilung des Handelsministeriums der Berel- nigten Staaten von Nordamerika berichtet, daß über 80 Prozent aller genehmigten amerikanischen Sender Liebhabersender sind. Ins- gesamt sind 22 972 Sender im Betrieb. Von diesen sind 612 Rund- sunksender. 18994 Liebhabcrsender, 2172 Schiffsvertehrsscnder, 4Ü8 Handelssender. 291 Versuchs- und Bildfuntseader, 215 Flugverkehrs- jeudar und IIS geophysikalische Sender. Ziaubüberfälle auf Frauen. Die Täter: Vürgersöhne und proletarierjungen. Frauen sind seit jeher beliebte Raubobjekle. Die Räuber glauben, mit ihnen als Vertreterinnen des schwachen Ge- schlechtes leichter fertig werden zu können. Sie rechnen ober oft nicht mit der Zähigkeit ihrer Opfer und ihren durchdringenden Stimmen. Fünf solcher Räuber verantworteten sich gestern vor zwei ver» schiedcnen Abteilungen des Schöffengerichts Berlin- Mitte. In einem Falle waren es drei Proletarier» j u n ge n, im andern zwei Bürgersöhne. Das eine Opfer des Raub- Überfalls zählte 78 Jahre. Hauswirtin in Adlershof, kassierte sie all- monatlich die Mieten und brachte das Geld in einer Handtasche zu sich in die Wohnung in der Schöneberger Straße. Das war dem ?�jährigen K. W. bekannt. Seine Wissenschaft teilte er dem 21 jährt- gen Arbeitslosen H. mit, dieser enggagierte für die Sache seinen Freund, den 20jährigen W. Die beiden Freunde beobachteten tage- lang die alte Frau, und glaubten am 2. Mai zur Ausführung ihres Raubplanes schreiten zu können. W. stand am 5)ause in der Schöne- bergcr Straße Schmiere, H. nahm auf der Treppe Aufstellung, als die Frau ihm entgegenkam, drückte er ihr den Kopf nach unten und entriß ihr die Tasche. Die Beute betrug zu ihrer Enttäuschung„nur' 420 Mark. K. erhielt davon 30Mark und einen alten An- z u g dazu. Das Gericht hatte diesmal in Anbetracht der Notlage, in der sich die Jungen befanden und da sie keine besondere Gewalt angewendet hatten, mit ihnen Nachsehen. Es verurteilte H. zu z« h n Monaten.W. zuneun und N. zudreiMonaten Gefängnis. Schlimmer erging es den beiden Bürgersöhnen vor dem Schnellschöffengericht. Aber auch ihre Tat hörte sich viel böser an. Der Vater des M. war einst Tiefbauunternehmer. Er hinterlieh ein beträchtliches Vermögen, das während der Inflation zunichte wurde. Der Sohn mußte aus der Untertertia austreten, er wurde Melker, arbeitet« in verschiedenen Stellen, in der letzten Zeit in Berlin, jedoch nur Kurzarbeit. Er geriet in Schulden und befand sich in einer relativen Notlage. Da erging an ihn, von einem ihm befreundeten K. die Aufforderung, an einem Raube teilzunehmen. Zluch dieser hatte das Gymnasium besucht— sein Vater ist pensio» riierter Oberlehrer—, er wurde später Kaufmann und verlor im September seine Anstellung. Das Zusammenwohnen mit einem srü- Heren Fürsorgezögling lockerte seine an und für sich nicht besonders sisien sittlichen Grundsätze. Eines Tages machte ihm ein zufälliger Bekannter den Vorschlag, eine Kaufmannsfrau, die jeden Abend den Geschäftserlös zu sich nach Hause in die Frankfurter Straße nahm, zu überfallen. Am 20. Juni traf er sich mit M.— der zufällige Bekannte sollte Schmiere stehen—, nahm Aufstellung zwischen der zweiten und dritten Treppe im Hause in der Frank- surter Straße und schlug die Kaufmannssrau mit einem Knüppel über den Kopf. M. entriß ihr die Aktentasche mit 2 0 0 0 Mark, die Frau schrie, M. ließ die Tasche fallen und wurde auf der Straße verhaftet, bald darauf auch K. Das Gericht verurteilte beide Freunde zu je 2 Jahren Gefängnis. Oer Schuß auf den Soldaten. 500 Mark Belohnung für Ermittelung der Täter ausgefeht- Im Grunewald wurde gestern von Beamten des Raub- dezcrnates ein Lokaltermin abgeholten, um den llcbcrsall auf den Rcichswehruntcroffizicr koch vom Woffenomt Spandau weiter zu klären. Der Soldat war, wie bereits mitgeteilt, in Ziviltleidung mit einem Horchwagen in den Grunewald hinausgefahren und hatte sich in der Nähe des Torfgrabens ins Gras gelegt. Dort wurde er von zwei Männern überfallen und durch einen Schuß er- hcblich verletzt. Der Zustand des Verletzten hatte sich im Hildegardkrankenhaus soweit gebessert, daß er gestern an den Tatort gebracht werden konnte. Ueber die Motive zu dem Ucberfall herrscht nach wie vor Dunkel. Man neigt zu der An- nähme, daß die Täter den Wagen stehlen und den mutmaßlichen Besitzer vorher unschädlich machen wollten. Inzwischen konnte auch ein Radfahrer ermittelt werden, der zur Zeit des Ueberfalles am Tatort vorüberftlhr und die beiden Banditen davonlaufen sah. Seine Angaben stimmen mit denen des Unteroffiziers genau übercin. Von der Reichswehr sind für die Ermittelung der Täter S00 Mark Belohnung ausgesetzt worden, die für Hinweise aus dem Publikum bestimmt sind. Nach dem Lokaltermin mußte Koch ins Krankenhaus zurückgebracht werden. 4000 Hochwafferopfer in China? Einer„Times--Meldung aus Hongkong zufolge beginnt das Hochwasser In der Provinz K w a n I u n g. das sich bis nach kanlon erstreckt, allmählich nachzulassen. Man schätzt, daß dem hoch- wasser etwa 4000 Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Eine Berichtigung der Juftizpreffestelle. In der Nr. 276 des„Abend" brachten wir einen Bericht aus Fürstenwalde über«inen Ueberfall von Stahlhelmleuten aus Sozial- demokraten und Reichsbannerkameraden. Der Bericht bemängelte u. a., daß gegen die sozialdemokratischen Flugblattverteiler ein Ver- fahren eingeleitet worden sei, während gegen die Stahlhelmer bloß ein Verfahren gegen Unbekannt voliege, obwohl die Namen mch- rerer Prügelhelden bekannt seien. Die I u st i z p r e s s e st e l l e teilt uns mit, daß die Staatsanwaltschaft gegen sechs Stahlhelm- Mitglieder ein Verfahren wegen Körperverletzung und Nötigung eingeleitet habe-, die Ermittelungen in dem Verfahren wegen Ver- brcituug von Flugblättern sei zurzeit noch nicht abgeschlossen. Hof» fentlich finden die Stohlhclmrawdys wegen des gemeinen Ueber- falls auch die gerechte Strafe. Weltcraussichten für Berlin. Bei abflauenden«estlichen Winden noch vorwiegend wolkig mit geringer Erwärmung, fort» dauernde Neigung zu Regenschauern. Für Deutschland. Allgemein einsetzend« Wetterbesserung. Einschlafender Volksentscheid. Maiie Verteidigung des Stahlhelmbegehrens/ Krustiger Gegenangriff Severings Der Preußische Landtag setzte gestern nachmittag die Debatte über das Stahlhclm-Volksbcgehren auf Landtagsauflösung fort. Abg. Meier-Äerlin(Goz.): Das Volksbegehren des Stahlhelms lehnen wir naturgemäß ab, und damit ist eigentlich alles gesagt. Mit den Propogandamethoden des Stahlhelms müssen wir uns noch ein wenig auseinandersetzen. Die preußische Regierung hat in den Kampf, den der Stahlhelm mit der Front gegen sie fuhrt, eine kurze Aufzählung ihrer positiven Leistungen veröffentlicht. Darüber beschwert sich gerade jetzt der Stahlhelm und nennt das Vorgehen der Regierung verfassungswidrig.(Lachen links.) Dabei läßt sich wirklich schwer ein loyaleres Mittel denken, mit dem eine Regierung sich gegen eine systematische Hetzpropaganda zur Wehr setzt, als daß sie die Oeffentlichkeit sachlich aufklärt. Offenbar ist man im Stahlhelm über das mehr als klägliche Ergebnis des Volksbegehrens nervös geworden, und der Volksentscheid ist ja denn auch im Voraus entschieden.(Oho! rechts.) Kein Mensch, auch in der Stahlhelm-Gcfolgschaft, hegt die phantastische Hoffnung, daß sie beim Volksentscheid die fehlenden 8 M i l- lionen Stimmen gewinnen könnten. Die„Kreuzzeitung" hat übrigens offen zugegeben, daß die Eintragungsziffer in Berlin hinter allen Erwartungen zurückgeblieben ist, und die „DAZ." hat sich über das klägliche Stimmergebnis damit getröstet, man müsse die Wirkung des Volksbegehrens mehr psycholo- gisch werten.(Heiterkeit links.) In Wahrheit ist sich all« Welt in Preußen darüber einig, daß man schon jetzt über Volksbegehren und Volksentscheid die Ueber- schrift setzen kann:„Ein großer Aufwand schmählich ward vertan". Man hat in schrankenlosester Verantwortungslosigkeit die w i r t- fchaftltche Not gegen die Preußenregierung auszunutzen ge- sucht und ist damit gescheitert. Das Stahlhelm-Volksbegehren Hot die außenpolitischen und wirtschaftspolitischen Interessen der beut- schen Nation leichtfertig aufs Spiel gesetzt.(Lebhaste Zustimmung links.) War so das Volksbegehren politisch grundverfehlt, so war d i e Methode, mit der es propagiert wurde, hundsgemein. Es soll uns interessieren zu beobachten, ob die Schmutzflut von Verleum- düngen und Niederträchtigkeiten beim Volksentscheid noch gesteigert werden kann.(Sehr gut! bei den Soz.) Die Slahlhelmagilation begann mit dem gefälschten Aufruf der Dolksbeauftraglen vom 9. November. Der erste echte Auftrag der Volksbeauftragten ist bekanntlich vom 12. November und statuiert das gleiche Wohlrecht, den Achtstundcn- tag und die Arbeitslosenversicherung: er ist die Mssma Charta der deutschen Revolution. Am 9. November bestand noch kein Rat der Bolksbcauftragten. Auch die Druckerei Weidlich in Hamburg, in der angeblich dieser Aufruf gedruckt sein soll, hat am 9. November 1918 noch nicht existiert. Trotz dieser Feststellungen, trotzdem der Reichsinnenminister Dr. Wirth den Aufruf vom 9. November für eine ungewöhnliche plumpe �Fälschung erklärt hat, hat der Stahlhelm der Presse mitgeteilt, der Aufruf sei' echt, er habe das Original in Händen. Schließlich ist die Unechtheit auch dieses angeblichen Originals so unzweideutig festgestellt worden, daß selbst Hugenbergs L o k o l a n z e i g e r" mißbilligend schreiben mußte, das Bundesamt des Stahlhelms hätte besser nachprüfen sollen, ehe es so wenig stichhaltige Behauptungen aufgestellt hätte. Und da- nach?! Danach hat der„Angriff" des Herrn Goebbels den ge- fälschten Aufruf weiterverbreitet.(Hört! hört!) Da« ist ein Schulbeispiel für die Demoralisierung de» öffentlichen Leben» und des politischen Kampfe» durch Lüge. Der- leumdung und persönliche Verunglimpfung.(Sehr wahr! bei den Soz.) Niemals hat in der Zeit, in der die Sozialdemokratie im schärfsten Kampf gegen den Obrigkeitsstaat stand, unsere Presse so verantwortungslos drauflos gehetzt.(Widerspruch rechts.) Wenn mir nicht freiwillig verantwortungsbewußt geschrieben hätten, hätten die drakonischen Gesetze des alten Staates uns zur Verantwortung gezwungen.(Sehr wahr! bei den Soz.) In der Republik ist aus der Prehfreiheit eine Preßfrcchheit übelster Art ge- worden.(Lebhafte Zustimmung bei den Soz. und in der Mitte. — Großer Lärm bei den Komm.) Ich habe hier vor mir einen Aufruf des Stahlhelms, der nicht wehr und nicht weniger behauptet, als daß die preußische Staaisrcgierung für den Zusammenbruch der Landwirtschast und die 8 Millionen Ar- beitslosen verantwortlich sei. Dabei wissen die Lügner ganz genau, daß die gegenwärtige Staatsregierung jährlich zur För- derung der Landwirtschaft rund 160 Millionen aufwendet, genau dreimal soviel wie die Königlich.Preußische Stoatsregierung im letzten Friedensjahr.(Hört! hört! links) Unermüdlich hat der Stahl- Helm die alte Walze von der Vonzenwirtschaft gedreht. Aus dem alten Preußen müßten eigentlich die Konservativen am besten wissen, was Cliquen- und Günstlingswirtschaft ist. Aber die Bonzen- und Dartcibuchhehe von heute dient nur da- Beteiligung der Arbeiterklasse an der Staatsverwaltung zu. die zu diffamieren. Was der Stohlhelmpropaganda an Uebcrzeugungstraft fehlte, hat sie durch die Aechtung Andersdenkender, durch Terror und wirt- schaftlichcn Boistott ersetzt. In ollen ländlichen Gegenden ist auf die Landarbeiter brutaler Zwang ausgeübt worden, sich einzuzeichnen. Offen hat man allen, die sich weigerten, Kündi- gung und Entzug der Wohlfahrtsunterstützung angedroht. Sehen Sie hier dieses Flugblatt mit dem Bilde Otto Gebühr», dem ja Friedrich der Große sehr ähnlich gesehen haben soll.(Heiterkeit.) „Wer sich nicht in die Liste des Volksbegehrens einträgt, ist ein gemeiner Lump und erbärmlicher Verräter am Vaterlande." «Bewegung.) Oder hier dieses Flugblatt des Stahlhelms aus Langenberg: „Wer sich nicht cinträgk, gegen den wird auch in bezug auf da» Arbeilsvcrhältni» in der Fabrik die notwendige Konsequenz gezogen."(Empörte Zurufe links.) Der„national gesinnte" Beamtenverband erklärt sämtlich« Beamten, die sich nicht cinzcichncn. für entweder bewußte Förderer des M a r x i s m U» oder jämmerlich« Feiglinge und droht mit Äonfe- quenze'n. Das sind nur wenige Proben aus den Bergen von Mate- rial. Selten Ist«ine schlechte Sache mit schlechteren Mitteln vertreten worden.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten) Nur in ein«m einzigen Punkte hat der Stahlhelm die Wahrheit geredet, nämlich als«r Preußen als das Bollmerk der deutschen Republik bezeichnet hat. Die heutige Vormachtstellung Preußens im Reick beruht auf dem moralischen Uebergc wicht der preußischen Demokratie.(Sehr gut! bei den Soz.) Wir Sozialdemokraten sind gewiß nicht versucht, die Regierung Brüning als Ideal einer Bolksrcgierung zu preisen, Aber in all den Irrungen und Wirrunaen der hinler un» liegenden Monate nnd Zahrc ist die preußische Regierung die feste Stütze des Reiches, der Schutzwall der Republik, die stärlslc Tricbkrasl zu sorlschrilllichcc Entwicklung gewesen. Darum ist der Volksentscheid für die Reaktion«in h o f f n u n g s- loses II n t e r n c h in e n. Alle Vernünftigen im Lande werden es ablehnen, sich zum Werkzeug verantwortungsloser K a t a- strophenpolitik machen zu lassen. Am 9. August samme't sich das preußische Volk zur Verfassungsfeicr im Bekenntnis zur Republik und in dem eisernen Willen, aus der Grundlage der Volks- treiheit Zukunft und besseres Dasein des arbeitenden Volkes zu sichern.(Lebhafter Beifall bei den Soz.) Abg. Dr. von Winterfeld(Dnat.) mit Hochrufen auf Ilrakzeff und die Raisfeisenbank empsangen: Nicht die Weltwirtschastskriss ist am deutschen Elend schuld, sondern die verfehlte Politik der 12 Jahre Republik. (Zuruf bei den Soz.: Meinen Sie Ostwolle oder Nordwolle? Große Heilcrkeil.) Den Zusammenbruch der Erfüllungspolitik, der am 22. Juni bevor- stand, haben wir seit Jahren vorausgesagt. Trotzdem will sich jetzt der Reichskanzler wieder einseitig nach Frantreich orientieren. Sie fürchten sich vor Neuwahlen. Aber gerade deshalb: der Preußische Landtag ist auszulösen!(Bravo! rechts.) Abg. Venscheid(Komin.): Die sozialdemokratische Regierung in Preußen ist ausgesprochen arbeiterfeindlich. Abg. Böhm ZU bPlUgeTU iJSUSUS nicht daran htnder». mtt nmrn MMsln, nknen Steuern den Städten �ll helfen, die Erwerbslosen durchzubringcn.(Zuruf bei den Komm.: Sie sind bankrott!) Wenn wir de» Konkurs cminclden, wird davon noch kein Erwerbsloser satt. Ich habe früher einmal die Kommu- nisten politische Kinder genannt: aber'für so naiv hätte ich sie doch nicht gehalten, anzunehmen, daß wir auf eine schlagfertige preußische Polizei verzichten werden.(Sehr gut! links und in der Mitte.) Provokateure gibt es in der preußischen Polizei nicht. Die geänderten Kampsmethoden der extremen Parteien zwingen uns allerdings dazu, auch nick)! uniformierte Beamte einzusehen, um die Verbrecher zu entlarven. Die Polizei wird auch in Zukunft so eingesetzt, wie es die Sicherheit des Staates und die ösfentliche Ruhe und Ordnung verlangen. (Zuruf bei den Komm.: Im Dienst der Faschisten!) Lassen Sie doch, die Faschisten von heute sind die Kommu- nisten von morgen und umgekehrt.(Lebhafte.heiter- kcit links und in der Mitte.) Die Sportfeste habe ich nur sehr ungern verboten, weil ich kleinliche Polizeimahnahinen verabscheue. Aber wenn Sie glauben, sich über zwingende Gesetze und Verordnungen hinwegsetzen zu können, dann bin ich zum Einschreiten gezwungen. Nun haben die Kommunisten nachträglich behauptet, das Verbot des nationalsozia- listischen Sportfestes sei von mir mit Herrn Goebbels vereinbart worden, um die Spartakiade zu verbieten.(Heiterkeit.) Und die „Kreuz-Zeitung" hat behauptet, ich hätte mich mit dem Verbot des nationalsozialistischen Sportfestes bei den Kommunisten anbiedern wollen.(Große Heiterkeit.) Meine Herren K o m m u n i st e n, dagegen müssen Sie mich selb st in Schutz nehmen. (Zuruf: Was wollen Sie, die große Hitze war daran schuld!— Heiterkeit.) Die extremen Parteien werden sich damit abfinden müssen, daß dos„sterbende System" noch einigen Lebensraum und einige Lebens- krost hat. Die preußische Regierung wird aus ihrem Platze bleiben und dadurch in dieser unruhigen Zeit dem preußischen und dem deutschen Volk den besten Dienst leisten.(Lebhafter Beifall.) Nachdem noch die Redner kleinerer Gruppen gesprochen hatten, wurde ein Schlußantrag angenommen. Die Abstimmungen finden am Donnerstag statt, außerdem die Entscheidung über den Kroll- Vertrag. linsrndiinzen für diese Rubrit sind >» r l i» SÄ«5. Lindenilraxe 3, parteinachrichien für Groß-Berlin stet» an da» Bejirr»sekretarlai Z.Hof. eZreoven rechts, zu richte». Beginn aller Veranstaltungen ItHi Uhr, sofern keine besondere Zeitangabe! It. Kreil-,: Die für heilte»eraesrhcac Darstantssitzuna Urft der SAZ. findet wegen der ZIngblattverbrcitnng nicht statt. heute, Donnerstag. 9. Juli: I. Abt. Die Gcyofstiinen und Eenosien treffen sich zur lslnsbkaltoertcilung bei Meüe, Posifir. 23. 31. Abt. Ab 17 Uhr Ausgabe der Fiugblüttcr bei Goldschmidt, Stolpische Straße 3fi. . 79. Abt. Ab 18 Uhr Flugblattverbrcitung reu fteoi», cholstcinische Str. 60. 102. Abt. Baumschuienweg. Zlugblaltvcrdreitung für die Bezirke 1—13 com Lokal k>aß. für die Bezirke 14—10 com Lokal Zieuticoli, Neu« Krugalle« zz, aus. Bertoilungszoit 18—19 Uhr. 10«. Abt. ISy« Uhr Mi�blatlverbrcitung, 20 Uhr fZunktionärfißung bei Bloch- miß. Wald. Gtfe Kcrrcnhausfiraße. Erscheinen unbedingt erforderlich. 198a. Abt. Köpenick. Iahladcnde finden in diclcui Monat nicht statt, fslug- blattverbreitung bei Eisner, Kaiscr-Wilhelm.Str. 3; Klose, Mahlsdorfcr Straße l. 119. Abt. Flugblatkbholung 18 Uhr bei Darß, Rittergut- Ecke Möllendorfstr. Morgen, Freitag. 10. Juli: 91. Abt. ftrci« Schulgcüellschaft 37. /Sit. Volksschule! 20 Uhr ssunktionärsißung an bekannter Stelle. Sonnabend Abrechnung samtlicher Listen unb Karten beim Genossen Jung. Frauenveranslalkungen. 7. Krei». Alle Genossinnen treffen sich zum Konlimikcmeekocheii am 9. Juli im Lokal Spandauer Berg. Eharloltenburg, Spandaurr Elnmssee(Inh. Wicdehbit). Kuchcnkartcn sind zum Preise von 20 Pf. in den Konsum- cerkaufoltellen corher zu entnehmen. 139. Abt. Donnerstag, 0. Juli, wichtige Helferinnensiwlng in der Baracke Lindauer Straße. RZnigental-Zepernick. Der Frauenabeud in diesem Monat füllt aus. Arbeitsgemeinschaft der Kindersreunde Groß-Lerlin. Krei» Kreuzberg am 11. und 12. Juli Fahrt der Roten Falken nach Zogen. Inngfalten über 10 Fahre können sich beieiligen. Treffen: Sonnabend früh 1*8 Uhr Morißplaß. Unkosten einschließlich Uebernachtung und Getränke 1 M. Jkach Möglichkeit Schlafsack und eine Wolldecke mitbringen. Gruppe Lichterselde: Sonnabend, ll. Juli, Nachtfahrt»ach Klein.Köris. Kosten 1,80 M. Treffpunkt 1 7 v* Uhr Bahnhof Ost. Freitag, 17 Uhr, Spielen auf der Südfront. | Sterbetafel der Groß- Berliner Partei- Organisation 23. Abt. Am Donnerstag. 2. Juli, ertrank unser Genosse F. Iaeobi, Berlin NO. 18, Thorner Str. I. Ehre seinem Andenken. Die Einäscherung ist am Donnerstag, 9. Fuli, lOZ* Uhr, im Krematorium Baumschuienweg. Rege Beteiligung erbeten. 113. Abt. Am Sonntag ertrank unser lieber Genosse Hermann Lindner, Fung- straße 10. Beerdigung Donnerstag, 1«>* Uhr. Mariusfriedhot, Hohenschönhausen. Ehre seinem Andenke». Rege Beteiligung erwartet der Ab- teilungs-Vorftand. Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Berlin Mas» düngen für diese Jtubrtt am an tatf Zügen d(e7re»a�«t. Berlin GD 6«. �indenftraüe 5 heule, Donnerstag. 9. Juli, 19' � Uhr: Norde«: Lorßing. Ecke Eraunftraße: Politische Aussprache.— Ar»»wall»er Plag II: Rastenburger Str. 16:„Die Freibenkerbeweguc�.— Falkplaß 1: Sounenburger Sir. 20:„Glaßbrenner-Abend".— Nordosten II; Danziger Straße 62, 1Z III:„Juli 1014".— Prenzlauer Vorstadt: Gleimstr. 33/35:„Wan. dern und Schauen".— Schönhauser Vorstadt: Sonnenburger Str. 20: Reiths- tag.— Andrea»« laß R.-Z-: Brommpstr. 1:„Warum 2. und 3. Internationale?" — Hasenheide: Wafsertorftr. 9: Arbeitsgemeinschaft.— Köpeuicker Viertel: Wrangelstr. 128:„Tagespolitik".— Kottbnsser Tor: Britzer Str. 27/30: Arbeits- gememsehaft. Werbebezirk Mitte: Köpeuicker Str. 02: W.»B.,Vorstandsüßung. Werbebezirl Kreuzberg: Alle Gruppen treffen sich zur Flugblattverbreitirng in den bekannten Lokalen. Werbebezirl Reuköl«: Zusammenkunft der Abteilungsleiter und Iugend- beiräte mit dem Kreiscorstand der Partei an bekannter Stelle. Werbebezirl Lichtenberg: Zusammenkunft oller interessierten Mitglieder an einer Ferienfahrt cor oder nach dem Iugendtag, Gunter Str. 44, um 20 Uhr. Vorträge, Vereine undVersammlungen. Reichsbanner„Schnjarz-Roi-Gtold". Gekchäktsstell«: Berlin 6. 14. Cebasiiansir. 37—38, Los 2. Tr. Tiergarten, 3. flamcrabschoft: Freitag, 10. Juli, 20 Uhr. Mit» giiedrrcersammluug bei Rickert, Steinmeßstr.:!«».— Weißensee, II: Freitag, 10. Juli, Turnhalle Wörthstraße, Weißensee.— Zug V: Sonnabend. 11. Juli, 20 Uhr, Mitgliedercerlzmmluug bei Teßläff. Ritierstr. 33.— NeuIöllu.Brtß t Ortsverein): Sonntag. 12. Juli, 1ZM Ahr, Antreten ohne Gepäck zum Fest der Arbeit in Briß. Rungiusstraße an drr Idealsiedlung. Pflichtceranstaltung.— ReinickenSors, Kameradschaft Freie Scholle: Sonnabend, 11. Juli, Werbeabend im Restaurant Sätollenkrug. glnschließend geselliges Beisammensein.-Anfang 0,30 Uhr. Spielmannszi« und Kameradschaft Freie Scholle 10 Uhr Schollenkrug. Olbteilung Kreuzberg, Theater, Lichtspiele usw. Ztsststkester Qesctilossen. �bonaemölitz-einlsliung kilr die Spielzeit 1931/32 OroBer Preisabbau» wesentliche Verbesserung einzelner Platzgruppen durch Vorverlegung, sehr bequeme Zahlungsbedingungen. Anmeldungen nehmen in der Zeit von 10 bis 2 Uhr entgegen: für die StUOlMper und das Staatlidie Mianspietliaof: Abonnem-Büro Obcrwallstr.22, Fernsprecher: Merkur 9024, kür das tlaall. SdiUlerthcater: Abonnem.-Büro; Charlottenbg., Grolmanstraße 70, Fernsprecher: Stcinplatz 6715 S.1S Uhr Flora ZM Ballett Edcardowa, 10 Brox, 4Richys, Mary-Erik-Paul«w. mm Barbarossa 9256 Tägl. 5 u. 8I/2 U. H. u. H. Williams Lee Gail- Ensemble 0rifl.3Whirlwlnds Bob Ripa Calla Brandt usw. PtAZA Die große ftEVUE Das Brastliamsc Kaleidoskop Nur bisiil 1 S.Juli■ . iipngf Restauimf Berlins Berliner nik-TriO N B B k 0 1 1 n. Lahnett. 74/7fiJ Zurttck: Dr. Holl« Hals /■ IVasen s Ohr ✓ Plastik Kurfürstendamm 211 Reichshallen-Theater Anfang|*| Uhr Stettiner Sänger vom 0. bis 15. Juli Zum Schluß „Alles verruikt!" Ein Gegenstück zu den.. BuddenirocJcs" von Th.Mam aus der Sphäre des kleinbür gerlichen Berlin Das Chaos Das Chaos der Zeit Dcüs Chaos in der Wirtschaft Dm Chaos in der FamfMe AHes(ksjfiÄ(iwrt;Du.kl Klä r J eS' ein. üeutsdies meaier 8 Uhr Der Bauptmann von Köpenidt v. Carl Zuckmayer Wo: Heinz Hilpert Die Komödie Täglich S'/s Uhr Dienst am Kunden von twt Bei: dpi) Max Hansen Regie: HansDeppe KurüirsfRndamm Theaicr Bismarck 449 Heute zum 25. Male; I�SV�UhrJ Die schöne Helena von Ificqnes onenbadi Regle: MaxBelnhaN) metropoi-Theaier Täglich SV. Uhr Die Toni aus Wien Mady Christians, Michael Bohnen + ■{ Zlehnng 17.-20. JiJlh Rote Kreuz Geld-Lotterie für Wohlfahrtszweck* n 10430 Oswinns u. I Prämls im CMamtfastrag* von UM 200000 kiooooo ■60000 ktoooo Hauptgewinn Prämie Mark Lose Si® zu Porto und Litte 40 Pf. extra Glücksbriefe 10« o. verschied. Tausend, einschl. Porto und Ufte in allen bekannten Verkaufsstellen und durch E C. 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Juli, 18 Uhr, im Krematorim Gcrichtstraßc statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet Die Ortiverw.lfnn*. WMWillMis-WM AdUanä! AdilanS! VerwaUmutsmlUHIeder! Freitag, den 10. Juki,»beud, 7 Uhr, Tißuag der Mittlere» Berwaltuug. Die Oi-tmrsraltunA KLEINE ANZEIGEN iiimiimiimiiiiiMiiiiiiitiiiimiiiiiiiiiiiiiiiimiitiiiiiiiinii Ueberschriftswort 25 Pf., Teitwort 1 2 Pf. Wlederholungsrabalt; 10mal5 Proz t 20 mal oder 1000 Worte Abschluß 10 Proz., 2000 Worte 15 Proz, 4000 Worte 20 Proz./ Stellengesuche: Ueberschriftswort 15 Pf., Textwort 10 Pf. ✓ Anzeigen, welche tur die nächste Nummer bestimmt sind, müssen bis 4Va Uhr nachmittags im Verlag, Llndenstr. 3, oder auch in sämtlichen Vorwirts-Filialen und -Ausgabestellen abgegeben sein verKaule| Teppichhau» Emil Les urc. Berlin, seit 40 Sali ren nur Oranien straße 138. Zah' lungscrleichterung ohne Aufschlag. Spo. zialkaialoa kosten irci. Sieeichserti« Oelfabbeu, lo. für Zaun«, Mö bcl, Fußböden, Lau beti 9,43, Leinöl. firnis«,30. 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Er richtete sich gegen die 5)altung der Frattionsinehrheit zur Bewilligung der Kricgskredite und enthielt die Aufforderung, Genossen, die diesen Aufruf unterstützten, möchten Zustimmungs- erklärungen, einsenden. Die drei Unterzeichner, die der Partei durch Jahrzehnte unter großen Opfern dienten, hatten sicher nicht den Willen, eine Spaltung der Partei herauszubeschwören. Tatsächlich hat ihre Aktion aber die Spaltungsbcwegung eingeleitet. Si« führten unbewußt einen Stoß gegen die organisatorisch« Einheit der Partei. Die Wirkung war ganz anders als der Wille. Die Genossen Roscnfeld, Seydewitz und S t r ö b e l haben vor einigen Tagen das Beispiel aus dem Juni 1913 nach- geähntt. Sic fühlen sich berufen, einen„Mohnruf an die P ar t c i" zu. richten, der Schluß mit der Tolerierungspolitik ver- langt. Das ist ihr gutes Recht. Ob die drei Genossen mahnrusen oder nicht: die Frage, ob das Reichskabinett Brüning weiter g«> duldet werden könne, wird überall in der Partei erörtert. Die drei� Geno n e» de schränke>,. sich ab«r. picht aus ihre Meinungsäußerungen. sondern sie geben das Signal zur Sammlung einer geeinten Opposition innerhalb der Partei. Nicht ein Geisteskampf, fondern ein Machtkampf soll in der Partei geführt werden. Die drei Genossen sammeln Zustimmungen. Diese Adresien sind die Mitgliederliften der Opposition, sind die Stamm- rolle für die Mobilisierung der �Scharen, die man in den Partei- körperschaftcn des ganzen Landes aufbieten will. Es hieße Geist und Willen der drei Genossen beleidigend unterschätzen, wenn man arinehmen wollte, sie beabsichtigen etwa nur eine platonische Petitionsbewegung an den Vorstand unserer Reichstagsfraktion und an den Vorstand der Gcsamtpartei, der soeben in Leipzig mit über- wältigendcr Mehrheit gewählt worden ist. Das Heraustreten der drei Genosien, ihr Kampfruf, ihre öffent- liche Aufforderung zur Bildung eines Vertrouensmännerkörpcrs der Opposition innerhalb der Partei macht es zur Pflicht, daß allzulange Schweigeix über die innerparteiliche Entwicklung in den letzten Jahren zu brechen. Wir inüffen deutlich miteinander reden. Die Wahrheit ist: Dieser öffentliche Aufruf ist nur die erste öffentliche Be- kundung der Tatsache, daß es längst eine wohlorgani- fiertc oppositionelle Organisation innerhalb unserer Parteiorganisation gibt. Dieser Sondcrkörper innerhalb der Partei erstreckt sich über das ganze Reich. Eine seiner Grundlagen ist die„M a r x i st i s ch e B ü ch c r g e m e i n d e". Man weiß aber auch ander«. Organisationen an der Peripherie der Be- wcgung in den Dienst der Opposition zu stellen. Sonderbesprechungen solcher Gruppen über das gemeinsame Vorgehen in den Mitglieder- Versammlungen und bei Dclegiertcnwahlen sind häusig. Neben dem offiziellen Partciapparat baut sich so allmählich eine besondere Organisation auf, die Referenten vermittelt, die Situationsberichte über innerparteiliche Vorgänge austauscht, deren Redner in Mit- gliedcrversammlungen als von„uns", das heißt einer geschlossenen Gruppe innerhalb der Partei, zu sprechen pflegen. Die Spuren dieser Tätigkeit sind für den, der rednerisch in allen Teilen des Reiches herumkommt, fast überall zu beobachten. ' Am kommenden Dienstag tritt der Parteiausschuß in Berlin zusammen, um die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage zu beraten. Er würde seine Pflicht grob vernachlässigen, wenn er nicht auch die Aktion Seydewitz-Rosenfeld-Ströbel zum Gegen- stand ernster Beratungen und Beschlüsse machte. Es geht nicht um Spaltung und nicht um Ausschlüsse, auch nicht um die Unterbindung irgend welcher Parteidiskuffian. Zur Entscheidung steht die einheitliche Parteiorganisation gegen Sonder- gruppen irgendwelcher Art. Wir find durchaus sicher, daß unsere Genossen einschließlich der allermeisten gegen die Politik der Reichs- tagsfraktion kritisch eingestellten Mitglieder mit einer Parteibildunz innerhalb der Partei nichts zu tun haben wollen. Der Parteiausschuß hat das Wort. Der„Sozialdemokratische Prefiedienst" teilt mit: Die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten R o s e n f e l d, Seydewitz und S t r ö b e l haben uns unter dem 8. Juli als Erwiderung auf unsere Stellungnahme zu ihrem„Mahnruf an die Partei" eine längere Erklärung zugehen lassen, in der sie„mit Nach- druck feststellen", daß sie„weder mit der Einheit der Partei spielen noch gar an Spaltung" denken. Der übrige Inhalt der Erklärung ist im Sinne ihres„Mahnrufs" gehalten. Wieder tun sie so, als ab nur sie die Interessen der Partei vertreten und als ob es niemals einen Leipziger Parteitag gegeben habe, der die Politik der Partei und der Reichstagsfraktion er st vor drei Wochen ausdrücklich gebilligt hat. Wir sehen von der Wiedergabe der Erklärung ab, weil uns ihre Veröffentlichung nicht opportun erscheint. In der Sache selbst hat jetzt zunächst der Parteiausschuß dos Wort. Die Urheber des Mahnrufs sind schriftlich aufgefordert worden, an den Beratungen des Parteiausschusses, dieser ooni Parteitag eingesetzten Jnstanzl teilzunehmen. Sie haben also Gelegenheit, sich am kommen- den Dienstag eingehend zur Sache zu äußern. Der Parteivorstond wollte ihnen dazu schon am Donnerstag dieser Woche verhelfen. Er hat die Sitzung des Parteiausschusses jedoch auf ausdrücklichen Wunsch eines Anhängers der Opposition verschoben. Jetzt macht die gleiche Opposition den Versuch, dieses Entgegen» kommen zur. Fortsetzung der unerquicklichen Debatte in der Oefsentlichkcit auszunutzen. Dazu durch Veröffentlichung der uns zugegangenen Zuschrift beizutragen, müssen wir um so mehr ab- lehnen, als diese Veröffentlichung eine längere Erwide- r u n g unsererseits notwendig gemacht hätte. Die Schnüffler. Verpuffte„Enthüllungen" der„Kreuz-Ieitung*. Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, Ge- liofse Rudolf Breitscheid, schreibt uns: Die Berliner„Kreuz-Zcitung Hot dieser Tage aus dem vor einer ganzen Reihe von Jahren erschienenen Kriegstagebuch des früheren deutschen Reichstagsabgeordneten 51 B. H a n s s e n(Vertreters der deutschen Minderheiten in Nord- schleswig) eine Reihe van Notizen ausgegraben, mit denen sie wieder einmal den Landesverrat der deutschen Sozialdemokratie beweisen will, und ez ist selbstverständlich, daß die national- sozialistische Presse sich mit Geheul auf dieses gefundene Fressen stürzt. In dem Tagebuch werden eine Reihe von Unterhaltungen er- wähnt, die Herr Honsscn mit Mitgliedern der Sozialdemokratischen und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei während des Krieges gehabt hat. und es wird besonders mir ein Strick daraus zu drehen versucht, daß ich mehrfach mit Herrn Haussen und auch mit dem damaligen'Reichstagsabgeordneten K o r s a n t y sowie mit dem„französisch eingestellten" Schriftsteller Schickele zusammen- gewesen sei. Ich habe gar keine Veranlassung, in Abrede zu stellen, daß solche Unterhaltungen stattgefunden haben und ebensowenig brauche ich mich ihrer nachträglich zu schämen. Die„Kreuz-Zcitung" teilt im übrigen ja selbst mit, daß bei den Zusammenkünften auch andere Personen anwesend waren, die, wie beispielsweise der katholische Philosoph Professor S ch e l e r, auch bei ihr nicht im Verdacht landesoerräterischer Gesinnung stehen werden. Dielleicht stellt sie auch einmal Nachforschungen darüber an. welche amtlichen deutschen Stellen zu jener Zeit mit Herrn Korfanty in Ver- bindung gestanden haben. Als besonder/ bedenklich wird es von den Hütern des natio- nalen Gedankens hingestellt, daß ich Herrn Hanssen von der L i ch- u o w s k i s ch e n Denkschrift Kenntnis gegeben hätte. Diese Denkschrift war im Frühjahr 1917 in zahlreichen Exemplaren ver- breitet, und da sie weiter nichts enthielt als eine von der amtlichen ab- weichende Auffassung des früheren deutschen Botschafters in London über die Möglichkeit einer gemeinsamen deutsch-englischen Aktion zu rV er hütung des Kriegsausbruchs, dürste jedermann ohne Gefährdung der deutschen Interessen von ihr Kenntnis nehmen. Alles das hatte mit„dänischem Separatismus" und anderen„landesverräterischen" Dingen nicht das geringste zu tun, und vielleicht erinnert sich auch die„Kreuz-Zeitung" daran, daß der Abgeordnete Haussen, der übrigens für die Kriegskredite gestimmt hatte, in allen Kreisen des Vorkriegs- und Kriegsreichstags große persönliche Sympathien genoß. Auch seine ihm von den dänischen Chauvinisten stark verübelte Opposition gegen die Ein- verleibung der Stadt Flensburg und der sogenannten dritten Zone in das Königreich Dänemark sollte dem Blatt bekannt sein. Es ist im übrigen geradezu kindisch, aus Zusammenkünften und Unterredungen, die während der Kriegszeit statt- gefunden haben, Schlüsse auf landesverräterische Absichten der Be- teiligten ziehen zu wollen. Und will die„.Kreuz-Zeitung" die Hand dafür ins Feuer legen, daß bei vertraulichen Unterredungen van Mitgliedern der damaligen Deutsch-konservativen Partei nicht am Ende Dinge erörtert worden sind, die dos Licht der Oeffentlichkeit viel mehr zu scheuen hatten als das, was in Anwesenheit von So- zialdemokraten besprochen wurde. Die Herren hoben nur da» Glück, daß bei diesen Gelegenbeiten niemand Tagebuch geführt hat oder daß jedenfalls solche Tagebuchnotizen nicht veröffentlicht worden sind. Aber wenn man glaubt, die Sozialdcmo- krati e diskreditieren zu~ können, so Holt man auf de� Rechten jeden Quark und jeden Dreck für ein willkommenes Wurf- geschoß. Sieinwurfe ins Bezirksamt. Die Verwendung von Schupobeamten zu Zivilstreifen. Am 19. Juni kam es bei einer der alltäglich gewordenen kom- munistischen Demonstrationen zu den üblichen Ausschreitungen: im Bezirksanü Wedding und in der Städtischen Sparkasse wurden Je» st er eingeworsen. Zwei Steinwcrfcr konnten verhaftet werden: einer von den beiden, der 17jährige P., ver- antwortete sich gestern vor dem Jugendgericht Wedding wegen schweren Londfriedensbruch. Der 17jährige Angeklagte bestritt, an der Denwnstrotio'n und an den Steinwürscn beteiligt gewesen zu sein. Er habe sich unterwegs zu den Rehbergen befunden, habe in der Limburg« Straße Polizei» bcamte mit Knüppeln auf Demonstranten einschlagen gesehen, vor ihm seien etwa 15 junge Menschen gelaufen. Zwei Zivilisten haben plötzlich die Pistolen gezogen, der eine habe zum anderen gesagt, „greif die beiden", und so sei er und ein anderer verhastet worden. Die Bekundungen der beiden Polizeibeamten ergab folgenden Sachverhalt: Kurz nach 7 Uhr bildete sich in der Nähe der Pharus- säle ein Demonstrationszug von 50 Teilnehmern: sie erhielten Zuzug aus verschiedenen Straßen, der Zug. schwoll auf 309 Personen an und bewegte sich unter Absingen von Liedern die Müllerstratze ent- lang. Die Beamten, die sich auf einer Z i o i l st r e i f e befanden, eilten ans Telephon, der eine alarmierte vom Bezirksamt Wedding aus das Ueberfallkommando, der andere aus einem Zigarrenladcn das Polizeirevier. Als sie auf die Straße zurückkehrten, sausten die ersten Steine in die Fenster des Bezirksamts und der Sparkasse. Der Polizeiwachtmeistcr N. sah vom Rande des Zuges sich etwa 12—15 Personen lösen, die Steine aus den Taschen nahmen und sie gegen das Gebäude schien- derten. Zwei von den Steinschleuderern merkte er sich ganz beson- ders, der eine fiel ihm durch seinen kleinen Wuchs auf, der andere durch seine Kleidung— er hatte bei hellen Hosen einen blauen Sweater— und durch sein eigenartiges Gesicht. Diese beiden jungen Leute ließ er nicht mehr aus den Augen. Er folgte den Demon- stranten im Laufschritt, als diese in die Genther Straße einbogen und hier von einem Steinhaufen Steine in die Taschen steckten. Da er sich beobachtet fühlte, nahm er auch selbst einen Stein vom 5)ausen und steckte ihn in die Tasche— dann lief er mit dem Haufen zurück zum Bezirksamt: hier wurden wieder gegen die oberen Stockwerke Steine geschleudert. Als er seinen Revolver zog, um nun zur Verhaftung zu schreiten, flüsterten ihm zwei Demonstranten, im Glauben, er gehöre auch zu dem Hausen, zu:„Steck die Waffe weg." Er tat es auch. Einige Augenblicke später zog er noch einmal die Pistole, sein Kollege folgte seinem Beispiel, er rief„Hände hoch." Sieben Burschen hoben auch tatsächlich ihre Hände hoch. Mit 5)ilse seines Kollegen verhaftete erdaraufdie beiden jungen Burschen, die er wie auch sein Kollege die ganze Zeit im Auge behalten hatte. Beide Beamten wiederholten auf mehrfache Fragen des Richters wie des Verteidigers, daß ein Irrtum vollkommen ausgeschlossen sei. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von drei Monaten. Das Gcriäü entsprach diesem Antrage, rechnete dem An- geklagten die Untersuchungshaft auf die Strafe an und billigte ihm für den Rest von 1 Monat Bewährungsfrist zu. Der Hastbesehl wurde aufgehoben. Austerlch' letzter Weg. Die Wiener Traverfeier. wie», 8. Juli(Eigenbericht.) Am Mittwoch nahm Wien von dem verstorbenen Chefredak- teur der Arbeiterzeitung, Friedrich A u st« r l i tz, für immer Abschied. Die Trauerfeierlichkeiten begannen im 5?ofe der„Arbeiter- Zeitung". Zahlreiche bürgerliche Politiker, darunter der Bundes- k a n z l e r, mehrere Minister, ferner christlichsoziale und groß- deutsche Abgeordnete erwiesen dem Verstorbenen die letzte Ehre. Auch zahlreiche bürgerliche Journalisten waren erschienen. So der Leiter des„Bundcs-Presscdicnst" sowie der Chefredakteur der christlichsozialen„Reichspost" und viel« andere. Die deutsche Sozial- demokratic wurde durch das Mitglied des Parteioorstandes und den Chefredakteur des„Vorwärts" Friedrich Stampfer vertreten. Im Namen der Redaktion der„Arbciter-Zeitung" widmete Karl Leuthner dem Dahingeschiedenen einen herzlichen Nachruf. Er feierte Austerlitz als großen Journalisten, dem seine Arbeit Berufung gewesen sei. Der Sozialismus sei ihm die höchste Entfaltung der menschlichen Solidarität gewesen. Anschließend erfolgte die Ueberführung der sterblichen /stille von Friedrich Austerlitz ins Krematorium, wo zunächst Ab- geordneter Pick als Obmann der freien Gewerkschaften der kauf- männischen Angestellten den Verstorbenen als Organisator der kauf- rmömtffchen Angestellten feierte. Dann sprach im Namen der deutschen Sozialdemokratie Friedrich Stampfer. Er gedachte der großen Rede, die Austerlitz vor wenigen Wochen während des Leipziger Parteitages gehalten hatte und bezeichnete Austerlitz als den Führer und Meister der sozial! st ischen Publizistik. Als letzter gelobte Dr. Otto Bauer, daß die österreichische Sozialdemokratie wie Austerlitz weiterhin Kämpfer erziehen werde. Die Kieler Verhaftungen. planmäßige Störungsversuche der Nazis gegen Nemarque-Mlm. kiel, 8. Juli.(Eigenbericht.) Die Verhaftung des Vorsitzenden der nationalsozialistischen Orts- aruppc Kiel, Tuntel, erfolgte im Zusammenhang mit Demon- str atione n der� Kieler Nationalsozialisten gegen den Rc- m a r q u e- F i l m„Im Westen nichts Neue s". Der Film wird in Kiel entsprechend den Vorschriften in gc- schlossenen Vorstellungen ausgeführt. Trotzdem war es Nationalsozia- listen möglich, Zutritt in das betreffende Lichtspieltheater zu erlangen. Sie warfen Tränengasbomben und setzten, ähnlich wie in Berlin. weiße Mäuse aus. Da während der letzten Tage die Nationalsozia- listen auch aus der Straße Unfug verübten, sah sich die Polizei mehr- fach gezwungen, mit dem Gummiknüppel die Ordnung wiederherzu- stellen. Die Polizei hat bestimmte Nachrichten darüber erhalten, daß die Demonstrationen von der Leitung der nationalsozialistischen Orts- gruppe veranlaßt sind. Sie hat deshalb außer dem Vorsitzenden der Kieler NSDAP, einig« andere Führer der hiesigen Nazis jestgejefct. Appell an die Reichsbahn. Arbeit für die deuffche Waggonindustrie! Nach den Erhebungen des Deuts 6? cn At ctallarbcitcr- Verbandes vom Jahre 1930 kamen für die Herstellung von Personen- und Güterwogen bei Kriegsausbruch 40, nach Beendigung des Krieges 80 und im Herbst 1923 gegen 100 Unternehmungen in Betrocht. 60 000 bis 70 000 ZTlenschen fanden damals direkt oder indirekt Beschäftigung. Infolge der Rationalisierung ist heute mahl nur noch ein kleiner Bruchteil von selbständigen Betrieben vor- honden. Bon der stark verminderten Arbeiterzohl sind 62,7 Proz. in Werken totig, die konzernmäßig zusammengeschlossen wurden. Trotz dieser Maßnahmen stehen im starken Ausmaße wettere Entlassungen von Arbeitern und Angestellten bevor. In der Hauptsache deshalb, weil von der Reichsbahn im Jahre 1931 keine Austräge mehr erteilt werden sollen. Der Vorstand des Deutschen Metallarbciter-Verbandcs unter- breitete daher der Generaldirektion der Deutschen Reichsbahn- Gesellschaft noch vor der regelmäßigen Tagung ihres Berwaltungsrats eine Denkschrift, in der auf die besondere Notlage verwiesen wurde. Es heißt da u.a.: „Wir verkennen durchaus nicht die Schwierigkeiten, die infolg« des Verkehrsrückganges siir die Finanzen der Reichsbahn eingetreten sind, möchten aber doch hervorheben, daß außergewöhnliche Ber- Hältnisse außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Was niitzen alle theoretischen Ausführungen über Arbeitsbeschaffung, über die Milderung des gewaltigen Elends und die Linderung der wirt- schaftlichen Not, wenn die größte Auftragsgeberin des Reiches lediglich nach alten Gepflogenheiten handeln zu müssen glaubt. Nach unserer Auffassung hat die Rcichseisenbohn die Pflicht, die bestehenden katastrophalen Zustände zu mildern und auf ihre allmähliche Beseitigung hinzuwirken, soweit dies irgendwie möglich ist. Es muß sich ermöglichen lnssen, der Waggonindustri« schon jetzt einen Teil der Austräge des später notwendigen Bedarfcs zu über- weisen. Diese Maßnahme ist notwendig, um lausende vor Eni» lossungen zu schützen, die im August und noch früher erfolgen sollen. Die Neubeschaffung von Wagen läßt sich unbedingt rechtfertigen. Die Reichsbahn wird schon aus Selbstcrhaltungs- gründen eine Erneuerung und Modernisierung ihrer Fahrzeuge vornehmen müssen. Dem Wettbewerb der Personenautomobile und der Güterkrast- wagen wird sie auf die Dauer nur mit einem modernen, bis zur Höchstleistungsfähigkeit gesteigerten Wagenpark erfolgreich begegnen können. Die hunderttausende stark obgcwirlschasteler und überotteker Fahr- zeuge tragen sicherlich nicht zur Erhaltung der Substanz und des Reichs- bahnvermögens bei. Neue Bestellungen der Reichsbahn-Gesellschast find darum unerläßlich und auch Voraussetzung für die Erhaltung de? eingeschulten Personals, über das die deutsche Waggonindustrie in erfreulicher Weise verfügt. Bei einem Ausbleiben der Reichs- bahnaufträge werden viele Werke völlig erliegen. Gleichzeitig wird der schöpferischen Gestaltung und der modernen Neukonstruierung von Fahrzeugen jede Grundlage entzogen. Was diese Tatsache im Hinblick auf die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Waggonindustric dem Auslande gegenüber bedeutet, ist der Reichsbahnncrwaltung bekannt und braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Ein gangbarer Weg für die Finanzienmg der neuen Auftrags- ertcilung wird sich zweifellos finden lassen, l. durch geeignete Maßnahmen der Reichsregierung und der beteiligten Industrie; 2. durch die regulären Betriebseinnahmen der Reichsbahn: 3. durch das bevorstehende Weltnioratorium mit seiner hoffentlich günstigen Wirkung auf die deutschen Finanzen. Sn den Kreisen der Arbeitnehmer herrscht eine ungeheure Beunruhigung. Der Gedanke setzt sich immer mehr durch, daß die Reichsbohnvcrwaltung nicht mit dem nötigen Ernst und Nachdruck an die Behebung des wirtschaftlichen Notzustandes in der Waggonindustric herantritt." * Inzwischen hat der Verwaltungsrat der Reichsbahn getagt. Der Generaldirektor wurde ermächtigt, die durch die Notverord- rnmg des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschast und Fi- nanzen bedingte Kürzung der Gehälter der Reichsbahnbeamten nach den für die Reichsbeamten maßgebenden Grundsätzen durchzuführen. Mit der Reichsregierung ist vereinbort, daß die dadurch im laufen- den Jahre eingesparten Mittel in Höbe von rund 40 Millionen Mark zusammen mit 60 Millionen Mark aus dem Krisenfonds der Reichsregierung voll zur Entlastung des Arbeitsmarktes Verwendung finden. Durch grundsätzliche Erneu erungsarbeiten solle« in den fünf kommenden Monaten SO 000 Arbeiter Leschästigung finden. wobei auch Privatunternehmer herangezogen werden. lieber die Ausdehnung dieses 100 Millionen Mark umfassenden Arbeitspro- gramms auf das in der Notverordnung vorgesehene 200-Millionen- Programm schweben noch Verhandlungen. Nach unserer Meinung müßte in Anbetracht des gewaltigen Notstandes der deutschen Waggon- und Lakomotioindustrie die Reichsbahnverwoltung sich als größte Arbeitgeberin besonders um die Erlangung eines langfristigen Auslandskrcdites bemühen. Eine solche Aktion würde nicht nur vom rein Volkswirtschaft- lichen Gesichtspunkte aus zu verantworten sein, sie läge auch im Interesse der Erhaltung der wertvollen Substanz der Reichsbahn selbst. Vor allem ist danach zu trachten, daß dos Arbeits- befchaffungsprogramm mit lebendigem Geist erfüllt wird, unter Beseitigung aller ressortmäßigen Hemmungen, die uns aus früheren Zeiten noch zur Genüge bekannt sind. Daß bei Vergebung von Arbeiten von den Staatsbehörden die Einhaltung einer 40stündigen Arbeitswoche zur Bedingung gemacht werde« mühte, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Eine solche Arbeitszeitbeschränkung ist unbedingt erforderlich. Die Zahl der Neucinzustellenden sowohl, als auch die Streckung der Arbeitsaufträgc hängt im starken Maße davon ab. Vor allem ist ober schnelles Handeln am Platz. st'rnnr M. d. R. Ein Jahr Gesamiverband. Großorganisation in der Krise bewährt. Der Gesomtverband veröffentlicht soeben seinen Geschäftsbericht für das Jahr 1930, des ersten Jahres des Bestehens dieser Graß- organisation. Es war eine sonderbare Fügung, daß die neugeschaffene Organisation gleich im Gnindungsjohr ihre Feuerprobe be. st e h e n nmßte. Sie hat diese Probe im Gründungs- und Krisenjahr 1930 gut bestanden. Mit 683 190 Mitgliedern nahm der Gesomtverband seine Tätigkeit auf. Man hatte sich das Ziel gesteckt, es bis zum Schluß des Gründungsjahrs auf mindestens 700 000 Mitglieder zu bringen. Die hereinbrechende schwere Krise hat die Erreichung dieses Zieles leider vereitelt: sie zog sogar noch einen Verlust von 9815 Mitgliedern nach sich, so daß der Gesomtverband am Schluß des Berichtsjahres 673 375 Mitglieder musterte. Der Mitglicdcrrückgang erstreckt sich aber nicht auf olle Bezirke. In einigen Bezirken, darunter auch in Berlin, war selbst noch im vorigen Jahr eine Mitgliedcrzunahme zu vcr- zeichnen Wie festgefügt der Gcsamtvcrbond ist, geht am deutlichsten aus der Feststellung hervor, doß 54,3 Proz., also über die Hälfte der Mit- glieder auf eine 3- bis 15 jährige Mitgliedschaft in einer der Stammorgonisatione» des Gcsamtverbandes zurückblicken können. Daß der Gesamwerband in der für sein Organisationsgcbict zuständi- gen Arbeiterschaft noch ein großes Reservoir für die Agitation hat, geht daraus hervor, daß er trotz der Krise im vorigen Jahr fast 90 000 Neueintritte und Ucbertritte registrierte. Diese große Armee konnte ober noch nicht bei der Fahne gehalten werden, weil in ihr der Gewerkschastsgedanke noch nicht tief genug Wurzel geschlagen hatte. Infolge seiner eigenartigen Struktur hatte der Gesamtverband unter der Arbeitslosigkeit erfreulicherweise nicht so schwer zu leiden wie die übrigen Verbände. Rund 55 Proz. der Mitglieder sind in Betrieben der öffentlichen Hand beschäftigt, die fast ausnahmslos den konjunkturellen Einflüssen nicht 1o unterliegen, wie die Betriebe der Privatwirtschaft. In allen deutsiXen Gewerkschaften betrug z. B. die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 1930 in der Konjunktur- gruppc 17,1 Proz. und in der Saisongruppe 46,7 Proz., im Gesamt- verband dagegen„nur" 7,1 Proz. In Kurzarbeit standen bei allen Gewerkschaften 1930 in der Konjunkturgruppe 16,5 Proz. und in der Saisongruppe 1,8 Proz.. beim Gesamtverband dagegen 1,3 Proz. im Jahresdurchschnitt. Was der Zusammenschluß der Vcrkehrsbündler, Gemeinde- Arbeiter. Gärtner und Berufsscuerwchrmönner zum Gesamtverband rein kassentechnisch bedeutet zeigt sich darin, daß durch den Zu- sammenjchluß ein Barver mögeii von8 893 246 M. in die Vcr- waltung einer einzigen Organisation überging. Die Einnahmen des Gesamtvcrbandes bclieson sich im vorigen Jahr auf rund 28,10 Millimren Mark, die Gesamtausgaben auf 28,99 Millionen Mark, so daß das erste Jahr mit einer Mehrausgabe von fast 900 000 Mark abschloß. Für sahungsmäßigc Unterstützungen wurden im Berichtsjahr fast 9 Millionen Mark ausgegeben, wovon allein auf die Arbeitslosenunterstützung 2,79 Mil- lionen Mark entfielen und auf die Krankenunter st üßung 3,33 Millionen Mark. Rocht erheblich war auch die Extrauntcr- st ü tz u n g zu Weihnachten 1930, die 958 354 M. betrug. Rund ein Drittel de? Beiträge floß in Form von Unterstützungen wieder an die Mitglieder zurück. Auf lohn- und taris politischem Gebiet konnte der Gesamtverband im vorigen Jahr noch ganz ansehnliche Erfolge er- zielen. Er führte insgesamt 698 Bewegungen in 25 673 Betrieben mit 890 521 Beschäftigten und 381 371 Beteiligten. Von diesen 698 Be- Vegungen waren 579 oder 83 Proz. erfolgreich, 15 Bewegungen oder 2,1 Proz. hatten einen teilweisen Erfolg rmd l04 Bewegungen oder 15 Proz. verliefen ergebnislos. Hervorgehoben zu werden, verdient, daß es dem Gesomtverband noch im vorigen Jahr gelang, für 107 268 Arbeiter eine wöchentliche Lahncrhöhung oan 1,57 M pro Kaps und für 23 635 Arbeiterinnen von 1,11 M. zu erwirken. In den Abwehrbewegungen gelang es ihm. einen Lohnabbau von 5,50 M. je Kopf und Woche für 23 264 Arbeiter und von 2,24 M. für 1616 Ar- beiterinnen zu verhindern. Dieser kurze Auszug aus dem fast 300 Seiten starken Geschäfts- bericht wird auch dem Richtgesamtnerbändler Respekt vor dieser Grnßorganisation abzwingen, die schon in ihrem Gründungsjahr gezeigt hat, was gewerkschaftliche Macht auch noch in schwersten Kriscnzeitcn zu erringen und zu erhalten vermag. l Aschinger verurieilt. „Jlheiitgold" war fein selbständiger Betrieb. Am Mittwoch wurde vor der 8. Kammer des Landesarbeits- gcrichts Berlin in die Berufungsklage der Firma Aschingcr ver- handelt, die wegen der Schließung des Weinhauses„Rheingold" geführt wird. Bei der Klage geht der Streit darum, ob die Firma Aschinger nach Schließung des Wci.ihaiises„Rheingold" verpflichtet war, die dort Beschäftigten innerhalb ihrer anderen Betriebe aus- zutauschen. Die Firma Aschinger bestritt diese Verpflichtung, weil nach ihrer Auffassung das Weinhaus„Rheiugold" ein selbständiger Betrieb war, während die Entlassenen behaupten, es sei nur eine unselbständige Filiale innerhalb des Aschinger-Konzerns gewesen. Das Arbeitsgericht hatte am 6. Mai entschieden, daß Aschinger zum Austausch der Entlassenen verpflichtet sei, da das Weinhaus „Rheingold" kein selbständiger Betrieb gewesen ist und demzufolge keine Betriebsstillegung im Sinne des BRG. erfolgt fei. Gegen dieses Urteil hat die Firma Aschingcr Berufung eingelegt, die ober am Mittwoch vom Landesarbcitsgericht noch achtstündiger VerHand- lung zurückgewiesen worden ist. Bei der Berufungsklage handelt es sich um zwei bis zur Schließung des„Rheingold" in diesem Etoblisse- ment Beschäftigte, die von den Rechtsbeiständen des Zcntralncr- bandcs der Hotel-, Restaurant- und Eafeangeftellten und des Zen- tralvcrbondes der Mafchlniften und 5zeizer vertreten wurden. Für den Fall, daß Aschinger die beiden Entlassenen nicht innerhalb ihrer übrigen Betriebe austauscht, wurde ihr eine Entschädigungs- summe van 1000 Mark auferlegt. Das Urteil ist von grundsätzlicher Bedeutung für die übrigen 250 bis 300 entlassenen Gastwirtsongestellten des Weinhaüses „Rheingold". Ein dritter Kläger, der durch einen RGO.-Mann ver- treten wurde, mußte abgewiesen werden, weil sein„Rechtsbeistand" die unbillige Härte nicht genügend begründete. Das Zfcchi des Verireiers. Gn einsichtiges Urteil des Landesarbeitsgerichts. Vor dem Landssorbeitsgericht Berlin wurde am Dienstag— zum ivicoiclsteu Male wohl— der alte Streit ausgetragen: Ist her Per- treter ein freier Handelsagent oder steht er zu seinem Unternehmen ln einem angestelltenähnlichcn Verhältnis? In dem diesmal ausgeklagten Fall handelt es sich um folgendes: Bar einigen Jahren wurde in Berlin die„B c w c t a" gegründet, mit vollem Titel Berliner Wasser- und Kcsselwart-G. m. b. H. Diese Gesellschaft suchte Abonnements mit Housbesitzeru abzuschließen, wonach diese gegen einen monatlichen Pauschalbetrag olle Reparaturen an ihren Installationen ausgeführt erhielten. Die Abonnements wurden durch Vertreter geworden, wofür sie eine Provision von 15 v. H. erhalten sollten. Trotz guten Geschäftsganges haperte es aber mit der Auszahlung der Praoijionen an die Vertreter, und zwar jo stark, daß sich einer tzer Bertrcier nach sünsjähriger Tätigkeit für die„Beweka" um einö Summe geschädigt fühlt, die in die Z e h n t a u s e n d e von Mark geht. Auch andere Vertreter macheu sehr erhebliche Ansprüche für nicht gezahlte Provisionen gellend. Sie gingen deshalb zum Arbeits- gericht. das sich jedoch für unzuständig erklärte, denn die Wirtschaft- iiche Abhängigkeit der Vertreter van der„Bcweka" hätte nicht einen solchen Grad erreicht, daß sie einem unmittelbar Angestellten gleich- zusetzen seien. Gegen diese Entscheidung lcgie der Vertreter B. Berufung beim Landcsarbeitsgericht ein. Sein Rechtsbcistand iührtc aus, daß B. zu feiner Firma in einem nertroglich geregelten Douervcrhältnis stand, ausschließlich für die„Bewcka" zu arbeiten hotte, seinen Kundenkreis von ihr zugewiesen bekam und über seine Arbeit Bericht zu erstatten hatte. Außerdem war er in seinen Einkünften vollkommen aus die „Bewcka" angewiesen, in semer wirtschaftlichen Abhängig- l e i t also einem Zlngestellten arbeitsrechtiich gleichzusetzen. Nach kurzer Beratung stellte sich das Landesarbeits- g c r i ch t auf den gleichen Standpunkt, gabdcr Berufung st alt und verwies die Sache an das Arbeitsgericht zurück. Damit bat dos einsichtige Londesarbeitsgericht ähnlich eMschicden wie im Falle der „Elektro-Lux"-Vertreter,'die man auäi zu freien Koufleuten stempeln wollte. Wären sie dos, dann müßten olle Vertreter elwaige Ansprüche vor dem Amts- refp. Landgericht einklagen, wozu sie jedoch kaum jemals als wirtschaftlich äußerst t-chwoche, die oft genug keine ganzen Stiefel auf den Beinen haben, imstande wären. Die ungezählten Vertreter könnten nicht einmal die Kostcnvorschüsse für ein Verfahren vor dem Amtsgericht ausbringen. Das wissen die Unternehmer und deshalb jedesmal die Bezweiflung der Zuständigkeit der Arbeits- gerichte._ Tüchtigkeit wird bestrast. Unbeabsichtigte Härten im Arbeitslosenversichsrnngsgeseß. Wenn ein Lehrling durch besonders gute Leistungen ausfällt, ist es oft üblich, daß ihm vom Lehrherrn einTeilderLehrzeit g e f ch e nkt wird. Dieses Geschenk ist neuerdings recht zweifelhafter Art geworden. Wird nämlich der Lehrking im Anschluß an die Lehrzeit arbeitslos, so lehnt das Arbeitsamt in vielen Fällen die Zahlung der Arbeitslosenunterstützung auf Grund des§ 95 des Gc- sctzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung ob. Der § 95 verlangt von dem Arbeitslosen, daß er bei erstmaligem Antrag auf Ilnlerstützung mindestens 52 Wochen versichern ngs- Pflichtige Beschäftigung nochweist. Da der Lehrling aber bei mehr als zweijähriger Lehrzeit bis zum Tage des Beginns des letzten Lehrjahres von der Arbeitslosenversicherungspslicht befreit ist. kann er nur dann den Nachweis über 52 Wochen Versicherung*- Pflichtige Beschäftigung führen, wenn er das letzte Jahr voll auslernt. Es gibt allerdings für den Lehrherrn eine Möglichkeit, diese sicherlich unbeabsichtigte Härte des Gesetze« zu verhindern. Läßt er den Lehrling früher auslernen, entrichtet er eben vor Eintritt der Arbeitslosigkeit und damit des Bersicherungsfallcs die paar Pfennige Beiträge für die Arbeitslosenversicherung nach, so daß trotz der geschenkten Lehrzeit für insgesamt 52 Wochen Beiträge gezahlt sind. Nur vor Eintritt des Versicherungsfalles gezahlte Beiträge können für die Auszahlung berücksichtigt werden. Dieser Fall ist ein Schulbeispiel für die fahrlässige Eile, mit der heute Sozialoersicherungsgesetze geändert werden. An solche Fälle hat der Gesetzgeber anscheinend gar nicht gedacht, denn hinsichtlich der Krankheit im versicherungspflichtigen letzten Lehrjahr, die sonst auch mit versicherungspflichtig ist, ist eine entsprechende Ausnahmebcstim- mung vorgesehen worden. Für den Gesetzgeber lag also gar keine Veranlassung vor. besonders tüchtige Lehrlinge zu schädigen. Der Fall ist glatt übersehen worden! 8 Prozent noch ntcht genug. Streik bei ber Mrma Gustav Krech. Seit dem 17. Juni befindet sich die Belegschaft der Firma Krech, Berlin, Gartenstr. 64. in einem sanktionierten Streik. Obgleich schon im Januar eine Lohnkürzung um 8 Proz. erfolgt ist, wollte die Firma eine weitere Herabsetzung der Löhne und Verdienste um 10 Proz. vornehmen. In einer Verhandlung. die im Beisein eines Vertreters des Deutschen Metallarbeiter-Pcr- Höndes geführt wurde, stellte man Herrn Krech onheirn, von seiner Forderung Abstand zu nehmen, da auf Grund des Lohnabbaues im Januar und der augenblicklichen Wirtschaftslage ein weiterer Lohn- abbau für die Belegschaft nicht tragbar ist. Das wurde von der Firma abgelehnt, woraus die Belegschaft in den Streik trat. Die Firma gibt sich nun olle erdenklich« Mühe. Arbeits- willige heranzuziehen und zwar von den Wohlfahrtsämtern und vom Arbeitsnachweis der Berliner Stadtmission, Oranienstr. 69. Sie erklärt dort, daß sich ihre Arbeiter in einem wilden Streik befinden. Besondere Beachtung verdient die Tatstiche, daß die bei der Firma vor längerer Zeit ausgelernten Klempner jetzt wieder als Arbeits- willige eingestellt worden sind, die seinerzeit entlassen wurden, weil sie nicht in der Lage waren, ordentliche Arbeit zu leisten. Die Streikenden erwarten, daß alle Erwerbslosen Solidarität üben und den Betrieb meiden. Berliner Gewerkschaftsschule. Gewerkschaftsschule, � Die Lehrberatungssprcchstundcn der Berliner Gewerkschaftsschule, Montags und Freitags von 4 bis 7 Uhr abends, fallen in den Monaten Juli und August aus. Der Wiederbeginn der Sprechstunden wird Ende August bekanntgegeben. Gewerkschafts»Lugend Verlin Hrute um ISZ2 Ubr tagen Sie Gruppcn: Bigenid; Jugendheim®rü- itourr Sir. 3(äiöbe Bahnhof Spindlersfeld). Gewerkschaften in Italien. — Ibelrndbrunne»: Jugendheim State Schule,(botenburger Str. 2. Eni- micklirng der freien Gewerfichasten.— Schänhaufer Zar: Jugendheim Tieckstr. 18 lFcuerwehrhaus). Arbeitersport und Freikörperkultur.— tempelhof: Gruppen- Heim inieunt German ioftr. 4-6. Der Zugang ,um Jugendheim erfolgt durch de» Eingang auf der Hinteren Seite der Schule, Göhl'traße. Die Frau im Er. wcrbsleden.— Südosten: Raichen berger Str. 66 fFeuerwehrhaus). Freikörperkultur.— Moabit: Jugendheim Lehrierstr. 18— 10. Eine Gerichlsoerhgndlung. — Staaken: Iugeirdheim 17. Boltsfchule. Gartenstadt, sirchploh iEndhaltestelle Äutobus 81).— Zien-Sichtenberg: Jugendheim Gunierstr. 44. Der Kampf um die Arbeitszeit.— Lands de rzer Bläh: Sruppenheim Diastelmeper-Str. 3. Heim, befprechung.— Lichtenberg: Jugendheim Hauff, an der Leffingjfirage. Die französische Kommune.— Ziigendginppe de» Berdande, der Ztahrvngsmittel- und Setränkearbeiter, N. 34, Neue Schönhauser Str. 4— S. Die Wirlichaftskriie in Deutschland. Ref.: Sermann Neh.— Ingendgruppe de» Deutschen Be- ficidungsardeilcr-Verbände». Spielen im Trepistver Bark, Wiese 8, ab 19 Uhr. Iussenbgruppe des Zentralverbandes der Angestellten Heute, Donnerstag, folgende Veranstaltungen: Pankow-Niederschön- Hausen: Jugendheim Görschstr. 14(großes Zimmer). Aussprache:-,Ge° roerffchaftcn und Partei", Leiter: Lamm.— Osten: Jugendheim der Schule Litauer Str. 18. Vortrag:„Erlebnisse eines Piloten", Ref.: Liebig.- Treptow: Jugendheim der Schule Wildenbruchstr. 33 l Zugang ran der Graehstraße in Trepiotvi. Tagespolitische Rundschau.— Spiele im Freie» ad 19 Uhr Sport- plag Iungsernheide, Sportplah Humboidihain und im Schillctpark und ab 18 Uhr Sporiplah Tiergarten. Verantwortlich für Politik: Bietoi Schifft Wirlsehaft:®. Klingelhlfcrt iSewerkschaftsbewegung: Friede. SHIorn: Feuilleton: Dr. John Schlkowoki: Lakales und Sonstiges: Frist Karstadt: Anzeigen: Th. Glocke: sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwäris-Verlgg G. m. b. H.. Berlin. Druck: Vorwgrts.Buchdrnckerek »nd Verlagsanstalt Paul Einger u. Co.. Berlin EW. 68. Lindenstraße 6 Sierz» 2 Beilagen. Zur Gesichfs-Bräunimg der emitz jpu Bräunung des ganzen Körpers ei Sonnen» vodern verwende man die reiMildernd« und kilhlende Creme Leodor— lettfrei in toter Packung: fetthaltig w blauer Packung,— Tube 60 Pf. und 1 Ml. Wicksmn unterstützt durch Leodor- Edessetse Stück«0 Ps. 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