BERLIN Zreitag 10. Mi 1931 10 Pf. Nr. 318 B*159 48. Jahrgang LrscheinttSglich außer Son«t«g«. Zugleich Abendausgabe des„Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 8S Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW68, kindenftr. 3 Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 „\JbYutwffa Anzeigeaprei«: Die einspaltige Nonpareillczeile 80 Pf., Reklamezeile S M. Crmäßigunaen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwarts-Verlag G.m. d.H.. Berlin Nr. 37 S36.— Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Ablenkung auf Hindenburg Manöver Hitlers und Hugenbergs— Verschleierte Verantwortung Gerösteinstlirz beim Karstadt-Aeubau Die Hilgenberg unb Hitler haben das Maul voll genom- men, um den„Entscheidungskampf zur Niederringung des heutigen Systems zu verkünden". Sie meinen damit nicht etwa das System ihrer Freunde vom Schlage L a h u s e n, die die deutsche Wirtschaft ins Unglück gerissen haben, sondern sie meinen die Reichsregierung, die Reichsverfassung, vor allem aber den Reichspräsidenten. Der Anwurf ihrer Verlautbarung über die„der- zeitigen Machthaber" ist auf Hindenburg gezielt. Wer sind die„derzeitigen Machthaber"? Die Ausschaltung des Parlaments hat die in der Hand des Präsidenten liegende Machtfülle gewaltig verstärkt. Sein begrenztes Veto gegen- über der Gesetzgebung ist ausgeweitet zu einer aktiven Teil- nähme an der Gesetzgebung. Die Praxis der R o t v e r- Ordnungen gibt dem Reichspräsidenten die Möglichkeit, das materielle Recht der Notverordnungen zu beeinflussen. Das Schwergewicht ist von dem einen demokratischen Faktor der Verfassung, dem Parlament, auf den anderen in der Verfassung verankerten demokratischen Faktor, den Reichs- Präsidenten verlegt worden. Der Reichspräsident ist heute der stärkste Mann in Deutschland. Gegen ihn richtet sich also der Versuch, den Entscheidungs- kämpf gegen die„derzeitigen Machthaber" zu führen. Diese Kampfansage ist in erster Linie ein grandioser Ablenkungsversuch. Die„E r f ü l l u n g s p o l i t i k" wird wieder hervorgezogen, um die Empörung von den Schuldigen an Deutschlands Niederbruch abzulenken. Ein klägliches Unterfangen! Erfüllungspolitik in einem Augenblick, wo die Reparationszahlungen für ein Jahr eingestellt sind, wo in der ganzen Welt das Signal gegeben ist für eine Revision der politischen Belastung Deutschlands, in einem Augenblick, wo Deutschland nicht erfüllt, sondern die Hilfe der ganzen Welt in Anspruch nimmt— nicht um Tribute zu leisten, sondern um die eigene Existenz zu retten! Heute ist weithin sichtbar, und der letzte Mann im letzten Winkel Deutschlands wird es erkennen, wer Deutschland in den Abgrund dieser Krise gestürzt hat! Nicht die Erfüllungs- Politik, sondern die Unfähigkeit, die Engstirnigkeit, der Besitz- cgaismus sogenannter Wirtschaftsführer! Sie sagen Erfüllungspolitik, um von dem Namen L a h u s e n abzulenken. Denn Lahusen— das ist Fleisch von ihrem Fleische, Blut von ihrem Blute! Lahusen steht Hugen- berg besonders nahe, er hat ein deutschnationales Blatt sub- ventioniert, um im Geiste Hugenbergs Propaganda zu machen. Während die Lahusen Schindluder mit den deut- schen wirtschaftlichen Interessen und dem deutschen Kredit gespielt haben, haben die Hitler und Hugenberg durch ihr politisches Treiben den deutschen Kredit systematisch unter- wühlt. Die 200 Millionen Verluste der Nordwolle, die kritische Lage der gesamten deutschen Kreditwirtschaft, die ungeheure Bedrohung der nackten Existenz der Arbeiter, Angestellten, Beamten, des gesamten Mittelstandes ist die Folge des Systems, in dem sich unfähige Wirtschaftsführer und politische Katastrophentreiber die Hände zu gemeinsamem Vorgehen reichen! Wo bleibt die Entrüstung der National- s o z i a l i st e n über das ungeheure Wirtschaftsverbrechen Nordwolle, diesen kapitalistischen Riesenskandal, von dem Kenner sagen, daß er der zweitgrößte der neueren Wirt- schaftsgeschichte ist? Sie schweigen! Sie müssen schweigen: denn die Schuldigen sind ihre Auftraggeber. Die Wirtschaftsführer, die mit Grauen die Folgen ihrer Unfähigkeit herannahen sehen, haben sich die Hitler-Bewegung verschrieben, sie haben sie gestützt und finanziert, damit der Amoklauf der Hitler-Bande die Auf- merksamkeit von ihrer Schuld abziehen sollte. Der Versuch. jetzt wieder laut über Erfüllungspolitik zu schreien, soll den Wirtschaftsskandal in den Hintergrund drängen. Das Berliner Organ der Nationalsozialisten enthält in seiner gestrigen Ausgabe das Wort Nordwolle nicht. Nicht eine Zeile, nicht ein Buchstabe über die 200-Millionen- Zehn Arbeiter in die Tiefe gerissen.— Lteberlastung als Ursache? Auf dem Gelände des Karstadt-Neubaues in der Keibelstraße 20, in der Nähe des Alexanderplatzes, stürzte heute mittag ein Teil des Gerüstes ein und r i s; zehn Arbeiter mit in die Tiefe. Vier Arbeiter mußten mit schweren inneren Verletzungen und Knochen- brüchen in das Krankenhaus am Freidrichshain gebracht werden. -i- Der Neubau ist von einem hohen H o l z g e r ü st umgeben, auf dem eine große Zahl von Handwerkern beschäftigt ist. In etwa fünf Meter Höhe ist auf dem Gerüst eine Laderampe ange- bracht, auf der Mauersteine, Zementmassen und andere Bau- Materialien lagerten. In dem Augenblick, als ein Steinträger eine Ladung Steine auf die Rampe schüttete, gab es plötzlich ein Krachen. Mit großem Getöse stürzte das Gerüst in einer Breite von zehn Meter zusammen. Das Unglück kam so überraschend, daß sich keiner der Arbeiter, die auf der Rampe beschäftigt waren, mehr in Sicherheit bringen konnte. Zehn Mann stürzten mit in die Tiefe und wurden unter den Holz- und Steintrümmern begraben. Von allen Seiten eilte sofort Hilfe herbei. Gleichzeitig wurde die neben dem Neubau befindliche Feuerwache Keibelstraße alarmiert. Baurat Kallas trat mit den Rettungsmannschaften sofort in Aktion und im Verein mit den Ar- beitern konnten die Verunglückten bald aus ihrer qualvollen Lag- befreit werden. Vier Arbeiter, Otto K l o ck o w, Josef M a ch o w i a k, Paul I o p p e ck und Albert R u d a l mußten sofort ins Krankenhaus gebracht werden. Sechs weitere Verletzte erhielten von Sama- ritern gleich an Ort und Stelle Verbände angelegt. Das Unglück ist vermutlich durch Ueberlastung der Rampe verursacht worden. Die Verantwortung für Nordwolle ä)as Terwallungs gebäude der llordtvolle in SSremen Es muß in aller Schärfe festgestellt werden, wer die Verantwortung für den ungeheuren Wirtfchastsskandal trägt, der Deutschlands Wirtschaft in der kritischsten Situation bis aus die Grundsesten erschüttert. 3n erster Linie trifft die Verantwortung die Familie Lahusen in Bremen. Darüber stellt die„Frankfurter Zeitung" fest: „Darüber besteht kein Zweifel mehr, daß nicht das Zusammen- wirken einer Vielzahl von Kräften zu diesem Unglück geführt hat, sondern ganz allein die ungczähmte und nicht einmal überwachte Aktivität der Söhne des Gründers. Nicht alle fünf waren gleichermaßen beteiligt; der eine saß in Buenos Aires und betätigte sich offenbar ausschließlich in der Leitung des dortigen verselbständigten Rohwoll- und Plantagen- '.Koilen: über 10 II Ullionen lUark geschästs, der jüngste war zwar Mitglied des Vorstandes bei Nord- wolle, aber doch wohl noch immer ohne bedeutenden Einfluß. Ein dritter— Anwalt und Notar— war Mitglied des Aufsichtsrats; ob feine Unterrichtung besser und seine Verantwortung somit größer war als die der anderen Mitglieder des Gremiums, bedarf unbedingt noch der Aufklärung. Die eigentlich handelnden Personen waren aber die beiden Brüder, die neben dem jüngsten bis vor einiger Zeit neben einem ihnen befreundeten Herrn im Vorstand saßen: Gustav Carl und Heinz Lahusen, vor allem der erste, der älteste und energischste unter den Brüdern, der als der eigent- liche Träger und Fortfllhrer des väterlichen Erbes betrachtet wurde. Er hatte mit der Ausdehnung des Konzerns und mit der Betonung seiner persönlichen Führung sich einen solchen Nimbus erringen können, daß ihn die zurückhaltenden Bremer zum Präsidenten der Handelskammer machten, Pleite! Die Landsknechte bankrotter Wirtschaftsführer dürfen nicht erfahren, was in Wahrheit das deutsche Wirtschafts- gebäude erschüttert. Wir haben den Versuch einer gewissen Unternehmer- clique, die Schaffung des Garantiesyndikats zu politisch sozial- reaktionären Zwecken auszunutzen, mit aller Schärfe zurück- gewiesen. Das Organ dieser Clique, die„Deutsche Allgemeine Zeitung", hat inzwischen ihre Lobpreisungen auf die„Retter" eingestellt. Es hätte gerade noch gefehlt, wenn ein Blatt, das von den Führern zusammenbrechender Unternehmungen finanziert wird, diese Leute als Retter anpreist! Der Vorstoß der Hugenberg und Hitler liegt auf der- selben Linie. Sie tragen Schuld, schwerste Schuld! Sie haben Deutschlands Kredit erschüttert. Das Volk muß ihre verhäng- nisvolle Rolle erkennen, es wird ihren schamlosen Versuch, sich als Retter anzupreisen, mit Entrüstung zurückweisen! Nachtsitzung des Kabinetts Maßnahmen zur Verhütung von Zusammenbrüchen Das Reichskabinett beschäftigte fich in der Nacht zum Freitag wiederum mit der schwierigen Wirtschaftslage gruster Geldinstitute und Industrie Unternehmungen. Die Beratungen, die schliesslich zu Stiitzungsmatznahmen be- stimmter Art führen sollen, wurden heute vormittag um Uhr fortgesetzt und werden wahrscheinlich im Lause des heutigen Tages abgeschlossen. Das Reichswirtschaftsministerium dementiert, das, daS Reich für die Sanierung der Nordwolle öffentliche Gelder zur Verfügung stellen wolle. Daß die ReichSbank diese Mittel mit zur Verfügung stellt und sie gewisser- maßen unter Garantie deS Reiches gegeben werden, wird jedoch nicht bestritten. Luiher und der �-Milliarden-Kredit. Flucht deutschen Kapitals? Paris, 10. Zuli.(Eigenbericht.) Der Reichsbankprajidenl Luther hat heute vormittag 9 llh, seine Verhandlungen mit dem Gouverneur der Dank von Frankreich begonnen. Die plötzliche Reise Dr. Luthers hat in Paris großes Aufsehen erregt. Dem Wunsche Luthers, eine langfristige Anleihe von etwa 1,5 Milliarden Mark zur Sanierung der durch die Kreditabzuge und durch die Kapitalflucht gefährdeten deutschen Währung zu er- halten, steht man in Paris grundsätzlich nicht ablehnend gegen- über, aber man hält eine gewisse Vorsicht für notwendig und verlangt energische Maßnahmen von feiten der Reichsbant gegen die Kapitalflucht und eine Acnderung der politischen Orien. t i e r u n g der Reichsregierung im Sinne einer loyalen internatio- nalen Zusammenarbeit. Das„Echo de Paris", das enge Beziehungen zum Finanzmini- fterium unterhält, schreibt oarüber:„In den offiziellen französischen Kreisen glaubt man allgemein, daß eine solche Operation, die durch ihren Umfang und durch ihre Dauer den normalen Rohmen über- schreitet, sehr genau geprüft werden muß. Die Kapitalabwanderung scheint weniger auf Zurückziehung amerikanischer Kredite als auf die Flucht der Deutschen vor ihrer eigenen Währung zurück- zuführen zu sein. Große Kapitalbewegungen werden vor allein nach der Schweiz und nach Holland fast ausschließlich für deutsche Rechnung gemeldet. Unter diesen Bedingungen ist es verständlich. daß sich die Zenirglnotenhanten nur auf einen neuen Kredit ein- lassen, wenn von der Reichsbant selbst äußerst scharfe Kredit- einschränkungen vorgenommen werden, wie sie Dr. Schacht im Jahre 1929 angeordnet hat. Andererseits kann eine Geste des Vertrauens gegenüber der deutschen Wähning und Wirtschast be- sonders von Frankreich nicht erwartet werden, solange Deutschland nicht seinerseits durch geeignete Maßnahmen und durch eine Aende- rung seiner Politik Frankreich das Vertrauen wiederzugeben oer- standen hat." Der Reichsbankpräsident hat in der deutschen Botschaft Woh- nung genommen. In der Nacht zum Freitag übermittelte er de? Reichsregierung über feine Verhandlungen mit dem Gouverneur der Bank von England noch einen ausführlichen Bericht. Luthers Verhandlungen. Die Unterredung Dr. L u t h e r s mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich, M o r e t, dauerte über zwei Stunden. Der Reichsbankpräfident kehrte dann in die Botschaft zurück, wo eine interne Besprechung stattfand. Sowohl französischer- wie deutscher» seits wird bisher jede Auskunft über den genauen Gegenstand der Verhandlungen und der Ergebnisse abgelehnt. Es scheint aber, daß sich Dr. Luther um die Gewährung eines internationalen mittel- fristigen Kredites in Höhe von 259 bis 399 Milli» onen Dollars und nicht um eins langfristige Anleihe bemüht. Di« Bank von Frankreich soll ebenso wie die amerikanischen Banken dieser Forderung g ü n st i g gegenüberstehen, während die sranzösi- schen Privatbanken sich mehr oder minder ablehnend verhalten, wenn nicht gewisse politische Garantien von Deutschland gegeben werden. Dr. Luther ist heute mittag zum Essen bei dem Gouverneur der Bank von Frankreich eingeladen und tritt mit dem Nordexpreß um 16 Uhr 29 Minuten bereits die Rückreise nach Berlin an. Hoover an Hindenburg. Hoffnung auf Belebung des internationalen Vertrauens. Die Antwort des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika an den Herrn Reichspräsidenten hat folgenden Wortlaut: „Mit großer Genugtuung habe ich Ihr Telegramm vom 7. Juli erhalten. Ich hege die aufrichtige Hoffnung und Erwartung, daß der den Nationen der Welt vorgelegte und von ihnen angenommene Plan das Vertrauen aller Länder untereinander wieder beleben und ihre Wohlfahrt fördern möge. Herbert Hoover." Hoover rechnet auf Mehrheit. New Park, 19. Juli. Wie New Park Times aus Washington meldet, ist Hoover be- züglich der Ratifikation des Moratoriums durch den Kongreß durchaus zuversichtlich, denn 79 Senatoren und 295 Mitglieder des Re, präsentantenhauses hätten sich verpflichtet, seinen Plan zu unter, st ü tz e n, so daß eine sichere Mehrheit gewährleistet sei. Krauenmord im Grunewald Zm Gebüsch erdrosseli/ Giiilichkeiisverbrechen oder Raubmord? Einem mutmaßlichen Kapitalverbrechen ist die Polizei heute vormittag auf die Spur gekommen. Im Grunewald, einige hundert Meter westlich des Großen Sterns, in Höhe des Grunewaldturmes, wurde die Leiche einer Frau gefunden, die nach dem ersten Befund offenbar erdrosselt worden ist. Die Leiche wurde heute vormittag gegen 1411 Uhr entdeckt, als ein Reichswchroffizier im Grunewald seinen Morgenritt unternahm. Der Offizier sah zunächst nur ein umgestürztes Damenfahrrad und etwa drei Meter davon eine Kappe liegen. Eine tiefe Schleifspur im Grase, die im Gebüsch führte, erweckte den weiteren Verdacht des Reiters. Im Gebüsch stieß der Offizier dann auf die Leiche einer Frau. Der schaurige Fund gab dem Reichswehroffizier sofort Veran- lossung, die Polizei zu alarmieren. Die Mordkommission des Polizei- Präsidiums begab sich mit den Kommissaren Werneburg und O u a ß unverzüglich an den Tatort. Nach dem ersten Befund scheint es, daß die noch unbekannte Frau erdrosselt worden ist. Um den 5)als der Toten befand sich ein fest zusammengezogener Strick. Ob es sich um ein S i t t l i ch k e i t s v e r b r c ch e n oder einen Raubmord handelt, kann erst die weitere Untersuchung ergeben. Zum Tode verurieilt, begnadigt und ausgezeichnet. Aus Stalins asiatischem Sultanat. Moskau, 19. Juli. wesens erworben habe, habe die GPU. das Vollzug-skonütee ersucht, die Verurteilten gänzlich zu begnadigen und wegen ihrer Treue zur Sowjetregierung mit dem Lcninorden auszuzeichnen. Der Vollzugsausschuß nahm den Vorschlag an und die Begnadig-- ten erhielten noch eine Belohnung von 3999 bis 19 999 Rubel. obwohl weder das Unternehmen noch die Familie von vornherein zu dein so ängstlich gehüteten K«is der führenden Kaufleute der Hansestadt gehörten. Wir haben neulich schon einmal(in Nr. 449/50 „Der Fall Nordwolle") gezeigt, wie der Ehrgeiz diesen Mann nicht allein zu dem weithin sichtbaren Aufbau des Konzerns trieb, sondern zugleich zu einer Ueberschähung der eigenen Kräfte, die nun den Zusammenbruch verschuldet hat. Die Ueberschätzung der Kräfte ist verantwortlich dafür, daß der Konzern nicht allein horizontal, sondern zugleich auch vertikal in fremde und heikle Gebiete hinein ausgedehnt wurde und daß gleich- zeitig Organisation und Persanalpolitik in verhängnisvoller Weise auf die Alleinherrschaft der Spitze abgestellt wurden. Sie ist aber zugleich verantwortlich dafür, daß man an manchen Stellen die U n k o st e n l a st zu hoch bürdete— das vielleicht erforderliche Zentralverwaltungsgebäude hätte gewiß nicht mehr als 19 Millionen zu kosten brauchen! — und daß man es überdies zu einem ungeheuerlichen Ver- hältnis vom fremden zum eigenen Kapital kommen ließ." Das volle Gewicht dieser Anklagen trifft aber auch den Aufsich t s r a t, und vor allem die Vertreter der Bankinteressen, die das Mißverhältnis von eigenem und fremdem Kapital haben entstehen lassen. Diesem Vorwurf kann sich am wenigsten der Vertreter der von dem Zusammenbruch aufs schwerste getroffenen D a r m- sk ä d l e r- und Nationalbank, Dr. Strub e, entziehen. Generalkonsul Dr. Strube gehört denselben Bremer Gesell- schaftskreisen an wie die Familie L a h u s e n. Die Bremer Justiz darf aus die gesellschaftlichen Beziehungen keinerlei Rücksicht nehmen! Der Vertreter der Interessen der Dresdner Bank. Direktor Schmidt-Bränden, der in Vertretung in den Aufsichtsrat der Nord- wolle gewählt worden war, ist nach einer Bekanntmachung der Dresdner Bank am Z. Juli aus dem Aussichtsrat ausgeschieden. Wirtschastsführung aus dem Kaffeesatz. Die Familie Lahufen zeichnet sich durch tiefe positive Kirchengläubigkeit aus. Ein Bruder des Gründers ist Generalsuperintendent der protestantischen Kirche, der Vater des Gründers hat einst ein Preisausschreiben für die beste Widerlegung der Ansichten von vier liberalen Bremer Pastoren erlassen. Orthodoxie und Aberglaube wohnen jedoch nahe bei- einander. Es ist in Bremen stadtbekannt, daß sich die Konzernleiter bei Kartenlegerinnen, Astrologen und G r a p h o l o- ginnen Rat holten. Belegschaftsabbau setzt ein. Nordwolle- Arbeiter büßen für das Wirtschaftsverbrechen. Der Finanzskandal bei dem Nordwolle-Konzern zieht immer weitere kreise. Schon bekommen die Belegschaften in den Konzernbetrieben die Folgen der grenzenlosen Miß- wirtschasl mit aller Wucht zu spüren. Die große Leipziger Wollgarnspinnerei vorm. Titlel und Krüger hat von ihrer 2500 Mann starken Belegschaft bereits 125 Arbeiter entlassen. Weitere Entlassungen stehen bevor. Für weitere 1000 Arbeiter ist die Ibstündige Arbeitswoche festgesetzt worden, was gleichfalls einer Entlastung gleichkommt, da der verdienst bei derart gekürzter Arbeitszeit nicht einmal an die Unterstützungssätze der Arbeitslosenversicherung heranreicht. Bei diesen verhängnisvollen Auswirkungen des Finanzskandals muß es in der Oesfentlichkeit einen Sturm der Entrüstung erregen, wenn die Staatsanwaltschaft noch weiter zögern will, die Schuldigen an dieser Masscnkalastrophc rücksichtlos zur Verantwortung zu ziehen. Die Drohungen der Rechten. Börse quittiert mit fallenden Kursen. Die Börse war heule wieder ausgesprochen schwach. Das Angebot war größer, weil verschiedene Momente an der Börse große Beunruhigung hervorriefen. Man glaubt, daß Luther in Paris ziemlich erheblichen Schwierigkeiten begegnen wird, wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit außenpolitischen Dingen. Sehr verstimmend hat auch die Kampfansage Hitlers und hugen- b c r g s gewirkt. Man erwartet, daß das vertrauen, das Dr. Luther gegenwärtig unbedingt braucht, durch diese Tiraden der nationalistischen Opposition wieder zerstört werde. Die Devisennach- frage scheint fortzudauern. Auf dem Aktienmarkt gingen Siemens von 14714 bis auf 144 Proz. zurück, Salzdethfurt bröckelte bis auf 182 nach 186 Proz. ab und Kali-Westeregeln bis auf 115 nach 129 Proz. Auch andere große Elektrowerte lagen ausgesprochen matt. Rheinifch-West- fälische Elektrizitätswerke wurden mit 105V* gegen 198 Proz. angeboten und Gesfürel sank von 19314 bis auf 191 Proz. Auf dem Rentenmarkt waren 14- bis Iprozenlige Kursabschläge zu ver- zeichnen. Das Paradies der Bombenwerfer. � Sie spazieren in Braunschweig frei umher. Braunschweig, 19. Juli.(Eigenbericht.) Seit einigen Tagen nennt der„Volksfreund" einen festgestellten Träne ngas-Bomen werser aus den Reihen der hiesigen Nazis, ohne daß gegen diesen Hakcnkreuzlcr— einen Brounschweiger Drogenhändler— irgend etwas unternommen würde. Unser Partei- blatt beschuldigt weiterhin den Ortssekretär der Braunschweiger NSDAP., den Landtagsabgeordneten Schinalz, die Tränengasattontate systematisch vorbereitet zu haben. In Vorbesprechungen unter Hinzuziehung hannoverscher.Hakenkreuzlcr seien die Anschläge behandelt worden. Verlins Etai auch im Magistrai ertedigt. Der Magistrat ist dem Beschluß der Stadtperordneten- nersammtung bezüglich des Haushaltsplanes und seiner Festsetzung in Einnahmen und Ausgaben vollinhallljch beigetreten. Geschäftsstreik in Bagdad. Der Proteststreik der Kousleute in Bagdad gegen neue Gewerbesteuern hat zur Schließung von 19 9(49 Kaufläden geführt. Sogar die europäischen Läden haben geschlossen. Auch der Oinnibus- und Droschkcnvcrkehr ruht. Bisher haben sich keine ernsten Ruhestörungen ereignet, obwohl gestern mehrere Streikfllhrer verhaftet wurden. Die städtischen Behörden haben Depots zum Verkaus von Fleisch, Brot und Gemüse errichtet. Das Präsidium des Dollzugskomitees der Sowjetunion hat die Militärslugzeugsabrik Nr. 39 mit dem Leninorden ausgezeichnet In der Mitteilung, heißt es, daß die verantwortlichen Leiter dieser Fabrik, eine Gruppe von Ingenieuren, vor kurzem von der GPU. verhaftet, wegen Sabotage und Gegenrevolution zum Tode verurteilt und später zu Gefängnis begnadigt worden sind. Die Verurteilten hätten die KPII. gebeten, ihre Treue durch Arbeit in der Fabrik beweise» zu dürfen. Da jetzt die Flug, zeug- sabrik sich große Verdienste um den Ausbau des russischen Flug- ch fölllardfaal in Schloft 3iohehorH mil 9ineipnilchen ch Vorführungen der deutschen Sporksiudeaiinnen auf der Vau- ausskellung. Am Sonntag, dem 12. Juli d. I., findet um 17 Uhr Haus Ring der Frau(Bauausstellung) eine Vorführung der Stu- dentinnen der Deutschen Hochschule für Lsibesübuntzen statt. Das Programm umfaßt Körperschule, tänzerische Gymnastik, Medizinball- und Kugelübungen, Bodenturnen, Fechten und von Tänzen Cccossaise, Scherzo. Eintrittspreise zur Veranstaltung 59 PI. sowie der ermäßigte Eintrittspreis der Bauausstellung von 1 M.(statt 1,59 M.). Die Lahusens als Chefs und ihre Rationalisierung Kommunistisches Fabrikat. Wie man„sozialdemokratische Opposition" inszeniert. von einem Parteigenossen aus dem V editier Osten erhalten wir eine Zuschrisk, der wir solgendes entnehmen: Wie in anderen Stadtbezirken, so verteilten die Kommunisten auch im Friedrichshain Flugblätter, die sie mit„oppo- sitionelle SPD.-Arbeiter des Ostens"' unterschrieben und die eine Einladung zu einer gemeinsamen Diskussion enthielten. Unser Gewährsmann wollte sich, gerade weil er das falsche Spiel durchschaute, die Sache einmal ansehen, und schon beim Eintritt in den Saal merkte er, dah hier wieder einmal die KPD. unter falscher Flagge segelte. Die Versammlungsleitung lag in den Händen kommunistischer Funktionäre, die Versammlung setzte sich aus Kommunisten zusammen, ganze drei Mitglieder der Sozialdemokratie, die sich das Theater einmal ansehen wollten, hatten sich eingefunden. Der Referent erklärte«inleitend, jüngst aus der Sozialdemokratie ausgeschlossen zu sein. Wann er ein- getreten ist, verschwieg er. Im übrigen beschränkte er sich auf die üblichen Beschimpfungen und Verläumdungen gegen die Führer der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. In der Diskussion wies ein Lichtenberger Sozialdemokrat darauf hin, daß es keiner Geheimniskrämerei bedürfe, um zu bekennen, daß es in der Sozial- demokratie eine Opposition gäbe. Diese werde in ihrer Bewegungs- freiheit von niemandem gehemmt, was man allerdings von der Opposition in der KPD. nicht behaupten könne. Die Opposition in der Sozialdemokratie habe es durchaus nicht nötig, durch kom- munistische Funktionäre Einladungen verbreiten zu lassen. Sie müsse mit aller Schärf« den kommunistischen Mißbrauch als das kennzeichnen, was«r sei, nämlich als eine Fälschung, die ja allerdings nicht allein stände. In Zukunft wisse man, was man von solchen Einladungen zu halten habe. Diese Antwort ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Moiorradunglück in Weißensee. Ein Toter, ein Schwerverletzter. kurz vor Alitlernacht ereignete sich auf dem Weißenseer Weg ein folgenschweres ZNolorradunglück, das ein Wen- schenleben forderte. Vor dem Grundstück Weißenseer Weg 103 raste der 44jährige Straßenbahnoberaufscher Kurt Seidel aus der Sieg- f r i e d st r a ß e 17 mit seinem Motorrad mit einem Privatauto zu- sammen. Die Maschine ging in Trümmer und Seidel wurde so unglücklich auf das Stroßenpflaster geschleudert, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Sein Begleiter, der 4Sjährige Straßenbahnober- aufseher Kurt Kunze aus der Hagensiroße 35 wurde schwer verletzt. Ein weiterer Motorradunsall trug sich heute früh gegen 4 Uhr an der Ecke Frieden- und Koppenstrahe zu. Dort prallte ein mit Zwei Personen besetztes Motorrad mit einem Auto des Städtischen Fuhrparks zusammen. Die beiden Motorradfahrer, der 4yjährige Kellner E h l k e und der 26 Jahre alte Kellner S ch r a p f erlitten schwere Knochenbrüche. Die Verunglückten fanden im Krankenhaus am Friedrichshain Ausnahme. Auto in kl-Bahnsckacht gestürzt. Durch die Aütoraserei ist in der vergangenen Nacht in der Hasenheide wieder ein Unglück verursacht worden, bei dem wie durch ein Wunder Menschen nicht zu Schaden gekommen sind. Ein Privatauto, das langsam die Hasenheide entlang fuhr, wurde von einem anderen Wagen, dessen Chauffeur in rasendem Tempo überholte, angefahren. Der Führer des gerammten Autos verlor die Herrschaft über die Steuerung, prallte gegen die eiserne Um- friedung des U-Bahn-Einganges und stürzte in den Schacht hinein. Das Auto wurde völlig demoliert. Der Führer wurde von Passanten aus seiner gefährlichen Lage befreit, glücklicherweis« hatte er nur geringe Abschürfungen erlitten. Der schuldige Autofahrer entzog sich seiner Feststellung durch die Flucht. Handtaschenräuber in Köpenick. In Köpenick wurde gestern abend die Verkäuferin Hegwig H. von«incm jüngeren Burschen übersallen und ihrer Handtasche bc- raubt. Das junge Mädchen, das in Berlin beschäftigt ist, befand sich auf dem Heimwege und kam gegen 22 Uhr durch die Mahls- d a r f c r Straße, die eine Zlrt Waldweg ist. Dort fiel der Räuber über sein Opfer her. Obgleich sich die Ueberfallene heftig zur Wehr setzt«, gelang es dem Täter, dem Mädchen die Handtasche zu entreißen und mit seiner Beute zu flüchten. Die polizeiliche Suche nach dem Wegelagerer oerlies ergebnislos. Schwarzer Waffenhandel. Oer Wafsenschieber dem Vernehmungsrichier vorgeführt. Der Büchsenmacher Lahke. bei dem gestern, wie berichtet, ein ganze» Arsenal von gebrauchsfertigen Militärwaffen be- schlagnahmt wurde, ist heute vormittag dem vernehmungsrichler im Polizeipräsidium vorgeführt worden. Mit dem Erlaß eines Haftbefehls gegen Latzke ist mit Be- stimmtheit zu rechnen, da«r in schwerster Weise gegen das Kriegs- gerätegesetz verstoßen hat. Die weiteren polizeilichen Ermittlungen über die Herkunft und Abnahme der Waffen haben noch zu keinem positiven Ergebnis geführt. Latzke ist in seinen Aussagen sehr vor- sichtig, und es erscheint zweifelhast, ob er seine Hintermänner preis- geben wird. Die beschlagnahmten Waffen repräsentieren immerhin ziemlich erhebliche Werte, und es ist mehr als zweifelhaft, daß der Büchsenmacher den Ankauf aus eigenen Mitteln bestritten hat. Noch eine andere Vermutung ist aufgetaucht. Es besteht der Verdacht, daß Latzke auch ln Berlin einen schwarzen Massen- Handel betrieben hat und gewisse Kreise mit Pistolen und Munition versorgt hat. Die Erhebungen darüber sind noch nicht zum Abschluß gelangt._ Rauschgisthänöler verhastet. Gestern abend gelang es der Kriminalpolizei unter Leitung des Kommissars Thomar, drei R a u s 6) g i s t h ä n d l c r in Friedenau in der Wilhelmehöher Straße festzunehmen. Die Beamten kamen gerade hinzu, als die Händler im Begriff waren, zwei Taschen mit vier Kilo Kokain an Zwei Ausländer, die in einem Privat- wagen saßen, zu übergeben. Die Verhaftung gestaltete sich sehr schwierig, da einer der Händler versuchte, sich mit Gewalt der Fest- nähme zu entziehen. Erst nachdem die Beamten mehrere Schreck- schüss« abgegeben hatten, könnt« der Mann überwältigt werden. Ein vierter Beteiligter ist leider entkommen. Aeuerbestallung in Belgien zugelassen. Die belglschc Kammer hat mit 62 gegen 72 Stimmen bei acht Stimmenthaltungen eine Vorlage über die Zulassung der Feuerbestattung an- genommen. I Leipzig, 10. Juli.(Eigenbericht.) Der Skandal um den Nordwolle-Konzern und der Skandal um die Familie Lahusen lassen ein« Reihe von Dingen über das auto- kratifche System der Bremer, Industriekapitäne" in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gelangen. Sind sie doch geeignet, ein System zu kennzeichnen, daß der deutschen Wirtschaft eine Kapitalvergeudung von 200 Millionen Mark kostete. Es sind nur kleine Erlebnisse, be- scheidene Beobachtungen, und doch zeigen sie, wes Geistes die Lahusen waren und sind. Friede! Lahusen, der Mann Ende zwanzig, dem unter anderem die Verfügung über Wohl und Wehe der Sächsischen Wollgarnsabrik G. m. b. H.(vormals Tittel u. Krüger) in Leipzig oblag, wurd« vor längerer Zeit vor dem Arbeits- Oer Fall Lahusen Michel:„Man hat vergessen, diese Nordwolle rechtzeitig zu entla— Husen!" gericht Leipzig als Zeuge vernommen. Als die Verhandlung zu Ende war, der Chauffeur ihn auf dem Flur des Gerichtsgebäudes in Empfang nahm und in den schweren, bauschigen Mantel hüllte, kam einer der leitenden Angestellten des Leipziger Konzernbetriebes mit ihm die Treppe hinunter. Als sie am Automobil angelangt waren und Lahusen bereits eingestiegen war, sagte sein Begleiter: „Sie fahren doch zum Betriebe, Herr Lahusen? Da darf ich doch wohl mitkomm««?"— Friede! Lahusen maß den Unverschämten von oben bis unten, fragte ganz laut, so daß es alle Umstehenden hören mußten:„Gibt es denn keine Straßenbahn?", kloppte die Waoentüre zu und befahl dein Ehauffeur, loszufahren. Ein Prozeß findet vor dem Landesarbeitsgericht Leipzig statt. Der Vorsitzende der Kammer mahnt zu«incm Vergleich, fügt aber ehrlicherweis« hinzu, daß die Chancen des gegen die Wollgarn- lämmerei klagenden Arbeitnehmers fast gleich Null feien.„Sobald 5)err Friede! Lahusen sein« Zeugenaussage aus der Vor- instanz wiederholt, muß ihre Klage abgewiesen werden..." In dem Augenblick wird der Richter von dem Syndikus des Kon- zerns unterbrochen:„Um Herrn Lahusen die Reffe nach Leipzig zu ersparen— und nur deswegen—, sind wir bereit, fünfzehnhundert Mark zu zahlen!" Man sieht also, für wie wertvoll man im Kon- zern die Arbeitszeit der erlauchten Ehess beurteilte. Daß bei deren Tätigkeit das Gesamt„ergebnis" allerdings zweihundert Millionen Mark ausmachen würde, ahnt« man damals noch nicht. Weiter: Eine Sitzung des Betriebsrates mit der Leipziger Werksdirektion soll stattfinden. Zu der Sitzung kommt auch— entsprechend der einschlägigen Bestimmung des Betriebsräte- Auf dem Gipfel der Welt. Eine neue Großtat in der Bezwingung der höchsten Gipfel der Erde ist dem«ngllschen Bergsteiger Franz Smythe und einer klein«« Schar von Gefährten gelungen, indem sie den 7762 Meter hohen Berg Kämet im Himalaja bezwangen. Es ist die? der h ö ch st e Fleck der Erde, auf den bisher ein Mensch seinen Fuß gesetzt hat. Von dieser Spitze aus hatten die Bergsteiger„da* großartigste Panorama, das bisher von einem sterblichen Auge erschaut worden ist". Dem erreichten Ziel entsprechend waren die Anstrengungen außerrdentlich. Die Steilheit der Felsen, auf denen sie empor- kletterten, der weiche Pulverschnee, in den sie bis zu den Knien einsanken, das Aushauen der Stufen in den vereisten Schnee, wobei jedes Ausgleiten den Tod bedeutet hätte, die Furcht vor Lawinen. die furchtbare Kälte des Windes, die zu dein eisigen Hauch der Lu't hinzutrat, die vollständige Stille und das schaurige Gefühl der Ein- samkeit— all dies vereinigte sich mit den ungeheuren körperlichen Anstrengungen, die nur die Hoffnung auf den endlichen Erfolg sie überwinden ließ. Als die Engländer Smythe, Shipton, Holds- worth und die«ingeborenen Träger Lewa und Nima Dorji di«sen Gipfel der Welt fast erreicht hatten, überließen die Engländer dem Träger Lewa, der sich besonders ausgezeichnet hatte, die Ehre, als erster Mensch seinen Fuß auf den Gipfel zu setzen.„Es war", so bemerkt Smythe,„die geringste Entschädigung, die wir diesen glän- zenden Mitarbeitern g«währen konnten, denen wir so viel ver- dankten."_ Algerien als Weinland. Der Weinstock ist für Algerien ein« ergiebig« Quell« des Wohl- standes geworden, wenn nicht die ergiebigst« überhaupt. Die Kul- tur der Weinrebe geht dort auf die Reblauskrise zurück, von der Frankreich im Jahre 1880 heimgesucht wurde. Angesicht- der gün- stigen klimatischen Bodenverhältnisse der Kolonie entwickelte sich der Weinbau in Algerien ungewöhnlich schnell. Waren 1880 erst 23 006 Hektar bebaut, so sind es heute 265 000 Hektar. Mit 300 000 Hektar dürfte die Anbaufläche aber ihre Höchstgrenze erreicht haben, da das für die Kultur geeignet« Land aus den Küstenstrich beschränkt ist gesetzes— der Vertreter des freigewerkschaftlichen Textil- arbeiter-Verbandes. Große Verlegenheit bei der Betriebs- leitung. Warum? Dem Gewerkschaftsvertreter wird erklärt: Man habe zwar prinzipiell nichts gegen seine Anwesenheit bei der ge- meinsamen Sitzung. Die Konzernleitung habe aber ihr« Amveisun- gen für die Stellungnahme der Betriebsleitung bei der Besprechung erteilt, offenbar ohne die Anwesenheit des Belegschaftsvertreters bedacht zu haben. Man müsse darum bei der Werksleitung anfragen, ob die erteilten Weisungen auch für diesen Fall zuträfen. Die Sitzung wird vertagt. Einige Tage später findet sie im Beisein eines Vertreters der Konzernleitung statt(Fahrgeld und Autospefen spielten nie eine Rolle!) und sehr schnell werden die durchaus neben- sächlichen Dinge erledigt. Zum Schluß entschuldigt sich der Mann von der Zentrale deswegen, daß man den Gewerkschaftsvertreter seinerzeit umsonst zu der Sitzung habe kommen lasten und vügt die Unselbständigkeit der Leipziger Herren. Als der Mann ver- schwindet, sagt jemand zu dem Gewerkschaftsvertreter:„Hätten wir damals mit Ihnen verhandelt, hätte es einen Rüffel gegeben, und weil wir mit Ihnen nicht verhandelt haben, ist es uns geradeso ergangen. Das nennen wir bei der Nordwolle„geistige Leitung von der Spitze und Stärkung des Verantwortungsbewußffeins bei den unteren Organen!" Der Konzern hat in Leipzig zwei Betriebsabteilungen. Wenn die eine Betriebsabteilung von der anderen Rohstoff haben wollte, mußte sie an die Konzernleitung in dieser Beziehung ein Ersuchen richten und gleichzeitig der anderen Betriebsabteilung davon Kennt» ms geben. Die Konzernleitung verständigt« beide Abteilungen, die eine davon, daß sie die Ware in Empfang nehmen, die andere, daß sie sie ausliefern durste. Dann mußte die eine Werksabteilung, die den Rohstoff auszuliefern hatte, der ihn entpsangenden Abteilung Bescheid geben. Mit Ausnahme der zwei Briefe der Kon- zerntcitung wurde die gesamte Korrespondenz in Leipzig von e i n und derselben Angestellten erledigt.„Lahusen-Ratio- nalisierung" nannte man das im Betriebe! Zum Schluß: Die Lahusens lebten seit jeher nur unter„Ihres- gleichen". Nur sehr selten sah man sie in breiter Oeffentlichkeit. Fried«! Lahusen kam gelegentlich nach Leipzig hcrübergeflitzt. Und wenn man ihn dann reden hörte und dem bescheidenen Gedanken- flug seines Hirnes folgte, wenn man das leere, stumpf«, schon ein bißchen verfettete Gesicht sah, mußte man eines bekennen, Zoll für Zoll, vom.Scheitel bis zur Zehe, ein— Kapitän der Wirtschaft, so wie er zwar nichj in Liedern besungen wird, so wie er aber tatsächlich ist, unerzogen, anmaßend, undiszipliniert, unbegabt und— unsolide. Einheiissroni der Radikalen. Wenn es gegen Sozialdemokraten geht. Kiel, 10. Juli.(Eigenbericht.) Einen planmäßig organisierten Ueberfall verübten in Heids in Holstein Nationalsozialisten und Kommunisten gemeinsam bei einer Kundgebung, an der Paul Lobe o!s Redner teilnahm. Zum Schutz- der Kundgebung waren erwerbslosz Reichsbannerkamerad«n mis dem Westen Holstein- noch Heide ge- kommen und formierten vor Beginn der Versammlung einen Umzug durch die Hauptstraße der Stadt. Bereits als Lobe den Bahnhof verließ, hatten ihn die brüderlich vereinten Nationalsozialisten und Kommunisten abwechselnd mit den Rufen„Deutschland erwache" und„Heil Moskau" und„L ö b e verrecke" begrüßt. Als dann später bei dem Zuge durch die Straßen das Reich"- banncr sich teilte, weil der eine Trupp dos Lokal der Kundgebung zu schützen hatte, überfielen die Nazi- und Kommunfftcn aus dem Marktplatz«twa 80 bis 100 Reichsbanncrleute. Es entstand eine schwere Schlägerei, die auf beiden Seilen zahlreiche verletzte forderte. Die völlig unbewaffneten Reichsbanner- leute entwaffneten ihre Gegner und schlugen mit den so gewonnenen knüppeln die Raufbolde in die Aluchl. Leider wurden etwa 1? bis 15 Reichsbonnerleute verletzt, vier davon sehr schwer. Daß der Ueberfall organisiert war, ergibt sich daraus, daß sowohl kommu- nisten als auch Rationalsozialisten ihre Anhänger aus der ganzen Umgegend zusammengeholl hatten. und in einer Zone von 100 Kilometer südwärts feine äußerst« Grenze findet. Im Departement Algier breitet sich die Kultur über rund 06 000 Hektar aus, und die Produktion erreicht«inen Iahresdurch- schnitt von h'A Millionen Hektoliter Wein. In Oran zählt man über 150000 Hektar Anbaufläche mit einem Ertrag von mehr als 5 Millionen Hektoliter. Im Departement Coifftantine überschreitet zwar die Anbaufläche kaum 10 000 Hektar, der mittlere Ertrag an Wein überschreitet dort indessen eine Million Hektoliter. Der vorstand des Bühnenvoltsbundes tritt zurück. Gelegentlich der letzten Sitzung des Bundesausschufses des Bllhnenvolksbundes ergaben sich Meinungsverschiedenheiten über die vom Bimdesvorstaiid vertretene Etatgestaltung für da- kommende Geschäftsjahr. Tin größerer Teil des Bundesattsschttstes versagte die Zustimmung dem Etatvorschlag.'Als die Mehrheit der Anwesenden dem zustimmte, erklärte der Bundesvorsitzende den Rücktritt des Bundesvorstandes. Ein« Bundesversammlung soll zur Neuwahl des Vorstandes für September einberufen werden. Die deutschen Waldschulen preisgekrönt! Die deutsche Wald- schularbeit wurde durch das Zweite Internationale Kongreßpreis- gericht für Freilust- und Waldschulen in Brüssel durch eine Reihe hoher Diplome ausgezeichnet. Unter anderen erhielten Diplome Direktor Triebold, der Vizepräsident des Internationalen Komitees für Freiluftschulen, die Vereinigung Deutscher Freilust- und Wald- schulen, die Freiluftschulen Bonn. Waldschule Burg-Hannover. Moor- wärder-Hamburg, Elberfeld und Kiel. Ferner wurde beschlossen, den Dritten Internationalen Freiluftschulkongreß im Jahre 1934 in Deutschland abzuhalten. Ein Thealerplah für Z0 Pf. Kundenwerbung um jeden Preis— das ist die Losung der Leitung des Nürnberger Stadt- t h e a t e r s. Sie veranstaltet zum Zwecke der Abonnentenwerbung in der Theaterpause sechs Vorstellungen, in denen die schönsten Bühnenwerke der kommenden Spielzeit zur Ausführung gelangen. Um das Theater bis auf den letzten Platz gefüllt zu bekommen, find die Eintrittspreise von 30 Pf. bis 1,80 Mark festgesetzt worden. TaS Gastspiel von Eugen.«löpscr im Deutschen Künstler» t h e a t e r ist noch für den Sonnabend und Sonntag verlängert. Oer Raub der Kinokasse Alis Bekannte vor dem Schöffengericht Wedding Unter den Raubüberfälle» der letzten Zeit verdient der Ueberfall auf das Ehepaar Thomas in der Bornholmer Straße besondere Be- achtuntp Die Täter waren nicht, wie es größtenteils bei solchen Ver- brechen der Fall ist, unvorbestrafte Neulinge, sondern, wenigstens einige von ihnen, gewiegte Verbrecher. An der Spitze der sechs Angeklagten, die sich heute vor dem Schöffengericht Wedding wegen schweren Raubes verantworten, steht ein alter Bekannter, der zehnmal vorbestrafte Bruno Schulz. Wegen des Einbruchs in die Tempslhofer Kasse hatte er seinerzeit eine schwere Strafe erhalten, es gelang ihm aber, aus dem Gefängnis zu entweichen, und nun sitzt er wieder auf der Anklagebank. Das Ehepaar Thomds besitzt fünf Kinotheater. Sie ließen sich alle Abend mit der Kasseneinnahme von dem Chauffeur Büttner nach Hause fahren. Die Eheleute ahnten nicht, daß der Kraftwagen- führer Mitglied des Vereins„Alte Frische" ist. Zu seinen Bc- kannten gehörte unter anderem das Mitglied des Ringvereins „Rosenthaler Vorstadt" Schwerdtseger, unter anderem Inhaber der „Goldenen Nadel". Schwerdtseger deutete eines Tages Büttner an, daß es gar kein schlechtes Geschäft wäre, die Eheleute Thomas um chre Tageseinnahme zu bringen. Er fand einen Helfer in der Person seines Bekannten T h i m m, dieser zog Bruno Schulz heran. Man besprach die Einzelheiten, beobachtete mehrere Abende hintereinander die Eheleute, besaß sogar die Unverfrorenheit, eines Abends den Eheleuten aus deni Auto zu helfen. Schulz, als ehemaliger Schlcsser, fertigte einen Schlüssel zur Haustür der Bornholmer Straße 20 an. Am 15. März sollte das Ding gedreht werden. Es war ein Sonn- abend, die Kasseneinnahme versprach besonders hoch zu sein. Schulz bestellte seinen Bekannten Franke mit einem Motorrad m die Nähe des Tatortes, traf sich mit Schwerdtseger und Thimm»m VA1 Uhr am Rosenthaler Tor, schließlich bestiegen alle drei die Taxe des Kraftwagenführers Kloos und ließen sich zur Bornholmer Straße fahren. Kloos sollte mit der Taxe warten: er tat es mit aus- gelöschten Wagenlampen. Schwerdtseger nahm im Hause Auf- stellung in der Nähe der Tür, die zum Hofe führte, Thimm und Schulz an der Haustür. Kaum waren die Eheleute Thomas einige Stufen hinaufgegangen, als Schulz und Thimm-sich aus Zruu Thomas stürzten und ihr einen Revolver vorhielten, während Schwerdtseger ihr die Aktentasche und Handtasche mit 3800 Mark entrissen. Die Eheleute schrien um Hilfe, Thomas gab einen Schreckschuß ab. Die Räuber flüchteten, Thimm bestieg Frankes Motorrad und hielt seine Verfolger mit dem Revolver in Schach, Schwerdtseger entkam ins Laubengelände, wo er der Aktentasche das Geld entnahm, Schulz bestieg mit der Handtasche der Frau Thomas Kloos Taxe, wurde aber von einem Polizeibeamten mit der Waffe in der Hand am Abfahren verhindert. Er bestreitet seine Teilnahme am Raubüberfall und behauptet, er habe ein Mädchen namens Ida in das Haus Bornholmer Straße 20 begleitet: auch der Hausschlüssel stamme von ihr. Im Haufe ist aber ein Mädchen namens Ida nicht bekannt. Zur Verhandlung ist eine große Anzahl von Zeugen geladen. preußisches Arbeilsbeschaffungsprogramm Im Landtag angenommen Der Landtag nahm heute vormittag das nach dem genieinsamen Antrag der Regierungsparteien vom Hauptausschuß aufgestellte Arbeitsbeschaffungsprogramm an. Es ist darin vorgesehen eine vorübergehende Kürzung der Ar- beikszeit und die Bereitstellung von Mitteln für Instandsetzung und Modernisierung von Altwohnungen, Umbau von Groß. wohnungen in Kleinwohnungen, für Meliorationen. Aus. sorslungen, für Produktion und Absatz von landwirtschaftlichen Edelerzeugnissen, für Straßen, und Brückenbau und Bau von lvasserkraflerzeugungsanlagen. In einer Erklärung außerhalb der Tagesordnung protestiert Abg. von Rohr(Dnat.) geg�n die vom Abg. Hartwig(Soz) om 13. Juni aufgestellte Behauptung, daß sich die pommerschen Ge- nossenschasten durch Beteiligung an der deutschnationalen Verlags- gesellschaft„Pommersche Tagespost", deren Aussichtsratsvorsitzender er fei, und durch Abdeckung dort eingetretener Verluste der Ver- schleuderung öffentlicher Gelder schuldig gemacht habe. Die Behaup- tungen des Abg. Hartwig seien älso unwahr.(Zuruf bei den Söz.: Sie bestätigen ober Wort für Wort ihre Richtigkeit!) Es folgt die Beratung kommunistischer und deutschnationaier Anträge, die sich gegen die vom Berliner Magistrat den über tausend Junglehrern ausgesprochenen Kündigungen wenden. In der Debatte weist Abg. König-Potsdam(Soz.) darauf hin, daß durch die neue Pflichtstundenordnung in Berlin 320 Schulamtsbewerber überflüssig werden. Da am 1. Oktober 100 Stellen durch Pensionierungen frei werden, bleiben noch 220 Junglehrer ohne Beschäftigung. Um diese in der Arbeit belassen zu können, sollen die von der Stadt bezahlten Schulamtsbewerber durchschnittlich sechs Stunden in der Woche weniger geben und dafür um ein Fünftel in ihren Bezügen gekürzt werden. Erfolge diese Arbeitsstreckung nicht. so_müßten 220 Junglehrer gänzlich entlassen werden, da niemand die«tadt Berlin zwingen könne, sie aus eigenen Mitteln zu bezahlen. Die Anträge werden dem Unterrichtsausschuß überwiesen. Das Haus tagt weiter. Ein Ltralzeff-Genoffe geiürmt. Er wollte nicht ausgeliefert werden. Auf raffinierte weise ist es gesteru dem polen Leo R i s s z e s gelungen, seinem Transporteur in Berlin zu entweichen. Rifszes gehört zu den Personen, gegen die im Rahmen des Uralzeff-Prozesses in Dresden kürzlich verhandelt wurde. Der Pole wurde zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde durch die Untersuchungshaft jedoch als verbüßt angesehen. Da gegen Rifszes aus Polen aber ein Auslieferungsantrag vorlag, wurde er in Haft behalten und gestern von einem Dresdener Justiz- beamten nach Berlin gebracht. Bei der Ankunft auf dem Anhalter Bahnhof oeranlaßte der Pole den Beamten, mit ihm ein Restaurant aufzusuchen, um sich von der Reise etwas zu säubern. Rifszes paßte dann einen günstigen Augenblick ab, um zu stüchten. Sein gesinnte« Gepäck hat er im Stich gelassen. Die Polizei hat die Suche nach dem Flüchtling aufgenommen. Teilung der Großwohnungen. Eine Ausstellung der„Heibaudi". Im Anschluß an die Kundgebung im Haus der Technik, die sich mit der Aufteilung der leerstehenden und großenteils u n v e r m i e t- baren Großwohnungen beschäftigte und über die der „Vorwärts" ausführlich berichtet hat, ist jetzt an der Potsdamer Brücke eine interessante Ausstellung zu diesem Thema eröffnet worden. In den Räumen der„Heibaudi" in der Potsdamer Straße 123b werden eine ganze Reihe Entwürfe von geteilten Großwohnungen gezeigt. Ueberall wird durch den Wegsall über- flüssiger Nebenräume die Nutzfläche gesteigert. Zum Beispiel sind zwei unvermietbare Wohnungen in Charlottenburg aufgeteilt: die 8-Zimmer-Wohnung in drei Wohnungen zu 3)4, 414 und 1)4 Zimmern, die 7-Zimmer-Wohnung in zwei zu 2)4 und 4)4 Zin>- mern. Rücksichtslos wird mit den langen und dunklen Korridoren, den unpraktischen Berliner Zimmern der 80er und 90er Jahr«, den großen Küchen und den unvernünftig großen Dielen und Vor- zimmern aus der Zeit vor dem Kriege aufgeräumt. Besonders bemerkenswert ist, daß Vergleichsmöglichkeiten mit der Provinz vorliegen. Denn die Provinz leidet vielfach noch weit mehr unter dem Leerstehen der Großwohnungen. Wir erinnern nur an Frankfurt a. M. und an Wiesbaden. So stellt Augsburg einen Entwurf aus, wo eine Etage in zwei Wohnungen aufgeteilt wurde. Der beigelegte Kostenanschlag weist eine Summe von 4800 M. auf. Dabei sind am teuersten mit je 500 M. die beiden Warmwasserautomaten und der Boden- und Wandplattenbelag in den Baderäumen. In Düsseldorf hat man aus zwei Stock- werken fünf Wohnungen gemacht, wodurch sich der Wert des Hauses um 15 000 M. erhöht«, der jetzt 75 000 M. beträgt. Die Ausstellung ist bis zum 31. Juli außer Sonntags täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Sonnabends nur von 10 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Kein Typhus in Hannover. Zu Gerüchten über eine Typhusepidemie in Hannover, der «ine An.zohl von Personen zum Opfer gefallen sein soll, wird von zuständiger Stelle mitgeteilt, daß im hiesigen Krankenhaus ungefähr 40 Personen, teils Patienten, teils Personal, an einer Magen- und Darmerkrankung domederliegen. Es handell sich aber nicht um Typhus, sondern um eine Erkrankung, die vermutlich durch Genuß von verdorbenem Büchsenfleisch hervorgerufen ist. Mit Aus- nähme eines Todesfalles sind alle übrigen Fälle leicht verlaufen. Polizeipräsident Grzesinski spricht im Rundfunk über„Bade- trieb und Polizei", und zwar morgen, Sonnabend, IL Juli, abends 7.15 Uhr. Wetter für Berlin: Noch vielfach wolkig, aber trocken, mäßig warm bei südwestlichen Winden.— Für Deutschland: Im Küsten- gebiet weitere Beruhigung des Wetters, vereinzelt noch leichte Nieder- schlüge. Im übrigen Deutschland meist trocken und mäßig warm. Im Süden vielfach heiter. veranwiortl. für di- Redaliion:«ertejt Stritt, Setiin: An,-igen; Tb.«lefc, Setlin. Betlan: Sormütts Setlo«®. nt. b.£>., Seclin. Druck: Sornäri« Such. drucket« und Vitlagsoitstalt Saul Sinnet& Co.. Setlin SB 68, Cindenftrafit g. Hierzu 1 Seilaae, FrHzWUKens Köpenick, Landjäjjerttr. 4 Ban-n. Nöbelllsdderei Tel.: Köp. 1538 Vorn Zenfralirledliof treffen sich Genossen in Lilchtenberc, e.udmnntraDe CDIOIO Potsdamer Strafe 38 W. 5,7,9, 8.3.5,7. 9 Uhr „M." Fritz-Lang-Film Rheinstrahe 14 W. ab 5.15, S. ab 3.15 Uhr VerdonfDas Heldentum zweierVölker) Jugendliche haben Zutritt Odeon, PotsdamcrSh-, 75 W. 5,7.9, 8.3,5, 7, 9 Uhr 4 lustige Tage Kopfüber Ins Glück mit Jenny Ingo, Fritz Scholz, Szüke Szakall Turmstrahe 12 �vV�u. Harald halt Dich fest mit Harald Lloyd Jugendliche haben Zutritt Alexanderstr. 39-40 (Passage) Den ganzen Tag geöffnet, Stgs. ab 3 Uhr Der große Lacherfolg! Ich heirate meinen Mann mit Trode Berliner« Igo Sym, Szökc Szakall B Westen j Primus-Palast Potsdamer Str. 19 Ecke Margaretenstr. Wochentags 5.15, 7.15, 9.15 Uhr Sonntags 3.15, 5.15, 7.15. 9.15 Uhr Der Schrecken der Garnison mit Felix Breasari lugendliche haben Zutritt g Frledrlchstadt I Franziskaner Oeorgenstraße(Ecke Friedrichstraße) Tonoperette Der Bettelstadent mit F, Schul z Ein Mcnsdi der Masse Moabit Arfliclinf klin. n. W. 7. 915 Uhr Anusnoi Bühne Sbd. u Sonnt Perleberger Str. 29 4.45, 7, 9.15 U. 100 proz. Tonfilm: Im Westen nidils Nenes Geschlossene Vorstellung für die IAH. und angeschlossene Organisationen ICinrt W: ft-4s» 9 05 U W Cll-lvino Sonnt, ab 4.45 U. Alt-Moabit 99 100 proz. Tonfilm: Der Liebesarzi mit Olna Gratia, Georg Alexander Tonbeiprogramm— Tonwoche Jugendliche haben Zutritt Kant-Lichtspiele Kanlslr. 54(an der Wilmersdorfer Str.) W. 5, 7, 9 Uhr Stg. ab 3 Uhr „M." Ein Fritz-Lang-Tonfilm Atrium Bcba-Palast Kaiserallte, Ecke Berliner Straße Täglich 7, 9.15 Uhr, Stgs. 5, 7, 9,15 Uhr Vorverkauf 11—2 und ab 5 Uhr Sonntags 11—2 und ab 3 Uhr Die Million, Rend Clairs wundervolles Meisterwerk Schönabera 3 9 :.ab3 Titania Schönebg. Zglt Hauptstraße 49 Tonfilm: Im Westen nichts Nenes Geschlossene Vorstellungen für den ADGB. und angeschloss. Organisat. � Friedenau p Kronen-Lichtspiele Rheinstr. 65 Wochentags 7, 9 uhr Sonntags 5, 7, 9 Uhr Tonoperette: Ein Tango für dich mit W. Forst, Fee Malten, Oskar Karlweis— Tonbeiprogramm a steaiit, a Titania-Palast Steglitz. Schloßstr.5. Ecke Gutsmutbsstr. Uraufführung 100 proz. Tonfilm Sallarello(Der Roman zweier Menschen! mit Maria Solveg, Hans Adalbert, v, Schleiiow, Eduard T. Wlnlcrslein- Tönend. Beiprogr. ZehlenderF-MItte Zeli Wochentags 7, 9 Uhr Sonntags 5, 7, 9 Uhr Potsdamer Str. 50 Stg. 3 Uhr: lugendv Kriminaltonfilm; Er oder ich mit Harry Fiel— Beiprogramm g MarlendorF vtz» f i Mariendorfer Wochentg. 1 ia- L,1 Lichtspiele ab 7 Uhr Chausseestr. 305 100 proz. Tonfilm Die Privaisckreilrin mit Renale Müller, F. Brestari— Tonbciprogr. TlVOli Berliner Str. 97 Beg. 7, 9 U. Stgs. 3 Uhr: Jug.-Vorst 100 proz. Tonfilm; Im Westen nicht Neues Geschlossene Vorstellung. Vorver- verkauf täglich ab 3 Uhr W NbuKölln j Mercedes- Palast Hermannstraße 212, Ecke Jägerstraße Vorverkauf ab 3 Uhr: Beg 7 u. 9 Uhr So. u. Stg. 5, 7, 9 Uhr Im Westen nichts Nenes, Karten an Mitglieder und Angehörige des ADGB. u. angeschloss. Verbände Lichtspiele Südwest Blücherstr. 12 W. V,7. So. ab 5 Uhr 100 prpzentiger Tonfilm: Dolly macht Karrlere mit Dolly Haas, Oskar Karlweis, Kort Gcrron— Kamerad- schattshochzeit— Beiprogramm Fiim-Paiast Kammersäle Teltower Str. 1 W. 6�0, 9. Stg. ab 5 U. 100 proz. Tonfilm: D-Zag 13 hat VerspStang— Der Stamme y. Porticl— Tanzend. Holz Süden 3 Th. am Moritzplatz Beg.: Wochtg ab 6.30. 9. Stg. ab 4.30 U Ihre Hoheit befiehlt mit Käthe ▼. Nagy, Willi Fritscfa— Beiprogramm Primus-Palast Am Hermannplatz, Urbanstr. 72/76 Wo. 7. 9 U, Sbd. u. Stg. 5, 7. 9 U. Im Westen nichts Neues. Geschlossene Vorstellung, veranstaltet von der Internationalen Arbeiterhilfe und ihren Korporationen Vorverkauf ab 2 Uhr. Filmeck Skalitzer Straße, am Görlitzer Bahnhof W. 7 u. 9 Uhr. Stgs. 5, 7. 9 Uhr Lustspiel in tönender Fassung: P.t und Patachon anf Frelersffi(en 2 BOhnenattraktionen Jugendliche haben Zutritt! Luisen-Theater Reichen berger Str. 34 Anf. W. ab 6>/s U. Stg. ab 5 U. Tonlustspiel: Das Geheimnis der roten Katze mit Siegfried Arno Drei machen ihr Glück m. H. Albers Stella-Palast Köpenicker Straße 11—14 Wochtgs. 7 u.9 v., Sonntags 5, 7, 9 Uhr Nur noch bis Montag: Im Westen nichts Nenes. Kartenverkauf ab 3 Kinokasse Sternwarte— Treptow " Sonnabend 8, Sonntag 4, 6, 8 Uhr: Film vor trag: Mit dem Karbelkaslen durchs Riesengebirge „Elysium Prenzlauer Allee 56 XVochent. ab 7, Sonnt, ab 5 Uhr: Ton Wochenschau Im Westen nichts Neues. Karten an Mitglieder und Angehörige des ADGB. und angeschlossene Verbände Flora-Lidhtsp. W. 7. 9 Stg. 5, 7. 9 Ü Tonfilme: D Zag 13 hat Verspätung Der Stamme von Porticl Osten Germania-Palast Frankfurter Allee 314 Wochentgs. 6.30 Sonntags ab 5 Uhr Der gewaltige 100 proz. Tonfilm; Westfront 1918 (Vier von der Infanterie) mit Fritz Kampers. Gustav Dlehl Beiprogramm— Auf der Böhne: Gegna and Sina, Straßenmusikanten Luna-Palast Gr. Frankfurter Str. 121 Im Westen nichts Nenes Geschl. Vorstell, i Vereine, Gewerksch Beginn: 5, 7 und 9 Uhr Schwarzer Adler X,™* Woch. 5. 7, ca. 9, Stg. 3,5,7,9 U. Tonfilm: Im Westen nichts Neues Für Organisationsmitglieder und Angehörige. Vorverkauf ab 3 Uhr V. T. Lichtspiele Frankfurter Allee 48 W. 5, Stg. 3 Uhr Des großen Erfolges wegen verlängert Im Westen nichts Nenes Beginn der Vorstellungen: Täglich 5, 7, 9 Uhr, Sonnt, ab 3 Uhr Vorverkauf tägl. 3 Uhr Kinokasse a Zentrum""b Babylon, am Bülowplalz Wochentags 7. 9.15 U Vorverkauf ab 2 Uhr 100 proz. Tonfilm: Im Westen nichts Nenes Karten an Mitglieder und Ansebörige der I. A. H. und angeschl Verbände 8 Heu-Lichtenberg Kosmos-Lichtspiele Lückstr. 70 Wochent. 7, 9 Uhr Sonntags 5, 7. 9 U. 100 proz. Tonoperette: Ich geh aas ond da bleibst da mit Camilla Horn Tonbeiprogramm WClßMSM Schloßpark FOm. Böhne Berliner Allee 205—210 6,30, 9 Uhr Im Westen nichts Nenes Vorverkauf täglich ab 3 Uhr (Geschlossene Vorstellung) Ab Sonnabend: Ich geh ans und dn bleibst da Kino Busch Alt-Friedrlchsfelde 3 100 proz. Tonfilm: Ich heirate meinen Mann mit Kart Vesper mann, Szakall T onbeiprogramm ■ Horden» AlflAmKrA Müllerstraße 136, Ainamora Ecke Seestraße Wochent 7. 9 U„ Sonnt. 5. 7, 9 U. Nur noch bis Montag! Im Westen nichts Neues (Geschlossene Vorstellungen). Vorverkauf täglich. Pharus-Lichtspiele Müllers tr. 142 W.5.7.9U.. Stg. 3,5,7, 9U 100 proz. Tonfilm: Das Geheimnis der roten Katze mit Siegfried Arno Der Hauptmann von Küpenick mit Hermann Picha Pankow fe Palast-Theater Breite Straße 21 a W. 7 u. 9. Stg. 5. 7, � U. 100 proz. Tonfilm: Das gelbe Haus mit Charlotte Susa, Gustav Dießl Beiprogramm « TC9el b Filmpalast Tegel suSSe°,c U. Im Westen nichts Neues Karten an Mitglieder und Angehörige des ADGB. und angeschl. Verbände Hennigsdorr Filmpalast s,g. Berliner Straße 59 Stg. 2 U.|ug.- Vorst. Die heilige Flamme mit Gustav F/ üblich, DIta Parlo Beiprogramm (Qeitage Freitag, 10. Juli 1931 SivAbmö ShAJo/ii&iße]Jo+u>as4l nip(uif du ßist fa Spisiei an ein �fxäuCein „Pfui, du bist ja sentimental", hört« ich neulich ein sonst gar nicht streng aussehendes, junges Fräulein zu ihrem Bräutigam in der U-Bahn im Tone tiefster Geringschätzung sagen, und das Paar verschwand dann bald in den Gefilden hinter der Jonnowitz-Brücke, so daß ich nicht weiß, was aus dem sehr zerknirscht dreinsehenden jungen Manne geworden ist, der sich wohl durch eine unzeitgemäße Frage(ob er noch geliebt werde oder dergleichen) gegen die auch auf das Gebiet des Eros übergelaufene neue deutsche Sachlichkeit ver- gangen haben mag. Nun frage ich mich(und dieses Fräulein), wie verhält sich die Sache mit dieser Sentimentalität: sind Gefühlsausbrüche wirklich etwas so Berdammenswertes und warum, und ist die Auflehnung regen die Empfindsamkeit eine moderne deutsche oder eine Welt erscheinung? Gefühlsäußerungen zu unterdrücken ist, verehrtes Fräulein, zwar eine heute sehr sashionable aber gar nicht so neue Angelegen- heit, denn solches auf das radikalste zu besorgen, war schon der gute Ton im alten China und in ganz Ostasien vor Tausenden von Jahren„Mode". Was ein echter, rechter Chinese ist, lacht(wie immer ihm innerlich zumute sein mag), wenn er Ihnen den Tod seiner Mutter anzeigt: auch nur ein betrübtes Gesicht zu machen, wäre ein Verstoß gegen die gute Sitte. Es galt von jeher als etwas ganz Unmögliches, als„droldiis" und ich habe es nie gesehen, daß ein Chinese eine Geste der Zärtlichkeit oder der Leidenschaft irgend- e-ner Frauensperson auch einem Teehausmädchen gegenüber ösfent- l'ch an den Tag resp. an die Nacht gelegt hätte. Nicht einmal die .fiand seiner Geliebten würde er vor dritten Personen berühren, nicht einmal Augen machen, dergleichen galt als abscheulich un- erzogen im alten China. Erst in den letzten Jahren ist in diesem Punkt wenigstens die europäische, d. h. die englische Auffassung im himmlischen Reich durchgedrungen: heute flirtet man.... Der Engländer ist aber seinerseits genau wie der gebildete Chinese rigoros dazu erzogen worden in allen übrigen(den keusch und herzlos betriebenen Flirt nicht betreffenden) Dingen seine Gefühle zu verbergen oder wenigstens sehr in Zaum zu halten. Der moderne Engländer trägt wie der alte Chinese der Oesfentlich- kcit gegenüber die starre Maske der Gleichgültigkeit. Wird auch z. B. nie vor Hausangestellten seine Frau küssen, von der er übrigens neutral als Frau(Mistreß) soundso spricht. Aber schämen wird sich weder Chinese noch Engländer seiner Gefühle: keine Engländerin würde sogen„pfui, wie sentimental!" Man kehrt im Gegenteil eine empfindsame Seite mehr heraus als man sie im innersten Innern besitzen mag, um nicht vulgär oder roh zu er- scheinen. Man kokettiert mit der Sentimentalität genau, nur sehr viel unaufdringlicher, beschwingter so als man es in Deutschland iy längst begrabenen und gerne vergessenen Zeiten einmal zu tun pflegte. Das Wort Darling und Dearest und ein ganzes Register vjjn Kosenamen ist noch vollauf in Schwung. Rein höflichkeitshalber sogt man bei der table Ostwie zu seiner Frau:„Bitte, Liebe(ckear), reich' mir das Salz!" und dann geht die Konversation, ja. Lieber, nicine Liebe, und in diesem Stil weiter. Auch wenn von Liebe unter vier Augen keine Rede ist. Man heuchelt sie andern vor. Die Koketterie um den Kuß unterm Mistelzweig ist ein Zu- gcständnis an die Gefühlsbedürfnisie junger Leute in England. In Deutschland ist ein Kuß ein Schmatz aufdem Bahnhof, in letzter Minute, und dann guckt man zu Boden:„Fährt der Zug cnd- lich!?" Aber die Hand um die Taille und so und so und so: das ist sllrigbt. Sachlich. Ferner belieben Sie sich, Fräulein, die englische Lite- ratur von heute zu besehen. Sie trieft vor Sentimentalität. Sie waten drin. Und doch ist die Sache nicht albern, keineswegs. Immerhin wären neun Zehntel der Produkte bei uns unmöglich. Schon Galsworthy hat einen Stich. Der zynische Oskar Wilde kann Backfisch süßigkeiten auftischen— erlaubte sich das. Das englische Publikum verlangt dergleichen. In USA. liegen die Dinge ähnlich. Was wir hier moderne Literatur nennen, verkauft sich in angelsächsischen Ländern nur in Cliquen. Sachliche Erotik bleibt drüben auf die kleine Schicht der„Intellaietuai';" beschränkt. Frankreich? Besehen Sie sich Poris am frühen Morgen, Fräulein. Die Paare trennen sich mit einer zärtlichen Umständlich- keit, als ging's nach Amerika. Nicht selten küssen sogar Männer einander. Die französisch« Literatur weist ebenfalls einen beträcht- licken sentimentalen Einschlag auf, der sich vom englischen indessen dadurch unterscheidet, daß er eine ironisierende, mokante Note in sich aufgenommen hat. Man spottet über die eigene Empfindsamkeit, belächelt sie, spielt damit, legt sie aber nicht ab. Außerdem gibt es eine spezifische französische Sentimentalität sexueller Natur, die ein Kapitel für sich bildet. Alles in allem kann man zusammenfassend von den romanischen und angelsächsischen Ländern sagen, daß die empsindsame Seite des Menschen dort eher gepflegt als unterdrückt wird. Freilich ist durch eine lange Tradition der sentimentale Geschmack verseinert und trägt selten die Züge plumper Gefühlsduselei wie das bei uns der Fall war. Man zeigt nicht seine Gefühle bei unpassenden Gelegen- beiten, schämt sich ihrer aber keinesfalls, versteht es, auf anmutige Weise sentimental zu sein und widrige Buttrigkeit zu vermeiden. Wenn man nach jahrzehntelangem Auslandsaufenthalt in deutsches Gebiet zurückkommt, fällt der linterschied zwischen diesen zwei Welten besonders stark ins Auge. Das vollständige Brechen mit der Vergangenheit, das sich unter keinen Umständen durch das Durchblickenlassen seiner weichen, seiner Gemütsseite etwas vergeben wollen, die Furcht vor dem Sentiment frappiert. Bestenfalls, daß man zu Weihnachten, am Geburtstag oder bei sonst einer besonderen Gelegenkeit sich gnädigst ein bißchen gerührt zeigt— sonst gilt olles Sentimentale in allerweitesten Kreisen als: pfui!, als be- schämend, als ein Odium. Junger Mann, wie konnten Sie es wagen...! Sachlichkeit, Sachlichkeit! Nun frage man sich: ist die Sentimentalität damit in Deutsch- land ausgerottet oder ist sie nicht vielmehr nur v e r st a u t. Ist die zur Schau getrogene Nichtfentimentalität echt oder bloß Mode. bloß Mache? Es gilt als unintelligent, als rückständig, sich in Deutschland weichherzig zu zeigen: natürlich tut man's nicht: um Gotteswillen! Bitte, durchsuchen Sic mich, kerngesund, keine Spur von Gefühlsbelastungen. Auch die Literatur ist reingefegt, kaum ein Stäubchen von Rührseligkeit vorhanden. Alles blitz und blank..Mlright! Aber jetzt gehe man ins Kino! Kann man— kann man vor der Leinewand ehrlich behaupten, daß die deutsche Sentimentalität / Von Heinticft Hemmet tot und begraben sei? Kann man das vor dem Kino behaupten, die Gesichter, die Mimik der Photos betrachtend, die sich in Gefühls- tönen gar nicht genug tun kann? Hat die deutsche Empfindsamkeit nicht einfach den Schauplatz gewechselt, ist aus dem Theater raus und in den Kintopp rin? Gehen nicht die kitschigen Filme am besten? Werden nicht noch obendrein kitschige Lieder dazu gesungen — und sind diese Dinge bessere Marke als auf der anderen Seite der Welt, wo man seinem Herzen keine Vorwürfe macht, wenn es ein bißchen heftig pumpert, was es übrigens gar nicht unbedingt tut, genau analysiert. Verlogen? Vielleicht. Aber kann man angesichts dieser Furcht vorm Gemütvollen einerseits und den Erfahrungen des Kinos an- dererseits behaupten, daß dieses deutsche Erhabcnsein über alles Gefühlsmäßige echt sei? Sind wir so befreit, als wir es sein möchten? Ich glaube nicht. Ich bin der Ansicht, daß dieses Fräulein J)et iit&p c £t6t Wafit$eie&en det„Otäftung Die rote Fahne ist nicht nur das Feldzeichen der deutschen Sozialdemokratie, sondern rings um den Erdball das Sinnbild der um ihre Befreiung kämpfenden Arbeiterklasse, das Symbol der so- zialistischen Revolution: mit Hammer und Sichel verziert, ward sie darum zur Staatsflagge der Sowjetunion. Da aber die wenigsten wissen, wie Rot zur Farbe der Auflehnung wurde, kommt eine wissenschaftliche Untersuchung sehr zupaß, die Gabriel Perreux unter dem Titel„Ues origines du drapeau ränge en France" (Der Ursprung der roten Fahne in Frankreich) in dem Pariser Ver- lag der Lresses Universitaires de France herausgibt: weil es sich bei dem purpurnen Banner um ein internationales Wahrzeichen handelt, ist das Buch nicht nur für Frankreich wesentlich. Als die rote Fahne zum erstenmal in einer Revolution auf- tauchte, hastete ihr gerade die umgekehrte Bedeutung wie heute an. Am 21. Oktober 1789, also drei Monate nach dem Bastillen- stürm, beschloß nämlich die französische Nationaloersammlung ein Gesetz über die Handhabung des Ausnahmezustandes: Ar- tikel 2, 3, 4 und 12 des Dekrets bestimmten, daß zum Zeichen der bevorstehenden Verwendung von Militär gegen Zusammenrottungen aus dem Hauptfenster des Rothauses eine rote Fahne auszuhängen sei und daß zugleich die Verkündigung des Belagerungszustandes unter Entfaltung einer roten Fahne zu erfolgen habe: Das Zeigen der roten Fahne genügt, um alle An- sammlungen, seien sie bewaffnet oder nicht, zu Verbrechen zu stempeln und mit Gewalt zerstreuen zu lassen. Die Nationalgarde, reguläre Truppe und Gendarmerie ist gehalten, sofort unter dem Befehl ihrer Offiziere unter Vor- antragen einer roten Fahne und unter Begleitung mindestens eines Munizipalbeamten auszurücken... Nach Wiederherstellung der Ruhe erlassen die Munizipal- beamten eine Verordnung über Aufhören des Kriegsrechts, und die rote Fahne wird eingezogen und während acht Tagen durch eine weiße Fahne ersetzt. Woher die rote Farbe bei Verkündung des Ausnahmezustandes, blieb unausgesprochen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach dachten die Gesetzgeber an die Standarte der mittelalterlichen Könige, die berühmte O r i f l a m m e, die ein mit goldenen Flammen besticktes fcharlachenes Tuch war. Denn auch die bescheidene Flagge des De- krets vom 21. Oktober 1789, bei deren Hissung d«r Bürger wußte: Jetzt ist dicke Lust! war nichts anderes als das Sinnbild der Souveränitäk der herrschenden Gewalten. vor der sich in Augenblicken der Gefahr alles zu beugen hatte. Wer da sie sich eben nur dann entrollte, wenn die bewaffnete Macht im Innern eingesetzt wurde, verband sich mit ihr die Vor- stellung von Unruhen, Bürgerkrieg und Blutvergießen, und zwar um so mehr, als die erste Gelegenheit, bei der Paris sie zu sehen bekam, das Gemetzel auf dem Marsfeld am 17. Juli 1791 war: in eine friedliche Kundgebung für die Republik, die wegen der Flucht Ludwigs XVI. zum erstenmal eine Losung in vieler Munde war, pfefferte die Nationalgarde rücksichtslos hin- ein und ließ Tote und Verwundete zu Häuf auf dem Platz zurück. Neunzehn Tage flatterte damals die rote Fahne aus dem Fenster des Rathauses, für die Massen, die sie als Symbol der blutigen Gegenrevolution auffaßten, ein Gegenstand des Ingrimms und Ab- scheus. Noch am 29. September 1792, nach Tuileriensturm und Königssturz, verlangte eine Eingabe an die Legislative, daß die rote Fahne,„die noch vom Blut unserer auf dem Marsfeld hin- gemordeten Brüder trieft, zu Füßen des Grabmals, das den Namen dieser unserer Mitbürger und den am 19. August für die Freiheit Gefallenen im Tuileriengarten errichtet wurde, verbrannt werde", und als im November 1793 B a i l l y, der sich als Bürgermeister von Paris mit der Verantwortung für jenes Massaker belastet hotte, dos Schafott bestieg, wurde die rote Fahne des Kriegsrechts hinten an dem Karren befestigt, der ihn zur Hinrichtung fuhr, und vom Henker angesichts der schaulustigen Menge feierlich den Flammen überantwortet. Aber schon vorher war der Gedanke aufgekeimt, die rote Fahne als das Sinnbild der gesetzlichen Staatsgewalt den Händen der Machthaber zu entreißen und den Fäusten des Volkes zu übergeben. Noch war es bildlich gemeint, wenn H ä b e r t s Blatt äußerte, der„Pere Dudrene" werde im Namen des souveränen Volks„die große rote Fahne der öffentlichen Meinung" entfalten, ober während der politischen Hochspannung des Sommers 1792 befaßte man sich in den Zirkeln, die die Erhebung gegen die hoch- und landesverräterische Bourbonendynastie vorbe- retteten, auch mit Anfertigung einer roten Fahne, die die bezeich- nend« Inschrift trug:„Kriegsrecht des Volkes gegen den Aufruhr des Hofes". Ob über den Tuillerienftürmern wirklich eine solche rote Fahne wehte, steht dahin: Iaure. s wenigstens nimmt es an, da er im vierten Bande seiner Geschichte der Revolution sagt:„Am 19. August flatterte die rote Fahne hier und da über den Sturmkolonnen der Revolution. Sie bedeutete: wir. das Volk, sind seht von Rechts wegen da. W i r sind jetzt das Gesetz. In u n s ruht die rechtmäßig« Gewalt. ebenfalls ein bißchen kokettiert. Wie die anderen mit dem Gesühl kokettieren, so tut dos Fräulein es mit dem Freisein- wollen vom Gesühl. Weil sie im Grunde gar nicht ganz frei ist. Sonst legte sie gar nicht so viel Wert darauf, sonst lachte sie einfach ihren Bräutigam aus oder an— je nachdem. Es wird vielleicht gerade uns Deutschen vorbehalten sein, die trüben Sumpfwinkel der menschlichen Seele mit der Lampe des Geistes aufzuhellen. Aber wir dürfen uns unserer Regungen nicht schämen. Ich habe geheult im Theater: gut— warum habe ich geheult, infolge welcher Schwäche oder Verwechselung von Sen- timent und Sentimentalität, Kunst und Kitsch, fragt man sich.— Warum hat der junge Mann zum Fräulein gesagt:„Hast du mich lieb", bangte ihn um ihren Besitz oder war es eine alberne Phrase, ein Greisen nach der billigen Kinowonne? Indem man die Dinge zu ihrem Eyde verfolgt, findet man den Kern. Durch vorzeitiges, banges Ablehnen kann er einem am Ende noch entschlüpfen. Zwischen echtem und falschem Gefühl zu unterscheiden, ist sehr schwierig— es kann einem passieren, daß man statt des falschen das echte austreibt und nichts in der Hand zurückbehält als die Leere. Glauben Sie mir's, Fräulein! Und was ist eigentlich aus dem jungen Mann geworden? let toten �afine dann SinnßiCd det(UevoCution Und der König, der Hof, die gemäßigte Bourgeoisie, alle die Heim- tücker, die unter dem Namen Konstitutionelle in der Tat Verfassung und Vaterland verraten, sie sind die Aufwiegler. Indem sie sich dem Volk widersetzen, widersetzen sie sich der wahren Gesetzlichkeit, und darum verkünden wir gegen sie das Kriegsrecht. W i r sind keine Aufrührer. Die Aufrührer sind in den Tuilerien,'und gegen die Aufwiegler des Hofs und der Mäßigungspartei kehren wir im Namen des Vaterlandes und der Freiheit die Fahne der gesetzlichen Unterdrückung." Iauräs fährt fort:„So war sie mehr als ein Zeichen der Rache. Sie war nicht die Fahne der Vergeltung. Sie war die präch- tige Fahne einer neuen Gewalt, die sich ihres Rechtes bewußt war, und deshalb wird das Proletariat allemal, wenn es seine Kraft und seine Hoffnung ausdrücken will, die rote Fahne erstfalten." Auf jeden Fall galt seit dem Sommer 1792 die rote Fahne als Symbol der entschlossenen Revolution, des linken Ja- kobinertums, des gnadenlosen Terrors, der sozialen Auflehnung, ob- wohl es an Beweisen dafür fehlt, daß die Ausstände des Jahres 1795 unter der Losung: Brot und die Verfassung von 93! und die Verschwörung Babeufs und der„Gleichen" diese Farbe hißten. Während der napoleonischen Diktatur tauchte sie nicht nur nicht als Revolutionszeichen auf, sondern wurde sogar de» Gardegrenadieren zu Fuß als Feldzeichen verliehen: ihre Fahne war aus roter Seide, mit goldenen Bienen durchwirkt, in der Mitte der kaiserliche Wler, in den vier Ecken das dl: bei dem berühmten Abschied von Fontaine- bleau im Jahre 1814 war es dieses purpurne Fahnentuch, das der erledigte Imperator an feine Lippen zog. Wenn auch die Barrikadenschlacht des Juli 1839 einzig unter der von der Restauration verfemten Trikolore geschlagen wurde, so band doch die republikanische Opposition gegen das Bürgerkönigtum sehr bald ein rotes Tuch an eine Stange und hielt diese Fahne trutziglich hoch. Als das Leichenbegängnis eines beliebten Redners der Linken, des Generals Lamarque, am 5. Juni 1832 zu einem bedrohlichen Aufmarsch aller Gegner des Regimes führte, schwebte plötzlich über der den Sarg umgebenden Menge ein« rote Fahne.„Es hat", erzählt Heinrich Heine in einem seiner Pariser Bericht« an die„Augsburger Allgemeine Zei- tung",„eine mystische Bewandtnis mit dieser roken schwarz umfransten Fahne, worauf die schwarzen Worte: Freiheit oder Tod! geschrieben standen, und die, wie ein Banner der Todesweihe, über alle Köpfe am Pont dÄusterlitz hervorragte. Mehrere Leute, die den geheimnisvollen Fahnenträger selbst gesehen haben, behaupten: Es sei ein langer, magerer Mensch gewesen, mit einem langen Leichengesichte, starren Augen, geschlossenem Munde, über welchem ein schwarzer altspanischer Schnurrbart mit seinen Spitzen an jeder Seite weit hervorstach, eine unheimliche Figur, die aus einem großen schwarzen Klepper gespenstisch unbeweglich saß." Als dieser Fahnen- träger, der siebenundzwanzigjährige Baptlste Francois P e y r o n, sich selber den Gerichten stellte, ließ man ihn mit einem Monat Ge- sängnis davonkommen, weil man ihn für geistig minderwertig er- klärte, aber an jenem Tage, dessen Kundgebung in die erbittertsten Straßen- und Barrikadenkämpfe mündete, wehte auch an anderen Stellen, an der Porte Saint-Denis, auf dem Vend�me-Platz und auf der Place-des-Petits-Peres, die rote Fahne: sie erhielt ihre Feuertaufe und Blutweihe und flatterte auch 1834 und 183S Auf- standsversuchen in Paris wie in der Provinz voran. Kaum verspürte denn im Februar 1 848 die französische Hauptstadt die ersten Anzeichen revolutionären Fiebers, als auch schon die rote Fahne zum Vorschein kam. Die Menge, die am 23. Februar an der Ecke der Straßen Clcry und PetitEareau einen Fiaker umwarf, um Grundstoff zum Barrikadenbau zu erhalten. schwenkte den roten Fenstervorhang der Droschke als revolutionären Wimpel: bald hißten Hunderte von Barrikaden die rote Fahne: die Luft wurde erschüttert von den Rufen: Vive 1p drapeau roiige! Nachdem Arbeitersäuste den Thron des Bürgerkönigs umgestürzt hatten, war darum bei den Massen die Neigung groß, die Trikolore durch die rote Fahne zu ersetzen, und da die Provisorische Regie- rung gegen den Antrag von Louis B l a n c an Blauweißrot fest- hielt, ließ Blanqui einen Aufruf anschlagen: Das Aolk hat die rote Fahne auf den Barrikaden von 48 gehißt. Versuche man nicht, sie zu entehren! Rot ist sie nur von dem großherzig vergossenen Blut des Volks und der Nationalgarde. Schimmernd weht sie über Paris, sie sollte beibehalten werden. Das siegreich« Volk wird feine Flagge nicht streichen. Aber in den„Klassenkämpfen in Frankreich" legt Karl Marx die objektiven Gründe dar, die es begreiflich machten, „daß das Pariser Proletariat sein Interesse neben dem bürger- lichen durchzusetzen suchte, statt es als da» revolutionäre Interesse der Gesellschaft selbst zur Geltung zu bringen, daß es die rate Fahne vor der Trikalre fallen ließ": Merkmal des Kompromisses zwischen den Klassen, die gemeinsam den Iulithroa Seitbarl Hermann Dlostar: Die Qescbicble der Wccbe: Dev Weg ins Wasser In Southend bei London wollte sich ein zwanzigjähriges Mädchen in die Themse stürzen. Sie wurde durch einen sonder- baren Zusall in ihrem Vorhaben gestört. Das Mädchen überlas noch einmal ihren Brief: es war merk- würdig, daß ihre Schristzüge fest und gleichmäßig aussahen, obwohl doch ihr Denken ein einziges, schmerzhaftes Brausen und Beben war. Sie verschloß das Kuvert, schrieb die Adresse:„An die gnädige Frau''. und legte es auf den Tisch im Kinderzimmer. Auch dies Vorgehen war so merkwürdig gut überlegt: die Herrschast war ins Weekend gefahren, mit den Kindern, und würde vor Montag früh nicht wie- »er hier fein; bis dahin war alles längst, längst vorbei. Sie übersah noch einmal das Kinderzimmer; an den hellen Wänden hingen Photographien von Bübchen und Mädi; es rührte sie nicht. Mein Gott, es waren nett« Kinder, aber es waren nicht ihre Kinder; es waren Kinder einer Frau, die einen Mann hatte, einen geliebten Mann— und sie war seit heute abend eine Frau, die den Geliebten verloren hatte, verloren auf die schäbigste und lächerlichste und schmerzlichste Art: ein Schwindler war er gewesen, hatte sie um ihre Ersparnisse geprellt und, was schlimmer war, um ihr Gefühl— denn dies war das Aergste: sie liebte ihn; noch immer; noch«in, zwei Stunden lang, bis sie an der Themse sein würde. Nein, es gab keine Brücke zwischen diesem Glück hier und solcher letzten Verlassenheit. Sie wandte sich kurz weg, ging rasch durch den Korridor, Mantel und Hut hatte sie schon, schloß die Wohnungstür, legte den Schlüssel unter die Fußmatte, wie sie es in dem Brief angekündigt hatte. Di« Treppen hinunter, zur Haustür hinaus ins neblige Dunkel, der Autobus nach Southend kam gerade vorbei. Sie lief um noch die Haltestelle zu erreichen, lief, als dürfe sie gerade diesen Anschluß nicht oersäumen, als habe sie keine Minute zu verlieren. Sie er- reichte den Autobus, setzte sich in die dunkelste Ecke, dos Taschentuch vor den Mund gepreßt, welcher zitterte, ohne zu weinen. Das Stampfen der Räder, das hohle Klappern des Motors, dos Summen der Gespräche ringsum, das Vorbeiblitzen der Schaufenster und Straßenlampen vermischte sich auf ein« gespenstische Art mit dem Flirren und Sausen in ihrem armen, einsältigen Kopf, mit dem wirren Schlag ihres maßlos erregten Herzens. Dies alles war nicht mehr ein Weg zur Tat, es gehörte schon zur Tat, es war ein Teil van ihr, so schwer und so leicht wie nachher der Sprung ins Wasser; sie wußte, daß sie diesen Sprung so gut tun würde wi« den Sprung auf den Autobus, alles war bereits Fall, tiefer, langer, unwiderruf- licher Fall aus dem Leben in den Tod. Die Fahrt dauerte mehr als eine Stunde, es machte ihr nichts, sie merkte es nicht, es gab keine Zeit mehr für si«; auch die Zeit gehörte zu dem, was gewesen war, zu Stellung und Dienst und Liebe und Verrat und Wut und unerträglichem Schmerz. Southend, Endpunkt, Lebenscnd— alle stiegen aus, auch sie, schnellen und kaum wankenden Schrittes ging sie di« Straße zum Fhiß hin, anfangs hallten Häuser rechts und links noch das Echo ihrer Schritte, dann hörte auch das auf, die Laute ihres Daseins, Atem, Schritt, Kleiderrascheln. schluckte grauweißer, stumpfer Nebel— nun ein Geruch nach Schlamm, Salz, Fisch, Teer: die Themse. Sie preßte daz Tuch ganz fest vor den Mund, fast hinein in den Mund wie einen Knebel, daß sie die Tränen wieder schmeckte, die sie vor drei Stunden geweint hatte— sie begann zu laufen, immer schneller, immer schneller, sie wollte hineinlaufen in das Wasser, so schnell es ging, schon rannte si« über den Dammweg, gleich würde es steil hinuntergehen-- „Haben Sie was gesehen?" Sie war hineingelaufen in eine kleine Gruppe Menschen, die am User stand: ein Polizist, zwei Männer, eine Frau. Si« hielt keuchend inne. Wieder die Frage, der Policeman stellte sie ihr: „Haben Si« was gesehen?" „Was denn?" Jlzre Gegenfrag« kam wie von fern. „Ach so, Sie wissen noch nicht... Bitte, Helsen Sie uns. Es hat sich eben eine Frau hier ins Wasser gestürzt, hier irgendwo... Vielleicht können wir sie nach retten, zwei Boote sind schon auf dem Fluß, es kann aber sein, daß sie hier am User treibt oder noch hier hcrumirrt... wir müssen uns längs des Ufers verteilen, bitte einer von den Herren auf die Hullbrllcke, linke Seite, einer rechte Seite, die beiden Damen am Ufer entlang, Sie hier noch r«chts. Sie nach links bis zum Meer, ich selbst muß hier bleiben, auf die Boote passen; schnell bitte, schnell, es ist keine Minute zu verlieren!" Und das Mädchen geht plötzlich dem Meere zu, wie ihr befohlen wurde, sie späht durch den milchigen Nebel, über die flüsternde Fläche, die das Wasser sein muß— späht nach einer anderen, nach einer Leidensgefährtin, freilich, man liest oft, daß gerade hi«r viele ins Wasser gehen, darum auch ist sie ja hierher gefahren, es wird ihr erst jetzt klar... Nun dieser Aufenthalt, es ist ja eigentlich sinnlos, sie muß doch Schluß machen, was sucht sie denn hier herum, was geht sie denn das noch an, und übrigens soll inan doch der anderen ihren Willen lassen, umsonst tut das doch keiner, ins Wasser gehen... ober freilich, weiß man denn, warum die es tat, es ist vielleicht, es ist gewiß nichts so Schlimmes, Unabänderliches wie in ihrem Fall, und man kann doch nicht einfach so einen Menschen ins Wasser gehen lassen: es ist doch möglich, irgendwie möglich, daß sich für die andere noch vieles, noch alles zum Besten wendet, wenn man sie zurückhält... Und sie geht und späht, geht und späht immer weiter. Manch- mal tritt sie ganz ans Ufer, so dicht heran, daß ihre Füße naß werden: aber sie sieht nichts. Beinahe ist sie dankbar, dem Nebel, dem Dunkel dankbar, daß sie im Wasser nichts steht, das, was im Wasser zu sehen wäre, das wäre doch nur eine Tote, wie grauenhaft müßte das fein... Vielleicht aber irrt sie noch am Ufer hin, lebend, ach, möchte sie di« andere doch finden, sicher könnte man so was niedergelegt hatten, war die rote Rosette, die, allerdings nicht auf lange, den Schaft der blauweißroten Fahne schirtückte. Dafür wurde fortan die rote Fahne das Wahrzeichen der revo- lutionären Arbeiterklasse nicht für Frankreich ollein:„Behaltet, wenn ihr wollt", rief Proudhon den Großbürgern zu,„die dreifarbige Fahne, Sinnbild unserer Nationalität, aber denkt daran, daß die rote Fahne das Zeichen einer Revolution ist, die die letzte sein wird. Die rote Zahne ist die Sundesstandarle de« Menschen- geschlechles." In diesem Sinn« wurde in Deutschland der Barde von Schwarz- rotgold, Ferdinand Freiligrath, in eben jenem Jahre ihr ■rster Sänger, da er begeistert und begeisternd ausjubelte: An unsre Brust, an unsre Lippen, Der Menschheit Farbe, heil'gcs Rot! Hermann Wendel. Gutes tun, noch einmal. Es fröstelt sie, nur die Hand vor ihrem Mund ist warm vom Hauch des Lebens, oft stolpert sie über Steine — da, hier ist ein Zaun bis zum Waffer, sie kann nicht weiter, muß umkehren. Sie geht den einsamen Weg zurück. Sie späht noch immer, sie sieht nichts. Gewiß aber haben die im Boot etwas gefunden oder die auf der Brücke. Sie wünscht es inbrünstig, sie weiß eigenttich nicht, warum sie es so inbrünstig wünscht. Da— da vor ihr taucht ein Schatten aus dem Nebel— ihr Herz steht still, mitten im noch immer wilden Hämmern. Aber nun sind es zwei Schatten, eine ganze Anzahl Schatten: sie ist wieder an der Stelle, von der sie aus- ging, der Polizist ist da, die Frau, die Männer, dazu noch andere, zwei Boote liegen am Ufer. „Nichts?" fragt der Polizist. „Nichts..." „Wir auch nicht. Also zu spät." Einige Männer zucken die Achseln, hilflos, ergeben. Eine Weile stehen alle ratlos. Dann sagt der Polizist:„Ich glaube, wir können gehen." Keiner geht. Alle starren aufs Wasser. Das Mädchen schließt die Augen, tut sie rasch wieder auf: vor den geschlossenen Lidern sah sie etwas vorbeitreiben, tot. gebauschte Kleider, schmerzhaste Vision... „Was war's denn für eine?" fragte sie, um sich zu erlösen von dem Bild. „Ich weiß auch nicht genau," sagt der Policeman.„Wir sind angerufen worden aus der Stadt, wir auf der Revierwache. Eine Hausangestellte, glaube ich." Er zieht einen Zettel, läßt ein Streich- holz aufglühn:„Soviel ich lesen kann: Mary Smith oder so...!" „Mary Smith?" sagt das Mädchen, kindlich erstaunt.„Das bin ich!" „Sie...? Wohnen Sie Walker-Street?" „Ja...' Werr QHhooley Das ist ein irischer Roman von L i a m O' F l a h e r t y, der in deutscher Uobersetzung im S. Fischer Verlag, Berlin, erschienen ist. Für die Oesfentlichkeit, die nach bestimmten äußeren Merkmalen urteilt, ist das daher wohl der Roman eines Dichters. Erfährt man nun gar aus dem Umschlag, daß der erste Roman O'Flahertys Die Bestie erwacht Kritiken gefunden hat, die von einer„kalten Sphäre reiner Dichtung" sprechen, und versichert der Verlag aus dieser gleichen Umschlagseit«, daß das neue Buch mit der„jähen Verbissen- heit des Iren" geschrieben ist, so erwartet der Leser wohl ein Stück Literatur. Wieder kann man feststellen, daß unsere Literaturkritik reichlich auf den Hund gekommen ist. Was heut« alles an Büchern mit dem Stempel der Größe, Ewigkeit und Einzigkeit geziert, acht Monate Lebensdauer hat, das reicht schon in die Tausende. Mehr als je ist es notwendig, klare Scheidungen zwischen Dichtung und Unterhaltung zu treffen. Es ist möglich, daß viele Leser, besonders Leserinnen, den Roman„Herr Gilhooley" als spannende Unter- Haltung betrachten werden. Mich und jeden, der es nicht unterhalt- som findet, leblosen Unwahrheiten seine Zeit zu opsarn, kann es nicht unterhalten, ein«r Romanfigur zu begegnen, deren Leben und Handeln von Anfang an gegeben ist, und die durch kein Lebens- zeichen von unzähligen Romanfiguren gleicher Art unterschieden wird. Herr Gilhooley ist ein alter Junggeselle, der, nach Glück und Abenteuern lüstern, durch Kneipen und Kinos schwirrt, schließlich eine Dirne nach Hause nimmt und sie am Ende des Romans, wie „Wollten Sie sich denn.. � Sie nickt. Alle stehen eine Weile wie aus Stein. Dann schlägt ein Mann sich auf den Schenkel und beginnt zu lachen. Dann lachen alle. Es ist zunächst nichts da als Lösung. Erleichterung: kein Tod, gottlob kein Tod! Und das Mädchen— das Mädchen lacht mit. Auch in ihr ist nichts anderes, ist, ganz losgelöst von ihr selbst, nur das Lachen des Lebens: kein Tod... kein Tod., kein Tod!! „Na, hören Sie mal," sagt endlich der Polizist,„das ist doch aber...! Dann ist es ja allerdings kein Wunder, daß wir Sic nicht gefunden haben!" Wieder lachen die andern. Aber das Mädchen nimmt plötzlich wieder das Tuch vor den Mund, schlägt es sich sast vor den Mund, schließt die Augen wie in wahnsinnigem Schmerz, zittert, wankt... Es ist ja doch ein Wunder, daß sie sie nicht gefunden haben... sie hat sich selbst gesucht... die Tote, die sie da vorhin sah, visionär, das war— das war ja sie selbst, sie, Mary Smith, sie hat man gc- sucht, sie hat sich selbst gesucht, und... nicht mehr... gefunden... sie treibt im Wasser, Kleider gebauscht, Glieder geschlafst, Mund und Augen schreckhaft geöffnet, Herz still... Sie schreit gellend auf und bricht zusammen.— Auf der Polizeiwache kommt sie zu sich, aber sie kann di« Augen nicht öffnen. Sie hört, von weit her, die Stimme des Mannes, bei dem sie dient, eine Feder raschelt seinen Worten nach, er gibt zu Protokoll:„Well der Jung« unterwegs erkrankte, fuhren wir sofort zunick, fanden den Brief, sie gab an, daß man sie an der Hullbrücke suchen solle. Ich rief sofort hier an, vermutlich noch ehe sie mit dem Autobus bis hierher gekommen war..." „Sie wacht auf!" sagt der Revierarzt.„Aber rufen Sie bitte sofort das nächste Krankenhaus an. Es gibt ein Nervenfieber." Sic hört es. Sie lächelt. Nervenfieber, gut, meinetwegen Nervenfieber. Aber sie lebt... lebt! Kein Tod... kein Tod...! denn auch nicht, erwürgt. Bisher nannte man so etwas Kitsch. Dar- über wäre kein Wort zu verlieren, wenn eben nicht Leser mit un- sicherer Urteilskraft, irregeleitet durch den Nomen des Verlags, in diesem Schmöker«ine Dichtung erblicken würden. Ich glaube, wenn dos Buch verfilmt wird, und die arme Nelly, bloß damit sie erwürgt wird, schnell noch die Photographie eines Liebsten unt«r dem Bett- kissen hervorzieht, wird in jedem Kintopp bei dieser Mordszene ein Hallogelächter losgehen. Das wird also als Dichtung gepriesen! Ein Schmarrn. Lelix Stössinger. Preuflen nach dem Wellkriege Vor einiger Zeit machte der preußische Innenminister S e v e- ring in einer politischen Versammlung darauf aufmerksam: Wir. werden in der Zeit bis zu den Wahlen(Mai 1932) zu zeigen haben, was in Preußen in den letzten zwölf Jahren geleistet worden istl Tatsächlich werden die oft sehr erheblichen Leistungen des neuen Staates propagandistisch noch viel zu wenig herausgestellt. Schulraf Dr. H a w e l versucht jetzt in der Schrift„Preußen nach dem Weltkriege"(Gilde-Verlag, Köln) ein« durch etwa 2 Bilder illustrierte Darstellung von Aufbau und Wirken des Freistaates Preußen im Rahmen seiner Verfassung zu geben. Gliederung und Aufbau des Staates sowie die Tätigkeit der einzelnen Ministerien werden anschaulich geschildert, sehr geschickt ist die Gegenüberstellung von Regierungsform und Wahlrecht vor und nach der Revolution. Das kleine Buch wendet sich an die älteren Jahrgänge der Schüler aller Schulgattungen, um sie zur Mitarbeit und Mitverantwortung am Staat zu erziehen; eine weit« Verbreitung ist der Schrift an- gesichts der heute noch bei vielen Schülern und Lehrern besonders höherer Lehranstalten vorhandenen negativen Stellung zum Staat sehr zu wünschen. �karck junge. OD PUI? DEN KLEINGÄRTNER •iiuiuininnuiiniiiuuiiniiiuiimuiiuiiiiuniiiniiiinuiuiiiiiiiniHiiiiiiiiuiiiiiuuuiiiiiiiiiuuiiuiuiuuiujiiiintiiiiuiiiniiininouuuiiiiuiiniiiiiiiiiiiinniiimiiiiiuiuiiiiiiiniiiiiiiiiiiiuiiiimiiiiiiiiiitiiiiu Kleintierhof im Juli Die liebe Sonne hat es in den letzten Tagen wirklich gut gc- meint; Anhänger der Kongofarbe mögen das ja sicher sehr begrüßt haben, aber normalerweise sucht Mensch und Tier Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen im kühlespend�nden Schatten. Auch bei unserem Hühnervolk macht sich die Hitze bemerkbar, es sucht gern schattige Plätzchen unter Bäumen und Sträuchern auf. Sind solche nicht vorhanden, so ist es ein leichtes, ihnen durch ein paar eingeschlagene Pfähle mit darüber gelegten Brettern oder Stroh- matten zu einem Schatteiffpender zu verhelfen. Die prallen Sonnen- strahlen sind alten wie jungen Tieren gleichermaßen schädlich und beeinträchtigen auch bei weißen wie dunklen Tieren die Färbung des Gefieders. Vor allem ist dafür zu sorgen, daß das Trinkwasser mehrere Male am Tage erneuert wird, denn die Tiere haben jetzt ständig Durst und trinken außergewöhnlich viel. Ilm Durchfall zu vermeiden, mische man dem Trinkwasser etwas Eisenvitriol bei, und zwar 2 Gramm aus einen Liter Wasser oder lege ein Stück rostiges Eisen hinein. Auch dos Staubbad muß in gutem Zustande erhalten bleiben. Während der heißen Tage sind die Ställe peinlichst sauber zu halten und öfters zu desinfizieren. Die Küken, die man schon nicht niehr so nennen kann, wachsen lustig weiter, man muß ihnen täglich kräftiges, fleisch- und knochenbildendes Futter reichen. Mit acht bis zehn Wochen lege man allen Tieren, die man für eine Aus- stellung bestimmt hat, Fußringe oder Marken an, denn auf allen größeren Ausstellungen mit Preisen für die Züchter ist in den meisten Fällen Ringzwang vorgeschrieben. Die überflüssigen Hähn- ch e n werden zur Mast abgesondert, wie man überhaupt diesen ge- fräßigen, jungen Herren nur eine Lebenszeit von höchstens drei Monaten gewähren sollte— dann gehören sie gebraten auf die Mittagstafel. Ende des Monats verlieren ältere Tiers schon ver- einzelt Federn, denn die Mauserzeit steht bevor. Für sie ist die -Legepcriode vorüber, vor dem nächsten Frühjahr haben wir keinen Profit von ihnen zu erwarten, sie kosten uns im Gegenteil nur Futter: man muß sich daher überlegen, ob es nicht ratsamer er- scheint, sie auch zum Sonntagsbraten zu verurteilen. Die Beschaffung des Futters macht uns infolge der ständig steigenden Getreidepreise große Sorgen. Bon berusencr Seite wird die Verwendung von B l u t m e h l— unter dem Namen„Blutgold" wohlbekannt, das nach einem deuffchen, patentierten Verfahren her- gestellt wird— vermischt mit billigen Abgängen aus der Mühle, wie Weizenschalen, Weizcnbollmehl, Kartoffelflocken u. a. m. als besonders zweckmäßig und vor ollem preiswert empsohlen; im Mischungsverhältnis 1: 7 wird der Preis des Zentners dieses guten Legesutters auf 19 bis II Mark geschätzt Als Maßstab für die F u t t e r m e n g e, die an zehn ausge- Wachsens, schwere Hühner während des Sommers zu verabreichen ist, mögen folgende Angaben dienen: Man öffne die Stalltüren möglichst frühzeitig, denn nur in den Morgenstunden finden die Hühner zahlreiche Würmer und sonstiges tierisches Futter. Mittags reicht man 599 Gramm Kartoffeln, 199 Hramm Weizenkleie, 50 Gramm Maisschrot, 100 Gramm jalzf'ies Fischmehl und 50 Gramm Fleischmehl, die mit frischer Magermilch zu einer krüme- ligen Masse angerührt werden. Dabei ist jedoch sorgfältig darauf zu achten, daß dieses so angefeuchtete Futter nicht ansäuert— sauer gewordenes Futter führt namentlich bei jungen Tieren leicht zu Darmkrankheiten, die sich sehr leicht ausbreiten und großen Schaden anrichten können. Abends füttere man 590 bis 600 Gramm Weizen, Mais oder Gerste. Die Truthühne. r sind, wo es nur irgend möglich ist, auf die Stoppeln zu treiben. Zum Weichsutter mische man etwas Mais- oder Gerstenschrot bei, damit sie leichter über die in ihrem dritten Lebensmonat austretende Mauser hinwegkommen. Auch di« jungen Gänse sind auf die Grasweide und Stoppeln zu lassen. Sie sollten nur einmal und mit Bedacht kurz vor der Mauser ge- rupft werden. Di« Enten verlangen stets frisches Wasser und Schatten; die Abkömmlinge der ersten Brut sind bereits Objekte für die Hausfrau. Besonders empfehlenswert sind die Khaki-Campell-Enten; sie brauchen keinen Wasserlauf, sind im Futter genügsam und nicht ver- wöhnt und vor allem sehr fleißige Eierleger. Ueber 200 der schönen, schneeweißen großen Eier ist bei guten Rassen die Jahresproduktion. Die Nutztauben finden jetzt reichlich Nahrung aus den Feldern: die Alten beginnen in diesem Monat mit der sechsten Brut, während die Jungen schon nach 24 bis 28 Tagen schlachtreif sind und eine Delikatesse für die Küche bedeuten. Auch hier wie überall bedingt der Erfolg größte Sauberkeit der Nester und stets reines Wasser zum Trinken und Baden. H. Fr. Pohlenz. Falsche Wege im bürgerlichen Sport Kommerzialisierung und Schein-Amaieurismus Während die Arbeitersportler auf eine Reihe imponierender Kundgebungen zurückblicken können, mit Riesenmassen aufwarten konnten, hat der bürgerliche Sport auf verschiedenen Gebieten in der legten Zeit ganz empfindliche Schlappen erlitten, vor allen Dingen auch moralische. Man kann nehmen, was man will: Der Erfolg steht in keinem Verhältnis zu den manchmal in reichstem Maße aufgewendeten Mitteln. Betrachtet man die sogenannten„populären" Sportarten zuerst, so ist der ganze Fußball betrieb nur noch dazu da, den Bereinen und Verbänden Einnahmen zu verschaffen, ohne die. sie auch nicht existieren könnten. Die Vereine haben meist große Anlagen auf dem Hals«, und wenn es einmal nicht klappt, die Liga- Meisterschaft in nebelhafte Ferne gerückt ist, dann ist so ein Klub gleich in schwerster Bedrängnis, muß liquidieren(Kickers!). Die Art, wie der Deutsche Fußball-Bund die Meisterschaftsrunden vergibt, hat schon die Lammfrommsten zum Widerspruch gereizt. Rein ge- schästliche Gründe sind hier ausschlaggebend, die Spiele werden dahin gelegt, wo die größten Einnahmen zu erwarten sind. D i e Spesennorm(7,30 M. pro Spieltag) ist eine direkte Farce, man möchte jedem Arbeitslosen die Differenz zwischen diesem Satz und der Wirklichkeit als Zuschuß wünschen, dann würde es sogar zu Butter und Fleisch langen. Mit Amateurismus hat die ganze Fußballerei überhaupt nichts mehr gemein. Kürzlich hat wenigstens das Olympische Komitee die— längst fälligen— Konsequenzen gezogen, die Abhaltring des olympischen Turniers abgelehnt, da eine Einigung in der Spesen- frage nicht zu erzielen war. Selbstverständlich werden die Fußballer ihre Weltmeisterschaft allein abhalten, und das wird bestimmt ein gutes Geschäft. Die Anstrengungen, die jetzt, meist mit Unterstützung Berliner Zeitungsverlage gemacht werben, um dem Schwimmsport wieder auf die Beine zu helfen, muten schon wie Kampf an. Niemand wird etwas dagegen haben, wenn jeder Deutsche, mann- lichen oder weiblichen Geschlechts, dazu angehalten wird, schwimmen zu lernen. Die sogenannten„Kurse", die von Zeitungen veran- staltet werden, bezwecken aber ganz etwas anderes: man sucht nach neuen Talenten, die sich zu Rekordschwimmern eignen und die Lücken ausfüllen können. Ueberragende Freistil- und Rückenschwimmer sind zur Zeit nicht vorhanden, und das ist ein schwerer Kummer für die Führer der Verbände. In der Leichtathletik ist, von Einzelleistungen abgesehen, das Durchschnittsnioeau aus der alten Höhe geblieben. Man hat ja bei der letzten Olympiade gesehen, was mit dem Riesenapparat erreicht wurde. Die mit großen Hoffnungen ins Rennen geschickte deutsche Sprintergarde versagte glänzend, ein Turner kam aus den dritten Platz und sonst kamen nur Frauen zu olympischen Ehren. Es bedeutet keinen Gewinn, wenn ein gut Beanlagter mal eine besondere Leistung vollbringt, wenn die Massen zurück- bleiben, und wenn der Rekordsprung oder-wurf von einer gefälligen Presse noch so groß aufgemacht wird. Den Kundigen kann man damit über die wahren Verhältnisse nicht täuschen. Di« Schwerathletik ist, man möchte bald sagen glücklicher- weise, ein reiner Arbeiter sport geworden, er schöpft seine wert- vollsten Kräfte aus der Schicht der Werktätigen. Die Schwer- athletik ist dann auch das Stiefkind der bürgerlichen Sportpresse. Die größten Erfolge werden mit ein paar Zeilen abgetan, man hat vergessen, daß die Ringer und Heber es waren, die mit Sieges- lorbeeren von allen Wettstreiten einschließlich der Olympiade heim- kommen. Einige der bürgerlichen Vereine, die in früheren Iahren Schwerathletik pflegten, wie z. B.„Heros", haben sich fast aus- schließlich dem Boxen zugewandt, mit dem bessere Geschäfte zu machen sind. Die Vernachlässigung erscheint um so unverständlicher, als es sich hier um durchaus vollwertige Sports handelt. Aber wahrscheinlich hält man in bürgerlichen Kreisen den Kraftsport für ein Sackträgervergnügen, mit dem sich ein„gebildeter Mensch" nicht befaßt. Man soll sie bei ihrem Glauben belassen. Auf keinem Sportgebiet sind die Fortschritte in der Technik so groß wie im Ringen und Heben, und wenn es wieder einmal darauf ankommt, werden die Schwerathleten bestimmt ihren Mann stehen, wie sie es schon so oft getan haben. Auf den anderen Gebieten des bürgerlichen Sports ist es auch nicht anders. Man hat vielleicht ein bis zwei Tennisspieler, die zuverlässig sind: die letzten internationalen Turniere waren geradezu eine Blamage. Man weiß wirklich nicht, worauf sich die Führer der bürger- lichen Sportoerbände noch etwas einbilden. Wer heute gut laufen, springen, schwimmen oder Fußball spielen kann, braucht nur in einen bürgerlichen Sportverein einzutreten. Für seine Zukunft wird dann schon gesorgt. Der ideale Sportsmann ist nur noch in den Arbeitersportvereinen zu finden. Der Scheinamateur ist auch der schäbigste Konkurrent des ehr- lichen Berufssportlers. Jedenfalls hat der bürgerliche Sport eine Entwicklung genommen, ist in Bahnen gelenkt, die der Arbeiter- sport nie betreten wird, weil hier Ziel und Zweck ganz andere sind, in ganz anderer Richtung marschiert wird. �rl»eiter-ka»ensp!ele Blitzturnier bei Hansa 31 Am kommenden Sonntag tritt der Fußball verein Hansa 31 mit einer großen Werbeveranstaltung auf den Plan. Aus dem Meteorsportplatz in der Christianiastraße werden sich neben dem Per- anstalter noch Eiche-Köpenick, Pankow und Nowawes im Blitz- turnier gegenüberstehen. Bei der Gleichwertigkeit der Mann- schasten sind durchweg gute Spiele zu erwarten. Den Austakt machen die zweiten Mannschaften von Eiche und Hansa. Dann spielen um 13.13 Uhr Pankow und Eiche; um 16 Uhr Hansa und Nowawes; um 16.45 Uhr Pankow und Hansa 31; um 17.36 Uhr Eiche und No- wawes; um 18.15 Uhr Nowawes und Pankow; um 19 Uhr Eiche und Hansa. WeJter« Spiele; Am Sonnabend spielt Union 28 im Mariendorser Volkspark, Chaussecftraße, gegen Minerva 28. In Reinickendorf, Scharnweberstraße, stehen sich Eintracht und Weihensee gegenüber. Beginn der Spiele 18.30 Uhr.— Am Sonntag spielen: Oberspree gegen Schöneberg in Oberschöneweide, Wuhlheide. Britz 88 gegen Freie Scholle im Neuköllner Stadion. Hoppegarten gegen Volkssport Neukölln in Alt-Landsberg. Spandau 23 gegen Sparta- Nauen in Spandau, Seeburgerstrahe. Wilmersdorf gegen Staaken in Wilmersdorf, Fehrbelliner Platz. Friedenau gegen Brieselang in Friedenau. Lichtenberg I gegen Wacker 30 in Lichtenberg, Kynast- straße. Kagel gegen Wansdorf in Kogel.— Zweite Mannschaften: Oberspree gegen Schöneberg. Britz 88 gegen Freie Scholle. Hoppegarten gegen Volkssport Neukölln. Minerva 28 gegen Drewitz. Neuruppin gegen Elstal. Beginn der Spiele: Erste Männermannschaften 17 Uhr. Zweite Männermannschaften 15.13 Uhr. Der Fußballvcrein Süd-Ost sucht zum kommenden Sonntag für zwei Männermannschaften Spiele auf Gegners Platz. Angebote an Leo Ulrich, Berlin SO. 36, Sorauer Straße 3, odex ob 20 Uhr F. 8 7874. tlandhall Der Bezirk Bohnsdorf des Turnvereins Eiche-Köpenick veran- staltet aus Anlaß der 5-Jahres-Feicr des Arbciter-Samariterbundes, Kolonne Bohnsdorf am Sonntag ein Handball-Blitzturnier, an dem folgende Mannschaften beteiligt sind: Eiche-Bohnsdorf, Fichte, Kauls- darf und Wildau. Eine Voraussage über den voraussichtlichen Sieger ist sehr schwer, sind sich doch alle Mannschaften gleichwertig. Trotz- dem sollten aber die Kaulsdorfer, die in Blitzturnieren schon mehr Erfahrung haben, den Sieger stellen.— In der Treskowallee in Friedrichsfelde stehen sich der ASV.-Friedrichsselde und FTGB.- Südost gegenüber. Lichtenberg fährt zu Kalkberg«, um dort vor- mittags 10 Uhr ein Freundschaftsspiel auszutragen. Auf dem Sport- platz im Friedrichshain treffen sich die Bezirke Nordost und Spandau der FTGB. um 15 Uhr. Friedrichsthal erwartet um 17 Uhr den Besuch der Ruhlsdorfer. In Schönwalde spielen um 15,30 Uhr Grün-Weiß und Schönwalde.— Am Sonnabend stehen sich in der Seeburger Straße in Spandau die Sozialistischen Studenten und Spandau 3 um 19 Uhr gegenüber. Wedding 2 und Freie Schwimmer Charlottenburg spielen ebenfalls um 19 Uhr in den Rehbergen. Arbeitcr-Wasserballserie Bon den für Mittwoch und Donnerstag angesetzten Spielen mußten Lichtenberg und Hellas II wegen Fehlens des Unparteiischen und Hellas I gegen Neukölln wegen Nichtantretens der Neuköllner ausfallen. Die Spiele werden später nachgeholt. Lediglich Lichten- berg und Union lieferten sich gestern im Flußbad Klingenberg ihr fälliges Spiel, das noch hartem Kampf mit 5:3(Halbzeit 3:2 für Lichtenberg) unentschieden ausging.— Am Sonnabend werden sich Charlottenburg und Neptun ein spannendes Spiel liefern, das in Westend ausgetrogen wird. Der Sieg von Charlottenburg ist un- gewiß._ Abendsportfest der FTGB. Nordring Morgen, Sonnabend, ob 18 Uhr, veranstaltet die FTGB.-Nord- ring ein Wendsportsest, das einen beträchtlichen Teil der Berliner Arbeiter-Leichtathleten in friedlichem Wettkampf vereinen wird. Es wird der letzte Start der Berliner vor der Olympiade in Wien sein. Auf Grund der Ausschreibung haben folgende Vereine ihre Zusage gegeben: Ostring, Wedding, Moabit, Schöneberg, Neukölln, Schönow, Tegel, Osten und andere. Die stärkste Besetzung weist der 200-Meter- und der 1000-Meter-Lauf der Männer auf. Desgleichen find die 100-Meter-Läufe der Frauen, der Jugend, das Kugelstoßen, die 4 X 100 Meter und die Schwedenstafette stark besetzt. Das Fest verspricht im Bezirk Prenzlauer Berg eine vorzügliche Werbeveran- staltung für den Arbeitersport zu werden. Der schöngelegene und gut in Ordnung befindliche Platz am Hochbahnhof Schönhauser Allee ist bestens geeignet dazu. Zur Olympiade Der Olympiafestzug Von den Veranstaltungen beim 2. Arbeiterolympia ver- spricht der große Festzug am Sonntag, 26. Juli, eine Massen- kundgebung von ganz großer Bedeutung, zu werden. Der Festzug wird sich um 8 Uhr früh vom Freiheitsplatz, dem schönsten Platz in Wien, über die Ringstraße, Praterstraß« und die Hauptallee de? Praters bewegen. Es wird mit einer Beteiligung von mindestens 80 000 Sportlern und Sportlerinnen gerechnet. Die Eröffnung des Festzuges geschieht durch eine Fanfaren- abteilung, gefolgt von einer 100 Mann starken Kapell«, hinter der die Fahne der Sozialistischen Arbeitersportmternationale einher- getragen wird, begleitet von einem Zug Jungordner. Ihnen folgen Sturmsahnen als Spitze eines Zuges, in dem jede Sportart durch eine Zehnerreihe ihrer Angehörigen vertreten ist. Dann beginnt der Zug der Sportdelegotionen, an dessen Spitz« die fünf Weltteile durch besondere Fahnen gekennzeichnet sein werden. Hinter diesem Zug wird auf 17 Transparenten in 17 Sprachen fürden Weltfrie- den und für die Abrüstung geworben werden. Ein Zug von 1000 Sturmfahnen der Wiener Organisationen bildet den Schluß dieser Demonstrationsgruppe. In alphabetischer Reihenfolge mar- schieren dann die Delegationen der 21 gemeldeten Länder, am Schluß die Oesterreicher. Besonderen Eindruck beim Festzug versprechen die angemeldeten Fahnenschwinger des Deutsch-tschechifchen Ber- bandes, die in 60 Achterreihen marschieren werden. Mit besonderem Interesse sieht man auch in Wen dem geschlossenen Auftreten der deutschen Spielmannschöve entgegen. Auf dem Parlamentsvorbau und auf dem Plateau vor dem Freiheitsbrunnen werden sich die Behörden, das Büro der Sozialistischen Arbeitersportintcrnationale, die Mitglieder des sozialistischen Kongresses und die Festgäste ver- sammeln und dem Vorbeimarsch des Festzuges beiwohnen. Vor dem Hauptfestzug werden die Motorrad- und Radfahrer einen Sonderfestzug über die Ringstraße durchführen. Reichskagspräsident Löbe zum Arbeiterolympia. Der Präsident Löbe hat dem Sekretariat des 2. Arbeiterolympia in Wien in einem Schreiben seine Freude über die Einladung ausgedrückt und sein Erscheinen bestimmt zugesichert. Sehmeling gegen Carnera Für den 17. September abgeschlossen Einer Drahtmeldung aus New Port zufolge haben die Ver- Handlungen zwischen den Managern Joe Jacobs und Leon See zwecks Abschluß eines Weltmeisterschaftskampfes zwischen Max Schmeling und Primo Carnera überraschend schnell zu einem positiven Ergebnis geführt. Als Kampstermin hat man sich auf Donnerstag, 1 7. S e p- t e m b e r geeinigt, nähere Einzelheiten darüber, wo der Kampf statt- findet und wer ihn veranstaltet, fehlen allerdings noch. Obwohl sich die New-Borker Boxkommifsion immer noch ablehnend verhält und Schmeling bisher nicht als Weltmeister anerkannt war, rechnet man doch damit, daß der Kampf in N e w Jork statlsindet, da man hier die größten Besucherzahlen erwarten kann. Sollte es bei dem 17. September als Kampftermin bleiben, so wird sich Schmeling kcine allzu lange Erholungspause in der Heimat gönnen können, denn der Weltmeister müßte in diesem Falle noch im Laufe des Juli nach Amerika zurückkehren, um mit dem Training zu beginnen, für das ihm dann ohnedies nur etwa sechs Wochen zur Verfügung stehen würden. Europameister in spe Die Boxsportbehörde Deutschlands hat der Internationalen Box- Union in Paris ein Schreiben gesandt, in dem sie ihrerseits drei deutschen Boxern die Genehmigung zu Kämpfen um die Europa- m e i st e r s ch a f t erteilt. Es handelt sich um Schwergewichts- meister Hein Müller- Köln für einen Titelkamps mit Pierre Charles, um Hein Domgörgen- Köln für einen Kampf mit Mittelgewichts-Europameifter Poldi Steinbach-Wien und schließlich um Franz D ü b b e r s für einen Kampf mit Leichtgewichts-Europa- meister Francois Sybille-Belgien. Charles besiegt Griselle. Der langjährige Schwergewichts- Europameister Pierre Charles holte sich in Brüssel durch einen eindrucksvollen Punktsieg über Maurice Griselle leinen Titel wieder, den ihm die Internationale Box-Union wegen nicht frist- gemäßen Antretens gegen Schönrath abgesprochen hatte. Pierre Charles ließ sich in der ersten Runde von dem französischen Meister treiben, als der Belgier aber seinen Gegner hinreichend studiert hatte, änderte sich das Bild. Mit wirksamen Treffern auf Kopf und Körper zermürbte er Griselle systematisch, doch glückte ihm im Ver- lause der 15 Runden kein entscheidender Schlag, zumal sich Griselle als überaus hart im Nahmen erwies. So mußte sich Pierre Charles mit einem haushohen Punktsieg begnügen. Brei Jahre bundestreuer ArbeitersebieHsport Vor kurzem beging die Freie Sport- und Schützen- Vereinigung das Fest des dreijährigen Bestehens. Die Ver- einigung wurde vor drei Jahren geboren aus der Notwendigkeit, der in Berlin tobenden kommunistischen Woge im Arbeiterschießsport einen Damm entgegenzusetzen. Anfeindungen aller Art waren nicht imstande, die Entwicklung der bundestreuen Bewegung zu stören. Leichtathletik, Gymnastik und Handball neben dem Schießsport sind die Sportzweige des Vereins. Der Wunsch nach einem eigenen Schießstand ist Wirklichkeit geworden,, eine vorbildliche Kampfstätte wurde für den Berliner Arbeiterschießsport freigegeben. Betrieben wird hier das Kleinkaliberschießen nach internationalen Regeln. Freunde des schönen Sportes können auch als Gäste am Schießen teilnehmen, llebungsabend jeden Dienstag im Vereinshaus Südost, Michaelkirchstraße 29 a. Auskunft erteilt Stefan Brumirski, Berlin N. 54, Brunnenstraße 12. T-nristin-erew„Di, Rawrire-nde", zentrale Wien. Isreitoq, lo. Juli. A Uhr. tibi. Chorlottenburg: Abrirdspoziergana.— Abt. Brig: Badeobend. � tzoltbootabt. Treptow: SIcrirwarc, Treff 1» Uhr Bhf. Treptow.— Jugend» grupp« Humbolbhain: Schönstedtstr. 1.— Abt. Treptow: Lieterabcnd, Elsen- straße 8.— Abt. Lichtenrade: Babcobenb.— Abt. Bimtaplah: Lortztng. Ecke Sraunstr.— Abt. Sil dost: Britzer Str. 27.— Fotoadt. Osten: Frantfurtcr Allee ZM. Sonnabend, H. Inli: Heidesec. Abf. I7.U> ab Schijnewcite.— Foto. abteilung Neukölln: Bergstr. 2».— Abt. Schönhauser Vorstadt: Nastenburger Str. 1«.— Montag, 1Z. Juli, 20 Uhr. Zatogomeinschaft: Iohanniostr. ZS.- Sonnabend, 11. Juli: Fauler See. Abf. Sonnabend 15.25 Wriezencr Bahn, steig. Rilckfahrtlart« bis Werneuchen. RachMgler Sonntag li.to Wriezener Bhf. Ntlcksahrlarte Tiefensee— Malgcmeinschaft: Wrangelftt. 12«.— Fvtogcmci». schaft: Besuch beim„Sturmvogel" im Zentralflughafen Teinpclhof. Treffpunkt 19 Uhr am Osttor Flughafenftr. Letztes Tor auf der Neuköllner Seite. FTSB. Abrechnung aller Kassierer. Montag, 13. Juli, 19% Uhr, CVo. schiiftsstelle. Wiensahrer. Teilnehmer a» der Fahrt So Wmrg— Berlin, 1. August, zahlen bis spiitesten, Sonnabend den Fahrtbctrag von 22.80 Mt ein.»anabezirk. Sonntag, 12.Juli:Pflichtfahrt, gross insce, Spiel, und Sportsonntag. Bez. R«laickendors.0st. Mitglicderversammlun« Montag, 13. Juli, 20 Uhr, Schule Hoppestt. Bez. Lichtenberg. Teilnehmer an der T»ür 34 zahlen sofort 2ch«l> M. an Ramp. Lolkssport-Neutölln. Britz. Freitag, 10. Juli: Badeabend der 2. Manner», 2; Frauen», 2. Jugend-, 2. Jungmitdchenabteilirng im Sommerbad der Freien Schwimmer, Treff 19 Uhr Kanalbrücke Rudower Str.— Sonntag. 12. Juki: „Fest der Arbeit in Britz". Tress aller Neulöllncr Abteilungen 1214 Uhr Bhs. Neukölln, aller Britzer Abteilungen lmit„»affeczcug") 12% Uhr Schule Parchimer Allee. Alle Nachzügler 13% Uhr Hannemann. Ecke Rungiussttatzc. Wimpel und Fahnen mitbringen! Tonristennerei»„Die Ratursreuade",«bt. Prenzlauer Berg. Sonntag, 12. Juli. Fahtt nach Brieselang. Treff 7 Uhr Putlitzstratze. Fahrkarten bis Finkenkrug. Rückschau. „M oderne Musik und' doch Unterhaltend" be- hauptete Walter Gronostay. Den Beweis wollte er an Hand von Schallplatten erbringen. Wahrscheinlich wurde nicht ein einziger Hörer, der sonst moderner Musik ablehnend gegenübersteht, durch diesen Vortrag zum Verständnis ihr gegenüber bekehrt. Gronostay versuchte zwar, den Inhalt der Schallplattenmustk in einigen Worten zu beschreiben: doch von ihrem klanglichen und gefühlsmäßigen Ge- halt sagte er nichts aus: Uebrigens wäre selbst damit wenig ge- wonnen gewesen: denn der Stil des ganzen Bortrages glitt völlig an der Hörerschar vorbei, zu der er dem Thema nach hätte sprechen müssen. Statt einer volkstümlichen Einführung in modernes Musik- schaffen gab Gronostay eine literarische Abhandlung darüber. I» der Vartragsrcihe„S t u d e n t« n d i s t u t i e r em" kam ein sehr zeitgemäßes Thema zur Erörterung; ein dem Zentrum nahe- stehender Student und ein Nationalsozialist sprachen zu der Frage; „Soll der' Student raTiikal sein?" Der katholische Student betonte im Beginn des Gespräches, daß nach seiner?luf- fassung es Aufgabe der Studentenschaft sei, der politischen Vernunft zum Siege zu verHelsen: in der Front der radikalen Studenten stehen, heiße der Einigkeit des deutschen Volkes entgegenarbeiten. Seine Fragen, die er sehr sachkundig über die innenpolitischen Ziele des Nationalsozialismus stellte, wurden mit den üblichen ver- schwommenen nationalsozialistischen Phrasen beantwortet, die den Hörern wieder klar bewiesen, wie völlig dieser Partei jedes positive, reale Ziel fehlt. Die Aussprache wurde von Professor Dr. D o v i f a t geleitet, der auch gelegentlich mit temperamentvollen Erklärungen und Zwischenfragen das Gespräch belebte. 3',�. Freitag, 10. jnli. Berlin. 16.05 Joe Biewer: Sport. 16.30 Angelsächsische Musik. 17.00 Prof. Dr. Wcldert und Paul Markwald-Caro; Wasser- und Luft-Hygiene der Großstadt. 17.25 Begegnungen mit berühmten Männern(J. E. Poritzky). 17.50 Das neue Buch. Dolores Vicser: Der Gurnitzcr(Mikrophon: E. Thra- solt). 18.00 Walter Trojan: Seen Im Norden von Berlin. 18.25 Erich Gottgetreu liest eigene Erzählungen. 18.40 Aktuelle Abteilung.• 19.00 Tanzabend. 20.50 Tages- und Sportnachrichten. r 21.00 Praktische Wochcnend-Ratschläge. 21.05 Mark Twain.(Ein Ouerxchnitt von Rudolf Arnheim. 22.15 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Abendunterhaltung. Königswusterhausen. 16.00 Leipzig: Konzert. 17.00 Lehrer Paul Fischer: Einheitskurzschrift im Schulunterricht. 17.30 Stud.-Rat Georg Thiel: Natur als Vorbild der Technik. 18.00 Dr. Broeckcr: Staatspolitisch« Auswirkungen der deutschen Sozialpolitik. 18..30 William Wauer; Denker von Rodin. 18.55 Wetter für die Landwirtschaft. 19.00 Wissenschaftlicher Vortrag fflr Zahnärzte. | 21.00 Langenberg:„Ums goldene Kalb." Ein Totentanz von heute. Vobach-Echarsmacherei. Lohnabbau soll durch Aussperrung erzwungen werden. Wir berichteten bereits am 21. Juni über den Lohnkampf bei der Firma O. Schroeder, Buch- und Versich crungs- z e i t f ch r i f t e n o e r t r i e b in der Dresdener Straße 35, der Berliner Niederlage des bekannten Leipziger Verficherungs- zcitschriftenunternehmens V o b a ch. Die Geschäftsleitung hat samt- Ii che Boten ausgesperrt, weil sie sich weigerten, in einen Abbau ihrer Verdienste um 30 Proz. einzuwilligen. Sofort nach den« Ausbruch des Konflikts rief der Gesamtverband, in dem samt- liche Boten organisiert sind, den Schlichtungsausschuß an, dem es aber trotz zweimaliger Verhandlungen infolge der reaktionären Hol- tung der Geschästsleitung nicht gelang, eine Verständigung zwischen den Parteien herbeizuführen. Nach dem Scheitern dieses Einigungsversuches ließ der Gesamt- verband ein Flugblatt drucken und durch die ausgesperrten Boten an die Abonnenten der Firma verteilen, worin die Gründe des Lohnkänflikts sachlich dargestellt und den Abonnenten mitgeteilt wurde, daß ihre Weiterbelieferung durch Streikbrecher ge- schieht. Hierauf beantragte die Geschäftsleitung beim Arbeitsgericht den Erlaß einer einstweiligenBerfügung,die dem Gesamt- oerband die Verbreitung seines Flugblatts untersagen sollte. Bevor das Arbeitsgericht über diesen Antrag entschied, unterbreitete es den Parteien den Vorschlag, noch einmal den Schlichtungs- ausschuß anzurufen, um eine Neuregelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen der ausgesperrten Boten herbeizuführen. Die Geschäftsleitung lehnte es jedoch ab, auf diesen Vorschlag einzugehen, womit sie selbst dem Arbeitsgericht demonstrierte, wie„arbeiter- freundlich" sie ist. Das Arbeitsgericht hat nunmehr den Antrag der Firma auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung abgelehnt, da der Inhalt des von ihr beanstandeten Flugblattes den Tatsachen c n t s p r i ch t und juristisch völlig einwandfrei ist. Infolge der scharf- macherischen Haltung der Firma wird der Gesamtverband, der in diesem Kampfe mehr als einmal seine Verständigungsbereitschaft zum Ausdruck gebracht hat, schärfere Kampfmaßnahmen gegen die Firma ergreifen müssen. Die Aaziklage gegen die BVG. Landesarbeitsgericht bestätigt schristlich die Nazidemagogie. Von dem Urteil der Kammer III des Landesarbeits- gerichts Berlin in der Nazimassenklage gegen die BVG. und die Betriebsräte Flieger und Loll liegt jetzt die schriftliche Aus- fertigung vor. Sie umfaßt nicht weniger als Sö Schreib- maschinenfeiten, wovon allein schon die namentliche Auf- sührungderKläger, die 371 700 M. Entschädigung forderten, neun Seiten beansprucht. Das Landesarbeitsgericht kam am 8. Mai genau wie vordem das Arbeitsgericht zur Ablehnung der Einspruchs- klage, weil die Kläger nicht den Beweis für ihre Behauptung er- bringen konnten, daß sie wegen ihrer Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Partei, der Betriebszelle der Nazis oder zum Stahl- Helm bzw. wegen ihres Eintretens für die Parolen dieser Organi- sationen oder ihrer Weigerung, sich freigewerkschaftlich zu organisieren, entlassen worden seien. Aus der jetzt schriftlich vorliegenden Urteils- begriindung seien einige interessante Punkte hervorgehoben. Zunächst wird in dem Urteil festgestellt, daß die nalionalsozia- listische Partei den Plan des Vorstandes der VVG.. zwecks Vermeidung von Entlastungen die Arbeitszeil zu verkürzen, aus politischen Gründen bekämpft hat. Es wird weiter festgestellt, daß das Verfahren bei der Aufstellung der Entlassungslisten nicht nur ver- waltungstechnisch völlig korrekt gewesen ist, sondern daß darüber hinaus die Vorstandsmitglieder und die leitenden Auge- stellten der BVG. die Ausstellung dieser Listen nach politischen oder gewerkschaftlichen Rücksichten nicht vorgenommen, veranlaßt oder geduldet zu haben. Es fei ferner erwiesen, daß das Vorstands- Mitglied Brolat auch nicht inittelbar auf eine Entlassung der Kläger aus den von ihnen angeführten Gründen hingewirkt hat. Nach dem Aufbau der Verwaltung der BVG. konnten bei dem großen Umfange des Wirkungskreises die Vorstandsmitglieder Brolat und M a j c r c z i k so gut wie gar keinen Einfluß auf Einzelheiten nehmen. Da es sich für diese beiden Vorstandsmitglieder um eine äußerst schwierige und, wie ihnen schon damals bekannt war, auf jeden Fall zu schweren Angriffen Gelegenheit gebende Tätigkeit han- delte, lag es nahe, daß sie sich um so mehr von Einzelheiten fern- hielten. Das Urteil trifft weiter die Feststellung, daß das Enllastungs- verfahren, soweit es die Behandlung der Einsprüche durch den Arbeiterrat betrifft, ausweislich der Protokolle des Arbeiterrats formell korrekt vor sich gegangen sei. Man könne es dem Arbeiterrat auch nicht zumuten, bei einer solchen Massenentlassung mit jedem der Gekündigten und gegen ihre Kündigung Einspruch Einlegenden im einzelnen genau alle Gesichtspunkte durchzusprechen. Aus den Protokollen des Arbeiterrats ergäbe sich auch, daß er sich bei seinen Abstimmungen über die Einsprüche nicht von politischen oder gewerkschaftlichen Gesichtspunkten habe leiten lasten. Die Protokolle ergäben vielmehr, daß bei den Abstimmungen über die Einsprüche nach den sozialen Verhältnissen der einzelnen Kläger abgestimmt wurde. Es sei auch unstreitig, daß sich aus den Enllassungslisten auch Mitglieder des Verkehrsbundes(Gesamtver- band) oder der sozialdemokratischen Porlei befunden haben. Dieses auf umfangreiches Beweismaterial gestützte Urteil dürfte die Nazis kaum davon abhalten, besonders bei den kommenden Be- triebsrätewahlen wieder den alten Schwindel gegen die BVG. auf- zuwärmen. Sie werden jedoch ebensowenig Glück damit haben wie mit ihrer Klage._ „Machen Sie, daß Sie raus kommen." Wenn ein Fleischermeister grob wird. Das Arbeitsverhältnis bringt tagtäglich Dijferenzen mit, größere in Großbetrieben, kleine und kleinliche in Klein- betrieb«. Es kommt jedoch immer darauf an, in welcher Art und Weise diese Differenzen beigelegt wer- den. Je mehr beim Arbeitgeber die Absicht vorherrscht, die tarif- lichen Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht zu erfüllen, um so mehr Streitigkeiten wird es geben und um so schwerer sind sie beizulegen. Ein Beispiel: Der Fleischermeister Brückner in der Rudower Str. 14 in Britz entließ eine Verkäuferin, die er etwa ein Jahr lang be- schäftigt hatte. Vor dem Auseinandergehen machte die Verkäuferin ihr tarifliches Recht auf Urlaub geltend. Das brachte den outen Meister in Kampfstellung.„Nun haben Sie es allen Mamsells versaut. Jehl schmeißen wir die Verkäuferinnen nach süns vlona- len raus, dann brauchen wir keinen Urlaub zu zahlen." Schließlich sollte der Urlaubsanspruch mit 7 Mark abgegolten werden. Die Entlastene lehnte dies ab und wandte sich an chren Verband. E i n Verbandsangcstellter beabsichtigte, mit Herrn Brückner zu verhandeln, um die Angelegenheit auf friedlichem Wege aus der Welt zu schassen. Als er aber in„die Höhle des Löwen" kam und erklärt hotte, weswegen er hier sei, fiel unser Fleischermeister sofort aus der Rolle und brüllte den Gewerkschastsbeamten an: „Machen Sie, daß Sie rauskommen!" Der aber ließ sich so rasch nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Man kennt leine Pappenheimer und mitunter kommt man ganz gut mit ihnen zu- recht, nachdem sie sich von ihrem ersten Schreck aukgctobt haben. Meister Brückner aber rief seinen Gesellen zu 5)ilfe— just gegen den Mann, der die Rechte der Gesellen und Verkäuferinnen zu vertreten hat, insbesondere solchen Arbeitgebern gegenüber, die wie Herr Brückner, davon nichts wissen wollen. Dieser Fleischer- meister läßt seine Verkäusermnen täglich 11 Stunden, Sonnabends 12 Stunden arbeiten. Er sucht auch sonst seinen Vorteil. Wird eine Verkäuferin durch Krankheit arbeits- unfähig, dann soll sie schriftlich erklären, daß sie sich als g e- kündigt betrachtet, damit ihr Herr Geld spart. Kurzum, der Herr muß sich umstellen, wenn er sich durch sein Verhalten nicht die Kundschaft der organisierten Arbeitnehmerschaft vertreiben will. Es gibt heute schon Fleijchermeister genug, mit denen gut auszu- kommen ist. Der Textilkamps in Nordsrankreich. Das Konsortium gibt noch nicht nach. 101 Textilfirmen in Nordfrankreich haben jetzt das Abkommen mitdenGewerkschaften über den AbbruchdesStreiks unterzeichnet. Gestern haben etwa 40 000 Arbeiter ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Unter ihnen befinden sich auch etwa 9000 vor allem den christlichen Gewerkschaften angehörende Arbeiter, die in verschiedenen, dem Textilkonsortium angeschlossenen Firmen beschäftigt sind und keine Entschädigung für die Abschaffung der Anwesenheitsprämie erhalten, denn das Konsortium lehnt nach wie vor den Vermittlungsoorschlag ab. Es scheint sich also eine gewisse Streikmüdigkeit bemerkbar zu machen. Darauf beruht auch die ganze Spekulation des Konsortiums, das sich der Hoffnung hin- gibt, daß nach dem Nationalfeiertag die Arbeit so gut wie vollkommen wieder aufgenommen wird. Die den sozialistischen Gewerkschaften angeschlostenen Arbeiter halten wie bisher zusammen und setzen den Streit, soweit es sich um die Firmen des Konsortiums handelt, fort, da sie hoffen, das Konsortium schließlich zum Nachgeben zu zwingen. Internationale Arbeitszeitreglung im Bergbau Englands Bergarbeiter fordern Ratifizierung. Die Exekutive des englischen Bergarbeiteroerbändes fordert von der Arbeiterregierung die sofortige Ratifizierung des Gen- lerAbkommens über die Arbeitszeit im Kohlenbergbau. Außerdem wird verlangt, daß die englische Regierung sofort mit den anderen europäischen Regierungen in Verbindung tritt, um eine Einigung über die Ratifikation der Konvention zu erzielen. Schließ- lich hat der Vorstand des Bergarbeiterverbandes in einer Ent- schliehung noch die Erwartung ausgesprochen, daß die englische Rc- gierung Konferenzen ins Leben rufen werde, die internationale Ver- einbarungen über Produktion und Preise von Kohle in Europa treffen sollen. � töefchäfis-Jhtsäger y�=> (Qezivfc Jlorden- Cften -■sAurtew. Vereinzle Tlfdilcrmeifler G. m. b. H.. Bau- und NObellisdilcrcf Köpenick, Glienicker Strafe 19 Farben- Lacke Tapeten- Linoleum engros SpezIalhaUS«n detail Wilh. Beischlag IIS LychenerStr.nurllS. 04, Humboldt 6028 + BANDAGIST BERLIK NSf B""�g Lieferant sämtlidier Krankenkassen sowie städtischer und staatlicher Behörden LANGE dl. Jßäckemäcker Optische» Jnstitut 71 58, Schönhauser Allee 136 Xfeferanl für sämil. Mrankcnkassen HUZI GROSSDEST I LL ATI O N Prlnzsssinnenstrasse 17 unter- ecno Brandenburgstr. [233 Tapeten Linoleum TapeieiHums Hussach NO.WdrlherSir.so GERMANIA-PRACHTSÄLE CARL. 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