Morgenausgabe Nr. 319 A 161 4S.Iahrgang Wöchentlich SSPf, monatlich 3,60 M im voraus zahlbor, Postbezug 4,32 M. einschließlich 60 Pf. Postzeitungs- und 72 Pf. Postbestellgebühren. Auslands» abonnement 6,— M. pro Monat; für Länder mit ermäßigtem Drucksachen« porto 6.— M. * Der„ConDärts* erscheint wochentäg» lich zweimal. Sonntags und Montags einmal, die Abendansgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend". Illustrierte Beilage„Volk und Zeit". Ferner„Frauenstimme". �Technik",„Blick in die Bücherwelt", »Iugend-Vorwärts"u..Stadtbeilage� p> Berliner VoUSblatt Sonnabend W. 3uli' 1931 Groß-Äerlin 10 Pf. Auswärts 15 pf. Ble elnlpalt. ffionporelHejell« 80 VI. Reflomtatil» 6,— RM.„Kleine Anzeige»" d->« fettgedruckt« Wort 2b Pf. izulossig am et s-ltgedruckte Worte), fede» weiter« Wort l2 Pf. Rabou lt. Tortf. Stellengesuche dos erste Wort IS Pf, jede» weitere Wort lO Pf. Motte Ober lb Buchstoben zählen flli zwei Worte. ilrbeitsmarlt Zeile 80 Pf. Familien» anzeigen Zeile �0 Pf. Anzeigenaunahm« itnizauplgeschäslLindenstraßeZ, wochen- täglich oon 8>/, bis>7 Uhr. Per Verlag behält sich da» Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeige» vor) Jentvalorgan der«SozialdemokraMchen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernspr.: Dönhoff{K 7) 293—297. Tclcgramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Borwärts-Verlag G. m. b. H. Postschcckkonto:BcrlinJ7ö3k.— Bankkonto: Bankder Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3, Dt.B.u.DiSc.-Pcs.,Detzositenk.,JcrusalemcrSlr.K5/KS. pariser Druck auf Berlin. Luthers Verhandlungen und ihr Presseecho. Paris, 10. 3uli.(Tigenberichl.) Rcichsbonkpräsident Dr. L u k h e r, der Paris bereits am Arei- lagnachmittag verlassen wolttc, hat seine Abreise nach verlin vom Nachmittag auf den späten Abend verschoben. Luther hatte am Freitogoormittag zunächst eine Unterredung mit dem Gouverneur der Bant von Frankreich, M o r c t. Der Reichsbankpräsident kehrte dann in die deutsche Botschaft zurück, wo eine interne Besprechung stattfand. Mittags weilte Luther bei dem Gouverneur der Bank von Frankreich zu Gast. Im Anschluß daran hatte, der Reichsbankpräsidcnt eine Unterhaltung mit Direktoren ver- schiedener Pariser Großbanken. Später begab er sich in Beleitung des Gouverneurs zu F i n a n z m i n i st e r Flandin, mit dem er eine eingehende Aussprache hatte. Es handelte sich bei allen diesen Besprechungen um Borberatungcn zur Sondierung des Terrains, denen in Basel endgültige Verhandlungen über den gewünschten Kredit folgen dürften. Die Tatsache, daß der Reichsbankpräsidcnt auch den Finanz- minister aufgesucht hat, läßt darauf schließen, daß seine Vor- bcsprcchungcn bisher nicht den gewünschten verlauf genommen hoben. Es scheint sich in französischen Bankkreisen ein gewisser Wider st and gegen die Gewährung eines neuen Kre- dits an die Rcichsbank bemerkbar zu machen, den man nur aus- gehen will, wenn die Reichsrcgierung auch Garantien für eine Reuorien- kierung ihrer Außenpolitik gibt. Da Luther derartige Garantien nicht geben kann, dürfte die Unter- redung mit dem Finonzminister den Zweck gehabt haben, ihn unter Darlegung der ernsten Finanzlage Deutschlands zu veranlassen, den Kreditantrag der Rcichsbank bei der Bank oon Frankreich und den privaten Großbanken zu befürworten. In der sranzöstschen Presse hat der Schritt des Reichsbank- Präsidenten eine ziemlich ungünstigeAufnahmc gefunden. So schreibt der„I n t r a n s i g e a n t", daß, wenn die neuen Kre- dite nur einigen ausländischen, vor allem amerikanischen Banken, er- tauben sollten, chre in Deutschland angelegten Gelder zu retten, eine Erleichterung dieser Operation durch Frankreich weiter nichts als ein Narrenspiel wäre. Die„Liberi 6" erklärt, daß, wenn Europa und im besonderen Frankreich mit einer Kreditgewährung an Deutsch- land sich in so dummer und zynischer Weise von der Berliner Re- gierung hinters Licht führen und wenn sie sich mit derselben Naivi- tat von der ewigen Drohung mit dem bevor st ehenden Bankrott Deutschlands einfangen ließen, dies ein unfehlbares Zeichen dafür sei, daß Jupiter die Franzosen des klaren Blicks und der Vernunft beraubt habe. Das„I o u r n a l d c s D c b a t s" er- klärt, man müsse ernsthast nachdenken, bevor man sich zu einer Beteiligung an der Krcditoperation entschließe und die französische Re- gierung habe vor allem die Pflicht, die Interessen Frankreichs zu wahren. Wenn nicht olle notwendigen Vorsichtsmaß- nahmen getroffen würden, könnte die finanzielle Wiederaufrich- tung Frankreichs schnell gefährdet werden. Doutschland sei z u r Z e i t ein Abgrund, in den man unvorsichtig Kapitalien hineinwerfe. Bevor man dem Reich neuen Kredit von ungewohnter chöhe gebe, müsse man es endlich zu finanziellen und politischen Reformen � zwingen. ohne die man in einigen Wochen oder Monaten wieder von vorn anfangen müßte. Die französische Regierung habe die Pflicht, die Initiative zu ergreifen, die das Land schon seit langem von ihr mit Recht erwarte. Die chavasogentur berichtet, daß sich der Gouverneur der Bank von Frankreich, Moret, ebenso wie Reichsbankpräsident Dr. Luther geweigert Hot, irgendwelche Auskunft über die heutigen Unterredun- gen zu geben. Die Havasagentur glaubt, daß die Verhandlungen eifrig st fortgesetzt würden, und daß die heutigen Bcsprcchun- gen in Paris nur das Vorspiel von weiteren ebenso wichtigen Be- ratungen sein würden, die vor allem in Basel am 12. und 13. Juli gelegentlich der Sitzung des Verwaltungsrates der BIZ. gepflogen werden würden. Ein englischer Appell. London, 10. Zuli.(Eigen berlcht.) ver warme Appell de»„V a i l y herald" an die Rcichs- regierung. gewisse politische Zorderungen von sich au» zu erfüllen, hat zu Erwiderungen eines Teiles der deutschen presse geführt, aus die das englische vlali folgendes antworlel: „Es ist die Meinung geäußert worden, als ob unser Vorschlag eine vnlerstühung der französischen Forderung nach politischen G a- r o n t i c n bedeutet. Wir möchten unterstreichen, daß unser vor- schlag nicht nur diese Forderung nicht unterstützt, sondern das ab- folute Gegenteil davon ist. Jeden versuch, die gegenwärtige Srise zu benutzen, um außerordentliche politische Versprechungen von Deutschland zu erzwingen oder um Bedingungen zu diktieren, betrachten wir als ebenso unwürdig wie nutzlos. Das hieße i m Geiste von Versailles handeln, gegen den wir und unsere Bewegung stet» gekämpft haben. Deutschland muß frei von Zwang sein. Aber gerade deshalb raten wir. daß es Gebrauch macht von eine der stolzesten Rechte der Freiheit, yömlich der frei- willigen Leistung eines Dienstes für das allgemeine Veste. Deutsch- land Hot jetzt Gelegenheit zur großen Geste. Wenn c» diese Gelegenheit versäumt, wird es seinen Feinden eine Freude machen und ihnen rcchtgeben. Seine Freunde wird es enttäuschen!" Der deutsche Botschafter in London stattete dem englischen Außenminister am Freitag wieder einen Besuch ab. Ein positives Ergebnis im Sinne der englischen Anregung hatte die Besprechung nicht. Cin Alarmfignal. Amtshavptmannschast Leipzig stellt die Wohlfahrts« Zahlungen ein. Leipzig, 10. Juli. Der Vezirksverband der Amtshauptmannschaft Leipzig teilt mit. daß seine lausenden Einnahmen geringer seien als die notwendigen lausenden Ausgaben für Wohlsahrts- lasten. Da die aus der zweiten Rotverordnung angekündigten vtiltel noch nicht zu stießen begonnen hätten, bleibe nichts übrig, als olle Zahlungen zurückzustellen und nur noch die Fürsorge- Unterstützungen auszuzahlen. Auch das könne mangels an Mitteln nicht mehr in voller höhe geschehen. Die Stadt- und Gemeindcräte der Amtshauptmanrtschoft Leipzig mußten angewiesen werden, Teilbetröge der laufenden Fürsorge- Unterstützung emzubchaUcn, und zwar je«in« Mark für einen Er- wachsenen und 0,35 Mark für ein Kind. Eimnalige Unterstützungen können vorläufig überhaupt nicht mehr bewilligt werden. Auch die Auszahlung in verminderter 5)öhe ist nur dann gesichert, wenn umgehend Reich oder Staat dem Bezirksverband größere Beihilfen gewähren._ Voruntersuchung gegen Lahusen. Vom Oberfiaatsonwalt eröffnet. Bremen, 10. Zuli. wie van der Bremer Oberstao«sonwaltschaft milgetellt wird, ist gegen die ehemaligen Vorstandsmitglieder der Rorddeulschen wall- kämmcrri und Hammgarnspinnerei in Bremen. G. E. Lahusen. Dipt.Ong. Dr. Heinz Lahusen und Friedrich Lahusen, die Eröffnung und Führung der gerichtlichen Voruntersuchung wegen Vergehens gegen 8 3tZ und 314 des HGB. beantragt und antrags- gemäß crössnel worden. * Der§ 314 des Handelsgesetzbuches besogt in der Hauptsach«: Mitglieder des Borstandes oder des Aussichtsrotes oder Liqui- doloren werden mit G c f S n g n i s bis zu einem Jahre und zugleich mit G e l d st r a f e bis zu zwanzigtauscnd Mark bestrast, wenn sie wissentlich 1. in ihren D a r st c l l u n g e n, in ihren Uebersichtcn über den Bermögcnsstand der Gesellschaft oder in den in der Generalversammlung gehaltenen Vorträgen den Stand der Ver- höltnisse der Gesellschaft unwahr darstellen oder ver- sch l e i e r n: 2. es kann zugleich auf Verlust der bürgerlichen Ehren- rechte erkannt werden. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt ausschließlich die Geldstrafe ein. Der§ 3l3 droht die gleichen Geldstrafen an für Gründer oder Mitglieder des Vorstandes oder des Aufsichtsratcs, die bei der Ein- tragung der Gesellschaft in das Handelsregister oder bei der An- kündigung von Aktien oder Erhöhung des Grund- kapitals wissentlich falsche Angaben machen. Stettiner„Volksmacht" verboten. Der vberpräsident der Pro- ninz Pomern hat die kommunistische„P n I k s w a ch t" in Stettin bis zum 21. Juli einschiießiich verboten. Dos Verbot erfolgt« wegen Dsschimpfung der Berliner Polizeibehörden. Panzerschiffe. Gemütswerte oder Realpolitik? Von Wolkgung Schwarz. Schwere Fehldispositionen, noch unbestrafter Leichtsinn und schicksalhaftes Versagen leitender Industrie- und Bank- kreise haben die Gesamtorganisation des Volkes, haben den Volksstaat in die Abhängigkeit von ausländischen Mächten der Politik und der Finanz gebracht. Die„Bitte" des Reichs- Präsidenten an den Präsidenten der Vereinigten Staaten um sofortige Hilfe, das„Dankschreiben" des Reichskanzlers an den Ministerpräsideten Italiens wegen des einjährigen Auf- schubs von unmoralischen Zahlungen, die Reise des Reichs- bankpräfidenten zu. der Pariser und Londoner Staatsbank wegen einer Kredithilfe sind die äußeren Zeichen dafür, wie weit wieder einmal die herrschende gesellschaftliche Ordnung die deutsche Republik dem Einfluß auswärtiger Mächte über- liefert hat. Seitdem durch den Vorstoß der Volkspartei Mitte Juni und das Knistern im Gebälk des Wirtschaftsgebäudes das internationale Vertrauen in die deutsche Wirtschaft er- schüttert ist, ist das Deutsche Reich in eine Lage ähnlich der österreichischen Schwesterrepublik vor einigen Wochen ge- raten. Die Notwendigkeit, Franken, Pfund und Dollar in Milliardenhöhe für die Reichsbank zu erbitten, verleitet die Staats- und Finanzmächte des Auslandes zum Versuch eines brutalen Handelsgeschäftes: die Kredithilfc nur zu gewähren, wenn die Reichsregierung auf anderen Gebieten p o l i- tische Zugeständisse macht. Der Verzicht auf die Zollunion wird ebenso gefordert wie die Zurückstellung des Panzer- schiffbauprogramms. Wir brauchen heute nicht zu wiederholen, daß die staat- liche Vereinigung Deutschlands und Oesterreichs ein poli- tischcs Ziet.des deutschen Volkes bleibt und ebensowenig, daß dieses Ziel in einer europäischen Gesamtlösung verwirk- licht werden wird. Im Augenblick wichtiger und auch von größerer innerpolitischer Tragweite ist die Forderung, daß Deutschland über den Versailler Vertrag hinaus auf das Recht verzichten soll, fünf seiner alten Schlachtschiffe zu erneuern, ohne daß die übrigen Mächte nun ihrerseits auf Au» und Neurüsten verzichten. An sich ist es zu begrüßen, wenn wieder einmal dcmon- stricrt wird, daß der Versailler Vertrag, statt den Frieden dauernd zu sichern, immer neue Störungen des Einver- nehmens hervorbringt. Während Deutschland in Versailles den VerzichtaufalleSchlachtschiffe gegen die so- fortige Aufnahme in den Völkerbund anbot, wurde ihm ein Schiffstyp aufgezwungen, der durch die marinepolitische Ent- wicklung eines Jahrzehntes überholt ist. Es sind die Haupturheber des Versailler Vertrages, die jetzt Deutschland von einem Schiffstyp herunterbringen möchten, der der Ab- schaffung der großen Schlachtflotten im Wege liegt und die Entwicklung zu bloßen Seepolizeikräften aufhält. Der Der- sailler Vertrag kehrt sich gegen seine Urheber. Der fran- zösische Militarismus hat sich in den Nachkriegsverträgen seinetwegen das Recht vorbehalten, 75 000 Tonnen Panzer- schifftvnnage zu bauen: nur so denkt er den deutschen Ersatz- bauten begegnen zu können, deren Kampfkraft weit über den 10 000-Tonnen-Kreuzertyp des Washingtoner und der nachfolgenden Verträge hinausgeht. Zwischen den deutschen und französischen Panzerschiffbauten sieht die englische Arbeiterregierung ihre Seeabrüstungspolitik bedroht, die darauf zielt, die Seeschlachtflotten überhaupt absterben zu lassen. Schon vor Monaten ist im„Vorwärts" bei den Kämpfen um den Wchretat auf die Situation hingewiesen worden, in die Deutschland zwansss läufig kommt, wenn es auf den Versailler Vertrag starrt, statt selbst konstruktive Ab- rüstungspolitik zu treiben. Jetzt ist die Situation gründlich verfahren. Aber ein Ausweg ist noch immer möglich, wenn die Reichsregierung aktiv ihrerseits die Frage der Panzerschiffe aufnimmt und einen Schritt zur Förderung der internationalen Abrüstung tut. Sie würde damit die willkürliche Verkopplung mit der internationalen Kredit- Hilfe lösen und zugleich den gewünschten Beweis internatio- naler Friedenspolitik erbringen. Das deutsche Marinebauprogramm ist entstanden, als die Seeabrüstung nach dem Scheitern der Genfer Konferenz 1927 völlig ins Stocken geriet— und wenn es Schuldige zu suchen gibt, so dort, wo in England, Frankreich, Äalien und Amerika politische Unfähigkeit und rüstungsindustrielle Interessen die Abrüstung zu See für immer zu verhindern schienen. Das dieser Zeit entstammende deutsche Marincbau- Programm wurde angesichts der Abtrennung Ostpreußens mit dem Schutz der deutschen Ostseeküsten be- Rund um Luthers Aktion. Aeue Devisenverluste schärfste Kreditrestrikiion— das Garaniiesyndikai und die nationale Oppofition. Der Reichzbankpräsident Dr. L u t h e r ist nicht sofort nach Berlin zurückgekehrt, wie es erst hieß, sondern für weitere Berhand» lungen in Paris geblieben. Ein Erfolg dieser Verhandlungen ist sehr dringend zu wünschen. Die Devisenabzüg« haben auch gestern fortgedauert, sie erreichten einen Botrag von fast 80 Millio- nen Mark, so daß von Montag bis einschließlich Freitag die De- visenverluste bereits 300 Millionen Mark betragen und jetzt der letzte Rest des SCI-Millionen-Dollar-Kredits der Golddiskontbank ebenfalls verbraucht ist. Einen deutlicheren Beweis als die fest» gesetzten Deoisenabzüge für die fortdauernde Unsicherheit im Zs u s l a n d über das, Schicksal der deutschen Wirtschaft kann es nicht geben. Allerdings dürfte die Zurückhaltung der Reichs- behörden und der Reichsbank in der Frage des Nord» wolle-Skandals und sonstiger Schwierigkeiten, die offen im Auslande diskutiert werden, diese Unsicherheit in einem für Deutsch- land sehr gefährlichen Maße erhöht haben. Der Nordwolle-Skandal greift tief In Auslands- und auch öffentliche Interessen hinein, so daß mit Geheimpolitik und Entschlußarmut die Un- ruhe nur vergrößert werden muß. Dazu kommt, daß man im Aus- lande die Notwendigkeit scharfer Maßnahmen der Reichsbank in der Richtung der inneren Wirtschastsbereinigung aus eigener Erfahrung kennt und das Ausbleiben solcher Maßnahmen auch nicht geeignet ist, die Beunruhigung des Auslandes zu mildern. Wer alte Kredite sich erhalten und neüe sich beschaffen will, muß die Beweise für die Sicherheit dieser Kredite sehr deutlich herausstellen. Wahrscheinlich ist es auf diese Deutschland sehr ungünstige Stimmung im Auslande zurückzuführen, daß die Reichsbank jetzt die Kreditrestriktion verschärfen will, eine Maßnahme, die sich allerdings zwangsläufig aus der Devisenlage der Reichsbank ergibt. Die Wirkung von Kreditrestriktionen ist sicher gefährlich, ober es bleibt kaum eine«andere Wahl. Uebereinstimmend wird auch aus dem Auslande darauf hingewiesen, besonders charakteristisch ist daß für die Auffassung in den Vereinigten Staaten, daß man sich keine wirksame Hilfe für Deutschlands Wirtschaft aus neuen Kre- diten verspricht, wenn nicht rücksichtslos der Kapitalflucht entgegengewirkt und die Rückführung geflüchteter Kapitalien durch Reichsbank- und Staotsmaßnahmen gefördert wird. Diese Rückkehr geflüchteter Kapitalien könnte aber sich wiederum als eine gute Seite der Kreditrestriktion erweisen. Maßnahmen gegen die Kapitalflucht kommen natürlich den „wahrhaft nationalen" Kreisen in Deutschland sehr un- gelegen, die es lieben, das Volk per Kassa zu verhetzen, Steuern aber nur auf Termin und am liebsten gar nicht zu zahlen. Diese wahrhaft nationalen Kreise sind auch bemüht, wieder den„Erb- feind Frankreich" für die fortdauernden Devisenabzüge verantwort- lich zu machen mit der Begründung, daß damit die französisch« Finanzwelt im Auftrage der französischen Regierung Deutschland zu politischen Zugeständnissen zwingen wolle. Das politisch« Porzellan, das diese Kreise alltäglich zerschlagen hätte wahrhaftig da» nun ein- mal mächtigere und kapitalstarke Frankreich zu allerlei reizen kön- nen. Aber es steht fest, und wird täglich bei jeder Rückfrage von den deutschen Banken bestätigt, daß auch jetzt noch die französischen Banken mit Kreditkündigungen im Verhältnis am allerstärksten zurückhalten und daß derartige Kündigungen wohl in London vor- genormnen wurden, fast nicht aber in Berlin. Nichtsdestoweniger wollen diese nationalen Kreise von Frankreich Geld. Unbegreiflich, geschähe es nicht zu rein demagogischen Hetzzwecken im Inland, wie man auf diese Weise dem Reichsbankpräsidenten Knüppel zwischen die Beine und einem kommenden großen Geldgeber Steine an den Kopf werfen kann. Auch über dos von der deutschen Industrie gebildete Gar an» tiesyndikat herrschen im Ausland vielfach ganz andere Meinungen, als sie von unserer nationalen und schwerindu- striellan Presse wiedergegeben werden. Was dieses Garantiesyndi- kat in den Augen des Auslandes, von dem man Kredite will, von vornherein entwertet, ist die Tatsache, daß sich in den 1080 Unter- nchmungen zahlreiche große befinden, die selbst samerungsbedürftig sind, und daß man das Syndikat in die Welt setzte, ohne den ernsten Willen zu einer inneren wirtschaftlichen Bereinigung erkennen zu lassen. Das hätte auch Dr. Luther, der Reichsbankpräsident, klarer sehen müssen, als es geschah. Soweit die bOO-Millionen-Garantie aber noch hätte etwas nutzen können, wird diese Möglichkeit durch die K a m p s a n s a g e der sogenannten nationalen Opposition gegen das herrschende System in Deutschland zerschlagen. Es wird kein Mensch im Auslände begreifen, daß sich bei den Unterschristcn für das Garantiesyndikat diejenigen von Thyssen, Kirdorfs, Krupp, Hugenberg und vieler anderer nationalistischer Wirt- schastsfllhrcr für ihre Unternehmungen befinden, während dieselben Persönlichkeiten gleichzeitig oopi Ausland als mitverantwortlich für die Kampfansage von Hitler und Hugenberg gegen das jetzige poh- tische System in Deutschland betrachtet werden müssen. Der Dilettantismus dieser Kreise grenzt an Strafwürdigkeit. So wird es der Reichsbankpräsident auf seiner Reise nicht leicht haben, für Deutschland finanzielle Erfolge nach Hause zu bringen. Gewiß ist es wahr, daß das Schicksal Deutschlands auch jetzt noch weitgehend das Schicksal der Welt ist und daß alles Unvernünftige, was Deutschland zugemutet würde, sich auch un- günstig für die Weltwirtschaft und die Weltpolitik auswirken würde. Aber man kann leider nicht sagen, daß die deutsche Vorbereitung für die großzügigen Hilfsaktionen, die die übrige Welt Deutschland angedeihen lassen muß. gut gewesen wäre. Um so entscheidender ist es, daß in diesen Stunden und Tagen, in denen der Reichsbank- Präsident für Deutschland handeln soll, auch bei den Re- gierungsstellen mit kühl st em Verstände die notwendigen und vielleicht unvermeidlichen Entschlüsse gefaßt werden. gründet. Nachdem mm einmal die„Deutschland' vom Stapel gelaufen und damit das stärkste Ostscekampfschif' dicht vor der Fertigstellung ist, ist nun aber zu sagen, daß sich der marinepolitischc Friede in der Ostsee grundsätzlich auch noch aus andere Art als durch den Bau weiterer Panzerschisfe erreichen läßt: nämlich dann, wenn ein Ost- seeabkommen die baltischen Seemachtsoerhältnisse sta- bilisiert. Es entsprach freilich bisher nicht der Tradition der englischen Marine, auf den Zutritt zur Ostsee formell zu verzichten. Aber wenn mit Zustimmung der ganzen eng- tischen Nation seit 1V21 erst die konservative und dann die Labourregierung auf Seeherrschaft und Zweimächtestandard verzichteten, so ist gewiß, daß die heutige englische Regierung eine Diskussion über einen Ostseevertrag nicht ablehnen wird, der ihr den Kreuzervertragstyp statt des Panzerschiff- types einbringt. Freilich müßte ein solches Ostseeabkommen, um jegliche Aufrüstung zu vermeiden, zugleich erreichen, daß die polnische Flotte mit französischem Geld nicht auf- gerüstet wird und eine Sicherung dafür erzielen, daß die Sowjetunion ihre nach dem Schwarzen Meer gelegten Großkampsschiffe nicht wieder in die Ostsee zurückbringt. Da die Sowjetregierung durch ein Schwarzmeer-Abkommen mit der Türkei im Süden die Minneverhältnisse zu stabilisieren bereit war, wird sie auch prinzipiell nichts gegen die marinepolitische Befriedung der Ostsee und gegen die Ge- legenheit einzuwenden haben, praktisch ihre Liebe zur Ab- rllstung zu betätigen. Was F r a nj r e i ch angeht, so haben sich Kammer und Senat noch nicht auf den Bau der drei 25 llllst-Tonnen-Schiffe festgelegt, auch die erste Rate für das erste Schiff ist noch nicht bewilligt, vielmehr wurde nur eine kleinere Summe in den Etat zwecks Ausarbeitung von Bauplänen eingestellt. Ein wirklicher deutscher Abrüstungsvorstoß, den mitzumachen die englische Regierung sich nicht entziehen könnte, ohne ihrer eigenen Abrüstungspolitik einen tödlichen Stoß zu versetzen, müßte dahin zielen, daß Frankreich auf den Bau seiner drei größeren Panzerschiffe Zug um Zug für die fünf kleineren deutschen verzich- t e t. Eine solche Initiative würde sofort einen französischen Militarismus demaskieren. Es würde sich sogleich heraus- stellen, ob die Angst und Sorge vor dem deutschen Marine- bauprogramm ehrlich oder ob sie nur eine infame Heuchelei ist, um den eigenen Aufrüstungswillen und die Aufrechterhaltung einer Ueberlegenheit Frankreichs über das abgerüstete Deutsch- land zu kaschieren. Stellen wir so in dieser Einzelfrage der Rüstungen die Loslösung vom Versailler Vertrag durch eine deutsche Jnitia- tive zur Debatte, so ist allerdings ein doppeltes die B o r a u s- s e tz u n g für ihr Gelingen: die Reichsregierung muß sich be- wüßt bleiben, keine bettelnde Bittstellerin um ausländische Kredite zu sein, sondern mit der deutschen Sanierung auch die anderen Staten zur wirtschaftlichen Sanierung zu führen. und das deutsche Volk muß aufhören, in den Panzerschiffen „Gemütswerte" zu sehen, es muß endgültig die Illusionen der Vergangenheit über Bord werfen, um die realistische Selbst- behauptungspolitik zu treiben, die vor wenigen Tagen erst Höver und Stalin für Amerika und Rußland bewährt haben. Oer Kronzeuge Goniard. Zwischenspiel im Fall Dullerjahn. Das Landgericht III verhandelte gestern zum drittenmal in der Klage des Kronzeugen des Reichsgerichts im Bullerjahn-Prozeß, des Herrn von G o n t a r d, gegen den jetzigen Verteidiger des kürz- lich in Freiheit gesetzten Bullerjahn, Rechtsarnvalt Dr. Kurt Rosenfeld auf Unterlassung. Rechtsanwalt Rosenfeld hatte in seinem Kampfe für die Wiederaufnahme des Verfahrens in Sachen Bullerjahn in einem offenen Brief an den Staatssekretär Joel vom Reichsjustizministerium erklärt, Herr von Gontard habe sich der oersuchten Erpressung und Urkundenfälschung schuldig gemacht. Es lag Dr. Rosenfeld daran, den Nachweis zu führen, daß solch eine Persönlichkeit nicht als unbedingt glaub» würdiger Gewöhrsmann betrachtet werden dürfe. Zwischen der letzten Verhandlung vor dem Landgericht III und der gestrigen ist aber in der Bullerjahn-Angelegenheit eine e n t» scheidende Wendung eingetreten. Das Reichsgericht hat die Wiederaufnahme des Verfahrens für zulässig erklärt und bereits Zeugen vernommen. Angesichts dieser Tat- fache regte der Borsitzende der Zivilkammer an, ob die Unterlassungz- klage Gontard gegen Rosenfeld nicht mit einer Erklärung de» letz- tcren au, der Welt zu schaffen sei. Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld Hab« ja bereit» in der ersten Verhandlung erklärt, es liege ihm bloß daran, die Wiederaufnahme des Versahrens in der Sache Bullerjahn durchzukämpfen, an der Persönlichkeit des Zeugen Gontard selbst liege ihm dagegen an und für sich nichts. Diese Erklärung würde er wohl auch jetzt abgeben. Die Anwälte de» Herrn Gontard Dr. Wilhelm Goldner und Dr. Adolf Berg waren bereit, sich mit einer derartigen Erklärung zustieden zu geben. Auch Rechtsanwalt Otto Landsberg erklärte sich als Rechtsbeistand des Beklagten Dr. Rosenfeld bereit, gemeinsam mit den gegnerischen Anwälten einen Text der Erklärung auszuarbeiten, der beide Parteien zu- friedenstellen würde. Diese Erklärung dürfte natürlich nichts ent- halten, was den Anschein erwecken könnte, als ob Rosenfeld irgend etwas von seinen Behauptungen zurücknehme. Da das Wieder- aufnahmeverfahren als zulässig erklärt ist. habe er allerdings kein Interesse daran, diese Behauptung zu wiederholen. Als Dr. Rosen» seid dem Gericht die Protokoll« der letzten Zeugenvernehmung in der Sache Bullerjahn überreichen wollte, baten die gegnerischen Anwälte, im Augenblick davon abzusehen, da sie sonst genötigt wären, auch ihrerseits zu den Prototollen Stellung zu nehmen. Das Gericht vertagte darauf die Verhandlung bis zum No- vember d. I.. um den Parteien Zeit zu geben, sich wegen einer Erklärung zu oerständigen. Sollte eine Verständigung nicht statt- finden, so würde dos Gericht unter Heranziehung der Bullerjahn- Akten in eine eingehende Erörterung der Angelegenheit eintreten. Voltspartei gegen Versassungstag. Ein bezeichnender Antrag in Hessen. Darmsiadt. ly. Juli.(Eigenbericht.) Der Hessische Landtag verwarf am Freitag einen oolkspartei- lichen Antrag, den 11. August als gesetzlichen Feiertag auszuheben. Angenommen wurde ein soziabdemokratischcr Antrag, bei der Reichsregierung dahin zu wirken/ daß der 11. A�gst allgemein zum Nationalfeiertag erklärt wird. Oie Nordwolle«Generalversammlung. ' Anf den?. August verschoben."" Bremen. 10. Znll. Unabhängig von der Einberufung der ordentliche« General- Versammlung. In der da« GeschSftsergebni» für lSZO vorgelegt «erden wird, sieht sich die Dsrwaltvng der Itorddeutfche« Wall- kämmerei und Kammgarnspinnerei Brem«« nvamehr veranlaßt, eine außerordentliche Generalversammlung auf den 7. August einzuberufen, die die Mitteilung gemäß 8 MO HGB.— Verlost von mehr al» der Hälfte de» Aktienkapitals— als einzigen Punkt auf der Tagesordnung hat. Diese außerordentlich« Generalversammlung mar ursprünglich bereits auf den kommenden Dienstag festgesetzt, aber offenbar brauchen die Verantwortlichen noch eine Atempause, um sich vor der Abrechnung mit den erregten Aktionären noch zu sammeln. Naiffeisen«preußen? Ein Musterbeispiel für die deutschnationalen Ziele. Als in der Debatte über die Auflösung de» Preußischen Land- tags der Deutschnationale Herr von Winterfeldt da» Wort ergriff, wurde er aus der Linken mit dem Ruf:„Raiffeisen-Bant!" empfangen. Es dürfte sich in der Tat empfehlen, in der Zeit bis zum Volksentscheid immer wieder darauf hinzuweisen, wie völlig gerade die Deutschnationalen dort versagt haben, wo sie Leitung und Organisation in Händen gehabt haben. Die Namen Raiffeisen-Bank, Reichslandbund A.-G„ Landbank, Ostbant usw. bezeichnen ein langes Kapitel der deutschnationalen Schluderwirtschaft und Unfähigkeit zu praktischer Arbeit. Während die von Sozialdemokraten geführte Verbrauchergenossenschaften zu hoher wirtschaftlicher Blüte und starker innerer Festigkeit gelangt sind, ist das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen, seitdem es sich in den Händen der deutschnationalen Demagogen befindet, durch dauernde katastrophal« Zusammenbrüche heruntergewirtschaftet. An diesen Zusammenbrüchen ist nicht etwa die allgemein« Lage der Landwirtschaft schuld, sondern in jedem Einzelfall lassen sich Speku- lationswut, Großmannssucht, Faulheit und Unfähigkeit der leitenden Persönlichkeiten als alleinige Ursachen der Bankrottwirt- schast nachweisen. Die Raiffeisen-Bank ist das größte und zugleich das Musterbeispiel deutschnationaler Unfähigkeit. Ueber den leitenden Direktor, den deutschnationalen Reichstagsoizepräsidenten Dietrich(Prenzlau) sagten seine eigenen Mitdirektoren au», daß er zu einer geregelten Tätigkeit durch keinerlei Bitten und Borstellungen zu bewegen gewesen war. Er wollte nur als Grandscigneur hcrumkomman- dicren, aber nichts arbeiten. Mittags um 12 Uhr erschien er in Reitstiefeln, leistete, ohne hinzusehen, ein paar Unterschristen, um vor 1 Uhr wieder zu verschwinden. Kredite verteilte Herr Dietrich vü bankerotte Jndustrieunternehmungen, mit deren Leitern er per- sönlich besteundet war, ohne seine Mitdirektoren auch nur davon in Kenntnis zu setzen. Dann wieder unternahm er wüste Spekulationen in rumänischen und anderen balkanischen Papieren, angeblich für sein« Bank, ober über sein Privat- k o n t o bei einer anderen Bank. Auch hier zeigte sich Herr Dietrich ganz als preußischer Grande, indem er sich in einem Falle Papier« im Werte von 80 000 M. persönlich aushändigen ließ, um sie lose in der Brusttasche seines Gehrocks spazieren zu tragen. Eine halbe Stunde später waren ihm diese Papiere in einem„Salon" der Fricdrichstraße..abhanden gekommen". Herr Dietrich zog es vor, keine Berlu st anzeige aufzugeben und im übrigen mit dem I Kaufpreis der oerlorenen Papier« zunächst— die R a i f f e i s« n- Bank zu belasten! Offenbar wollen die Deutschnationalen jetzt mit einer sol- chen Musterverwaltung ganz Preußen beglücken. Der Dresdner Uralzefs-Prozeß hat gezeigt, wie sich diese Beglückung auswirken würde._ Auch an anderen Siellen stinkt es. Ansisrie Ailanzen bei einem Mannesmann-Äetneb. Daß es in unserer Privatwirtschaft an allen Ecken und Enden stinkt, zeigt ein neuer Fall, der sich im Rheinland ereignet hat: Die Houbenwert« in Aachen, die dem Großindustriellen Mannesmann nahestehen, der sein Geld nicht nur an Goldmacher, sondern auch in einer sehr teuren Nefsenwirtschast verpulverte, sehen sich gezwungen, ihre Bilanz für die Geschäftsjahre 19 2 6 bis 1929 zu berichtigen. Also hatte man den Aktionären und der Oestentlichkeit vier Jahre lang zum mindesten Bilanzen vor- gelegt, die nicht mit den Tatsachen übereinstimmten. Dazu wird durch die Verwaltung ausgeführt, daß die Bewertung der Waren» Vorräte nicht ordnungsgemäß vorgenommen sei. daß die Waren- läger überwertet und nicht nach den Vorschriften de» Handelsgesetz» buche? aufgenommen waren, daß beispielsweise Fertigsabrikate und Halbfabrikat« mit ihrem Herstellungswert zuzüglich 30 Proz. über Herstellungskosten aktiviert wurden, daß man verschwiegen habe, daß Debitoren schwach geworden seien usw. Jetzt, wo die Ding« sich bei den schweren Verlusten nicht mehr verheimlichen lassen, soll das Kapital von 900 000 auf 300 000 M., also auf ein Drittel, zu- sammengcstrichen werden. Man fragt sich, was der A u f s i ch t s r a t von Hauben gegen diese Luderwirtschaft unternommen hat. Die Verwaltung gibt heute die klassische Antwort, der Aufsichtsrat habe schon früher immer das Bestreben gehobt, die zu optimistisch aufgestellten Bilanzen zu torri- gieren. Trotzdem wird immer noch bestritten, daß eine Verschärfung der Kontroll« unserer Aktiengesellschaften das dringend« Gebot der Stunde ist. Die Rcichsregierung scheint sich aber Zeit zu lassen. Sie scheint die Zusammenhäng« zwischen dieser Skandalwirtschast und dem deutschen Auslondskredit noch nicht zu übersehen. Wann wird ihr endlich die Erkenntnis kommen? Und noch ein« andere Frage: Will der Staatsanwalt sich um alle diese Dinge nicht endlich einmal kümmern? Eile mit Weile beim Reichsgericht. Endlose Ermittlungen über nattonalsozialistischen Hochverrai Die„Deutsche Liga für Menschenrechte" hatte sich am 28. August 1930 an den Herrn Oberreichsanwalt gewandt und demselben Material überreicht, aus dem das hochverräterische Treiben der Nationalsoziali st is chen Arbeiterpartei hervorging. Im Januar 1931 teilte der Herr Oberreichsanwalt mit, daß die seit dem 28. August 1930 geführten Ermittelungen noch nicht abge- schlössen seien:„sobald sich das Gesamtergebnis der Ermittelungen übersehen läßt werde ich auf die Anfrag« zurückkommen." Auf eine neuerlich« Anfrage der Liga für Menschenrechte hat der Herr Ober- reichsanwalt jetzt den Bescheid erteilt, daß die schwebenden Erwitte- lungen„auch jetzt noch nicht völlig abgeschlossen sind." Man darf fragen, wie lange der Herr Oberreichsamvalt, der Hüter und Schützer des Reiche», braucht, um Ermittelungen wegen Hochverrats, das schwerste Delikt gegen den Staat, abzuschließen. Immerhin darf festgestellt werden, daß im Hochverratsverfahren gegen Kommunisten die Oberreichsanwaltschast schneller gearbeitet hat. Tlr. 319» 48. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts Sonnabend, 11. Juli 1931 ftrei Kriminalbeamtinnen vergiften sich. Ein ungeklärter Doppelselbstmord. Husum. 10. Juli. Am Strand der Insel Pellworm wurden am Donnerstagnachmittag die Leichen zweier Frauen aufgefunden. Neben den Toten lag leichtes Handgepäck, die Gesichter waren mit einem Tuch verdeckt. Ter Befund ergab, dasi der Tod offenbar durch ein schnell wirkendes Gift eingetreten ist. Bei den Frauen handelt es sich um zwei ltriminalbeamtinnen aus Hamburg. Die Tat ist wahrscheinlich bereits am Sonnabend begangen worden. Die beiden Frauen waren am vergangenen Freitag mit dem Dampfer von Husum auf Pellworm eingetroffen und hatten ein Zimmer in einer Pension gemietet. Sie fielen sogleich durch ihr zurückhaltendes Benehmen auf. Am Sonnabcndmorgen verließen sie die Pension, bezahlten ihr Zimmer und nahmen ihr Handgepäck mit sich. Sie wollten angeblich auf die Post gehen. Die Beamtinnen waren in der Abteilung Sittenpolizei be- schäftigt und Haben Mißhclligkeiten im Dienst gehabt. In einem Schreiben an den Leiter der Kriminalpolizei sollen sie die Gründe, die sie zum Selbstmord vcranlaßtcn, eingehend dargelegt haben. Zwischen den Beamtinnen und der Leiterin der weiblichen Polizei, Frau Rcgierungsrat E r k e n s, haben seit längerer Zeit p e r s ö n- liche Gegensätze bestanden, die schon wiederholt zu scharfen Zusammenstößen führten. Frau F. und Frau D. sollen mehrfach um Versetzung oder Entlassung gebeten haben, doch hat man ihre Gesuche stets abschlägig beschieden, da man die als besonders tüchtig geschöhlen Beamtinnen nicht entbehren wollte. Bei den Toten handelt es sich, wie wir weiter erfahren, um die Zljährige Inspektorin Therese Dopfer und die ZSjährige Obersekretärin Maria Fischer. Sowohl die Leiterin der weiblichen Kriminalpolizei, Regierungsrätin Erken, wie auch die beiden unter ihr beschäftigten Beamtinnen waren früher in Frank- surt am Main tätig. Sie sind von dort nach Hamburg g«- kommen und haben hier an dem Aufbau der weiblichen Kriminal- polizei mitgeholfen. Regierungsdirektor S ch l a n b u s ch, der Leiter der Hamburger Kriminalpolizei, schildert die Beamtinnen als zu- verlässige und erstklassige Kräfte, deren tragischen Tod er auf das tiefste bedauert. Kammersänger undZmpresario Um das Geld für die Auio-Künstlerfournee. In den Heiratsschwindelprozessen ist es immer so: Das Komische und Tragische vermischen sich derartig miteinander, daß man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Selbst der Opfer des Heiratsschwindlers, wenn sie sich jetzt vor Gericht treffen, bemächtigt sich mitunter eine heitere Stimmung, die srcilich sehr nach Galgenhumor aussieht. Die beiden Herren, die sich gestern wegen Betruges vor dem Schöffengericht Bcrlin-Mitte verant- worteten, waren eine ganz besondere Nummer. T., vor dem Kriege Seemann, dann Kellner, nach dem Kriege bald Kinobesitzer, bald wieder Kellner, entdeckte plötzlich seine Stimme, ließ sie ausbilden, sang in verschiedenen kleinen Städten und mußte zu seiner Bestürzung feststellen, daß sein Gesanglehrer nicht„der richtige" gewesen war. Die Stimme ermüdete zu schnell, er mußte die Tournee abbrechen. Er legte sich einen anderen Lehrer an und war gerade mit der Ausbildung fertig, als ihm das gütige Schicksal einen Impresario sandte. Er hat ihn in einem Kino kennen- gelernt. D.— das war der zukünftige Impresario des lyrischen Baritons >— hatte sich bis dahin auf anderen Gebieten betätigt. Von Hause aus Artist, hatte er später immer wieder seine Berufe gewechselt, war auf Abwege geraten, mußte Gefängnisstrafen wegen B e- trügcreien über sich ergehen lassen und mietete sich nun bei Herrn T.ein. Er fand, daß sein Zimmervermictcr T. sich, auf eine metie Tournee begeben soll«» T. war der'gleich en. Ansicht, glaubte es aber nicht anders' als Bohnen und Schlusnus machen zu können: er müsse' ein Auto haben. Beide machten einen Führerkursus durch, probierten zuerst einen Stöwerwagen aus, dann verschiedene Fordwagen und schlössen schlichlich einen Kausvertrag auf den billigsten Ford. Die Sache hatte mir einen Haken— es fehlte das Geld. D. fand einen Ausweg. Er setzte in den„Lokal- Anzeige r", das geeignete Blatt, wenn man Dumme sucht, Heiratsinseratc, machte Frauenbckanntschaften im Kino, in der Untergrundbahn, auf der Straße und versuchte sich auf diese Weise das Geld für das Auto zu beschaffen. Als in einem Falle die Frau, die 20 Jahre älter war als er, es vorzog, statt eines Mannes Arbeit zu bekommen, bot er ihr die Stellung einer Kassiererin für die Sängertournec an. Natürlich gab sie die Kaution mit Wonne hin. Einer zweiten wurde ähnlich wie der ersten der Autokaufvertrag gezeigt. Die dritte, ein noch ganz junges Ding, hatte es mit der Heirat ernst: sie gab zweimal Geld her, versetzte ihre Goldsachen und hatte hinterher das Nachsehen. In fast allen Fällen erzählte D. von einer Erbschaft, die er von einer Tante zu erwarten habe und zweimal zeigte er auch einen Brief von der Tante, den er in Wirklichkeit selbst an sich gesandt hatte. In seinem Notizbuch fand man die Adressen von 21 Frauen. Das waren bloß flüchtige Bekanntschaften, sagte er vor Gericht. Neben einer Adresse stand aber der Dermerk„M o r g e n Geld holen". Seinen Eltern schrieb er: Nun werde ich Euch Ehre machen, ich bin Im- prcsario bei einem Kammersänger, die Tournee geht über die Schweiz, Italien und England nach Amerika. Aus der Tournee wurde nichts. Das Schäsfengericht Berlin-Mitte verurteilte den Angeklagten B. wegen fortgesetzten Betruges im Rückfall und schwerer Urkunden- fälschung zu einem Jahr Gefängnis. Der„Sänger" wurde wegen Beihilfe zum Betrug zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Das Gericht billigte diesem«ine Bewährungsfrist zu. Abenteuer um Kokain. Drei Mann festgenommen, der vierte entkommen. Ein aufregender Borfall ereignete sich am Vonnerstag in den Abendstunden in Zriedeneu. Die sonst so stille wilhelmshöher Straße war der Schauplatz eines Sampfes zwischen Sriminal- beamten und Raujchgistjchiebcrn. Es gelaog. drei Sotainhändler festzunehmen, der vierte ist trotz nachgesandter Schüsse entkommen. Sein Name ist jedoch bekannt und man dürfte seiner bald habhaft werden. Dem Sonderdezcrnat war bekannt geworden, daß eine Gruppe von Händlern einem ausländischen Konsortium ein größeres Quantum reines Kokain zum Kauf angeboten hatte. Es dauerte auch nicht lange, so wußte die Polizei ganz genau, daß die Gesellschaft sich diesmal in dem sonst so stillen Friedenau treffen wollte. Alle Vorbereitungen waren raffiniert getroffen worden. Die Berliner Händler, vier Mann, trafen sich am Südwesttorso und fuhren zunächst nach dem Versteck, in dem das Rauschgift verborgen war. Dann lenkten sie ihren Wagen nach der Wilhelmshöher Straße. Mit den Abnehmern war vereinbart worden, daß Ware und Geld von Auto zu Auto übergeben werden sollte, um den Berkauf nach Möglichkeit schnell und unauffällig durchführen zu können. Die Ausländer verfügten über einen vielpferdigen großen Mercedcswagcn. Dieses Auto fuhr dicht an das der Händler heran, ein Mann reichte das Kokain herüber, aus dem anderen Wagen wurde das Geld gereicht. In diesem Augenblick griffen die Krimi- nalbcamtcn ein. Dem Auto der Berliner Händler war es nicht mehr möglich, aus der Straße zu entkommen, der Motor wollte nicht rasch genug anspringen. So wurden drei der Insassen sofort festgenommen, der vierte geriet mit einem der Kriminalbeamten in einen Ringkampf, riß sich aber dach los und flüchtete. Er blieb auch nicht stehen, als ihm Schüsse nachgesandt wurden. Die Aus- länder hatten, als sie die Polizeibeamten erkannten, schleunigst Gas gegeben und waren davongerast. Sie sind vorläufig entkoinmen. Bei den verhafteten Händlern, die gleich nach dem Präsidium gc- bracht wurden, fand man 4 Kilogramm reines Kokain, das noch in den Originalpackungen einer süddeutschen Firma mit Siegel war. Der Besitzer des Raufchgifest ist ein Chemiker Ernst Fell, der unangemeldet in der Porckstraße wohnte. Die Grunewald-Tote ermittelt. Vom Mörder noch keine Spur. Die Tote, die am Freilagvormittag von einem Reichswehroffizier in der Rahe des Großen Sterns im Grunewald aufgefunden wurde, konnte im Laufe des Nachmittags von der Mordkommission als die 17 3ahre alte Gerda kalisch festgestellt werden. Diese Ermittlungen wurden durch das ausgefundene Fahrrad ermöglicht. 3m 3ntercsse der Untersuchung kann die Wohnung der Ge- löteten jedoch noch nicht angegeben werden. Das Mädchen, eine Kontoristin, die bei ihren Eltern in Eharlottenburg wohnl, war am Donnerstagabend nach ihrer vürozeil aus der elterlichen Wohnung zu einer Radtour weggefahren und nicht wieder zurückgekehrt. Die Eltern hatten sich wohl bemüht, ober bis Freitag mittag noch keine Bermißtenanzeige gemacht. Die scheußliche Tat ist ohne Zweisel auf einer Bank verübt worden. Wahrscheinlich unter Vorspiegelung einer Zärtlichkeit hat der Täter dem Mädchen eine dünne Gardinenschnur mehr- fach um den Hals geschlungen. In dem Abwehrkampf geriet eine Schlinge dem Mädchen in den Mund. Sie konnte sich aber nicht befreien, denn der Täter zog die Schlingen zu und verknüpfte sie mit einem Knoten. Die Leiche der Erdrosselten schleifte er von der Bank abseits in das Gras. Dabei fielen dein Mädchen das Mützchen vom Kopfe und die Pumps von den Füßen. Die Schuhe nahm der Täter später aus und stellte sie neben die Leiche. Ob an der Ermordeten auch ein Sittlichkeitsverbrechen verübt worden ist, steht noch nicht fest. Kratzwunden an den Oberschenkeln deuten daraus hin, daß sie sich mit aller Kraft zur Wehr gesetzt hat. Die Tat ist mit größter Brutalität ausgeführt worden. Der Strick wurde so fest angezogen, daß die in den Mund geratene Schlinge die Unterlippe an mehreren Stellen zerschnitten hat. Dieser neue Mord im Grunewald hat natürlich in der Bevölke- rung, besonders in der Frauenwelt, größte Unruhe hervorgerufen. Es gewinnt bald den Anschein, als ob wochentags Mädchen Und 'Fraaey' nichk Mehr allein in■diesen doch' jo volkstümlichen Wnld gehen dürfen. Polizei kann gewiß nicht überall sein. Trohdvm wäre es wionschenswcrt, wenn gelegentlich einmal eine gründliche Streife den ganzen Wald auskämmte, denn ein Stadtwald, in dem die Bürger nicht mehr das Gefühl der Sicherheit haben, verfehlt seinen Zweck. Vier Bergleute verschüttet. Auf der Königin-Luisc-Grube, Schacht Ostfeld in Hindenburg in Oberschlesicn, ging am Freitagsrüh ein Pfeiler zu Bruch, wobei vier Bergleute verschüttet wurden. Der Füller Tittlig konnte nur noch als Leiche geborgen werden. Die übrigen drei Ver- unglückten wurden mit schweren Verletzungen nach dem Knapp- schaftslazarett gebracht. Von I. ILF und F PETROW „Wann haben Sie gelitten? Als Sie der Frau eines andern den Hof machten? Nun übrigens hat, soviel ich mich erinnere, dieser verspätete Flirt schlecht geendet! Sie verpatzen ja olles... Wer hat die Sache bei Iznurenkow gleich im Zu- schnitt verdorben, und wer anderer als ich hat auch hier ein- springen müssen. Von der Auktion will ich erst gar nicht sprechen. Ich bin eben ein ganz anderer Kerl! Ich habe den Stuhl der Witwe zur Stelle geschafft. Ferner die beiden Stühle des Ingenieurs Schtukin. Ich bin in die Redaktion gegangen und zum Dichter Ljapis, bei dem auch ein Stuhl war. Sie dagegen haben nur einen einzigen Stuhl zustande gebracht, und dazu muhte Ihnen noch Ihr größter Feind, der Pope, verhelfen!" Der große Lkombinator begann die weiteren Pläne zu ent- wickeln. Er ging leise, mit bloßen Füßen, im Zimmer um- her und belehrte den andächtig lauschenden Kissa. Der Stuhl, der damals im Warendepot des Bahnhofs verschwunden war, bildete immer noch den dunklen Fleck auf dem lichten Hintergrund der gemeinsamen Arbeit. Die vier Stühle im Kolumbus-Theatcr wären ohne weiteres zu er- beuten gewesen. Das Theater aber hatte die Absicht, eine Gastspieltournce zu unternehmen und auf dem Dampfer „Skrjabin", der von der Ziehungskommission der Staats- onleihe gemietet mar, durch die Wolgastädte zu reisen. Heute wurde als letzte Vorstellung der Saison„Heirat" von Gogol gegeben. Man hatte sich also zu entscheiden: entweder in Moskau zu bleiben und den in das Bahnhofsdepot geratenen Stuhl zu suchen oder aber mit dem Theaterensemble auf die Tournee zu gehen. Ostap neigte dem letzten Plan zu. „Vielleicht sollten wir uns trennen", sagte Ostap.„Ich könnte mit dem Theater fahren und Sie würden hierbleiben und den Stuhl im Bahnhofsdepot aufspüren." Kissa ober zuckte so seige mit den grauen Augenwimpern, daß Ostap nicht mehr weitersprach. „Von zwei Hasen", sagte er dann,„wählt man den fetteren. Fahren wir zusammen. Die Reisespesen werden aber sehr groß sein. Wir werden Geld brauchen. Ich besitze nur sechzig Rubel. Und Sie? Ach, ich habe ganz vergessen! In Ihrem Alter ist Frauenliebe kostspielig!... Ich bestimme: wir gehen heute abend zur Premiere der„Heirat". Vergessen Sie nicht, den Frack anzuziehen. Sind die Stühle noch da und hat man sie aus Geldmangel noch nicht verkauft, so fahren wir gleich mit. Bedenken Sie, Worobjew, der letzte Akt der Komödie„Der Schatz mit der Schwiegermutter" nähert sich dem Finale. Worobjew, der Höhepunkt ist da! Halten Sie den Atem an, mein alter Freund! Richtung gegen die Rampe! O meine Jugend! O Duft der Kulissen! Welche Erinnerungen! Die vielen Intrigen! Wie talentiert war ich doch seinerzeit in der Rolle Hamlets!— Mit einem Wort, die Sitzung dauert weiter!" Aus ökonomischen Gründen ging man zu Fuß ins Theater. Es war noch ganz hell, die Laternen vor dem Haus leuchteten aber schon in zitronengelbem Licht. Vor den Augen aller ging der Frühling um. Der Staub jagte ihn über die Plätze hin, der warme Wind drängte ihn in die Gassen. Man muß eilen. Die Freunde traten in das hallende Vestibül des Kolumbus-Theaters. Worobjew stürzte zur Kassa und studierte die Preise der Plätze. „Es ist aber sehr teuer", sagte er.„Drei Rubel die sech- zehnte Reihe." „Sie werden vielleicht schon bemerkt haben, daß mir Kleinbürger und provinzielle Dummköpfe nicht sympathisch sind", bemerkte Ostap.„Was hatten Sie dort zu tun? Sehen Sie denn nicht, daß das die Kassa ist?" „Wohin hätte ich denn sonst gehen sollen: man läßt uns doch ohne Karten nicht hinein." „Kissa, Sie sind dumm! In jedem gut eingerichteten Theater gibt es zwei Schalter. Zum Kassaschalter cjehen nur die Verliebten und die reichen Erben. Die übrigen Bürger— und wie Sie sehen, sind sie in der Mehrzahl— wenden sich zum Administrationsschalter." Vor dem Kasiaschalter standen fünf bescheiden gekleidete Menschen. Möglicherweise waren es Verliebte oder reiche Erben. Vor dem Adminrstrationsschalter aber herrichte ein lebhaftes Treiben. Eine lange bunte Menschenreihe stand davor. Junge Leute in Anzügen von einem Schnitt, wie ihn nur der Prooinzmcnsch erträumt, winkten selbstsicher mit den Freikortenanweisungen der ihnen bekannten Regisseure, Künstler, Redakteure, des Theaterschneiders, des Hauptmanns der Rayonmiliz und anderer Persönlichkeiten, die irgendwie mit dem Theater in Verbindung stehen. Ostap drängte sich mitten in die Menschenreihe hinein und schrie:„Ich habe mit dem Kassier nur ein Wort zu reden, Sie sehen ja, daß ich nicht einmal die Galoschen abgelegt habe." Und er drängte sich zum Schalter und sah hinein. Der Kassierer arbeitete wie ein Vieh. Helle Schweiß- perlen bedeckten seine Stirn. Das Telephon beunruhigte ihn jede Minute und klingelte mit der Hartnäckigkeit einer Elek- irischen, die über den Smolenski-Markt fährt. „Ja!" schrie er.„Ja, ja! Acht Uhr dreißig!" Er hängte das Höhrrohr mit Geklirr hin, um es gleich wieder zu packen. „Jawohl! Kolumbus-Theater! Ach, das sind Sie, Segi- dilia Markowna. Jawohl, selbswerständlich. Eine Loge. Und Buka kommt nicht? Warum? Eine Grippe? Was Sie nicht sagen? Also gut. Ja, ja, auf Wiedersehen, Segidilia Mar- kowna." „Kolumbus-Theater!! Nein! Heute gibt es keine Frei- karten. Ja, was kann ich denn machen. Der Moskauer Sowjet hat es verboten!" „Kolumbus-Theater!!! Wie? Michael Grigorjewitfch? Sagen Sie Michael Grigorjewitsch, daß der Eckplatz in der dritten Reihe rechts im Kolumbus-Theater Tag und Nacht auf ihn wartet." Neben Ostap zitterte und bebte ein Mann mit vollem Gesicht. Seine Augenbrauen hoben und senkten sich erregt. „Nicht möglich!" sagte der Kassier.„Sie müssen selbst ein- sehen— der Moskauer Sowjet!" „Ja", murmelte der Mann,„aber die Moskauer Zweig- abteilung der Leningrader Gesellschaft der dramatischen Schriftsteller und Opernkomponisten mit der Genehmigung Pawel Fcodorowitsch..." „Ich kann nicht, kann nicht! Weiter!" „Erlauben Sie, Iakow Menclajewitsch, man hat mir in der Moskauer Abteilung der Leningradcr Gesellschaft der dramatischen Schriftsteller und Komponisten..." „Was soll ich mit Ihnen tun? Ich werde Ihnen keine Karte geben! Was wollen Sie also, Genosse?" Der Mann fühlte, daß der Kassier nicht mehr so fest war und murmelte wieder:„Sie müssen begreifen, Iakow Menela- jewitsch, die Moskauer Abteilung der Leningradcr Gesellschaft der drama�scheu Schdstztettex und,»«"(Forts, folgt.) Das 25-Pf ennig- W ochenendc Im Schatten der Humboldt-Eidie/ Zum..Wannsee des Nordens". Tegel ist seit Großvaters Zeiten eines Äer beliebtesten Aus- flugsziele der Berliner. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahr- Hunderts fuhr man noch mit der„Pferdebahn" von der Charlotten- straße nördlich der.Linden"— am liebsten natürlich auf dem „Blumenbrett", d. h. auf dem Verdeck— zu den lockenden Wäldern, an deren Rande Tegel liegt. Heute fährt man„elektrisch" mit der S-Bahn, sowie mit den Straßenbahnlinien 27, 29, 41, 28 und 128. Man kann auch mit der U-Bahn bis Seestraße fahren und auf die Linien 27, 29, 28 und 128 umsteigen. Die letzten beiden Linien fahren noch über Tegel hinaus nach Tegelort bzw. Heiligensee. Auf der Fahrt nach Tegel haben wir links die Strafanstalt und die Borsig-Werke, die durch ihr charakteristisches Eingangstor sowie durch das vor einigen Jahren errichtete H och h a u s auffallen. Rechts der Straße die breit ausladenden Gasbehälter der größten Gas- merke Berlins, die zu Anfang dieses Jahrhunderts errichtet wunden und seitdem zu den führenden Werken des europäischen Kontinents gehören. Nördlich der Endhaltestelle in Tegel liegt in dem Dreieck zwischen Karolinenstraße und Schwarzer Weg der zum Schloß Tegel gehörende P a r k, in dessen Mitte von hohen Bäumen umraufcht das Erbbegräbnis der Familie Humbold ruht. Dieser herrliche Pont allein, für dessen Besichtigung allerdings ein Eintrittspreis von 25 Pf. gefordert wird, lohnt schon eine Fahrt nach Tegel. Kurz vor dein bescheidenen Eingang ragt die Humboldmühle auf, die mit modernen Maschinen arbeitet. Die Idylle von einst, das primitwe Wasserrad, das noch Goethe besichtigte, ist verschwunden und mit ihr die ganze„Müllerromantik", die einen Schubert zu den Herr- lichsten Melodien begeisterte und die doch innerlich nicht ganz echl mar, ldenn zu allen Zeiten war der Müllerberuf hart und schwer. Romantisch ist den Mllllersleuten die Arbeit niemals erschienen. Bevor mir den Park betreten, führt der Weg an dem Schloß- che» der Humbolds vorüber. Es wurde 1822 bis 1824 von Schinkel geschaffen, der in Berlin u. a. das Schauspielhaus, das alt« Museum und die Neue Wache erbaute. In diesem einfachen aber geschmackvollen 5)aus hat Wilhelm von Humbold, der als Staatsmann und hervorragender Forscher vor allem auf>dem Ge- biete der vergleichenden Sprachwissenschaft hervorgetreten ist, ein halbes Menschenalter gewohnt. Auch Alexander von Hum- bald, der große Naturwissenschaftler und Weltreiscndc, dem wir unter anderem die Einrichtung der ersten magnetischen Beobach- tungsstationen verdanken, die er gmeinsam mit Gauß durchführt«, war hier oft zu Gaste. Die Mauern dieses Hauses haben viele er- leuchtete Geister jener Zeit beherbergt. Dann umfängt uns der Park. Milden in ihm steht die uralte Eiche, die 6 Meter im llmfang mißt. Wir gehe» über die heimlichen Wege zum Ausgang zurück und wenden uns nach Norden, bis wir beim Schloßrestaurant, das gegen- über der alten Waldschänke am Beginn des Waldes liegt, links auf den Schwarzen Weg einbiegen. Nach einem Kilometer haben wir die Nordspitze des M a l ch- S e e s, einer Bucht des Tegeler Sees, erreicht. Wir folgen dem Schwarzen Weg weiter, der nun an dem Park der Villa Borsig vorübcrführt. Dieses Besitztum nimmt leider die ganze. Reihcrwerder genannte Halbinsel ein. Hinter dem Park aber gehen wir sofort zum Tegeler See hinab, dessen Ufer glücklicherweise nunmehr der Allgemeinheit zugänglich sind. Dieser herrliche Havclsee, den der Berliner mit feinem gesunden Humor zuweilen als den„Wannsee des Nordens" bezeichnet, ist etwa ein j f» Kilometer breit, mehr als vier Kilometer lang und bis zu 16 Meter tief. Die Wanderung am Seeufer entlang führt uns sicher nach Tegelort am Freibad Tegel vorüber, das im Zlngesicht der kleinen Insel Lindwerder liegt, an die sich die Schulinsel Scharfenberg anschließt. Dichter Baumwuchs läßt die Insel fast wie einen heiligen Hain erscheinen. Sie war früher im Besitz des Botanikers Dr. Carl Bolle, der sich hier seinen ausgedehnten Sfc, TZSVtW'wmfmm Die uralte Eiche im Park von Tegel. Pflanzenftudien widmete. Auf dem anderen Ufer des Tegeler Sees ragen die Schornsteine der Borsig-Werke auf. Es ist fast erstaunlich, daß Tegel, trotzdem die Fabriken in seine nächste Nähe gerückt sind, bis heute den größten Teil feiner landschaftlichen Schönheiten be- wahren konnte. Von T e g e l o r t kann man mit der Straßenbahn- linie 28 zurückfahren oder aber durch den schönen Wald über die Reiher» und Lehmkutcnberge zurückwandern. Weglänge von Tegel, Hauptstraße Ecke Schloßstrahe, bis Tegelort etwa 6 Kilo- meter. Man kann aber auch am Rande der Havel über K o n r a d s- höhe und Sandhausen noch Heiligense« wandern und hier mit der Straßenbahnlinie 128 die Rückfahrt antreten. Fernerhin besteht die Möglichkeit, mit dem Dcrmpjer nach Tegel oder Spandau zu fahren und von hier mit der S-Bahn oder mit den Verkehrsmitteln der BVG. zurückzukehren. Llnter falscher Flagge. Sine Million Geldstrafe für Gebrüder Lindemann u. Eo. Man glaubt wieder Schuljunge zu sein und ein 10-Pfennig- Heft über die Findigkeit Nick Carters oder die Abenteuer von Jimmy und Jack zu lesen! Da fährt eine geheimnisvolle Pacht, die den schönen Namen„Inge" führt, durch Nacht und Nebel. Sie hat eine falsche Flagge, den Wimpel des Deutschen Motor-Pacht- Clubs,„gentlcmcn" fitzen an Bord, denn man veranstaltet ja angeblich Trainingsfahrtcn für eine große Regatta, bei der „Inge" den ersten Preis erringen soll. Aber in WirNichkeit nahm das schmucke Schiff auf hoher See Sprit an Bord. Es hatte Geheimtanks und doppelte Böden, und ein„Wirtschaftsführer", ein leibhaftiger K o m- merzienrat, war der Besitzer. Kein Privatdetektiv, wie in den berühmten Heftchen, sondern die staatliche Polizei kam hinter den Betrug, und so kamen denn die Herren Spritschwindler vor den Richter. Die erste Instanz hat bereits gesprochen. Gestern wurde von der 4. Strafkammer des Landgerichts III das zweite Urteil verkündet. Kommerzienrat Karl Lindemann, der in erster Instanz zu hohen Gefängnis-, Geld- und Wertersatzstrafen verurteilt worden war, wurde auf Kosten der Staatskasse freigesprochen. Dagegen wurrden seine Brüder, die an den Spritschmuggelfahrten aktiven Anteil genommen hatten, verurteilt, und zwar Otto Lindemann unter Einbeziehung einer früheren Strafe von neun Monaten zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis, 277 000 Mark Geld- st r a f e oder 54 Tagen Gefängnis und 26 000 Mark Wertersatz- strafe, Gustav Lindemann unter Einbeziehung einer früheren Strafe zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr sieben Monaten Ge- fängnis und ebenfalls zu 277 000 Mark Geldstrafe oder 54 Tagen Gefängnis und einer Wertersatzstrafe von 26000 Mark. Der In- genieur Wichelm Bauer, der Leiter des Epritschmuggelunter» »ehmens wurde zu einem Jahr Gefängnis, 365 000 Mark Geldstrafe oder 7? Tagen Gefängnis und 41 000 Mark Wertersatzstrafe ver- urteilt. Die Verurteilungen erfolgten wegen fortgesetzten, gemeinschaft- lichen Bannbruchs, bandenmäßigen Zollbruchs in Tateinheit mit fortgesetzter Hinterziehung von Monopolstcuern. Künstliches Tlorblicht und Kometenschweife. Wenn vor etwa 200 Jahren von einem„Physikalischen Kabinett" gesprochen wurde, so geschah das sicher nur im Flüsterton, denn eine abergläubische Scheu hing den Wundern an, die die Physik hervor» brachte. Heute, nach der Entdeckung der Kathodenstrahlen und der elektrischen Hochspannungsfelder werden ganz andere Wunder der Physik erzeugt und gezeigt. Physik soll auch keine Geheimwissenschaft mehr sein, sie strebt danach, ihre Kenntnis allgemein zu verbreitern. So hat die„T r e p t o w- S t e r n w a r t e ihrem hochinteressanten Bctätigungssclde, dem Dienst zur Erforschung des Kosmos, ein „Physikalisches Kabinett" angegliedert, das für den Publikumsbesuch täglich von 2 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends geöffnet ist. An zzand zahlreicher Apparate werden de» Besucher» in allgemeinverständlicher Form die Entstehungsarten und Wirkun- gen der elektrischen Strahlungen vorgeführt. Insbesondere sind es jene physikalischen Erscheinungen, die in der Sternenwelt zu er- forschen sind. Unter den vielen Experimenten wird auch in einer großen lustleeren Kugel ein künstliches Nordlicht erzeugt, das Leuchten der Kometenschweife wird erklärt usw. Durch ein aufgestelltes Spektroskop kann der Besucher selbst ver- schiedene Spektren beobachten, über deren Farbe und magisches Leuchten nicht nur der Fachmann, sondern auch der einfache Mensch in Entzücken gerät. Strenge Llntersuchung! Oer Gerüsteinsturz auf dem Karstadt-Reubau. Ueber die Ursache des folgenschweren Gerüsteinsturze« auf dem k a r st a d t- R e u b a u in der K e i b e l st r a ß e 29, bei dem vier Arbeiter schwer und sechs weitere Handwerker leicht verletzt wurden, ist eine strenge Untersuchung eingeleitet worden. Das Unglück erscheint um so seltsamer, als knapp eine halbe Stunde vor dem Einsturz ein Beamter der Baupolizei auf dem Gelände war und eine Kontrolle vornahm. Dabei ist auch die eingestürzte Laderampe kontrolliert worden, ohne daß sich irgendwelche Beanstandungen ergeben hätten. Man neigt bisher zu der Annahme, daß eine Stütze angebrochen war und unter der Last der ausgeschütteten Mauersteine vollends nachgab. Die Unglücksstätte ist zunächst noch von. der Polizei gesperrt. Wie wir aus dem Krankenhaus am Friedrichshain erfahren, ist im Befinden der vier schwerverletzten Arbeiter klockow, Machowiak. Zoppeck und Budat glücklicherweise keine Verschlimmerung eingetreten. Falls keine Komplikationen hinzutreten, dürften alle mit dem Leben davonkommen. Orkan in der Swinemünder Bucht. Swinemünde. 10. Juli. Das schwere Sturm- und Regenwetter, das am Mittwoch und Donnerstag ununterbrochen anhielt und dessen Dauer im Augenblick noch nicht abzusehen ist, zieht die Bädcr-Jnseln Usedom und Wollin stark in Mitleidenschast. Der lange Swinemünder Strand ist an diesen Sturmtagen wie ausgestorben. In der Altstadt und im Strandviertel haben die heftige» Sturmböen erheblichen Schaden angerichtet. Von der Ostsee meldet das Feuerschiff„Adlergrund" Orkan in Böen. Der Schiffsverkehr ist lahmgelegt. Samt- liche Fahrzeuge haben die nächsten Küstenorte als Nothäfen ange- laufen. Der S t e t t i n c r Dampfer ,.F r i g g a", der am Milt- woch zur ersten Fahrt nach Bornholm ausgefahren war, konnte bisher nicht zurückkehren. Auch die Regatta der Pommern-Woch« sowie die Wettfahrten des deutschen Segler- Bundes wurden empfindlich gestört. Wer kann helfen? Oas Werk der Krüppel in höchster Not! Es war im Notjahr 1919, da gründeten einige Schwerver« krüppelte gemeinsam mit gesunden Freunden in Berlin den S e l b st- h i I f c b u n d der Körperbehinderten, der es sich an- gelegen sein ließ, Arbeitsstätten für krüppelhaste Menschen zu schaffen. Der innere Drang zur Arbeit trieb die körperlich Gehemmten dazu, Einrichtungen zu treffen, die ihnen auch bei schwergelähmten oder amputierten Gliedern das Wirken ermöglichen. Versagten die Beine den Dienst, so waren Zimmerfahrstühle zur Bewegung in den Arbeitsräumen da, Anlasser an elektrischen Näh- Maschinen wurden so eingerichtet, daß sie durch einen Druck der Brust, des Ellenbogens oder des Knies in Tätigkeit gesetzt werden konnten. Alles war auf Produktivität und Arbeitsfreude eingestellt. In mühevollem, kein Opfer scheuendem Streben entwickelten sich die Betriebe trotz aller wirtschaftlichen Bedrängnis durch die In- flationszcit und alle sonstigen Wirtschaftskrisen zu immer größerem Umfange und beschäftigten an 150 Körpcrgebrcchliche, die sonst in der Mehrzahl arbeitslos der Wohlfahrtspflege überantwortet gewesen wären. Da kam die alles zerstörende Weltkrise der Jahre 1930/31, sie zog auch die Wirkungsstätte der Krüppel in ihren unhcil- bringenden Bereich. Auftragsmangel, gesenkte Preise, erschwerte Absatzbedingungen machten sich nach allen Richtungen bemerkbar und jetzt kämpfen die Körperbehinderten einen verzweifelten Kampf um ihre Arbeitsstätten, die ihnen bisher Lebensglück und selbstverdienten Lohn gaben. In diesem Kampf suchen sie die Unterstützung freundlicher Helfer und hoben sich an die verschiedensten zuständigen Stellen, auch an die für sie in Betracht kommenden Behörden gewandt. Leider ist ihnen bisher noch von keiner Seite die fo sehr notwendige Hilfe geworden, und so steht ein Werk in höchster Gefahr, das in dieser harten, zerrütteten Zeit ein Zeugnis kraftvollen Strcbens trotz aller Hindernisse und Hemmungen und eine Stätte starker, fruchtbringender Verbundenheit war. An alle aber, die noch helfen und stützen können und die gewillt sind, das hier zu tun, wo die Not an, schwersten drängt, wo aber auch die Aussicht auf einen dauernden und glücklichen Erfolg am meisten gegeben ist, ergeht der ein- dringliche und herzliche Ruf, Beistand zu leisten, damit das Werk der Krüppel nicht zugrunde geht. Die Geschäftsstelle und die Werk- stättcn des Selbsthilfebundcs der Körperbehinderten befinden sich Berlin SO. 16, Schmidstrahe 8 a. Schwimmkurse im Strandbad Wannsee. Die Verwaltung des Strandbades Wannsce hat nunmehr auch Einrichtungen zur Er- teilung von Schwimmunterricht geschaffen. Näheres über Kursusgebühr ist im Derwaltungsbüro des Strandbad«« zu erjragen. Heerstraße als Autorennbahn. Maßtose itebertreibungen eines Verteidigers. vor dem Verkehrsger i cht in INoabil hatte sich de< AutoHändler G. wegen fahrlässiger Körperverletzung zu verantworten. Er fuhr mit einem Mercedes-Kompressor, den er einem Kunden vorführte, über die Heerstraße. Dicht hinter seinem Wagen lag ein zweiter Wagen derselben Konstruktion. Beide Wagen fuhren in sehr scharfem Tempo, und ein als Zeuge vernom- mener Rechtsanwalt hatte den Eindruck, daß es sich um ein Weit- rennen zwischen den beiden Wagen handelte. In der Nähe der Kreuzung der Heer- und Rennbahnstraße wollte die Kontoristin Erika S. die Heerstraße überschreiten. Als sie schon auf der Fahr- bahn war, wurde sie von dem Kotflügel des von dem Angeklagten ge- steuerten Wagen, der Zickzackbewegungen gemacht hatte, er- faßt und durch die Luft geschleudert. Sie siel auf die andere Seite der Fahrstrahe und wurde in demselben Augenblick von einem entgegenkommenden Privatuto zum zwei- ten Mal überfahren. Dieser Wagen bremste sofort, konnte aber nicht verhindern, daß das junge Mädchen noch ein ganzes Stück mitgeschleift wurde. Sie erlitt dabei einen A r m b r u ch, einen Schädelbruch und eine so schwere Verletzung am rech- t e n Bein, daß dieses amputiert werden mußte. Das Ver- schulden des Angeklagten soll nun in seiner unerhörten Ge- schwindigkeit und dem überflüssigen Zickzack- fahren liegen. Nach der Anklage soll G. auch allein ein Verschul- den treffen, denn der Fahrer des zweiten Wagens, der das Mädchen ebenfalls überfuhr, ist nicht mitangeklagt worden, während er im Zivilprozeß neben dem Angeklagten durch einstweilige Versügung schadenersatzpflichtig gemacht worden ist. R.-A. Walter Bahn regte merkwürdigerweise eine Prüfung der prinzipiellen Frage an, ob nicht die Heerstraße eine reine Autostraße sei und er stellte sich auf den Standpunkt, daß es sich an der Unfallstelle um einen ungeschützten Ortsteil handele, ähnlich wie bei der Straße am Rupenhorn, wo den Kraftwagen jede Geschwindigkeit erlaubt ist. Das Gericht teilte aber diese Ausfassung nicht, son- dcrn verurteilte den Angeklagten, weil er den Unfall durch zu schnei- les Fahren verschuldet habe, zu drei Monaten Gefängnis. Das Ltrieil gegen die Kinoräuber. Fünf Jahre Zuchthaus für den HauptangeNagten. Wie berichtet, wurde vor dem SchöfsengerichtWedding der Prozeß gegen jene Angeklagten verhandelt, die am 15. März den Kinobesitzer Thomas und dessen Ehefrau nachts in ihrem Hause Bornholmer Str. 20, als das Ehepaar mit der Tageseinnahme aus ihren fünf Kinotheatern heimkehrte, auf dem Treppenflur über- fallen und beraubt hatten. Das Gericht verurteilte den Hauptan- geklagten, Schlosser Bruno Schulz, der noch eine Zuchthaus- strafe von fünf Jahren zu verbüßen hat, wegen gemeinschaftlichen Raubes zu weiteren fünf Jahren Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. Schulz er- hielt außerdem 8 Wochen Hast wegen falscher Nomensführung. Der Zapfer Franz Schwcrtfeger wurde ebenfalls als Betei- ligter an dem schweren Raubüberfall zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Wegen Beihilfe und Hehlerei wurden die Kraftdroschkenführer Max Franke und Otto Büttner zu je einem Jahr sechs Monaten Gefängnis verurteilt Franke wurden auch die bürgerlichen Ehren- recht« auf drei Jahren aberkannt. Der Angeklagte Kloos wurde freigesprochen. Da« Preußische Geheime Staalsorchiv zu Verlln-Dohlem ist baulicher Veränderungen halber in der Woche vom 20. bis 25. Juli für die persönliche Benutzung geschlossen. Immw weiße Zälme Ihnen mitleven, M wir schon über 1» Jahr« die Zahnpaste Chlorodont de- nuhen. Noch nie hat st« un» enttäuscht! Wir haben immer w-ike Zähne und einen angenehmen Ecschmack Im Munde, umsomehr, da mir schon längere Zeit das Chwrodont-Mundwasser benutzen. Auch benutzt die ganze Familie nur Marohont-Zahnbürsten", gez. C. Chudoba, Fr.... Man verlange nur die echte Cowrodom-Zahnpasit, Tube b4 Pj. u. S0 Pj� u. weij« jeden Ersatz dafür zurück. Jlr. 319• 48. Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Sonnabend. 11 Juli 1931 Stalins Programm vollzogen! Russische Erlasse bestätigen die Nichterfüllung des Plans. Die von Stalin angekündigten„neuen Wirtschaftsmethoden" sollen zunächst im russischen Kohlenbergbau durchgeführt werden. Die Sowjetpresse veröffentlicht einen von Molotow, Stalin und dem Vorsitzenden des Obersten Aolkswirtschaftsrates Ordshonikidse unterzeichneten Erlaß über„Die Aufgaben der Kohlenindustrie im Donezbecken", der unsere Angaben über das Versagen des Planes voll bestätigt. In dem Artikel wird f e st g e st e l l t, daß die durchaus u n- befriedigende Kohlenförderung im Donezbecken sehr schwere Folgen für die ganze Sowjetwirtschaft haben könne und daß, wenn kein Umschwung zum Besseren eintritt. die Durchführung des Wirtschaftsplanes gefährdet fei. Als Ha u p t u r f a ch e n für die unbefriedigende Durchführung des Kohlenförderungsprogramms werden die ungenügende Forcic- rung der Mechanisierung des Donezbeckens, unzureichende Heran- b'ildung entsprechend qualifizierter Arbeitskräfte und die schlechte Ver- sorguvg des Donezbeckens angegeben. Entsprechend dem neuen Stalin-Programm werden die Bundes- Vereinigung der Kohlenindustrie„Ugolj", die Bergwerksverwaltungen und die Schachtleitcr angewiesen, ihr Hauptaugenmerk ruf eine richtige Organisation der Arbeit zu richten. Binnen Mo- ratsfrist sollen die Arbeiter bestimmte Schrämmaschinen, Mo- toren usw. zugewiesen und für deren Zustand persönlich ver- a n t w o r t l i ch gemacht werden. Für mindestens 8ö— 90 Prozent der unter Tage beschäftigten Bergleute und für mindestens 70 Pro- zent der übrigen Arbeiter soll bis zum t. September d.J. das Ak- kordlohnsystem eingeführt werden. Binnen zwei Monaten sollen die Löhne derart festgesetzt werden, daß sie für die qualifi- zierten Arbeiter bedeutende Vorteile sowie einen Anreiz zur Hebung der Arbeitslei st ung usw biete». Für das untere, mittlere und obere technische Personal bis hinauf zu den Schacht- leitern und den Chefingenieuren der Bergwerksverwaltungen sollen Prämien für die Durchführung und Ueberschreitung der Förder- Voranschläge, für Senkung der Selbstkosten, Hebung der Qualität der Kohle, Durchführung der Mechanisierung, Anwendung neuer Ar- beitsmethoden usw. eingeführt werden. Mit dem sozialistischen Wettbewerb und den Stoßbrigaden ist es also hier zu Ende. Die großen Schächte sollen bis zum Ende dieses Jahres auf kaufmännische Grundlage umgestellt werden, unter gleichzeitiger Erweiterung der Rechte der Schachtleiter, Ingenieure und Techniker. Ferner sieht der Erlaß Maßnahmen zur besseren Versorgung der Aibeiter, Ingenieure und Techniker mit Lebensmitteln und In- dustriewaren vor. Das(von der„Roten Fahne" bestritten) „S ch l a n g e st e h e n" in den Speisehallen und vor den Genossen- schaftsläden müsse unbedingt besxitigt werden. Der Zcntrossojus (Genossenschastszentrale) Hot in den Kohlenbezirkcn 150 neue Ge- nossenfchaftsläden zu eröffnen.(Also war die Versorgung unzu- reichend.) Zur Versorung der Kohlenindustrie mit Arbeits- k r ä f t e n haben die Bergwerksverwaltungen und Schächte unmittel- bare Verträge mit den Kollektivwirtschaften abzuschließen. (Also wohl Zwang und Bindung an das Bergwerk.) Ferner sieht der Erlaß Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnverhältnisse im Donezbecken vor.(Also flohen die Arbeiter doch wohl auch deshalb.) Die Parteiorgane, Gewerkschaften und Organisationen des Kommunistischen Jugendbundes werden angewiesen, ihrerseits alles zu tun, um die Durchführung dieser Maß- nahmen sicherzustellen. Kommunalfinanzen im» Aktienbesitz Krage an die ZUichsbank.— Ltnverantworiliche Hetze gegen die preag. Daß man die kommunal« Finanznot zu Privatisierungen ausnutzen will, ist eine alte Sache. Daß die Reichsbank unter der Leitung Dr. Luthers dabei mithilft, ist neu. Wir haben in den letzten Tagen festgestellt, daß in der R e i ch s- bant die Aeußerung gefallen ist, daß diejenigen Städte, die Aktien des Rhemisch-Westfälischen Elektrizitätswerks besitzen, diese verkaufen müssen, bevor ihren Kommunalfinanzen irgendwie Hilfe .geleistet wtrdcu würde. Wir haben weiter festgestellt, daß .Dr. Silverberg für das RWE. es weit von sich weist. Privatisterungsabsichten zu haben. Wir können heute hinzufügen, daß auch das Präsidium des RWE. aus wohlerwogenen Gründen nicht daran denkt. Von dieser am nächsten interessierten Seite können also in der Reichsbank die Wünsche nicht ausgesprochen worden sein, daß man die Städte zum Verkauf der RWE.-Aktien zwingen muß. Wir sind deshalb heute zu der F r a g e g e n ö t i g t, ob der Reichsbankpräsident Dr. Luther seinerseits ein derartiges Verlangen gestellt hat und müssen darauf eine Antwort erwarten. Im übrigen hat in der Scharfmachcrpresse eine H e tz k a m- p a g n e gegen die preußische Elcktrizitäts-A.-G. eingesetzt. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" bringt eine Anzahl von Behauptungen irreführender und verleumderischer Art, denen die Absicht der kaufmännischen Diffamierung und Kredit- s ch ä d i g u n g aus der Stirne steht und die samt und sonders aus den Fingern gesogen sind. Methode und Art dieser Brunnen- Vergiftung sind aus früheren Anlässen bekannt, und man muß ver- muten, daß das Elaborat aus der Pressestelle des großen westlichen Elektrokonzerns in Essen stammt. Man wäre fast geneigt anzu- nehmen, daß die unquolifizierbaren Angriffe der„DAZ." ein Beweis dafür sind, daß die Erklärungen Silverbergs doch nicht mit den wahren Absichten ikes RWE. übereinstimmen und daß die Hetze gegen die Preag deshalb aufgezogen wird, weil man selbst hinter dem Busch sitzt und die Oeffentlichkeit mit dem Rufe „Haltet den' Dieb" alarmieren möchte. Anders wäre das Vorgehen der„DAZ.", da Preußen wahrlich kein Interesse daran haben kann, die kommunale Position in der Elektrowirtschaft zu schwächen, wirk- lich nicht zu verstehen. Es ist bedauerlich und beschämend, daß in so außerordentlich schwieriger Gesamtlage wie jetzt große Elektro- konzernc und führende„nationale" Tageszeitungen nichts anderes zu tun wissen, als mit bewußten irreführenden Verleumdungen den Kredit eines Konkurrenzunternehmens herabzusetzen und damit so- wohl den Kredit des preußischen Staates als auch der gesamten deutschen Wirtschast im Inland und im Auslande erneut zu schädigen. Gute Ernte im Reich. Die erste Dorsch ätz ung für die Getreideernte des Reiches läßt ein relativ gutes Ergebnis erwarten. Es werden 7,52 Mil- lionen Tonnen Roggen erwartet, gegen 7,63 Millionen im Vor- whr, wobei die Hektarerträge für Winter- und Sommerroggen etwas erhöht sind. Der Ernterückgong erklärt sich also aus der Verringerung der Anbaufläche mn 350 000 Hektar. Die gesmnte Weizenernte wird auf 4,57 Millionen Tonnen ge- ichätzt, gegen 3,79 Millionen im Vorjahr bei etwa gleichgebliebenen Hektarerträgen. Hier würde dementsprechend der Mchrertrag von rund 780 000 Tonnen aus der Erweiterung der Anbaufläche um rund 365 000 Hektar erklären. Wintergerste und Sommergerste werden 3,20 Millionen Tonnen gegen 2,80 Mil- lionen Toniren erwartet, bei einer Hcktarertragssteigerung für Sommergerste von 18 auf 19,3 Doppelzentner. Am größten ist die Crntevermehrung bei Hafer, wo 6,53 gegen 5.66 Millionen Tonnen erwartet werden; die Steigerung erklärt sich in erster Linie aus der großen Steigerung des Hektarertrages von 16,4 auf 19,5 Doppelzentner. I drei Filialen verschob sich nun in der' letzten Zeit dadurch, daß der Philips-Konzern sein polnisches Unternehmen in einem solchen Um- sang ausgebaut hat, daß es allein den gegenwärtigen polnischen Bedarf an Glühlampen säst decken konnte. Jetzt hoben sich diese drei Gesellschaften noch enger als bisher zusammengeschlossen und werden nicht nur kartell mäßig (Preispolitik und technische Bestimmungen) zusammenarbeiten; son- dern beabsichtigen auch ihre Vcrkaufsgesellfchaftcn in Polen zusammenzulegen und den Absatz gemeinsam zu regeln, wahr- schcinlich nach festen Quoten. Es ist dies der erste Fall, daß die drei führenden Glieder des Glühlampenkartells in so weitgehendem Maße ihre Interessen vereinheitlichen; die Monopolstellung des Kartells wird durch eine solche Maßnahme, der Mhrscheinlich bald weitere ans anderen Märkten folgen werden, natürlich noch erheblich verstärkt. Glühlampenkonzeniration ha'tt an. Beherrschung des polnischen Marktes. Nachdem vor einigen Wochen die Osram G.m.b.H. und der Philips-Konzern, die beiden größten Glieder des internationalen Glühlampenkartells, einen Jntcr�ssengemeinschaftsvertrag für die Herstellung und den Vertrieb von Neon-Lcuchtröhren abgeschlossen hatten, haben jetzt beide lüesellschasten ein gemeinsames Unternehmen gegründet, das den Namen O s r a m- P h i l i p s- N e o n A.- G. sührt und mit einer Ntillio» Mark ausgestattet ist. In dieser Dach- gesellschast sollen die Forschungsarbeiten der beiden Konzerne aus dem Neon-Leuchtröhrengebiet und ebenso Propaganda und Vertrieb zusammengeschlossen werden. Eine sehr interessante Meldung kommt aus Warschau. In die Bearbeitung des polnischen Marktes teilten sich bis- her hauptsächlich vier Gesellschaften: der holländische Philips- Konzern, die Osram, der ungarische Konzern Vereinigte Glühlampen- und Elektrizitäts- Gesellschaft (Tungsram-Gruppe) sowie ein« kleinere mit polnischem Kapital ar- bettende Gesellschaft. Die erwähnten drei Konzerne unterhalten in Pole» Fabrikatwnsunternehmungen. Das Kräfteverhältnis dieser Auch Australien im Wettnachrichienmonopol? In New Park sind seit einigen Tagen Gerüchte verbreitet, daß die International Telepkoos and Telegraph Corporation sich darum bemüht, das australische Telegraphen- netz zu übernehmen. Die bekannten großen finanziellen Schwierigkeiten des Australischen Bundes mögen der Regierung dieses britischen Dominions die Abgabe eines so bedeutungsvollen Nachrichtenunternehmens nahelegen. Angesichts der starken staatskapitalistischen Tendenzen, die gerade die Wirtschasts- entwicklung Australiens charakterisieren, wäre jedoch ein solcher Be- schluß ein wichtiges Ereignis. Der JTT.-Konzern, der bereits in der letzten Zeit infolge der erschwerten Finanzlage der Staaten große Eroberungen hat durch- führen können, würde mit der Ilebcrnahme des ausgezeichnet orga- Irisierten australischen Telegraphenwesens seine Macht erheblich er- weitern. ZG.-Lichispielsyndikat und Güdfilm. Die seit"Wochen schwebenden Verhandlungen zwischen dem Deutschen Lichtspielsyndikat A.-G. und der Südfilm A-G., Berlin, über die Selbstkostensenkung haben zu einem Abschluß ge- sührt. Die Interessengemeinschaft, die jetzt zwischen den Firmen geschlossen wurde, bedeutet keine Fusion oder andersartige kapitalmäßige Verflechtung, sondern läßt beide Unternehmungen als selbständige Bezugsquellen von Filmen für Lichtspieltheater- bescher bestehen. Die Interessengemeinschaft bezweckt den ge- meinschaftlichen Einkauf ihres großen Bedarfs an Roh- filmen, Kopien usw. und damit die Erzielung größerer Mengen- rabatte. Sie bezweckt ferner eine größere Ausnutzung der be- stehenden Verleihorganisationen und bietet insbesondere durch die Aufstellung eines sich gegenseitig ergänzenden Produk- tionsprogramms eine Gewähr für die sachgemäße Verlor- gung und somit gegen die Verknappung des Marktes. Kommt die Einsicht? Ein Großagrarier gegen hohe Agrarpreise und niedrige Löhne Auf der diesjährigen Tagung des R e i ch s k u r a t o r i u m s für Technik in der Landwirtschaft, einer vom Reichs- ernährungsministerium subventionierten Organisation zur Hebung der landwirtschaftlichen Maschinentechnik, fiel besonders das Re- ferat ein es pommerschen Großgrundbesitzers auf Dieser Großagrarier, ein Herr von Zitzewitz-Kottow, setzte seinen Berufskollegen auseinander, daß dos bestehende Miß- Verhältnis zwischen den Preisen für agrarische Produkte und den K o st e n für Maschinen, Maschinenreparatnrcn und für Bauten nicht durch eine Preissteigerung der landwirtschaftlichen Produkte beseitigt werden könnte, weil eine Steigerung der Lebens- mittclpreise volkswirtschaftlich unerwünscht ist. Vielmehr müßte durch eine Senkung der landwirtschafllichen G e st e h u n g s k o st e n die Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe aufrechterhalten oder wiedergewonnen werden. Unker keinen Umständen dürften aber die Gestehungskosten durch eine Senkung der Löhne der landwirtschaftlichen Arbeiter herabgesetzt werden, da die ländlichen Löhne ganz allgemein unzureichend sind. Dieses Eingeständnis, daß das Lohnniveau der Landarbeiter viel zu niedrig ist, ist bemerkenswert, zumal es aus dem Munde eines pommerschen Großagrariers kommt, die bisher nicht genug über die hohen Löhne schimpfen konnten. Es wäre nur zu begrüßen, wenn diese Ausfassung nicht nur in einer in Berlin stattfindenden Sitzung von Landwirten, Maschinenfabrikanten und-Händlern geäußert würde, sondern wenn Herr v. Zitzewitz seine durchaus richtige Meinung über die Höhe des Landarbeiterlohncs auch seinen Berufskollegen in den Landbundversammlungen recht häufig und deutlich sagen würde.. Wie die Produktionskosten der Landwirtschast g e- senkt werden können durch die Mechanisierung der Getreide- und Hackfruchternte, zeigte eine sich der Sitzung anschließende B e- sichtig ung des Gutes Etzin, wo mehrere neue Geräte für die motorische Kartoffelbearbeitung und ein neues Getreidedrusch- verfahren vorgeführt wurden. Die gesamte Getreidernte wurde dort im Jahre 1929 mit dem Mähdrescher, einer Kombination von Mäh- und Dreschmaschine, hereingeholt, während die 1930er Ernte mit dem neuen Schlagdruschsystem gewonnen wurde. Jnter- essant ist an diesem Vergleichsversuch, daß das neue System in der Lage war, zu den gleichen Kosten und mit der gleichen Schnelligkeit zu arbeiten wie der amerikanische Mähdrescher, außerdem aber das gesamte Stroh, gebunden und in Mieten gesetzt, zu gewinnen. während beim Mädrescher bekanntlich die Hauptschwierigkeit für europäische Verhältnisse die Frage der Strohbergung ist. Außerdem wurde auch ein Luzernofeld gezeigt, das, auf leichtestem Boden gelegen, den Beweis dafür erbringt, daß die ostdeutsche Land- Wirtschaft sehr wohl in der Lage ist, durch den Anbau v ol? Luzerne die vielfach fehlenden Wiesen zu ersetzen und damit die Viehwirtschast auf einen höheren Stand zu bringen. Im ganzen unterschied sich die Tagung wohltuend von ähnlichen Veranstallungen, auf denen lediglich über die Not der Landwirtschaft gejammert und nach Staatshilfe geschrien wird. Es ist daher zu wünschen, daß die sachlichen Arbeiten des Rcichskuratoriums auch in weite Kreise der Landwirtschaft dringen. Kamps gegen Trusts in LlGA. Oer amerikanische Radiotrust wird sich zu helfen wissen. Vor mehr als einem Jahr wurde in den Vereinigten Staaten die Radio Corporation of America zu einem umfassenden Fabri- kationsunternehmen ausgebaut, das einen großen Teil der amerika- nifchen Fabrikation von Rundfunkgeräten, ebenso aber auch den größten Teil der Grammophon- und Schallpiattenherstellung der Well, ferner eine Reche führcrtder Rundfunkgesellschasten der Vereinigten Staaten, Lichtfpicluntcrnehmungcn usw. beherrscht. In die Kontrolle dieser Gesellschaft teilen sich hauptsächlich die beiden größten amerikanischen Elektrofirmen General Electric Company und Wcstinghouse. Seit einiger Zeit schwebt gegen die Radio-Corporation ein Prozeß auf Grund der A n t i t r u st g e s e tz g c b u n g. Die infolge- dessen unsicheren Aussichten des künstigen Geschäfts haben die Partner der Gesellschaft jetzt zu der Erklärung veranlaßt, daß sie miteinander ein offenes P a t e n t a b k o m m« n schließen wollen, das auch gegenüber den Antitrustgefetzen einwandfrei sei. Es ist unklar, was die Konzerne durch das Patcntabkommen zu erreichen hoffen. Möglicherweise wird die jetzt öfsentlichc Behcrr- schung durch die Elektrokonzerns einfach einem Systemder ver- steckten Kontroll«, die weder kapitalmäßig noch in der Zu- sammenfetzung des Aufsichtsrats zum Ausdruck kommt, Platz machen. Bankzusammenbruch in der Schweiz. Ablehnung der Etaatshilfe für die Banque de Gencve. Der Großrat des Kantons Genf hat den Antrag der Kantonal- regierung, die in Schwierigkeiten befindliche Lanque de Ceneve mit Hilfe einer 15- Millionen- Anleihe der Eidgenossenschaft zu sanieren, abgelehnt. Damit ist die Bank wahrscheinlich gezwungen, den Konkurs zu eröffnen. Venzin in fzolland für 10— 13 Pf. Schon seit langer Zeit sind in Holland die Benzinpreifc erheblich niedriger als in Deutschland: die letzten Wochen haben den Unterschied noch vergrößert. Während in Deutschland der Benzinpreis nicht nur infolge der Zollerhöhung (Notverordnung), sondern auch infolge des Zustandekommens einer neuen Verkaufskonvention(Vereinbarung) der Benzin-Verkaufs- gefellfchaften bis auf 36,5 Pf. in Berlin und 40,5 Pf. in der Provinz geklettert ist, ist er jetzt in Holland von den drei hauptsächlichsten Ge- sellschasten von 10 auf 8 Cents je Liter, d. h. auf etwa 13 Pf., gesenkt worden. Diejenigen Tankstellen, die von anderen Gesellschaften kon- trolliert werden, verkaufen jedoch das Benzin noch niedriger, nämlich für 6 bis 614 Cents, d. h. für 10 bis 11 Pf., je Liter. Entlassungen im ZG.-Forben-Konzern. Im Zusammenhang mit der schlechten Lage auf dem Stickstoffmarkt will das Ammoniakw«rk Merseburg 150 Angestellte und 450 Arbeiter entlasse«. Zelix Scherreli„Oefpräcll SBM Dt ltt" „2Bo haben Sie die petits kours her, Miamaus? Sie sind ja fabelhaft!" Ellen wirtschaftet hingebungsvoll mit dem Küchenbesteck. „Sie schmecken reizend", bestätigt Marianne und lehnt den Kopf mit den rostbraunen Haarwellen zurück.„Doch jetzt ist's genug. Von wegen der schlanken Linie..." „Aber... ober..., Sie haben's wirklich nicht nötig." Mia rückl als aufmerksame Gastgeberin mit der reich belegten Platte Marianne auf den Leib.„Was darf ich Ihnen auflegen? Dies hier mit Ananas? Oder vielleicht Pistazie...?" Ohne abzuwarten, wo- für sich die Freundin entscheidet, läßt sie beide Stücke auf Mariannes Teller landen.„Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Ellen, die läßt sich nicht bitten." „Nö..." kaut Ellen.„Für Kuchen könnt ich mich umbringen." Sie sitzen in Mias Barockspeisezimmer auf den hohen, ge- schnitzten Stühlen. Das Gemach ist der Stolz der Hausfrau. Es mar ihre Idee, sich in diesem Stil zu etablieren. Man sitzt sehr stilvoll und sehr unbequem. Der Tisch ist niedlich gedeckt. Zartes Porzellan, Spitzen und die in der Schale schwimmende Orchidee vereinigen sich, um den Nachmittagskaffee der drei Freundinnen so nett wie möglich zu gestalten. Man fühlt sich wohl: Gepflegte Frauen in gepflegtem Raum. Aus Gesundheitsrücksichten trinkt man Kaffee Hag. „Wenn mein Mann kommt, können wir doch nicht offen reden. Also erzählt das Interessante jetzt gleich", fordert Mia auf. Ma� ist so sonderbar darin. Er vergöttert mich und hat es nicht gern, wenn ich mich über... intime Dinge unterhalte." Ellen lacht. Sie streicht über ihr glattes, blondes Haar. Der ist ja fuß, dein Max! Wenn der wüßte..." „Ich glaube immer, dein Mann weiß genug, liebe Mia", piekt Marianne,„und er schweigt nur, weil es bequemer ist." Sie rehet von hoher Warte. Sie kann sich diesen Luxus leisten, denn sie ist die Vertraute Mias und Ellens, die sich gern in erotischer Beziehung aussprechen. Marianne lauscht teilnahmsvoll den kleinen und großen Heimlichkeiten der beiden, um von Zeit zu Zeit sittliche Ermah- nungen vom Stapel zu lassen. Sie selbst ist über jeden Zweifel erhaben, wie Mia und Ellen schon oft neidisch feststellen mußten. „Was weiß mein Mann?!" schreit Mia. Vielleicht hat er etwas von der Affäre mit Ewald erfahren, denkt sie ängstlich. Dabei war es gänzlich harmlos, versucht sie sich einzureden.„Woher soll er was wissen?" „3a! Woher!?" echot Ellen. Marianne ist aufgestanden und nimmt sich eine Zigarette vom Rauchtisch. Sie weidet sich an Mias Erregung. Es ist ein so hübscher, kleiner Triumph, die Freundin zappeln zu lassen. Vos- heilen erhöhen die Lebensfreude, besonders wenn man sie ungestraft anwenden kann und vor jeder Revanche sicher ist. „Woher...?" wiederholt sie langsam und sagt nachlässig:„Sie selbst erzählen doch genug herum, Miakind. Sie sind ein Plapper- mäulchen!" Marianne weiß, daß es nicht stimmt. Mia würde sich hüten, über ihre mehr oder minder ergiebigen Flirts und Abenteuer etwas verlauten zu lassen außer in diesem internen Kreis.„Ich kann euch also nur raten, nicht so leichtfertig mit eurem guten Ruf umzugehen!" Unerträglich diese Erhabenheit, erbost sich Ellen und zergrübelt ihren hübschen Kopf danach, wie sie sich rächen könnte. Vergeblich. Nicht die geringste Abweichung vom Pfade der ehrsamen Gattin ist festzustellen. Und wir haben ihr alles haargenau erzählt. Wir find in ihrer Hand. Laut sagt sie schnippisch:„Pöh, mir kann keiner u?as, ich bin bereits Gottseidank glücklich geschieden!" „Aber, Kleines, Sie wollen sich doch wieder verheiraten", gibt Marianne würdevoll zu bedenken. Ellen schweigt kleinlaut, „Da weiß ich nicht, ob der zukünftige Ehemann über die Sache mit dem Bariton hinwegsehen wird. 3ch meine es nur gut mit euch!" „Himmel, Marianne, piesacken Sie uns nicht!" fährt Ellen auf. „Sie sind halt klüger gewesen. Sie verstehen, den�Mund zu halten." „3ch weiß nicht, was Sie wollen." Marianne ist schöne, flammende Entrüstung.„Ich habe meinen Mann niemals betrogen. Dazu schätze ich ihn viel zu sehr!" Gut, daß sie nicht gesagt hat, sie liebt ihn, denkt Mia. Dieses Walroß! 3ch schätze ihn auch, aber auf zwei Zentner. Doch sie hat dieses dicke Bankgeschäft wirklich nicht hintergangen.„Ich schätze meinen Mann ebenfalls", stellt sie zur Sicherheit laut und deut- lich fest. Ellen will die kleine Unstimmigkeit überbrücken.„Kinder, wie findet ihr die Sache mit der Bindeband? Ist doch skandalös! Ich Hab' mich totamüsiert." „Na und ich", stimmt Mia zu und kichert. Frau Bindeband ist die schöne Gattin eines wohlhabenden Seifenfabrikanten. „Das wissen Sie noch nicht? Aber Marianne, Sie leben wohl auf dem Mond. Also die Bindeband hatte ein Verhältnis."... Mia wird von Lachen überwältigt. „... mit einem hübschen, jungen Mann", setzt Ellen fort. „Das ist doch nichts Neues." Marianne sieht auf ihre Armband- uhr. Ich werde nach Hause gehen, beschließt sie. Die beiden habe ich für heute genug geärgert. „Abwarten!" Mia hat sich gefaßt.„Es war im Seebad, und der hübsche, junge Mann leistete der Frau Bindeband Tag und Nacht Gesellschaft.. „... und es kam der Tag des Abschieds", deklamiert Ellen weiter mit vor Begeisterung piepsender Stimme.„Die Bindeband begleitete den treuen Gefährten an die Bahn, winkte ihm ein letztes Lebewohl zu, und er war entschwunden. Als sie dann nach Hause kam..." Ellen macht eine Kunstpause, die etwas zu lange aus- fällt, so daß Mia nicht mehr an sich halten kann und quiekt: „... da waren alle Perlen und Brillanten aus dem Koffer ebenfalls verschwunden!" Marianne ist der Erzählung mit gesteigertem Interesse gefolgt. „Wie gut...", sagt sie gedankenverloren,„... wie gut, daß ich aus Reisen niemals meinen echten Schmuck mitgenommen habe!" Arthur goidßein: Was heifH? ..Di« Ä-witaTiftfu lätijtfn nicht inehr ckm Vahrbtit sagen. Di« müssen Mg«n. Vom untersten kleinen Reißenden ange sangen bis»um ' ardßlen Industriellen... Die Arbeiter milffen auch lügen; solange n« allein find.... Aber organisiert„können" sie die Wabrbeit sagen. Da» ist der Unterschied." Karl Schröder in seinem Roman:„Famili« Markert". Henrik Ibsen läßt in der„Wildente" den Skeptiker Relling die Worte sprechen:„Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, so nehmen Sie ihm gleichzeitig das Glück." So stand also damals um die Jahrhundertwende das Problem für den bürger- lichen Individualismus: Der„Durchschnittsmensch" braucht die Lebenslüge, weil er ohne sie nicht leben kann. Lasse wir die für den Sozialisten recht belanglose Unterscheidung zwischen Durchschnitts- menschen und Elitcnaturen beiseite. Nehmen wir an, daß die Ge- sellschaft, von der in der„Wildente" gesprochen wird, sich in ihrer großen Mehrheit aus Durchschnittsmenschen im Sinne von Ibsen zusammensetzt, so würde das bedeuten, daß die Existenz einer solchen Gesellschaft von dem Glauben an eine Serie von gesellschaftlichen „Idealen" oder„Lebenslügen" abhängt. Für den norwegischen Dichter sind beides identische Begriffe. Hier wird also klar ausgesprochen, daß für die bürgerliche Zivili- sation das Prinzip der Lüge fundamentale Bedeutung besitzt. Ohne „Ideale" oder— sagen wir lieber— Illüsionen stehen alle Räder still. Eine desillusionierte Welt wäre demnach eine Welt ohne— Werte. Sie erhält ihre Werte eben erst durch das Mittel der Illu- sion. Somit sind hier Illusionen und Werte eins und dasselbe. Die Zukunft dieser Gesellschaft ist abhängig von der Wirksamkeit ihrer Illusionen. Man kann das Leben nur bejahen, indem man das Prinzip der Wahrheit verneint. Wollte man die Wahrheit bejahen, so wäre das mit Verneinung von Leben und Gesellschaft gleichbedeu- tend. Mit unerbittlicher Konseqenz hat der große nordische Gesell- schastskritiker das Wesen der bürgerlichen Zivilisation enthüllt. Aber wohlgemerkt: Als Ibsen daran ging, seine Lebens- Philosophie in künstlerische Form zu bannen, sah die Welt doch etwas ander» aus als heute. Der Kapitalismus befand sich— vulgär- ökonomisch gesprochen— im Zustand einer relativen Stabilisierung. Das soll heißen, daß damals der größte Teil der Gesellschaft wirt- schaftlich in Sicherheit lebt«, soweit das eben im Kapitalismus über- Haupt möglich ist. Im Gegensatz dazu kann man ohne Uebertreibung behaupten, daß heute der größte Teil der Gesellschaft in absoluter Unsicherheit lebt. Der wirtschaftliche Tod ist beinahe zum Lebens- clement geworden. Was folgt daraus? Nun es folgt das, was von marxistischer Seite immer behauptet wird und historisch erweisbar ist: Die Tat- sach« des allmählichen und in steigendem Grade vor sich gehenden Bewußtwerdens von grundlegenden Veränderungen ökonomi- scher Natur. Auf unser Thema angewandt, heißt das, daß die Er- kenntnis von der Unhaltbarheit des Kapitalismus in zunehmendem Maße alle Schichten der Gesellschaft nach und nach ergreift. Damit zugleich beobachten wir einen ständig wachsenden Prozeh der Des- illusionierung, der zunächst am deutlichsten bei den beiden Haupt- klassen der heutigen Gesellschaft zur Erscheinung gelangt: Bei Kapi- talisten und Proletariern. Aber wenn nur auch beide Seiten im wesentlichen die WirNich- keit erkennen, wie sie ist, so versteht sich von selbst, daß die soziale Polarität eine entgegengesetzte Haltung gegenüber den soziologischen Erkenntnissen mit sich bringt. Die Kapitalisten als Personen brauchen sich über den Stand der Dinge keinen blauen Dunst vor- zumachen. Als Klasse aber sind sie gezwungen, sich und vor allem den nichtbesitzenden Schichten Sand in die Augen zu streuen. Unsere Finanz- und Industriekapitäne, die für„Ideale" gerade noch ein mitleidige» Lächeln aufbringen und als„Werte" ,m Grunde nur noch Warenwerte gelten lassen, dürfen es heute weniger denn je zu- lassen, daß auch in den Augen der Nichtbesitzenden jene„Ideale" ent- wertet werden. Was wird heute beispielsweise nicht olles über Ehe und Familie zusammengeschwatzt! Nur daß diese geheiligten Insti- tutionen in der Epoche des Hochkapitolismus in der Auflösung be- griffen sind und daß kein Moralpredigen etwas dagegen hilft, darf nicht ausgesprochen werden. Man achte aber einmal darauf, wie gerade die bürgerlich-demo- kratische Presse, die das Wort„Kultur" gar nicht oft genug in den Mund nehmen kann, sich um das Problem der Religion herumdrückt und wie sie andererseits vor jedem neu ausgeheckten metaphysischen Blödsinn Kotau macht! Aus wirklicher Ueberzeugnug? Nun, die Frage nach der privaten Ueberzeugung interessiert uns hier sehr wenig. Wichtig ist dagegen die Tatsache, daß der Kapitalismus in der Oeffentlichkeit nur noch solche Ueberzeugungen duldet, die zur Sicherung der heutigen Gesellschaft geeignet erscheinen. Er kann sich eben nicht mehr den Luxus gestatten,„die Wahrheit" sagen zu lassen. Denn die Wahrheit über die kapitalistische Wirklichkeit ist so schrecklich. daß ihre allgemeine Kenntnis und Erkenntnis notwendig das Systwu sprengen würde. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein ist nie so eklatant gewesen wie im Endstadium der kapitalistischen Zivilisation. Aber die Proletarier?— wird man fragen. Sie haben doch sicherlich kein Interesse, sich blauen Dunst über die soziale Wirklichkeit vorzumachen. Allerdings nicht. Und darin unterscheiden sie sich eben von jenen Ibsenschen„Durchschnittsmenschen", daß sie nicht nur die Wahrheit vertragen können, sondern daß für sie als Klassemömpfer das Prinzip der Wahrheit eine Lebensnotwendigkeit bedeutet. Eine andere Frage ist nur die, ob sie als Personen die Möglichkeit haben, die ganze Wahrheit auszusprechen. Man stelle sich einmal vor: Der Arbeiter Lehmann wollte nur an�iem einzigen Tage seines Lebens den Versuch unternehmen, seine Miersten Gedanken und Ge- fühle über alles, was ihn bewegt, offen und bis ins letzte preis- zugeben. Man mache sich klar, daß eine solche Situation die ver- schiedensten Libenssphären umfaßt: Betrieb oder Arbeitsamt, Be- Hörden und Gericht, Freunde und Bekannte, schließlich auch die eigene Familie. Schon ein Kind begreift heutzutage, daß ein hundert- prozentiges Bekenntnis der Wahrheit für den einzelnen zum Ver- hängnis werden müßte. Ewe Klassengesellschaft, wie wir sie gegen- wärtig haben, vertrögt nie und nimmer die absolute Wahrheit. An ihre Stelle tritt laut ungeschriebenem Gesetz die Konvention. Das ist unabänderlich. Freilich wird es immer Leute geben, die als„Märtyrer der Wahrheit" herumlaufen und sich einbilden, daß sie damit der Mensch- heit einen großen Dienst erweisen. In Wirklichkeit erweisen sie nur ihrem persönlichen Geltungsbedürfnis einen Dienst. Der Sozialis- mus will weder Helden noch Märtyrer. Er kann nichts anderes brau- chen als Klassentämpfer. Die Proletarier als Klasse aber„können", wie es bei Karl Schröder heißt, die Wahrheit sagen. Mit anderen Worten: Das Aussprechen der Wahrheit in der heutigen Gesell- schaft überträgt der einzelne auf die Organisation. Auch dieser be- dcutsame Funktionswandcl zeigt natürlich— wie alles im Kapi- talismus— ein doppeltes Gesicht. Er ist einmal ein Symptom für die innere Schwäche des herrschenden Systems. Andei�rseits aber erhalten wir hier die Gewißheit, daß der Kampf»m den Sozialismus die stufenweise Herausarbeitung der gesellschaftlichen Wahrheit in sich schließt. Ueberslüssig zu sagen, daß von einer Entwicklung zum Sozialismus erst dann die Rede sein kann, wenn der Widerspruch zwischen individuellen und gesellschaftlichen„Wahrheiten" im Schwin- den begriffen ist. atud,-.'tag ohne Feierabend Hochöfen an der Se«. Im Dunkel der Nacht leuchtet der dükter- rote Schein des kochenden Eisens weit über das Meer zu dem«in- samen Trampfahrer, der von Leuchtturm zu Leuchtturm, von Boje zu Boje sich von seinem Abgangshafen nach dem Zielhafen peilt. Die Landkarte des Weges— welch buntes Bild! Das Bild des Weges—, welch Einerlei! Denn die geschwungenen Hügel Süd- schwedens, die zackigen Klippen und Schären der finnischen Küste, die Lichter der großen Städte, die verträumten Wälder, die das Bottnische Meer eingrenzen—, es gliit am Horizont vorbei, ein fahler Streif, ein dunkler Schatten, ein Nebel: so sehr einander gleichend, daß nur die verschiedenartigen Feuer der Leuchtschiffe und der Leuchttürme mitteilten, an welcher Landschaft das Schuf gerade vorbeigefahren. Was schiert auch den Erzdampfer die Landschaft: was schiert den Erzdampfer der Weg! Der ist nur do- zu da. überwunden zu werden, mit möglichst geringem Kohlen- verbrauch und mit möglichst vielen Tonnen Eisenerz im Bauch. Die Hochöfen an der See sind Ziel und Zweet, nichts sonst. Schnell laden und schnell löschen, daraus kommt es an. So donnern denn im Ladehofen die elektrischen Erzzüge Tag und Nacht, und io laufen in den Löschhäfen die Mammutkräne Tag und Nacht, bis dos letzte Schiff wieder in See gehen kann. Die Seefahrt ist ein Stadium am laufenden Bande, das die Technik konstruieren möchte. von der Grube an, wo das Erz gebrochen wird, bis zur letzten Fertigwarenfabrik, die aus dem Eis«n Gebrauchsgegenstände schmiedet. Nächtens, wenn sich im Dunkel im 5>ochofenhafen das Rasseln und Schnappen der Ladebrucken und Greifer mit dem Surret, der elektrischen Züge und dem Zischen und Bxausen abblasender Dämpfe vermählt, scheint es, als ob sich die Ingenisure und Techniken hinter den breiten Fenstern der Zeichenstube die Industrie ohne Mensch zum Ziel gesetzt haben, als ob man in den Direklions- Palästen der fernen Großstädte Organisation und Kalkulation, Gc!d und Kredit nach dem wahnwitzigen Plane marschieren lasse, die Herren von Stahl und Eisen unabhängig zu machen vom. Menschen. von jenem Werkzeug Arbeitskraft, das dem Anspruch erlzebt, Mensch und gleichberechtigt zu sein. Wilde Elefanten fängt man mit ge- zähmten: die Hunderttausend« von Tonnen Eisenerz lädt und löschl man mit Eisenbrücken, Kränen und Greifern, oeren Stahl und Eisen menschliche Technik aus rohem, wildem Erz gewann und zu stählernen Haustieren wandelte. Die riesigen Brücken fahren sich selbst von Laderaum zu Laderaum: die Laufkatzen, die Kran- Häuschen an der oberen Laufbahn schnurren vor und zurück: der Greifer senkt sich in den Bauch des Dampfers. Ein Dutzend stark- kerzige Lampen und Scheinwerfer schneiden den Weg der Lade- brücke und des Greifers grell aus dem Dunkel, aber ihr Licht trifft höchstens zwei, drei Menschen. Tief unten in der Last sind ein. zwei Mann bereit, den Greifer zurechtzuwinken, immer auf dem Sprunge, um von der tonnenschweren Glocke bei ihrem Pendeln nicht getroffen, nicht gegen die Schisfswand gequetscht zu werden. Manchmal zeigt«in Mann aus Deck, daß nicht jedes menschliche Leben ausgestorben ist. Und oben, in der Katze, der Kranführer an seinen Hebeln. Dazu vielleicht auf dem ganzen, hundert Meie? breiten und Hunderte von Metern langen Arbeitsplatz der mechanisch abwiegenden Loren, der Halden und Kettenbahnen, der schiefen Ebenen und der Brücken und Kräne zwjsschcn Schiff und Hochöfen ein Wächter, ein Kontrolleur. In den wuchtigen Türmen der Oefen ober rumoren die Elemente. Und von Zeit zu Zeit tündct «in feurigroter Fächer einen neuen Sieg des Eisens über das Erz. Auf seinem Hintergrund« malt sich eine geheimnisvolle Welt bro- delnder Dämpfe und Nebel, schwarzer Eisenglixder und brauntt Crzberge, ioter Schiffe und lebender Kräne. Di« wenigen Mensch.'* gehen in der Wucht der arbeitenden Maschinen unter, wie hn menschliche Stimme in dem Höllenlärm dieser nächtlichen Sinsonie. Tag und Nacht, Nacht und Tag rast die Maschinerie oh,,« Menschen, wenn nicht. Sturm oder Nebel die Kette der Erzschisie zerreißt und der Pier leer bleibt. Zehntausende und Hunden- tausende von Tonnen werden bewältigt, umgeschmolzen, gezähmt. Die Kalkulationen der Direktion, die Berechnungen der Ingenieur.' stimmen: die Millionenanlagen in Stahl- und Eisenmaschinerie sparen Millionen an Löhnen... Stimmen und stimmen doch nicht. Es stockt das laufende Band auch ohne Sturm: vom Ende her läuft«ine Lähmung über die so klug ausgedachte Kette. Der Lärm in den Erzhäfen wird schwächer, der«ine und der andcie Hochofen liegen tot, ausgeblasen. Die Kette der Erzschisfe wird dünner: in den Seitenbassins der Häfen fei«rn sie, die schwarzen Kolosse von 6000 bis 10 000 Tonnen. Man braucht sie nicht. Und man braucht ihre Seeleute nicht: sie gehen stempeln.... Und oben in Schweden wachsen die Halden, bleiben die riesigen Erz- pi«re leer, gähnen in den Verkausskontoren die Angestellten und stehen in den Schuppen die Lokomotiven und Loren der Erzzüge. Langsam frißt sich der Fehler in dem Schlußposten durch: weil unten, in Holland, in Italien und anderswo die Hafenarbeiter stempeln gehen, die die Riesenbauten der mechanischen Entlade- Maschinerie freigesetzt haben, gehen die Seeleute der Trampfahrcr stempeln und fangen die Erzgruben unter der Mitternachtssonne an. Feierschichten einzulegen. Stimmt und stimmt nicht. Die himmelstürmende Rechnuno der Industrie ohne Menschen hat ein Loch. Die Maschine ist da. Aber man hat vergessen, ihr den richtigen Herrn zu geben, den Herrn, der groß genug ist, sie zum Diener zu machen: das Volk. 5zöhcr werden die Halden: es füllen sich die Häfen von ausgelegten Schissen: ans dem Tag ohne Feierabend wird ein Feierabend ohne Arbeitstag— und Europas Völker darben angesichts der Mammut- Maschinen, die Reichtum für alle bedeuten sollten und könnten. Tag ohne Feierabend wird Nacht ohne Tag. Ast Trunkenheit meßbar? Gegenwärtig sind schwedische Acrztc dabei, Untcrsuchungs- methoden zu erproben, mit deren Hilfe es inöglich sein wird, den Grad der Trunkenheit an Menschen festzustellen, was namentlich dann sehr wichtig ist, wenn durch die Trunkenheit von Krastsahrcrn Verkehrsunfälle herbeigeführt werden. Durch die Wutprobe könnte beispielsweise der jeweilige Alkoholgehalt des Blutes bestimmt und gleichzeitig damit festgestellt werden, inwiefern die Einwirkung des Alkohols mit dem Alkoholgehalt im Wut zusammenhängt, llm zu bestimmen, wieviel Alkohol der Trunkene zu sich irahm, sind vor allem auch genaue Messungen des Körpergewichts notwendig. Ferner läßt sich auch, wie Polizeirat Kleinschmidt mitteilt, durch die Beobachtung, wie sich der Alkohol innerhalb der Gewebe im Körper verbreitet, und wie schnell er sich jeweils umwandelt, ein gutes Bild vom Grad der Trunkenheit gewinnen. Man kann also auf diese Weise ziemlich genau berechnen, wie groß der aus einem gewissen Konsum entstandene Alkoholgehalt de» Körpers ist, das heißt den Grad der Trunkenheit bestimmen und hat mit Hilfe der genannten Untersuchimgemethoden bisher schon fast immer richtige Ergebnisse erzielt. Neuerdings wird auch vorgeschlagen, die Strafbarkeit der Trunkenheit von einem gewissen Alkoholgehalt des Körpers ad- höngig zu machen. I Arbeiterverrat der KPD. Darum kehrten kommunistische Funktionäre zur Partei zurück Auf dem Abteilungsabcnd der 80. Abteilung referierte Genosse Dr. Friedländer über das Thema„W a s jetzt not tut?". Die allgemeine Wirtschaftskrise ist durch die seit September bestehende politische Krise verstärkt worden. Es sei das Verdienst der Sozialdemokratischen Partei, die Angriffe der Faschisten verhindert zu haben. Die Notverordnung Hab« die Partei vor eine fast unerträgliche Situation gestellt. Ist auch der Mehrheitsentschcid der Fraktion unter dem gegenwärtigen finanziellen Gefahrendruck verständlich gewesen und durch die choovcr-Aktion fürs erste gerechtfertigt, so muß doch der Regierung Brüning in den nächsten Wochen klar gemacht werden, daß wir uns nicht der eigenen Aktionsfähigkeit irgendwie zu begeben bereit sind. Zu dieser Aktionsfähigkeit gehören aber vor allem drei Dinge: Einigkeit, Besonnenheit, und Kampfbereitschaft. Das Referat, das ohne Diskussion entgegengenommen wurde, wurde in seiner Wirkung noch unterstützt durch eine Erklärung des früheren kommunistischen Bezirks- und Stadtverordneten Genossen Roth, der den Weg zur Partei zurückgefunden hat. Genosse Roth hatte schon seit langem die Gelegenheit herbeigewünscht, vor den Parteigenossen darzulegen, was ihn seinerzeit zur. Rückkehr bewogen habe. Es war das u n- verantwortliche Handeln der KPD.-Zentrale, die die Arbeiterschaft in aussichtslose und blutige Kämpfe hinein- manöveriert, um sie dann im Stich zu lassen. Genosse Roth zeichnete vor allem die kommunistischen Praktiken in der Berliner Stadt- vcrordnetcnvcrsammlung auf, wo die Kommunisten trotz wilder Reden in ihrer absoluten Unfähigkeit zur praktischen Arbeit nicht das geringste für die notleidende Arbeiterschaft herausgeholt hoben. Nachdem der wilde Streik der Notstands- arbeiter zusammengebrochen war, hatte Roth versucht, mit Bitt- gängen zu Böß und anderen Instanzen für die Arbeitslosgcwordencn noch zu retten, was zu retten war und stellte sich hierbei in Gegen- satz zu den Führern in der Zentrale. Die politische Linie'der KPD. wirkte sich zum Schaden der deutschen Arbeiterbewegung aus und entspringe nur dem agitatorischen Bedürfnis, wie es von Rußland diktiert werde. Im Interesse einer geeinten starken Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung haben darum mit Genossen Roth zirka 60 Spitzenfunktionäre der KPD. ihren II-bertritt zur Sozialdemokratie vollzogen. Die Er- klärung Roths wurde mit großem Beifall quittiert. Glück im Unglück. berliner Ruderer im Gtettiner Haff dem Tode entgangen Stettin, lll. ZuN.(Eigenbericht.) 21m Areilagfrüh kurz nach 8 Uhr sichtete man an Bord des aus R e u w a r p fahrenden Stetliner Motorschiffes„3t a j a b e" ein im Haff auf der höhe von S t e i n o r t mit den oufgereglen Wellen kämpfendes Ruderboot. Als das Schiff dem Boot näher kam. schlug dieses voll Wasser und sackte ab. Die Zufassen, drei Bertiner Schüler und Mitglieder des„Ruderklubs am wannfee", die sich aus einer Zerieusahrt befanden, fielen ins Wasser. Sie klammerten sich am treibenden Boot an. Die„Ztajade" drehte sofort bei und warf den Verunglückten Rettungsleinen zu, mit deren Hilfe man alle drei dann an Bord ziehen konnte. Auch das Boot wurde ge- borgen. Ein großer Teil des mitgeführten Gepäcks ging aber bei dem Unfall verloren. Bei den Rettungsarbeiten fiel auch noch der Kapitän der„Na- jade" ins Wasser, doch konnte auch er den Fluten entrissen werden. Di« Geretteten wurden nach Stettin gebracht. Das bescheidene Flämmchen. Eine Hausfrau schreibt uns: Die Technik wartet mit immer neuen Errungenschaften auf, um es den Hausfrauen fo bequem wie möglich zu machen. Zu den in letzter Zeit in Aufnahme gekommenen Einrichtungen der modernen Küche gehören auch die sogenannten Durchlauferhitzer, die das Prinzip der großen Gasbadeöfen ins kleine für die Küche über- tragen. Die Hausfrau zündet den Apparat an und sofort läuft das heiße, für die Abwäsche gebrauchte Wasser in die Wanne. Diese Bequemlichkeit, die man natürlich als Ersatz für das unbequeme und unsaubere Kohlenfeuer auch etwas teurer bezahlt, ist durchaus er- freulich. Die Installateure sagen nun aber den Hausfrauen, daß es gar nichts ausmacht, wenn sie die F l ä m m ch e n, die das jedes- malige neue Anzünden vermeiden sollen, ruhig Tag und Nacht brennen lassen sollen: das mache im Monat nicht viel aus. Daraufhin läßt die Hausfrau das bescheidene Flämmchen Tag und Nacht brennen und wundert sich, wenn am Ende des Monats der Gasoerbrauch ungewöhnlich hoch erscheint. Hier ist des Rätsels Lösung: Der Heißwasserspender einer Berliner Gasgesellschast oer- brauchte auf Grund einwandfreier Kontrolle in der Zeit von.-411 Uhr abends bis Vtl Uhr morgens, also in acht Stunden 9 0 Liter Gas. Das macht in 24 Stunden— einem Tag 270 Liter. In einem Monat werden mithin durch das bescheidene dauernd brennende Flämmchen 8 Kubikmeter Gas mehr verbraucht. Das be- deutet nach dem Zonentarif der Gasgesellschaft einen Verlust von etwa 1,50 M., den man vermeidet, wenn man das bescheidene Flämmchen nicht Tag und Nacht brennen läßt, sondern nur dann entzündet, wenn man das Warmwasser braucht. Die Installateure aber sollten mit ihren Erklärungen etwas vorsichtiger sein. Hiltrud Breil mit den Eltern ausgesöhnt. Die Komödie um Hiltrud Breil hat heute im Polizeipräsidium ihr glückliches Ende ge- funden. Hiltrud Breil hat dort im Beisein der Polizeirätin Wieking ihre Eltern um Verzeihung gebeten, die ihr voll und ganz gewährt wurde. Sogar der Strasantrag gegen den Baron Halzenberg wird von den Eltern zurückgenommen. Hiltrud darf also wieder nach Hause und kommt nicht in ein Fürsorgcheim. Moderne Mieisveriräge. Als„Hausagrarier" bezeichnet man gemeinhin einen Haus- eigentümer, der rücksichtslos nicht nur alle Rechte ausnützt, die ihm die Gesetze gegenüber dem Mieter gewähren, sondern darüber hinaus auch seine wirtschaftliche Macht, die zufolge der Wohnungsnot außerordentlich gesteigert ist. Das tun aber nicht nur Einzel- Personen, sondern auch Gesellschaften, die ihre Häuser nur mit städtischer Hilfe, nämlich mit H a u s z i n s st e u e r durch Vermitt- lung der unter städtischem Einfluß stehenden Wohnungs- fürsorgegesellfchaft bauen. Vor mir liegt das gedruckte Vertragsformular einer derartigen Gesellschaft, die solche Verträge bereits für ihre Wohnungen abgeschlossen hat. Zunächst ist merkwürdig, daß sie sich von den Mietern noch Baukostenzuschüsse zahlen läßt, die nicht auf die Miete angerechnet werden, sondern für den Mieter glatt verloren sind, so daß also die Mieter das Baukapital der Gescllschajt zu einem sehr erheblichen Teil ohne jeden Gegenwert aufbringen müssen, beispielsweise mußte der Mieter einer 2l4-Zimmcr-Wohnung, bevor er einziehen kann, 700 Mark glatt der Gesellschast opsern. Weiter behält sich die Gesellschast das Recht vor,„sollte die Wohnungsfürsorgegescllsckzaft eipcn anderen Mietzins genehmigen, so ist auf Verlangen der Vermieterin der jeweils von der Wohnungs- fürsorgegescllfchaft für derartige Räume genehmigte Lzöchstsatz, mindestens jedoch die hier vereinbarte Miete zu zahlen". Also bei einer etwa genehmigten höheren Miete kann die Gesellschaft diese ohne weiteres verlangen, sollte dagegen die Wohnungssürsorge- gesellschast nur eine geringere Miete genehmigen, so hat der Mieter davon für die Dauer des Vertrages d. h. meist für eine Reihe von Jahren, keinen Vorteil und darf Mictcrmäßigung nicht verlangen. Aus dieser Bestimmung des Vertrages geht klar hervor, daß die Ivohnungsfürsorgegescllschast nicht ohne Einfluß auf die Bemessung der Miete ist: sie sollte sich aber dann auch darum kümmern, daß die von ihr genehmigten ZNietsähe nicht in verschleierter Form überschritten werden. Das geschieht jedoch— man möchte sagen— in geradezu schamloser Weise. So bestimmt ein Paragraph des Vertrages, daß zu den auf die Mieter umzulegenden Kosten der Zentralheizung nicht nur der Kohlenoerbrauch gehört, sondern auch die Kosten für den Heizer, das heißt, ein erheblicher Teil der Auf- Wendungen für den Hauswart wird auf die Mieter noch neben ihrer Miete abgewälzt. Ferner liegen im allgemeinen die sog. Schön- heitsreparaturen dem Hausbesitzer ob, die Mieter von Alt- Wohnungen können sie übernehmen und dafür einen Abzug von 4 Prozent der Friedcnsmiete von der zu zahlenden Miete machen. Die Gesellschaft legt aber diese Reparaturen durch„u n a n f e ch t- baren" Vertrag dem Mieter ohne jede Entschädigung auf, und damit nicht genug, der Mieter muß auch noch die Kosten aller sonst notwendig werdenden Reparaturen tragen, die im allgemeinen dem Vermieter obliegen, z. 58. die Beseitigung van Rohrbrüchcn bei der Wasserleitung: ausdrücklich wird dazu noch bestimmt,„Fenster- scheiden müssen auch dann vom Mieter auf seine Kosten erneuert werden, wenn sie durch höhere Gewalt zerbrochen werden", das heißt nichts anderes, als daß der Mieter die Kosten der Glas- Versicherung des Hauses tragen nmß. Es fehlt nur noch, daß auch die Kosten der Feuerversicherung dem Mieter aus- erlegt werden, wie es in dem Vertrage einer anderen derartigen Gesellschaft, der mir augenblicklich nicht vorliegt, geschehen sein soll: denn da wird verlangt, daß alle durch höhere Gewalt verursachton Schäden, also auch solche durch Blitzschlag, von dem Mieter auf seine Kosten wieder beseitigt werden. Es wäre wohl angebracht, daß die Wohnungsfürforgegefellschaft sich danim kümmert, daß durch solche Bestimmungen die Mieten nicht ungebührlich erhöht werden: denn darauf, daß im Streitfall etwa die Gerichte solche Bestimmungen als„wider die guten Sitten verstoßend und deshalb rcchtsunwirksam" erklären, ist mir wenig Verlaß. Dr. Bruno Borcbarclt. 99. u. 99a. Ab«. Brite I Arn Sonntag, Cac# mttxm ArhoiKt«bmarsch dos dorn 12. Juli:■*=•* Wtsr Mrwas. Fostsugos um 14 Uhr von der Ideal-Siedlung.— Nachmittagsfeler im waidchen.— Berliner VolKschor, Sprechchor der SAI., politische Revue, 4 Orchester, Spielmannssiige, Sport, Spiele, Konzert, Schachwettstreit.— Ausstellung: Das politische Plakat.— SchluDFoier In dar Siedlung, Am Hurelsen mit Huf elsenhelcuchtung. Partelvorsltsender Gen. Hans Vogel halt die Festrede. Festkarte SO Pfg., Erwerbslose 25 Pfg,, Kinder frei, Erdstoß im Rheinland. Aachen, 10. Juli. In der Gegend von Düren. Eschweiler und Aachen hat am Freitagnachmittag eine Anzahl von Personen angeblich einen leichten Erdstoß verspürt, der von einem unterirdischen Rollen begleitet gewesen sein soll. Schäden sind nirgend zu ver- zeichnen. Die einwandfreie Feststellung, ob es sich tatsächlich um ein leichtes Erdbeben gehandelt hat, war bis jetzt nicht möglich, da die Aachener Wetterwarte keine Erdbcbenmcßinstrumcnte besitzt. parieinachrichien für Groß-Nerlin Slafenbunocn für biete Rubrik sind l« c 1 i s SW 63, Slnbcnitrafce 3. stet, an da» gejirf»(cftetorial 2. Hof, 2 Steppen recht», zu richten. Beginn aNer Veranstaltungen 1 9Vj Uhr. sofern keine besondere Zeitangabe! heule, Sonnabend. It. Juli: 14.«rri». 2SH Ahr Nochivorstellung im Mercede-.Pal-st. tfilm:„Da, keimende Leben." Eintritt 15 Ps. Karten sind im Parteibüro, Fulda- sirasie öö/S«, zu haben. 33. Abt. 8. Gruppe FtugblatwerbreiUini, ab 18 Uhr bei Eodenscknnager, Wallstr. 90. 9. Gruppe von 17—19 Uhr bei Reimer, Wilmersdorfer Str. 21. Morgen. Sonnlag. 12. Juli: 4. und 3. st tri«. 1« Uhr Sommrrtest. S-albau Zriebrichahain. Eintritt j# Pf. in». Tanz. Wituiirluni, der olturllen stieinkunftbuhne, Speziali- töten und«asperle. Theater. Die«illett, sind nur von den Abteiiung». iasfierern und Bezirlsfiihrern zu entnehmen. 12. streis. Die Mitglieder besuchen da» Schwimmfrst de» 12. streise, im Argir-Bod, Lichterselde-Biid, um 14 Uhr. 108a. Abt. Wir beteiligen UNS geschlossen an dem Werbefest der Mahlsdorfer Abteilungen in Eangsouei.™,.,. 10». Abt. Wir beteiligen UNS an dem Wald, und Werbefesi der Mahlsdorfer Abteilungen auf der Wiese beim Restaurant Canssouei. Treffpunkt»um gemeinsamen Abmarsch 14 Uhr Bahnhof ffriedrichshage». 117. Abt. 13 Uhr Treffpunkt zum Waldfest und Demonstration nach Mahls. darf am Bahnhof Zle.i-Lichtenberg. 124». Abt. U".»hr treten wir nNe geschlossen am Zeppelinplatz, Bahnhof Mahlodorf, zur Demonstration an. Areunde und Bekannte find mitzubringen. Bezirksausschuß für Arbeiterwohlfahrt. 10.«rri». Treffpunkt zur Besichtigung de- Untersuchungsgefängnisse, am Eonnabend, 2 Uhr, Pankow, stirche. Arbeiksgemeinschaft der kinderfrcunde Groß-Berlin. strei» Reukölln. Am Sonntag Beteiligung am„Fest der Arbeit" in Britz. Alle Falken und Keifer sind am Treffpunkt um 13 Uhr, Hohenzollernplatz, Bergstratze. Falkenkleidung, Wimpel mitbringen. Beteiligung anderer streise rrwiinfcht. Gruppe Treptow: Wir beteiligen uns am Sonntag, 12. Juli, am„Fest der Arbeit" in der Siedlung Britz, Trefspunlt 1 Uhr Elsen- Ecke Plesserstraße. Bringt 30 Pf. Fahrgel» mit. Sterbetafel der Groß- Berliner Partei- Organisation 23. Abt. Unser langjähriger Genosse Karl H o s f m a n n, Kameruner Straße 10, ist nach langem, schwerem Leiden am Sonnabend, 4. Juli, per. florben. Ehre sbinem Andenken. Die Einäscherung hat am Donnerstag ttattgesnnden. 77. Abi. Unser Genosse W. P o I l a ck, Gottzstr. 20. ist oerstorhen. Ehre seinem Andenken. Einäschernng am Montag, 13. Juli, stremotorinm Wilmeredorf. Uni rege Beteiliquno wird gebeten. 130. Abt. Unser langjähriger Genosse Otto Kasten ist an den Folgen einer Operation verstorben. Ehre seinem Andenken. Einäscherung am Sonn- abend, 11. Juli, nachm. 2!h Uhr. Um reg« BeteUigirng wird gebeten. Sozialistische Arbeiterjugend Groß- Berlin oNnsenbungen für diese rRubrif nur an das �uaendsekretarwt. ZVerfw SW 66,-CinbcifTtafi* 9 heule, Sonnabend, 11, Juli: Arnawaldee Platz I: Werbeaktion. 17'/j und 19', 4 Uhr Arnsmalder Platz, Normaluhr.— Falkplatz Ii: Fahrt: Erkner— störitzsee. 20 Uhr Bahnhof Schön- Häuser Allee.— Huma.inplatz: Rodfahrt. 18 Uhr Selmhottzplatz. Unkosten !>» Ps.— Kallesch«« Tor: Feeicnfahrt. 14V. Uhr Stettiner Hauptbahuhos.— stottbusser Tor: 17>,4 Uhr stottbusser Tor, anschließend Fohri.— Renkölln IX: Fnnktionärsitzung, 191h Uhr, Heim.— Süden: 17y2 Uhr„Rote Ecke". Fahrten. ieilnehmer ebendort.— Sieinenasiadt: Morgen 8 Uhr Bahnhof Wernerwerk. Besuch des Friedhofs Stahnsdorf zum Todestag der Een. Tau und Levi. An- schließend Fahrt. Werbebezirk Mitte: Wanderleiterfahrt. 20 Uhr Schlesl. Bhf.. Haupteingang. Werbebezirk Tempelhos: Fahrt nach Berkenbrück. 17 und 20 Uhr Bahnhof Tempelhof. Unkosten iJÖ M. Werbebeziek Renkölln: Sprechchorprob« 10 Uhr, Kanner Straße. Werbebezirk strenzbrrg: Alle Gruppen beieiligen ssch am Sommerfest der Körperbehinderten. 18 Uhr Polizei-Schießplatz Hafenheide. Musikinstrumente mitbringen. Allgemeine Wetterlage. ®w<)ll(enlas.0 heider.Cl halbbedeckt 9 wolkig,• bedecktnRegen�Graupeln r»t=Nebel,liGewiHei;@Win()sMlle Mit der Verfluchung des Tiefs über Schweden hat sich dos Wetter im ganzen Reiche etwas beruhigt. Die Stürme in den Küstengebieten haben nachgelassen, und auch im Binnenlande war es am Freitag weniger unbeständig als am Donnerstag: nur in Norddeutschland kamen noch Schauer, teilweise Gewitter vor. Die Temperaturen stiegen vielfach wieder über 20 Grad empor. Da sich das schwedische Tief weiter verslacht und jetzt auch etwas rascher nach Nordosten abzuwandern beginnt, wird sein Einfluß geringer werden. Trotzdem wird eine Störungslinie, die Freitagabend am Kanal lag, sich mindestens in zeitweise stärkerer Bewölkung bemerk- bar machen. * Welleraussichlen für Berlin. Noch vielfach wolkig und«strich- weise Schauer, mäßig warm bei südwestlichen Winden.— Mr Deutschland. Im Küstengebiet weitere Beruhigung des Wetters, vielfach noch leichte Schauer: im übrigen Deutschland mäßig warm und nur vereinzelt leichter Niederschlag: im Süden vielfach heiter. Ak?'Dra/Je s/a/wzt/e/re/j/e dtßqfBkad' fäv'AlHis DAS CROSSE RUNDE SCHNE EWEISSE SEIFENSTÖCK fcWifi. NOCI Vortrage/Vereine undVersammlungen. Reichsbanner„Schwarz-Rot Gold". Testbäftslilll«: Berlin S> 14, Cebaltianstr. Z7�Z8. Lol Z. Tr Zkinickendors lOrtsvcrein): Die Einäscherung des Kamcraäcn Otto Aasten findet Sonnabend, 14,30 Ustt, statt, Trcffpunlt 14,15 Uhr, Ztrematorium Gerichtstraße, Sonnabend, II, Juli, Ig�jO Uhr, alle Aamcradcn Cchollenkrug zum Werbcabend,— Westersportabteilung, gua Obcrsprce: Sonn- abcird und Sonntaa gemeinsame Lagersahrt mit allen Bundeovcreinen am Er»ssinsce, Wcrnsdorfer Seite, auf der großen Wiese.—«rei» Osten: Sonntag, 13. Juli, Sommerfcst im Lunapark. Eintrittskarten b. d, Funktionären u. gegen Mitgliedskarte an der Kaste. Eintrittskarte im Borvcrkanf 0,30 M.— Areis Westen: Sonntag, 12. Juli, 10 Uhr, Antreten des Jungba. sämtl. Ortsvereine, Pferdemarkt, an der Olnmpiabahn lohne Gepäck).—«reis Tiergarten: Sonn. tag, 12. Juli, 9 Uhr, Dompfcrabfahrt von der Charlottenburger A rücke, Salz- ufcr(nicht Gohkomskybrucke). Karten an der Kasse»n haben. Kartenobrech- nung Sonnabend ab 20 Uhr bei Röstel, Putlitzstraße. Nicht abgerechnete Karten gelten als verkauft!— Schiineberg.Friedenau, Kameradschaft Friedenau: Sonn» tag, 12. Juli,!> llhr, Treffpunkt Slubrnrauchstraße Ecke Kaiscrallce ,um Aus» flug mit Angehörigen nach Albrechts-Teerofen. anläßlich des ciirsährigen Bestehens de» Inngbanners.— Fricbrichshaia(Znngbanner: Montag, 13. Fuli, Pfiichthcimabend im bekannten Jugendheim. Bertrauensleutc müssen er. scheinen.— Arri, 8, Bezirk Bernau: Di« Vereine des Bezirks übersenden so» fort die durch das Ruudüchreiben vom 29. v. Mts. geforderten Meldungen dem Kreisführcr. Montag, 13. Juli, 20,30 Uhr, Vcrsamnilung im Vereinslokal. Arbeiter-Laienspirler-Derband E. B. Geschäftsstelle für Berlin»nd Branden- buvg: H. Kirschke, Berlin-Lichtenberg, Türrschmidtstr. 33. Ortsgruppe 4. „Junge Pioniere", Sonnabend, 11. Zuli, bei Brandis, Stralauer Str. 10, Generalprobe für die Mitwirkung am„Fest der Arbeit" in Britz. Orts- gruppe 1.„Freie Spieltruppe BerNn", Montag, 13. Juli, im Jugendheim, Lortzingstr. 18, Mitgliederversammlung. Ortsgruppe 3.„Drunter und drüber", Mittwoch, 13. Juli, Spiclprobe an bekannter Stelle. Arbeiter.Radio.Bund Deutschland, e. B., Ortsgruppe Berlin: Laboratorium und Sozial« Radiohilfe, Rcichen-berger Str. 30, Hof N r. Sprechstunden: Mon- tag und Freitag ab 18 Uhr.— Ehärlottenburg: Lokal Lehinann, Aönigsweg 8. Freitag, 17. Juli, 20 Uhr, Bauabend.— Friedrichsfclde: Lokal Tempel, Gud- runstr. 7. Montag, 13. IUli, 20 Uhr, Mitgliederversammlung.— Friedrichs. Hain: Lokal Wertalla, Hohenlohestr. 3. Donnerstag, 10. Juli, 20 Uhr, Bau- abend.-- Gesundbrunnen: Lokal Milnzberg, Etcttincr Str. 32. Freitag, 17. Juli, 20 Uhr, Tcchn. Auskunftsabend, Ltg. Gen. Schimorek.— Krcuzberg. Tempelhof: Lokal Thiele, Fürbringerstr. 9. Freitag, 17. Juli, 20 Uhr,„Kraft- Verstärker", Ref. Gen. Lehmann.— Lichtenberg: Lokal Hämmerlcin, Rigaer Straße 30/31. Freitag, 17. Juli, 20 Uhr,„Berechnung eines dynamischen Laut. sprechcrs", Ref. Gen. Voigt.— Ncukölln-Treptow: Lokal Eggers, Kaiser- Friedrich�str. 8. Freitag, 17. Juli, 20 Uhr,„Anpassungsfroge von der End- röhre zum Lautsprecher", Ref. Gen. Kirsch.— Prenzlauer Berg: Lokal Klug, Danziger Str. 71. Dienstag, 14. Juli, fällt aus! Spreewälder Volks- und Trachtenfest. Das im vergangenen Jahre in Betschau im Sprecwald abgc- hallene nieiiOiichc Volks- und Trachtenfest, verbunden mit einem großartigen Trachtcnfestzuge, wird in diesem Jahre in noch größerem Umfange am 2. August wiederholt werden. Die wendischen Trachten ans dem ganzen Spreewaldgebiet werden dazu in Vetschau zusemimcntreffcn und ein malerisches Bild ergeben. Angehörige der Sozialdemokratischen Partei, der Gewerkjchaften, der sozialistischen Kultur- und Sportverbände, die beabsichtigen, eine Spreewaldfahrt zu unternehmen, haben nur nötig, sich mit dem Genossen 2l r l t, R. S8, Krcmmencr Str. 15, in Verbindung zu setzen._ Bonn als Fremdenstadt. Dicht vor den Toren des Siebcngcbiges gelegen, ist Bonn der gc- gcbcne Aufenthalt für den Rheinreisenden. In Bonn als Stand- auartier hat man Gelegenheit, die Vorzüge der Großstadt mit den Freuden und Schönheiten eines Landaufenthaltes zu verbinden. Sau- bcre Fernbahnen bringen uns in Kürze zum Siebengebirge, dem meist besuchtesten Ausflugsgebiet Deutschlands. Königswinter und Honnef grüßen uns am Rhein. Vorortbahnen bringen uns weiter in wenigen Minuten nach Bad Godesberg. Ausflüge ins Siegtal sind bei besten Verbindungen in Kürze zu machen. Nicht zu vergessen das Gebiet der Ahr, der Eifel mit der Hohen Acht und der N ü r b u r g mit der Nürburgrennbahn, dem„Nürburgring". In der Nähe liegt das größte der Eifelmaare, der Lacher See. All diese Punkte sind von Bonn aus mit der elektrischen Fernbahn oder den großen Autobussen der Bonner Verkehrsgesellschaft und anderen Gesellschaften, die auch öfters größere Gesellschaftsfahrten unternehmen, zu erreichen. Einen besonderen Genuß jedoch lassen wir uns nicht entgehen: das ist eine Dampferfahrt in das Gebiet des romantischen Rheines; am Siebengebirge und Rolandseck vorbei, wir grüßen die alten Rheinstädte Remagen, Linz und Andernach. Es folgt Koblenz, die Hauptstadt der Provinz. Hier stehen wir vor schwerer Wahl: ob Lahntal, ob Mosel, ob Rheintal von Koblenz bis Bingen. U b e r a l l i st' s s ch ö n! So bietet Bonn wie kaum eine zweite Stadt am Rhein Gelegenheit zu den herrlichsten Ausflügen, bietet aber selbst als Stätte von Kunst und Wissenschaft des Sehens- werten so viel, daß man unaustilgbare Eindrücke mit in die Heimat bringt. Das ist Bonn: die Fremden- und Gartenstadt! Zwei Ferienfahrlen aus dem Molorkabinenschisf..Baldur". Der Wohlfahrtsausschuß des Betriebsrates im Polizeipräsidium Berlin hat in Gemeinschaft mit der A r b e i t e r w o h l f a h r t des 12. Kreises Steglitz zwei Sechstagcfahrtcn auf dem Motorlabinenschijf „B a l d u r" zu besonders günstigen Bedingungen abgeschlossen. Sämtliche Beamten, Angestellte und Arbeiter des Polizeipräsidiums sind teilnahmcberechtigt. Die Fahrten finden statt: 1. vom 20. bis 25. Juli, kombinierte Fahrt(Erwa6>sene und Kinder): 2. vom 7. bis 12. September nur für Erwachsene. Preise für die Teilnahme: Kombinierte Fahrt l2l1. bis 25. Juli) 18 M. für Erwachsene, 13 M. für Kinder. Mit den angegebenen Preisen sind abgegolten die Fahrt inkl. Uebernochtung(Bett) auf dem Schisf, fünfmal Morgen- und Nachmittagskasfee ohne Zubrot, fünfmal Mittagessen(Ein- tepfgerichte). Für die Erwachsenenfahrt vom 7. bis 12. September 23 M. je Person. Kinder vom 6. bis 14. Lebensjahre können nur an der kombinierten Fahrt(22. bis 25. Juli) teilnehmen. Kinder unter 6 Jahren können im Interesse der übrigen Reiseteilnehmer an den Fahrten nicht teilnehmen. Die Fahrten beginnen jeweils an einem Montag(ly Uhr vormittags). Ausgangspunkt: Span- dau, Lindenufer, pünktlich: Ende Sonnabends, 13 Uhr, Spandau. Erwachsene und Kinder aus anderen Kreisen können sich beteiligen. Anmeldeformulare sind erhältlich bei Herrn Karl Schönwetter. Berlin-Lichterselde, Hindenburgdamm 71, und beim Bezirksaus- schuh für Arbeiterwohlfahrt, Berlin SW. 68, Lindenstr. 3, 2. Hof, 2 Treppen. Meldungen werden bis zum 17. d. M. entgegengenommen. ZtsststKestei' Geschlossen. Abonnements-Einladung für die Spiclieit 1931/32 QroBer Preisabbau, wesentliche Verbesserung einzelner Platzgruppen durch Vorverlegung, sehr bequeme Zahlungsbedingungen. Anmeldungen nehmen in der Zeit von 10 bis 2 Uhr entgegen: für die Sloalooper und das SloatlUbe Sdiantplelhsn«: Abonnem-BBro Oberwallstr.22, Fernsprecher: Merkur 9024, für das Stull. StfiluerUicaker i Abonncm.-Büro: Charlottcnbg, QrolmanstraBe 70, Fernsprecher: Steinplatz 6715. Barbaraita 925» Tlgl. 5 n. Si/zU. H. u. H. William« Lee Gall- Ensemble Ort|. 3 Whlrlwind« Bob Rlpa Calla Brandt aiw. 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Kdfhaus-Holdl Das führende Haus in Regie der Kurverwaltung. Die Klüt der Arbeitsloflgteit. Zn Verlin bereits wieder Zunahm« der Arbeitsuchenden. Während im Reich den ganzen Juni über ein« zwar schleppende, aber doch immerhin noch jühlbare Entlastung des Arbeit,. Marktes mit einem Abgang von 91000 Enverbslosen festzustellen war. geht die Entwicklung in Berlin in entgegengesetzter Richtung, Bereits in der ersten Juniholft« hatte die Reichshauptstadt einen Zar g a n g von 11000 neuen Erwerbslosen zu verzeichnen und nach dem jetzt vorliegenden Bericht für die zweite Monatsholste ist bis zum ZO. Juni der Andrang zu den Berliner Arbeitsamtern um weitere 10 129 Erwerbslose gestiegen. Damit Hot in der chochsaison des Jahres die Erwerbslosigkeit in Berlin den gerade- zu verheerenden Stand von 457 23« Arbeitsuchenden erreicht. Dementsprechend ungünstig war daher auch die Gesamtwirkung im Bereiche des Landesardeitsgmtes Brandenburg(Berlin. Branden- bürg, Grenzmark). Die bessere Lag« bei einzelnen Arbeitsämtern brachte einen Ausgleich mit der Verschlechterung in Berlin nicht zu- stände, so daß sich im Gesamtbezirk de, Landcsarbeitsamtez die Zahl der Arbeitsuchenden um 5194 auf Insgesamt 602 187 Per- s o n e n erhöhte. Bemerkenswert ist die Begründung, die der Bericht des Landes- arbeitsamtes für die Zuspitzung der Lag« gibt. Danach wirkten sich die finanziellen Wirren der vergangenen Wochen in einer Verschärfung der allgemeinen Wirtschaftskrise aus. Außerdem weist der Bericht auf eine weitere Verschlechterung auf dem Arbeitsnmrkt der Metallorbeiter infolge der neuen Konzentration im Lokomotivbau hin. Wir haben mehrfach im„Vorwärts" auf die Stillegungsabsichten de, Siemens- und AEG.-Konzerns. bei Maffei-Schwartzkopff in Wildau und bei Bergmann hingewiesen und es wäre jetzt nach der neuen Warnung dez Landes- arbeitsamtes höchste Zeit, daß sich die Verwattungen der beiden Elektrokonzerne darüber äußern, ob sie sich in der Tat mit der Ab- sicht tragen, die Wildauer und Reinickendorf-Rosenthaler Beleg- schasten als Opfer ihrer Konzentrationspolitik auf die Straß« zu setzen. Reichsbahn befchaffi Arbeit. 50 ovo Zeitarbeiter neueingefiellt. Vit K eichbahn hat auf Grund de» mit der Regierung verein- barten Arbeilsbeschafsung�rogramm» seit dem letzt-n Montag rund 50000 Zeitarbeiter neu eingestellt, di« aus di« Dauer von fünf Monaten, und zwar 40 Stunden In der Woche. mit Erneuerung de, Gleisoberbaue» beschäslig» und nach Ablauf dieses Zeitraumes wieder entlassen werden. Ursprünglich waren für dieses Arbeitsprogramm 200 Mil- lionen Mark in Aussicht genommen worden, für welche Summe 60 000 Arbeiter eingestellt und umfangreich« Mate realliefe. rungen ausgeführt werden sollten. Da aber nur die Holste dieses Betrages, nämlich 100 Millionen Mark aufgebracht wurde. hat sich die Zahl der einzustellenden Lrbeiter auf 50 000 verringert, während der Hauptanteil de« Aussalle» auf Kosten der Materiallieferungen gaht. vi« neueingestellten Arbeiter werden«nsgtefomt annähernd 2000 Kilometer Gleisoberbau zu erneuern bz«. ouszubessern haben, und zwar sind an diesen Arbeiten all« Reichsbahndirettionsbezirt« ungefähr gleichmäßig beteiligt. s Mussolini hatte um den Brief gebeten! Zvr Voraeschichie des Schreibens VnjninHs. Der Brief de» Reichskanzler» an Mussolini, den wir dieser Tag« wegen feines Inhalte» kritisierten, hat ein« merk- würdige Dorgefchichte. Wie der..Sogiäldemokratifche Pressedienst" au, diplomatischen Kreisen erfährt. Hot Mussolini um diese« Brief dringend gebeten. Er beruht nicht aus die Initiativ« der Reichsregierung, sondern wurde auf ausdrückliche? Ersuchen der italienischen Regie- rung geschrieben. Der italienische Botschaster in Berlin hat dieses Ersuchen übermitelt und hinzugefügt, daß Musiolini angesichts der Dankeseoklärungen des Reichspräsidenten und der Reichsregierung an den amerikanischen Staatspräsidenten eben- falls ein« entsprechende Erklärung wünsche und dafür außer- ordentlich dankbar sein würde. Der Ruhm Höver, hat Herrn Musso- lini nicht schlafen lassen. So wurde er zu seinem eigenen Reklame- ch e f und die Reichsregierung tat, was sie nicht zu tun brauchte, sie schrieb einen Brief, dessen Inhalt nicht nur innerhalb der Sozial- demokratie, sondern auch im Zentrumslagcr kritisiert worden ist. Warum diese bestellte Arbeit und warum die Kritik auch im Zentrumslager? Run, weil der Brief mit seinem über» flüssigen und überschwenglichen Lob ausgerechnet in jenem Augen- blick geschrieben wurde, in dem zwischen Mussolini und dem Vatikan ein erbitterter Kampf tobt. Das erklärt schließlich auch, warum Mussolini den von dem k a t h o- lisch en Reichskanzler unterzeichneten Brief dringend benötigt«. Tragödie eines Südtiroler Führers. Innsbruck, 10. Juli.(Eigenbericht.) Auf österreichischem Boden in der Näh« de» 3050 Meter hohen Hochjoch(Oetztaler Alpen) wurde die Leiche de» Meraner Rechts- anwalte» Dr. Luchner gefunden. Luchner war«in Führer de» Deutschtums in Südtirol, nachdem er früher als Abgeordneter dem Wiener Rationalrat und dem Tiroler Landtag angehört hatte. Durch die angeordnet« Einführung der italienischen Sprach« als ausschließliche Gerichtssprache in d«m rein deutschen Südtirol wurde Ihm wie in den meisten seiner eingesessenen Kollegen die Ausübung des Anwaltsberufes praktisch unmöglich ge- macht. Trotzdem verweigerte ihm die faschistische Regierung die Ausreiseerlaubnis. Um dem völligen Ruin zu entgehen. flüchtete er heimlich über das Hachjoch, doch war sein Herz den Anstrengungen dieser Flucht nicht gewachjen und er st a r b kurz nach Ueberschreitung der Grenze auf österreichischem Boden an Herz- schlag. Luchner wurde das Opfer des Regimes Musiolinis. für das sich die Rationalsozialisten begeistern und dem der deutsche Reichskanzler erst dieser Tag« sein- Reverenz erwiesen hat. h. Shipsteod. Senator von Miamsola. der eiiuigc Vertreter der Farmer im amerikanischen Senat, ist zu einem Besuche in Berlin eingetroffen. Der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände und di« Ver- «inlgung Carl Schurz veranstalteten aus diesem Anlaß ein Frühstück im Haus der Deutschen Press«, an dem u. a. der amerikanische Bot- schaiter Sackett und der Generalkonsul Messersmith, von deutscher Seite_ii- a. Generalkonsul von Lewinsti, Reichsgcrichtsrat o. D. Dr. Simons teilnahmen. Shipstead stellt seit Jahren im clnerikanilchen Senat den Antrag, die Behauptung von der alleinigen AriegslÄuld Deutschlands, die die moralische Bast» der un- geheuerlichen„Reparationen" darstallt, darch ein« unparteilich« HGachterhmu-mffwa uachpyq« M lab«. Schloß Pleitegeierhorst. LKHUSEh Ilordwolle- Lahusen, Schloßherr auf Hohehorst:»Nun habe ich zwölf Marmorbadezimmer eingebaut, und dieses Biest verdreckt mir die ganze Fassade!" Stahlhelm proklamiert. Worte dröhnen— Begriffe fehlen. Wenn alle anderen Gewerbe daniederliegen, dann blüht in Deutschland stets e i n Berufszweig auf: die Fabrikation von Wortsalaten. In ihr führend zu bleiben, ist der Ehrgeiz der Firma Seldte und Dü st erber g. Liest man den neuen Aufruf, den sie im Namen des Stahlhelms erlassen hat, dann fragt man mit Entsetzen nach dem politischen Bildungszustand der Volksschichten, denen man einen so gehäuften Unsinn zumuten kann. Da wird zunächst auseinandergesetzt, daß die Hoover- Aktion ihren Zweck nicht erreicht habe, weil-- nicht etwa weil infolge des Versagens der k o p i t a l i st i s ch e n Wirt- schastsführung die Krise schon zu weit fortgeschritten ist, sondern weil die im Banne der deutsch-französi- schen Verständigungspolitik stehenden deutschen Machthaber den„G r u n d o« d a n ke n de» amerika- nischen Prä s i d e n t e n" nicht ausgeführt hätten. Als ob Herr fjoöper etwa darauf ausgegangen wäre, ge- meinsam mit einer deutschen Gtahlhelmregierung Emkrei- sungspolitit gegen Frankreich zu spielen! Im nächsten Absatz wird gegen die„Fronvägte des inter- nationalen Kapitals" getobt— eine sehr marxistische Wendung! um gleich darauf die„marxistische" Sozialdemo- kratie zu beschuldigen, si« bereite diesen„Fronvögten de? internationalen Kapitalismus" den Weg. Der„Marxismus", so wird im dritten Absatz expliziert sei„in seiner pazifistischen Knechtseligteit ein erbitterter Feind jedes nationalen Freiheitswillens". Und der vierte Absatz setzt dem Ganzen die Krone auf, indem er versichert,.chie Ver- elendung des deutschen Volkes hätte vermieden werden können, wenn er vor zwei Iahren dem Rufe der nationalen Opposition zum Kampfe gegen den Toung-Plan gefolgt wäre". Dann hätten wir nämlich den Dawes-Plan behalten und hätten herrlich und in Freuden gelebt... Im übrigen: Kampf gegen den Marxismus? Ist Herr L a h u s e n etwa Marxist? Der Stahlhelmaufruf ist ein Wortgedröhn ohne Sinn. Darauf beruht wohl auch die Wirkung, die er auf den ge- daukenlosesten Teil des deutschen Volkes ausüben wird. Alfred, wo bist du? Goebbels versteckt Hugenberg. Die offiziell« Meldung über die Hugenberg-Hitler-Konferenz in Berlin begann folgendermaßen: „Gestern, Donnerstag, den 9. Juli, fand in Berlin in An- Wesenheit von Dr. Hugenberg und Adolf Hitler eine To- gung der Vertreter der nationalen Opposition statt... Der„Angriff" de» Herrn Goebbels, obwohl auch zur„nationalen Opposition" gehörend, bringt diesen Wortlaut nicht, sondern druckt eine eigene Notiz ab, die lautet: Die Führer der nationalen Opposition, darunter Adolf Hit- l e r, Pg. Dr. F r i ck und Pg. Hptm. G ö r i n g, versammelten sich gestern in Berlin. Es wurden eine Reihe weittragender, grundsätzlicher Beschlüsse gefaßt, die im Kampf um den Volks- entscheid und darüber hinaus für die zu erwartenden polt- tischen Auseinandersetzungen im Herbst und Winter richtung- weisend sein werden. Zunächst staunt man, weil unter den Nomen der Führer der de» Herrn Goebbels selber fehlt. Nun weih zwar die Welt, daß die ausgeprägtesten Eigenschaften de» Herrn Goebels persönlich« Be- scheidenheit und Abneigung gegen olle Selbstreklame sind. Doch die, allein dürfte den„Angriff" kaum veranlaßt hoben, den Namen seine« Leiters fortzulassen, falls er dabei gewesen sein sollte. Weit auf- fälliger ober ist, daß im„Angriff" der Name des deutsch- nationalen Führer» Hugevberg fehlt, der doch ganz bestimmt dabei war. Anscheinend ist es Herrn Goebbels unstjm- pathisch. di« eng« Verbindung einer„sozialen Arbeiterpartei" mft dem deutschnationolen Großindustrielllen und Konzerngewaltizen offen vor seinen Anhängern«inzu- gestehen. Es gibt vielleicht unter den SA.-Leutcn mit zerrissenen Schuhen noch einige, die nicht erfahren dürfen, daß ihre Tätigkeit von dem Kapitalisten Hugenberg dirigiert wind, wie sie auch den Namen L a h U s e n nicht erfahren dürfen. Sollte da» nicht am Ende auch der Grund der Bescheidenheit sein, mit der Herr Goebbels in diesem Falle darauf verzichtet, selber unter den Führern der nationalen Bewegung g e n a n n t zu werden?! Schärfere Maßnahmen in Bayern. llnifonn- und llmzugsverbot für dos ganze Land. Zllünchen. 10. Juli.(Eigenbericht.) Der bayerische Innenminister hat nunmehr mit Zustimmung des Ministerrats für ganz Bayern einschließlich der Pfalz ein allgemeines Umzugsverbot und ein oll- gemeines Uniformverbot erlassen. In dos Verbot ein- geschlossen sind alle politischen Versammlungen unter freiem Himmel einschließlich der Umzüge und Propogandafohrten. Das Verbot de» Tragens einheitlicher Kleidung gilt für alle politischen Vereinigungen und selbstverständlich auch für Einzelpersonen. Dagegen ist da» Tragen politischer Abzeichen in der Form von sogenonnten Bundes- nadeln in der bisher üblichen Weise gestattet, verboten sind aber Armbinden und dergleichen. Die Anordnung, die sich auf den Artikel 123 der Reichsversassung und auf den sj 8 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. März stützt, tritt sofort in Krast. Si« ist zunächst befristet bis 30. September d. I. Di« Verfassungsfeiern am 11. August fallen nicht unter die Anordnung. Ihre Durchführung wird durch ein« besondere Verfügung geregelt. SchlußiagungdespreußischenLandiags Wiedereinberufung am LZ. Oktober. Im weiteren Verlauf der gestrigen Londtagssitzung wird unter Ablehnung weitergehender Anträge ein Ausschußantrag angenom- men, der zur Entlastung leistungsschwacher Schul- v e r b ä n d c mit Wirkung vom 1. Juli 1931 das Beschulungsgeld auf 3,36 Mark und den Schulstellenbeitrag auf 314 Mark festsetzen will. In der Debatte darüber ersucht Finanzminister Dr. Höpker- As ch v f f den Antrag abzulehnen, während sich Abg. S z i l l a t (Soz.) für den Houptausschußantrag einsetzt. In ver Aussprache über die Anträge des Hauptausschusses, die Mittel zur Hilfeleistung für Unwetterschäden in den verschiedensten Gebieten bereitstellen wollen, setzt sich Abg. Schröder-Ostcrode (Soz.) besonders für den durch Unwetter verwüsteten Bezirk Hann.- Münden ein.— Die Ausjchßanträg« werden angenommen. Ebenso wird ein Antrag des Beamtenausschusse» angenommen, der Ablehnung des Hauptausschußbeschlusie» fordert, die Altersgrenze der Richter von 65. auf da» 68. Lebensjahr heraufzusetzen. Endlich wird noch ein Antrag des Rechtsausschusie» angenommen, der Einwirkung auf das Reich oerlangt, die Wiederaufnahme- bedingungen eine» Strafverfahren» dahin abzuändern, daß die Nachprüfung eine» angegnsfencn Urteils nicht durch diejenigen Richter erfolge» darf, die das llrterj gefällt haben, Hierauf vertagt Vizepräsident Baumhoff mit den besten Wün- schen für gut« Ferien den Landtag auf den 13. Oktober, 1 Uhr. Die Festsetzung der Tagesordnung erfolgt durch den Präsidenten. DI« Streikwelle in Spanien. In Barcelona ist der General- streik der Telegraphen- und Telephonarbeiter und-angestellten ausgebrochen. Das Haupttelegraphenamt wird von Gendarmerie bewacht. In Madrid sind alle strategisch wichtigen Punkte der Stadt militärisch besetzt worden, weil man dort gleichfalls mit dem Streik des Telegraphen- und T-lephonpersonals und mit Unruhen rechnet._____ Oer Mädchenmord im Grunewald. Der Stiefvater verschwunden. Zm verlause der welkeren Ermittlungen wurde seitens der Mordkomisiioa festgestellt, daß die Gerda Sa lisch am gestri- ge« Abend etwa gegen 10 Uhr mit ihrem Stiefvater einen Land- ausflog unternommen hat. Der Stiefvater ist bis jetzt noch nicht in seine Wohnung zurückgekehrt. Da die Mordkommission seiner Aussagen zur weitere» Klärung dringend bedarf, fahndet sie zur Zeit nach ihm. Der Mann ist über mittelgroß und mar bekleidet mit einer schottisch-karierten Mütze. einem karierten Zackekt. blauem Pullover, Manchesterhose und Zahrradfkiesel. ___________ � j«ch««ch Me SvstaM Die sozialen Die breite Oeffentlichkeit und weite Teile der Anhänger der medernen Arbeiterbewegung sind kaum genügend von der ausgezeickz- neten Entwicklung der deutschen Bauhüttcnbewcgung unter- richtet. In stiller und emsiger Arbeit hat sich mitten in der privat- kapitalistischen Wirtschaft ein Zweig sozialistischer Gemcinwirtschast entwickelt, auf den wir gerade in der Zeit politischer und sozialer Rückschläge st o l z sein können. Die sozialen Baubetriebe sind uns ein Beweis., daß die Idee der Gemeinwirtschaft lebt, daß verheißungsvolle Ansätze zum Sozialismus vorhanden sind. Wie gut sich die Bauhüttenbewegung entwickelt hat, davon be- kommen wir einen Begriff bei einem Besuch der Abteilung„D i e treten Gewerkschaften und ihre Betriebe" in der Deutschen Bau- Ausstellung in Berlin. Der Verband sozialer Baubetriebe wurde am 16. September 1920, also in einer wirtschaftlich schweren Zeit gegründet. Die freien Ge- werkschaften, die die Gründung vollzogen, besaßen den Mut dazu, weil sie wußten, daß ihnen und ihrer wirtschaftlichen Auffassung die Zukunft gehört. So sind in vielen Orten und Bezirken soziale Baubetriebe entstanden, die heute nicht mehr aus der Bauwirtschäft fortzudcnken sind. Die Aufgabe des Verbandes sozialer Baubetriebe ist: Die Gründung und Förderung sozialer Baubetriebe sowie deren Vcr- tretung gegenüber den gesetzgebenden Körperschaften, Behörden und wirtschaftlichen Organisationen. Die sozialen Baubetriebe pflegen die wirtschaftliche Betriebsführung, Erprobung und Vervollkommnung der Bauweisen und Arbeitsmethoden, zugleich fördern sie planmäßig die Ausbildung der beruflichen Fähigkeiten ihrer Angestellten und Arbeiter. Die sozialen Baubetriebe versuchen, der Arbeil und Produktion neuen Geist einzuhauchen. Natürlich können sie mitten in der privatkapitalistischen Wirtschaft nicht schon heute nur noch sozialistischen Grundsätzen arbeiten, ober sie sind die natürlichen Erben einer Wirtschaftsordnung, die keine Existenzberechtigung mehr hat. Der Privatunternehmer kennt nur ein Ziel: Den Profit! Die Bauhüten ober wissen, daß es im menschlichen Leben und in der täglichen Arbeit noch andere Dinge Baubetriebe. gibt, die erstrebenswert sind. So können die Bauhütten in ihrer Ausstellung heute schon feststellen: Die Bauhütten sprengten die llnternehmerringe mit ihren nur privaten Znlercssen. Groß und machtvoll steht in der Ausstellung zu lesen: Die Bauhütten sprengten die Unternehmerringe,' weil die sozialen Bau- betriebe k e in e persönlichen und privaten Interessen verfolgen. Sie sind auf das allgemein« Wohl bedacht! Stolz und selbstbewußt heißt es in der Ausstellung: „Die deutschen Bauhütten sind Dirlschastsbekriebe der freien Gewerkschaften. Ihre Ausgabe ist verbilligung des Bauens, Bekämpfung der Wohnungsnot, Hebung der Wohnungskultur." Dieser Zweig der Gemeinwirtschaft wird sich machtvoll ent- wickeln, wenn wir die Krise von heute überwunden haben. In Deutschland gibt es heute schon 130 Betriebe, die dem Vorband sozialer Baubetriebe angeschlossen sind. Im Jahre 1923 beschäftigten die Betriebe durchschnittlich 12 000 Menschen, die höchstzahl der Bc- schäftigtcn berug 20 000, der Umsatz etwa 40 Millionen Mark. Im Jahre 1929 beschäftigten die Betriebe durchschnittlich IS 500 Menschen, die höchstzahl der Beschäftigten betrug 29 300 und der Umsatz schon 137 Millionen Mark. Wo gibt es in Deutschland noch einen ähnlichen Baubetrieb mit derartigem Umfang? Dabei steht die Bouhüttenbewegung noch in ihren Anfängen! Sie wird bald zu einem gewaltigen Faktor in der deutschen Wirtschaft werden. Ihre Gesamtproduktion erreichte schon jetzt über 100 000 Wohnungen — das entspricht— wie die Ausstellung graphisch darstellt— einem Zehntel der W e l t st a d t B e r l i n. Ueber 20 Millionen Kubikmeter umbauten Raum haben die Bauhütten in dem Jahrzehnt ihres Bc- stehen? geschaffen. Es ist ein gewaltiges Werk, das sich in der deutschen Bauhüttenbewegung entwickelt hat. Das gerade in dieser trüben Zeit zu erkennen, gibt neuen Auftrieb und Ansporn für die g c m e i n s a m e S a ch e c i n z u- treten, sie zu verteidigen und für sie zu arbeiten! Sache der Organisationen und Gewerkschafter an den einzelnen Orten muß es sein, ihre Betriebe auf allen Gebieten tat- kräftig zu unter st ützen. Ausklang der Kabrikaröeiter-Tagung. August Brey tritt in den Ruhestand. München, 10. Juli.(Eigenbericht.) Am Freitag ging der Münchcner Vcrbandstog der Fabrikar- beiter nach scchstägigcr Dauer im Zeichen großer Einmütigkeit und Kampfentschlossenheit zu Ende. Der letzte Tag brachte noch zwei Vortröge: einen von dem Verbandsvorsitzenden T h i e m i g über den bevorstehenden Gewerkschaftskongreß in Frankfurt a. M. und einen von Frau Jammert über die Agitation unter den Frauen. Thiemig betonte, der Gewerkschaftskongreß in Frankfurt a. M. werde Eingehend zur deutschen Wirtschaftspolitik Stellung nehmen.— Unter den zahlreichen, meist mit erdrückender Mehrheit gefaßten Beschlüssen verdient besondere Erwähnung der zur Arbeitslosen unter- st ü tz u n g des Verbandes. Die Bezugszeit der Unterstützung wurde teilweise erweitert. Der Verband hat über 15 000 ZnvaUden zu unterstützen, mit monatlich über IKOOOO Mark. Durch Beschluß wurden die bisherigen Bezüge gesichert. Zum Schluß nahm der Verbandstag Abschied van seinem Führer August Brey. Bren mußte infolge seines Alters und seiner geschwächten Gesundheit zurücktreten. Er hat den Verband vor 41 Jahren gegründet und ist seit dieser Zeit sein zielbewußter und erfolgreicher Vorsitzender gewesen. Mit bewegten Worten legte der alte Kämpfer sein Amt nieder; er appellierte an die Jugend, aus- zuHarren in dem schweren Kampf. Emil Girbig trat ebenfalls infolge feines Alters in den Ruhestand. Er war vom Tage der Gründung des Glasarbeiter- Verbandes bis zum Jahre 1926 nach erfolgter Verschmelzung dessen Vorsitzender irnö zuletzt Sachberatcr im Keramischen Bund. Auch Girbig richtete einen Zlppcll an die jungen Kampfgefährten. In herzlichen Worten bekundete der Verbandstag den treuen Kampf- geführten seine große Liebe und Anhänglichkeit. Ein Vertreter der Internationale tat das gleiche für die Internationale Ver- einigung der Fabrikarbeiterverbände. Ein Glasarbeiter aus dem schlesischen Glashüttengebiet von Glatz überbrachte den scheidenden Führer zwei kunstvoll geschliffene Kristallpokale zum Andenken. Breys Platz wurde nicht mehr besetzt. Thiemig und Karl bleiben weiterhin Vorsitzende. Ihnen wurde als Sekretär Beider(Heilbronn) beigegeben. Im übrigen wurde die gesamte Vorstondschaft mit allen gegen eine Stimme wieder- gewählt. Der nächste Verbandstag wird 1934 in Breslau ab- gehalten. Gute Betriebsratewahl! Bei der preußischen Wasserbauverwaltung. Die Bctriebsrätewahlen bei der Preußischeil Wosserbauverwal- tung brachten den freien Gewerkschaften einen vollen Erfolg. Von 2624 gültigen Arbciterstimmen entfielen auf die Vorschlagsliste der freien Gewerkschaften 2216 oder 84.5 Proz.. aus die Liste der Christen 408 oder 15,5 Proz. Von den 280 gültigen Ange- st e l l t e n st i m m c n wurden für die f r e i g e w c r k s ch a f t l i ch e Liste 191 oder 68,2 Proz. und für die Christen 89 oder 31,8 Proz. abgegeben. Sämtliche 5 Arbeiterfitzc und die beiden Angestelltensitze des Hauptbetriebsrots sollen den freien Ge- werkschaften zu. Die„revolutionären" kommunistischen Maulhelden hatten nicht den Mut, auch nur bei einer der mehr als 100 zählenden Dienststellen eine besondere Vorschlagsliste für den örtlichen Betriebsrat einzu- reichen. Arbeiiskammerwahlen im Ruhrbergbau Essen. 10. Juli. Noch den bis jetzt vorliegenden Ergebnissen aus 216 von 412 Stimmbezirken erhielten bei den Wahlen zur Arbeitskommcr für den Ruhrbergbou die einzelnen Parteien folgende Stimmen: Verband der vergbauindustriearbeiter Deutschlands 38 083 Gewerknsr- ein Christlicher Bergarbeiter Deutschlands 30 286, Kommunisten 29 1L1 und Gelt« 7S14. In Hannover herrscht Ordnung. Sie Gegner der sreien Gewerkschaften abgefallen. Bei den Betricbsrätewahlen in der Mctallindu- strie des Bezirks Hannover erlitten, wie aus dem jetzt vorliegenden Gesamtergebnis hervorgeht, die Gewerkschafts- feinde eine vernichtende Niederlage. Die sreien Gewerkschaften erhielten 59 Mandate, die Christen 13, die NGO. 15, die Gelben 7 und die Nazis 4 Mandate. Das Wahlergebnis beweist, daß alle Parolen der Kommu- nisten, olle Verdächtigungen der Nazis und alle finanziellen Unter- ftützungen der Gelben durch die. Unternehmer die Position der sreien Gewerkschaften nicht brechen konnten. Angestellte und Zechenverband. Dcrhandwngen ergebnislos.- Oer Schlichter angerufen. Essen. 10. Juli.(Eigenbericht.) Die Porteiverhandlungen im Gehalts- und Monteltarifstreit der techrrschen Angestellten des Ruhrbergbaues am Freitag in Essen verliefen ergebnislos. Die Schlichtungsverhandlungcn wurden auf den 17. Juli anberaumt. Die Unternehmer zeigten sich vollkommen starrköpfig. Sie be- standen auf ihre Forderungen zur Selbstkostensenkung und lehnten alle Wünsche der Angestellten auf Verbesserung des Rahmentarifs glatt ob. Die Butab-Vertreter betonten, daß infolge des Ianuor-Abbaues und der Prämienfenkung die Gehälter im Ruhr- bergbou sich aus der gleichen Höhe bewegen wie in anderen In- dustrien und unter diesen Umständen eine Verlängerung der Tarife hätte erwartet werden können. Praktisch sei jetzt bereits ein Ge- Haltsabbau van l6 Proz. vollzogen. Di« Unternehmer wollen den Angestellten durch Aenderungen im Manteltarif zum Stundenlöhner herabdrücken; auf nichts anderes läuft ihre Forderung noch automatischer Gehalts- änderung bei Arbeitszeitverkürzung hinaus. Erhöhung der psändungsgrenze! Berücksichtigung der Lohn- und Gehaltskürzungen. Die furchtbaren wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben es mit sich gebrocht, daß die Zahl der Pfändungen in stetigem Steigen bc- griffen sind. Besonders betroffen werden natürlich die Arbeitnehmer, deren Löhne und Gehälter in einer Weise abgebaut worden sind, teilweise trotz Tarifvertrag durch die Notverordnung, wie es nicht vorauszusehen war. Dos hat jedoch verschiedene Unternehmer- verbände keineswegs gehindert, gerade jetzt vom Reichsjustiz- Ministerium zu verlangen, den psändnngssreicn Betrag von der Lohn- oder Gehaltssumme niedriger anzusehen. Die bisherige Ver- ordnung über die L)öhe des pfändungsfreien Betrages für Lohn- und Gehaltsempfänger läuft im Dezember dieses Jahres ab. Pfändungsfrei find zur Zeit für den Ledigen 105 Mark monatlich und von dem darüber hinausgehenden Betrag ein Drittel: für die Verheirateten oder Sorgeverpflichtetcn ebenfalls 195 Mark, jedoch für jeden zu unterhaltenden Angehörigen außer dem Drittel des überschießenden Betrages noch ein weiteres Sechstel, zusamnien nicht mehr als zwei Drittel des Gesamtbetrages. In dieser Sache wurde bereits mit Vertretern des Handels, Ge- wcrbes und der Berufe verhandelt. Während die Unternehmer eine Herabsetzung der Pfändungs- grenze fordern, haben die freien Ge werkschaften ihre her- aufsehung beantragt. Daß durch die unvorhergesehenen starken Lohn- und Gehaltskürzungen Zahlungsstockungen eintreten würden, war unschwer vorauszusehen. Viele Arbeiter und Angestellte haben Waren auf Abzahlung gekauft und können nunmehr schwer oder überhaupt nicht mehr ihren eingegangenen Verpflichtungen noch- kommen, die sie auf Grund ihres ungekürzten Einkommens über- nommen hoben und erfüllen kannten. Ganz zu schweigen von all denjenigen, die im Hinblick auf ihr Einkommen lieubauwohnungen gemietet hoben und nun nicht ein noch aus wssscn. Die täglichen Exmittierungen sprechen die deutlichste Sprache. Eine Herabsetzung der Pfündungsgrenze würde weiter nichts be- deuten, als daß die Zadl der Pfändungen ins llncrmchüche wächst, daß auf Jahre hinaus heut« vielleicht noch Kaufkräftige infolge der Pfändungen nicht mehr imstande find, auch mn? die geringste nok, wendige Anschaffung zu machen. Statt einer Belebung des Ins landsmarktes käme das einer völligen Abdrosselung gleich, die fül! Handel und Gewerbe sicherlich nicht förderlich ist. Die Herabsetzung der Pfändungsgrenze bedeutete eine wettere Schwächung der Kaufkraft der Konsumenten. Weit notwendiger wäre, durch einen gesetzgeberischen Akt die Verpflichtungen der unverschuldet in Verzug geratenen Schuldner auf eine erträgliche' Ruckzahlung zu bringen, die gesetzliche Grundlage für die Abzoh- lung entsprechend zu ändern. Es wäre geradezu ein Verbrechen an den durch Lohn- und Ge- Haltsabbau betroffenen Arbeitnchmerexiftenzcn, einschließlich dcp unteren Beamten, jetzt noch obendrein die Pfändungsgrenze zu vcr« kürzen, anstatt sie weiter auszudehnen. Müssen Gchwerbeschädigie aussehen? Mit der Frage, ob der Unternehmer berechtigt ist. ohne die Zu- stimnmng der Hauptfürsorgestelle Schwerkriegsbeschädigte mit der Arbeit aussetzen zu lassen, hatte sich kürzlich das Reichsarbeitsgcncht zu befassen. Die Kläger waren bei der Firma Sensch in Berlin be- schäftigt. Im März 1930 hat die Beklagte die Kläger zweimal je einen Tag niit der Arbeit aussetzen lassen. Die Kläger hallen das jllr unrechtmäßig, weil es der Zustimmung der Hauptfürsorgestelle bedurft habe und diese nicht eingeholl sei, und weil ferner die Beklagte an den beiden Tagen die Kurzarbett gar nicht allgemein durchgeführk, sondern nur die Kläger wegen ihrer geringeren Leistungsfähigkeit habe aussetzen lassen. Die Kläger verlangen Nachzahlung des Lohnes für die beiden Tage. Das Londesarbettsgericht Berlin hat der klage stattgegebeu. Die Beklagte habe ohne Zustimmung der Hauptfürsorgestelle die Kläger nicht kurzarbeiten lassen dürfen. Auch eine Arbeitsaussctzung kam für die beiden Schwerbeschädigten nicht in Frage. Gegen dieses Urteil hat die beklagte Firma Revision eingelegt. Das Rcichsarbeitsgericht schloß sich der Urteilsbegründung der vor- instanzlichen Entscheidung an, hob ober die Sache betr. Feststellung des Lohnes auf, so daß sich das Landcsarbeitsgericht nochmals mit diesem Rechtsstreit beschäftigen wird. Deutsche Eisenbahner für Rußland gesucht. Weshalb gehen die RGO.-Leute nicht hin? Bei den guten Verbindungen der kommunistischen Betriebsräte bei der Reichsbahn und ihrem RGO.-Anhang mit der Berliner Moskaufilialc müßte es eine Kleinigkeit sein, so viele REO.- Eisenbahner, wie in Sowjetrußland gesucht werden, dorthin zu dirigieren, direkt ins Arbciterparadies. Merkwürdig berührt es daher die Eisenbahner, daß die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer es ist, und mit ihr andere nichtkommu- nistifche Eisenbahncrorganisationcn, die sich zur Vermittlung von Facharbeitern und Spezialisten, wie Lokomotivführer, Loloiiiotiv- schlasser, Facharbeiter für Wcrkstättenwcscn, Bahnuntcrhaltungs- arbciter und Spezialisten im Fernmeldc- und Sicherungswesen, bc- reit erklären. Solche Kräfte sollen hauptsächlich zur Anlernung des russischen Eiscnbahnpersonals Verwendung finden. Nach den Anschlägen der genannten Gewerkschaft auf den Dienst- stellen sollen die anzuwerbenden deutschen Eisenbahner sich auf drei Jahr« verpflichten. Erfüllt der Arbeitnehmer die ihm durch den Ver- trag auferlegten Verpflichtungen nicht, so kann der Arbeitgeber(die russische Regierung) den Vertrag mit zweiwöchiger Frist aus- heben, wobei weder Abgangsentschädlgüng noch Rückreisekosten gezahlt werden. Für die deutschen Eisenbahner sollen besondere Speziolhäuscr zu ihrer Unterbringung bereitgestellt sein. Die Verpflegung soll in Gemeinschaftsküchen erfolgen. Den Eisenbohnern, die Luft haben, dem russischen Angebot zu folgen— dem Einheitsverband der Eisenbahner ist es nicht gemeldet morden—, wäre zu empfehlen, erst abzuwarten, was die„rcvolu- tianärcn" Eisenbahner und ihre Betriebsräte tun. Gehen sie mit gutem Beispiel voran und machen gute Ersohrungcn, dann könnten sie es sich immer noch überlegen, ob sie ebenfalls in russische Dienste treten wollen. Erst aber die REO.- Eisenbahner an die russisch cFront. „Streikwelle" in Spanien. Was ist Regung und was ist Mache? Aus den Erfahrungen der ersten Nachkriegszeit in Deutschland kann man sich ungefähr ein Bild machen, wie es in Spanien nach der Ucbcrwindung der Diktatur-Monarchie, der Einführung der Republik, zugehen mag. Lange Zeit unterdrückte Arbeitcrschichtc» haben zweifellos den Drang, ihre Arbeitsvcrhäli- nisse jetzt besser zu gestalten, obgleich nicht mit einem Schlage nach- geholt werden kann, was in vielen Jahren unerreichbar war. Hinzu kommt, daß die Feinde der jungen Republik nichts unversucht lassen, dem neuen Regime alle erdenklichen Schwierigkeiten zu bereiten. Auch die Weltreootutionäre sind mit am Werk, die Arbeiterschast zu entzweien, um sie zu beherrschen suchen. Die Streikberichte aus Spanien, die für das Ausland bestimmt sind, müssen nach allem mit einiger Vorsicht aufgenommen werden. Von der„Streikwelle in Spanien" berichtet die TU. aus Madrid, daß der Streik der Fcrnsprecharbeiter eine weitere Verschärfung erfahren habe. Die Syndikalisten drohten sür Montag mit der Zlusrufuitg des Generalstreiks sämt- licher Syndikate Spaniens, falls die Forderungen der Fernfprech- arbeiter nicht bewilligt werden. Am Freitag seien die Arveiter der mit der Telephangejellschaft verbundenen Matcrialfobrik Standard in den Sympathiestreik getreten. In syndikalistischen Versamm- lungen in Madrid forderten die Redner zum Kamps gegen den. amerikanischen Kapitalismus auf. Aus Bilbao wird berichtet, daß die streikenden Jnbuftrie- arbciter gedroht hätten, sämtliche Hochofen auszublasen. Der erste Hochofen sei bereits gelöscht worden. # Freie Gewerkschafts-Iuaenö Berlin Iugcwdgruppe de» Sesamt-crba-dc«: ffdlirt nach»cm Pogcnsee. Steffen um 18 Uhr, Elugan ff Stcltinct Vorort bahn hos. Iugendgruppe des Zentralverbandes der Angestellten Lpiclc im Frcicn ab Ig Uhr auf dem Eporlplah Humdoldthain und im Schillcrparl Bcrantwortlich für Politik: Victor Schiff: Wirtschaft: 9. Älingelhöscr: Zewerkschaftsbeweauna: Kri-dr. Ehkori,: sseuilleion:®i. John Schtkowoki: So lote» und Eonstiffes: isritz StacftäU; änjeiffen: Th. K locke i sämtlich in Berlin. Berlaff: Vorwärts-Berlaff®. m. b. H.. Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerel „nd Berlassanstolt Paul Sinaet u. Co. Berlin EW. 88, Lindenstrahe 8 Ki«r,u 5 Beilage». 'Moftttld..rhü,., fenHU den Raucherkatarrh, reinigt den Atem