BERLIN Mittag 20. 3uli 1931 10 Pf. Nr. 334 B 167 48. Jahrgang Srsch eint täglich außer Sonntag«. Zugleich Abendausgabe de« �Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 8b Pf. pro Woche,»,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW 68, Lindenstr.» Fernsprecher: Dönhoff CA T) 292—297 SficUaubQaße dßh$ofWwtib Auzeigenprei«: Die eiospaltigeNonpareMezeile 86 Pf., Reklamezeile s M. Ermäßigungen nach Tarif. PoKscheckkvntvt Dorwarts-Verlag G.m.b.H.. Berlin Nr. L7 S36.— Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vori Bon Paris nach London Keine Erschwerung durch die Borkonferenz V. 5>d,. Paris, 20. Juli.(Eigenbericht.) Die Pariser Aussprache zwischen den deutschen und de« französischen Ministern ist mit einer gemeinsamen Deklaration abgeschlossen worden, die geeignet ist, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wesentlich zu entspannen und sogar die Möglichkeit einer baldigen Besserung eröffnet. Die Poriser Reise war für die Deutschen weder ein„Conossa" noch«in«„Falle". Im Gegensatz zu den offiziösen Ankündigungen der Pariser Presse hat man von den deutschen Ministern durchaus- nicht verlangt, daß sie bestimmte politische Bindungen eingingen. Wahl ist der Versuch gemacht worden, von Deutschland gewisse formulierte Garantien politischer Natur zu erreichen. Das war besonders das Ziel des rechtsstehenden Finanzministers Ff l a n d i n und der Bürokratie des französischen Auswärtigen Amtes, vor ollem Berthelots und Massiglis. Die Diskussion dar- über in der Aussprache am Sonnabendnachmittag war zum Teil techt lebhast und es ging nochmals zum Teil hart auf hart. Dr. Brüning erklärte kategorisch, dotz er einer Erklärung nicht würde zustimmen können, in der die einzelnen politischen Streit- fragen ausdrüikllch erwähnt werden, weil er dann unverzüglich zurücktreten mühte. L a v a l erwiderte, daß auch er mit einer starken nationalistischen Opposition sogar innerhalb der Regierungsmehrheit rechnen müßte, die gegen ihn Sturmlaufen würde, wenn er die Besprechungen mit einem nichtssagenden, allgemein gehaltenen Kommunique abschließen und trotzdem die Reis« nach London antreten würde. Aber er könne lboch dem Reichskanzler nichts Unmögliches zumuten. Die Erklärung Brünings, daß eine präzisere Stellungnahme zu diesen Streitfragen für ihn nicht annehmbar wäre, genüge ihm, und er bestehe infolgedessen nicht weiter auf seinem ursprünglichen Wunsch. So ist die Stelle des Kommuniques entstanden, die besagt, daß Frankreich bereit sei, über eine internationale Hilfsaktion für Deutschland weiterhin— das heißt o b heute in London— zu diskutieren,„vorbehaltlich der finanziellen Garantien und der Politischen Beruhigungs maßnahmen". Das ist ein« fast wörtliche Wiaderholung des Satzes, der vor wenigen Togen in einer Verlaut- barung des französischen Ministerrats, kurz vor der Abreise Brünings pach Paris, ausgesprochen war. Laval hat ein erfreuliches Maß an politischer Einsicht bewiesen. indem er auf seiner ursprünglichen Absicht nicht weiter bestand. Seine Loyalität und sein Verständnis für die Lage der deutschen Verhandlungspartner wird auch auf deutscher Seite hoch anerkannt. Noch klüger wäre es freilich gewesen, wenn er gar nicht erst die französische Presse aus die Forderung festgelegt hätte, daß die deutschen Minister in Paris zunächst bestimmte politische Zu- sicherungen geben müßten, ehe die französischen Minister auf die Londoner Konferenz gingen. Die Nationalisten seines Landes werden sicherlich nicht verfehlen, ihn wegen dieses Rückzuges an- zugreisen.' Aber er mag sich damit trösten, daß die deutschen Nationalisten die gemeinsame Deklaration selbst in ihrer allgemeinen Formulierung immer noch als eine Kapitulation Deutschlands hinstellen werden. Diese Unzufriedenheit bei den Nationalisten in beiden Ländern ist der beste Beweis dafür, daß in Paris nützliche Arbeit für die deutfch-ftanzösische Berständigung geleistet worden ist. Selbstverständlich sind allgemeine politische Fragen, die in der Erklärung nicht ausdrücklich erwähnt sind, sehr eingehend diskutiert worden. Die Reichsminister haben allerlei Ausklärungen geben müssen, haben aber dabei den Eindruck gewonnen, daß dies« Auf- klärunyen schon eine gewiss« Beruhigung auf der Gegenseite erzeugt haben. Man darf wohl daraus schließen, daß sie sich zum Beispiel mit solchen Kundgebungen und Veranstaltungen, wie dem Stahlhelmtreffen in Breslau und dem Kavallerietag in Dresden, alles eher denn solidarisch erklärt haben. Mehr als die Bekundung der grundsätzlichen Bereitwilligkeit zur deutsih-französifchen Zusammenarbeit konnte und durfte man auf dieser ersten Begegnung der Regierungschefs nicht erwarten. weitere Zusammenkünfte sollen folgen, vielleichk demnächst schon in»erlin. wohin Dr. Brüning seinen französischen Kollegen zu einem Gegenbesuch eingeladen hat. Man mag nun einwenden: Wer bürgt uns dafür, daß alle diese in Paris noch ungelösten Fragen nicht schon heute, in London, wieder austauchen? Richtig ist, daß in Paris nichts entschieden morden lst, aber mlnvestens ebenso sicher ist auch, daß in Paris (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Ein Rüstungsmoratorium Die Grundlage für die Berständigung Das Londoner Programm. London, 20. Jnli.(Eigenbericht.) Die Ministerkonferenz beginnt hente nachmittag K Uhr im Locarno-Ranm des Unterhanses, Macdonald wird präsidieren. Ihre Anfgabe ist. die Möglichkeiten znr Ungleichung des Hoover-Planes an de« Nonng-Pla« festzulegen, die Boraussetznngen für eine größere und längere Anleihe an Deutschland zu kläre« und schließlich noch Kreditgewährung an die Oststaaten zu besprechen. Der Berichterstatter des„Daily Herald" in Paris, der Henderson begleitet hatte, schreibt, daß alle unmög» lichen Bedingungen für Deutschland ausgegeben worden seien und die Wahrscheinlichkeit besteh«, daß es gelinge. eine Basis der Verständigung über die finanzielle« und politischen Fragen zu finden, die sowohl Frankreich als auch Deutschland befriedige. Der Korrespondent glaubt weiter, daß man in London zu dem Abschluß eines fünf- jährigen„politischen Moratoriums" kommen werde, das bereits in Paris besprochen worden sei. Deutschland werde darin einwilligen, daß die Arbeiten an de» beide« ersten Panzerkreuzern auf ein Mindestmaß herabgesetzt und mit dem Bau neuer Kriegsschiffe vor der Abrüstnngs- konferenz nicht begonnen werde. Frankreich werde eben- falls ans den Bau seines neuen Kriegsschiffes verzichten. Hinsichtlich der Anleihe beabsichtige mau, die gleichen Modalitäten zu wählen wie bei der Houng-Anleihe. Abreise nach London. Paris, 20. Juli. Um 10 Uhr ist die deutsche Delegation über Calais nach London abgereist, weiter Laval, Briand, F landin, Budgetminister Pietry, Unterstaatssekretär Franqois-Poncet, der Generalsekretär am Quai d'Orsay Bertrelot, sowie die Mitglieder der französischen Delegation. Zur Verabschiedung hatten sich sämtliche Mitglieder der deutschen Botschaft eingefunden. Aus dem Bahnhof hatte sich eine außerordentlich große Menschenmenge eingefunden und die Polizei hatte umfangreiche Ordnungsmaßnahmen getroffen. Brüning und Laval, die in einem Abteil Platz genommen hatten, erschienen am Fenster. Als der Zug sich in Bewegung fetzte, brach die Menge in die Ruf« aus: Vive rAlternagne, vive la France, vive Laval, vive la paix! Reichskanzler Brüning hat kurz vor seiner Abreise der Agentur Havos folgende Erklärung gegeben: Im Begriff, Frankreich zu verlassen, um uns zur Londoner Konferenz zu begeben, legen der Reichsaußenminister und ich Wert auf die Erklärung, wie sehr wir die liebenswürdige und"herzliche Aufnahme, die uns in Frankreich von der französischen Regierung und von samt- lichen französischen Behörden zuteil geworden ist, empfunden haben. Wir sind zufrieden, daß wir unsere Ansichten in voller Offenheit mit unseren französtschen Kollegen haben austauschen können, und wir sind davon überzeugt, daß diese direkte Fühlungnahme für die immer ersprießlichere Entwicklung der ftanzösisch-deuffchen Zusammenarbeit, der wir ausrichtig zugetan sind, glücklich« Wirkungen haben wird. Die deutsch-franzöfische Erklärung Paris. 20. Juli. Um 22.45 Uhr wurde über die deutsch-französischen Der- Handlungen folgendes gemeinsames Communique ausgegeben: In einer kürzlichen Botschaft hat Reichskanzler Dr. Brüning den Wunsch zum Ausdruck gebracht, mit der französischen Regierung in direkt« Fühlung zu treten, um die Mittel für eine gemeinsame Bemühung zur Besserung der Beziehungen beider Länder zu suchen. Der Chef der französischen Regierung hat spontan erwidert, daß er mit Genugtuung einer Begegnung entgegensehe, deren Verwirklichung durch die Ereignisse, die die Wirtschafts- und Finanzlage Deutsch- lands und rückwirkend auch diejenige der übrigen Länder betroffen haben, opportuner gemacht wurde. Infolgedessen sind die Vertreter beider Regierungen am 18. und 19. Juli 1931 in Paris zusammen- gekommen. Sie hoben übereinstimmend die Bedeutung dieser Begegnung anerkannt und betont, daß fle den Beginn einer vertrauensvollen Zusammen- arbeit darstellen soll. Der Reichskanzler hat die verschiedenen Aspekte der Krise, unter der sein Land leidet, beleuchtet. Die französischen Vertreter, die den E r n st dieser Krise anerkennen, haben erklärt, daß vor- behaltlich gewisser finanzieller Garantien und Maßnahmen für eine politische Beschwichtigung sie berest sein würden, später die Bedingungen für eine finanzielle Zusammenarbeit im internationalen Rahmen zu erörtern. Bereits jetzt haben die Vertreter der beiden Regierungen Werl daraus gelegt, ihren willen zu betouen, soweit wie möglich untereinander die für eine wirksame Zusammenarbeit auf politischem und wirtschaftlichem Gebiei günstigen Bedingungen zu schaffen. und sie sind übereingekommen, sich gemeinsam darum zu bemühen, daß der Kredit und das Vertrauen in einer Atmosphäre der Ruhe und Sicherheit wiederhergestellt werden können. * Diese Erklärung ist am gestrigen Sonntag durch Ansprachen der deutschen Minister im französischen Rundfunk bestätigt und unterstrichen worden. Henderson über die pariser Verhandlungen. * London, 20. Juli. Staatssekretär Henderson sogt in einer Erklärung u. a.: Ich bin nach Paris gegangen im Bewußtsein des Ernstes der Lage, aber ich war kaum gefaßt auf die schnellen Berände- r u n g e n, die in einer so kurzen Zeitspanne eingetreten sind. Der Beschluß, unseren Berliner Besuch aufzuschieben, war sehr schwierig, indessen ließ die Lage keine andere Möglichkeit; außerdem hoffe ich, daß der Besuch bald nachgeholt werden kann. Ich bin sehr befriedigt über den Pariser Besuch Dr. Brünings und Dr. Curtius'; denn die Wichtigkeit, die ein französisch-deutsches Einvernehmen für Europa und die Welt hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Diese Annäherung bedeutet auch eine gute Vorarbeit für die Londoner Konferenz. Oer Zollunionsprozeß. Im Hoog begonnen. Amsterdam. 20. Juli. Vor dem ständigen internationalen Gerichtshof im Haag begann am Montagvormittag die öffentliche Behandlung des österreichisch- deutschen Aollabkommens vom 19. März d. I.. das dem Gericht vom BöUerbundsrvt zur Erstattung eines Gutachtens überwiese« wurde. Von Parts nach London. (Fortsetzung von der I.Seite.) nichts verdorben wurde. Und wenn in London dies« oder jene politische Frage wieder aufgerollt wird, dann stehen wir nicht mehr allein: dort sind unter anderem auch die Engländer und Amerikaner Konferenzteilnehmer, wobei besonders die letzteren sich grundsätzlich dagegen wehren würden, daß innerpolitische Streit- fragen politischer Art in den Vordergrund geschoben werden. London soll sich übrigens nur mit der finanziellen Hilfsaktion für Deutschland beschäftigen. Das ist sogar von Laoal selbst beantragt worden, der dadurch einer Auseinandersetzung über das Abrüstungsproblem aus dem Wege gehen will. Diese Begrenzung des Konferenzthemas ist von Frankreich am Sonntag- mittag als fein besonderer Erfolg gepriesen worden. Am Sonntag- abend tat es ihnen wahrscheinlich schon leid, da sie sich damit die Möglichkeit verbaut oder mindestens erschwert haben, jene un- geklärten politischen Streitfragen zwischen England und Frankreich dort abermals in die Debatte zu werfen, wo es gilt, die Bedingungen der finanziellen Hilfsaktion zu beschliehen. Daß Deutschland Garantien finanzieller Art geben muß, wenn es einen großen internationalen Kredit oder gar eine lang- fristige Anleihe erhalten soll, ist selbstverständlich und bei jeder Anleihe so. Unerträgliche Zumutungen wird man uns schon deshalb kaum stellen können, weil in London nicht die Franzosen allein, Unzufriedene Rundfunkhörer 'frrJ** am vergangenen Sonntag sondern unter Leitung Macdonalds all« in Frag« kommenden Mächte am Verhandlungstisch mit Deutschland sitzen. Ueberdie« ist die Stimmung aller beleiligteu Regierungen und der iuter- nalionalen Finanz durch die energischen Ataßnahmen der Reichsregierung, besonders im Kampf gegen die Kapitalflucht, sehr günstig beeindruckt warden. So kann man den jetzt nach London verlegten Beratungen mit Optimismus entgegensehen. Der Gedanke ist geradezu unvorstellbar, daß, nachdem sogar die Klippe der Pariser Verhandlungen glücklich umschifft ist, die Londoner Konferenz scheitern könnte. Welche Re- gierung würde es wagen, die Verantwortung dafür vor der Well zu tragen?! Amtliche Beurteilung in Berlin. An Berliner amtlichen Stellen beurteill man das Pariser Er- gebnis folgendermaßen: Die Unterhallungen in Pari« sind genau so wie die in Chequer« .in vollkommener Harmonie verlaufen. Man hat alles durchgesprochen. Haoas und französisch« Blätter bestätigen, daß die Atmosphäre durchaus angenehm, günstig und freund- schaftlich gewesen ist. Noch am Sonnabendabend erklärte Havas, ein positives Ergebnis der Besprechungen in französischem Sinne sei die'Voraus- sctzung, ob die französische Regierung sich zur Reise nach London entschließen wird."Es war also anzunehmen, daß man erst eine Einigung zwischen Deutschland und Frankreich über alle Fragen gewissermaßen protokollarisch herbeiführen wollte. Das ist nicht geschehen. Man kann ohne Optimismus sogen, daß alles, was Deutsch- land von den Unterhaltungen in Paris erwarten tonnte, in weitem Umfange erfüllt ist. Wir rechneten nicht mit einem finanziellen Ergebnis in Paris, unser Ziel war von Anfang an, das in Jon« d o n zu erreichen. Seit langer Zeit ist Deutschland überhaupt nicht mehr im direkten Gespräch mit Frankreich gewesen. Wir haben uns wieder mit den Franzosen persönlich unterhalten können. Hätte man dieses Ergebnis nicht nach London mitnehmen können, dann wären jetzt dort mancherlei Hemmungen aufgetreten, und größere Un- bequemlichkeiten hätten sich gezeigt, die nun aus dem Wege ge- räumt sind. Nordwolle-Llnterfuchung laust. Samtstche Bücher beschlagnahmt. Bremen. 20. Juli.(Eigenbericht.) Die Slaalsanwaltschast hat heule morgen sämtliche Bücher und das gesamte Buchungsmaterial nebsi Unterlagen der Ilordmoll« beschlagnahmt. Der Untersuchungsrichter hat diese» Material der Treuhand. Aktiengesellschast, die mit der Prüfung der Bücher beschäftigt ist. ausgehändigt. Der Untersuchungsrichter tagt im Verwaltungsge. bände der Hordwolle und stellt die beschlagnahmten Bücher, soweit die Bedürsnisse der weitersührung des Betriebes es erfordern. nur unter Kontrolle zur Verfügung. Gefängnisstrafe für Kabrikdirektor. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist von dem Schöffengericht in R a t i b o r der Fabrikdirektor Max Kaufmann in Blechhammer, Kreis Cosel, wegen Vergehens gegen das Republik- schiitzgesetz in Tateinheit mit Beleidigung zu einer Gefängnis- straf« von drei Monaten oerurteilt worden. Der Verurteilte Hot sich auf offener Straße beleidigend über den preußischen Ministerpräsidenten, den Minister S e v- r l n g und den Polizeipräsidenten G r zes in s kj Mäußert. Reichswehr schützt Nazis Blanke Waffe gegen Reichsbanner in Potsdam Aus Potsdam wird uns durch Augenzeugen über eine« Skandal berichtet, in besten Mittelpunkt eine Anzahl PotsdamerReich»- wehrsoldalen stehen. Einige Kameradschaften des Reichsbanners Schwarz- R o t- G o l d aus Schöneberg-Friedenau hatten zusammen mit den Potsdamer Kameraden und ihren Frauen in der Nacht zum Sonntag eine M o n d s ch e i n f a h r t auf der Havel bei Potsdam veranstaltet und waren dann zu geselligem Beisammensein bis Sonn- tagfrüh im Potsdamer Volkshaus vereinigt. In der dritten Morgenstunde bereits wurde dem Schöneberger Führer wiederholt gemeldet, daß einige Nationalsozialisten sich vor dem Eingang des Volkshause» aufhielten. Als man gerade zum Aufbruch nach Berlin rüstete, kam die Nachricht, daß einige Reichsbannerkameraden auf der Straße von Hakenkreuzlern überfallen und zum Teil erheblich oerletzt worden waren und daß einer der Gäste des Reichsbanners, ein gewisser Pohle aus Schöneberg, gewaltsam in da« Naziverkehrslokal von Prost in der Kaiser-Wilhelm-Straße in Potsdam verschleppt worden war. Reichsbannerkameroden eilten nnn dorthin und forderten, daß man Pohle herausgebe. Die Nazis ant- warteten damit, daß sie geradezu ein Bombardement von Biergläsern und anderen Wirtschaftsgegenständen, darunter auch Stühlen, auf die völlig unbewaffneten, auf der Straße befind- lichen Reichsbannerleute eröffneten. Sie konnten das um so leichter, als aus der Wirtschaft Prast zu ihrem Schutz sechs u n i f o r- mierte Rerchswehrsoldaten herauseilten, vor der Tür Aufstellung nahmen, die Säbel zogen und mit hocherhobenen Waffen die Reichsbannerleute fernhielten. So bildeten die Reichswehrsoldalen eine Mauer, hinker der sich die Hakenkreuzler verslecken und ihre Wurfgeschosse auf die Reichsbannerkameraden schleudern konnten. Mitten in dieser Situation erschien das Ueberfallkommando und man muß sagen, daß die Potsdamer Schupo ohne Ansehen de? Person eingriff. Mit Gummiknüppeln trieben die Beamten die Nazis in das Prastsche Lokal zurück, und auch einige Reichswehrsoldaten mochten recht fühlbare Bekanntschaft mit dieser Polizeiwaffe. Die Schupo» drangen in das Nazinest ein und stellten die Namen sämtlicher beteiligten Hakenkreuzler fest, darunter auch die der Reichs- wehrfoldaten, die schon lange zu den Stammgäste« des Razilokals gehören und dort auch in der Rächt znm Sonntag mit den haken- kreuzlern getanzt und gekneipt hatten. Die Polizei holte auch P o h l e, der von den Hokenkreuzlern geradezu bestialischzuge- richtet worden war, aus dem Lokal heraus und sorgte für seine Ueberführung in das Städtische Krankenhaus in Potsdam, wo man erhebliche Schädelverlctzungen an ihm feststellte. Außer Pohle erlitten noch vier Reichsbannerleute zum Teil Verletzungen. In der republikanischen Bevölkerung Potsdams ist die Erregung über diese Hergänge um so größer, als man stolz darauf war, dag ein Ummarsch des Reichsbanners in der Stadt sich am Sonnabend in größter Ruhe und Ordnung vollzogen hatte und allein schon durch die Teilnahme zahlreicher Frauen, an dem Fest im Volkshaus der friedlich« Charakter der Veranstaltung gezeigt worden war. Den Nationalsozialisten kam es eben darauf an, den verhaßten Reichs- bannern eins auszuwischen. Wir fragen: Wird es sich der Reichswehrminister gefallen lasten, daß auf die Verfassung der Deutschen Republik vereidigte Reichs- wehrfoldaten in Potsdam sich mit den republik- feindlichen Faschisten Hitlerscher Couleur ver- brüdern, um Republikaner zu bedrohen und niederzuschlagen? » Als H a u p t t ä t e r bei dem Zusammenstoß zwischen Haken- kreuzlern und Reichebannerleuten in Potsdam kommt, wie wir noch erfahren, ein gewisser P a p e n f u s aus Potsdam in Betracht. Papenfus, ein besonders rabiater SA.-Mann, war ursprünglich Schutzpolizeibeamter. Bor ungefähr einem halben Jahre erhielt er wegen nationalsozialistischer Betätigung durch den Potsdamer Schupokommandeur den Laufpaß, und seitdem haben sich wegen seines gewalttätigen Auftretens die Polizeibehörden mehrmals mit ihm befassen müssen. Er wurde am Sonntagmorgen zunächst fest- genommen, dann ober nach seiner-Bernehmung durch die Kriminal- polizei merkwürdigerweise wieder entlassen. Hoffentlich wird ihn der Strafrichter bald sein blutiges Handwerk für geraume Zeit legen. Andrang vor den Sparkassen Oer Ltebergang zum normalen Zahlungsverkehr Die feit heute früh erfolgte Lockerung de» Zahlungsverkehr» hat sich lediglich beidevFilialender Städtischen Sparkasse etwa» stärker ausgewirkt. Hier standen in den frühen Morgenstunden wieder die vom ver- gangenen Donnerstag her bekannten Schlangen vor den Kasten. Di« Sparkasse hatte ein Plakat zum Aushang gebracht, wonach fle nur Beträge bis zu 20 M. auszahlen darf. Außerdem erfolgt die Zahlung nur bei dringendem Geldbedarf des einzelnen Kunden und auch nicht, wie am Sonntag noch die Meinung in der Berliner Be- oölkerung verbreitet war, täglich, sondern nur einmal auf jedes Konto in der Zeit von Montag bis Donnerstag. Gleich nach Oeff- nung der Schalter um 9 Uhr vormittags wurden die ersten Anstehen» den eingelösten. Bemerkenswert war, daß der Andrang vor der Hauptkasse am Mühlendomm diesmal nicht so stark war wie am Donnerstag, dagegen waren die Schlangen vor den Spar- kastenfilialen der Außenbezirk« etwas stärker. Soweit sich bis zu den Mittagsstunden ein Ueberblick gewinnen läßt, suchten die getd- abhebenden Sparer nur ein dringendes Geldbedürfnis zu befriedigen. von Geldhamsterei kann keine Rede sein. Da« Berliner Laukenviertel gewährt ein vollkommen ruhige» Bild, so daß auf jeden polizeilichen Sonderschutz verzichtet werden konnte. Nur vor dem Hauptportal der Reichsbant steht ein Polizeiposten. Bor den Geldschaltern der großen Privatbanken stehen nur wenige Kunden. Lediglich die verschlossenen Portale der Großbanken, die nur einen kleinen Eingang offen lasten, geben einen Hinweis auf die außergewöhnliche Situation. Leim Postscheckamt Berlin ist der Andrang etwas größer, der heutige Montag zeigte das Bild eines geschäftigen Ultimotages. Aber auch hier kommt man ohne jeden polizeilichen Schutz aus: Beamte der Reichspost üben die Auf- ficht aus. Nach wie vor zahlt das Postscheckamt an seine Kunden Beträge bis zu 10000 Mark bar aus, aber Erkundigungen an den Schaltern zeigen, daß nur in den seltensten Fällen von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht wird. Die Mehrzahl der abgehobencu Beträge setzt sich aus kleinen Summen zusammen. Ein etwas lebhafterer Verkehr herrscht noch vor den Wechsel- kassen der Deutschen Verkehrskreditbank auf den großen Fernbahnhöfen. Bekanntlich werden hier feit heute früh bis zum Betrage von 100 Mark Devisen abgegeben. Jeder Reisende, der Devisen braucht, muß seinen Reisepaß vorlegen und die gültige Eisenbahnsahrkarte dazu, aus der sich einwandfrei das Reiseziel ergibt. Nur unter dieser Voraussetzung erhält er Devisen. Aengstliche Gemüter glaubten sich diesen Umstand zunutze zu machen und verlangten auf Grund von Ouartieranweisungen oder Mitteilungen von Bekannten aus dem Auslande ebenfalls Dcvilen. Sie muhten sedoch unverrichteter Ding« wieder abziehen, da die Wechselstuben ohne Paß und Fahrkarte keine Devisen abgeben. Im übrigen spielen die Einwechstungen eben angekommener Auslands- reisender, die ihr« Devisen gegen Mark umtauschen, in dem äugen- blicklichen Geschäft der Wechselstuben die Hauptroll«. Jagd auf Einbrecher! Geglückte Flucht über die Dächer Reo-Tempelhofs. Eine Kolonne von vodeneiobrechern wurde am Sonn- tagvormittag im Hause Vrauuschweiger Ring 23-25 in Reu-Iempelhof mitten in der Arbeit überrascht. Obgleich die Polizei bald zur Stelle war, gelang es den Einbrechern, es soll sich um vier bis fünf Mann gehandelt haben, zu entkommen. Eine Mieterin des Hauses wurde gegen%12 Uhr auf verdächtige Geräusche auf dem Boden aufmerksam. Als die Frau einen fremden Menschen die Bodentreppe hinaufgehen sah, alarmiert« sie den Hausverwalter. Auf dem Boden waren sämtliche Ver- schlüge erbrochen. An einer dunklen Stelle lagen mehrer« gepackte Bündel, die»on den Einbrechern, die ihre Entdeckung de- fürchten mußten und die Flucht ergriffen hatten, im Stich gelasten waren. Das zu Hilfe gerufene Ueberfallkommando und Beamte der Kriminalpolizei suchten den ganzen Baublock vom Keller bis zu den Böden stundenlang erfolglos ab. An mehreren Stellen waren die Fenster der Dachluken Zertrümmert und die Ver» schlüste abgerissen. Die Bande ist demnach über die Dächer geflüchtet und dann, weitab vom Schuh, unter der Maske harmloser Leute nach unten gestiegen. Die polizeiliche Aktion hatte unter den Bewohnern des Braun- schweizer Ringes und der Siedlungshausbesttzer naturgemäß großes Aufsehen hervorgerufen. * Eine zweit«, allerdings erfolgreich« Einbrecherjagd spielt« sich in der Fürstenstraße 18 im Kreuzbergviertel ab. Dort wollten zwei Einbrecher einer Handtaschenfabrik einen nächtlichen B«> such abstatten. Am Sonnabend hatten sie sich einschließen lasten und machten sich, als olles ruhig geworden war, daran, eine Wand zu durchstemmen. Soweit war alles gut gegangen, aber am Sonntag- abend kam das Pech. Als die beiden Einbrecher mit ihrer Beute das Haus wieder verlassen wollten, mußten sie feststellen, daß keine, chrer Werkzeuge zum Türösfnen geeignet war. Sie saßen in der Falle. Nach einem anderen Ausweg suchend, leuchteten sie mit ihren Taschenlampen umher und erregten dadurch die Aufmerksam- keit der Hausbewohner, die sofort die Polizei alarmierten. Auf die Ausforderung der Beamten, mit erhobenen Händen herauszukom- mrti, fügte sich der eine der Einbrecher sofort. Der andere machte Schwierigkeiten, er wollte sich auf die Beamten stürzen. Es wurde «in Schuß abgegeben, der ihn an der rechten Hand verletzt«. Es ist «in 25 Jahre alter Herbert I. aus der Wihmannstraße in Neukölln. Blutige Zusammenstöße in Wesel. Dei einer nationalsozialistischen Kundgebung. Effeu, 20. Juli. Heute mittag gegen 12 Uhr fand auf der Csplanade in Wesel «ine große Kundgebung der Nationalsozialisten statt, an der etwa 5—5000 Personen teilnahmen. Die Weseler Polizei, durch Landjäger der Umgebung noch ver- stärkt, überwachte die Kundgebung. Im Laufe einer Auseinander- setzung über die Zulastung eines kommunistischen Dis- kussionsredners, der früher In der SA. tätig gewesen war, kam es zu einer wüsten Schlägerei. Die Polizei griff sofort ein. Sie mußte, da sie mit dem Gummiknüppel allem die Ordnung nicht wiederherstellen konnte, auch zum Revolver greifen und Schreck- schüsse abfeuern. Es gab«in« Anzahl Schwer- und Leichtverletzte, 10 Personen wurden festgenommen. Am Spätnachmittag kam es wiederum zu Zusammenstößen, bei denen auf beiden Sellen Schüsse gewechselt wurden. Berliner Familie schwer verunglückt. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich am Sonn- taznachmittag auf der Gollnower Chaussee in der Nähe der Ort- schaft Glewitz. Ein mit drei Personen besetzter Kraftwagen fuhr infolge einer Reisenpanne in voller Fahrt gegen einen Baum. Die Insassen, der Berliner Diplomingenieur Edmund Krüger mll Frau und Sohn, wurden durch die Windschutzscheibe geschleudert, wobei Frau Krüger und ihr 13jährig«r Sohn so schwere Verletzungen erlitten, daß sie dem Gollnower Kreiskrankenhous zugeführt werden mußten. Das Nordwolle-Verbrechen. Die Bremer Schröder-Bank schließt die Schalter. Bremen, 20. 3uß. Die 3. Schröder Baok S. a. ZI.. Bremen, teilt folgende» mit: Die allgemein bekannte schwere Wirtschaftskrise, die sich in jüngster Zeit besonders verschärft hat. hat sich auf unser Unter. nehmen so ausgewirkt, dah wir uns gezwungen sehen, unsere Kassen für diese Woche zu schließen, wir sind in ernsten Verhandlungen mit bremischen und auswärtigen Wirtschaftskreisen zur Durch. sührung einer Stühungsaktion. Wie das�„chamburger Fremd enblatt� dazu erfährt, ist die I. F. Schröder-Bank in sich v ö l l i g g e s u n d. Es sei aber nicht gelungen, dos für die Erledigung der Geschäfte dringend not- wendige Kapital zu beschaffen. Wenn es gelinge, in Paris und London zu einem günstigen Ergebnis zu kommen, so seien die Schwierigkeiten, die einer Weitersührung zur Zeit im Wege stehen, beseitigt. Die Neuausrichtung der Bant soll alsdann auf ver- breiterter Kapitalbasis erfolgen, und ebenso soll für eine wesentliche Verstärkung der flüssigen Mittel Sorge getragen werden, damit den Neuanforderungen, die die Wirtschaft stellen wird, in vollem Umfange nachgekommen werden kann. Im Inter- esse der Gesamtglöubigerschaft und aus formalen Gründen Hot sich die Bant veranlaßt gesehen, den Antrag aus Einleitung eines gerichtlichen Vergleichsverfahrens zu stellen. Dieser Antrag soll sofort zurückgezogen Verden, sobald es im Laufe der Woche gelingt, die Sachlage für das Unternehmen in günstigem Sinne zu klären. Der bremische Staat ist führend an den Stützungsverhandlungen betelligt, und auch führende bremisch« Wirtschastskreise sind zur Zeit eifrig bemüht, durch Flüssigmachung von Mitteln die I. F. Schröder-Bank wieder in Betrieb zu setzen. Aufstieg und Gpekulaiionsineb. Bremen, 20. Juli.(Eigenbericht.) Der Zusammenbruch der Schröder-Bank muß für das bremische Wirtschaftsleben schwerwiegendste Folgen haben. Für sämlliche Industriebetriebe an der Unterweser war diese Bant das am stärksten engagierte Finanzierungsunternehmen. Insbesondere hatte sich Schröder bei den Werften, und selbstverständlich auch in der Schiffahrt und in der Hochseefischerei festgelegt. Daneben war die Schröder-Bank in vielseitigen Geschäften im A u s l a n d e tätig, ganz besonders i n E n g l a n d. Es hängt jetzt ganz von den großen politischen Verhandlungen in London ab, ob die Auslandsgläubiger zum Konkurs drängen oder nicht. Zunächst fehl der bremische Staat alle Hebel in Bewegung, um die Schröder-Bank wieder slott zu machen. Nach den bisherigen Meldungen rechnet man in zuständigen Kreisen mit einem Erfolg der Stützungsaktion. Die Schröder-Bank wurde 1320 gegründet. Sie ging aus der Bankstrma Schröder, Heye u. Weyhausen hervor. Der Leiter des Unternehmens, Bankier Schröder, der in den letzten Jahren zu den einflußreichsten und mächtigsten Männern des hanseatischen Wirt- schastslebens gehörte, stammte als einfacher Bankangestellter aus kleinsten Verhältnissen. Sein Vater war in einer Bremer Vorstadt Schuhmacher. Auch dem Bankier Schröder sind der rasche Aufstieg und der mühelose Verdienst, der in der Inflationszeit ihm zufloß, nicht gut bekommen. Zwar war er ein äußerst aktiver und energischer wann, aber ebenso wie bei seinem größeren Kollegen 3akob G o l d s ch m i d t hatten seine Geschäfte und Unternehmungen alle einen Stich In» Spekulative. Kurz nach der Gründung der jetzigen Schröder-Bank wurde in Bremen in der Nähe des Rachauses ein gewaltiger Bant- palast errichtet. Eine große Anzahl von Niederlasiungen und Depositenkassen schoß nicht nur in Bremen und den Unterweserstädten, sondern auch in Hamburg aus dem Boden. Schröders Ehrgeiz war, vor fünf Jahren eine Rieseuwersttrust zusammenzuschweißen, der die Vormachtstellung der Bremer Schiffbaubetriebe(Weserwerft Tecklenborg) gegenüber Hamburg besiegeln sollt«. Zu diesem Zweck versuchte Schröder sogar, in die Hochburg des Hamburger Wirtschaftslebens, in die dortigen Werstbetriebe, einzu- dringen. Diesen Versuch nahmen ihm ober die Hamburger, die schon sowieso das mächtig« Auflkommen des Norddeutschen Lloyd in Bremen mit scheelen Augen ansahen, schr übel. Es kam damals zu einer Art Einheilssroul des Hamburger wirtschafislebeus gegen Schröder. der sich bei der geschlossenen Abwehr des Hamburger Großkapitals, wenn auch zähneknirschend, in seine Niederlage finden mußte. Schröders Gedanke, bereits 1327 eine durchgreifende Rationali- sierung und Zusammenlegung der völlig übersetzten deutschen Werst- industrie durchzuführen, hatte ganz zweifellos etwas Richtiges an sich. Da aber Schröder die Rationalisierung nur„im Negativen' betrieb, nämlich eine Werft nach der anderen aufiauste und dann stillegt« und verschrotten ließ— wir erinnern nur an die Tragödie der Stettiner Lulkanwerft und der nicht minder wertvollen Tecklen- borgwerst in Wesermünde—- so konnten schwer st« Verluste nicht ausbleiben. Der von Schröder als Fusionsunternehmen gegründete Deschi- mag-Konzern(Deutsche Schiffbau- und Maschinen-A.-G. Bremen), in der zunächst die alt« Bremer Weserwerft und den Tecklenborgwerft verewigt wurden, saugte nach und nach Werftbetriebe in Stettin, Flensburg und Hamburg aus, nur um in kurzer Zeit den größten Teil wieder stillegen oder sogar verschrotten zu müssen. Schon im vergangenen Jahr hatte Schröder durch den notwendig ge- wordenen Kapitalschnitt bei der Deschimog von 2Z auf 14 Millionen schwerste V e r l u st e aus sich zu nehmen. Zür den katastrophalen Znstand der Deschimag-vetriebe ist e» bezeichnend. daß seht in den Hauptwerken, bei der Weser nnr noch 1000 Mann im Betrieb stehen, während vor zwei Jahren, als die„Europa" gebaut wurde. 16000 Mann die Schifsbanbelriebe bevölkerten. Di« Schröder-Bank ist eine Kommanditgesellschaft auf Aktien mit einem Kapital oonlSMillionen. Die Bilanz per 30. Juni 1331 liegt noch nicht vor. Im Vorjahr« wurden Gläubiger mit ISS Millionen ausgewiesen, denen B u ch s ch u l d n e r von 86 Mil- lionen gegenüberstanden. Kommanditisten der Schröder-Bank sind I. F. Schröder. A. E. Weyhausen und Adolf Lrauckmüller. Der Vorsitz de« Aufsichtsrates ist in den Händen von B. C. H e y e. dem früheren Inhaber der Bank Heye u. Weyhausen. Brücken aus Papier und eßbareZilme Gespräch mii Professor Haes. „Sie müssen keine übernatürlichen Dinge von uns erwarten!" sagt Professor Haes, der Leiter der Organischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem,„es geht alles eigentlich ganz selbstverständlich zu. Wir haben bisher aller- dings nur negative Beweis« dafür bekommen, daß wir Zellulose künstlich werden herstellen können; ober auch dieser negative Beweis enthält noch«ine Fülle von Ausgaben für unsere Techniker und Ingenieure. Ich will nur aufzählen, was wir in nicht allzu langer Zeit zu erwarten haben: wir werden vielleicht einmal Brücken— aus Papier bauen, wir werden unsere Filme— essen, oder zum mindesten an unser Vieh verfüttern, wir werden möglicherweise auch Viehsutter direkt aus dem Holz unserer Walder herstellen— kurz, wir werden eine Reihe von neuartigen Dingen schassen können, sobald lediglich die technischen Verfahren dafür entwickelt sind. Wenn ich von einer„B r ü ck e a u s Papier" spreche, so darf das natürlich nur als Vergleich ausgefaßt werden. Papier wird der Vaustoss nicht sein, aber irgendein Gebilde, das so ähnlich ist. Papier ist ja«n Gemenge aus Holzschliff, Kaolin und Dextrin, wobei der Holzschliff, also die Zellulose, gewissermaßen nur das Gerüst dar- stellt, während Kaolin— durch Dextrin gebunden, die weiße Füllung ist. Wer schon an der Festigkeit des Papiers kann man sehen, was für enorme Belastungen eine vegetabilisch« Faser auszuhalten vermag: unsere Messungen haben ergeben, daß die Zerreißfestigkeit einer Zellulosesaser fast genau gleich der des Stahls ist. Man weiß aus der Praxis, wie fest z. B. Schiffstaue aus Hanf sind, und Brücken aus Bast, wie sie Eingeboren« tropischer Länder bauen, sind auch dem Laien nichts Unbekanntes. Daß auch wir Brücken aus Zellulofefasern herstellen könnten, liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit, wobei wir durch geeignete Behandlung der Fasern einen Baustoff gewinnen, der so formbar ist, daß er außer den statischen Beanspruchungen auch die architektonischen Forde- rungen vollkommen zu erfüllen vermöchte. Natürlich ist das noch Zukumstsinusikl Aber wie liegen die Ding« von der wissenschaftlichen Seite aus gesehen? Wir arbeiten hier in fünf verschiedenen Disziplinen an der Natur der Zellulose, wir betrachten sie von der chemischen, physikalischen, morphologischen und röntgenologisch-mikroskopischen Seite und dürfen feststellen, daß wir in bezug auf die Zellulose das erste Wissenschaft- liche Institut der Welt sind. Es ist uns gelungen, Zellulose in chemisch reiner Form herzustellen. Damit haben wir dep Beweis erbringen können, baß die Zellulose an sich gar kein Baustoff ist, sondern daß bei ollen zelluloseverarbeitenden Industrien die natürlich gewachsene Faser— mag sie mechanisch auch noch so zer- kleinert sein— die tragende Rolle spielt. Zellulose an sich verhält sich ähnlich wie Rohrzucker und ist ein weißliches, wasserlösliches Pulver, das auch gut vom menschlichen und tierischen Organismus vertragen wird. Es enthält Nähr- werte und kommt deshalb— wenn vielleicht auch nicht alz Nah- rungsmittel— so doch zum mindesten als Futtermittel in Frage. Wir können gut, wie ich gleich beschreiben werde, unsere Filme weiter verarbeiten, die Zellulose daraus gewinnen und aus ihr— Futter- mittel herstellen. Um einem Irrtum vorzubeugen möchte ich sagen, daß unter„Film" nicht die Photo- oder Kinofilme zu verstehen sind. sondern die dünnen Filmhäute, wie sie unter dem Namen Zella- phan für Konservengläserverschlüsse, Buchhüllen und Schokolade- Packungen seit einiger Zeit im praktischen Gebrauch sind. Nachdem uns die Natur der Zellulosesaser einigermaßen klar- geworden ist, sind die Vorgänge bei diesem modernen Wunderstosf ziemlich leicht zu begreifen. Die reine Zellulose hat nämlich gar keine Bindekraft, und wenn z. B. unsere Kunstseidenindustrie und unsere Filmindustrie daranginge, das Rohmaterial ganz außer- ordentlich zu zerkleinern, so würden weder Strümpfe noch Blusen noch Filme hergestellt werden können. Die Festigkeit beruht allein auf der Stuktur der F a s e r: sie ist gebildet aus einer Vielzahl winziger Kämmerchen, in denen sich Zellulose befindet. Wird eine solch« Faser zermahlen, so wird eine Reihe von Kämmerchen zer- stört und damit die Festigkeit der Faser herabgesetzt. Die Zellulose in den Kämmerchen geht sehr gut chemische Der- bindungen ein, so z. B. mit Essigsäure oder Solpetersäure. In einem Fall bekommen wir den Kunstseidefaden oder den nicht ent- flammbaren Film, im anderen den brennbaren Film oder Schieß- baumwolle oder Zelluloid. Ist«in« Faser, gleichgültig ob Baumwolle- oder Rami- oder Holzfaser, nitriert oder azetyliert worden, so hat die in dem Kämmerchen befindliche Nitro- oder Azetylzellulose ein sehr großes Lösungsbestreben: letztere ist z. B. in Chloroform löslich Die Wände der Kämmerchen setzen den Lösungsbestrebungen Wider- stand entgegen, aber die Zellulose saugt das Lösungsmittel durch die Wände auf. Eine Anzahl Kämmerchen platzt, eine Anzahl Kämmerchen aber fängt an. frei in dem Lösungsmittel herumzu- schwimmen: je weniger Lösungsmittel zugesetzt worden ist, um so mehr Kämmerchen bleiben intakt, und da die Faserkammer» sehr mit Flüssigkeit gefüllt sind, so ist aus der ursprünglich harten Faser jetzt ein« weiche, formbare und durchsichtige Masse geworden. Jetzt kann man diese Masse beliebig verarbeiten zu einem der vordem genannten Produkte. Das wäre auch der Weg, den man für die Bereitung der Futtermittel zu wählen hätte. Wenn die Zellulose das Lösungsmittel durch die Wände auf- saugt, so entstehen Ausbauchungen der Kammerwäirde, bis— vergleichsweise— die Faser etwa wie ein reifer Maiskolben aussieht. So wird man auch verstehen, warum der Hausfrau die Wäsche (leider!) einläuft: wenn sich die Kammerwände nach der Seite ausbauchen, so müssen sie in der Länge schrumpfen. Tatsächlich verkürzt sich eine Faser im Lösungsmittel fast auf die Hälfte. Wickelt man die Faser um einen Glasstab und taucht beides in das Lösungs- mittel, so ist die Kraft der sich verkürzenden Faser so groß, daß der Glasstab zerbricht! Mit diesen neuen Erkenntnissen sind wir auch auf einen neuen Spreng st off gekommen, der die Anforderungen der interessierten Stellen nach sehr viel dl erfüllen dürfte. Walter Stölting, Der„Montag Morgen" des Herrn Leopold Schwarzschild hat sein Erscheinen«ngestellt. Das Blatt kämvft seit langem mit finanziellen Schwierigkeiten. Herr Schwarzschild ober verkündet, daß---- öie neue Presseoerordnung ihn zur Einstellung veranlasse. Nach dieser Musterleistung wird man künftig ihn und seine Mitarbeiter politisch nicht mehr ernst nehmen Loses Goebbels der Naiionaldichter. Die Bemühungen der Nazis, sich der Bühne für ihre hehre Kultur zu bemächtigen, sind bislang völlig mißglückt. Zuletzt ging die..N S.- V o l k s b ü h n e" den Weg alles Fleisches. Aber der Kulturmacher der Hitler-Partei, Rosenberg mit Namen, will nach„Der Deutschen Revolution", dem Organ der revolutionären Nationalsozialisten,„mit bedeutenden Geldmitteln" in Berlin ein Theater pachten, das nur vom„Kampf und für deutsche Kultur" genehmigte Stücke aufführen soll. Die Vorarbeiten sind schon weit gediehen. Aber nun kommt der Haken: Josef Goebbels, Reichs- Propagandaleiter der Hitler-Partei. hat die Forderung gestellt, daß die neue Bühne als erstes Stück seinen„W anderer" heraus- bringe, und zwar für eine Spieldauer von sechs Wichen. Es ist uns gleichgültig, ob es einsichtsvolle Gruppen unter den Nazis gibt, die diese Katastrophe bisher verhütet haben. Wir können auch nicht untersuchen, ob das Urteil„Der Deutschen Revolution" zutrifft, es handele sich um einen„liberal-marxistenschcn Schmarren", der nicht einmal die Entschuldigung guten Stiles für sich habe. Die Hauptsache ist und bleibt, wie sich die Nazifllhrer die Zukunft der deutschen Literatur und des deutschen Theater, denken. Es braucht bloß einer von ihnen genug politische Macht zu haben, zum Beispiel «in Propagandaleiter wie Goebbels zu sein, so kann er sich selbst als deutschen Nationalvichter dekretieren und anordnen, daß das Volk— zunächst die Pg., Pg.— sechs Wochen sein Stück ansehen. Ob sie dazu kommandiert werden, wie die Soldaten früher beim Kommiß zur Kirche, oder ob sie dafür auch noch zahlen müssen, wissen wir nicht(wahrscheinlich das letztere). Im allgemeinen wird bei uns über den mangelnden Dramatiker- nachwuchs geklagt. Im Dritten Reich wird das anders: die kleinen Gernegroße ernennen sich selbst zu Goethe und Schiller, Kleist und Hebbel, und„das Volk" hat, was es braucht. Was weder in Sowjet- ruhland noch in Mussolini-Jtalien in dem Maße möglich ist, bei uns wirds Ereignis: die Kunst ist eine Sache der Organisation, und die Drahtzieher liefern sie am laufenden Bande. Das ethische Recht auf den Tierversuch. Der amerikanische Philosoph Professor John Dewey wendet sich im„Atlantic Monthly" in energischer Weise gegen die überhebliche Propaganda der Vioisektionsgegner. Ohne allen Zweifel, sagt Dewey, sind die Qualen, die an einem einzigen Tag in einem ein- zigen Schlachthau» irgendeiner Stadt unseres Landes den Tieren zugefügt werden, größer als diejenigen, die Tiere während eines ganzen Jahres oder einer Reihe von Iahren in den gesamten wissen- schaftlichen und medizinischen Laboratorien unseres Lande, zu er- dulden haben. Treten wirklich diejenigen mit reinen Händen als Ankläger auf. die Tag für Tag. ohne Protest, ja ohne Versuch, be- stehende Uebel abzuhelfen oder sie zu mildern, mit Behagen ihren physischen Appetit auf Kosten de» Sterbens von Tieren befriedigen. um sich auf der anderen Seite über eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Fällen zu entrüsten, in welchen Tiere unter sachgemäßer Anwendung aller schmerzlindernden Mittel im Dienst« des wissen- schaftlichen Fortschritts und des Menfchenglllcks getötet werden? Bevor es endgültig feststeht, daß da» Töten von Tieren, die dem Menschen als Nahrung dienen sollen, unrecht ist, ist jede Bewegung, die das Recht des Tötens von Tieren im Interesse des Lebens und der Gesundheit von Männern, Frauen und Kindern bestreitet, mo- ralisch ansechtbor. Und sie ist dos um so mehr, als in letzterem Falle unendlich mehr getan wird, da» Tier vor Schmerz zu bewahren als in jenem. Das Theatersterben in Berlin. Von den in diesem Jahre gespielten Berliner Theatern haben das Berliner Theater, Lessing-Theater, Renaissance-Theater, Kammer» spiele, Theater am Zoo, Komödienhaus. Theater des Westens, Theater am Schiffbauerdamm, Lustspielhaus und Kleines Theater für die nächste Spielzeit noch keinen Pächter. Voraussichtlich werden auch nur die beiden letzten von den Besitzern, den Gebrüder Rotter. selbst geführt werden. Die übrigen Theater werden voraussichtlich geschlossen bleiben, oder nur von Fall zu Fall gespielt werden. Es besteht ja noch immer die Aussicht, daß sich Notgemeinschaften von Schauspielern bilden, neue Schauspielergruppen, die Stücke aus» probieren, um sie in einem Serienspielplan in eins der obengenannten leerstehenden Theater zu verlegen. Zur Rettung der Zuschußtheater. Der Städtetog erwägt besondere Mahnahmen, bei weiteren sich als notwendig erweisenden Etatkürzungen der Städte den in Not geratenen städtischen Theatern über die kritischen Monat« des kommenden Spieljahres hinwegzuhelfen. Es werden zur Zeit«ine Reih« Vorschläge geprüft, wie die Uebernahme einer Theateroer- sicherung, die in erster Reihe für die städtischen Theater, die auf einen festen Abonnetenstamm rechnen können, zugeschnitten ist. Auch der Plan einer von den Städten durchzuführenden Theaterlotterie steht wieder im Vordergrund. Für die Städte handelt es sich in der Hauptsache auch darum, ob solche besonderen Hilfsmaßnahmen über die Stodtkassen bzw. die Reichsgirozentral« durchzuführen wären, die ja letzten Endes die Garantie für solche Kredite übernehmen müßte. Voraussichtlich wird man versuchen, die mit Rücksicht auf die vorgc- schritten«� Zeit als dringend erkannten Rotfinonzierungen auf dem Wege einer allgemeinen Konferenz der Theaterdezernenten der großen Städte zu klären. Hermann Hendrich tödlich verunglückt. Der Ehrenbürger der Gemeinde Schreiberhau, der bekannte Maler und Gründer der Sagenhalle, Professor Hermann Hendrich, wurde am Sonnobendnachmittag beim Ueberschreiten eines Bahn- Überganges vom Zuge erfaßt und dabei so schwer verletzt, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Hermann Hendrich hat ein Alter von 77 Iahren erreicht. Sowjetregierung für piscator. Der Regisseur Piscator wurde von der Sowjetregierung zum Direktor des Internationalen Theaters in der Sowjetunion ernannt. Piscator wird mehrere kommunistische Filme in Leningrad herstellen, die für den Absatz in Europa, u. a. auch in Deutschland, bestimmt sind. Karkellvertrag zwischen Schuhoerband und Pressemitarbeiter. Der Verband der Pressemitarbeiter(VdP.) hat mit dem Schutz- oerband deutscher Schriftsteller einen Kartellvertrag abgeschlossen. Nach diesem Vertrag übernimmt der Schutzverband deutscher Schrift- steller den Rechtsschutz für die Pressemitarbeiter, soweit dieser nicht arbeitsrechtlicher Natur ist. Die Darlehnsgenossenschaft für Be- leihung van anerkannten Honorarsorderuwgen steht den Mitgliedern des VdP. weiter zur Verfügung. Doch übernimmt der VdP. künftig seine Berufsinteressen selbständig und ist damit zur Reichsorgani- sation der Pressemitarbeiter geworden. Di« Vorstandsmitglieder vom VdP., Franz Wynands und Walter Kiaulthn. sind weiter im Hauptvorstand des Schutzoerbandes deutscher Schriftsteller oertreten. Verbandstag der Hutarbeiter Sihverlegung nach Berlin beschlossen Jn Ulm tagte in der vergangenen Woche der Verbandstag oer freigewerkschastlichen chutarbeiter. Der Verband hat sich, wie der Verbandsvorsitzende B r ö s i ck e berichtete, trotz der Krise ver- hältnismäßig gut gehalten. Die M i t g l i ed e r z a h l ging unter dem Druck der Arbeitslosigkeit seit dem letzten Bericht um 1438 zurück. Dem Eintritt von 9324 Mitgliedern standen 10 758 Austritte gegenüber. Die Zahl der Vollarbeiter ging von SO Prozent im Jahre 1928 auf 40 Prozent im Jahrs 1030 zurück. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von 26 Prozent im Jahre 1028 auf 32 Prozent im Jahre 1930. Kurzarbeiter wurden gezählt im Jahre 1928 15 Prozent und 1930 19 Prozent. Der Verband hatte in der Berichtszeit 41 Tarifbewegun- gen durchzuführen: 1028: 22, 1020: 10 und 1030: 9: unter den in den beiden ersten Jahren durchgeführten 32 Tarifbewegungen war nur eine Abwehrbewegung: die übrigen waren Angrisssbewegun- gen. Die sozialen Bestimmungen in den Manteltarisen wurden restlos erhalten, sogar an einigen Stellen Verbesserungen erzielt. Neben dem Kampf um Ausbau und Sicherung der Tarifverträge mußt« eine scharfe Abwehr gegen den Abbau der übertariflichen Lghne durchgeführt werden. Unter den Berufskrankheiten der Hutmacher sind die gefährlichsten die Quecksilbervergiftungen: im Jahre 1928 kamen 45, 1929: 47 und 1030: 25 Fälle vor. Schwere Erkrankungen, die zum Teil den Tod zur Folge hatten, sind eben- falls zu verzeichnen. Sie traten ein durch Vergiftungen infolge von Säuren und Gasen. Brösicke schloß seinen Bericht mit einem Appell an die Hutarbeiterschast, gerade jetzt den letzten Mann aufzubieten, um die Reihen des Verbandes zu stärken. Der von Müller erstattete Kassenbericht zeigte folgen- des Bild: Die Bcitragseinnahmen gingen infolge der Arbeitslosig- keit beträchtlich zurück, während die Unterstützungsausgaben kräftig gestiegen sind. Die Ausgaben für Unterstützungen an Erwerbslose und Kranke erreichten eine Höhe, wie sie der Verband in früheren Krisenjahren nie gekannt hat. Die Einnahmen betrugen 1 447 458 Mark, die Ausgaben 1206 770. so daß für Kampfzwecke rund 210 000 Mark zurückgelegt werden konnten. Für die neue Ge- schäft-periode sind noch größere Anforderungen an die finanzielle Leistungsfähigkeit des Verbandes zu erwarten. Einstimmige Annahme fand ein Antrag der Verbandsleitung, wonach zu gegebener Zeit die Zusammenlegung der Ver- bandszeitung des Deutschen und des Oesterreichischen Hut- arbeiterverbandes vollzogen wird. Mit Mehrheit wurde ein An- trag S ch r e i t e r- Dresden angenommen, durch den ein besserer Schutz der als Betriebsräte tätigen Verbandsfunktionäre gewähr- leistet werden soll. Zur Frage der Verbandssih-Verlegung von Altcnburg nach Berlin bzw. Luckenwalde waren die Delegierten nicht einheitlicher Auf- sassung. Trotzdem wurde ein Antrag auf Sitzverlegung nach Berlin angenommen. Eine eingehendere Ausspräche erfolgte beim Kapitel I n v a- lidenunterstützung. Am 1. Januar 1030 wurde die Ver- sicherung eingeführt. Die Unterstützungssumme dürfte nach voraus- sichtlicher Berechnung 50 000 bis 55 000 Mark pro Jahr betragen. Der Verbandsvorstand schlägt vor, vorerst an den bisheri- gen Sätzen keine Aenderungen vorzunehmen und even- tuell nach genauer Uebersicht über den Stand und die Leistungs- fähigkeit der Kasse eine Erhöhung durchzuführen. Der Verbandstag beschließt im wesentlichen im Sinne der Vorstandsvorschläge. An- genommen wird auch ein Antrag, wonach den Mitgliedern nach 52 Wochen Invalidität das OOfache des zuletzt geleisteten Beitrags als Sterbegeld ausgezahlt wird. Durch einen besonderen Beschluß wird der Verbandsvorstand vom Verbandstag beauftragt, neben dem Kampf um die gesetzliche Festlegung der 40-Stunden-Woche alle Maßnahmen zu ergreifen, um auch bei den künftigen Tarifverhandlungen für die vom Verband umfaßten Berufsgrupen die 40-Stunden-Woche zu erzwingen. Die Wahlen zum Verbandsvorstand ergaben: 1. Vorsitzender Brösicke, 2. Vorsitzender Hermann, Kassierer Müller und Redakteur Staub. Arbeiigeberverband aller Behörden. Soll demnächst gegründet werden. Die Vertretungen der Verwaltungen und össentlichen Betriebe des Reiches, der Länder und der deutschen Gemeinden hotten vor kurzem im Reichssinanzministerium Verhandlungen, in denen der Zusammenschluß der hoheils- und Betriebsverwaltungen, also sämtlicher Behörden des Reiches, der Einzelländer, der Gemeinden und Gemeindeverbände usw., zu einem Reichsarbeitgeberverband erörtert wurde. Dem Vernehmen noch ist eine Kommission«in- gesetzt worden zur Ausarbeitung der Satzungen. Die Aussprache wird Ende August oder Zlnfang September sortgesetzt. Dann erst ist mit der offiziellen Gründung des Arbeitgeberverbandes zu rechnen. Ueber den Zweck dieses Zusammenschlusses verlautet zunächst noch nichts, doch scheint dabei insbesondere an eine einheitliche Linie für die Tarifgestaltung der Arbeitnehmer in der öffentlichen Verwaltung bzw. an eine zentrale Einwirkung bn weiteren gesetzgeberischen Maßnahmen gedacht worden zu sein. Druck auf die Löhne der Gemeindearbeiter. Ohne Rücksicht auf den Tarifvertrag. Die Gemeindearbeitgeberverbände in den Be- zirken Rhein- Main, Baden und Rheinpsalz fordern eine sofortige Herabsetzung der Löhne der Gemeindearbeiter auf Grund der Notverordnung. In allen drei Bezirken bestehen Tarifverträge, die bis zum 3 0. September laufen. Der Bezirksvcrband Rhein-Main ordnete an, daß mit Wirkung ab 2. August die Löhne der Gemeindearbeiter um 4 bzw. 6 Proz. ab- gebaut werden. Die Verhandlungen des Gesamtvcrbandes mit dem Bezirksvcrband waren ergebnislos. In der Pfalz wurden die Ver- Handlungen bis zum 7. August vertagt. In Baden wird morgen Dienstag oerhandelt. Dieser Lohnabbauvorstoß in der Südwestecke des Reichs be- schwört ernste Gefahren herauf. Die von ihm betroffenen Gemeinde- arbeiter denken nicht daran, einfach zu Kreuze zu kriechen. Der Lohnabbauvorstoß steht auch im Gegensatz zu den Empfehlungen des Reichsverbandes kommunaler und anderer öffentlicher Arbeitgeber- verbände. Der Hauptausschuß der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt a. M. hat sich einstimmig gegen das Vorgehen seines Arbeitgeberverbandes ausgesprochen. 20 Tote beim Kircheneinsturz. Katastrophe während des Gottesdienstes in portugiesisch- Angola. London, 20. Juli. B�i einem Gottesdienst in der Kirche von L o a n d o lPortugiesisch-Angola) stürzte am Sonntag ein Teil deS Chores ein und begrub einen Teil der Gemeinde unter sich. Aus den Trümmern wurden bisher 2 0 Tote geborgen. Im ganzen wurden 2 00 Personen als verletzt gemeldet, von denen sich 80 im Krankenhaus befinden. Volarfahri des Eisbrechers„Malygin". Moskau, 20. 3uli. Der Eisbrecher„M a l y g i n" hat seine Fahrt in die Arktis angetreten. An Bord befinden sich außer dem General Nobile, der nach Amundfen und den Resten seiner verunglückten Expedition suchen will, ausländische Reisende und Vertreter der ausländischen und der Sowsetprejje. Der Eisbrecher trägt 1 2 0 0 0 Briefe mit sich, die dem „Graf Zeppelin" in der Polarzone übergeben werden fallen. „Die Lüneburger Heide und der Alpenpark in den Hohen Tauern" lautet das Thema des Vortrages, den Herr Rudolf Haeselbarth unter Vorführung von zahlreichen Lichtbildern am Mittwoch, 22.- Juli, abends 8 Uhr, im Verein von Freunden der Treptow-Sternwarte hält. Gäste haben gegen Lösung einer Karte Zutritt. Brandkaiastrophe im Dorf. Sechs Tote, 20 Schwerverletzte in der Ortschaft Vaszecz. Prag, 20. Juli. Der Brand, der fast die ganze Ortschaft vaszecz vernichtete, wütete ununterbrochen bis Sonnabendabend. Er hat 6 Menschenleben gefordert, vier Kinder, die allein zu Hause waren, verbrannten. ebenso zwei Männer, die bei den Rettungsarbeiten ohnmächtig wurden und in die Flammen fielen. 18 Schwerverletzte wurden ins Kraukenhaus gebracht. Die gesamte habe der Bevölkerung. 130 Rinder, 120 Pferde und 160 Schweine, außerdem viele landwirtschaftliche Geräte und Maschinen, sielen den Flammen zum Opfer. Räch einer Schätzung der Bezirkshauptmannschast betrögt der Schaden 35 Millionen Kronen, wovon nur 5 Proz. durch Versicherung gedeckt sind. Znsgesamt sind 3400 Menschen obdachlos geworden. Lebensmittel und 20 Eisenbahnwagen mit holz für Wohnbaracken sind bereits an der Unglücksstelle eingetroffen. Ueber dix Ursache des Brandes ist noch nichts bekannt, doch wird Brandstiftung angenommen, da an drei verfchiednen Ortsteilen zu gleicher Zeil Feuer ausbrach. Ein Feuerwehrauto stürzte auf der Fahrt zur Brandstelle in einen Graben, wobei fünf Feuerwehrleute leicht und zwei schwer verletzt wurden. (Schweres Erdbeben in Südamerika. London, 17. Juli. Wie aus Quito gemeldet wird, hat sich in M i t t e l- E c u a d o r ein schweres Erdbeben ereignet. Die Hauptstadt der Provinz Leon, L a t a c u n g a, die südlich von Quito liegt und etwa 10 000 Einwohner zählt, soll stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Ein Teil der Stadt soll zerstört sein. Der Präsident von Ecuador und der Innenminister haben sich sofort an die Unglücksstelle be- geben. Die Zahl der Toten ist bisher noch nicht bekannt. Rückschau. Die Jugendstunde brachte ein Dreigespräch.Jugendliche in der Fabrik". Ein Erwachsener stellte Fragen, soweit es nötig war, die Unterhaltung anzuregen. Die Aussagen zum Thema machten die Jugendlichen. Aus den Berichten der beiden jungen Menschen sprach Freude an ihrer Arbeit. Aber Freude an der Lehrzeit bekundete nur der eine, der in einem gewerk- schaftlichen Betriebe Lehrling ist: hier kann er sich wirklich als Teil eines großen, werteschaffenden Ganzm fühlen. Der andere dagegen mußte berichten, daß er mit 16 Jahren für falsch aus- geführte Arbeit oder Wsrkzeugschäden Ohrfeigen bekam. Erst in der Zusammenarbeit mit den Gesellen wurde das Verhältnis bester. Hier hilft der Lehrling, den Akkordlohn des Gesellen zu verbessern: wenn er selber auch noch keinen materiellen Gewinn von feiner Arbeit hat, so kann er doch schon errechnen, wieviel er dem andern nützt. Beide Jugendliche, die durch ihre klaren Aussagen sehr deut- liche Bilder ihrer Lehrzeit entwarfen, waren sich darin einig, daß sie selber direkt noch nicht dazu beitragen können, Arbeitsverhält- niste zu bester«, da es ihnen hierzu an Wisten und Erfahrung fehlt. Aber der Anschluß an die gewerks chastliche Organi- s a t i o n gibt ihnen doch die Möglichkeit, nach Kräften dazu beizu- tragen und später vollwertige Mitkämpfer der Arbeiterschaft zu werden. Eine Unterhaltung zwischen M. M. G e h r k e und Lisa Matthias„Zwei Frauen reisen im Auto durch die Welt" war so oberflächlich, daß es für die Funkhörer nicht das mindeste Jnter- esse hatte. Ueber„Das schöne und das häßliche Kind" sprach Dr. L. Glatt. Seine Ausführungen zeigten, wie wichtig es ist, die Kinder vor einer Ueberwertung der Schönheit zu schützen, wenn man ihnen nicht schweren Schaden fürs Leben zufügen will. Ein Kind, das erfährt, daß es durch seine Schönheit überall Vorteile hat, entwickelt sich sehr leicht zu einem haltlosen Menschen, der immer ohne eigene Mühe Gewinn sucht. Umgekehrt wird ein Kind, das von der Bedeutung der eigenen Häßlichkeit überzeugt ist, verschlossen und lebensfremd: oft ist es schwer erziehbar, weil es unter der Bevorzugung der hübscheren Kinder schwer leidet. Heute abend, 8.45 Uhr, spricht im Programm der Deutschen Welle Felix Stössinger über„Das Kinderelend in Rußland" nach bolschewistischen Quellen. T e s. Montag, 20. Juli. Berlin. I. a) Glasunov: Variationen Fis-Moll; b) Rinkens: Toccata and fugo (Horst-Gcbhardi. Flügel).?. Mussorgsky: Lieder(Adelheid Holr, Sopran), 3. a) Loeillct: Sonate F-Dur: b) Niemann: Allcmandc, op. 39; c) Blumer: Tarantella, op. 46(Kurt Pfcfferle, Flöte; am Flügel: Julius Bürger). Olympia-Vorprüfung der Leichtathleten.(Heinrich Troßbach.) Dr. Martin Gumpert; Soeialc Kosmetik. Renato Mondo liest eigene Novellen. Prof. Dr. Julius Wolf: Weltwirtschaftskrise und kapitalistlsdics System. Unterhaltungsmusik. Mitteilungen des Arbeitsamts. Wovon man spricht. Tages- und Sportnachrichten. I. Rathaus: Kleines Vorspiel. 2. Höffen; Marsch aus der..Partita". 3. Mozart: Sinfonie G-Moll K.-V. 650. 4. Schubert: Sinfonie B-Dur(Kam« mcrorchester Michael Taube). Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. 16.00 17.00 17.20 17.40 18.00 18.30 19.55 20.00 20.30 20.40 22.00 17.00 17.30 18.00 18.30 18.55 19.00" 19.25 20.00 20.4!) 21.15 Königswasterhausen. E. Oprie: Chemisch- physikalische Schülcrtbungen. Purcell, ein Klassiker der englischen Musik. P. Dr. Stephanus Hilpich: Das katholische Mönchtum. Prof. Dr. H. Qroßmann: Die chemische Produktion Deutschlands. Wetter für den Landwirt. Dr. M. H. Boehm: Volksgedanke und Weltanschauung. Dr. Burckhardt: Vichverkäufc und Absatzschwierigkeiten. Königsberg: Konzert. Felix Stößinger: Das Kinderclend in Rußland, nach bolschewistischem Quellen. Hamburg: Blasmusik- Wetter für Berlin: Kühl und unbeständig mit einzelne,, Schauern, nordwestliche Winde.— Für Deutschland: Ueberall un- freundliches uns ziemlich kühles Wetter mit wiederholten Regen- fällen. BeiaiNwortl. filr die Redaktion: s»bkrt Lepdre, Berlin: Anzeigen: Td.»lock«. Berlin. Berlag: Vorwärts Verlag lS. m. b. s.. Berlin. Druck: Vorwärt« Buck>. druckerei und Berlagsanltalt Paul Singer& Co.. Berlin SM KS. Lindenstraße S, Hierin 1 Beilage. S.1S Uhr: Premiere „Madame hat Ausgang" mltTraut« Rose, Armin Schweizer, Arno, Fischer.Biging.Harden, Wächter, Dahlke, Freund, Hoffmann, Rosen, Wilde. Preiset 0.50— 3 M Besucht das e i n z ig:e Sommer- Theater Berlins! Des Weltstadt- Variete- Programm mit Lotte Werkmeister und Carl Braun. 8.15: Singspiel „Unter d.bliihemleD Linde" m. Hans Rose, Kenisch, Qüllich, Mikulski, Byron, Pyrmont, Hofer. Wochtgs. 5.30, Stgs. 5 U. Preiset 0.60— 2 M Gr. Frankfurter Str. 132. U-Bahn Strausberger Platz.— etägloer Vorverkauf 11— 1 und 3—9 Uhr.— Tel. Bestellung. E 7 Weichsel 3422 ROSE- THEATER- ABONNEMENT Der billigato und beste organisierte Theaterbesuch. Persönl. Anmeldg. werd. tägl. v. 10-7 Uhr im Rose- Brettl angen. Verlangen Sie den illustr. Prospekt kostenlos! Bitte 8 Pf. Rückporto beifügen I 8.15 Uhr Belleü Edoerdow«, 10 Brox# 4 Richys, Mary-Erik- Paul usw. Komische oper Friedrichsir. 104 8'/j Uhr Frauen haben das gern... Musikol. Schwank von Arnold Musik T. Walt. Kollo Sominerpr. 0�0- 7.00 fCAO Barbarossa 925« Hol. B u. BI/2U. H. u. H. Williams Lee Gall- Ensemble Orif. 3Whlrl wlnds Bob Ripa Cella Brandt is«. Reichshallen-Theater Anfang£5] Uhr Stettiner Sänger vom 16. 7. bis 22. 7. „Alles verrückt!" 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Hier wohnen Menschen, deren Denken und Fühlen vom Boden und seinen Erzeugnissen bestimmt werden. Sie mähen noch mit der Sense und säen mit der Hand. Ihr Besitz ist vielfach verschuldet, und am Abend, auf der Landstraße, begegnen wir Arbeiter, die eigentlich Bauern sind. Sie kommen von ihrer Arbeitsstätte, den Glashütten in P e n z i g. Aus der Ferne gesehen ist alles in Grün gebettet, und die hohen Schorn- steine, die schwarzen Rauch in das Blau des Abends malen, wirken dekorativ. Was vorhanden ist an menschlischem Wert, ist schon von weitem sichtbar. Kommt man näher, spürt man den Brandgeruch der Hütten, der über der Umgebung lagert, und man fühlt, wie hier etwas in die Landschaft hineingeschoben ist, was nicht von Anfang an dazu gehört. In dem Orte wohnen etwa 8000 Menschen. Die Wilhelmstraße ist die Hauptstraße, sie durchschneidet den Ort wie ein- Achse. Das holprige Kopfpflaster verstärkt die Geräusche des geringen Verkehrs, der aus Fuhrwerken besteht, die meistens Kohle für die Hütten geladen haben. Es ist Vormittag und die Straße ist lebendig von Hausfrauen, Büroboten und Arbeitslosen, die houfenweise an den Ecken stehen. D»? Bild der Straße ergibt sich aus nebeneinandergsreihten zweistöckigen Häusern, im Erdgeschoß befinden sich Läden. Das Bild ist nicht einheitlich, man merkt, daß einfach nach auftauchenden Bedürfnissen angebaut wor- den ist. Noch verschwinden die Glashütten hinter dem Eindruck des Kleinstädtischen. Bis einen dann die Hauptstraße direkt vor die Einfahrt zu einer solchen Hütte führt. Im Bordergrund liegen die Bürogebäude, ein Anschlußgleis der Eisenbahn fuhrt bis in die Werkräume, dort stehen Güterwagen, in die das fertige Glas verladen wird. Die Reihe der Dinge, die hergestellt werden, geht vom Lampenzylinder über das Konservenglas bis zum Kristallglas. Der eigentliche Produktionsprozeß beginnt mit dem Ofen; das ist ein fast kreisrunder Ziegelbau, der unter hoher Temperatur steht und in dem sich die sogenannten„Hafen" befinden, aus denen hie Glasmacher.durch Oeffnungon-die- flüssige. Glgsmgsie, mit, den Pfeifen' herausholen,-durch- die das Glas geblasen wird.- Sie-siehen vor dem Ofen auf einem bühnenartigen Bretterbau und auf so einer Wertstatt arbeiten bis zu 40 Mann. Es herrscht ein tolles Durch- einander von glühenden Glasballen, die durch die Luft geschwenkt werden und die auf eine geheimnisvolle Weise plötzlich Form erhalten, abkühlen, Glas werden und von den Einträgern mit Gaheln in den Kühlofen geschafft werden. Von dem täglichen Blasen sind die Wangen der Arbeiter hohl And eingefallen, man spricht von Glasmacherbacken: ihre Haut ist großporig und bräunlichblau, sie hängt in Falten über die Gesichtsknochcn. Die Berufskrankheiten in der Glasindu- strie sind Schwindsucht und Magenleiden. Die Hitze zwingt die Arbeiter zum Trinken. Man sieht die Einträgerburschen dauernd mit Glasgefäßen hin und her laufen, in denen sie über der Straße Bier holen. Viele der Glasmacher wohnen in den Familienhäusern. die zum Werk gehören, alte, ungesunde Gebäude aus der Vorkriegs- zeit mit ausgetretenen Stiegen und niedrigen Räumen: kleine Fen- ster, in welche die verbrauchte Hüttenluft eindringt und von den Menschen noch im Schlaf eingeatmet wird. Das ist das Werk und feine Umgebung, das den Glashütten- Hüttenproleten formt, den der Kleinbürger verachtet und fürchtet wegen der Macht, die ihm aus der gewerkschaftlichen Organisation erwächst. �Merkwürdig ist das Verhältnis der Hütten zu dem Ge- famtbisd des Ortes. Sie geben ihm zwar das besondere Gepräge, ober noch heute spürt man den Wider st and, den das ursprüng- lichc Bauerndorf der hineingeschobenen Industrie entgegensetzt. denn das Oberdorf mit den Hütten, Geschäften und Miethäusern, das eine Einheit bildet, steht in scharfem Gegensatz zum Nieder- d o rf. Sie sind durch keine räumliche Entfernung getrennt, aber ihre Gegensätze sind es, die das politische Leben der Gemeinde formen. Das Niederdorf könnte ein Ort für sich sein, eine Landge- meinde. Hier stehen zu beiden Seiten der Straße Nein« und mittlere Wirtschaften, manche der Häuser sind noch strohgedeckt, hier liegt noch der Misthaufen im Hofe und der Stall schließt sich un- mittelbar an die Wohnräume an. Diese Bauern, die im Schatten der Glasindustrie leben, hängen mit starrer Hartnäckigkeit an den Begriffen„Eigentum" und„B e s i tz" und ihre Tragik liegt in der fortschreitenden Proletarisierung dieser Schicht, gegen die sie sich mit allen Mitteln wehren und einen Bundesgenossen in der nationalistischen Bewegung und ihrer Ideologie finden. Viele dieser Bauernsöhne sind gezwungen, in den Glashütten zu arbeiten. Nach Feierabend sieht man einen ganzen Strom von Arbeitern, die sich äußerlich nicht von den anderen unterscheiden, zu Fuß und mit Rädern in die Dörfer zurückkehren. Das Land ernährt sie nicht mehr, die Familie zersällt. Sie werde» von der Industrie ver- schluckt, die einmal sehr oufnahmesähig für diesen Zustrom vom Lande war. Sie frißt sich langsam in das Bauerntum hinein. Di« scharfen Grenzen sind zunächst nur etwas Aeuherliches: der große Unterschied zwischen Ober- und Nicderdorf beruht zum größten Teil nur auf hem optischen Eindruck. Der Bauer und auch der Kleinbürger reden zwar von dem Glasarbeiter verächtlich als„H ü t t e n s p e r l i n g", aber sie sind vielleicht morgen schon beide gezwungen, nach Arbeit zu fragen in den Hütten. Und eben weil sie das spüren, deshalb ist ihr Haß so unversöhnlich: denn wer könnte schließlich das Ungeheuer lieben, das ihn auffressen will? Ueber die Ursachen dieses Prozesses ist man sich natürlich nicht klar. besonders in den Kreisen nicht, die unmittelbar davon bettoffen werden: man spürt ihn nur und haßt seine rein äußerlichen Mo- mente, die Hütten, die Arbeiter. Und das gilt nicht nur von den £)jembauern de» liegenden Dörfern. Es ist ein Auflösungsprozeß, der den Häusler l und den Kleinbauern über Nacht zum Lohnarbeiter machen kann. Das ist es, was man am tiefften spürt in diesem Ort, der im Banne der Heide liegt und in dem sich der frieMiche Rauch aus den Kaminen kleiner Wirtschaften mit dem Qualm der Fabrikschorn- steine vermischt. Herbert Reinhold: Männer vor dem Glasofen Fabrik für Hohlglaswaren: große, helle, glasbedachte Halle. Offene Türen. Fenster ohne Scheiben. Runder, massiger Ofen, wie ein wuchtiger Block. Rot und weiß brodelt flüssige Glasmasse. Feuer züngeln aus eckigen Löchern. Trockene Hitze brennt auf ein hölzernes, steinplattenbedecktes Podium rings um den Ofen. Glassplitter knirschen unter Holzpantoffelttitten. Wassergläser, bauchig, leer und voll, stehen umher. Lange Glasmacherpfeifen, mit zähtropfenden Glasresten, liegen an Rollständern. Formen, Holz und Eisen, warten. In eisernen Kühlöfen schwelen gasige Feuer. Körbe mit fertig- gekühlten Glaswaren werden nach der Schleiferei gebracht. In Ecken liegt Ouarzsand und Glasschlacke, vorbereitet zum Einschmelzen. Sodasäcke stauben und reizen zum Nießen. Auf dem Podium stehen Männer, junge und alte, in blau- gestreiften Hemden, die Hosen um den Leib gegürtet, nackte Füße in Holzpantoffeln. Glasmacher, Fertiger der rohen Glasware. Schafsende, die mit den Muskeln und mit den Lungen arbeiten. Vor jedem Ofenloche eine Akkordkolonne: der Stuhlmeister, Ge- Hilfen, einer oder zwei, der Kölbelmacher und der Einträger. Vater, Söhne, oft auch Enkel oder sonstwelche Verwandte. Nur der Ein- /träger, der Mann, der selbst nicht produziert, ist Fremder, Zuge- reister, Landsahrer etwa. Oder ein Ausgesteuerter, der Osterburschen- arbeit für Kinderlohn verrichtet. Der aber stets auf dem Sprunge ist, das Amt des Kölbelmachers— in der Aufstieglinie zum Ge- Hilfen— zu übernehmen. Glasmacherakkordarbeit ist Familien- arbeit, Traditionssache. Nur so läßt sich etwas verdienen. Und das Geld bleibt in der Familie. Generation um Generation stand vor dem Glasofen, den sie hassen, well er ihnen die Gesundheit raubt, der sie aber festhält, bis sie nicht mehr können. Alle Glasmacher sind Spezialisten ihres Faches. Die machen Kolben für Thermosflaschen. Jene Aquarienbehäller. Andere Kochgläser für Laboratorien. Oder Röhren für Glasbläser, die als Heimarbeiter Thermometer, Apparate, Spezialgläser und Glasspielsachen fertigen. Das ist die Arbeit der Männer vor dem Glasofen: acht Stunden in Hitze und Gas. Der Kölbelmacher packt eine Pfeife. Taucht sie in die brodelnde Masse. Dreht sie spielend blitzschnell um, die Glasmasse rundend. Behutsam, immer drehend, bläst er das Kölbel auf zu kleiner Kugel. Bis der Gehilfe die Pfeife übernimmt und mit sicherem Griffe nach neuer Masse taucht. Wieder dreht sich die Pfeife bei fortwährendem Blasen. Das rote Kölbel wird größer, durch Schwingen langgezogen oder zwischen Hölzern breitgedrückt zu ge- wünschter Form und... der Stuhlmeister hat die Pfeife. Noch etwas Glas aus dem Ofen. Schnelleres Drehen. Backen pusten sich auf. Nieder mit der Pfeife auf einen Bock. Letztes Runden oder Drücken. Hoch wieder die Pfeife. Hinunter in die Form. Zischen und Brennen. Form geöffnet. Der E i n t r ä g e r wirft sie in einen Wasserkübel. Stellt sie breit wieder hin. Stritzer auf den Pfeifen- rand des fertigen Kolbens. Abwurf auf die bereitgehaltene Schaufel des Einträgers. Weggeschafft in den Kühlofen. Nichts darf kaputt gehen. Jedes Stück ist Geld! Diese Arbeitsabschnitte wirbeln durcheinander. Die Pfeife rast vom Kölbelmacher zum Gehilfen, vom Gehilfen zum Stuhlmeister und wieder zurück zum Kölbelmacher. Zwei, drei, vier und fünf Pfeifen gehen reihum. Dann Wassertrinken, viel Wasser. Gegen Feierabend sogar Bier. Und Singen und Fluchen. Schweiß sickert durch die Arbeitslumpen. Trotzdem wird lustig geblieben. Harte Scherzworte gehen die Runde. Auch Zigaretten werden geraucht zwischen zwei Pfeifen. Glasmacherarbeit ist gefahrvoll und gesundheits» schädlich. Tuberkulose wütet in Glasmacherbezirken. Kein Wunder, denn die Erkältungsgefahr ist nirgends so groß. Woh- nungen, oft am oder im Werk, sind klein und dumpfig. Und Glas- macherfamilien sind kinderreich! Trinken, übermäßiges Trinken tut ein übriges. Glasmacher sind größtenteils Kleinstädter. Sie sind gut« Kämpfer im Klaffenkampf. Hart wie ihre Arbeit ist ihr politisches Wollen. Sie sind Tatmenschen im Kleinkampf und hitzige Verfechter ihrer Sache. Darum auch: Zusammenstehen wie ein Mann hat ihnen den Achtstundentag gebracht. Viele Verbesserungen— Arbeitserleichterungen, bessere Wohnungen, Siedlungen, Gärten, Ausbau der Gesundheitsfürsorge usw.— sind solidarischem Handeln zu ver- danken. Langsam werden die Männer mtt den Pfeifen abgelöst von den Maschinen. Aber lange noch wird es dauern, bis der Glasmacher- beruf in seiner heutigen Form ausgestorben ist. in Eine Studie*** Von Heinrich Heining Die Menschen Vorpommerns kämpfen um hartes Brot einen harten Kampf. Das Meer ist streitbar und widersetzt sich den un- endlich mühsam schaffenden Fischern mit den grimmigen Waffen des Sturmes, der Kälte und der Unergiebigkeit. Das platte Land ist fruchtbar zwar, aber diese Fruchtbarkeit wird nicht dem Heer der Menschen wirtschaftlich ersprießlich, die das Feld pflegen und pflügen, sondern dem kleinen Häuflein derer, denen es durch freund- liches Erbe bequem erworbener Besitz wurde. Nach diesen Gegen- sätzen formt sich, wie überall, aber hier doppelt fühlbar, das sozio- logische Bild. Nacht für Nacht ziehen die Fischer auf ihren alten, müden Kähnen aufs Meer, legen Netze und Aalruten und kehren in der Frühe heim, durchnäßt, durchfroren, körperlich und geistig erschlafft von der Arbeit und der dumpfen, drückenden, ewig gleichklingenden Melodie des Meeres.(Dem erholungsuchenden Städter mag freilich die nächtliche Fahrt auf einem Fischerkahn ein optisches und akusti- sches Erlebnis sein: dem Fischer jedoch, der, lebenslang, in grau- samen Nächten dem Meer das Brot abringt, sind Wellenspiel, Vrandungsmusik und Mondspiegelung verteufelt sekundäre Ange- legenheiten, ebenso wie der Rüdesheimer Winzer wenig Verständ- nis für die Romantik seiner glutheißen Schieferberge hat, auf denen er schuftet und schwitzt.) Der Wert des mühselig geborgenen Fischgutes wächst, wenn man seinen Weg von der Hand des Fischers bis zum Konsumenten verfolgt, mit unheimlicher Schnelligkeit. Der wertefördernde Fischer, der also sich der Ungunst des Wetters und den Gefahren der See aussetzt, ist fast ausnahmslos der kärglich besoldete Arbeiter eines Fischerei-Bettiebes. Diese Firma verkauft die Ware sofort Zwischenhändlern, deren betriebsamer Vertrieb sie, meist durch Mittelspersonen wiederum, in die Geschäfte bringt, in denen sie dann der Verbraucher kaufen kann. Der Tatbestand ist fast komisch: ein Aal, der sich nachts um 2 Uhr an die Rute hängt, passiert bis morgens 7 Uhr sechs Stationen und bringt fünf verschiedenen Betrieben Geld, dessen Höhe mit der Nähe des Kochtopfes wächst. Die Free st er Fischer, Bewohner eines tteinen, sehr schönen Dörfchens in der Nordostecke Vorpommerns, zogen eines Tages aus der geizig verschlossenen Haltung des Meeres und der Kümmerlichkeit ihres Doseins eine mutige, Aufsehen erregende Konsequenz. Sie sattelten um und wurden Teppichknüpfe r. Mag auch, als erster Eindruck, der Kontrast zwischen dem Gewerbe eines Fischers und eines Teppichknüpfers recht einschneidend er- scheinen, so besteht doch eine enge handwerkliche Beziehung: Netze- knüpfer— Teppichknüpfer. Die junge Industrie, gefördert von der ermutigenden Unterstützung der Behörden, entwickelte sich schnell und erfreut sich heute bereits auf dem Teppich-Markte eines hohen Ansehens. Man ernennt einen Freester Teppich sofort an den eingeknüpften Symbolen des früheren Berufes seiner Hersteller: Fischköpfe, Schiffe, Wellenkämme. Die Landbevölkerung lebt, wie einleitend angedeutet, ein klägliches Leben. Die Aeußerlichkeit der Arbeit unterscheidet sie nicht von ihren Schicksalsgenossen auf dem westfälischen oder Ichlqflchep Land«,-te JfapfrfWfif chver Lch,nnj«m> mag für diese Gegend sonderlich erscheinen, da hier, mehr als anderswo, der Druck der Junker den Weg dieser Menschen verengt und seine Richtung zu bestimmen trachtet. Recht eindeutig und in einer Anzahl von Fällen nachgewiesen sind die Versuche, die freie politische Meinung zu drosseln. Das Raffinement dieser Versuche wird besonders bei namentlichen Volksabstimmungen deutlich. Aber: mögen Drohungen, Geldgaben, Flaschenbier und Zigarren hin und wieder erbärmlichen Existenzen das Klassenbewußtsein trüben, die große Armee des Landproletariats marschiert hier solidarisch hinter seiner schrittmachenden und wegweisenden Gewerkschaft, dem Land- arbeiterverband e. Erwähnenswürdig, weil unwürdig, sind die Wohnungen. Es sind kleine, unglaublich primitive Katen, in deren engen, dunklen. unhygienischen Räuriym die Menschen eng zusammengedrängt Hausen. Die Bemühung, die Räume sauber zu halten oder gar zu pflegen, ist von vornherein illusorisch, weil in vielen Fällen sogar der Schutz eines Fußbodens fehlt und man hinter der Schwell« sofort wieder lehmigen Boden betritt.(Die Junker sitzen in freud» vollen Herrenhäusern.) Die geistige Zentrale Vorpommerns ist Greifswald. An der Universität studieren durchschnittlich zweitausend Studenten, die teils dem Wassersport, teils der Wissenschaft huldigen. Der Student ist hier der ausschlaggebende wirtschaftliche Faktor. Wenn man einen ungefähren Monatswechsel von 120 annimmt, trifft sich hier in jedem Monat die hübsche Summe von 240 000 und macht sich in der Stadt seßhaft. Freilich bringen die Ferien eine Baisse. Dem geschäftlichen Wert der Studenten steht ihre gesellschaftliche und politische Bedeutung nicht nach. Die Mütter versuchen eifrig, die Schar ihrer Töchter unter eine akademische Haube zu bringen, und die politische Orientierung eines großen Teiles der Studentenschaft findet in der konservativen Denkungsart der pommerfchen Bürger gleichklingenden Widerhall. Stralsund, diese schöne Stadt, gründet seinen Ruhm auf Wallenstein, Schill,-schöne Bauten und seine„Sttalsunder Spiel» karten". Der Hafen ist Knotenpunkt bedeutender Schiffahrtslinie» der Ostsee, der Reichsbahnhof ist, auf dem Wege nach Schweden und Norwegen, die letzte Station des Festlandes. Trotz eines Sußerlich etwas kleinstädtischen Eindrucks spürt man auf Stralsunds Sttaßeu und Plätzen, besonders aber am Hafen die pulsierende Geschäftigkeit eines internationalen Zentralpunktes für Handel und Verkehr. Die geographische Lage gibt also der Stadt das wirtschaftliche Geficht und ihren Bewohnern das Brot. Auch wenn man sich der meist etwas überklugen Art, deu ein» zelnen Volksstömmen bestimmte Instinkte, Eharakterzüg« und äußere Eigenheiten anzudichten, verschließt, darf man ein auffalle»- des Merkmal bei diesen niederdeutschen Menschen nicht übersehen, nämlich die Verbundenheit mit der Person und dem Wert ihres literarischen Repräsentanten: Fritz Reuter. Obwohl Reuter Mecklenburger ist, spricht er doch ihre Sprache. Reuters Menschen sind sie selbst. Jeder kennt sein Leben, seine Schnurren, seine Ge» schichten. Wer Reuters Menschen in ihrer Fröhlichkett und khreu Nöten versteht, versteht die biederen, ursprünglichen Meufche» hfefes flerfln sezzdfef Fern von der Qegenwttjei Deutschland hat eine Woche schwerer Krisenzeit hinter sich. Nicht .mr die verantwortlichen Kreise wurden in Alarmzustand versetzt. Die Zahlungseinstellungen der Danatbank waren ein Symptom, das zur breitesten Oeffentlichteit sprach und höchste Erregung in allen Schichten der Bevölkerung verbreitete. Je unklarer die Vorstellungen von den wahren Ursachen und Wirkungen waren, desto wildere Gte l üchte und Vermutungen entstanden, desto sinnlosere Handlungen wurden von den einzelnen begangen. Hier erwuchs dem Rundfunk eine Pflicht, die er im wesentlichen leider nicht erfüllte. Seine Aktualität wurde und wird so oft von leitender Stelle betont; aber im entscheidenden Moment fehlt sie. Man ist bei der Funkstunde aktuell, wenn es sich um Interviews von irgendwelchen Stars oder um Sportreportagen handelt, und man scheut keine Mühe und Kosten, um rechte Kinn- und linke Niercnhaken nachts um vier aus Amerika zu übertragen. Von Dingen, diedicMenschenwirk- lich angehen, erfährt man dagegen im Funkhaus anscheinend sehr verspätet, und auch dann nimmt man sie dort nicht allzu wichtig. Gewiß: wenn unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Danab pleite der Rundfunk sich bemüht hätte, sachliche Aufklärung in alle Kreise zu tragen und damit zur Vernunft zu mahnen, so hätte das den Run auf die Banken auch nicht verhindert, höchstens ihn etwas abgebremst. Es ist schließlich menschlich sehr begreiflich, daß die Erinnerung an die Inflationszeit bei vielen jeds� vernünftige Ueberlegung besiegt. Aber es wäre doch auf jeden Fall möglich ge� wesen, diese Ueberlegung vorzubereiten, und das wäre ein unschäfr barer Gewinn gewesen. Was solche Aufklärung in vielen Fällen hätte bedeuten können, vermag allerdings nur der zu begreifen, der sich in den kleinen Sparer hineindenken kann. Auf der Sparkasse liegen wieder ein paar hundert Mark, ein Notgroschen für Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter. Wer einmal erlebt hat, wie solche in jähre langer harter Arbeit pfennigweis zusammengedarbte Summe sich tn Nichts auflöste, muß verzweifeln, wenn er glaubt, vor einer Wieder holung dieser Ereignisse zu stehen. Die Funkstunde wird— wahrscheinlich durchaus mit Recht— sagen, daß sie offizielle oder offiziöse Ausführungen zu der Lage so rasch gegeben hat, wie sie irgend zu erlangen waren. Daß dies nur mit eintägiger Verspätung möglich war, ist bedauerlich. ober gewiß nicht ihre Schuld. Aber wo blieben die w i r t s ch a f t s- politischen Vorträge, die sich um eine Klärung der Begriffe bemühten? Die Feststellung, die an dieser Stelle schon oft gemacht wurde, daß die Funkstunde sich viel zu wenig bemüht, mit Wissen- schaftlern in Kontakt zu kommen, die über die Kunst verfügen, volks- tümlich zu sprechen, erklärt das Ausbleiben solcher Vorträge durch- aus: man hat im Funkhaus niemand zur Hand, der in solchem Augenblick das Notwendige zu sagen verstünde. Ein solcher Zustand wäre in jeder Zeitung eine Unmöglichkeit. Jeder Redakteur weiß, daß Aktualität sich nicht darin dokumentiert, daß man eine Meldung noch eine Minute früher als der andere geben kann, sondern in der Schnelligkeit und Gründlichkeit, mit der man zu dieser Meldung Stellung nimmt. Dazu aber braucht man einen Stamm bewährter Fachmitarbeiter, der es ermöglicht, jederzeit umgehend sachkundige Ausführungen über irgendein Gebiet anzufordern. Ueber diese selbstverständliche Tatsache setzt sich die Funkstunde eigenartigerweise hinweg. Sie hat, wenn es wirklich darauf ankommt, unter Umständen nicht einen einzigen brauchbaren Redner bereit. Tatsächlich hat diese ganze Woche keinen einzigen Vortrag gebracht, der zum Verständnis der ganzen Situation irgend- welche Einzelheiten volkstümlich klargestellt hätte,. Die. mehr oder weniger offiziellen Persönlichkeiten, die im Programm der Funkstunde zu der Lage sprachen, mußten natürlich immer um eine Totalität bemüht sein. Von ihnen verlangt der Hörer diesen Ueberblick zu bekommen, der ihm zwar vielfach im einzelnen unver- ständlich bleiben muß, der aber dafür die gewissermaßen amtlich fest- gelegten Grenzen des Gefahrengebietes umreißt, das im ersten Schreck grenzenlos erschien. Aber solcher Ueberblick genügt nicht, wenn dabei keine Einzel- heiten erkannt werden, die Ausdehnungs- oder Eindämmungsmög- lichkeiten d?r Gefahr übersehen lassen. Das allen so geläufige Wort „Geld", das im gewöhnlichen Leben den Menschen keinen Begriff. sondern nur einen Maßwert darstellt, wurde mit einem Schlage eine schwierige, unoerstandene Vokabel. Kreditwesen, Währungsfragen, die Organisation von Banken und Sparkassen waren plötzlich Dinge geworden, die zu oerstehen sich auch der volkswirtschaftliche Analpha- bet mühte. Die Zeitungen haben nicht den breiten Raum für solche � Erklärungen, die der Rundfunk mühelos hätte geben können. Statt dessen zog das Unterhaltungsprogramm sich zeitfremd weiter durch die Tage. Einmal führte es die Hörer in eine Kleinstadt, die einige Bahnstunden von Berlin entfernt liegt. Dort wohnen Menschen, die f&echisf vagen des Tages "Der unbefugte Husgang Ein besonderes Merkmal des Hausangestelltenverhältnisses ist die Abhängigkeit auch nach Ablauf der Arbeitszeit. Will die An- gestellte abends ausgehen, nniß sie die Herrschaft(ein Mittelalter- . liches Wort) um Erlaubnis fragen. Sie will aber diesmal, will unbedingt, denn es ist Silvester, und wer möchte zum Jahres- ansang einsam zu Hause sitzen. Die Herrschaft gewiß nicht, sie ist e i n g e l a d e n. Es ist aber noch die Kollegin da, die den Auf- trag hat, auf Kind und Geschäft der Arbeitgeber zu achten. Trotz- dem wird dem Mädchen der Ausgang verweigert, ohne Grund und ohne Sinn. Das erbittert sie, sie greift zur Selbsthilfe, geht einfach fort. Bisher war ihre Führung immer tadellos, und so glaubt sie diesen einen Ungehorsam verantworten zu können.— Am nächsten Morgen wird sie f r i st l o s entlassen. Vom Arbeitsgericht, vor dem sie Einspruch erhob, wurde ihr Lohn und Kostgeld für einen Monat zugesprochen(also bis zum nächsten gesetzlich zulässigen Kündigungstermin). Das Landes- orbeitsgericht als Berufungsinstanz bestätigte das Urteil. In der Begründung betonte es, daß der Hausherr objektiv betrachtet kein berechtigtes Interesse daran hatte, die Klägerin an dem Abend in der Wohnung zu wissen. Nach 8� llhr abends würden für gewöhnlich von einer Hausangestellten keine Dienste mehr oer- langt, und da besondere Umstände(Besuch oder Krankheit) nicht vorlagen, hätte sie zweifellos schlafen gehen können, zumal die Ver- sorgung des Kindes ihrer Kollegin oblag. Eine Pflicht wurde also nicht oersäumt. Dazu sei es noch Silvester gewesen, wo in weitesten Kreisen der Wunsch besteht, gesellig beisammen zu sein. Eigen- mächtiges Fortgehen während der Dienstzeit rechtfertige wohl frist- lose Entlassung, dennoch könne bei dem ordentlichen Mädchen, das sich stet» einwandfrei geführt habe, der einmalige abendliche Silvesterausgang nicht als genügender Grund für eine so harte Maßnahme angesehen werden.— So muß unsere Hausangestellte also den freudigen Johresansang nicht büßen und das Jahr verläuft ihr hoffentlich weiter jo freudig. Dr. Camilla Striemer. in diesen Tagen sicher genau so sorgenschwer und so hoffnungsvoll, so sinnlos verängstigt und so vernünftig waren, wie die einzelnen Menschen in Berlin oder an irgendeinem anderen Ort. Was hätte näher gelegen, als davon zu erzählen, wie die Stadt in diesen Togen aussieht, und durch solchen Bericht die Menschen in diesen Zeiten der Sorge fühlbar zusammenzurücken, um mit ihnen über Gegen- wärtigcs zu sprechen? Von solchem Vortrag hätte viel Beruhigung. viel Trost ausgehen können. Aber so war der Vortrag nun einmal nicht vorgesehen, als man ihn vor Wochen ansetzte, und deshalb war es der Funkstunde nicht möglich, ihn so zu bringen. Deshalb widmete man ein Viertel der Veranstaltung den Kunstschätzen des Domes, eia Viertel dem höchst unbedeutenden Dichter Gleim, der bestimmt schon längst vergessen wäre, wenn ihm nicht als Preußenkönigverherrlicher die Schullesebücher ein treues Andenken bewahrt hätten, und die Hälfte der Veranstaltung wurde mit einer Führung durch«ine Wurst- fabrik zugebracht, was der Hörer als symbolische Geste der Funk- stunde nehmen konnte. Falls sonst noch etwas gestreift wurde, so fiel das nicht weiter auf, und es war jedenfalls sicher nichts, was irgend» wie zu den Vorgängen des Tages in Beziehung stand. Vielleicht kam sich auch die Funkstunde mit ihrer unbeirrbaren Durchführung des festgelegten Programms wunder wie diplomatisch vor und glaubte, gerade dadurch zur Beruhigung der aufgeregten Gemüter beizutragen. Nun wäre es gewiß sinnlos gewesen, das ganze Tagesprogramm etwa umzustoßen und die Hörer mit populär- wissenschaftlichen Vorträgen in großer Menge zu verwirren. Aber vernünftige Grundlagen zum Ueberblicken der Situation hätten keinen besonders breiten Platz einzunehmen brauchen; nur richtig aufbauen hätte man sie müssen. Gerade dieser Verzicht der Funkstunde aber auf jede eigene Anteilnahme an dieser erregenden Gegenwart mußte den Hörer beunruhigen und in manchen ängstlichen Gemütern das Gefühl wecken, daß man sie mit Gestrigem über Heutiges hinweg- täuschen wolle.___ Te$. eBuch Eugene Stabil: ßtoiel du Mord, Paris*) Hotel du Nord ist eines jener Hotels, wie wir sie nur in Paris finden können. Ein altes, nicht mehr ganz bausicheres Haus, zwei bis drei Etagen, irgendwo am Ufer der Seine gelegen, zum Beispiel wie hier am Quai de Jemmapes— winzige Zimmerchen mit bunten» •) Mit einem Vorwort von Felix Vertäu; und mit tS Zeich- nungen de» Verfassers. Buchverlag Laden u. Comp. Dresden tSSl. «uvanzleu Tapete», dllrfkkges MMSae. dafvr ade? KvchgÄegen, hett, ein Wirt, der Kaffee und Aprettfs ausschenkt und mit seine» Gästen Karten spielt, eine Wirtin, die überall im Hause nach dem Rechten sieht und stets bemüht ist, daß sich ihre Gäste„wie zu Hause" fühlen. Wer sind denn diese Gäste, die in Papa Lecouoreurs Hotel du Nord ihr Heim gefunden haben? Arbeiter, kleine Angestellte, Proletarier, die frühmorgens in Lecouoreurs Gaststube hastig ihren Kaffee schlürfen und nach ihrer Arbeitsstätte lausen. Abends kehren sie dann ins Hotel zurück, verschlingen chr Abendbrot, spielen, trinken oder bummeln auf dem Quai. Nachts schlafen sie mit dem Zimmermädchen, soweit sie nicht durch Frau oder Lebensgefährtü« „gebunden" sind. Und die Frau Wirttn, die auf die Moral ihrer Gäste ein wachsames Auge hat, muß es dulden. Wenns zu arg wird— na, denn wird's eben zu arg. Da ist nichts zu machen. Es gehört zum Alltag dieser Menschen. Und von diesem Alltag erzählt das Buch, von dem Alltag, der reibungslos und nicht allzu bunt abläuft. Und wenn er einmal nicht ganz so abläuft, zum Beispiel— ein Zimmermädchen wird schwanger oder ein grell geschminktes, aufgedonnertes, ausgepludertes Weibs- bild schneit herein und verdreht sogar dem gegen olle Weiblichkeit bisher tabu gebliebenen Wirt den Kopf oder die Polizei erkundigt sich allzu lebhaft nach einem der vertrauenswürdigsten Gäste, oder gar das Ereignis eines Tages wie der 1. Mai— eine der stärksten Szenen des Buches— dann wird diese gleichmäßige, fast monotone Bewegung des Alltags unterbrochen, der Wasserspiegel des Lebens kräuselt sich— aber bald liegt er wieder blank und ruhig. Das Leben geht weiter wie gestern und morgen und alle Tage. Aber eines Tages kommt eine Kommission, zahlt Papa Lecouvreur eine stattliche Abstandssumme Geldes auf den Tisch, das Hotel wird niedergerissen, an seiner Stelle erhebt sich nun eine Fabrik. Mieter und ihre Schicksale sind in alle Winde zerstäubt. Das Ehepaar Lecouvreur geht unter die Rentiers. Eugene Dabit, der Verfasser— nein, der Dichter des Romans, der eigentlich kein Roman ist, sondern eine Dichtung, eine ganz feine, zarte Dichtung, leicht hingeworfen, skizzenhaft, impressio- nistisch wie die Musik Debussys— dieser Eugene Dabit ist vom Schlage eines Albert Thierry. Kein.�Lolksdichter", aber einer, der das Volk kennt, liebt, vor allem aber fühlt. Irgendwo steckt in ihm der Dramottker; da, wo er fest zuzupacken versteht, wo er mit einem Minimum von Ausdrucksmitteln stärkste Wirkung erzielt. Noch aber fehlt ihm die Souveränität in der Behandlung des Stofflichen. Manchmal läuft es ihm durch die Finger, er verliert sich, gerät in Wiederholungen, die ermüden. Dies besonders in der zweiten Hälfte seines Buches. Gegen Schluß aber fühlt man bei chm wieder Grund— der Abriß des Hotels— packend: ein bleibender Eindruck. Dieser Roman Dabits ist ein Versprechen. Was er davon halten wird, wollen wir abwarten. Uebersetzt hat das Buch Bernhard Iolles, manchmal recht flüchtig, aber fönst gut nachempfunden. Lnedrich Lichtneker. WAS DER TAG BRINGT ■iinmniiiiiiuiiniiiniNiuiinmiHifflnmiiiiraiininminnninmfflnwiumunnmuiuniiunnunnmiiiuiniiuiiiiiiiiuiiiinuimuiininuniuimnuiianiinaiiuiiiiiiniuinM ERZÄHLT VON YORICK Die Beleidigten In Frankreich taten sich zwei Steuereinnehmer zusammen und schrieben einen Roman. Sie wählten einen Ort ihres Amtsbezirks zum Schauplatz. Halle man ihnen aber die Tatsache, daß sie Steuern eintrieben, nur schwer verziehen— den Roman oerzieh man ihnen überhaupt nicht. Es kam zum Prozeß; es klagten sieben Hono- ratioren des Ortes: der Pfarrer, der Notar, der Gerichtsvollzieher, der Gastwirt, der Gemüsehändler, zwei davon mit ihren Ehehälften. Die Kläger behaupteten, die beiden Romanoerfasser hätten allen Tratsch, der in der kleinen Stadt umging, rücksichtslos verwertet. Es werde in dem Roman behauptet s) vom Notar: er habe ein Testament heimlich verbrannt; d) von der Frau Gerichtsvollzieher: sie treibe Ehebruch: c) vom Gemüsehändler: er sei ein mongolischer Säuser. Die Verhandlung nahm ein« überraschende Wendung. Die beiden Schriftsteller nämlich wiesen nach, daß sie da» Manuskript längst beendet hatten, ehe dem Tratsch zufolge all diese Dinge passierten— bis auf die Sache mit dem Gemüsehändler, und daß der tatsächlich söffe, stellten sie unter Beweis. Nun bleiben zwei Möglichketten. Entweder der Tratsch hat unrecht: dann kennen die beiden Romanciers die Art und Weise des Kleinstadttratsches verblüffend gut. Oder der Tratsch hat recht: dann kennen sie die Moral der Kleinstadt ebenso verblüffend gut. Was beides nicht eben schmeichelhaft für die klagenden Kreise ist. Der ewige Feldwebel Vor einem Wiener Gericht steht Herr Rudolf M. Wegen Be» leidigung des Bundesheeres. Denn er hat einer Abteilung dieses Heeres, das gerade auf freiem Platz exerzierte, vernehmlich donnernd zugerufen:„Sauhaufen!" „Weswegen," inquiriert der Richter,„weswegen haben Sie denn das getan?"— Und Rudolf gibt die überraschende Antwort:„Wegen der Tra- dition, Herr Richter." „Wegen der Traditton...?" „Ja... dös is nämlich so: i bin nämlich a alter Soldat, Herr Richter. Feldwebel bin i gwesn beim alten Heer, Feldwebel, freili, jawohl. Sehgn S, i wann da so vor der Truppn standen bin, und die Leit habn die Griff gemacht und die Schwenkungen und so, nachher Hab i immer von Zeit zu Zeit gerufen:„Sauhaufen!" Alle Feldwebel im alten Heer habn dees rufen müssn, un wanns dees nöt selbst tan habn, nachher habns die Herrn Offiziere tan." Rudolf macht eine sentimental versonnene Pause.„Ja, und schaun S. Herr Richter, jetzt wann i so an Truppn seh, die wo exerziert, und i seh die Uniformen und die Gewehr« und die Griff und die Schwenkungen und so, nachher, weil i doch Feldwebel bin gwesn— nachher denk i an die alte Zeit, und i kann mir nimmer haltn, und i mueß brülln:„Sauhaufn!" So is deß, jawohl; und i tät schön bittn, sprechens mi frei— es is halt a unwider- stehlicher Zwang, Herr Richter..." Der Niagarahund Es gibt zwei Niagarafälle, der ein« ist<7 und der ander« ist 44 Meter hoch. Und es gibt etwa zwanzig Menschen jede» Aller», jeder Nation, jedes Standes, die haben sich eingeschlossen in Eisen- tonnen und in Gummibälle und haben sich diese Fälle hinunter- stürzen lassen. Vielmehr: es g a b sie— denn keiner kam lebendig unten an. Vor einigen Tagen versuchte wieder einer, lebendig hinunter- zugelangen. Allerdings unfreiwillig, und deshalb ohne Eisentonne und Gummiball, mit nicht» als mit einem Fell bekleidet. Er war deutscher Abstammung— es war nämlich ein deutscher Schäferhund. Der sprang fünf Meter vom Katarakt entfernt ins Wasser. Die Strömung faßte ihn sofort. Er wurde hinabgerissen, hinunter- geschleudert. Aber er tauchte, 47 Meter tiefer, aus den Strudeln wieder auf— lebendig! Die Strudel ließen ihn nicht los. Er schwamm; schwamm um. sein Hundeleben. Am Ufer sammelten sich die Angestellten der großen Kraftwerk«, riefen ihm Weisungen und Mut zu, obwohl das Tier derartiges kaum verstanden haben dürfte. Sie wetteten auch um sein Leben. Wenige setzten auf Leben, viele auf Tod. Der Hund schwamm fast ein« halbe Stunde gegen Strudel und Wirbel. Welle und Gischt. Dann gelang es ihm, einen Felsblock zu erreichen. Von dort wurde er gerettet. Die Angestellten annek- tierten und adoptierten ihn und nannten ihn Lucky, das ist: der Glückliche. Es gibt zwei Niagarafälle, zwanzig Riagaraopfer und einen Niagarasieger. Daß dieser Sieger, ein Hund, der einzige war, der die Natur nicht versuchte und vielleicht deshalb von der Natur gerettet wurde, die sich nun einmal nicht gern versuchen läßt— das mögen menschliche Nachfolger Luckys des Glücklichen, an denen es nicht fehlen wird, in Demut bedenken. Viter, lernt um! Matura im Mädchengymnasium zu Leoben. Mathematikarbeit. Reunundzwanzig Aspirantinnen. O Wunder: achtundzwanzig be, stehen! Große Freude im Professorenkollegium, denn in den früheren Jahren waren die mathematischen Leistungen der Damen recht schwach gewesen. Gegensettige, verbotene Hilfe ausgeschlossen, denn jeder Prüfling hatte eine andere Aufgabe bekommen. Größere Freude noch bei den ochtundzwanzig. Die neunundzwanzigste aber steht zuhause dem empörten Herrn Papa gegenüber.„Warum," fragt der Tobende mit Recht,„warum bestehen achtundzwanzig Mädchen, und warum besteht gerade meine Tochter nicht?" Au» der höheren Tochter hübschem Munde aber eine erstaunliche Antwort:„Weil du so rückständig warst, mir jeden Verkehr mit den Hochschülern zu verbieten, und weil ich so dumm war, dir zu ge- horchen." Hoho und wieso... und anschließend ein empörter Brief des Papas an den Herrn Direktor des Mädchengymnasiums zu Leoben. Hochnotpeinliche Untersuchung mit folgendem Ergebnis: Jede der Primanerinncn war nett genug gewesen, einen der Herren Studenten der benachbarten Hochschule zu erhören. Kein Wunder, daß jede anläßlich der Prüfung eine Gegenleistung vom ihrigen erwartete und erhielt. Organisiert wurde die Sache ss, daß die Erste der Klasse, die vom Mathematikprofessor die Ausgabenzettel zur Vertellung erhalten hatte, zunächst mal im Klosett verschmand. Auf diesem Klosett, dem Klosett einer höheren Mädchenschule. wartete, welch furchtbares Geschehnis, ein Abgesandter der Stu» denten, nahm die Aufgabenzettel an sich, eilte damit in«ine nah« Kneipe, allwo die achtundzwanzig Schätze warteten und jeglicher die Aufgabe seiner Angebeteten löste, kehrte noch einer knappen Viertel- stunde ins Mädchenklosett zurück und lieferte die Lösungen der noch immer Wartenden ab. Diese«ille in die Klasse, verteilte die Zettel— und es bestand eine jede, mehr oder minder gut, je nach der mathe- matischen Begabung de» Herrn Bräutigams. Nur die eine, die mit dem gestrengen Vater und dem gehorsamen Kindesherzen— die bestand eben nicht... Deshalb also der empörte Brief, deshalb Rückgängigmachunz und Wiederholung der Prüfung, und deshalb diesmal glanzvoller Durchfall von neunzehn Maturantinnen. Wenn aber jener eine Papa weniger gestreng gewesen wäre, hätten neunundzwanzig hübsch« Mädchen auf Grund guter Kennt- nisse der Liebesmathematik bestanden, und es wäre eitel Freuds unter Vätern, Töchtern und Studenten gewesen. Deshalb, o ch? Väter von Lcoben und weitester Umgebung: lernt um! Nr. 334 48. Jahrgang Montag 20. Juli 1931 Die„Lichtspritze" Die Lichttechnik erreicht das..kalte" Licht Das Gebiet jener kleinsten elektromagnetischen Wellen, die unser Auge als Licht empsindet, schließt sich auf der Seit« der kür- zercn violetten Wellen an das Gebiet der ultravioletten Strahlen an, auf der Seite der längeren roten Wellen an das der infraroten Strahlen, die nichts anderes find als Wärmestrahlen. Das Sonnen- licht«nthält ultraviolette und infrarote Strahlen, und darauf beruht ihre Heil- und Wärmewirtung-, sie spendet uns ja nicht nur Licht. Von einer künstlichen Lichtquelle hingegen verlangen wir, daß sie möglichst nur Licht, keine Wärme- und keine sonstigen Strahlen aussendet, andernfalls ist sie unwirtschastlich. Daß unsere üblichen Lichtquellen in diesem Sinne unwirtschafi- lich sind, wissen wir? der bis heute vollkommenste Leuchtkörper, die elektrische Glühlampe, strahlt bekanntlich nebenbei beträchtlich« Wärmemengen aus, nicht anders als das Gaslicht, die Kerze oder der Kienspan. Die Schassung einer Lichtquelle, die nur Licht und keine anderen Wirkungen aus der zugeführten elektrischen Energie erzeugt, ist daher seit langem das vornehmste Ziel der modernen Lichttechnik, und diese Ausgabe steht unmittelbar vor ihrer Lösung. Natürlich mutz diese modernste Lichtquelle auch«ine ausreichende Leuchtdichte haben, d. h., sie muß in ihrer Aörke den üblichen Lichtquellen entsprechen. Sie muß serner weißes oder annähernd weißes Licht liefern wie die Sonne oder das künst- liche Tageslicht und darf nicht farbig sein wie etwa eine für Reklomezwecke verwendete Neon- oder Queckstlber-Glimmröhre: sie muß ferner mit den üblichen Spannungen unserer Netz« betrieben werden können. Alle gebräuchlichen Lichtquellen sind sogenannte T e m p e- ratur st rahler, nämlich feste Körper, die, zum Glühen gebracht, Licht ausstrahlen. Aber gewissermaßen nur im Nebenberuf, denn in erster Linie strahlt ein glühender fester Körper die dem Licht so nahe verwandte Wärme aus, gleichgültig, ob es«in Kienjpan ist oder«ine Wohlsrom-Fadcnglühlampe. Vom Ideal des Glüh- würmchens, das„kaltes" Licht erzeugt, sind beide gleich weit cnt- fernt. Zwar verteilen sich die von einem Tempcraturstrahler aus- gesandten Lichtstrahlen ziemlich gleichmäßig über das ganze Gebiet der sichtbaren Strahlen, ober innerhalb der von ihm überhaupt abgegebenen Strahlung nehmen die Lichtstrahlen nur einen sehr bescheidenen Anteil ein, und über«inen Wirkungsgrad von 3 Proz. kommt man auch bei den modernsten Glühlampen kaum hinaus. Der glühende Wolsramfaden hat eine Temperatur von 2500 bis 3100 Grad. Bei dieser Temperatur sendet ein glühender Körper verhältnismäßig mehr rotes und gelbes Licht aus als etwa grünes oder blaues, und gelbe und rote Körper erscheinen daher im künst- lichen Licht farbtreuer als grüne und blaue; man spricht von„wär- merer" Beleuchtung. Andererseits erscheinen dem Auge ober grüne Lichtstrahlen Heller als rote Strahlen von gleicher Intensität; bei höheren Temperaturen verschiebt sich nun die Lichtausbeute ein wenig ins grüne Gebiet, aber leider kennen wir kein« Körper, die bei 6000 oder 7000 Grad nicht schmelzen oder verdampfen. Auch hier ist dem Temperaturstrahler also eine Grenze gesetzt. Eine ganz andere Art von Licht ist das durch leuchtende Entladung in Glimmröhren erzeugt«, wie wir es von Geißlerjchen Röhren und von den langen Röhren der Reklame- beleuchtung her kennen. Von der Kathode zur Anode fließt dort durch verdünntes Gas der Strom der Elektrizitätsteilchen, die .Mektronenlowine". Die Elektronen bombardieren auf ihrem Wege die Gasmoleküle und bringen sie zum Aussenden von Strahlen, die diesmal zum größten Teil im sichtbaren Gebiet liegen, die Wärmewirtung des Glimmlichtes ist sehr gc- ring. Aber die Lichtstrahlen verteilen sich nicht wie beim Tempe- raturstrahler ungefähr gleichmäßig über das ganze Lichtspektrum, so daß das Auge den Eindruck„weiß" hat, sondern sie liegen, in Linien oder„Banden", nur an bestimmten Teilen des Spektrums— man erhält Licht von bestimmter Farbe, je nach dem Gas, mit dem die Röhre gefüllt ist, also Licht, das für Beleuchtungszweck« un- geeignet ist. Außerdem ist die Leuchtdichte dieser Röhren gering; sie müßten ungeheuer groß gebaut werden. Und schließlich brauchen diese Röhren Spannungen um 1000 Volt herum, können also mit der normalen Netzspannung von 110 oder 220 Volt nicht betrieben werden. Am leichtesten scheint noch die Frage der Lichtsarbe lösbar durch Vereinigung mehrerer Lichtquellen verschiedener Farben, also mit verschiedenen Gasen gefüllter Röhren. Auch auf diese Weise kann der Eindruck weihen oder warmen Lichtes entstehen wie beim Temperaturstrahler: aber es fehlen bei diesen Mischungen doch große Teile des Spektrums, etwa des grünen Bereichs, und dos macht sich erst dann bemerkbar, wenn ein grüner Gegenstand, also ein Körper, der nur grünes Licht zurückwerfen kann, in diejem künstlichen Mischlicht kein Grün findet und infolgedesfen auch nicht richtig grün erscheint. Der Weg durch all diese Schwierigkeiten ist also recht dornig. Trotzdem ist es jetzt der Berliner„Studiengesellschaft für elektrische Beleuchtung" gelungen, einen großen Teil dieses Weges zurückzulegen. Zunächst handelte es sich darum, die zum Leuchten notwendige Elektronenlawine mit möglichst geringem Energieaufwand zu erzeugen. Das geschieht mit Hilfe der söge- nannten G l ü hk a t h o d e. Das Elektronenbombardement wird bei allen Körpern stärker, wenn sie zum Glühen gebracht werden: bei den Oxyden der Erdalkalimetalle Kalzimn, Barium, Strontium wird diese Wirkung schon bei verhältnismäßig niedrigen Tempera- turen erreicht, und die Glühkathode der Studiengesellschast besteht deshalb aus einem Gemisch von Metall und Oxyden der genannten Metalle. Jetzt kann die früher notwendige Entladungsspannung von 1000 Volt auf den zehnten Teil heruntergesetzt werden und liegt im Bereich der normalen Netzspannung. Hingegen kann nun die Stromstärke und damit die vorher unzureichende Leuchtdichte erhöht werden. Aber sie bleibt noch immer weit hinter der der Glüh- lampen zurück, und wenn man die Stroinstärke immer weiter er- höht, dann wird das Elektronenbombardement fo stark, daß die dabei schließlich auftretende Wärme das Glos der Röhre schmilzt, die dann einfach vom Luftdruck zusammengedrückt wird. Eine be- sonders günstige Lichtausbeute ergeben Röhren mit einem Gemisch des Edelgases Krypton mit Natriumdampf, im Laboratorium ist schon eine fast hundertprozentige Umsetzung der zugeführten elektrischen Energie in Licht gelungen. Nur die Leuchtdichte muß jetzt noch der der Glühlampen angenähert werden, damit die Natriumröhren für allgemeine Bc- leuchtungszwecke brauchbar werden. Au diesem Zweck hat man die Gasentkidung in der Röhre auf engem Raum zusammengedrängt durch den Einbau von weitmaschigen Drahtnetzrohren und hat diese sogar durch Metollrohre ersetzt, die in die ringförmig ausgebildete Anode hineinragen. Mit diesen„L i cht s p r t tz e n", wie man sie genannt hat, die vollkommen kaltes Licht erzeugen, hat man endlich Leuchtdichten erreicht, die denen der Glühlampen entsprechen. Nur daß der Wirkungsgrad der Lichtspritzen mit 19 Proz. etwa viermal so günstig ist wie d«r der Glühlampen, daß der elektrische Strom entsprechend wirt- schaftlicher in Licht umgesetzt wird, wobei man noch berücksichtigen muß, daß er nebenbei noch die Elektroden heizen und den Natrium- dampf erzeugen muß. Durch geschickte Verbindung mehrerer Röhren mit verschiedener Gassüllung oder durch Kombination mit Glüh- lainpen erhält man schließlich annähernd weißes Licht oder auch eine„warme" Beleuckstung, aber ohne Wärmeentwicklung. Noch ist das alles erst ein Ansang, ober sicher ist: dos kalte Licht kommt, und die Lichttechnik ist einen tüchtigen Schritt vor- wärt? gekommen. Dipl-Ing. A. Lion-B«rIin. Neue Autoschcinwerfer Daß die allgemein übliche Anordniil»g der Autoscheinwerser unten an der Kühlerfront erhebliche Mängel aufweist, wenn es sich um da» Fahren bei Nebel, Schnee und Regen, das Befahren von Kurven, Straßenbuckeln und schwarzen Asphalt- und Teer- straßen sowie um das Abblenden bei Begegnung mit anderen Fahrzeugen handelt, ist bekannt. Von Wichtigkeit ist es, d i e Lichtquellen nicht vor und unter der Sehlinie des Fahrer», sondern über dieser anzubringen, wie es nach dem System Frey geschieht. Hierbei sind die beiden Scheinwerfer rechts und links direkt unter dem Wagendach im Abstand der größten Wagenbreite be- festigt; sie können zugleich vornüber geneigt oder jeder einzeln ein- wärts geschwenkt werden. Die Bewegungen«rfolgen durch Betätigung eines neben dem Steuerrad befindlichen Hebels. Bei Begegnung mit einem anderen Fahrzeug kann der Fahrer mit Frey-Licht durch Vornüberneigen der Scheinwerfer den Lichtsleck auf der Straße auf 20 bis 35 Meter an den Wagen heranrücken. Da die Lichtkegel somit in steilem Winkel auf die Straße treffen, ist ein Blenden des Entgegenkommenden ausgeschlossen. Im N«bel erzeugen die geradeaus gerichteten Lampen über der Sehlinie des Fahrers ein hell erleuchtetes Nebelkissen, das die Fahrbahn indirekt beleuchtet. In Kurven wird nur ein Scheinwerfer geschwenkt, wodurch neben der Straßensläche auch der Straßenrand erleuchtet ist. Bei Straßenbuckeln neigt man zweckmäßig die Lampen nach vorn und auf glänzenden Asphalt- oder Teerstraßen, die sonst wie Spiegel wirken, wird durch Anleuchten der Straßenränder(Bäume, Prellsteines«ine indirekte Erhellung der Fahrbahn erreicht. Weitere Vorteile sind: Entbehrlichkeit eines besonderen Suchscheinwerfers, Anordnung an der bestgefederten Stelle des Wagens, länger« Lebensdauer der Lampen und intensive, beliebig bewegliche Be- leuchwng bei nächtlichen Motorreparaturen oder an Unfallstellen. L. II. Oer Autolicht'Lenkcr Alle Kraftwagenbenutzer hatten bisher«inen großen Feind— die mangelhafte oder vielfach überhaupt nicht vorhandene Beleuch- tung auf Chausseen, Straßen und Wegen. Diese Gefahr machte sich besonders bei Kurven, Straßenkreuzungen oder Wegbiegungen bemerkbar. Durch die bisherige starre Anordnung der Autoschein- werfer ließ sich nämlich, wie jeder Automobilist selbst oft genug ist auch das praktische Fahren in der Kurve besonders gut möglich. Di« Schwenkung des linken Scheinwerfers in der Linkskurve ist beispielweise größer als die des rechtsseitigen Scheinwerfers und umgekehrt. Tagsüber schaltet man den Autolicht-Lenker aus, so daß die Scheinwerser starr stehen bleiben. Durch eine Sicherheit»- kupplung zwischen Steuerung und Autolicht-Lenker wird im Falle einer Hemmung des Autolicht-Lenkers die Steuerung automatisch freigegeben. Gerade dieser Umstand dürfte den zweifelnden Auto- mobilisten vollends überzeugen. erfahren mußte, die Kurve nicht sachgemäß überleuchten, da gerade hierbei die Fahrbahn größtenteils im Dunkeln blieb. Diesem Uebel macht jetzt der neue Autolicht-Lenker der Siemens-Schuckert- Werke«in Ende. Bei dieser Einrichtung folgt der Lichtkegel infolge Verbindung der Steuerung mit den Scheinwerfern jeweils der be- absichtigten Fahrtrichtung. Besonders vorteilhast für alle Auw- besitzer ist. daß sich die Anlage ohne weiteres auch durch Nachtrag- lichen Einbau an jeden Wagen montieren läßt. Die Scheinwerfer drehen sich also automatisch mit dem Ausschlag der Vorderräder. Da der Bewegungsmechanismus ober so ausgebildet ist, daß die Drehung anfangs ein Mehrfaches der Radverstellung betrögt und mit weiter zunehmender Raddrehung die Vorauseiluug«chnfpuni, Vorläufer der Radioröhre Koharcr, Schloemildizclle, Detektor Bei der Feier des 25jährigen Jubiläums der Großfunkstation Nauen sprach Graf Arco das bedutsame Wort:„Immer, wenn man in der Entwicklungsgeschichte der drahtlosen Technik mit irgendeiner technischen Methode am Ende war und nicht mehr weiterkonnte, tauchte gerode wieder eine neue Erfindung oder neue Erkenntis auf." Diese neue Erfindung half dann weiter. Das trifft in beson- derem Maße auf die Entwicklung der Empfangstechnik zu und auf die Mittel, die uns zur Umwandlung der Hochfrequenzschwingungen in eine wahrnehmbare Energieform dienen. Vor 25 Jahren z. B. be- nutzte man zum Empfang der drahtlosen Telegraphie den sogenannten F? i t t e r oder K o h ä r e r, den man, wenigstens in seiner prak- tischen Wirkung, als den Urahnen der modernen Radio- röhre ansehen kann. Er bestand aus einer mit Feilspänen gefüllten Glasröhre; trafen auf sie elektrische Wellen auf, so wurden die Feil- späne leitend, und eine kleine Batterie konnte einen Strom durch sie hindurchschicken, der nur über Relais den Morseschreiber bestätigte. Da die Metallspäne, einmal leitend geworden, auch leitend blieben, mußte durch einen besonderen Klopfer nach jedem einzelnen Zeichen eine Erschütterung des Fritters bewirkt werden, um die Metallspäne zu lockern und damit in den schwingungsaufnahmeberciten Zustand zu bringen. Um 1004 herum hatte man den Kohärer-Empfang betriebssicher durchgebildet. Man wußte aber auch, daß Verbeffcrungen nicht mehr möglich waren, und suchte nach einem anderen„Demodulations- organ". In diesem Augenblick tauchte der erste Detektor auf, aller- dings noch nicht in der späteren Form des sogenannten Kristall- detektors, sondern in der der S ch l o e m i l ch z e l l e. Er bestand aus einem kleinen Gefäß mit verdünnter Schwefelsäure, in das eine Platinspitze eintauchte. Legte man an diese mit einer Vorspannung versehenen Zelle die aus dem Schwingungskreis kommenden Cmpfangsströme, so fand eine Gleichrichtung statt. So große der Fortschritt der Schloemilchzelle gegenüber dem Kohärer auch war, denn hier kam jede sorgfältige Einstellung in Fort- fall, und außerdem hörte der Stromdurchgang automatisch auf, sobald die drahtwsen Signale ausblieben, als ideal konnte dieses Mittel der Empfongstechnik auch noch nicht bezeichnet werden. Wie groß war deshalb die Freude, als der K r i st a l l d e t e k t o r aufkam, der keine Flüssigkeit mehr benötigt, sondern mit Kristallen von Tellur, Pyrit, Bleiglanz und dergl. arbeitet. Die Einstellung dieser Detektoren ist einfach, ihre Empfindlichkeit außerordentlich groß und außerdem kann die unangenehme Hilfsspannung in Fortsall kommen. Dem Detektor aber fehlte eines: die Verstärkung. Mit dem Detektor kann man nur die Energie gleichrichten, die vorhanden ist; man kann sie nicht ocr- stärken. Um Fernempfang zu treiben, mußte man deshalb außer- ordenllich große Antennen benutzen und die Empfänger sehr oerlust- arm und auch entsprechend groß bauen. Erst die Röhre hat hier völligen Wandel geschaffen und den Kristalldetektor schließlich voll- kommen verdrängt. Der Siegeszug, den die Röhre genommen hat, ist jedem Funk- freund geläufig. Man wendet sie als Hoch- und Niederfrequenz- Verstärker an, kennt sie als Eingitterröhre sowie als solche mit ver- schiedenen Hilfsgittern, baut sogar mehrere Röhrensysteme in einem gemeinsamen Glaskolben zusammen und erhält auf diese Weise die Mehrfachröhre. Bei ollen Fortschritten, die die Röhrentechnik in den letzten Jahren machte, sollte man aber auch ihre Vorläufer, Kohärer, Schloemilchzelle und Kristalldctektor nicht oergesien. Oer Diamant als Werkzeug Wegen seiner großen Härte wird der Diamant vielfach an Stelle von Stählen zur Bearbeitung von Metallen verwendet. Wäh- rend er diesen Zweck in der optischen Industrie schon seit Iahren erfüllt, benutzt man ihn im Automobilbau erst verhältnismäßig kurze Zeit, jedoch mit wachsendem Erfolge. Für die Massenfertigung bietet er eine hohe, stets gleich- bleibende Genauigkeit; er. ist für die Feinbearbeitung von Lager- metall, Bronze, Messing und Aluminium in vielen Fällen kaum noch zu entbehren, obwohl er bei der Stahl- und Gußeisenbear- beitung bisher keine besondere Bedeutung erlangen konnte. Im Auwmobilbau handelt es sich hauptsächlich um die Fertigstellung von Kurbel- und Nockenwellenlagern, die mit Diamanten im Bruch- teil der sonst für das Schaben gebrauchten Zeit ausgebohrt werden. An Schwierigkeiten mangelte es zuerst nicht, da großer Wert auf eine sorgfältige Lagerung der sogenannten Bohrstange, die die Dia- manten trägt, gelegt werden muß. Eine lOfache Kurbelwellen- lagerung erfordert 20 Diamanten und zwar für jedes Lager ein Schrupp- und ein Schlichtwerkzeug. Bei einer Lagerbreite von 35 Millimeter beträgt der ganze Arbeitsweg, wenn An- und Aus- lauf des Werkzeuges berücksichtigt werden, etwa 80 Millimeter, der bei 65 Millimeter Lagerdurchmesser, 200 Meter/Minute Schnitt- geschwindigkeit und einem Vorschub von 0,02 Millimeter/Umdrehung in 4 Minuten zurückgelegt wird. Die sorgfältigste Herstellung und Montage der Bohrstangen und ihrer Lagerungen gewährt eine Bearbeitungsgenauigkeit von Plus— Minus 3 bis 4 tausendstel Millimeter. E. H. Die stärkste Ränlgenanlage der Welt. In der Charit-- in Berlin wurde kürzlich die größte und stärkste Röntgenanlage der Welt „Gammavolt" ausgestellt. Mit dieser Röntgenanlage, die mit einer Maximalspannung von 600000 Volt arbeitet, ist es möglich ge- worden. Strahlen zu erzeugen, die denen des Radiums nahekommen, was für die Krebsforschung wie überhaupt für die medizinischen Problem« von größter Bedeutung sein dürfte, da das auf der Welt vorhandene Radium lange nicht ausreichen dürste, um die Anforde- rungen der gesamten Medizin zu befriedigen. Die medizinische Welt mißt daher der Aufstellung dieser Anlage in Berlin die größte Be- deutung zu. Arbeiter-Olympia cröfthct Die Fahnen Frankreichs und Deutschlands— Eine Friedenskundgebung hm, S«m Ser«m Sag ja So« besser fahrende funge Wiener Max Bulla gab einen graßartigen Endspurt zum Besten und gewann sicher gegen Rebry, Magne und die übrigen. Bulla dürfte der erste Wag im Wettbewerb der Taurenfahrer kaum noch streitig gemacht werden, einzig der starke Italiener Pancera könnte ihm noch ge- sährlich werden. Di« deutsche Mannschaft hielt sich diesmal besser als auf den vorausgegangenen Bergetappen, hatte aber trotzdem neue Zeitverluste zu beklagen. Thierbach und Metze befanden sich in einer znhnköpfigen Gruppe, die fünf Minuten noch dem Sieger eintraf, weitere 7 Minuten später führte Buse eine 12 Mann starke Gruppe ins Ziel, zu der auch noch Stöpej und Geyer gehörten. während sich Siegel und Sieronski nicht unter den ersten 30 pla- rieren konnten. Wien. 20. 3u(L 3m Anschluß an den machtvollen Ausmarsch der Kinder am Sanntag fand im Apollo-Theater die feierliche Eröffnung des 2. Arbeiter- Olympias statt. Die Feier wurde der Ve- deutung und Größe des Olympias würdig. Führer und Funktionäre der in- und ausländischen sozialistischen Kultur- und Sportorga- nifationen, der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs, der Bürgermeister der Stadl Wien, Stadt- und Gemeinderäte, die Vertreter von in- und ausländischen Ministerien und Behörden und zahlreiche andere Gäste aus dem Auslande wohnten der Feier bei. Ein Orgel- und Orchefterslück leitete den Akt ein. Gesang- und Sprech- chöre der Arbeitersänger und Arbeiterjugend und Fanfarmklänge gingen den Festrednern voran. Es sprachen: Bürgermeister Seih. der Vertreter der Arbeiterinternalionale Roosbroeck- Brüssel und die Präsidenten der Arbeiter-Sportinternationale Dr. Julius Deutsch- Wien und Eornelius G e l l e r t. Dann wurden einzeln die Fahnen der an der Olympia be- teiliaten Länder auf die Bühne getragen. Ein Sprecher kündete Schicksal und Kampf der Arbeiterklasse in jedem der Länder an. Als die Fahnen Deutschlands und Frankreichs gleichzeitig auf der Bühne erschienen und die Träger einander die Hände reichten, da erfüllte brausender Jubel den Raum. Völker- Versöhnung, heißer Wille nach Frieden, ein Händedruck nur, das Aufeinandertreffen zweier Fahnenspitzen, und doch war alles bis aufs innerste ergriffen. Die Eröffnungsfeier des 2. Arbeiter- Olympias wurde zu einer Friedenskundgebung. Mit un- geheurem Beifall nahmen die Anwesenden aus dem Munde des Präsidenten Gellert-Leipzig zur Kenntnis, daß trotz Wirtschaftskrise Caracciola siegt im„Grofjcn Preis" Chiron und Varzi zweiter und dritter Am Sonntag wurde auf dem Nürburg-Ring in der Eisel der fünfte„Große Preis" von Deutschland durch den Automobilklub von Deutschlanö ausgetragen. Das Rennen, zu dem alle Motor- sportgrößen des In- und Auslandes gemeldet und zu dem sich weit über IM VW Zuschauer eingefunden hatten, wurde für die beut- lchen Farben zu einem großen Erfolg. Der Berliner Mercedes- Benz--Fahrer Rudolf Carocciola durchfuhr die rund 5M Kilometer lange Strecke in einem atembeklemmenden Tempo und siegte in 4: 38: 10 mit einem Stundenmittel von 108,3 Kilo- meter. Der französische Bugatti-Fahrer Chiron wurde zweiter vor seinem Team-Kameraden Varzi- Italien. Den fünf- ten und sechsten Platz besetzten die Mercedes-Benz-Fahrer Merz und Hans von Stuck. Sieger in der Gruppe 2 wurde der Engländer Dudley auf Froy auf Riley vor Graf Arco Zinneberg auf Amilcar. Unter den Anwesenden auf der Ehrentribüne bemerkte man u. a. auch Reichsverkehrsminister von Guerard und den preußischen Volkswahlfahrtsminister Hirtsiefer. „tOO-Kilometer-Revamhe" Sawall gewinnt vor Thollembeek Das gestrige Revanchetreffen der Steher auf der Olympia- bahn war infolge des unbeständigen Wetters von nur etwa 3000 Personen besucht. Diese 3M0 aber kamen voll auf ihre Kosten, denn Krewer und Thollembeek setzten dem Herausforderer Sawall harten Widerstand entgegen. Im ersten Lauf gab es einleitend einige schöne Position-kämpfe. Krewer, der beim Anschlußnehmen Letzter wurde, ging gleich scharf vor, passierte Sawall und U r a g o, um so den dritten Platz hinter B r e a u und Thollembeek einzunehmen. Aber auch Sawall schob sich blendend nach vorne, legte sich hinter Krewer, der dann beigab, als Sawall erneut vorstieß. Anders Thollembeek. Beim 24. Kilometer mußte zwar der Belgier Sawall vorbeilassen, holte sich jedoch schon in den nächsten Runden seine alte Position wieder. Es war eine Freude zu sehen, wie dieser Fahrer, der noch unter seinen Kölner Sturzwunden litt, verbissen seinen alten Platz zurückeroberte. Inzwischen war auch der hinten liegende Urago munter geworden, drehte auf und kämpfte mit Dederichs; ihre Schritt- macher fühlten sich dabei z u sicher und der Erfolg war, daß sie beide ihre Schützlinge von der Rolle verloren. Beim 33. Kilometer stieß Sawall erneut vor. Diesmal konnte Thollembeek seinen Widerstand nicht aufrechterhalten, aber auch der bis dahin führende Breau platzte um. Sawall beendete jetzt unangefochten diesen Lauf als Sieger vor Thollembeek und Krewer. Im zweiten Lauf hatte Sawall lange die Führung inne. Ernstere Kämpfe blieben zunächst aus. Erst beim 41. Kilometer wurde das Rennen bewegter, als Krewer in bester Manier an Sawall vorbei- ging, um dann die Führung bis zum Schluß zu behalten. Im Ge- samtklasfement wurde Sawall Sieger und Krewer mußte sich, da er im ersten Lauf 280 Meter mehr als Thollembeek hinter dem Sieger zurücklag, mit den dritten Platz begnügen. In der Revanche der Amateurmeisterschaft wurde der Meister Dasch einwandfrei von Frach geschlagen.— Ergebnisse: Revanche zum Goldeue» Rad: 1. Lauf, S» Kilometer: 1, Sawall 32: 45,4; 2. Thollembeek 70 Meter: 3. Krewel 350 Meter: 4. Urago 830 Meter: 5. Breau 1020 Meter; 6. Dedcrichs 1450 Meter zurück. 2. Lauf, 50 Kilometer: 1. Krewer 53: 13.4: 2. Sawall 30 Meter: 8. Urago 250 Meter: 4. Thollembeek 290 Meter: 5. Dcderichs 1010 Rieter: B. Breau 1970 Meter zurück. Gesamt: 1. Sawall 99,970 Kilometer: 2. Thollembeek 99,740 Kilometer: 3. Krewer 99,650 Kilometer: 4. Urago 99,020 Kildmeter: 5. Tederichs 97,540 Kilometer: 6, Breau 97,010 Kilo. meter. Amatcurrcuneu: Niegerkantpf: l. Lauf: 1. Gangel: 2. Bopel. 2. Lauf: 1. Frach; Dasch gestürzt. 3. Laus: 1. Dasch: 2. Gangel: S. Frach: 4. Bopel. 4. Lauf: 1. Frach: 2. Dasch: 3. Bopel: 4. Gangel. Entscheidungslaus: 1. Frach: 2, Dasch Handbreite zurück. Solidarität" in Schönerlinde Bei wenig freundlichem Rennwetter brachten die Groß-Berliner Rennfahrer am Sonntag, dem 19. Juli, ihr Straßenrennen auf der Strecke Schönerlinde— Wandlitz— Zerpenschleuse und zurück zum Austrag. Kurz nach 7 Uhr erfolgte der Start der einzelnen Klaffen in Abständen von zwei Minuten. Die Jugend, die zuerst auf die S-Kilometer-Strecke geschickt wurde, zog in strammem Tempo davon, aber bereits nach zwei Kilometer mußte der Luckenwalder Zickuhr nachlassen, während Harzmann- Luckenwalde das Pflaster in Schönwolde zwang zurückzubleiben. Wenn auch nachher etwas Terrain gewonnen wurde, so langte es doch nicht zu einem Platz. Die Berliner Genossen Schlichting, Gliesche, Giesche und der Luckenwalder Zickuhr gingen in der vorge- nannten Reihenfolge durchs Ziel. Die L-Klasse, die der Jugend folgte, zog scharf dem Start davon, welches hauptsächlich Ientsch und Wille(Luckenwalde), die aufs Tempo drückten, zuzuschreiben war. die in Wien mit Sehnsucht erwarteten 30 00V deutsche Olympia- teilnehmer eintreffen werden. Ein überwältigendes Vorspiel zum 2. Arbeiter-Olympia war die Hauptprobe für das große Festspiel am Sonnabend. Das Stadion war ausverkauft. 60 000 Menschen begeisterten sich an dem von 4000 Mitwirkenden gebotenen Spiel, das den Leidensweg der Arbeiterklasie bis zu seinem Siege darstellte. Oer Weltkindertag in Wien Die Sozialistische Arbeiter-Sportinternationale hat mit chrem Weltkindertag am 19. Juli als Auftakt zum 2. Arbeiter- Olympia auf diesem Gebiete den größten Erfolg gehabt. Alle Landesverbände der SASI. veranstalteten an diesem. Tage gemeinsam mit den anderen sozialistischen Arbeiterorganisationen Kinderkundgebungen im Geiste des Arbeiter-Olympias, von denen die Kundgebung in Wien zur eindrucksvollsten wurde. 20 000 Kinder aus allen Teilen Oesterreichs und den Landesverbänden der SASI. marschierten unter Masten von von roten Bannern in den Straßen Wiens auf, bejubelt von Tausenden Zuschauern. Vor dem Rat- haus begrüßten der Präsident der Sozialistischen Erzieherinter- nationale, der Stadtschulrat von Wien und der Wiener Kinderturn- wart die Kinder mit Worten der Freude, der Anerkennung und der Aufmunterung. Auf der Trabrennbahn, der Hauptkampsbahn und dem Schwimmstadion erwarteten an SO 000 Zuschauer den Strom der Kleinen. Beifall über Beifall ernteten die 4500 Kinder für ihre Mastenfreiübungen. Ebenso beifällig wurden die Kämpfe und Sondervorführungen aufgenommen. Mit Blitz und Donner nahm der Weltkindertag in Wien sein Ende. Aber auch die Berliner Fahrer ließen nicht locker. Doch bei Basdorf erlitt Wilke-Luckenwalde durch Auflaufen Vorderradschaden und mußte aufgeben. Bereits bei Klosterfelde hatte die nachfolgende Klaffe die E-Klafse eingeholt, die sich jetzt der Führung bemächtigte. Sachtleben, Herzog und Prause sorgten durch einzelne Vorstöße für gutes Tempo. Nachdem die Wende Zerpenschleuse passiert war, erfolgte auf der Rllcktour vor Wandlitz ein Massensturz, in den 11 Fahrer verwickelt waren. Die Spitze war durch diesen zusammen- geschrumpft auf 5 Mann. Aber das Glück war ihnen nicht hold, denn bei Basdorf zwang der Bahnübergang zum Halten. Von dem nach- setzenden Felde hatte Gorzitze noch bei Wandlitz Reifenschaden, so daß nur Herzog und Christoph die Wartenden einholten, die jetzt wieder in der Spitze mitlagen. Gemeinsam wurde dem Ziel zugestrebt, in welchem 7 Fahrer erbittert um den Sieg kämpften. Dicht beieinander ging Wothe, Herzog, Gulschinsky und Löwe durchs Ziel. Kurz danach Christoph, Firley, Eckard t. Die später ein- treffenden Fahrer kamen für eine Placierung nicht mehr in Frage- Resultate: Jugend: 1. Schlichting 9:13 Min.: 2. Gliesche 9:13 Min.; 3. Gi«»che 9:-15 Min. C..ftl