Morgenausgabe 3Ir. 343 A 173 4S.Iahrgang WöcheutNch SV Pf, monattlch 3.60 M. Im voraus zahlbar. Postbezug 4,32 M. einschließlich 60 Pf. Postzeitun gs- und 72 Pf. Postbestellgebühren. Auslands» abonvement 6.— M. pro Monat; für Sünder mit ermäßigtem Drucksachen» vorto ö.— M. Der.Vorwärts� erscheint wochentSg» lich zweimal. Sonntag» und Montag» einmal, die Abendausgab« für Berlin und im Handel mit dem Titel.Der Abend". Illustrierte Beilage.Volt und Zeit". Ferner.Frauenstimme", �Technik",.Blick in die Bücherwelt", .Iugend'Vorwärt»"u..Stadtbetlage" wv Berliner voltsblatt Eonnabend 15. 3ttli 1931 Groß-Äerlin 10 Pf- Auswärts 15 pf. Die einfpalt. Nonvarelllezelle 80 Pf. Neklamezeile S,— RM.„Aleine An- zeigen" das fettgedruckte Wort 25 Pf. (zulässig zwei fettgedruckte Worte), fede» weitere'Wort 12 Pf. Rabatt lt. Tarif. Stellengesuche das erste Wort IS Pf, fede» weitere Wort 10 Pf. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Ärbeitsmarkt Zeile K0 Pf. Familien« anzeigen Zeile 40 Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße 3. wochen« täglich von 8*/» bi» 17 Uhr. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Zentvalovgan der Sozialdemokratischen Oavtei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernspr.: Dönhois(A 7) 292—297. Telcgramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Vorwärts-Verlag G.m.b.H. Postscheckkonto:BerlinZ7S3K.— Bankkonto: BankdcrArbcitcr, Angestellten und Beamten, Lindenstr. Z. Dt.B.u.Disc.-Ges., Depositcnk.,JerulaIcmerStr. b5/66. Hoch die Internationale! Zur Eröffnung des internationalen Gozialistenkongresses in Wien. In schwerer Zeit. Von Kautsky. Nach Jahrzehnten schwerer Kämpfe hatte die Sozialdemo- kratie in der österreichischen Monarchie endlich genügend Ell- bogenraum erobert, um der Zweiten Internationale aus- reichende Freiheit bei ihren Beratungen in Aussicht stellen zu können, wenn sie den Internationalen Kongreß für 1914 nach Wien berief. Durch den jähen Ausbruch des Welt- k r i e,g e s wurde das Abhalten dieses Kongresses verhindert. Der Krieg hat viele morsche Gebilde zertrümmert, die drei kaiserlichen Dynastien des östlichen Europa weggefegt, die Republik zur überwiegenden Staatsform gemacht, ddn proletarischen Parteien allenthalben einen mächtigen An- stoß gegeben. Das Wien von heute ist nicht mehr das von 1914. Nicht mehr die Residenz eines Kaisers, nicht mehr der Sitz der Phäaken, sondern eitle Großstadt, in der dos sozialdemo- M sich�lurck�M�gweit dies im Rahmen einer städtischen Verwaltung inmitten eines über- wiegend agrarischen Staates möglich ist. Auch dieser Staat selbst ist zu einer, der freiesten Repu- blikcn der Welt geworden. Er bietet einem internationalen Kongreß eine Freiheit der Bewegung, wie er sie heute etwa in der Schweiz nicht fände, der Stätte der ersten internatio- nalen Kongresse. Doch nicht überall hat die Bewegungsfreiheit der Massen seit 1914 solche Fortschritte gemacht. Nach wie vor sind die Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre Rußlands ver- hindert, sich in der Heimat zu organisieren und ihre An- schauungcn zu propagieren. Nach wie vor. kann nur ihre Emigration auf einem Kongreß der sozialistischen Arbeiter- internationale vertreten sein. Doch im Unterschied zu 1914 gilt dies jetzt auch von Italien, einem Lande, das seit seiner nationalen Einigung eine große politische und soziale Be- wegungsfrciheit genoß. Wohl hat der Weltkrieg manche alten Monarchien zertrümmert, doch hat er auch in manchen Staaten die Bedingungen geschaffen für den Neuaufbau eines b r u- taten Willkürregiments, das gleich verderblich wirkt, ob es sich proletarisch maskiert oder bürgerlich. Noch ist die Kraft der faschistischen Tendenzen nicht gc- brachen, noch beherrschen sie Italien und Osteuropa, bedrohen sie die deutsche Republik. Doch in Oesterreich sind sie zurückgedrängt, und in Spanien ist eben jetzt mit der Diktatur auch die Monarchie niedergeworfen worden. Unter diesen bc- glückenden Zeichen tritt der Internationale Kongreß zu- sammen. Trotz solcher vereinzelter Lichtblicke ist jedoch die allgemeine politische Lage der Welt sehr düster. Noch düsterer ihre ökonomische. Der Internationale Kongreß versammelt sich in der Zeit einer W i r t s ch a f t s k r i s e, wie sie noch kein Kongreß vor dem jetzigen sah. Sie läßt an Tiefe und Aus- dehnung alle bisherigen Krisen weit hinter sich. Zeitweilige Krisen sind unvermeidlich in der kapitalifti- schcn Produktionsweise. Aber die jetzige wird besonders ver- derblich durch Faktoren, die mit den Naturgesetzen der kapita- listischen Wirtschaft nicht notwendig verbunden sind. Auf der einen Seite haben die Friedensbedingungen, die den Be- siegten nach dem Weltkrieg auferlegt wurden, so irrsinnige Formen angenommen, daß sie die tiesstgehenden Störungen des Wirtschaftslebens nicht nur bei den Besiegten, sondern ckuch bei den Siegern hervorrufen mußten. Sie haben aber auch alte Großstaateu verkleinert, viele Splitter als selbständige Staaten von ihnen abgelöst und gleichzeitig ihre Zusammenfassung in neue, ausgedehnte Wirt- schaftsgebicte erschwert. Das wäre schon schädlich genug. Es wird noch arg da- durch verschlimmert, daß der Krieg die bereits vor seinem Ausbruch mächtigen Herren des Finanzkapitals übermächtig gemacht hat, die großen Banken im Verein mit den kartellierten Industrien, die sich verbünden mit den Agrariern. Das sind die Elemente, die immer mehr die bürgerliche Welt beherrschen, und diese Führer der„Wirt- schaft" zeigen sich immer gewalttätiger, habgieriger und kurz- sichtiger. Um ihrer Augcnblicksprofite willen hemmen sie immer mehr olles, was die Krise bannen oder doch mildern könnte, fördern sie alles, was sie verlängert und verschärft. Das schreckt sie nicht, wenn es ihnen gelingt, die Wirkungen der Krise auf die Arbeiter abzuwälzen. Das ist das A und O ihrer wirtschaftlichen Weisheit. Niemals, seitdem es eine kapitalistische Produktionsweise gibt, waren die Staaten so sehr aufeinander angewiesen, wie jetzt seit dem Weltkrieg, war Freiheitdesinternatio- nalen Verkehrs der Waren und Menschen so sehr eine Notwendigkeit, wie in unseren Tagen. Das erkennt auch die bürgerliche Welt an. Nie vorher hat England ein solches Interesse an der Wirtschaft des europäischen Festlandes ge- nommen. Und selbst Amerika sieht sich gezwungen, in curo- päische Dinge einzugreifen. Aber war nie vorher das Bedürfnis nach internationalem Verkehr und internationaler gegenseitiger Hilfe so groß wie heute, so waren andererseits die Hemmnisse der I n t e r n a t i o n a l i t ä t seit dem Beginn der Freihandels- ära 1866 niemals so groß wie heute, weil eben nicht die Be- dürfniss» der Gestunchek-des kapitalistischen Produktionsprozesses, sondern nur die Sonderinteresscn seiner größten, eigensüchtigsten und borniertesten Ausbeuter in den bürgere lichcn Parteien dominieren. Wohl können auch sie sich nicht der Einsicht verschließen, daß ein allgemeiner Abbau der Zölle in der Welt dringend notwendig geworden ist. Nichtsdesto- weniger erhöhen sie diese gleichzeitig im eigenen Lande zu schwindelnder Höhe. Sie verurteilen mit Worten die unge- hemmte Herrschaft der Banken und Kartelle und fördern sie durch Taten. Solange diese privatmonopolistischen Tendenzen domi- nieren, ist eine Gesundung der Wirtschast schwer zu erwarten. Das sozialistisch gesinnte Proletariat allein wirkt ihnen machtvoll entgegen, es allein vermag den Bedürfnissen internationaler Zusammenarbeit und Solidarität zu ent- sprechen, die nicht nur von den Lebensbedingungen des Pro- letariats, sondern auch von denen des heutigen kapitalistischen Produktionsprozesses gefordert wird. Die Soziali st ischeArbeiterinter nationale war stets eine unerläßliche Waffe im Befreiungskämpfe des Proletariats. Sie wird heute auch immer mehr ein unerläß- liches Mittel, den Produktionsprozeß in Gang zu erhalten, die Gesellschaft vor dem Untergang zu bewahren. Die sozialisti- scheu Parteien haben nicht nur deren Fortschritt zu sozialisti- scheu Farmen zu beschleunigen, sondern auch vorher schon das Funktionieren des Produktionsapparates vor gänzlichem Ein- frieren zu bewahren, von welcher Gefahr er um so mehr be- droht wird, je unumschränkter die Herren des Finanzkapitals in Staat und Gesellschaft herrschen. In schwerer Zeit tritt der Internationale Kongreß zu- sammen. Gewaltig sind die Probleme, die sich vor ihm auf- türmen. Doch nicht minder gewaltig ist die Kraft, die ihm aus dem Bewußtsein ersteht, daß unter den Faktoren, die be- stimmt find, die Probleme unserer Zeit zu lösen, das inter- nationale sozialistische Proletariat den weitaus stärksten und heute auch den am weitesten blickenden bildet. Aus den sozialistischen Parteien, die in der Sozialistischen Arbeiterinternationale vereint sind, wird und muß die Rettung aus dem Elend unserer Zeit kommen, nicht nur für das Proletariat, sondern für die Gesamtheit der in der Gesellschaft und für die Gesellschaft tätigen Menschen. Dieses stolze Bewußtsein wird den Internationalen So- zialistenkongreß beseelen, wird seine Arbeiten befruchten, wird ihm seine Größe verleihen. Wird Deutschland erwachen? Oder in den Abgrund taumeln? OasErgebnis vonLondon Von Victor LcditT. Nach der Londoner Schlußsitzung standen die Presse- berichterstatter der verschiedensten Länder in der Halle des Carlton-Hotels, in dem die französischen und die deutschen Minister gemeinsam wohnten. Man sprach von den auffallend herzlichen Dankes- und Abschiedsreden und ver- glich sie mit dem recht dürftigen Inhalt der abschließenden Deklaration. Ein Engländer meinte dabei sarkastisch:„Das ist schon keine Politik mehr, das ist nur noch„«'liristian �eianov", das ist die reinste Gesundbeterei!" Indessen: so wenig Gesundbeten jemals ein o r g a n i- s ch e s Leiden kuriert hat, so sehr mag es schon gelungen sein, durch religiöse Ekstase jene Autosuggestion zu erzeugen, die nervösen Kranken Heilung bringt. Die Wirtschaftskrise ist zweifellos ein in der Hauptsache organisches Leiden, verschlimmert freilich durch psychologische Faktoren. Die d e u t s ch e F i n a n z k r i s e der letzten Wochen ist umgekehrt vor allem eine psychologische Angelegenheit, wie ist. wie die Londoner Deklaration mit Recht betont, eine Ver- trauenskrise. Deshalb sollte man über die„Gesund- beterei", die in Paris und sodann in London versucht worden ist, nicht spotten. Deutschlands wirtschaftliche und budgetäre Lage ist im Grunde g e s u n d, so oerkündet die Londoner Konferenz. Diese einstimmige Feststellung der Londoner Konferenzteilnehmer sollte von ungeheurem psycho- logischen Werte sein. Für das Ausland nicht weniger als für das deutsche Volk selbst. Denn die katastrophale Entwicklung der letzten Wochen ist ja in erster Linie durch Massen- psychose im eigenen Lande zu erklären: das hat man an jenem Montag vor zwei Wochen deutlich erlebt, als auf die Nachricht des Zusammenbruches der Dangt-Bank die Panik. der Run auf die Kassen einsetzte und nur durch die schärfsten Maßnahmen eingehalten werden konnte., Wenn nun über diese Versicherung hinaus, daß Deutsch- lands wirtschaftliche und budgetäre Lage an sich gesund ist, die Londoner Konferenz den„S t i l l h a l t u n g s b e s ch l u ß" gefaßt hat, wenn sich trotz aller gesetzlichen und technischen Schwierigkeiten die Regierungen der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs dafür verbürgt haben, daß die Bankinstitute ihrer Länder keine weiteren Kreditkündigungen mehr vornehmen sollen, so darf die Bedeutung dieses Be- schlusses nicht unterschätzt werden. Auch das ist ein psycho- logischer Faktor ersten Ranges, d« fcisi deutschen Volke wieder etwas Selb st vertrauen einflößen sollte. Warum dann trotzdem der unleugbare Pessimis- m us, dem man in der Heimat nach der Rückkehr aus London allenthalben begegnet? Weil eben der Reichskanzler heute morgen ohneeinenPfennigneuesGeld heimkehrt, nicht einmal mit jenem bescheidenen neuen Kredit in Höhe von etwa 666 Millionen Mark, von dem man noch am vorletzten Tag der Konferenz auf Grund der Ankündigungen aus Washington allgemein glaubte, daß ihn Amerika und England eventuell ohne Frankreich aufbringen würden. Ob hier wieder einmal das„große Mißverständnis" entstand, ob, wie viel- fach in London versichert wurde, der Staatssekretär S t i m- s o n die Instruktionen des Präsidenten H o o v e r nicht sinn- gemäß ausführte? Ist die angeblich beabsichtigte neue große Hoover-Geste an Widerständen amerikanischer Großbanken, die nur m i t Frankreich diese Finanzoperation wagen wollten, gescheitert? Hat die Bank von England, die gerade in jenen Tagen dauernd den schwersten Angriffen auf den Pfundkurs ausgesetzt war. etne weitere Zuspitzung zwischen London und Paris gescheut? Niemand kann es mit Bestimmtheit sagen. Aber das negative Ergebnis der Londoner Konferenz in diesem Punkte ist unleugbar, und es scheint leider, daß es die erzielten positiven Resultate in den Augen zahlreicher Deutscher aufwiegt und eine neue Welle des Pessimismus ausgelöst hat. In der französischen Presse konnte man gestern lesen, daß die deutschen Delegierten in Landow selber nicht einheitlicher Meinung darüber gewesen seien, was Deutschland not tue. Leider ist das richtig. Die einen meinten, Deutschland könnte sich ausschließlich durch„Selbsthilfe" retten, die anderen hielten neue Kredite für erforderlich, um die entstandenen Lücken zu stopfen. Hier sind wir an dem Punkt gelangt, wo man sich in der Tat fragen muß: Ist die Schwenkung der deutschen Fi- nanzen, die ursprünglich rein psuchologisch war, inzwischen nicht auch organisch geworden? Hat die Vertrauenskrise, die zur Abwanderung von ungezählten Milliarden führte, und zwar großenteils ausländischen Kapitals, nicht derartige finanzielle Erschütterungen des deutschen Wirtschafts- körpers bewirkt, daß„Gesundbeten" allein nicht mehr ge- nügt, sondern nur noch wirkliche ärztliche Kunst und reale Mittel helfen können? Auch beim Menschen kann eine schwere seelische Erschütterung so hochgradige Blutarmut zur Folge haben, daß nur Transfusion die Rettung bringt. Wahrscheinlich gehörte Dr. Brüning, der von Natur pessi- mistisch sein soll, nicht zu denen, die an die allein seligmachende „Selbsthilfe" glauben. Er war nach Paris und London ge- reist, ebenso wie vor ihm Luther, nicht nur um das in Deutsch- land noch vorhandene fremde Geld zu halten, sondern auch um neues Geld zu erlangen. Er selbst hatte in seiner Rede auf der ersten Sitzung in London als zweiten Punkt aus- drücklich die Notwendigkeit betont, die Golddeckungs- grenze der Reichsbank wieder zur normalen Höhe zu bringen. Aber er ist ohne Illusion nach Paris und London gefahren, weil ihm die Voraussetzung bekannt war und ihm von vornherein unerträglich schien: ein Eingehen auf die politischen Wünsche der Franzosen. Man soll nicht darüber rechten, ob das starre„Nein", das von vornherein hier als Parole ausgegeben wurde, klug und weitblickend war. Wahrscheinlich verwünscht der Reichs- kanzler ini Grunde seines Herzens jene„nationale" Hysterie, die ihm unter den schwersten Drohungen untersagte, in Paris selbst solche billigen Gesten zu machen, die weder ein wirk- l i ch e s nationales Interesse, noch ein Zukunftsideal des deutschen Bolkes preisgegeben hätten. Ebenso sicher verdammt Laval, der zweifellos besten Willens, aber auf außenpolitischem Gebiet ein Neuling ist und von Deutschland nur blasse Ahnungen hat, die„nationa- len" Hysteriker im eigenen Lande, die ihm jedes finanzielle Entgegenkommen untersagten, wenn nicht Deutschland vor- her unter das kaudinische Joch krieche. Das werden sich die beiden Regierungschefs offen anver- traut haben— nur so ist es überhaupt zu erklären, daß sie sich bis zuletzt, trotz des negativen Resultats ihrer zahlreichen Besprechungen, geradezu demonstrativ ihre wechselseitige Hoch- schätzung attestierten. In Paris wie in London, von der ersten bis zur letzten Minute, waren beide Delegationen sichtlich bestrebt, das Aufflammen nationalistischer Leiden- schaften im Keime zu ersticken und, ganz im Gegenteil, die öffentliche Meinung ihrer Länder davon zu überzeugen, daß sich der Gegenspieler eigentlich tadellos loyal und entgegen- kommend verhalten hätte. Die öffentliche Meinung aber sieht nur das negative Ergebnis und denkt unwillkürlich: Komödie! Nein! Tragödie! Die Tragödie zweier Völker, deren große Mehrheit Frieden, Verständigung und Freund- schaft wünscht, die aber durch eine leider starke und einfluß- reiche Minderheit von„patriotischen" Scharfmachern daran gehindert werden, sich zu vertragen und Vertrauen zuein- ander zu haben. Dr. Brüning hat in Deutschland und, rnelleicht jetzt noch mehr im Auslande, den Ruf eines mutigen Staatsmannes. Der Augenblick ist gekommen, wo er diesen Ruf verdienen kann. Er weiß am allerbesten, was die Londoner Dekla- ration bedeutet. Er weiß, daß die Vertrauenskrise, von der darin die Rede ist, vor ollem eine politische Ver- trauenskrise ist. E r w e i ß, daß die Krise an jenem 14. Sep- tember 1930 ausgebrochen ist, diesem schwärzesten Tag der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er weiß, daß das Ver- trauen des Auslandes nur wiederhergestellt werden kann, wenn er öffentlich dos verkündet, was er unter vier Augen drüben anerkannt hat und womit er sich p e r s ö n l i ch dieses hohe Maß von Vertrauen erworben hat, das seinem Volke entzogen wurde. Wird er aus diesen Erkenntnissen die Konsequenzen ziehen? Wird er das deutsche Volk zum Kampf gegen den verderblichen Nationalismus auf- rufen? Wird er den Mut haben, das Steuer in letzter Stunde herumzureißen? Millionen warten gespannt auf das erlösende Wort, auf die mutige Tat. Dieses Wort, diese Tat allein kann das Vertrauen der We l t in Deutschland mit einem Schlage wiederherstellen und damit auch das not- wendige Selbstvertrauen. Nur dann wird Deutsch- land aus dem Taumel erwachen, der zum Abgrund führt! Zusammen bis Calais. Die deutsche und französische Delegation. London. 24. Juli. Die Abreise der deutschen und französischen Abordnung erfolgte sahrplanmäßig mit dem Arge„Der Goldene Pfeil". Nur Briand war bereits um 9 Uhr mit einein früheren Zuge nach Paris gefahren. Zusammen mit Dr. Brüning und-Dr. Curtius reisten auch Dr. Melchior und Geheimrat Schmitz von der JG.-Farben. Ein Teil der deutschen Herren war bereits um 10 Uhr mit einem anderen Zuge über Vlissingen nach Deutschland abgefahren. Die beiden Salonwagen der zwei Abordnungen waren nicht unmittelbar an- einandergekoppell, sondern durch mehrere Personenwagen vonein- ander getrennt. Paris. 24. Juli. Mit dem Dampfer„Eanterbury" sind heute nachmittag die deutsche und die sranzosiiche Delegation, oon Dover kommend, in Calais eingetroffen. Bevor die deutsche Delegation um 14.40 Uhr mit dem Nordexpreß nach Berlin weiterfuhr, verabschiedeten sich Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsauhenmimfter Dr. Curtius oon den französischen Mimstern. Reichskanzler Dr. Brüning dankte dem französischen Ministerpräsidenten Laval für die herzliche Ausnahme, die der deutschen Delegation wahrend ihres Aufent- Haltes in Frankreich zuteil geworden sei. Ftandin kehrt zu den Garantien zurück. Pari». 24. Jtrii.(Eigenbericht.) Ministerpräsident Laval, Finanzminister Flanldin und Unter- staatssekretär Franxois-Poncet kehrten am Freitagnachmittag von London nach Paris zurück inrd wurden auf dem Nordbahnhof von vevschiedenen Minsstern und Parlamentariern sowie von einer großen Menschenmenge mit den Rufen:„E s leb« La- val!" und ,/!s leb« der Fried«!" begrüßt. Hugenberg reinigt feine Partei. Großes Aufwaschen im Spätherbst. Die„Tägliche Rundschau" veröffentlicht ein vertrauliches Rundschreiben, das H u g e n b e r g an die Vorsitzenden der deutschnationalen Landesverbände, Kreisvereine und Orts- gruppen gerichtet hat. In diesem Schreiben beklagt sich der jetzige Parteivorsitzende bitter über die Fehler seiner Vor- gänger. Für den Spätherbst kündigt er eine fürchterliche Musterung unter den Unterführern an. Die Fehler seiner Vorgänger, sagt Hugenbcrg, seien anderen zugute gekommen— das können nur die Rational- s o z i a l i st e n fein—.„von denen man noch nicht weiß, ob sie in der Lage sein werden, die Befreiung Deutsch- lands von der Versklavung und vom Sozia- l i s m u s so durchzuführen, wie wir... uns diese Be- freiunspolitik vorgestellt haben". Hauptziel ist also„Befreiung vom Sozialismus", das heißt schrankenloseste Herrschaft des Kapitals. Ob die Nationalsozialisten„in der Lage sein werden", dieses Ziel zu erreichen, bezweifelt Hugenberg. Daß sie den guten Willen dazu haben, bezweifelt er nicht. Hugenberg sagt dann weiter, daß er zur Durchführung seiner Politik einer„politischen H a u s m a ch t" bedürfe, und daß zu diesem Zweck die Gefolgschaft der Partei zur Opferwilligkeit erzogen werden müsse. W i e nun Hugenberg an die„Opferwilligkeit" seiner Anhänger appelliert, muß wörtlich wiedergegeben werden: Selbst wer nur materiell denkt, darf und kann sich dem einfachen Rechenexempel nicht entziehen, daß er bald über 5 0 P r o- z e n t seines Einkommens als Tributsteuer und zur Auf- rechterhaltung der sozialistischen Wirtschaft zu entrichten haben wird, wenn er sich nicht entschließt, für den politischen Kampf das zu opfern, was zum Wiederaufbau der politischen Organisation und zur Schaffung der politischen Hausmacht des Führers erforderlich ist. Die reichen Leute sollen für Hitler eine Prätorianergarde besolden— däfür wird ihnen versprochen, daß sie später nicht mehr soviel Steuern werden zahlen müssen! „Ich bitte nicht, ich bettle nicht", deklamiert Hugenberg weiter, es soll nur eine Frage sein. Dann aber wird er un- gemütlich: Die Antwort auf diese Frage will ich n i ch t j e tz t haben: sie soll mir in einer Sitzung der Parteivertretung gegeben werden, die ich— getrennt vom Parteitag— im Spätherb st einberufen werde. Meine Wahlzeit als Vorsitzender der Partei ist dann abge- laufen. Zugleich ist auch die Zeit aller Ortsgruppen-, Kreis- und Landesverbandsführer, wie es die Satzungen vorschreiben, abgelaufen. Damit bietet sich die Gelegenheit, die Organisation an allen Stellen zu verjüngen und zu verbessern, wo dies notwendig ist. Ich kann meine Aufgabe nur erfüllen, wenn die Partei im Lande es will und die Voraussetzungen dafür zu schassen bereit ist. Dar- über bitte ich nun mit äußer st er Beschleunigung Klar- h e i t zu schassen. Also, wenn die Veziere nicht im Herbst an den Stufen des Thrones die geforderten Zechinen niederlegen, ist die seidene Schnur ihnen gewiß. Die drohende Sprache des Auf- rufs läßt gewisse Rückschlüsse darauf zu, wie es mit der Schatulle des Sultans selbst bestellt ist. Cin auffchlußreicher Brief. Oeutschnationale enthüllen ihre Demagogie. Die Wirtschaftspartei hat an die deutschnatumale Reichstags- fraktion cin Schreiben gerichtet, in dem ste um Unterstützung ihres Antrages auf erneute Einberufung des Aeltenrates und Einbe- rufung des Auswärtigen Ausschusses nachsucht. In dem Antwortschreiben der Deutschnationalen wird gesagt, daß an eine Unterstützung des Antrages der Wirtschaftspartei nicht zu denken sei, da diese dem deutschnationalen Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstages an, vergangenen Donnerstag nicht zu- gestimmt habe. Aeußerst charakteristisch für die deutschnationale Demagogie ist der Schlußsatz des Briefes. Darin heißt es: „Auf die Einberufung des Auswärtigen Zlusschusses legen wir im gegenwärtigen Augenblick keinen Wert, zumal die Der- Handlungen dort hinter verschlossenen Türen geführt werden würden." Die Deutschnationalen erklären also klipp und klar, daß sse nur dann an Reichstagsverhandlungen Interesse haben, wenn sie vor aller Oeffentlichkeit ihre demagogischen Minen springen lassen können. An einer Einberufung des Auswärtigen Aus- f ch u s s e s. in dem gegenwärtig viel nützliche und sachliche Arbeit geleistet werden könnte, haben sie kein Interesse, da sie diese Verhandlungen in der Oeffentlichkeit politisch nicht aus- münzen können. Das ist in schwerster Zeit die Politik derer, die Preußen„erneuern" wollen. Bor der Abfahrt in London gaben Laval und Flondin bem Sonderberichterstatter des„Intraustgeant" Erklärungen ab. Laval sagte u. o.:„Die Londoner Konserenz Hot unter kritischen Umständen begonnen. Als wir von Paris abreisten, war die öffentliche franzö- fische Meinung etwas beruhigt. Heute wird sie feststellen, daß die Regierung nichts von ihrer Doktrin aufgegeben hat, obgleich sie ihren Teil an der Verantwortung für ein not- wendiges Werk internationaler Zusammenarbeit übernommen hat Die französische Regierung hat nicht leichtsinnig die Kreditkroft Frankreichs aufs Spiel gesetzt. Aussichten für die Zukunft bleiben offen. Wird es eines Tages möglich jein, eine Polilst her Zusammen- arbeit mit Deutschland �durchzuführen? Wir werden uns darum de- mühen. Die Zukunft wird un» die Antwort erteilen." Finanzminister F landin erklärte:„Die Londoner Konferenz ist in einer Atmosphäre guten Dillens abgeschlossen worden. Sie konnte keine weiteren Ergebnisse zeitigen, als es der Fall ge- wesen ist. Weder die Franzosen noch die Amerikaner konnten sich damit einverstanden erklären, daß die Revision der Regie- rungsschulden zur Debatte gestellt wurde. Die Konsolidierung alter Kredite und die Gewährung neuer ist eine Bankangelegenheit. Alles, was man von den Regierungen verlangen kann, ist, an der Wiederherstellung'des Vertrauens mitzuarbeiten. Jetzt hängt es mehr denn je oon dem Schuldner ab, Anstrengungen zu machen, um das Vertrauen zu stärken. Ich kann mich nicht darüber aussprechen, ob die gegenwärtig« Krise durch die in London beschlossenen Maß- nahmen überwunden werden kann. Wenn nicht, wird man wohl oder übel auf das Mittel zurückgreifen müssen, das von der franzö- fischen Regierung vorgeschlagen worden ist und das natürlich genaue und solide Garantien oerlangt." Keine finanziellen Verhandlungen Stimsons in Berlin. Washington. 24. Juli. Unterstaatssekretär Castle erklärte in einer Pressekonferenz, er sei oon Stimson in einem Funkgespräch unterrichtet worden, daß der Staatssekretär es ablehnen werde, während seines Berliner Aufenthaltes über eine neue Finanzhilfe für Deutschland zu diskutieren. Stimson habe hinzugefügt, daß die Kreditfrage vom Finanzausschuß behandelt werden müsse. Der Staatssekretär habe seiner besonderen Genugtuung über den freundlichen Geist der deutsch-französischen Besprechungen Ausdruck gegeben. Der unveränderte Pessimismus der New-Porter Börsenkreise gegenüber dem Londoner Verhandlungsergebnis führte zu erneuten Kurseinbußen auf der ganzen Linie. Deutsche Anleihen waren weiter abgeschwächt. Blutige Ironie. Stahlhelmflugblatt gegen die»Bote« Sauden". In einem Stahlhelm-Flugblatt„Du sollst entscheiden", wird es von dem Ausfall des Volksentscheides abhängig gemocht, ob„Rote Banden die deutsche Heimat plündernd und mordend beherrschen werden." Bandenweise geplündert wird zwar erfreulicherweise vorläufig noch nicht in Preußen. Gemordet wird zwar im politischen Kamps der Radikalen, aber was Gewalttaten anlangt, so halten die braunen Banden Hitlers und die feldgrauen Kolonnen Seldtes er- folgreich mit den„Roten Banden" Schritt. Inzwischen ober haben die„Kaien Panden" sich bereits im Hauplquartier der Reaktion eingefunden und zwar als Mitarbeiter und Mitstreiter beim volksent- scheid, für den ste mit genau derselben Leidenschast wie die Stahl- helwtruppen ihre Mannen aufrufen. Es würde sich angelegeni- lich empfehlen, das Flugblatt„Du sollst entscheiden", durch die kommunistischen Funktionäre verieileu zu lassen! Alfoos kauft�ein französisches Schloß. Der ehemalige König von Spanien hat m Sinlis in der Nähe von Paris ein altes Schloß zum Preise von 18 Millionen Franken erworben. Es gehörte der Baronin Rothschild. Bilanzsälschung sestgefiellt. Die Ermittlungen im Fall Lahusen-Tiordwolle. Bremen, 24. ZuK. Die Zufiizpressestelle Bremen teilt im Fall?l o r d w o l l e mit: Der Untersuchungsrichter beschäftigt sich zurzeit mit der Durch- Prüfung de» Ultramare-Materials nebst Unterlagen. Die bisherigen Ergebnisse begründen den dringenden verdacht, daß durch Buchungen über die Ultramare Fälschungen der Bilanzen der Rordwolle vorgenommen worden find. Be- züglich der Bilanz von 1ss2g besteht die begründete Annahm«, daß Verpflichtungen in höhe von mindesten» 25 Millionen Reichsmark nicht aufgeführt gewesen sind. Für das Zahr 1SZ0 bewegen sich die Ermittlungen in der gleichen Richtung. Sie sind bereit» be- lrächtlich fortgeschritten. Eine vollständige Aufklärung dieser Vorgänge dürste nach An- gäbe de» Untersuchungsrichters in kürze zu erwarten sein. Außerdem erstreckt sich das Ermitilungeverfahren in der Richtung de» Betruges, begangen gegenüber den Banken, und auf Verstöße gegen ß 312 HGB. Die Angeschuldigten sind mehrmals verhört worden. Eine Haftbeschwerde ist bislang von den Angeschuldigten Earl Lahusen und Heinz Lahusen nicht eingelegt worden. Aaiionale Moral. Dolksentscheidpropaganda mit unsauberfien Mitteln. Der Amtliche Preußische Pressedienst schreibt: In der y ck e r Z e it u n g", einem deutschnationalen ost- preußischen Blatt, veröffentlicht am 23. Juli der„Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten"«inen Aufruf:„An die nationale Bevölkerung von Lyck!" In diesem Ausruf, der die Rückkehr zum„alten, ehrlichen und sauberen Preußen" oerlangt, heißt es zum Schluß:„Helft uns in unserem Kampf, der der Kamps der anständigen Menschen gegen Korruption ist." Aehnlich wie schon im Kamps um das Volksbegehren, versuchen also auch hier wieder offizielle Stahlhelmkrcise den politsschen Kampf dadurch auf dos denkbar niedrigste Niveau herab- zuzerren, daß sie ihre Sache mit der der Sauberkeit und des An- standes identifizieren, die andere Seite aber mit dem Begriff der Unsauberkeit und der Korruption gleichsetzen. Diese Art der Äampfesführung bedeutet unter anderem auch die per- sönliche Diffamierung all derjenigen Voltstreise— als» zweifellos der Majorität der preußischen Bevölkerung— die dem Stohlhelm-Volksentscheid ihre Stimme versagen werden. Es wird interessieren, daß als Nachklang zum Kampf um dos Volks- begehren die Staatsanwaltschaft Torgau die öffentlich« Anklage gegen Urheber und Verbreiter eines Zertungsausruses erhoben hat, der den Teil der Bevölkerung befchrmpste und verdäch- tigte, der sich der Beteiligung am Volksbegehren enthalten würde. Die Kenntnis dieser Totsach« wird vielleicht genügen, wenn schon moralische Einwirkungen und Bedenken versagen, die- jenigcn zur Vorsicht zu mahnen, die beabsichtigen sollten, in ihren Methoden noch weiterzugehen, als es jetzt in Lyck bereits geschehen ist, und dabei große Teile der preußischen Staatsbürger in grob ehrverletzender Weise anzugreifen und zu verdäch- tigen. Sollte es wirklich um die Sache des Volksentscheids bereits so stehen, daß sie mit einwandfreien Mitteln nicht zu führen ist? Da» Protokoll de» Leipziger Parkeitage». Verlag I. H. W Dietz Nachfolger G. m. b. H., Berlin. 320 Seiten. Prei» geb. 3,90 M, brosch. 2,85 M. Das Protokoll des Leipziger Parteitages der Sozialdemokratie, das nunmehr in einem stattlichen Band vom Zen- traloerlag der Partei vorgelegt wird, wird noch für lange Zeit für jeden politisch Interessierten ein unentbehrliches Nachschlagewerk darstellen, verbreiteten sich doch die Referat« und Debatten sämtlich über wichtigste grundsätzliche Fragen der sozialdemokratischen Politik. Die vorliegende Ausgabe des Protokoll» gibt sämtliche Reden in sorgfältigster stenographischer Aufzeichnung wieder. Das Protokoll, das in broschierter Ausgabe für den billigen Preis von 2,85 M. zu haben ist, kann durch all« Volksbuchhandlungen und du«h hie Sekretariate der SPD. bezogen werden. Nr. 343* 45. Jahrgang l. Beilage des Vorwärts Sonnabend, 25. Juli 1931 Raubmord In Spandau. Geschäftsfrau erschlagen aufgefunden. 3n ihrem konfektionsgeschäfl in der Breite Straße 40 in Spandau wurde gestern die 29 Zahre alte Frau M i r l a Silber- zweig erschlagen aufgesunden. Zweifellos handelt es sich um einen Raubmord, denn sämtliche Behältnisse waren durchwühlt. Aus die Ergreifung des Täters, von dem bisher jede Spur fehlt, ist vom Berliner Polizeipräfidenlen eine Belohnungvon lOOOM. ausgesehl worden. Bon der Berliner Kriminalpolizei sind der Leiter der Mordinspektion, Kriminalrat Gennat und die Kommissare Listigkeit und Lehmann mit den Beamten an den Tatort gefahren, wie wir erfahren, hat sich auch der Ehef der Kriminalpolizei nach Spandau begeben. Frau Silberzweig betreibt mit ihrem Manne in der Krumme Straße 8l zu Charlottcnburg ein Konfektionsgeschäft, dessen Filiale sich in Spandau befindet. Das Spandauer Geschäft wird sonst von einem Angestellten betreut, der sich zurzeit auf Urlaub befindet. Frau Silberzweig vertrat ihn in diesen Tagen. Als gestern nachmittag ein Angestellter aus dem Hauptgeschäft in Spandau erschien, um einige Sachen abzuliefern, fand er zu seiner Verwunderung das Geschäft geschlossen. Die Rolljalousie war l>eruntergelassen, die Ladentür verriegelt. Der Angestellte schöpfte Verdacht und schlug die Scheibe ein, um in das Innere des Ladens zu kommen. Als der Mann den Nebenraum betrat, der als Loger dient, sah er Frau Silberzwcig tot aus dem Boden liegen. Um die Füße der Leblosen war in der Gegend der Knöchel eine starke Schnur ge- schlungen und fest zusammengezogen. Der Angestellte alarmierte sofort die Polizei. Gleichzeitig wurde das Berliner Polizeipräsidium von dem mutmaßlichen Mord in Kenntnis gesetzt. Kriminalrat Gennot sowie die Kommissare Lissigkcit und Lehman« von der Mordkommission fuhren nach Spandau hinaus, wo gleich der erste Befund den Raubmord bestätigte. Die Täler müssen sich in der Maske von Kunden eingeschlichen haben. Per- mutlich haben sie dann absichtlich etwas verlangt, was im Laden nicht vorrätig war. Frau S. hat wahrscheinlich gesagt, sie werde die Sachen kommen lassen und die Käufer gebeten, noch einmal vor- zusprechen. Die erste Nachfrage hat den Tätern dazu verholfen, daß sie wußten, die Frau war allein im Laden anwesend. Der Vorgang mag sich dann so abgespielt haben, daß die Täter die ahnungslose Frau, als sie ihnen den Rücken wandte, niederschlugen. Würgemale am Halse deuten darauf hin. daß man sie am Schreien verhindert hat. Mit einer im Geschäft vorhandenen Schnur fesselten sie die Frau und schleppten sie dann in den dunklen Lagerraum. Sie bedeckten die Leiche mit der Sackleinwand, um vorzeitige Entdeckung zu verhüten. Sie müssen in ständiger Furcht gewesen sein, es könne jemand von der Straße hereinkommen, und durchwühlten deshalb hastig alle Be- Hältnisse und rissen die Kasse heraus. Wieviel sie erbeutet haben, steht noch nicht fest. Ebensowenig weiß man, ob sie ihre Kleider gewechselt oder ergänzt haben. Eine Frau bekundete, sie habe kurz nach 3 Uhr einen jüngeren Mann gesehen, der die Ladentüc von außen abschloß. Sie hielt ihn aber für einen Angestellten, der zu Tisch ging und achtete nicht weiter darauf. Die Aussage gewinnt auch dadurch an Wahrscheinlichkeit, daß die Geschäftsschlüssel weder im Laden noch im Lagerraum noch bei der Toten gesunden wurden. Die Mörder müssen sie also mitgenommen haben. ttnmii» auf Poiarfaim. In Staaken gestern Zwischenlandung- Heute früh Weiterfahrt nach Leningrad. Um'AS Uhr wurde mit der Wasserstoffgasübernahme begonnen. Annähernd 12 000 Kubikmeter W a s s e r ft o f f g a s wurden aus Stahlflaschen in die Gaskammern des Luftschiffes gc- füllt; um �Sll Uhr war die Gasübernahme beendet. Außer Wasser- ballast wurden noch einige Kisten mit Lebensmitteln, in der Haupt- fache Konserven und Keks in das Luftschiff befördert. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde das Schiff von starken Scheinwerfern angestrahlt. Trotz der späten Stunde nahm der Zu- ström der Schaulustigen nicht ab, besonders stark ivar der Auto- verkehr. Di« BVG. hatte von Spandau aus Sondcrwogen ein- gestellt, die sämtlich ausverkauft nach Staaken fuhren. Das Luftschiff„Gras Zeppelin" traf aus seiner Arklissahcl gestern nachmitlag bereits um'Ai Uhr über der Reich» hauplsiodt cin. Zufolge der für eine sofortige Landung sehr ungünstigen Mil- terung» Verhältnisse, besonders wegen der Sonnenboen über dem Flugplatz in Staaken, mußte die für S Uhr angesetzte Lau- dung um eine Stunde verschoben werden. Gegen S ll h r ging dann die Landung des Schisfes glatt von statten. Auf dem Klugplatz in Staaken hattgn sich bereits in den frühen Nachmittagsstünden etwa drei- bis viertausend Schaulustige eingefunden, die den interessanten Landungsmanövern beiwohnen und die Mannschaft des Luftschiffes mit den übrigen Ärttisfahrern, an ihrer Spitze den rirsfischen Ge- lehrten Samoilowitsch aus nächster Nähe vor der großen Fahrt noch einmal sehen wollten. Gegen A4 Uhr kommt Bewegung in die Massen. Von Ferne ertönt Motorengcräusch, das immer stärker wird, bis endlich der silbernglänzende Leib, für die meisten schon kein neuer Anblick mehr, des„Graf Zeppelin" gesichtet wird. Das Luftschiff beschreibt mehrere Schleifen, entschwindet den Blicken aber bald wieder. Bald darauf wird bekannt, daß durch Funkspruch vom Luftschiff die vorgesehene Landung wegen der Witterungsver- Hältnisse später erfolgen muß. Auf dem Landungsplatz ist in- zwischen alles für die Landung vorbereitet worden. Etwa 200 Schutz- Polizisten sollen bei den Landungsnwnövern behilflich sein. Alles ist erwartungsbereit! Schon vor ö Uhr erscheint das Luftschiff wieder über dem Flugplatz, langsam neigt sich die Spitze zur Erde, mehrere hundert Arme greifen nach den Haltetauen, Kommandos ertönen, Dr. E ck c n e r überwacht von seinem Fenster au» selbst die Manöver und bald sitzt das Luftschiff sicher am Ankermast. Vertreter der Regierung, der Behörden sowie der russische Botschafter hatten sich auf dem Rollfeld eingefunden. Dr. Eckener wird von allen S«it«n stürmisch bejubelt. Oberbürger- meist'er" Dr/ S a h' in'begrüßt ihn im Namen der Stadt Berlin.'Auf der Falltreppe muß Dr. Eckener und Dr. Sahn, Aufstellung nehtnen. Die Tonfilmoperateure erhalten einige Worte über die Zlrttisfahrt und schon drängen wieder andere hinzu. Noch in den späten Zlbendstunden ist der am Ankermast liegende „Graf Zeppelin" das Ziel vieler Hunderter. Die Mannschaft, der Ruhe bedürftig, hat sich zurückgezogen, bereits morgen in aller Frühe muß wieder alles frisch an Deck sein. Schon um 4,30 Uhr werden die Verteilungen am Ankermast gelöst und der„Graf" setzt seine Arktisfahrt fort, die ihn zunächst nach der russischen Haupt- stadt Leningrad führen wird. Das Luftschiff wird in den späten Nachmittags- bzw. ersten Abendstunden in Lenin- grad erwartet, wo selbstverständlich gleichfalls alle Vordere!- tungen für die erwartete Landung getrosten sind. Kampf um die Mumie. Sie darf nicht in der Wohnung aufgestellt werden. Düsseldorf, 24. Zuli. Der unheimliche Fall des italienischen Rechtsanwalts Dr. Man- z i n i, der die Oeffentlichkcit bereits vor Monaten erregt hat, wurde in einem Prozeß vor dem Schösfengerichl wieder ausgerollt. Dr. Manzini hatte sich gemeinsam mit seiner Hausangestellten Kola, einem 2Zjährigen Mädchen, wegen Freiheitsberaubung zu verant- warten. Wie erinnerlich, hatte Dr. Manzini aus einer merkwürdigen Pietät heraus die Leiche seiner Gattin in einbalsa- m i e r t e m Zustande jahrelang in seiner Wohnung aufbewahrt und um ihren Besitz mit den deutschen Behörden einen erbitterten Kampf geführt. Frau Manzini, eine gebürtige Düfseldorferin, weilte im Sommer 1928 mit ihrem Gatten in Genua. Als sie plötzlich starb, ließ ihr Mann die Leiche einbalsamieren und bewahrte sie zwei Jahre lang in seiner Wohnung auf. Im Sommer 1930 ersuchte Manzini die deutschen Behörden um die Erlaubnis, die Leiche seiner Frau nach Deutschland überführen zu dürfen. Gleich- zeitig bat er auch um die Erlaubnis zu einer Aufbahrung der Leiche in seiner Düsseldorfer Wohnung. Das letztere wurde ihm abgelehnt; er durfte die Mumie nur zur Bestattung nach Deutschland mitnehmen. Ohne sich um das Verbot der Aufbahrung zu kümmern, brachte Manzini die Mumie im Auto nach Düsseldorf und stellte sie dort im Salon seiner Wohnung aus. Als die Behörde ihn aufforderte, die Leiche sofort beizusetzen, erklärte Manzini, die Mumie im Zink- sarg sei keine Leiche im Sinne der deutschen Gesetze. Mehr als zwei Monate führte der italienische Anwalt einen hartnäckigen Kamps gegen die Behörden. Schließlich erhielt er den endgültigen Bescheid, daß die Leiche bis zu einem bestimmten Tage bestattet sein müsse. Als Polizeibeamte in die Wohnung kamen, um die Durchführung des behördlichen Auftrages nachzuprüfen, war die Leiche spurlos verschwunden. Manzini erklärte, er habe sie aus Düsseldorf wieder fortbringen lassen. Eine zweite genaue 5)aussuchung ergab, daß der Anwalt die Mumie seiner Frau unter einem Bett im obersten Stockwerk des Hauses versteckt hatte. Als die Beamten sich aber mit der Leiche entfernen wollten, stellte es sich heraus, daß sie im 5) a u s e ein- geschlossen waren. Erst nach einer halben Stunde konnten sie durch das telcphonisch verständigte Ueberfallkommando befreit werden. Die Leiche wurde nunmehr endlich beigesetzt. --- Der � Vorfall hatte- für Manzini eine. Anklage wegen Freiheitsberaubung zur-Folge, da man trotz feines Leugnens den Verdaäst hegte, daß er durch seine Tat den Abtransport verzögern und zu einer neuen Beschwerde Zeit gewinnen wollte. Das Gericht sprach Manzini frei, während das Mitangeklagte Mädchen, das übrigens jugoslawische Staatsbürgerin ist, wegen Widerstandsleistung in Tateinheit mit Freiheitsberaubung zu h u n- dert Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Zweiter billiger Zuli-Sonnabend im Zoo. Am heutigen Sonn- abend. 25. d. M., kostet von 2 Uhr nachmittags ab der Eintritt in den Zoologischen Garten für Erwachsene nur 50 Pf., für Kinder bis zu 10 Iahren nur 25 Pf.; dieselbe Ermäßigung gilt für das Aquarium. Von 4 Uhr ab Konzert der Kapelle Artur Guttmann. I. IIP UND F. PETROW Der Einäugige packte sich gleich mit beiden Händen am Kops und begann angestrengt nachzudenken. Wie ein Wind flüsterte es in den Reihen der Schachliebhabcr:„Der Welt- meister hat c2— c4 gespielt.". Ostap verwöhnte seine Gegner nicht durch Mannigfaltig- keit seines Eröffnungszuges. Er machte immer dieselben Ope- ration, zog den Bauer von c2 auf«4, auch auf den übrigen neunundzwanzig Brettern. Die Schachliebhaber packten sich einer nach dem anderen an den Haaren und versanken in fieberhaftes Nachdenken. Die Nichtfpieler verfolgen das Spiel des Weltmeisters. Der einzige Amateurphotograph der Stadt stieg auf einen Stuhl und wollte Magnesium anzünden, als Ostap mit der Hand winkt« und rief:„Weg mit dem Photographen! Er stört meinen Schachgcdanken!" — Warum soll ich mein Photo in diesem elenden Nest zurücklassen? Es paßt mir nicht, mit der Miliz zu tun zu haben — hatte Ostap in seinem Innern festgestellt. Das empörte Zischen des Publikums zwang den Photo- graphen, von seinem Vorhaben abzulassen. Ja, die Empörung war so groß, daß man den Photographen aus dem Saal hin- ausdrängte. Beim dritten Zug zeigte es sich, daß der Weltmeister an achtzehn Brettern die spanische Partie spielte. In de» übrigen zwölf Partien verwendeten die„Schwarzen" die veraltete, aber immerhin sichere Verteidigung Philidors. Wenn Ostap sich be- wüßt gewesen wäre, daß er derart komplizierte Partien spielte und einer so erprobten Verteidigung begegnete, wäre er sehr erstaunt gewesen. Der große Kombinator spielte nämlich zum zweitenmal in seinem Leben Schach. Anfangs waren die Schachliebhaber und der Einäugige Mit ihnen verblüfft. Die List des Weltmeisters war zweifellos erstaunlich. Mit ungewöhnlicher Leichtigkeit und sichtlich die Wasijuki-Liebhaber verhöhnend, opferte der Weltmeister seine Mauern, die schweren und leichten Ftsiiiren. Dem währead der Vorlesung getadelten schwarzhaarigen Herrn hatte er sogar die Königin geopfert. Der Schwarhaarige erschrak und wollte die Partie sofort aufgeben. Nur mit einer starken Willensanspannung gelang es ihm, das Spiel fortzusetzen. Dann aber— fünf Minuten nach Spielanfang— begann es aus heiterem Himmel zu donnern. „Matt!" flüsterte der bis zu Tod erschrockene Schwarzhaarige.„Matt, Genosse Weltmeister." Ostap analysierte die Situation, nannte dabei allerdings den„Springer"„Königin" und gratulierte dem Schwarz- haarigen hochmütig zu seinem Sieg. Ein Flüstern ging durch die Reihen der Amateure. Es ist zeit zu handeln!— Dachte Ostap. Er ging ruhig zwischen den Tischen umher und zog nachlässig seine Figuren. „Sie haben mit dem Springer falsch gezogen, Genosse Weltmeister", sagte der Einäugige zuvorkommend.„So darf sich der Springer nicht bewegen." „Pardon, pardon, bitte um Verzeihung," antwortete der Weltmeister,„ich bin nach dem Vortrag ein bißchen müde!" Im Laufe der nächsten zehn Minuten verlor der Welt- meister noch zehn Partien. Man vernahnt verwunderte Ausrufe im Saal des Klubs „Gemütlichkeit". Ein Konflikt war im Anzug. Ostap ver- spielte fünfzehn Partien nachemander und bald darauf noch drei. Es blieb nur noch der Einäugige. Zu Beginn der Partie hatte er vor lauter Respekt eine Menge Fehler gemacht und führte mit Mühe das Spiel zu siegreichem Ende. Ostap nahm, von den Anwesenden unbemerkt, die schwarze Königin und steckte sie in die Tasche. Die neugierige Menge schloß sich eng um die Spielenden. .Eben ist auf diesem Platze meine Königin gestanden rief der Einäugige und sah sich um.„Und jetzt ist sie nicht mehr da." „Wenn sie nicht da ist, so ist sie auch nicht da gewesen!" antwortete Ostap grob. „Wieso denn nicht? Ich erinnere mich deutlich daran! „Ausgeschlossen." „Wohin ist sie denn gekommen? Haben Sie sie denn ge- wonnen?" „Jawohl." „Wann? Bei welchem Zug?" „Geben Sie mir Ruh mit Ihrer Königin. Wenn Sie die Partie aufgeben, so sagen Sie es einfach!" �.Erlauben Sie, Genosse, ich habe alle Züge notiert."„In Kanzleien notiert man", sagte Ostap. „Das ist empörend!" schrie der Einäugige.„Geben Sie meine Königin her!" Bei diesen Worten begriff der Weltmeister, daß hier Zögern Sterben bedeute, nahm einige Schachfiguren in die Hand und schmiß sie dem einäugigen Gegner an den Kopf. „Genossen!" schrie der Einäugige.„Seht alle her! Man schlägt einen Schachamateur." Die Schachspieler der Stadt Wassjuki stutzten. Ohne die kostbare Zeit zu verlieren, warf Ostap ein Schach- brett in die Lampe, drosch sodann in die eingetretene Dunkelheit auf Stirnen und Gesichter seiner unsichtbaren Gegner los und lief auf die Straße hinaus. Die Wasijukischachspieler fielen über einander hin, erhoben sich und stürzten ihm nach. Es war eine Mondnacht. Ostap flog die silberne Straße dahin und stieß sich leicht wie ein Engel von der sündhaften Erde ab. Hinter ihm her liefen die Schachamateure. „Haltet den Weltmeister!" brüllte der Einäugige. „Schuft!" unterstützten die andern. „Idioten!" antwortete der Weltmeister und beschleunigte seine Schritte. „Zu Hilfe!" schrien die beleidigten Schachspieler. Ostap sprang auf die Stufen der Treppe, die zum Kai hinunterführte. Er hatte vierhundert Stufen zu lausen. Auf dem sechsten Stufenabsatz empfingen ihn zwei Schachamateure, die ihm auf kürzerem Weg hierher zuvorgekommen waren. Ostap sah sich um. Bon oben her wälzte sich wie eine Herde von Hunden eine dichte Menge zorniger Anhänger der Pilidor- Verteidigung heran. An eine Flucht zurück war nicht zu denken. So lief denn Ostap weiter. „Ich werde euch geben, ihr Schufte!" schrie er der tapferen Avantgarde zu und schwang sich vom fünften Absatz sörmlich über sie hinweg auf das Ufer hinunter. Die beiden erschraken, ächzten, sprangen über das Geländer und stürzten irgenwohin in die Dunkelheit der Hügel und Berge. Der Weg war frei. „Haltet den Weltmeister!" schallte es von oben. Die Verfolger von der Treppe liefen ihm nach und ver- ursachten dabei ein Geräusch wie eine rollende Kegelkugel. Ostap lief das Ufer entlang und spähte nach dem Boot mit dem treuen Administrator. Worobjew saß idyllisch im Kahn. Ostap schwang sich auf die Bank hinunter und begann eifrig vom Ufer wegzurudern. Einen Augenblick später flogen Steine ins Boot. Worobjew erhielt einen Schlag von einem dieser Steine. Er hob die Schulter und winselte kläglich.(Fortsetzung folgt.) Das 2 5-Pf ennig- Wochenende Durch ein altes Urstromtal.— Die Seenkette des Grunewalds. Der Grunewald ist für Berlin, was der Hydepark für London ist. Auch auf feinen grünen Matten können wir abseits vom Wege wandern oder rasten. Wir fahren mit der S-Bahn bis Grunewald oder mit den Straßenbahnlinien 51, 70, 76, 176 oder 191 bis R o f e n ecr langfristigen Verbindlichkeiten, Verpfändungen. Bürgsäzaften usw. Nur so war es z. B. mög- lich, daß bis zum Zusammenbruch der Nord wolle der Oeffent- lichkeit die Existenz der„Ultramare"' oerborgen werden konnte. An- gesichts der Verschachtelung der Konzerne ist es unerläßlich, daß sowohl die geschäftlichen Beziehungen zu den Toch- ter- und Bete'iligungsg esellschaften ausführlich dargelegt werden, aber auch die gegenseitigen Verbindlichkeiten und Forderungen genau einzeln ziffernmäßig in der Bilanz erscheinen und die Bilanzen der Tochter, und Beteiligungsgesellschaften mit veröffentlicht werden. Man überlege sich ferner, daß eine Riesengesellschaft wie der Stahltrust seine Anlagenwerte in Höhe von anderthalb Mil- liarden, desgleichen seinen Besitz an Beteiligungen und Effekten von 350 M i l l i on e n. in einer unaufgegl lederten Bilanzzisfer angibt, daß die Gewinn- und Verlustrechnung häufig mir ein bis zwei Posten enthält und daß die Lagerbestände nicht ausgegliedert werden, und man versteht dann, daß selbst die Wirtjchaftsführer vor dem Enqueteausfchuh übereinstimmend zu- geben mußten, daß heute die Bilanzen weder über die Vermögens- läge noch über die Rentabilität ein Bild vermitteln. Angesichts dieser Sachlage nmß man die sofortige In- traftsetzung der erweiterten zwingenden Publi- zitätsoorschriften für den Geschäftsbericht sowie für die Aufgliederung der Bilanz verlangen, wie sie in dem Entwurf des Justizministeriums aufgestellt wurden. In einer Hinsicht müssen die Vorschriften über die Gewinn- und Berlustrechnung jedoch noch unbedingt ergänzt werden. Es mutz zwingend vorgeschrieben werden, die Bezüge der Vorstandsmitglieder und Slufsichlsräle gesondert auszuweisen. Unsere Kenntnis der Aufwendungen für die Verwaltung beruht beute auf Zufälligkeiten. So erfuhr man z. B- erst nach dem großen Kladderadatsch bei Karstadt, daß der Vorstand neben mehr als 100 000 Mark Gehalt einen Tantiemeanspruch in Hohe von 30 Proz. des Reingewinns hatte, also rund 3 M i l l i o n e n M a r k jährlich in guten Zeiten als Sondervergütung erhielt. So erfuhr man aus dem ausländischen Aku-Prospekt von den horrenden Tantiemen, die man dort dem Aufsichtsrat zuschanzen wollte. v Es muß den Gesellschaften die Pflicht auferlegt werden, An- gaben über Aufwendungen für die Leitung des Unternehmens in der Gewinn» und Berlustrechnung zu machen. Wir halten es ferner für notwendig, daß die Publizitäts- Vorschriften auch nach wirtschaftlichen Gesicht spunk- t e n ergänzt werden. Für die wirtschaftspolitische Beurteilung ist es unerläßlich, zumindest Produktionsumfang, Umsatz, Auftragsbestand und die Befchäftigtenzahlder Großunternehmungen zu erfahren, um nur die wichtigsten Betriebs- zifsern zu nennen. Die unverzügliche Einführung einer allgemeinen Revisionspflicht für alle größeren Aktiengesellschaften(von 500 000 oder 1 Million Aktienkapital aufwärts) ist nach den Ersahrungen der letzten Jahre zu einer absoluten Notwendigkeit geworden. Der Ent- wurf des Reichsjustizministeriums sieht ersreulicherweise diese pslichtmäßige BUanzprüfung durch anerkannte Wirt- schaftsprüfer vor, beabsichtigt jedoch, nur allmählich diese Reoisionsverpflichtung einzuführen. Damit darf nicht gewar- tet werden. Außerdem müssen diesen Wirtschaftsprüfern die weitestgehenden Auskunftsrechtc eingeräumt werdcn und es muß für ein« volle Unabhängigkeit dieser Stellen gesorgt werden. Wir haben bereits vor einigen Tagen sehr nachdrücklich gegen «ine Ueberlassung der Auswahl der Prüfer sowie die Bestimmung der Zulassungsrlchtlinien durch Interessentenkörper- schaften. so wie nach den bisher getroffenen Borbereitungen geplant ist, protestiert: wir halten es für unerläßlich, daß die Nicht- linien für die Durchführung der Bilanzprüfung sowie die Auswahl der Prüfer von einer völlig unabhängigen Stelle— vom Reich oder der unseres Erachtens ohnehin zu schaffenden Aufsichts- stelle für das Aktienwesen— erlassen werden. Nach der Einführung einer unabhängigen, weitreichenden Pflicht» revision, also nach Entlastung von buchmäßiger Kontrolle, kann noch mit größerem Recht eine wesentlich stärkere Verantwortlichkeit der Verwaltung verlangt werden, die vor allem durch verschärfte Straf- und Haf- tungsbestimmungen gegen Vorstand und Auffichtsrat sichergestellt werden muß. Unabhängig hiervon müssen die Einhaltung der Publizitätsvor- schriften und die sachgemäße Auskunstserteilung durch Strafandrohun- gen sichergestellt werden. Wir haben es wiederholt erlebt, daß V e r- waltung oder Aufsichtsrat irreführende Angaben über den Status und die Aussichten des Unternehmens gegeben haben. Bei der Aku, bei Karstadt, A.-G. für Verkehrswesen, Wiking wurden noch optimistische irreführend« Kommuniques zu einer Zeit herausgegeben, als die größten Verluste eingeweihten Kreisen längst bekannt sein mußten. Ebenso aber muß in der Frage der materiellen Schaden- e r s a tz p f l i ch t von Vorstands- oder Auffichtsratsmitgliedern, die vorsätzlich oder fahrlässig ihre Obliegenheiten verletzt haben, Klarheit und Ordnung geschaffen werden. Verwaltung und Aufsichtsrat verstehen es heute auf Grund ihres überragenden Einflusses, sich auch bei offensichtlichem Verschulden der Hastverpflichtung zu entziehen. Die Banken pflegen ihre Mithilfe bei der Sanierung zusammengebrochener Unter- nehmungen von dem Verzicht auf Regrehansprüche gegen Direktorium oder Aufsichtsrat abhängig zu machen. So geschah es z. B. bei der Sanierung der Pfälzischen Bank, so bei der Uebernahme der F a v a g durch die Allianz. Rebellierende Aktionäre, die mil Regreh- oder Revisionsanträgen unangenehm werden, pflegt man durch Sonder- Vergünstigungen abzufinden. So kommt es praktisch zur Geltendmachung von Ersatzansprüche.. gegen Vorstand oder Aufsichtsrat auch bei offensichtlicher Verletzung der Obliegenheiten überhaupt nicht(im Fall Karstadl stimmten in der Generalversammlung nur 3 Proz. des vertretenen Aktienkapitals für die Regreßinanfpruchnahme). Es reicht auch nicht aus, daß man — wie im Aktienrechtsentwurf— die Geltendmachung von Ersatz- ansprllchen erleichtert. Wenn Gesellschaft und Aktionäre keine Schadenersatzklage erheben, muß eine unabhängige Kontrollstelle die Durchführung des gerichtlichen Verfahrens veranlassen und erzwingen können. Es wird ohnehin unerläßlich sein, einer A u f s i ch t s st e l l e die notwendige� Kontrollbefugnisse und Einwirkungsmöglichkeiten zu übertragen. Für die Innehaltung der Publizitätsoorschriften, zur eventuellen Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen, aber auch für die Vorschreibung von Bilanzmustern und für die Spruchstellen, die bei Verweigerung von Auskünsten entscheiden sollen, ist eine Aufsichtsstelle im Aktienwesen einfach notwendig. Wir stehen mit dieser unserer Forderung nicht allein. So hat der Verein für die Interessen der Hamburger Fondsbörse, den man gewiß nicht als „marxistisch und wirtschaftsfemdlich" verdächtigen wird, die Schaffung einer öffentlichen Stell« zur Ueberwachung der Publizität der Aktien- gesellschaften verlangt, die bei Verfehlungen auch Strafen zu ver- hängen hätte. Endlich muß der Einblick der Betriebsräte im Auffichtsrat in alle Geschäftsvorgänge und ihre Mitwirkung in der Geschäftspolitik des Unternehmens, soweit Verfassung und Gesetz es nahelegen, un- bedingt sichergestellt werden. Es muß gesetzlich fe st gelegt werden, daß die Betriebsräte im Auffichtsrat in allen Ausschüssen mit vertreten sein Müssen. Die genannten Maßnahmen dulden keinen Aufschub mehr. Die Regierung muß sie unverzüglich durchführen. Die Vorbereitung der Gesamtresorm wird dadurch gewinnen. Andere Zahlungstermine? Vorschläge der Forschungsstelle für den Handel. Die Gehälter der Beamten und Angestellten von öffentlichen Körperschaften werden auf Grund einer Notoerordnung diesmal i n zwei Raten gezahlt, da zum Monatsende die Summe für die Zahlung der vollen Gehälter nicht zu beschaffen ist. Diese Tatsache hat der Forschungs stelle für den Handel Veranlassung gegeben, wieder einmal die Frage der Zahlungstermine allgemein zu prüfen. In ganz Deutschland werden die Löhne ganz überwiegend am Freitag gezahlt, und zwar in einer Gesamtsumme von etwa einer halben Milliarde Mark wöchentlich. Davon werden für Lebens- und Genußnnttel etwa 215 Millionen Mark wöchentlich ausgegeben, und zwar mehr als die Hälfte dieser Summ« am Freitag und Sonnabend. Die Gehälter werden überwiegend am Monatsende gezahtt, und zwar in einer Summe von etwa 1,5 Milliarden Mark monatlich. Fällt das Monatsende zufällig auf einen Freitag, dann drängt sich auf diesen Tag ein Zahlungs- mittelbedarf von 2 Milliarden Mark zusammen. Die Gehälter werden zwar verhältnismäßig gleichmäßig im ganzen Monat ausgegeben, doch sind auch hier besonders hohe Ausgaben unmittelbar nach dem Zahltermin festzustellen. Für den Handel ergibt sich daraus die unangenchms Folge, daß die Umsätze an wenigen Tagen im Monat eine ayherordent- liche Höhe erreiche»: auf diese Höchstumsätze muß aber der Handel in Raum, Kapital und Arbeit sich einrichten, wodurch die K o st e n der Warenverteilung sich nicht unwesentlich erhöhen.(Zweifellos wird aber eine gewisse Zusammendrängung des Lebensmittelumsatzes auf das Wochenende stets bestehen bleiben, da ja am Sonntag nicht gekauft werden kann. D. Red.) Eine Verteilung aller Lohn- und Gehaltszahlungen über alle Tage des Monats würde täglich eine Summe von nur 150 bis 200 Millionen Mark beanspruchen: die Schwierigkeiten aus der gesetzliche ff oder traditionellen Bindung bestimmter Zahlungstermine(Steuern, Hypothetenzinstn Mieten) müßten zur Einführung einer solchen Verteilung überwunden werden. Die Forschungsstelle erhebt zur Verbilligung des Warenabsatzes und zum Ausgleich des Zahlunzsmtttelbedarfs drei Forde- r u n g e n: erstens sollen die Lohnzahlungen in einem Wirtschafts- gebiet auf alle Wochentage nach Betrieben so verteilt werden, daß täglich etwa die gleiche Summe zur Auszahlung kommt. Zweitens sollen die Gehaltszahlungen für Angestellte in die zweite Monatshälfte gelegt wenden, und zwar unter Festlegung des Wochentages für jeden Betrieb. Drtttens sollen die Beamten- g ehälter in der ersten Monatshälste gezahlt'werden, und zwar auch an festen Wochentagen(nicht Kalendertagen). Frieden im Zementkartell. Einigung mit Außenseitern.— Resultat: Preissteigerung! In keinem Wirtschaftszweig hat die Kartellwilltür so gro» teste Zustände herbeigeführt wie in der Zementindustrie. Ob- wohl seit Jahren die Anlagen nur zu einem Bruchteil ihrer Leistungsfähigkeit ausgenutzt werden(und in Zukunft ausgenutzt werden können), entstehen infolge des Anreizes der überhöhten Kar- tellpreise immer wieder neue Werke. Diese Außenseiter unter- bieten eine Zeitlang die Kartelle, dann lassen sie sich entweder durch Zubilligung einer hohen Quote(Absatzbeteiligung) ins Kartell aufnehmen oder aber vom Kartell aufkaufen und stillegen. Die Summen für den Aufkauf werden natürlich durch überhöhte Preise von den Abnehmern hereingeholt. In den letzten Monaten war der NorddeutscheZement- o e r b a n d durch Außenseiter so stark bedroht, daß sich alle Mit- gliedcr auf die Auflösung(und den folgenden Konkurrenzkampf) gerüstet hatten. Jetzt hat man es doch für besser befunden, sich zu einigen und den, Kampf aller gegen alle" zu vermeiden. Drei Außenseiter sind dem Verband beigetreten: ob sie„aufgekauft" wurden, so daß ihre Anlagen stillgelegt werden, oder ob sie als Verbandsmitglieder weiter arbeiten werden(ihr Absatz machte 10 Proz. des Kartellabsatzes aus), ist nicht bekannt. Ein Außen- seiter bleibt weiterhin außerhalb des Verbandes: offenbar fürchtet man ihn nicht. Für die Abnehmer wird sich dieser Friedensschluß sehr bald bemerkbar machen. Während des Kampfes gegen die jetzt ins Kartell aufgenommenen Außenseiter hatten die Kartellmitglieder billigen Zement, sog. Pioniermarken, auf den Markt gebracht. Die Pro- duktion in diesen Marken wird jetzt eingestellt, so daß die Abnehmer gezwungen sind, die teuren Zementmarken zu kaufen. Wir sind gespannt, wann die nächsten Außenseiter auftreten werden. Nur eine durchgreifende Kartellkontrolle wird diese unglaubliche Kapitalverschwendung beenden können. Rückgang der Spareinlagen. Die preußischen Sparkassen im Juni 1931. Das Ergebnis der Einlogen-Statistik für die preußischen Spar- kassen zeigt für Juni einen Rückgang der. Spareinlagen um insgesamt 102,4 Millionen Mark, und zwar von 6788,4 aus 6686,2 Millionen Mark. Dabei ist hervorzubeben, daß der Rückgang nicht so sehr auf die Verminderung der Ein.zahlungen zurückgeht, die mit 350,0(360,1) Millionen Mark nur unbedeutend zurückgegangen sind, sondern auf die erhcblicheVer schärfung der Auszahlungen, die mit 452,4(333,9) Millionen Mark ausgewiesen werden. Die verstärkten Abhebungen sind nicht über- wiegend auf„Angstabhebungen" zurückzuführen, sondern hängen in erster Linie mit der scharfen Zuspitzung der Wirtschaft- l i ch e n Verhältnisse zusammen. Frage der Kohlenumlage entschieden. Die Erneuerung des Ruhrkohlensyndikats wäre fast an der Frage der Kohlenumlage gescheitert. Die Kohlenumlage ist die Abgabe an das Syndikat, durch die einmal die Geschäfts- u n k o st e n des Syndikats, zum anderen und vor allen Dingen die Kosten für den Konkurrenzkampf im bestrittenen Gebiet ge- deckt werden. In welcher Weife diese Kosten auf die r e i n e n Zechen (die nur Kohl« fördern) und auf die Hüttenzechen(die auch Eisen produzieren) verteilt werden, Ist jetzt durch Schiedsspruch des Verghauptmanns Venn hold festgelegt worden. Bennhold ist sehr stark den Vorschlägen Thyssens gefolgt. Danach werden die reinen Geschäftsunkosten des Syn- dikats gleichmäßig auf jede geförderte Tonne oerteilt. Die Kosten für den Konkurrenzkampf werden wie folgt umgelegt: Von der Verbrauchsbeteiligung der Hüttenzechen bleiben soviel Prozent umlageftei(aber höchstens 55 Proz.), wie die E i s e n- ausfuhr an der Gesamteisenproduktion ausmacht. Der übrige Teil der Verbrauchsbeteiligung und die Verkaufsbeteiligung find voll umlagepflichtig. Als Hüttenzechen werden diejenigen Zechen angesehen, deren Selb st verbrauch an ihrem Gesamtabsatz von Kohlen im abgelaufenen Geschäftsjahr wenigstens 15 Proz. ausmachte. GestiegeneLlmfätzederKonsumgenossenfchasten Im Juni betrugen die Umsätze im Zentralverband deutscher Konsumvereine je Mitglied und Woche 7,17 M Sie sind gegenüber Mai(6,88 M.) nicht unbeträchtlich g e st i e g e n, obwohl das Pfingstsest in den Mai siel, obwohl der Juni im all- gemeinen als Ferienmonat geringere Umsätze als der Mai aufzu- weisen pflegt. Man darf aber aus dieser Steigerung noch nicht auf einen Sttllstand des Rückganges im konsumgenossenschaftlichen Umsatz schließen, da die Tendenzen zur Schwächung der Kaufkraft und zur Preissenkung fortdauern. Diese Steigerung hat vielmehr einen einzigen zufälligen Grund: am 16. Juni ist die Zucker- steuererhöhung in Kraft getreten, die eine Erhöhung de» Zuckerpreises um etwa 6 Pf. je Pfund mit sich brachte. Diese Steuererhöhung bewirkte so starke Voreindeckungen der Mit- glieder, daß die Gesamtumsätze diese Steigerung erfuhren. Wennann Wieber: In unfein Tagen, da der Kampf um die Todesstrafe und um die Reform der Strafjustiz mit erneuter Heftigkeit entbrannt ist, ge- winnt ein Sonderling aus dem 18. Jahrhundert ein besondere» kul- turgefchichtliches Interesse, der sich aus freien Stücken zum Amte des Kerkermeisters und Henkers gedrängt hat. Er tat das angeblich aus glühender Liebe zur Gerechtigkeit, in Wahrheit aber, aus einem ver- drängten Machtbedürfnis heraus. Der Reichsgraf Franz Ludwig Schenk zu Caftel hatte nämlich trotz feiner vielen stolzen Titel, darunter den„Seiner Römischen Kaiserlichen und Königlichen Ma. jestöt Kämmerer",„Seiner Kurfürstlichen Gnaden zu Mainz Wirk» licher Geheimrat", und„der Hochsürstlichen Hochstifter Eichstätt Erb- Marschall" herzlich wenig zu regieren. In Wirtlichkeil gebot er nur über einige elende Nester des Schwäbischen Kreises, eingeklemmt zwischen Württemberg, Hohenzollern-Eigmarmgen, Baden und Vorderösterreich, von denen„Stetten am kalten Markt" noch das bedeutendste war. Da kam es ihm denn recht zu paß, als der Kreis in einem Rundschreiben anfragte, welcher seiner Mitglieder bereit sei, auf allgemeine Kosten eine Fronseste zu erbauen und zu unter- halten, damit dem immer mehr überhand nehmenden Räuberunwefen gesteuert werde. Das war um 1760. Massenhaft trieben sich damals entlassene oder entlaufene Soldaten in Oberschwaben herum, neben den zahllosen verelendeten Bauern. Es ist kein Zufall, daß gerade in Schwaben die„Räuber" geschrieben wurden: kaum ein anderer deutscher Despot preßte seine bedauernswerten Untertanen so aus wie Schillers Landesvater Karl Eugen, und der Uebertritt aus einem Winkelterritorium ins andere, aus einem Hochstift in eine Freie Reichsstadt oder in ein weltliches Fürstentum erleichterte den Spitz» buben oder„Malesikanten" ebensosehr ihr Handwerk, wie es den Häschern das ihre erschwerte. Die Blütezeit des Räubertums fällt mit der des Despotismus ungefähr zusammen. Graf Schenk von Castel also, der damals in der Blüte seiner Jahre stynd und mit seiner Reckengestalt, seiner gewaltigen roten Ras« und seinem ebenso roten Haar wie der Teufel gefürchtet wurde, stellte sich dem Kreise als Büttel, Richter, Kerkermeister und Henker zur Verfügung und baute neben seinem Schloß in D i s ch i n g e n ein große» Zuchthaus. Jetzt hatte er endlich eine Lebensaufgabe ge» funden: er führte persönlich die Streifen an, die aus Banditen fahndeten, ließ die Gefangenen verurteilen und, je nachdem, ein- sperren oder köpfen, hängen oder rädern. In seiner blinden Ver- folgungswut fragte er nichts mehr nach den Landesgrenzen und brach oft genug in die„Nachbarstaaten" ein. Das gab zuerst Be- schwerden, aber schließlich war man zufrieden, einen"so brauchbaren Beamten zu besitzen, und ließ ihn gewähren. Bald kannte ihn das Volk nur noch unter dem Spitznamen„M a l e f iz- S ch e n k". Man hätte ihn auch den„Zuchthausgrafen" nennen können. Todes- urteile mußten zwar von der Universität Tübingen bestätigt werden— aber wenn der„Malefiz-Schenk" schon einmal einen mehr hinrichten ließ, dann krähte kein Hahn danach. In seinem Zucht- haus, in dem er auch selber wohnte, nachdem die Räuber ihm sein Residenzschloß angezündet und sein Jagdschlößchen Bach ausgeraubt und verwüstet hatten, saßen selten weniger als 106 Gefangene und meist zwanzig zum Tode verurteilte Delinquenten. Zum Zwecke der „Besserung" hatte er besondere Baracken errichten lassen, in denen die Sträflinge gefoltert wurden. Die„Exekutionen" wurden zu mehreren auf einen Tag gelegt, der dann als eine Art Volksfest in der Gegend gefeiert wurde. Sechs, acht, zehn„arme Sünder" mußten dann das Hochgericht besteigen, das als ein gräßliches Wahr- zeichen das Zuchthaus dieses adligen Sadisten krönte. In neun Jahren sind dreiundfünfzig Personen in Dischingen hingerichtet worden. Mitunter hatte der Gras eine menschliche Anwandlung, be- gnadigte einen Gauner und zog ihn dann in seine nähere Um- gebung. Seine vertrauten Ratgeber waren zwei ehemals gefürchtete Diebe, der„Baireutherle" und der„Lauterbacher", und die Pom- padour, die dieses schwäbische Versailles beherrschte, war die „schöne Victor", eine Köchin, die ehedem wegen schwerer Dieb- stähle eingeliefert worden war. Daneben war der„Malefiz-Schenk" ein recht guter Geschäfts- mann. Er machte es wie der Herzog Karl Eugen und so manche andere deutsche Duodezfürsten, etwa die von Braunschweig und Hessen-Kassel-, er verkaufte seine Sklaven um 100 Gut- den das Paar an die Oesterreicher, wenn diese in Verlegenheit mit Rekruten waren. Ohnehin konnte er damit rechnen, daß die ge- witzten Burschen ausrissen und zu den Fleischtöpfen der„schönen Victor" zurückkehrten. Freilich mutzte er auch darauf gesaht sein, daß seine„Getreuen" ihm auflauerten, wenn er unterwegs war nach Ulm oder Sigmaringen. Einmal warfen sie ihm ein Bombe in seinen vierspännigen Wagen, und nur ein beherzter Sprung aus die Straße und auf den Rücken zweier Kutschpferde rettete den Herrn und seinen Kutscher. Am empfindlichsten traf ihn die„schwarze Liefet", eine berüchtigte Diebin, die ihm, als er am Geburtstage des Herzogs Karl Eugen im scharlachroten Samtrock durch die gaffende Menge schritt, 1700 Gulden aus der Tasche stahl, die er sich für die Spielbank eingesteckt hatte. Erst nach fünf Iahren rastloser Ver- folgung erwischte er sie im Bayerischen und ließ sie in Dischingen aufknüpfen. Als durch die Reformgesetze des Kaisers Josef II. die Todesstrafe in der österreichischen Nachbarschaft abgeschafft wurde, machte Schenk sich mit doppeltem Eifer an seine schöne Lebensaufgabe. Erst der Reichsdeputationshauptschluß Napoleons machte 1803 seiner Herr- lichkeit ein jähes Ende. Schenk, vom reichsunmittelbaren Grafen zum Vasallen des neugebackenen Königs von Württemberg degra- diert, wurde im Jahre 1808„wegen der wllrklich schreienden Un- gerechtigkeiten und über alle Begriffe gehenden Unordnungen, Will- kürlichkeiten und Verzögerungen der Kriminaljustiz" zur Rechenschaft gezogen. Der zweijährige Prozeß endete mit einer Verurteilung zu — 301 Gulden 25 Kreuzern Geldstrafe. Erlegt hat Schenk diese lächerlich geringe Buße, die in Wirklichkeit nur die Kosten des Ver- fahren» deckte, erst sieben Jahre später, im Jahre 1817. Ein paar Jahre später ist er, ein hoher Achtziger, auf seinen Gütern gestorben. Er soll in seinen letzten Lebensjahren untröstlich gewesen sein, daß er nicht mehr wie ehedem köpfen, hängen und rädern durfte.... Warn Steuer: Die Hotels und Prioatpenfionen des an einem Arm des Mittel- ländischen Meeres gelegenen Modebades waren wohlbesetzt. Die Saison war in vollem Gong. Eine» sonnigen Morgens saß der Direktor des Bades selbst- gefällig in seinem Polstersessel, blickte mit vergnüglichem Lächeln durch das geöffnete Fenster auf die Kurpromenade hinaus und ließ es sich durch den Kopf gehen, mit welchen Darbietungen und Attraktionen er die Kurgäste wohl in den nächsten Wochen über- raschen könne. Vielleicht ließe sich ein Feuerwerk veranstalten.... vielleicht wäre der große Sturzflieger zu bekommen... Seine Sekretärin öffnete die Tür:„Ein Herr wünscht den Herrn Direktor i» einer dringenden Angelegenheit zu sprechen!" Der Angemeldete trat ein. Der Direktor bot ihm mit liebens- würdiger Geste einen Stuhl an. Aber der Fremde ließ sich auf Formalitäten nicht ein, sondern hostete, noch ehe er Platz genommen hatte, in erregtem Tone hervor:„Herr Direktor, ich mutz Ihnen eine schlimme Mitteilung machen. Ich bin in den Morgenstunden ein Stück aufs Meer hinausgefahren. Mit einem Segelboot. Wie ich ein paar Kilometer vom Strand bin, Herr Direktor, bemerke ich im Wasser einen Fisch-- einen großen Fisch. Ich denke mir zuerst nicht viel dabei— aber dann umkreist der Fisch mein Boot und schleudert sich auch ein paarmal dagegen. Plötzlich entdecke ich: Dieser Fisch ist ein Haifisch! Ich habe es genau erkannt: An den zurückliegenden Augen, an dem zurückliegenden weißen Maul. Ein Irrtum ist völlig ausgeschlossen. Es ist ein Haifisch im Bad, Herr Direktor! Vielleicht sind es auch mehrere." Der Direktor lachte fröhlich und unbekümmert:„Ein Haifisch! Woher soll denn der Haifisch gekommen sein! Die Geschichte dieses Bodes kennt keinen Haifisch, und bei den Fischern im Ort können Sie auch herumfragen: Seit Generationen sind hier keine Haifische gesehen worden. Vielleicht haben Sie einen Rochen für einen Haifisch gehalten" Der Fremde wurde scharf:„Ich weiß sehr wohl einen Rochen von cinein Haifisch zu unterscheiden. Es war ein Haifisch und nichts anderes, was ich gesehen habe." „Im Mittelländischen Meer sollen zuweilen Haifische vor- kommen, aber doch nicht hier", sagte der Direktor ärgerlich.„Sie reden etwas daher, was Sie nicht verantworten können." Nun taute der Fremde auf:„Ich muß Sie bitten, Herr Direktor, nicht mir, sondern den Tatsachen zu zürnen." Der Direktor wurde sehr erregt:„Aber das sind ja doch keine Tatsachen, was Sie mir mitteilen, es können keine sein. Sie sind das Opfer einer falschen Beobachtung oder Ihrer zoologischen Unkenntnis geworden." Der Fremde schlug aus den Tisch:„Ich weiß, was ich sage, und ich weiß, was ich gesehen habe. � Ich habe einen Haifisch gesehen. Nicht» anderes als einen Haifisch." Der Direktor eilte an das Fenster und schloß es. Es war ihm plötzlich zum Bewußtsein gekommen, welche Folgen die Worte des Fremden haben mutzten, wenn sie an unberufene Ohren gelangten. „Bedenken Sie doch", sprudelt« er hitzig hervor,„welche Ver- antwortung Sie mit Ihrer Behauptung übernehmen... Ueber- legen Si« doch, welch« Konsequenzen das Gerücht von einem Haifisch nach sich ziehen könnte! Wer würde sich denn noch ins Wasser wogen! Der Schaden für den guten Ruf unseres Bades wäre ja gar nicht auszudenken. Das scheinen Sie sich alles nicht klar gemacht zu haben, mein Herr!" Der Direktor schien so etwas wie eine Opposition gegen seine Auffassung zu erwarten, eine beschwichtigende Gebärde des Fremden. Aber der Fremde erwiderte überhaupt nicht, sondern sah dem Direktor nur tief in die Augen. Der Direktor gab den prüfenden, schweigsamen Blick zurück und nun erst glaubte er, die Situation zu durchschauen: Der Fremde wußte Bescheid über die Bedeutung, die der Haifisch für die Existenz des Bades haben mußte, und er hatte kein Interesse daran, sie zu unterschätzen. Nach einer kleinen Pause sagte der Direktor sehr gefaßt und sehr selbstsicher:„Ihre Behauptung ist unbeweisbar. Ich schenke ihr keinen Glauben." Der Fremde sagte noch viel gefaßter und noch viel selbstsicherer: „Meiste Behauptung ist unwiderlegbar. Es werden ihr andere Leute Glauben schenken." Der Direktor sprang vom Stuhl auf:„Sie werden es nicht wagen, das Renommee eines großen Bades zu untergroben. Sie würden vor Gericht für Ihre Worte einzustehen haben." „Ich werde mit Vergnügen das Podium des Gerichtes benutzen, um meinen Beobachtungen eine möglichst große Resonanz zu ver- leihen." Der Fremde schien gehen zu wollen. Der Direktor stürzte ihm nach. Er hatte alle Fassung jetzt wieder verloren.„Uebereilen Sie nichts", stammelte er hervor.„Ich habe Ihnen ja nicht zunahe treten wollen... Sie müssen einsehen, daß ich in einer oerzweifelten Lage bin. Es kann nicht Ihr Wille fein, datz«in blühendes Bad ruiniert wird, ja, daß der Staat aufs schwerste geschädigt wird." Der Fremde zuckte die Achseln.„Ich verbinde", sagte er,„keinen Wunsch mit meiner Erzählung. Ich habe kein Interesse an einer Beeinträchtigung des Badegeschäftes, aber ich lasse mich auch nicht für hie Folgen haftbar machen, die sich aus meinem Erlebnis ergeben könnten, Ich bleibe dabei, daß ich einen Haifisch gesehen habe, und ich möchte den kennenlernen, der mir das Gegenteil nachwiese." Der Direktor blickte ins Leere. Nach einer Weile sagte er, sich offenbar einem neuen Gedankengang zuwendend:„Der Anblick des schrecklichen Fisches dürste Sie nicht wenig beunruhigt haben. Legen Sie Wert auf ein Schmerzensgeld?" Nun fand der Fremde nicht gleich die geeigneten Worte. Er taute an der Unterlippe und sagte nach reislicher Ueberlegung mit etwas diplomatischer Pose:„Auf Schmerzengeld möchte ich keinen Anspruch erheben... indessen gebe ich Ihnen zu erwägen, daß ich meine Reisedispositionen nunmehr umstroßen möchte, denn es kann mir nicht zugemutet werden, mich länger in ein so gefährliches Wasser zu begeben. Es erwachsen mir dadurch eine Menge un- vorhergesehener Ausgaben." „Also schön", lächelte der Direttor,„nennen wir es Schaden- ersatz." Man wurde sich nach einigem Hin und Her über die Höhe dieses Schadenersatzes einig. Der Direktor händigte dem Fremden den entsprechenden Betrag aus. Am selben Tage noch reiste der Fremde ab. Was den Haifisch anbelangt, so wurde nie wieder eine Spur von ihm entdeckt. Der Direktor nahm, wohl nicht zu Unrecht, an, daß dieses bösartige Ge- schöpf es lediglich auf den Fremden abgesehen hatte und Ihm, mit zäher Hartnäckigkeit, auf dem Wasserweg in andere Bäder gefolgt Ist.___ Die TNilchstadt München. Wenn von München die Rede ist, denkt nian gleich an schäumendes Münchener Bier, an„Radi und Weiß- würftel". Aber man tut damit den Münchenern bitter Unrecht, denn Bayerns Hauptstadt ist die Stadt der— Milchtrinker. Die Statistik beweist das einwandfrei. In München wurden im vergangenen Jahre 0,3? Ltter Milch täglich pro Kopf der Bevölkerung verbraucht, während auf Berlin nur 6,27 Liter auf den Kopf entfallen. Vrick des ffiadegafies Srlch mrng jcöckev Ittt WsttM Wie viele Rätsel leuchten doch au» Sternenhöchen chernieoer! Ja. man kann sagen, in jedem zitternden Lichtstrahl, der auf seiner unfaßlich schnellen Resse durchs All die kleine Erde beaührt. sind Geheimnisse verborgen. Die wissenschaftlich« Forschung, die große Rätsclraterin, die die Probleme von gestern löste, hat es heute mit neuen und größeren zu tun. Es gibt wohl nur wenige Wissenschaft- liche Gebiete, auf denen in den letzten Jahren soviel Neues ent- deckt worden ist, wie gerade auf dem Gebiete der Astronomie. Diese Entdeckungen haben solch einen Umsang angenommen, daß man in Fachkreisen schon van einer Ueberproduttion im wissenschaftlichen Betriebe gesprochen hat. Das heißt, es gibt sehr viele beobachtet- Erscheinungen und Tatsachen, die noch nicht in unser Weltsystem eingearbeitet worden sind. Die Erzeugung an neuen Beobachtun- gen ist weit größer als der geistige Verbrauch, als die Ein- fügung in das Weltgebäude. Zu den interessantesten und zweifellos auch heute noch rätfel- haftesten Entdeckungen gehören die dunklen Nebel im Welt- räum. Wenn man mit großen, lichtstarken Fernrohren den schim- mernden Gürtel der Milchstraße durchstreift, kann man. häufig auf Stellen treffen, die wie dunkle Löcher im Weltall aussehen. Inmitten von Gegenden großen Sternenreichtums wirken diese dunklen Stellen wie gähnende Abgründe, die sich in eine schwarze Unendlichkeit verlieren Während man früher tatsächlich geglaubt hat. daß es sich hier um sternevarme oder sternlose Gegenden handle, weiß man heute mit absoluter Sicherheit, daß dunkle Nebel oder gewaltige kosmische Staubmassen an dieser Stelle stehen, die die hinter ihnen stehenden Sterne verdecken. Viele vorzügliche Himmelsaufnahmen gibt es von diesen heute noch geheimnisvollen kosmischen Gebilden, und besonders die hervorragenden Photo- graphien, die mit dem Zch-Meter-Spiegelteleskop des Mount-Witson- Observatoriums im Westen Nordamerikas, dem größten Fernrohr der Welt, hergestellt wurden, lassen deutlijch die seltsamen Formen dieser lichtabsorbierenden Weltallwolken erkennen. Nüchterne Ueber- legungen führen zu dem Schluß, datz Massen dunkler Materie im Weltraum vorhanden sein müssen. Auch die mächügsten Sonnen- bälle werden im Laufe langer Zeiträume verlöschen und dann als dunkle Körner durch den Raum treiben. Datz es solche dunklen Weltkörper tassächlich gibt, kann man z. B. an dem veränderlichen Stern Algol erkennen, der von einer dunklen Sonn« umkreist und in bestimmten Perioden von ihr teilweise bedeckt wird, wodurch er in seiner Helligkeit schwankt. Aber bei den kosmischen Wolken dürfen wir nicht nur an er- kältete Sonnen denken. Es gibt viele helle kosmische Nebel, die in auffälliger Weise, wie beim Nebel im Sternbilde des Schwans, ein Gebiet großer Sternendichte von einem anderen mit geringerem Sternenreichtum trennen, so daß der helle Nebelstreifen sozusagen das Randgebiet eines viel größeren, zum größten Teil dunklen Nebels, darstellt, der die hinter ihm stehenden Stern« verdeckt und nur wenige Sterne, die noch vor ihm stehen, sichtbar bleiben läßt. Es ist also möglich, datz diese» dunklen kosmischen Gas- oder Staub- Massen an Stellen, an denen sie sich schon mehr verdichtet haben. eine ziemlich hohe Temperatur von mehreren tausend Grad erreichen und dadurch zu leuchten beginnen. Aber nicht nur in unserer Milchstraße hat man diese riesenhaften dunklen Wolken entdeckt. Auch in Milchstraßen jenseits unserer Milchstraße, in d»n unendlich fernen Spiralnebeln, sind solch« lichtverschluckenden, dunklen Massen festgestellt worden. Besonders auf Photographien, die eine Welt- insel von der Kante zeigen, kann man solche dunklen Stetten beut- lich erkennen. Welch« Rolle diese kosmischen Staubmassen im Well- all spielen, ist noch nicht mit Sicherheit festgestellt worden. Wahrscheinlich gehören sie ebenso wie ine leuchtenden Nebel mit zum Baustoff der Weltkprper. Der Forschung von morgen wird aber sicher.auch, die-vollständig« Lösung.die s«». Rätsels/ geling«� Hann find Jahre mückenreich? In diesem Jahre wird besonders heftig über die Mückenplagc geklagt, und da muß es interessieren, den Bedingungen nachzuforschen. unter denen sich diese blussaugersschen Insekten entwickeln. Nach einer Darstellung der„Chemiker-Zeitung" gibt e» in Deutschland zwei Hauptgruppen von Stechmücken: bei der einen Gruppe durch- wintert das Weibchen und beginnt im Frühjahr mit der Fortpflanzung. die sich dann rasch von Generation zu Generatton fortfetzt. Hierher gehören u. a. die Gemeine Stechmücke, die Malariamücke und die Ringelmücke. Ihre Häufigkeit hängt haupssächlich von den Feuchtigkettsoerhältnissen ab; ist ein Sommer feucht, dann ist die Schar der überwinternden Mücken sehr groß und infolgedessen im folgenden Jahre eine Mückenplage zu erwarten. Freilich lassen sich diese Herbstmücken durch die Ausräucherung in den Kellern, die von den Behörden vielerorts angeordnet wird, in ziemlich weitgehenden: Maße ausrotten. Dies ist aber nicht möglich bei der anderen Gruppe, den Wiesen- und Woldmücken, die ihre Eier nicht auf das Wasser, sondern am Rande der Gewässer oder aufs Trockene ablegen. Da die Eier dieser Insekten den Winter überdauern, so kann auf diese Weise der Bestand der Art ins nächste Jahr hinübergerettet werden. Auch diese Blutsauger vermehren sich am reichsten nach Frühjahrs- Überschwemmungen, die die Wiesenflächen unter Wasser setzen und die dort ruhenden Eier zur Entwicklung bringen. Viele Regengüsse im Sommer tragen zur Vermehrung bei. Jedenfalls hängt bei beiden Gruppen die Massenentfaltung in hohem Grade von der Feuchtigkeit ab. Schwimm- Slonfox und Itafferlango Die diesjährige Badesaison bringt, zunächst in England, eine Neueinführung, die jedem passionierten Tänzer nur willkommen erscheinen wird. Ein erfinderischer und geschäftstüchtiger Londoner Tanzmeister kam auf die lustige Idee, Wassertänze auszudenken: Schwimm-Fox und Schwimm-Tango, ja sogar Schwimm-Waltz. Die Tänze im Wasser stellen vereinfachte Abarten der heutigen Mode- tänze dar— so meint's zumindest der kühne Reformator. Böse Zungen wiederum behaupten, die ganze„Erfindung" sei weiter nichts als Vorspiegelung falscher Tatsachen, ein geschickter Bluff, denn die Wassertänzer machen lediglich die üblichen Schwimm- bewegungen auf Musik. Wie dem auch sei: Die Gesellschaft stürzt sich, englischen Zeitungsmeldungen zufolge, auf das Studium der Wassertänze, so daß die Befürchtung, auch wir bekämen diesen neuesten Modeauswuchs bald importiert, durchaus begründet ist. So schlimm wie es sich anhört, ist es gar nicht— stellungslose Musiker werden eben eine neue Sommerbeschäftigung finden! llngefchäUes Ob/1 vor dem Sffen wafchen! In der Zeitschrist„Volkswohlfahrt" wird von einem nicht all- täglichen Fall einer schweren Magen-Darm-Störung nach dem Genuß eines ungewaschenen Apfels berichtet. Genaue Untersuchun- gen haben dann ergeben, daß die Ursache der Erkrankung darin zu erblicken war, daß sich an der Apfelschale geringe Spuren von Arsen befanden. Das Arsen kam dadurch an den Apfel, daß der Obstzüchter vor der Ernte ein arsenhaltiges Pulver zur Fernhaltung von Ernteschädlingen benutzt hatte. Es ist also notwendig, unge- schältes Obst vor dem Genutz ordentlich zu reinigen. Hochbeirieb bei der Handelskammer. Dekomme ich den freien Grenziibertritt? Vo>, 8 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags geht es bei der Industrie- und Handelskammer in der Dorotheen- strahe wie in einem Taubenschlag. Vor dem Portal eine Wagen- bürg von Autos, in den Büroräumen Hunderte von Menschen, die Anfragen haben, die geforderten Belege beibringen und verzweifelt sind, wenn ihr Antrag abschlägig beschieden werden muß. Eine eigene Dienststelle wurde für telephonische Anfragen ein- gerichtet, da die im Publikumsvcrkehr überlasteten Beamten nicht auch noch das Telephon bedienen können. Jeder Fall einer gefchäft- lichen Ausreise muß genau auf sein« unbedingte Notwen- digkeithingeprüst werden, es müssen sämtlich« Korrespondenzen, die darauf Bezug haben, wie Austräge, Buchungen, Kopien, Auf- tragsbestätigungen usw. vorgelegt werden. Dann gibt es immer noch sogenannt« Grenzfälle, die nicht unbedingt, sondern erst nach Rückfrage, Besprechung mit den juristischen und volkswirtschaftlichen Instanzen erledigt werden können. Um jedes Risiko einer späteren Regreßpflicht zu vermeiden, muß bei Ablehnung eines Ersuchens naturgemäß mit der allergrößten Vorsicht vorgegairgen werden. Ent- scheidend, ob einem Antrag stattgegeben oder ob er abgelehnt wird, ist die zuständige örtliche Polizeibehörde, der Handelskammer ob- liegt die Prüfung und Befürwortung der vorgelegten Unterlagen für die paßgebührenfreie Auslandsreise eines Geschäftsreisenden. Die Ausführung eines Auslandsauftrages, sei dies in Form einer Werkarbeit, oder einer Sachlieferung, wird auf Grund der dazu not- wendigen Unterlagen auch durch die zuständige Polizeibehörde allein als gebührenfrei bestätigt: es muß in einem solchen Falle allerdings völlige Klarheit über die Notwendigkeit der Auftragsausführung herrschen. Die Gittfotuker im Zoo. Die Konzerte des Berliner Sinfonie-Vrchcsters unter seinem Leiter Dr. T h i e r f e l d e r im Zoologischen Garten erfreuen sich bei gutem Wetter großer Beliebtheit. Da ist im weitesten Umkreis des Musikpavillons aber auch nicht ein Plätzchen unbesetzt, sei es im Restaurant, auf Gartenbänken oder Stühlen, und die Pro- menade der Auf- und Abwandelnden»eist cbeirfalls eine große Publikumsmenge auf. Sehr schön und stimmungsvoll klang Gold- marks„Ländliche Phantasie", von dem gut disponierten Orchester prachtvoll wiedergegeben: das diesmalige Programm bot in der Folge durchweg bekannte, populäre Komponisten. Dos Intermezzo aus„Cavolleria rusticana", Wagners Lohengrin-Ouvertüre und „Meistersinger". Als Solistin des Abends wirft« die Spielerin eines selten gehörten Instrumente«, die Eymbalvirtuosin Elise Patau, mit. Der Charakteristik des Instrumentes entsprechend, di« hauptsächlich in der ungarischen Musik Verwendnng findet, spielt« die Künstlerin mit Verve und guter Technik die 3. Rhapsodie von Liszt: sie mußte infolge starben Beifalls ein Dakapo geben. Frau Patay ist zur Zeit die einzige Eymbalkünstlerin, die solistisch tätig ist. Der 7Zjährigc Franz Tlclle. Romintcner Straße 47, v. lll, und seine Ehefrau Emilie geborene Grußer, begehen morgen ihre Goldene Hochzeit. Beide sind alte„Varwärts"-Lcscr. Leider drückt die Not der Zeit die alten, noch rüstigen Leute schwer. Allgemeine Wetterlage. 2*JuUJ93�abds. � © wolkenlos, O heirtr.CItalbhedocki ®wolkg,#bedecH*Regen/,Grai/p«ln SehnotSNebol�Gerättw�Wirfito In ganz Deutschland herrschte am Freitag trockenes, heiteres und meist sehr warmes Wetter. In West- und Mitteldeutschland stiegen die Temperaturen stellenweise auf 30 Grad Celsius und selbst in Ost- preuhen, wo es am kühlsten war, auf 25 Grad Celsius.— Das westliche Tiefdruckgebiet breitet sich jetzt unter kräftigem Druckfall über West-, Mittel- und Südeuropa langsam nach dem Kontinent aus, während sich das europäische Hoch langsam weiter nach Nord- osten zurückzieht. Da jedoch zunächst der Transport warmer und trockener Lustmassen nach unserem Gebiet anHallen wird, so dürfte am Sonnabend noch keine Wetteränderung eintreten. Für Sonntag ist jedoch eine Verschlechterung des Wetters nicht unwahrscheinlich. wctlerausjichlcn für Berlin. Weitechin sehr warn, lokal- Ge- wittcr nicht ausgeschlossen.— Für Deutschland. In der westlichen Hälfte Deutschlands vielfach lokale Gewitter, im übrigen Reiche Fort- daucr des trockenen, heiteren und warmen Wetters. Sport. Trabrennen zu INariendors am 24. Füll Prei« Bon St. Blalie»: 1. Theodora Eudozia(I. Mill«): 2. Cvklon: S. Nestor: 4. Ovation. Toto: 33:10. Pin*; 14, J4, 25, 12:10. Ferner liefen: o. üh-iiui., a�oaupu. äuio. uo-iv.-4.-«>->" Komtesle Isabel, Ingara, Ursula, Adelhelm, Erich L., ncuerlilic, nabula, Tyewuschka, Bristol, Fata Morgana. Preis von Titisee: 1. Scrz-ANerliebste(Jauß jr.): 2. Erv§: 3. AgneS K. Toto: 33:10. Platz: 25, 13, 10:10. Ferner liefen: Dolmetscher(o. W.), Her ma ii AlmcrS, Natantia, Saar Maid, Hckla, Prolog, Blanker Hans, Coeur Bube. Preis von Iffezheim: 1. Landiunker tKruithoff jr.h 2. Schautwalebo: tz. ASmodi Toto: 25:10. Platz: 12, 13, 15:10. Ferner liefen: Palmett«, ßfornzieher, Pergamotte, Adresse, Ziatur. Katyre,_______ parteinachnchten tinseodunge» für diese SakrU find »,rli» SB«.»indenstraße Z. fürGroß-Berlin stet» an ba««ejirtefefretartai 2. Hof. 2 Treppen recht», zu richten Beginn aller Veranstaltungen Uhr. sofern keine besondere Zeitangabe! Heute. Sonnabend. 25. Juli: IS. Ätei». Da, Sieichsbanner Schwarz. Rot �Kolb Weißenfee veranstaltet beute in den Terrassen Orantesec einen Äonzertobend. Beteiligung aller Partei- genossinnen und-genossen wird erwartet. 127.«dt. Die Abrechnung der Eintrittolarten zum Konzert muh heute erfolgen. Frauenveranstaltung. S. Abt. Karten für die Dampferfahrt am 4. August nach Fiegenhal, find vom Genossen Schmidt, Rothenowcr Str. Z7, Sonntag, in der Zeit von 10 die IZ Uhr, abzuholen. Bezirksausschuß für Arbeiterwohlfahrt. «. Krei». Dienstag, 28. mmclsburg, Berlin. Licht lottenburg, 15 Uhr, Bahnsteig.(Säfte willkommen. Juli, ICli Uhr, Besichtigung de» Waisenhauses Rummclsburg, Berlin-Lichtenberg, Hauptstr. 7. Treffpunkt Bahnhof Char. ! Sterbetafel der Groß- Berliner Partei- Organisation � M. Abt. Unser alter treuer Genosse August Scholz ist verstorben. Ehre seinem Andenken. Einästchcrung heute. Sonnabend. 15'4 Uhr, Krematorium Baunischulenweg. Um rege Betetligung wird gebeten. 102. Abt. Am Montag, dem 20. Juli, verstarb unerwartet und schnell der Genosse Carl Ehrhard, Baumschulenstraße. Trouerfeier heute, Sonnabend, 17 th Uhr, Krematorium Baumschulenweg, Wir werden dem Genossen ein ehrendes Andenken bewahren, i Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Berlin awsevdnngen sie diese lltndrst ntr< Btrfln SM M, Tlnbaitlratt 3 i da» JaatrMtfretarl« Heule. Sonnabend. 25. Juli: Treffpunkke zu den Fahrten der Abteilungen: Reukölln l nad V; 20 Uhr Reute rplotz.— Renkölln VN: 18 Uhr Bahnhof Kaiser-Friodrich-Strasse.— Neukölln VIIl! 10 Uhr Weichsel. Ecke Kaiscr-Fried- rich-Strahe. Weebebeziri Wedding sssrankfurtfohrer). 10',, Uhr Sprechchorprobe für Frankfurt in der Barackcnschule Secstrahc, Arnrwalder Platz l: 21) Uhr wichtig« Funktionärversammlung beim Genossen Freitag, Gretsswoldcr Str. Z0. Werhebezirt Neukölln: Arbeitsfahrt des Werbeousschusses nach Zossen. Treff- Punkt 18 Uhr Bahichof Neukölln. Werbebezirl Tiergarten: Wochencndkursus in Rüdersdorf:„Sozialismus im Alltag." Leiter: Feld. Hannemann. Treffpunkte 17 und 20 Uhr Bahnhof Belle»»«. Werbcbezirk Reinickendorf, Werbebczirkstreffahrt nach Bernau. Trcffeu Eonnadsnd, 20?» Uhr, Bahnhof Bernau. Sonntag, 7 Uhr, Bahnhof Gesund' brunnc». i Blorgen, Sonntag, 26. Juli- Treffpunkte zu den Fahrten der Abteilungen: Neukölln III: 7 Uhr Bahnhof Neukölln.— Hallesche, Tor: B Uhr Rote Ccka Vortrage, Vereine undVersammlungen. « Reichsbanner..Schwarz-Rol-Gold". Seschäktsstell»: Berlin S. 14, Sedastianstr S7— Z8, Höf Z. Tr Eauvarstond. Eisenbahner, die gewillt sind, zur Bundesversossungs. seier nach Koblenz am 8, und 0. August zu fahren, melden sich schristllch oder telcphonisch sofort im Gaubilro.— Montag. 27. August. Fried- richahain sIungdanner), 20 Uhr Pflichthcimabend im bekanntcn Jugendheim. Referent: Brendel._.■•. Arbeiter Somariter-Bund e. v.. Kolonne Berlin. Seschöstsstelle: R. 24, Gr. Kamburger Str. 20. Tel.: VI Norden 3340. Armbinde 3Ir. 1058 ist verloren gegangen, und wird diese hiermit __ für ungültig erklärt. Finder werden gebeten, gegen Crstotwng des Fahrgeldes die Armbinde nach oben angegebener Adresse ZU ilbcrmittvl». Arbciter.Steuagraphen.Prrband, Ortsgruppe Berlin. Fortschrittskurse m Reichskurzsthrist: Norden, Gemcindeschulc Schulstr. 00, Montag. 10'»> bis 21>-> Uhr, 40 bis 80 Silben.— Neukölln, Karl, Marx. Schule, Kaiscr.Friedrsch. Stratz« 200—210. Dienstag. 10'h hl» 21>4 Uhr, 40 bis«0 und BO bis 80 Silben. — Norden, Semeindeschule Schulstr. 00, Dienstag. ISde bis 21Zs Uhr, 60 bis 80 Silben.— Nordosten, Gemeindeschule Senkfelder str, 8. Dienstag, 20 bis 22 Uhr, 80 bis 120 Silben.— Neukölln, Korl-Marr-Schule, Kaiser.Friedvich, Straße 200—240. Donnerstag, 10>,h bis 21 V4 Uhr, Debattcuschriftkurfu», ISO bis 2D0 Silben,— Norden, Jugendheim Willdcnowstraße 5, Zimmer 4. Donnerslag, 10>,H bis 2l'. Uhr, Anföngerkursus der Dcoattcnschrift, 110 bis ISO Silben,— Nordosten,' Gemein de schule Senefelderstr. B. Donnerstag. 10'b bis Ali Uhr, 00 bis 80 Silben.— Osten. Gcmeindcschule Litauer Str. 18. Don- nerstag, 19'i> bis AZ» Uhr, 60 bis 80 Silben.— Neukölln, Karl-Marx-Schule, Kaiser, Friedrich.Etr. 200-210. Freitag. 10Za bis A'ch Uhr, 80 bis 130 Silben. — Anföngerturse in Reichskurz'chrift finden Ansang Septemlier siait. Anfragen sind zu richten an den I. Borsttzenden Aetur Theiscn, Berlin-Tegel, Brunow- straßc 47. l.' sagt öer 35är? MM Ein Meister sch uss isl nicht Jedem vergönnt, und nur wenigen gelingt es, ins Schwarze zu ireffen. Leichter hat es der Raucher, denn er trifft immer richtig, wenn er aufs Korn nimmt JlosettiJiun* Berlins meisigerauebie Cigareiie ohne Mundstück Am Kom'gsiee. Ein Blick auf die Landkarte zeigt: Der Königssce liegt in der äußersten Siidosteckc des Reiches. Die sonst fast grad- linig verlausende Südgrenze Bayerns weitet sich hier nochmals süd- wärts, um den See in ihren Bereich einzuziehen. Diese weit aus- holende Schlinge hat mehr als grenzpolitische Bedeutung. Sie rettet diesseits der deutschen Grenzen ein Stück Gcbirgswelt, das durch den grandiosen Zusamnienklang von Höhe und Tiefe, wie er sich kein zweites Mal auf deutschem Boden findet, das Gepräge des feierlich Erhabenen trägt. Nichts deutet zunächst auf die Nähe so großartiger Landschafts- szenerien, wenn man sich von München her mit der Bahn nähert. Das Saalachtal, in das der blitzschnell dahinbrausende elektrische Münchcner Zug kurz vor der österreichischen Grenze südwärts ein- schwenkt, ist zuerst noch geräumig und eben. Bei Rcichenhall wird's jedoch schon„alpin". Dann geht es weiter hinauf in das liebliche Tal von Berchtesgaden, über das die mächtigen Gebirgsstöcke des Watzmann, des Untersberges und der Göllgruppe zinnenhast hin- wcgragen. Im engeren Umkreis ist Berchtesgaden noch von sanften Mittelgebirgshöhcn umgrünt, im ganzen ein Bild freundlicher Schönheit, ein großer Garten(daher auch„Berchtesgaden" von Berchtas Garten!), der nichts von der Welt wilder Großartigkeit ahnen läßt, zu der es der geographische Vorraum ist. Die Haupt- bahn endet hier. Man wechselt hinüber in eine schmucke Klein- bahn, natürlich ebenfalls elektrisch und flink, fast wie ihre große Schwester. Sie führt weiter zum Königssee. Erst muß das Boot, Ruder- oder Motorboot, die Bergkulisscn umfahren haben, die rechts- und links sich in die Bucht vorschieben, erst muß die Felsmaucr des Falkenstein passiert sein, an dem ein Kreuz noch an die Wildheit dieses Wassers erinnert: Bor fast zwei- hundert Iahren zerschmetterte der Sturm an diesem Fels ein Wall- fohrerschiff. Und erst wenn diese letzte Kulisse gewichen ist. liegt die Szene dieses Felstheaters in seiner ganzen Weite und Größe da. Senkrecht stürzt das Felsgebirge in den Abgrund der Wasser hinab. Zweitausend Meter hohe Wände prallen auf den Seespiegel nieder. Ueber dem dunklen Wassertal leuchten der Felswall des Steinernen Meeres auf und die bizarre Burg der schncegckrönten Watzmann- Gruppe. Und damit dieser Szenerie wuchtiger Größe auch die gra- ziöse Leichtigkeit nicht fehle, tanzen aus Riesenhöhe weiße Wasser- schleier in anmutigen Kaskaden auf die dunkle Fläche nieder. Alles Idyllische scheint ausgeschlossen aus diesem Bezirk er- habener Feierlichkeit. Der Mensch Hot hier keine dauernde Stätte. Kein Fuß breit Fläche bleibt zur Siedlung, rechnet man die Land- zunge von B a r t h o l o m ä ab, die nicht anderes ist als eine Schutthalde, auf der der Watzmann sein Geröll ablagert. Und auch hier steht nur ein Forst- und Gasthaus und eine einsame Wallfahrt?- kapelle. Aber die paar Häuschen von Bartholomä sind zu winzig, um in der mächtigen Fels- und Wasicrszenerie aufsallen zu können. Und diese unangetastete Natur, diese gigantische Arena von Wasser und Fels, in der die Menschen unten wie auf Nußschalen treiben, ist der stärkkstc Eindruck, den eine deutsche Alpcnlandschaft bieten kann. Auch heute noch ist jede Fahrt auf dem See eine zur An- dacht stimmende Wallfahrt. Die Stille über dem See ist so feierlich, daß man es als fröhliches Spiel wohltuend empfindet, wenn mitten auf dem See der Führer des Bootes mit einem Trompetensignal und einem Pistolenschuß das vielfache Echo der Bergwände hervor- zaubert. Vor Jahrtausenden ist am südlichen Ende eine Bergflanke ein- gebrochen und hat den See in zwei Teile gespalten, eine Landbrücke legend zwischen die beiden Felsufer der Kauncrwand und Sagereck- wand. An dieser Landenge, heute Salet-Alm genannt, legen die Boote an. Zehn Minuten etwa braucht man, um den grünen Damm zu überqueren. Nur e i n Haus steht hier, ein Jagdhaus des Herzogs von Meiningen. Zwischen abgesprengten, längst über- grünten Felsblöcken geht's zu dem abgeschnittenen See-Ende, zum O b e r s e e. Ein kleineres Gegenstück zum Königssee, mit ebenso steilen, wuchtigen Felsuscrn. weniger eindrucksvoll vielleicht, weil zum Maß der Höhe die adäquate Fläche fehlt, do chdesto überwältigender durch die Stille der Einsamkeit. Hier fährt kein Kahn mehr, keine Spur menschlichen Doseins regt sich in diesem felsbc- grenzten, weltverlorenen Winkel. Badekur und Bankfeiertage. Der schlesischc Bädervcrband teilt uns mit: Durch die Maßnahmen der Reichsregierung auf dem Geldmarkte sind viel« Kurgäste in eine unangenehme Situation geraten.— Auch diejenigen, die eine Bodekur antreten wollen, sehen sich bei der Be- schaffung der Geldmittel für die Reise Schwierigkeiten gegenüber, die aber nur scheinbar bestehen, da es Möglichkeiten gibt, auch trotz der Verminderung des Geldumlaufes die Badekur anzutreten und durch- zuführen. Die Kurgäste können sich in der Weise helfen, daß sie sich von ihren Bankkonten oder der Sparkasse auf das Konto einer Bank oder Sparkasse im Badeorte die notwendigen Geldmittel über- weisen lassen(bis zu 10 000 Mark zulässig).— Das Konto einer solchen Bank ist von jeder Badeverwaltung zu er«»hren oder aus den Prospekten zu ersehen.— Der Kurgast kann dann am Badeorte bestätigte Verrechnungsschecks zur Begleichung seiner Rechnungen ausgeben. Ferner kann man sich von der Bank oder der Spartasse, bei der man ein Konto unterhält, einen Reisekreditbrief bis zur Höhe von Z000 Mark ausstellen und sich unter Hinterlegung dieses Kreditbriefes bei einer Bank im Badeorte ein Konto eröffnen lassen. Die Badoverwaltungen sind gern bereit, die Kurgäste zu berate» und sie über entstehende Schwierigkeiten hinwegzubringen, so daß auch bei den gegenwärtigen Verhältnissen jeder Kurgast in den schlesischen Bädern seine Kur in Ruhe durchführen und beenden kann._ Erleichlcrung des Zahlungsverkehrs in Bad kudowa. Trotz der Barzahlunossperre bei den Bonken usw. können Kurgäste ohne jede Zahlungsschwierigkeiten zur Kur kommen. Es genügt die licberweisung eines entsprechenden Betrages an die Stadt- und Kreisbank Glatz, Depositenkasse Kudowa: diese verrechnet die sämt- lichen Kurkosten wie Pension, Kurmittel, Arzthonorar usw. bargeld- los mit den entsprechenden Stellen. kleinhcubach am Main. Im herrlichen Maintal, da, wo sich die Berge des Spessarts und des Odenwaldes grüßend gegenüberstehen, liegt eingebettet in eine reiche Flur, eingeschlossen von einem Kranz Obstbäume bester Sorten, überragt und beschirmt von den Aus- läufern des Odenwaldes und mit ihren prächtigen Buchen- und Nadelholzbeständen, die Marktgemcinde Kleinhcubach am Main. Bereits vor 2000 Jahren war die Gegend schon besiedelt von römischen Legionen, und heute noch kann man die Grundmauern römischer Villen, eines römischen Bades und Brunnens, in nächster Röhe von Kleinheubach bestaunen. Droben auf dem Heinberg (2Z Minuten) liegen neun mächtige Säulen aus riesigen Fclsblöcken gehauen, 1 Meter im Durchmesser und 4 bis 8 Meter lang; sie waren zu einem römischen Tempelbau bestimmt. Die Erhebung der Chatten und Alemanen ließen das Werk jedoch nickst vollenden. Die reizende, abwechslungsreiche Umgebung bietet Spaziergänge in die gesegnete Flur, reine, ozonreiche Luft der dichten Laub- und Nadelwälder Kräftigung der Gesundheit. Billige Kuren in Bad Ems. Bad Ems, das weltberühmt«, dem preußischen Staat gehörende Katarrhebad an der unteren Lohn <15 Kilometer vom Rhein), hat oerbilligte Paufcholkuren eingeführt, die von Heilungsuchenden in wachsendem Maße in Anspruch ge- nommen werden. Diese Lkuren werden bewilligt bei einem Jahres- cinkommcn bis zu 6000 Mark. Der Nachweis über die Höhe des Einkommens ist durch eine amtliche Bescheinigung zu erbringen. Solbad Dürrenberg(Saale) bringt in der zweiten Iulihälfte einige Sondervcranstaltungen heraus. Am 22. Juli steht ein Fest- tag im Zeichen des Kindes: Ein großes Kinderfest mit Umzug, Kaffeetafel, Prcisschießen und anderen Kinderbelustigungen wird durch einen Umzug mit Lampions und Feuerwerk gekrönt. Dieses in jedem Jahr einmal stattfindende Kinderfest bedeutet den Höhe- punkt des Kurlebens der vielen rheumatischen, rachiti- schcn, skrofulösen und bleichsllchtigen Kinder. Der Ausbau des Bades hat weitere Fortschritte gemacht. Das an den Kurpark angeschlossene Gartenland, welches den Parkanlagen ein geschlossenes Bild und den Zugang zur Saalallce schuf, ist durch ge- schickte Gärtnerhand kunstvoll umgestaltet worden. Neue Stadthalle in Bad Blankenburg. Bad Blankenburg, am Eingange des bekannten Schwarzatales, das schon seit langem zu den noch unberührten Naturschutzgebieten Deutschlands zählt, hatte sich im Vorjahre zum Bau einer eigenen Stadthallc entschlossen, der nunmehr vollendet ist. Die Riesenhalle bietet über 2000 Personen Platz und enthält eine große Turnhalle. Die Erbauung der Halle war für den Kurort Bad Blankenburg trotz schwierigster Wirtschasts- läge dringlich geworden, da die Zahl der in den letzten Jahren ab- gehaltenen Kongresse, Sportfeste und Ausstellungen ständig wuchs und es häufig an geeigneten Räumen zur Abhaltung dieser Veran- staltungcn mangelte. Die Holle hat ihren Platz am Ufer der Schwarza, zu Füßen der sagenumwobenen Burgruine Greifenstein. gefunden. Die alte Beste, auf der der Gegenkaiser Karls des Vierten, Günther von Schwarzburg, geboren wurde, ist nach alten Plänen zum Teil wiederhergestellt und repräsentiert die qrößte Burgruine Deutschlands. XUeiiUt. Lidtlspicle usw.| ' 1""ilJilJ1—"' Staatstheater Geschlossen. Abonnements-Einladung für die Spielzeit 1931/32 Größer Preisabbau, wesentliche Verbesserung einzelner Pläfzgruppen durch Vorverlegung, sehr bequeme Zahlungsbedingungen. AnraeldnngeB nehmen in der Zeit von 10 bis 2 Uhr entgegen: fDr die MaalMDer und das Stanllldie Sdianspleihans: Abonnem.-Büro Oberwallstr.22, Fernsprecher; Merkur 9024, für das SlaalL SttUiertheaier: Abonnem.-Büro; Charlottcnbg., OrolmanstraBe 70, Fernsprecher: Steinplatz 6715. T Tigl. 'S Bin) P'ÄU. H. u. H. WILLIAMS LEE GAIL- EHSEMBU IVhirlBliuk dsv, plAza Tigl. 5 u. Sis Stg. 2, 5 u.«U I.EHÄR- OPCRETTS Du Land da* Lächelns Mie erMMen Preis« SÄVcfiÖNVIOlZ 'V» � \— *7. 57, 68 119 �oeerkpuhn-Rd'inicHerdl Reichshallen-Theater „Alles verrückt!" Sfettiner Sänger Anfang| 8 1 Uhr HOPPEGARTEN Basedow.Rennen 372 Ulir WOCHENENDE Win fei- * Qcirrerv c 8.15 Bhr Fion 3431 üiudun erlmbt Balleil Edaardowa, 10 Brox, 4 Ricfajß, Mary-Erik-Paul osw. Somibnd ed Souti| st 2 4 und 815 Uhr. 4 Uhr kleine I Dtfltsdies TäEBttr 8 Uhr Der Haoptmann von Röpenidt /. Carl Zuckmayet Rqir. Btiiz Bilpirt Die Komödie Täglich 8'/s Uhr Dienst am Kunden im lml Bon nid Mn Hausen Regie: Hans Deppe RoriQrstenOamin- Theater Bismarck 448/49 Die schöne Helena n» iKqms onnbaffl iiooi«: Mm Bouaami metropol-iheater Täglich S'ä Uhr Die Toni aus Wien Mady Christians, Michael Bohnen LUMÄ Heule iKinder-Flugtagj Bnlass 2 Uhr Kinder 20 Pfg. 3—4 Uhr: Alle Attraktionen frei 4—5 Uhr i Ballon- Preis Tanzen 6—7 Uhr: FlygvorfGhrungen 7—8 Uhr: Kinder-Tanz im Freion Ab 9 Uhr: Zeppelin- Fackelzug ZEPPELIN- FEUERWERK{ Vari4t4, Fliegende Menschen W- M stunllMeta s« lonfMre D m i t r i j Tschetwerikov Die Mlon Dn JnpftwfiatWI Roma« Aus dem Russischen übersetzt vo« Jliaa Stein 245 Seilen/ Ganzleinen Jn bem Roman wird lebrnswahr da« Millen der Sowjet- Angestellten und-Funktionäre geschildert. JniMlttelpnnkt der.Handlung steht die„Rebellivn" de« Ingenieur« Karin«?!, der die Frau eine« Kol- legen lieb gewinnt, einen Sturm verschiedenster Angriffe Über sich ergehen laffen muß und schließlid, nach Beilegung aller eatstandenea lkonstckte in einer neuen Ehe landet. Preis 4L SO Mark (Für Mitglieder Sonderpreis!) verlsgoerWArttM s.m.b.g. Verlin Stv. Si* velle-TMlanre-platz 7 Erholung winkt in Thüringens Bergen! Besuchen Sie das sonnige Schwarzatal u. die größte Burgruine Deutschlands BlanKenDurg rult! Schwimmbad, Kur-Konzerte. Reuntons (strfestekte duVtst die FCbr- «eHvalltistg)'"c Berlin spricht ROSE THEATER Wodhentags 8» Uhr Soimiagt 5 46 n. 9 Uhr „Madame hat Ausgang" mit Traute Roer, Armin Schweizer, Arno, FiBchar.BIging.Harden, Wächter, Dahlke, Freund, HofTmann, Rosen, Wilde. Pralao: 0.80— 3 M Besucht das einzigre Sommer- Theater Berlins! Du W.ltaUdt-Vari.M- Proframm mit Lotto Workmolotor und Carl Braun. 8.15: Singepiel „Unter d. blühenden Linde" m. 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Die Trauerfeier findet am Sonnabend, dem 25.|uli d. J.. um IS'o Uhr, im Krematorium Baumschulenweg statt Proapekta koatentca! Silzcndorts— _ 10 Min v Schwarzburg Freundliche Lage, von nadelwaldrcichen Bergen umgeben, Bahn- und Poststation, Arzt Preiswerte und gute Ver- - pflegung in Gasthäusern und Privat.- Prospekt durch den Verkehrs verein LnÜlrarort Gfisleblese !91ntmotl). Wunder. volle Lage an Wald imd Odtr. Angel- u. Zadrgtlrarnhrit. ®rojjcc tjarten mit ichönet Aussicht.»Itl- trifchem Licht, Warmbad int»ouff.,«rfte trichl.Btivfl. mtgtm- mrt'-l.--- HDstvd Pension Deatsdies Haas, Sctepb. Nr.«, Abbenrode (Tkordharz) am herrlichtn Hat*- waldt oeltgrn. Bellt ■JSecl'fltflung. Süfll. 4 9Dlf. Gr. Garten, Lltgewitst, Litgt- itühlt.Autootrdindg. Badraultalt. Privat- htim„Glfricbc". ffttndien! Empl. pa. Zimmer, a.Bhf.Beupr.2J0M. in. Frühst. Anmeld. erw Frau Sterl, Sehlllerstr. 31, 3 Treppen. 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Wer irgendwie als links eingestellt verdächtig oder bekannt ist, wird von diesen Rowdys angerempelt, mißhandelt und bei Gegenwehr niedergeschlagen. Die blaue Polizei, die dem Nazi-Vürgcrmeister Untertan ist, verhält sich völlig passiv. In der Nacht zum Donnerstag war die allgemeine Unsicherheit in den Straßen Koburgs derart, daß die sozialdemokratische O r t- l« i t u n g den als Stadtkommissar eingesetzten Bezirksamts. Vorsteher um den Einsatz der grünen Polizei ersuchte. Da der Swdtkommissar sich von den boltanischen Zuständen in seiner Stadt überzeugt hatte, beauftragte er ein Streifenkommando der Landes- polizei, vor dem die braunen W«g«!lagerer Reißaus nahmen, die Straßen zu säubern. Der bayerische Innenminister hat versprochen, den wüsten Terror der Nazis mit allen Mitteln zu brechen. Hochbetrieb bei Schweizer Banken. Nervosität der Kapitalflvchtlinge. Basel, 24. Juli.(Eigenbericht.) In der S ch w e iz herrscht bei den meisten Banken in den letzten Tagen Hochbetrieb. Vielen Kapitalflüchtigen aus Deutschland scheint die Notverordnung gegen die Kapitalflucht doch in die Glieder gefahren zu sein. Jedenfalls haben zahlreiche deutsche Konteninhaber ihre Guthaben bei Schweizer Banken gekündigt. Auch sind auf viele Konten Schecks in Höhe der Guthaben gezogen worden, die offenbar der Reichsbank angeboten werden sollen. Auch die starke Nachfrage nach Morknoten, der bereits am Donnerstag den Markturs auf 122 hinaufgetrieben hatte, hielt am Freitag an. Das Llrteil im Kehmarn-Prozeß. Keine ausreichende Sühne für die brutalen Ausschreitungen. Siel, 24. Juli.(Eigenbericht.) In dem Naziprozeß in Burg auf Fehmarn, in dessen Verlauf die Ueberfälle in Lemkenhafen während der Pfingstseiertage behandelt wurden, erhielt der Naziführer von Fehmarn fünf Monate Gefängnis. Di« übrigen drei Angeklagten wurden zu Geld st rasen von insgesamt 720 Mark verurteilt. Für die Verhandlung waren 41 Zeugen geladen. Die Brutalität der Nationalsozialisten steht fest. Man hat an der Straße stehende Leute niedergeschlagen, man ist unter Beschädigung von Türen und Fenstern gewaltsam in Häuser ein- gedrungen, hat die Wohnungen durchsucht und die Bewohner herausgezerrt, geprügelt, gestochen und dann„Schuldige" dem Nazi- führer Böhmcker— dem Verteidiger der Nazis in diesem Prozeß— porjesuhrt. der sie schließlich mit großer Gest« entließ. Die Zeugen-. aussagen belasteten die Nazi» sehr schwer.'''An Pause' der Verhaftd- lung ergab sich auch die dringende Notwendigkeit«inet Lokaltermin». In Lemkenhafen schilderten die Bewohner die einzelnen Vorgänge, qu» denen man entnehmen muß. daß die Nationalsozialisten von einer geradezu fanatischen Zerstörung»- und Prügel- wut befallen waren. Es steht nach der Lokalaufnahm« unzweifel- Haft fest, daß die Nazis wie die Wilden gehaust haben. Der Staatsanwalt bezeichnete die Ausschreitungen der Natio- nalsozialisten in seiner Anklage als ein ganz gemeines und brutales Vorgehen. Die Strafanträge lauteten gegen die vier Angeklagten auf insgesamt 16 Monat« Gefängnis. Der Verteidiger Böhmcker bemühte sich natürlich, seine Leute rein- zuwaschen, allerdings mit recht zweifelhaftem Erfolg. Die Taktik der Angeklagten wie des Verteidigers ging im wesentlichen dahin, sich durch Belastung des großen Unbekannten z u e n t l a st e n. Do» Gericht war noch den Ausführungen des Vorsitzenden davon überzeugt, daß die Strafen keine ausreichende Sühne für die außerordentlich schweren Ausschreitungen darstellen, sah sich aber angesichts der Zeugenaussagen außerstande, zu härteren Strafen zu kommen. Artillerie schießt in Sevilla. Havptqvaftier der Syndikalisten zerstört. Sevilla. 24. Juli.(Eigenbericht.) In Sevilla wurde in der Rächt zum Freitag aus Anordnung des Mililärbesehlshaber» der hauptsih der hiesigen Syndi- k allsten, ein bekanntes Restaurant, nach vorheriger Warnung durch 22 Artilleriegeschosse völlig zerstört. Menschen kamen nicht zu Tode, da die Syndikalisten das Lokal vor dem Bombarde- ment geräumt hallen. Nachts um 2 Uhr kam es wieder zu Schießereien. Ein Haupt. mann der Zivilgarde und ein Arbeiter wurden getötet. Alle Führer der Syndikalisten sind inzwischen aus der Festung Cadis in l eruiert worden. Vier Verbannte entflohen. Im Segelboot auf stürmischem Vtittelmeer. Rom. 24. Juli. von der italienischen Verbannungsinsel Lampedvsa im Mittelweer sind vier politische Verbannte entslohen. Ein fünfter wurde au der»üste gesange». Er gab zu. mit einem Leiden,- genoffeu da« Gitter seines Schlafraum«, durchsägt zu haben und aus- gebrochen zu sein. Die vier Verbannten konnten sich eine» Fischer- boote» bemächtigen und find damit trotz stürmischer See in« Mittel- meer hinausgefahren, um ein« austSndische«üste zu erreichen. Abbö. Wetterle ist 71 jährig bei Lausann« gestorben. Er war elsässischer Neichstagsabgeordneter in der Vorkriegszeit und machlä schon damals aus seiner französischen Gesinnung kein Hehl. Bei Knegsrnisbnich begab er sich nach Frankreich und wirkte dort für den Sieg der Entente. Nach dem Krieg« war er zunächst Abgeord- neter der französischen Kammer, später bereitet« er als Mitglied der sronzösisch-n Botschaft in Rom die Wiederaufnahme der Beziehun- gen Frankreich« zum Vatikan vor. vi« rumänische Potizet hat in den letzten Tagen zahlreiche be- kannte Kammunisten, darunter auch Abgeordnet«, verhaftet. In Bukarest find bisher aklein tS führend« Kommnnisten festgenommen worden. Wie aus einem fchwarz-weiß-roten Volksentscheid... ... im Handumdrehen ein„roter" wird! Krauenkampf gegen Faschismus. Die Internationale Zrauenkonferenz. Wien, 24. Juli.(Eigenbericht.) Am Donnerstag begann im Wiener Konzerthaussaal die IV. Internationale Frauenkonferenz. Anwesend sind etwa 30» Delegierte aus 27 Ländern. Die Delegierten wurden zunächst von Adelheid Popp- Wien begrüßt. Den Zweck der Konferenz umschreibt sie wie folgt: „Unsere Frauenkonferenz wird Kampfmittel suchen, um die An- griffe abzuwehren, die in manchen Ländern die Rechte der Frauen bedrohen. Die Frauenorganisation unserer Arbeiterinnen» internationale ist in ständigem Aufblühen. In Marseilles 1925 ge- hörten 739 671 Frauen den in der Sozialistischen International« vereinigten Parteien an, Ende 1930 waren es 1 282 588. Unser ist die Zukunft, wenn wir wie bisher mutig und entschlossen weiter- kämpfen. Unser Ziel muß sein, noch mehr Einfluß zu ge- Winnen als bisher, überall wo wir können, auf die Gestaltung de« Mutterschutzes und die Verbesserung der Lage der Arbeiterinnen hinzuwirken. Ich heiße Sie, die Sie aus allen Richtungen der Erde gekommen find, um im gleichen Sinne für ein gleiches Ziel zu wirken, herzlich willkommen.(Lebhafter, anhaltender Beifall.) Im Namen der österreichischen Sozialdemokratie und der Stadt Wien spricht dann■Bürgermeister-G« sitz Begrüßungsworte:„Do, alte Oesterreich, reaktionär und klerikal, konnte den Gedanken nicht fassen, daß die Frau im öffentlichen Leben teilnehmen könne, daß die Frau irgendeinen anderen Beruf haben könne, als den, wie man so schön sagte, der Mutter und der Gattin. Einer unserer Gegner hat uns damals ganz offen gesogt: es ist ein sonder- bares Verhältnis, wir wissen, daß wir mit dem Frauenwahlrecht siegen würden, wir wollen es aber nicht au« unseren Grundsätzen, und ihr wißt, daß ihr mit dem Frauenwahlrecht unter- liegen werdet, und ihr tut es trotzdem. Ich habe ihm darauf ge- antwortet: Ja, wir wollen es, und wenn wir ein« völlig« Nieder- läge erleiden. Wir wollen es nicht nur au» unseren Grundsätzen, sondern weil wir wissen, daß der Sozialismus entweder niemals siegen wird, oder siegen wird, mit Hilfe der Frauen. Wir haben das neue Wien ausgebaut, die einzig« Millionenstadt, die von Sozialisten verwaltet wird. Wir sind uns der Beschrän- kungen dieser Verwaltung und der engen Lebensbedingungen, die uns. gezogen sind, wohl bewußt. Wir wissen, daß wir mitten i m kapitalistischen Staat und mitten in der kapitalistischen Wirtschaft leben, und daß wir daher nicht sozialistisch ver- walten können. Aber in jeder Verwaltung kommt es schließlich auf den Geist an, der sie trägt, und dieser Geist der Verwaltung Wiens ist ein sozialistischer Geist. Möge die Frauenorganisation sich so gestalten, daß wir in absehbarer Zeit eine Spezialorganisation der Frauen nicht notwendig haben, weil wir olle. Frau und Mann, dienen als ein Herz und eine Seele dem großen Gedanken des Sozialismus."(Lebhafter Beifall.) Im Namen der Arbeiterinternationale begrüßt« deBrouckere- Belgien den Kongreß:„Seit Marseille ist e» den sozialistischen Frauen geglückt, ihre Zahl fast zu verdoppeln, und wir sehen hier in Wien, was ein« Frauenorganisation leisten kann. Aber auch in anderen Ländern gebt e» vorwärts. Groß ist die Zahl der sozialistischen Frauen in allen Ländern, größer sind die Erfolge, die sie errungen haben. Wir durchleben jetzt bewegte Stunden. Seit einigen Wochen schwanken wir zwischen Hoffnung und Verzweiflung, wissen wir nicht, was das Morgen bringen wird, wissen wir nicht, ob wir nicht vor neuen Katastrophen stehen. Die Verantwortlichen beginnen zu fühlen, wie gefährlich die Situation ist. Niemand sieht noch klar. Aber eines zeigt sich immer d-ut- licher: was die ganze Welt, was die menschliche Gesellschaft braucht, das ist mehr Zusammenhalt, mehr Liebe, mehr Fomiliengeist. Die Frauen hoben die Aufgabe, diesen Geist der Warme und der Lieb« in stärkerem Maße in die Politik zu bringen.(Lebhafter Beifall.) Der Kongreß tritt nunmehr in die Tagesordnung ein. Tom Sender-Berlin spricht über das Thema:»Die Wirkung der politischen Reaktion auf die Freiheit der Frau": „Noch nie war der Glaube an die herrschende Ord- nung so stark erschüttert wie in unserer Zeit. Wir erleben«ine rasche Proletarisierung des Mittelstandes. Da der materielle Existenz- boden dieser Schichten ins Wonken geriet, wurden sie auch in ihrem ideellen Sein erschüttert. Wohl sind sie sich der Tatsache ihrer Proletarisierung bewußt geworden, ober sie wehren sich da- gegen, völlig ins Proletariat zu versinken. Jedoch an die alten bürgerlichen Parteien glauben sie nicht mehr. Werden fie nun, so müssen wir uns ftagen. die bisher die festesten Stützen der bürgerlichen Gesellschaft waren, zur Ann« de» Prvle- tariats übergehen? In diesem psychologischen Augenblick begann eine neue Bewegung, die es verstand, erfolgreich an das Resfanti- ment der Mittelschichten zu appellieren. Es entstand die national- sozialistische, die faschistische Bewegung. In allen Ländern bietet die faschistische Diktatur ein Bild menschlicher Entartung. Wir aber dürfen uns nicht damit begnügen, mit unserer ganzen Kraft gegen solche Barbarei zu protestieren, sondern wir haben auch zu untersuchen, welches die Ursachen dieser Bewegung sind. Und da müssen wir feststellen, daß der Faschismus seine Kraft nicht einer Idee verdankt, sondern derAngstderherrschenden Klasse vor dem stürmischen Vormarsch der sozialistischen Arbeiter- bewegung und der Auflösung der bisherigen sozialen Schichten der Gesellschaft durch den raschen Gang der Industrialisierung. Es muß ober dazu noch festgestellt werden, daß der Faschismus einen beson- der» günstigen Boden findet in den Ländern junger Demo- t r a t i e, oder in den Staaten, in denen die Demokratie durch die starken Parteien fest verankert ist. Der Faschismus bedeutet nicht -nur Bergewalttgung olle? arbeitenden Menschen, sondern auch Eni- rechtung der Frauen. Verrohung und Verflachung der Jugend. Schließlich ober zwingt noch ein Gründ die sozialistischen Frauen zu höchster Aktivität: die mit dem Faschismus stet» per- bundene Kriegsgefahr. Man vergesse nicht die Wirkung einer militärischen Erziehung und des militärischen Aufbau» der faschisti- schen Parteien. Die Anhänger werden zum Mythos der Größe und Unfehlbarkeit des Führers erzogen. Die faschistisch« Jugend be- trachtet sich als Eilte d e r N a t i o n und dürstet nach kriegerischen Taten. Und mag man selbst der Auffassung sein, daß auch ein Wil- Helm II. den Krieg nicht direkt gewollt habe, so hat er doch das Wort gesprochen, daß man dos Puloer trocken und da« Schwert ge- schliffen halten müsse. So ist er schließlich der Sklave seiner eigenen Phraseologie geworden und Hot dem Militär entscheidende Gewalt über da» Schicksal des Volke» verliehen. Mit gleichen Gefahren droht der Faschismus. So können wir in Abwandlung«ine» Worte» des großen Sozialisten und Friedenskämpfers Jean Jaures sagen: Der Faschismus ist der Krieg, der Sozialismus wird der Frieds fein.(Lebhafter Beifall.) Toni Sender legte dem Kongreß folgende Entschließung vor: „Der Faschismus bedroht nicht nur die unter dem Einfluß und Wachsen de» internationalen Sozialismus erreichten allgemeinen sozialen und politischen Errungenschaften, sondern er gefährdet auch im besonderen die politischen Rechte der Frau und ihre Unabhängig- teit in Gesellschaft und Beruf. Er peitscht die n a t i o n a l i st i s ch e n Leidenschaften auf, vergiftet die Jugend mit chauvinistischer und ge- waltanbetender Gesinnung, lenkt die Unzufriedenheit mit den inneren Zuständen im saschlstisch regierten Lande ab auf Eroberungsstreben und Atachtvergrößerung nach außen, auf diese Weise zu neuem Kriege vorbereitend. Die in der Sozia- listischen Arbeiterinternationale zusammengeschlossenen Frauen sind sich daher ihrer Pflicht bewußt, im Kampfe gegen Faschis- mus und Reaktion in vorderster Front stehen zu müssen. Sie bekennen sich nach wie vor zu dem alten sozialistischen Grund- sotz, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur durch den gemein- samen Klassenkampf von Mann und Frau erreicht«erden kann. In Ablehnung der Tendenz des Faschismus, der die Menschheit einem neuen Völkermord entgegentreibt, ruft die Sozialdemokratie die Frauen als Spenderinnen und Hüterinnen neuen Leben» auf, sich in die Front des kämpfenden Proletariats gegen Faschismus und Kriegshetze einzureihen." In der Diskussion sprach zunächst Frau Dr. Marion Philipp» �Großbritannien). Sie unterstützte die von Toni Sender«ingebracht« Resolution und gedenkt dann vor ollem der Leiden der Arbeiterschaft in P o l e n und in U n g a r n. Sie sei beauftragt, sowohl im Namen der brittschen Arbeiterpartei wie der britischen Gewerkschaften zu erklären, daß die englischen Sozialisten ein tiefes Mitgefühl für da» geknechtet« ungarisch« Volk und für die verfolgten ungarischen Frauen haben. Man wisse, daß es dort unerhört viel Unglück und unerhört viel Berfolgungen gebe, und daß überall, wo der Faschismus herrsche, dafür gekämpft werden müsse, das System der Gewalt zu brechen. sechs Transportstugzeuge mit insgesamt 882 Werte von 150 635 090 Franken Angetroffen. Artam und Arbeitsdienst. Razipropaganda und Lohndruck auf Gtaaiskosten? Das Reich hat mit Rücksicht auf die Kassenlage alle nicht un- bedingt notwendigen Ausgaben einstweilen zurückgestellt. Neue scharfe Sparmaßnahmen sind zu erwarten. Traurig sieht es aus. Aber wenn es so ist, dann darf man doch wohl er- warten, daß nicht ein Pfennig öffentlicher Gelder für unnütze Spielreisen und noch bedenklichere Dinge vergeudet wird. Die Ge- fahr einer solchen Geldvergeudung liegt im freiwilligen Arbeitsdienst. Da ist zum Beispiel der Bund Artam, der offensichtlich auf dem Umweg über den Arbeitsdienst sein« Be- wegung von Reich und Staat finanzieren lassen möchte. Er fordert, bescheiden wie er ist, insgesamt 150 bis 200 Mark für jeden Artamschüler, und er ist e n t r ü st e t, daß der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung eine Sonder- förderung abgelehnt hat, die übrigens mit den gesetzlichen Vor- schriften unvereinbar wäre. Der Bund„Artam" gibt sich stramm patriotisch, national und „politisch neutral". In der Nähe betrachtet, sieht er jedoch ein bißchen anders aus. So wird uns von einem Beobachter aus Schleswig-fjolstein geschrieben: Auf dem Gute L i n d e n h o f(Strandbad Bredenbecker Teich) bei Hoisbüttel besteht seit Iahren eine Artam-Gruppe. Sie stellt politisch eine SA.-Alannschast der Nazis dar. Bei allen Störungsversuchen sozialdemokratischer Veranstol- tungen in der Umgegend, bei jedem Saalschutz der Nazipartei, hat sich die Gruppe besonders rabiat aufgeführt. Neuerdings ist auf dem Gut Haisbüttel eine weitere Gruppe untergebracht worden. Was macht sie dort? Sie macht landwirtschastliche Arbeiter b r o t- los, die seit Jahrzehnten in der Landwirtschast gearbeitet haben. Auch auf dem Gut Lindenhof sind die Arbeiter durch die Artam- Leute verdrängt worden. Im Strandbad Bredenbecker Teich treten die Artamleute außerdem als ausgesprochene Lohndrücker auf: sie leisten Tiefbauarbeit zu landwirtschaftlichen Löhnen. Ueber-- oll, wo sie in der Londwirtschast auftauchen, verdrängen sie— nicht» wie sie vorgeben, polnische Wanderarbeiter, sondern einheimische, seit Jahrzehnten in der Landarbeit tätige deutsche Landarbeiterfamilien. Der Bund Artam wird auf die Dauer zu einer Gefahr für die Versorgung der Landwirtschast mit geeigneten einheimischen Arbeitskräften. Er vermehrt die Land- flucht. An Stelle von Arbeitskräften, die in der Landwirtschasr Dauerarbeit suchen und an ländliche Wohnsitze gebunden sind, treten politisch mißbrauchte, unfertige jugendliche Abenteurer und hoffnungslose Arbeitslose der Städte, die die Landarbeit fluchtartig verlassen werden, sobald sich eines Tages irgendwo und irgendwie Aussicht auf anderweitiges Aus- leben ihrer Abenteurerlust bietet. Der Bund Artam wird zu einer ernsten Gefahr für die Landarbeiter, wenn er erst einnial mit Hilfe von Reichsgeldern richtig in Schuß kommt. Aus sonatischem Haß gegen die organisierte Arbeiterschaft stellen die Unternehmer trbtz der offenbaren Minderwertig- keit der Artomanen-Arbeit die Nazistreikbrechcr ein und entlasten dafür den Landarbeiter. Die U m s ch u l u n g s k o st e n werden, wie der„Arbeitsdienst" der Artamanen selbst mitteilt, unter Mit- Hilfe besonders interessierter Gutsherren und Arbeitgeberverbändc durchgeführt. Die Arbeitgeberhilfe genügt ihnen natürlich nicht und daher setzen sie jetzt auf den frei- willigen Arbeitsdienst große Hoffnungen. Sie klagen über Ver- knappung der Mittel und hoffen auf Hilfe des Staates, und leider ist die Gefahr, daß von hier aus Mittel fließen werden, nicht von der Hand zu weisen. So hat z. B. die Wohngemeinschaft der freiwilligen Erwerbslosenhilfe Hamburg, die mit Hilfe des Hamburgischen Staates ins Leben gerufen und unterhalten wird, die Zusammenarbeit mit dem Artambund ge- funden, und sie beteiligt den Artamgauführer S a l z e r an der theoretischen Vorschulung und Ausbildung; denselben Gauführer, der für den Geist der Gruppe auf Gut Lindenhof, wo er auch wohnt, verantwortlich und selbst N a z i p r o p a g a n d i st ist. Man sieht, eine genaue Kontrolle der für den Arbeitsdienst und alles, was mit ihm zusammenhängt, zu vergebenden öffent- lichen Mittel ist wirklich notwendig, wenn nicht auf Kosten der Allgemeinheit hinten herum und in allerhand Verkleidungen Söldnerorganisationen der Gegenrevolution mobilisiert werden sollen. * Di« Ausführungsbestimmungen über den Frei- willigen Arbeitsdienst sind nunmehr erlassen. Sie stimmen in den wesentlichen Grundzllgen mit dem Entwurf überein, der be- reits die Oeffentlichkeit beschäftigt hat. Stärker als bisher ist die Freiwilligkeit betont, die den Arbeitsdienst grundlegend von der Arbeitsdienstpflicht unterscheidet, sowie der Gedanke, daß Gegen- stand des Freiwilligen Arbeitsdienstes nur gemeinnützige und zusätzliche Arbeiten sein können, die als solche von der Reichs- anstalt anerkannt sind. Die Anerkennung wird von den Vor- sitzenden der Landesarbeitsämter und zwar im Benehmen mit ihren Verwaltungsausschüssen ausgesprochen. Die besonders wichtigen Bestimmungen über die F i n a n z i e- r u n g besagen: Die Förderung selbst besteht in erster Linie in der Fortzahlungder Unter st ützung für die bisherigen Unter- stützungsempfänger, die im Freiwilligen Arbeitsdienst tätig werden, wobei die Unterstützung auf einen Pauschalbetrag von höchstens 2 Mark wochentäglich festgesetzt werden kann. Die Unterstützung kann während des Dienstes bis zu 20 Wochen gewährt werden, auch wenn dadurch die sonstige Höchstdauer der Unterstützung überschritten wird. Sie kann an den Träger der Arbeit gezahlt werden, wenn gesichert ist, daß dieser sie zugunsten der Arbeitsdicnstwillige.n verwendet, was auch in S a ch l e i st u n g e n geschehen kann. Iu- gendliche, die wegen ihres Alters noch keine Arbeitslosen- oder Krisen- Unterstützung erhalten, können während des Arbeitsdienstes aus besonderen Reichsmitteln eine entsprechende Unterstützung beziehen. Zuschüsse zu den M a t e r i a l k o st e n der Arbeiten sind nicht vorgesehen. Die Borschristen treten am 3. August in Kraft. Sie werden im Rcichsarbeitsblatt(He st 20 vom 25. Juli) veröffentlicht. Bergarbeiter rationalisiert. Oer Abbau der Belegschasten-1930. Dos Jahrbuch 1930 des Verbandes der Berg- ba-uindustriearbeiter Deutschlands gewährt einen inter- estanten Einblick in die Entwicklung des deutschen Bergbaues der letzten Jahre. Während in der deutschen Wirtschaft die schwere Wirt- schaftskrise bereits im Jahre 1928 oder Ansang 1929 begann, setzte der konjunkturelle Abstieg im deutschen Bergbau erst im Jahre 1930 ein. Das Jahr 1929 war für den deutschen Bergbau sogar ein R e- k o r d j a h r, das die höchsten Förderziffern seit dem Kriegsende aufweist. 1930 gab es dann einen plötzlichen Rückschlag. Die Steinkohlen- förderung ging von 1929 auf 1930 um 13 Prozent zurück, die Braun- kohlensörderung und die Steinkohlenbrikettherstellung um je 16 Pro- zent und die Herstellung von Braunkohlenbriketts sogar bis zu 20 Prozent. In viel stärkerem Maße jedoch als die Produktion wurde die Zahl der Belegschaftsmitglieder eingeschränkt. Die Belegschaftszifser betrug im Steinkohlenbergbau im Monats- durchschnitt des Jahres 1913 insgesamt 527 415 Personen, im Jahre 1928 nur noch 515102, im Jahre 1929 512 421, im Jahre 1930 bloß noch 458 250 und im April d. I. 370 750. Im Stein- und Braun- kohlenbergbau zusammen wurden Anfang 1930 noch 613 631 Arbeiter gezählt, Ende 1930 dagegen nur noch 481 000. Während 1930(setzt man 1913 100) die Steinkohlefördcrung 101,4, die Braunkohleförderung 167,3 betrug, sank die Belegschaft auf 87. Unter der Wirtschaftskrise, den Arbeiterentlassungen und Feierschichten hatte die Mitgliederentwicklung des Verbandes natürlich stark zu leiden. Trotzdem in den drei Bezirken Ruhrrevier, Nordhausen und Aachen noch ein Gewinn von 1625 Mitgliedern erzielt werden konnte, ging die gesamte Mitgliederzahl des Verbandes im Laufe des Berichtsjahres um 7169 oder 3,75 Prozent aus 190 855 zurück. Im Verhältnis zur Verminderung der Gesamtbelegschaft im Bergbau ist dieser Mitgliederrückgang eher als'eine Verhältnis- mähige Zunahme zu bezeichnen. Stark gehemmt wurde auch die lohn- und tarifpoliti- fche Aktivität des Verbandes durch die Krise. Während im Jahre 1929 noch 16 Arbeitszeit- und 13 Manteltarifbewegungen so- wie 69 Lohnbewegungen, insgesamt also 98 Bewegungen registriert werden konnten, sind ifl dem Jahresbericht 1930 des Verbandes der Bergbauindustriearbeiter nur insgesamt 15 Tarifbewegungen ver- zeichnet. Der Bericht sagt, daß 1930 in allen Bergbaurevieren ein Still st and in der Lohnentwicklung nach oben ein- trat, in einzelnen Gebieten sogqr schon ein Rückschritt zu ver- zeichnen war. Neben dem Kampf auf tariflichem Gebiete war der Verband auch tätig, um eine internationale Rcgclukig der Kohlenwirtschast zustande zu bringen. Eine rege Tätigkeit entfaltete er auch aus dem Gebiete der Kohlengemeinwirtschaft im Reichskohlenverband, in den Arbeitskammern für den Steinkohlen- bergbau und auf dem Gebiete der Knappschaftsversicherung. Auch aus dem Gebiete des Bildungswesens war der Verband im Jahre 1930 nicht untätig. Bei den B e t r i e b s r ä t e w a h l e n im Jahre 1930 hat sich der Vergbauindustriearbeiterverband trotz der wüsten kommunistischen Hetze gut behauptet. An Mandaten erhielt die RGO. im ganzen Verbandsgebiet 725 oder 12,44 Prozent der Gesamtzahl. Der Antest der freien Gewerkschaften sank infolgedessen auf 63,68 Prozent oder um 10,08 Prozent, wobei jedoch zu beachten ist, daß die Gesamtzahl der zu wählenden Betriebsräte zur Zeit der Wahl bereits um 7,28 Prozent gesunken war infolge der Belegschaftsverminderungcn. Hinsichtlich der Einnahmen war die finanzielle E n t w i ck- l u n g des Verbandes normal. Einer Gesamteinnahme sür die Haupt- lasse von 6 109 306 Mark stand im Jahre 1929 eine Gesamteinnahmc von 6115 870 Mark gegenüber. Anders aber verhält es sich mit den Ausgaben. Sie haben sich in den Unterstützungseinrichtungen gegen das Jahr 1929 mehr als verdoppelt. Die Gesamtaus- gaben für Unterstützungen betrugen im Jahre 1929 rund 1,56 Mil- lionen Mark, im Jahre 1930 dagegen 3,75 Millionen Mark, wovon allein auf die Unterstützung der erwerbslosen Verbandsmitglicder 3,12 Millionen entfielen. Alles in allem zeigt auch dieser Jahres- bericht die ungeheure Bedeutung der Gewerkschaften gerade in Zeiten der schwersten wirtschaftlichen Depression. KPD. als Llnternehmerbüttel. Ihre Anhänger folgen ihr aber nicht. Die Wirtschaftskrise macht sich bekanntlich auch im Verkehrs- gewerbe sehr stark bemerkbar. Nicht nur die BVG., auch das Kraftdroschkengewcrbc Hot unter dem Verkchrsrückgang schwer zu leiden. Die eigentlichen Leidtragenden dieses Verkshrsrückgangs sind in erster Linie nicht die Kraftdroschkenbesitzer, sondern die Droschken- chaufseure Die Bezahlung ist bekanntlich tariflich so geregelt, daß sie 33V:! Proz. der Bruttoeinnahme als Lohn beziehe», min- deftens jedoch 4,50 Mark je Schicht. Die meisten Berliner Kraft- droschkensahrcr erzielen jetzt nur noch den Garantielohn von 4,50 M. Ein Teil der Droschkenchausfeure ist unter dem Driick der Krise von den Droschkenbesitzern sogar gezwungen worden,' auf diesen Ga- rantielohn zu verzichten und sich mit 3 0 P r o z. d c r B r u t t o- einnähme zu begnügen, was oftmals nur 2 Mark Verdienst je Schicht ausmacht. Bei einer Arbeitszeit von meist 12 Stunden und darüber gehen diese Chauffeure dann mit einem Wochenverdienst von 12 bis 14 Mark nach Hause. Die Firma„K r a s t a g", das größte Droschkenunternehmen Berlins mit etwa 1400 Wagen, hat bisher den tariflichen Garantie- lohn von 4,50 Mark gezahlt. Jetzt versucht auch diese Firma, ihre schlechte finanzielle Lage durch den Abbau des Garantielohnes auf Kosten ihrer Chauffeure zu beheben. Sie stellt« an den Betriebsrot das Ansinnen, die Zustimmung zur Beseitigung des Garantielvhnes zu geben. Der Betriebsrat und der Gesamtvcrband lehnten jedoch dieses Ansinnen ob. Die Firma erklärte daraufhin, daß sie dann etwa die Hälste der Belegschaft entlassen müßte, und forderte den Betriebsrat auf, über chr Angebot eine Urabstimmung vorzunehmen. In allen Betriebsversammlungen richteten die Betriebsräte an die Be- legschaft die Aufforderung, sich in der Abstimmung gegen das Angebot der Firma auszusprechen. Dieser Aufforderung ist die Be- legschaft, die sich zu 80 Proz. an der Abstimmung beteiligte, f a st e i n st i m m i g nachgekommen. Die Entscheidung über die ange- drohten Enllassungen liegt nunmehr be�m Oberpräsidenten, bei dem die Kraftag einen Teilstillegungsantrag gestellt hat. Der Betriebsrat und der Gesamtverband werden in diesen Lerhand- i lungen olles aufbieten, damit, wenn wirklich Entlassungen vorg« nommen werden müssen, diese nach sozialen Gesichtspunkten erfolgen. Bezeichnend, aber nach dem begeisterten Einschwenken der KPD. in die Front der Stahlhelmer und Nazis beim Volksentscheid nicht verwunderlich ist das Verhalten der RGO. in diesem Lohnstreit. In einem Flugblatt, das. wie üblich, von Lügen und Verleumdungen gegen den Betriebsrat strotzte, wurde die Beleg- schast aufgefordert, die Stimmzettel zu vernichten, der Direktion also zu dem von ihr gewünschten negativen Aus- gang der Abstimmung zu verhelfen. Wie schon ausgeführt, wer die Belegschaft aber vernünftiger als die RGO.-Strategen. Nicht ein einziges Mitglied der Belegschaft ist dieser verrückten Parole gefolgt. Selb st die Anhänger der RGO. haben es nicht gewagt, we'l sie sich wahrscheinlich schämten, in einer der sechs Betriebsversammlungen für die unternehmerfreund- liche Parole der RGO. einzutreten. Alles kann die KPD. ihren bisherigen Nachläufern denn doch nicht bieten. Das wird sie'cim Volksentscheid merken. Immer noch Lohndruck. Schiedsspruch für Nordwest. Essen, 24. lluli.(Eigenbericht.) 3m Cohnstreif in der nordwestlichen Gruppe der Eisen- und Stahlindustrie wurde am Freitag nach mehrstündigen Verhandlungen ein Schiedsspruch gefällt. Er sieht folgende Neuregelung vor: Der Stundenlohn des 21jShrigea Facharbeiters sinkt von 7S auf 75 Pfennig. Der Stundenlohn des 21jährigen Hilfsarbeiters bleibt 60 Pfennig. Die durch die Severing-Entscheidung vom 21. Dezember 1928 festgesetzten Zulagen für die Zeitlohnarbeiter fallen weg, jedoch mil der Einschränkung, daß bei diesen Arbeitern der Gesamtabzuz aus diesem Schiedsspruch 5 Pfennig pro Stunde nicht übersteigt. Die übrigen Bestimmungen des Cohntariss bleiben bestehen. Die neuen Cohnsähe treten mit dem 1. August in Kraft. Der Schiedsspruch ist unkündbar bis 30. November 1931 und kann erstmalig zu diesem Zeitpunkt, später mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Die Erklärungsfrist läuft bis Montag. Neue Gehaltskürzung für AEG.-Angestellte? Oder tritt die AGG. der Siemens-Dereinbarung bei?. Die Betriebsräte der Groß-Berliner Werke des AEG- Konzern haben beschlossen, an die Generaldirektion mit dem Er- suchen heranzutreten, die Ku r z a r b e i t für Angestellte und die damit verbundenen Gehaltsabzüge nach dem Beispiel der Siemens-Vereinbarung ne» zu regeln.— Danach sind die Angestellten bereit, ihre zur Zeit 40 Stunden betragende wöchent- liche Arbeitszeit auf 42V- Stunden zu verlänge r n unter der Voraussetzung, daß die AEG. sich aus einen Gehalts- abzug von 10 Prozent für alle Angestellte, auch für die Mo- nate August und September, beschränkt. Das Sonderobkommen über Kurzarbeit für die Angestellten in der Groß-Berliner Metallindustrie läßt die Möglichkeit zu, für August und September 15 Prozent für Kurzarbeit in Abzug zu bringen.— Die AEG.-Betriebsräte sind der Meinung, daß die Konzernleitung auf diese, die Angestellten hart treffenden weiteren Abzüge verzichten könne, weil die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine solche Milderung bei der AEG. durchaus gegeben wird. Ueber dos Ergebnis der Verhandlungen werden wir später be- richten._ „Geistesarbeii" auf Hochschulen. Was ein Professor lehrt. Was für ein„G e i st" auf Deutschlands hohen Schulen herrscht, zeigt uns Professor Dr. S ch r e b e r von der Aachener Hoch- schule. Er schreibt in der Zeitschrift„Technik und Kultur", daß der„Muskelarbeiter" von sich aus für die Kultur so gut wie nichts geleistet habe. Nur die fördernde Geistesarbeit habe die Besserung der Lebenshaltung des Volkes ermöglicht, während die Muskel- arbeiter an dieser Besserung keinen Teil hätten. Der Lohn müsse daher so verteilt werden, daß der Muskelarbeiter nur gerade leben könne.„Der Nur-Muskelarbeiter hat auf Grund seiner Muskelarbeit nur Anspruch auf eine Lebenshaltung, wie sie die ersten Menschen auf der Welt, also vielleicht die Neandertalmenschen besaßen. Das, um was seine jetzige Lebenslage besser ist, verdankt er ausschließlich der Gutmütig- keit der Geistesarbeiter, die ihm vom Ertrag ihrer Geistesarbeit freiwillig abgeben." Dieser Professor scheint selbst geistig noch in den Zeiten des Neandertalmenschen zu leben. Daß in der Arbeit des sogenannten geistigen Arbeiters viel geistlose mechanische Tätigkeit enthalten ist und daß selbst der primitivste Landarbeiter eine Gedankenarbeit be- wältigen muß, von dem modernen Industriearbeiter gar nicht zu reden, dessen Nerven aufs äußerste angespannt sind, olles das weiß dieser Professor nicht. Vom Ertrag der Geistesarbeit dieses Hinter- wäldlers lebt sicherlich kein Mensch. „Im Westen nicht» Neues" wird außer in den bereits veröffeiü- lichten Kinotheatern noch in folgenden Theatern gespielt: Ab 24. Juli im Stadttheatcr Friedrichshagem Friedrichstr. 112, Jmperial-Licht- spiele, Rosenthaler Str. 40/41, Filmpalast Puhlmann, Schönhauser Allee 148, Athambra-Lichtspiele, Treptow, Treptower Chaussee. Nur sür Mitglieder! Achtung. Bauarbeiter! Die Firma W i l k«, Baustelle der Ber- linischen Baugesellschaft, Tempelhofer Feld, Wettiner Korso, �und die Firma Gregor, Baustelle der Firma Philipp Holzmann, Südende, Mariendorfer Straße, ist für Isolierer und Helfer wegen Nichtein- Haltung des Tarifvertrages für das Jsolierungsgewerbe gesperrt. Beide Finnen sichren die Jsolicrarbesten sür die Firma N o w i s t o n G. m. b. H. aus. Baugewcrkschast Berlin, Fachgruppe sür das Jsoliergcwcrbc. �Freie Gewerkschafts-Lugend Berlin Gruppe Temprltzos. 25. und 26. Juli g-ltfal>rt.— Zugendg-upp« de» Z!ahrung»mitt«l- und Seträntcarbeiter.Vcrbande».?s. und 26. Juli Nachtfahrt nach iwm Peehfre. Treffpunlt Schlcsischer Bahnhof Tonn- abend, 21 Uhr, Madaistrahe. UiUosten 1 M. 0Iugendgruppe des Zentralverbandes der Angestellten Spiele im Freien ab 19 Uhr auf dem Sporwlatz Humboldlhain und im Schillerpark. Bcrantwortlich fllr Politik: Vietoe Schiff: Wirtschaft: G. filinaclhijfer: Zcwerkfchaftsbeweauna: Kricdr. Shkaru: Feuilleton: Dr. 3-h- Schikowski: Lokales und Sonftiaes: Frih jtarftädl: Unseimn: Zh. Glod«; fänulich in Berlin. V-rl-a: Borwärts-Berlaa G m b. S.. Berlin. Druck: Vorwärts.Bnchdruckere« „nd Verlagsanfialt Paul Sinaer u. Co. Berlin ED 6S. Lindenftrahe 3 Kier,u 2«eilaaeu. Kolbe KsneKerzSIuie , das ........... Nach dreimaligem Gebrauch blendend durch vieles Rauchen braun und unschön wirven. f«-»Tfi i( IsTrtv 14 Ot___ r± rv>. 3ch werde nichts anderes mehr gebrauchen, als CHIorodont." 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