B 173 48. Jahrgang BERLIN Mittag 27.30« 1931 ErscheiottSglich anßerSsnotas«. Zugleich AbendaiKgabe de«.Vorwärts". Bejug«»»!« beide Ausgaben 8ü Pf. xro Woche, s.MM. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW6S,Lindenstr.3 Fernsprecher: Dönhoff(.A T) 292—297 m SjuUaitiijfajße xtei ffWiWasJ& Anzeigenpreis: Die einspaltigeNonparelllejeiie «o Pf., Reklamezeile 5 M. Crmäßigunoen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwarts-Verlag G. m. b.H.. Berlin Nr. 3? SZ6.— Der Verlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vorl Henderson in Berlin Herzlicher Empfang auf dem Bahnhof Friedrichstraße 9tenderfomAnkunH in Sterlin. Qenoffe Jfmderfon tn der TtliHe Auftenminlfler Curllu greeht» f nglifcher äBotlcha/ler atumbold Mnka |P� Garantiekonsortium der Sparkassen Zur Vorbereitung der Auszahlungen ver englische Zluhenmiaister Arthur henderson ist heule morgen 3 Uhr 37 ans dem Bahnhof Friedrich st ratze ein- getroffen und im Namen der Reichsregiernng vom Reichsantzen- minister vr. Curtius begrützt worden. Schon bald noch 7 Uhr merkte man, dah die Gegend um den Bahnhof Friedrichstraße in der Erwartung eines besonderen Ereig- nisses stand. Der Besuch des englischen Außenministers hatte selbst- verständlich besondere polizeiliche Maßnahmen zur Pflicht gemocht. Diese beschränkten sich aber angesichts der starken Sympathien, die Henderson in den weitesten Kreisen der Berliner Bevölkerung ge- nießt, auf dos ollernotwendigste. Sehr früh waren Polizeipräsident G r z e s i n s k i und Kommandeur Heimannsberg zur Stelle, um das Erforderliche zu veranlasien und das Entbehrliche zu vei bindern, so daß sich der Empfang unseres englischen Gastes ohne jede Bei- bungen vollzog. Auf dem Bahnhof versammelten sich»m �9 Uhr die Vertreter der deutschen Regierung. Reichsminister Dr. Cur- t i u s, Staatssekretär von Bülow und andere Herren des Aus- wärtigen Amtes, die Mitglieder der englischen Botschaft unter Fiih- rung des Botschafters Sir Horace Rumbold sowie die Vertreter der Presse, unter denen man die Engländer aller Parteirichtungen sah. Ein zahlreiches Publikum hatte sich eingefunden. Nach dem Einlaufen des Zuges verließ Henderson. nach allen Seiten grüßend, den Zug, um nach einem Willkommensgruß an Eurtius und«inem Dank an dte Vertreter der Reichsbahnverwaltung eine Shrk-hand mit den übrigen Erschienenen zu machen. Als Henderson an der Seite von Eurtius den Bahnsteig verließ, wurden chm durch dos Publikum "' stürmische Ovationen dargebracht. Ruf« wie:„Es leb« Henderson",„Dem Freiinde Deutschlands ein dreifaches Freiheil!" und„Hoch der Friedensfreund Henderson!" klangen ineinander. Nor dem Bahnhof wartete ein 5ieerbann von Photographen, dem sich Henderson und Curtius gs- duldig stellen mußten. Der englische Außenminister ward sodann gebeten, einige Worte für die Tonfilm-Wochenschau zu sprechen. Er sagte in englischer Sprache, daß es ihm eine besondere Freude sei, nach Berlin zu kommen, um hier die freundschaftlichen Be- Ziehungen zwischen der deutschen und der britischen Regierung weiter zu pflegen. Er hoffe von ganzem Herzen, dah seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sein würden. Schon auf dem Bahnsteig war Henderson durch die so überaus lebhaften und herzlichen Ovationen stark überrascht und sichtlich erfreut. Auch bei der Abfahrt im Auto ertönten neue Hochrufe, für die der Minister grüßend dankte. * Henderson hat mit Dr. Eurtius heute vormittag eine Fahrt in die Umgebung Berlins unternommen. Macdonald 17,12 llhr Bahnhof Friedrichstraße. Der englische Alioisterpräsidenl Ramfey Macdonald hak seine Reisedispositionen geändert. Er wird nicht mit dem Flugzeug in Tempelhos. sondern mit dem Zuge 17 Uhr 17 anfdew Bahn» Hof Friedrichflratze in Berlin eintreffen. Reichsbanner- kameradeu und Parteigenossen, die die Absicht haben, den Genossen Macdonald zu begrüßen, werden hierauf besonders aufmerksam gewacht. Aus Wien zurück. Die Abgg. Wels, Breitscheid und Hilferding, die an dem betracht des Besuches der englischen Minister für einen Tag nach Wiener Kongreß teilnehmen, kehren am Dienstag früh in An- Berlin zurück. Giimfon am Wannsee. Der amerikanische Staatssekretär Stimson, der Berlin nach zweitägigem Aufenthalt und einem Empfang beim Reichspräsidenten heute mittag wieder verlassen wird, weilte am Sonntag abend bei dem Reichskanzler zu Gast. An dem Essen nahmen außer mehreren Mitgliedern des Reichskabinetts auch zahlreiche„Wirtschaftsführer" teil. Am Vormittag hatten Dr. Brüning und der Reichsaußen- minister den amerikanischen Besuch noch Sanssouci und von dort zum W a n n s e e begleitet. Der amerikanische Außenminister äußerte sich über seinen Berliner Besuch wie folgt: „3ch hatte Gelegenheit, die Berliner bei ihrem Feiertag und ihrer Erholung zu beobachten. Diese Gelegenheit war mir von Rußen und hat mich erfreut. Für Herrn Reichskanzler Brüning und seine Mitarbeiter habe ich großen Respekt und Achhine. Ich habe in den Konferenzen in Paris sowie in London gesagt, daß die pmeritanische Regierung und dos amerikanische Volk. Zutrauen Der Gründung der Akzept- und Garantiebank, an der das Reich mit 80 Millionen Mark beteiligt ist und deren Zweck darauf hinausläuft, einen möglichst schnellen Abbau des beschränkten Zahlungsverkehrs herbeizuführen, dürfte bereits heute oder morgen eine ähnliche Aktion der deutschen Sparkassen folgen. Die Verhandlungen mit der Reichsbank sind bereits eingeleitet. Um die Schalter wieder restlos öffnen zu können, benötigen die Spar- lassen verhältnismäßig hohe Mittel. Sie verwalten an sich ein Vermögen von 12 Milliarden Mark, die jedoch zur Hälfte in erst- stelligen Hypotheken angelegt sind. Die Reichsbank wird ebenfalls zum Zwecke der restlosen Schalteröffnung das bisherige System der Kreditkontingentierung verlassen und an dessen Stelle die Kreditverteuerung setzen. Die Banken.können, wenn sie ihre Schalter öffnen und das Publikum zu Abhebungen schreitet, bei der Reichsbank im Gegen- satz zu deren Verfahren in den letzten Tagen, wieder Wechsel diskontieren und Effekten lombardieren, um sich auf diese Weise in den Besitz von flüssigen Mitteln zu setzen, deren sie zur Befriedigung der Angstabhebungen bedürfen. Gleichzeitig aber soll der Preis, den die Reichsbank für ihre neuen Kredite fordert, so beträchtlich heraufgesetzt worden, daß jedem die Lust genommen wird, die Notenbank mehr als unbedingt notwendig in Anspruch zu nehmen. Ihre Aufgabe besteht darin, den Banken, deren Liquidität infolge der Abhebungen besonders gelitten hat, die Möglichkeit zu geben, der Reichsbank auch wirklich reichsbankfähige Werte zum Diskont anzubieten. Alle Banken, das heißt also auch solche, die nicht zu den Gründern der Akzept-Bank gehören, können bei dieser Bank nicht unbedingt reichsbankfähige Wechsel diskon- tieren. Die Garantiebank hat wiederum die Möglichkeit, den hat zu Deutschland, seinem Volke, seinen Hilfskräften und seiner Zukunft, und meine Ansichten sind durch das, was ich bei meinem Besuch gesehen habe, bestätigt worden. Ich glaube, daß die gegenwärtigen finanziellen Schwierigkeiten zum größten Teil zu- rückzusuhren sind auf vorübergehenden Mangel an Zu- trauen und daß mit Mut und dem wiederkehrenden Vertrauen Deutschland sein Wohlergehen wiedererlangen wird." R e d i s k o n t k r e d i t bei der Reichsbank in Anspruch zu nehmen. Bei diesem Geschäft läuft die Reichsbank keinerlei Rrsiko, da dos Giro der Akzept- und Garantiebank«ine zusätzliche Sicherheit gewährleistet. Verhandlungen über den StlNhattekredit. In verlin beginnen am Montag Verhandlungen zwischen der Reichsbank als Vertreterin des in Deutschland gebildeten Stillhalte- konsortiums und mehreren ausländischen Bankiers als Vertreter der Gläubigerbanken. Man hoftl, vor allem die großen Finonzinstitute Englands, Amerikas, der Niederlande und der Schweiz dazu bewegen zu können, daß keine neuen Kreditkündigungen mehr erfolgen. Tatsächlich sind bis in den letzten Tagen der ver- gangenen Woche bei den Berliner Banken noch umfangreiche Kreditkündigungen erfolgt. Die Summe der bereits fällig gewordenen, nicht prolongierten ausländischen Verpflichtungen der deutschen Banken, die aus Grund der Rotverordnung jedoch nicht reguliert werden dursten, wird aus 399 bi» 599 Millionen Mark geschätz«. �_ Mysteriöser Mord in Wien. Sin politischer Abenteurer erschossen. Wien, 27. Zull. In Wien ist am Sonnabend ein Kaufmann namens Georg Semmelmann aus Köln in seiner Wohnung er- mordet worden. Der Täter, der sich Egon S p i e l m a n n nennt, wurde verhaftet. Er gesteht die Mordtat zu. ver- weigert ober über seine Motive jede Auskunft. Es steht fest, daß der Rame Spielmann, den sich der Täler beigelegt hat. falsch ist. jedo chkennt man den richtigen Ramen nicht. Der ermordete Semmelmann war eine äußerst Zweifel- haste politische Abentcurerpersönlichkeit. Nach der Revolution schloß er sich zunächst den Freikorps an und gehörte zur „Schwarzen Schar" des vielseitigen Leutnants Roßbach. Dann tauchte er bei den K o m m u n i st e n auf, wo er sich im Jahre 1928 durch die Befreiung des angeklagten Kommunisten Braun aus der ilnt«rsuchung»haft zusammen mit der Kommunistin Benario im Sinne seiner neuen Parteifreunde oerdient machte. In Wien be- tätigte sich Scmmelmann als Agent der Sowjetregierung. Wenn aber aus dieser Tätigkeit die„Rote Fahne" folgern will, daß Semmelmann„im Auftrage der nationalistischen Feme" ermordet morden sei, so ist das k e i n e s w e g s l i ch e r. Nach einer Meldung des„Wiener Montag" gibt nämlich die Witwe des Ermordeten an, daß ihr Mann zwar ursprünglich in sowjetrussischen Diensten ge- standen habe, aber zuletzt Beziehungen zu dem Wiener rumänischen Gesandten unterhielt. Er hätte davon ge- sprachen, daß ihn ein vor dem Abschluß stehender Vertrag mit Rumänien in kürzester Zeit finanziell völlig unabhän- g i g machen würde. Danach besteht die Wahrscheinlichkeit, daß Semmelmann im Be- griff stand, wieder auf die andere Seite hinüber- z u w e ch s e l n. Das wäre kein Einzelfall. Es sei nur erinnert an den estländischen Gesandten bei den Sowjets, Roman Berg, der seinerzeit unter soviel Aussehen zu den Kommunisten übertrat und der heute bei der—- 5) e i mw ehrzeitung in Graz gelandet ist. (Vielleicht, weil er nach dem Volksentscheidbeschluß der KPD. den Unterschied zwischen faschistischen Verbänden und Kommunisten nicht mehr erkennen kpnn?!) Jedenfalls würde, was den Fall Semmelmann anbetrifft, bei seiner Zusammenarbeit mit der rumänischen Gesandtschaft es kaum die nationalistische Seite ge- wesen sein, die ein Interesse an seiner Beseitigung hatte. Die Ermordung Semmelmanns hat nach dem Bericht von Wiener Blättern der Wiener Polizei Anlaß gegeben, nach weiteren Sowjetagenten zu forschen. Sie hat dabei 30 Personen verhastet, darunter auch den thüringischen kommunistischen Londtagsnbgcordneten Heil mann, der unter dem falschen Namen Lainbert in kommunistischen Versammlungen auftrat. Vom Berliner Polizeipräsidium ist über den Ermordeten ein eingehender Bericht an die Wiener Polizeibehörden abgesandt worden. Wie diesem Bericht zu entnehmen ist, war Semmelmonn ein ausgesprochener politischer H o ch st a p l e r. Als kommunistischer Agent war er längere Zeit im Nachrichtendien st d�e r K P D. tätig. In den letzten Monaten müssen die Mitarbeiter Semmelmanns an seiner Zuverlässigkeit aber st o r k e Zweifel gehabt haben, denn es war durchgesickert, daß Semmel- mann, geschmückt mit allen möglichen Hohenzollernorden unter dem Namen Dr. Fink Anschluß an die Kreise Ludendorffs ge- sucht hatte. Danach scheint es, daß Semmelmann der KPD. höchst unangenehm geworden war. Llnfälle am Sonntag. Segelflieger tödlich verunglückt.- Verkehrsunfälle. Der S e g e l s l u g s p o r l hat gestern vor den Toren Berlins ein Todesopfer gefordert. Auf dem Ruinenberg in Zehrensdorf bei Wünsdorf de- findet sich ein Ilcbungsplatz der Flugabteilung der Sportgrupp« der S i e m e n s- W e r t e. Am Sonntagnachmittag unternahmen mehrere junge Leute Uebungeflüge. Dabei stürzte der Bürodiener Erwin Kölzen kurz nach dem Start aus einer Höh« von etwa IS bis 20 Meter in die Tiefe. Da» Segelflugzeug wurde völlig zerschmettert. Kölgen konnte von hinzueilende» Käme- roden nur noch als Leiche aus den Trümmern geborgen werden. Die Verkehrsunfälle. In Martendorf auf der Kreuzung Ehausseestrohe und Taurenallee wurde der achtjährige Schüler Karl Schulz aus der Belziger Straße 63 von einem P r i v a t a u t o überfahren und auf der Stelle getötet.— Ein schweres Autounglück ereignet« sich an der Ecke Riemeister- und Sophie-Charlotte-Straße in Zehlen- darf. Zwei Privatwogen stießen dort mit großer Wucht zusammen, Die sechs Insassen der beiden Autos wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt und mußten in das Hinden- burg-Kronkcnhaus gebracht werden. Die schwerbeschädigten Fahr- zeuge mußten abgeschleppt werden.— Außerdem verunglückten bei dem starken Verkehr aus den Ausfallstraßen Berlins eine Reih« von Automobilisten und Motorradfahrern, die Aufnahme in den nächsten Krankenhäusern fanden. Beim Baden ertrunken. Beim Baden im Langen See südlich des Freibades Grünau, ertrank am Sonntagnachmittag der 27 Jahre alte Fuhrunternehmer Karl Jäger aus Magdeburg, der zu Besuch in Berlin weilt und mit Verwandt«» einen Ausflug gemacht hatte. Die Leiche wurde von oer Feuerwehr geborgen und nach der Friedhofshalle in Grünau gebracht. Der starke Bade- und Wassersportbetrieb stellt« an den A r b e i t c r- S a m a r i t e r- B u n d, der mit seinen Rettungsbooten ständig auf den Gewässern patrouillierte, und eben- so o» die W a s s e r- S ch u p o hohe Anforderungen. In vielen Fällen mußten die Rittungsmotorboote helfend eingreifen. Schwere Benziuexplosionen. Peim Reinigen von Kleioern mit Benzin erfolgte am Sonn- tag in der Wohnung des Angestellten B u d a ck in der Bundes- ajle« 7 7 in Ehariottcnburg eine folgenschwere Explosion von Aenzindämpfen, die sich im Rauni angesammelt hatten. Die Dämpfe wurden durch die Flamme des Gaskochers zur Entzündung, ge- bracht. Fra» Budack trug schwere Brandwunden am ganzen Körper, ihre Tochter G«rda Brandwunden an Beinen und Armen davon. Auch der Ehemann, der auf das Geschrei der beiden Frauen herbeigeeilt war und die Flammen zu löschen versucht«, zog sich Brandwunden zu, ebenso d«r Portier d«s Hauses.� Die beiden Frauen mußten wegen der Schwere der Brondoerletzungen nach dem Hildegard-Krankenhaus ge- schosst werden. Durch die Explosion waren die Fenster- scheiden der Küche aus de» Rahmen gerissen und zcrlriim- m c r t worden. Unter den Bädern des Vorortzuges. Unweit der Station Wuhlheide bei der Bude tO warf sich ein junger etwa 16- bis 1 7 j ä h r i g c r Mann vor die Räder eines in Richtung Berlin fahrenden Vorortzuges. Der jugendliche Selbstmörder, der bisher von der Polizei nicht identifiziert werden konnte, wurde fast bis zur Unkenntlichkeit z e r st ü m m e l t. Ueberänzfllich gewesen. Der„Montag Morgen", der sein Er- scheinen wegen der P r c s s e- N o t v e r o r d n u» g eingestellt teatte, traut sich wieder hervor. Er begründet sein Wiedererscheinen mit der Anweisung des Reichsinnenminifters, wonach sachliche Kritik in anständiger Form weder verboten noch erschwert werden soll. In der Zwischenzeit hat sich aber allerhand geändert: Der Verlag der Zeitung ist nicht mehr der gleiche, ebenso ist die Druckerei gewechselt worden, und. wie es scheint, auch ein Teil des R- d a k t i o n slt a b e s. Danach dürste man also doch annehmen, daß die Notverordnung zur Motivierung einer vorüber- gehenden Einstellung des Erscheinens dem M. M. nicht ganz unge- legen kam. Zeppelin über der Eiswüste Kunkverbinöung mii Kranz-Zosephs-Land Riga, 27. Juli, l(Eigenbericht.) �Da» Lustschiff„Graf Zeppelin", da» am Sonnabend- abend um 8.40 Uhr auf dem Leningrader Flugplatz landete, ist am Sonntag gegen i l.BO Uhr zu seiner dritten Etappe in die Arktis gestartet. Vorher wurde den Passagieren und der Besatzung des Schiffes von den russischen Behörden ein festliches Bankett mit Sekt und Kaviar bereitet. Das Schiff erreichte um 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit A r ch a n g e l s k am Weißen Meer und nahm Fahrt auf Nowasa Semlja, das auf dem 75. Breitengrad liegt und wahrscheinlich am Montag gegen Mittag er- reicht werden wird. Die russische Funkstation auf Franz. Josefs-Land ist mit dem Zeppelin in Ber- bindung getreten. Auch mit dem Eisbrecher„Malygin" hat das Schiff bereits Funkverbindung aufgenommen. Erklärung Dr. Eckeners. Leningrad, 27. Juli. In einer Unterredung mit einem Vertreter der Telegraphen- Agentur der Sowjetunion erklärte Dr. Ecken«, er hoffe, in 20 Stunden den Franz-Joseph-Archipel zu er- reichen, wenn dos Wetter ihm nicht einen Strich durch die Rech- nung mache. In der Nähe von Fraizz-Joseph-Land werde man vcr- suchen, mit dem Eisbrecher„Malygin" ein- Verbindung herzustellen. Eckener drückte in dem Gespräch die Zuversicht aus, daß Rußland bald eigene Luftschiffe haben werde, und erklärte, daß die Luftschiff- werft Friedrichshafen Rußland beim Luftschiffbau technischen Bei- stand leisten würde. Verhandlungen darüber seien bereits im Gange und es herrsche in bezug auf die Hauptpunkte gegenseitiges Vec- ständnis. Zum Start des Luftschiffes hatten sich am frühen Morgen auf dem Flugplatze Tausende von Menschen angesammelt. Vor der Absehrt wurde dem Luftschiffkommaudo eine nach den letzten Angaben vom Arktischen Institut perfertigte Karte übergeben. Um ll Uhr 10 erhob sich„Graf Zeppelin", der in der letzten Nacht noch 9000 Kubikmeter Gas und eine nicht gefrierende Benzin- und Oel- Mischung aufgenommen hatte, unter stürmischem Beifall der versammelten Menge und nahm in ruhiger Fahrt Richtung nach Norden. Professor Samoilowilsch erklärte gestern einem Vertreter der Tslegraphen-Agentur der Sowjetunion, das Lutschisf„Graf Zeppelin" sei ein Arktisforschungi- instrument von hervorragender Qualität, sozusagen ein Flug- l a b o ra t o riu m, wo man mit einem für solche Forschungen un- gewöhnlichen Komfort arbeiten könne. Die vorgesehene Fahrt- richtung des Luftschiffes werde nicht geändert werden. Auf dem Rückweg« werde man wieder Leningrad besuchen. Riga, 27. Juli.(Eigcnberichl.) „Graf Zeppelin" hat in der vergangenen Nacht kurz vor 1? Uhr Kap Kanin passiert und bald darauf über die Nordspihe das europäische Festland verlassen. Das Schiff dürfte bereits nm die Mittagszeit Novaja Semlja erreichen. Es hak direkten Kurs auf Franz-Josefs-Land, das gegen Abend passiert werden dürste. Großer Tag der Olympiade Hunderttausend im Kestzug Wien, 26. Juli.< Eigenbericht) Noch dem großartigen Fackelzug, der am Sonnabendabend durch das Spalier von hunterttausenden nach dem festlich beleuchteten Rathaus zog und dem sonst am Abend recht stillen Wien einen un- gewohnt lebhasten Spälbetrieb verschasste. mußten die Teilnehmer der Olympiade sowie die Mitglieder und Gäste de» Znternalionale« Kongresse» am Sonntag schon srüh heraus. Venn bereis, um 8 Uhr morgen» begann der große Festzug zu Ehren der Arbeit. Schon stundenlang vorher sah man große Züge mit roten Fahnen, Lieder singend und Ruse ausbringend, zn ihren Aufmarschplähen ziehen. Um 8 Uhr morgens begann die Vorübersahrt von vielen Taufenden von Mo torrädern mit Fahnen und Beiwogen, darunter auch ganz roten, in Viererreihen. Es folgten die Allein- sahrer in Sechserreihen und die Radfahrer in Achterreihen, wobei nicht wenige sich als Kunstfohrer erwiesen. Manche fuhren nur auf einem Rad, andere wieder bis zu vier auf derselben Maschine. Diese proletarische Kavallerie war so geordnet, Oer konsequente Volksbetrüger Oer Kommunist:„Siehst du, das ist ein faschistischer Volksbetrvg.. ... und deswegen schließe ich mich ihm an/ daß nach der Spitzengruppe die ausländischen Teilnehmer kamen, dann die Tschechen und Sudetendeutschen, die Reichsdeutschen und die Oesterreich«, wobei innerhalb jeder Gruppe die oben gegebene Reihenfolg« innegehalten wurde. Danach erst begann der eigentliche Fe st zu g, mit Fan- farenklängen und der feierlich geleiteten Fqhn« der Internationale, die seinerzeit der Organisation Wien geschenkt worden ist. Nun folgten, unterbrochen von zahlreichen Musikkapellen der wtroßen- bahn« und anderer öffentlichen Betriebe sowie des Republikanischen Schutzbundes, die starken einzelnen Sportgruppen, angefangen von den Iungordnern mit ihren Sturmsahnen, bis zu den Fliegern, den Fischern, den Schachspielern und den Samaritern. Immer neue Scharen in 10er-, 12er- und 14«-R«ihen, dabei ab« doch nicht die ganz« Fahrbahn der Ringstraße füllend, rückten sie heran. Schon dieses Vorspiel umfaßt« viele zehntausendc Teilnehmer, lind immer wieder brachen die Kongreßteilnehmer sowie da« Spaller in stür- mische Beifallsäußerungen aus. Nun kam von 12 Mann getragen ein mächtiges Transparent: „Die Arbeiter der ganzen weit vereinen sich im Sport." Darauf wurden die süns Erdteile durch Gruppen mit den s y m- bolischen Fahnen Europas, Asiens, Amerika» Afrikas und Australiens dargestellt. Eine kleine Pause und dann folgt« der Kommandant der aufgebotenen Schutz- bundabteilungcn und rund 600 Sturmfahnen des Wiener Schutzbundes mit den ausgedruckten Namen ihres Staotbezirks und der Gruppe. Schon hieraus war die straffe Organisation der Ab- ivehrtruppe des deutsch. österreichischen Proletariats zu erkennen. Hatte dieser Aufmarsch bereits stundenlang gedauert und war der kühle Morgen bereits sengender Hitze gewichen, so begannen doch nun erst die 22 ausländischen Ländergruppen der Olympiateilnehmer ihren Vorbeimarsch. Jede wurde von ihren Landsleuten auf der Kongreßtribüne besonders akklomiert. Der Delegationssührer der sozialistischen Partei de? betresfcnden Landes trat auf die Straße vor, um seine Freunde besonders zu be- grüßen. Aus den Reihen der Sportler flogen Grußworie und Heil- rufe aus die Internationale in ihren Sprachen herüber. Zluch viele Sprechchöre waren zu vernehmen. An der Spitze marschierte die Leitung der A r b e i t e r- S p o r t- An t e r n a t i o n a l e mit dema Ehrenvorsitzenden Bridoux-Belgien, mit Cornelius Gellert-Leipzig. Julius Deutsch'Wien, Müller-Außig und Lylaba-Praa usw. Unter?, den Ländergrnppen wurden besonders stürmisch die Finnlander be- grüßt, schon wegen der kleidsamen Nationaltracht ihrer Frauen, sowie die Belgier, die Esten und die Letten wegen der uniformierten Abteilungen der Zlrbeiterschutzbüiidc dieser Länder. Einen sehr impo- sonten Zug böte» die Tschechen, von denen viele hundert Männer in der braunen Uniform der Arbeitcrsportler mit dem roten Hemd, der umgehängten Jycke und der runden schwarzen Kappe mit der Feder marschierten, während viele hundert Frauen mit roten Kopf- tüchern einHerzogen, Ueberaus herzlich wurden auch die Sudeten- deutschen begrüßt, mit denen ja die Deutschösterreicher bis zum Zu- sammenbruch eine Partei gebildet haben. Minister Dr. Ludwig E z e ch, der Vorsitzende der Sudetendeutschen Sozialdemokratie, grüßte seine Landsleute. Nun aber Trommel- und Pjeisenklong. Alles auf der Tribüne erhebt sich. 150 Mann in weißer Tracht wirbeln und blasen, daß es nur so schmettert— Deutschland rückt heran. Mindesten» iVi Stunden dauerte der min jolgende stramme Vorbeimarsch von.3 0000 reichsdeutschen Arbeiter- s p o r t l e r n beiderlei Geschlechts, in tadelloser Ordnung auch beim Hatten, aus der Stelle tretend, sangessreiidig und in unausgesetzten Sprechchoren das roie Wien grüßend und der Internationale erfolgreiche Arbeit wünschend. Alle natürlich in leichter«portkleidung. Als der Borbeimarsch der Reichsdeutschen gar nicht mehr enden will, war des Staunens und Fragens der ausländischen Genossen kein Ende. Slber selbst dieser Höhepunkt der ungeheuren Kundgebung wurde bald darauf überboten durch die O e st e r r e i ch e r, die länderweije gegliedert heranzogen. Mit Vorarlberg beginnend und mit dem Burgenlande aushörend. So manche trugen Alpenländler-Tracht und ließen ihr« Jodler erschallen. Da.zu immer wieder jmistcrhast nusgerichiete Schutzbundabteilungen in militärischem Schritt, die Augen rechts noch der Kongreßtribüne gewendet. Die Genossen aus dem obersteirischen Eisenerzgebiet wurden besonders gefeiert, denn dort übt die Alpine Montangefellschaft und der Deutsche Stahltrust. der hinter ihr steht,«inen ungeheuren Terror aus, um di« Arbeiter der Heimwehr zuzutreiben. Jeder suhlte es: an dieser Menschen- mauer wird aller Trug und alle List zuschanden werden. D«n Schluß bildeie Wien, jetzt wieder nach Sparten gegliedert. Der Zug dauerte stundenlang, die Rotsalken, die Ar- beiterjugend beenden ihn in einheitlicher Kleidung und gleichem Schritt. Stürmisch empjangeu wurden auch die tapferen sozialistischen Studenten und eine Gruppe noch kleinerer höherer Schüler, die Mühe hatten, das Tempo einzuhalten. Es folgte noch die sehr zahlreiche Gewerkschastsjugend, di« Tausenden von Naturfreunden mit ihrem„Berg frei". Eine Anzahl Tiroler Jugendlicher führten vor der Kongreßtribüne einen Schuhplattler und Wotschentanz auf, der mit großer Heiterkeit und dankbarem Beifall quittiert wurde. Nun aber rückten, man kann es nicht anders sagen als mit ehernem Ernst, kampfentjchlossen und opferbereit für die große Sache, einige Bataillone Schutzbund in Kompagmebreite herqn. Ihr Führer er- stattete de ist Bürgermeister als Parteivorsitzcnden militärisch- Mc!- dung. Mit der legten Reihe dieser kräftigen, durchtrainierten Ar- beitergestalten, die wegen der Hitze meistens di« Jacken über dem Arm trugen, war nach mehr als dreistündiger Dauer dieser einzig» artige Festzug vorüber. Ob seine Teilnehmerzahl unter oder über 160 000 war, läßt sich im Augenblick nicht feststellen. Seine große Bedeutung liegt vor allem darin, daß es nicht der Ausmarsch von einzelnen, sondern von Organisationen war, dabei waren ja nur die mitwirkenden Wiener Organisationen in voller Stärke«richienen. E» war ein überwältigende» Bild internationaler Kraft und Ge- schlossenheit des Proletariats. Gruß an Mcdonald und Henderson! „Wir dürfen nicht von unserer Verantwortlichkeit Deutschland gegenüber zurückschrecken, wenn vielleicht auch dieses Wort, dieser Gedanke auf manchen abstoßend wirken mag. Jedes Ereignis der letzten Zeit hat doch mit Sicherheit bewiesen, daß der Sieger einem früheren Feinde gegenüber Verpflichtungen hat. Wir haben daraus zu achten, daß das deutsche Volk nicht unterdrückt, nicht versklavt, nicht z» Parias gemacht werde, weil so etwas falsch ist und zu einer Gefahr für Europa werden muß." (Ramsay Macdonald sm März 1924 in:„Die auswyltiae Politik der Arbeiterpartei.*) Vorstehende Sätze ließ Macdonald in Deutschland veräsfent- lichen, nachdem er am ZZ. Januar 1924 zum ersten Male englischer Ministerpräsident geworden war. Was er seit Kriegsende als Führer d«r englischen Arbeiterpartei verfochten hotte, proklamierte er nun auch als Ministerpräsident. Trotzdem damals seine Regierungs.zeit knapp bemessen war. sorgte er damals für die Frei- gäbe des Ruhrgebietes und eine erste halbwegs verständige Repara- tionslosting. Nach zehnmonatiger Regierung? zeit kämpft« Mac- Sonchd nnd die englische Arbeiterpartei außerhalb der Regie- rung für Bölkerversrändiguno und Bältcrsrieden, In» sie nach den letzten erfolgreichen Wahlen in England zum zweiten Male das Ruder der Regierung ergreif«« konnten. Im Juni 1929 bildete Macdonald seine jetzige Arbeiterregierung. Seitdem sind cr, seine Minister und die ganz« Arbeiterpartei unermüdlich am W«rke, nicht nur im Innern des Landes für das Volk zu arbeiten, sondern sie bemühen sich, auch nach außen«ine Politik zu betreiben, die dem eigenen Volke und den anderen Völkern dient: Das ist die Politik der Verständigung und Versöhnunpl Die Sozialisten der ganzen Welt haben mit Befriedigung ge- sehen, daß die zweite Arbeiterregierung England- mit ganzer Kraft bestrebt ist, nicht nur den Weltsrieden zu erhalten, sondern auch tätig mitzuhelfen, die jürchterlichen Folgen des Weltkrieges end- gültig zu liquidieren. Diesen Willen ausdrücklich zu dokumentieren, da, ist der Zweck des Besuches, den jetzt der englische Ministerpräsident und der cng- lische Außenminister doch noch dem Deutschen Reiche abstatten. Was sie als Staatsmänner mit Staatsmännern bc- sprechen, das wird mit Rücksicht aus die Umwelt sorgfältig abge- wogen sein. Di« englische Arbeiterregierung existiert in einer bürgerlichen Umwelt und sie ist nicht in der Loge, im lusllemn Raum ohne Berücksichtigung alter überlieferter Bindungen Politik zu machen. Aber was Maedonald und.Fenderson als englische und Interna- iionale Sozialisten wollen, das wissen wir als Sozialisten alle. Kie wollen das Wort verwirklichen, das Macdonald bereit» Im Jahre 1924 und früher sprach:„Das deutsche Volk darf nicht unterdrückt, nicht versklavt, nicht zu Parias gemacht werden.* Dieses englisch« sozialistische Wort ist nicht die Angelegenheit eines einzlnen,«s ist die Angelegenheit aller eng- lischen Sozialisten, aller sozialistischen Wähler Englands. Wenn also Macdonald und Henderson nach Deutschland fom- nkn, dann wissen wir, daß hinter ihnen stehen die Millionen eng- lischer Arbeiwrwähler, die ihnen und der Labour Party den aus- drücklichen Austrag gaben, auch die Fragen der Außenpolitik im sozialistischen Sinne, d. h. im Sinn« der Verständigung, des Frieden- und der gegenseitgen Hilfe zu behandeln. Macdonald und Henderson kommen als Vertreter de» britischen Weltreiches. Vor dem Kriege waren sie Führer einer kleinen Partei, sie zählte nm 1909 etwa Z7S 999 Mitglieder, im Jahre 1914 waren es schon 1912999, aber die Partei hatte in England noch keinen großen Einfluß. Liberale und Konservative regierten ob, wechselnd und teilten sich in die Macht. Während des Krieges stano Macdonald in seiner Heimat fast allein, der Warner und Mahner gegen den Krieg wurde verhöhnt. Nach dem Kriege aber waren die Völker der Alliierten vom 6i«gestaumsl erfaßt und es bedurfte de- eisernen Willens eines Macdonald, sllr die Idee des Sozialismus auch in diesen schweren Zeiten weiterzukämpfen. Mac- donald und seine Partei führten diesen Kampf weiter. Allmählich gewannen sie in England an Boden und schon nach wenigen Iahren mußten die bürgerlichen Parteien der Arbeiterpartei— wenn auch nur auf kurz« Zeit— die Regierung überlassen. Kurz vor der ersten Uebernahme der Regierung sagte Macdonald: „Die englisch« Arbeiterregierung tritt unbelastet und ungebunden auf den Plan. Welche Irrtümer sie immer machen wird, welch« Irrtümer zu begehen In ihrem Schicksal liegen mag, für die Vergangenheit ist sie nicht vcrant- wortlich. Vor allen Dingen sieht sie ganz klar und deutlich, daß für die Zukunft«ine neue diplomatische Methode ei» neuer Mut zum Friede» und zur Gerechtigkeit, ein neuer Glaub» an nationale und persönliche Freiheii, ein« neu« Energie der Demokratie ersorderlich sind.* Von diesen Sätzen Macdonalds zu seiner Fahrt nach Amerika nach seinem zweiten Amtsantritt und zur Ein- ladung des deutschen Reichekanzlers und des Außenministers nach Ehequers gehl eins gerade Linie: Di« Besprechungen in Chequers, die der Initiative der englischen Regierung entsprungen sind, Hoovers Vorschlag eines Moratoriums für Deutschland, an dem die englische Arbeiterregierung anerkanntermaßen hervorragend beieiiigt ist, ihre Anstrengungen, die Londoner Konserenz zu einem guten Ende zu bringen, olle diese Maßnahmen sind Etappen zur Durchführung einer friedlichen Außenpolitik der englischen Arbeiterregierung. Für Macdonald und die englische Arbeiter- regierung ist es keine Frage, daß England an den Fragen der kontinentalen Politik interessiert ist. Das ganze englisch« Volk wird sehr wohl von den Erschütterungen des Kontinents be- rührt, wie es an seinem wirijchastlichen und politischen Ausstieg interessiert ist. Aus dieser Erkenninis betreibt Macdonald di« neue Außenpolitik und schon 1924 schrieb er: „Ich bin der Ansicht, daß jede Frage der Außenpolitik ver- dunkelt wird oder zu nur vorübergehender Bedeutung herabsinkt, wenn sie im ausschließlichen Verhältnis zur n a t i o- nalen Sicherheit und zum bloß nationale» Wiedersusbau betrachtet wird. Wir müssen jede Spur eine? Vertrauens in di« militärischen Rüstungen ausgeben: diese» Ziel im Auge. müssen wir Wege ausfindig machen, die uns ermöglichen, durch eine Uedergangszeit hindurchzukommen, mährend welcher wir eine nur zu Desensivzwecken gedacht«, den Verhältnissen gerecht . werdende Heeresmacht aufrechterhalten und gleichzeitig unaus» hörlich daran arbeiten, die Sicherheit des Staates auf ganz neue Grundlagen z» stellen.* Dieser Wille ist sozialistischer internatio- n a l e r Wille und auch wir deutschen Sozialisten wollen und dürfen nicht ruhen und nicht rasten, die Sicherheit de» Staates„aus ganz neue Grundlagen" zu stellen. Als Maedonald zum ersten Male vor der Bildung der englischen Arbeiterregierung stand, da äußerte er sich auch zur Frage der Ab- rüstung und seine seitherige Politik hat gezeigt, daß er entschlossen ist, seine Ansicht durchzusetzen: „Das Hauptziel einer Arbeiterregierung würde sein, den Militarismus zu st ü r z e n. und zwar nicht nur als Organisation, sondern auch als Glauben, und an seiner Stelle eine Organisation des Rechts, der Versöhnung und der Berechtig- keit zu errichten. Sie würde serner die q I t« n Methoden der Diplomatie aufgeben, die grundsätzlich den Mäßen die Auskünste vorenthielt, an ihrer Statt handelte und sie ver- pflichtete, ohne sie befragt zu haben." Maedonalds sozialistischer Wille muß in un» deutschen So- zialisten den Willen erneut sestigen. für die internationale Per- stöndigung zu kämpfen. Dieser Kampf um Völkerverständigung, diese Tat gegenseitiger Hilfe, sie strahlen weit über allen N a t i o- nalistischen Haß. der in allen Völkern lebt. Die internationalen Sozialisten haben bald nach der Unter- zeichnung des Friedensoertrages von Versailles(aus der Frankfurter Tagung) erklärt, daß die Reparationen über den Wiederausbau hinaus untragbar sind, sie förderten schon damals ihre Be-- seitigung. Während die Sozialiften den harten Weg der Berstöndi- gung gingen, konnte Deutschland Schritt für Schritt e n t- lastet werden. Die Kricgstribute wurden nach und nach herab- gesetzt, sie sind heute noch untragbar und Hoovers Vorschlag eines Moratoriums für Deutschland ist ein weiterer Schritt zur end- gültigen Kriegsschuldenrevision. Durch die entschlossen« Verständigungspolitik der Sozialdemokratie wurden die besetzten Gebiete schon viel« Jahr« früher frei: unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller erreichten wir diesen Erfolg: denn die englisch« Arbeiter» regierung war am Ruder. So hat die sozialistische inter- nationale Idee gerade in den letzten Iahren schöne Erfolge erzielt: sie wird weitere Erfolge erzielen. Mit dieser internationalen Wirk- samkeit haben die Sozialisten aller Länder ihren Völkern große nationale Dienste erwiesen—- denn was wäre wohl n a t i o, n a l e r und menschlicher zugleich, als für die Erhaltung des Völker- frieden? zu kämpfen. So sind uns Macdonald nnd Henderson als Vorkämpfer des Frieden» willkommen. I. 40-Gtd.-Woche derBrauereien Teilweiser Lohnausgleich erreicht. Infolge der langanhaltenden Wirtschaftskrise ist auch der B! e r k o n s u m zurückgegangen und damit auch die Herstellung von Bier in den Brauereien. Seit Monaien drängen deshalb schon die Berliner Brauereien auf eine Verkürzung der Arbeitszeit. Dem Zuge der Zeit folgend, verlangten sie die Einführung der 49-Stunden°Woche. Die am Tarifvertrag beteiligten Gewerkschaften zeigten aber zum Erstaunen der Brauuniernehmer für diese auch von ihnen erhobene Forderung kein Entgegenkommen, und zwar mit Recht. Sie vertraten die Auffassung, daß gerade in den Brauereien die Einführung der 40-Stuirden-Woche wenig- ftens mit einen: teilweise n Lohnausgleich verbunden sein müsse und daß erst einmal mit der lleberstnndenwirtschaft Schluß gemacht werden soll, unter der besonders das Fahrpersonal der Brauereien zu leiden habe. Von der Erfüllung dieser Forderungen wollten die Brauunter- nehmcr jedoch nichts wissen. Sie nahmen vielmehr die ergebnis- losen Besprechungen ihrer Spitzeiiorganifation mit den zuständige» Gewerkschaften im Reichsorbeüsministerium, die am 21. Jnli auf Grund der Notverordnung wegen der Tinfiihriing der 49-Stunden- Woche staltfanden, zlim Anlaß, mit Hilfe diktatorischer Maßnahmen diese Forderung durchzusetzen. Durch Anschläge in den Brauereien wurde sämtlichen Brauereiarbeitern zum 2 8. Juli gekündigt, ihnen aber die Forlsetzung des Arbeitsverhältnisses in Aussicht gestellt, wenn sie sich mit der Einführung der 40.Stunden.woche ab 29. Zul! bei entsprechender Kürzung der Löhne und sonstigen tariflichen Zuschläge einverstanden erklären würden. Die Brauunternehmer hatten jedoch die Rechnung ohne die Gewerkschasien gemacht, di« gegen dieses diktatorische Vorgehen entschieden aus- traten. In mehrmaligen Verhandlungen ist es ihnen gelingen, die Einführung der 49-S>undemWoche in den Berliner Brauereien mit einem teilweisen Lohnausgleich zu verbinben. Durch den Verzicht der Brauereibesitzer aus die laut Schieds- spruch vom 24. März d. I. am 1. Oktober fällige Lohnkürzung von 1 Mark pro Woche und die Aufnahm« einer Kurzarbeitsklaiisel wird ein Lohnausgleich gewährt, der ab 1. Oktober für die ge« sernten Arbeiter 2 Mark pro Woche und für dos Fahr- personal 1,99 Mark beträgt. Weiter wurde vereinbart, daß die Urlaubsbezahlung in diesem Jahre noch nach der 48ftündigen Arbeitszeit berechnet wird und auch die Beihilfen zum Krankengeld nicht gekürzt werden dürfen. Als ausfallender Arbeitstag wurde der Mittwoch festgelegt. Dies« Regelung ist zwar keine hundertprozentige Erfüllung der Forderungen der Tariigewerkschaften, aber immerhin ein ansehn- lichcr Achtungserfolg. Die Gewerkjchasten im Berliner Braugewerbe haben durch diesen Abschluß jedenfalls den Beweis erbracht, daß es den Unternehmern sehr gut möglich ist, bei der �Verkürzung der Arbeitszeii einen Lohnausgleich zu tragen. Die Funktionäre der Brauereiarbeiter haben dieses Berhandlungsergebms, obwohl es sie nicht restlos befriedigte, angenommen. In der Mitgliederversammlimg des Bcrbandes der Nahrungs- mittel- und Getränkearbciter am Sonntag in Kliems Festsälen, wo über den Abschluß dieser Arbeitszeitbewegung ausführlich berichtet wurde, richteten die Genossen H o d a p p und Schmitz besonders on das F a h r p e r s o n a l die Mahnung, endlich die tariflich vor- geschriebene Arbeitszeit einzuhalten, damit nach dem Jnkrasttreten der 49-Stundei,-Woche auch wieder Brauereiarbeiter Beschäftigung finden können, die schon lange Zeit den Arbeitsnachweis bevölkern. Ganz unverhohlen wurde von ihnen auch zum Ausdruck gebracht� daß die Organisation in Zukunft gegen das U« b e r st u nd c n- unwesen mit Hilfe der Gewerbeaufsicht und der Staatsanwalt- schaft rücksichtslos vorgehen wird, selbst wenn dabei außer den Brauereibesitzern auch einniol einige überstundenwütige Berufsangehörige in Mitleidenjchast gezogen werden sollten. Feuerkamps aus der Treppe. Polizeibeamte erschießen einen Revolverhelden. heule früh wurde der 11 Zahre alle Baron Hans von heldreich, der in der weißenburger Slrohe 59 wohnie, von polizeibeamlen erschossen. nachdem er selbst durch eine Tür hindurch das Feuer er- öfsuet halte, um sich seiner Festnahme zu widersehen. Heldreich hatte am Sonntagabend eine Schankwirtschaft in der Weißenburger Straße 42 aufgesucht, geriet aber gegen 2 Uhr nachts mit dem Wirt in S t r e i t. Wie es heißt, konnte der Baron leine Zeche nicht bezahlen und der Wirt behielt deshalb sein Jackett als Pfand zurück. Heldreich war darüber sehr ausge- bracht und erging sich in schweren Drohungen. Wie später festge- stellt wurde, war er in seine Wohnung geeilt und hatte von dort einen Revolver heolt. Als er zu dem Lokal zurückkam, stand die Wirtin gerade in der Tür, und auf sie feuerte Heldreich. Die Schüsse gingen jedoch fehl. Während die Frau schnell zurückwich. gab Heldreich noch weitere Schüsse in die Lust ab und flüchtete dann. Vom Hof aus klettert« er durch«in Fenster in sein« Wohnung hinein. Der Gastwirt halte inzwischen die Polizei benachrichtigt und gegen G'A Uhr erschienen mehrere Polizeibeamte vor der Wohnung, um Heldreich festzunehmen. Auf ihr Klopsen wurde nicht ge- antwortet. Stait dessen schoß Heldreich durch die Tür. Da er nicht zu bewegen war, aufzumachen, gab auch einer der Beamten einen Schuß ab. Di« Kugel drang durch das Holz und dem hinter der Tür stehen- den Baron ins Her z. Die Verletzung war so schwer, daß er auf der Stelle verstarb._ Großfeuer am Kursürstendamm. Das Werk von Brandstiftern. Der gesamte V a ch st u h l des umfangreichen Eckhause» Droysenstraße 9 und küstrlner Straße ö. unweit des «urfiirstendammcs. wurde am Sonntag abend durch ein verheeren- de, Großfeuer zerstör«. Da die Flammen an drei verschiedenen Stellen zu gleicher Zeit aufloderten, hat sich der verdacht der Brand st istung verstärkt. Es ist in wenigen Togen der siebente oder gar achte Dachstuhlbrand, der im Berliner Westen zu ver- zeichnen ist. Die Feuerwehr rückte unter Leitung des Branddirektors P o z- dziech mit sieben Zügen und vier Leitern an und gab aus acht Rohren gewaltig« Wassermengen in die Flammen. Nach den bi,- herjgen Feststellungen dürfte es sich um B r a n d st i s t u n g handeln. da einer der Bewohner, der als einer der ersten Brandgeruch wahr- nahm, deutlich erkannte, daß da, Feuer an drei Stellen ausgebrochen war. Die Brandstelle war von zahlreichen Neugierigen umlagert, die von der Polizei in angemessener Entfernung zurückgehalten werden muhten, da die Feuerwehrleute bei den Aufräumungs- arbeiten das auf dem Boden lagernde Gerumpel auf die Straße warf, so daß der Bürgersteig bald von riesigen Schuttmassen und angebrannten Papiermengen übersät war. Die Aufräumungsarbeiten dauerten bis lang« nach Mitternacht. Auf dem Boden wurden neben anderen Gegenständen Explosiv st off«, wie Karbid und Magnesia, gefunden, deren Besitzer noch nicht festgestellt werden konnten. Der gesamte Straßenverkehr mußte stundenlang u m- geleitet werden. Die von der Feuerwehr zur Bekämpfung des Brande» gebrauchten ungeheuren Wassermengen haben in einigen Wohnungen schwere Verwüstungen angerichtet. Mehrere Zimmer mußten von den Mietern völlig geräumt werden. „Opernredoute." Eopitol. Ein Film au» der Welt, in der man sich angeblich nicht lang- weilt. Hosröte, Attaches, Minister und ander« vornehme Herr- schaften inszenieren gesellschaftliches Treiben aus der Wiener Opern- redout« und in Privathäusern. Da Hosräte auftreten, spielt wohl der Film trotz moderner Toiletten in der Vorkriegszeit. Es ist selbstverständlich, daß die Dome der Gesellschaft ollen Verführungen trotzt und wie ein strahlender Engel aus der Affäre heraussteigt, während das Kammermädchen die ihrer gnädigen Frau zugedachten Vergnügungen genießt. Die Verfasser, es sind drei, zeigten also das Leben, wie es der ewige Spießbürger sehen will. In den oberen Schichten der menschlichen Gesellschaft herrschen An- stand und Sitte. Man amüsiert sich dort nur auf harmlose Art und Weise. Von diesem moralisch» gesellschaftlichen Hintergrund feudaler Freuden löst sich«ine Handlung ab, die mit alten Lustspielmotiven auswartet. Die Dam« geht ohne ihren di« Diplomatie betreibenden Gemahl auf die Redoute und lernt dort einen Herrn kennen, der sich später als bester Freund de» diplomatischen Gatten präsentiert. Di« daraus entstehenden Verwicklungen sind nicht neu. erhalten aber durch N e u f e l d, Regie eine gewiss, Originalität. Nach einem langweiligen Auftakt kommt überhaupt Tempo in die Angelegen- heit Allerdings müssen Episoden füllen helfen. Liane Haid hat ihre künstlerischen Ansänge In„Schlagend« Wetter" und„Lady Hamilton" vergessen. Sie und P e t r o o i ch, der auch im Tonfilm überzeugend einen Frack trägt, können nicht einwandfrei sprechen. Die Stimmen kommen undeutlich heraus. Wie gesprochen werden muß, zeigt Maria Koppenhöser in einer kleinen Rolle. Glänzend Georg Alexander. 8ct>. Kranzens„Bluissreunde". Neuer Naziüberfall in Braunfchweig. Brounschweig. 27. Suli.(Eigenbericht.) Eine neu« feige Bluttat verübten vierzig Partei- freunde de» Herrn Franzen in dem brounschweigischrn Ort Langelsheim. Drei sozialdemokratische Funktionär« waren mit Plakatekleben beschäftigt, als sie hinterrück» von den ftazt» übersatten und niedergeschlagen wurden. Der Parteivorsitzende Hoppe erhielt acht M e s s e r st i ch e in den Kopf, außerdem wurde er am Unterkiefer schwer verletzt. Der Zustand de» Uebersallenen ist b e- sorgniser rügend. Dem Parteikassierer Schnute wurde das Nasenbein eingeschlagen. Auch der dritte Genosse ist schwer verletzt. Die Langelsbergcr Arbeiterschaft veranstaltet«ine große Protestkundgebung gegen dies« neueste Schandtat der Nazis. Damit die Nazis sich künftig auch in Preußen ebenso un- gehemmt gegen die Arbeiterschaft austoben können, tritt die KPD. für den faschistischen Volksentscheid ein! Eine rälsethaste Blume. Die seinerzeit von dem bekannten kali- fornischen Pslanzenzüchtcr Luther Vurbgnk angelegten Pflanzungen bieten den Botanikern immer noch«in« Fülle der eigenartigsten Naturbeobachiungen, da in jedem Lahr neue, noch von Burbank gezüchtete, der Wlssenschaft aber völlig unbekanni« Gewächs» aufsprießen. So wächst gegenwärtig dort»ine Blume, die allen Botanikern b!» jetzt e>n Rätsel ist und zunächst wohl auch bleiben wird, weil man in der Hinterlassenschaft Burbank» keine aus st« bezüglichen Angqben finden kann. Es handelt sich um«ine nelkenblütige. aber gang geruchlose Pflanze mit grasartigen Blättern. die im Laufe weniger Monate eine Höh« von fast zwei Meter er- reicht hat. Trotz allen eingehenden Untersuchungen waren die ameri- kanischen Botaniker bisher noch nicht imstande, die geheimnisvolle Blume zu bestimmen. Das System der Kürsorgeerziehung Alles muß an Haupt und Gliedern geändert werden Der Lüneburger Zürsorgeerziehungsprozetz hat eine Be- dculung weit über den engen Rahmen des Berliner Zürsorgc- wcsens hinaus. Viel weniger als das Urleil gegen den Direktor der Scheueoer Anstalt Straube und seine früheren Zöglinge interessieren die Oeffentlichkeit die ollgemeinen Probleme der Fürsorgeerziehung, die der Prozeß ausgerollt. Das Scheuener Schandmal. Man vergegenwärtige sich nach einmal das Bild der Scheuener Anstalt und man wird verstehen, daß die Schuld an den Scheuener Ereignissen nicht nur auf den Direktor Straube fällt, sondern vor allem auf die Zentrale der Berliner Fürsorgebehörde, das L a n d e s- f u g e n d a m t. Es wird eine Anstalt ins Leben gerufen, die bloß als Uebergangsheim gedacht ist, als landwirtschaftliche Station für junge Menschen, die mit einem Fuß draußen stehen und besonderer Erziehungsmaßnahmen nicht mehr bedürfen. Es gibt in der Anstalt keine besonderen Erzieher, sondern nur landwirtschastliche I n st r u k t 0 r c n: trotzdem werden hierher junge Leute geschickt, Psychopathen und schwer Erziehbare. Die zentrale Behörde denkt ober gor nicht daran, die Anstalt auch mit entsprechendem Erzieher- personal zu versehen. Direktor Straube, guter Organisator, aber kein Pädagoge, wird mit den Zöglingen nicht fertig, er greift zur körperlichen Züchtigung. Die zentrale Behörde wird davon in Kenntnis gesetzt. Straube erhält einen Verweis, die Kontrolle über die Anstalt wird aber durchaus nicht verschärft, es bleibt olles beim alten: es wird weiter geprügelt, es kommt zur„Meuterei". Die „revoltierenden" Burschen laufen beim ersten Schreckschuß ousein- ander, die„Meuterei" ist zu Ende. Es folgt unter Leitung Straubes die brutalste Mißhandlung der Zögling« durch die Kameraden. Einem Jungen wird der Schädel eingeschlagen, die anderen werden noch ihrer Rückkehr in der unglaublichsten Weise bearbeitet. In jungen Menschen, die zu geordneten Bürgern erzogen werden sollen, werden die hemmungslosesten Instinkte wachgerufen und kultiviert. Dos Wort Verbrechen der Fürsorgeerziehung erscheint nicht zu hart. Die Reformvorschläge der Arbeiierwohlfahri. Es soll nicht verallgemeinert werden. Es gibt genug Fürsorge- onstalten, in denen grundsätzlich nicht geprügelt wird. Um so schärfer sind Vorgänge, wie sie in Scheuen,'in Templin, in Rickling und in vielen anderen Anstalten gang und gäbe sind, zu verdammen. Um so schlimmer, daß die Verantwortung für die Ereignisse in Scheuen und in Templin letzten Endes auf das Landesjugendamt fällt. Um so schlimmer— weil die Arbeiterwohlfahrt seit Iahren für eine ent- schiedene Umgestaltung der Fürsorgeerziehung sich einsetzt und bereits im Mai 1929 Richtlinien zu dieser Umgestaltung veröffentlicht hat. Da werden Rechtsgarantien für die jungen Leute verlangt, die in die Fürsorgeerziehung gebracht werden sollen oder sich in dieser befinden. Der Ausbau des Beschwerderechts wird gefordert und die Erziehung des Willens, die Erziehung zur Verantwortung, zum Vsr- trauen in die eigene Kraft wird als oberstes Postulat hingestellt, ebenso wie die innere Bindung zwischen Erzieher und Fürsorge- zögling. Körperlich und seelisch verletzende Strafen wie Prügel, Arrest, Zwangsarbeit, Kahlscheren und Kostschmälerung werden als vollkommen unzulässig gcbrandmarkt. Die Kommunisten und sowjetrussische Fürsorge- erziehung. Die Kommunisten haben aus den Scheuener Ereignissen eine politische Angelegenheit gemacht: sie haben versucht, auf Kosten der Zöglinge, agitatorisches Kapital daraus zu schlagen. Und doch waren sie es, die bereits vor mehreren Jahren, anstatt auf Grund des ihnen zugegangenen Materials durch sachliche Kritik in den Stadtparla- menten und in der Presse sich für eine Beseitigung der Mißstände einzusetzen, in unverantwortlicher Weise die Fürsorgezöglinge zu Putschen aufgehetzt und dadurch ihre Lage nicht verbessert, sondern nur verschlechtert haben. Sie hatten es erreicht, daß man schließlich ihrer Kritik vielleicht an und für sich keinen Glauben schenkte. Wie wenig ernst sie zu nehmen waren, folgt schon aus ihrem bunt zu- fammengewürfelten Fürsorgeerziehungs-„Programm". von der Internationalen Arbeiterhilse aufgestellt. Sie forderte darin z. B., daß die jungen Menschen Koalitions-, Streik- und Vereinsrecht er- halten, daß in Jugendämtern bloß Betriebsratsdelegierte und der- gleichen mehr stimmberechtigt sein sollen, Acrzte und Lehrer nur be- ratende Stimme hätten: daß jeder Jugendliche, der Arbeitsmöglich- keiten nachweist, unverzüglich aus der Erziehungsanstalt entlasten werde, daß der entwichene Jugendliche unter keinen Umständen in dieselbe Anstalt zurückgebracht werden dürfe, und ähnliche Dinge mehr, die vollkommene Verständnislosigkeit offenbarten. Diese Forderungen aufzustellen war nur möglich, weil sie von der PraLis der Fürsorgeerziehung keine Ahnung haben. In dem einzigen Lande, in dem ihnen Gelegenheit geboten war zu zeige», was sie können, in Sowjctrutzland, haben sie aber in hohem Maße versogt. Die Zustände, die dort, selb st in den Moskauer An st alten, herrschen, sind mitunter noch viel schlimmer als die in Scheuen, Templin oder Rickling. Man lese nur in der kommunistischen „Jugendprawda" Nr. 169 vom Jahre 1929 den Artikel mit der Ueberschrist„Methoden der alten Gefängnisse im Arbeitsheim— Kindererziehung mit Stock und Revolvergriff": „Wir schlagen Alarm," heißt es da.„Das graue Gebäude des Moskauer Jugendarbeitsheims ist mit einem hohen Zaun um- geben, der mit Stacheldroht gesichert ist. Die Fenster haben eiserne Gitter, ringsherum bewaffnete Wache. Es klingt wie eine böse Ironie, wenn man das chaus Arbeitsheim nennt: in Wirklichkeit werden hier neue Banden von qualifizierten D i eb e n, Räubern und Einbrechern erzogen. Das ganze System dieses chauses führt dazu, daß der Jugendliche nach Rückkehr in die Freiheit seinen alten Gewohnheiten nochgeht. Beim Betreten des chouses stößt man unmittelbar auf einen bewaffneten Aufseher mit einem langen dünnen Stab. Stab und F a u st, mitunter auch der Griff des Revolvers sind die einzigen Methoden der Arbeitserziehung der minderjährigen Verbrecher. Gerade im Augenblick liegt im Lozo- rett ein Junge mit verletzter Wirbelsäule: das ist eines Aufsehers chande Arbeit." Also Zustände, weit schlimmer als in Straubes Scheuen. Damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, daß es nicht auch in Sowjetruß- land mustergültige Anstalten gäbe: es' gab sie aber bereits im zaeisti- fchen Rußland, insbesondere in Moskau und im damaligen Petrograd. Wohlfahrtsministerium und Erzieherpersonal. Die Sozialdemokratie hat nichts zu verheimlichen und Hot keinen Grund, die Zustände, wie sie in Scheuen herrschten, auch nur irgend- wie zu beschönigen. Diese Zustände sind verdammenswert und sollten eine Mahnung sein, die Forderungen des 5)auptausschuises für Arbeiterwohlfahrt Wirklichkeit werden zu lassen. Diese Forde- rungen haben zum Teil ihren Niederschlag auch in dem letzten Erlaß des preußischen Ministers für Volkswohlfahrt über die Fürsorge- erziehung gesunden. Ein trauriges Bekenntnis ist es, wenn es ein- gangs im Erlaß heißt, Vorkommnisse aus neuerer Zeit zwängen zu der Feststellung, daß einzelne Anstalten infolge der Unzulänglichkeit ihrer erzieherischen Kräfte gegenüber den sich immer schwieriger ge- staltendcn Aufgaben der Fürsorgeerziehung versagt haben. Daraus wird die Pflicht hergeleitet, mit gesteigerter Aufmerksamkeit darüber zu wachen, daß die Erziehungsheime ausnahmslos den an sie zu stellenden Anforderungen Genüge leisten. Diese Forderung, die sich so schön anhört, wird aber nicht mehr als ein frommer Wunsch bleiben, wenn nicht das Uebel an der Wurzel erfaßt wird. Und dieses Uebel heißt: mangelhafte zentrale Leitung, u n z u l ä n g- liches Erzieherpersonal. Solange die Fürsorgeerzrehung sich mit sogenannten Erziehungsgehilfen begnügt, die etwa 299 bis 250 Mark monatlich erhalten, so lange diese Erziehungsgehilfen Mensche» sind, die von Erziehung nichts verstehen und diesen Berus nur ergriffen haben, wie man jeden anderen auch ergreist, kann von einer Sanierung der Zustände in den Fürsorgeanstalten keine Rede sein. Die besten pädagogisch vorgebildeten, und ausreichend bezahlten Erzieher müssen für die Anstalten gerade gut genug sein und dürsten dem Staat letzten Endes billiger zu stehen kommen als das jetzige Erzieherpersonal, das vollkommen unfähig ist, die jungen Leute das werden zu lasten, was sie sein müssen, damit sie nach Rückkehr in das selbständige Leben ihre Mitbürger und sich selbst nicht schädigen. I.cc> Rosenthal. Eine Mahnung an die Studenien. Bei der Gründungsfeier der Universität hielt der Geheime Konsistorialrat Professor E). T i t i u s eine Ansprache, die sich namentlich die Hakenkreuzstudenten hinter das Ohr schreiben sollten. Er betonte, daß die politischen und wirtschaftlichen Macht- mittel des Staates ausgeglichen werden sollen durch die Pflege der geistigen und moralischen Kräfte des deutschen Volkes. Dieser Grund- gedanke gelte troll aller Unterschiede der politischen Systeme und der Ueberzeugungen und verpflichte Lehrer und akademische Jugend, mit allen Kräften dahin zu streben, daß die Ehre des deutschen Namens auf dem Gebiete der Wissenschaft aufrechterhalten und gestärkt werde. Der Universitätsrcktor Dr. D e i ß m a n n bezeichnete bei der Preisverteilung den wissenschaftlichen Gewinn als„Mittelernte". Wir dürfen hinzufügen, daß vielleicht der Ertrag bester gewesen wäre, wenn nicht die Studenten des Hakenkreuzes die Ehre des deutschen Namens, u mmit Geheimrat Titius zu sprechen, und die Möglichkeit zu ernster akademischer Arbeit durch Skandal und Ra- dau beeinträchtigt hätten. Rückschau. Von den Salzburger Fe st spielen wurde Rossinis „Barbier von Sevilla" übertragen. Solisten und Chor»er Mailänder Skala und die Wiener Philharmoniker, vereint unter dem Dirigenten Arturo Lucon, brachten das Werk zur Auf- führung. dos an eine große Anzahl europäischer Sender weiter- gegbcn wurde. Die Kunst bleibt glücklicherweise international, wenn man auch mit großen und kleinen Mitteln die Grenzen der Länder immer wieder abzuschließen versucht. Trotz all der emp- findlichen Uebertragungsmängel, die gelegentlich den Genuß beein- trächtigen, wurde es für die Hörer der Funkstunde ein sehr schöner Abend. Eine Einfühning in die Oper wollte Hans Gutmann geben: leider brachte er n»r einen historischen Rückblick. Der von Schallplatten ergänzte Vortrag war kurzweilig und lehrreich: zum Verständnis der Musik trug er kaum bei. Die Fachausdrücke, mit denen Gutmonn umherwarf, sagen denen nichts, die eine Einführung am nötigsten hoben, um der Oper mit Genuß folgen zu können. Nicht die Inhaltsangabe kann dazu verhelfen, sondern nur eine wirk- liche Einsührung in die Musik, ein Hineinführen in ihre Gefühls« und Ausdruckswerte. Von deutschen Siedlern in Kanada erzählt« Karl Möller. Kanada scheint heute vielen noch das Land zu sein, in dem der Einwanderer sich leicht eine sichere Zukunft bauen kann. Möllers Bericht zeigte den Leidensweg derer, die ohne größere Mittel herüberkommen. Lapd bietet sich ihnen anscheinend ohne große Schwierigkeiten: aber Arbeitskräste sind für den kleinen Farmer zu teuer und die Absatzmöglichkeiten sind schlecht. Viele müssen den Boden, an dessen Bewirtschaftung sie ein oder auch mehrer« Jahre hindurch alle Kräfte gesetzt haben, wieder im Stich lassen und arbeitsuchend das Land durchwandern. Der Landfremde hat es dabei besonders schwer: für ihn gibt es meist nur die härteste, am schlechtesten bezahlt« Arbeit. Des. Montag, 27. Juli. Berlin. 16.00 Aus Opern.(Alfredo Rubino, Bariton; am Flügel:.T. Burirer.) 16.25 Klaviermusik von Scott, Dohnanyi u. Liapunow.(Maria Koerfer, FIüjcI.) 17.00 Alte Waffen im modernen Sport.(Geors Skusa.) 17.20 Dr..T. E. Poritzky; Die Krise der geistij Schaffenden. 17.45 Unterhaltungsmusik. 1S.30 Erich Frey liest eigene Erzählungen. 18.55 Dr. Max Osbom: Von der bildenden Kunst. 19.05 Dr. Monty Jacobs: Bernard Shaw. 19.25 Mitteilungen des Arbeitsamtes. 19.30 Tanzabend. 21.20 Tages- und Sportnachrichten. 21.30 Queens Hall, London: 9. Musikfest der Internationalen Gesellschaft für •"Neste MiÄfk. Sinfonie-Konzert." Dirigenten: Gregor Fitelberg. Constaht Lambert,. Alfred CaseH*. 1. Dukelsky: Sinfonie Nr. 2. 2. Constant Lambert: Musik für Orchester., 3. George Gershwin: An American dn Paris. fFür Klavier und Orchester.)(B. B. C.-Sinf.-Orch., Leiter: Arthur Cateral.) 22.15 Wetter-, Tages-, Sportnachrichten. Abendunterhaltung. Königswusterbansen. 17.00 William Wauer: Arbeitsunterricht. 17.30 Purccll, ein Klassiker der englischen Musik. 18.00 Dr. Parpcrt; Mönchium im Protestantismus. 18.30 Dr. Nikolaus Feinberg: Bücher über Rußland. 15.55 Wetter für den Lapdwirt. 19.00 Prof. Dr. Paul Günther; Alchemic und moderne Chemie. 19.25 Gartenbauinspektor Nicolaisen: Die Anpassung des Gemüsebaues an den Bedarf. 20.00 Königsberg: Carl Maria von Weber. 20.45 Felix Stössingcr: Das Kinderelcnd in Rußland. Weller für Berlin: Wechselnd bewölkt und kühler, strichweise etwas Regen, mäßige westliche Winde.— Jüt Deutschland. Im Süden des Reiches heiter, teils bewölkt und vorwiegend trocken. Im übrigen Reich veränderliches und kühles Wetter mit einzelnen Regenfällen. Bcrantwortl. für d>e Redaltion: StxitU 8cpcte, Bcrlia: Än, eigen: Ib. ffilodt. Berlin. Verlag: Lorwiirt» Verlag Theater, � Lichtspiele usw. Deotimes Miel 8 Uhr Der Dauptmann von KOpenldi V. Carl Zuckmayer Regit; Heinz Hilgert Die Komödie Täglich S'/s Uhr mens! am Kunden eon Ciul Bois und Hai Hainen Regie: Hans Deppe Rletropoi-Iiieater Täglich 8>i, Uhr Die Toni aus Wien Mady Christians. Michael Bohnen RnrlOrstendamm- Tdeater Bismarck 448/49 |jlV�UhrJ Die schöne Helena von lacqaei Ollenhndi Bepls: Mm Relnhnrdi Komiscne oper Frledrichstr. 104 m Uhr Frauen haben das gern... Musikal. Schwank ton Arnold Musik v. Walt. Kollo Sommerpr. 0.50- 7.00 B.15 Uhr Flora 3434 Raudien erlaubt Balleii Eduardowa, 10 Brox, dRicfay», Mary-Erik-Paul onr. S 8 enorm billige Damenmäntel-Tage Ein Pocica SommcrmXBicl, dir. 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Juli im Filmpalast Baumschuienweg, Berlin- Baumschulen weg, Baumschulenstraße 78. s TOTTERN Dauerheilung.Eig.grundlegendes Verlahren. Ausk 4-7, Prosp. frei. Fafflinstltm Naeftei, Berlin, Ddhimannsir. 24(KorMnlenlaniui) 2-Zimmor-Hauszinssteuer-Neubauwohnungen mit Bad und Balkon, Zentralheizung, Warmwasser, ZentralwaschkUche, ca. RM. 60.—, ohne Heizung, zum 1. September 1931 oder später SdBillenpar K; 2-, 8'/,- und 3-Zimmer-Wohnungen, teils mit Ofenheizung, ca. RM. 63.— bzw. 88.—, 97.—, ohne Heizung, zum 1. Oktober 1931, eventl. auch früher zu vermieten Mit and ohne WohnberecfaligangtedieiB:: Amkanii crtelli: Berlinder Spar» und Bauwereln e.G.m.b.K. Charlottenburg 9, Knobclsdorffttr. SS:: Tel.: Westend 3584, 2797 FQr Tempelhof: Tempclbof. T.nkredefr. 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Im Auto raste man den Kurfllrstendamm entlang, um Bekannten die neueste(erfundene) Panikmeldung zuzuschreien. Jeder Bank- oder Börsenmensch war ein fjerd wildester Gerüchte. Mehr als in irgendeinem Teil Berlins wurde in den ersten Tagen der Krise am Kurfürstendamm wild aufgekauft, um das Geld schnell anzulegen. Ein Möbel- und Teppichgeschäft sogt, daß es seit Jahren kein solches Geschäft gemacht habe wie in den ersten Tagen der Krise. Auch ein Juwelier reibt sich bie chände und ist mit dem Umsatz am 13., 14. und 13. Juli sehr zufrieden. Ergrissen von der Jnslationsangst, kaufte man für das ganze verfügbare Geld Wertsachen. Dann kam der Rückschlag: man erkannte, daß von Inflation keine Rede sei, und jeder begann das übrig ge- bliebene Geld doppelt stark festzuhalten. Auf einmal dachte am und um den Kurfürstendamm herum niemand mehr daran, seine Rech- nungen zu bezahlen! Die Geschäfte im Westen klagen, daß ihre Kunden, obwohl sie trotz der Banksperre genug Bargeld haben, nicht daran denken, auch nur eine Mark aus der Tasche zu nehmen. Jeder behauptet, ein unglücklicher Danatbankkunde zu sein! Wenn die Danatbank wirklich so viel Kunden hätte, wieviel Menschen jetzt behaupten es zu fein dann könnte sie nie pleite gehen! Bielen ist die Banksperre eine sehr willkommene Ausrede. Aber immer mehr Geschäfte gehen dazu über, Schecks anzunehmen. 60 Proz. der Geschäste sollen sich jetzt mit Schecks abwickeln. Luch Donatschecks werden sehr gern angenommen. Viele Geschäfte am Kurfürstendamm sagen, daß die Leute, vor allen Dingen die Frauen, mit Schecks leichter und mehr beim Ein- kaufen ausgeben als mit Bargeld. Man hofft, daß die Kunden ein gutes Gedächtnis für die Größe ihres Bankkontos haben! Augenblicklich herrscht eine völlige Stagnation des Geschäfts- lebens. Je größer das werte Konto in der Schweiz, desto ängstlicher wartet man die Entwicklung ab. Einige ganz aus dem Häuschen geratene Börsianer begannen kürzlich sogar über die Banken in der Schweiz wilde Gerüchte los- zulassen. Da konnte man denn beobachten, wieviel ehrenwerte Staats- bnrger und Patrioten bei diesem Gerücht einen kleinen Herzfehler bekamen... Ileberhaupt merkt man die Unruhe der Kapitalinhaber nirgends so deutlich wie auf dem Kursürstcndomm, dieser Straße, auf der tzm sonst, nur Augen für die vorbeipromenierenden Frauen hat. -Heute dagegen steckt seder- seinen Kops in die Zeitung, und Herren, „�ie sonst um diese Zeit ihr� Bäuche in Waricnbad spazieren trogen, lü'den auf dem Kurfürstendamm Dcbattierklubs. Jeder der Herren Generaldirektoren suhlt sich verpflichtet, der Regierung„nationale" Ratschlage und gute Lehren zu geben. Deshalb find auch die Cafes voll. Ueberall wird diskutiert. �National« Diktatur" ist dos dritte Wort zwischen den Mixturen. Siegesbewußt schlägt man sich an die Brust(Brieftasche!), bis wieder ein Makler ins Cafe rennt und flüsternd einige geheime Kurse mitteilt, worauf die Clique wie ein aufgeschreckter 5)ühnerhaufen auseinanderläuft... Geheimer Devisenverkehr ist nicht zu bemerken.„Dollar gefällig?" hört man nicht wie einst auf der Straße. Die Herren Devisenraffer arbeiten aber doch! Wenn auch in kleinerem Umfang und mit neuer Methode! Bekanntlich führen die amerikanischen Reisebüros Adreßbücher von in Berlin wohnenden Amerikanern. So ist es den Devisen- raffern möglich, Adressen von Amerikanern zu erfahren, die sie dann mit telephonischen Anrufen bestürmen:„Kann ich bei Ihnen Dollars kaufen?! Zahle den Kurs von..." Der Touristenverkehr aus USA. ist gar nicht abgeflaut. Auch aus dem übrigen Ausland treffen die Reisenden normal ein. Da- gegen ist der Verkehr aus Deutschland ganz lahmgelegt. Aus Berlin z. B. fährt augenblicklich niemand ab. Der Leiter des größten Reise- biiros schildert den deutschen Reiseverkehr in vier Worten: „Es ist alles tot!" Die Kunden aus dem Westen hoben schon bestellte Reisen ab- gesagt, auch wenn sie das Geld schon zur Verfügung hatten. Auch Reisen versucht man mit Schecks zu bezahlen, um nur das Bargeld nicht aus der Tasche zu geben. So verzichten viele auf die Reise und bleiben in Berlin. Aus diesem Grunde stellen viele Cafes ein gutes Geschäft fest. Die sonst große Abwanderung in der Ferienzeit ist nicht emgetrosfen. Auch Kabaretts können nicht klagen. Man scheint trotz des großen Bargeldhunoers für das eigene Vergnügen noch immer etwas ansetzen zu können: man geht ins Kabarett und seufzt über die Kata- strophe. Es ist bei den Herren Kontoinhabern mit über sechsstelligen Zahlen ja nicht erst seit gestern modern, zu jammern. Wahrhaftig, das Kapital ist mit all seinen Fehlern international! Kürzlich schrieb, wir sagten es schon einmal, ein amerikanisches Blatt: „Ein satter Börsianer jammert lauter als hundert hungrige Arbeits- lose." Das kann man jetzt auch auf Berlin anwenden: denn wirklich: ein Herr aus dem Westen mit Konten in der SchweizmachtmehrPanikalshundertHungrige!" fi.H.lftosiar* ClßetgCauße des& Der Astarteglauben wurde vom Zeusglauben überwunden. Der Zeusglauben wurde vom Jahweglauben übertroffen. Den Jahwe- glauben besiegte das Christentum. Ob Aufklärung und Frei- denkertum je das Christentum überwinden werden, weiß man nicht. Eines aber weiß man, nämlich dies, daß nur ein einziger Glaub« ewig ist. Das ist der Aberglaube. Bewciskrästige Zeugen aus unserem neunmalklugen, errungen- jchaftsreichen, volksbildendcn 20. Jahrhundert: die Bäuerin aus Wiescnburg, 11, Stunden vor Berlin, die Köchin aus Weimar, der Henker oder richtiger die Kontrollmädchen von Prag und die Studentin von Jaisy in Rumänien. Nur eine kleine und zufällige Auswohl, versteht sich— was eben der Tag bringt... Beginnen wir mit der Bäuerin von Wiesenburg, weil wir das so schön nahe haben. Sic begräbt ihren Mann, diese Bäuerin. Wie sich'? gehört: mit Pforrerrede und Leichenschmaus und so. Aber eins hat sie doch unterlassen, eben des Herrn Pfarrers wegen, der darin so komisch ist: sie hat dem Toten keine Wegzehrung mitgegeben, kein Brot, kein Geld. Mithin wird er auf dem Wege zum Himmel verhungern, und selbst, wenn er es doch schafft, er hatte ja immer eine so zähe Natur, ihr Seliger— selbst dann wird er oben das Entree nicht bezahlen können. So hat man sie's gelehrt, nicht in der Schule, sondern, wo? viel wirksamerHst, heimlich aus Großmutter? Munde in der Ofenecke: so lehrt man es feit etlichen tausend Jahren, die letzten tausend davon ist man allsonn- täglich in die Kirche gegangen, hat's abgebüßt und dann weiter ge- lehrt, denn was man weiß, weih man. Und nun bedrückt es natürlich die Bäuerin, daß sie es trotzdem unterließ, und pe. suchte sich ihren KuMmer zu erleichtern, indem sie davon erzählt. Run, wo ein Leidtragender ist, da ist auch ein Tröster, wenn auch nur in Gestalt eines begriffsfixen Handwerksburschen, der durchwandert und in der Kneipe von der Sache hört. Er suchte die Witwe auf: das liehe sich schon noch einrenken, nur daß es jetzt selbstverständlich etwas teurer sei: ober dreihundert Mark, um Mitternacht niedergelegt am Grabe des Entschlafenen, würden ausreichen und bestimmt von dem Toten oder seinem Schutzengel abgeholt werden. Die Bäuerin trak- tiert den Heilsbringer reichlich mit Bier und Brot und Geld und bringt, zitternd, um Mitternacht die dreihundert Mark zum Grab«. �"mußLvcmemsui*(f$Cui vctgosscH fraßen? Diese überaus delikate Frage halte jüngst das Arbeitsgericht in Potsdam zu entscheiden. Ursache des Rechtsstreites war ein Inserat aus dem„Völkischen Beobachter" folgenden Wortlauts: Fememörder, infolge Erfüllungspolitik und JDoung» Knechtschaft arbeitslos, sucht Arbeit in national gesinnter Familie. Vielseitige Vorbildung, Führerschein usw. usw- Die» Inserat los der pensionierte General Graf von C.. Pots- dam, als er gerade nach einem D>«ner und Chauffeur Ausschau hielt. Hier stieß er aus den richtigen Mann. Er ließ sich den Inserenten kommen und nahm ihn ohne Bedenken in sein« Dienste, weil es ihm, wie er sich vor Gericht ausdrückte, besondere Genug- tuung bereitete, bei Tisch von einem Manne dedient zu werden, an desien Händen Berräterblut klebte. Länger« Zeit verlief das Dienstverhältnis zur beiderseitigen Zufriedenheit. Der Feme- mörder, in Zivil Bruno S. geheißen, genoß im Haus« des Generals «ine Bertrauenxstellung. Bei der anerkannt nationalen Gesinnung des Generals konnte die Stellung des Dieners nichts erschüttern, bis von einer ganz verwarteten Richtung her die Katastrophe nahte. Anläßlich eines Regimentstage« hatte der General einen früheren Offizier ein- geladen, der in der Schwarzen Reichswehr als Mitglied der „Tscheka" um Oberleutnant Schulz und als Anstifter mehrerer Mordtaten gegolten hatte, wenngleich sich seine Schuld vor Gericht niemals hatte klar erweisen lassen. Der General, dem der Gedanke des unvermuteten Wiedersehens zwischen seinem Gast und dessen ehemaligen Untergebenen besondere Freud« bereitete, wollte die Ueberraschung vollständig machen: Er setzte weder Gast noch Diener in« Bild. Pünktlich erschien der Leutnant zum Mittagessen, bei dem Bruno S. wie gewöhnlich austrug. Der Graf wartete gespannt. Der Leutnant löffelt« seine Suppe mit gutem Appetit, verzog aber kein« Miene. Offenbar hotte er den von hinten servierend«» Bruno S. gor nicht bemerkt. Nun aber kam die geheiligte Zeremonie des Weineinschentens. bei der sich der Diener tief zum Gast herabbeugte, um ihm die Frage ins Ohr zu flüstern:„Trinken Herr Leutnant weiß oder rot?" In diesem Augenblick wendete der Leutnant den Kopf, schaute Bruno S. voll ins Gesicht und sprach mit träumerischem Zungen- schnalzen:„Rot." Sonst nichts. Enttäuschtes Erstaunen des Ge- nerals. Nachdem der Diener das Speisezimmer verlosten hatte, beugte der Gastg«b«r sich zu dem Leutnant und raunte ihm die Frage ins Ohr:„.Herr Leutnant, haben Sie«den nichts gemerkt?" Worauf der Leutnant schwieg. Ehe der Graf weiterforschen konnte. kam der Diener zurück und serviert« den Braten. Der Graf spannte wie vor einem Wildwechsel, aber es geschah wieder nichts, worauf der ungeduldig gewordene Gastgeber noch«indringlicher flüsterte:„Merken Sie denn wirklich nichts, Herr Leutnant?" Der Leutnant sah verlegen von seinem Teller auf und verneint«. Da explodierte der Graf. Bruno S. wurde peinlichst mit dem Leutnant konfrontiert und— siehe da— es stellte sich heraus, daß man einen Schwindler vor sich hatte, der niemal««inen Feme- mord begangen oder einer Mordkommission angehört hatte und auch sonst gänzlich unbefleckt von Menschenblut war. Worauf der Graf Knall und Fall diesen hochstaplerischen Halunken aus dem Hause warf und sogar Betrugsanzeige gegen ihn erstattete. Diese hatte allerdings keinen Erfolg, Die ZNeine Strafkammer nahm zugunsten des Angeklagten Bruno S. an, daß ihm eine Vermögens- schädigung seines Arbeitgebers nicht ins Bewußtsein gedrungen sei. da es immerhin ein außerordentlicher und nicht sofort erkennbarer Umstand ist, wenn jemand Wert darauf legt, bei Tisch von blut- befleckten Händen bedient zu werden. Dies freisprechend« Urteil ermutigt« den entlass«nen Diener nun seinerseits, den General vor das Arbeitsgericht zu zitieren und ihn, so sehr dieser sich auch üb«r die bodenlose Frechheit entrüstete, aus Gehalt und Derpslegungsgeid für die Kündigungszeit zu vcr. klagen. Der Kläger machte geltend, daß er tatsächlich einige Wochen im Jahre 1923 bei der Schwarzen Reichswehr gewesen sei. Wenn er auch dort keinen Menschen getötet hätte, so sei er doch einmal zur Absperrung eines Waldstückes abkommandiert worden, was möglicherweise als Beihilfe anzusehen sei. Denn man habe nachher gemunkelt, daß in diesem Wold eine Leiche verscharrt worden wäre. Hieraus entnehme er für sich die Berechtigung, sich als Fememörder zu bezeichnen. Da diese Angaben de« Klägers vom General Graf C. nicht widerlegt werden konnten, so drehte sich der Rechtsstreit hauptsächlich um die Frage, ob eine, nur ggnz. lose mit der Mordtot zusammenhängende Tätigkeit, wie. die Absperrung eines Waldstückes, dos Recht verleihe, den Titel„Fememörder" zu führen. Da- Gericht vertagte schließlich die Berhandlung und beschloß, in einem neuen Termin den Gauleiter der NSDAP-, Oberleutnant Schulz, als Sachverständigen über die Frage zu hören: Hat da« Zlnrecht aus die Bezeichnung Fememörder nur der un- mittelbar oder auch der mittelbar—' und falls ja, bis zu welchem Grqde— am Morde mitwirkend« Angehörige der Schwarzen Reichswehr? Richtig: jemand brüllt ein gespenstisches Huhu, eine weißumflatterte Gestalt stürzt auf die Schreiende los, entreiht ihr die dreihundert Emm Wegzehrung plus Himmelsentrec und verschwindet land- straßenwäcto.... jndeß die Bäuerin, innerlichst beruhigt, nach Hause geht und in Frieden Witwe ist— hinfort. Also geschehen anno 1931, es ist wirklich kein Druckfehler, verdammt nahe bei Berlin. W e i m a r ist auch nicht so sehr viel weiter. Dort lebten Goethe, Schiller und andere aufgeklärte Geister, doch ist das hundert und mehr Jahrs her, jetzt jedenfalls lebt dort Herr Exminifter Frick und die Köchin Emilie. Diese Emilie erlebte eine ebenso wirre wie erschröckliche Geschichte. Sie hatte Verkehr mit einem Herrn, sie überwarf sich mit dem Herrn, der Herr erklärte, er werde der Dienstherrschaft Emilien? allerlei für Emilie peinliche Mitteilungen machen. Nun hatte der Herr aber einen Bruder namens Schorch, und dieser Schorch erbot sich, alles wieder ins rechte Gleis zu drin- gen. Nämlich es gäbe da eine heimliche Loge, die habe es sich zum Ziel gesetzt. Bedrängten zu helfen und Schuldige zu strafen. Diese Loge werde den Herrn und Bruder vier Tage lang einsperren und dann ein Todesurteil über ihn fällen, und dos werde unnachsichtlich vollstreckt, wenn der Verurteilte der Dienstherrschast irgendwas zu- trogen sollte. So einfach war die Sache, so einfach ging das zu machen, dank Schorsch, und Emilie atmete aus und zahlie, nämlich 40 Mark für die Bemühungen des Logenkassierers und weitere 40 Mark Beitragsgeld, denn sie wurde natürlich in die Loge auf- genommen. Jedoch Emilie war keine von den ganz Dummen, oh nein! Sie wollte auch was haben für ihr Geld, sie wollte auch mit in die' Löge genommen werden, zu den geheimen Sitzungen! Und Schorsch sagte nicht nein. Er hatte das nicht nötig, denn es fließt- ein Bächlein durch Weimar, in einem unterirdischen Gang. In diesen Gang, allwo es kühl und feucht war, führte er Emilien: dies fei der Eingang, und er wolle bloß eben mal sehen, ob die Loge offen wäre. Er verschwand und erschien bald wieder, bekleidet mit Tolar und Maske und in Händen haltend eine brennende Kerze und sprechend mit tiefer Stimme— und, Sie werden es mir nicht glauben, aber es ist gerichtsnotorisch, und Emilie erkannte Schorsch nicht... Und sie ließ sich von dem Unheimlichen ihr, sowohl, ihr eigenes Todesurteil vorlesen, das werde in einer Viertelstunde voll- streckt werden, wenn sie nicht-- also, wozu viele Worte: in dieser Beziehung war kein Unterschied zwischen Wresenburg und Weimar, es kostete auch hier dreihundert Mark. Nur wurde der Köchin, dem modernen Prinzip des Dienstes am Kunden folgend, verstattet, ihr Todesurteil auf Stottern zu verhindern: sie zahlte zin- verzüglich 20 Mark an und versprach schriftlich weitere Raten zu 30 Mark. Sie würde auch heute noch zahlen, wenn nicht die Herr- schast was gemerkt und Schorsch hinter Schloß und Riegel gebracht hätte: die Herrschaft hing an Emilie, denn, nicht wahr, trotz Schorsch und Loge und Todesurteil auf Stottern: Emilie kocht gut... und schließlich hat ja auch eins mit dem anderen nichts zu tun____ Weiter auf unserem Streifzug durch den Aberglauben des zwan- zigsten Jahrhunderts, diesmal, damit unser Nationolgesllhl nicht fortgesetzt oerletzt wird, ins Ausland, nach Prag, und vom Pseudo- Henker Schorsch zum richtigen Henker Herrn Franz Broumarski— und damit wird's denn etwas ernster, wird die Komödie zum In- serno echt Prager, fast Meyrinkscher Art. Franz Broumarski näm- lich wurde kürzlich vom Amt suspendiert, weil er in seiner Neben- stellung als Akquisiteur einer dortigen Firma Gelder in Nachtlokalen unterschlagen hatte. Und dabei stellte sich ein weiterer Geschäfts- zweig des Henkers heraus— er pflegte den Strick, mit dem er die jeweils fällige Exekution vorgenommen hotte, in kleine Stücke zu zerschneiden und Stück für Stück an die Prager Kontrollmädchen für teures Geld zu verkaufen, denn dos, nicht wahr, das weiß doch jede Frau, das bringt Glück____ Es brachte Tod, aljo wird es nun Glück bringen: Logik, die fünfhundert Jahre alt ist, aufbewahrt im Gedächtnis der Dirnen, ausgenützt noch immer vom Henker, der Strick wandert, die Zeit steht still: noch immer wird gehenkt, warum sollte nicht auch immer noch Gespensterglaube herrschen? Es ist nicht einzusehen, wirklich nicht einzusehen---- Es herrscht ja auch der Glaube an das Wahrsagen noch, an des Wahrsagen aus Karten, Bibeln, Schlüsseln, Kasfeesatz. Stirnen. Händen und Zehen, Sternen und Schriften, das alles will sogar Wissenschaft werden. Man sollte die Opfer einmal zählen, die dieser Glaube kostete, alle die Lebensschwachcn, die durch düstere Prophe- zeiungen vollständig erledigt werden, die eine in sich müßige Neu- gier(denn was macht das Leben lebenswert, wenn nicht dies, daß wir seinen Verlauf nicht kennen')— die solche ebenso sinnlose wie verständliche Neugier bitter bezahlen müssen! Es ist merkwürdig, daß nicht oft Rache genommen wird an den Prophezeienden, wie es von den Tyrannen des Altertums so oft berichtet wird— und wie es jene Studentin inJassy tat, der eine Wahrsagerin pxophe- zeite, ihr Bräutigam werde sterben. Die Studentin zog in jäher Wallung einen Revolver und schoß die Wahrsagerin nieder. Sie sieht, im Gefängnis sitzend, ihrer Verurteilung entgegen, ein Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschast. ihres Aberglaubens— und des Unfugs, der all das ausbeutet.— Wie gesogt: da» alles ist nur«ine kleine, zufällige Auswahl. Jede Woche bringt eine neue. Denn es. ist nur ein Glaube ewig: der Aberglaube. !Bez>lzz2 sendei; VcIksveTsländnisMiadVölkerveFsländnia Man dürste nicht zu hoch greifen, wenn man annimmt, daß weit über 90 Prozent aller Höier nur die Darbietungen„ihrer" Senver, d. h. der nächsteelegenen Rundfunkstationen, empfangen. Selbst wer die Mittel besaß, um sich ein stärkeres Empfangsgerät als«inen normalen Dreiröhrenapporat anzufchasfen, beschränkt sich häufig auf eine kleine Auswahl von Stationen, die er stets klar und einwandfrei in den Apparat bekommt, und die ihm vor allem dazu dienen müssen, seinen Bedarf an mehr oder weniger künstle- rischer Unterhaltung zu decken. Nur eine geringe Anzahl von Hörern hat die Möglichkeit und das Verlangen, entlegene Stationen einzufangcn, und von diesen sucht wohl der größere Teil die lieber- brückung der räumlichen, nicht der geistigen Entfernung.. Vielen kommt das Gefühl der geistigen Entfernung überhaupt nicht zum Bewußtsein. Jede Sendung, die ihnen in den Apparat kommt, be- oder perurteilen sie. als sei si« an sie persönlich adressiert. Es ist eigenartig und doch sehr natürlich, daß die Stimme des Rundfunkmikrophons, die weittragendste Stimme, die je in der Welt erscholl, jeden einzelnen ihres Publikums die Mithörer vergessen lassen kann. Der Mensch, der in seinem Zimmer den Worten oder Klängen lauscht, die aus seinem Lautsprecher strömen, muß sich um so deutlicher als Mittelpunkt ihrer geistigen Welt sühlen, je enger sein eigenes Weltbild ist. Mit einer naiven Kritik wird er zu jeder Darbietung und ihrem Kulturkreis Stellung nehmen und das ihm geistig Fremde und Ferne überheblich oerspotten oder ablehnen. So wird dieser Hörertyp, welche Länder und Erdteile auch immer in den Klängen in seinem Zimmer schwingen> mögen, stets nur„sein" Programm heraushören. Die, denen der Rundfunk wirklich die Welt erschließt und ossen» bart, stellen zweifellos heute eine kleine Minderheit dar. Die Funk- Programme versuchen zwar mit einzelnen Darbietungen den Kreis dieser bewußten Radiohörer zu erweitern, aber doch nur in recht vorsichtigem Ausmaße. Sehr viel weiter als bis zum Verständnis des eigenen und des befreundeten Nachbarvolkes liegt das Ziel ihrer Hörererziehung nicht. Der arme Pegasus, der mit gebundenen Flügeln über die Aecker seines zufälligen Besitzers den Pslug ziehen mußte, hat im Rundfunk einen späten Bruder bekommen. Wird dieser Bruder auch noch einmal fliegen lernen? Menschen- und Völkerverständigung durch den Geist des Rund- funks, so sehr sie möglich ist, blieb bis heute mehr als ein frommer Wunsch, selbst innerhalb de» eigenen Volkes. Die einzelnen Sender versuchen zwar, Veranstaltungen auszutauschen oder auch selber zu bringen, die entlegene Landesteile ihren Hörern naherücken. Aber sie haben darin selten eine glückliche Hand. Was sie auswählen, ist oft hübsch und wirksam gedacht! nur— dem Ohr des Hörers stellt es sich nicht so dar. Beliebt war bei der Funkstundc, und wahrscheinlich auch bei anderen Sendern, die Uebernahme von heiteren Abenden aus den verschiedensten Gegenden des Landes. Allmählich scheint man hier allerdings zu der Erkenntnis gekommen zu sein, daß nur sehr selten daraus für die Hörer ein Gewinn entspringt. Selbst «inein Programm, dem ein sehr anspruchsvoller bodenständiger Kritiker volle Anerkennung zollen würde— und zahlreich scheinen heitere Unterhaltungen von dieser Qualität nirgends zu sein—, selbst solchem Programm ober kann der Fremde selten etwas ab- gewinnen. Man muß Menschen sehr genau kenn»», um imstande zu sein, ihre Familicnwitz« zu verstehen und zu genießen, und an einem bodenständigen heiteren Abend ist eben ein Volksstomm unter f&echlsf vagen des Tages Hutwerlwmg Ein Inkassogeschäft kaufte von einer Konkursmasse für billiges Geld ausgeklagte Forderungen auf, und erhielt die betreffenden Sehuldtitel ausgehändigt, Die Forderungen stammten aus der Vor- kriegszeit und lauteten auf Papicrmork. Im Jahre 1923 forderte das Inkassogeschäft den Schuldner aus, sich wegen Auswertung mit ihm in Verbindung zu setze«! der Schuldner antwortete indes nicht. Mit dem Schuldtitel m vorliegender Form war indes nichts an- zusangen, eine Vollstreckung wegen Papiermark konnte der Gerichts- Vollzieher nicht vornehmen! da» Jnkasiogeschäst hätte durch«ine neue Klage vom Gericht'die Aufwertung der Papiermarksorderung in Reichsmark erwirken müssen, um eine wirksame Vollstreckung durch- führen zu können. Erst Ende 1930 klagte das Inkassogeschäft auf Aufwertung der etwa 2000 Papiermark betragenden Forderung und verlangte zu- nächst einen Teilbetrag von 200 Reichsmark. Dos Gericht wie» die Klage ab. Allerdings verjähren aus- geklagte Forderungen erst nach 3 0 Jahren: eine Verjährung komme also nicht in Frage: das Inkassogeschäft hätte ober nicht so lange Zeit verstreichen lassen dürfen, wenn der Schuldner aus eine Ausforderung im Jahre 192S nicht reagiert«. Auch das Reichsgericht stehe auf dem Standpunkt, daß der Anspruch verwirkt sei, wenn der Gläubiger erst nach so langer Zeit die Auswertung seiner Fvr- derung gerichtlich geltend mache. „WeaenlUchBv"Bealandleil'* Der Mieter eines Hause«, in dem noch keine elektrische Licht- anlage vorhanden war, ließ sich von einem Installateur eine söge- nannte Steigeleitung von der Straße aus bis in seine in der ersten Etage befindliche Wohnung legen. Ein Mieter desselben Hause» in der zweiten Etage ließ sich an diese Leitung anschließen, ohne die Genehmigung des ersten Mieter» nachzusuchen. Dieser erhob Klage und verlangte Entfernung der von der ersten Etage ab weiterge- führten Leitung oder eine angemessene Entschädigung, mit der Begründung, daß durch die Weiterführung der Anlage die Stärke seines elektrischen Lichtes beeinträchtigt werde. Der Beklagte beantragt« Abweisung der Klage und führte aus, daß von der Straße au« die Steigeleitung fest in die Mauer des �Hause» hineingebaut und daher Bestandteil de» Grundstück» geworden sei. Diesen Ausfüh- rungen widersprach der Kläg«r nicht. Die Klage wurde abgewiesen. Die unwidersprochen gebliebene Einwendung des Beklagten, daß die Steigeleitung fest in das Grund- stück.hineingebout ist. beweise, daß sie zu einem wesentlichen Bestandteil de» Grundstücks geworden ist: si« kann nach§ 63 Bürger- lichen Gesetzbuch» nicht mehr von dem Grundstück getrennt werden, ohne daß der eine oder der andere Teil der Anlage zerstört wird. Eigentümer der Steigeleitung ist daher der Grundstückseigentümer geworden, nur e r wäre berechtigt, auf Entfernung der weiter hinauf- geführten Leitung zu klagen. Eine Entschädigung könne aber der Kläger deshalb nicht verlangen, weil durch die Wciterführung der Anlage bis zur zweiten Etage die Stärke des elektrischen Lichtes in der ersten Etage in keiner Weise beeinträchtigt wird. �sargaretfte k'asjeankelcl. sich. Etwas anderes ist es, wenn im Rahmen einer volkskundlichen Unterhaltung Kostproben volkstümlichen Humors geboten werden, die aus dem Zusammenhang heraus dem Hörer verständlich sind. Aber wie sollen solche volkskundlichcn Unterhaltungen überhaupt aussehen? Das ist nicht leicht zu sagen, weil es dafür glücklicher- weise kein einheitliches Schema geben kann. Artverwandtere Volks- typen wird man ganz anders zueinander stellen müssen als ort- fremdere. Einmal wird der Mensch aus der Landschaft, einmal au» dem Arbeitsleben heraus sichtbar gemacht werden. Aus Schilderung, Dichtung und Musik wird sich sein Bild und das Bild seiner Heimat formen müssen. Die größte Schwierigkeit für die Gestaltung solcher Sendungen liegt anscheinend nicht in der Auswahl dessen, was zum Aufbau des Gesamtbildes nötig, sondern was für diesen geschlossenen Ausbau überflüssig und schädich ist. Je mehr sich solche Veranstaltung dem Kunstwerk nähert, je mehr sie auf Nebensächliches zugunsten der großen einheitlichen Linienführung verzichtet, desto lebendiger wird sie zum Hörer sprechen. Der Wunsch nach wissenschaftlicher Vertiefung ebenso wie das Bestreben, durch Unterhaltung die Veranstaltung zu beleben, tragen in gleichem Maße zur Zerstörung solcher Einheitlichkeit bei. Der Hörer erfährt, wie Menschen und Landschaft in historischen Epochen waren oder wie Opcrettenkomponisten und volkstümelnde Schrist- steller sie sich vorstellten: aber wie sie wurden und wie sie sind— davon bekommt er kein Bild. Denn die Schöpfer solcher Der- anstaltungen haben meist selber keins: sie zeigen nur die tausend Einzelheiten, die sie selber sehen oder zu sehen glauben. Von alle« volkskundlichen Veranstaltungen, die den Berliner Hörern in den letzten Monaten geboten wurde», hinterließen nur wenige eine» nachhaltige» Eindruck. Die Sendung aus Köln„Rheinland und W e st f a l e n", obschon ihr zur Vollkommenheit noch manches fehlte, war wohl die gelungenste, wenn man nicht eine Darbietung in diese Reihe rechnet, die dem Programm nach nicht dazu gehörte: eine Führung zu französischen Bergarbeitern, die sich aus einem literarischen Querschnitt durch Zolas Werk entwickelte. Obwohl hier die Zeit um nahezu dreiviertel Jahrhundert zurück- gedreht wurde und manche Einzelheit kaum noch verständlich erschien, wurde der Hörer in einen Lebenskreis gestellt, der ihn bezwang, weil er ihn aus der Zuschauerperspektive zum menschlichen Mit- erleben führte. Die Wand der fremden Nationalität versank: sicht- bar wurde der Mitmensch. An dieser' Veranstaltung zeigte sich, mit welchen verhältnismäßig einfachen Mitteln der Rundfunk Volkskunde im besten Sinne treiben kann. Es kommt ja nicht darauf an, dem Hörer alles Wesentliche zu zeigen und verständlich zu machen: dazu wären Vortragszyklen nötig, die sich über einige Semester erstrecken. Verständnis zu wecken kann hier nur das Ziel sein: in Einzelheiten einzudringen, muß dem Hörer selber überlassen bleiben. Die Volkskunde-Veranstaltung, die mit allen der Sendestelle zur Verfügung stehenden Mitteln aufgebaut wird, kann natürlich sehr schön und fruchtbar werden, aber nur. wenn sie statt der Breite die Tiefe sucht und wenn sie nicht Lehr- stosf, sondern Leben ausbreitet. Die Menschen haben heute gegenseitiges Verstehen bitter not: nicht nur innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Der Rundfunk kann hier viel helfen, wenn er den guten Willen dazu hat und sich seiner Aufgabe bewußt ist. Tos. eBuch Meinrich Cduard Jacob; S)ie Ulagd VOH Aachen*� Die Belgier nennen es Aix-la-Chapelle. die Deutschen Aachen. Und wenn man dem belgischen Besotzungssoldaten, dem Unteroffizier Pieter Rijsmond, gesagt hätte, daß er sich in der Stadt Aachen, wo er die acht Jahre Militärzeit verbringen sollte, befinde, hätte er dies für ebenso unglaubwürdig gesunden wie die kleine Marie aus Meusdorf, die nach Aachen kam, um hier als Hausgehilfin und Köchin zu dienen: sie kam nach Aachen und nicht nach Aix-lo-Thapelle. Sprachen-, Dölkerwirrwarr! Picter versteht kein Wort deutsch. Marie kein Wort französisch oder flamisch, was natürlich in der Liebe nichts ausmacht. Es gibt sozusagen ein Esperanto der Liebe, mittels dessen man sich ausgezeichnet verständigen kann. Es reicht jedenfalls dazu aus, daß Marie von Pieter ein Kind empfängt. So peinlich es ist. wenn ein deutsches Mädchen von einem belgischen Soldaten«in Kind hat, so wenig trübt dieser Umstand das Glück der jungen Mutter, die in Pieter nicht den„feindlichen" Soldaten, sondern nur den Vater ihres Kindes sieht.(Symbol der Völkeroersöhnung!) Schlimm für das Mädchen wird es erst, als am 30. November 1929 die Besatzungsarmee aus Aachen abzieht. Und während über der Stadt ein Orkan von Jubel dahinbraust, alles, was deutsch ist, ein Begeisterungstaumel erfaßt, bricht das Herz des armen deutschen Mädchens, dos an diesem Tag« mit einem Kinde ohne Vater da- steht. Jetzt ist sie„eine von den Siebentausend"— wie der Untertitel des vorliegenden Romans lautet— eine von den sieben- tausend Müttern, deren Männer keine Männer, keine Väter, sondern — Soldaten sind. Und daß ein Soldat weder Mann noch Vater ist, wird Marie im folgenden noch einmal recht deutlich gemocht: Zu Weihnachten im selben Jahre macht sie sich mit ihrem Kinde auf den *) Paul Zsolnay Verlag A.-G. Berlin, Wien. Leipzig. Weg zu ihrem Pieter nach Lüttich, ohne Paß, zu Fuß, durch ver- schneite Wälder, in eisiger Winterkälte: halb erfroren wird sie mit dem Kinde am Wege aufgefunden, ein Auto bringt beide nach Lüttich. Pieter befindet sich aber in Antwerpen, wohin sie dann etwas mühe- loser gelangt und endlich ihren Pieter findet. Jetzt wäre olles wieder in schönster Ordnung, wenn es nur nicht diese verfluchten Pässe gäbe! Mari« ohne Paß— ein« Anzeige von der Paßbehörde gegen Marie ist durch Zufall bereits in Pieters Hände gelangt— das bedeutet für den Soldaten Unannehmlichkeiten mit der Militärbehörde, allen- falls Verlust der Karriere. Marie muß also sofort mit ihrem— keinem Kinde aus Belgien. Das Mädchen aber, das in Pieter den Soldaten nie und niemals begreifen kann, glaubt, daß Pieter von ihr und dem Kinde nichts mehr wissen will. Jetzt ist's mit ihr end- gültig vorbei. Nach Aachen zurückgekehrt, erleidet sie einen Nerven- Zusammenbruch, wird geheilt— und zuletzt wird doch alles wieder gut, dank dem Eingreifen eines Menschenfreundes, dessen Mittel es erlauben, nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat das Glück der beiden sich schon verloren glaubenden Menschenkinder zu begründen Ob das Schicksal in den übrigen scchstausendneunhundertneun- undneunzig Fällen so gnädig war wie in diesem, weiß ich nicht, aber es wäre zu wünschen. Das Problem der Besatzungskinder ist keineswegs irgendein« Frage, über die man so ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen kann. Der in dieser sozialen, nationalen, vor allem aber rein menschlichen Frage scheinbar völlig verrammelte Ausweg könnte allenfalls gefunden werden, wie es der Verfasser des schönen, volkstümlichen Buches. Heinrich Eduard Jacob, be- weist. Hier könnt« ein entscheidender, vielleicht einer der ent- scheidensten Schritte zur Völkerverständigung getan werden. Daß diese Frage überhaupt literarisch behandelt wurde, ist ei» Verdienst. Jacobs Roman ist deshalb wertvoll, weil notwendig. Und wenn auch die rührende Geschichte vom deutschen Dienstmädchen und dem belgischen Besotzungssoldaten in ihrem zweiten Teile etwas wunderlich wird und daher vielleicht auch ein wenig unglaubwürdig, so betont darin der Verfasser lediglich den Wunsch nach einer guten Wendung des Schicksals von siebentausend braven und vielleicht heute so manchen unglücklichen Müttern. knedncli Liclitnekcr. WAS DER TAG BRINGT wiiiiniiininiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiniiiimiiiinmiimiiniiminiiiiiiHimnnHiiiiiniimiimiimiinMiiiiiiiiiiiniiiiiiiniiiiniiuiiiiiiiitiiiiiiuMiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiMiiiiM ERZÄHLT VON YORICK Die Glocken von Sagan A. Idylle. Zu Sagan in Schlesien läuten die Glocken. Denn Sagan ist fromm, ist gut katholisch sogar. Wenn in Sagan die Glocken läuten, dann fragt der Lehrer in Sagaus Schule die Kinder:„Was wollen uns nach Friedrich von Schiller die Glocken sagen mit ihrem Läuten?" Und dann sprechen in der Schule zu Sagau die Kindlein im Ehor: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute!" Friede und Freude für Sagan— wie sinnig!! B. Zweimal Historie. Historie 1:.... vnd ordnen Wir. Hertzog Trvdewin von Sagan, noch massen unserer allerhöchsten vnd landesherrlichen Weysheyt an und tun denen Vnterthanen kvndt vnd zv wissen, daß hiesiger Stadt- Pfarrkirchen Geläute sey eyne Angelegcnheyt unserer Stadtgemeynde Sagan, nit aber unserer Stadtpfarrey, vnd seynd ergo die Gelävt- kosten nit von der Kirchen, sondern hinfüro von der Stadt zv be- zahlen. Anno domini 1430- Trvdewin. Insigill." Historie 2:„Gestern haben auch unsere Glocken in den sieg- reichen Kampf für Kaiser und Vaterland ziehen müssen. Sie wurden unter allgemeiner Anteilnahme der Bevölkerung vom Turm der Stadlpfarrkirchs heruntergeholt. Nun werden sie eingeschmolzen und zu Kanonenrohren umgeschmolzen werden, und es ist gewiß, daß der Segen Gottes jeden Schuß aus diesen Rohren geleiten und recht viele Franzosen töten wird..."(Aus dem Bericht des „Saganer Generalanzeigers" vom September 1916.) -<7. Rauh« Wirklichkeit. Da nun die Stadtpfarriirche ohne Glocken nicht existieren kann, andererseits die Gemeindemitglieder sich nicht willig oder in der Lag« zeigten, die 13 S00 Mark, die neue Glocken kosten, aufzubringen, so entdeckte der Herr Stadtpfarrer von Sagan das Trudewinsche Der- tragsdokument aus dem Jahre 1430(in Worten: vierzehnhundert- unddreißig). Er verklagte die Stadt auf Grund dieses Rechts- anspruchs, und die preußischen Gerichte gaben ihm recht, denn es war dieser Vertrag aus dem Jahre 1430(in Worten: vierzehn- hundertunddreißig) niemals aufgehoben worden. So wurde denn die gute Stadt Sagan zur Zahlung von 13 300 Mark verurteilt, und die Kirche kann sich neue Glocken kaufen. Hingegen wußte die Stadt infolge dieser plötzlichen, außeretat- lichen Belastung nicht, woher sie die Mittel zur Unterstützung ihrer Arbeitslosen und Wohlfahrtsempfänger nehmen sollte: erst im letzten Augenblick gelang es ihr, eine hochocrzinsliche Anleihe aufzunehmen. Die Stadtvertreterversammlung aber beschloß, die Kirche auf Zahlung all der Gebühren zu verklagen, die in früheren Jahrhunderten an die Stadt von der Kirche gezahlt wurden: das soll ein ganz nettes Sümmchen ergeben: es ist ihr von Herzen zu wünschen, daß sie damit durchkommt, denn die Not ist groß— und Rache ist süß... V. Wiederholung der Idylle. Siehe oben! Nur beim Vortrag den Tonfall ändern. Und schließen: „Friede und Freude für Sagan— wie sinnig! Und wie ver» logen..* Langsam drangen... In Wien erschien der Zeppelin. Die freudig erregten Wiener drängelten an den Luftriesen heran und drohten den Polizeikordon zu durchbrechen. Wie rufen die Polizcikordonisten in Preußen in sollen Fällen? Sie rufen:„Zu— rrück!! Zu— rrrückckckck!!!!" Wie aber rief ein braver österreichischer Wachmann in Wienr Die„Wiener Arbeiterzeftung" hat seinen Ruf für die Ewigkeit auf- bewahrt: er lautete gut österreichisch so: „Langsam drängen... langsam drängen, bittschön..." Die krachenden Erben In Breslau begrub man einen. Vorneweg fuhr er, der Tote, dahinter ging der Pfarrer, und zuletzt kamen die Leidtragenden. Dein Leid, heißt es, sollst du stumm tragen. Aber deine Erb- anspräche, so sollte es wenigstens heißen, darfst du nicht stumm tragen. Sonst kommst du nicht damit durch. Bereits im Trauerhause hotten die Erbtragenden leise getuschelt. Aus der Straße wurden sie heftiger. In der Kapelle irritierten ihre Auseinandersetzungen den Pfarrer. Am Grabe wurden sie laut. Und noch ehe der Sarg in die Gruft sank, gab's ein« solenne Prügelei. Di« Friedhofsverwaltung alarmierte das Ueberfallkommando. Das Ueberfallkommando erschien zwischen den Gräbern und brachte die Leidtragenden mit dem Gummiknüppel auseinander und im Polizeigewohrfam zur Ruhe. Nicht zur Ruh« gebracht wurde der Verblichen«. Er lag in seinem Sarge am Rande seiner Grube und wunderte sich vermutlich. Denn er war vergessen worden... Montag 27. Juli 1931 Nr. 346 4S. Jahrgang Warum fährt ein Segelboot? Die Technik des Windauffangens Wenn heute die gewaltigen Ozeanriesen in wenigen Tagen von Kontinent zu Kontinent fahren, dann kann wohl mit Recht behauptet werden, dah die Entwicklung der Seefahrt mit Riesenschritten vor- wärtsgegangen ist. Sind es doch erst wenig mehr als hundert Jahre her, als dos erste Dampfschiff, die„Savannah". den Ozean in 26 Tagen durchquerte. Und vor diesem ersten Dampfschiff, das natürlich auch noch eine Besegelung als Hilfsmittel hatte, waren es die Pioniere des Meeres, die berühmten Segler mit ihren stolzen Schiffen, die Länder verbanden und entdeckten! Wer kennt nicht die„Santa Maria" des Christoph Columbus, der als der Entdecker Amerikas gilt. Trotzdem waren es schon vor ihm die ebenso berühmten wie berüchtigten Wikinger, die mit ihren nach ihnen benannten Wikingerschiffen schon etwa im 9. Jahrhundert die Meere durchsegelten. Heute, im Zeitalter der Technik, stirbt der Segler der Meere. Langsam, aber sicher verschwindet einer nach dem anderen, macht seinem großen Bruder Dampfer Platz. Mit dem Segler stirbt auch die Romantik des Meeres: aber in den Büchern werden die Be- zwinger von Luft und Wasser fortleben, und wohl immer werden Bücher, die Seegeschichten und Geschichten von Segelschiffen bringen, eine vielgelesene Lektüre sein. Und doch wird der Segler nie ganz aussterben! Wenn er auch im Dienste des Handels etwas zu träge war, weil er sich auf den Wind verlassen mußte, so hat er sich doch— eben wegen seiner Schönheit— behauptet, wenn auch auf einem anderen Gebiet: der Sportsegeleil Binnen wie auch auf See finden wir die zierlichen und auch gewaltigen„Jachten", die stolz ihre Segel im Winde schwellen und gleich den weihen Vögeln des Meeres ein Bild der vollsten Harmonie darstellen. Auch heute noch werden, zum großen Teil aus Rekordsucht oder für Reklame, Fahrten in kleinen und kleinsten Fahrzeugen über den Ozean unternommen, die natürlich zu verurteilen find und viele unnütze Opfer an Menschenleben ge> fordert haben. Ein Ereignis bilden die fast in jedem Jahre stattfindenden Ozeanrennen der großen Segeljachten, die meist zwischen Amerika und England stattfinden. Die Segelei spielt hier schon langsam hinüber in das Gebiet der S e g e l t e ch n i k. Es ist sonderbar, daß, obwohl die Segelei doch eigentlich uralt ist, die Technik sich erst in neuerer Zeit hier Eingang verschafft hat. Natürlich war bei den alten Segelschiffen mit ihren drei, vier und sogar fünf Masten und dem dazugehörigen ungeheuerlichen Gewirr von Wanten, Tauwerk, Stangen. Rohen nur immer ein Segeln in der Richtung des Windes möglich: wenn auch kleine Abweichungen die Fahrt nicht beeinträchtigten. Ein Segeln gegen d e n W i n d, oder fachmännisch ausgedrückt, a m Wind, kam nicht in Frage. Erst in neuerer Zeit hat nun dieses Ei des Kolumbus auf die Spitze gestellt werden können, und zwar, indem man unten an den Schiffs- boden eine sogenannte„Flosse" befestigte, die tief ins Wasser hängt und so ein seitliches Abtreiben des Schiffes verhindert. Bei den kleineren Booten sind es„Schwerter", Eisenplatten, die durch den Kiel des Schiffes gesteckt werden und demjelben Zweck dienen. Wir haben also zwei grundverschiedene Bootsarten, die„Flosse n", die meist als Kiel-Jachten bezeichnet werden, und die Schwert- j o l l e n. oder kurz„Jollen" genannt. Die Kieljachten können nicht kentern, weil der schwere Kiel, die„Flosse", die aus Blei besteht, den Winddruck auf das Segel bei seitlichem Wind oder am Wind ausfängt und die Jacht stets wieder aufrichtet. Eine Jolle kann kentern, schwimmt aber— vielfach durch Luftkösten gesichert— an der Wasseroberfläche. Das Schwert hat nur den Zweck, ein seitliches Abtreiben zu verhindern. Nun hat auch bei der Segelei die Technik nicht geruht, um die Schiffe möglichst schnell zu machen. Vor allem wurde dem Körper des Schiffes eine Form gegeben, die dem Wasser chöglichst wenig Widerstand entgegensetzt, an dem also das Wasser ohne Stauungen entlanggleiten kann. Lang und schlank ist hier die Parole, oder: „Länge läuft!" Don der vielmastigen Tagelage ist man ebenfalls abgekommen, weil man erkannt hat, daß viele Masten dem Winde viel Widerstand entgegensetzen. Möglichst nur ein Mast, und dieser recht hoch, ist die moderne Richtung. Und selbst dieser eine Mast ist noch ein unnützer Windfänger. Um seine bremsende Kraft abzuschwächen, hat man ihm statt seiner runden Form vielfach die„Tropfenform" gegeben, um einen besseren Windablauf zu hoben. Da dieser„Tropfen" bei Rennbooten immer länger wurde, der schließlich schon selbst segelte, hat man diese„segelenden Masten" mit auf das Segel verrechnet, um hier unlauteren Wettbewerb aus- zufchliehen. Der Vorkämpfer der modernen„Aerodynamik des S e g e l n s". Dr. Manfred Curry, ist noch weiter gegangen. Er hat den Mast seines Versuchsbootes einfach gespalten, unten gespreizt und dazwischen das Segel aufgehangen. Seine Erfolge waren ver- blllffend. Leider biegen sich dies« Masten infolge ihrer geringen Materialstärten zu sehr und verziehen das Segel. Aber nicht nur die Masten bremsen, sondern auch olle„Fallen", das ist das Tau- werk, das zum Setzen der Segel dient. Demzufolge sind sie in den auf Rennjachten schon an sich hohlen Mast hineinverlegt worden. Wir sehen also, daß auch der geringste Windwiderstand vermieden werden soll, um ein möglichst schnelles Segeln am Wind zu gewähr- leisten.„Vor dem Winde läuft jedes Bund Heu," ist ein alter Seglcrausspruch. Die treibende Kraft einer Segeljacht, das Segel, beansprucht natürlich die größte Pflege. Auch hier ist in der Form der Segel in den letzten Jahren eine grundlegende Aenderung«ingetreten. Während man in früheren Jahren die Ansicht vertrat, daß das Segel glatt wie ein Brett stehen müsse, hat Dr. Curry andere Wege gewiesen. Heute weiß jeder Segler. daßseinSegelgewölbt s« i n m u ß. Die Natur zeigt es ihm sehr augenfällig in der Form eines Vogelflügels. Praktisch hat sich ja das auch die Flugtechnik zunutze gemacht, die Form der Tragflächen der Flugzeuge erinnert stark an einen Bogelflügel. Nehmen wir als Beispiel«inen toten Vogel an der Spitze eines Flügels und lassen seinen Körper hängen, so daß sich der Flügel spreizt, so haben wir die ideale Gestalt eines Segels. Da bei Segeljachten die Segel aus luftdichten Stoffen— meist Mako— hergestellt sind, läßt sich eine genau« Form im Profil nicht konstruieren, wie das bei den Tragflächen der Flugzeuge der Fall ist, doch eins kann auch beim Tuchsegel erreicht werden, und das ist die Wölbung. Um sie möglichst gleich- mähig zu erreichen, spreizt man das Segel durch sogenannte Segel- oder Spreizlatten, die auch gleichzeitig ver- hindern, daß die auf modernen Rennbooten runde hintere Kante (Achtcrkante) des Segels nicht einfällt. Ein vollkommenes Segel wäre ein starres Segel im Profil des Vogelflügels, was aber aus technischen Gründen noch nicht möglich ist. Um dem Profil nahe- zukommen, sind eben die oben angeführten Tropfenmasten kon- struiert worden. Nun bremst aber selbst das Segel durch seine rauhe Oberfläche. Auch hier ist versucht worden, Abhilfe zu schaffen, indem das Segel mit Talkum eingepudert wurde oder aber die Segel wurden lackiert, um eine spiegelglatte Fläche zu haben. Natürlich sind das alles Versuche, die viel Geld kosten, wohl wenig praktisch sind und aus- schließlich bei Rennen auf kleinen Jollen angewandt werden. Bei großen Jachten scheitern derartige Experimente an der Unmöglichkeit der Ausführung. Beim Segeln vor dem Winde kann man die Geschwindigkeit des Schiffes erhöhen, indem man mehrere B e i f e g e l fetzt. Natür- lich wird das Segelschiff nicht die Geschwindigkeit des Windes er- reichen können, weil eben der Schiffskörper zu stark hemmt. Und doch segeln Boote manchmal schneller, als der Wind weht. Das ist der Fall, wenn der Wind seitlich das Segel trifft. Wie ein abge- schosiener Pfeil flitzen die Segelboote dann durch das Wasser. Beim Segeln am Wind entscheidet die Technik des Führers. Er wird bei zu starkem Wind lieber das Segel verkleinern, als zuviel Segel- fläche dem Winde bieten. Warum? Es ist klar, daß der Wind, der schräg von vorn kommt, die Jacht weit überlegt— oft zum Entsetzen des Laien. Ein großer Teil der Windkraft streicht über die sich ihm entgegensetzende mehr horizontale als vertikale Segel- fläche hinweg, die Jacht wird also wenig Fahrt machen. Jeder Segeltechniker wird also seine Jacht auch am Winde möglichst auf- recht segeln. Dabei ist nicht zu vergessen, daß der Konstrukteur die Jacht so gezeichnet hat. daß sie aufrecht oder ganz leicht geneigt sich am günstigsten im Wasser fortbewegt. Aus dem Angeführten ist also zu ersehen, daß auch beim Segeln die Technikt nicht ruht, sondern auch hier ver- sucht, dem Winde, dem treibenden Element, möglichst viel Kraft abzugewinnen. Hoffen wir, dah auch das Segeln zur See nicht ausstirbt, denn es birgt Romantik, verbindet mit der Natur, läßt ihre erhabene Größe und Gewalt erkennen und erzieht ganze Männer. Wiliv Rotlikainm. Elektrisch betriebene Schiffe Wenn man in Deutschland wenig von Schiffen mit elek- irischem Antrieb hört, so liegt es daran, daß wir nur wenig Vertreter dieser Gattung in unserer Handelsflotte haben. Dah uns das Ausland auf diesem Gebiete voraus ist, hat einmal seinen Grund in seiner größeren Kapitalkräftigkeit(die Kosten der Maschinen- anlagen sind höher!) und andererseits in der Möglichkeit, Erfohrun- gen mit elektrischem Antrieb, die auf Kriegsschiffen gewonnen wurden, für Handelsfahrzeuge nutzbar zu machen. Die Entwicklung geht bis in das Jahr 18Z8 zurück, als in Ruß- lond die ersten Versuche auf kleinen Schiffen mit Primärbatterien als Stromquelle angestellt wurden. In den achtziger Jahren ging man zur Akkumulatorenbatterie über, die Anfang 1990 selbst für größere Leistungen auf U-Booten als Stromquelle diente. Der nächste Schritt war dann die Einführung einer vollständigen Kraft- Übertragung, die von der Wärmekraftmaschine mittels Strom- erzeuger und Elektromotor auf die Schraube wirkt. Aus dem Jahre 1998 sind zwei amerikanische Feuerlöschboote mit je zwei Schrauben- motoren von je S99 und das deutsche U-Boothebeschiff„Vulkan" mit zwei Motoren von je 699?Z, sämtlich mit Dampfturbinen als Kraftmaschinen, zu erwähnen. Die Erfolge, die das 1913 in Amerika erbaute Flugzeugschiff„Jupiter" von 29 999 Tonnen und 5499 erzielte, gaben der amerikanischen Marineleitung Veranlassung, all- gemein in ihre Linienschiffe und großen Kreuzer elektrischen Antrieb einzubauen. Der Weltkrieg beschleunigte die Entwicklung in unge- wohnlichem Maße und so finden wir eine Reihe neuer Schiffe, die 1929 mit dem amerikanischen Schlachtschiff„New Mexico" von 28 999 PS beginnt und zu zwei in den Jahren 1928/29 fertiggestellten Flugzeugträgern„Lexington" und„Saratoga" mit der enormen, auf vier Wellen verteilten Leistung von 189 999 PS und 34,5 Knoten Geschwindigkeit führt. Die Handelsschif�fahrt profitierte von den in langjährigem Betriebe gemachten Erfahrungen und folgte alsbald mit dem Bau von Frachtschiffen, Schleppern, Baggern, Feuerlösch- booten und endlich auch mit großen Personenschifsen. Das neueste amerikanische turboeleitrische Fracht- und Personen- schiff„President Hoover" ist 33 999 Brutto-Register-Tonnen groß bei 26 999 PS Wellenlcistung und hat 22 Knoten Geschwindigkeit. England baut 1931 vier große elektrisch betriebene Fahrgastschiffe und Frankreich will 1934 ein Schiff von 68 999 Brutto-Register�-Tonnen, 169 999 PS Nutzleistung(aus vier Wellen verteilt) und 39 Knoten Geschwindigkeit in den Dienst stellen. Die grundsätzliche Aufgabe des elektrischen Antriebes besteht darin, die hohe Drehzahl der Hauptantriebsmaschine auf eine ge- ringere Schraubendrehzahl herabzusetzen, was mit einem Wirkungs- grod von 94 bis 95 Proz. geschieht. Dasselbe kann man jedoch auch durch ein einfaches Zahnradgetriebe, dazu noch mit höherem Wir- kungsgrad, nämlich etwa 98 Proz., erreichen. Die Vorzüge liegen aber auf ganz anderem Gebiete: Die mit der Dampfturbine oder dem Dieselmotor gekuppelten Stromerzeuger können an beliebiger Stelle im Schiff untergebracht werden und sind dabei völlig von den die Schrauben antreibenden Elektromotoren getrennt. Diese selbst können so nahe an die Schrauben herangebracht werden, wie es die Schiffsform irgend erlaubt, so daß an Stelle der sonst benötigten langen Wellentunnels wertvoller Laderaum ge- wonnen wird. Es kann ferner eine beliebige Anzahl von Strom- erzeugern angeordnet werden, von denen einzelne, je nach den Betriebsoerhältnifsen, abzuschalten sind, was sich für den Brennstoff- verbrauch und den Wirkungsgrad der Anlage günstig auswirkt. Für die Rückwärtsfahrt, zu der es nur einer elektrischen Umsteuerung bedarf, steht die volle Maschinenleistung zur Verfügung: sie gewährt infolgedessen gute Manövrierfähigkeit und kurzen Stoppweg. Da die Steuerung von der Kommandobrücke erfolgt. wird die Sicherheit durch Fortfall der Befehlsgebung erhöht. Schließ- lich ist es noch die elektrisch betriebene Hilfsmaschinenanlage (Pumpen, Winden. Lüster u. dgl.). deren rationelles Arbeiten für den Gesamtwirkungsgrad von Bedeutung ist und die bei diesen Schiffen ihren Strom der Hauptdynamo, die als groß« Maschine in jedem Falle wirtschaftlicher als mehrere kleine Stromerzeuger a« beitet. entnehmen kann. Wenn dies alles, zusammen mit der Erschütterungsfreiheit, dev Freizügigkeit in der Raumausnutzung und den verhältnismäßig ge- ringen Jnstandhaltungskoften berücksichtigt wird, so überwiegen die Vorteile doch die Nachteile, nämlich geringerer- Wirtungsgrad als bei Zahnradgetrieben, höhere Anlagekosten, größerer Raum und Gewichtsbedarf und Gefährlichkeit hoher Spannungen. Einschließlich der Kriegsschiffe gibt es zurzeit etwa 179 elektrisch angetriebene Fahrzeuge in der Welt, die in sich eine Gesamtleistung von rund 15 Millionen PS, davon über 99 Proz. auf turboelektri- schem, 19 Proz. auf dieselelektrischem Wege erzeugt, vereinen. Der dieselelektrische Betrieb ist meist den kleineren Anlagen vorbehalten: mittlere Leistungen bis zu 5999 PS bedienen sich turbo- wie auch dieselelektrischen Antriebes und nur die großen und größten Schiffe haben ausschließlich turboelektrischen Antrieb. Neben Gleichstrom, auf den bei leichter Manövrierfähigkeit, von bestimmten Schiffen (z. B. in Häfen usw.) gefordert, nicht verzichtet werden kann, kommt für größere Leistungen hauptsächlich wegen der notwendigen hohen Spannungen meist Drehstrom zur Verwendung. Flugzeug und Schiff Dieses Thema wurde auf der letzten Mitgliederversammlung der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt e. V,. die kürzlich in Kiel stattfand, eingehend behandelt. Prof. Dr.-Jng. Schnabel kennzeichnet die an ein Seeflug- zeug zu stellenden Anforderungen: Seesähigkeit auch als Wasser- sahrzeug für den Fall der Notlandung, genügende Stabilität in- folge möglichst niedriger Schwerpunktslage, geringes Kippmoment der Flügel bei Winddruck, die aus Gründen der Betriebssicherheit getroffene Anordnung der Brennftofftanks in den Flügeln und die Unterteilung der Schwimmer und des Bootsrumpfes in einzelne wasserdichte Abteilungen ähnlich den Schiffen. Die weitere Eni- Wicklung schncllaufender, leichter Dieselmotoren(z. B. Jumo lV) dürfte schon für die nächste Zukunft auf die Erhöhung der Sicher- heit, Reichweite und Wirtschaftlichkeit von Einfluß werden. Der Ozeanslieger v. Gronau hob die Möglichkeit des Zu- fammenwirkens von Seeflugzeug und Schiff(z. B, beschleunigte Postbestellung durch Zubringerdienste des Flugzeugs) hervor. Zum mindesten fei sichere Landung bei hoher See, sicheres Treiben auch bei schwerster See und gutes Manövriervermögen selbst bei starkem Wind auf dem Wasser von einem tüchtigen Seeflugzeug zu ver- langen. Dr. Jng. Brenner äußerte sich zur Baustosfrage, Korrosions- erscheinungen(Verwitterung. Rost) an dem bei Landflugzeugen mit Erfolg verwendeten Duralumin, die sich im Seeflugbetrieb zeigten, machten einen Oberflächenschutz durch Plattierung oder künstliche Oxydation notwendig. Aluminium-Magnesium-Legierungen seien künftig wegen ihrer hohen Seewasserbeständigkeit für Schwimmer und Boote zu bevorzugen. Für die Stahlbauweise bedeute die Schaffung hochwertiger Chrom-Nickelstähle und besonders rost- sicherer Chromstähle die in vergütetem Zustande 149 bis 169kx/mm, (Quodratmillimeter) Festigkeit mit hoher Elastizität und großem Widerstand gegen Ermüdungsbcanspruchungen vereinen, einen neuen Abschnitt in der Entwicklung, Dr.-Jng. W e i d i n g e r berichtete über die neue„Heißkühlung" am Flugmotor. Sie arbeitet mit Kühlflüssigkeiten, die einen höheren Siedepunkt als dos Wasser haben, wie z. B. Aethylenglykol und Transformatorenöl, und die auch bei höheren Temperaturen gut die Wärme ableiten, während das Wasser bei steigender Temperatur die Fähigkeit, Wärmemengen wegzuführen, allmählich einbüßt. Man erzielt auf diese Weise Ersparnisse an Kühlerflächc bis zu 79 Proz. Dipl.-Jng. Schnauffer beschäftigte sich mit neuen Methoden und Einrichtungen(elektrischer Indikator) zur Erforschung der Ein- flüsse von Wirbelung, Mischung»- und Verdichtungsverhältnis auf die Verbrennungsgefchwindigkeit im Motorzylinder. Neben der Möglichkeit, die Temperatur der brennenden Gase zu messen, geben die Untersuchungen wertvollen Anhalt für die Kenntnis der Ur- fachen von Klopfgeräuschen. E. H. Ein neues Fernkabel In nächster Zeit sollen die Bauarbeiten zur Verlegung eines neuen Kabels beginnen, dos von L ü t t i ch über Verviers nach Aachen führen soll. Damit erhalten die beiden Nachbarländer, Belgien und Deutschland,«in« weitere wichtige Verbindung. Bisher war das belgische Fernkabelnetz nur durch das im Jahre 1926 von Siemens u. Halste gebaute Fernkabel Brüssel— Liittich— Hergenrath (Reichsgrenze) an das deutsche angeschlossen. Infolge der lebhaften Dertehrsentwicklung wird nunmehr die Bereitstellung eines zweiten Verbindungskabels zwischen dem deutschen und dem belgischen Fernkabelnetz notwendig. Die neue Fernkabellinie hat zwischen Lüttich und Aachen eine Läng« von etwa 69 Kilometern. Aus dcr 29 Kilometer langen Teilstrecke Lüttich— Verviers wird ein 249- paariges Kabel, auf der 14 Kilometer langen Teilstrecke Verviers— Herbesthal ein 141paariges Kabel und auf der 17 Kilometer langen Strecke H«rbesthal— Aachen ein 199paarige» Kabel gebaut werden. Die Kabel enthalten Kupferleiter mit 1,5 Millimeter, 1,3 Millimeter und 9,9 Millimeter Durchmesser für den Fernsprechbetrieb, außer- dem eine besondere metallisch geschirmt- Doppclleitung mit 1,3 Milli- meter Kupferleitern für Rundfunkübertragungen. Wie verlautet, sollen die Bauarbeiten derart beschleunigt werden, daß da? neue Fernkabel bereits im Herbst dieses Jahres fertiggestellt ist. Vor Abschluß der Olympiade Um die Meisterschaften— Oesterreich in Front M. J. Wien. 26. Juli. Die olympischen Kämpfe in Wien stehen vor dem Abschluß. Am Sonnabend würden noch weiter die V o r k ä m p f e erledigt, au? denen sich die an den endgültigen Meisterschaftsspielen teil- nehmenden Sportler herausschälten. Die meisten sportlichen Erfolge trugen bisher Deutschland und die sinnischen Arbeitersporller davon. Am Vormittag erledigten besonders die Schwimmer ihre Entschei- dungskämpfe, Fuß- und chandballer schafften alle noch nötigen Spiele, so daß am Sonntag nur die letzten Mannschaften in die Meisterschaftsspiele traten; die Leichtathleten stellten wieder allerlei Höchstleistungen auf. Seinen glänzenden Abschluß fand der Sonnabend im großen Fackelzug, der eine wahre Massenbeteiligung auf- wies. Wahrhaftig, diese Olympiade ist eine prächtige, brausende Ouvertüre zur Dagung der S o z i a l i st i s ch e n Arbeiter- internationale! Oesterreick siegt im Fußball, Handball, Wasserball, Tennis t Wien, 27. Juli. fEigenberichl.) Dos gastgebende Land hat in einer Anzahl von Weilkämpfen die olympischen Weisterschaflen erringen können. So gewann Oster- reich die Fußballmeisterschaft gegen Deutschland mit 3:2 (0: l>) Toren. Zm Handball siegle Oesterreich gegen Deutsch- land 10: 9(6:6); im Tennis gegen Dänemark. 3m Wasserball 10: 3(2:1) gegen Deutschland. Für das letztere schoß Grün- Verlin allein zwei Tore. Zehntausende von Zuschauern wohnten den Spielen bei. 110-7Neler-hürdenlaus sEnlscheidung): 1. Schenner- Oesterreich IS.g Sek. tästerreichischer Rekord). Speerwerfen tCntscheidung): 1. Takkinen-Finnland 62,8 Meter. Drache- Deutschland erreicht 55,13 Meter. 80-Meler-Laus(Entscheidung): 1. Gusess-Finnland 1:57,5 Minuten; 2. Erdinger-Oesterreich 1:57,8 Minuten(österreichischer Rekord). 10 mal b0-Meter-Slafelle für Frauen(Enlschei- dung): 1. Oesterreich 1:17,2 Minuten. Deutschland war erster, wurde ober wegen llebertretung disqualisiziert. 5000- Meter-Laus(Entscheidung): 1. Salmi-Finnland 15: 25,7 Minuten; 2. Furze-England 15: 38,3 Minuten. Wagner- Deutschland lief 15: 46,2 Minuten. Weitere Resultate: IlllXv-Meter-Laufen: harju(Finnland) 33: 22,8 Mi- nuten, Furre(England) 33:55 Minuten, Ncrneth(Ungarn) 34:01 Minuten. Ein spannendes Rennen, in dem sich bis zur 14. Runde harju und Ftirrer einen harten Kampf lieferten. 1 0 0- M e l e r- Laufen für Männer(Entscheidung): Cupid(England) 10,8 Sekunden; Hansen(Norwegen) 10,8 Sekunden, Brustbreite zurück. Dreispringen für Männer(Entscheidung): Takkinnen(Finn- land) 14.20 Meter; Riihelä(Finnland) 13,68 Meter; Hermann < Deutschland) 13,37 Meter. TO eitfp ringen für Frauen (Ewtschcidung): Kehrt(Deutschland) 4.08 Meter, Pyttlik(Oester- reich) 4,01 Meter; Lieptne(Lettland) 4,69 Meter. Hochspringen für Männer(Entscheidung): Lethinen(Finnland) und Holgersen (.Norwegen) 1,80 Meter; Leine(Finnland), Heinrich(Oesterreich), Hövel(Oesterreich) und Jäger(Deutschland) alle 1,75 Meter. Diskuswerfen für Männer(Entscheidung): Pcltenen (Finnland) 41 Metitr, Eriksen(Norwegen) 40,31 Meter, Wolebek «Oesterreich) 40,13 Meter. Schleuderballwerfe» für Männer(Entscheidung): Franzen(Finnland) 52,79 Meter, K ü s n e r(Deutschl.) 50,87 Meter, Kaspar(Deutscht.) 47,17 Meter. K e b n k a m p f der Männer: Schenner(Oesterreich) 751,49 Punkte; Kuparinen(Finnland) 740.94 Punkte; Robesnieks(Letttand) 735,71 Punkte. F ü n f k a m p f für Männer: Nau- mann(Deutschland) 372,80 Punkte; Viertancn(Finnland) 370,77 Punkte; Leppäncn(Finnland) 360,67 Punkte. Schwimmen. Männerlagen st a fette dreimal 100 Meter(Eni- scheidung: 1. Oesterreich 3,5 Min.; 2. Deutschland 3,50.8 Min.; 3, Finnland 3,55 Min. 100 Meter Freistil Frauen(Entscheidung): 1. F r oh n(Deutschland), 1,23.4 Min., 2. H a n i-k« (Deutschland) 1.24.8 Min., 3. Henrikson(Finnland). 200-Meter- Brustschwimmen der Frauen: 1. Stall(Deutschland) 3.27.6 Min., 2. Schweiger(Oesterreich) 3.20.6 Min., 3. Bochmann (Oesterreich). Kunstspringen. In die Entscheidung kommen Nachtigall, Grousing, Baage(alle Deutschland) und Stadl- mayer und Dirmhirn(Oesterreich). Rcsuttake im Ringen. Fliegengewicht: 1. Sie glich(Deutschland) 1 Schlechtpunkt: ?. Sowoleinen Otto(Finnland) 3 Schlechtpunkte; 3. Wiringer Hans (Oesterreich) 4 Schlechtpunkte. Bantamgewicht: 1.irn*t