Morgenausgabe Nr. 387 A 195 4S.Iahrgang Wöch-ntlich 86 5t, mmawch 3,60 51 Im voraus zahlbor, Postbezug 4,32 M. «inschließllch 60 Ps. Poftzeitun gs- und 72 Pf.Postbeftellgebühren. Auslands. abonnement 6,— M. pro Monat; sur Länder mit ermäßigtem Drucksachen. porto 6,— M, -s- Der„Porwärts� erschewt wochentäg- lich zweimal, Sonntag- und Montag, einmal, die Abendausgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel.Der Abend" Illustrierte Beilage.Dolt und Zeit". Ferner.Frauenstimme", �Technik",.Blick in die Büch-rm-lt". .Jugend-Lorwärts'u..Stadtbeilage" ßp'V' Nerliner Voltsblatt Oonnersiag 20, August 1931 Groß-Äerlin 1D pf. Auswärts i5 pf. Die ein|p alt Nonparetllezelle 80 Pf. Reklamezeile 5,— RM.„Kle'me Anzeigen" das fettgedruckte Wort 25 P». (zulässig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 12 Pf. Rabatt lt. Tarif. Stellengesuche das erste Wort IS Ps, jede» weitere WoN 10 Ps. Worte über 15 Buchstaben zahlen für zwei Worte. llrbeitsmarkt Zeile 60 Pf. Famrlien- anzeigen Zeile 40 Pf. Anzeigenannahm« im Hauptgeschäft Lindenstraße 3. wachen- täglich von 8V, bis 17 Uhr. Der Verlag behält sich da» Recht bei Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Jentraiovgsn der Sozialdemokratischen Vartei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernspr.: Dönhoff(A 7) 292—297. Telegramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Vorwäris-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: Berlins? ö36.—Bankkonto: Bankder Arbeiter, Angestelllcn und Beamten, Lindenstr. 3, Dt. B. u.Disc..Ges., Dcpositenk., Jerusalemer Str. KS/K?. Wendung im Gemeindekonflikt? Freitag neue Verhandlungen. O Gestern vormittag empfing der Neichsknnzker im Beisein des Rcichsarbeltsministers und des Reichsfinanz Ministers die Mitglieder des Vor- ftandes der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Zur Besprechung standen die Schwierigkeiten in den Gemeinden, die sich als Folge der Notverordnung ergeben paben. Nach dieser Besprechung ist vom Reichs- arbeitsminister die Erklärungsfrist zu seinem Vor- schlag über die sogenannte Ungleichung der Löhne der Eemcindcarbeitcr bis Freitagabend verlängert wor- den. Gleichzeitig hat der Reichsarbeitsminister die Par- teien zu neuen Besprechungen auf Freitagvor- Mittag l<) Uhr geladen. Die Reichstarifkommission der Gemeindearbciter im Gesamtvcrband, die sich aus den Bezirksvertretcrn der Gemeinde- arieitcr aus dem ganzen Reich zusammensetzt, trat gestern nach- mittag 1 Uhr zusammen, um zu dem bisherigen Vorschlage des Reichsarbeitsministers Stellung zu nehmen. Unter den Vertretern gab es darüber nur eine Stimme: unannehmbar! Da jedoch her Reichsarbcitsminister die Parteien zu neuen Verhandlungen geladen hat, wurde von einer Beschlußfassung Abstand genommen. Die Reichstarifkommission beschloß, in Berlin versammelt zu �bleiben, um sofort nach den Verhandlungen am Freitag einen endgültigen Beschluß zu fassen, Die Rcichstarifkommission hat die Haltung der Unterhändler gebilligt. Angesichts der außerordentlich schwierigen Finanz- Inge der Gemeinden, an der sie keine Schuld haben, wären die Ge- mcindcarbciter bereit, ein nochmaliges Notopfer auf sich zu nehmen, wenn dieses Notopfer sich in erträglichen G r e n-- z e n hält und als sokchcs auch ausdrücklich anerkannt wird, Nichh nur in ihrem eigenen Interesse und dem ihrer Familien, sondern auch im Interesse der gesamten Volkswirtschast können die Gemeiirde- arbeiter, denen man bereits im Frühjahr die Lohne um 8 Proz. gekürzt hat, nicht einem nochmaligen definitiven Lohnabbau zustimmen, Die sogenannte Ungleichung unvergleichbarer Löhne ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein ungeheurer und unerträglicher Lohnabbau. Uebercinstimmend berichteten die Vertreter der Gemeinde- arbeiter, daß die Erbitterung unter den Arbeitern aufs höchste gestiegen ist und daß ein Lohnabbau, wie er infolge der sinnlosen Vorschriften der Notverordnung eintreten soll, bei seiner Durchführung unvermeidlich zu A r b e i t s k ä m p s e n führen muß. In der bürgerlichen Presse werden über den Konflikt immer wieder falsche Nachrichten und Behauptungen verbreitet. So wird auch von einem„Ultimatum" gesprochen, das der Reichsarbeits- minister den Gemeindearbcitern gestellt habe und von einem Vor- schlag des Rcichsarbeitgeberverbandes. Unsere Leser wissen, daß bei Fällung eine- Schiedsspruches oder wenn die Schlichtungs- instanz einen Vorschlag macht, den Parteien eine Erklärungs- frist gestellt wird, innerhalb der sie sich zu dem Vorschlag, oder zu dem Schiedsspruch zu äußern haben. Das hat mit einem „Ultimatum" nichts zu tun. Im vorliegenden Fall wird iibri- gens selbst die Verlängerung der Erklärungsfrist gegen st an ds- los, weil vor Ablauf der Frist neue Verhandlungen angesetzt sind. Es ist mindestens überflüssig, die aufs äußerste angespannte Situation durch solche Nachrichten zu verschärfe». In der Rechtspresse wird trotz unserer klaren Darlegungen immer wieder mit falschen Zahlen operiert. Es werden immer wieder den Gemeindearbeitern höhere Löhne ange- dichtet, als sie tatsächlich haben, und dagegen die Löhne in der Privatindustrie noch niedriger angesetzt, als sie es ohnehin schon sind. Außerdem operiert man mit den angeblich besonders hohen Löhnen der Arbeiter der Bewag, die bei dem Konflikt gar nicht in Frage kommen, denn die Angleichung der Löhne betrifft nur die Arbeiter in den Gemeindcbetricbcn und solchen, bei denen die Mehrheit des Aktienkapitals sich in den Händen der ösfent- lichen Hand befindet. Das ist bei der Bewag bekanntlich nicht mehr der Fall. Man scheint sich in der bürgerlichen Press« immer noch keine Rechenschast abzugeben von der Schwer« und der Schärfe des Kon- flikts, sonst würde man wohl etwas vorsichtiger sein. Von einer Entspannung der Situation kann nicht gesprochen werden, solang« nicht neue Vorschläge vorliegen. Bethlen zurückgetreten. Außenminister Zulius Karolyi betraui.- Annäherung Ungarns an Frankreich. Budapest, IS. August.(Eigenbericht.) Die Regierung Belhlen ist am Mittwoch völlig un- erwartet zurückgetreten. Der Reichsverweser horthy nahm den Rücktritt des Kabinetts an und beaustragte den bisherigen Außenminister Gras Julius Sarolyi mit der Bildung des neuen Kabinetts. Der bisherige Zinanzminister lehnte einen entsprechenden Auftrag des Reichsverwesers ab. Der Rücktritt des Kabinetts Bethlen ist hauptsächlich auf außenpolitische Momente zurückzuführen und steht im engen Zusammenhang mit dem Verhältnis zwischen Ungarn und Frankreich. Zuverlässig verlauiet, daß die französische Regie- rung, mit deren Hilfe Ungarn angesichts seiner katastrophalen Wirtschaftslage schon seit Monaten rechnet, in lehter Zeit in Budapest wiederholt Vorstellungen in dem Sinne erhoben hat, daß sie in der Regierung Bethlen keine genügende Garantie für die von ihr geforderte Hilfe sieht. Die französische Regierung soll bei diesen Vorstellungen zugleich von dem Gedanken einer Annäherung der Kleinen Entente an Ungarn beseelt gewesen sein. Graf Bethlen erklärte am Mittwoch, daß er zur Zeit ruhebedürftig sei und in der neuen Regierung ein Amt nicht mehr übernehmen werde. Inwieweit er zu diesen Erklärungen stehen wird., bleibt abzuwarten. Mehr als zehn Jahre hat Graf Bethlen über Ungarn regiert als Exponent jener zahlenmäßig kleinen reaktionären Aristokratenclique, die die gesamte innere und äußere Politik Ungarns ihren eigenen Interessen unterordnete. Aber die Weltkrise, durch die Agrarkrise besonders vcr- schärft, hat das Land au den Rand des wirtschaftlichen Zu- sammenbruches gebracht. Die Industrie ist notleidend, zum Teil stillgelegt(dabei keimt das reaktionäre Ungarn nicht ein- inal eine staatliche Arbeitslosenunterstützung!). Alle großen ungarischen Banken sind illiquide. Deshalb benutzte die Bu- dapestcr Regierung den Dcmat-Krach und die von der Reichsregierung verfügten Bankfeiertage und Börsenschlie- ßung, um ihrerseits die gleichen Maßnahmen anzuordnen. In noch viel höherem und dringlicherem Maße als Deutschland benötigt Ungarn schnellstens ausländische Kredite. Seine bisherige auswärtige Politik war rein n a t i o n a l i st i s ch. Die Beziehungen zu den Nachbarn der Kleinen Entente waren die denkbar schlechtesten. Dafür baute man ausschließlich auf die Freundschaft mit dem faschistischen Italien. Das brachte Ungarn in Gegensatz nicht nur zu Jugoslawien und zur Tschechoslowakei, sondern auch indirekt zu Frankreich. Seit der Franken fälschungsaffäre des Fürsten Windischgraetz, in die die Familie Bethlen, vor allem ein Sohn des Ministerpräsidenten, arg verwickelt gewesen ist, war Graf Bethlen in Paris schlecht angeschrieben. Die finanzielle und wirtschaftliche Not treibt aber Ungarn in die Arme des Landes, das gegenwärtig allein reich genug ist, um ihm durch Kredite und Anleihen zu helfen. Das ist nicht Italien, sondern Frankreich. Bethlen ist diesem dringenden Geldbedürfnis Ungarns, das nur Frankreich befriedigen kann, geopfert worden. Ob damit ein grundsätzlicher Wechsel in der ungarischen Außenpolitik verbunden sein wird, bleibt noch abzuwarten. Wahrscheinlich wird aber die Pariser Regierung ihre Mitwirkung an der Rettung Ungarns davon abhängig machen, daß Ungarn ge- wisse Garantien außenpolitischer Natur dafür gibt, daß es sich nicht länger zum Werkzeug Italiens in Süd- osteuropa gebrauchen läßt. Es scheint übrigens, daß auch in Ungarn selbst starke Kräfte am Werke sind, denen eine solche außenpolitische Kursänderung durchaus sympathisch wäre. An dem inner politischen System, d. h. an der aristo- kratischen Cliquenwirtschaft Ungarns dürfte sich allerdings nichts ändern: ein Graf ist eben durch einen andern ersetzt worden. Aber die K a st e bleibt noch wie vor an der Spitze und wird weiter dem arbeitenden Volk die elementarsten poli- tischen und sozialen Rechte vorenthalten. Das Gutachten von Basel- Forderungen der Finanzsachverständigen. Die Paris-Londoner Doppelkonserenz vom 17. bis 22. Juli war nötig geworden, um die Zurückziehung aus- ländischer Kredite aus Deutschland aufzuhalten. Die Kon- ferenz hatte mit der Feststellung geendet, daß bei der nun ein- mal vorhandenen Erschütterung des Vertrauens eine Kredit- Hilfe in Anleiheform nicht möglich, die dringendste Aufgabe aber die Einstellung der ausländischen Kreditabzüge aus Deutschland sei. Zur technischen Durchführung dieses Be- schlusses berief die Konserenz der Staatsmänner einen Aus- schuß von Bankleuten mit der Aufgabe, ein Abkommen über die Stillhaltung deutscher Kredite zustande zu bringen und beauftragte ihn zugleich, einen Bericht über die zur Sa- nierung der deutschen Wirtschaft notwendigen Maßnahmen abzufassen. Dieser Bericht, verfaßt von dem Engländer Lay ton und unterzeichnet von alle.n unter dem Vor- sitz des Amerikaners Wiggins in Basel versammelten Bankiers, wurde gestern früh fertiggestellt und dem eng- tischen Ministerpräsidenten als Vorsitzenden der Londoner Konferenz übersandt; zugleich wurde das Stillhalteabkommen zwischen dem deutschen Unterhändler der Bankwelt, Melchior, und den Vertretern des ausländischen Finanz- kapitals abgeschlossen. Dieses Stillhalteabkommen ist ohne Beispiel in der Ge- schichte des Kapitalismus. Es organisiert über Staats- grenzen und Kontinente hinweg die Bewegung, das heißt, gönauer gesagt, die Nichtbewegung des Kapital- st r o m e s. Ein halbes Jahr lang S,6 Milliarden Mark aus- ländische Kredite nicht aus Deutschland zurückzuziehen, ver- pflichten sich amerikanische(für 37 Proz. dieser Summe), eng- tische(20 Proz.), schweizer(14 Proz.), holländische(6'/- Proz.), französische(2,2 Proz.), schwedische und andere Bankiers. Der natürliche Kreditabzug wird gedrosselt, um den Zu- sammenbruch des Kapitalismus in Deutschland aufzuhalten, eigene Verluste dabei zu vermeiden und Zeit zu gewinnen für die Beseitigung der politischen Ursachen der Kredit- crschlltterung. Aus diesem Grund setzen die Sachverständigen in immer wiederholten Wendungen auseinander, daß die p o l i t i f ch e n ll r s a ch e n für die internationalen Wirtschaftsstörungen, d. h. die Kriegsschulden, beseitigt werden müssen, um zu einem normalen Funktionieren des Weltwirtschaftsorganismus zu kommen. Sie erklären, daß es theoretisch zwei Mittel gäbe, durch die Deutschland ohne fremde Hilfe saniert werden könnte. Der eine Weg wäre die weitere Veräußerung deutscher Auslandsaktiven. Diesen Weg lehnen sie ab, weil diese Anlagen zum Teil nicht realisierbar seien, zum Teil zum normalen Funktionieren des deutschen Handels gebraucht würden. Hinter diesen Argumenten steht der Ge- sichtspunkt der ausländischen Bankiers, daß sie Jelbst Verwalter dieses Eigentums sind und es ihnen nichts nützen würde, wenn es ihnen zur Begleichung deutscher Schulden entzogen würde; das Finanzkapital will zudem keine staat- lichen Eingriffe in seine Sphäre. Als zweiter theoretisch möglicher Weg mird die Drosselung derEinfuhr und die Forcierung der Ausfuhr genannt. Die Baseler Bankiers geben die Schätzungen des deutschen Statistischen Reichsamtes wieder, die klar zeigen, daß W« Entwicklung bereits diesen Weg eingeschlagen hat. Auch um seinen Auslandsoerpflichtungen nachzukommen, ist die deutsche Einfuhr von 13,6 Milliarden in 1929 auf 10,6 Milliarden in 1930 heruntergegangen und wird voraussichtlich für 1931 auf 6,3 Milliarden sinken. Die deutsche Ausfuhr ist zwar auch zurückgegangen, aber nur in wesentlich geringerem Grade, von 13,6 Milliarden in 1929 auf 12,1 Milliarden 1930 und auf(voraussichtlich) 9,3 Mil- liarden in 1931. Während also Ein- und Ausfuhr 1929 sich ausglichen, entstand bereits 1930 ein Ausfuhrüberschuß von V/z Milliarden, der vermutlich auf 3 Milliarden in diesem Jahr steigen wird. Die Weltbankiers zeigen der Industrie und dem Exporthandel ihrer eigenen Länder, welche Wirkung die deutschen Ausfuhrüberschüsse auf die Dauer für sie haben muß. Sie erklären es„im allgemeinen I n t e r- esse für höchst unerwünscht, daß Deutschland ge- zwungen würde", eine derartige Ausfuhrpolitik zu treiben. Haben so die Bonkiers ihr eigenes und das Interesie d"r Industrie an der Vermeidung dieser beiden Wege dargestellt, so gehen sie dann dazu über, einen dritten Weg aus der Krisis aufzuzeigen. Sie sagen in den Worten der Londoner Konferenz, daß der Mangel an Vertrauen zu Deutschland „durch die wirtschaftliche Lage des Landes nicht ge- rechtfertigt ist". Sie fügen hinzu, daß auch die Staats- finanzen keine Ursache für die Krediterschütterung dar- stellen.„Die gegenwärtige Regierung hat unter schwierigen Verhältnissen den Beweis ihrer Entschlossenheit geliefert, Deutschlands öffentliche Finanzen auf eine gesunde Basis zu stellen: wenn diese Politik streng fortgesetzt wird, wird sie entschieden dazu beitragen, Deutschlands Kredit zu stärken." Es sind also weder die deutschen Staatsfinanzen, noch die deutsche Wirtschaft, die nach Ansicht der Bankiers die Er- schütterung des Vertrauens rechtfertigen, sondern es sind zwei grundlegende Schwierigkeiten anderer Natur. Das eine ist ihrer Ansicht nach das politische Risiko, das mit Kreditanlagen in Deutschland verbunden ist. Es ist keine Gewähr für einen dauernden und friedlichen wirtschaftlichen Fortschritt gegeben, solange nicht die Beziehungen zwischen Deutschland und den anderen europäischen Mächten auf der Grundlage freundschaftlichen Zusammenarbeitens und gegen- seitigen Vertrauens beruhen. Das ist eine Mahnung, nach allen Seiten politische Abenteuer zu unterlassen, eine Wendung gegen nationalistische Außenpolitik, mag sie kommen von Deutschland oder von Frankreich oder sonst einem Lande. Dann erklären die Bankiers aber, daß die äußeren Verpflichtungen Deutschlands sich so lawinen- artig erhöhen, daß ausländische Geldgeber die Lage in Deutschland nicht als gefestigt ansehen können. Solange nicht zu übersehen sei, wie sich die künftige Lage Deutschlands ent- wickeln wird, bestehe ein sehr ernstes Hindernis für die Ge- Währung neuer kurzfristiger Kredite oder für die Aufnahme einer langfristigen Anleihe. Deshalb erklären die Bankiers, daß vor Ablauf der sechs Monate dafür gesorgt werden muß, daß die von Deutschland zu leistenden internationalen Zahlun- gen die Aufrechterhaltung der finanziellen Stabilität nicht mehr gefährden. Publikum und sie selbst könnten Ver- trauen in die wirtschaftliche Weiterentwicklung nicht haben, solange die Welt zwei einander widersprechende politische Prinzipien oerfolgt:«Es ist ein- internationales finanzielles System entwickelt worden, das die jährliche Zahlung großer Summen von Schuldner- an Gläubigerländer zur Folge hat: gleichzeitig aber sind der freien Güterbewegung Hindernisse in den Weg gelegt worden." Solange diese Hindernisse be- stehen bleiben, müssen„derartige Kapitalbewegungen"— Kriegsschuldenzahlungen— naturgemäß das finanzielle Gleichgewicht stören. Mit den Argumenten der Freihandels- , lehre also wenden sich die Bankiers gegen die politische Ver- ichÄung und schließen ihren Bericht mit der„ernsten Mvh» nung an alle beteiligten Regierungen, unverzüglich eine Lage zu schaffen, um durch neue Finanztransaktionen Deutschland und dadurch der Welt die so dringend nötige Hilfe zu bringen." Das Baseler Abkommen hält durch die Stillhaltung eine Verschlechterung der Lage Deutschlands und der Welt auf. Der Baseler Bericht bereitet die Beseitigung einer Krisenursache vor: das Finanzkapital hat begonnen, die Richtigkeit der sozialistischen Forderung auf Streichung der Krieg sschulden einzusehen und zu bekennen. Es ist die Aufgabe der deutschen Reichsregierung, durch eine stete Politik der Verständigung derwirtschaft- lichen Vernunft endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Hugenberg und die Bankenkontrolle. Oevischnationales„Wirtschastsprogramm"!— Die Arbeits- losen sollen verhungern. Unter dem Titel„Auf dem Wege zum Staatssozialismu-s" setzt sich die deutschnationule Pressestelle in programnmtischer Form mit den dank- und finanzpolitischen Absichten der Reichs- regierung auseinander. Selbswerftändlich lehnt Herr Hugenberg die Einrichtung einer Banken- und Kreditkontrolle ab und will höchstens die staatliche-Aufsicht über gewisse Banken als vorübergehende Maß- nahm« zulassen. Wir haben volles Verständnis dafür, daß Herr Hugenberg eine Kontrolle seiner Kreditgeschäfte nicht wünscht. Wenn aber dann ge> sagt wird, daß«ine staatlich« Bankenkontrolle den Ausgangspunkt für neue Korruption und parteipolitisch« Mißwirtschaft bedeute, so müssen wir wirklich fragen, ob in irgendeinem System dies« Kor- ruption und Mißwirtschaft größer sein kann, als in einer Privatwirtschaft, die systematisch den Staat für Sonderinteressen in Anspruch nimmt. Natürlich ist Hugenberg auch ein rücksichtsloser Verteidiger der Hausbesitzerinteressen. Er wendet sich grundsätzlich gegen jede Re- form der Hauszinssteuer, die den Hausbesitzern keine Bereicherung bringt. Dabei kommt die deutschnationale Pressestelle zu folgender klassischen Formulierung:„Der steuerliche Aussall, den Länder und Gemeinden durch eine Reform der Hauszinssteuer erleiden, würde durch die Senkung der Beträge, die heute für die Unter st ützung der Arbeitslosen ausgebracht werden müssen, sowie durch erhöhte steuerliche Einnahmen, die aus der dann aufblühenden Wirtschaft flössen, mehr als ausgeglichen werden." Hugenberg will also die Arbeitslosen verhungern lassen, damit die Rente der Hausbesitzer steigt, und dann mag der Staat zusehen, wie er die bereicherten Kapitalisten zu größeren Steuerleistungen veranlaßt. Ein probates Programm! Der stellvertretende Leiter der OPll Mensing ist durch Bo- schluß des Zentral-Exekutiokomitees der Sowjetunion seines Amtes enthoben worden. Mensing ist dem Außenhandelskommissariat zugeteilt worden. Welche Gründe dieser Maßregelung zugrunde zugeteilt worden. Gründe bisher unbekannt. Das Hakenkreuz Ein Reichsgerichisenischeid.- Im Kampfe gegen die politischen Ausschreitungen, um mit den Worten der Notoerordnung zu sprechen, bemühen sich einige Polizei- behörde», den Hakenkreuzlerischen Schimpfkanonen Einhalt zu ge- bieten. Sie iun das jedoch in ständiger Gefahr, vom Reichs- g e r i ch t verleugnet zu werden, dessen Mitglieder in stolzer Erhabenheit über dem politischen Kleinkrieg zu thronen glauben. Das gleiche Reichsgericht, in dem fast jede Woche eine Verurteilung von Kommunisten wegen„literarischen Hochverrats" erfolgt, ist unter Umständen auch sehr nachsichtig. Neuerdings hatte das Reichsgericht über eine Beschwerde des „Völkischen Beobachters" zu entscheiden, der von der Münchener Polizeidirektion auf vier Wochen verboten war, weil er die Polizei beschimpft hatte. Das Reichsgericht setzte die Verbote dauer herab und gibt dazu eine Begründung, die fast wie das Plädoyers eines Verteidigers anmutet. So findet das Reichsgericht beispielsweise in der Bakkenüber- schrift„Sie Polizei sieht der roten Mordhetze ruhig zu!" nicht etwa den Vorwurf der Pflichtvergessenheit, sondern es meint, daß die Nationalsozialisten wegen der fortwährenden Zu- sanmrenstöße mit Kommunisten einen gewissen Anspruch auf verschärften Schutz hätten. Wörtlich heißt es dann, geradezu beleidigend für die Münchener Polizeibehörde, die den„Völkischen Beobachter" verboten hat: „Die in den Artikeln des„Völki-schsn Beobachter" geschilderten Vorgänge ergeben einen Tatbestand, aus dem ein gewisser Gleichmut der fraglichen Polizei st eile gegen das von anderen als sehr gefährlich angesehene Handeln der Kommunisten herzuleiten ist." Auch in dem Wort„P o l i z e i t e r r o r" erblickt das Reichs- geeicht keine Beschimpfung. Das Wort Terror habe„durch den seit längerem infolge der aufgeregten Zeitverhültnisse häufigen Gebrauch bei allen möglichen Vorgängen den früher mit ihm Zwangs- läufig verbundenen Inhalt verloren." Ebenso sei die Kritik des „Völkischen Beobachter" an dem polizeilichen Vorgehen gegen die Bewachung des Münchener Braunen Hauses nicht so weit über das Maß ruhiger Sachlichkeit hinausgegangen, daß sie eine Beschimpfung der Polizei darstelle. Die Begründung des Reichsgerichts enthält schließlich noch die Mahnung an die Behörden, bei der Festsetzung einer Ver- botsdauer für den„Völkischen Vcobachter" auf dessen Eigenschaft als Zentral- und leitendes Organ der NSDAP, in dein Sinne be- sondere Rücksicht zu nehmen, daß in diesem Falle auch bereits ein kurzes Verbot eine ernste Maßnahm« darstell«! Oie Zustände in Württemberg. Stuttgart. 19. August.(Eigenbericht.) In dem in Ulm erscheinenden Naziblatt hat der Reichstags- abgeordnete Dreher unwahre Behauptungen über den finanziellen Stand des lUmer Konsumvereins ausgestellt. Der Konsumverein erwirkte gegen Dreher in dessen Eigenschaft als Verleger eine einst- weilige Verfügung, durch die Dreher die Weiteroerbreitung der falschen Behauptungen untersagt wird. Außerdem wurde er zu den Kosten oerurteilt. Aber weder Dreher noch der Naziverlag haben Geld, so daß jetzt zur Pfändung der Büromöbel geschritten werden mußte. Uebrigens wird Dreher in der nächsten Zeit nach München in» Braune Haus übersiedeln. « Der Präsident der württembergischen Landesverstcherungsanstalt, der Zentrumsabgeordnete Andre, veröffentlicht folgende Er» klärung: „Der RS.-Kurier hat mich verdächtigt, ich habe unberech- tigterweisc eine mir nicht zustehende Urlaubsabfindung in Höhe von über IvlKXI Mark von der Lapdesversicherungsanstalt Württemberg ausbezahlen lassen. Weiter erhebt der Artikel eine Reihe von Bor- würfen gegen meine Geschäftsführung. Hierzu erkläre ich: Ich habe den Artikel des NS.-Kurier dem württembergischen Wirtschafts- Ministerium und dem Reichsversicherungsamt als A u f s i ch t s- behörden der Landesversicherungsanftalt Württemberg zur Prüfung der in ihm gegen meine Person und meine Geschäfts- führung enthaltenen Vorwürfe übergeben. Während des Laufes der Untersuchung, deren Ergebnis ich mit aller Ruhe entgegensehen kann, muß ich mich einer Aeußcrung in der Oeffenllichkeit ent- halten." Die sozialdemokratische„Schwäbische Tagwacht" folgert aus dieser Erklärung, daß in der Landesversicherungsanstalt«ine Nazizelle existiert, zu deren Bestand Herr Andre durch seine Personalpolitik beigetragen habe. » Unter den Marschgesängen, mit denen die Hakenkreuzhorden bei ihren Bürgerkriegsübungen durch das Land marschieren, befindet sich ein Lied, von dem eine Strophe lautet: Wenn der Sturmsoldat zu Felde zieht, Dann hat er frohen Mut! Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, Dann geht's noch mal so gut! Gegen Mitglieder einer SA.-Abteilung, die dieses Lied kürzlich bei einem Marsch durch Derendingen bei Tübingen sangen, wurde Strafantrag gestellt. Nicht nur auf Grund des§ 130 des Strafgesetzbuches(Aufreizung zu Gewalttätigkeiten), sondern vor allem aus Grund der Notoerordnung gegen politische Ausschreitun- gen schien strenge Verurteilung geboten. Was aber tat das zustän» dige Tübinger Schöffengericht? Es nahm lediglich groben U n- fug(!) an und verhängte gegen einige Angeklagte Geldstrafen in Höhe von IS Mark. * Nicht nur die Justiz versogt in Württemberg, auch die Verwaltungsbehörden, die dem Staatspräsidenten Bolz unmittel- bar unterstellt sind, sind in der Abwehr der nationalsozialistischen Minierarbeit sehr zurückhaltend, während sie mit Maßnahmen gegen andere Parteien nicht sparen. In dem um Stuttgart ge- legenen Oberamtsbezirk Stuttgart-Amt finden in der letzten Zeit mehrfach Nachtmärsche und Felddien st Übungen der Nazis statt, bei denen es fast regelmäßig nicht nur zu nächtlichen Ruhestörungen, sondern auch zu Üeberfällen auf einzelne als Republikaner bekannte Persönlichkeiten kam. Am tollsten war der Ueberfall einer solchen Horde auf das Haus des Reichsbannervor- fitzenden Moltenbreit in Echterdingen. In Presseerörterun» gen. die sich an diesen Porgang anschlössen, konnten die National» ! als Landplage. . Württemberg unter Terror. sozialisten ohne Widerspruch die Behauptung ausstellen, daß ihre Aufmärsche vom Landratsamt Swttgart-Amt in vorgeschriebener Weise genehmigt worden seien. Es ist nun kennzeichnend, daß diese Aufmärsche trotz der vor- gekommenen Roheiten und Zusammenstöße auch weiterhin in jeder Nacht zum Sonntag ungehindert stattfinden können. Dagegen hat das Landratsamt eine für Sonnabendabend nach Echterdingen ein- berufene öffentliche sozialdemokratische Versammlung, in der Landtagsprästdent Pflügcr sprechen sollte, kurzerhand mit Rücksicht auf die öffentliche Sicherheit verboten. Liegt hier die Parteinahme zugunsten der Hakenkreuzler offen zutage oder nicht? Gchimpsbold Wagner verurieili. Lochum. 19. August.(Eigenbericht.) Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Wagner wurde am Mittwoch wegen Beleidigung zu einem Monat G e» f ä n g n i s oerurteilt. Das Urteil hat eine lange Vorgeschichte, die wieder einmal zeigt, wie verschiedenartig heute in unserer Justiz Recht gesprochen wird. Im April 1929 erschienen in der nationalsozialistischen Zeitung „Die neue Front" Artikel, für die der nationalsozialistische Reich:- tagsabgeordnete Wagner-Bochum verantwortlich zeichnete. Die Ar- tikel enthielten schwere Beleidigungen und Ehrenkränkungen für den Rechtsanwalt Dr. Levy-Essen, der gegen Wagner ein Ver- fahren wegen öffentlicher Beleidigung anstrengte. Durch Urteil des Erweiterten Schöffengerichts in Essen vom 12. August tbZO wurde Wagner wegen Beleidigung in Tateinheit mit übler Nachrede zu einem Monat Gefängnis kostenpflichtig verurteilt. Gegen dieses Urteil wurde Berufung eingelegt. Später erfolgte durch Urteil der Strafkammer in Essen vom 3. Ottober 1930 Freispruch des Ange- klagten, da die Strafkammer die Auffassung vertrat, daß der Nach- weis der Täterschaft gemäß§§ 20 und 21 des Prehgesetzes nicht voll erbracht sei. Die Revision des Staatsanwalts und des als Neben- kläger zugelassenen Rechtsanwalts Dr. Levy führte dann dazu, daß das Reichsgericht am 30. März 1931 das freisprechende Urteil aus- hob und die Sache zur nochmaligen Verhandlung nicht an das Landgericht in Essen, sondern an das Landgericht in Bochum verwies. In der Hauptverhandlung fehlte der Angeklagte Wagner, weil er offenbor nach den Gründen des reichsgerichklichen Urteils eingesehen hatte, daß seine Stellung nicht zu halten war. Seine Berufung wurde infolgedessen ohne weiteres verworfen, wodurch das erstinstanzliche Urteil, das auf einen Monat Gefängnis lautete, rechtskräftig geworden ist. Die zur Hauptoerhandlung geladenen Zeugen Terhooen, Zil- kens und Siepmann, alle führende Mitglieder der Nazipartei, waren der Verhandlung ebenfalls ohne jede Entschuldigung fern- geblieben. Das Gericht nahm sie dafür in Ordnungsstrafe. Noch einer... Bonn. 19. August.(Eigenbericht.) Die Bonner Strafkammer verurteilte den national» sozialistischen Agitator Freiherrn von Elz wegen Ver, gehen? gegen das Republikschutzgesetz zu 2 Monaten Gesang, n i s und wegen Beleidigung des früheren Polizeipräsidenten voir Berlin Zörgiebel zu 100 M. Geldstrafe. Elz hatte in �iner Wahlversammlung im September vorigen Jahres behauptet, Zörgiebel habe während der Revolution int November 1918 in Trier in einer öffentlichen Versammlung vor Zuhältern, Zuchthäuslern und betrunkenen Matrosen ein« Hetzrede geholten. Außerdem hatte sich von Elz einer Verächtlichmachung der republikanischen Staatsform schuldig gemacht, indem er die Demo- kratie als Schwindel und Betrügerei bezeichnete, von einem B e» trug der November-Republik redete. In erster Instanz war der Hetzer freigesprochen worden, well das Gericht den amtlichen Bericht der die Versammlung über, wachenden Polizeibeamten als„nicht beweiskräftig' ansah. Hitler schließt aus. Bremerhaven. 19. August. Nach einer Bekanntmachung Adolf Hitlers im„Völkischen Be- obachter" ist die Ortsgruppe Untcrweser der NSDAP. aus der Partei ausgeschlossen. Dieser Maßnahme liegen schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten personeller Art innerhalb der Ortsgruppe zugrunde. In einem Flugblatt, das sich mit diesen Vorgängen beschäftigt, wird betont, daß, nachdem die Haupt- stützen des bisherigen Systems erledigt seien, der Kampf sortgesetzt werde. Kränzen verläßt Braunschweig. Lrounschwrig, 19. August. Dr. F r a n z e n beabsichtigt, sich in Kiel niederzulassen. Er hat bereits bei den zuständigen Stellen in Kiel Antrag auf Zulassung als Rechtsanwalt gestellt. Ein genauer Zeitpunkt für den Wegzug des Ministers aus dem politischen Leben läßt sich noch nicht' bestimmen, solange der braunschweigische Landtag nicht zu der Amts- »iederlegung Franzens Stellung genommen hat. Das kann nicht vor dem IS. September, geschehen. Einstweilen führt er als„ge- schäftsführender" Minister die Diktaturoerordnungen Brünings aus, die er als ordentlicher Minister angeblich verabscheut. Gttckstoffkamtzf oder neues Welikartel!? Chile geht mit Kompfpreisen für Naturstickfioff vor. Gleichzeitig mit dem in Deutschland eingeführten Genehmigungs- zwang für die Einfuhr von Stickstoff hat der große chilenische valpeterkonzern Cosach beschlossen, die Preise für den die europäischen Märkte bestimmten Stickstoff herabzusetzen. Der große internationale Preiskampf ist damit eingeleitet. Von der ameri. kanffchen Guggenheim-Gruppe. die praktisch den Chile-Trust beherrscht, wird erklärt, daß die Preisherabsetzung eine Schutzmaß- nähme sei gegen die verschärften Kampsmaßnahmen der Erzeuger künstlichen Slickstofss. In Paris fit man allerdings der Ansicht, daß die chilenische Preisreduzierung hauptsächlich den Zweck hat, die europäischen Gruppen doch noch zur Wiederaufnahm« neuer internationaler Ver« Handlungen zu veranlassen. Dazu gibt eine Londoner Mel, düng einen interessanten Kommentar. Nach dieser Meldung sind in Brüssel zwischen den Stickstoffindustrien Deutschlands, Englands, Hollands und Belgiens Verhandlungen aufgenommen worden, ose unmittelbar durch die chilenisch« Preissenkung für Naturstickstoff veranlaßt sind. Auch diese Meldung bewertet den Schritt Chiles als taktische Maßnahme zur Herbeiführung eines neuen internationalen Abkommens, Nr. 387* 48. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts Donnerstag, 20. August 4 931 Die Villa für Obdachlose. An der Heerstraße: Prächtige Villen, halb versteckt in üppigen Gärten, flankieren diese einzigartige, von vielen Autos belebte Aussall- skraße nach Hamburg. Plötzlich fällt unser Blick auf eine Lücke in der prunkenden Reihe der Mllenherrlich- kcit, denn da oben, auf einem von Kiefern bestandenen großen Grund- stück steht eine Ruine, eine gut erhaltene Villenruine, vor derem Betreten das Charlottenburger Bau- polizeiamt„wegen Lebensgefahr" warnt. Zur Sicherheit läuft noch ein starker Stacheldrahtzaun um den seltsamen Bau, der alle Ansätze zu einer hochfeudalen Villa in sich trägt, trotz der Löcher im Dach und dem zugemauerten Portal. Ringsherum wuchern Brennessel und Unkraut in reicher Fülle. Traurig schauen die leeren Fensterhöhlen in den Tag, nur an einer Seite hat der Roh- Ziegelbau einen grünlichen Anstrich bekommen. Besonders wüst ist die Rückfront mit der ausladenden Gartenterrasse mitgenommen. Hier haben fleißige Hände Hohlziegel und Bandeisen ausgebrochen, so daß der Blick bis in den Keller reicht. In der Inflationszeit entstand die Villa. Dann ging dem Besitzer, einem Holländer, das Geld aus. Es wurde mst dem Weiterbau gestoppt, von Jahr zu Jahr bekam das Haus«in jämmerlicheres Aussehen. Dem Antrag auf Abbruch konnte nicht stattgegeben werden, da der mysteriöse Holländer die fälligen Steuern gerade noch im letzten Augenblick bezahlte— und so kann das fröhliche Spiel noch jähre- lang weitergehen, da man den Besitzer mit keinen gesetz- liehen Mitteln zwingen kann, auf den Bestand seiner Ruine zu verzichten. Geld scheint er jetzt aber Langsam verfallende Villa an der Heerstraße. auch nicht zu haben und so fällt ein Ziegel nach dem anderen vom Dach. Ohne Zweifel werden die Kellerräume von vorbeikommenden Obdachlosen auch ohne Wohnungsschein als Quartier benutzt und sie können dabei noch die Befriedigung haben, auch einmal an der feudalen Heerstraße zu wohnen. So erfüllt auch diese in ihrem langsamen Verfall häßlich wirkende Ruine noch ihren guten Zweck. Oer Lteberfall auf v-Bahnhof Klosterstraße. Drei Lahre sechs Monate Zuchthaus für den Toter. Der versuchte Ueberfoll aus die Kasse im llntergrundbahnhos Klosterstraße, bei dem Ansang Februar eiu llnlergrundbahnschasfner derart niedergeschlagen wurde, daß er eine Gehirnerschütterung davontrug. war jetzt erst Gegenstand eines Prozesses vor dem Schössengcricht Bevlin-Mitte. Lange Zeit war die Tat unaufgeklärt geblieben, bis ein junger Mann die Kriminalpolizei auf den Händler Alfred Müller aufmerksam machte, der in einem Lokal über die Tat gesprochen hatte. Als die Polizei recherchiert hatte, daß Müller schon achtzehn.- mal vorbestraft war, wurde er dem verletzten Schaffner gegen- übergestellt, der in ihm auch sofort den Räuber erkannte. Müller war an jenem Tage spät abends auf den Bahnhof ge- kommen und hatte eine Fahrkarte gefordert. Anstatt zu bezahlen, holte er ein Instrument aus der Tasche, mit dein er an der Sperre auf den Schaffner einschlug. Geistesgegenwärtig warf der Schaffner sofort die Kasse hinter sich auf den Boden, so daß sie dem Zugriff des Täters entzogen war. Gleich darauf brach er besinnungslos zusammen und wurde erst später vom Personal aufgefunden. Aus der Kaffe fehlte nichts, da Müller nicht in das enge Abfertigungs- I Häuschen eindringen konnte. Ganz unschuldig beschrieb der An- geklagte seinen Zusammenstoß mit dem Schaffner. Er behauptete, der Schaffner habe geschlafen und ihm, als er den Untergrundbahn- Hof betreten wollte, seine Karte nicht gelocht. Als er dem Schaffner Vorhaltungen machte, sei dieser aufgesprungen und habe sich den Kopf derart an der Tischkante geschlagen, daß er hingesallen sei. Das Gericht hielt dies« Darstellung für unglaubwürdig und vcr- urteilt« den Angeklagten auf das Zeugnis des Schaffners hin wegen versuchten schweren Raubes zu drei Jabre n s echs Monaten Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht._ Zeppelin auf der Heimfahrt. London, 19. August. Das Luftschiff„Graf Zeppelin" landete nach seiner England- rvndfahrt glatt in Hanworth um 19,15 Uhr. Nachdem Dr. Eckencr sowie der Master of Sempill, der die England-Fahrt arrangiert hatte, einige Worte über den Lautsprecher an die Zuschauer gerichtet hatten, stieg das Luftschiff nach nur etwa halbstündigem Aufenthalt um 19,35 Uhr zu seinem Rückflug nach Deutschland auf. Es überquerte die City um 19,45 Uhr und oerschwand in östlicher Richtung. Berufsmäßige Krakeeler. Gefängnis für kommunistischen Tumultuonten. Bor dem Schnellschöffengericht Berlin-Mitte stand der Arbeiter D r a x e l unter der Anklage des Landfriedensbruchs. D. war während der kommunistischen Krawalle, die sich am Nachmittag und Abend des 19. August in der F r i e d r i ch st r a ß e ereigneten und bei denen u. a. einige Schaufensterscheiben eingeworfen wurden, festgenommen worden. Der Angeklagte, organisiertes Mitglied d e r K P D. und der verbotenen„Antifa", will„ganz zufällig" in den Tumult hineingeraten sein. Die Bekundungen der Polizeibeamtsn erwiesen jedoch das Gegenteil. So berichten die unter Eid ver- nommencn Polizeizeugen, daß D. die Menge fortwährend aufgehetzt und die Beamten in der wüstesten Weise beschimpft habe. Dem Zeugen, Polizeiwachtmeister Rosenberg, der ihn festnehmen wollte, rief D. zu:„Ihr Mörder, Ihr habt ja schon wieder den Schießprügel bereit.— Ihr Bluthunde, könnt Ihr nicht wegbleiben?" Auch andere Beamte sind von dem Angeklagten aufs unflätigste, so u. a. als „Mörder", beschimpft worden. Der Staatsanwalt forderte strenge Bestrafung des Angeklagten. Sein Verhalten grenze hart an aktiven Landfriedensbruch, man muffe die Ausschreitungen D.'s als geradezu gemeingefährlich bezeichnen. Die Polizeibeamten, die nur ihrer schweren Pflicht genügten, müßten derlei berufsmäßigen Ii»- ruhestiftern und Krakeelern gszenüber energisch in Schutz genommen werden. Der Ankläger beantragte schließlich wegen Be- leidigung in zwei Fällen, einfachen Landfriedensbruchs und Ver- stoßes gegen die Notverordnung über unerlaubte Straßenkund- gedungen insgesamt 6 Monate Gefängnis. Das Gericht er- kannte auf diesen Strasfatz und betonte, daß es dieses Urteil noch als durchaus milde bezeichnen müsse. Der Angeklagte, der in Arbeit stehe, habe sich zu seinen Exzessen nicht aus Not hinreißen lassen — was man vielleicht verstehen könnte—, sondern aus krakeelsüchtigem Uebermut. Da kein Fluchtverdacht vorliegt, wurde der 5?aft- besehl aufgehoben. Drei Todesopfer der Mliiärfliegerei. polnisches Flugzeug abgemffcht und verbrannt. Marschau. 13. August. Ein mit drei Motore» ausgerüstetes Militärflugzeug der Fliegerschule Graudenz. das heule nachk während eines Aebungs- fluges infolge einer Molorstöruog landen wollle, rutschte dabei ab und geriet in Brand. Die Znsassen, zwei Offiziere und zwei Unteroffiziere, büßten das Leben ein. Zwei Personen. die den Verunglückten zu Hilfe kommen wollten, erlitten schwere Brandwunden. Der Kall Lamm geklärt. Selbstmord oder Unglücksfall. Bingen. 13. August. Nach den neuesten polizeilichen Ermittlungen ist als sicher an- zunehmen, daß Heinz von Lacuw beim Autobrand den Tod gesunden hat. Ob es sich um einen Selbstmord oder Unglücksfall chandett. wird sich wohl nie klären lassen. Es wurde festgestellt, daß Lacum nie eine silberne hirnplatte getragen hat. Die Staatsanwaltschaft hat nunmehr an einer weiteren Untersuchung kein Interesse mehr. 800 Mark Lohngelder verschwunden. Gestern gegen 16 Uhr meldete ein Diplomingenieur, der den Arbeitern des städtischen Gutes Großbeeren Geld aus- zahlen wollte, daß er auf der Ahrensdorfer Straße überfallen und niedergeschlagen worden sei. Ihm wurden nach seinen Angaben 699 M. geraubt. Mit einem Knüppel erhielt er eine Verletzung, die aber geringfügiger Natur ist. Der Täter ist, wie er bei der Landjägerei angab, geflüchtet. Die zuständigen Dienststellen prüfen den Fall nach. 8i OASt£v „MoinI� Er vergräbt die Hände in die Hosentaschen und stiert geistesabwesend vor sich hin.„Kinder, was wollt ich eigentlich hier?" Mit gefalteter Stirn grübelt er.„Ach ja! Frau Caspar!, die Korrespondenz mit... Dings. Suchen Sie mir mal den Brief aus, in dem... Dings die letzte Weizenlieferung be- anstanden." „Ich weiß leider nicht, wen Sie meinenl" „Na, Mensch!" Harry knackt mit den Fingern und hält die linke Hand ganz zart an seinen Hinterkopf, der wieder abscheulich schmerzt. Er fühlt die dünnen Härchen, die bis auf ein Minimum gekürzt und herausgeschnitten sind.„Paßt mal auf! Seid mal ganz still! Gleich Hab ichs! Radbyl u. Mereschinskil Na, was sagt ihr zu Onkel Harrys Köpfchen?" „Fabelhaft!" erkennt Fräulein Hinzelmann an. „Au verdammt", stöhnt Harry schmerzlich und stemmt die Handflächen gegen seine Schläfen.„Ruf doch mal den Lustknaben Paule, Hinzelmännchen, der fall mir'nen sauren Hering holen. Und wahnsinnig viel Gurken! Ich habe Appetit darauf." � „Manchmal hat man auf so was Pikantes Appetit, äußert sich Fräulein Hinzelmann scheinheilig und beyrdert Paul heran, ganz offiziell und ohne Heimlichkeiten, denn für den Neffen des Chefs dürfen Botengänge ausgeführt werden, ohne daß der„Meckerer" Anstoß nimmt. Der sollte es nur wagen! Inzwischen vertieft sich Dr. Harry Silvester in die Korre- spondenz mit Radbyl u. Mereschinski. Weiß der Teufel, die Schweine haben eventuell recht. Man muß bei der Abfassung des Antwortschreibens sehr vorsichtig sein und gleichzeitig an die Bersicherungsgesellschaft wegen Schadenersatz herantreten. „Bei wem war der Transport eigentlich versichert...?" Zum Kotzen, daß er immer so schnell vergißt.„Also Ziege fragen!" Paul bringt saure Gurken und einen Prachthering. «�Trag es tu mein Siomet, Knabe!" beftehtt Harry. „Da is'n Bote von der Versicherungsgesellschaft", meldet Paul,„'n Bote mit'n Blumenkorb!" „Von was für'ner Versicherungsgesellschaft...?" „Na, von Mausehund, Mayer u. Co.!" „Mit einem Blumenkorb...? Für uns...? Soll mal hier antanzen!" Harry glaubt zu träumen. Fräulein Hinzelmann und Frau Caspari reißen die Augen auf. „He Sie, kommen Sie mal rein", winkt Paul dem Kollegen. Der Laufbursche von der Versicherungsgesellschaft Mausehund, Mayer u. Co. trägt vor sich her ein riesiges Blumenarrangement, in dem herrliche rosa Tulpen eine Hauptrolle spielen. Ein Kuvert mit dem Firmenausdruck ist an einer Seite des kätzchenumflochtenen Bogens befestigt. „Ich soll das für Herrn Bürochef Ziege abgeben. Zum Geburtstag!" Der Bote mit den Kindern Floras sieht in vier erstaunte Gesichter. Er zuckt die Achseln.„Ich weiß ja sonst auch nichts", erklärt er ungefragt und stellt seine duftende Bürde kurzerhand auf Frau Casparis Schreibtisch. „Schau mal an", Harry pfeift durch die Zähne.„Grün- futter für unsere Ziege. Und von der Versicherungsgesellschaft." „Wie aufmerksam", stellt Fräulein Hinzelmann vor- sichtig fest. „Wie überaufmerksam...!" berichtigt Harry. „Ich Hab gar nicht gewußt, daß der„Meckerer" heut Ge- burtstag hat. Wir müssen ihm natürlich gratulieren." Fräu- lein Hinzclmann sieht Dr. Harry Silvester fragend an. „Ich tu's sofort!" Harry grinst.„Paul, beladen Sie sich mal mit dem Gemüse", er deutet auf den Blumenkorb, „ich bringe ihm zum Angebinde das Schreiben, in dem Rad- byl u. Mereschinski die Lieferung beanstanden. Jetzt erübrigt sich auch die Frage, bei wem der Transport versichert ist. Und wenn er sich dann bei der Versicherungsgesellschaft bedankt, kann er gleich im selben Brief Schadenersatz fordern. Wie sich das trifft!" Er überlegt eine Minute und trällert vor sich hin: „Sie machen dir Koniplimente und schicken dir Blumen ins Haus..." Er dreht sich kurz auf dem Absatz um.„So ganz Lim« gene..." murmelt er und will an die Tür zum Zimmer nebenan klopfen. „Ihre Bemühungen werden vergeblich sein, Berehrtester, Ihre Frau Tante ist leider noch nicht da. Wir erwarten sie aber jeden Augenblick..." Fräulein Hinzelmann spricht sehr gewählt und mit vornehm gespitztem Schnäuzchen. �Meioe Taute___?. Sie find wohl blödfinvig geworden�" Fräulein Hinzelmann erwidert darauf nichts. Sie sieht ihn nur frech an. Mit dem jungen Silvester, den alle im Büro für etwas übergeschnappt halten, kann man sich solche Scherze erlauben. Aber diesmal geht es schief. „Mein liebes Fräulein Hinzelmann", Dr. Harry Silvester tritt ganz dicht vor die- zusammenzuckende Stenotypistin, „wenn Sie sich noch einmal eine derartige Unverschämtheit herausnehmen sollten, werden Sie entlassen. Ich kann auch ungemütlich werden. Haben Sie mich verstanden?!" Diesen letzten Satz brüllt er. Fräulein Lotte Hinzelmann ist purporrot angelaufen und sieht sich vor Verlegenheit in den Busen. Sie markiert einen Stickhusten. Die Vision von einem Nachweis für Arbeitslose taucht verschwommen in ihrem Gehirn auf. „Herr Silvester... ich habe.*. ich wollte.,. ich muß...!" „Nennen Sie mit nicht Herr Silvester. Ich bin für Sie Herr Doktor!" Damit ergreift er den Briefordner R— Z und läßt die verdutzten Damen allein. „Das ist ein verrücktes Huhn!" Fräulein Hinzelmann kämpft heldenhaft um ihre Selbstbeherrschung. Aber sie nimmt sich vor, das nächste Mal die Unberechenbarkeit der menschlichen Seele mehr zu berücksichtigen. „Es war auch ein bißchen stark von Ihnen. Er ist immer- hin der Juniorchef", kritisiert Frau Caspari. „Pöh! Es weiß doch jeder! Gerade das giftet ihn so. Na ja, wenn die Frau Silvester keine Kinder kriegt.-.. Passen Sie mal auf, gleich kommt der Chef, und sie ist immer noch nicht da. Elf Uhr vormittags und noch nicht da!" „Sie wird schon kommen",' beruhigt Frau Caspari die Aufgeregte. Ihr ist es gleichgültig, welche privaten Kata- strophen sich im Büro ereignen. Sie begnügt sich mit ihren Sorgen. „Ich will Hans heißen, wenn es da nicht was gegeben hat. Drei Jahre arbeite ich jetzt hier im Hause und kenne mich aus." „Möglich", pflichtet Frau Caspari ohne weiteres bei. Sie erkennt neidlos die Vorherrschaft der ISOsilbigen Stenotypistin mit den französischen und englischen Sprachkenntnissen an. Sie selbst wäre froh, das eine Jahr bei der Firma Ed. Sil- vcster u. Söhne ans ihrem Leben streichen zu können. Jetzt ruht sie einen Moment aus und zerlegt die Emmentaler Ecke in dünne Scheiben. � (Fortsetzung fokgG'i ImSthmuck fremder Federn! Alles kommt wieder.— Hochkonjunktur in der Federnbranche. Irgendein französischer Modediktator hat gelegentlich der Aufführung einer alten Operette die kleidsame Schönheit des Feder- Hutes wiederentdeckt und damit eine Industrie zu neuem Leben er- weckt, die fahre-, man kann sagen jahrzehntelang einen tiefen Dorn- röschenschlaf schlief. In der Vorkriegszeit zählte die Federnindustrie zu einem blühenden Gewerbe, das Inlands- und Auslandsgeschäft flo- rierte, hauptsächlich Amerika, Frankreich und die nordischen Staaten waren gute Abnehmer. Die Federn- und Blumenbranche gab in Berlin etwa(3000 Arbeiterinnen Brot, wobei die Federnbranche die stärkere Beschäftigungsmöglichkeit bot: Berlin und Leipzig standen an erster Stelle in dieser Industrie, und Berlin zählte über öl) Spezialbetriebe. Mit dem Kriege verschwand das Auslands- geschäft völlig, aber auch der inländische Markt ging mehr und mehr zurück, und als im Jahre 1922 die Industrie wieder etwas auflebte, da waren aus den SV Betrieben 15 und aus den KVVV Arbeiterinnen noch keine Kvv geworden; aber selbst die wenigen noch vorhandenen Betriebe konnten sich als Spezialgeschäfte nicht mehr halten, sie mußten sich entweder umstellen oder einen anderen Artikel hinzu- nehmen; einige fabrizierten dann künstliche Blumen, andere erzeugten Hüte, und ein paar ganz Findige verwandten das vorhandene Material für Karneoalartikel, Fächer und anderen modischen Krims- krams. Die Arbeiterinnen fielen, sofern sie nicht mehr umgeschult werden konnten, der Wohlfahrt zur Last, die Jüngeren stellten sich um oder versuchten als ungelernte Arbeiterinnen in anderen Betrieben unterzukommen. Jetzt konnte man alle Facharbeiterinnen wieder heranholen, wobei sich naturgemäß herausstellte, daß es an jüngeren Kräften mangelt und der Nachwuchs vollständig fehlt. Man unterscheidet bei der Fantasiefeder die echte und die unechte Ware; zur echten Ware gehört die Straußenfeder, zur unechten die Hahnen-, Hühner- und Gänsefeder; dos Rohmaterial der billigen Geflügelseder wird hauptsächlich aus Polen, der Tschechoslowakei und Frankreich bezogen und kiloweise gehandelt. Die Straußenfeder kommt aus England; in der Vor- kriegszeit machte diese blühende Industrie die Anlage großer Straußenfarmen notwendig, so wurden beispielsweise in Kapstadt in Farmen 90V vvv Tiere gezüchtet, heute sind es ihrer vielleicht 20 0V0 bis 30 000; London hatte seinen feststehenden Straußenfedern- markt, wo jedes Jahr regelmäßig sechs Auktionen st a t t f a n d e n; der Vorkriegspreis für die beste Ware(die Flügel- federn des Straußenmännchens) betrug 30 bis 40 Pfund Sterling pro Pfund, bis vor wenigen Monaten war der Preis 3 bis 4 Pfund Sterling, jetzt ist er schon auf 7 bis 8 Pfund geklettert. Alle Federn, ob echte oder unechte Ware, haben den Für» bungsprozeß durchzumachen, der mit Hilfe von Anilinfarben,, Stärkemehl usw. vor sich geht; merkwürdigerweise finden in den Federnfärbereien ausschließlich Männer Beschäftigung, Frauen höchstens als zureichende Hilfskräfte, während die Federnbranche als solche durchweg Frauenarbeit ist. Hier ist auch für körperlich be« hinderte Frauen, sofern sie geschickte Hände, einen gewissen Schön. heitssinn und gute Augen besitzen, Beschäftigungsmöglichkeit. Die Tätigkeit der Federnarbeiterin besteht in der Hauptsache im K l e b e n der Gestecke, die nach einer Schablone angefertigt werden; viel- fach werden die Federn auch mit dem Messern in die gewünschte Form gezogen oder gebogen. Geklebt wird mit einer Kautschukmasie, die in den Arbeitsräumen kein sonderlich gutes Aroma verbreitet. Bc- sonders mühsam ist das Kleben der Straußenfedern, das sogenannte Samttleben; hier muß vielfach jeder Halm einzeln gelegt, gc- klebt, dann über der Flamme gekräuselt und gebunden werden; in der Vorkriegszeit war die Arbeit der Strauhcnfedernarbeiterin eine weit einfachere, da die Feder meist in ihrer ursprünglichen Form gekraust und verarbeitet wurde. Als es sich dann erwies, daß nicht jede Arbeiterin ohne weiteres diese Arbeit verrichten konnte, wurde im Jahre 1919 mit den Arbeitgebern ein Abkommen getroffen, wo- nach diese die Arbeiterinnen innerhalb 6 Wochen anlernen ließen, ihnen während dieser Zeit auch eine Vergütung gaben und sie nachher weiter beschäftigten. Es wird jetzt viel Akkordarbeit geleistet und der Spitzenlohn von 27 M. oft kaum erreicht. In den Verkoufsbetrieben herrscht augenblicklich Hoch- konjunktur, die Kollektionen für die Reisenden müssen zusammen- gestellt, inzwischen immer wieder die reißend gehende Ware er- neuert werden: solche Kollektion besteht aus Hunderten von Mustern, wobei der Phantasie in bezug auf Form und Farbe breitester Raum gelassen wurde. Da gibt es einzelne Posten, ganz klein, etwas größer oder ganz groß, geklebte Flügel, geklebte Vögel, alle möglichen Klein- ornamente und dann die dominierenden modischen Sport- oder Jagd- gesteckc, eine Kombination verschiedenartiger und farbiger kleiner Federn; die Mode hat sich gegen früher, wo man möglichst ganze Papageien, Seemöven usw. auf den Hut praktizierte, stark verändert. Auch die Straußenfeder, die früher in überdimensionaler Länge— es wurden zwei, drei und auch noch mehr Federn aneinandergeknüpft— vom Hut lang herab bis möglichst zur Taille wallte, ist diesmal in kleinen und kleinsten Formen, oft nur in ganz winzigen Phantasie- gestecken, vertreten. Früher gehörte zum Inventar der Frau un- bedingt der Besitz einiger besonders prächtiger Straußenfedern, die dann abwechselnd vom Sommer- auf den Wintcrhut wanderten und auch noch als Kleid- und Kopfputz Verwendung fanden. Das gefährliche Motorrad. Eine beachtenswerte Zuschrift. Bom Gesamtoerband der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs wird uns geschrieben: Es vergeht kein Tag mehr, an dem nicht die Taxespresse über Verkehrsunfälle zu berichten hat, die von Motorradfahrern herbeigeführt und verschuldet sind. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß bei weitem nicht alle derartigen Unfälle der Presse und damit der Oeffentlichkeit bekannt werden. Das Fehlen einer Verkehrs- Unfallstatistik für das Deutsche Reich macht es außerdem unmöglich, einen genauen Ueberblick darüber zu erhalten, in welchem Maße die einzelnen Straßenverkehrsmittel an Unfällen betelligt sind. Wir find also auf die Statistiken der einzelnen Polizeioerwal- tungen angewiesen und da kann gesagt werden, daß das, was aus der Statistik des Berliner Polizeipräsidiums hervor- geht, genügen müßte, um den Ursachen aus den Grund und zu Leibe zu gehen. Im zweiten Quartal dieses Jahres waren in Berlin allein 858 Motorräder an mehr oder weniger schweren Unfällen beteiligt. Fast die Hälfte davon waren sogenannte Kleinkrafträder, das sind solche, deren Motor nicht mehr als 200 Kubikzentimeter Zylinderinhalt aufweist: Zur Führung eines solchen Kraftfahrzeuges ist im all- gemeinen jede Person berechtigt, die das 16. Lebensjahr vollendet hat. Die höhere Verwaltungsbehörde kann Ausnahmen zulassen. Da es in diesen Fällen keines Führerscheines bedarf, braucht der Führer auch keine Prüfung darüber abzulegen, daß er zur Führung eines Kraftfahrzeuges befähigt ist, wie das der Fall ist. ivenn er einen Motor benutzen will, dessen Zylinderinhalt mehr als 200 Kubikzentimeter beträgt. Der Führer eines sogenannten Kein- rrastfahrzeuges hat es also nicht nötig, sich so ausbilden zu lassen, wie das der Führer eines Kraftfahrzeuges allgemein tun muß. Er läßt sich von seinem Verkäufer die zur Bedienung des Motors not- wendigen Handgriffe zeigen, schwingt sich auf sein Motorrad, und fährt los, unbeschwert mit der Kenntnis der Verkehrsoorschriften und manchen anderen Dingen, deren gründliche Kenntnisse eine wesentliche Voraussetzung zu der Erlangung des Führerscheines für die übrigen Lenker von Kraftfahrzeugen ist. Die Folge davon ist, daß die Unfallziffern der Meinkrafträder dauernd zunehmen. Daß ein Kraftfahrzeug mit einem Motor von 200 Kubikzentimetern Inhalt weniger gefährlich sein sollte wie ein solches, das mit einem solchen von 250 Kübikzentimetern Inhalt angetrieben wird, ist schwer ersichtlich. Die Gefahr liegt aber nicht in der Stärke des Motors, sondern in der Tatsache, daß der Klein- kraftradfahrer nicht nötig hat, sich genügend mit den Verkehrsregeln bekanntzumachen. Wir sind gewiß die Letzten, die einer Erschwerung des Kraft- Verkehrs das Wort reden möchten, aber die Differenzierung zwischen Kraftfahrzeugen, deren Führer eine besondere Ausbildung nach» weisen müssen,'und den Kleinkraftfahrzeugen(es gibt bereits führer- scheinfreie Wagen), die jedermann ohne jede vorherige Ausbildung ohne weiteres führen darf, nniß baldmöglichst verschwinden. Das Fehlen einer geordneten Ausbildung bei den Führern der sogenannten Kleinkrastfahrzeuge sst eine öffent- 1 i che G e f a h r, die nicht anders bekämpft werden kann, qls daß man für diese Führer die gleiche Ausbildung verlangt, wie sie für die Fahrer der übrigen Kraftfahrzeuge vorgeschrieben ist. Erpressung um einen Grabstein. Ein Ttazi äußert seine Wünsche. Der Ajährige Angestellte K ö st l e r hatte seine Mutter sehr früh verloren, aber niemals ihr Grab gesehen. Als K. im Mai d. I. nach Berlin kam und das Grab seiner Mutter besuchte, stellte er mit Er- staunen fest, daß entgegen seiner Annahme kein Grabstein gesetzt worden war. Kurzerhand wandte er sich in einigen Briefen an einen Architekten, einen Bekannten der Familie, der ihm früher oft geholfen hatte, und verlangte kategorisch, daß er einen Grab- st einsetzensolle. Weiterhin war in den Briefen die Forde- r u n g auf sofortige A r b e i t s b e s ch a f f u n g für ihn und auf ein Darlehen von 200 Mark entHallen. Um diesem Verlangen größeren Nachdruck zu verleihen, drohte K. dem Architekten an, ihn durch Berrat peinlicher persönlicher Angelegenheiten zu ruinieren, falls feine Wünsche nicht erfüllt würden. K. erklärte ferner noch, daß er als Mitglied der NSDAP,„keine schlechte Handschrift" schriebe. Der Architekt kam jedoch dieser Nötigung nicht nach, sondern übergab die Sache der Kriminalpolizei. Vor dem Schöffengericht Neukölln hatte diese Episode«in Nach- spiel, das mit der Verurteilung des Angeklagten wegen versuchter Erpressung zu 6 Monaten Gefängnis endete. Da der An- geklagte bisher nicht vorbestraft ist, billigte ihm das Gericht eine Bewährungsfrist zu, obwohl, wie ausdrücklich betonte, die Er- Pressung eine außerordentliche Gemeinheit darstellte. Theaterdirektor Lange der Gasvergiftung erlegen. Der achtundsiebzigjährige frühere Theaterdirektor Oskar Lauge, der in der Nacht zum Dienstag mit seiner Frau in seinem Häuschen in Schlachtensee durch Oesfnen der Gas- leitung einen Selbstmordversuch unternahm, ist gestern gestorben. Wir haben über den Freitod der beiden alten Leute berichtet. Aus Furcht, daß einer vor dem anderen sterbe und der Ueberlebende dann allein auf der Welt bleibe, hatten sie zum Gashahn gegriffen. Die gelähmte Frau Lange war bereits Dienstagnacht der Ein- wirkimg des Gases erlegen. Eine Kaffeeröstmaschine explodiert. Ein nicht alltäglicher Unglücksfall ereignete sich gestern nachmittag in einem Kolonialwarengeschäft in der Kaiser- Friedrich-Straße in Charlottenburg: Eine Kaffee- röstmaschine explodierte aus bisher ungeklärter Ursache. Menschen wurden nicht verletzt, aber zwei Schaufenster mußten daran glauben und gingen in Trümmer. * An der Brommy-Brücke in der Spree geriet gestern ein Motorboot in Brand. Der Wache Memel der Feuerwehr gelang es, das Feuer, das zahlreiche Neugierige angelockt hatte, zu löschen. Tote oder Verwundete sind nicht zu beklagen. Rundfunkübertragung vom 5. Deutschen Arbeilerjugcndtag in Frgnkfurt a. 2JL Anläßlich des vom 21. bis 23. August in Frankfurt a. M. stattfindenden 6. Deutschen Arbeiterjugenbtages des Verbandes der Sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands finden folgende Rundfunkveraisstalwngen des Südwestdeutschen Rundfunks in Frankfurt a. M. statt: Am Sonnabend, dem 22. August, wird in der Zeit von 22.00 bis 22.30 Uhr von der Abschlußkund- gebuna des Fackelzuges auf dem Römerberg die Rede des preußi- scheu Mimsters für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Genossen Dr. Adolf Grimme, umrahmt von Liedern, übertragen. Diese Uebertragung wird auch vom Breslaucr Sender übernommen. Es besteht die Aussicht, daß einige weitere Sender die Ucbertragung übernehmen. Am Sonntag, dem 23. August, findet in der tett von 11.00 bis 11.30 Uhr im Südweftdeutschen Rundfunk eine nternationale Jugendstunde statt, die von den anwesenden Jugend- gruppen der Sozialistischen Jugendinternationale ausgestaltet wird. Oer Schwindel mii der Oollarmaschine Sie lebten von der Dummheit der anderen. Aas den Tfflk Mk' Wtt geheimnisvollen Dollarmafchiae, die jeden hineingelegten Dollar bellebig vervielfältige, fiel ein Apotheker hinein, der zu diesem Zweck 781 Dollar hiagab und einbüßte. Er hatte einen Mann kennengelernt, der angeblich auf der r us s i- scheu Handelsvertretung beschäftigt war und der ihn in ein großes Hotel mitgenommen hatte, um ihm die geheimnisvolle Maschine zu zeigen. Nachdem er alle seine Schein« in die Maschine gelegt hatte, verließ er mit diesem Mann das Hotel, da die Maschin« angeblich 24 Stunden lang selbständig arbeiten muhte. Am andc- ren Tage, als der Schrank, in dem die Maschine war, aufgeschlossen wurde, waren die Dollarnoten natürlich nicht mehr da, weil sie schon vorher durch einen Taschenspielertrick in die Taschen des Un- bekannten verschwunden waren. Da ein anderer Kaufmann, dem dasselbe Geschäft angeboten war, mißtrauischer war, wurden die Besitzer der Dollarmaschine, die Kaufleute Michael Blaczkowski und Albert Strachmann ermittelt. Außerdem wurde ihnen nachgewiesen, daß sie sich durch ein anderes großangelegtes Be- trugsManöver 10 000 Mark er fch windelt hatten. Durch die Vermittlung von Bekannten hatten sie in einem Cafe einen Herrn kennengelernt, mit dem sie ein gutes Geschäft abschließen wollten. Sie behaupteten, eine Kassette voll Platin zu besitzen, die 16000 M. wert sei. Im Augenblick besäßen sie aber nur 6000 M., so daß ihnen 10 000 M. fehllen, um den wertvollen Kasten zu be- zahlen und einem Interessenten mit Gewinn weiterzuverkaufen. Der unbekannte Kaufmann half ihnen gern mit 10 000 M. aus und erhielt als Sicherheit die Kassette ausgehändigt, deren Inhalt sich aber als Nickel herausstellte. Da die Angeklagten ihre Identität mit den Schwindlern in der Verhandlung vor dem Schöffengericht Schöneberg bestritten, wurde durch die Gegenüberstellung von Zeugen ein« umfangreiche Be. weisausnahme begonnen, so daß das Urteil erst morgen gc- sprachen werden wird. Eberswalder Naziblüten. Recht eigenartige Zustände scheinen an den Eberswalder höheren Schulen zu herrschen. Hier kennt man offenbar nicht das Verbot des Kultusministers zur politischen Betätigung der Jugend. Im Schutze des Nazihordentums wird von Zwölf- bis Vierzehnjährigen an einem der belebtesten Straßenzüge offen für die nationalistische Partei geworben. Am Alsenplatz, Ecke Eisenbahnstraße stehen abends Schüler der höheren Schulen, die ein Plakat zur Schau stellen: fugend heraus!— Wir greifen an!" Das Plakat ist mit einem großen Hakenkreuz versehen. Nassehunbe werden vorgestellt. Trotz der Wirtschaftsnot wurde dieser Tage in Berlin ein« Rassehund- Ausstellung abgehalten. Es sollten die Ver- dienstmöglichketten, die durch sie geschaffen wurden, nicht in Fortfall kommen, ebensowenig wie man die Züchter um die unbedingt not- wendigen Vergleichsmöglichkeiten bringen wollte. Die deutsche Zucht ist auf erfreulicher Höhe; sie hat auch im Ausland einen Namen und findet daher auch außer Landes Abnehmer. 354 Hunde hatte man zur Rassehund-Ausstellung gebracht. Hundegebell erfüllte den großen Landesausstellungspart und regstes Leben herrschte auf dem ganzen Gelände; überall waren durch ge- zogene Leinen und zusammengestellte Tische Ringe geschaffen, in denen vorgeführt und gerichtet wurde. Man sah in erlesener Aus- wähl Jagd-, Hetz- und Diensthunde. Unter letzteren Schäferhunde, Dobermänner, Airedale-Tcrrier, Rottweiler, Boxer und Riesen- schnauzer. Ferner sah man Nutz- und Wachhunde, mit dem Bern- hardiner anfangend bis zum Chow-Chow, sowie Haus- und Zwerg- Hunde. Dazu muß man berichten, daß die inzwischen hier sehr beliebt gewordenen stanzösischen Bulldoggen, die Bullis, Kon- kurrenten bekommen haben, und zwar die Boston-Bull-Terrier. die in Amerika gerne geHallen werden. Sie sind nicht so grotesk häßlich wie die Franzosen, ihr Kopf ist mehr auf Schönheit stUisiert. In ihrem Namen betonen sie stark ihre Heimat, hießen doch die. hier gemeldeten Captain of New York, White Pidgern of New York, Mona of New York, Midget of New York und Lady of New York. Auch ia diesem 3ahr historischer Slrolauer Zischzug. Auch itt diesem Jahre findet nach alter Tradition das Volksfest„Der histo- rische Stralauer Fischzug" statt. Der F e st z u g startet am Sonn, tag, dem 23. August, vom Osthafen um 14 Uhr. Am Montag, IlUhr vormittags, ist der Feftzug auf der Spree, und am Sonntag, dem 23. August, um 16 und 20 Uhr eine Korsopreisfahrt auf der Spree._ Allgemeine Wetterlage. Während in der nordöstlichen Hälfte Deutschlands das ver- hällnisnüißig kühle, wolkige Wetter fortbestand, trat im Südwesten und Süden kräftige Erwärmung ein, vielfach bis auf 25 Grad C. Di« Niederschläge betrafen vorwiegend das Gebiet zwischen Rhein und Elbe und waren dort stellenweise erheblich. In den nächsten beiden Tagen wird die englische Depression unser Wetter besttmmen, da sie sich rasch ostwärts bewegt. Die an der Südfeite des Tiefs nach dem Kontinent vordringenden ozeanischen Luftmassen werden unseren Bezirk voraussichtlich schon am Donnerstag überfluten. * welleraussichken für Berlin. Messt bewölkt mit einzelnen Reaenfällen, Temperaturen im ganzen etwas höher.— Zur Deutsch. land. Im Osten meist trocken, wärmer; im übrigen Reich stark wolkiges Wetter mst einzelnen Regenfällen. 7tr. 387* 48. Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Donnerstag- 20. August 1931 Richtlinien für ein Bankenamt. Vorschläge der freien Gewerkschaften.— Dem Reichswirtschafisminister übergeben. Die Vorstände des Allgemeinen Deutschen(Bemerk- schaftsbundes und des Allgemeinen freien Ange- stelltenbundcs haben dem Reichswirtschaftsminister die folgen- den Richtlinien für das Gesetz über die Errichtung eines Banken- amtes überreicht: l. Llmfang der Aufsicht: Das Reich hat grundsätzlich die Aufsicht über alle Banken einschließlich der Niederlassungen ausländischer Banken. Banken im Sinne dieser Richtlinien sind Unternehmen in össentlichcr oder privater Rechtsform, die fremde Gelder und Kapi- talien zwecks Weiterleitung in Form von Krediten in eigene Rech- nung übernehmen. Das Bankenamt entscheidet endgültig, ob ein Unternehmen unter die Aussicht fällt. Mit Rücksicht auf die inter- nationale Bindung des Bankgesetzes ist die R e i ch s b a n k aus- zunehmen. Das Bankenamt kann von der Aufsicht ganz oder teilweise Banken oder Bankenarten ausnehmen, deren Berbindlichkeitcn einen bestimmten Betrag nicht überschreiten. n. Ausübung des Bankgewerbes: Als private Rechtsformen werden vorgeschrieben: Aktien- gesellschaft, Kommanditgesellschaft auf Aktien, eingetragene Genossen- schaft. Bestehende Banken sind innerhalb einer vom Bankenamt festzusetzenden Frist in eine dieser Rechtsformen umzuwandeln. Das Bankenamt kann von der Verpflichtung zur Umwandlung Ausnahmen zulassen, wenn die betroffenen Banken sich im übrigen den Verpflichtungen des Gesetzes unterwerfen. Die Ausübung des Bankgewerbes ist von der Erteilung der Erlaubnis des Bankenamts abhängig zu machen(Konzessions- s y st e m). III. Träger der Aufsicht: Träger der Reichsaufsicht sind: l. die R e i ch s r e g i e r u n g, 2. das Bankenamt, bestehend aus dem V o r st a n d, der von der Reichsregierung ernannt wird, und dem Beirat. Seine Mit- glieder sind zu je einem Drittel vorzuschlagen von den Abteilungen 1 und 2 des Vorläufigen Reichswirtschaftsrates und zu einem Drittel von Reich, Ländern, Gemeinden und Reichsbank. Vor st and und Beirat bestimmen die allgemeinen R i ch t- l i n i c n für die Tätigkeit des Bankcnamts. Gegen diese Richt- linien steht der Reichsregierung das Einspruchsrecht zu. Der Borstand ist bei seinen Entscheidungen an die Richtlinien des Bankenamts gebunden und für ihre Durchführung bei den Banken verantwortlich. Gegen seine Beschlüsse können die Banken beim Beirat Einspruch erheben. Der Beirat muß mindestens einmal monatlich zusammentreten. Der Vorstand muß dem Beirat jede ge- wünschte Auskunft geben. Das B a n k e n a m t muß bei den Großbanken und kann bei den übrigen Banken einen oder mehrere Bankkommissare einsetzen. Die Bankkommissare sind Organe des Bankenamts und an seine Anweisungen gebunden. Ihnen ist die Einsicht in alle Geschäftsvorgänge zu gewähren. Sie können Beschlüsse und Rechts- Handlungen aller Organe der Banken, die nach pflichtmäßigem Er- messen der Bankkommissare gegen die Richllinien und Anordnungen des Bankenamts oerstoßen oder die Sicherheit der Einlagen oder gesamtwirtschaftlichen Interessen gefährden, beanstanden. Bei einem Streit zwischen Bank und Banktommissaren entscheidet das Bankenamt endgültig. Unbeschadet der zu erlasseildcn Vorschriften über Wirtschasts- Prüfung bei Aktiengesellschaften hat das Bankenamt Wirt- schaftsprüfer anzustellen. Das Bankcnamt kann durch diese Wirtschaftsprüfer die seiner Aussicht unterliegenden Banken und er- forderlichenfalls große Schuldner der Banken revidieren lassen. IV. Durchführung der Aufficht: Das Bankenamt ist verpflichtet, alle Anordnungen zu treffen, welche erforderlich sind, um den Geschäftsbetrieb der Banken mit den Gesetzen, den Richtlinien und den Anordnungen des Bankenamts in Einklang zu bringen. Insbesondere ist das Bankenamt berechtigt, von den Banken jede ihm notwendig er- scheinende Auskunft zu verlangen. Das Bankenamt hat die Aufgabe, die Geschäftsführung der Banken im Interesse der K r e d i t s i ch e r h e i t zu überwachen: Das Bankenamt hat insbesondere die Einhaltung der Bor- schriften des ollgemeinen Aktienrechts in bezug auf Bilanz- abschluß und Bilanzprüfung zu überwachen. Die Banken sind verpflichtet, dem Bankenamt allmonatlich Berichte und Bilanzen und zum Jahresabschluß den Geschäftsbericht nebst Gc- winn- und Verlustrechnung einzureichen. Für die Aufstellung der Berichte und Bilanzen gibt das Bankenamt besondere Form- b l ä t t e r heraus. In ihnen muß auch eine Aufgliederung der Kreditoren und Debitoren nach In- und Ausland und nach der Höhe der Kredite vorgesehen sein. Mindestens alle zwei Jahre hat das Bankenamt bei den einzelnen Banken eine Revision vor- zunehmen. Das Bankenamt hat die Verpflichtung, generelle Vorschriften über die Anlagen der Banken unter dem Zur Reform der Hauszinssteuer. Forderungen der freien Gewerkschaften. ADGV. und AsA-Dund haben zu den neuerdings vielfach erörterten Plänen zur Aenderung der hauszinssteuer Stellung genommen. Sie veröffentlichen das folgende Ergebnis ihrer Beratungen, an denen führende kommunal- und wohnungs- poliliker sowie Vertreter der Wirtschast beteiligt waren: Die Organisationen der Haus- und Grundbesitzer fordern von der Reichsregierung erneut eine aus dem Rotverord- nungswege durchzuführende Rejorm der Hauszins st euer. Die von den Interessenten verösfenllichten Projekte hoben— so sehr sie im einzelnen voneinander abweichen— sämtlich das eine Ziel: die Ausnahmeverhältnisse der jetzigen Krise, die allen Volkskrcisen größte Opfer auferlegt, zu einer erneuten Bcrciäicrung der Althausbesitzer auszunutzen. Eine weikere vllnderung der äffenkNchen Einnahmen au» dein Althavsbesiß kann volkswirtschaftlich und sozialpolitisch nicht verantwortet werden. Ein auch nur teilweises Entgegenkommen gegenüber den Wünschen der Hausbesitzörorganisationen nach Abbau der Houszinssteucr bc- deutet höckiste soziale Ungerechtigkeit gegenüber den kleinen Sparern, auf deren Kosten der Hausbesitz in der Inflation eine in der Geschichte nie dagewesene Entschuldung durch- iühren tonnte. Bei der finanziellen Notlage der Länder und vor allem der Gemeinden kann auf die setzt aus der Hauszinssteu« fließenden Annahmen nicht verzichtet werden. Trotz der Mindereingänge in der Krise durch Steuer- besreiung für Wohnungen Arbeitsloser und für leerstehende Räume ist die Hailzzinssteucr, deren tatsächliches Auskommen im Krisenjahr lkWI bei einem Sollauskommen von 2 Milliarden Mark jährlich aus 1330 Millionen Mari abgeschätzt werden kann, eine der s i ch e r st c n Stützen der ösfentlichen Finanzen. Eiue weitere Eni- lastung des Allhausbeslhes— nach den Steuergeschenken der letzten Jahre— mühte zwangsläufig zu eiuer erneuten steuerlichen Belastung der werktätigen Massen führen. Eine auch nur geringe Kürzung der hausziasstcuererträge bringt den Wohnongsbau. der ohne ösfenlliche Unterstützung zusammenbrechen muß. gänzlich zum Erliegen. Ein weiteres Anwachsen der Arbeitslosigkeit nicht nur unker den Bauarbeitern, deren Lage jetzt bereits kala- sirophol ist. ist die Folge. Die Belebung des 2lrbeUsmark»cs�mit planmäßigen konjunkturpolilischen Maßnahmen des Staates, die nur von der Lanwirtschaft ausgehen kann, wird unmöglich gemacht. Die Pläne der hansbesitzerorganisasiouen verwirklichen, hieße die jetzige allgemeine wirkschaftskrise uagehencr verschärfen. Zeder versuch einer.Reform" der hanszinsstener, deren Ziel die weitere Minderung der össenllichen Einnahmen aus dem Allhausbefih ist. wird daher auf den stärksten Widerstand der freien Gewerkschaslen und der hinter ihnen slchcnden Millionen werNStiger stoßen. Di« freien Gewerkschaften fordern aufs neue mit allem Nach- druck, daß die bisherigen Erträge aus der Hauszinssteuer gerade auch sin Interesse der öffentlichen Arbeitsbeschaffung langfristig gesichert werden. Eine Reform der Hauszins- fteuer wäre nut derart durchzuführen, daß an die Stelle der hauszinssteuer eine öffentliche, grundbuchlich zu sichernde und abdingbare Last trikt. Sic muß derart bemessen sein, daß als Ausgangsbafis für den Ilmsang des jährlichen Zins- und Tilgungsdienstes unbedingt das Sollaufkommen der Hauszins st euer gewählt wird. Die Festsetzung der dinglichen Last kann und mutz nach den bezirk- lichen und örtlichen Verhältnissen abgestuft sein und soll im einzelnen den Erfordernissen einer ordnungsgemäßen Bewirk- j ch o f t u n g der Häuser und der Gesetzgebung über die Verzinsung der Aufwertungshypoiheken Rechnung tragen. Durch eine Verzinsung der. dinglichen Last von 7 Vi Pro;. jährlich wird der Zusanuuenhairg mit der Verzinsung der Auf- wertungshypocheken gewahrt. Ein« Tilgung von 2 Vi Proz. jährlich zuzüglich der durch fortschreitende Amortisation ersparten Zinsen gewährleistet eine planmäßige Abtragung der Lasten in 18Vi Jahren. Höherer Zins und hohe Tilgung geben einen An- reiz zu vorzeitigen Ablösungen oder verstärkten Tilgungen, die noch dadurch gefördert werden sollen, daß durch einen Diskontsatz, der von der Reichsregierung noch der jeweiligen Lage des Kapitalmarkts seftzusetzen ist, Prämien gewährt werden. Die zusätzliche Unterstützung Arbeitsloser und sonstiger wirtschaftlich schwacher Wohmrngsüchaber durch teilweise oder vollständige Herabsetzung ihrer Wohnuugslasten muß grundsätzlich von den Leistungen der Hausbesitzer an die öffent- liche Hand getrennt werden. An die Stelle der bisherigen Haus- zinssteuerbesreiungsn müssen Mietzuschüsfc der kommunalen Wohlfahrt treten, die die Beihilfen gerechter der persönlichen Bedürstigkeit des Mieters anpassen kann. Die dafür erforderlichen Mittel können den Kommunen aus dem Zinsen- und Tilgungsdienst der dinglichen Lost zur Verfügung gestellt werden. Eine derartig« Regelung sichert der öffentlichen Hand Einnahmen, die unter den Verhältnissen des Krifenjahres 1931 mit 1330 Millionen Mark jährlich dem derzeitigen Hauszinssteueraufkommen noch Abzug der Steuerbefreiungen ent- sprechen würden. Die Mittel, die aus dem Zinsen- und Tilgungsdicnst und aus vcrzcitigcn Ablösungen der binglirijcn Belastung des Althausbesitzes einkommcn, müssen in erster Linie für den Finanzbedarf der Gemeinden uud zur Finanzierung des wohnungsneubanes und der Erhaltung des Allwohnraumes verwandt werden. Die freim Gewerkschaften lehnen es grundsätzlich ab. die Haus- zinssteuerrcform mit einer Beseitigung der jetzigen gesetzlichen Be- stimmungen zum Schutze der Mieter zu verbinden, deren Aushebung die Mieierschast schutzlos willkürlichen MietserhShungeu preisgeben würde und damit zu einer weiteren llnterhöhlung der Massenkaus- kraft führen müßte. Sie fordern vielmehr die Vereinheitlichung und Ausgestaltung der heutigen Gesetze zum Schutze der Mieter zu einem sozialen wohn- und Mietrechl. Gesichtspunkt der Liquidität und der Sicherheit der Anlagen uud unter dem Gesichtspunkt gesamtwirtschaftlich er- wünschter Kapitallenkung zu erlassen. Soweit gesetzliche Anlagevorschriften bestehen, bleiben sie in Kroft; jedoch hat das Bankenamt die Verpflichtung, auf ihre Vereinheitlichung hinzuwirken. Zur Ausführung seiner Ausgabe hat das Bankenomt insbesondere folgende Befugnisse: Das Bankenamt ist befugt, den beteiligten Banken und den Kommissaren den Stand der Verpflichtungen von Schuldnern, die von mehreren Banken Kredite erhalten haben, mit- zuteilen und verpflichtet, auf Anfrage den Banken und ihren Kom- missaren Auskunft über die Verschuldung eines Schuld- ners bei anderen Banken zu erteilen. Die Banken haben dem Bankenamt von jeder durch sie für ein Unternehmen durchzuführenden Aktien- oder Schuldverschreibungs- emission Mitteilung zu machen; wenn das Bankenamt nicht innerhalb einer Frist von 4 Wochen Einspruch erhebt, gilt die Emission als genehmigt. Das Bankenamt ist berechtigt, allgemeine Richtlinien über die Aufnahme von Auslandskrediten zu erlassen und gegebenen- falls die Aufnahme von seiner Zustimmung abhängig zu machen. Das Verhältnis von Gesellschaftskapital zu den Einlagen zu bestimmen. Vorschriften über die Dotierung des Reservefonds zu er- lassen. Das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Besitz oder Be- lcihung von Aktien oder Anteilen anderer Erwerbsgesellschaften als Höchstgrenze festzusetzen. Das Bankenamt kann im Einvernehmen mit der Reichsbonk Rahmende st immungen für die Krcditbedingun- gen der Banken, insbesondere für die Berechnung der S o l l- und Habenzinsen und Provisionen erlassen. Satzungsänderungen, Abschluß eines Interesscngemeinschafts- Vertrages sowie Fusion mit einer anderen Bank bedürfen der G e- n e h m i g u n g des Bankenamts. Die Genehmigung ist zu ver- sagen, wenn die gesamtwirtschaftlichen Interessen oder die sozialen Interessen der Bankangestellten nicht ausreichend ge- währleistet sind. Bei gröblicher Verletzung der durch diese Richtlinien oder Gesetze begründeten Pflichten durch die Bank hat das Banken- amt im Einvernehmen mit dem Beirat das Recht, den Tatbestand der Reichsbank mitzuteilen(bei Aufhebung der Autonomie der Reichsbank mit der Anweisung an die Reichsbank, den Kredit zu entziehen), Borstand oder Auflichtsra�mitglieder von ihrem Amt zu entheben; in diesem Falle hat ein Bankkommissar für die vorläufige Führimg der Geschäfte zu sorgen, und die Kon- Zession zu entziehen. Im Gesetz sind Etrafoorschriften zu erlassen. Gegen Einzelentscheidungen des Bankenbeirats findet die Rechtsbeschwerde an das Reichswirtschaftsgericht statt, das nur über die rechtliche Zuläfsigkcit der Entscheidung bc- findet. Zahlungseinstellungen in der Landmafchinen-Industrie. Die A.- G. H. F. Eckert in Berlin hat ihre Zahlungen ein- gestellt. Schon das Geschäftsjahr 1929 hat sie nlit einem Verlust von mehr als einer halben Million Mark(bei einem Kapital von 1,33 Millionen Mark)' beschlossen. Der Verlust des Jahres 1930 ist noch nicht bekannt, ist aber höher als die Hälfte des Kapitals. Das Unternehmen stellte landwirtschaftliche Maschinen her und beschäftigte 1929/30 etwa 700 Leute. Die Mehrheit des Kapitals von Eckert befindet sich im Besitz der T h. F l ö t h e r Maschinenbau A.- G. in Gassen(Nieder- lausitz), die durch die Zahlungseinstellung bei Eckert gezwungen wurde, die Gläubiger mn ein zinsloses Moratorium bis zum 1. JuK 1933 zu ersuchen. Der Status soll aktiv sein: die Mehrheit des Kapitals besitzt der Schulthei ß-Ostwerke-Konzern. Im Jahre 1930 wurden 600 Arbeiter beschäftigt. Es ist möglich, daß diese Zahlungseinstellungen auch die Härtung Ä.- G. Berliner Eisengießerei und Gußstahlfobrik>n Mitleidensaiaft ziehen, da die Abteilung Landmaschinenbau mit den beiden anderen Unternehmen durch einen Gcineinschastsnertrag ver- Kunden ist. Oer Bergbau im Juli. v Nach Mitteilung der Fachgruppe Bergbau des Reichs- Verbandes der deutschen Industrie ist die Steinkohlenförderung i m Ruhrbezirk von 6,9 Millionen Tonnen im Juni auf 7,3 Mil- lionen Tonnen im Juli gestiegen; im Juli vorigen Jahres wurden 8.6 Millionen Tonnen gefördert. Auch die Koksproduktion hat sich ein wenig gehoben, von 1,37 auf 1,63 Millionen Tonnen, liegt aber immer noch um 30 Prozent unter der Vergleichszisfer des Vorjahres(2,30 Millionen Tonnen). Di« Brikettherftellung stieg von 0,24 auf 0,28 Millionen Tannen und übertraf die vom Juli vorigen Jahves. Obwohl also in den Produktionsziffern von Juni zum Juli eine geringe B c f s e r u,n g eingetreten ist, hat sich die Zahl der b c- schäftigtcn Arbeiter weiter van 231 800 aus 248 300 ver- mindert. Dazu sind noch 893 000 Feierschichten,!!, h. 3,6 Feier- schichten i« einen Zlrbeitcr, eingelegt worden. Die Haldenbc- stände sind mit 11,6 Millionen Tonnen Kohl« unverändert. Di« Braunkohlenförderung ist von 11,6 Millionen Tonnen im Juni auf 11,7 Millionen Tonnen im Juli gestiegen; sie ist mn 0,6 Millionen Tonnen niedriger als im Juli vorigen Jahres Die Erzeugung von elektrischem Strom. Im Juni war die Er- zeugung von elektrischer Energie saisonbedingt niedriger als im Mai. Gegenüber Juni vorigen Jahres betrug der Rückgang 14 Proz. Im ersten Halbjähr 1931 erzeugten 122 Werke 7,16 Milliarden Kllo» witttstunden Strom, da» sind etwa 1 Milliarde Kilowattstunden ode 12 Proz. weniger als in der gleichen Zeit des Vorjahrs. jiran jeeiWM: Sin Memer Im Wartezimmer lieh sich Stöhnen vernehmen. Die Schwester im Kittet trat ein und sah den langen hageren Herrn mit der schmalen hohen Stirn voll aufrichtigen Mitgefühls an. „Wie geht es, Durchlaucht? Tut es arg weh?" Der Leidende gab kein« Antwort. Etwas später kam der Zahnarzt selber herein. Er machte eine förmliche Verbeugung, dann nahm er den Mann sanft beim Arm und führte ihn in ein separiertes Gemach hinüber. Im Warte- zimmer war nichts mehr zu hören, nur die Nein« Uhr tickte auf dem niedrigen Bücherschrank, von ihren winzigen, vergoldeten Säulen getragen. Ich griff nach einer der Lesezirkelmappen, die das Kennzeichen jedes Wartezimmers sind, und las auf eine Weise, wie man es eben nur im Wartezimmer tut. Man sieht hinein, die Augen lesen, aber das Gehirn liegt dahinter wie ein Spiegel, dessen Glas be- schlagen ist: vielleicht von einem kaum merkbaren Geruch, vielleicht auch nur von der Erwartung des gefürchteten bohrenden Stroms. Von der Wohnungstür her wurde geklingelt, gleich darauf kam ein Paar in den Raum. Es läßt sich so selten von einem wirklichen Paar sprechen, aber dies hier war wirklich eins. Mit einer Auf- merksamkeit, wie sie sonst nur in den alten Helden- und Minne- liedern oder in schlechten Romanen zu finden ist, war der Mann um den Zustand der Frau besorgt. Sein Blick, der unverwandt an ihren Mienen hing, wollte gleichsam suggestiv ihr Weh lindern. Freilich schien sie Linderung auch dringend notwendig zu haben. Ihr Gesicht war schmerzlich verzogen. Sie waren beide klein von Gestalt: es war das wichtigst« Merk- mal an ihnen, diese Kleinheit. Anspruchslos, ohne die geringste Bewegung, ohne ein Wort forderten sie zum Mitgefühl auf. Mit- gefühl, aber nicht etwa des Schmerzes wegen. Nein, nur weil sie so abseits, so winzig und auf so außergewöhnliche Weise mitein- ander verbunden waren. Sie waren das Unauffälligste auf der ganzen Erde— und darum fielen sie am meisten auf. Dos Wartezimmer eines Zahnarztes ist eine Stätte, wo jeder- mann zu jeder Zeit Gelegenheit gegeben ist, Heroismus zu beweisen Der kleinen Frau war es aber ganz gleichgültig, ob sie nun heroisch dasäße oder nicht. O lieber Himmel, nun fing sie zu weinen an. Eigentlich war es«ine Merkwürdigkeit. Einem Mann ist die Träne in solchen verteufelten Stunden das Allerscrnste— die Wände hinauf-— die Bäume hinauf-— Kirchtürme hinaufklettern— Gedanken an die Kneifzange, jawohl! Aber weinen? Das'Aller- fernste! Und sie weinte leise und hell wie ein Kind. In diesem Weinen war wieder der ungewollte Appell zur Anteilnahme, und wieder so zwingend, daß man sie des Weinens hätte verweisen mögen. Denn man bekam ein wenig Lust, bloß aus Sympathie mitzutun. Der Laut, der aus ihrer Kehle kam, war so demütig, so klein, wie sie selbst. Nein, im Leben nicht hätte ein Mensch es vermocht, sich dies geringfügige Schluchzen einer kleinen gepeinigten Frmi zu verbitten. Aber das geschah dann doch. Die Schwester im weißen Kittel war eingetreten. „Nana", sagte sie— sie hatte ein kaltes, intellektuelles Gesicht—, .so weh kann das doch gor nicht tum..." Di« kleine Frau verzog ihr Gesicht jetzt geradezu demonstrativ. Der kleine Mann aber saß mit angriffsprühenden Augen da. Die Schwester lächelte verächtlich. „Ihre Frau vertreitzt uns ja unsere Patienten", sagte sie. Ujid wieder zur kleinen Frau gewandt:„Sie sind doch kein Kind." .Das Gesicht de? kleinen Mannes glühte.„Sie sprechen mit einer Dame", stieß er hervor. Das wirkte auf die Schwester nur zum Lachen. Aber fetzt war ick) bedingungslos auf feiten der Frau. Sie hatte ja nur zwei Feinde: einmal die Schwester, die glaubte, sie beleidigen zu dürfen, weil die klein« Frau— nun eben eine kleine Frau war: und zweitens ihren eigenen Mann, der mit seinem allzu guten Willen, mit ungeschickt gewählten Worten ihre Situation nur peinlicher machte. Die Schwester ging. Als sie später wiederkam, um den Nächsten, der an der Reihe wäre, zu holen, überließ ich der kleinen Frau den Vortritt. Der kleine Mann rief„Danke" und sprang auf: er wollte sein« Frau begleiten. „Wünschen Sie gleichfalls Behandlung?" fragte die Schwester. „Ich will meine Frau begleiten", sagte der Mann. „Fürchten Sie, daß wir Ihnen Ihr« Frau ermorden?" „Ich will sie begleiten." „Das kann ich nicht gestatten", sagte sie, kühf lächelnd. „Und ich gestatte Ihnen nicht...", stieß der Mann hervor. „Dies ist meine Frau, verstehen Sie mich?" „Dann werden Sie beide nicht vorgelassen." „Das hast du dann davon", stöhnte die kleine Frau, die mck dem ausbrechenden Streit verstummt war,„soll ich denn noch länger, mit meinen Schmerzen herumlaufen?" Dieser Vorwurf aus ihrem Munde verwirrte ihn. „Dann also— geh also", sagte er unsicher. Er sah ihr nach. Dar Schmerz ging sie gleichsam verbogen. „Sie ist immerhin in ärztlichen Händen", beruhigte ich ihn. „Dies Fräulein steht ja mit einer geradezu kindlichen Unwissen- heit den Leiden einer Kranken gegenüber", sagte der kleine Mann, halb zu sich selber,„jawohl", jetzt erst wandte er sich mir eigentlich zu,„ich nenne das Krankheit, obgleich für die allzu klugen Leute ein schmerzender Zahn nichts als eine Bagatelle ist, eine lächerliche Nebensache, ja, solange sie selber nicht daran leiden. Nur der Um- stand, daß der Zahn sich das Herausziehen gefallen läßt— ein krankes Herz, wissen Sie, läßt nicht so mit sich umspringen—, nur das hat den Zahn zu einer lächerlichen Figur gemacht, die für Witz- blätter gerade gut genug ist. Ich sage Ihnen, was meiner Frau augenblicklich da drinnen geschieht, ist eine Operation wie jede andere. Aber...." Er wollte noch viel mehr sagen, aber in diesem Moment hörten mir beide einen durch niehrere Wände gedäinpsten Schrei. Der Mann raste hinaus. Sein Schicksal ging mir nahe: ich lief hinter ihm her. um ihn vor temperamenwollcn Torheiten zu schützen. Ich erwartet«, daß er die Tür aufreißen würde, aber vorerst stand er nock, lauschend am Schlüsselloch des Zimmers, in dem sich die Opera- tion vollzog. „Dos kann doch gar nicht weh tun", hörten wir den Zahnarzt sagen. Und plötzlich rücksichtslos:„So. nun ist's aber genug ye- jammert— wie?" Hier riß der kleine Mann die Tür auf. Unvermutet stand er mitten in der Situation. Der Arzt und die Schwester starrten ihn an wie ein« übernatürliche Erscheinung. „Was wissen Sie davon, wie weh meiner Frau der kranke Zahn tut?" trompetete er,„den natürlichen Schmerzcnsfchrei der gefolierlen Kreatur wollen Sie ihr verbiete»— wie? Das heißt ja, die Natur selber vei bieten wollen, verstehen Sie mich?" Wie ein Raubtier, sehnig gestreckt, den Kops voraus, so stand der kleine Mann da. „Sie sollen nicht schreien", sagte der Zahnarzt und drängte feinen Gegner zur Tür. Ich wußte ganz genau, daß es nur die Rücksicht auf Durchlaucht war, die ihm sein Handeln diktierte.?lber der kleine Mann, der nun durchaus kein kleiner Mann mehr war, wehrte sich heftig. Ich erinnere ihn an seine leidende Frau, und von diesem Bor- wurf verwirrt, ließ er sich mit sanfter Gewalt hinausführen. „Noch ein lautes Wort", zischte der Zahnarzt ihm nach,„und ich bringe Sie vor die Wohnungstür." „Meine Frau", sagte der klein« Mann, als wir uns wieder im Wartezimmer befanoen,„meine Frau berührt es nicht tiefer, wenn sie ungerecht behandelt wird, oder wenn es sie auch berührt, sie wehrt sich jedenfalls nicht. Sie geht jedesmal als der leidende Teil vom Schauplatz. Diesen Charlie Elzaplin kann ich auch nicht aus- stehen", sagte er scheinbar ganz unvermittelt(dabei sah er selber aus wie Chaplin, und am allermeisten, wenn er so sprach),„dieser Chaplin läßt sich alles gefallen und meint am Ende wunder, wie rührend das war. Niemals, daß er recht behält. Das ist nicht rührend, das ist dumm. Es ist verkehrt, und es ist feig«, jawohl, sich etwas gefallen zu lassen. Ein anständiger Mensch ist so gut wie der andere." Er fuhr fort, sich in seiner Ausfasiung zu bestärken, daß der Mensch sich nichts gefallen lassen dürfe. Er leitete diese seine An- schauung logisch her. Er war so naiv, zu glauben, daß sich mit der reinen Logik in der Welt etwas anfangen ließe. Ich hätte ihn gern darüber aufgeklärt, daß nur die praktische Logik, das heißt die Un- logik, zum gütlichen Berkehr mit Menschen geeignet ist. Aber ich mußt« fürchten, ihn durch Widerspruch nur noch mehr zu reizen. Er glüht« auch so schon feurig genug. Und inmitten seiner Tiraden hörten wir, wie draußen eine Tür geöffnet wurde: er schwieg. Gleich darauf kam die Schwester herein, neben ihr die kleine Frau, graurosa im Gesicht, ihr« Lider schwer geschlossen wie in einem Augenblick der Bewußtlosigkeit: die Schwester aber zeigte geflissentlich ein verächtliches Lächeln, und dann setzte sie ihre Last ab, so wie ein Rollkutscher sein Kolli ob- setzt, bei dem Zerbrechlichkeit nicht zu fürchten ist. Der kleine Mann starrte seine Ehefrau an. Er sagte kein Wort, er berührte sie nicht. Er stand nur vorgebeugt, nah vor ihr, und wartete, ob sich die Augen nicht öffnen wollten. Da hob sie den Blick: gequält übersah sie die ängstliche Situation, sie stand auf, ging einige Schritte, stampfte mit dem Fuß, griff fich ans Herz.... Aber er, als er kaum sicher sein konnte, daß Bewußtsein und Leben wieder tätig in ihr waren, wandte sich zur Schwester und schrie: „Das war«ine Barbarei!" Die Schwester lächelte. Sie bestand nun einmal aus nichts als aus diesem etwas— nur etwas— höhnischen Lächeln. Ich glaube, wenn man das Lächeln separat hätte wegnehmen wollen, wäre auch die Schwester weggewesen. Und der Mann antwortete auf dies Lächeln noch fanfarenhaster: „Jawohl, eine Barbarei!" Sie verschwand. Einige Sekunden später stand sie wieder am Eingang zum Zimmer, wieder lächolnd—, vor ihr der Arzt. „Was wollen Sie?" fragte der Zahnarzt.„Was haben Sie gesagt?" „Ich habe diesem Fräulein meine persönliche Meinung von ihr gesagt", antwortete der kleine Mann mit überraschender Höflichkeit, „keines meiner Worte war gegen Sie oder gar gegen Ihre Praxis gerichtet." JlnkunH in llew york f agcburhbläller eines iungen ArbeHerx Ich bin über den Ozean gefahren, bin tagelang seckrank go- wesen, und plötzlich liegt vor mir das„Land der Freiheit". Ich habe natürlich vorher ein bißchen Englisch gelernt: nun brenne ich darauf, den Leuten zu zeigen, was ich schon alles gelernt habe. Da ist eine Dame, die an einer deutschen Mädchenmittelschule Unterricht gegeben hat. Sie ist mit Leib und Seele Lehrerin und ihr gegenüber wird jeder zum Schüler. Sie fragt mich,„weißt du auch, wer Amerika entdeckt hat?" Ich weiß es natürlich, es fällt mir nur vor Ausregung nicht gleich ein. Sie nimmt mich bei der Hand und zerrt mich in den Damensalon. Draußen braust der Trubel des New Porker Hafens, und ich muh meine geschichtlichen Kenntnisse von ihr prüfen lassen. Ich bin ganz oerwirrt und sie ist entsetzt:„Du weißt ja gar nichts, aber auch gar nichts!" Ich bin wahrhaftig schrecklich dumm. Meine Augen hängen an einem der runden Guckfensterchen des Damensalons, an dem das Panorama der Wolkenkratzerstadt vorüberzieht. Die Lehrerin erzählt die Ge- schichte von George Washington und dem Kirschbaum. Ich möchte hinaus. Ich kann nicht mehr, still sitzen. Aber der mustergültige deutsche Schulbube steckt mir in den Knochen. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte die Hände gefaltet.„Also, wann hat General Grant gelebt?" fragt die Lehrerin. Sie spricht mit kreischender Stimme und macht böse Augen. Da rutschte ich plötzlich vom Stuhl herunter und sause an ihr vorbei zur Tür hinaus. Der Fluß wimmelt von Jollen, Schleppern und Booten. Es heult und pfeift. Wir fahren langsam an einem Denkmal vorbei, das im Wasser steht: und der Amerikaner, der sich über mein Eng- lisch immer totlachen wollte, steht nicht weit von mir und sagt lachend zu seiner Frau:„Da wären wir wieder, die alte Dame drüben hat sich inzwischen auch nicht verändert." Es war die Statue der Freiheit. Ein Steward in einer weißen Jacke packt mich am Kragen, daß ich zusammenschrecke und schimpft auf mich los.„Wo steckst du denn? Vorwärts! Der Arzt will dich sehen." Der Arzt ist ein amerikanischer Ofsizicr, der mir in die Augen guckt und dem ich die Zunge rausstrecken muß. Zlbcr ich bin gesund sind kann gehen. Alles macht sich zur Landung fertig. Die Lehrerin schleppt Hut- kartons und Schachteln aus ihrer Kabine, sie ist ganz rot im Gesicht und so aufgeregt, daß sie mich gar nicht beachtet. Dann liegen wir plötzlich fest, und die Landungsbrücke wird herabgelassen. Die Lehrerin verabschiedet sich von einem jungen Schisfsoffizier und schenkt ihm«inen Band lyrischer Gedichte. Ich darf das Schiff nicht verlassen, muß zurückbleiben und komme nach Ellis-Jsland in die Einwandcrungshallcn. Fast olle Be- kannten nan der Ilebersohrt sind verschnninden. Ich bin ziemlich aufgeregt, die Leute um mich herum sprechen alle verschiedene Sprachen, ich verstehe kein Wort, es ist alles furchtbar fremd. Kleine Kinder brüllen, Frauen jammern, die amerikanischen Beam- ten fluchen. Ich werde in einem Saal untergebracht, in den das Licht durch vergitterte Fenster fällt. Es ist Halbdunkel darin und die Luft ist entsetzlich. Es stinkt nach Schweiß, Ichmutziger Wäsche und Knoblauch. Die Frauen kommen in einen anderen Saal, der gleich an den»nserigen grenzt. Ich mache die Bekonntschast eines jüdischen Jungen in meinem Alter, der auch allein hier ist. Er beginnt Gejchichtcn zu erzählen, bei denen ich rot werde, ober sie gefallen mir ganz vortrefflich. Wir teilen uns eine Zigarette und gehen auf die Toilette, um sie zu rauchen. Ein Wärter erwischt mich dabei und bietet mir Ohrseigen an. Ich bin beschämt und gekränkt, und ein kleiner, schwindsüchtiger Mann, der etwas Englisch kann, Das hatte er gut gesprochen. Wer. ans irgendeinem Grunde war der Arzt mit dieser Erklärung, durchaus nicht zustieden. „Sie verlassen jetzt meine Wohnung, sofort", sagte er leise. Er sprach überhaupt auffallend leise. Ich mußte sein« Hände ansehen. Ich erinnere mich, sie ihrer Festigkett wegen bewundert zu haben, als sie stüher einmal nah an meinem Mund« hantierten. Jetzt sah ich nur, daß sie rot und dick waren, wie sie aus oem weißen Leinen- ärmel herabhingen, daß rotblonde Haare auf ihnen wuchsen, und daß sie bei ihrer scheinbaren Bewegungslosigkeit sich dennoch gleichsam veränderten, so, als ob sie sich zu etwa« vorbereiteten. lind so kam es denn auch. Diese roten Hände befanden sich plötzlich, zur Ueberraschnng des kleinen Mannes, an seinem Rockauffdzlag. Er war so verdutzt, daß er lächeln mußte. Dies« Hand, so dicht unter seinem Kinn, daß das» Kinn sie nahezu körperlich spürte, was wollte sie nur? Er vergaß über dies Erstaunen, sich loszureißen. Aber die Hand ließ ihn nicht lange ihre Absicht im Zweifel. „Sie können mich aus Ihrer Wohnung hinauskomplimentieren, mein verehrter Herr", schrie der kleine Mann,„aber die Ehre, ei« Ehr«, mein Herr, bleibt auf meiner Seite." Bon der Ehre schien der kleine Mann überaus viel zu halten. Aber er irrte sich, wenn er glaubte, daß man ihn komplimen- tieren wollte. Da er sich mit aller Macht seiner Zunge wehrt«, stieß und puffte ihn der Wohnungsinhaber hinaus. „Sie sollen ruhig sein", wiederholte er dabei immer wieder mit seiner künstlich leisen Stimme, und das war immer wieder die Be- sorgnis um Durchlaucht, die Angst wegen Durchlauchts vorauszu- sehender Ungnade.„Sie sollen den Mund halten. Sie sollen still sein." Die Schwester stand lächelnd dabei. Und dazwischen klagte die kleine Frau, denn ihr Mann hatte es sich zum Ziel dieses Kampfes gesetzt, bestimmt, aber ganz bestimm: nicht auf Befehl seinen Mund zu halten.„Laß das doch", klagte sie,„das hat ja keinen Zweck, das hat ja keinen Sinn, du ziehst uns ja bloß noch Unglück zu." „Und du?" schrie der Mann,„und du hast überhaupt kein Ge- fühl für menschliche Würde:«in Stein würde schreien, wenn man ihm so begegnen würde, wie sie dir..." „Mein Zahn, mein Zahn", gab die Frau klagend zur Antwort. „Sieht er denn nicht, dieser Unmensch", rief der Mann,„daß die Narkose dein kleines Herz ganz anders urck> heftiger erregt als es bei einem stämmigen, breitschultrigen Menschen der Fall sein würde? Ich verlange", rief er.... Da bekam der kleine Mann den letzten Stoß und befand sich jenseits der Tür. Sie schlug ins Schloß. Die kleine Frau stand schon aus der Treppe. Aber er— er begann nun mit dem Stiefel gegen das Holz zu knallen, und dabei schellte, schellte er unentwegt. Natürlich öffnete niemand. Es war wie Alarm, die Hölle schien Tatsache geworden zu sein. Durchlaucht kam erschreckt auf den Wohnungsflur. Der Zahnarzt, rot bis ans rotblonde Haar und dicker noch vor Erregung, entschuldigte sich unter vielen Verbeugungen, während von draußen her immer noch die Glocke raste. Ein« feine Welt, in der es einer Durchlaucht erlaubt ist. zu stöhnen, und einer kleinen Frau verboten ist, zu ächzen. Ich nahm meinen Hut. Lieber wollte ich noch«inen Tag länger meine „Krankheit" ertragen(um mit den Worten des kleinen Mannes zu sprechen), als der Würde der Menschheit etwas vergeben. Ich lief hinaus und sprang die Treppe hinunter. Verblüfft riei der Zahnarzt hinter mir her. Aber ich kam nicht zurück.„Wo? wollen Sie?" schrie ich ihm von unten zu,„es macht Ihnen ja nun einmal Spaß, nur durchlauchtige Beißer auszureißen." gibt dem Wärter recht und erzählt im ganzen Saal, was für ein Lümmel ich sei. Dann marschieren wir gemeinsam in einen großen Saal, wo wir Abendbrot kriegen. Ich bin hungrig und es schmeckt ausgezeichnet. Mir gegenüber sitzt ein junges Mädchen, das mir ab und zu einen Blick zuwirft. Ich bm ihr dankbar dafür. Ich bin müde und gehe bald zur Ruhe. Es wird lange nicht still. Es hustet und stöhnt und schimpft. Ich schlafe ein, träume schlecht und wache bald wieder auf, weil mir die Wanzen über den Körper laufen und mich beißen. Bald fühle ich, wie.es überall anschwillt. Das Jucken ist kaum zu ertragen. Ich stehe auf und verbringe die Nacht auf der Toilette. Der zweite Tag wird zur Ewigkeit. Raus dürfen wir nicht. Das ist verboten und sie passen ziemlich scharf auf. Es sind Leute da. die schon monatelang hier eingesperrt sind. Die zweite Nacht verbringe ich auf der Erde. Mir graut vor dem verwanzten Bett. Ein junger Pole wird erwischt, als er zu den Frauen hineinschleichen will. Sein Mädchen ist dort drin, und es kommt beinahe zu einer Prügelei. Zum Glück merken die Wärter nichts davon, denn sonst hätte man ihn sicherlich wieder deportiert. Am anderen Morgen ist mir mächtig übel und der Kopf tut mir weh. Mein Freund und ich beschließen, auf den Hof hinunter zu gehen. Wir gelangen auch ins Freie. Drüben liegt New Dork und dazwischen der lebendige Hafen. Es ist ein sonniger Morgen und die frische Luft und der Wind tun uns gut. Dann bemerkt uns ein Wächter und wir werden abgeführt. Es gibt ein langes Verhör, wir verstehen kein Wort und uns ist ein bißchen bange vor den Folgen. Bis dann jemand auf Deutsch zu uns sagt,„also ausreißen wolltet ihr Bcngels!" Die haben wirtlich gedacht, wir wollten nach New Pork rüber schwim- inen, und jetzt müssen wir doch lachen. Am Nachmittag des dritten Tages ruft ein Beamter laut meinen Namen. Ich kriege einen Schreck. Die Furcht, als hätte ich etwas verbrochen, steckt mir in den Gliedern. Denn hier ist ja alles verboten.„Nimm deine Sache» mtt. du wirst abgeholl." Ich packe schnell zusammen und sage: Auf Wiederschen. Man beneidet mich. daß ich gehen kann. Mir ist, als käme ich aus dem Zuchthause, als wären es Jahre her, seit man mich hier eingesperrt hat. Und durch das Fenster sehe ich wieder die Statue der Freiheit, rot von der Nachmittagssonn«. merkwürdiges von den Srüchlen der£ibe Während sonst alle Teile unserer Eibe stark giftig sind, besitzen einzig und allein die Früchte diese Eigenschaft nicht. Es ist dies um so bemerkenswerter, als sonst bei unseren Giftpflanzen(z. B. Einbeere, Tollkirsche) gerade die Früchte der giftigste Teil der ganzen Pflanze sind. Diese auffallende Tatsache wird leicht erklär- lich, wenn wir die Früchte der Eibe einmal näher betrachten. Diese bcchersörmigcn, scharlachroten Früchte erscheinen in sehr wechselnder Zahl, brauchen zwei Jahre zu ihrer Entwicklung und enthalten nur ein einziges Samenkorn: auch sind sie ziemlich schwer und besitzen keinerlei Flugoorrichtungen zur Weitervcrbreitung Würden sie nun auch noch giftig sein, und daher von den beerenfressenden Vögeln gemieden werden, so wäre die Ausbreitungsmöglichkeit der Eibe eine sehr geringe, auf die allernächste Nachbarschaft des frucht- trogenden Baumes beschränkte. Um sich daher weiterverbreiten zn können, muß die Eibe iingiftige Früchte besitzen, die von den Vögeln gefressen mrd weitergcschleppt werden. Vielleicht ist es auch nötig, daß die Samen der Eibe den Vcrdauungsapparat eines Vogels passieren, um keimfähig zu werden, wie das ja bei verschiedenen Pflanzen der Fall ist. Jedenfalls hat auch die scharlachrote Färbung der Früchte, durch die sie sich scharf von den dunkelgrünen Nadeln abheben, den Zweck, daß sie von den Vögeln leicht ausgefunden und verzehrt werden können. / Hauseinsturz— Versicherungsbeirug. Ae Llrheberin selbst Opfer der Katastrophe. Die Imkerfuchung der Ursachen über die schwere Einsturzkala- strophe bei Lyon hat der Polizei vor kurzem eine große Ueberraschnng bereitet. Unter den Trümmern hatte man eine vollkommen entstellte Araucnleiche gesunden, die erst jetzt als die Besitzerin des Hauses, ein Fräulein Sangois, identifiziert werden konnte. Ihre Anwesenheit in dem Unglückshause, in dem sie selbst nicht wohnte, zu so später Stunde und die Tatsache, daß ihre 71jährige Mutter sich seit der Katastrophe nicht mehr um sie gekümmert hatte, erschien der Polizei verdächtig. Die Mutter der Besitzerin wurde daher am Sonnabend verhört, wobei sie sich verschiedentlich in Widersprüche verwickelte. Nach ihren Angaben soll ihre Tochter sie gegen zehn Uhr abends aufgefordert haben, mit ihr nach dem Micthaufe zu fahren. Als beide gegen zwei Uhr nachts in einiger Entfernung vor dem Hause angelangt seien, habe ihre Tochter sie plötzlich stehen lasten und sei in das Haus gelaufen. Gleich darauf habe sich die Explosion ereignet und das Gebäude fei zusammengebrochen. Die Polizei hat festgestellt, daß Fräulein Sangois sich in großer Geldverlegenheit befand, und daß das Haus mit 90 000 Franken versichert war. Die Ob- duktion der Leiche hat ferner ergeben, daß die Unglückliche nur am Kops schwere Verletzungen aufwies, während der übrige Körper auch nicht das leiseste Merkmal einer Quetschung oder auch nur Hautabschürfung zeigte. Die Art der Kopfverletzungen lassen die Vermutung aufkommen, als ob sie durch Splitter einer Bomb« hervorgerufen wurden. Augenzeugen wollen außerdem gesehen haben, daß die Mutter der Toten beim Verlosten ihrer Wohnung ein größeres Paket trug. Die Polizei ist der festen Uebeizeugung, daß die eigene Besitzerin ihr Haus in die Luft gesprengt hat, um die Versicherungssumme zu erhalten. Sie konnte natürlich nicht ahnen, daß sie selbst dabei den Tod finden würde. Inzwischen ist eins der verletzten Opfer im Krankenhaus ge starben, so daß sich die Zahl der Toten aus elf erhöht. Casino-Theater: Das Parfüm meiner Frau. Das Kotz- und Mausspicl zwischen Mann und Frau hat auch seine komischen Seiten. So ließ sich hier das ehrsame Prosessorlein Schröder vom Freunde und die tugendsame Frau Gemahlin von der Freundin etwas ins Ohr flüstern, das nach Maskenball und Aben- teuer schmeckte; weil aber jeder im tiefsten Inkognito„zur Seite springen� wollte, log man sich gegenseitig was vor und steckt« als Ersatzpaar Diener und Zofe zusammen. In Abwesenheit der Katze seiern bekanntlich die Mäuse Kirchweih, hier noch dazu im holden Wahn, ein Stück Herrschaft ans herz drücken zu dürfen; wie sich am anderen Morgen in des Gatten Schlafzimmer ein verfängliches rosa Schleifchen der Gattin vorfand, rekonstruierte der Mann mit dem bösen Gewissen sofort daraus einen Ehebruch. Schließlich löste sich alles in Wohlgefallen auf. Vorher sah man gute artistische Darbietungen von Genta und Vittorio als Tamz- und In- strumentalkünstler, 2 Blessings verblüfften durch ausgezeichnete Equi- libristik und der sächsische Spaßmacher Schorch Ruselli feuerte Lach- solven ins Parkett. Direktor Hans Berg conferierte selbst sein unter- haltsanies Programm. et»sendimg«n für dies« Rubrii find »« r l i n S»«», Lind-nstraß- 3, parieinachn'chten für Groß-Verlin trt« na da« Brzirkesekretariat . Hof, 2 Treppen rechts, zu richten, Beginn aller Veranstaltungen 1SV- Uhr, sofern keine besondere Zettangabc! heute. Donnerstag. 20. August: 1.»reis. 20 Uhr»il!ntng»an»sch>chI>Aai>a Bei Hübner, Wil-nacker Str. 34. 30. Abt. Arbeitsgemeinschaft jüngerer Parteimitglieder nm 20 Uhr bei Drisch, Tilsiter Str. 27. Diskussion: Dringende Aufgaben in ernster Zeit. Was nun? Referent: Max Heydeniann. 139. Abt. l Tegel). Außerordentliche Zirsammcnkunft der jüngeren Senossinnen und Genossen und der Bildungstunktronäre von den Abteilungen Tegel, Freie Scholle und Borsigwalde im Jugendheim Cchönebcrgcr Straße,- Baracke. Morgen, Freitag. 2t. August: 4.«reis. 19 Uhr kurze Besprechung mit Abteilungsleitern bei iilng, Dan. zigcr Straße. 0. ürcis. sircismitgliedcrvcrsammlunq in Stabes Festsäle, Fichtestr. 29. Johannes Stelling, M. d. R.: Zur politische« Lage. 8. Streit.(Spanbau). Gemeinsame Stoascrc», aller Funktionäre der Partei. der Betriebe, der freien Gewerkschastcn und der Arbeiter, und Sport. oereine im Tnrmzimmer de« Ratskeller». Thema: Unsere Ausgaben in der Agitation und Organisation. Rebner: Genossen Karl Dresicl nnd Alex Seling. 14. kircis Neukölln. 19 Uhr Ordner, und Oblendesifiunq im Parteibüro. 15. Sircis. 20 Uhr Streisoorftandssitzung mit den Abteilungsleiter» bei Pamp, Riederschöneroeide, Safielroerderstraße. Ecke Fennstraße. 17. Sireis. streisoorstandssitzung im Rathau» Lichtenberg, Möllendorsfieaßc. Zimmer 25» 38. Abt. FnnktionLrsitznng bei Bavtusch, Friedcnstr. 88. 138. und 143. Abt. Die Iüngerenzusammenkunift ist wegen der Kundgebung am Freitao ausgefallen und findet nunmehr Freitag, 21. August, 20 Uhr, im Lugendheün Roonstraße statt. KLEINE ANZEKEN lummiimmimmmiiirmnunuuuiiiiimiiiiiiimmiun Uebsrschrift«wort25Pf„ IntwortlSPf, Wieder holungerabatt: 10 mal 5 Proz, 120 mal oder 1000 Worte AbschtuB 10 Proz., 2000 Worte 15 Proz, 4000 Worte 20 Proz./ SteMengeouche: Ueberschrlftowort 15 Pf„ Textwort 10 Pf./ Anzeigen, welche tllr die ' nächste Nummer bestimmt sind, müssen bis 41/, Uhr nachmittags Im Verlag, LIndenstr. 3, oder auch In sämtlichen Vorwirts-Filialen und -Ausgabestellen abgegeben«ein uerKauie Linoleum Szillat. Koloirt«. stieße 9. «ebejehlcr. Teppich« Saison- Ansverkems jeßt noch billiger. AusnalpnellXSlS.— Reine Wolle 2XZ 23.—. Rein« Wolle 2-,XZ'H37.—. Reine Wolle 2X4 48.—. Beginn 1. August. Teppich. StSrner. Berlin W., Pots. damer Str. a6b. KlaiflungsstucKB. utfscha usw. Wenig getragen« ilavaliergazderobe von Millionären, Aerzten. Anwälten. Fabelhaft billige Breis«. Empfehle Taillcnmäntel.Palc. tot», Fracks. Smo. kings, Gebrockan- ziiae. Sosen. Sport-, Gehpelze. Gelegen- hcitskäuse in neuer Garderobe. 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August, 17 bis IS Uhr, Iugenichoim Freien» Wälder Straße, Bastelnachmittag. »reis Eharlottenburg. Die Inngfalken treffen sich Eonnabend tmt lksH Uhr am Bahrihof Iungfcrnhcdbc zur Fahrt nach Brieselang. Schlafsack und Trink» becher mitbringen. Kosten SO Pf. j Sterbetafel der Groß- Äerliner Partei- Organisatton 32. Abt. Am Sonntag, dem 16. August, verstarb unser Genosse Bruno Schmidt, Kleine Markusstr. 16—17. Beerdigung Tonnerstag, IbV; Uhr, in Hohenßhönhausc». Ehre seinem Andenken. Ilm rege Beteiligung wird gebeten. Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Berlin Sinsendungen für dies« ZtudeN nur aa dap Zuoeudletrrtmiaa Berlin SW»6. rludmtbabe» Da» Iugeudsekrctaeiat wird morgen, Freitag, 21. August, um 17 Uhr geschlossen. Oeffentliche Versammlung! Heute Donnerstag, den 20. August1931, 20 Uh r, in der„Aula der Hohenzollern-Schule", Schöneberg, Beiziger Straße, Ecke Eisenacher Straße, spricht Siegfried Aufhäuser, MdR, Uber: Nach dem Volksentscheid— Was nun! 11. Kreis— Schöneberg Frankfurt-Materialau-gabc an die Abteilung-leiter heut«, IS Uhr, im Bor» trogÄaal des Parteivorswndes, Lindenstr. 3. Iungbuchdrnckc« der SAI. Heute, 17 Uhr, wichtig« Zusammenkunft im großen Saal des Gewerkschastshauses, Engelufer 24—25. heuke. Donnerslag. 20. August. 19% Ahr: Morden: Lvrsting- Eck« Graunstraße. Sexuell« Fragen, 3. Teil.— Falk- plag I: Sonnenburger Str. 20. Religiöse Sekten.— Nordosten II: Danzigcr Straße 62. Wie können wir den Frieden sichern?— Schönhauser Vorstadt: Sonnenburger Str. 20. Tagespolitik.— Köpenicker Viertel: Wrangelsir. 123. Das Kommunistische Manifest.— Kottbufler Tor: Britzer Str. 27—30. Z 48 und die Notocrordnungen.— Westend: Sportplatz Westend. Parleipolitik non. 1914 und jetzt.— Tegel: Bahnhofftr. 15. Tagespolitik.— Neinickendors.Wcft: Seidelstr. 1. Wie setze ich mich mit meinen politischen Gegnern auseinander?— Brnsvxilder Platz I: 20 Uhr Rastendurger Str. 16 Materialausgabe für Frank- furtfohrer. Wmipelweihe und Adschiedsfeicr. Werbebezirt Tiergarten: Treffpunkt aller Frankfurtfahrcr 20 Uhr bei Schmidt, Wiclefstr. 17. Ausgab« des Frankfurtmaterials. Wcrbeezirk Wedding: Erwerbslose. Schönstedtstr. 1. 15 Uhr Aussprache. Vorträge, Vereine und Versammlungen. Reichsbanner„Schroarz-Roi-GoUT. ®et(ii8fl»ftene: Berlin S. 14. Cebastianstr. 37—38. s»k 2. Tr. Freitag, 21. August. Tiergarten(Zungbanner Moabit). Heimabend . bei Bossel. Wichtige Besprechmiq. MenUMn-Beitz(Ortsoerein). Jung. bonner. 20 Uhr Zugendheim Bergstr. 29. Zimmer 2. Wand-rkl-idung. Lichte». bcrg lOrtsoerein). 20 Uhr haben Mitgliederpersammlung die Kameradschaften Fricdrichsfelde, Boxhagen und Rummelsbi'.rg in den bekannten Lokalen. Gustao Tempel bei Barth. Mollcndorfstr. 42. Ecke Riftergutstraße.— Eharlottenburg. Donnerstag, 20. August, Schupo kursus im Edcnpaiast stillt aus, dafür um 19>ö Uhr auf dem alten SEC.-Sportplatz. Reinickendorf.— Melaickendors-Ost sKomeradsäiast). Freitag, 21. August, 20 Uhr. Mitgliederoersammlung bei Kinne, Residenzstr. 9. Meichsbund der Kriegsbeschädigte». Kriogstejlnehmer und kkriegerhinter» bliebenen, Gau Berlin, Ortsgruppe Norden 14. Donnerstag, 20. August, 20 Uhr, in den Casino-Festsalen, Pappelallee 15, Mitgliedeuoersammlung. Soeialista Esperanto Asocio. Neue Rurs« beginnen: 14. 9. Reinickendorf. Ost, Jugendheim Lindauer Straße, jeden Won tag 20 bis 22 Uhr. Zm Ostrn im Ingendhoim Am Ostbahnhof 17. Zimmer 17, jeden Donnerstag von 20 bis 22 Uhr. Im Zentrum im Rketallarbeiter.Berbandshaus, Eliasser Str. 88, leden Freitag ob 18. g. von 19)4 bis 21 Uhr. Lehrbuch 80 Pf. Kursusbeitrag 3 bis 4 Mark. Erwerbsloße zahlen 10 Pf. Berliner Manbolineaverrinigung»Nordische Klänge 1965'. Uebnngssinnde seden Donnerstag um 20Vi Uhr im Restaurant Burmeist«, Berlin R., An- Ilamcr Str. 20. Gäste willkommen. English Conversational Club founded 1878. Meetings eTery Friday 8 p. m. Cafe König, Leipziger Straße 117/118. Short Speaches and Debates. Ouests, Ladies& Qentlemen, are welcome. Deotsdier Meiallaibeiter-VeriiaDil Verwaliongsslelle Berlin Todesanzeige Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unier Kollege, der Schlosser Gustav Deichsler geb. 15 Januar 1682, am 17. August gestorben ist. Die Einäscherung findet am Freitag, dem 21. August, abends 8 Uhr, im Krematorium Wilmersdorf statt. Ehre seinem Andenken! Rege Beteiligung wird erwartet. VI« OrtarerwalliraE. »MMUMiM-MÄ VerwaUungsmllglletler! Freitag, den 21. August, keine Sitzung der Mittleren Verwaltnag. Die OrUrcrwalhroE. 8.15 Dhr Flora 3434 Raudicn erlaubt Barbntta! Hoffslnger-Sextatt, Bourlakofff- Trupp«, 2 Lanclos, LasTurias,Conche-Franskyww. «v.uhrCASINO-THEATER�uh. Lothringer Strafe 37. iiiiuiiaiMHiuiiaiiiaiiiiiiiiiiiiiiaiuuauMiiuMuiiiiunimmnmi Der neue Eröffnungs-Schlager Das Parfüm meiner Frau Theater, Lichtspiele usw. Slaafs ��Theafer Staatsoper Dnter den Linden. Wied rbeginn am Sonntag, 23. Aug. Uhr: Ab.-Vorst 821 Dftae ZaauBtcsrffldtitf«. EartenTorverkauf ab Mittwoch. JlaalLScSianspielh. 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Prenzlauer Allee 50 O, Petersburger Str. 82 SO, Grünauer Straße 15 SO, Köpenicker Str. 121 W, Martin-Luthcr-Str.ßö Steglitz: Schloßstraßel 21 Lankwitz: Charlottenst.36 eharlottenburg; Wilmersdorfer Str. 157 Neukölln: BerlinerStr.12u.Hermannstr.27 Schöneberg: Kolonnenstraße 9 Oberschöneweide: WHhelmlnenhofctr. 40 Moabit: Gotzkowskystraße 31 Moabit: Wilsnacker Straße 25 Spandau: Potsdamer Straße 23 Weißensee: Berliner Allee 247 Tempelhof; Berliner Straße 151 Pankow: Wollankstraße 98 Lichtenberg: Wismarplatz 1 Eduard Süßkind Gewftmauszug 5. Klastc 37. Preubilch-Siiddeutsche Slaats-Loklerle. Ohne Gewähr Nachdruck verboten Aus jede gezogene Nummer find zwei gleich hohe Gewinnt gefallen, und zwar je einer auf die Lose gleicher Nummer in den beiden Abteilung«« I«nd II 9. Ziehungstag 19. August 1931 3r der heutigen Vormivckgszwhung' tourdenx Gewhme über 400 M. gezogen 2 Ortnime J* 100000 M. 144722 2©ctoinnc in 25000®L 164417 2©etoinne ,u 10000 M. 217553 22»»Winne zu 5000-w. 106313 155275 135832 20533« 213357 214709 233415 312926 366734 337910 383333 26»«Winne ,it 3000 M. 13965 26668 74633 117255 186934 222514 234795 235342 256602 301363 322005 367888 387406 43«-Winne ,n 2000 M. 21302 39638 41293 78954 82502 97851 127211 157943 161465 183233 184872 18501 I 224050 224073229046 235367 291639 307764 314916 318260 352725 371065 3B3443 392B6I 93 Gewinne ,« 1 000 M. 21795 27730 31726 32497 43113 61651 62609 721 II 33754 37192 90253 99331 109262 127196 131266 133634 137566 139934 143966 146303 159739 160900 166416 134929197442 209673 21 1 793 212954 213913 225541 225991 237673 265351 270612 276283 236976 237176 290903 324521 326370 323536 340627 357510 359243 365303 371703 373706 330039 391133 1 90 Gewinne zu 500 M. 6301 6643 6770 7300 8050 14037 17370 35315 35793 39361 47199 54794 55275 53362«3713 66239 74065 79343 32161 37663 99150 100537 103319 1I07I4 115303 119560 119729 123213 125771 137166 138157 140073 141650 144992 146172 146192 149968 153717 156083 157647 177515 177723 173012 179343 180629 183364 187548 192598 199525 200999 203254 203363 222323 227710 241499 243387 244750 256071 268018 268464 269477 276395 277292 279901 283779 283868 285281 285316 287146 312853 313135 316857 318430 318801 328964 331624 334918 336991 237327 34391 1 246922 252669 363322 365732 369462 371070 372376 373501 331363 263326 234353 39194 7 294492 296007 297373 In der heutigen Nachmittagsziehung wurden Gewinue»der 400 M. gezogen 2 Gewinne zu 10000 M. 205949 6 Gewinne zu 5000 HL 61561 129724 300189 22 Gewinne zu 3000 M. 8903 19321 59733 60637 105B67 157254 157603 159477 161872 177617 233931 50 Gewinn«»n 2000 WL 1345 34233 63600 93409 103265 104351 115954 113576 125102 143291 156434 175521 193477 199723203492 206177 225719 236146 239892 254750 304150 348772 352613353144 361745 1 32 Gewinne zu 1 000 Ht. 2888 29961 32157 37789 49989 58426 7116273221 75907 110037 112683 130464 140957 147160 153631 159965 164289 166542 167080 180980 184426 187529 198997201615 217363 219096 226557 242615 243401 248303 263807 272546 283569 284467 290448 298755 302647 306446 307712 31 1279 312599 322944 323832 325083 326640 327864 328258 333145 333790 342183 351618 356357 357491 359470 359492 362556 369076 369448 374876 377440 383528 384463 385910 388555 396168 397703 184 Gewinne zu 500 M. 7749 21283 23089 24250 25350 27687 27744 37306 33063 42736 47666 50267 53017 53057 55331 70334 71307 73173 75956 86633 87317 92923 93744 93932 97563 105160 108273 109685 110152 119867 121706 131831 136440 140493 147178148300 120032 155992 160333 162329 166033 170727 172421 173972179222 160267 130444 191695 192528 200087 204002 214345 216439 217123 220310 228682 229925 232330 243254 246657 250143 252547 255978 259030 260153 260495 277404 283301 288382 296632 306463 314614 314712 318952 321681 323368 339084 340667 342040 351673 255556 355770 360025 360626 373577 379278 379486 384021 389024 389427 395526 399855 Im Gewinnrade verblieben: 2 Prämien zu je 500000, 2 Gewinne zu je 500000, 2 zu je 300000, 2 zu je 200000, 6 zu je 75000, 6 zu je 50000, 24 zu je 25000, 136 zu je 10000, 328 zu je 5000, 670 zu je 3000, 2020 zu je 2000, 4000 zu je 1000, 6548 zu je 500, 19926 zu je 400 Mari. politische Folgerungen. Das Gutachten des Bankierausschusses. An dle Darstellung der deulschen Kredittage, die wir gestern abend veröisentltchien. knupsen die Baseler Banksachverständigen poliiischc Schlußsolgerungen: Der Bericht sührt aus, daß es zwei Mittel gebe, durch die Deutschland ohne fremde Hilse möglicherweise eine Sanierung erreichen könnte: Durch weitere Veräußerung von deutschen Aus- landsaktiven. Diese beliefen sich Ende Juli immer noch aus Milliarden Mark, aber die kurzfristigen Auslandsaktiven der Banken seien seit Ende ISZl) um 40 Proz. verringert worden. Dabei sei zu bedenken, daß bedeutende Bankguthaben im Ausland für die normale Abwicklung der internationalen Handelsgeschäfte b e- nötigt würden. Von den übrigen kurzfristigen Aktiven werde cbensalls ein Teil in laufenden Geschäften benötigt, während ein anderer nicht leicht realisierbar sei. Es verblieben etwa 5 Milliarden langfristige Anlagen. Viele davon seien jedoch auch nicht rasch realisierbar, hierunter fielen Unternehmungen wie z. B. Zweig- stellen deutscher Jndustriefirmen oder Handelsniederlassungen usw. Das Komitee sei nicht der Ansicht, daß ein auf die Mobilisierung von deutschen ausländischen Anlagen gegründeter Plan durchführbar sei oder zur wirtschaftlichen Gesundung Deutschlands beitragen würde. Die zweite Möglichkeit besteht für Deutschland darin, eine Politik zu treiben, die auf den Erwerb von Devisen mittels yerunlerdrosselung der Einfuhr und Forcierung der Ausfuhr gerichtet sei. Nach den Schätzungen des Statistischen Reichsamts dürfte es Deutschland möglich sein, die Einfuhr in den letzten sechs Monaten des Jahres auf 2,5 Milliarden Mark zu drücken und andererseits die Ausfuhr auf 4,ö Milliarden Mark zu bringen. Die in der zweiten Hälfte 1931 zu bezahlende Einfuhr würde weiter vermindert werden, wenn die Anregung verwirklicht werde, daß Deutschland beträchtliche Mengen Waren gegen einen d r e i j ä h r i- gen Kredit kaufe. Selbst wenn man von dieser Möglichkeit absehe, sei zu bedenken, daß ein Exportüberschuß von 2 Milliarden Mark bei einem Gesamt- export von 4,5 Milliarden ein weiteres großes Mißverhältnis zwischen Einfuhr und Ausfuhr mit sich bringe, als wenn sowohl das Niveau der Einfuhr als auch das der Ausfuhr höher läge. Es sei natürlich viel schwerer, einen Ausfuhrüberschuß in gegebener Höhe zu erwirtschaften, wenn die Preise niedrig seien und das Handels- volumen klein fei, als wenn die Preise hoch seien und das Volumen groß fei. Gewisse Einschränkungen der Einsuhr im Verhältnis zur Ausfuhr und strikter durchgeführte Sparsamkeit sowohl bei den öffentlichen Ausgaben als auch bei manchen Formen des privaten Aufwandes.würden erforderlich sein, um Deutschland in die Lage zu versetzen, seinen jährlichen Verpflichtungen gegen das Ausland nachzukommen und die Schulden, welche es in den letzten Jahren aufgenommen habe, zurückzuzahlen. Aber eine Ausfuhr in beinahe der doppelten Höhe der Einfuhr— wenn sie tatsächlich durchführbar wäre— würde eine ernsteStörungseinesWirtschasts- l e b c n s mit sich bringen. Die Aufrechterhaltung der Ausfuhr(wo- von ein Teil auf jeden Fall zunächst aus den vorhandenen DorrRen bewirkt werden könnte) unter den infolge des scharfen Wettbewerbs gegenwärtig gegebenen Derhältnisien bring« den Verkauf von Waren zu sehr niedrigen Preisen mit sich, während die Drosselung der Ein- fuhr in dem vorgeschlagenen Maßstab«in niedriges Verbrauchsnioeau in Deutschland bedinge. Derartige Maßnahme» führte» daher zu weilerer Verarmung und hoher Arbeitslosigkeit, bedingt durch Einschränkung des Kredits. Dadurch werde zweifellos auch die Weltdepression vor- schärft. Wenn diese, wie zu befürchten sei. dazu führe, daß die anderen Länder zu Gegenmaßnahmen schritten, um ihre Märkte zu schützen, so werde da« Handelsvolumen noch weiter herab- gedrückt____ Der Ausschuß erachte es deshalb im allgemeinen Interesse für höchst unerwünscht, daß Deutschland ge- zwnngen würde, eine derart schroffe Lösung zu wählen. Die Finanzsachverständigen kommen daher zu dem endgültigen Schluß, daß es sowohl im allgemeinen Interesse als auch im Interesse Deutschlands notwendig ist, 1. das jetzige Volumen der deutschen Auslandskredite aufrechtzuerhalten und 2. auf olle Fälle«inen Teil der zurückgezogenen Mittel aus ausländischen Quellen zu ersetzen. Es ist jedoch klar, daß, falls die von Deutschland benötigten weiteren Mittel in Form von kurzfristigen Krediten gegeben würden, gegen Deutschland dann einer noch größeren Schwierigkeit als jetzt gegenüberstehen würde bei Abdeckung der in sechs Monaten fällig werdenden Verpflichtungen, wenn nämlich die Prolongationsfrist der zur Zeit bestehenden Kredite abläuft. Unter diesen Umständen ist es unwahrscheinlich, daß derartige zusätzliche Kredite aus privaten Quellen gegeben werden. wir sind daher der Auffassung, daß z»r Sicherung von Deutsch- lauds flmmzleller Slabilität alle weiteren Kredite in Form einer langfristigen Anleihe gegebe» werden sollten, uud daß diejenigen Teile der bestehenden kurzfristigen Kredite, die hierfür in Betracht kommen, ia langfristige Verpflichtungen umgewandelt werden sollten. Der zweite Teil unseres Auftrages weist uns die Aufgabe zu, die Möglichkeit der Aufnahme einer langfristigen Anleihe für Deutschland zu prüfen. Wenn Geldgeber aufgefordert werden, ein« Anleihe dieser Art zu zeichnen, prüfen sie unter anderem die allgemeine Wirtschaftslage des betreffenden Landes, seine 5)andelsbilanz, um zu sehen, ob es den Anleihedienst aus eigenen Mitteln, und zwar entweder sofort oder in einer annehmbaren Zeit bestreiten kann, und den Staatshaushalt, um sich zu vergewissern, ob die Währung des Landes gesichert ist. Im Fall Deutschland sind diese drei Fak- torenkeineswegsungünstig. Di« Londoner Konferenz hat der Ansicht Ausdruck gegeben, daß der Mangel an Vertrauen zu Deutschland, welcher die Kreditabziehungen verursachte, und damit die jetzige Krise so oerschärst hat,„durch die wirtschaftliche Lage des Landes nicht gerechtfertigt ist". Der beste Beweis für die Richtig- keft dieser Auffassung ist die rasche Erholung der deutschen Ausfuhr in den letzten Jahren. Di- Zahlen der Handelsbilanz zeigen, daß Deutschland imstande war, den Einfuhrüberschuß in eine aus- geglichene Bilanz im Jahr« 1929 umzuwandeln und im Jahre 1930 sowie in der ersten Hälfte des Jahres 1931 einen Ausfuhrüberschuß zu erreichen, obwohl dadurch in den späteren Stadien eine Senkung des Verbrauch sstandards bedingt war. Die deutschen öffentlichen Finanzen sind von Zeit zu Zeit Gegen- staod von Kritiken gewesen, die ihre» Ausdruck in dem Bericht des Dawes-Ausschusses und später in den Berichten und anderen Mit- teilungen des Generalagenten für die Reparationszahlungen fanden. Man kann hierzu nur bemerken, daß die gegenwärtige Regierung unter schwierige» Verhältnissen den Beweis ihrer Entschlossenheit. Deutschlands öffentliche Finan- zen auf eine öffentliche Basis zu stellen, geliefert hat. und daß diese Politik, wenn sie streng fortgesetzt wird, entschieden dazu beitragen wird, Deutschlands Kredit zu stärke». Es ist indessen in Anbetracht der Kurse, zu denen deutsche Wert- papiere an den Börsen der Welt notiert werden, klar, daß es ohne eine Wiederherstellung des Vertrauens in die finan- zielle Zukunft Deutschlands unmöglich ist, eine langfristige Anleihe allein auf Deutschlands Kredit hin auszunehmen. Schon die Fun- dierung der übermäßigen kurzfristigen Verschuldung würde dazu beitragen, die Lage zu bessern. Es bleiben aber zwei grundlegende Schwierigkeiten. Die erste ist das damit verbundene politische Risiko. Solange nicht die Beziehungen zwischen Deutschland und anderen europäischen Mächten auf der Grundlage sreundschast- lichen Zusammenarbeitens und gegenseitigen Vertrauens be- ruhen und dadurch eine wesentliche Ursache innerpolitischer Schwierigkeiten für Deutschland beseitigt wird, ist keine Gewähr für einen dauernden und friedlichen wirtschaftlichen Fortschritt gegeben. Die zweite betrifft die äußeren Verpflichtungen Deutschlands. Solange diese Verpflichtungen, sowohl die privaten als auch die öffentlichen, entweder eine dauernde lawinenartige Erhöhung der aus- ländischen Schulden Deutschlands oder aber ein derartiges Miß- Verhältnis zwischen seiner Einfuhr und Ausfuhr hervorrufen, daß die wirtschaftliche Prosperität anderer Länder bedroht ist, wird ein Geldgeber die Lage kaum als gefestigt oder dauernd ansehen. Solange die augenblicklichen oder zukünftigen Gläubiger Deutsch- lands nicht übersehen können, wie sich in dieser Hinsicht die künstige Lage Deutschlands entwickeln wird, besteht ein sehr ernstes Hindernis für die Gewährung neuer oder auch uur die Erneuerung bestehender kurzfristiger Kredite und für die Auf- nähme einer langfristigen Anleihe. „Wir sind sicher, daß die Regierungsvertreter, wenn sie auf der Londoner Konferenz die Verpflichtung übernommen haben, den Bankiers der Welt zu empfehlen, gemeinsame Mahnahmen zu ergreifen, um den Umfang der Deutschland bereits gewährten Kredite aufrechtzuerhalten, sich vollkommen dessen bewußt waren, daß ihr Vorschlag keine Lösung des Problems, sondern ein Mittel Zeit zu gewinnen war, in welcher Schritte für die Wiederherstellung des deutschen Kredits übernommen werden könnten. Aber die Zeit drängt. Der Wirtschastskörper der Wett hat an einem seiner wichttgsten Glieder einen schweren Schlag erhasten. Dies hat zu einer teilweifenLähmung geführt, die nur durch eine Wiederherstellung des freien Geld- und Güterverkehrs behoben werden kann. Wir glauben, daß dies aber nur bewerkstelligt werden kann, wenn sich die Regierungen aller Länder der Well über die auf ihnen ruhende Verantwortung klar sind und umgehend Maßnahmen ergreifen, die geeignet sind, das Vertrauen wieder, herzustellen. Nur wenn sie handeln, kann es wiederhergestellt werden. Wir halten es für wesentlich, daß sie vor Ablauf der Prolongationsperiode der Kredite der Welt die Gewähr bieten, einmal, daß die internationalen p o l i» tischen Beziehungen auf der Grundlage gegenseittgen Ver» trauens, welches die Vorbedingung einer jeden wirtschaftlichen Lösung ist, aufgebaut sind, und ferner, daß die von Deutschland zu leisten- den internattonalen Zahlungen nicht die Aufrechterhostung der finanziellen Stabilität gefährden." Wir möchten jedoch wiederholen, daß das deutsche Problem ein Teil eines größeren Problems ist, welches auch viele andere Länder der Welt angeht. In diesem Zusammenhang wollen wir zweierlei bemerken: 1. Um die Nachfrage wieder anzuregen und dadurch die ständige Abwärtsbewegung des Preisniveaus aufzuhalten, welches Schuldner» und Gläubigerländcr in gleicher Weise in einen circulus vitiosus der Depression verstrickt, ist es wesentlich, daß die Unterbringung neuen Kapitals wieder normal in Gong kommt. 2. Wir möchten darauf hinweisen, daß das Beispiel Deutschlands die eindrucksvollst« Illustration der Tatsache ist, daß die Welt in den vergangen«» Jahren versucht hat, zwei verschiedene sich widersprechende politische Priuzlpiea zu verfolgen, indem sie die Entwicklung eines internationalen finanziellen Systems zuließ, das die Iahreszahlungen großer Summen von Schuldner- und Gläubigerländern mit sich bringt, demgegenüber aber gleichzeittg der freien Gllterbewegung Hindernisse in den Weg legt. So» lange diese Hindernisse bestehen bleiben, müssen derartige Kapital» bewegungen naturgemäß das internattonale finanzielle Gleich» gewicht stören. Finanzielle Hilfsmaßnahmen allein werden nicht imstande sein, die wirtschaftliche Prosperität der Welt wieder» herzustellen, wenn nicht die auf seine Obstruktion gerichtete Polittt eine gründliche Aenderung erfährt und der Welthandel, von dem ja der Fortschritt jeglicher Zivilisation abhängt, seine natürliche Entwicklung wieder aufnehmen kann. Die eindeutig abgegrenzte und technische Untersuchung, auf die wir unsere Aufmerksamkeit beschränkt haben, gestattet uns nicht, Anregungen politischer Natur zu geben. Wir haben es aber für unsere Pflicht gehalten, die Gründe auseinanderzusetzen, die uns zur Zeit unmöglich machen, endgültige Maßnahmen zu empfehle», um für Deutschland langfristige Kredite zu sichern. Wir möchten aber hinzufügen, daß, wenn man dazu kommen sollte, dem Geld gebenden Publikum wieder vertrauen kn Deutfchlauds zukünftige wirtschaftliche und finanzielle Stabilität eiazustößea. nach unserer lleberzeugung die Konsolidierung eines Teiles der deutscheu kurzfristigen Verschuldung und die Beschaffung zu- sählicher Betriebsmittel für die deutsche Wirtschaft sicherlich keine ernsten Schwierigkeiten bieten würde. Es gibt viele Möglichkeiten, wodurch dieses Ziel erreicht werden könnte. Wenn wir davon absehen, dahinzielende in Einzelheiten gehende Vorschläge zu machen, so geschieht dies nur in der Ueber- zeugung, daß man sich erst zu Mahnahmen, auf deren Ergreifung wir keinen Einfluß haben, entschließen muß, ehe irgendwelche lang- fristigen deutschen Anleihen, wie gut sie auch gedeckt sein mögen, untergebracht werden können.„Wir schließen mit der ernsten Mab- nung an alle beteiligten Regierungen, in der Ergreifung der not- wendigen Maßnahmen keine Zeit zu verlieren und unverzüglich ein« Lage zu schaffen, die es ermöglicht, Finanztransaktionen durchzu- führen, um Deutschland und dadurch der Welt die so dringend be- nöttgte Hilfe zu bringen." * Bafel. IS. August. vi« Slillhalte-Bankiers hielten am Mittwochvormittag eine kurze und am Mittwochuachmiitag noch einmal eiu« lüugere Be- sprechung ab. um noch gewiss? banktechnische Spezlalfrage» in dem Stillhalteabkommen zu regeln. v>e endgültige Unterzeichnung de« Abkommens wurde dau» in der Mi«. uwch-Tkachmsttagssitzuug vollzogen. Katastrophe des Arbeitsmarkts. Mehr als die Hälfte der Bauarbeiter feiern im Sommer. Nunmehr liegt das Ergebnis der fiatistifchea Erhebung über die Arbeitslosigkeit Ende Jali vor, soweit die Mit- glieder der Gewertschoflen de« ADGB. ia Betracht kommen. Insgesamt waren arbeitslos 31. S Proz. gegenüber 30.2 Proz. Ende Zuni: Kurzarbeiter waren 1S.g Proz. gegenüber 17.4 Prozent Ende Zuni. Es ist also im Zuli bereits eine fühlbare Verschlechterung eingetreten. Diese Verschlechterung der Arbeitsmarkttage ist sowohl bei der Konjunktargruppe wie auch bei der Saisongruppe festzuftetten. während die Arbeitslosigkeit in den Gewerkschaften, die zur Konjunkturgruppe gezählt werden, von 24.S proz. aus 26.1 Proz. und die Kurzarbeit vou 20.9 Proz. aus 22.7 Proz. stieg, ist die Arbeitslosigkeit in den zur Saisongruppe gerechneten Sewerkfchasten von 54.1 Proz. auf 55.8 proz. und die Kurzarbeit von 1,6 auf 1.8 Proz. gestiegen. Besonder, bei der Saisongruppe ist e« finnsöllig. wie dringend die Verkürzung der Arbeitszeil ist. Die Verschlechterung der Arbeitsnachfroge ist fast in allen Berus». gruppen eingetreten. Rur bei den Fabrikarbeitern ist ein« gering- fügioe Verbesserung zu beobachten, hier handelt es sich zweisettos um saisonale Einwirkungen. Ganz besonders unterstrichen muh die katastrophale Ar- beitstofigkeit in der Saisougruppe werden. Im Bau- gewerksbund waren mitten im Hochsommer nicht weniger al» 56 Proz. der Mitglieder arbeitslos: bei den Steiuarbeiteru 55.1 Proz� bei den Malern 60,3 Proz. und bei de« Zimmerern sogar 62,6 Pro,. hier spiegelt sich kraß die Wirkung der Drosselung de, Baumarktes durch die Verwendung der hauszinssteuer zur Deckung des Finanz- defizlls. Unsere Finanzpolitik verbunden mit dem Lohnabbau und vor allem den Fehtteitungen in der Privatwirtschaft und der flanlo, betriebenen Rationalisierung haben eine beispiellose Kala- firophe auf dem Arbeitsmarkt geschaffen. Die Massennot in Amerika. Gouverneur von pennsylvanien fordert Goaderfeffion des Koagreffes. Harrisburg, IS. August. Der Gouverneur vou Peuafyloauieu, P l» ch o k, hat an Präst- den h o o v e r ein Schreiben gerichtet, in dem die Einberufung des Kongresse» zu einer Sondersession gefordert wird. Der Gouverneur begründet diesen Schritt mit der immer weiter um sich greifenden wirtfchaftlicheu Rot infolge der Arbeitslosigkeit, die, wie er erklärt, zu schwere» Störunge» der äfseulliche» Ordnung führe» köaoe. Zu p euajzlvauie» belaufe fich Me Zahl der Arbeitslosen allein aus 90 0 0 0 0, das fei ei» Viertel aller arbeitsfähigen Einwohner de» Staate». Di« privaten Wohl- tcitigteitseinrkhtllngen feien allein nicht imstande den Notleidenden zu helfen. Den Gemeinde- und Staatsbehörden feien einsiweileu durch gesetzliche Vorschriften die Hände gebunden, so daß fle nicht helfend eingreiseu könnten. Englands Ganierungsmaßnahmen. Ivprozentige Zollerhöhung? London. 19. August.(Eigenbericht.) Die Arbeiterregierung beschäftigte sich am Mittwoch den ganzen Tag über mit den S p a r v o r f ch l ä g«» des Spar- ausschusses. Die Beratungen wurden abends nach ein«r kleinen Pause fortgefetzt. Die Londoner Blätter enthalten zahlreiche Nachrichten über die wahrscheinlichen Maßnahmen der Regierung. Alle diese Nachrichten eilen aber den tatsächlichen Absichten des Kabi- n«tt-z vorläufig, noch weit voraus. Sobald die Regierung ihr« Beratungen abgeschlossen hat, wird sie mit den Parteien verhon» delit. Erst dann dürsten zuverlässige Angaben über die Spar» aktton zu erhalt M sein. Als ein« der wichtigsten Maßnahmen, die angeblich ins Aug« gefaßt werden, wie insbesondere der„Daily Herald" gemeldet hat, gilt eine zehnprozentige Erhöhung dez Finanzzolle-. Bisher galt namentlich Sttzatzkanzler Snowden als unbedingter Gegner jeder Aollerhöhung, wahrend andere Kabmettsmiiglieder weniger intransigent fein sollen, weil sie auf dem Standpunkt stehen, daß ein w öfteres unbedingtes Festhalten am Prinzip de» Freihandels unmöglich fei, solange die ganze übrige West weiter dem Pro» tekttonismus huldige. Diese letztere Auffassung hat namentlich in manchen englischen Gewerkschaften an Boden gewonnen, wie schon auf dem letzten Gewerkschaftskongreß zum Ausdruck kam. Mord oder Selbstmord? Eine gefesselte Leiche gefunden. In den vorgerückten Abendstunden wurde aus dem Testowtanal eine männlich« Leiche gelandet. Di« Hände des Toten waren a u f der Brust zusammengebunden. Di« polizeilichen Er» Mittelungen ergaben, daß es sich bei dem Toten um den 26jährigen Ingenieur Hans Pukall aus der Scheiblerstraß« 9 in Berlin-Bamn» schulenweg handelt, Die Reichsbahn als Kampfobjekt. Nazis und KPD. möchten gern, aber können nicht. Die Biirgerkriegstreiber von Hitler bis Thälmann machen ver- zweifelte'Anstrengungen, bei der Reichsbahn festen Fuß zu fasse». Die Zerstörungsstrategen sind sich darüber im klaren, daß sie niemals ihr ach schon so lang vorbereitetes Abenteuer durchführen können, wenn sie nicht die Eisenbahn i» der Hand haben. Die Bahn haben sie aber erst dann, wenn sie die Eisenbahner haben, und da sieht es halt für sie recht traurig aus. Schon das Wahlergebnis zum Hauptbetriebsrat bei der Hauptverwaltung der Reichsbahn und zu den Bezirksbetriebsräten war für sie eine Pleite. Run liegt das Gesamtergebnis der Betriebsräte wählen bei der Reichsbahn vor, und auch das jetzt endgültig festgestellte örtlich« Wahlergebnis bestätigt den überragenden Einfluß des jreigewerk schaftlichen Einheitsoerbandes. Im ganzen wurden 16 948 örtliche Mandate gezählt. Davon erhielten: der Einheitsverband 12 125 gleich 71,5 proz., die christliche Gewerkschaft deutscher Eisenbahner(GdE.) 2946 gleich 17,3 Proz. der Mandate, während aus den Hirsch-Dunckerschen All- gemeinen Eisenbahnerverband(AEB.) 726 gleich 4,2 Proz. der Mandate entfielen. Aus alle übrigen Organisationen und Gruppen kamen YS? Mandate gleich 5,0 Proz. Unorganisierte Betriebsräte wurden 294 gleich 1,7 Proz. gezählt. Wie steht es nun mit dem Gewinn der Kommunisten und Nazis? Auf die RGO. entfielen 679 Mandate gleich 4 proz., auf Nazis und Gelben zusammen 78 gleich 0,4 proz. Vis Nazis und Gelben konnten in der Statistik nicht scharf getrennt werden. Aber das ist schließlich auch nicht notwendig; denn bei beiden handelt es sich ja um die gleichen Blüten des kapitalistischen Sumpfes. Im Zusammenhang mit den neuen Ziffern läßt sich ergänzend feststellen, daß der Stimmenanteil des Eiiihcitsvcrbandcs bei der Wahl zum Hauptbetriebsrat 6l,S Proz., bei der GdE. 19 Proz., beim AEP. 6,9 Proz. mü> bei der RGO. ll,7 Proz beträgt. der Rest verteilt sich auf die übrigen Gruppen. Bon 2S Mandaten des Hauptbetriebsrats erhielt der Einheitsverband 16, die GdE. S, der AEV. 1 und die RGO. 3 Mandate. Bon 339 Sitzen in den Be- zirksbetriebsräten hat der Einheitsverband 231 erhalten, die GdE. 67. der AEB. 15 und die RGO. 26. Die Nazis gingen sowohl im hauptbelriebsrat wie in den Bezirksbetriebsrälen leer aus. Weil sie bei den Betriebsrätewahlen abblitzten, versuchen sie jetzt, in der B e a m t e n s ch a s t verstärkten Einfluß zu gewinnen. Zu diesem Zweck haben sie vor kurzem eine Organisation ins Leben gerufen, die sich„Arbeitsgemeinschaft Nationaler Reichsbahnbeainten und An- Wärter e. V."(ANRB.) nennt und ihren Sitz in Frankfurt n. Main hat. Vorsitzender ist ein Oberbeamter namens Hermann Freche. Soeben ließ die„Arbeitsgemeinschaft" mich eine Zeitung erscheinen. Der in Aussicht genommene Kampf wird da mit folgendem sinnigen Vers eingeleitet: „Wach auf du alter Kampfesmut. Germanenblut, Berferkerwut zum letzten will ich werben. Wer nicht als Sklave leben mag, dem winkt der große Rachetag zum Sterben." Nach dieser blutrünstigen, aber blöden Stilblüte(wer nicht als Sklave leben will, soll„gekillt" werden am„großen Rachetag") folgen die üblichen nationalistischen Pöbeleien. Da aber die Herr- schasten Dumme fangen wollen, rücken sie, als„Bcamtenfreunde" maskiert, mit„gewerkschaftlichen Forderungen" an.„Unbegrenztes Vertrauen in die Leitung. Zweifler, Nörgler, Besserwisser haben in den Reihen der ANRB. ebensowenig Platz wie solche, die intcr- nationalen Wahnideen huldigen oder nichrdeutscher Abstammung sind." Die Mitglieder haben also in dieser seltsamen Vereinigung jedenfalls nichts zu sagen. Arbeitszeit und Textilarbeiter. Beratungen der Internationale. Der Internationale Textilarbeiterkongreß beschäftigte sich am Mittwochvormittag mit der A r b c i t s z e i t f r a g e. Das Referat hierzu erstattete Fray n«(England). Cr wies daraus hin, daß im Znsammenhang mit der Wirtschaftskrise und der Not aus dem Ar- beitsmarkt die Arbeitszeit zu einer der wichtigsten Fragen der Gegen- wart geworden sei. Besonders schwierig gestalte sich das Arbeitszeit- Problem vor allem in den aus den Export eingestellten Industrien, und dazu gehöre ja auch die Textilindustrie. Trotz alledem müsse eine Anpassung der Arbeitszeit an die durch die Weltkrise geschaffenen neuen Verhältnisse der Wirtschast, d. h. eine scharseVerkürzung der Arbeitszeit erfolgen. Mittwochnachmittag besuchte der Kongreß das Grab Iäckels, wo zu Ehren des toten Textikrrbeiterführers ein Kranz moder- gesegt wurde. Lind immer wieder Lohnabbau! Im Holzgewerbe Württembergs. Für das württembergische Holzgewerbe ist ein Zwangstarif geschaffen worden. Die Unternehmerverbändc hatten sehr empfindliche Verschlechterungen in den Bestimmungen des Manteloertrags und einen weiteren Abbau der Löhne um 12Pfennig gefordert. Sie gingen den Stuttgarter Schlichtungsausschuß um Hilfe an und sie haben dabei, wie der weitere Verlauf des Tarifkonfliktes zeigt, nicht daneben getippt. Es kam zu einem Schiedsspruch, der im Mantelvertrag keine grundsätzlichen Aenderungen, in der Lohnfrage aber einen w e i- teren Abbau des tariflichen Spitzenlohns um 6 Pfennig pro Stunde vorsah. Der Spruch wurde mit den Stimmen der Unternehmer gesällt. Trotzdem genügte er ihnen nicht: sie wollten ja 12 Pfennig. Der Schlichter setzte nun Mitte August neue Ver- oleichsverhandlungcn an, zu gleicher Zeit aber erklärte er die Neu- regelung des Mantel- und Lohntarifs von Amts wegen für ver- b i n d l i ch. Die freigewerkschaftliche„Holzarbeiterzeitung" bemerkt zu diesem Ausgang des Konflikts:„JeJtzt weiß man wenigstens, wie es ge- meint war, als Stegerwald sagte, er stelle seinen staatlichen Schlichtungsopparat nicht mehr zu einer allgemeinen Lohnsenkung zur Verfügung."— Was sich zur Zeit in verschiedenen Industrien und Gewerben im Reich und in den Bezirken abspielt, ist von einer neuen oll- gemeinen Lohnsenkung nicht mehr weit entfernt. Abgebaut wird noch immer, wenn auch ohne viel Geräusch. Lautlos, aber wahr- haftig nicht schmerzlos. Der Arbeiterhmishalt ist ja längst auf Hungerration gesetzt. Das nennt man wohl„Ankurbelung der Wirtschaft". Alarm in Mansseld. Ist Lohnabbau das Heilmittel? INansfeld, 19. August.(Eigenbericht.) In der Kundgebung, mit der sich die Mansscld A.-G. an ihre Belegschaft gewandt hat und in der die allgemeine Notlage des Mansfelder Kupferbergbaues geschildert wird, heißt es u. a., die Ab- satzverhältnisse hätten sich infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Loge äußerst schwierig gestaltet. Der Grlös für die Tonne Kupfer betrüge noch knapp 790 M., womit nur noch ein unzureichender Teil der Selbstkosten gedeckt werden könne. Infolgedessen habe das Unternehmen trotz der Reichs- und Staatszuschüsse seit Anfang dieses Jahres mit wachsendem Verlust gearbeitet. Auch in den anderen Konzernbetrieben seien Uebcrschüsse nicht gemacht worden. Da bei der heutigen Geldlage neue Leihgeldcr nicht zu erhalten seien, wür- den die verfügbaren Geldmittel zur Zahlung der Löhne und Gc- Hölter, Sozialabgabe», Steuern, Frachten, Materialien usw. vo» Tag zu Tag knapper. Die Bemühungen, eine Erhöhung der Staatszuschüsse zu erreichen, seien bisher ohne Erfolg gewesen. Die Austechterhaltung der Kupferbetriebe sei bei dieser Sachlage auf das schwerste gefährdet. Soll es gelingen, den Herbst und Winter bis zu hoffentlich besseren Zeiten zu überstehen, so seien einschneidende Maßnahmen zur Senkung der S e l b st k o st z n, bei denen bekanntlich Löhne und Gehälter weitaus den Hairptbestandtcil ausmachten, unvermeidlich. Aus dieser Bekanntmachung geht eindeutig hervor, daß die Mansfeld A.-G. beabsichtigt, einen weiteren Lohnabbau bei ihren Arbeitern vorzunehmen. Das ist gänzlich unmöglich. Die Mansfelder Arbeiterschaft hat im letzten Jahr schon sehr erhebliche Lohnherabsetzungen zu tragen gehabt. Ihre Löhne liegen am niedrig st en im mitteldeutschen Bergbaurevier. Es ist auch un- möglich, durch einen Lohnabbau die infolge der Preisstürze auf den Metallmärkten entstandenen Schwierigkeiten der Mansfeld A.-G. zu beheben. Dieser von der Mansfeld A.-G. anscheinend beabsichtigte Weg würde dazu führen, daß die Arbeiter u m s o n st arbeiten müßten, um die Schwierigkeiten zu beseitigen. Auch wir sind der Ansicht, daß eine Stillegung des Mans- felder Kupferbergbaues unabsehbare Folgen für das gesamte mittel- deuffche Wirffchaftsgebiet haben würde. Es gibt aber bei der volks- wirtschaftlichen Bedeutung des Mansfelder Kupferbergbaues Zweifel- los andere Möglichkeiten, um den Mansfelder Bergbau aufrechtzu- erhalten, als die von der Mansfeld A.-G. beabsichtigten. Einem weiteren Lohnabbau würden sich die Belegschaften auf das ent- fchiedenste widersetzen._ Wirkungen der Krise. Generalangriff der Unternehmer und der KHD. Das 2. Quartal d. I. ist für die Berliner Ortsoerwoltung des Verbandes der Nahrungsmittel- und Getränke- arbeiter ein sehr bewegtes Vierteljahr gewesen. In den Brauereien, den Mühlen, den Brotfabriken, der Sühwasserindustrie, kurzum, in fast allen Branchen gingen die Unternehmer im 2. Quartal zum Generalangriff auf die Löhne der Ar- beiter über. In ihren Abbauforderungen kannten sie keine Grenzen. Infolge der Haltung der amtlichen Schlichtungsinstanzen war es der Organisation leider nicht möglich, den Lohnabbau restlos abzuwenden. Es gelang ihr aber, die Abbaugelüste der Unter- nehmer ganz beträchtlich zu. dämpfen. Angesichts dieser Situation klang es geraoezu unetoublich, als der Bevollmächtigte der Orts- Verwaltung des Verbandes der Nahrungsmittel- und Getränke- arbeiter, Genosse Hodapp, in der Quartals-Generalversammlung am Dienstag im Gewerkschaftshaus mitteilte, daß es im verflossenen Quartal noch möglich war, für die Fleischer in den Warenhäusern Tietz eine bessere Tarifisicrung und daourch eine Lohnzulage von 83 M. pro Mann im Monat zu erzielen. Bedauerlich ist allerdings, daß von den 129 bei Tietz beschäftigten Fleischern ein großer Teil noch unorganisiert ist. Aufschlußreich waren auch die Mitteilungen des Genossen Hodapp über den„Erfolg" der kommunistischen Spal- tungsversuche in den Wurst- und Konservenfabriken. Während vor der Spaltung in dieser Gruppe nur 199 Arbeiter und Arbeiterinnen unorganisiert waren, sind es heute 599. Bei dieser Zählung sind die RGO.-Mitglicder nicht etwa als llnorgani- fierte registriert worden. - Die Zahl der Berbandsmitglieder ist im 2. Quartal in Berlin von 18 999 auf 16 276 zurückgegangen: dieser Verlust ist jedoch fast ausschließlich ein buchmäßiger, da bei der Berechnung der Mitgliederzohl nach den eingegangenen Beiträgen im 2. Quartal l'A Beiträge pro Quartal und Mitglied mehr zu- gründe gelegt wurden als bisher. In der Diskussion kam hauptsächlich der Unwille über die Lohnabbaupolitik der Reichsregierung zum Aus- druck. Mit aller Schärfe wurde von der Organisationsleitung ge- fordert, gegen den zweiten Lohnabbau energisch anzukämpfen, der trotz der gegenteiligen Erklärungen des Reichsarbeitsministers offenbar auch wieder mit Hilfe der staatlichen Schlichtungsinstanzen durchgeführt werden soll. Hinsichtlich der Weihnachtsunter st ützung der erwerbe- losen Verbandsmitgfieder beschloß die Generalversammlung, daß zu diesem Zweck nach den gleichen Grundsätzen wie im vorigen Jahr Extrabeiträge erhoben werden sollen. Verbindlicher Schiedsspruch. Der Schiedsspruch für die Herren- und Damen- s ch n e i d e r e i ist vom Reichsarbeitsminister am Mittwoch für verbindlich erklärt worden. Damit tritt die Tarifordnung, deren Geltung Ende Juli abgelaufen war, mit den durch den Spruch vor- gesehenen Aenderungen wieder in Kraft. Die Verbindlichkeitserklärung ermöglicht, daß nun bereits am kommenden Freitag endgültige Lohnzahlungen erfolgen können. Die Forderung der Gewerkschaften auf Verbindlichkeitserklörvng des Schiedsspruchs war in erster Linie ein tnrispolitischer Schachzug, da die Unternehmer darauf aus waren, eine neue Tarifordnung überhaupt unmöglich zu machen. Neue Nordwolle-Gejellschafi. Die wichttasten Spinnereien werden fortgeführt. Die Abwicklung der Nordwolle-Pleite geht reichlich lang. sam vonstatten. Jetzt endlich sind die Hauptgläubiger, die Banken und der Konkursverwalter übereingekommen, die Hauptwerks der Nordwolle in eine neue Gesellschaft einzubringen und so ihren Fortbestand zu sichern. Das ist ja gerade das Bezeichnende am Fall Nordwolls, daß ein großer Teil der zahlreichen Nordwollc-Betriebe zu den b e st e n und r e n t a b e l st e n Deutschlands gehören: daß der Zusammenbruch nicht als Folge von Betriebsverlusten eintrat, son- dern daß das wahnsinnige Schwindelgebäude eines skrupellosen Finanziers wie ein Kartenhaus zusammen- fiel. Daß die einzelnen Betriebe fortgeführt werden, liegt also nicht allein im Interesse der sowieso stark geschädigten Arbeiter und Angestellten: ihre Fortführung ist auch, weil sie eben die leistungsfähigsten sind, volkswirtschaftlich gerechtfertigt. Nach bisher vorliegenden Meldungen.denkt man sich die Sache so, daß die neue Gesellschaft als reines Spinnereiunter- nehmen die wichtigsten Spinnereibetriebe aus dem Nordwolle- Konkurs übernimmt:"die weiterverarbeitenden Werke und euch dis Wollkämmereien sollen nicht mit hineinbezogen werden. Die neue Gesellschaft soll ein Kapital von 25 Millionen Mark erhalten: die Aktien werden vermutlich in voller Höhe dem Konkursver- walter als Gegenwert für die der neuen Gesellschaft übergcbenen Anlagen, Warenvorräte und Aufträge ausgeliefert werden. Schul- den aus der Nordwolle-Pleite werden der neuen Gesellschaft nicht aufgepackt werden, da sie sonst von vornherein zu stark belastet wäre. Die Banken sollen bereit sein, einen Betriebskredit in Höhe von 19 bis 15 Millionen Mark zur Verfügung zu stellen. Käufer für einzelne ganze Betriebe hat man nicht gefunden. Aber die Aktien des neuen Unternehmens sollen allmählich ver- kaust werden, damit der Konkursmasse Bargeld zufließt. Dabei denkt man auch, daß die interessierten Kommunen— die durch eine Stillegung ja besonders schwer betroffen würden— sich wenigstens vorläufig durch A k t i e n k a u f an der Finan- zierung beteiligen werden. Es ist bezeichnend, daß die Kon- kurrenten der Nordwolle-Betriebe gegen j e d c F o r m der Sub- ventionierung dieser Betriebe Sturm laufen, weil sie in der Lage wären, die Austräoe von Nordwolle zu übernehmen. Nicht immer haben wir bei den Interessenten diese scharfe Ablehnung von Subventionen— man denke nur an die Zölle!— gefunden. Wenn es sich aber wie hier nur darum handelt, auf bequeme Art Konkurrenten loszuwerden, so müssen wir feststellen: es ist besser. die Fortführung der produktionstcchnisch hervorragendsten Werke zu gewährleisten, damit der„natürliche" Ausleseprozeß wirk- sam wird. Freilich werden die eingreifenden öffentlichen Stellen sich weitgehende Aufsicht?- befugnisse sichern müssen, damit die neuen Mittel wirklich zur Fortführung der Betriebe und zur Beschäftigung der Arbeiter und Ange- st eilten verwandt werden, damit sie nicht auf Um- wegen in das Faß ohne Boden des Lahusen-Kon- kurses fließen. Verbandsiag der Lithographen. Erfurt, 19. August.(Eigenbericht.) Hier findet zur Zeit der Verbandstag der Litho- graphen und Steindrucker statt. Die Organisation kann in diesem Jahr auf 49 Jahre Bestand zurückblicken. Die Aussprache über den Geschäftsbericht ergab ein einmütiges Vertrauens- votum für den Verbandsvorstand. Vor allem fand die Haltung der Verbandsleitung unter Führung des Verbandsvorsitzenden Haß gegenüber der RGO. restlos die Billigung des Verbandstages. Alle Delegierten unterstützten bei der Abstimmung die Auffassung des Vorstandes, daß die RGO.-Leute im Verband der Lithographen und Steindrucker nichts zu suchen haben. Adler-Werke enilassen-1400 Arbeiier. Die A d l e r- W e r k e in Frankfurt a. M. beabsichtigen bis zum 21. August von ihrer 2299 Mann starken Belegschaft 129 9 bis 1499 Arbeiter zu entlassen. Das Werk begründet diese Maßnahme mit der Absatzkrise auf dem Automobilmarkt und hofft, daß die Produktionseinschränkung nur aus einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen begrenzt werden kann. SPD.-Fraltion beim Städtischen Obdach. Freitag, ZgZb phr, bei Kuhfittig, Iablonssistr. g, FraÄicmsvcrsaimnluitg. Referent: cbenossc Buchmann:„Die politische und wirtschaftlich« Lage Deutschlands". B�Freie Gewerkschafis-Zugenö Berlin Heute, 19Vi Uhr, tagen die Gruppen: Köpenick: Iugendhcun Grünauer Straße 5(Rahe Bahnhof Spindlerofeld). Wir gehen ins Freie.— Ecsnndbrnnncu: Iugentchedn Rote Schule, Gotcnburgcr Str. 2. zehn Jahre Schutzpolizei.— Schönhauser Tor: Jugendheim Tieckstr. 18(Feuerwehr. haus). Die soziale Grundlage der Gewcrtschastsbewegnng.— Tenrpelhos: Gruppcnheim. Lnzcum Gcrmaniastr. 4-8. Der Zugang zum Jugendheim er, folgt durch den Eingang auf der hintcren Seite der Schulr'Götzstraße. Tempel. dos zeigt eine Tonbildfölge ans oller Welt.— Südosten: Reichcnbergrr Str. KS (Feuern-tchrhans). Warum Jugendtreffen in Landsberg an der Warthe.— Moabit: Iugendheiin Lehrter Str. IL— IS. Lustiger Abend.— Staaten: In» gendheint der 17. Volksschule, Gartenstadt, Zirchplatz. fEndhallestellc Auto. h>i» 51.) Die Gewerkschaften im Ausland.— Reu, Lichtenberg: Jugendheim Gimterstr. 44. Luftiges Beisammensein.— Landsberger Platz: Grnppenhcim Dieftelmeperftr, S, Liederabend.— Lichtenberg: Jugendheim Sanffstraße. an der Lesfingstraße. Die Entwicklung der Gewerkschaften bis zum Fall des Sozia- listcngcsetzes.— Ingendgrnppe des Deutschen Bekleibungsarlnitcr, Verbandes: Ab 19 Uhr Spielctl im Treptower Park.— Iugendgruppc de» Rahrnngs- mittel. und Getränkearbeitcr-Verbande». Reue Schönhauser Str. 4— ö, Sitzunzs. sioal.„Soziales Wandern." 4©» Iuoendgruppe des Zentralvefbandes der Angestellten EKw L>cutc, Donnerstag, finden folgende Veranstaltungen statt: Pantow- Ricderschönhausen: Jugendheim Görschstr. 14(großes Zimmer), Erleb- nissc auf dem Rcichsjugendtag in Lübeck und auf unserer Ferienfahrt.— Osten: Jugendheim der Schule Litauer Str. 18, Was wir in Lübeck crlebten.— Treptow: Jugendheim der Schule Wildenbruchstr. 53 lIuqang po» der Graetz- straßc in Treptow). Vortrag:„Rot gegen Rot". Referent: Weigclt.— Frei« Angestclltenbanl c. G. m. b. H. Gefchastsftunden von 20 bis— Uhr im Ber- bandshans.— Achtung! Zngendsttnktionürverfammlnng im großen Sitznngs- faal nnscrrsVcrbandshanscs. Tagesordnung: 1.„Thcater von heute," Rest. rcnt: Fritz ßWBdfuli- 2. Unser BcronstaUungcpiogramin Herbst, W:ntcr Ist,! 32. 3. Herbstspieltrcfstn 1931. 4. Verschiedenes.— Spiele im Freien ab 19 Uhr Sportplatz Inngfernheide. Sportplatz Hmnboldthain, im Schillerpark und ab 18 Uhr Sportplatz Tiergarten.— Meldet euch für die Volksbühnenabteilnng für die arbeitende Jugend im Iugendfekretariat. Verantwortlich für Politik: Dr. Gurt Scyrr; Wirtschaft: S. Klingelhöser! Gcwcrkschaflsbewcqung: I. Stcincr: Feuilleton: Dr. John Schikowski: Lokales und Sonstiges: Fritz Zlarftäbt: Anzeigen: Tb. Glocke: sämtlich j» Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlaa G.m.b.H.. Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerri und Berlagsanstalt Paul Singer u. Eo.. Berlin SM K8, Lindenstraße 3. Hier,« 2 Beilage». 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