Morgenausgabe Nr. 391 A 192 4S.Iahrgang Wöch-nMch SSPs, moiiaMch 3,60 St. im voraus zahlbar. Postbezug 4,32 M. «inlchließlich 60 Pf. Postzeitua gs- und 72 Pf. Poftbestellgedührrn. Auslands- abonnement 6,— M. pro Monat; sür Länder mit ermäßigtem Drucklachen» Porto 6,— M. ,* Der.Pormärts' erscheint wochentäg» lich zmeimal, Sonntags und Montag» elumah die Abendausgabe fiir Berlin und im chandei mit dem Titel„Der Abend' Illustriert« Beilage„Boll und Zeit". Ferner.Frauenstimme', „Technik*..Blick in die Büchermelf. .Iugend-Borwärts'u..Etadtbeilag«' Aerltnee SowSvlatt Sonnabend 22. August 1951 Groß-Äerlin 10 Pf- Auswärts 15 pf. Die efnfpalL NonpareMezeile SO Pf. SieNamezeile S,— RM.„Kleine An- zeigen" da» fettgedrnctte Wort 25 Pf. (zulässig zwei fettgedruckte Worte), jede» weitere Wort 12 Pf. Robott lt. Tarif. Stellengesuche das erste Wort lö Pf, jede- weitere Wort 10 Ps. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, llrbeitsmartt Zeile 60 Pf. Familien» anzeigen Zeile 40 Pf. Anzeigenannohm« im Hauptgeschäft Lindenstroße 3. wachen- täglich von S1/« bis 17 Uhr. De» Verlag behält sich da» Recht de» Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vorl Jenteawrsan der Goziatdemoeeatische« Vavtei DeutttblandS Redaktion und Verlag: Berlin SW 68. Lindenstr. 3 Fcrnspr.: Dönhoff(A 7) 292— 297. Telegranrm-Adr.: Sozioldemokrat Berlin. Vorwärts-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: Berlin37 öZK.—Bankkonto:Bankder Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3. Dt.B.n.Disc.-Gef., Depositen!., Jernfalemer Str. Kö/Kö. Die Bluttat am Bülowplah Der Mord an den polizeibeamien vor der Ausklärung.— Reue kommunistische Waffenlager in Berlin entdeckt. Wie der Berliner Polizeipräsident mitteilt. hat die Arbeit der Politischen Polizei die Ermordung der beiden Polizeihauptleute Anlauf und Lenk sowie die schwere Verletzung des Polizeioberwacht- mcistcrs Willig der Aufklärung nahe gebracht. Auster den am Tatort ergriffen«« Arbeitern Thunert und Zachow sind unter dem dringenden Verdacht der Täterschaft festgenommen der Stellmacher Qtto Schlicht, Lackierer Gerhard Voigt und Schneider Paul Pap- r o ck i. Gegen diese fünf Personen hat der UntersuchuugS- richter Haftbefehl erlassen. Im Zusammenhang mit der Mordtat steht offenbar die Tätigkeit von Malkolonnen, von denen vor und nach der Mordtat Häuser, Zäune und Strastenpflaster mit hetzerischen Anschriften beschmiert worden sind. Als Mitglieder dieser Malkolonnen hat die Polizei 11 Per- sonen ermittelt und dem Untersuchungsrichter vor- geführt, der auch gegen diese Personen Haftbefehl er» lassen hat. Es befinden sich demnach nnter dem Verdacht der unmittelbaren und mittelbaren Täterschaft 16 Per- sonen in Untersuchungshaft. Waffenlager in der Tilsiter Straße. Dieser Tage bevbachkeke ein Zlurschützc in dem Aorst bei Neuen- Hägen drei junge Burschen, die Schiestübungen veranstalleken. Der Ilurschühe benachrichiigie sofort die Polizei, die die wilden Schützen sesinähm. Bei der Vernehmung der Burschen stellte sich heraus, dah sie Mitglieder der KPD. sind. Einer verwickelte sich bei seinem Verhör in sehr starke Widersprüche. Als man ihm auf den Kopf zusagte, dast in dem Keller des Hauses, in dem er wohnt, ein wassenlager sei, gab er dies zu. Die politische Polizei veranstaltete daraufhin am Freilag nachmittag um 2 Uhr eine Razzia, von 40 Beamten, die überraschend in' mehreren llebersall wagen ankamen, wurden sämtliche Ein- und Aus- gäuge des Hauses Tilsiter Straste S5 abgeriegelt. Schau nach kurzer Zeil war das wassenlager entdeckt. Die Waffen waren in zwölf Kisten verpackt. Sie enthielten 17 Handgranatenköpfe, 33 Flaschen mit Chemikalien, serner Chemikalien in Tüten. Außerdem wurden fünf Kisten Para-Maschineu- Pistolen, eine graste Menge Munition, Sprengstoff und Ersahteile, sowie Muaition-Füvgurle gefunden. Die politische Polizei hat sofort Untersuchungen darüber an- stellen lassen, ob der in der Tilsiler Straste aufgefundene Spreng- stoss etwa der gleiche ist, wie der bei dem Züterbogcr D-Zug- . Attentat benutzte. Munition auf der Straße. Durch einen Strahenpafsaaten wurde der Polizei von einem weiteren Mnnitionsfund Mitteilung gemacht. Der Mann sah aus dem Fahrdamm Göhreuer Straste 4 einen Kasten. Er hob ihn aus und stellte fest, dah er mit 40 Schuh 8-Munitlon, 100 Stück deutscher und 14 Stück ausläodischcr Armeepistolenmuuition, 10 russischen Granatzündern. mehreren Leuchtraketen und einem Tankabwehr. geschah 3,7 ohne Pulver gefüllt war. Cr übergab seinen Fund der Polizei, die den Fall untersucht. Kommumstisches Sprengstofflager. Im Hause eines Grubenschießmeisters entdeckt. Billerfeld. 21. August. Gemeinsam mit der Landjägerei nahm die Grubenpolizei der Grube Golpa der Elektro-A-G. Tschornewitz im hause des Grudenschießmeisters Hermann Richter in Gremmin in dessen Ab- Wesenheit eine Haussuchung vor. Es wurden auf dem Dachboden und im Garten vergraben 37 Pfund Spreng st off gefunden, den Richter nach und nach an der Arbeitsstätte unterschlagen hatte. Richter, der bei der Heimkehr sofort vernommen wurde, bestritt zunächst den Besitz von Sprengpulver. Er wurde verhastet und dem Bitterfelder Amts- gerichtsgesängnis zugeführt. Zu welchem Zweck der Sprengstoff- diebstahl erfolgte, steht noch nicht fest. Im Hause des Richter wurden mehrere Mitgliedskarten der Kommunistischen Partei ge- funden, die offenbar Richter und seinen Söhnen gehören. Gelarnie Roifrontkämpser. Vetvaffnete Geheimorgamsaston im Wuppertal. Wuppertal, 21. August. In den letzten Tagen hatte die Polizei festgestellt, daß in Wupper- tat eme geheime Rachfolgeorganisatwv des ausgelösten Aptsront- kämpseröundes besteht, deren Mitglieder zum Teil bereits mit Waffen versehen waren. Auch erwies sich, daß das verboten« Organ des Rotfrontkämpferbundes, die Zeitschrift„Rotfront", in letzter Zeit in Wuppertal verbreitet wurde. Bei 20 Personen, die verdächtig waren, der neuen Organisation anzugehören oder verbotene Waffen zu befitzen, sowie die verbotene Zettschrift vertrieben zu haben, wurde am heutigen Freitag eine Durchsuchung vorgenommen. Es wurden mehrere Schuhwaffen mit Patronen, Seitengewehre, Dolchmcsser, Totschläger sowie einige Stücke der neuesten Ausgabe der verbotenen Zeitschrift beschlagnahmt. Vorläufig festgenommen wurden 16 Personen, von denen sich eine Anzahl wegen Hochverrats, Geheimbündelei und wegen Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz zu verantworten haben werden. Wuppertal, 21. August. Di« Polizeiaktion gegen Mitglieder einer Nachfolgeorganisation des aufgelösten Rotfrontkämpserbundes in Wuppertal hat sich in der Gemeindearbeiter lehnen ab. Einstimmiger Beschloß.- Nene nächtliche Verhandlungen. Nachdem der Vertreter des Reichsarbeitsministers M- nisterialrak Dr.' Rleves sich vergebens bemüht hatte, die Parteien in dem Konflikt um die Gemeindearbeilerlöhne zur gemeinsamen Annahme einer Einigungsformel zu bringen. machte er in später Abendstunde einen Vorschlag, zu dem die Parteien sich bis y2ii Uhr nachts erklären sollten. Die Reichstarifkommission des Gesamlverbandes beriet eingehend den Vorschlag. derinzweiEtappeneinenweiteren einschneidenden Lohnabbau vorsah, wenn er auch nicht so weit ging wie der erste Vorschlag. Räch genauer Ab* wägnng aller Umstände kam die Reichstarifkommission zu dem einstimmigen Entschluß, den Vorschlag ab* z u l e h n e n. Die Unterhändler des Gesamlverbandes begaben sich darauf um 11 Uhr nachts in das Reichsarbcilsminlsterium, um diesen Beschluß und seine Gründe persönlich zu über* Mitteln. Im Anschluß daran kam es zu weiteren Verhandlungen. Um 1 Uhr morgens lag ein Ergebnis dieser VerHand- lungen noch nicht vor. Hauptsache ans di� im Stadtteil Elberfeld wohnenden ver- dächtigen Personen erstreckt. Die bisherigen Ermittlungen haben der Polizei wertvolles Ma- terial über die verbotene Organisation in die Hände gespielt. Die festgenommenen 16 Personen werden noch eingehend ver- nommen. Im Interesse der weiteren Untersuchung gibt die Polizei nähere Einzelheiten noch nicht bekannt. Das scharfe Durchgreifen der Polizei hat auf die am kommenden Sonnabend und Sonntag in Wuppertal stattfindende Sport- und Kulturtagung der Kommunisten, zu der man etwa 30 000 Teilnehmer aus dem mittleren und Niederrheingebiet erwartet, großes Aufsehen erregt. Ob die Polizei die Ausdeckung der kommunistischen Geheim- organifatton zum Anlaß nehmen wird, die Tagung zu verbieten, steht noch nicht fest. Die Reichseinnahmen im Juli. Verzugszinsen fördern Steuereingänge. Im MonatJuli 1931 stellten sich die Einnahmen des Reichs aus den Besitz- und Berkehrssteuern auf 350,2 Millionen Mark, aus den Zöllen und Verbrauchsabgaben auf 278 Millionen Mark, zu- sammen auf 828,2 Millionen Mark. Das Aufkommen aus der veranlagten Einkommensteuer, der Körperschaftssteuer und der Umsatzsteuer wurde erheblich durch die Vorauszahlungen, die im Juli fällig waren, und durch Abschlußzahlungen für 1930 beeinflußt, das Aufkommen aus den Zöllen durch die vierteljährlichen Zollagerabrechnungen. Das Aufkommen im Juli 1931 ist gegenüber der Vorschätzung. wie beretts mitgeteilt, um 186 Millionen Mark, gegenüber Juli 1930 mit 1097 Millionen Mark umetwa268.8 MillionenMarl zurückgeblieben. Dies ist zum großen Teil auf die B a n k e n- krise und die dadurch hervorgerufene Stockung des Zahlungs- und Ucbcrweisungsverkehrs zurückzuführen. Im übrigen wirken die Verzugszuschläge und die erhöhten Verzugszinsen jetzt fördernd aus das Auskommen, so daß die Slcuereingänge im lausen- den Monat sich verbessert haben. Die wichtigste Aufgabe. Nach der Baseler Zwischenlösung. Die Baseler Beschlüsse bedeuten, daß der deutschen Wirt- schaft für sechs Monate eine Atempause gewährt worden ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dieses Er- gebnis von Basel wird sich als sehr gering erweisen, wenn Deutschland nach sechs Monaten wiederum vor der Gefahr des Abflusses aller ausländischen Kredite stehen wird, also dort, wo es bis jetzt stand. Das gleiche Ergebnis wird aber von ganz großer Bedeutung fein, wenn es gelingt, während der uns gewährten Atempause die Vertrauenskrise des deutschen Kredits zu überwinden. Es ist selbswerständlich völlig ausgeschlossen, daß Deutschland im Laufe von sechs Monaten auf irgendwelche Weife die Mittel und Wege findet, die Rückzahlung von 5 bis 6 Milliarden vorzubereiten. Es wären für die deutsche Wirtschaft auch verhängnisvoll, einen beträchtlichen Teil dieses Kapitals zurückzahlen zu müssen. Die Umwandlung aller oder des größeren Teiles der kurz- fristigen Kredite in langfristige Anleihen kommt in dieser Frist gar nicht in Frage, auch wenn man annimmt— was man annehmen darf—, daß sich die Aussichten für lang- sristige Anleihen unter dem Einfluß der Entwicklung günstiger gestalten können. Auf jeden Fall muß aber dafür gesorgt werden, daß die Furcht der ausländischen Kredit- g e b e r, ihre Anlagen in Deutschland verlieren zu können, behoben wird. Mit anderen Worten: in den nächsten sechs Monaten muß die Wiederherstellung des normalen Kredit- verkehrs zwischen Deutschland und dem Ausland vorbereitet werden. Dies ist aber nicht bloß eine wirtschaftliche, sondern vor allem und überwiegend eine politische Aufgabe. So wenig wir dazu neigen, die Verantwortung der so- genannten deutschen„W i r t s ch a f t s f ü h r e r" für die Er- schwerung der Wirtschaftskrise in Deutschland zu unterschätzen. noch weniger dürfen wir übersehen, daß für die außerordent- liche Zuspitzung, die zu der vollkommenen Erschütterung des ganzen deutschen Kreditsystems führte, politische Um- stände ausschlaggebend waren. Die innenpolitischen und die außenpolitischen Gründe darf man in diesem Falle nicht voneinander trennen. Die internationale Vertrauens- krise Deutschland gegenüber ist nach den Se p t e m b e r- wählen akut geworden, sie wurde durch die andauernde Unsicherheit der innenpolitischen Verhältnisse, durch die ver- hängnisvolle Wandlung der deutschen Außenpolitik und schließlich durch die ungeschickten Methoden zur Einleitung der neuen Reparationsverhandlungen verschärft. Aus diesem Zusammenhang ergeben sich absolut zwangsläufig auch Schlußfolgerungen für die Zukunft. Es ist gewiß notwendig, die Liquiditätsverhältnisse der deutschen Banken zu bessern, die Banken zu einer soliden Kreditpolitik zu zwingen: es ist notwendig, durch die Ein- richtung einer wirksamen Bankenaufficht zu zeigen, daß alles geschieht, damit neue Mißwirtschaft auf diesem Gebiete ver- hindert werde. Es wird wohl auch notwendig sein, manche Industrieuisternehmungen zu dem beschleunigten Verkauf ihrer Lagerbestände zu bewegen, damit die„eingefrorenen" Kredite wieder flüssig werden. Es wird notwendig fein, gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, daß durch eine schematische Durchführung der Krediteinschränkungen und namentlich durch eine neue Drosselung der Kaufkraft die Produktion nicht über das Maß des Unvermeidlichen hinaus zusammenschrumpft. Es müssen vielmehr endlich durch das entschiedene Vor- gehen gegen die monopolistischen, künstlich hochgehaltenen Preise und durch den energischen Abbau des ins Phantastische hochgetriebenen Protektiv- nismus für die Agrarprodukte die Voraus- setzungen für die Erweiterung der Produktion geschaffen werden. Auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik ist schon allerhand zu tun, und jedem einigermaßen wirtschaftlich denkenden Menschen muß es klar sein, daß nicht„Wirt- schaftssührer" wie Herr Vogler, geschweige denn Herr Schacht, dazu berufen sind, alle diese Aufgaben zu lösen. Alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen werden aber nur wenig Erfolg haben, wenn nicht zugleich die notwendigen allgemeinpolitischen Voraussetzungen für die Behebung der Vertrauenskrise geschaffen werden. Wie bei dem Entstehen der letzten akuten Zuspitzung der Krise innenpolitische und außenpolitische Umstände in einer denkwürdigen Solidarität zusammengewirkt haben, so ist auch für die Behebung dieser Zuspitzung die gleiche Solidarität der deutschen Innen- und Außenpolitik unerläßlich. Wir brauchen einen e i n d c u t i- gen außen- und innenpolitischen Kurs, aber nicht im Sinne von Hugenberg-Hitler oder dem von in- dustriellen Scharfmachern, sondern im Sinne der Wiederher- stellung und der Festigung der Demokratie und im Sinne der internationalen Verständigung, namentlich der friedlichen und freundschaftlichen Verständigung mit Frankreich. Nur ein solcher eindeutig und folge- richtig ohne jede Zugeständnisse nach rechts geführter politischer Kurs würde imstande sein, auch die Voraussetzungen für neue erfolgversprechende Reparationsverhandlungen zu schaffen. Daß jeder Versuch, die Reparationsverhandlungen anders als auf dem Wege solcher Verständigung, als eine solidarische Aktion aller beteiligten Länder, herbeizuführen, zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen muß, bedarf nach allem, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, keiner beson- deren Begründung. Deshalb ist es jetzt für uns, auch von unseren eigenen innenpolitischen Zielen abgesehen, eine große Sorge, ob die Reichsregierung den Willen und den Mut findet, den richtigen Weg zu gehen. Wir können nicht den Eindruck loswerden, daß sich die Reichsregierung gegenwärtig in einem sehr bedenklichen Zustande der Verwirrung und des Schwankens befindet. In einer Zeit, in der von der Reichs- rcgierung Klarheit und Eindeutigkeit ihrer Politik mit allem Nachdruck verlangt werden muß, fehlen ihr gerade diese Eigen- schaften. Wir brauchen unser Urteil über die Absichten der Reichsregierung nicht nach den jetzt massenweise kolportierten und sich widersprechenden Gerüchten zu bilden, um so mehr tut es not, daß die Reichsregierung selbst den sich verdichten- den Nebel über ihre Absichten endlich zerteilt. Nachdem am 9. A u g u st der Generalangriff der vereinigten Kräfte der Reaktion(zu denen auch die Kommunisten, soweit sie sich am Volksentscheid beteiligten, gezählt werden müssen) auf eine so eindrucksvolle Weise abgeschlagen und dadurch eine außer- ordentlich günstige Gelegenheit für die Bereinigung der deut- schen Innen- und Außenpolitik erzielt wurde, ist das Ver- langen berechtigt, daß die Reichsregierung völlig unmißver- ständlich kundgibt, welchen Weg sie steuern will. Hier ist Selbsthilfe geboten, ohne die die Möglich- keit, die Atempause zur Entspannung unserer Wirtschaftslage auszunutzen, nicht zur Wirklichkeit werden kann. Di« Selbst- Hilfe, die wir dazu brauchen, hat mit den in der letzten Zeit aufgetauchten, verrückten und reaktionären Plänen der künst- lichcn Absperrung Deutschlands von der Welt nichts zu tun. Sie muß vielmehr darin bestehen, daß Deutschland aus eigener Kraft alles tut, um seine wirtschaftlichen Verhält- nisse zu bereinigen, und daß allem anderen voran sich die demokratische Politik nach innen und die Politik der ehrlichen Verständigung nach außen durchsetzt. Eine endgültige Klärung in diesem Sinne herbeizuführen ist die wichtigste Aufgabe von allen, vor die uns die Baseler Be- schlüsse stellen. Gewerkschasten für Gchuldenstreichung. Eine Rede des amerikanischen Gewerkschaftsführers William Green. Der Präsident de» Amerikanischen Gewerkschastsbnndes. William Green, hat«ach den Pressemiltellnngeo de» Landes in einer Rede ein„permanentes" Moratorium für die Reparation»- und Kriegsschulden gefordert.„Eine Aenderung oder Streichung der Kriegsschulden würde", sagte Green,„eine wirtschaftliche Bürde von den Schullern der Arbeiter nehmen und die Industrie von den zerflörenden Birkungen der Aeberbesteuerung befreien. Das einjährige Moratorium sei gewiß gut. aber es schiebe nur den Tag der Abrechnung hinaus. Mit jeder Ermäßigung der Zorderungen der Vereinigleo Staaten müsse eine entsprechende Streichung der deutschen Repara- tionszahlungen Hand in Hand gehen. Die Zwangsleistungen aus dem Weltkrieg seien eine» der größten Hindernisse für das wiederousleben der Weltwirtschaft." Milchmädchenrechnung des„Temps"'. Paris, 21. August.(Eigenbericht.) Ministerpräsident Laval empfing am Freitagmittog den französischen Delegierten im Baseler Sachverständigenausschuh, den früheren Gouverneur der Bank von Frankreich, M o r e a u, der ihn über die Verhandlungen unterrichtete und ihm den Bericht des Aus- schusses übergab. Dem„T em p s", der am Freitag den ganzen Bericht veröffent- licht hat, schreibt dazu:„Die ganze Debatte werde von der brutalen Tatsache beherrscht, daß Deutschland im Laufe der letzten sechs Jahr« über 18 Milliarden Mark geborgt, während es nur 10 Milliarden auf Reparationskonto gezahlt habe. Di« ge- samten Zahlungen seien also durch auswärtigeAnleihenge» deckt worden, so daß sie Deutschland selbst nicht die gering st e Anstrengung gekostet hätten. Das genüge, um festzustellen, daß die Pflicht der Wiedergutmachung der Schäden, die während des Krieges, für den Deutschland dix volle Verantwortung trage, an- gerichtet worden sind, keinenrern st haften Anteil an dem Zusammenbruch der deutschen Finanzen habe." -i- Die Rechnung, die der„Temps" aufmacht, beruht wahrscheinlich weniger auf Unwissenheit als auf Böswilligkeit. Die Milliarden- betrüge, die die deutschen Länder und Kommunen an Auslands- anleihen aufgenommen haben, stehen in keinerlei Zu- sammenhang mit den Summen, die das Reich für Repara- tionszahlungcn ausbringen und abführen mußte. Aber selbst wenn ein solcher Zusnmmenhang, wie ihn der „Temps" willkürlich unterstellt, volkswirtschaftlich bestünde, so würde damit mir bewiesen sein, daß Deutschland nicht aus eigener Kraft in der Lage gewesen wäre, die Reporationssummen aufzu- bringen, sondern daß es sie sich erst vom Auslände hätte pumpen müssen. Dies aber widerspräche allen Thesen, die gerade die Gläubigermächt« aufstellten, als sie die Fähigkeit Deutschlands be- haupteten, Milliardensummen für Reparationszwecke aus den Er- trägen der eigenen Wirtschaft hervorzubringen. Das Bröl in Wien soll abermals verlenerl werden. Tags darauf nachdem„Der Abend" dies mitgeteilt hatte, erschien auf der Redak- tion ein beauftragter burgenlöndischer Bäcker mit dem Angebot, tag- lich 10 000 Laib Brot zu 54 Groschen(statt der drohenden 80) nach Wien zu liesern. In Graz hat der billigere Brotverkauf eines Bäckermeisters allgemeine Preissenkung zur Folge gehobt. Die ungarische Regierungsbildung Sarolyi, stößt auf große Schwierigkeiten. Bethlen hat das Ersuchen der Regierungsparteien, in die Regierung zurückzukehren, abgelehnt. Lahusens Schwindelgebäude. Die Meihoden, die Oeuffchlands Kredii aushöhlten. Am Freitag fand in Bremen die Gläubigerversamm- l u n g der in Konkurs gegangenen Nordwolle-Gesellschast statt. Das Bild, das Konkursrichter und Konkursverwalter vom Stande des Nordwolle-Konzerns und von der Art, wie er in den letzten fünf Jahren geführt wurde, entwarfen, übertraf auch die p h a n t a- si i s ch st e n Erwartungen. Wie fünf Jahre lang eine so s ch w i n- d e l h a f t e Finanzpolitik von der Verwaltung eines der größten deutschen Industrieunternehmens geführt werden konnte, das zeigt in hohem Matze die Reformbedürftigkcit des deutschen Aktisnwesens. Gewiß haben die Herren Lahusen vor keiner Bilanz fälschung. vor keiner Schiebung zurückgeschreckt, um die Verluste, die sich bereits seit dem Jahre 1S2S (wie erst jetzt bekannt wird) einstellten, zu verschleiern, aber der Aufsichtsrat— das sind die prominenten Führer fast aller großen deutschen Banken— hat in geradezu erschreckender Weise versagt. Das ist in der Gläubigerversammlung ausdrücklich fest- gestellt worden: es ist damit zu rechnen, daß nunmehr alle Herren des Aufsichtsrats(mit Ausnahme von zweien) verantwort- l i ch gemacht werden. Der Nordwolle-Konzern umfaßte bei der Konkurseröffnung am 2l. Juli etwa ein Dutzend Betriebsgesellschaften, die 15 200 Arbeiter und 1340 Angestellte beschäftigten. Die zahlreichen Tochtergesellschaften(z. B. Toga, Alrowa), an denen die Nordwoll« mehr oder minder stark kapitalmäßig beteiligt war, sind nicht mit- eingerechnet. Die Konkursbilanz weist einen Verlust von etwa 197 Millionen Mark aus: rechnet man dos(in diessr Ziffer unberücksichtigte) Aktienkapital dazu, so ergibt sich ein Gesamtverlust von mehr als 270 Willionen wart. Bezeichnend ist, wie stark die von der Deutschen Treuhand A.-G. für Warenverkehr ermittelten Bewertungsziffern von dein Buchwert abweichen. Stellen sich die Aktiven nach dem Buch- wert aus 277 Millionen Mark, so kommt die Treu- verkehr nur zu einem Wert von 61 Millionen Mark. Die D e b i t o r e n erscheinen in den Büchern in einer Höhe von 153 Millionen Mark: nach Feststellung der Treuverkehr stirb in Wahrheit nur Forderungen von 14,5 Millionen Mark vorhanden. Dieser erstaunliche Unterschied äst vor allem darauf zuriickzu- führen, daß der H a u p t p o st e n der Forderungen, nämlich 96 Mil- lionen Mark, gegen die holländische Tochtergesellschaft Ultramar« besteht und In wahrheil keinen Pfennig werl ist. Unter den Passiven ist der bedeutendste Posten Lankschulden in Höhe von 162,5 Willionen wark. Von diesen Bankschulden kommen 41 Millionen auf ausländische und 121 Millionen auf inländische Banken. Von deutschen Banken haben zu fordern: Die Danatbank 35 Millionen, die Dresdner Bank 27,7 Millionen, die Commerzban! 10,4 Millionen, die Deutsche Bank und Discontogesell- s ch a f t 6 Millionen, die Deutsche Girozentrale 1 Million. Es ist klar, daß die Banken nur einen Bruchteil ihrer Forderungen erhalten werden. Zum Zusammenbruch der Danatbank und zu den Schwierigkeiten bei der Dresdner Bank haben nicht zuletzt die bei der Nordwolle„sestgesrorenen" Kredite beigetragen. Ton so- genannten PrmatbänkeN hat die zusammengebrochene Schröder- bonk, Bremeü, 6.3 Millionen zu erhalten: dabei ist bemerken-- wert, daß davon 3 Millionen der Nordwalle durch die Schröderbank von» bremischen Staat, der nicht direkt in Erscheinung treten wollte, zugeleitet wurden. Bon ausländischen Banken sind vor allem Londoner Bankier»(darunter Schröder mit 6 Millionen) beteiligt. Ein jehr hoher verlnstpostcn von 46,75 Millionen wack kommt in den Büchern von Rordwolle überhaupt nicht vor: dos sind die Bürgschaften, die die Nordwolle für die Schulden ihrer Tochtergesellschaften übernommen hat. Ungesicherten Passiven in Höhe von 235 Millionen Mark stehen 38,8 Millionen„freie" Aktiven gegenüber, so daß die Gläubiger zur Zeit mit einer vuote von nur t6'/i Proz.' rechnen können. Hatte man bisher angenommen, daß die Nordwolle in früheren Jahren(1925 bis �928) groß verdient und daß sich die Ver- lust« erst in den letzten Jahren eingestellt hätten, so wurde die Gläubigervcrsammlung eines Besseren belehrt. Der ganze Aufbau des Nordwolle-Konzerns ist erfolgt in einer Zeit, als man a l t 0 Verluste immer nur durch Aufnahme neuer Kre- dito decken konnte. Bon 1925 bis 1930 hat die Nordwolle Kapital in Höhe von 77 Millionen Mark investiert. Durch eigene Mittel(Erhöhung des Kapitals) sind aber nur 52 Millionen Mark aufgebracht worden, so daß 25 Millionen Mark Investitionen durch kurzfristige Bankschulden gedeckt wurden. Die Schulden der Nordwolle-Gesellschast haben sich phantastisch erhöht: im Jahre 1924 betrugen sie 37 Millionen Mark, im Jahre 1930 163 Millionen Mark und in der Konkursbilanz erscheinen Schulden in Höhe von 209 Millionen Mark. Diese ungeheure Schuldensumme hat Zinsen verschlungen, die allein genügten, das ganze Unternehmen unrentabel zu machen. Im Iahre 1930 haben die Zinsen nicht weniger als 6.75 Proz. de« Umsatzes betragen. Das Jahr 1925 war für die Textilinoustrie ein glänzendes Betriebsjahr, aber gerade in dieser Zeit brach die reaktionäre Nordwolleverwaltung einen Konflikt mit der Arbeiterschaft vom Zaune, der zu einem mehrmonatigen Streik führte. Di« Arbeilerseindlichkelt der Lahusen-verwaltung rächte sich: im Jahre 1925 entstand ein so hoher Verlust, daß eine stille Reserve von nicht weniger als 24 Millionen Mark aufgelöst werden mußte. Die Rentabilität des Gesamt» unternehmen? ist auch in den folgenden Jahren nicht besser gewesen. Gleichwohl ist in den Jahren 1925— 1928 eine Dioidenden» summe von 16 Millionen Mark ausgezahlt worden, von den Tantiemezahlungen an Vorstand und Aufsichtsrat gar nicht zu reden. Bon all diesen„Gewinnen" war in Wahrheit kein P f e n- nig verdient. Das Mittel, dessen sich die Brüder Lahusen zur Berschlcie- run g ihrer Schiebungen bedienten, war die holländische Tochtergesellschaft llltramare. Ueber diese Gesellschaft sind Buchungen vorgenommen worden, durch die kein Mensch hindurchsindet, über die niemand anders als die Herren Karl und Heinz Lahusen Auskunft geben können. Bei der Uliramare wurden die persönlichen Konten der Brüder Lahusen geführt, aus denen sie sich selbst willioncnbeträge zu Lasten der Rordwolle-Gesellschast gutschrieben. Alle Geschäfte in Esfekten und Beteiligungen wurden über die Ultramare geleitet. So hat diese im Auftrage der Brüder Lahusen Nordwoile-Aktien in Höhe von 28— 30 Millionen Mark gekauft und ander« Papiere im Werte von 4 Millionen Mark. Alle diese Summen sind restlos verloren.— So sieht da« Schwindelgebäudc aus. das die Brüder Lahusen mit Hilfe der G r o tz b a n k l« i t« r. die sich so gern als „Wirtschaftsführer" ausgeben unb hier so glänzend versagten, auf- gebaut haben. Di« Brüder Lahusen, aber nicht minder die Groß- bantvertreter im Aufsichtsrat— sie sind es, die das Vertrauen der Welt in die deutsche Wirtschast verspielt haben. Auch Toga wird forigesühri. Nachdem zwischen dem Konkursverwalter und den Bankgläubi- gern die Gründung einer neuen Nordwolle-Gesellschait oerÄnbart worden ist, Sie Sie fünf wichtigsten Spmnersibetriebe aufnehmen wird, ist es jetzt auch zu einer Einigung über die Fortfüh- rung der Toga. Bereinigt« Weberei ljl.-G. Berlin, gekommen. Die Verbindung zwischen Toga und' Nordwolle wird gelöstn�Iaz Kapital der Toga wird vermutlich in der ganzen Höhe von 15 Millionen Mark verloren sein: der Hauptteil der Aknen liegt in der Konkursmasse von Nordwolle. Diese hatte außerdem hohe Forderungen gegen die Toga aus G a r n l i e f c r u n g c n, die ober zum Teil von der Verwaltung der Toga bestriltcn werden. Da aber Nordwoll« für die erheblichen Bankschulden der Toga die Bürg- schaft übernommen hatte, woraus für die Nordwolle erhebliche Verluste zu erwarten waren, fallen jetzt die Forderungen der Nord- wolle gegen die Entlassung aus der Dürgschastshaftung aufge- rechnet werden. Di« Banken werden auf einen Teil ihrer Forderungen von Toga verzichten müssen bzw. sich mit Uebernahme eines Teils des neuen Kapitals abfinden lasten. Der Mangel an Betriebsmitteln scheint auch behoben zu sein. Jedenfalls ist die Beschästigung im Geraer Hauptbetrieb der Toga von drei auf fünf Tage in der Woche ausgedehnt worden: in der nächsten Woche soll wieder V o l l a r b e i t eingeführt werden. 4,1 Millionen Erwerbslose. Starkes Ansteigen der Arbeiislosigkeii im August. Das Absinken des Veschäfligungsgrudes. da» in der zweiten Hälfte de» Iuli einsetzte, hat in der ersten August- hülste ein rascheres Tempo angenommen. Zwischen den beiden Stichlagen vom 15. Znli und 15. Augnst 1931 ist. wie die R e i ch s a n st a l l milteill. die Zahl der Arbeits. losen um rund 146 000. in dem gleichen Zeitraum de» Vorjahres um ruud 129 000 gestiegen. Aus die Zeit vom 1. bis 15. August 1931 entfallen von der Zunahme rund l14 00o gegen 60 000 im vorher- gehenden Iohr. Roch den Zählungen der Arbelksämler war am l 5. August eine Arbeitslosen zahl von rund 4 l 0 4 000 erreicht. In dieser Entwicklung kommen— neben der üblichen ver- Minderung in der Beschäftigung der Londwirtschasl— Ans wir- kuagcn der Kredilkrlse zur Gellung. In der Arbeilslojeuvcrsichernng hat die Enlwick» lung nunmehr eine steigende Richtung angenommen. Die Zahl der Hauplunlerstützungsempfänger hat jich um rund 20 000 auf rund 1 225 000 erhöhl. Die Belastung der Kriscnsürsorge weist eine Zunahme um rund 29 000 auf. Am 15. August wurden rund 1 056 000 Empfänger der krlsenunlerstühuvg gezählt. In der Landwirtfchafl ist die diesjährige Arbeilsmarkl- läge gekennzeichnet durch eine starke Verwendung von Maschinen und durch das lebhafte unmittelbare Angebot wandernder, vielsach berufsfremder Arbeiter. Der Arbeilsmarkt des Steinkohlen- bergbous und der Hüllenindustrie hol sich weiterhin schlecht entwickelt. Die Zahl der vcschäfliglen im Baugewerbe hat überall abgenommen. Eine unverkennbare Verschlechterung der Lage ist in der metalloerarbeitenden Industrie ein- getreten. „Wildgewachsener Führerhaufen." Ein Kenner über die Herren des Braunen Hauses München. 21. August.(Eigenbericht.) Der juristische Referent im Münchener Braunen Hause, Dr. Frei- Herr von Reck, hat seinen Austritt aus der Nazipartei erklärt. Er begründet diesen Schritt in einem Schreiben an Hitler, dem wir folgendes entnehmen: „Einem Schritte des Generals Ritter von Epp folgend, bin ich im Jahre 1928 der NSDAP, als Mitglied beigetreten. Eine kurze Tätigkeit als juristischer Referent bei der Reichzleitiing der NSDAP. und der obersten SA.-Führer im Braunen Hause hat indes genügt, mich von der geistigen und moralischen Unzuläug- lichkeit eine» wildgewachsenen Führerhaufe»» zu überzeugen. Dies« Männer, die sich dem Ausland würdelos an- biedern, aber dem eigenen Volk gegenüber Gewaltmethoden eines ClemKpceous anwenden, sind weder willens noch fähig, eine Volks- gememschast zu begründen und ein Reich von wahrhaft deutschem Wesen zu errichten...." politischer Mord? Kommunistischer Funktionär erschossen aufgefunden. Hamburg, 21. August.(Eigenbericht) Der 29iähnge Funktionär der Kommunistischen Partei, E h l e r t, wurde in seiner Wohnung durch einen Pistolenschuß so schwer ver- letzt, daß er bald darauf verstarb. Bermutlich handelt es sich bei der Tat um einen politischen Racheakt. Bon dem Täter fehlt jede Spur. Nr. 391* 48. Jahrgang *1 Beilage des Vorwärts Sonnabend, 22. August 1931 Das Mordrafsei von Spandau Der angehachie FrauenKopf.- Eine grausige mordtai. Die Feststellungen der Mordkommisston Bungc-Liekcn- bürg über den Fund eines Franenkopfes in der Nähe der Spandauer Zitadelle lassen den unbezweifelbaren Schlust zu. dast es sich um einen Mord handelt. Der 5lopf stammt von einem sehr j n n g c n Mädchen, deren Alter man zwischen 14 und 34 Fahren schöbt. Der Ge- richtsarzt stellte fest, daß der Kopf vom Körper abge- hackt wurde. Am Abzugsgraben angelte der Bauarbeiter Paul P i e t s ch. Er meinte, einen besonders großen Fisch gefangen zu haben und zog die Angel hoch. Zu seinem Entsetzen entdeckte er den grausigen Fund. Der Abzugsgroben, an dem Pietsch angelte, liegt an der Hinteren Front des Geländes, das von den Deut- schcn Werken in Anspruch genommen wird. Die Fundstelle ist etwa 30 Meter von der Einmündung des Grabens in die offene Spree entfernt. Man nimmt an, daß die zahlreichen Wunden im Gesicht und am Kopf, die das Aeußere so entstellten, daß kaum noch Erkennungszeichen zu finden sind, von Schiffsschrauben her- rühren. Nach dem Befund der hinzugezogenen Aerzte muß der Kopf mehrere Wochen im Wasser gelegen haben. Das chaar ist als braunblond festgestellt. Die Zähne sind ziemlich gepflegt, aber unvollständig. Links von dem Fundort befindet sich eine Brücke, die lediglich zum Absahren von Schutt benutzt wird. Von dort aus kann der Kopf nicht in den Graben geworfen worden sein. Dies muß vielmehr an der offenen Spree geschehen sein, denn die Wächter dieses augenblicklich stillgelegten Teiles der Deutschen Werke bekunden übereinstimmend, daß beispielsweise Tierkadaver, wie er- tränkte Hunde und Katzen, stets mit dem Spreestrom in den Seiten- graben gedrängt werden. Auf diesem Wege muß auch das schaurige Paket angetrieben sein. Das verbrechen kann zwischen der Spreemündung und der Charlottenburger Schleuse verübt worden sein. Der Reichswasserschutz wird heute früh den Abzugsgraben ab- fischen, da man mit der Möglichkeit rechnet, daß hier noch weitere Leichenteile zu finden sind. Zeitungspapier aus Thüringen. Die Zeitungen, in die das Paket eingewickelt war, sind zum größten Teil durch das lange Liegen im Wasser zerstört worden. Nur an einigen Inseraten kann man erkennen, daß es sich höchstwahrscheinlich um eine Thüringer Zeitung handelt. Der Kopf der Zeitung mit dem Titel ist nicht vorhanden. Nur der Monat März 1931 läßt sich erkennen. Zum Festbinden ist ein starker Bindfaden, eine Art Kordel, benutzt worden. Das Paket muß etwa 3 bis 4 Monate im Wasier gelegen haben. Der Mörder hat. nach den Verletzungen zu urleilen, mehrmals angesetzt, um den Kopf vom Halse zu trennen. Den ersten Schnitt, der nicht gelang, führte er von unterhalb des linken Kinnbackens bis zum rechten Ohr, beim zweiten Schnitt wurde dann der Kopf vollständig gelöst. An der rechten Schläfe zeigte sich außerdem eine tiefe blutunterlaufene Stelle, die höchstwahrscheinlich von dem tödlichen wuchtigen Hieb herrührt. Eine weitere sehr schwere Wunde findet sich an der linken Kopf- feite: sie reicht vom Scheitelbein bis zum Auge und hat den Schädelknochen gespalten. Für die Persönlichkeit der Toten hat man bis jetzt nicht den geringsten Anhaltspunkt. kettet die Gemeinden! Vieles steht auf dem Spiel/ Rundfunkvortrag des Oberbürgermeisters Heber die Rot der Gemeinden sprach gestern abend im Rundfunk Oberbürgermeister Dr. Sa hm zugleich in seiner Eigenschast als Vorsitzender des Deutschen und des preußischen Slädlelages. Der Oberbürgermeister führte aus: Es ist nicht die Stunde, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Privatwirtschaft, Reich, Länder und Gemeinden müssen gemeinsam bekennen, daß sie unterschiedslos die Wirtschafts kraft Deutschlands überschätzt haben,.daß sie nicht erkannt haben, wie unsicher das Fundament war,, auf. dem sie 'aufgebaut haben. Ein durch harte Entbehrungen des Krieges und der Inflation ausgehungertes Volk stellte vermehrte Ansprüche an Neu' Staat und Gemeinden. Die Bekämpfung der W o h n u n g s- n o t wird immer eine großartige Leistung bleiben, wenn sie auch gewaltige Mittel in Anspruch genommen hat. Immer stärker kon- zentriert sich alle Finanzgewalt beim Reich. Den Gemeinden ist der wesentliche Kern der Selbstverwaltung, die Finanzhoheit, allen Warnungen zum Trotz entzogen. Besonders werden die Städte durch die vom Reich vorgenommene Arbeitslosenfürsorge getroffen, die Lastenverteilung verschiebt sich immer mehr zuun- gunsten der Gemeinden. Die Zahl der von den Gemeinden be- treuten Wohlfahrtserwcrbslosen betrug am 31. Juli 781 000. Die Entlastung von dem Unsichcrheitsfaktor der Wohlsahrtserwerbslofen ist die dringendste Aufgabe zur Erneuerung der kommunalen Finanz- Wirtschaft. Das Ausmaß der kurzfristigen Verschuldung der Gemeinden beziffert sich aus etwa 1,6 Milliarden Mark und nicht, wie oftLesagt wird, auf 4—-5 Milliarden. Die Entstehung dieser Schulden hängt fast durchweg mit der den Gemeinden gegenüber eingeschlage- ncn Finanzpolitik des Reichs und der Länder zusammen. Auch die Richlgenehmigung von Auslandsanleihen zu eiuem Zeitpunkt, wo sie unter erträglichen Bedingungen Höllen aufgenommen werden können, führte kurzfristige Schulden Hervel. (Das Werk des Herrn Schacht! Red. d. Die von den Gemeinden aus eigener Initiative seit 1929 eingeleitete Konsolidierungsaktion ist durch die ununterbrochene Z u- nähme der Wohlfahrtslasten in den letzten Monaten und durch die Krisis unterbrochen. Es kann nicht bestritten werden, daß auch einzelne Gemeinden manche Einrichtungen geschaffen haben, die nicht mit der gebotenen Sparsamkeit in Uebereinstimmung zu brin- gen ist. Aber die an die Gemeinden gerichtete Kritik kann mit der gleichen Dringlichkeit auch an andere Kreise gerichtet werden. Die Gemeinden empfinden es auch als ungerecht, daß gerade jetzt Einzelerscheinungen kommunaler Besoldungspolitlk inoßlos verallgemeinert werden. Es wird auch bei der öffentlichen Kritik verkannt, daß weitaus die Mehrzahl der gemeindlichen Befol- dungsordnungen von den zuständigen Landesbehörden nachgeprüft und jahrelang unbeanstandet geblieben sind. Ausdrücklich muß vor der Einstellung gewarnt werden, als ob die jetzt gestellten besoldungs- politischen Forderungen irgendeine entscheidende Bedeutung für die finanzielle Lage der Gemeinden haben könnten. Das Reich darf seine Mitwirkung und Hilfe bei der Abdeckung der kurzfristigen Schulden der Gemeinden nicht versagen und muß ferner die zur Führung einer geordneten Verwaltung unentbehr- lichen Kassenkredite bereitstellen. Das Reich muß endlich die Gemeinden entlasten von den Aufwendungen für die Wohlfahrts- erwerbslosen durch eine sofortige Neuorganisation, möglichst durch Vereinheitlichung von Arbeitslosenversicherung, Krisen- und Wohlfahrtserwerbslosenfürsorge. Aufgabe weiser Staatskunst muß es sein, die Stellung der Ge- mcinden zu festigen. Der Staat schützt sich selbst, wenn er seinen Unterbau stärkt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden, im Jahre der Stein-Gedenkfeiern mit lauten Worten von den berufenen Stellen gepriesen, ist lebensfähig. Im Rahmen des Ganzen will sie mit- arbeiten an der Lösung der Not der Gegenwart. Der angeschossene Räuber. Weitere Spuren zum Reichsbantüberfall in Schöneberg. Die Kriminalpolizei kommt noch Aussagen verschiedener Zeugen zu der Ansicht, daß einer der Täter beim Raubübersall in der Znsbrucker Straße, und zwar der größere von ihnen, angeschossen sein muß. Auch der schwerverletzte Obergeldzähler. der einige Stunden zur Besinnung kam, will bemerkt haben, daß er den größeren durch einen Schuß verletzt habe. Zwei weitere Zeugen wollen am Bayerischen Platz auf einer Bank zwei junge Männer beobachtet haben, deren Aeuheres genau auf die Täter paßt. Es fiel ihnen dabei auf, daß der eine einen sehr kranken Eindruck machte, und sie kamen auch zu der Ansicht, daß es sich um einen verletzten handele. Es wird nunmehr Aufgabe der Aerzte sein, präzise Angaben über ihre Tätigkeit an dem fraglichen Tage der Kriminalpolizei zu machen, um auf diese Weise herauszubekommen, ob der Verletzte sich bei einem Arzt oder in einem Ambulatorium hat verbinden und behandeln lassen. Hut und Maske, die der eine Räuber verlor, sind seit gestern in einem Geschäft gegenüber dem Polizeipräsidium, in der Alexander Straße 37, ausgestellt. Obergelözähler Kreye gestorben. Gegen 19 Uhr verstarb gestern im Rorbert-Krankenhaus der 63 Jahre alte Obergeldzähler der Reichsbank Karl Kr eye, der bei dem Raubüberfall aus die Rebenstelle der Reichskant in der Inns- brucker Straße durch einen Bauchschuß schwer verletzt wurde. Um IS Uhr trat eine von den Acrzlen nicht erwartete Herzschwäche ein, der Sreye erlag._ «.Nautilus" im Nordpoleis. Kopenhagen, 21. August. Sir Hubert W i l k i n s ist mit dem„Nautilus" an der Grenze das Packeises angelangt. Der schwierigste und gefährlichste Teil seiner U-Boot-Fahrt nach dem Nordpol unter dem Eis wird voraussichtlich heute abend angetreten werden. Sozialistischer Reichsjugendtag im Rundfunk. Die große Kund- gebung des Sozialistischen Reichsjugcndtagcs am Römerberg bei Frankfurt, bei der der preußische Minister Grimme die Ansprache halten wird, wird am Sonnabendabend um 19.39 Uhr von den Sendern Berlin, Frankfurt, Breslau und Königsberg übertragen. James versteht nicht. Deine Frau werden, beendet Vilma ihren Satz, aller- dings nur in Gedanken. Laut sagt sie:„Wenn ich mit dir zusammenarbeiten kann, bin ich glücklich. Und du willst mich mit Geschenken überhäufen, die vielleicht für ein Flittchen an- gebracht wären." „Aber, Liebe?.. James ist vor so viel Ueberlegenheit schüchtern geworden. Vilma sieht ihn von unten herauf an. Du großes Kind, denkt sie. Du, wirst mich doch heiraten. Aber jetzt ist nicht die richtige Zeit, davon zu sprechen. Man darf die Dinge nicht auf die Spitze treiben, und die dreistündige Verspätung heute früh war schon gewagt genug. Vilma stützt den Kopf in die Hand. Gestern abend hat sie große Angst gehabt. Ein böses Zeichen, wenn eine Verabredung nicht einge- halten wird. Doch nun ist alles aufgeklärt. Geschäfte! „Was machen wir heut?" fragt sie unbefangen. „Weißt du, wir fahren an die See. Es ist nichts zu tun. Vilma strahlt.„Das ist eine gute Idee." „Ich gehe in einer halben Stunde auf die Börse, und wir treffen uns dann vor dem Caf6 am Bahnhof. Wir nehmen einen Wagen und speisen draußen. Gemacht?" „Wie der Herr befehlen." „Abends gibt Fränze'eine Gesellschaft... Manfred ist doch hier. Ich habe aber bis gegen sieben Uhr Zeit." James sieht Vilma unsicher an. Sie liebt es nickst, wenn von den offiziellen Festen der Silvesters gesprochen wird. „Das genügt doch", sagt Vilma einsichtsvoll.„Ich habe ohnehin abends eine Verabredung mit meiner Schwester. Vilma lügt. Sie hat Lili seit Tagen nicht gesehen, denn Lift ist verliebt und lebt augenblicklich nur für den Freund. Ich werde vielleicht zu den Eltern gehen, beschließt sie. Aber James muß für die Gesellschaft bestraft werden.„Nimmt sie nicht übel, deine Frau, wenn du den ganzen Nachmittag herumbummelst?" Vilmas helle, braune Äugen blicken sanft wia bei einem Reh. ,Iu irrst dich in Fränze. Sie ist gut." Vilma lehnt sich leicht an James.„Du bist besser", sagt sie. Und nach einem Augenblick der Ueberlegung fährt sie langsam fort:„Denn du bleibst bei ihr, trotzdem sie krank ist, trotzdem sie kein Recht mehr auf dich hat und trotzdem du eine andere liebst." James erwidert darauf nichts. Die Situation ist ihm außerordentlich peinlich. Außerdem ängstigen ihn diese Worte. Vilma darf nicht so reden. Kennt sie Fränze? Sie soll sich nur keine Schwachheiten einbilden. Vilma reckt die schönen Arme, deren Linien durch die dünne Seide des Kleides schimmern.„Also bis nachher, mein Junge..." James kramt zerstreut in der Korrespondenz herum. Er blickt auf die Uhr. Es ist spät geworden. Die Sache mit Vilma wird manchmal schwierig. Diesmal ist sie noch gut abgelaufen. Vilma hat ihm keine Szene wegen der nicht eingehaltenen gestrigen Verabredung gemacht. Er verbindet sich mit Christians Zimmer. Der alte, in Ehren ergraute Prokurist der Firma Ed. Silvester u. Söhne tritt ein. Neben seinen geschäftlichen Obliegenheiten ist ibm in letzter Zeit das Amt zuteil geworden, Dr. Harry Silvester zu einem brauchbaren Mitglied der Firma heranzubilden. James bespricht kurz mit seinem Prokuristen die Er- eignisse des Tages. „Bei wem ist die Ladung Weizen für Radbyl u. Mere- schinski versichert?" fragt er. „Wir versichern jetzt olles bei Mausehund, Mayer u. Co. Der Ziege hat das unter sich." � „Also holen wir uns mal Herrn Ziege ran. Ist mein Neffe anwesend?" Dr. Harry Siloester und Bürochef Franz Ziege erscheinen. „Meine Herren, wir müssen etwas unternehmen. Die Firma hat Recht mit der Beanstandung." James klopft mit dem Zeigefinger auf die Schreibtischplatte. Bürochef Ziege, ein großer, rotblonder Mann mit Bauch und Knebelbärtchen, schnüffelt in einer Mappe herum.„Hier sind die Policen", erklärt er leise in gebückter Haltung und wirft einen scheuen Blick auf die Dogge, die inzwischen zu seiner Erleichterung sanft eingeschlafen ist. Bürochef Ziege fühlt eine tiefe Slbneigung gegen den Hrmd. Trotzdom hat er sich einmal zu der Heldentat aufgeschwungen, King zu streicheln, und das wohlwollende Lächeln des Chefs war ihm schöner Lohn. „Gut! Also unternehmen Sie alles, Herr Ziege." „Jawohl, Herr Silvester, ich werde mir die Sache mal ganz intensiv durch den Kopf gehen lassen." „Unser Bürochef steht sich gut mit der Versicherung?- gesellschaft. Die Braven haben nicht verabsäumt, ihm heute zum Geburtstag Blümchen ins Haus zu schicken." Wenn Harry lacht, wirkt er wie ein übermütiger Junge. James stutzt, will fragen, dann besinnt er sich. „Na, dann werden die Leute uns ja auch entgegen- kommen. Gratuliere, lieber Herr Ziege." Er reicht dem dicken Mann mit der kleinen Nase die Hand. „Danke sehr vielmal", Bürochef Ziege fällt ein Stein vom Herzen. Mit einem hilflosen Lächeln sieht er offenen Mundes von einem zum anderen. „Ich gehe jetzt zur Börse und komme heute nicht mehr. Begleitest du mich, Harry?" „Gern!" Harry droht noch schnell dem Bürochef mit dem Finger, haucht:„Du, du!" und flitzt hinaus. James läßt sich von Ziege in den Mantel helfen, pfeift der Dogge King und verabschiedet sich von den Herren. Hat er nicht noch irgend etwas vergessen?" Also in der Versichcrungssache veranlassen Sie das Nötige..." „Wie gesagt, Herr Silvester, ich werde mir die Sache mal ganz intensiv durch den Kopf gehen lassen!" Bürochef Ziege klemmt sich an die Wand, King schreitet gravitätisch an ihn: vorbei. „Ein prachtvolles Tier", bemerkt er zu dem alten Pro- kuriften, der an der Dogge einen Narren gefressen hat. „Und wissen Se, was sonderbar ist...?" Christians dämpft die Stimme,„er kann keine Arbeiter leiden...!" „Ach nee!" Ziege staunt. „Ja, das ist eine durch und durch feine Bestie. Wenn dem so'n Mensch in'ner blauen Bluse oder sonstwie schäbig entgegentritt, dann springt er ihn an. Ich war mal dabei, als der Chef Mühe hatte, ihn zu besänftigen." „Was Sie sagen...! Interessant!" Bürochef Ziege sieht an seinem graugrünen Schwalbenschwanz herunter. Er nimmt sich vor, das Kleidungsstück recht bald durch ein neues, eleganteres zu ersetzen. Zwar ein Schwalbenschwanz muß es sein, denn ein Schwalbenschwanz ist würdig, und Büro- chef Ziege kann sich nicht entsinnen, jemals einen anderen Schnitt getragen zu haben. „Aber nun, oller Schwede", Christians klopft dem viel größeren Bürochef auf den Rücken, weil er nicht bis zur Schulter heranreicht,„geben Se mal'n Geburtstags- schnaps aus."(Fortfetzimg folgt.) Regisseur des Schwindels. Vom„Film-Studio" über„Köhler-Kosmetik" zum „photomatax". Wegen Kauttonsbctruges an seinen Angestellten wird von der Kriminalpolizei ein Firmengründer gesucht. Im Juli d. I. eröffnete ein„Kaufmann" 5)enry Keil in der Sedanstr. 1 in Schöneberg, an der Ecke der Kolonnenstraße, ein Geschäft, das er„P h o t o m a t a x" nannte. Es genügte ihm nicht, ein Hauptgeschäft zu besitzen, es muhte auch eine F i l i a l e in der Regensburger Str. 32 aufgemacht werden. In beiden Läden war eine Einrichtung vorhanden, die aber auf Pump genommen war. Mehrere Angestellte wurden engagiert, die jeder eine Bürgschaft von etwa 500 bis 700 M. zu hinterlegen hatten. Die Beschäftigung, die Keil für die Leute hatte, war so geringfügig, daß sie in keiner Weise der hohen Kaution entsprach. Am 18. August kam der„C h e f" nicht mehr ins Geschäft und die Angestellten erkannten nun, daß sie betrogen worden waren. Sie ei statteten Anzeige bei der Kriminalpolizei, Keil aber war geflüchtet oder hielt sich verborgen. Bisher konnte er noch nicht ermittelt werden. Der Schaden, den er angerichtet hat, beläuft sich auf etwa 8000 bis 10 000 M. Der betrügerische Gründer ist übrigens von früher her bei der Kriminalpolizei gut bekannt. Ueberall hat er erzählt, er sei ein „g r o ß e r R c g i s s e u r" gewesen und Hobe erst jetzt die Kaufmanns- korriere eingeschlagen. Tatsächlich hat Keil im Anfang des Jahres 1930 in der Friedrichstraß« eine jener berüchtigten Filmschulcn ge- gründet, die er„F i l m- S t u d i o" nannte. Gegen ein reichliches Honorar erteilte er dort„Unterricht" an junge Mädchen und Männer, die sich zum Filmstar berufen fühlten. Erfolg hat keiner der Schüler gehabt. Auf die Anzeigen wurde Keil damals von der Kriminal- Polizei festgenommen und wegen Rücksallbetruges vom Gericht zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Er brauchte die Strafe nicht gleich anzutreten und hat die Freiheit sofort benutzt, einen neuen Schwindel in Szene zu setzen. Noch früher, im Jahre 1925, hat Keil bereits unliebsam von sich reden gemacht. Damals gründete er die„K ö h l e r- K o s m e t i t", für die er ebenfalls festgenommen und empfindlich bestraft wurde. Neben seinem wirklichen Namen Henry Keil pflegte er den„Künstlernamen" Harry Jansen zu führen. Stellungsuchcnde können vor derartigen Gründern nicht genug ge- warnt werden. Eh« sie sich zur Hergabe einer Kaution entschließen, werden sie gut tun, sich bei der K r i m i n a l p o l i z e i zu erkundigen. Die Dienststelle D. 5 ist zu jeder gewünschten Auskunft bereit. Zug der Lugend. 600 Berliner Lungen und Mädel fahren nach Franffurt. Der Anhalter Bahnhof winunelte gestern abend von Blaujacken. Gegen 20 Uhr fuhren mit einem Sonderzug annähernd 600 Berliner Arbeiterjungen und-mädel zum 6. Reichsjugendtag der Sozialistischen Arbeiterjugend nach Frankfurt am Main. Zu den Berlinern waren noch Genossen aus Pommern, Mecklenburg und Danzig zugestoßen. Wer sich gerade auf Fericnfahrt befindet, der kommt per Rad, per Bahn und auch zu Fuß nach Frankfurt, insgesamt werden gegen 800 Berliner in Frankfurt eintreffen. Ein Drittel Mädels, zwei Drittel Jungcns treten mit frohester Laune, leuchtenden Augen und einem nicht stillstehenden Mund die Fahrt an und morgens um 5 Uhr 10 Minuten sind sie am Ziel. Es war nicht ganz so einfach, das Fahrgeld zusammcnzukricgen, denn die Arbeitslosigkeit wütet besonders schwer in den Reihen der Jugendlichen und zu Hause gibt's auch keine wohlgefüllte Reifekasfe. Durch die tatkräftige Hilf« älterer Parteigenossen, die sich am Erwerb von Sympathieplaketten und Postkarten rege beteiligten und auch die Sammellisten nicht unbs- schrieben kursieren ließen, war es vielen überhaupt nur möglich, am Iugendtag teilzunehmen: daß wachen-, ja monatelang jeder zu er- iibrigende Pfennig vom kleinen Taschengeld weggesteckt wurde, ist selbstverständlich. Nun sitzen sie alle Mann, dicht bei dicht, in den Eisenbahnwagen, zwei Tambourkorps sind dabei, und die für's Abschicdsständchen gezückten Trompeten ragen aus den Kupeefenstcrn. Die zahlreiche Begleitmannschaft am Bahnsteig sieht mit ein wenig traurigen Augen den Reisenden nach, wie gerne möchten sie mit einsteigen. Gespannt guckt alles nach der Bahnhofsuhr, jetzt ist die Abfahrtszeit da, die Musiker setzen an, der Pauker schwingt den Trommelschlegel, alles übrige quetscht sich so gut es geht an die Fenster, winkt und ruft und mit einem oielhundertstimmigsn „Freundschaft" fährt der Zug der fröhlichen Jugend aus der Halle. Alle Quartiere in Frankfurt find privat bei Parteigenossen, so ist man gut und billig untergebracht. �Zwei Arbeiter verschüttet. c ö b a u. 21. August.((Eigenbericht.) Sei Erdarbeilen auf dem Lahnhossgelände in Pulsnitz ivurden zwei Arbeiter, die in einem drei Meter tiefen Schacht be. schäftigt waren, dutch nachstürzende Erdmassen verschüttet. Die verunglückten konnten mit schweren Verletzungen geborgen werden und wurden Ins Krankenhaus gebracht. Vom Starkstrom getötet. Paris, 21. August. Drei Angestellte eines Zirkus, der sein Zelt in Treguier in der Nähe von St. Brieue aufgeschlagen hatte, kamen bei der An- legung der elektrischen Lichtleitung so unglücklich mit der Stark- ftromleitung in Berührung, daß sie schwere Brandwunden erlitten. Obgleich alle drei sofort in ein Krankenhaus überführt wurden, starben zwei von ihnen bereits kurz noch ihrer Einlieferung, der dritte schwebt noch in Lebensgefahr. Die Ursache dieses Unfalls ist noch nicht geklärt. Arktis-Expedition entdeckt Amundsens Flugzeug? Leipzig, 21. August. Professor W e i ck m a n n von der Leipziger Universität macht der Presse die aufsehenerregende Mitteilung, daß er bei der Bearbeitung des wissenschaftlichen Bildmaterials der Arktisexpedition des „Graf Zeppelin" auf einer Photographie, die Professor M o l t s ch a- n a w- Leningrad über dem Südostgebict von Nowaja Semlja gemacht hat, ein unbeschädigtes Flugboot entdeckt habe. Pro- fessor Veickmann will die Angelegenheit noch genauer nachprüfen. Es wird van den Forschern nicht für unmöglich geholten, daß es sich um das Flugzeug A m u n d s c n s handelt. 10 Uhr ab Konzert der Kapelle Ärtur Guttmann. Chorkonzert auf dem Vildenbruchplah. Der Neuköllner Sänger- chor(Mitglied des DASB.) veranstaltet am Dienstag, dem 26. August, um 19 Uhr, auf dem Wildenbruchplatz in Neukölln ein Freiluftkonzert. kakrt ins Wochenende, Wesihavelland: Von Spandau nach Heiligensec. Die Straßenbahnlinien 58 und 154 fahren nach dem Stadtpark von Spandau. Bon hier aus soll unsere heutige Wanderung beginnen. Wer Zeit hat, sollte jedoch auch einen Gang durch die alte Stadt an der Mündung der Spree in die Havel nicht scheuen. In diesem Falle ist es vorteilhaft, an der Partie aus dem Spandauer Stadtwald Nikolaikirche auszusteigen, die im Mittelpunkt der Altstadt liegt. Dieses Bauwerk schufen die Architekten des 15. Jahrhunderts, massig, breit, wuchtig als einen drcischiifigen Hallenbali. Als Werkstoff diente ihnen der gute märkische Ziegel. Wir gehen nun die Neue Straße entlang bis zum Hohen Steinweg, biegen hier rechts ein und können ein mittelalterliches Stadtbild, den Kolk, be- wundern. Wenige Schritte noch, und wir stehen vor der Stadt- schleuse. Neben dem eigentlichen Schleusenbctricb gibt es hier auch eine Bootsschleppe, die besonders an den Wocheneirdtagen von den Wassersportlern eifrig benutzt wird, lieber die Schlcusenbrücke führt der Weg zur Zitadelle und zum sagenhaften I u l i u s t u r m. dem Denkmal entschwundener Millionen. Um die Zitadelle herum ziehen sich Wassergräben und hübsche Anlagen. Wer jedoch di« Spreemündung sehen will, muß zur Wasisrstraße zurückgehen. Dia Spree beschließt ihren eigenen Lauf, der mit dem sächsischen Quell- idyll bei Ebersbach begann, zwischen den Anlagen der Deutschen Werke, der früheren Heereswerkstätten. Der Kern der alten Festungsstodt ist noch heute an dem Wallgraben zu erkennen, der zum größten Teil vom Augusta- und Viktoriaufer begrenzt wird. Heute hat die Stadt sich weit gedehnt. Wir gehen nun durch die Schönwalder Straße und erreichen bei der F ö r st e r e i bzw. dem Restaurant Stadtpark die Halte- stelle der Straßenbahnlinien 58 und 15 4. Links liegt der Stadtpark. Ein früheres Fließ, dessen Lauf durch Straßen- schüttungcn unterbrochen wurde, so daß ein totes Gewässer entstand, gibt dem Park eine besondere Note. Das Fließ wird niit dem nördlich verlaufenden Muhrgrabcn Verbindung gehabt haben und mochte wohl bei Hakenfelde in die Havel münden. Wir folgen dem Wasserlous, überschreiten beim Johannisstift die Eisenbahn und halten uns dann gleich wieder links. Der Weg führt jetzt durch die Spandauer Stvdtforst, und das Fließ, das hier von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben wird, bleibt unser Wegweiser. Laub- wäld, vor allem Erlen, Eichen, Buchen und Birken und dichter Bodenwuchs, der nur selten gestört wird, haben uns aufgenommen. Immer wieder kann man beobachten, daß die meisten Wochcnend- ausflügler den Weg zum fließenden Wasser, sei es zur Hovel oder zur Spree oder zu den mit ihnen in Verbindung stehenden Seen bevorzugen, während die abseits liegenden Wälder Berlins ein Dvrnröschendasein führen. So ist es auch in dem ausgedehnten Stodtwald Spandaus, in dem man selbst an schönen Tagen vcr- hältnismäßig wenige Menschen trifft. In lieblichen Windungen schlängelt sich der Wasserlauf durch die Forst dahin. Breite Täler zeigen, daß hier früher Seen in das dunkle Grün des Waldes ein- gefügt waren. Allmählich tritt der Laubwald hinter den Nadel- wald zurück. Dos Wasser wird zum Wässerlein, Schilf wuchert lustig darüber hin. Nach etwa 3 Kilometer hoben wir das Jäger- geftell erreicht, einen breiten Sandweg, auf dem wir rechts ein- biegen und nun in nordöstlicher Richtung weiterwandern. Nach etwa 20 Minuten überschreiten wir die Chaussee, die von Spandau nach Schönwalde führt. Unser Weg ist nun mit Kopfsteinen gepflastert. Am Rande aber läßt sich doch ganz gut marschieren. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir links die Försterei Popenberg« und rechts die Haltestelle der Straßen- bahn 120, die zwischen Spandau und Henningsdotf oerkehrt, aber Sondcrtaris hat. Diese Straßenbahn ist die einzige im Gebiete Berlins, die mit Stromabnehmerbügel an Stelle der sonst in Berlin üblichen Stangenstromabnehmcr ausgerüstet ist. Ais zum 4. November 1929 wurde die Strecke übrigens mit Denzolbahnen betrieben. Wir wandern auf der Straße weiter und erreichen nach etwa 10 Minuten den Kern von Niederneuendorf. Bon hier kann man mit der Kahnfähre nach Heiligensee gelangen. Für das llebersetzen sind 10 Pf. zu zahlen. Das hübsche Havelbild nehmen wir als letzten Eindruck unserer Wanderung mit. 8 Minuten vom Haoelufer entfernt ist die Haltestelle der Straßenbahnlinie 128, mit der wir die Heimfahrt antreten. Wegläng« ab Försterei Stadtpark etwa 8 Kilometer. An den Racheengel. Vor tiitijen Tagoii brachten wir IN der Abrnbauseab«»in«„Drr RachrciltZcl" überschrieben« Karikatur. Ein von zwei alten Tanten und einem diSleibigen Junker cifriji studiertes Plakat zeizte Namen von Leuten, die dem Boltsentscheid ferngeblieben waren und nun von dem reaktionären Spießertum boykottiert«erden. Das Plakat trug auch den Namen F. tt iih le r. Ein„Vorwärts". Leser mit gleichem Rainen fiihltc sich dadurch getroffen und sandte uns die folgenden lustigen Verse: Es tut mir heute herzlich leid, Daß ich zum„roten" Volksenfchcid Nicht doch noch ließ mich drängen: Dann würde ich durch das Plakat, Das uns der„Abend" zeigen tat, Nicht an dem Pranger hängen. Der Stahlhelm und der Hugenberg Und auch der Goebbels, dieser Zwerg, Sie machten viel Reklame: Dazu— ihm fiel nicht schwer die Wahl— Trug noch ein Reitergeneral Voran die Sowjetfahnel So ritt der Thälmann im Galopp! Ihm spukte schon der„Sieg" im Kopp! Die Glocken sollten läuten!-- Da hob sein Gaul den Schweif empor, Und was er stückweis dann verlor, Das sollte was bedeuten. Als Teddys Anhang dieses sah, Blieb jäh er stehn und rief:„Sieh da! Das gibt uns wohl zu denken! � Für Schwarzweißrot? Nein, keinen Schritt! Mög er— wir machen hier nicht mit— Allein zum„Stahlhelm" schwenken!" Nun, da der Reinfall ist perfekt, Sind beide, rechts und links, erschreckt: „Verraten sind wir schmählich!� �iur wir von unserer Partei", Sagt jeder,„waren voll dabei, Nur wir stimmten vollzählig!" Doch ging die Sache schief, o weh! Und wer bot schuld?—„Die SPD.!" Auch ich tat mich genieren: Drum blieb ich beim Entscheid zu Haus. Und dafür will man mich o Graus—■ In Zukunft boykottieren? Ich fürchte dieses nicht so sehr, Denn ach, ich höre rings umher (Das ist für euch das Schlimme): „Genug mit diesem Voltsverrat! Wer hält zum Proletariat, Der gibt euch keine Stimme!" Stelldichein im Funkzentrum. Ganz Deutschland stellt am Funkturm aus. Von den 304 Ausstellerfirmen, die der Katalog der Großen Deutschen Funk-Ausstellung und Phono-Schau registriert, stammen 112 Firmen aus allen Teilen des Reiches, also etwa 38 Proz. der Beteiligung entfallen auf die Radioindustrio außerhalb Berlins. Da Berlin der Hauptsitz der Hersteller dieser Branche ist, muß diese rege Anteilnahme des Reiche» an der Berliner Schau als sehr günstig bezeichnet werden. Mit Ausnahme des Ostens und Nordostens Deutschlands sind alle Gegenden zahlreich vertreten. Von den Städten stellt den Rekord Leipzig mit 15 vertretenen Firmen. In großem Ab- stand folgt dann Frankfurt a. M. mit 6 Ausstellern. Hamburg. Kiel, Köln, Stuttgart, München, Nürnberg sowie Dresden find eben- falls mit mehreren Ausstellern vertreten. Von den Landesteilen weift Mitteldeutschland die stärkste Beteiligung mtt 40 Ausstellern auf, davon entfallen auf den Freistaat Sachsen(einschließlich Leipzig und Dresden) 26. Dann folgt Westdeutschland mit 30 Ausstellern. Südwestdeutschland mit 21(hier ist der Schwarzwald mehrmals daran betelligt) sowie Süddeutschland mit 12 Ausstellern und schließ- lich der Norden mit 9 Ausstellern. Als einzig« ausländische Firma ist eine Schweizer Sprechmaschinensabrit aus Locarno be- teiligt.____-y•■■ Gericht prüfi Eintänzer. Arbeitsgericht auf dem Tanzparkett. Seltsamer Fünfuhrtee. Die T a n z h a l l e eines Münchener Hotels hatte dieser Tage einen ungewöhnlichen Besuch zu verzeichnen. Zum F ü n f u h r t e e erschien nämlich eine Gerichtskommission, um die beruf- liehen Künste eines Eintänzers zu erproben. Der Eintänzer war von einem Tegernsee« Caföhausbesitzer für sein Tanzlokal engagiert worden. Anscheinend entsprach er nicht den Anforderungen, die von den kritischen Besucherinnen an ihn ge- stellt wurden, die meisten weigerten sich, mtt ihm zu tanzen. Sie erklärten, daß es mit seiner Tanzkunst nicht weit her fei, und wandten sich lieber seinen leichtfüßigeren Kollegen zu. Die peinliche Folge dieser Angelegenheit war, daß der Cafö- Hausbesitzer den Eintänzer fristlos entließ. Der Entlasiene klagte jedoch beim Arbeitsgericht und verlangte den Ersatz oller Beträge, die ihm noch für den Rest der Saison zustanden, in der Gesamtböhe von rund 1500 Mark. Nach langem Hin und 5?« entschloß sich das Gericht, durch eigenen Augenschein und durch ein Gutachten von mehreren Tanzlehrern die Tanzfohig- leiten de» Klägers zu erproben. Alles spielte sich coram pubsieo, während des Fünfuhrtees. ab. Der Eintänzer forderte mehrere Damen zum Tanz auf, während inzwischen die gestrenge Juri an einem Tisch saß und jede seiner Bewegungen mit großer Zluftnerk- samkeit verfolgte. In München erwartet man mit Spannung das Urteil, das voraussichtlich in den nächsten Togen gefällt werden wird. »»schifttjvdiliw«. Vi» ffitw« Paul Pörger. Seltschrovk. kcbrik und Nunfiqchlvsser».»erlin SM.«S. Markgrakenftr. 88, kann aar t September auf eine mctjiffiä&tije Tatizkcit juxädMlifea. Nr. 391• 48. Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Sonnabend 22 August 1931 OieLegende der niedrigen Giickstoffpreise. Die Gtickfloffmonopolisten und das Reich. Der internationale Stickstoffpakt ist zerfallen. Die Länder, die idm angehörten, konnten sich über die Markrverteilung nicht einigen. Die Kartellfreunde vom Düngejahr 1930/31<1. Juli bis 30. Juni) find zu erbitterten Feinden geworden. Der .Kampf am Weltmarkt hat mit größter Schärfe begonnen und bei den wichtigsten Düngemittelsorten zu Preissenkungen geführt, welche bereits jetzt bis zu 40 Proz. gegenüber dem Preisstande des letzten Düngejahres gehen. Es ist aber anzunehmen, daß die Weltmarkt preise noch weiter sinken werden. Jedenfalls hat die deutsche Industrie ihren skandinavischen und holländischen Abnehmern erklären lassen, daß sie jeden Preis zu »nlerbieten gedenke. Während sich so am Stickstoffweltmarkt der Kampf zwischen den großen Gruppen um die Marktbeute in einer außerordentlich starken Preissenkung ausprägt, haben diese Gruppen ihre Inlandsmärkte völlig abgesperrt. Voran ging Frankreich, welches schon im Frühjahr mit einem Gesetz herauskam, das den Einfuhrgenehmigungszwang für alle stickstoffhaltigen Düngemittel vorsah Es folgten Länder, wie Belgien, Holland, die Tschechoslowakei und Polen. Nun ist in diesen Ländern der Grund für die strenge Absperrung ihrer Inlandsmärkte letzten Endes !ein wirtschaftlicher gewesen, ebensowenig wie es rein wirtschaftlich bedingt gewesen ist, daß man dort überhaupt starte Stickstoff- industrien entwickelt hat. Denn man hat hierbei vor allem auch immer rüstungspolitische Ziele in den genannten Ländern vor Augen gehabt. Die Stickstofswerte können leicht auf die Salpeterproduktion umgestellt werden, soweit sie nicht von vorn- berein Salpeterdüngemittel liefern. Salpeter ist aber mit seinen Säuren als ein wichtiger Grundstolf sür die Munitionsherstellung anzusehen. In Deutschland fallen derartige Gesichtspunkte weg. Frei- bch ist der Kern der deutschen Stickstoffindustrie im Kriege ent- st a n d e n. Seine weitere Entwicklung erfolgte aber aus rein wirt- schaftlichen Gründen: die stickstoffhaltigen Düngemittel spielten denn auch lange Zeit hindurch in unserer Außenhandelsbilanz eine sehr große Rolle, weil sie einerseits die Einfuhr des Chilesalpeters über- flüssig zu machen schienen, andererseits aber als Ausfuhrartikel er- hebliche Werte hereinbrachten. Deshalb hat man unter dem Schutz einer sehr straffen Syndizierung die deutsche Stickstosfinduslrie von Jahr zu Iahr mehr entwickelt, ohne den Vorgängen in den ouherdeutschen Ländern Rechnung zu tragen. die früher unsere Hauptabnehmer in stickstoffhaltigen Düngemitteln gewesen sind. l�Hkin nach Frankreich und Belgien gingen im ver- gangenen Jahrzehnt gewaltige Mengen deutscher Stickstoffverbin- düngen über Reparationskonto.) Diese Nichtbeachtung der Cntwick- lung im Ausland hat die deutsche Stickstoffindustrie in eine über- »us unangenehm« Lag« gebracht. Ihr« Anlagen-wurden mit der Zeit für die Absatzmöglichkeiten viel zu groß. Nicht nur deshalb, weil man weniger exportieren konnte, sondern auch des- halb, well die deutsche Landwirtschaft immer knapper disponieren muhte. Hätte man schon vor Iahren die Stickstoffpreise so weit gesenkt, daß man zwar auf die großen Dividenden bei der IG..Farbenindustri« in gewissem Umfange Verzicht leistete, andererseits aber die Landwirtschaft auch wirklich noch dem Grund- satz des„Dienstes am Kunden" behandelte, so wären wahrscheinlich die Schwierigkeiten nicht so kraß geworden, weil dann einfach weniger neue Werke in Deutschland entstanden wären. Alan erinnere sich an die großen üapilalsehlleilungeo. die in dem Konkurs der Waldenburger Stickstoffwerke und in der Stillegung des Werkes der Zeche Mont Eenis zum Ausdruck kamen. Das ist aber nur ein vorläufiger Ausdruck. Weitere Still- l e g u n g e n werden folgen müsien. Auch die JG. arbeitet ja seit langer Zeit stark eingeschränkt. Man hat aus diesen Entwicklungen die in der heutigen Wirt- schafts„ordnung" üblichen schlechten Folgerungen auch in Deutschland gezogen: Schon Mitte Juli dieses Jahres, als es wahrscheinlich wurde, daß eine internationale Einigung ketne Aus- sichten biete, hat man Zölle von enormer Höhe in Deutschland eingeführt Dieser ersten Absperrungsmaßnahme, die nicht ganz wirksam war, weil man gegenüber Holland und Belgien Handels- vertraglich zu der Erlaubnis der zollfreien Stickstoffeinfuhr nach Deutschland verpflichtet blieb ist jetzt die zweite gefolgt: Durch Ver- ordnung des Reichswirtschaftsministeriums vom 17. August unter- liegt jede Stickstoffeinfuhr nach Deutschland der Genehmigung durch die zuständigen Behörden. Das heißt: Die S t i ck st o f f e i n f u h r ist praktisch gesperrt. Wer sind in diesem Falle die„zuständigen Behörden"? Mit großzügiger Genehmigung des Staates niemand anders als die deutsche Stickstossindustrie selbst und Herr Schmitz von der I. G. Farbenindustrie, der ja in seiner Rolle als Wirtschaftsberater der deutschen Regierung sehr an Einfluß gewonnen hat. Diese B e- Ziehungen wirken sich aus. Das Stickstofssyndikat hat soeben mit einer etwa siebenwöchigen Verspätung, die durch Verhandlungsversuche mit dem Ausland ver- ursacht wurde, seine Preise bis zum 30. Juni 1932 bekanntgegeben. Die Preisermäßigungen liege« zwischen sage und schreibe 1 Proz. und 8 Proz. Dies in einer Zeit, in welcher am Weltmarkt die Stickstosspreise bis zu 40 Proz. gefallen sind! Die deutsche Stickstoffindustri« nutzt also ihr Monopol, welches sie auf Grund der Einfuhrsperre erhalten hat, durchaus in dem üblichen Sinne aus. Sie denkt gar nicht daran, einen ge- nügenden Preisabbau vorzunehmen. Sie begnügt sich mit einer Geste. Man hat ja der Bekanntgabe der neuen Preise auch ein« Rechtfertigungserklärung beigefügt, deren Stichhaltigkeit höchst zweifelhaft ist. Es heißt da unter Hinweis auf die Steigerung der Erzeugungs- Möglichkeiten in der ganzen West, daß gerade deshalb in Deutschland eine Verringerung der Produktion eingetreten sei, welche trotz der Ermäßigung des Aufwandes für Löhne und einzelne Rohstoffe zu erhöhten Gestehungskosten geführt hat. Das ist ganz typisch für den Unsinn unserer heutigen Wirffchaftsverhältnisie: weil die Pro- duktionqmöalichkesten international gestiegen sind, stiegen in Deutsch- land die Gestehungskosten. Die höheren(Kapital) Kosten müssen nach der Kartellrentnerpsychologie von anderen getragen werden. Der Erklärung wird dann noch ein Hinweis auf die inner- deutsche Pr eisentw ick lung für Stickstoffoerbindunge» wah- rend der letzten Jahre beigefügt. Hier arbeilet man mit offenbaren Irreführungen. Man setzt in diesem Hinweis den Preis von 1913 gleich 100 und kommt alsdann für 1931/32 zu einem Index von„voraussichtlich höchstens 60". Der Stickstoff sei damit nach wie vor das billigste Betriebsmittel der Landwirtschast. Diese Jndexberechnung ist nun aber einfach grotesk. Man könnte ganz genau so gut die heuffgen Kosten eines modernen Verkehrsflugzeuges mst denen eines Luftballons vom Jahre 1913 vergleichen. Denn 1913 hat es eine Luffftickstoffproduktion— abgesehen von einer winzigen Versuchsanlage in Oppau, die das damals noch ganz neue Haber-Bosch-Verfahren ausprobierte— überhaupt noch nicht ge- geben. Der Preis, auf den sich die vom Syndikat angegebenen Indexziffern beziehen, war der des Chilesalpeters(!!) und Das Reich und die Eisenpreise. Wird Herr Vogler stärker sein als die Regierung? Als im Jahre 1926 die Reichsregierung im Interesse der deutschen Eisenindustrie auf die volle Ausschöpfung aller Mögstch- leiten zum Ausbau des deutsch-sranzösischen Handelsverkehrs verzichtet« und die Internationale Rohstahlgcmeinschast in dem deutsch- französischen Handelsvertrag verankerte, gelobte die deutsche Eisenindustrie, daß sie die durch diese Vereinbarungen ge- schaffen« Monopol st ellung nicht mißbrauchen werd�e. Sie sagte, daß im Gegenteil die Internationale Rohstahlgemeinschaft auch in den Augen der Eisenindustrie ein Mittel sei, um— durch Erhöhung der Weltmarktpreise— die Inlandspreise den Weltmarkt- preisen näher anzugleichen, als dies zuvor unter dem Zollschutz ge- schah. Wie dies bei schwerindustriellen Zusagen gewöhnlich ist, ist auch die Zusage der Herren von der Ruhr uichi gehalten worden. Heute liegt der Stabeisenpreis in Deutschland aus 128 TN. je Tonne, während der Weltmarktpreis rund«5 TN. je Tonne beträgt und der— zu hohe— Zollsah sich aus 25 TN. beläuft. während nach dem Stande von 1925 bei dem verhällnis von Weltmarktpreis und Zoll der deutsche Slobeisenpreis etwa 95 TN. betragen hätte, benutzt die deutsche Eisenindustrie die mit der hilse der Reichsregierung ihr bejorgle TNonopolstellung zu einer Preisüberhöhung um nicht weniger als ein Drittel. Bei den meisten anderen Walzwerterzeugnissen liegen die Preisverhältnisie nicht anders. Gestützt auf die unter der Voraussetzung lo y a l e r Handhabung des Monopols durch die Reichsrsgierung geschaffene Machtposition wird hier eine private Steuer erhob«, die sowohl ihren, Tharakler Me ihtrr HSye auch uMMglich ist. Angesicht» dieser Mißstände muß man sich über die Unverfrorenheit wundern, die die Schwerindustrie aufbringt, wenn sie immer wieder einen der Ihren, Herrn Generaldirektor Vögler, als Reichs- wirtschastsminister empfiehlt. Herr Vögler darf setzt s o- gar der entscheidende Berater der Reichsregie- rung sein, obwohl er allen Grund hätte, zunächst in dem eigenen sanierungsreifen Unternehmen, dem Stahloerein, nach dem Rechten zu sehen. Die Forderung noch Eisenpreisabbau, die jetzt angeblich auch von der Reichsregierung vertreten wird, beantwortet die Schwer- industrie mit der üblich gewordenen Forderung neuer Lohn- s e n k u n g. Demgegenüber stellen wir fest, daß die Preisüberhöhung des Roheisens und der Walzwerkserzeugnijse gegenüber den Welt- Marktpreisen sich auf einen höhereu Betrag beläuft als die gesamte Lohnsumme der Schwerindustrie. Nicht die Löhne überteuern in Deutschland die Eisenpreise, sondern die Unzweckmäßigkeit der Produktion. Infolge unsinniger L i e f e r- o e r t r ä g e und der vor dem Enqueteausschutz festgestellten Fehl- k o n st r u k t t o n der Eisenindustrie ist allein mit Rohstoffkosten die Tonne Stabeisen mit über 50 Mark„vorbelastet". Außerdem bemüht sich die Industrie, aus überhöhtes Preisen Kapitalverluste abzurenten. statt den notwendigen Kapitalschnitt vor, zunehmen. In unterrichteten Kreis«» weiß man ja längst, daß der Stahlverein von seinen 800 Millionen Kapital einen sehr großen Teil— die Schätzungen schwanken zwischen % und%— verloren hat: und bei den meisten übrigen Konzernen der Schwerindustrie sieht es nicht viel bester aus. volle Anpassung an die Weltmarktpreis« muß erfolgen. Wird das verweigert, dann bleibt nur ein Mittel, das ist der Weg der Z o l l s e n t u n g. di« di« Monopolstellung der In- hustrO auf dem Jillandsmarkt bricht. Der Anfang«ff diesem Wege toSr« dt« völlige Vefe-iftgung dt» Nvheffenzoll». Äenn di» Rtichsregierung zeigen will daß e» ihr mit dem Preisabbau bei den Kartellen Ernst ist. dann muß ste in schärfster Weise jetzt sofort beim Eisen beginnen. Wird sie es tun? Wird Herr Dögler das Ansehen der Reichsregierung gefährden dürfen? ein ausgesprochener Monopolpreis. Es ist dringend erforder- lich, auf diesen Sachverhalt hinzuweisen, damit die Legende von den gegenüber der Vorkriegszeit so stark ge- senkten Sicktstosfpreisen endlich einmal zerstört wird. Die Bezugnahme aus die preise von 1913 ist glatte Demagogie. Das Stickstofssyndikat hat es leicht, jede Polemik gegen seine Preismatznahmen als parteipolitisch bedingt abzutun. Es hat ein Monopol, es hat das Ohr der Regierung und es kann jetzt am deutschen Markt tun und lassen, was es will. Ader seine ganze Disposition während der letzten Jahre hat deutlich genug gezeigt, daß man beim Syndikat dauernd auf dem falschen Pferd gesessen hat. Hier für die notwendige Korrektur zu sorgen, fällt der Reichsregierung, fällt Herrn Trendel«nburg und feinen Ressortchefs nicht ein. Herr Schmitz ist ein hoher Herr. Volksfürsorge in der Iulikrife. Ausgezeichnetes Reugefchäst.— Llnerschüttertes Vertrauen. Unter den Auswirkungen der finanziellen Krists des Monats Juli mußten auch die Lebensoersicherungsgefellschaften leiden. Das Iuliergebnis der Volksfürsorge überrascht dadurch, daß für die Volksfürsorge nur ganz geringe Rückschläge zu verzeichnen sind. Der Juli brachte 19 298 Bolls- und Lebensversicherungsanträg« mit 8,16 Mill. Mark Versicherungssumme(im Monat Jum 22 414 Anträge mit 9.57 Mill.), wozu noch etwa 2200 Wicderinkraftsetzun- gen von Versicherungen kommen, zu denen früher die Prämien» Zahlung eingestellt wurde. Das Ergebnis ist also sehr günstig und zeugt von dem Vertrauen, das auch in Angstzeiten den eigenen Versichcrungsunternehmungen der Arbeiterschaft entgegen- gebracht wird. Dom Januar bis Juni wurden insgesamt 159 461 neue Der- sicherungsanlräge mit 69192 324 Mark Versicherungssumme ein- gereicht. Die Auszahlungen für Sterbefälle im ersten Halbjahr 1931. Die Volksfürsorge Gewerkschaftlich-Genossenschaftliche Versiche- rungsaktiengesellschaft zahlte im ersten Halbjahr 1931 für 4 2 6 0 Sterbe fälle bei ihr versicherter Personen rund 1 9 00 000 Mark aus. In dieser Notzeit wird vielen die Bersicherungssumme beim Todesfall des Ernährers eine besonders willkommene Hilfe gewesen sein. preußische Sparkassen im Lulj. Spareinlagen um IST Millionen Mark gesunken. Nach der Erhebung des Preußischen Statistischen Landesamts sind die G e s a m t e i n l a g e n bei den preußischen Sparkasten im Juli um 180,9 Millionen Mark auf 6505,3 Millionen Mark gesunken. Gegenüber dem Höch st stände von Ende Mai be- trägt der Rückgang 283,3 Millionen Mark oder 4,2 Proz. Die Eiroeinlagen sind gegenüber Mai um 8,8 Proz. zurück- gegangen. Der Rückgang der Spareinlagen im Juni(um 102 Millionen Mark) war allein auf vermehrte Abziehungen zurückzuführen, da die Einzahlungen höher als im Juni vorigen Jahres waren. Im Juli gingen zwar die Abziehungen mit 457 Millionen Mark nicht über den Betrag des Vormonats hinaus, aber die Ein- Zahlungen sind wesentlich zurückgegangen, auf 275 Mil- lionen Mark gegen 412 Millionen Mark im Juli vorigen Jahres. Dabei ist zu beachten, daß ohne die gesetzlichen Auszahlungs- befchränkungen(ab 13. Juli) die Abhebungen sehr viel stärker ge- wesen wären. Das richtige Bild von der Einwirkung der Ber- trauenskrise auf die Lage der Sparkassen wird erst die Zwischen- Zählung für die Zeit vom 1. bis 15. August ergeben. Bon den Abziehungen wurde am stärksten Berlin betroffen: der Einlagenbestand nahm im Juli gegenüber Juni um5,1 Proz. ab. Stark war mit 3,3 Proz. die Ermäßigung des Einlagen- bestandes auch in Ostpreußen. Bemerkenswert ist, daß bei 100 von 1381 Sparkasten, also bei 7,2 Proz. der Gesamtzahl, immer noch«in Einzahlungsüberschuß zu verzeichnen war. Alte Privatbank in Schwierigkeiten. Staatsgaranlie für H. F. Lehmann-Halle? Das Hallenser Bankhaus H. F. Lehmann, dos seit über 100 Jahren besteht, hat die Zahlungen einstellen müssen. Die Firma hat im mitteldeutschen Wirtschaftsgebiet eine bedeutende Roll« gespielt und war an der Finanzierung der Braunkohlen-, Zucker-, Papier- und Maschinenindustrie hervorragend beteiligt. Natürlich sind an dem großen Aktienbesitz in letzter Zeit hohe Berlust« entstanden: und ein starker Tell der eigenen Mittel liegt in umfangreichem Grundbesitz fest. Der Status soll aktiv sein, doch würde eine beschleunigte Flüssigmachung der Aktien nicht ohne Berlust möglich sein. Die Angestellten des Bankhauses haben sich mit etn«r Eingabe an das Preußische Handelsministerium und den Ober- bürgermeister von Halle gewandt. Sie fordern die Ueberncchme einer S t a a t s g a r a n t i e. wie sie größeren Unternehmen nicht versagt worden ist,'damit der Zwang zu schneller Liquidation, der un- nötige Verluste bringen würde, beseitigt wäre. Tabakmonopol bringt 5* Milliarden Kranken. Die französische Tabakregie, die in den Händen de« Staates liegt, hat für das Zahr 1930 einen Reingewinn von 3 M Milliarden Zraalen ergeben. Die Summe soll zum gröhlen Teil zur Abschreibung der öffentlichen Schuld verwendet werden. 3>» Milllarden Zxanken sind fast 690 Millionen Marl Reinsiberschuß au, der staatlichen Tabak- und Zigaretten- wlelschasl Frankreichs. Zn Deutschland verhindern prtvalkapita- fislische Jnterestenlenwirtschaft und die entsprechende veeinflusinng der Bürokratie eine Entwicklung, für die die deutsche Tabakindustrie längst reif wäre. Gebt der Sozialdemokratie die Macht! Oskar./?. SchmiiZ: HUenfch und Eines Tages wurde unserem Hausstand ein wenige Wochen alles kohlschwarzes Katerchen eingegliedert, weniger als ein Psund schwer, ungefähr eine Handvoll. Zunächst war es nichts als ein am Boden liegendes schwarzes Häuschen, das bei jedem Geräusch Deckung unter einem Möbel suchte. Allmählich fand es eine gewisse Lebensorientierung. Es entging ihm nicht, daß es zwei Tonarten gab, in denen sich die von außen kommenden Ereignisse abspiellen: Dur und Moll. Der Anfangston einer neuen Crlebnismelodie war oft derselbe das schwarze Häuschen wurde von einer Hand aufgegriffen und in die Luft gehoben. Daran gewöhnte es sich schnell. Nun aber konnte es sehr oerschieden weller gehen. Man wurde vor das Milchschüsselchen, später vor ein Freß- schusfelchen gesetzt, das sehr gut duftete, man wurde auf den Schoß genommen und gekraut, und zwar mit sachkundiger Hand, die wußte, wo es Katzen am angenehmsten ist. In dieser Stellung durste man oft lange sitzen bleiben und sich von hier aus die Weit betrachten. Das daraus entstehende Wohlbehagen quittierte man durch Schnurren, das die Umwelt mit dem Geräusch eines Motors ver- glich. Später wurde man wieder aufgehoben und allerlei mit einem vorgenommen, was sich nach einiger Erfahrung als unterhaltend erwies. So wurde man bisweilen aüf die Hinterbeine gestellt, während einen die Frau oder der Mann an den Vorderpfoten sanft im Kreis drehte und dazu das entzückende Liebchen sang: Polka, Polka tanz' ich gern. Wurde man dann wieder allein gelassen und piepste ein wenig, dann geschah es, daß der Tanz noch einmal wiederHoll wurde. Das Allerschönste aber kam abends. Nachdem man sorgfällig olle seine Bedürfnisse, positive und negative, in der einem Katzentier entsprechenden pedantisch eingehallenen Reihenfolge befriedigt hatte, wurde man in eine Decke gewickelt und in ein Körbchen gesetzt. Dieses erhob sich plötzlich hoch in die Lüfte, was nach einiger Bangigkell sehr vergnüglich war. Man wurde bis in die Nähe der Decke ge- tragen, stellte sich auf die Hinterbeine, stützte sich mll den Vorder- Pfoten an den Rand des Körbchens und blickte verwundert in die Tiefe, wo der Mann und die Frau von einer Zeppelinsahrt sprachen und einen beim Namen riefen. Dann streckte man ihnen ein Vorder- pfötchen entgegen, das ergriffen wurde. Darauf senkte sich die Gondel in das warme Eckchen neben dem Küchenherd hinab, nochmals wurde man gestreichelt und mit einem„(Bute-Nacht"-Gruß der Dunkelhell und dem Schlaf überantwortet. Das war die glückselige Molltonart. Es konnte aber auch anders kommen. Die Hand griff einen vom Boden auf,.wie in Atoll, nur war der Griff etwas heftiger, was schon nichts Gutes ahnen ließ. Man wurde nicht gekraut und ge- streichelt, sondern eilig gerade in die Ecke geschleppt, die man gern vermied, weil man in ihr in seiner Not eine übelriechende Flüssig- keit hinterlassen hatte, deren man sich als reinliches Geschöpf selber schämte. Dorthinein wurde man nun schamloserweise mit dem so sauber gehaltenen Gesichtchen gestoßen, ja das zarte Seidennäschsn schien gerade recht, um die Schmach aufzuwischen. Aber nicht genug. Die des Schmeichslns sonst so kundige Hand schlug einen noch rechts und links auf das Hinterteil und warf einen in einen verhaßten Kasten, den man seiner Abscheulichkeit wegen mit Vorliebe zu den übelriechenden Absonderungen benutzte, wenn man zufällig in der Nähe war, freilich nur dann. Genau genommen taten die Schläge nicht sehr wehe, aber welche erniedrigende Lage für einen jungen Prinzen, der sonst in Moll zu leben gewohnt war! Nun aber kam das Schlimmste. Während man mitten in Säge- spänen über allem Unrat kauerte, bekam man noch eine bedrohliche Strafpredigt zu hören. Wagte man gar die Augen zu erheben, dann sah man. wie Mann und Frau einander zulächelten, als mache ihnen gerade diese Scheußlichkeit Vergnügen. An solchen Abenden gab es keine Zeppelinfahrt und man mußte ohne Gutenachtsagen da» Körb- chen allein aufsuchen. Das war die verabscheuungswürdige Dur- tonart. Die Wahrheit zu sagen, sie kam nur alle paar Tage einmal vor, während die Molltonart fast immer anhub, wenn der Mann oder die Frau einem in den Weg kam. Nach den Abenden in Dur versuchte man es oft am anderen Morgen zu grollen und sich zurück- zuziehen. Das hatte aber auf Mann und Frau nicht die gewünschte kränkende Wirkung. Gerade das fanden sie offenbar reizend, und wenn dann die Molltonart in vollen Akkorden erklang, da konnte man natürlich nicht widerstehen und trug nichts nach. So wuchs das schwarze Katerchen in wenigen Wochen zu „unserem MurnT heran, denn meine Frau hatte aus hier nicht weiter zu erörternder Weise in Erfahrung gebracht, daß dies sein richtiger individueller Name war, und nicht Mohrle, wie er früher gleich den meisten schwarzen Katern gedankenlos genannt worden war. Murro erfüllte, was wir von ihm erwarteten, ließ alles mll sich geschehen, sobald er sich überzeugt hatkd, daß es nicht in Dur endigen würde und schien auch allmählich zu begreifen, wie er selbst dazu beitragen konnte, die Durtonart zu vermeiden. Freilich zeigte er bald andere Unarten. Als er gelernt hatte, auf Möbel zu springen, erwies er sich als Blumenfreund, riß kaum aufgegangene Pflänzchen aus und bereitete so meiner Frau viel Kummer. Hie und da ritzte er sie in seiner Lebhaftigkeit mit seinen noch nicht durch Jagen ge- schliffenen Krallen etwas an der Haut. Eittes Tages führte das nun zu einer Entzündung an der Hand, die glücklicherweise gutartig ver- lief, aber gerade so gut zu einer Blutvergiftung hätte führen können. Meine Frau mußte den Ann einige Tage in der Binde tragen, und da sie sich in dieser Lage seines Anspringens nicht erwehren konnte, gaben wir Murro für einige Tage weg. Murro, der schwarze Prinz, wurde nun in der Hütte einer armen Häuslerfamilie bei einer uns bedienenden Frau einquartiert. Die Nachrichten lauteten nicht schlecht. Er sei zwar wieder etwas angst- lich, lasse aber doch mll sich spielen. Nach einigen Tagen besuchten wir ihn. Wer aber beschreibt unser Erstaunen? Da lag wohl auf einem Haufen schmutziger Socken eine schwarze Katze, aber das war nicht unser Murro. Nichts von dem zutraulichen Blick in Moll, nichts von der tief zerknirschten Schuldmiene in Dur, und nun das Schlimmste. Während er uns zu Hause einmal nach neuntägiger Abwesenheit sofort erkannt und sich uns als Einleitung zur Moll- tonart zu Füßen gelegt halle, hier, wo die bekannten Geräusche des Gehens auf der Treppe, des Oeffnens der Korridortür fehlten, er- kannte uns unser Murro überhaupt nicht. Auch der Polkatanz war ihm hier ganz fremd. Es erwies sich die alte Beobachtung als wahr, daß die Katze sich dem Haus, nicht dem Meeschen verbunden fühlt, ja daß sie ihren Herrn in veränderter Umgebung überhaupt nicht erkennt. Wir waren tief traurig. Da wir wieder verreisen mußten, konnten wir Murro nicht gleich zur Wiedererziehung mit nach Hause nehmen. Unterwegs aber wurden wir uns kkar, daß das auch gar nicht so einfach gehen würde. Wir hatten ihn zu sehr ver- hätschelt. Wie sollten wir ihm jetzt noch das heftige, sich als so ge- fährlich erweisende Anspringen abgewöhnen? Als wir zurück- kehrten, erfuhren wir gar, daß er sich jetzt für seine dunklen Ge- schäfte mll Vorliebe das Bett der Häuslersgatten aussuchte. Trotz- dem liebten sie ihn so, daß sie ihn nicht hergeben wollten. Er war nun ihr Murrc geworden. Die Dinge blieben eine Zeitlang in der Schwebe, dann fand das Leben selbst einen Ausweg. Murro wurde in der Adoentszeit das Opfer einer nächtlichen Hasenjagd und hat vermutlich die Weihnachtstafel eines Liebhabers geziert. Wir zollten ihm zwar die schuldige Trauer, wunderten uns aber selbst, daß uns das Ereignis doch viel weniger berührte als das enttäuschende Wiedersehen vor einigen Wochen. Warum? Unser Murrv war schon damals ge- starben. Unser Murro ist ein in uns lebendes Seelenbild. Um es zu verkörpern, brauchen wir freilich einen lebendigen Kater als Substrat. Was wir inzwischen als Katzenerzieher gelernt haben, können wir nun an einem anderen Tier erproben. Wenn es wieder kräftige junge Kätzchen gibt, nehmen wir wieder eines auf und flößen ihm von neuem die Murroseele ein, die meiner Frau bisweilen suchend in den dämmerigen Mumen zu irren scheint. Armin V Wegner: Auf dCT StrüßC(161* 8wigkeU mil dem ITlolorrade durch Samaria und Galiläa Die Gasten von Nablus sind schwarze, kühle Tunnel. Ihre modrigen Gewölbe laufen stellenweise unter den Häusern hin, und mll dem buckligen Schorf ihres Plasters, den allen Basaren, ihren noch immer, mißtrauischen Menschengesichtorn unter den bunten Kopf- iüchern gehört die Stadt heute zu den wenigen noch unverfälschten Orten des Orients, zwei Wegstunden hinter Jerusalem. Kaum waren wir mit unserer wüstengelben Ardiemaschine, der wir den Namen„Der weiße Fuchs"' gegeben hatten, in Nablus ein- getroffen, als das Motorrad unter einem Gewimmel von weißen Männerröcken wie in der Traube eines Bienenschwarmes ver- schwand. Aber wir warben für fünf Piaster einen Negerknaben in Pumphosen an, der mit der Würde eines Eunuchen vor der Tür des Beiwagens Wache hielt, wie vor einem Harem. Lange irrten wir in der Stadt umher, die Synagoge der Samariter zu suchen, die inmitten einer feindlichen Well hier noch immer das schwermütige Dasein eines aussterbenden Volkes führen. Jzzedin-Abu-Gahzaleh, ein arabischer Apotheker, hatte sich an Leonores Seite geheftet, und seine kleine bucklige Gestalt trippelte eifrig neben uns her. Er war ganz von Curopabegierde erfüllt: in mäßigem Englisch fragte er nach unseren Städten und nach einem Radioapparat, der ihn in Verbindung mit jenen geheimnisvollen Ländern im Westen bringen sollte, von denen er wie ein Fiebernder träumte. „Very glad. Sie sind Deutsche? Vary glad te meet you. 0, wir lieben die Deutschen, sie sind doch auch im Kriege besiegt worden wie wir. Aber die Engländer!... Wiat do you rnean, wir haben doch die Mehrheit im Lande: aber man gibt uns kein Parlament!" � Ueberau auf den Straßen murmelte unter den Steinen das Wasser, das aus zmeiundzwanzig Quellen vom Berge Gerasim herab- strömt. Der greise Priester der Samaritaner, hochgewachsen wie eine Palme, das rote Kopftuch um die niedrige Filzkappe mit der großen schweren Quaste gebunden, zeigte uns die alte Thora in ihrer silbergeschmiedeten Kapsel. „Darf Ich ein Bild davon aufnehmen?" „Die Thora ist heilig! Sie ist siebenhundert Jahre alt." Der Priester schüttelte den Kopf, bereit, die grüne Seide über dem ge- sprungenen Pergament wieder zusammen zu rollen. Dann fügte er leiser hinzu:„Wenn Sie fünfnndzwanzig Piaster geben..." Aber nun machte es mir kein Vergnügen mehr. Geborstene Gewölbe hingen überall vom letzten Erdbeben wie zerstörte Schwalbennester zwischen den Häusern. Jzzedin klammerte sich fast an Leonores Arm, während seine verliebten Augen unermüdlich an ihrem Gesicht hingen: „Sehen Sie, bei uns sind die Frauen so ungebildet... man kann niemals ein ernstes Wort mll ihnen reden. Und dann weiß man nie, wenn sie ausgehen, wen sie besuchen... der Schleier schützt sie." Er war stehengeblieben, atemlos keuchend.„Rsase, möchten Sie nicht ein paar Tage in Nablus bleiben? Madame... edle Frau!" Jzzedin war plötzlich rot geworden. Wie er die Filzmütze ab- nahm, um sich die Stirne zu trocknen, erblickte man seinen ge- scheitelten Kopf, der ganz mll kleinen zierlichen Löckchen bedeckt war. Wir fuhren schon in das weite Tal von Samaria hinaus, als er noch immer hinter uns, klein, wie erstarrt in seiner seltsamen schiefen Hallung mllten aus der Straße stand, während sein linker Arm schlaff herabhing wie ein Pumpenschwengel. Gleich einer Schlange wand sich der Weg um Bergkuppen und Abgründe. Zwischen diesen Höhen lag der Eichenhain More, in dem Abraham sein Lager ausschlug, als er ins Land Kanaan kam: hier ist Christus von Nazareth her entlanggezogen: etwas Unwirkliches geht von diesem Staube aus, von der Schicksalslast der Jahrtausende, die diesen Weg berührten, der sich noch immer zwischen dem jungen Grün der Hügel hinzieht— die Straße der Ewigkeit. Eine Stunde später schwang der Weg hinter den letzten Aus- läufern des Karmelgibirges in die Ebene Jesreel aus. Dicht unter den Gärten der neuen blühenden Siedlungen entspringt die Quelle En Charod, an der Gideon, seine Krieger trinken ließ, hier stießen die Kreuzritter mll den Arabern zusammen: am Fuße des Berges Tabor schlug Napoleon das türkische Heer. Grüne Weite flog uns entgegen. Die Luft sang, die Maschine raste. Der Motor begann immer schneller zu laufen, als wäre die Straße die gespannte Salle eines Vogens, der uns, unsere Maschine, unser Gepäck, unsere von Lebenslust erfüllten Herzen wie einen Pfeil in die ferne, schon dämmernde Ebene schnellte, neuen Erleb- nisten und Hoffnungen zu. II. Zwei Tage später traf in Tiberias ein Brief für Leonore ein. Er war in fehlerhaftem Englisch geschrieben und lautete in der Uebersetzung wörtlich folgendermaßen: Nablus, den 11. April. Liebe Frau, während Sie mich in Nablus besuchten, habe ich nicht Ihnen erzählt, daß die Verbindung zwischen mir und Ihnen in Ewigkeit fortgesetzt werden muß. Nun habe ich das Vergnügen, hier mein Porträt beizufügen. Dies ist eine Erinnerung, daß Sie mir bitte Ihr Porträt schicken. Ich bin immer zu Ihren Diensten, alles was Sie von mir wünschen, zu Ihrem Befehl, bereit bin ich. Wenn Sie mich bitte die Adresse des Radiogeschäftes wisten lasten wollen, m Ihrer Stadt. Ich werde nur eine europäisch« Frau heiraten! Dank im voraus. Ihr sehr gewogener Jzzedin Abu Gahzoleh, Apotheker in Nablus. Dem Brief war mll einer Stecknadel eine kleine Photographie beigeheftet. Man erkannte deutllch darauf den Füllfederhalter und das groß« seidene Taschentuch Jzzedins. Die Löckchen neben seinem Schellet waren sorgfältig gebrannt, und die tiefliegenden stechenden Augen des Buckligen blickten Leonore unheimlich aus dem Bilde an. III. Eines Nachts auf der Straße nach Haifa wären wir beinahe verunglückt. Wir hatten Nazareth kaum verlasten, als kurz nach dem Ein- bruch der DunkelWit hinter einem kleinen Araberdorf in völlig un- wirtlicher Gegend an unserer Maschine das Licht erlosch. Arabische Straßentinder hatten, während wir in einer Garküche in Nazareth unser Abendbrot einnahmen, die Lichtlellung beschädigt. Wir konnten nichts mehr erkennen. Aus dem Dunkel vor uns wuchs immer drohender ein roter Punkt wie ein blutiges Auge. Plätzlich standen wir vor einer roten Laterne. Die Straße war abgesperrt, die Nacht dunkel und schwül. Ratlos suchten wir mil den Füßen die Böschung abzutasten, um die Stelle zu finden, wo der Notweg abbog. Zum Glück nahten von Nazareth drei Araber auf einem englischen Motorrade. Ich bat sie vorauszufahren, um in chrem Lichtschein die unbekannte Spur quer über dem steilen Abhang zu finden, und während unsere Räder bald auf der einen, bald auf der anderen Seite in tiefe Löcher versanken, über Erdhügeln umzu- stürzen drohten, gelangten wir glücklich auf das untere Ende der Straße. Plötzlich verlangsamte die hundert Meter vor uns rasende Maschine ihre Fahrt. Eine riesige Viehherde, von Beduinen über die nächtliche Landstraße getrieben, bahnte sich zu beiden Seiten der Maschine ihren Weg, um sich gleich darauf wieder dicht zusammen- zuschließen. Ich bremste im Augenblick. Drei wilde Gestallen in Kopf- tüchern tauchten schattenhaft am Wege auf. Wilde Schreie erklangen in der Finsternis, unsere Hupe brüllte. Eine Mauer schwarzer Kühe richtete sich undurchdringlich vor uns auf. „Bei dem gesteinigten Satan! Wir werden euch die Hörner verdrehen!" Die Beduinen suchten mit Stockschlägen die Tiere beiseite zu reißen. Drei Kühe stürzten sich gleichzeitig auf den Beiwagen Leonores. Eine gewaltige schwarze Kuh prallte mll der Brust gegen den Wagen, bäumte sich hoch und war eben im Begriff, ihre Hufe Leonore aus den Schoß zu legen, als wir endlich stillhielten. „Bei Gott, könnt ihr nicht links laufen, Teufel!" Die Beduinen schlugen erneut auf die Tiere ein. Das Gesicht Leonores war so blaß, daß es in der Dunkelhell leuchtete. Die große Kuh nahm ihre Hufe von dem Beiwagen herab und stürzte entsetzt mit humpelnden Sprüngen über den Straßengraben ins Feld. Ungewiß, was geschehen war, nicht ohne Befürchtung, von den Beduinen auf der nächtlichen Landstraße zur Rechenschaft ge- zogen zu werden, gab ich von neuem Gas. Einige Minuten später stellten wir fest, daß der Beiwagen vorn eine tiefe Beule davongetragen hatte. Der rote Wimpel mll den Buchstaben„Ardie", der uns mll seiner lustigen Zunge so lange begleitete, war verschwunden. Unermeßlich und heimtückisch lag die Finsternis zu beiden Seiten des Weges. An einer Biegung stieß das Rad des Beiwagens gegen einen hohen Stein, der Kotflügel streifte schon hörbar den Rand des Gummireifens. Es blieb uns nichts übrig, als die Fahrt bis auf ein Schrittmatz zu derlangsamell. Die Nacht um uns wogte und rauschte. Gräser und mannshohe Distelstauden zu beiden Seiten des Weges wuchsen zu hohen Wäldern. Krachend holperten wir über die ungeschützten Schienen der Eisenbahn. Fern in der Tiefe erblickten wir endlich den Lichterglanz von Haifa, schimmernd wie den weißen Blütenkelch einer riesenhaften Seerose, die sich auf dem schwarzen Spiegel des nächtlichen Meeres wiegt. Kühler Seewind kam uns entgegen. Wir öffneten den Mund und atmeten mll vollen Lungen. Einmal durchfuhren wir die Dorfstraße einer kleinen jüdischen Kolonie. Schatten einsamer Liebespaare wichen auf der Landstraße erschreckt vor uns beiseite. Aber die große Seerose des Lichter- glanzes von Haifa strahlle und wuchs in der fernen Tiefe, immer mächtiger entfaltete sie, aus Taufenden von Lichtern gebildet, ihren geheimnisvollen Kelch. Dort wußten wir das Meer, und sein großer kühler Atem berührte erlösend in der Dunkelheit unsere müden, schweißbedeckten Stirnen. IV. Im Orient reist man in den heißen Monaten viel des Nachts: allmählich gewöhnten wir uns auch mll dem Motorrade an das ständige Fähren in der Dunkelheit. Als wir drei Wochen später nach Nablus zurückkehrten, sank die Dämmerung schnell und undurch- dringlich herab. Wartend hielten wir, voll Grauen irgendwo in eine finstere Tiefe zu stürzen, wenn der huschende Lichtschein eines Automobils mit seinem gestielten Auge wie ein böses Gespenst an uns vorbeihuschte. Ein Schakal weinte. Es wurde zwölf Uhr, bis wir in Nablus einfuhren. Aus einigen Kaffeehäusern der schlafenden Stadt glänzte noch Licht. Während wir mit unserer Ardiemaschine auf der Straße hielten, stand plötzlich gespenstisch wie aus der Erde gewachsen, Jzzedin, der kleine verkrüppelte Apotheker von Nablus, neben uns, als hätte er die ganzen vier Wochen an der gleichen Stelle auf unsere Rückkehr gewartet. Den Kopf schief zur Seite geneigt, blinzelte er unter seinem Fez Leonore fast böse an: „Vhy have you not answered to my letter?" Humpelnd folgte er, sie mit gebieterischen Fragen bestürmend, ein unheimlicher Zwerg, während ich in ein arabisches Gasthaus hinaufstieg, um nach einem Zimmer zu fragen. Alles starrte von Schmutz, Fliegen saßen in dicken Trauben aus den befleckten Tischen. Es gab weder etwas zu essen noch eine Waschschüssel. „Du darfst mich hier nicht allein lassen", sagte Leonore, als ich in den Garten zurückkehrte, und blickte auf Jzzedin, dessen Schulter sie fast berührte. Sie war blaß. Fürchtete sie sich? Neben dem plätschernden Brunnen verzehrten wir, was wir noch bei uns trugen. Jzzedin, die Füße hoch auf dem Schemel ge- zogen, wich nicht von Leonores Seite. Eine Unterkunft für unsere Ardiemaschine gab es nicht, und wir schoben den„weißen Fuchs" unter den Torbogen eines zertrümmerten Hauses: ein arabischer Nichtstuer schlug als Wächter sein Lager daneben auf. In der Nacht schrak ich empor. Scharen von Ungeziefer zogen an der bleichen Mauer des Zimmers auf unser Bett los, Leonore rührte sich nicht. Der arabische Wächter draußen schließ, den Kopf mit der roten Filzkappe vornübergeneigt, im Beiwagen aus dem Platz Leonores. Schweigend starrten die weißen, wie von Christen- haß versteinerten Häuser der Stadt. Nur die Quelle des Brunnens im Garten schluckte leise mit ersticktem Atem in der Stille wie der röchelnde Hauch aus dem Schlund eines Erwürgten. Die Apfelsine ist südchinesischen Ursprungs. Aber schon vor mehreren tausend Jahren kam sie nach Indien und von dort all- mählich in das südliche Europa. Der erste Apfelsinenbaum wurde in Europa gegen Mille de- 16. Jahrhunderts in Lissabon gepflanzt. Die Volksbühne wirbt Modernste Reklame und Propaganda im Dienst derVolkshühnenidee Reklame, Propaganda Ist dos Schlagwort unserer Zelk. Auch die Organisaklonen der Arbeiterschaft müssen eine umsongreiche und intensive Werbearbeit catsalten, um die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu ziehen. Diese Organisationen haben sich teilweise ihre eigene Werbetechnik ausgebildet, die mancherlei Originelles ent- hält, lieber die Entwicklung der Propagandamethodcn der Gewerkschaften ist schon vor dem Kriege ein interessantes illustriertes wcrkchcn erschienen(Reslriepke,„werben und werden der Gewerk- schoflen"). Ganz besonders ist die Volksbühne auf wirksame Propaganda angewiesen, und zwar aus eine Propaganda, die jedes Zahr von neuem einsetzen muh. Denn die Verpflichtung der Mitglieder gilt immer nur für eine Spielzeit, d. h. im Sommer lausen die gültigen Mitgliedskarten ab und müssen gegen neue umgetauscht werden. Natürlich besteht nun immer die Gefahr, daß soundso viele den Umtausch unterlassen. Zum Teil einfach aus Vergeßlichkeit. Nicht selten spielen aber auch andere Gründe mit: der eine oder andere ist nicht ganz zu- frieden mit dem, was ihm das abgelaufene Spieljahr brachte, und weiß deshalb nicht recht, ob er dabei bleiben soll. Vor allem aber fällt ins Gctmcht, daß die Mitgliedschaft in der Volksbühne Geld kostet: da schiebt mancher die Ununeldung zur neuen Spielzeit gerne hinaus und noch einmal hinaus, und ain Ende ist es zu spät. So müssen die Mitglieder wieder und wieder an die Erneuerung ihrer Mitgliedskarten erinnert werden. Und das genügt noch nicht: es muß ihnen auch immer von neuem vor Augen geführt werden, was die Voltsbühne ist und was die Fortsetzung der Mitgliedschaft an Wertvollem erwarten läßt. Mit dieser Bearbeitung der alten Mitglieder inuß dann eine systematische Werbung neuer Freunde Hand in Hand gehen. Auch wenn die Propaganda unter den bisherigen Mitgliedren guten Erfolg hat— ein gewisser Prozentsatz wird doch alljährlich ausscheide. Sind die Jeitverlstiltnisse gar so schlecht wie die jetzigen, so daß jeder Monat Tausende von Mitgliedern arbeitslos macht oder wenigstens empfindlich in ihren Einkünften schädigt, so wird dieser Prozentsatz sogar nicht unerheblich sein. Es gilt also, für die verloren gehenden Mitglieder Ersatz zu schaffen. Darüber hinaus muß es natürlich das Bestreben der Volksbühne sein, den Mitgliederftand zu verwehren. Denn je weiter der Kreis der Mit- glieder, um so leistungsfähiger wird die Organisation. Die Volks- bühne ist schon durch den Besitz ihres eigenen großen Hauses darauf angewiesen, wenig st en« 50000 bis 60000 Menschen um sich zu scharen, wenn st« ohne Verlust« arbeiten soll.(Eine wirklich plan- volle Politik erfordert natürlich noch weit größere Massen. Die Aufrüttelung der Gleichgültigen, die Gewinnung derer, die bis dahin abseits standen, stellt an die Werbearbeit erklärlicherweise noch weit größere Anforderungen als die Wiederverpflichtung der früheren Mitglieder. Besonders die jüngste Zeit hat die Voltsbühne hier vor ein ernstes Problem ge- stellt: Je größer die Rolle von Radio und Kino geworden ist, um so schwieriger wurde die Werbung neuer Mitglieder. Auch das Aufkommen von Konkurrcnzorzanisationen, allerdings meist solchen, die im Unterschied von der Volksbühne geschäftliche Zwecke ver» folgen, tat mancherlei, um die Propaganda der Volksbühne zu er- schweren. In diesem Jahr ist die Situation noch besonders schwierig. Denn die Wirtschaftskrise umgibt jeden mit einem Panzer gegen alle Berfuche, ihn einer Organisation anzuschließen, die von ihm regel- mäßig« Leistungen verlangt— auch dann, wenn die Leistungen im Verhältnis zu dem. was dafür geboten wird, außerordentlich gering find.(Die Volksbühne verlangt oon ihren Mitgliedern bekanntlich für den Besuch einer Schauspielvorstellung, bei Auslosung der Plätze, nur t,70 Mark, für den Besuch einer Opernvorstellung nur 2,50 Mark.) Die üblichen Werbemittel sind Inserate und Plakate. Auch die Volksbühne kann diese Art von Reklame nicht entbehren. So er- schienen von ihr bereits zahlreiche Instrat« in verschiedenen Fach- blättern, und eine umfangreiche Anzeigenpropaganda in der Tagespreise wird noch folgen. Ebenso wurden von der Volksbühne bereit» einige wirkungsvolle Plakate hergestellt. Wer die Augen offen hält, wird solche Plakate auch schon an den verschiedensten Stellen bemerkt haben: auf den Bahnhöfen der U-Bahn, in Wogen der Hochbahn und der Schnellbahn, an den Anschlagbrettern zahlreicher Krankentassen, Arbeitsämter und sonstiger Amtsstellen, in Schaufenstern von Ge- schästen, in den Verkehrslokalen der Arbeiterschaft, in den Gewer?- schaftsbüros usw. In kurzer Zeit werden solche Plakate auch an den Anschlagsäulen die Aufmertsainkeit der Borübereilenden auf sich zu ziehen suchen. Eine besonders große Plakattafel wurde am Berolina- haus am Alexanderplatz angebracht. Außerdem wurden mit mehreren Kinos Vereinbarungen getroffen, daß sie bunte Stehbilder mit Hin- weisen auf die Volksbühne zwischen ihren Filmvorführungen zeigen. Wichtige Kleinarbeit der Ordner. Die Volksbühne hat sich aber nie auf Anzeigen, Plakat« und Kinoreklame beschränkt. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Propaganda war stets ein sorgfältig ausgearbeiteter Prospekt. Dieser gibt die Möglichkeit, sthr viel genauer die Einrichtungen der Volksbühne zu schildern, er kann auch eingehende Mitteilungen über den Spiel- plan, die mitwirkenden Künstler usw. bieten. Aber mit der Her- stellung eines solchen Prospektes in einigen hunderttausend Exem- plaren ist es natürlich noch nicht getan. Der Prospekt muß auch unter die Leute gebracht werden. Dabei ist es wieder von entscheiden- der Bedeutung, daß er gerade in solche Kreise gelangt, bei denen man ein stärkeres Interesse für die Volksbühne voraussetzen kann. Die Volksbühne sucht an diese Kreise einmal heranzukominen, indem sie das Werdeblatt in ihren Zahlstellen auslegt und durch ihre 50 0 Ordner fast allen Betrieben zugehen läßt. Außerdem erhalten alljährlich in Gewertfchaftsbüros, die Verkaufsstellen der Konsum- genosjenschaft, die Krankenkassen und ähnliche Verkehrspuntte der werktätigen Bevölkerung größere Plakate mit Prospekten. Ferner gehen stet» zu Beginn der Werbekampagne viele Hunderte von Schreiben an Sportorganisationen, Vereine oon Laubenkalonisten usw. mit der Bitte. Wcrbematerial anzufordern. Auch die Funktco- näre de? Gewerkschaften und der Partei werden nicht vergessen. Mahr als 15 000 Anfragen an solche Vertrauensleute der Arbeiter- bewegung wurden in diesem Jahr versandt. Von Tausenden ka>n erfreulicherweise auch die Antwort, daß man bereit sei, das Material entgegenzunehmen und im Sinne der Volksbühne zu verwerten. Dar Postversand von Prospekten wurde besonders in diesem Lahr«zonzt durch ein- systematisch« Aerbreitung der Weicheblätter durch unmitteDar von der Volksbühne beauftragt« Helfer, die sich für eine„Werbet olonne" gemeldet hatten. Bei Dutzenden van Zusammenkünsten, Erntefesten der Laubcnkolonisten. sportlichen Veranstaltungen usw. erschienen Trupps dieser„Werbekolonnc", um die Prospekte zu verteilen. In den letzten Wochen trat bei festlichen Veranstaltungen zu der Verteilung der Prospekte auch die Ausgabe fteiner Pergamentblätter mit einem Propagandaausdruck, hie sich mis wenigen Haiidzriijeu in brauchbare Trinkbecher verwandeln lassen. Gerade diese„Bccherblätter" fanden viel Gegen- liebe. Nicht nur die Jugend, für die sie eigentlich bestimmt waren, riß sich darum, solch praktisches Spielzeug in die Hand zu bekommen. Lleber hundert Werbeversammlungen. Im übrigen war die Propaganda der Volksbühne in diesem Jahr mehr als je darauf gerichtet, die Werbung mit Hilf« des ge- druckten Wortes durch eine Propaganda des gesprochenen Wortes zu unterstützen. So enthielten die Briese an die be- freundeten Organisationen, an die Abteilungsleiter der Partei usw. auch stets die Anfrage, ob etwa Vorträge gewünscht würden— Vortrage nicht nur über Wesen und Bedeutung der Volksbühne, auch über allgemcirtsre Themen, soweit sie die Möglichkeit boten, den Wert der Volksbühne mit zu behandeln. Auch wurden Referenten angeboten, die kurze Ansprachen zu halten breit wären. Aus Grund der Antworten, die einliefen, wurden schon bisher an 100 Vcrsamm- lungen mit Rednern beschickt. Freiwillige Helfer aus der„Werbe- kolonne" begleiteten meist die Redner, um anschließend an ihre Aus- fichrungen gleich M iigli sd eraus n ahme n vorzunehmen. Zahlreich« weitere Vorträge und Ansprachen sind noch für die nächste Zeit vor- gemerkt. Und noch einen Schritt weiter ist die Propaganda der Volks- bühne in diesem Jahr gegangen. Immer bewußter versucht sie, das gedruckte und gesprochene Wort auch durch lebendige Vor- f ü h r u n g c n zu unterstützen. Wo größere Feste befreundeter Organisationen durch Umzüge eingeleitet wurden, ließ.die Volksbühne wirkungsvolle Gruppen mit bunten Pyramiden, Transparenten und Dutzenden wehender Fahnen mitinarschicren. Der„R a st" wurde eröffnet durch Sondei Vorführungen befreundeter Sportler, die dieses Material erstmalig zeigten. Wiederholt suchte die Volksbühne das Interesse von Festbesuckzern cinzusangen: bei Führungen des „Butab" durch die Vauausstellung wurde das Schafschurjest aus Shakespeares„Wintermärchen" im Freien aufgeführt, bei Siedler- festen zeigten die Schauspieler des Theaters am Bülowplatz gelegen!- lich auf improvisierter Bühne Shaws„Schlachtenlinker". Anläßlich der Verfassungsfeiern ließ die Valksbühne einen besonderen Prolog schreiben, der in knappen Versen, anknüpfend an den F est- tag der Republi k, den Dialog zweier Arbeiter über die Bs- deutung von Theater und Volksbühne bringt. Bei zehn Ver- fasfungsfeiern gelangte dieser Prolog in hübscher Ausmachung durch drei von der Voltsbühne ausgerüstete„Truppen" zur Aufführung. Am Schluß jedesmal«in kleiner Sprechchor„Hinein in die Volksbühne!" und eine auffliegende Wolke gelber Prospekte. Die Reihe dieser„lebenden" Propagandomaßnahmcn ist noch nicht abgeschlossen: die nächsten Wochen werden Gelegenheit bieten, noch hier und dort durch einen Umzug oder eine Ausführung aus die Volks- bühne aufmerksam zu machen. Hinein in die Volksbühne sagen auch wir. Es braucht nicht besonders gesagt zu werden, daß eine solch« Propaganda nicht nur eine Unmenge Arbeit, sondern auch keinen geringen Aufwand an Geldmitteln erfordert. Wie wird nun in diesem Jahr ihr Erfolg sein? Immerhin gelang es der Volks- bühne schon jetzt, nicht nur den größeren Teil der bisherigen Mit- glieder wieder um ihre Fahne zu sammeln,, sondern auch mehrere Tausend Neuausnahmen zu machen. Freilich, die 60 000 Mitglieder. mit denen der„Organisativnsplän" rechnet und rechnen muß, stnd noch nicht beisammen. Die nächsten Wochen müssen noch eine ganze Reih« von Umtauschmeldungen und Beitrittserklärungen bringen... Ja, sie m ü s s«n I Denn die Volksbühne darf nicht in die Ge- fahr geraten, daß sie im neuen. Spieljahr wieder mit Verlust arbeitet. Sie muß in die Lage gesetzt werden, trotz oller Ungunst der Zeit ihr« wichtige künstlerisch« Mission zu erfüllen und den werktätigen Massen besonders jene Werke nahezubringen, aus denen sie Kraft und Antrieb für ihr Ringen um Ausstieg, um«in« Höher- entwicklung der Gesellschaft gewinnen können. Die Volksbühne ist eines der wichtigsten Bollwerke der Arbeitertnltur. Jeder denkende Arbeiter hat die Pflicht, sie zu stützen. Ihr Pro- gramm für das neue Spieljahr ist aber auch so verheißungsvoll wie nur möglich. Jeder, der sich anschließt, wird auf seine Kosten kommen. Die innere Umorganisation, die jedem Mitglied weitgehende Wahl» f r e i h e i t unter Abteilungen der verschiedensten Art sichert, die Einführung halber Beiträge für Erwerbslos« und anderes mehr sollte ebenfalls dazu beitragen, die noch abseits Stehenden in großer Zahl der Volksbühne zuzuführen. Verschließe sich temer der Wer- bung. wenn die Volksbühne an ihn herantritt! Weithin muß in den nächsten Wochen die Parole klingen:„Hinein in die Volksbühne!" Kannst du singen? Der Berliner Schubert-Chor(Mitglied des DASB.) bittet uns um Veröffentlichung folgenden Aufrufes: Kannst Du singen? Dann singe mit im Berliner Schubert- Chor, Mitglied des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes. Hermann S ch e r ch e n, mit dessen Führung in den Nachkriegsjahren der Auf- stieg de» Berliner Schubert-Ehors begann, übernimmt ab 1. Eep- tember wieder die Leitung des Chors. Als sein Assistent wirkt neben ihm der au» seiner Schule hervorgegangene Kapellmeister Helmuth Koch. Die heutige Zeit oerlangt engsten Zusammenschluß und kulturell leistungsfähige, starke Chöre als Waffe im Klassen- kämpf der Arbeiter. Werdet Mitglied des Berliner Schubert-Chors! Anmeldungen werden in den Uebungsstunden, Dienstags von ö— 10 Uhr, in der Aula der Werner-Siemens-Oberrealschule, Bad- ftraßs 22, entgegengenommen. Eine Handtasche verloren. Genossin Martha G e s s n e r, Weber- straße 62, verlor am 17. August aus dem Bahnhof in Biesdorf eine Handtasche. Der Inhalt bestand aus dem Parteibuch, einem Bund Schlüssel und 60 Pf. Kleingeld. Der Finder wird gebeten, Parteibuch und Schlüssel der Verliererln wiederzugeben. Ait-Verlln. Di« nächste Führung durch die vergcssenen Winkel de« ältesten Berlin veranstaltet da« BeckrkSamt Schbnebcrg unter der be- währten Leitung de« Schriftsteller« Georg Bamberger am Sonntag, bem ?3. August. Treffpunkt 16.30 Uhr aus dem Spittelmarkt, Ausgang Unter- grundbahn. Teilnahm« 56 Ps. Aus der Partei. Die lschechische Sozialdemokratie hat in dar«rst«n Hälfte dieses Jahres 324 neue Lokalorganisationen gegründet, deren Zahl von 4206 auf 4623 gestlegen ist, also monatlich um 54 neue Organisationen. Die Zahl der entrichteten Mitgliaderbei- träge ist in der gleichen Zeit von 881 383 um 108 236 gewachsen. Vor der Spaltung im Jahre 1020 hotte die Partei 4727 Lokalorgani- sationcn, am 30. Juni 1931 aber 4623, also nur um 104 Organi- jationcn weniger,___________ Einsendungen für diese Rubrik find Berlin SB W, Lindenftraße 3, partemachnchten�Mi für Groß-Berlin stet» an da» Bezirk-setretariat 2. Hof. 2 Treppen recht», zu richten Beginn aller Veranstaltungen 1S2b Uhr, sofern keine besondere Zeitangabe? Heule. Sonnabend, 22. August. t. Krci». Heute in den cSrsnmtränmen de» Saalbau Friedrichahain. Am Friedrich-Hain 1»— 23, graßc» Sommersest unter Mitwirkun, der Freien Turnerschaft Sraß-Breli«. Eintritt S« Pf.«arten find noch bei den Be. zirtisiihrern zu haben. ZNorgen, Sonntag, 23. August. 92. Abt. Junge Parteigenossen! Fahrt nach Bernau. Treffen 7 Uhr Bah». hos«oiscr.Friedrich-Siraßc. 108. Abt. czemillliche, Beifaimnensein der Eenoffen auf dem Eiche-Sporiplah, Wenbenschloßstragc.«ein Unlostenbeitrag. Arbeilsgcmeinschasl der lUndersrennde(Brofe-Bctlln. «rei» RcutSlln. Kruppe Falke. Rote Falke». Fahrt nach Falkenhoest. Treff- Punkt Uhr Bahnhof«oiser-Friedrich-Strahe. Iunqfalien. Fahrt nach Brieselang. Tressen um 7U Uhr Bahnhof Kaiser.Frictirich-Straftc. üst Pf. Brieselang. Treffen um 7U Uhr Bahnhof Kaiser. Friedrich.� trabe.■/) mitbringe». Nestfalten. Fahrt»ach den Gofencr Bergen. Tresspuntt um Uhr out Hertzbcrgplah. 40 Pf. Tie Fahrt findet morgen, Sonntag, statt. «reiz Frjcdrich«hain. Eonntag, 23. August, Falken fahrt nach WohHeide- Friedrichohagen. Alle Pkilwirtcnden beim Spiel, und Sparttag müssen er- scheine». Tresse» 8 Uhr Schlefischer Bahnhof, koste» für Restfalkc» lö Pf., alle a Niere» 23 Pf. End« gegen 20 Uhr. Sruppe Landsberger Platz. Sonntag, 23. August, Fahrt nach Fried-riche- Hagen. Treffen 7',4 Uhr Faltcnecke. kosten für Nestfatten 13 Pf., alle anderen W Pf. 1 SozialistischeArbetterjugendGroß-VerNn Einsendungen für diese Rubrik nur an das Ingendfekretarlat Berlin SW 08, Lindenstrahe 3 Tie Abendkundgebunq unsere, Reich»juqcndtagr» in Fraatsurt am Rain mirb heute oon 22>- bis 23 Uhr durch den Sübwesddeuischen Rundfunk iund vielleicht anch noch durch einige andere Sender) übertragen. Ferner bringt der Siidn-estdaulsche Rundfunk morgen oo» lg b» ll'i Uhr eine Internationale Jugendstunde, in der ausländische Grirppcn Mit Liedern und Rezitationen das Programm bestreiten werden. Mittwoch. 2. September, Sunbgebung„Segen Bälkethoh und VSlleroer. hetznng, für Verständigung mit Frankreich und der Weit". Alles Nähere folgt. heule, Sonnabend. 22. August: Zchlendarf: F-ltfahrt nach Throw. 20 und 22 Uhr Bahnhof Lichterfelbc. Oft.— Britz: Fahrt. 17! i Uhr Jahn. Ecke Rudawcr Strohe.— Neukölln IV und IX: 18 Uhr Bahnhof Neukölln. 1 M. Ihnkosten. Morgen, Sonnlag. 23. August: Neukölln I und V: Fahrt, g Uhr Reuterplatz.— Neukölln VII: Fahrt. t\!j Uhr«MS. 00 Pf. Unkosten.— Rahl-dorf: Fahrt«ach Strausberg. 6(4 Uhr Bahnhof Mahlsdorf.________ Vorträge, Vereine und Versammlungen Reichsbanner„Schwarz-Rot-Gold". Sefchäkt» stell«: Berlin 6. 14, Eebastianstr. 87—38. Sol 2. Tr. Zleulilln-Britz(Srtsoerein). Sonntag, 2Z. August, Autofahrt nach Dabendorf. Abfahrt pünktlich g llhr Schönftedtftratze, Rathaus Rculilln-Britz(Ortsoerein). Sonntag, 23. August, Autofahrt nach Abfahrt pünktlich» Ü&rWWAWWWHAWlWHW�W� Neukölln. 4. Kameradschaft. 9!i Ubr Britz, llhausseestraß«, am Rathaus. Fahrt- dosten 1 M. Erwerbslose und Lehrlinge frei.— Prenzlauer Berg(Iungbanner). Sonnabend. 22. August, 10!» Uhr, Zufanunenkunft aller Obleute bei«lng. Danziger Str. 71. Verhinderte Kameraden entsenden Vertreter. Wichtig« Mit- tetlungen und Materialausgabe.-- Wedding iSchufo-Adleilung). Sonntag, 23. August. Fabrt nach Friedrichsfeld«. Abfahrt oom U-Bahnhof Gesund- heunnen'i'i Uhr. Blocklriter sorgen für Einladung.— Neukölln. Britz f4.«ameradschaft). Montag. 24. August, 20 Uhr. Fugversammliingen: Fug Ott» Braun im Lakai Buschtrug. Rudower Straße. Referent: Hau, Turß. Thema: Aus der preußischen Berwältung. Fug«arl Deoering im Lokal Tnstram, Bürgcrstraße 48—49. Referent: Anion Fischer. 2. Zug. Iungbanner. 20 Uhr Zugpersaeninlung bei Stolze, Böhmische Str. 43—44. Touristeupcrcin»Di« Naturfreunde", Ortsgruppe Berlin. Beisetzung oo» Hans Tafsier heule, 17'� Uhr) im Krematorium Baumschulenweg. «rbeiterAbstinenten.Bund. Bezirk-gruppe Schillerpark. Sonnabend,£cn 22. August, 19 Uhr, im öchrador-caal, Malplagueistr. 14, Sonnnerfest unter Mitwirkung der SAI., der Arbeiterßportlcr und-fllnger und des Arbeiter- reztlators Genossen Hoffmann. Eintrittspreis so Pf.(ohne Nachzahlung für Tanz). Bund Entschiedener Schulreform«!. Einladung zur pädagogischen Arbeits- gcmeinfchafi am Montag, dem 24. August, 19% Uhr, Kochftr. 13(ZciHenfaal). Thema:»Die Jugend in der Sackgasse" iWaldemar Zeltncr). Allgemeine Wetterlage. ©wnltcenlottO hoUvr.O halb bedeckt 0 wolkig, 9 bedeckt* RegeitAGraupsln ne6=Nebel/'KGewittec©Windstille Auch am Freitass bestand in ganz Deutschland stark wolkiges und ziemlich küdlee Wetter. Die Temperaturen erhoben sich nir- gends über 21 Gra». In Schlesien und om Rhein blieb das Th«r- mameter svssar meist unter 17 Grad. Während es jedoch im Osten vielfach trübe war und teilweis« leicht regnet«, herrschte im übrigen Reiche veränderliches Wetter mit verbreiteten, meist leichten schauern. Da sid) das mit seinem Kern über der südlichen Nordsee befindliche Tief nur langsam ostwärt- verlagert, so werven auch in den nächsten beiden Tagen ozeanische Winde unser Wetter b«- stimmen. Ein neuer Schwall noch etwa« kühlerer Luft nähert sich zur Zell unserem Gebiet. wettcroussichlcn sür Berlin: Wechselnde, meist starke Pe» wölkung mit einzelnen Schauern, noch etwas kühler, bei böigen Winden aus westlichen Richtunge».— Für Deutschland: Im Osten meist trübe mit Regcnsällcn: im übrigen Deutschland veränder- lidya Wetter mit verbreiteten Reaen schauern, besonders im Nord- wcsten des Reiches. Ueberall kühl. Theater, Lichtspiele usw. ) 9/ ( Staats Theater SlaatsopBr Unter den Unden. Wied rbeglnn am Sonntag, 23. Aug. 7� Uhr: Ab.-Vorst 321 Die aEauberfittle. KartenvorTcrkauI ab Mittwoch. StaatLSdiaiispieUi. 1 Schiller Theater Gendarmenmarkt.| Charlottenbnrg. Wiederbeginn der Verstellungen jjn�jtormaborid�i�e�iujusrt 0.15 Uhr Flora 3434 Raudieo erlaubt Barbette! HofsMnger-Sextett, Bourlakoff- Truppe, Syd-Fox, LasTuriaSjConche-Franskyusv. Sonnabend und Sonolag je 2 Vorsteltongeo 4 und 8" Uhr. 4 Uhr Kleine Pr. Alexanderplatz Neue Königstr.43 SIOTTERK Wichtige Heilschrift kostenlos. fi.Naediel, Berlin-Charlotienb, DahlmannstraBe 24 Barbaroua 925« 1 Tägl. 5 u.«1/2 U. j Barto&Mannl Tina Dlcller Weinlraubs Dack Shing Walter Nllsson u. weitere Neuheiten plAZa Tlgllch 5 und Sit tonnt. 2, s u.ste „Um 9 Uhr mufifchindie Kaserne!" mit Fritz Servo« MONNA. TYMQA DRESSLER&ERA kits groSe Frograon staut. Oper Charloltenburg Bismarckstraße 34 Turnus IV/ Anfang 20 Uhr Angelina. Theater desWestens Tägl. 5 u.«>/. Volksvorstellungen Viktoria und ihr Husar Billigster PI. 0.50 M Teuerster PI. 2.— M. Rorförstendamm- Theater Bismarck 448/49 �SVtJJhrJ Die schöne Helena bbn fdcqaesonenbaili Reale; Vax Retahardi Komische oper Friedrichstr. 104 S'/j Uhr Frauen haben das gern... MusIkRl. Schwank von Arnold Musikv. Walt. 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Den Mitgliedern zur Aennlnis, baß unser iangjähriger Bunbesgenosse Qustav Kusse nerstotbcn ist. v«. Vor»l»»d. Beisetzung siehe Porteinachrichten. Unser ollseito geehrter unb-ge» achteter Mitarbeiter unb Kollege, der Expedient kmU Meißner ist nach schwerem Kranfenlager am 20. August im 53. Lebensjahre»er- starben. Ein Mann mit schlidvtem Wesen. Pflichttreue unb Gerechtigkeilssinn hat seine Augen siir iminer ge» schlössen. Alle Kollegen unb Genossen, die bcn Verstorbenen lannten, schätzten ihn insolge seines vornehmen Charallers. ieincr Hiissbereitschaft unb Zuverlässigfeit. Dem viel tu srith Dahingeschiebenen tverbcn wir ein ehrendes Gebenien bewahren. Berlin, den 21. August 1931. GesdiBfisleitung und Personal der Vorvarts-Budidruikerei. Trauerfeier: Dienstag, den 25. August, 19 Uhr, im Krematorium Gerichlstratze. Hsckruk. .Am Donnerstag, dem 20. August, verschied plötzlich nnd unerwartet unser Heber Freund und Kollege Gustav Busse im Alter von 81 Jahren. Er war Gründer der Lohgerberorganisation in Berlin und lange Jahre Mitglied unseres Verbandsvorstandes, davon eine ganze Reihe von Jahren zweiter Verbandsvorsitzendor. Bis zum letzten Tage hat er stets in uneigennütziger Weise für unsere Organisation und die Arbeiterbewegung gewirkt Wir werden ihm ein dauerndes Andenken bewahren. Der Verbandsvorstand, h. Mahler. Die Einäscherung findet im Krematorium Gerichtstraße am Montag, dem 24. August, 18 Uhr, statt. — Große Traurinß-labriK- verkauft fugenlose Trauringe direkt an Private 1 Ring 333gestcmp.n urC.SObis 7.50 Mk 1 585, leicht 8,—. 1_ 585. mittel 11.50 1 585 schwer 15.75 1 900 leicht 15.50 „-„I 900 mittel 20.50 Ratalug gralij i 900_ schwer 27.-" Earantieschein. Gravieren gratis sofort 2. Mitnehmen N, ArllllerleslraBe 30 w, Passaver Str. 12 S. Kotlbasser Damm 2 Ges. geschützt Herinaiin Wiese Und iff Dein erlaub nodi fo Klein, im Caiesdiftncbcrd mufti Du gewefen fein! Inhaber: Wolfgang Grunge, Hauptltrafje 23/24 Am 20. August 1931 verstarb an den Folgen eines Schlaganfalles der Geschäftsführer i. R. August ge.. Gustav Busse im 82. Lebensjahre. Seit Bestehen der Gewerkschaftshaus G. m. b. H. deren Geschäftsführer,' galt seine Sorge und seine Lebensarbeit insbesondere der Betreuung der reisenden Handwerksburschen, denen er ein nie versagender Helfer und Berater war. Jahrzehntelang hat Vater Busse gemeinsam mit der vor 2 Jahren verstorbenen Mutter Busse in unermüdlicher und aufopferndster Weise dafür gesorgt, daß seine Schutzbefohlenen bestens untergebracht und verpflegt wurden. Hunderttausende erinnern sich gern der vorbildlichen nnd segensreichen Tätigkeit des alten„Herbergsvaters Busse" der diese Bezeichnung in des Wortes bester Bedeutung verdiente. Die Gewerkschaftshaus G. m. b. H. verliert in Vater Busse einen Mann, dessen ganzes Leben den Interessen des Hauses galt und der in seiner Betätigung für das ihm anvertraute Gewerkschaftshaus ein leuchtendes Beispiel treuester Pflichterfüllung gegeben hat. SeinName galt in der Geschichte des Berlin er Gewerkschafts hau 30s viel, sein Andenken wird in aller Zukunft in Ehren gehalten werden. Aufsichtsrat und GeschSftsleitung der Gewerkschaftshaus G.ni.b.H. Die Einäscherung erfolgt im Krematoriran Gerichtstraße am Montag, dem 24. August 1931, um 18 Uhr. Becteutende ErmSBigung der Kurtaxe ab 1. September. Vers3um»n Sie nicht tfit weh-berühmten Naturwunder des Harzes 'Rübeländer Tropfsteinhöhlen fertnannshöh'eu.Baumannshöf� in Rubeland, Harz zu besichtigen. I Gute Unterkunft in Hotels Otigi» nal-Brennabor-Bal. lonräder 85.—. Machnow, Weilt» meisterstr. 14. |HauiBesüclie| Kahnaebisse. DIatinabkälle Quecksilber. kiinn- Metalle, Silber- schmelze. Goldschmel» zerei. Ehristionat. KLvenickerstraße 33. Salteftelle Adalbert. itraße. Hämo Rundfunk- Empfänger kaust Schubert. Webt Ina. Norden 85, Post- lagernd. üer- semedenes Detettivbüro Staschel. Ehaussee- straße 77. izeen» sprecher Wedding 7888. Beobachtun- gen. Ermittelungen. Auskünfte allerorts. Reichsreform mit Reichskrach. Höpker-AschoffS �Vorschläge" eine Indiskretion? Der„Demokratische Zcitungsdienst" hatte am Donners- tag in großer Aufmachung Auszüge aus einem Artikel wieder- gegeben, die der preußische Finanzminister chöpker-Aschoff im „Deutschen Volkswirt" veröffentlicht. In diesem Artikel sind als„Vorschläge" des Verfassers auch gewisse Verwaltungs- reformen— Zusammenlegung preußischer mit Reichs- Ministerien— behaildelt und deren Durchführung aus dem Wege der Notverordnung empfohlen. ' Die Veröffentlichung Höpker-Aschoffs wird nun im Reichsministerium des Innern— und nicht nur dort— als eine Indiskretion empfunden. In Wirklichkeit— so wird gesagt— seien die wesentlichsten dieser„Vorschläge" einem Referentenentwurf entnommen, der in letzter Zeit Gegenstand vertraulicher Beratungen auf beiden Seiten der Wilhelmstraße, also sowohl im Reich wie in Preußen, ge- wesen ist. Hierzu läßt uns Herr Höpker-Aschoff folgende Erklärung übermitteln: Der Aufsatz des preußischen Finanzministers bringt keine Der- ösfcnilichung des Refereatenentwurf» de, Reichsinnenministeriums. sondern erwähnt nur einige Bestimmungen dieses Eni- murfs, die(ich mit den Beschlüssen der Länderkonfereirz decken. Der preußische Finanzminister empfiehlt in seinem Aufsatz keineswegs eine Verabschiedung der Reichs- reform durch Notoerordnung. Sein Dorschlag geht viel- mehr dahin, zur Vorbereitung der Reichsreform eine Derständi» g u n g zwischen dem Reich und Preußen über Derwaltungsgemein- ichaftcn auf gewissen Gebieten herbeizuführen und dies« Verwal- lungsgemeinschoften bei der Rot der Zeit durch Rotverord- nu n g zu ermöglichen. Der„Demokratische Zeitungsdienst", der dem preußischen Finanzminister parteipolitisch doch sehr nahe steht und durch Verbreitung dem Aufsatz erst eine größere Beachtung ver- schafft hat, verteidigt nun Höpker-Aschoff, indem er die obige Erklärung geradezu widerlegt: Der von Höpker-Aschoff im„Deutschen Volkswirt" mitgeteUte Eniwurf des Reichsinuenministerium» gliedert sich in zwei Teile, in die Aenderung der Reichsverfassung und in die Ueberleitung..- Es war feit einiger Zeit bereits bekannt, daß die Fragen der Verwaltungsvereinheitlichung sehr ernsthaft erörtert wur- den. Die Bemerkung Otto Brauns in der Verfaffungs- seftnummer des„Vorwärts" über die Bereitwilligkeit Preußens, einer solchen Reform die Wege zu bahnen, betonte nur, was in den Reichsministerien nicht unbekannt war. Eine Veröffentlichung aber, die Höpker-Aschoff als„Privatarbeit" vornimmt, ist nicht gerade geeignet, die Verhandlungen zu erleichtern. Auch wenn man den gemeinsamen Schritt der Hugenberg- und Hitler-Abgeordneten in Preußen, die die so» fortige Einberufung des Landtags wegen drohender„Zer- schlagung Perußens" fordern, als eine parteipolitische H a r l e k i n a d e ansieht, muß man doch sagen, daß der Ruf nach der Nowerordnung in diesem Falle alle vernünftigen Vereinbarungen über den Haufen werfen könnte. Wenn das nicht geschieht, so hat der preußische Finanzminister das sicher nicht auf sein Konto zu buchen. Herabsetzung der Pensionsgrenze. Die Sparaktion in Hamborg. Hamburg, 21. August.(Eigenbericht.) Der Senat hat der Hamburger»ürgerschast tm Zusammenhang mit der kürzlich eingeleiteten Sparaktion eine Gesatzesoorlage zu- gehen lasten, die die P« nsi on»g r« nze für die Beamten auf 63 Jahr« herabsetzt. Ferner wird festgelegt, daß die sür die Staatsangestelltei, übliche Versorgung aus dem Ruhegeld- gesetz und aus der hamhurgifchen Angestellte rrncrfichcrnng nicht erst mit der Vollendung des SS., sondern schon mit der Vollendung des 63. Lebensjahres eintrete» kann. Die Hamburger Bürgerschaft wird die Vorlage mn 26. August annehmen. Schwerindustrie und Hauszinssteuer. Was ist es mit dem bevorstehenden Wirtschastsprogramm? Der Zweckoerband der niederrheinischen Industrie- und Handelskammern hat zur Durchführung des bevorstehenden Wirt- schaftsprogramms der Reichsregierung folgende Anträge unter ausführlicher Begründung an den Reichskanzler gerichtet: Senkung der Hauszinssteuer um den bisher für W o h- nungsbauzweckc verwandten Teil. Bei der gegen- wärtigen Finanznot kann die Verwendung öffentlicher Gelder für den Wohnungsbau im bisherigen Ausmaß nicht mehr verantwortet werden. Mit Rücksicht auf die Tatsache, daß«s heute nur noch Aus- gäbe der Gemeinden sein kann, für die sozial schwächsten Schichten den notwendigsten Lebensbedarf zu decken, entsällt die Notwendig- keit, Ländern und Gemeinden künftig au» dem Hauszinssteuer- auskommen für Wohnungsbauzwecke Mittel zur Verfügung zu stellen. Zur Erfüllung der noch verbleibenden Aufgaben müssen die Rückflüsse aus den Hauszinssteuerhypotheten ausreichen Darüber hinaus ist auch der für Finanzzwecke bestimmte An- teil der Hauszinssteuer fühlbar zu senken, was durch Sparmaßnahmen bei Ländern und Gemeinden zu ermöglichen ist. Ungeachtet dieser Vorschläge hält der Zweckverband an seiner seit Jahren vertretenen Forderung nach völliger Beseitigung der Hauszinssteuer nach wie vor fest. Doch ist dies« ein Bestandteil de, endgültigen Finanz, und Lastenausgleich, und als solcher erst damit zur Entscheidung zu bringen. Die Anträge dieses Handel, kammerzweckverbande» von Ruhr und Rhein wird mau als den Willen der Schwerindustrie betrachten dürfen. Gegenwärtig ist Herr D r. v ö g l e r in verlln. Man wird den Anträgen deshalb eine besondere vedenluag zu- Ichreibea dürfe«. Möglich, daß das politische Aeqnivalent eine« Elsenpreissenkung beraten wird. Daß der Zweckverband van dem „bevor st ehenden Wirtschaft, Programm" spricht— woher weih man da» an der Ruhr?—, erscheint uns besonders be- achtlich. Sollte sich die Vesfentlichkeit ans Ueberraschungen gesaßt machen müssen?_ Am Tage nach der bulgarischen Thronrede, die Aufrechterhal- tung von Ordnung und Sicherheit ankündigt«, wurden in der Haupt- l. stadt Sofia Mei Mazedonier in ihrem Hause von Unbekannten durch Revolverschuste schwerverletzt. Abb et Krim, der Führer des langwierigen Riffkabylenaufstan- des, soll nach einem Madrider Gerücht, da, Reuter verbreitet, von der ostafrikanischen Insel Reunion, wohin er von Frontreich ver- bannt wurde, entflohen sein: man befürchte einen neuen Marokko- Aufstand, zumal das spanisch« Heer unzuverlSstig und kommunistische LMatum am Werte s-s. Die Sudelküche. , Haben Sie geschrieben: Wie uns der Verband der Bahnschuhpolizisten mitteilt, find die D-Zugs-Attentäter Reichsbannerleute?� , Sollten wir nicht doch noch mal anfragen, ob das wirtlich wahr ist.� ,Wo wollen Sie anfragen, der Verband der Bahnfchuhpolizisten existiert doch gar nichts Ernste Krise in England. Konflikt zwischen Regierung und Gewerkschasten. London, ZI. August.(Vige«beruht.) Die Krise der Regierung Mnedonald hat sich in» Lauf« deck Abereds bedeutend zugespitzt. Der Vorschlag einer zehnvrozentigen Erhöhung der Zölle ist im Kabinett enbgiiltig abgelehnt Wörde»». Die entschiedene Ablehnung der soziale« Eparmatz- nahmen deck Kabinetis durch die Gewerkschaften hat dazu geführt, daß einzelne Minister sich mit dem Gedanken trage«, zurückzutreten, falls das llabürett sein« vor- schlüge nicht entsprechend abändert. Zunächst sollte das Kabinett nützt vor Montag wieder zusammentreten. Angesichts der Zuspitzung der Lage wollte jedoch Macdonald heute abend ein« neue Kabinetts- schling abhalten. Da aber verschiede»»« Mitglieder nicht mehr erreichbar waren, mußte er sich damit begnügen, eine außerordentliche Kabinettckschnitg auf Gonnabeud- vormittag 9.30 Uhr einzuberufen. Der konservative Führer Baldwin kehrt heute abend in aller Eile aus Paris noch London zurück. Hochspannung in England. London. 21. August. Die innerpolitisch« Lag« hat sich infolge der ableh. nenden Haltung des Gewerkschaftzratss zu den Regierungsvor- schlägen im Laufe des heutigen Tages derart verschärft, daß allenthalben die Möglichkeit eines Rücktritts des Kabinetts Macdonalo erörtert wird. Das Kabinett hat seine heutige Sitzung am Nochmittag beendet, ohne daß bekannt geworden wäre, warum die Besprechungen vertagt wurden. Reuter weiß zu berichten, « sei ausgefallen, daß mehrere Minister mit sehr besorg» tem Gesicht von der Sitzung, gekommen seien. Er meldet weiter, daß die Regierung mit sehr ernsten Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Arbeiterpartei rechnen müsse. Die Zlbendprefle ergeht sich in Kombinationen darüber, wie die Dinge ihren Lauf nehmen würden, wenn Macdonald nicht imstande sein sollte, die Lage zu entwirren. So schreibt„Evening Standard", es sei wahrscheinlich, daß Baldwin als Führer der zweitgrößten Partei vom König mit der Regierungsbildung be> auftragt würde, falls Macdonald zurückträte. Und dies sei der einzige Weg. der Macdonalo blieb«, wenn er nicht etwa ver- suchen wollte, sein Programm gegen einen Teil seiner eigenen Partei»nit konservativer und liberaler Unterstützung durchzu- drücken. Ein Kabinett Baldwin, so argumentiert das Blatt weiter, müßt« entweder als Minderheitsregierung aufgezogen werden, die für die Beratungen über die finanziellen Notftandsmaßnahmen der Unterstützung Macdonalds und Lloyd Georges sicher sein müsse. Oder aber, es würde als K o a li rto n s r c g i e ru n g Bald-- win-Macdonald-Lloyd Georg« ins Amt kommen. Keine dieser beiden Regierungen hätte freilich viel Aussicht, den augenblicklichen Notstand zu überdauern. Aller Wahrscheinlichkeit nach würden «och vor Zahre»ende Neuwahlen stattfinden. Daß vom Rat 0es Gewerkschaftskongresse» beschlosten wurde, die Entscheidung über die Notstand-mahnohmen der Regie- rung, bi» zum Zusammentreten des Gewerkschaftskongresses am 7. September aufzuschieben, Hab« die politische Krise nur noch weiter verschärft. Wie„Evening Standard" erfahren haben will, soll der Generalrat der Gewerkschaften die Regierung davon in Kenntnis gesetzt haben, daß er unbedingt gegen die geplanten Sparmaßnahmen sei. Es soll der Regierung inoffiziell mitgeteilt worden sein, daß die Gewerkschasten einen Finanzzoll der Einschränkung der Sozialfürsorge oder einer Abänderung der Unterstützungssätze vor- ziehen würden. Der liberal« und freihändlerisch eingestellte„S t a r" will misten, daß die Liberalen mit den Vorschlägen des Kabinett» im allgemeinen einverstanden seien. Es würde auch nicht schwer fallen, die von den Konservativen erhobenen Einwände zu überbrücken. Di« Gewerkschaften hätten gewiss« Alter- nativvorschläge ausgearbeitet, die«inen Finanzzoll jedoch nicht enthalten sollen. Da» Blatt fordert den Rücktritt de» Kabinetts und Neuwahlen. Mussolinis Zeitelungen. Mit dem Kriegckmacher Berchtold und Vechta, für Habckbvrg Prag, 21. August.(Eigenbericht.) Der sozialistische„P r a v o L i d u" meldet, daß der Bruder d«, italienischen Ministerpräsidenten, Arnolds Mussolini, Chef- redakteur eines Malländer Faschistenorgans, kürzlich längere Zeit bei dem habsburgijchen Außenminister und Kriegsmacher Berch- told auf Schloß Buchlau in Mähren war. Der Aufenthalt sei streng geheimgehalten worden, schltehlich aber dadurch belannt g«. worden, daß Mussolinis Frau erkrankt fei und der Arzt gerufen werden mußte. Mussolinis Bruder soll vor dem Besuch bei Berchtold in Ungarn gewesen sein und sich bei Lethlen für die Aus- rufung der Monarchie mit dem Habsburger Otto aus- gesprochen haben. Der Habsburger soll eine italienische Prinzessin heiraten._ Kuliurkamps in Spanien. Veräußerung von Kirchengütem verboten. Madrid. 21. August.(Eigenbericht.) Die Regierung hat durch Dekret den B e r k a u f und jede weitere hypothekarische Belastung der Kirchen, Klöster und anderer religiöser Institute verboten. Die monarchistische Zei- tung„Nation" fragt unter Bezugnahme auf den Erlaß der Regie- rung, ob Spanien im Begriff steh«, die Beziehungen zum Vatikan abzubrechen. Reichsgarantie auch in Aegypten! Dresdner Bant übernimmt Orientbank-Nlialen. Der Kreis der Banken, für deren Einlagen das Reich die Garantie übernehmen muß. wird innner weiter. Vor einigen Wochen hatten die ägyptischen Filialen der Deut- schen Orientbant A.-G., Berlin, die Schalter schließen wüsten. Di« Deutsche Orientbant wurde bisher kontrolliert von der Dresdner Bank und der Donot-Bonk. Jetzt wird bekanntgegeben, daß die Dresdner Bank die ägyptischen Filialen der Orientbank über» nehmen wird. Sie wird ihnen die erforderlichen Beträge über- weisen, damit sie die Schalter wieder öffnen können. Man hofft, daß die Gläubiger der Bank mit Abziehungen zurückhalten werden. Diese Geschäftsausdehnung der Dresdner Bant erfolgt„mit Billigung des neuen Großaktionärs, also der Reichsregierung". Letzten Endes muß also der deutsche Steuerzahler auch für die risikoreichen Filialgründungen deutscher Privatbanken im Auslande geradestehen. Ein Beweis mehr für die Notwendigkeit der Banken- tontroll«. Kaffeetausch gegen Weizen. vi« brasilianisch« Regierung Hot mit der zuständigen amerito. nischen Bundesbehörde«inen festen Vertrag abgeschlossen, auf Grund dessen sie berechtigt ist, l 050 006 Sack Kaffee gegen 26 Millionen Bushel Weizen einzutauschen. Zunkprogrammaustausch Amerika Sowjetrußlaud, jedoch nur musikalischer Darbietungen, ohne Politik oder Propaganda, ist oerei» Kart worden«od soll am S. Oktober beginnen. Die Frau in der Krise. Wie stehen die Arbeiierinnen zur Gewerkschast? Cs ist eine alte gcwerksck)aftlicho Erfahrung, daß die a n- u n d ungelernten Arbeiter viel schwerer für die Organisation zu gewinnen sind, als Facharbeiter. Noch bedeutend schwieriger ist es, Arbeiterinnen von der Notwendigkeit des gewerkschast- lichcn Zusammenschlusses zu uberzeugen. Es scheint aber auch hier sich ein Wandel zu vollziehen. Beim Verband der Buchbin der, dessen Gcsamtmitglied- schaft sich aus etwa zwei Drittel weiblichen Mitgliedern zu- sammensetzt, ging im vorigen Jahre die Zal)l der weiblichen Mitglieder um 341(5 oder 8,6 Proz. auf 36 454 zurück, die der m ä n n- liehen dagegen nur um 363 oder 1,9 Proz. auf 18341. Im Fabrikarbeiterverband mit etwa ZI Proz. weib- lichen Mitgliedern sank die Zahl der weiblichen Mitglieder um 19161 oder fast 10 Proz. auf 92 436, die der männlichen aber nur um 17 984 oder knapp 5 Proz. auf 348 991. Die Zahl der weiblichen Mitglieder ging im Textilarbet- tcrverband um 13 958 oder fast 8,2 Proz. aus 156 952 zurück, die der männlichen um 6529 oder 5,2 Proz. auf 119 622. In dieser Organisation sind etwa 60 Proz. der Mitglieder Frauen und Mädchen. Im Tabakarbeiterverband dagegen, wo die weiblichen Mtglieder fast S0 Proz. der Gesamtmitgliedschaft ausmachen, sank deren Bestand nur um 1127 oder 1,9 proz. auf 56 729, bei den Männern um 571 oder 3,4 Proz. auf 15 S14. Bei den graphischen Hilfsarbeitern sind etwa 63 Proz. der Gesamtmitglicdschaft Arbeiterinnen. Der Bestand an weiblichen Mitgliedern ging im vorigen Jahre um 1745 oder 6,7 Proz. auf 24272 zurück, und der der männlichen Mitglieder um 673 oder 4.5 Proz. auf 14317. Der Bekleidungsarbeiterverband hat fast zu gleichen Teilen männliche und weibliche Mitglieder. Der Bestand seiner weiblichen Mitglieder sank im vorigen Jahr um rund 4000 oder 10,9 Proz. auf 32800 Mitglieder, der der männlichen um 3700 oder 10,2 Proz. auf 32 500. Der Metallarbeiterverband verlor im vorigen Jahr 2697 weibliche Mitglieder oder rund 3,7 Proz. der gesamten weib- lichen Mitgliedschaft, die zu Ende des vorigen Jahres 68 304 Mit- glieder betrug. Die Zahl der männlichen und jugendlichen Mit- glieder ging um 22 168 oder rund 2,5 Proz. auf 872 274 zurück. Zm Hutarbeiterverband, wo fast zwei Drittel Frauen sind, ist fast gar kein Mitgliederverlust eingetreten. Man sieht, die Bewegung ist nicht einheitlich. Offenbar bleibt die Frau ihrer Organisation auch in der Krise treu, wenn sie keine (oder keine ebenso lohnende) Aussicht hat, in einem anderen Beruf unterzukommen.(Tabakarbeitcr,.Hutarbeiter.) In der Großstadt dagegen bestehen für die Frauen, die durchweg ungelernte oder angelernt« Arbeitskräfte sind, immerhin allerlei Möglichkeiten, die Beschäftigungsart zu wechseln. Es ist daher auch hier schwieriger, sie an die Organisation zu fesseln. Es kommt noch hinzu, daß bei Verheirateten, wo Mann und Frau arbeiten, das trifft be- sonders in der T e x t i l i n d u st r i e zu, die Verheirateten zuerst ent- lasten werden und dann eben nur mehr„Hausfrauen" sind. Die Rationalisierung, die auch in der Krise nicht stillsteht, hat nicht nur viele Arbeiter, sondern auch Taufende von Arbeiterinnen brotlos gemacht. In manchen Industrien besteht für be- Der Internationale Textilarbeiterkongreß hat am Freitag sein« Arbeiten abgeschlossen und damit eine Tagung beendet, die für die Textilarbeiterbewegung Europas einen Schritt vorwärts bedeutet. Klärung und Kräftigung— sie sind der moralische Ge- winn der Tagung. Das Ergebnis der Beratungen wurde in einer Reihe beachten«- werter Willenserklärungen zusammengefaßt. An der Spitze dieser Willenserklärungen steht ein Aufruf an die Textilarbeiter und -arbeiterinnen aller Länder. „hinsichtlich der Rationalisierung ist der Kongreß zu der Auffassung gekommen, daß die organisierten Textilarbeiter diese ebensowenig verhindern können, wie die Arbeiter vor Jahrzehnten die Einführung und Verwendung der Maschine aushalten konnten. Um aber die Folgewirkungen dieser neuen Me- thode der Betriebsführung, der Arbeitslosigkeit, der Kurz- arbeit und dem Lohndruck entgegenzuwirken, fordert der Kongreß die Verkürzung der Arbeitszeit auf sieben Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich. Der Kongreß macht es allen angeschlossenen Organisationen zur Pflicht, für diese Forderung bei jeder sich ergebenden Gelegenheit einzutreten und durch Erreichung sozialpolitischer Schutzmaßnahmen die Schäden der Rationalisierung abzuschwächen." In der L o h n f r a g e fordert der Kongreß eine z u v e r- lässige Lohnstatistik sowie die regelmäßige Erfassung der Preise aller lebensnotwendigen Bedarfsartikel zum Zweck eines internationalen Austausches zur Unterstützung der Lohnbewe- gungen. Den Landesorganisationen macht er zur Pflicht, den Kampffonds auszubauen, um einen guten Ausgang kommender Kämpfe zu sichern. Eine Entschließung zur Frage der Arbeitszeit mißbilligt das System dauernder oder vorübergehender Ueberstunden. Im Interesse der Gesundheit und des Familienlebens der Arbeiterschaft solle die Arbeitszeit in die Tagesstunden von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends fallen, und nur dort, wo der Arbeitsprozeß aus tech- nischen Gründen eine Unterbrechung der Arbeit nicht zulaste, könne der Schichtarbeit zugestimmt werden. Das bereits im Manifest an die Textilarbeiter gestreifte R a- tionalisierungsproblem wurde vom Kongreß noch in einer besonderen Entschließung beleuchtet. Er erklärt darin: So- weit durch Arbeitszeitverkürzung die jetzt vorhandene Arbeitslosig- keit nicht behoben werden könne, seien alle Verbände verpflichtet, innerhalb ihrer Länder für eine ausreichende öffentliche Arbeits- lose»unter st ützung einzutreten. Ebenso müßten sie jede übertriebene Arbeitsintensivierung bekämpfen. Das Sekretariat werde beauftragt, alle notwendigen Unterlagen einzuholen, damit die zulässige Belastung des einzelnen Arbeiters in einzelnen oder allen Branchen der Textilmdustrie fest- gestellt werden könne. stimmte Spezialarbeiterinncn überhaupt keine Bcschäftigungsaussicht mehr. Nur einige Beispiele mögen diese betrübende Tatsache be- leuchten. Die Einführung der Jndexschraubenautomaten in der Metallindustrie schaltet für immer einige hundert Schrauben- dreherinnen aus ihrem Beruf aus. Wo früher 24 Schraubendreherinnen an Schraubenbänken standen, und dazu noch mindestens drei Facharbeiter als Ein- richter, stehen jetzt drei Schraubcnautomatcn, die unter der Aufsicht eines einzigen Einrichters die gleiche Arbeits- leistung vollbringen, wie vordem die 24 Schraubendreherinnen und 3 Einrichter. In der Zigarettenindustrie werden durch die Einführung von Packmaschinen allmählich die Hand- packerinnen überflüssig, desgleichen durch die Löse- Maschinen in den Tabalabteilungen die Handzupferinnen usw. Ii, der Kartonnagcindustric ist eine ganz erhebliche Zahl von Arbeiterinnen durch die Einführung des Fließbandes ersetzt worden, ebenso auch in den G r o ß b u ch b i n d« r e i e n. Die Technisierung in der Bekleidungsindustrie hat ebenfalls viele weibliche Arbeitskräfte brotlos gemacht. Alle diese Arbeite- rinnen haben kaum noch Aussicht, jemals wieder in ihrer Branche Arbeit zu bekommen und gehen infolgedcsten der zuständigen Organisation verloren. Die Hauptursache jedoch ist, daß es den meisten Arbeiterinnen an K a m p f g e i st und Selb st vertrauen mehr mangelt als den Männern. Die Gewerkschaftsarbeit ist eine Arbeit aus lange Sicht, die Zielklarheit und Fähigkeit zur Grundbedingung hat. Die Arbeiterin kennt zumeist nicht die Geschichte der Gewerkschafts- bewegung. Es fehlt ihr die Einsicht, die sich ein großer Teil der männlichen Gewerkschaftsmitglieder durch Kurse, Versammlungen und vor allem durch ihre gewerkschaftliche Tätigkeit erworben hat. Die Eigenart des Frauengemüts äußert sich am besten darin, daß in fast allen Verbänden mit starker weiblicher Mitgliedschaft die meisten Arbeiterinnen an Kursen, bildenden Veranstaltungen und dergleichen sich selten zahlreich beteiligen. Sie übertragen ihren männlichen Arbeitskollegen die Zunktionärposten, machen sie auch sonst im Betriebe zu ihren Fürsprechern, als ob die Gewerkschaften Einrichtungen von Männern seien. Zu dieser Teil- nahmslosigkeit trägt oftmals auch das Verhalten der Arbei- t e r in den Betrieben bei, die in den Arbeiterinnen eine unerwünschte Konkurrentin sehen. Wenn man sie schließlich auch noch für die Organisation zu gewinnen sucht, so hält man es nicht für nötig, sie icher den Sinn der Gewerkschaftsbewegung aufzuklären und sie da- durch an die Gewerkschaft zu fesseln. Auch im Familienkreise mangelt es vielfach an der nötigen Aufklärungsarbeit: das Verbands- buch des Familienhauptes wird oftmals als eine Art Familien- paß angesehen, der für alle gilt. Nicht zuletzt ist die politische Zer- rissenheit der Arbeiterschaft, der gehässige Meinungsstreit in den Be- trieben und vor ollem auf den Arbeitsnachweisen ein Grund dafür, daß die Arbeiterinnen ihrer Organisation eher untreu werden als die Arbeiter. An der Beseitigung dieser Mängel zu arbeiten, ist beson- ders die Pflicht der Männer. Die Lage der Kunstseidenindustrie und ihrer Arbeiter wurde am letzten Verhandlungstag durch ein Referat von S ch ö l l e r- Deutschland und einigen wertvollen Ergänzungen von S p e a k- England und P ö h l m a n n- Deutschland eingehend be- sprachen. Von ollen Rednern wurde über das schlechte Orga- nisationsoerhältnis der Kunstseidearbeiter geklagt. In allen Ländern das gleiche Bild: die Kunstseidebetriebe liegen meist in etwas entlegenen Gegenden, und infolgedessen sind die Belegschaften, die sich stark aus weiblichen Arbeitskräften rekrutieren, durch Agitation nur schwer zu packen. Der stürmische Auf- stieg der Kunstseideproduktion hat eine Reihe von neuen Fabriken aus dem Boden gestampft, die heute zum Teil stilliegen. Dazu kommt eine unerhörte Leistungssteigerung, so daß z. B. an vielen Punkten heute für die gleiche Produktionsmenge, die früher von ZOO Arbeitern hergestellt wurde. 100 Arbeiter ausreichen. Die Folge dieser Dinge sind Lohndruck und Arbeitslosig- keit. In der Frage der organisatorischen Erfastung der Kunstseide- arbeiter erklärt der Kongreß in einer Entschließung, die Fabrik- arbeitervcrbände hätten kein Recht, die Arbeiter der Kunstseide- Industrie zu beanspruchen. Die Kunstseide sei ein Textilprodukt und die zu ihrer Herstellung tätigen Textilarbeiter gehörten dem- zufolge zu den Textilarbeiterverbänden. Der nächste internationale Textilarbeiterkongreß soll 1934 in der Schweiz stattfinden. Der Sitz der Textilarbeiterinternatio- nale bleibt in London. S a m y n- Belgien, der am letzten Verhandlungstag die Be- ratungen leitete, schloß den Kongreß mit einem Wort herzlichen Dankes an die Organisatoren der Berliner Tagung. Wenn die Internationale in drei Jahren in der Schweiz zusammentrete, dann müste ihre Mitgliederzahl, die jetzt 900 000 betrage, die erste Million überschritten haben. Ungarn müsse dann wieder angeschlossen und Italien vom Joch des Faschismus befreit sein. Aufhebung des Ikachtbackverbois? Ein Guiachten des Zieichswirtschastsrats. Ein kombinierter Arbeitsausschuh des R e i ch s w i r t s ch a f t s- r a t s hatte zu der Frage der Auflockerung oder Auf- Hebung des Nachtbackoerbots gutachtlich Stellung zu nehmen. Der Ausschuß war e i n st i m m i g der Anschauung, daß eine Aufhebung des Nachtbackverbots nurdannin Frage kommen könne, wenn dadurch eine wesentliche Verbilligung des Brotpreises herbeigeführt wird. Ob solche wesentliche Preisermäßi- gung gesichert erscheine, darüber waren die Meinungen allerdings geteilt. Dagegen fand ein Antrag, in allen Väckereibetneben We Vorbereitungsqrbetten für dl« Brot» und Brötchen- Herstellung schau um S Uhr morgens beginnen zu lassen. eine Mehrheit. Mit großer Mehrheit wurde ein weiterer An« trag angenommen, daß das die Vertriebsspesen wesentlich erhöhende Verbot des Ausfahrens vor dem Beginn der Verkaufszeit aufgehoben wird. An dem Verbot des Verkaufs der Backwars vor 7 Uhr wurde einmütig festgehalten. hier handelt es sich sicherlich n i ch t um ein salomonisches Urteil. Sicher ist jedoch, daß die Befürworter der Aufhebung des Nacht- backvcrbots für die Großbetriebe über den Mehrheitsbeschluß nicht erfreut sein werden. Es ist eingetreten, was wir vorausgesagt haben und was leicht vorauszusehen war. Der Vorschlag, die Vorbereitungsarbeiten ganz allgemein schon um 3 Uhr morgens beginnen zu lasten, ist praktisch nichts anderes als eine Beseitigung des Nachtback- Verbots besonders„zugunsten" der Kleinbetriebe. Wenn der Ar- beiter in einer kleinen Bäckerei schon um 3 Uhr morgens zur Arbeit kommen muß, was bleibt dann noch vom Nochtbackoerbot? Von einer rationellen Ausnutzung der Großbetriebe ist über- Haupt nicht die Rede. Gegen eine derartig reaktionäre Maßnahme kann nicht scharf genug Einspruch erhoben werden. Die üblichen Lügen. Man schließt von Rußland auf Deutschland. Die kommunistische Presse, die die Aufgabe hat, die Ohnmacht und Untätigkeit der KPD. und ihrer NGO. durch allerlei Gc- flunker und Verleumdungen zu verdecken, hat in dem schwersten aller Konflikte, den die Gemeindearbeiter jemals durchzufechten haben, nichts anderes zu sagen gewußt, als über den Gesamtverband und seine Vertreter herzufallen. Im besonderen natürlich über die Sozialdemokraten überhaupt. Wer hört da noch hin? Das dümmste und tiefstehendste Blatt Berlins, die„Welt am Abend", erzählt nun, daß Genosse O r t m a n n, der Berliner Beooll- mächtigte des Gesamtoerbandes, auch Mitglied des Reichsarbeitgeber- Verbandes sei und dessen Verhandlungskommission angehöre. Die Mehrheit dieser Kommission setze sich im übrigen aus Sozialdemo- traten zusammen. Selbstverständlich ist die eine wie die andere Behauptung aus den Fingern gesogen. Solche merkwürdigen Verhölwisse sind wohl in S o w j c t r u ß l a n d an der Tagesordnung. Vorläufig leben wir aber noch nicht in Sowjctdeutjchland. Einmal hin und einmal her... Rechtsherum, das ist nicht schwer. Die Augustnummer der GdA.-Zeitschrift fließt in allen Tönen schmelzender Gefühlsseligkeit und Sonne im herzen über vom Reichsjugendbundtag. Was sich aus dem überfchweng- lichen Wortrausch als die Linie erkennen läßt, die man dieser Ju- gend als Marschziel weist, sieht, wie die Zeitschrist„Der freie Angestellte" mitteilt, so aus: „Fackelzug. 5000 Flammenträger schritten durch die Stra- ßen. Am Kriegerdenkmal, in seiner Schlichtheit und Einfachheit «inez der schönsten Deutschlands, standen Fackelträger zur Seite der schwarz rotgoldencn und der schwarz weiß- roten Fahne. Wohl gab es etliche, die uns einreden wollten, dieses doppelte Fahnensymbol wegzulassen. Aber in uns lebt der Geist, der das Alte ehrt und das Neue will. Unter den schwarz- weißroten Fahnen haben die Krieger für Deutschland gekämpft und den Tod gesunden. Aus internationalen Kongressen wird jeöe Abordnung aus einem anderen Lande mit ihrer Fahne g- grüßt. Sollten wir unseren Kriegern aus dem Tatenlande diese Ehrung versagen?" Unter diesen Wechjelfahnen sammelt man also die Jugend, d. h. man Hot sich für die jungen Leute, für die Schwarzrotgol» nicht zieht, jetzt auch die andere Couleur zugelegt. Fürwahr, ein herzliches Symbol für die sicher« Zielsetzung des GdA., wie geschaffen für die begeisterungsfähig« Unbcdingtheit der jungen Generation! Wäre es nicht eine lohnende Aufgabe, wenn sich der GdA. dieses„doppelte Fahnensymbol" als Bundessahne anschaffte? „Vorbestellt". Oer neueste Llnfug auf den Arbeiisämtern. Immer mehr häufen sich die Klagen, daß Arbeitslose bei der Arbeitslosenversicherung äußerst mangelhaft abgefertigt werden. Zum Stellen des Unterstützungsantrages wird der einzelne bis zu fünftnal „vorbestellt", d. h. er muß immer wieder kommen, weil das über- lastete Personal die Arbeit einfach nicht mehr schafft. Wie lange noch glaubt die Reichsanstalt den Arbeitslosen eine derartige Ab- fertigung bieten zu können? Wie lange noch wird man mit der Gesundheit der Angestellten auf den Arbeitsämtern Raubbau treiben? Die langsame Abfertigung auf den Arbeitsämtern erklärt sich ganz einfach aus einer unfähigen Personalleitung bei der Reichs- anstalt. Man hat in der Personalstelle die Richtlinien für die Arbeitsämter herausgegeben, daß Personal nur nach der Ziffer der unter st ützten Arbeitslosen eingestellt werden darf. Jedes Arbeitsamt hat eine sogenannte M e ß z i s f c r und auf diese Meßzifser das sogenannte Stammpersonal. Für je weitere 225 unterstützte Arbeitslose darf das Amt dann automatisch eine neue Kraft einstellen. Und hierin liegt der Unsinn. Der unter- stützte Arbeftslose erscheint tatsächlich erst dann in der Statistik, wenn er Geld bekommen hat. Arbeit macht ober nicht die Aus- Zahlung der Unterstützung, sondern die Bearbeitung des Unter- stützungsantragcs. Bei steigender„Konjunktur" in den Arbeitsämtern werden infolge der Warteze.iten und Sperr- fristen die Auswirkungen der Anträge statistisch durchschnittlich erst zwei Wochen später erfaßt, als tatsächlich die Bearbeitung er- folgt ist. Personal und Publikum leiden unter dieser Maßnahme gleicher- maßen. Nur leider gibt das Publikum in vielen Fällen dem Per- s o n a l schuld an der langsamen Abfertigung. Beider Interessen sind gleichlaufend. Beide wünschen eine bessere Abfertigung des Publikums, die nicht stattfinden kann, weil die Personalleitung von der Praxis entweder keine Ahnung hat oder sich so stellt, als hätte sie keine. ©Iugendgruppe des Zentralverbandes der Anqesiciiten Spiel« im?rei«n ab Iii Uhr auf dem Sportplah Hunidaldthoin und iu> Seiiillerpaie.— Äleldet cueli für d>« BzllsMIHneuabtalung für die arbeitend« Jugend im Jugendfelretariat.— Sioedost U: Juoendheim Rasten- durger Str. 16, Zimmer 3. Wandern und Schauen. Berantmortlich für Politik: Vietoe Schiff: Wirtschaft: E. ÄHnflelhöfet; Gcwerlschaftsbeweauna: I. Stetncr: geuilletoni Dr. Jahn Schiiou-rti: uofol« und Sonftiflts: Arid Karstadt: ttnieiqrn: Th. Glocke: sämtlich in ZVrlin. Verlan: Vorwärtz-Verlaa®. m. b. 6., Setiin. Druck: Vorwärto-Buchdruckerei und Verlaasanstalt Paul Sin»er u. Co.. Berlin SB 68. Lindensrrahe 3. Vier,» 2 Deilaaea. GeM RaselispzHms � d-, w Mw-aoM-* Nichtige für meine Zäune. Nach ''"--"uv—-aeu dreil.tallgem Gebrauch blendend Zähne, trotjbem Durch sielcs stauchen orautt utib unFdion wirüs.l. Ich»erbe nichts anderes mehr gebrauchen, als ChlorodoiU." B.. Sorst Bera. ----«.«NWi Kampffront der Textilarbeiter. Abschluß der Berliner Tagung.