ErscheinttSglich anßerEonntag«. Zugleich Abendausgabe des„Vorwärts". Bezugspreis beide Autgaben 8ü Pf. pro Woche, 3,K0M. pro Monat. Redaktion und Expedition: BerlinSWe8,Lindenstr.3 Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 SfiadaaLgaSe xlei n\joiWtLf46 Anzeigenpreis: Die einspaltigeNonpareillezelle 80 Pf., Reklamezeile S M. Crinäßigunaen nach Tarif. Postscheckkonto: VorwartS-Verlag G. m. b. H.. Berlin Nr. S7 536.— Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor? Die Arbeiterregierung gestürzt seRUds Mittag 24.Allgllst 1931 10 Pf. Ar. 394 B 192 48. Jahrgang Widerstand der Gewerkschaften- Macdonald wird eine Koaliiions- regierung mit Konservativen und Liberalen bilden \*' L Sonüott, 24. August. DaS Arbeiter-Kabinett Macdonald ist zurück- getreten. Offiziell wird' aus dem Buckinghampalast mitge- teilt, dast die Bildung einer nationalen Regierung in. Ausficht genrnnmen ist. Die Kabinettssitzung dauerte nur bis 42.30 Uhr. Als mehrere Minister beim Verlassen der Amts- Wohnung des Premierministers nach dem Stand der Dinge befragt wurden, antworteten sie nur:„Es ist alles vorüber» wir sind zurückgetreten." Reuter meldet, daß Macdonald das nationale Kabinett bilde» wird. In der neuen Regierung wer- de« Konservative und Liberale sitze». Baldwin und andere Parteiführer haben ihre Zustimmung hierzu erteilt. Soziale und Finanz-Sründe. ■'■' London, 24. August.(Eigenbericht.) Der Generalrat der Gewerkschaften hat inzwischen nochmals seine Auffassung zur Situation schriftlich fixiert und der Oesfenlichkeit de» kannt gegeben. Er lehnt eine Kürzung der Sozialleiswngen ab, die keine Befferung, sondern nur eine Verschärfung der wirtschaftlichen Lage bringen.. Aus der City wird unterdessen immer mahnender einheitliche Antwort nicht fand. Der eine Teil sah d i e G e- fahren, die der Arbeiterklosse Englands und der ganzen Welt aus einem Sturz des Kabinetts drohten, so groß, daß er, um sie zu vermeiden, zu weitgehenden Zugeständnissen den. Insbesondere schuldet das deutsche Volk der Ar-. beiterregierung Dank für die Arbeit, die sie geleistet hat, um die Rheinlandräumung im Haag durchzusetzen, um den Hoooer-Plan durchzuführen und ihm auch sonst in seiner Jlbfchied bereit war. Der andere schätzte die Gefahr, die für die Ar- beiterbewegung entstand, wenn die Arbeiterregiernng schein- bar etwas gegen die Arbeiter tat, noch höher ein. Die Frage war zu schicksalsschwer und die Meinungen über sie waren zu geteilt, als daß �es möglich gewesen wäre, eine Entscheidung durch Mehrheitsbeschluß durchzubiegen. Ein Teil der Minister war zum Rücktritt entschlossen, wenn das Kabinett mit dem Sparprogramm, so wie es war, ernst machte. Damit war das Kabinett innerlich zerbrochen und reif zum Rücktritt. Die Situation, in der sich das Kabinett Macdonald zuletzt befand, erinnert an die letzten Tage der Regierung Her- mann Müller. Allerdings war damals die Wirtschafts- krife noch nicht weit fortgeschritlen: die Möglichkeit, einer eigentlichen Entscheidung' auszuweichen, noch größer. Man kann aber wohl sagen: Wäre die Regierung Hermann Müller damals noch geblieben, so wäre sie mit dem Fortschreiten der Wirtschaftskrise in eine ganz ähnliche Lage geraten wie jetzt die englische Arbeitcrregierung. Für jede sozialistische Arbeiterpartei ist es selbftverständ- lich, daß ihr Regieren oder Mitregieren den Zweck hat, die Lebensverhältnisse der arbeitenden Massen zu bessern. Kommt aber eine Wirtschaftskrise dazwischen, so setzt für die Lebenshaltung der breiten Maijen eine rückläufige Tendenz ein, die mit dem Fortschritt der Krise immer stärker wird. Ihr gegenüber ist die regierende oder mitregierende Arbeiter- Partei in eine Abwehrstellung gedrängt und zur Preisgabe nicht mehr zu haltender Positionen genötigt. Schließlich kommt zwangsläufig der Augenblick, in dem die Belastung zu groß und die. Krise unvermeidlich wird. Die zweite Regierung Macdonald wird in der Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung einen ruhmvollen Platz behaupten. Was sie als Bollwerk der Demokratie in der ganzen Welt und als Kraftzentrale einer den Frieden und die international e Zusammenarbeit för- dernden Außenpolitik bedeutet hat, das wird man vielleicht erst richtig bemerken, wenn andere die Plätze Mac- doualds und Henderjons eingenommeu haben wer- schweren Lage behilflich zu sein. Was darüber hinaus der Rücktritt der Arbeiterregierung für die ganze Welt be- deutet, dessen wird man gewahr,'wenn man nur an die Abrüstungskonferenz erinnert, als deren Vorsitzender Henderfon in Ausficht genommen ist. Nicht nur das Schicksal dieser weltwichtigen Konferenz erscheint jetzt noch dunkler als zuvor. Es ist vielmehr zu besorgen, daß alle reaktionären und nationalistischen Kräfte in der ganzen Welt aus dem Sturz der Arbeiterregieruyg neue Ermutigung ziehen werden. In Deutschland können wir das sehr bald zu spüren bekommen. Höchste Wächsäm- keit und Wehrbereitschaft ist darum Pflicht. Die großen Verdienste der Regierung Macdonald werden durch die tragischen Umstände ihres Sturzes nicht vermindert. Denn die tragische„S ch u l d", wenn von einer solchen ge- sprachen werden kann, liegt nicht bei den Männern dieser Regierung, sie wird von uns allen mitgetragen! Das Problem, an dem sie scheitert, hat internationale Bedeutung: jede sozio- listische Partei, die der Macht nahekommt, ist gezwungen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Nun soll, wie die letzten Nachrichten besagen, eine „nationale Regierung" gebildet werden, an der Konservative und Liberale beteiligt sein sollen und als deren Vorsitzender Macdonald genannt wird. Wie diese natjo- nale Regierung das Problem lösen soll, an dem die Arbeiter- regierung gescheitert ist, kann man sich einstweilen noch nicht vorstellen. Auch ist die Bildung einer solchen Regierung eine Ausnahmemaßregel, die nur durch die äußerste. Rot gerechtfertigt werden kann. Ihr Zustandekommen wäre schon an sich ein K r i s e n z e i ch e n höchster Ordnung. Die Vorgeschichte. London, 24. August. Zu der neuesten dramatischen Wendung in der innerpolitijchen Krise schreibt„Daily fiera-ld": Der Rücktritt des Kabinetts steift bevor. Dieser Beschluß wurde gestern abend gefaßt in- folge akuter MmmngsvcHchtedenhcften wegen des unter Druck mm darauf hingewiesen, daß die e n g l i s ch e W ä h r u n g v o r a u ß e r- ordentlichen Gefahren stcht. Tatsache ist, daß der erst vor wenigen Wochen in Paris aufgenommene Sli-Millionen-Pfund-Kredit bereits nahezu erschöpft ist. Das Pfund konnte in den letzten Wochen nur durch starke Stützungen gehalten werden. Dies« Stützungen werden fortgesetzt werden müssen, wenn man das Pfund nicht gefährden will. Das bedeutet, daß England gezwungen ist, bald neue Kredite im Ausland auszunehmen. Unter diesen Umständen ver- langten die Führer der Konservativen und der Liberalen am Sonntag in der mitternächtlichen Besprechung mit Macdonald nochmals große Einsparungen am Sozialetat und Kürzungen der Unter- stützungsbezügc. * Der Sturz der englischen Arbeiterregierung ist ein wahr- Haft tragisches Ereignis. Durch die Wirtschaftskrise war das Kabinett Macdonald vor eine Frage gestellt, vor der es kein Ausweichen gab: Sollten die Arbeiterminister die un- vermeidlich gewordenen Ersparnisse auf K o st c n des Sozialetats selber vornehmen und sie dadurch vielleicht milder gestalten, als sie nach einem Regierungswechsel aus- fallen würden, oder sollten sie sich weigern, eine solche ihrer ranzen grundsätzlichen Einstellung widersprechende Aufgabe zu übernehmen, und damit die politische Krise herbeiführen? Es liegt in der Natur dieser wahrhaft tragischen Frage, daß das Kabinett uah&& hinter ihm fteheude Kartei eine Unrh der SiabinellsfUsung rerlaffen die illiiiifler Maus fDotvning Street 10, den Süss des ttliniSterpräfidenten.'ton links nach rechts: Staals- fekrelär./Idamfott, Jhificn minister Menderfon, George JCansburjf undTomirillimiis (Silhrer der Gewerkschaften) 3. Stamfay lUacdonnld außen gemachten Vorschlages einer Verminderung der Arbeits- lojenunterstützung um zehn Prozent. Unter den Kabinetts- mitgliedem, die ihre Zustimmung zu einer solchen Verminderung unbedingt oerweigern, sind der Staatssekretär des Aeußeren Henderson, der Präsident des chandelsamtes Graham, der Wohlfahrtsminister Greenwood, der Erste Lord der Admiralität Alexander, der Landrvirtschastsminister Addison und der Erste Kommissar ftir öffentliche Arbeiten, Lansbury. Das wahrscheinlichste Ergebnis der neuen Lage ist die Bildung einer konservativen Regierung mit garantiertem Beistand der Liberalen. Es besteht aber auch die Möglichkeit einer Koalitionsregierung mit Baldwin als Premierminister. Wenn ein Koalitionsministerium ge- bildet werden sollte, ist es möglich, wenn auch nicht wahr- s ch e i n l i ch, daß einige Mitglieder der Arbeiterregierung ihm aus Grund persönlichen Entschlusses für die Dauer der N o t p e r i o d e" beitreten werden. Der konservatwe Führer Baldwin und Sir Herbert Samuel, der während der Krankheit Lloyd Georges die Liberale Partei führte, sind ersucht worden, sich heute vormittag zum König in den Buckingham-Palast zu begeben. — Das Arbeiterblatt erklärt, in der Streitfrage über die Sparsam- keüsmaßnahmen habe zwischen der Konservativen und der Liberalen Partei vollständig« Einigkeit geherrscht, und Lloyd George habe von seinem Krankenlager aus fein volles Einverständnis mit der Haltung der beiden liberalen Führer, Sir Herbert Samuel und Sir Donald Maclean, bekundet.— In einem langen in großer Auf- machung erscheinenden Leitartikel erhebt„Daily Herald" Ein- sprach„gegen den selbstmörderischen Versuch, den Arbeits- : losen und den Arbeitern Geld zu entziehen", und sagt, eine solche Maßnahme werde die bestehende Depression nur noch verschlimmern. Oer bewegte Gonntag. London, 24. August.(Eigenbericht.) fv Der König hatte sofort nach seiner Rückkehr aus Schottland eine i. längere Unterredung mit Macdonald. Anschließend ließ sich der König aus Veranlassung Macdonalds von den Führern der Liberalen und der Konservativen deren Auffassung vortragen. Abends sieben Uhr. trat das Kabinett zusammen. Es befaßte sich hauptsächlich mit den Antworten der Liberalen und Konservativen � auf den neuen Sparentwurf der Regierung. Um Z-Zll Uhr abends begab sich Macdonald wiederum zum König, wo er nach einer ; Biertelstunde in die Kabinettssitzung zurückkehrte. Später hatte er ! eine Unterredung mit Baldwin, Chamberlain und Herbert Samuel. Es war seit dem Kriege und dem großen Generalstreik von 1326 das erstemal, daß das englische Kabinett eine Sonntagssihung abhielt. Die Anteilnahme des Volkes an der politischen Entwicklung ist außerordentlich stark. Große Menschenansammlungen standen am Sonntag sowohl vor dem Buckingham-Palast als auch in der Downing Street; der Rundfunk unterbrach am Sonntagabend alle halbe Stunde seine Unterhaltungsdarbietungen und verbreitete Mel- ! düngen über die Kabinettskrise. 22 Monate Labour-Negierung. i Das jetzt zurückgetretene Kabinett Macdonald war die zweite Arbeiterregierung in der Geschichte Großbritanniens. Sie war eine Minderheitsregierung, der etwa fünfzehn Stimmen an � der absoluten Parlamentsmehrheit fehlten, während das e r st e Kabinett Macdonold, das vom Januar bis Oktober 1924 am Ruder war, mur'tiber weniger als ein Drittel der Parlamentssitze verfügte. Diese zweite Regierung Macdonald wurde im Juni 1929 tm Anschluß an die allgemeinen Wahlen gebildet, bei denen die Kon- scrvativen, die fast fünf Jahre lang über fast zwei Drittel aller Parlamentssitze verfügt hatten, nicht nur die absolute Mehrheit verloren, sondern sogar um 20 Sitze schwächer zurückkehrten als die Arbeiterpartei. Das Zünglein an der Waage bildete die zahlenmäßig viel kleinere liberale Fraktion, die unter Führung von Lloyd George die Regierung grundsätzlich gegen die Konservativen unterstützte, :. diese Hilfe jedoch immer wieder möglichst teuer verkauft«. In mehreren Fällen erklärte Lloyd George sogar die ihm gemachten i" Zugeständnisse für ungenügend und versuchte, gemeinsam mit � den Konservativen, die Arbeiterregierung zu stürzen. Bei diesen Gelegenheiten aber rebellierten einige Liberale, die sich der Stimme s enthielten oder gar für Macdonald stimmten, so daß die Regierung �bisher alle Abstimmungsklippen im Parlament zu .überwinden vermochte. Wiederum waren einige Liberale mit �dcr Tolerierungspolitik Lloyd Georges gegenüber Macdonald unzu- Nfrieden und spalteten sich im Frühsommer 1931 unter Führung von Sir Jones Simon von der Lloyd-George-Fraktion ab. k- An inneren Konflikten hat es in der Arbeiterregierung !�«nd in der Arbeiterpartei wegen verschiedener Regierungsmaß- �nahmen ebenfalls nicht gefehlt. Abgesehen von der lii�ksradikalen �Maxton-Gruppe der Unabhängigen Arbeiterpartei, die der �Regierung besonders seit einem Jahr dauernd Schwierigkeiten be- rettete und vor Disziplinbrüchen schwerster Art nicht zurück- schreckte, mußten im Laufe der letzten anderthalb Jahre wiederholt Personalveränderungen im Kabinett vorgenommen �tverde». So trat der Unterrichtsminister Trevelyan zurück, weil er �Ajait der Abschwächung einer Schulvorlage, die auf Verlangen der �Liberalen vorgenommen wurde, nicht einverstanden war, ebenso viHußt I. H. Thomas seine ursprüngliche Aufgabe als Arbeits- bejchasfungsminister, die er mit nicht genügendem Erfolg durchführte, � gegen den Posten eines Staatssekretärs für die Dominien eintauschen. � Es sei auch an den Rücktritt des jungen ehrgeizigen Unterstaats- (:% fekretärs Sir Oswald M o s l e y erinnert, der bald danach mit lavier anderen Labour-Abgeordneten aus der Arbeiterfraktion aus- � schied und eine eigene Partei mit faschistischem Einschlag ins • Leben zu rufen versuchte. Endlich seien noch die dauernden Schwierigkeiten erwähnt, die das feudale, vom Aolke nicht gewählte Oberhaus der Arbeiter- regierung bereitete, indem fast jede Vorlage, die diese mit Erfolg im Unterhaus durchgesetzt hatte, von den konservativen Lords ent- weder stark verwässert oder sogar abgelehnt wurde, was eine er- hebliche Verzögerung ihres Inkrafttretens zur Folge hatte. Vom Wasserfall mitgerissen. Drei Menschen in einem Staubecken umgekommen. Stockholm. 24. August. Ein entsetzliche» Unglück, da» drei Menschenleben forderte, er- eignete sich gestern in einem Staubecken de» Elektrizitätswerke» karsesors bel Laholm in Südschweden. Ein Herr war mit zwei Damen zusammen in das seit einiger Zeit trockengelegte Recken hinabgestiegen, um die Anlagen zu photographieron. als plötzlich die Sch lenfe geöffnet wurde und eine gewaltige Master. menge die drei Menschen mit sich riß. Alle drei kamen in den �slntw um.> Wr......'v Reichstag der Lugend Gewaltige Kundgebungen in Frankfurt Frankfurt a. M.. 24. August.(Eigenbericht.) Der Reichsjugendtag der Sozialistischen Arbeiterjugend fand am Sonntag mit einer mächtigen Demonstratio» seinen Abschluß. Die gewaltige Schar von jungen sozialistischen Menschen, di« am Sontagnachmittag vom Opernplatz in Fransurt am Main durch die Hauptstraßen zum Stadion zog, war eine ein- zic« Manifestation für Frieden, Abrüstung und V ö l k e r v e r st ä n d i g u n g. Von Zchntausenden begrüßt, dcmon- strierten die jungen Arbeiter aller deutschen Gaue für Demokratie gegen Faschismus und Kriegsgefahr. Mehr als zwei Stunden dauerte der Zug. an dessen Spitze der Parteivorsitzende 5)ans Vogel und Paul Lobe marschierten. Mit ungeheurer Begeisterunc, wurde die junge Armee des Friedens und des Sozialismus bei ihrem Einmarsch ins Stadion begrüßt, wo bereits Tausende die Ränge der Arena füllten. Als Fanfaren den Beginn der großen internationalen Kundgebung ankündigten, waren mehr als 30 000 Menschen an- wesend. Zuerst sprach I. R. A l b a r d a, Amsterdam, der Vorsitzende der holländischen Sozialdemokratie und der gemeinsamen Ab- rüstungskommission des Internationalen Gewerkschaftsbundes und der Sozialistischen Arbeiterinternotionale. Er erinnerte die ver- sammelte Jugend daran, daß ihr in erster Linie di« Ausgabe zu- falle, den Friedensgedanken hochzuhalten und zu verteidi- gen, denn nicht nur in Frankreich und Italien, sondern auch in Deutschland seien viele Kräfte am Werke, deren herausforderndes Auftreten die Gefahren des Krieges in sich berge. In ähnlichem Sinne äußerte sich Karl Heinz, Wien, Bor- sitzender der Sozialistischen Jugcndintcrnationale, der in seinen Aue- sührungen u. a. auch auf di« enge Verbundenheit der deutschen und österreichischen Arbeiterjugend hinwies und Grüße von der blauen Donau überbrachte. Mit lebhaftem Jubel begrüßt, bestieg darauf Reichstagspräsident L ö b c die Rednertribüne. Er richtete sich in der Hauptsache an die Jugend, die er zum treuen Aushalten an dem sozialistischen Gc- danken aufforderte. Verständigung und Zusammenschluß sei für alle Werktätigen da? Gebot der Stunde. Denn die große Hoffnung, der Völkerbund, sei noch lange lein Bund der Völker, sondern höchstens ein Bund der Regierungen. Eine der Hauptforderungen der arbeitenden Bevölkerung sei die Abrüstung. Aus diesem Gebiete sei bisher trotz einer Ueberzahl von Derhand- lungen und Konferenzen so gut wie gar nichts erzielt worden, und erst, wenn die Völker die Abrüstung erzwungen hätten, sei der Weg zum wahren Frieden frei.„Wir stehen nicht allein in der Rot. Reben uns leiden Millionen, aber kämpfen auch Millionen gemein- sam für Freiheit und Erlösung. Als ich hierher marschiert bin. riefen mir zwei Kommunisten„Rot Front!" zu. Ich antwortete ihnen:„hier kommt sie, die rote Front. Seht diese Menschen, lauter Proletarierkinder. Es gibt keine größere rote Front als unsere Front!"(Stürmischer Beifall.) Die Kundgebung klang aus mit der Aufführung d«p Massen- festspiels„Das Weltenrad find wir", das von 600 Teil- nehmern des ReichszeUlagers Ramedij der Sozialistischen Ar- beitcrjugend unter starkem'Beifall aufgeführt wurde. Mit dem Gesang oer Internationale schloß die Veranstaltung. Hochwasser und Seuchen Schreckensnachrichten aus dem chinesischen Lleberschwemmungsgebiei ist den Bangtsc hin London, 34. August. Aus dem chinesischen Ueberschwcmmungsgebiet sind neue Schreckensnachrichten eingegangen. Von den Fluten des Yangtse sind infolge eines Deichbruches die Flüchtlingsbaracken in Wuchang(bei Hankau) fortgerissen worden. Hierbei sind etwa tausend Menschen umgekommen. In Hankau selbst stürzten am Sonnabend und Tonntag zwei weitere Hotels ein, wobei gleichfalls viele Menschen umkamen. Der chinesische Gesundheitsminister erklärte, daß die Bewohner in dem Gebiete von Hankau, die dem Hochwasser noch nicht zum Opfer gefallen sind an Typhus, Cholera, Malaria und Ruhr wie die Fliegen dahinsterben, und daß die Lag« von Stunde zu Stunde furchtbarer werde. Augenzeugen berichten, daß die Meldungen, nach denen Hunderttausende in den Fluten des Pangtse ertrunken seien, durchaus nicht übertrieben sind, und eine Regie- rungserklärung besagt, daß ein Drittel der Bewohner von Wuhan, dem dichtbevölkertsten von ganz China, ent- weder tot, hoffnungslos erkrankt oder dem sicheren Hungertode preisgegeben sind. Eine inter» nationale Hilfscxpcdition ans nach Hankau abgegangen. Der Sonderkorrespondent des Reuterbüros, der das lieber- schwsmlnungsgebiet in Hankau und Wutschang besucht hat, meldet erschütternde Einzelheiten über die dortige Lage. Nach seinem Be- richt sind mindestens 10 000 Personen zugrunde gegongen. 400 000 sind obdachlos. Dysenterie und Typhus fordern täglich neue Opfer, und die Aerzte fürchten, daß beim Zurückgehen der Gewässer schwere Epidemien ausbrechen werden. Einstweilen steigt der Fluh- s p i e g e l, der schon ungesähr 18 Meter über dem normalen Staird ist, noch unausgesetzt. In der Organisation der Ernährung der zahllosen hungernden und mittellosen Menschen sind bisher an- scheinend keine Fortschritte gemacht worden. Im Ehinesenviertel von Hankau stellte der Korrespondent fest, daß das Wasser drei bis fünf Meter hoch stand. Der Verkehr wird mit Hilfe von Kähnen, Dschunken und Motorbooten vollzogen. Tausend« von ein- stöckigen Häusern sind vom Wasser bedeckt, und täglich stürzen Ge- bäude ein. Die Militärbehörden haben Tausende von Flüchtlinzen wegen der Einsturzgefahr von den Dächern entfernt, aber Tausend« befinden sich noch dort und erwarten teilnahmslos ihr Schicksal. Unglücklicherweise hatte sich die abergläubische Vorstellung unter ihnen verbreitet, daß Hankau zum Untergang bestimmt sei, worauf ihre Apathie zurückzuführen sein dürfte. Oberleutnant Wendt geflohen. Scheringer Witt eine„Rote Armee" aufziehen. Slellin, 24. August.(Eigenbericht) Der ehemalig« Reichswehroberleutnant Mendt, der in dem Leipziger Reichswchrprozeß zu mehreren Monaten Festung oer- urteilt wurde und diese Strafe bereits seit mehreren Wochen in Gollnow verbüßte, ist am Sonnabendnachmittag von einem zwei- stündigen Stadturlaub nicht in das Festung-gebäude zurück- gekehrt. Man oermutet, daß er von Freunden mit einem Auto abgeholt worden ist und sich jetzt versteckt hält. In Gollnow scheinen überhaupt eigenartige Dinge vorzugchen. Dieser Tage wurden in der Zelle des ebenfalls zu mehreren Mona- ten Festung verurteilten Leutnants Scheringer, der inzwischen zur KPD. übergetreten ist, mehrere Briesabschriften gesunden, die Scheringer an aktive Reichswehroffiziere gerichtet hat, und in denen er die Bildung einer.roten Armee" in Deutschland propagiert. Scheringer hatte ursprünglich die Absicht, sich nach Verbüßung seiner Festungshast, die in etwa drei Wochen abläuft, nach Sowjetrußland zu begeben, um dort in die rote Armee ein- zutreten. Von diesem Plan hat ihn jedoch der inzwischen geflüchtete Ober- leutnant Wendt abgebracht. Scheringers Absicht war deshalb, in Deutschland selbst den Ausbau einer„roten Befreiungsarmee" in di« Wege zu leiten. In unterrichteten Kreisen spricht man davon, daß Scheringer nicht normal ist. «in Oelweiber bei Hugenberg. Hvssong gegen Knegk. Das Oelweib ist— in einer Novelle von Gottsried Keller— schmutziges Weib, dos immer verleumdet und denunziert. Friedrich Hussong sieht überall„Oeiwciber": Unsere deutsche Republik ist größer als Gottfried Kellers schweizerische. So haben wir denn auch mehr„Oel werber", die aus Gesinnungsjchnüfselci und Denunziation mit Lust ein un- sauberes Gewerbe machen, dtzs, wie die Geschichte lehrt, seit Jahr- taufenden eine Begleiterscheinung besonders der Demo- k r a t i e ist. Es ist wieder eimnol an der Zeit, im Interesse der öffent- lichen Sauberkeit auf die Gefahr hinzuweisen, die hier droht, die unser politisches Leben schon bis ins tiefste vergiftet und die ins- besondere dil dem Kongreß war überaus gereizt. Die Haldcnbestände belaufen sich auf über 314 Millionen Tonnen, eine in Belgien bisher noch nicht gekannt« Menge. Schon Izeutc wird in den belgischen Gruben durchweg nur noch Kurzarbeit geleistet. Wenn die Entwicklung so weitergeht, droht im belgischen Bergbau eine ungeheure Massen- arbeitslosigkeit. In der Aussprache spielte die K o h l e n e i n s u h r aus D e u t s ch l a nd, die in letzter Zeit stark zugenommen Hot, eine große Rolle, ebenso die gegenwärtigen Verhandlungen zwischen der belgischen Regierung»nd dem Deutschen Kohlensyndikat, die das Ziel verfolgen, die Einfuhr von etwa 2 Millionen Tonnen belgischer Kohle noch Deutschland zu gestatten. Der Kongreß- faßte einstimmig zwei Entschließungen: Für den Fall, daß die Verband- lungen zwischen der belgischen Regierung und dem Deutschen Kohlen- syndikat zu keinem Ergebnis führen, wird die belgische Regierung aufgefordert, die Einsuhr ausländischer Kohle mit einem Schuß- zoll zu belegen. Bezüglich der Kündigung der Tarifverträge durch die Zechenherren beschloß der Kongreß, innerhalb von 14 Tagen -ein« Urabstimmung der Bergarbeiter des ganzen- Landes darüber vorzunehmen, ob der Generalstreik proklätzstert wer- den soll. Bei der Stimmung der Arbeiterschaft muß mit Bestimmtheit mit einem Streikbeschluß gerechnet werden, sofern sich die Lage in den nächsten Tagen nicht wesentlich ändern sollte. Hundert bestohlene Bäckergesellen. Eine feit langem gesuchte Oiebestolonne verhastet. Nicht weniger als rund hundert Berliner Bäcker- gesellen sind von einer Diebeskolonne um ihr geringes Hab und Gut gebracht worden. Endlich konnte die Bande von der Polizei unschädlich gemacht werden. Bei Bäckermeistern in Schöneberg, Friedenau und Eharlottcnburg wurden während der Backzeiten in den Morgenstunden immer wieder Diebstähle verübt. Die Gesellen und die weiblichen Hilfskräste pflegen in einem besonderen Raum ihre Strahenkleider abzulegen. In den Taschen lassen die Männer die Geldbörsen, die Ausweispapiere und auch die Uhren, weil sie gegen die Arbeitskollegen und den Meister kein Mißtrauen hegen. Bei der Rückkehr von der Arbeit muhten die Gesellen jedesmal fest- stellen, daß nicht nur Geld und Wertsachen, sondern auch die Anzüge, Mäntel und Stiefel gestohlen waren. Die Art, wie diese Diebstähle ausgeführt wurden, ließ darauf schließen, daß unbedingt ein Bäcker dabei beteiligt war. Die Vermutung hat sich bestätigt. Die Kriminalbeamten machten den Führer der Kolonne und seine Helfershelfer am Wedding ausfindig. Der Führer ist ein 26 Jahre alter Bäckergeselle Georg R a d k c. Unter der Vor- spiegelung, daß er nach Arbeit fragen wollte, sah er sich in den Bäckereien die Gelegenheiten an und gab den Tip an 4 Komplicen weiter, die dann die Diebstähle oerübten. Die Kleidungsstücke der Gesellen versetzten sie zum Teil, oder sie behielten sie für sich. Was sie den Verkäuferinnen stahlen, schenkten die Diebe ihren Freun- binnen. Eine Menge Diebesgut wurde in dem Unterschlupf auf Wedding gefunden und beschlagnahmt. Auf dem Polizeiprästdrum sanden sich etwa 100 Bäckergesellen em, die bcstohlen war- den waren. Die Ertappten trugen zum Teil die Sonntogskleidung der Bcstohlenen und mußten nun nach und nach bis auf Hemd und Schuhe alles ausziehen und den rechtmäßigen Eigentümern zurück- geben. Aus dem Polizeigefängnis wurden andere Kleider herbei- geschafft, um die Entblößten bekleiden zu können, Die Festgenommenen, die geständig sind, werden dem Unter- suchungsrichtcr vorgeführt werden. Kunkhändler und Zunkausstellung. Der Reichsverband Deutscher Funkhändler hielt wie olljährlich seine Hauptversammlung in der Funkausstellung ob. Das gesäiästssührendc Vorstandsmitglied Reubert wies in seinem Referat„Existenzkampf des Funkhandels" auf die Bemühungen des Einzelhandels hin, einen Zusammenbruch zu verhindern. � Der Prcisschutz liege im Interesse der Kunden, der bei seinem Funk- gerät eine Mindestgualität verlange. Die Reparaturen an minder- wcrtigen Empfängern verteuerten diese gegenüber einer guten Empfangsanlage.' Trotz vielfach durchgeführter Preissenkungen zeigten die in diesem Jahr auf der Funkausstellung ausgestellten Geräte stark« Verbesserungen in Qualität und Leistung. In kurzen Warten schilderte er die dem Funkhandcl gestellten Ausgaben inner- halb der Wirtschast und insbesondere auf dem Rundfunkgebiet. In einem zweiten Referat ging Dr. Joachim Tiburtius von dcr Haupt- gcmeinschost des Deutschen Einzelhandels auf die Ursachen der Krise im Einzelhandel ein. Dcr Einzelhandel stehe in der großen Linie der Wirtschaftspolitik zu den Gedanken des Reichskanzlers Dr. Brüning, nur müßten die Bemühungen des Einzelhandels mehr unterstützt werden, die Lebensbedarfsdeckung dcr Bevölkerung zu verbilligen und die Arbeitsgelegenheit zu vermehren. Die Preis- Politik müsse sich künftig nicht mehr mit nebcngeordnetcn Details. sondern mit den Kernfragen der Grundstoffe und der Agrarprodukte beschäftigen. Die nationale Selbsthilfe dürfe nicht mehr m einer Abschnürung Deutschlands vom Weltmarkt und damit in einer Er- höhung des inländischen Preisniveaus bestehen, sondern müsse da- noch streben, durch Exportsteigerung die knappe und labile Devisen- ausrüstung zu vermehren._-,■. Blick in das Mittelalter. Ein„N»rsten"-Schauspiel von heute. Wirklich ganz ernsthaft und ahne den geringsten Anflug von Ironie verbreitet die— Telegraphen-Union folgende„Meldung" aus Münster(Westfalen) vom Sonntag, 23. August: Am Samstagnachmittag fand in althergebrachter Weise die feierliche Heimführ u na der Für st in zu Bentheim und Steinfurt aus Schloß Burgsteinfurt statt, dievorsünsWochen de in Fürsten Victor Adolf zu Bentheim und Steinfurt v e r- m ä h l t worden war. Der feierliche Akte hatte auch die nahe Verwandtschaft des Fürstenhauses auf Schloß Burgsteinfurt, be- sonders aus den Niederlanden, vereinigt. U. a. waren die Königinmutter Emma und Prinzessin Juliane erschienen. Die Straßen der Stadt prangten im Farbenschmuck der fürstlichen und städtischen Fahnen. An der Psripherie der ehemaligen gras- lichen Herrsch oft. wurde das von Münster kommend� Fürstenpqar von den Vertretern der Gemeinden des Amtes Steinfurt und der bäuerlichen Organisationen empfangen. Aus dem Schloß erfolgt der offizielle E m p f a n g, bei dem des guten Einvernehmens des Fürstenhauses und der Bürgerschaft herz- liche Erwähnung gezollt wurde. Die Königinmutter Emma und Prinzessin Juliane werden am Montag wieder nach Holland zurück- kehren. Sie weilten inkognito in Burgsteinfurt, so daß eine osfi- zielle Begrüßung durch die deutschen Behörden sich erübrigte. Es ist wahrhaftig keinerlei Spaß bei der Sache. Und damit kein Mißverständnis entsteht, der Bericht stammt aus dem Jahre 1931. nicht etwa 1901! Die Verfassung von Weimar hat zwar alle Vor- rechte des Adels abgeschafft und die früheren Adelsbezeichnungen zum Bestandteil des Namens degradiert, aber solange so frivole Federn beflissen sind, den ganz privaten Vorgang dcr Heirat zwischen einem Grundbesitzer und einem— hoffentlich— jungen Mädchen zu einer Staatsaktion aufzufrisieren, so lange stirbt das Mittelalter in Deutschland nicht aus. Die geistig Armen finden in der Not der Zeit noch eine Freude daran, daß die Braut„dem Fürsten vermählt" worden ist! Und daß diese Tatsache von Tilsit bis Saarbrücken nicht übersehen werde, dafür sorgt des Herrn Alfred Hugenberg Depeschendienst...__ �.... �eichsbanküberfall: S000 Mark Belohnung. Die Leitung der Reichsbank hat aus Anlaß der Tatsache, daß der Obergeldzählcr K r e Y e in der Nacht zum Sonnabend seiner Schußverletzung erlegen ist, die Belohnung für die Er- greisung der beiden Bankräuber auf 8 000 Mark erhöht.— Die Polizei ist weiterhin mit den Ermittlungen beschäftigt, doch war es ihr bisher nicht möglich, eine bestimmte Spur ausfindig zu machen. vttantwortl. Ntr die Redaltion: Sttbttt Stpttt, Berlin: An,-igen: Tl». slack». Brrlin. Brrlaa: BorwLrt» Vrrlaan. NeinLaden inusiK- insirumenta SintpiaaM, Mictaianoo über aus preiswert Bianokabrik Link. Brunncnlirake 35 Ballonrenaer, Bollou.Touren., Ballon. Dameuma» lchincn 50.—, 58.—. 65.—, 75.—, Origi. nal-Brennabor-Bal. lonröder 85.—. Machnow, Wein- me iiier Nr. 24. | FahrrMer| Sebrauchte öaiirrodrr. 15,—, 20,- 25,— 30/—. Machuss gjtotiaeifttTta. Ii. Rielenloaer. Bechiieinvian», BlUtbnerpiano. Ibachpiano. Echwechteupiano«. Biescpiano, Dun- senpiano, Salon- oiaiws 175,—, 275,— an. Markenllllgel 490,— 1. 10. su ncr- miete» im Neui-ou. OUuIällu. IJfcnfco". jluobinft: öous- BfnirvtHmtg ZA«, ■W i 1. SppMmA Srnhutltfaih«mWoVA töeilage Moni&g, 24. August 1931 Das Landkind Ein Arbeiter erzählt sein Leben Scttofic C. D a n tz- Bremcn übermittelt unZ die folgenden Auszctcbnungcn des Arbeiters Franz Schb, die wir als wertvolles Zcitdokument der Ocffentlichkeit übergeben. Ich wurde im Jahre 1M7 zu Liebenwald« i. d. Mark ge- baren. Schon die Mutter war aus einer Dorfschule hervorgegangen, hatte früh die Eltern verloren, mußte, zehnjährig, schon zu fremden Leuten gehen, Schafe hüten und stricken, und genoß von den See- nungen des Unterrichts eigentlich nur die Religion. Meinen Bater habe ich nie kennengelernt. Die Mutter mußte für unseren Lebens- unterhalt allein sorgen durch Feldarbeit bei den Bauern und Waschen bei reichen Bürgern: das ist ihr oft bitter schwer gc- worden. Meine Schulzeit fiel in die Krieg sjahre. Ausgerüstet war ich mit den abgelegten Kleidungsstücken der Herrschaften, bei denen Mutter wusch. Es war«ine entbehrungsreiche Zeit, zumal auch mein Bruder(20 Jahr« älter als ich) im Felde war. D�e Mutter bekam ich am Tage nur des Morgens zu sehen, wenn sie mich zur Schule schickte, und des Abends, wenn sie von der Arbeit heimkehrte. Sie bereitete dann das kärgliche Abendessen, das wir gemeinsam, oft unter Tränen, aßen. In der Schule lernte ich sehr leicht, besetzte auch immer die obersten Plötze. Wäre ich keiner von den Holzpantoffel- schüfern gewesen, so hätte ich bestimmt den besten Platz in der Schule bekommen. Selbst hier spielte der Unterschied zwischen reich und arm eine entscheidende Rolle, und die Schule hat mich ihn bei jeder Gelegenheit fühlen lassen. Der Sohn eines Schneidermeisters krauchte mich sehr häufig, damit ich ihm seine Schularbeiten machte: dafür bekam ich«in Butterbrot mit Wurst. In der Klasse aber mußte ich unter ihm sitzen. Was tot man in jenen Hungcrjahren nicht alles für ein Stückchen Brot! Die Bauer ukinder schnitten ihre Stullen in Stücke und schoben sie nnS HänSlerkindern zu. Wenn wir aber zugreife» wollten, schlugen sie uns mit dem Lineal auf die Finger. Aber was tat das; wenn auch Blut floß, ich langte zu. Denn zu Hause hatten wir nichts als das trockene KriegSbrot. Der Rektor war deutschnational: er pflegte auch die rechte Ge- sinnung hincinzuprügeln. Wer des Morgens den Postbericht mit den Siegesnachrichten auswendig gelernt hatte, war der beste Schüler. Ob es nun kalt draußen war oder regnete, wir hoben vor dem Postamt gestanden und gelernt. Auch mit dem Laub- und Brennesselsuchen haben wir die Schulzeit bertriidelt. Das Schlimmste waren Brennesseln: barfuß, die Beine ungeschützt, und dann dazwischentreten. Die Bouernkinder kannten das meiste«inheimsen und waren natürlich immer die Besten. Eine Stelle habe ich schon vom 6. Jahre an gehabt: Mittagessen tragen, eine Stunde hin, eine Stunde zurück, bei Sturm und Regen. Entschädigung gab's keine, wohl aber das Essen srei. Vom 8. Jahre an war ich D a m m f e g e r, d. h. ich mußte die Straßen von Liebenwalde fegen und zwischen den Steinen das Gras rauspulen. Für den Nachmittag gab's 2ä Pf. Einmal war beim Kriegerdenkmal was los, irgendeine Feier, da haben wir uns mit dem Graspulcn'ne ganze Woche Hingeholsen. Das brachte wenigstens was. Als ich 1 0 I a h r e o l t war, nahm ich eine Stelle als Lauf- b u r s ch« bei einem K l e m p n e r m e i st« r an. Alle Noch- mittag«, auch den Sonntagoormittag, verbrachte ich dort, lffienn ineine Schulkameraden spielten, schleppte ich mich mit reparierten Töpfen. Eimern, Kannen und sonstigen Wirtschastsgegenständen, um sie den Kunden ins Haus zu bringen, oft Kilometer weit. Dafür bekam ich das Essen und als Wochenlohn 30 Pf. extra. Mit 12 Fahren kam ich für ganz zu einem Bauern. Fch mußte vom frühen Morgen bis zum spaten Abend arbeiten, morgenS um viere oder fünfc raus und deS Abends biS neunc. Der Bauer gab Kost und Logis und hatte sich verpflichtet, mich zu kleiden und meine Schulbücher zu kaufen. Da ich meinen Schlaf- räum mit einem geistig minderwertigen Dienstmädchen teilen mutzte, nahm mich meine Mutter wieder weg. Zu Beginn des letzten Schuljahres(1921) wurde ich gänzlich vom Schulunterricht befreit: nach einem Jahre wurde ich dann endgültig aus der Schule entlassen. Ich Hab' auch Lust gehabt, was zu lernen. Aber was? Dos Hantieren mit dem Feuer bei dein Klempnermcister damals hatte mir Spaß gemacht. Und es fand sich etwas Aehnliches bei einem Schmiedemeister in Lieben- walde. Diel gelernt habe ich aber nicht bei ihm. Ich mußte im Garten arbeiten, Kienäppel für d�ie Schmiede suchen und Be- sorgungen machen. Nach 1� Jahren nahm die Herrlichkeit ein Ende. Es war meiner Mutter nicht mehr möglich, mich in der furchtbaren Zeit der Inflation mit durchzubringen, und so mußte ich aus dein ergriffenen Beruf wieder ausscheiden. Es hieß nun, allein mein Brot zu suchen. Aber wo welches finden? Di« Mutter hatte sich als 5 6 j ä h r i gi e Frau als Dienstmädchen bei einem Fabrikbesitzer vermietet, damit sie ihr tägliches Brot h«te: mich trieb l»er Hunger auf die Landstraße. Ein Hundeleben war's. dies an die Türe klopfen und bei mitleidigen Menschen um ein Stück Brot bitten. Ost standen mir dabei die Tränen in den Augen. Endlich, gegen Ende 1923, bekam ich Arbeit bei einem Bauern in Kreuzbruch bei Liebenwalde. Heilfroh war ich, fürs Essen und einen ganz geringen Lohn arbeiten zu dürfen. Wenn ich auch gleich den Pferden nur dreimal am Tage was zu essen bekam und mein Bett, das in einein Stall stand, oftmals vom Schnee eingeweht wurde, fand ich es hier trotzdem besser, als bettelnd auf den Landstraßen herumzulungern. Allmählich besserten sich die Geld- und Wirtschaftsoerhältnisse und nach Verlauf eines halben Jahres entschloß ich mich, meine Lehre fortzusetzen. Ich kam zu einem S ch m i e d e m e i jt e r in Badingen bei Gransee an der Nordbahn. Der Meister war «chMMKip Man».. Dazu mußte ich am Tage 14 bis 16 Stunde« arbeiten. An heißen Sommertagen verließen mich oft meine Kräfte, so daß ich manchmal buchstäblich vor dem Amboß zusammenbrach. Die Frau Meisterin war eine vor Schmutz starrende Frau. Zwischen Küche und Schmiede war kein Unterschied, so völlig verrußt und schwarz waren beide. Dementsprechend war auch das Ess«n. Nach knapp einem Jahre faßte ich den Entschluß, aus der Lehre zu fliehen; ich konnte es seelisch wie auch körperlich nicht mehr ertragen. An einem Sonntagabend, nach den nötigen Borbereitungen, ging's hinaus in die dunkle Nacht. Aber bald wurde meine Flucht bemerkt: man fand mich bei einem Freunds, und nun mußte ich wieder zurück zum Meister. Einen Borteil jedoch brachte die mißlungene Flucht: die Behandlung wurde von Stund' an«in wenig besser. Kurze Zeit darauf wurde in dem Dorfe«in Arbeiter- Turn- und Sportverein gegründet und ich bat den Meister, daß er es mir gestatten möge, Mitglied zu werden. Diese Bitte schlug er mir rundweg ab und statt dessen steckte er mich in den Junglandbund hinein. Der Meister bezahlt« auch den Bei- trag. Hier lernte ich militärische Uebungcn und den Umgang mit Feuerwaffen kennen. Das wäre der richlig« Sport zur Stählung, von Körper und Geist, meinte der Meister. Ueber die Arbeiter wurde bloß geschimpft: daß es ihnen schlecht geht, sind sie selber schuld: warum gehen sie nicht mit unserem Landbund zu- sammen! Eine Hauptrolle spielte immer der Alkohol. Die Bauern und der Gutsherr spendierten zuweilen Freibier und Schnaps. Hin und wieder tanzte der Gutsherr auch mal mit einem «infachen Mädel: damit wollte er die Gegensätze verwischen, und es war eine große.soziale Tat". Endlich im April 1926 lernte ich aus. In sechs Jahren hatte der Meister 9 Lehrlinge gehabt: ich war der dritte und auch der letzte, der bei ihm Gesell« wurde. Als kurz darauf meine Mutter schwer erkrankte, suchte ich Arbeit in Liebenwald«, um sie unterstützen zu können. Anfangs war ich wieder in der Land- Wirtschaft tätig, dann arbeitete ich in einer mechanischen Draht- seilerei als Mofchincnarbeitcr, Heizer und Schmied. 12, 14, sogar 18 Stunden und länger dauerte die Arbeitszeit. Der Fabrikherr freute sich,«inen so willigen Arbeiter zu hoben, und ich war froh, viel Geld verdienen zu können. Ich war mir dabei nicht bewußt, wie ich durch dieses Verhalten mich sowie die Kollegen schädigte, denen ich die Arbeitsmöglichkeit nahm. So schwer ich mein Geld verdiente, so leicht gab ich es auch wieder aus. In Kinos und Gaststätten vertat ich mein Geld; ich hatte ja auch durch meinen Umgang nie etwas anderes kennengelernt. Ein Umschwung in meinem Leben trat erst ein, als ich im Fahre 1928 Mitglied der neugegründeten Orts- gruppe deS Reichsbanners in Liebenwalde wurde. Freilich, als mein Arbeitgeber das erfuhr, war ich die längste Zeit bei ihm gewesen. Er entließ mich mit der Begründung, es herrsche Arbeitsmangel, was ihn aber nicht abhielt, andcrn Tags zwei neue Kräfte einzustellen. Anfangs war ich erbost, aber dann wurde mir diese Hand- lungsweise Anlaß zu c r n st e m Nachdenken. Mehr und mehr wurde es mir bewußt, daß ich ein Proletarier war, vcsfon Welt der des Kapitals feindlich gegenübersteht. Und in den Reihgn des Proletariats hatte ich auch zu kämpfen. Ich muß bei der Ge- legenheit erzählen, daß ich von meinen Reichsbanner» kameraden zum erstenmal die erstaunliche Tat- fach« erfuhr, daß« s im Jahre 1918 in Deutschland eine Revolution gegeben hatte. Der Arbeitswcchscl brachte mich auch innerlich voran. Ich fand Beschäftigung beim K a n a l b a u und arbeitete zum erstenmal acht Stunden am Tage. Das dünkte mich auch vollkommen genug. In meiner freien Zeit betätigte ich mich im Arbeitersport» verein. Und dann traf mich das Proletarierlos, als ich bei der- selben Tiefbausirma mit der rechten Hand zwischen ein laufendes Seil und die Rolls geriet. Ueber vier Monate dauerte es, ehe ich wieder arbeitsfähig, war. In der Folgezeit mußte ich meinen Beruf aufgeben, weil ich infolg« der Verletzung als Schmied nicht mehr arbeiten konnte. Ich suchte leichtere Beschäftigung auf Holz- und Sägewerken als Platz- und Maschinenarbeitcr. Inzwischen war ich Mitglied der Sozialdemokra- tischen Partei geworden. Nun hatte ich«in Ziel, und diesem widmet« ich meine ganze freie Zeit, um mithelfen und mitwirken zu können, den Sozialismus zu erkämpfen. Zur Zeit arbeit« ich in Bremen und hier bin ich gern. Ich habe Umgang mit Gleichgesinnten, bin bei den Iungsozialisten, bin Reichsbannermonn und auch Mitglico des Frcidenkcrvereins. Es gibt auch mancherlei Kurse zur Weiterbildung hier, die ich gern ausnutze. Das Diamonddigging Diamantenproduktion in Südafrika- Seit— im Jahre 1870— die Kinder des Buren Schalk van Niekerk den ersten Diamanten fanden, ist die Diamanten- Produktion der Südafrikanischen Union rasch an die erste Stelle der Weltproduktion(mit etwa 73 Proz. heute) gerückt. Im Unterschied zu den Goldfunden sind die Diamantenlager- stätten nicht immer primär. Im Jahre 1927 belief sich die Er- zeugung von Diamanten, die aus den Anfchwemmungsgcbieten des Baal- und des Oranjesluffes stammen, auf etwa 30 Proz. der Gesamtproduktion. Und nur durch künstliche Maßnahmen der Regierung, die ein Sinken des Diamäntcnpreiscs vermeiden will, wird ein weiteres Steigen dieser Erzeugung von Steinen durch Digger auf den Diamantfcldcrn verhindert. Im Augenblick ist das„Diamonddigging" nur dem Berufs- gräber erlaubt, der sich meist aus den Kreisen der„onnen Blanken" rekrutiert(über die ich später ausführlicher schreiben werde). Bon ihnen kommen wenige auf einen grünen Zweig. Und im allge- meinen herrscht auf den Diamantfeldern Südafrikas das schauer- lichste soziale Elend. Wird ein neues Diamantfcld eröffnet, so ziehen die Digg-c Lose, für die sie etwa 3 Schilling(3 Mark) bezahlen. Den Losen entsprechend werden sie in Gruppen zu 3 oder 10 eingeteilt. Und während früher lausende von Diggern zugleich liefen, um das beste Stück Grund zum Graben(Claim) zu bekommen, läuft jetzt eine Gruppe nach der anderen. Nie mehr als zehn. Sie haben vier Eisenstäbe in der Hand, die ein Schild mit ihrem Namen tragen. Diese Stäbe werden da, wo dem Digger der beste Grabgrund zu sein scheint, in bestimmten Abständen in den Boden gestoßen. Da- nach beginnt das Graben. Der Erfolg ist— wie gesagt— minimal. Bei den primären Diamantfunden handelt es sich um Bulkanschlote. Der eigentliche Schlot ist mit„Blaugrund" gefüllt, einem Gestein von außerordentlicher Härte und Zähigkeit. In diesen Blaugrund liegen die Diamanten eingebettet. Die größten Diamantminen dieser Art sind die von Kimberley und Pre- toria. * Die Premiermine von Pretoria, die größte Südafrikas, in der 1903 der größte weiße Diamant— der Eullinan— gefunden wurde, liegt gut 30 Meilen außerhalb Pretorias. Tag und Nacht arbeitet hier eine gewaltige Maschinerie, um der harten Erde jene winzigen Glassplitterchen zu entreißen, die die Frauen reicher Menschen an den Fingern und um den Hals tragen. Zweimal täglich»knattern in dem viele hundert Meter tiefen Tagebau die Explosionen. Eine Glocke läutet dünn, und von überall strömen die schwarzen Arbeiter— hoch vom Rand der Mine sehen sie wie Ameisen aus— dem großen Unterstand zu. Kaum ist der letzte verschwunden, so löst sich die erste Dynamitpatrone. Ein kaum wahrnehmbares Wölkchen steigt auf. Dann folgt eine zweite Explosion, eine dritte, und bald knattert es von allen Seiten wie ein wüstes Trommelfeuer. Der eben noch friedlich daliegende Schacht ist nun ein brüllender Höllcnfchlund, aus dem sich wie bei einem Kraterausbruch gewaltige Dampfmaffen erheben. Ungestört von dem Donner der Explosionen ziehen die Dögel ihre Kreise über der Mine. In ungeheuren Trommeln wird später der Blaugrund zer- kleinert und nach langen Wasch- und Sortierprozessen, bei denen hauptsächlich mit dem Prinzip der Schwere gearbeitet wird, ge- langen die Diamanten schließlich auf mechanischem Weg in das �Zimmer des WlegeKearnte-n, der sie nach Karaten sortiert. � Von P. Skawran ■>j> �-fr Wir waren Stunden und Stunden durch die Anlogen der Mine gegangen und waren fast erdrückt von der Unmenge von Arbeit und Energie, die notwendig ist, um diese Kristolle zu gewinnen. Wir hotten Tausend« von schwarzen Arbeitern iki afrikanischer Sonnenglut werken sehen, wir hatten sie— nach getaner Arbeit— gleich einer Kette schwarzer Perlen sich die steile Wand der Mine hinaufwindcn sehen, wir waren betäubt vom Rasseln der Wagen und Kröne, vom Rauschen des Wassers, vom Gurgeln der Wasch- Vorrichtungen. Nun standen wir klopfenden Herzens vor dem kleinen Raum, in dem die Ausbeute des Tages beieinander lag. Wir erwarteten märchenhafte Schätze. Wir wurden enttäuscht. Nichts als ein Häufchen unscheinbarer Glossplitter, nach denen niemand sich bücken würde, wenn er sie ln dieser Form auf der Straße fände. Jeder von uns dachte in diesem Augenblick dasselbe. Ist es nicht Irrsinn, für einen Haufen Kristallsplitter eine solche Summe von Energie zu verschwenden? Für die Eitelkeit weniger Frauen Tausende von Menschen für kärglichen Lohn werken zu lassen? Wahrlich, der Widersinn der kapitalistischen Wirtschaftslehre zeigt sich nirgendwo besser als in der Diamantenmine. Danzig und die deutsche Kultur Daß den Vätern des Derfailler Friedensvertrages mit der Schaffung des F r e i st a a t s Danzig ein vollständiger Mißerfolg europäischer Politik gelungen ist, wird niemand mehr leugnen, von welcher Partei und welchem Boll er auch stamme. Polen selbst, dem zuliebe dieses Zwitterding errichtet wurde, hat durch den Bau des Konkurrenzhafens Edingen dicht an der Grenze Dan- zigs unzweideutig bewiesen, daß ihm an der Existenz des Frei- staates nichts liegt, daß es Danzig, kurz gesagt, vernichten will. Uns darf das nicht gleichgültig sein. Die kulturelle Bedeutung der alten Hansestadt ist so groß, und nicht etwa bloß für den deutschen Osten, sondern für ganz Deutschland, daß wir nicht kalten Blutes der Zer- störung eines der köstlichsten Juwele deutscher Stadt- und Baukunst, eines bestgelegenen Naturhafens an unserer wirklich nicht sehr reich bedachten Küste zusehen können. Diese Einsicht war auch der Anlaß für die Deutsche Akademie in München, ein Preisausschreiben über die Bedeutung des Danziger Problems zu erlassen; und das mit dem ersten Preis ausgezeichnete Werk von Karl Hämmert« „Danzig und die deutsche Nation"(Mit 24 Bildtafeln. Berlin. Rei- mar Hobbing 1931. 10 M) liegt nun vor. mit guten Abbildungen. archivalischen Belegen und dergleichen, und ladet zum Besinnen über unsere Pflicht gegenüber diesem fast schon verlorenen Posten deutscher Kultur ein. Hämmerte hat seine Aufgabe mit Geschick und lobenswerter Zurückhaltung erfüllt. Er läßt die Geschichte der Ordensgründung, läßt Danzigs hanseatische Bedeutung und seinen Wert im Königreich Preußen, die Bedeutung seiner großen Männer, Gelehrten, Kauf- leute, Künstler und der ungewöhnlich hochstehenden und kostbaren Architektur Danzigs für sich sprechen und bringt die unerhörten Schwierigkeiten seiner politisch-wirtschaftlichen Lage als Vasallen- staat Polens mit soviel Feingefühl, soviel Bermeidung aggressiver Tendenz vor, daß man sein Buch als beste Orientierung über Danzig und seine Gegenwartsprobleme uneingeschränkt empfehlen kann. ?aul f. Schmidt. Seplzzx sendef flundfuah/ Volk/ Staat 0» seiner Ansprache bei der Eröffnung d e r F u n k- u s st e l l u n g betonte der Rundsunkkoinmissor Dr. ch a n s Bredow, daß der Anschluß an den Rundfunk für jeden einzelnen heute«ine Lebensnotwcndigkeit geworden sei. Wer mit dem Volk, dem Staat und der Gemeinschaft denke, könne nicht mehr auf ihn verzichten, wenn er nicht Gefahr laufen wolle, au� dem Gesamtleben der Oeffcntlichkcit, in das auch sein eigenes Leben eingeschlossen fei, herausgelöst zu werden. Gerade die letzten Krisen- wochen hätten wieder den Beweis dasür erbracht, eine wie wichtige Stütze allen Gemeinschaftslebens der Rundfunk bedeute. Deshalb hätten Reich, Staat und Funkwirtschast die Pflicht, alles zur Ver- breitung des Rundfunks zu tun. Diese Feststellungen und Wünsche wird jeder unterschreiben können. Der Rundfunk ist heute— ich habe den Vergleich an dieser Stelle schon wiederholt gebraucht— dem Menschen ebenso wesentliches Lebensbedürfnis wie Wasserleitung, Gas- und Elektrizi- tätsvcrsorgung. Die Zahl der Teilnehmer ist zwar trotz der Krisen- zeit gestiegen: wir hatten im Juli 193l) etwa 3 Millionen Hörer, am 1. Januar 1931 31:! Millionen, an Siesem 1. Juli 3� Millionen. Doch erst, wenn die Zahl drei- bis viermal so groß wäre, dürste jeder Deutsche die Möglichkeit haben, sich nach Bedarf und Belieben der großen Funkgcmeinschaft, die nicht nur Volks- g e m c i n j ch a f t, sondern Völkergemeinschaft ist, anzu- schließen. Das Bedürfnis danach ist bei der Mehrzahl längst vor- standen: aber die Mittel fehlen. Verbillieung der Empfangsgeräte, vor allem Standardisierung der gangbarsten Typen, kann hier viel helfen. Diese Verbilligung ist zum Teil schon eingetreten und dank ihrer ist wahrscheinlich trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage ein Anstieg der Teilnehmerzahl zu verbuchen. Doch die Anschaffung eines brauchbaren Drei-Röhren-Gerötes erfordert immerhin noch eine Kapitalkräftigkeit, die in den Kreisen der Durchschnittsverdieirer kaum noch und in denen der Arbeitslosen bestimmt nicht vorhanden ist. Es stellt sich denn auch heraus, daß rund 15 Proz. aller Hörer mit Detektorapparaten empfangen. Diese Hörer sind, was die Wiedcrgabequalität der Sendungen betrifft, sogar keineswegs schlecht daran-, mit Detektorapparat und Kopfhörern haben sie im allgemeinen einen klangechtcren und bestimmt einen störungsfreie- ren Empfang als die Besitzer der gebräuchlichsten größeren Apparat- und Lautsprechertypen. Ein Detektorapparat aber ist von einiger- maßen geschickten Händen rasch selbst zusammengebastelt. An der llnmöglichkeit, eine Empfang-anlaxe zu beschaffen, wird also bei der verhältnismäßig günstigen Verteilung der Sender über Dcutfck. land die Teilnahme am Rundfunk selten scheitern. Wohl aber an den zu hohen G. cbühren für diese Teilnahm«. Wenn vorher gesagt wurde, daß die Perbilligung der Empfangsgeräte trotz der schlechten Zeiten zum Anwachsen der Hörcrzahl geführt habe, so ist dach dieser Anstieg keineswegs allein dadurch entstanden. Ganz gewiß hat die neue Bestimmung, der zufolge Erwerbslosen unter bestimmten Bedingungen— sie müssen bereits feit mindestens einem halben Jahr Rundfunkteilnehiii.r sein— die Monatsgcbllhren erlassen werden, manchem Mut ge- macht, sich eine Rundfunkempsangsanlage zu schaffen, der sonst darauf verzichtet hätte. Der erhöhten Teilnehmerzahl stehen unter den gegenwärtigen Verhältnissen wahrscheinlich keine erhöhten Bei- tragseinnahmen gegenüber. Aber ohne dieses selbstverständliche und. wie uns scheint, noch viel zu geringe Entgegenkommen gegen diese ärmsten unserer Mitmenschen, wären Einnahmen und Teilnehmer- zahlen wahrscheinlich beträchtlich gesunken. Der Erwerbslose wäre gezwungen gewesen, den Rundfunkempfang aufzugeben. Viele andere aber hätten bei der Unsicherheit der Lage von vornherein darauf verzichtet. „Wer mit dem Volk, dem Staat und der Gemeinschaft denkt, kann nicht auf den Rundstink verzichten"—; dies« Erkenntnis «nthält di« zwingende Forderung noch schleuniger Ge- b ü h r e n h e r a b s c tz u n g. Es ist Pflicht, jedem einzelnen Staatsbürger die Möglichkeit zu geben, mit Volk, Staat und Ge- meinschast zu denken. Dieser Pflicht dürste sich um so leichter nach- kommen lassen, als ihre Erfüllung wohl kaum zu einem Verlust an Teilnehmergebühren führen würde. Denn das Bedürfnis nach An- schluß an dos Rundfunknetz, nach Anschluß an di« groß«, von ihm umsponnene Gemeinschaft, muß zwar aus zwingender Rot heraus noch vielfach unbefriedigt bleiben, aber es ist vorhanden. Gerade heute, wo für sehr viele Menschen alles, was nicht unbedingt zur Erhaltung des Lebens notwendig ist,«inen unerschwinglich gcwordc- nen Luxus darstellt, würde eine wesentliche Herabsetzung der Teil- nehmergebühren sehr wahrscheinlich einen überraschenden Zustrom an Hörern zur Folge haben. Wenn ab«r wirklich ein Gebührenrückgang zu einem Abbau der Spitze ngchälter und der Stargagen führen würde, so wäre damit kein allgemeines Interesse geschädigt. Sparmaßnahmen am falschen Platz, Reduzierung der kleinen Gehälter, Menschenersatz durch Schallplatten, sind lici den Senoegesellschaften nicht nötig und werden nicht nötig sein. Erst recht braucht keine Verschlechterung der Programm« einzutreten. Allerdings würde die Notwendigkeit zu Einsparungen ein Prüfstein für alle werden, die bei den Rundfunksendern an leitender Stelle stehen und denen di« heutige Kapitalkrästigkeit die Programmgestaltung sehr er- leichtert. Heute ist für hervorragend« künstlerische Darbietungen im allgemeinen nur«ine Auswahl aus sehr bewährten, in ihrem Typ abgestempelten Kräften nötig: dann aber hieße es, Funk- Hcchfsf vagen des Tages Sind.'Renten xwteUckxuxablen? Der unter den Rechtsfragen des Tages in der Ausgabe des „Abend" vom 3. August 1931 veröffentlichte Artikel:„Sind Renten zurückzuzahlen?" hat durch die letzte Notverordnung eine Aenderunq erfahren. Der durch Z 22 der Fürsorgeverordnung erweiterte Ersatz- cnspruch des Fürsorgeverbandes gegenüber dem Abkömmling eines Unterstützten, der, wie in dem Artikel ausgeführt worden ist, wenig Bedeutung hat, ist beseitigt worden. Hiernach besteht ein Erstattungs- anspruch des Fürsorgeverbandes nur dann, wenn die Kinder zu der Zeit, da die Eltern unterstützt werden, noch ihren Vermögens- und Einkommensvcrhältnissen auch in der Lage sind, Unterhalt zu ge- währen. Sind sie es nicht, so brauchen sie nichts zu erstatten. Bemerkt sei noch, daß durch die Notoerordnung der Fürsorgeverbond, die in dem Artikel erwähnten Unterhaltspflichtigen für die Ver- gangenheit, außer dem Falle des Verzuges oder der Klageerhebung auch dann in Anspruch nehmen kann, wenn er dem Unterhaltspslich- tigen von der Gewährung der Fürsorge unverzüglich schriftliche Mit- teilung gemacht hat. Hierdurch ist in vielen Fällen eine große Härte beseitigt worden: denn der Unterhaltspflichtige, der keine Ahnung davon hatte, daß sein Angehöriger öffentliche Unterstützung bezieht, wird bei Beginn der Leistungen des Fürsorgeverbondes davon in Kenntnis gesetzt, daß er seine Angehörigen zu unterstütze� hat. Er kann so vermeiden, daß er eines Tages von der Behörde aufgefordert wird, für mehrere Jahre Beträge zu zahlen, die sich auf Taufende von Marl belaufe» lönneu. Krotoidüner. c i g n u n g und besonder« Begabung des einzelnen selber zu erkennen, in größerem Maße jedenfalls, als es bisher geschieht. Das soll in diesem Zusammenhang kein Vorwurf sein. Das Verlangen nach dem„Star" hat das Publikum aus Theater uno Film mitgebracht: daß der Rundfunk ihm gern cnt- spricht, weil er hier auf eine ihm bequeme Weise seinem Publikum gefällig sein kann, ist natürlich. Nur darf nicht als Begründung gegen eine Verminderung der Rundfunk-Teilnehmcrgebühren der Einwand erhoben werden, daß damit eine Senkung des Programm- Niveaus oder wirtschaftlich« Verschlechterungen für die kleinen Ver- diencr am Rundfunk zur Folge haben müßte. Solche Einwände sind auf jed«n Fall unzutreffend. Die imm«r ungünstigeren wirtschaftlichen Verhältnisse ließen es angezeigt erscheinen, gerade anläßlich der Funkausstellung. di« in der Hauptsache doch eine Messe für fertige Apparat« uno Laut- sprecher ist, darauf hinzuweisen, wie viele heute überhaupt noch von i der tönenden Welle sehr gegen ihr«« Willen abgeschnitten sind. Die deutschen Sendegesellschastcn, die in«inem kl«incn Teil der 1 Ausstellung die Kulturarbeit 0es Rundfunks der technischen Leistung ! gegenüberstellen, dürfen aber nie vergessen, daß doch erst die k u l- tur«lle Auswertung, nicht die technische Entwicklung biß wahre Bedeutung des Rundfunks bestimmt. Je stärker der Runs- funk all« Volksteile mit feinen geistigen Kräften durchdringt, d«sto größer wird auch das Int«ress« an seiner technischen Vervollkonun- nung sein, desto leichter wird ihm dies« gemacht werden. * Eine Voranzeige der Funkstunde verdient Erwähnung; darin heißt es:„Im Einverständnis mit der Berliner Funkstunbc bildet die Internationale Artisten löge, ähnlich oer Bühnen- g«noss«nschaft, ein« Funkgenieinschaft engagements- loser Artisten, die in eigener Regie Vortragsfolgen und Kabarettabende vorbereitet, um sie als geschlossenes Ensemble in der Funkstunde zw Sendung zu bringen Die Funkstunde wird dies« Maßnahme i*r Internationalen Artistenloge gegen die En- gagementslosigkeit ebenfalls in weitestem Maße unterstützen und hat sich bereit erklärt, etwa alle vier Wochen die Funkgemeinschaft cngagementsloser Artisten zu engagieren und die Regie nach funki- scheu Gesichtspunkten zu unt«rstützen. Der erste Vortragsabend findet im September statt." Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten verdient diese Maßnahme unbedingt Anerkennung. Ob allein eine Beratung„nach funkischen Gesichtspunkten" genügen wird, um wirksame Hör-Ausführungen zu schaff«», wird sich erst nach der ersten Veranstaltung vor dem Berliner Mikrophon sagen lassen. Tes. e Buch Uiinüer vor Qerichl Wie die Psychoanalyse die Welt des Unterbewußtseins in jedem Menschen entdeckt hat, so hat auch die moderne Dichtung, Psycho- logie, Pädagogik eine neue, aber noch recht undurchsichtige Welt des Obcrbcwuhtseins im Kinde entdeckt. Wie reagiert das Kind auf die Eindrücke der Außenwelt, und wie setzen sich seine natür- lichen Empfindungen mit der Betrachtungsweise der Erwachsenen auseinander, die durch die Scheidung der Dinge in gut und böse, nützlich und schädlich, wichtig und unwichtig aufgehört haben, die Realität anders zu sehen, als es die gesellschaftliche Beschränkung gestattet. Daß das Leben des Kindes etwas ganz anderes ist als Leben von Erwachsenen in verkleinertem Maßstab, ist eine Eni- deckung, die gerade von Dichtern neue Aufschlüsse erwarten läßt. Es gibt daher eine neue Kinderliteratur, die uns die Psyche des Kindes, die unbewußte Triebhaftigkeit neben der durchtriebenen Schläue in einer Verbindung zeigt, durch die uns die Undurchdring- lichkeit des kindlichen Denkens bewußt wird. In dieser Literatur nimmt der Roman„Ein Sturmwind aon Jamaika"(Verlag Erich Reiß) von dem englischen Dichter Richard Hughes einen besonderen Rang ein. Dieses Buch ist in mancher Hinsicht wirklich außergewöhnlich. Wäre 5iughez als Dichter imstande, feine Vision vom Kinde mit lebendigeren Kinder- gestalten zu erfüllen, so hätte sein Werk sicher hohe» Rang. Leider ist das aber nicht der Fall. Hughes erzählt des Schicksal von sieben kleinen Kindern im Durchschnittsalter von zehn Jahren, die vor einem Jahrhundert von Jamaika nach einem Erdbeben von'hrcn Eltern nach England geschickt werden. Sie geraten unterwegs auf ein Piratenschiff und kommen schließlich in England an. Gerettet — wie die Erwachsenen meinen; nur daß die Kinder nichts von einer Gefahr gemerkt haben und daher auch keine Rettung erleben. In ihrem Kopfe malten sich die Piraten, die ja auch wirklich ziem- lich harmlose Wegelagerer auf Meeresstraßey waren, als gute Kerls, als gute Onkels, mit denen sich freundschaftlich, ja herrlich leben ließ. Zwei Verbrechen wurden auf den Reisen begangen, aber freilich— von den Kindern selbst. Jones fällt, lieblos von den Geschwistern vernachlässigt, in einen Treppenschacht:'nd bricht sich das Genick. Emily ersticht in einem Anfall von Furcht und Grauen einen gefesselten Kapitän. Um diese Kinder zu verstehen, muß man allerdings wissen, daß sie in der Wildnis Jamaikas auf- gewachsen und daher erwachsener sind, als ihren Jahren entspricht. Vor Gericht ist Emilys Aussage ganz unklar, aber sie genügt dem Gericht, die Seeräuber zum Galgen zu verurteilen. Die Vision dieser Kinder ist erschreckend und in der Konzeption wahr. Wie aber diese Kinder sprechen, handeln, leben, ist zum größten Teil Konstruktion und Konvention. Es ist, als ob ein interessanter starker Dichter die Idee von diesen naiv grausamen, unbekümmert egoistischen Kindern gehabt und ein konvenlioneller Autor sie ausgeführt hätte. Daher wirkt vieles, was von packender Wahrheit sein müßte, im entscheidenden Augenblick unwahrscheinlich und gewollt originell. Und doch ist das Buch wichtig, weil es uns auf eigentümliche Weise die unerforschte Welt des Kindes enthüllt. Es zeigt uns Fragmente einer Wahrheit, die zu Ende zu denken dem Leser überlassen bleibt. Felix Stössingor. WAS DER TAG BRINGT uiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiniiiiiniiiiiiimiiiiiiiiiiniimiiiiiiiiiiiiiiuiiniiiuniiimnilwiniuiiiiniiiiMmiiiiiiiiiiuimiuiiiminniinniiiiiiiiiimnuniiiiiiiiiitiuiB ERZÄHLT VON YORICK Frohe Botschaft Mut, Mensch, Mut! Denn siehe, ich bringe dir eine frohe Botschaft. Du leidest sehr unter derjenigen Fortschrittserscheinung, die doch nichr als jede andere dich zu beglücken vorgibt: unter der Zioili- sation, nicht wahr? Zumindest hast du etwas gegen die luftförmigs und gegen die lautförmige Seite der Zivilisation, also gegen die schlechte Luft der großen Städte, gegen die Sucht der Chemie, Gifte herzustellen, und die schlimmere Sucht bes Militärs, diese Gifte nach- her am falschen Objekt, nämlich an dir. auszuprobieren, gegen dem Lärm, den dos vKl gerühmte Tempo macht(nicht das Ullftcinsche, sondern das Tempo überhaupt!), gegen das llebergewicht, das das Tempo über dich hat, wenn es etwa in Gestalt eines hundertpferdigen Benz-Mercedes angebraust kommt und du ihm im Wege stehst-- gegen all das Host du was, und das mit Recht: denn du zweifelst daran, daß du dich je an diese Dinge ganz gewöhnen wirst, daß dein von der Natur auf ländliche Verhältnisse berechneter Körper oll den Krach und all den Gestank und all das Gesause ohne gesundheitliche Schädigung erträgt, kurz: daß eine Umstellung auf diese anormale Welt überhaupt möglich ist. Ich verstehe dich. Bis jetzt habe auch ich gezweifelt und habe jener Geistesrichtung gehuldigt, die man mit dem düsteren Worts „Külturpefsimismus" bezeichnet. Ich bin aber getröstet und eines besseren, wirtlich besseren belehrt worden. Das dank« ich keinem Wissenschaftler und keinem Philosophen, sondern das danke ich den Autofahrern und den Hasen. 5iöre also die frohe Botschaft vom 5)asen: Dieser Bewohner freier Gegenden hatte allen Grund, die Autos als seine erkorenen Feinde zu betrachten. Es lag das daran, daß so mancher rüstige Vertreter seiner Sippe beim nächtlichen Ueber- queren der Landstraße vor einen daherrasenden Kraftwagen geriet. In solchem Fall fing der Scheinwerfer den Hasen einfach ein: es war dem Tier nicht gegeben, in Erkenntnis der Zusammenhänge zur Seite, ins Dunkel zu fliehen, sondern es lief genau vor dem Wagen her, bis es der Landstraße einfiel, eine Kurve zu machen, oder dem Chauffeur, sich einen billigen Braten zu ersaufen: dann geriet Lampe unter die Räder, und mit Kohlfressen und Eierlegen war es aus. So war es seit der Erfindung des Teufelswagcns Auto-- Aber so ist es nicht mehr! Untersuchungen interessierter und gründlicher Leute haben ergeben, daß die Familie Lampe umgelernt hat. Diejenigen Hasen, die zu Seiten viel befahrener Landstraßen ihr Leben fristen, geraten zwar noch immer des Nachts vor die Scheinwerfer. Aber sie lassen sich nicht mehr mit Motorwaffen er- jagen— fällt ihnen gar nicht ein! Sondert zwei, drei kühne Zick- zacksprüngc— und dann wie Ziethen in den Busch! Also, lieber Mitmensch: ist das nicht eine tröstliche Botschaft? Gewiß, es ist nicht leicht, sich auf diese rasende Gegenwart einzu- stellen. Aber wenn es selbst dem Hasen gelingt, der nicht gerode als das klügste Vieh auf Erden gilt: um wieviel mehr muß es dir ge- lingen— bei deiner Intelligenz!! Alles wohl bedacht Ueber uns drehen sich die Sterne. So lange sie das tun(aber das haben sie ja schon getan, ehe sie sich um den Menschen drehen konnten, der sonst immer so tut, als drehe sich alles um ihn)— so lange es also Menschen gibt, haben sie sich mit diesen Sternen be- schästigt. Die einen interessierte es mehr, wie sie sich drehen, die anderen, warum sie sich drehen. Die ersten haben schon ein« einigermaßen ausreichende Antwort gefunden, die zweiten bis gestern noch nicht. Vis gestern! Gestern nämlich berichtete der Draht vou der geplanten Eröjf- nung der Chikagoer Weltausstellung Anno 1933— durch einen Stern! Herr Professor Frost vom Dorkcs-Observotorium wird das Licht eines Sterns auffangen. Wird es auf eine photoclektrische Zelle werfen. Wird es mit Hilfe dieser Zelle in Energie oerwandeln. Diese Energie wird ein Relais in Bewegung setzen. Das Relais aber schaltet alle Maschinen der Ausstellung ein... Der Stern, den Professor Frost sür diese Ausgabe erkoren hat, ist der Arctur, Stern erster Größe im Sternbild des Bootes. Dieser ansonsten, voin Standpunkt des Laien aus gesehen, ohne besonderen irdischen Zweck vorhandene Stern hat also plötzlich eine wichtige Ausgabe bekommen— es bleibt dem Leser unbenommen, ihn an unserem nächtlichen Himmel daraushin zu beobachten, ob er sich etwa vor Stolz blähen wird, noch über seine erste Größe hinaus. Und warum, wird derselbe Laie sragen, warum gerade der Arctur? Ist er besonders lichtstark? Mit Nichten. Unsere Sonne wäre da viel leistungsfähiger. Das Licht des Arctur braucht die Kleinigkeit von vierzig Jahren, um bis zu unserer Erde zu gelangen. Aber das ist es eben, das niit den vierzig Jahren. Nämlich die Weltailsstellung von 1933 wird am 1. Juni er- öffnet werden. Und die letzte Weltausstellung in Ehikago wurde am 1. Juni 1893 erösfnet. Mithin wird gerade derjenige Lichtstrahl des Arctur die neue Ausstellung in Betrieb setzen, der bei Jnbetrieb- nähme der alten vor genau vierzig Jahren ausgcsandt wurde! Wird jemandem schwindlig? Das wäre grundfalsch. Es ist ja kein neues Wclträtsel aufgeworfen, sondern es ist ein altes gelöst worden. Die Wisscnschast hat endlich eins ihrer eigenen, grandiosen Ergebnisse einem augenfälligen, hehren menschlichen Zweck dienstbar gemacht. Denn wenn man nun einem aus der Kategorie der Warum- frogcr begegnen sollte, und man sollte gefragt werden:„Gut, der Arctur ist genau vierzig Lichtjahre von uns entfernt. Warum aber gerade vierzig und nicht etwa sechs oder hundertundsieben?"— Solchem Menschen kann man nun mit überlegenem Lächeln er- widern:„Damit Amerika anläßlich der Weltausstellung in Chikaga auch seine himmlische Attraktion hat: damit Arcturus die Anstellung eröffnen kann! Siehst du, erbärmlicher Grübler: es ist alles wohl bedacht..." Ganz kleine Beiträge zu folgenden Themen: s) Was es für Sorgen gibt: In Verdun ließ sich ein Mann den Schnurrbart abnehmen. Seine Frau machte ihm des- wegen eine derartige Szene, daß er es vorzog, aus dem Leben zu scheidet Er sprang ins Wasser, wurde aber gerettet. Seine Frau nahm ihn wieder auf unter der Bedingung, daß er umgehend den Schnurrbart wieder wachsen lasse. b) Wie respektlos Leute sei» können: Eine gewisse Filnnnasseuse Sylvia aus Hollywood veröffentlicht ein Memoiren- werk, das sich mit den vergöttertsten Filmdiven eingehend beiaßt: Gloria Swanson und Clara Bow sind auch dabei. Der Titel des Buches, gegen das die Filmindustrie bereits Sturm läuft, lautet: „Die heiligen Kühe..." c) Wie sinnvoll Zufälle sind: Anläßlich des hun» dertsten Geburtstags de» Dichters Wilhelm Raabs wird Berlins Raabc-Haus in der früheren Spcrlingsgasfe und jetzigen Spreestr. 11 neu angestrichen. Der ausführende Malermeister heißt, wie ein Schild weithin verkündet— Heinrich Heitte! -HWiekurzsichtigJägcrsein können: In der Nähe Bayreuths oerletzte ein Sonntagsjäger einen Lehrer, der gerade ei» Sonnenbad nahm, schwer durch einen Schrotschuß. Der sehr kurzsichtige Nimrod hatte den Lehrer für einen— Bock gehalten... Nr. 394 48. Jahrgang £ i Montag 24. August 1931 Die große Funkausstellung ilmh die diesjährige, bis zum 30. August geöffnete Funk- und Phonoausstellung am Kaiferdamm ist noch in starkem ZNaße eine Lehrschau, wie ihre Vorgänger. Aber man merkt, dafz c« nicht mehr in erster Linie darauf ankommt, neuestes in ver- blüfsendsteu Ausmästen zu zeigen. Die Grundlinien liegen fest und das Stadium rascher Entwicklung scheint überwunden. Man konstruiert weiter in ruhiger und besonnener Weise, hält Erprobtes fest und vertieft es— und experimentiert nicht mehr fo viel. Die großen Massen wissen jetzt Bescheid in den technischen Dingen, denn der Rundfunk ist Allgeineingut geworden, und das Radio ein Gebrauchsgerät, durchkonstruiert bis aufs äußerste. Die Epoche der. Bastelei scheint überwunden; sie hat einiges Wesentliche hervorgebracht, aber konstruktiv nicht oervollkominncn können. Diese Aufgab« hat die Funkindustrie übernommen, ihre Spezialisten, ihre Techniker. Man verlangt heute ein einfaches Gerät, dessen Konstruktionsteile gut eingeschlossen sind, das eine einfache Be- dienung ermöglicht und je nach>den Anschasfungskosten eine Auswahl unter möglichst vielen Sendern gestattet. Der Empfänger mit der Einknopfbedicnung, der Riesenskala von vielen, namentlich ge- illl Bis? Kurzvellen-Superheterodyne Schaleco als Vorsaizgerät nannten Stationen(nicht nur nach Wellenlängen bezeichneten) gilt als Jdealgerät. Die einsachfte Bedienung läßt sich vorläufig nur bei den kostspieligeren Geräten durchführen, die billigeren Apparat« lassen sich zunächst nur unter Zuhilfenahme mehrerer Einstellvor- richtungen bauen. Je teurer der Apparat ist, desto einfacher ist diese Einknopfbedienung. Die hohe Röhrenzahl spielt keine Rolle mehr. Bier-, Fünfröhrcnempfänger leisten heute das Beste in Wirkung und Selektivität. Die Frage der Selektivität ist es überhaupt, die auf dem Rodiobau am meisten lastet. Die dicht r nebeneinander liegenden Stationen der europäischen Großsender erfordern die feinste Trennmöglichkeit, um nicht gleich einen ganzen Haufen fremder Sender im wüsten Durcheinander in? Lautsprecher zu haben. Abstimmschärfe und die Zahl der Abstimmkreise laufen aber gleich mit dem Begriff der Verstärkung. Die Mehrkreis- cmpfänger z. B. sind Neukonstruktionen, bei denen die Zahl der Abstimmkreise u. Röhren so angepaßt wurde, daß an jedem Empfangsort alle Stationen einwandfrei getrennt werden können. Auch der störende Ortssender in nächster Nähe muß dabei aus- geschaltet werden können. Telefunken hat einige Apparate dieser Mehrkreisklasse durchkonstruiert und sie mit einer sogenannten Autoskala ausgerüstet. Statt der Zahlen der Wellenlänge liest man die Namen der Scndestationen. Einrichtungen dieser Art gab es natürlich schon früher, aber sie veralteten sehr schnell, weil bei Wellen- önderungen irgendeiner Station die Skala nicht mehr stimmte. Dann las mau auf der Skala aber auch zuviel Stationen, die am st m :> j fe' i . Siemens-45W- Dreikreis- Netzempfänger Einknopfbedienung und Riesenskala Empfangsort niemals zu empfangen waren, was die Uebersichtlich- keit sehr einschränkte. Bei der Autoskala sind kleine Stationsschildchen vorhanden, die auf die Skala beliebig aufgesetzt und wieder entfernt werden können. Damit ist die erwünschte Beweglichkeit gegeben. Wichtig aber ist, daß bei dem jeweiligen Besitzer der Anlage überhaupt nur diejenigen Stationsnomen aufgesetzt werden, die bevorzugt empfangen werden, so daß die Autoskala überall ganz individuell für den jeweiligen Empfänger geeicht erscheint. Die technische Lösung bei der Autoskala ist dabei so geschickt getroffen, daß nach Aufsetzen des Stationsschildchens die Skala den Eindruck macht, als ob die Stationsnainen auf die Skala selbst geätzt sind. Das Epitzenaerät der bleuen Mehrkreisklasse. Telefunken 340 W(Schirmgitter-Vierer für Wechselstrom), enthält außer den erwähnten drei Abftimmkreisen noch einen weiteren Reservekreis, der bei der Abstimmung automatisch mitläuft, nämlich die abstimm- bare Antenne, so daß hier vier Abstimmkondensotoren mit einem Griff bedient werden. Da vor der Hochfrequenzröhre bereits zwei Abstimmkreis« liegen, wird eine Bandsilterwirkung erzielt. Eine be- sondere Nullkopplung scheidet auch den stärksten Ortssender ohne Anwendung eines Sperrkreises unbedingt aus. Die Fernempfangs- leistung ist so stark, daß überall auch Tagessernempfang ohne Hoch- antenne erreicht werde» kann. Die eingebaute Lichtantcnne gestattet itt du Mehrzahl aller Fälle, überhaupt ohne Antenne zu arbeiten. Der Preis dieses Vierröhren-Dreikreis-Spitzengerätes wird noch unter 200 M. einschließlich Röhren liegen, so daß der ungeheure Fortschritt der Funkmdustrie gegenüber dem Borjahre durch kein anderes Gerät besser erwiesen werden kann. Daß trotz dieses niedrigen Preises das erlesenste Material verwendet wurde, sei nur am Beispiel der Hochfrequenzschaltkontakte bewiesen, die erstmalig bei diesen Empfängern aus Platin-Iridium bestehen. Der Vier- röhren-Dreikreis-Empsänger„Siemens 45 W" ist der wirkliche Einknopf-Fernempsänger, «ine einzigartige Neuerscheinung auf dem deutschen Rundfunknmrkt. Durch einfaches Drehen des Äbstimmknopfes kann man jeden be- liebigen Sender sofort einstellen. Der Siemens 45 3V ist also der ideale Empfänger für alle die /jörer, die von einem Rundfunkgerät ausgezeichneten Fernempfang verlangen, ohne daß sie sich vorher mit der Handhabung des Gerätes besonders vertraut machen müssen. Der Preis liegt je nach Wahl des Lautsprechers etwa zwischen 430 M. und 510 M. Daß auch auf ein geschmackvolles Aeuhere be- sonderer Wert gelegt wurde, versteht sich von selbst. Ein bewährter Fernempfänger ist das Fünfröhren-Reutro-Gerät „S i e m e n s 5 0', das in verschiedenen Ausfichrungen geliefert wird. Es kostet für Netzanschluß und je nach Wahl des Lautsprechers etwa 300 M. bis 4M M. Aus der gegenwärtigen überragenden Stellung des Netzanschluß- geräts im Fabrikations» und Verlaussprogrannn der deutfchsn In- dustrie kann jedoch nicht ohne weiteres auf die Berteilung der ver- schiedcnen Apparatetypen bei den im Betrieb befindlichen Geräten geschlossen werden. Nock) immer ist die Zahl der Hörer, die ein Batteriegerät benutzen, kaum kleiner als die Zahl derer, die sich eines Netzanschlußgerätes bedienen. Bemerkenswert ist ferner, daß selbst der Detektorapparat heute noch von etwa 15 Proz. aller Hörer, namentlich in der Nähe einzelner Sender, benutzt wird. Auch für die Zukunft wird das Batteriegerät weiter eine erhebliche Bedeutung Haben. Weite Gebiete Deutschlands und der übrigen für den Export in Frage kommenden Länder weisen noch einen relativ geringen Grad von Elektrifizierung auf; so ist zum Beispiel noch Aus- führungen des Vorstandsmitgliedes Dr. B. Cohn von, Verband der Funkindustrie das dicht besiedelte Gebiet des rheinisch-westfäli- JlüU-Ska&i schen Industriereviers nur In verhältnismäßig kleinem Umfange elektrifiziert. Nach den neuesten Erhebungen kann angenommen werden, daß mehr als 30 Proz. aller Haushaltungen in Deutschland nicht an ein Elektrizitätsnetz angeschlossen sind. Es ergibt sich hieraus, daß das Battcriegerät auch weiterhin über ein nicht unlw- trächtliches Absatzgebiet verfügen kann, sofern die Industrie— wie dies in jüngster Zeit geschehen ist— ihr Interesse wiederum dem Batteriegerät und seiner weiteren technischen Vervollkommnung zu- wendet. Auiosiize aus Stahlrohr Einfadi, raumfördernd, mottensicher Die neuen Formen, die sich aus der Bcrwendung von Stahl- rohr für Möbel ergeben haben, verschaffen sich neuerdings auch Einganjf in den Automobilbau. Die insbesondere für Sitz- gelegenheiten wichtige Federung wird heim Stahlrohrsessel im Gegensatz zum bisher üblichen Polstcrsitz durch die dem Rohrgerüst eigene Elastizität erreicht, so daß man auf diese Weise die Polster- sedern entbehren kann. Eine einfache Bespannung des Rohrrahmens an Sitz und Rückenlehne mit sehr festem und elastischem Spezialtuch gewähr- leistet einen bequemen, weichen Sitz, dessen Weichheit durch Einbau besonderer Bandsedern zwischen Stahlrahmen und Sitzbcspannung noch gesteigert werden kann. Mit angenehmer Kühle im Sommer verbindet ein solcher Sitz die weiteren Borteile verminderter Feuers- oesahr und geringer Unterschlupfmöglichkeit für Matten und Un- gezieser. Ein Faktor, der namentlich für Kleinwagen von Bedeutung ist, ist die gewonnene Raumersparnis. So können die hinten sitzenden Personen ihre Beine bequem unter den Bordersitz stecken, was die gebogene Form des Rohrrahmens erlaubt. Die Möglichkeit zum Kippen des ganzen Sitzes oder nur der Rückenlehne nach vorn ermöglicht ein leichtes Aus- und Einsteigen: auch kann man den Sitz in Fahrtrichtung auf Schienen verstellen. Die Kosten stellen sich im allgemeinen niedriger als für Polstersitze, da die zur Herstellung des Etahlrohrgerüstes notwendigen Werkzeuge in der Anschaffung nicht teuer und immer wieder zu verwenden sind und Reparaturen, die sich lediglich auf die Erneuerung des Tuches beschränken, bei weitem nicht so kokstspiclig sind, wie umständliche Jnstandsetzungsarbeiten an Polstersesseln._ Ein schwimmendes Kraftwerk Die Tatsache, daß der airlerikanische Flugzeugträger„Lexington" 30 Tage lang die Stadt Tacoma im Staate Washington U. alle 10 Kilometer zwei Wertungsspurts und war reich an Vorstößen. ' Vierzehn Paare stellten sich dem Starter; der einzige Ausländer 1 Piano, der mit O. Nickel fuhr, erwies sich zwar im Spurt als !' ein sehr schneller Flieger, aber seinen zahlreichen Vorstößen war nie � ein Erfolg beschieden. Das sieggewohnte Team Engelmann- � W. Nickel startete in sehr guter Form und siegte durch Runden- ! gewinn. Die beiden mit gelbem Trikot geschmückten Flieger gingen ' plötzlich kurz nach der sechsten Wertung ganz höllisch in die Pedalen � und tonnten durch geschicktes Ablösen ihren Vorsprung bis auf eine . halbe Runde ausdehnen. Die beiden folgenden Spurts brachten sie ' mit diesem Dorsprung glatt auf ihr Konto. Kurz noch der 8. Wer- ; tung glückte es dann, dem Feld eine ganze Runde abzunehmen. Bei dieser längsten Jagd verlören Lohoff-Adamek noch eine weitere Runde. Zwischen den erfolgreichen Ausreißern und dem übrigen Feld lag lange die Mannschaft Piano-O. Nickel, der es nicht gelang, den ' von Lohoff-Adamet unterstützten Spitzenreitern einzuholen. Die Siegermamtschast Engelmann-W. Nickel gewann, das Rennen mit 15 Punkten und durchfuhr die 50 Kilometer in 1 Stunde 18 Minuten und 47,4 Sekunden. Der Wühler M a n t h e y kann mit seinem ersten Debüt auf der Aschenbahn zufrieden sein, mit P e t r i hatte er die größte Punttbeute des Tages, sie belegten mit einer Runde zurück und 31 Puntten vor dem eingefahrenen Team Lehmann-Wissel (23 Punkte) und Wolke-Mandelkow(21 Puntte) einen achtbaren zweiten Platz. Das Hauptfahren mit Vor-, Hoffnung?- und Zwischen- läufen gewann der Breslauer K i e ß l i ch, nachdem er schon den Hoffnungslauf an sich bringen konnte. Den ersten Lauf des Vor- gabefahre ns gewann Piano, im zweiten Lauf erreichte Neu- mann als erster das Zielband. Der sehr schnell gefahrene Endlauf sah Nickel mit fast zwei Längen vor den Malmänneni Petri und Mandelkow erfolgreich. Dos stark beschickte Ausscheidungs- fahren für Unplacierte holte sich der Perliner D o r n in 5 Minuten 41,4 Sekunden vor Kuhn und Wolke. Luckenwalder Kinderfest Was Arbeitersporller in schwerer Zeit leisten War es noch ein Vereins k i n d e r f e st, das da am letzten Sonnabend und Sonntag draußen in Luckenwalde vor sich ging? Sicher nicht, denn fast alle Vereine der Südgruppe im 1. Kreise des Arbcitcr-Turn- und Sportbundes waren nicht nur ver- treten, sondern mit ihren Knaben- und Mädchenabteilungen äußerst zahlreich erschienen. Schon der Sonnabend ließ sich glänzend an. Das Turnerheim in der Hctzheide besetzt bis auf die Fensterbretter, so begann der Elternabend der Luckenwalder Turyerschast! Die anwesenden Gast- vereine brachten Siegspiele für Knaben und Mädchen, Geräteturnen und Gymnastik. Eine schöne Bereicherung erfuhr das Progranim durch die ausgezeichneten Gesangsvorträge der Luckenwalder Kinder- chöre und durch ein reizendes Märchenspiel, das die Allerkleinften ausführten. Besondere Erwähnung verdient der Abschluß des Abends: Der aus Berlin anwesende Verein„Volkssport Neu- k ö l l n- B r i tz" führte einen ganz neuen Sprechchor„August- Gedanken und-Gedenken" auf, der durch das Fackclfchwingen der Luckenwalder Kinder eingeleitet wurde und mit dem Gesang der gemischten Männer- und Kinderchöre schloß: ein überwältigendes Schlußbild, das alle Anwesenden zu stärkstem Beifall hinriß. Hier arbeiteten der Luckenwalder Lehrer Kühn und der Bezirkskinder- leiter Schiftan verständnisvoll zusammen und schufen dadurch wirk- lich Vortreffliches mit ihren Kinderabteilungen!--- Spiel- und Sportbetrieb begann Sonntag in aller Frühe auf allen Plätzen mit Mannschaftskämpfen und Hand-, Völker- und Fußballspielen. Die Kinder waren gut aus dem Posten, zumal der vorzügliche Platz in der Hetzheide die Abhaltung jeglichen Sports gestattet. Der Nachmittagsfestzug führte von der Volksheimsiedlung vorbei an der weltlichen Friedrich-Ebcrt-Schule durch die Stadt zur Hetzheide. Ein Kinderfahnenzug eröffnete den Zug, Musikkapellen füstrten, und fröhlicher Sang begleitete den Zug jubelnder Kinder. Alles war wieder mal auf den Peine». Der Nachmittag brachte noch allgemeine Massengymnastik, frohe Singspiele und gute Sondervorführungen. Die gut geleiteten Lücken- walderKinderabteilungen gaben hier viele Anregungen. Beim lustigen „Zehnminutenspiel" kribbelte es auf dem Platz wie in einem Ameisen- Hausen. Aber leider verrannen die Stunden viel zu schnell, die ersten Autozüge rasten bald davon, denn die entfernteren Vereine mußten die Heimreise antreten. Die Quartiereltern brachten ihre kleinen Gäste zum Bahnhof, schon kommt der Zug, flugs eingestiegen, Tücherwinken,„Frei Heil" und„Gesundes Wiedersehen"!---- Vorbei ist ein Fest, das nicht nur von örtlicher Bedeutung war. Denn wenn Luckenwalde ruft, lernen sich immer wieder alte Freunde kennen, und neue kommen dazu. Lm Schreckenssonntag Unfälle bei Automobilrennen Vei den Riescngebirgsrenncn bei Schreiberhau am Sonntag ereigneten sich zwei schwere U n s ä l l e, von denen der eine ein Todesopfer forderte. Beim Training auf der 5 Kilometer langen, sehr kurvenreichen Rennstrecke fuhr am Sonnabend der Motorradrennfahrcr Linus S t c l z c r aus Ullersdorf- Liebenthal (Schlesien) gegen einen Baum und zog sich sehr schwere Verletzungen zu, denen er am Sonntag erlag. Im Rennen selbst startete als letzter in der schweren Sportwagen. klasse der bekannte Mercedes-Bcnz-Fahrcr Manfred von Brauchitfch auf dem I-Liter-Mercedes-Benz-Kompresior. Am Ausgang der sogenannten Königsteinkurvc, einer 5)aornadelkurve, schnitt von Brauchitfch die Kurve zu scharf, so daß er im letzten Augenblick den Wagen nach außen reißen mußte. Der Wagen schlug nach der Außenseite und kam mit dem rechten Vorderrad aus einen Sandberg, wo er seitlich umschlug. Der Wagen landete mit den Rädern nach oben im Straßengraben. Von Prauchitsch vennachte noch unter dem Chaffis Hervorzuknechen, brach dann aber zusammen. Er blutete stark aus dem Mund. Eö hatte innere Verletzungen und Brustquetschungcn erlitten, indem ihm das Steuerrad Brust und Leib eindrückte. Von Brauchitfch wurde in das Hotel Lindenhof gebracht. Sein Zustand soll nicht besorgniserregend sein. Das traditionelle Schleizer Dreiecksrennen, das gestern stattfand, hat eine ganze Reihe von Opfern gefordert. In- folge des Regens stürzte zunächst der bekannte Fahrer B u l l u s. Er fuhr in die Zuschauermenge hinein. Eine Frau wurde schwer verletzt und mußt« mit Brüchen an beiden Beinen in das Kronken- haus eingeliefert werden. Später kam der München«? Bau hoser zum Sturz. Er tug leichte Beinoerletzungen davon und mußte dos Rennen aufgeben. Per Plauener K ö' st l e r erlitt vei einem Sturz eine schwere Lungcnquetschung, der Plauencr Korb ein« schwere Bcustguctschung. Der Chemnitzer Fahrer Schott fuhr gegen einen Baum und erlitt mehrfache Beinbrüche. Ruhlebener Pokal in Mariendorf. Ein abwechslungsreiches und vielversprechendes Programm, das sich durch besonders starke Felder auszeichnen wird, kommt am Dienstag. 25. August, bei den Abendtrabrcnncn in Mariendorf zur Abwicklung. Die Rennen be- ginnen wieder um 6 U h r.__ Freie? Spothjcrctjt Reinickendorf West. Donnerstag, 27. Anguft, 20 ITfjc, Mibglkderversommiunq bri Scidlitz. cdjarmDcbcr. Ecke Eichdornstraße. FT6>B., Bezirk Westen. Dienstag. 25. beauint der Turnbetrirv wieder in der renovierten Halle Cnlmftr. 15. Mrdtrvoch, 26. August, 20 Ul)r, bei Rickert, Steinmetzstr. Mi, Bezlris�rauenvers«�luvg. SV. Moabit, Hockey. Mittwoch, 26. August, bei Rostel, Puttttzstr. 10, 20 Uyr, Hockcysitzung. Neue Lpielcr werden noch aufgenommen. Weiter für Berlin. Weitere Erwärmung und anfangs heiter. später wieder zunehmende Bewölkung. Winddrehung noch Südost. — �ur Deutschland: In der nordöstlichen Hälfte noch heiter, in Mitteldeutschland Eintrübung und wärmer, im Westen und Süden Rcgenfällc._ fr riückschau. Der Bericht des Z e i t u n g s h ä n d l e r s in der Vortragsreihe „Menschen und ihre Arbeit"(Funkstunde) wurde eine wirkungsvolle Schilderung vom heutigen Lebenskampf, der den Menschen nicht mehr nach' Beruf, sondern nur noch nach Erwerb suchen läßt. Der Vortragende erzählte, daß Menschen aller Schichten sich in den Reihen der Zcitungshändler befinden, neben dcni berussmäßigen Händler stellungslose Angestellte. Kausleute, Musiker, Akademiker. Aber der Bericht wurde keine Klage über diese Arbeit, die heute manchem, der sonst stempeln gehen müßte. Erwerb gibt. Daß der Vortragende bekannte, selber Akademiker zu sein, brauchte nur als Bestätigung der Tatsachen aufgefaßt zu werden. Das Besondere an dem Vortrag war die Art, in der dieser Zeitungshändler von seiner Arbeit sprach. Hier offenbarte sich die einschneidende Trennung zwischen dem Menschen von gestern und heute. Der Grundklang seiner Ausführungen war: alle Arbeit ist ehrlich und anständig; jede Arbeit tut man gern, wenn sie einem den Lebensunterhalt gibt. Daß die Sehnsucht nach Ausübung des wirtlichen„Berufs" dahinter bei vielen auf Erfüllung wartet, daß diese Menschen erst in diesem Beruf den Sinn ihres Lebens erkennen, ist selbstnerständlieh. Aber das Warten auf die Möglichkeit, diesen Beruf auszuüben, dos Hoffen auf diese Möglichkeit wird höchstens verbittert von dem Ge- danken an die fruchtboren Kräfte, die brachliegen müssen, nicht von dummem Stolz, der sich wieder nach Aufstieg in die„gehobenere" Stellung sehnt. Der Vortrag war ein Zeichen dafür, daß die sozialistische Erkenntnis von der Wertgleichheit oller Arbeit sich schon breite Bahn gebrochen hat. Im Programm der Deutschen Welle sprach Dr. K i e n t o n f über„Die Schulzahnpflege im Rohmen der kommunalen Gesundheitsfürsorge". Auch dieser sachliche Bericht griff, ohne sie beim Namen zu nennen, tief in die Nöte der Gegenwart hinein. Die Erkenntnis, daß Zahnpflege von frühester Kindheit an not- wendig für die gesamte Entwicklung des Menschen ist, hat zu einem breiten Ausbau der Schulzahnpflege geführt, die allerdings noch immer um das notwendige Verständnis bei den Eltern ringt. Aber auch wo dieses Verständnis vorhanden ist, mag es sehr oft an der täglichen Zahnpflege fehlen: Zahnbürsten kosten Geld, lieber die Hälfte aller van den Schulzahnkliniken erfaßten Kinder putzen sich überhaupt nicht die Zähne, andere benutzen eine Familien- Zahnbürste. j In ihrem Sonntagsprogramm brachte die Funkstunde ein Gastspiel der Funkgcmeinschast engagementsloser Schauspieler. Aus- geführt wurde Emil Roscnows Komödie„Kater L o m p e". Die Funkstunde schickte dem Spiel eine gute, verständnisvolle Ein- führung über de» Sinn dieser Veranstaltung voran. Das in seiner Gegeneinanderstellung sozialer Gegensätze nach immer wirksame Werk wurde ausgezeichnet aufgeführt. Die funkische Beratung war hier also ausreichend; höchstens die Krawallszenen hätten noch einige Dämpfung vertrogen.— Auch Alfred K e r r s„Tages- g l o s s e n" waren hörcnswert. Sein Optimismus geht nicht leicht- fertig über die bittere Not der Zeit hin. Cr ist nur ttotzdeni da, er lächelt, schon um das Lächeln nicht zu verlernen.— Noch ein Wort über Musik: Das Mittogskonzert aus Leipzig, übertragen auf Berlin und Königswusterhoufen. erfreute die Hörer mit einem „Prinz-Eitel-Friedrich-Mars ch". Für die, die es von der Schule her schon vergessen haben sollten: Eitel-Friedrich ist der Bruder von Auwi. Weil diese Programmnummer keine Aus- nähme ist, soll aus sie hingewiesen werden. Wir werden reichlich mit Militärmärschen gefuttert: es wäre wenigstens taktvoll, allzu unzeitgemäße Titel durch die Opusnummer zu ersetzen. Aber viel besser als durch Militärmärsche läßt sich das Verlangen nach volks- tümlicher Musik durch Veranstaltungen von Gitarren-, Lauten- und Mandolinenchören befriedigen, die nach unseren Feststellungen außer- ordentlich beliebt sind. Tez. Montae, 24. Außnst. Berlin.- 16.00 Tiroler Alpcnspielc. 17.00 Kurt Pinczowcr: Weltmeister, die es nie wurden. 17.20 Obcrregierungstrat Pusch: Soziale Hygiene. 18.40 Aktuelle Abteilung. 19.05 Schlager der Nationen. 19.30 Dr. Cohn: Hlektro-akustische Industrien. 20.00 Frauenliebe-leben. Oucrschnitt von M. M. Gehrke. 21.00 Tages- und Sportnachrichten. 21.10 Sinfoniekonzert. Dir.: Generalmusikdirektor Paul Scheinpflug. 1. Schein- pflüg: Ouv. und Intermezzo..Das HofkoBrerf. 2. Herrn. Unger: Konzert für Orch., op. 61. 3. Beethoven; Sinfonie Nr. 4, B-dur, op. 60.(Funk- Orchester.) Ä 22.15 Die deutsch-österreichische Zollunion von dem Weltgerichtshof im Haag. Bearbeitet von Actualis. Frankfurt a. M. 22.50 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Königswusterhausen. 17.00 Rektor Adolf Hauschild: Arbcitsschulmäßigcr Rechcnunterricbt. 17.30 Dr. Luise Hiller. Th. Demetricscu: Das geistige Erbe in der Musik. 18.00 Kurt Holzel: Die Westmark. 18.55 Wetter für die Landwirtschaft. 19.00 Englisch für Anfänger. 19.25 Rittergutsbesitzer Schlange: Herbstbestellung:. 20.00— 23.10 Salzburg:„Orpheus und Eürydike." In der Pause(etwa 22.00): Wetter, Nachrichten, Sport. AnschlieBend bis 00.30: Von Berlin: Tanzmusik. ■,-r-T-V MP MW ... Üä..........! tm Arbeiter-Hockey in Neukölln „Volkssport Neukölln-Britz" verlor gestern beim Beginn der Hockeyserie gegen„Eichc"-Leipzig 1: 4. Erklärlich wird diese Niederlage durch das Fehlen des besten Verteidigers. Sonst ein Spiel gleichwertiger Mannschaften in Stock- technik und Zuspiel. Leipzig hatte ein Plus im schneller-am-Ball-sein. Neu- köllns Torwart leistete sehr gute Ab- wehrarbeit und trotzdem erzielte Leipzig zwei Tore, die er hätte verhindern können. Das Rückspiel wird in Leipzig bei voller Mannschaft der Volkssportler wahrscheinlich ein umgekehrtes Resultat haben.