BERLIN Mittwoch 2. September 1931 10 Pf. Jlr.410 B 205 4».Iahrgang Ersch eint täglich außer Sonntag«. Zugleich Abendau«gabe de«.Vorwärts'. Bezugspreis beide Ausgaben&> Pf. proWoche. 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW6S,Lindenstr.S Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 ffi/hwasfa Anzeigenprei«: Die etnspa ltige Nonpareillejetle «o Pf., Reklamezeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwärl<-Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37 636.— Der Verlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Ameigen vor! Das gebrochene Hakenkreuz „Geradezu erschreckende Wandelbarkeit" der Hitler-partei Braunschweig. 1. September. Eine Erklärung, die der bisherige Führer der nationalfozialisti- scheu Landtogsfraktion, Abgeordneter G r o h, zu seinem Austritt aus der NSDAP, abgegeben hat, lautet u. a.: Di« Auseinandersetzungen mit der Reichsleitung der NSDAP. bzw. deren Beauftragten in der Rücktrittsangelegenheit des Ministers Dr. Franken haben in geradezu erschreckendem Maße die wandelbarkeil und llnenl- schiedenheit der Partei nicht nur auf dem Gebiet der Taktik, sondern vor allem in Fragen Neues im Westen! Oer vielumstrittene Kriegsfilm freigegeben. Die Deutsche Universal Film-Gesellschast hat den zu» ständigen Reichsbehörden eine Erklärung übermittelt, daß die Weltfassung des Ffilms„I m Westen nichts Neue s" mit der in Deutschland für geschlossene Veranstaltungen freigegebenen Fassung in Uebereinstim- mung gebracht werden wird. Der Film wird künftig auch im Ausland ausschließlich in der gekürzten deutschen Fassung gezeigt werden. In Uebereinstim mung mit den Gutachten der zuständige« Behörden ist der Film darauf- hin von der Filmprüfstelle heute zur öffentlichen Vorführung in Deutschland freigegeben worden. der Zielsetzung und Programniatik bewiesen. Die Art der Erlcdi- gung der Ministerfrage in Braunschweig durch die Reichs» l e i t u n g und deren Beauftragten, Gauleiter Ruft, hat mir den Glauben au die ZlSDAp., deren Kur, mich ohnehin seil langem mit ernster Sorge erfüllte, restlos genommen. Die Erklärung Grcchs beschäftigt sich dann näher mit der Be- gründung der Forderung der Parteileitung, in Braunschweig wieder den zweiten Minister zu stellen, die als eine unglaubliche Irreführung der Parteigenosien bezeichnet wird, und kommt zu dem Schluß: »Zn wahrheil glaubt mau damit osfensichllich, den langersehnten Ausweg gefunden zu haben, der Partei den winisterfesiel zu erhalten, ohne gezwungen zu fein, gegen Dr. Franzen und mich selbst vorzugehen. Da ich den Glauben nicht mehr habe, daß die NSDAP., wie sie sich, entgegen ihrer programmatischen Zielsetzung, heute verhält, die Idee des Nationalsozialismus, für die ich kämpfe und kämpfen werde, verwirklichen wird, trete ich hiermit aus der Partei aus.' Briefe, die nicht beantwortet wurden... Der Gauführer Bernhard Ruft stellt in einer längeren Gegenerklärung dem Landtagsabgeordneten Groh gegenüber u. a. fest, daß' seines Wissens eine„schriftliche Auseinander- s e tz u n g' mit der Reichsleitung niemals stattgefunden habe, es handele sich nur um ein« Anzahl Briefe des Herrn Groh an die Reichsleitung, die n i e m a l s b e a n t w o r t e t worden seien. Mit seiner Bemerkung,„daß die Ländcrregierungen Befugnisse er- halten hätten, welche die eines Zwangs- und Konkursverwalters bei weitem überschritten', habe Herr Groh selbst die best« Begründung für die Behauptung des Abgeordneten Ruft und damit für die Stellungnahm« der Partei zur Minrsterfrage gegeben. Ueber Dr. F ranzen besagt die Erklärung Nüsts:„Da Dr. Franzen als Grund für seinen Austritt die Enthebung des Herrn Groh von seinem Amt als Führer der Landtagsfraktion mit ange- sührt hat. stellen wir fest:„Herr Groh konnte nach seiner öffent- lichen Auslassung gegen die Partei kein anderes Schicksal erfahren. Jeder wird das selbst anerkennen und sich danach sein Urteil bilden.' * Wer als..Fraktionsführer' der Nazis an den großen Adolf schreibt, bekommt einfach keine Antwort. Dos erfordert das„Führer- Prinzip'. Wenn er aber dann öffentlich etwas davon sagt, wird er abgesetzt. Das folgt aus dem„Fülhrerprinzip'. Und wenn er dann den„Glauben' verliert, dann gibt es genug Dumm«, die ihn noch nicht verloren hoben. Oer Oank der Banken. „Sehr nett von Ihnen, daß Sie unser Haus wieder instand gesetzt haben. Bitte, nehmen Sie Platz." Sin Opfer fiel... parteisetretär Zilinski von Halenkreuzlern ermordet. In der„Königsberger Volkszeitung' lesen wir: Erich Zilinski, unser lieber Kampfgenosse, der Unter- bezirkssekretär der Sozialdemokratischen Partei für E l b i n g. weilt nicht mehr unter den Lebenden. An den Folgen eines Ueberfalls nationalsozialistischer Meuchelmörder ist er, erst am Ansang seines dritten Lebens- jahrzehnts stehend, in Deutfch-Eylau verstorben, seine Frau und zwei kleine Kinder und seine Parteifreunde in tiefstem Schmerz zurücklassend. Unsere Erinnerung greift zurück in das Jahr 1924. In einem kleinen Zimmer des Flughafens Seerappen saßen süns Menschen, die den Stamm unserer dortigen Parteiortsgruppe bildeten. Hier begann Erich Zilinski, der als junger Elektromonteur nach Ost- preußen gekommen war. seinen Dienst am Sozialismus. Rasch entwickelten sich sein« Fähigkeiten, Hunderte von Anhängern scharte er in seinem Wohnsitz um die rote Fahne, und mochte er selbst auch manchmal nicht satt zu essen haben, er war stets der erste, der zur Stelle war, wenn es galt, für die große Idee zu kämpfen. In rafchem Flug eroberte er die Gemeinde, wurde Gemeinde- und später Amtsvorsteher und zeigte hier seine eminenten Fähig- ketten auf kommunalpolitischem Gebiet. Zur vollsten Entfaltung seiner Talente kam er aber erst, als er in den F i s ch h a u s e n e r Kreistag und später in den Kreisausschuß eintrat. Hier wurde aus ihm ein Führer der Arbeiterschaft, der zu schönsten Hoffnungen berechtigte. In rostloser Arbeit hatte er sich— immer um die mate- riclle Existenzgrundlage schwer ringend— ein reiches Wissen an- geeignet, hatte bald die unbestrittene Führung der Partei im Kreis Fischhausen und fand auch beim politischen Gegner stets Aufmerksam- keit und Achtung. Als er von Fischhausen schied, um ein neues ver- antworwngsvolles Amt anzutreten, begleiteten ihn nicht nur beste Wünsche und aufrichtigster Dank vieler Hunderter Arbeiter, sondern auch ein Führer der Deutschnationalen gestand:»Wir haben Sie ge- fürchtet und gehaßt, aber wir ziehen unseren Hut aus Anerkeimung vor einein so anständigen Kerl!' Mit großem Erfolg wirkte Genosse Zilinski in seinem neuen Arbeitsfeld, dem Unterbezirk Elbing. Daneben war er im Vorstand des Landgemeindeverbandes tätig. Auf die Bitten der Seerappener Genossen kam er noch einmal dorthin, erlebte einen U e be r f a l l des Nazigesindels auf diese Versammlung und wurde, als er sich schützend vor die Frauen stellte, niedergeschlagen. An den Folgen der hier erlillenen Verletzungen ist er in Dt.-Eylan verschieden. Oeuische Schulnot in Polen. Beschwerde in Genf. Die deutsche Minderheit in Polen hat an den Völkerbund zwei Petitionen gesandt, in denen die trostlose Lage des deutschen Schul- wesens in Kongreßpolen und den ehemals preußischen Gebieten dargelegt wird. Das unter Ruhland in Kongreßpolen mit un- endlicher Mühe errichtete deutsche Schulwesen hat der polnische Staat nahezu restlos zertrümmert. Di« früher vorhandenen 560 deutschsprachigen Schulen sind auf ein Zehntel ver- r i n g e r t. Auch in Posen und Pommerellen muß die Hülste der deutschen Kinder polnischsprachige Schulen besuchen. Nach dem Fortgang des Leiters des deutschen Gymnasiums in Dirschau sieht das polnische Schulkuratorium in Thorn diese Schule als aufgehoben an und macht die Erteilung einer neuen Konzession von Bedingungen abhängig, deren vollständige Erfüllung unmöglich ist. Die etwa 150 deutschen Kinder, die das Gymnasium besuchen, mußten am Mittwochmorgen bei Beginn des neuen Schuljahrs nach Hause geschickt werden. Die polnische Schulbehörde hat bereits Maßnahmen getroffen, um die noch schul- Pflichtigen Kinder(unter 14 Jahren) in die Volksschule zu überführen. Waffensuche bei denHakenkreuzlern Lteberall mimi man die Harmlosen In dem ständigen Bestreben, die Berliner Unruhezentren der Links- und Rechtsradikalen in schärferem Maße als bisher zu über- wachen, hat die Politische Polizei des Berliner Polizei- Präsidiums heute in aller Frühe eine Reih« von den sogenannten n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Heimen, die sich in verschiedenen Stadtteilen befinden, auf Waffen durchsucht. Bereits um Z46 Uhr morgens wurden die betr. Häuser durch Schupobcamte besetzt, während Beamte der Politischen Polizei die Durchsuchungen vornahmen. Das Ergebnis der Durchsuchungen ist unwesentlich, denn zweifellos sind die Berliner Hakenkreuzler durch die Polizeiaktionen der vergangenen Woche gewarnt worven und haben ihre Mordwaffen rechtzeitig in Sicherheit gebracht. In der Hauptsache waren es Hakenkreuzlerheime in Steglitz, Schmargendorf, Schöneberg und Wilmersdorf, die durchsucht wurden. Die Beamten fanden in den einzelnen Unter- künften durchschnittlich zehn SA.-Leute vor. die zum größten Teil in übereinanderliegenden Betten, wie sie in den Kasernen ange- ordnet sind, noch schliefen, bei dem Erscheinen der Polizei aber kaum Ueberroschung zeigten. In dem N a z i h e i m in der Fichte- straße in Steglitz, das erst gestern eingerichtet worden ist, wurde eine geladene Flobertpistole beschlagnahmt. Wie von der Politischen Polizei zusammenfassend mitgeteilt. wird, ist in den Naziheimen schwerbelastendes Material nicht ge- funden worden. Gleichzeitig wurden noch einig« kommunistische Wohnungen durchsucht. Dabei fielen der Polizei neun Gewehre und zwei Karabiner, außerdem mehrere 10» Exemplare einer verbotenen Druckschrift in die Hände. Zwei Männer wurden festgenommen. zwei anderen Männern in Streit geraten und zu Boden geschlagen worden war. Einer dieser Männer, Paul E i s c r- mann, ist von dem Wachtmeister in der Notwehr angeschossen worden. Die Untersuchung ist noch im Gange. Llebersall auf Polizeiwachtmeister. Oer Äeamte mit schweren Verletzungen aufgefunden. Eine schwere Schlägerei und Schießerei, deren Gründe noch nicht geklärt sind, hat sich in der vergangenen Nacht an der Ecke der Neuen König- und der Alten Schützenstraße ereignet. Der Polizeiwachtmeister H. kam in Ziviltleidung vom Dienst und war auf dem Wege zur Unterkunst. Um 3.40 Uhr wurde er von einer Schupostreife vor dem Hause Prenzlauer Str. 32 mit schweren blutenden Verletzungen aufgesunden und nach dem Polizei- krankenhaus gebracht. Außer den äußeren Verletzungen scheint H. auch inneren Schäden davongetragen zu haben. Er konnte noch nicht vernommen werden. Nachforschungen ergaben, daß er offenbar mit Prämien für Hakenkreuz-Rowdys. Sturm auf Gewerkschaftehaus ist straffrei! Das Dresdener Landgericht bestätigt« jetzt nach fünftägiger Ver- Handlung einen Fehlspruch des gemeinsamen Schöffengerichts, von dem ausschließlich Reichsbannerleute betroffen weiden. In Großenhain war es am 19. Januar zu großen Schlägereien gekommen. Bei dem ersten der drei Vorgänge wurde der sozialdemo- kratische Stadtverordnete Z ö l l n e r aus offener Straße von Nationa- sozialisten überfallen und blutig geschlagen. Im Anschluß daran kam es zu Ausschreitungen einer durch den llebersall empörten Menge vor dem Verkehrslokal der Nationalsozialisten. Die Ruhe war längst wiederhergestellt, als die durch Sturmabteilungen von aus- wärts verstärkten Nazis einen Zug von über 100 SA.-Leuten formierten und vor das Gewerkschaftshaus zogen. Dort vollzog sich ein regelrechter Angriff, der bedeutenden Sachschaden am Haus und schwere Verletzungen von Reichsbannerlemen zur Folge hatte. Die drei Vorgänge beschäftigten ini Mai d. I. das Dresdener Gemeinsame Schöffengericht. In dem Massenprozeß waren 22 Nationalsozialisten und 10 Reichsbannerleute angeklagt. Die Reichsbannerleute haben sich wegen des Vorganges vor dem Ver- kehrslokal der Nazis zu oerantworten. Das damals ergangene Urteil war auf Grund des Verlaufs der Verhandlung nur als Skandal zu bezeichnen. Während die Reichsbannerlepte mit einer Ausnahme wegen Landsriedensbruchs bzw. gefährlicher Körperverletzung zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, wurden die Ratio- nalsozialisten nur insoweit verurteilt, als sie an dem Ueberfall auf Zöllner beteiligt waren. Von der Anklage des Landfriedensbruchs wurden sie, obwohl zahlreiche Belastungszeugen aufgetreten waren, freigesprochen. Es sollte nämlich nicht erwiesen sein, daß der Angriff von den Nazis ausging. Das Urteil löste große Empörung aus und fand in der sozial- demokratischen Presse schärfste Kritik. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verurteilten legten Berufung ein. Jetzt hat das Land- gericht Dresden das Urteil in nur geringem Umfange geändert. Es sprach lediglich drei der verurteilten Reichsbannerleute frei, ebenso einen Nationalsozialisten. Im übrigen ist es bei dem unerhörten Urteil der ersten Instanz geblieben. Der Sturm auf das Gc- werkschaftshaus bleibt also ungesühntl Eichenstuhl als Argument. Kommunistische Skandalmacher in Wismar. Wismar. 2. September. Bei der Beratung einer Ratsvorlage, die einschneidende Sparmaßnahmen im städtischen Haushalt vorsah, die aber abgelehnt wurde, kam es am Dienstagabend anläßlich der Be- gründung eines kommunistischen Sonderantrages' zu Tätlichkeiten zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, in deren Verlauf der K o m m u n i st Haertel dem sozialdemokratischen Stadtverordneten Steinemann einen eichenen Stuhl an den Kopf warf. Steinemann trug eine klaffendeKopfwunde davon. Zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten kam es darauf zu einer wüsten Schlägerei, die erst durch das Eingreifen der Polizei beendet werden konnte. Haertel wurde für drei Sitzungen ausgeschlossen, die Tribüne geräumt und die Versammlung unterbrochen. Protest der Beamten. Gegen einseilige Sparpolitik zu ihren Lasten. Die Bundesleitung des Deutschen Beamtenbundes richtete an den preußischen Ministerpräsidenten folgendes Telegramm: „Deutscher Beamtenbund erhebt Einspruch gegen die Ab- ficht Preußens, bei den seiner Hoheit unterstehenden Staats- beamten, Kommunalbcamten und Lehrern Herab st ufungen, Abbau von Stellenzulagen, Vorenthaltungen von Alterszulagcn, Kürzung von Pensionen und Hinterbliebenenbezügen und sonstig« Einkommensverminderungen vorzunehmen. Durchbrechung des Grundsatzes möglichster Einheitlichkeit aller beamten- rechtlichen und Besoldungsbestimmungen widerspricht dem Sinne der Reichsverfoffung und beeinträchtigt den Gedanken der Reichs- einheit. Wo Besoldung auf Grund des 43 des preußischen Be- soldungsgesetzes geprüft ist, muß es dabei gemäß ministerieller Zu- ficherung verbleiben. „Oer weiche Kehrichihaufen." „Vorwärts" und Gewerkschaften 1899. Genosse R ob e r t Schmidt, der in den Jahren 1893 bis 1903 den gewerkschaftlichen Teil des„Vorwärts" redigierte, schreibt uns: „Mit Recht haben Sie die Behauptung des Genossen Leipart, der „Vorwärts" habe zur Zeit des Frankfurter Gewerkschaftskongresses von 1899 von„dem weichen Kehrichthaufen der Gewerkschastsduselei" geschrieben, als irrtümlich bezeichnet. Di« Sache hängt ganz anders zusammen, und die beste Aufklärung darüber gibt das Protokoll des Kölner sozialdemokratischen Parteitags von 1893. Damals debattierte man über die Gewertschastsbewegung und die Partei. Referent war Carl L e g i e n, Korreferent Ignaz Auer. Legien beklagte sich über nicht genügendes Verständnis der Partei für die Aufgaben der Gewerkschaftsbewegung und sagte dabei: „Ferner erwähne ich einen Ausspruch des„Vorwärts", der mißverständlich aufgefaßt werden tonnte, wo von dem Referenten einer Versammlung gesagt war, er wäre schließlich„auf den weichen Kehrichthaufen der Gewcrkschafts- d u s e l e i" zu liegen gekommen." In seiner Slntwort ging Auer aus diese Beschwerde ein und sagte: „Dann wurde auch der„weiche Kehrichthaufen der G e werkschaftsduselei" ins Feld geführt. Es heißt dock geradezu die Gründe an den Haaren herbeiziehen, wenn man auch diesen Ausspruch gegen uns verwerten will. Der Artikel wendet sich schließlich gegen die Unabhängige n, welche plötzlich die Entdeckung gemacht hatten, daß der polltische Kampf für die Arbeiter gar keine, der gewerkschaftliche Kampf aber hie höchst« Bedeutung habe. Gegen diese Verkennung der Aufgaben der Arbeiter- bcwegung polemisiert der Artikel, und es wird darin zum Schluß gespottet über jene unabhängigen Himmelsstürmer, welche sich von uns trennten, weil die Partei angeblich den„revolutionären prole- tarischen" Charakter abgestreift habe, und die jetzt auf den „weichen Kehrichthaufen der Gewerkschastsduselei" angekommen seien. Wer nicht böswillig unterlegen will, kann unmöglich aus der Notiz einen Angriff auf die Gewerkschaftsbewegung heraus- So Carl Legien und Ignaz Auer auf. dem Kölner Partei- tag 1893. Nach diesen Feststellungen wird man den alten Streit um eine vielleicht nicht ganz glücklich« polemische Formulierung endgültig auf dem Kehrichthaufen der Geschichte ruhen lassen dürfen. Wer hat was wo? Antwort auf eine Preisfrage. Es gibt eine Reihe von Scherzfragen, die überall und gor nicht beantwortet werden können. An eine von ihnen, die wir in der . Ueberschrift zitieren, wird man erinnert, wenn man in einem Hugenberg-Blatt folgenden Lobgesang aus einer Festrede liest: Wir wollen uns unserer Vorsahren würdig erweisen und unserem Führer Hugevberg. der das Erbe Bismarcks in Händen hält, treue Gefolgschaft geloben. Jetzt weiß man wenigstens, was Hugenberg in Händen hält. Daß Brüning das bei seinen Verhandlungen mit dem großen Manne nicht bemerkt hat, zeigt einen bedenklichen Mangel an staatsmännischer Begabung. pallenbergs neue Rolle. Oer Betrogene- spielt Theater. Max Pallenberg hat auf Berliner und anderen Bühnen manche große Rolle gespielt. Er hat auch als„Prominenter" ebenso wie seine Gattin Fritzi Massary Riesenhonorare bezogen und sie„sicher angelegt", dos heißt bei einer Rothschild-Bank in Amsterdam deponiert und verwalten lassen. Er Hot also das getan, was man anderen mit Recht als Verstoß gegen die Interessen des eigenen Landes anrechnet, er hat das angesammelte Kapital ins Aus- land geschoben. Wieviele deutsche Steuern er dabei„erspart" hat, mag er zunächst einmal selbst ausrechnen. Jetzt ist aber auch die Amstelbank in Amsterdam zu Bruch gegangen, und mit anderen Leidtragenden muß auch Max Pollen- berg auf einen erheblichen Verlust rechnen. Angeblich 227 000 Dollar, das ist rund cineMillion Mark, hat da» Ehepaar Pollen- berg zu Rothschilds Amstelhänden gegeben. Rund zwei Drittel da- von sollen verloren sein, wenn alles gut geht. Kein Wunder, daß die von solchen Katastrophen Betroffenen sich ausbäumen. Auch Pallenberg hat das Recht, sich zu ärgern. Aber,.. Aber wie er diesem Aerger Luft verschafft, das sieht nach übelster Komödie aus. Er hat Wiener Journalisten erklärt— und diese telegraphieren es schleunigst in die Welt hinaus—, daß er mit a l l e n.„auch den absurdesten Mitteln" gegen die Direktoren der Amstelbank vorgehen werde. Er wolle Vorträge über das Unrecht halten, das man ihm angetan, er will sich ein Theaterstück schreiben lassen, in dem er die Amstelbank vernichtet und dergleichen schönen Dinge mehr. Wenn das alles nicht eine überflüssige Reklame vorstellen soll, dann muß man dem Künstler Pallenberg den guten Rat geben, daß er besser schweigen lerne, als unnötig zu schwätzen. Wenn er etwa in Versammlungen über die Amstelbank reden wollte, könnte es leicht sein, daß die Versammelten ihm die Frage stellten: Worum verschobst du dein Geld nach Holland! U. A. w. g.! Schwierige Balancierung. Macdonald- Regierung vor Hindernissen. London, 2. September.(Eigenbericht.) Das Kabinett der Konzentratwnsregierung hat am Dienstag einen wesentlichen Teil des Planes zur Balancierung des Budgets fertiggestellt, und zwar den Teil, der sich auf die Spar- maßnahmen bezieht. Es wird sich am Mittwoch mit dem zweiten Teil, den neuen Steuern, beschäftigen. Wöhrend die Sparmaß- nahmen zahlreiche administrative Schwierigkeiten bieten, muß man damit rechnen, daß die neuen Steuern und Steuererhöhungen poli- tisch« Schwierigkeiten hervorrufen werden. Das Tempo der Rettungsaktion, die Macdonald übernommen hat, wird sich deshalb erheblich verlangsamen. Angesichts dieser Tatsache ist es fraglich, ob das Parlament bereits zum 8. September zusammenberufen werden kann. Sirafantrag im Prozeß Moulm. Fünf Jahre Gefängnis. Rom, 1. September.(Eigenbericht.) Im Prozeß gegen den belgischen Professor M o u l i n beantragte der Staatsanwalt am Dienstagabend gegen Moulin fünf Jahre Gefängnis, für feine italienischen Mitangeklagten den Rechtsanwalt Albassini sieben Jahre, für den Studenten Maffi fünf Jahre. Für zwei Angeklagte wurde Freisprechung beantragt. Das ursprünglich noch für heute abend erwartete Urteil wird erst im Laufe der morgigen Verhandlung gefällt werden. Ertappter Bilderdieb. Beim Oiebstahl in der Dresdener Galerie. Dresden, 2. September. Ein etwa 30 Jahr« alter Mann versuchte in der Staatlichen Ge- mäldegalerie imDresdenerZwinger ein Gemälde zu stehlen. Er hatte das Bild— ein Mädchenbildnis von Pietro Robari, das etwa 40X150 Zentimeter groß ist— bereits unter seinem Mantel versteckt und entfernte sich eiligst. Ein Wärter eilte dem Fliehenden nach, der sich in einer Garderobe versteckt«, wo ihm der Wärter zwar das Bild entreißen, ihn aber nicht festhalten konnte, da er sich mit einem Dolch« wehrte. Der Täter zertrümmerte darauf ein Fenster,"' sprang in den Zwingerhof hinab und flüchtete in das Gebäude des Staatlichen Schauspielhauses, wo er durch herbeieilende Polizeibeamte nach heftiger Gegenwehr festgenommen werden konnte. Es handelt sich um«inen 29 Jahre alten G r u p e der sich Schriftsteller nennt. Grupe verweigert vorläufig über seine Tat jede Auskunft, so daß noch nicht festgestellt werden konnte, ob er Helfers- Helfer gehabt hat. Keine Nachricht vom„Nautilus". London, 2. September. Von dem U.- B o o t„Nautilus" ist man seit 70 Stunden ohne Nachricht. Alle Versuche, ein« drahtlose Verbindung mit dem Tauchboot herzustellen, blieben erfolglos. Das Schweigen von Sir Hubert Wilkins glaubt man sich dadurch erklären zu können, daß magnetische Einwirkungen eine Uebermittlung von Funkmeldungen von Bord des U.-Bootes verhindern. Das U.-Boot befindet sich, den letzten Berichten zufolge, im Gebiet des Packeises. Auf Kinderaussagen ins Zuchthaus. Sin bemerkenswerter Bernfungsprozeß. Um die Wiederherstellung seines Rufes kämpft heule der Zöjährige Angeklagte Ernst w.. ein chemaliger Hustizangesteller beim Amtsgericht Eharlottenburg, der von dem Schäsfengerlchl Tempelhof wegen fortgesetzten Sittlichkettsverbrechens und vcr- suchler Blutschande an seinen beiden Töchtern im Alter von achl und elf Jahren zu zwei Jahren Znchlhaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt worden war. Der Angeklagte hat von vornherein jede Sch u l d gegenüber seinen Kindern bestritten. Das Gericht erster Instanz hatte jedoch den sehr genauen Aussagen der beiden Kinder geglaubt und daraushin den Vater verurteilt. W., der gegen dos Zuchthausurteil sofort Einspruch eingelegt hatte, erklärte heute vor der Ferien st rafkammer des Landgerichts II die Beschuldigungen als Racheakt seiner Frau und seiner Schwiegermutter, die den Kindern ihre Aussagen gegen den Vater genau eingelernt hätten. Er habe mit seiner Frau in sehr glück- licher Ehe gelebt, bis sie krank wurde und im November 1930 in einem Sanatorium einen anderen Mann kennenlernte. Um diesen zu heiraten, wollte sie von dem Angeklagten geschieden werden. Da W. zwar mit der Scheidung einverstanden war, aber das«ine Kind nach der Trennung bei sich behalten wollte, habe sie einige Wochen später bei der Polizei Anzeige wegen Blutschande erstattet. Er selbst war damals aus Berlin verschwunden. Nach Angabe der Polizei war er geflüchtet, während der Angeklagt« selbst behauptet, daß er die ganze Zeit im Krankenhaus verbracht hätte. W. beteuerte der Strafkammer erneut sein« Unschuld und bat, ihn nicht auf die Aussagen der Kinder hin, die in einem Hort sowie von der Familie seiner Frau verdorben seien, unglücklich zu machen. Landgerichtsdirektor Schneider hielt dem Angeklagten vor, daß«ine Mutter doch niemals ihren Kindern derartige haarsträubende Einzelheiten in den Mund legen könnte, wie sie die Kinder bei ihrer Befragung über das Verhalten des Vaters geschildert hatten. Wohnungsbrand durch Einbrecher. Sie wollten ihre Spuren verwischen. Die Abwesenheit einer Mieten» des Hauses Gerdauer Straße 5 in Wilmersdorf mochten sich gestern abend Wohnungs- einbvecher zunutze und durchwöhllen sämtliche Behältnisse. Der Schreibtisch wurde von den Tätern erbrochen. Eine wert- volle Perlenkette und etwa 7S0 Mark bares Geld fielen ihnen in die Hände. Kurze Zeit noch dem geglückten Einbruch entstand in der Wohnung plötzlich Feuer. Bewohner des Vorderhauses sahen aus der Wohnungstllr dichte Qualmschwaden hervordringen und olor- mierten sofort die Feuerwehr. Als die Feuerwehrleute gewaltsam eindrangen, brannte ein Teil der Wohnung bereits lichterloh. Die Flammen konnten aber verhältnismäßig schnell erstickt werden, so daß die Spuren des Einbruchs noch deutlich zu erkennen waren. Es wird vermutet, daß das Fener von den Einbrechern vorsätzlich an- gelegt worden ist, um ihre Tat zu verdecken. Von der Kriminalpolizeit sind sofort die Nachforschungen nach den Täten: eingeleitet worden. Der indische Glaubenskrieg hat d«« bengalische Stadt Tschitta- gong erfaßt. Plünderungen und Brandlegungen haben 8S0 0V0 Pfund Schaden gestiftet. Der stellvertretende Polizeirichter wurde getötet und acht Personen wurden schwer verletzt. Der freigesprochene woldcmaras bleibt weiter aus Kowno nach Eszerenai verbannt. Er, der als Diktator das Recht so oft gebrochen, klagt jetzt über Rechtsbruch. Oer Spitzel-Polizeipräsident Louis Andrieux Paris, 2. September. Heute mittag wurde der frühere Senator Louis Andrieux zu Grabe getragen. Er war eine der merkwürdigsten Gestalten der dritten sranzösischen Revolution. Im Jahre 1027, im Aller von 87 Iahren, machte er in der Pariser Sorbonne sein Doktorexamen. „Welche Karriere willst du jetzt einschlagen?" fragte ihn spaßhaft sein alter Jugendfreund Clemenceau. Andneux war einer der berühmtesten Pariser Polizeipräfekten, bevor er Botschafter in Madrid wurde. Als sich der französische Republikpräsident Jules(Brem) noch der Skandalgeschichte seines Schwiegersohnes krampfhaft an die Macht klammerte, bevor er demissionierte, wollte er Andrieux sogar zum Ministerpräsidenten machen. Jules Grevys Schwiegersohn, namens Wilson, hatte damals Schiebungen mit Orden und Medaillen vorgenommen. Als er vom Beniftingsgericht freigesprochen wurde, nahm er feinen Platz als Abgeordneter in der französischen Kammer wieder ein. Alle mieden ihn und taten so, als sehen sie ihn nicht. Da verließ Andrieux seinen Platz, ging auf Wilson zu und drückte ihm die Hand. Als man ihn fragte, was das bedeuten solle, antwortete er:„Sie haben hier alle Wilson umschmeichett. Ich aber habe ni« etwas mit ihm zu tun gehabt. Aber ich hasse Feigheit, und ich gebe meine Freunde nicht im Unglück aus!" Andrieux war zuerst Rechtsanwall in Lyon. Unter dem Kaiser- reich Napoleons III. kam er ins Gefängnis. Am 4. Dezember 1870 wurde er entlassen und im Triumph zum Lyoner Rathaus geführt. 1876 kam er zun, ersten Male in die Kammer. Im März 1879 wurde er Polizeipräsident von Paris. Er ist der erste Polizeipräsident von Paris, der seine Spitzel in die Versammlungen von sozialistischen und anarchistischen Arbeitern schickte. Frossard erzählt darüber im Pariser sozialistischen „Poputairc* das folgende:„Anarchisten wollten eine Zeitung gründen. Ohne daß sie es wußten, gab ihnen der Polizeipräsident das Geld dazu. Und so konnte die„Revolution Sociale" erscheinen. Sie kam mir einmal in der Woche heraus. So frei- gebig war Herr Andrieux nicht, daß er die Kosten einer anarchi- stischen Zeitung übernehmen wollte. Louise Michel, die herrliche Revolutionärin und große Jdeaisstin, arbeitete ohne Mißtrauen an der Zeitung des Herrn Andrieux mit. In der Redaktionsstube der .Revolution Sociale" und auf Veranlassung der Vertrauensmänner des Polizeipräsidenten wurde eines Tages beschlossen, das Denkmal von Thiers im Pariser Vorort St. Germain in die Luft zu sprengen. Mit einer Höllenmaschine, die sie aus einer Sardinen- schachtet und in ein Taschentuch eingewickelt hatten, fuhren die gefährlichen Verschwörer nach St. Germain los. Herr Andrieux kannte die Stunde der Abfahrt. Er kannte auch die Stunde des Verbrechens. Bei Einbruch der Nacht warf einer der Anarchisten die Sardinen- schachtet aus den Sockel des Denkmals. Eine lange Schnur war an ihr befestigt. Dann zündete man die Schnur an und überflutet« den Ort mit revolutionären Reden. Als das Feuer langsam aufstieg, flohen die kühnen Verschworenen, so schnell sie konnten, den Hügel hinunter und kletterten über die Schranken des Eisenbahngeleises. Dann fuhren sie nach Paris zurück und warteten. Aber die Explosion weckte nur einig« ruhige Bürger im Schlaf. Das Denkmal blieb unversehrt. Das Feuer war nicht bis an die Bronze gekommen. Ein großer schwarzer Fleck war die einzige Spur des Attentats. Andrieux verfolgte die Attentäter nicht, um sie weiter überwachen zu können." Aber schon einige Wochen danach, im Juli 1881, mußte er demissionieren. Im August 1581 wurde er wieder Abgeordneter von Lyon. Andrieux fragte einmal den späteren Sozialistenführer Jean I a u r e s nach seiner ersten Wahl ins Parlament, warum er links von der Mitte des Parlaments sitze. Iaur�s antwortete: „Ich war naiv. Ich dachte, alle Republikaner seien Sozialisten." Als Attdrieux einmal in der Kammer sprach, wurde er dauernd unterbrochen. Schließlich verlor er seine Geduld, unterbrach sein« Rede und fragte:„Wer ist der unbekannte Abgeordnete, der mich stört?"— ,�ch bin es", erwiderte ihm ein anderer Abgeordneter aus Lyon,„und Sie kennen mich sehr gut!"—„Ich habe ja nicht gesagt: mir unbekannte", antwortete Andrieux schlagfertig. Oer Ausweg. Lederers Schlußwort zur 40-Stunden-Woche. L'. E. Frankfurt a. HL, 2. September.(Eigenbericht.) In der Diskussion über dieUmwälzungderWirtschaft und die 40-Stunden-Woche kamen noch vier Delegierte zu Wort, worauf Prof. Lederer das Schlußwort nahm. Grund- sätzlich, so führte er aus, könne man sich über die Dinge leicht ver- ständigen Zeige sich aber, daß das Ziel nicht in einem Fluge, sondern erst auf langen steinigen Wegen erreicht werden kann, dann komme die Enttäuschung. Nur die hart« tägliche Arbeit führt zum Erfolg. Aus einer schwierigen Lage kann man sich nicht retten, indem man eine noch schwierigere Situation herbeiführt, wie es im Weltkrieg versucht wurde und in einem Bürgerkriege wiederum versucht werden möchte. Doch selbst Hugenberg, der durch eine Katastrophe hindurch wollte, scheint diesen Weg ausgegeben zu haben. Als einzelnes Volk kommen wir nicht aus der Schwierigkeit der Situation heraus. Was alle Völker zusammen machen können, kann nicht ein einzelnes für sich erzwingen. Die einzelnen Volkswirtschaften sind verbunden zur Weltwirtschaft. Der entscheidende Anstoß zu einer Belebung unserer Wirtschast muß mehr vom politischen Boden aus als vom ökonomischen erfolgen. Das politische Risiko für Kredite an Deutschland muß fortfallen. Auf- gäbe der Oessentlichkeit ist es, die richtige Lenkung des verfügbaren Kopitals zu kontrollieren. Von Volksgemeinschaft ist immer nur die Rede in schwierigen Situationen, in denen von der Allgemeinheit Opfer verlangt werden. Ein gewisser Kommunismus der Arbeit, wie er in der Einführung der 40-Stund«n-Arb«itszeitwoche zum Ausdruck kommt, ist wirkliche Volksgemeinschaft. Die -iti-Stunden-Woche wird von der Arbeiterschaft gefordert trotz der Gewißheit, daß eine Senkung des Reallohnes dabei unver- weidlich ist. Daß die Regierung der Forderung der 4l>-Stunden- Woche mit einer vollkommenen Apathie gegenübersteht, obwohl dieser Gedanke auch in anderen Kreisen außerhalb des Unternehmertums sehr populär ist, ist unbegreiflich und nur durch das Gewicht erklär- lich, das das Unternehmertum in die Waagschale werfen kann. Durch die Praxis der Kurzarbeit, die von den Unternehmern eingeführt wurde, sind die Einwände der Unternehmer tausendfältig widerlegt. Die gesamte Oessentlichkeit muß für den Gedanken einer wirklichen Volksgemeinschaft durch die 40-Stunden-Woche gewonnen werden. Die vom Bundesvorstand vorgelegte Entschließung zur 46-Stunden-Woche wurde gegen eine Stimm« a n g e, n o m'm e n. Der Altonaer Oberbürgermeister Genosse Brauer nahm dann das Wort zu seinem Vortrag über öffentliche und private Wirtschaft. Der Redner zeigte an zahlreichen Beispielen die Be- deutung und Notwendigkeit der öffentlichen Wirtschaft und deren Erweiterung und wies die maßlosen Angriffe des Unternehmertums mit guten Gründen energisch zurück. Auch die Rolle, die Herr Schacht gegen die Gemeinden spielte, blieb nicht unerwähnt. Neuer Hoover-plan. Vorankündigung und Vermutung. Paris, 2. September.(Eigenbericht.) Finanzminister F l a n d i n hatte am Dienstagabend eine Unterredung mit dem amerikanischen Botschafter E d g e. Der „Cxcelsior" sagt darüber, die amerikanische Regierung verfolge mit großem Interesse die Entwicklung, in Washington seien bereits mehr- mals Anspielungen auf die Möglichkeit neuer Initiativen 5) o o o e r s in bezug auf die Regelung der Reparationen und Kriegsschulden gemacht worden. Es sei nicht ausge- schlössen, daß die amerikanische Regierung technische und diploma- tische Erhebungen über diese schwierigen Fragen veranstalte. Obwohl die amerikanisch« Regierung einige Dementi« erläßt, glaubt man sicher, daß in kurzem wichtige Initiativen aus diesem Gebiet erfolgen werden. Geld genug in LlGA.! New Park. 2. September.(Eigenbericht.) Die in New?)ork aufgelegte ZOO-Millionen Dollar- Lundesanleihe ist vierfach überzeichnet worden. Die An- leihe ist kurzfristig. Auch die langfristige 806-Millionen-Dollar- Bundesanleihe wird stark gezeichnet und dürfte ebenfalls über» zeichnet werden. Die Ermordung Holuwkos. Fünf Verhaftungen. Warschan. 2. September.(Ost-Expreß.) Die Polizei hat fünf Personen verhastet, die in Verdacht stehen, bei der Ermordung Holuwkos Hilfe geleistet oder wenigstens darum gewußt zu haben. Unter den Verhafteten ist der Portier des Klostergebäudes, in dem sich Holuwko ein Zimmer ge- mietet hatte. Der Portier wurde verhaftet, weil er bei setner Ver- nehmungen gestand, einem Unbekannten auf dessen Fragen Aus- kunft über die Lebensweise Holuwkos, fein Zimmer usw. gegeben zu haben. Die vier anderen Verhasteten sind ostgalizische Ukrainer, davon einer Student der Universität Lemberg. Die Ver- nehmungen haben bisher eine Bestätigung des Verdachts nicht erbracht. Ein polnischer Nedl. Oberleutnant als Rußlandspion verhastet. Warschau, 2. September. In B r e st wurde Oberleutnant H u m n i z k i von der Mobil!- sierungsabteilung des Generalstabs verhastet, weil«r mit dem kürz- lich standrechllich erschossenen Seneralstabsmajor Dembowski in Verbindung gestanden haben soll. Dembowski wurde damals in dem Augenblick verhastet, als er dem Sowjetmilitärattache in Warschau geheimes Material zusteckte. Das Kriegsgericht stellt Nachforschungen über die Beteiligung Humnizkis an dieser Spionageaffäre an. Marine gegen Soldkürzung. Ultimatum an die Chile-Regierung. Valparaiso, 2. September. Di« Mannschaften der im Winterhafen Coquimbo liegenden chilenischen Schlachtflotte haben alle Offiziere gefangengesetzt und zur Unterzeichnung eines an die Regierung gerichteten Ultima- tums gezwungen, daß die Kriegsmarine die beabsichtigte Sold- kürzung nicht zulassen werde. Nachdem die Offiziere das Ultimatum unterzeichnet hatten, kehrten die Mannschaften auf ihre Posten zurück. Es wird erwartet, daß die Regierung nachgibt, da sonst offener Klusruhr der Marine zu befürchten ist. „Kai." Uraufführung im Deutschen Theater. Dos Schauspiel„Kat", als dessen Autoren Karl Zuckmayer und Heinz Hilpert zeichnen, ist nicht etwa ein neuer Zuckmay«r. Die Hoffnungen mancher Premierenbesucher, ein lebensstrotzendes Werk dieses bühnensicheren Autors zu sehen, haben sich nickst erfüllt. Es ist dies eine Nachdichtung, die Bühnengestaltung eines Romans von Ernest Hemingway. Es handxlt sich, wie Zuckmayer sagt, nicht um die Dramatisierung seines Romans, sondern seiner Gestalten und seines Stoffes, wobei der Zauber Hemingways, feine Art, zu sehen und zu hören, sein schlichter, phrasenloser Ausdruck, seine leidenschaftliche Trockenheit fühlbar werden sollten. Wir haben nicht die Aufgabe, zu untersuchen, ob dieses Ziel erreicht ist. Der Zuschauer will nicht nachprüfen, ob ihm die Wesens- art eines Rvmandic�ers lebendig gemacht wind, sondern er will sich im Theater von einem dramatischen Geschehen packen lassen, und an dem Schicksal der Bühnengestalten miterlebend teilnehmen. Das Werk spielt im Wettkrieg, an der italienischen Front. Jede Begeisterung ist geschwunden, die Soldaten haben nur den einen Wunsch, heraus aus dem Dreck, Schluß mit dem Krieg und schlagen verzweifelt ihre Zeit mit Weibevgeschichten und Saufen tot. Zwischen Leutnant Henry und der Krankenschwester Katharina, genannt Kat, entspinnt sich eine Liebelei, wie sie Henry schon hundertmal erlebt hat. Aber das Gefühl wird stärker, und es entwickelt sich ein« ganz große Liebe. Er muß heraus an die Front, rettet sich in abenteuer- sicher Flucht als Deserteur in die Schweiz, und als Kat und Henry endlich glücklich für immer wieder vereint zu sein glauben, stirbt sie an ihrem Kind. Das ist der äußere Umriß des Geschehens, es rollt in zwei Dutzend lose aneinandergereihten Bildern ab. Die dramatisch« Form ist völlig aufgelöst, der Vorhang hebt und senkt sich zuweilen zu einem winzigen Dialog. Es fehlt die dramatische Spannung, es fehlt sogar an der sicheren Gestaltung der Figuren. Packend bleibt nur die grausige Atmosphäre des Krieges. Das Liebesidyll ist nicht frei von süßlicher Sentimentalität. Dem Autor und Regisseur i>einz' H il p e r t gelingt es nicht, dos Ermüdende des häufigen Szenenwechsels zu überbrücken, so wirk. sam und lebensvoll auch einige Bild-r gespielt werden. Es gibt ein« Reihe gut gesehener und überzeugender Gestallen, aber es bleiben Episoden ohne Zusammenhang mit dem Ganzen. Einen nachhaltigen Eindruck vermitteln nur drei Figuren, der Leuksiant Henry des Gustav Fröhlich, ein großer, lieber, tapsiger Junge mit künstlich niedergehaltenem, tiefen Gefühl, das zum Schluß wie«in« Offen- barung hervorbricht. Käte D o r s ch. die Krankenschwester Kat. zuerst spröde und schelmisch, dann überwältigend hingebungsvoll, in ihrer Sterbeszene von ganz großer Tragik. Paul Hörbiger, ein Militärarzt, erfrischend in seiner natürlichen Herzlichkeit. Der Beifall war zurückhaltend, rief aber die Darsteller und Heinz Hilpert mehr- fach vor die Rampe._ Ernst Deiner. „Oer Siorch streikt." Tauenhien. Siegsried Arno wird un« gleich am laufenden Band beschert. In der vorigen Woche hatte er eine Uraufführung, in dieser Woche wieder, und� jedesmal findet der Künstler Drehbuchverfasser und einen Regisseur, die um sein meisterhaftes Jüdeln ein paar Szenen schreiben oder spielen lassen. Zum Schluß gibt es dann ein lebhaft Beifall klatschendes Premierenpublikum, viele Hervorrufe, Blumen, Verkehrsstörungen auf der Straße. Das alles läßt sich leichter in Szene setzen als ein guter Film. Den allgemeinen Sparoorschriften entsprechend, machten die Produ- zenten diesmal keinerlei Neuanschaffungen. Sie suchten viel« alle Ladenhüter hervor, und infolgedessen sah man mal wieder die Tante aus Amerika, die einer nicht oerheirateten Nichte die Aussteuer schenkt. Deshalb wird schnell«in Pseudoehemann präsentiert; denn der Vater gebraucht das Geld bitternötig für» Geschäft. Um für die Verwicklungen einen Höhepunkt zu haben, find,-» sich dann zur Nachtzeit alle im FUm vorkommenden Pärchen in. einer Bar. Siegfried Arno gerät in tausend ergötzliche Schwierigkeiten. Als Angestellter wird er vom Chef stets auf einer Dummheit ertappt, als Pseudoehemann wird«r in des Wortes vollinhaltlicher Bedeu- tung abgehängt— er gerät nämlich in«jnen falschen I)-Zug- Wagen—, und als Matrose veräppelt er schon allein durch seine Erscheinung jeden militärischen Drill. Der Regisseur E. W. E m o kehrt oft zum stummen FUm zurück, verzichtet er doch mitunter auf die musikalische Untermalung und die Dialoge. Man hört nur die Geräusche de- fahrenden Zuges. Das ist ganz gut. Denn Will Meisls Schlager und Schwalbachs Texte sind maschinell anmutende Dutzendware. Unter den Dar- stellern, die sich alle mit ihren Rollen gut abfinden, ist Ursula Gr a b l e y als zusagende Neuerscheinung zu erwähnen. e. b. Ein Missionsfilm. „Miva" im Planetarium. Ein deutscher Flugzeugführer tritt mit seinem besten Kriegs- tameraden nach dem Kriege in einen katholischen Missionsorden ein und wird Priester. Der Freund geht nach Südwestafrika und wirbt dort für seine Msssion unter all den Unbilden des Klimas, der Wasser- losigkeit, der Dürre und erliegt schließlich dem Fieber. Der Priester erhäll seinen Nachlaß und ersteht daraus, wie ganz anders die Mission wirken könnte, wenn sie sich moderner Hilfsmittel bedienen würde. Er organisiert die„Miva"(die Missions-Verkehrs-Arbeits- gemeinfchaft), geht mit Kraftwagen, Motorbooten und Flugzeugen nach Südwestafrika. Ein Nebenprodukt seiner Organisation ist dieser Film, der sowohl die frühere Art mit Ochsenwagen zu reisen und all die Schwierigkeiten und Gefahren in der wasserlosen Wüste, in den Sümpfen, im Steppenbrand zeigt. Daneben werden natür- lich auch viele Bilder au« dem Leben der Eingeborenen, aus der reichen Tierwelt und vorzügliche Landschaftsausnahmen(besonders die Mktoria-Fälle) vorgeführt. Vor allem aber wird anschaulich ge- macht, wieviel leichter und gefahrloser mit den modernen Verkehrs- Mitteln auch in Afrika gearbeitet werden kann. Der Pater Paul Schulte hat einen Propagandasilm für seine Mission machen wollen, aber dieser Film wird auch andere Leute interessieren, besonders, wenn er an verschiedenen Stellen einer wohltätigen Kürzung unterzogen würde. Man sieht auch aus diesem Film wieder, wie geschickt sich die katholische Kirche die modernsten Methoden, sei es des Verkehrs oder des Films, in ihren Dienst zu stellen weiß. Das Planetarium hatte gestern ein volles Haus. Der begleitende Vortrag des Paters hatte viele Gäste angelockt. Erfreu- licherweis« aber hört man, daß es auch an gewöhnlichen Tagen, seit- dem es Filmtheater geworden ist, wieder stärker besucht wird. r. Hei lewet noch! Heinrich Bötel, den wir hier gestern beerdigten, erfreut sich noch des Tages. Sein Lämpchen glüht noch. Es war ein anderer, der ebenso heißt. Bötel teilt dem„Hamburger Echo", das die gleiche Nachricht wie wir brachte, mit. daß er sich gerade mit der Fütterung seiner Kanarienvögel beschäftigte, als ihn die Nachricht von dem eigenen Tode traf. Er hat es vorgezogen, der irrigen Nachricht keine Folge zu leisten, sondern die Pflege seiner gefiederten Lieb- linge fortzusetzen, an denen er sich jetzt auf seine alten Tage noch ebenso gut erfreut, wie die Verehrer seiner Kunst sich einst an ihm erfreuten. Also: nun noch auf viele Jahre! Heinrich Bötel war nicht der einzige Droschkenkutscher, der den „Postillon von Longumeau" in der Oper sang. Vor ihm hatte Theodor W a cht c l, auch ein Hamburger, bereits die gleiche Karriere eingeschlagen._ Ganz Polen yhne Theater. Am Dienstag wurden in Polen sämtlich« Theater geschlossen, da es zu einer Verständigung zwischen den Direktoren und den im Verbände der Bühnenkünstler orgam- sierten Schauspielern über die Kürzung der Gagen nicht gekommen ist. Di« Schauspieler der VuUSbiihue 1931/32. Dcm Ensemble der Poll»- bühne, dem die.Herren Almas, Berghof. Busch, Dahmen, GinSbera, Greller, Hübner, Körchow, Kaufmann, Lahde. Mainzer. Runberg. Stecket, Sulzer, Thormann und die Damen Bäck, DrewS, Jalckenbera. Kollwitz-Peppler und für einen Teil der Spielzeit Honst Riese, Gisela©erbezirk, Peter Sorte, Kurt Horwitz, Osear Sima angehören, sind neu beigetreten: Inge Conradi, Qlga Beckow, Willy Schur und Willv Radcke. Für besondere Ausgaben haben sich angeschlossen: Hang Albers, Käthe Dorsch, Emil Jannings, Fritz Kortner. Ju der Liudeuop« wird die erst- Neueinstudi-rung die heitere Over van Schillings„Der Pfeiffertag" sein. Prof. Schilling« hat die Oper einer Umarbeitung unterzogen. Hriuz Hilpert inszeniert Carl Millöcker« Operette„Der arme I o n a t h a n", die in einer Neubearbeitung im K u r s ü r st e n d a m m- Theater Herautkommen wird. BühncnchrouiL Annv K o n e tz n v wird Donnerstag in der Linden- Oper das erstemal die Leonore in„Fidelis" singen. Die Vorstellung dirigiert Kleiber. Gewerbeaufsicht über Arbeiterinnen Rückgang der Arbeiismöglichkeii für Krauen In den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1930 wird ebenfalls wieder Interessantes und Wichtiges über die Arbeiterinnenfrage berichtet. Wirtschaftslage und Lage der Krauenarbeit. Ueber das Verhältnis von Wirtschaftslage und Lage der Frauen- arbeit gewährt der Bericht für den Freistaat Sachsen einen beachten?- werten Einblick. So wird festgestellt, daß die Arbeitsgelegenheit für Frauen in Mittel- und Großbetrieben stark zurückgegangen ist. Im Jahre 1929, in dem die Wirtschaftskrise anfing, betrug die Abnahme 6 Proz., 1939 dagegen schon das Doppelte, nämlich 12,6 Proz. Allerdings ist der Rückgang der Arbeitsgelegenheit für Männer im allgemeinen noch stärker als für Frauen. Trotz Wirtschaftskrise oder gerade wegen der Wirtschaftskrise ist nämlich eine Ausdehnung der Frauenarbeit festzustellen. So waren von 199 über 16 Jahre alten Arbeiterinnen im Jahre 1928 überhaupt 31,8, 1929 31,7 und 1939 36,1 weibliche Arbeiter. Die Verbreiterung der Frauenarbeit wird vor allem in der U m g e st a l- tung der Arbeitsmethoden gesehen. Bei den neuen Arbeitsmethoden kann die Frau wegen ihrer besonderen Geschick- lichkeit, Wendigkcit und Ausdauer noch stärkere Verwendung finden. Weiter wird bei den neuen einfacheren Arbeitsmethoden die Frau schließlich auch des billigen Lohnes wegen vorgezogen. Zu bemerken ist noch, daß die Arbeiterinnen über 21 Jahre wegen ihrer längeren Berufserfahrung den Vorzug vor den anderen Altersklassen erhalten. Krauen für Arbeitszeiwerlängerung und �uhezeit- streichung. Das Streben, in Zeiten der Not möglichst lange zu arbeiten, konnte auch wieder für das Jahr 1939 beobachtet werden. Aus den Berichten geht hervor, daß die Arbeiterinnen selbst häufig zur Ueber- arbeit drängen. Von Berlin wird z. B. gemeldet, daß Arbeiterinnen, die schon 12 Stunden gearbeitet hatten und noch länger arbeiten wollten, sich in sehr unfreundlicher Weise gegen das Ein» schreiten der Behörden wandten. Die Gründe für das Streben»ach langer Arbeitszeit sind einmal, um den Wünschen der Arbeitgeber nachzukommen, zum anderen, um vorhergegangene oder bevorstehende Arbeitslosigkeit und die dadurch entstandenen bzw. zu erwartenden Einkom mensausfälle auszugleichen. In bezug auf die Pausen liegt noch besonders viel im argen. Das Ziel ist möglichst kurze Pausen. Die Fälle, in denen die völlige Pausenbeseitigung verlangt wurde, sind nicht selten. Mau will den Betrieb möglichst frühzeitig o e r l a s s e n. So wird aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf berichtet, daß gerade die oer- heirateten Frauen ihre Arbeit mit möglichst kurzen Pausen früh- zeitig beenden möchten, um noch in Haus, Feld und Garten tätig fein zu können. Der gesundheitliche Wert der Pausen wird also immer noch nicht anerkannt. Gerade für den rationalisierten Betrieb ist die Einhaltung von Pausen für die Gesundheit unerläßlich. Nach den Berichten aus Breslau, Köln usw. hat sich für Betriebe, in denen Arbeiterinnen am laufenden Band beschäftigt werden, die Notwendigkeit herausgestellt, neben der Frühstücks- und Mittags- pause noch kurze Arbeitsunterbrechungen von S bis 19 Minuten einzulegen. Aufklärung unter den Arbeiterinnen über den Zweck der Pausen tut nach wie vor not. Besondere Klage über die Umgehung des Nachtarbeits- Verbots liegen nicht vor. Allerdings wurde in verschiedenen Fällen Nachtarbeit von der Behörde genehmigt. Auch Genehmigun- gen in bezug auf die Verlegung der Spätschichten über 19 Uhr abends wurden erteilt. Wie steht es um den Mutterschuh? Erfreulich ist es, zu hören, daß sich die Durchführung des Ge- fetzes über die Beschäftigung vor und noch der Niederkunst vom 16. Juli 1927 im allgemeinen reibungslos vollzieht. Be- sonders die Betriebsleitungen und die Betriebsvertretungen legen heute wegen des schlechten Produktionsganges Wert darauf, daß die Schwangeren von dem Recht der Arbeitsniederlegung 6 Wochen vor der Niederkunft Gebrauch machen. Im übrigen ist die Bereitwilligkeit der Schwangeren, frühzeitiger die Arbeit nieder- zulegen, infolge des erhöhten Wochengeldes gestiegen. Die Düsseldorfer Ortskrankenkasse berichtet— um ein Beispiel heraus- zugreifen—, daß die frühere Arbeitsniederlegung f a st in allen Fällen erfolgt. Allerdings sind die Fälle, wo die Schwangere bis zur letzten Stunde im Betrieb bleiben muß, weil der Verdienst doch noch höher ist als eben das Wochengeld, nicht selten. In den städtischen Bezirken ist gegenüber den ländlichen Be- zirken die Aufklärung über den Wochenschutz stärker verbreitet. In Sachsen, wo seit mehreren Jahren Staatsmittel für die Erhöhung des Wochengeldes bis zur Höhe des Grundlohnes bereigestellt waren, wurden diese Mittel infolge der staatlichen Finanzmisere leider stark gekürzt. Nicht unerwähnt soll der Bericht für Anhalt bleiben. Dort wird über Fälle berichtet, wo in einer Porzellanfabrik Schwangere kurz vor ihrer Niederkunft oersuchten, möglichst schwere Arbeit. insbesondere solche, bei der die Bauchmuskeln angestrengt werden, zu erhalten. Die Folge war, daß bei 99 Proz. der im Laufe des Jahres entbundenen Arbeiterinnen des Betriebes Fehlgeburten statt- fanden, darunter zwei während der Arbeit. Llebertreiungen. Zahlreiche Verstöße gegen den Schutz der weiblichen Arbeits- kräfte wurden im Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe festgestellt. Es wurden vor allem Verstöße in bezug auf den festen Barlohn, Anmeldepflicht, Arbeitszeit und Mindestruhezeit zur An- zeige gebracht. Ueber die Auswirkungen der modernen Arbeitsplatz- und Sitz- gestaltung auch für die Frauen wird Günstiges berichtet. Uebrigens machen die Bemühungen nach besseren Arbeitsplätzen und 'siben Fortschritte. Allerdings scheitern sie manchmal am Verhalten der Arbeiterinnen, die einen Lohnausfall befürchten, wenn sie sich bei bestimmten, früher im Stehen verrichteten Arbeiten an das Sitzen gewöhnen sollen. Bei objektiver'Betrachtung ist festzustellen, daß die Gewerbe- aufsichtsbeamten in der Hauptsache noch nicht sehr ungünstig, trotz der Wirtschaftskrise, über die Lage der Arbeiterinnen berichten können. Aber das gilt nur für 1939! LP. Rundfunk am Abend. Mittwoch, 2. September. Berlin. 16.05 Braunkohlensrube„Marga", Senflenberc.(Paul Markwaid Carn.) 16.30 Seaftenbcrg: Knappschaftskapelle der Braunkohlengrube„Marga". 17.30 Prof. Dr. Otto Pniower: Gottfried Keller und Berlin. 18.00 Die Sonate.(Dr. Wolfgang Herbert.) 18.20 Richard May: Die Wiederkehr des Gleichen. 18.45 Mitteilungen des Arbeitsamtes. 18.45 J. S. Bach: Partita G-MoII, für Violine allein.(Prof. Max Strub.) 19.15 Stadtverordneter Weinitschke: Zur internationalen Büroausstellung. 19.45 Ein Mensch mit Büchern und Schallplatten.(Gerhart Pohl.) 20.45 Tages- und Sportnachrichten. 21.00 Sinfonie-Konzert. Dir.; Hans Bruck. X. Janäcek: Suite op. 3(Erst. aufführung). 2. Satie; Cinq Qrimaces pour„Un song d'une nuit d-6te" (Erstaufführung). 3. Ravel: Valses nobles et sentimentales. 4, Haydn: Sinfonie B-Dur Nr. 98.(Berliner Funkorchester.) 22.10 Welter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Königswusterhausen. 16.00 Leo Raeppel: Unsere Fachpresse im Dienste der Lehrertortbildung. 16.30 Hamburg: Konzert. 17.30 Konzerte für zwei Violinen.(Einführung: Paul Eigen, Mitwirkend« Helene Mikulaschek-Schirbel.) 18.00 Dr. Langheinrich-Anthos: Romane der neuen Generation. 18.30 Dr. Pariser: Deutsche Selbstbekenntnisse. 18.55 Wetter für die Landwirtschaft. 19.00 Konrektor Fritz: Die Beamtensiedlung. 19.25 Pfarrer Dr. Robert Grosche: Der Religiöse im Volksbildungswesen. 20.00 Langenberg: Abendkonzert. Lohniarifkündigung in Oberschlesien. Der Arbeitgeberverband der obcrschlesischen Montanindustrie hat den L o h n t a r i f für die Steinkohlen- und Erzgrubenarbeiter zum 39. September d. I. gekündigt. Forderungen sind noch nicht genannt worden, da man die Entwicklung der Absatzlage und die Möglichkeit einer Verringerung der Feierschichten abwarten will. Offenbar sind sich die Unternehmer noch nicht einig über den Umfang der Lohnerhöhung, die sie ihren Arbeitern anbieten wollen. rin,» f«- r- t\ Die Kündigungen in der Textilindustrie. Bei der Wollkämmerei in Wikhelinsburg wird demnächst wetteren 799 Arbeitern und Angestellten gekündigt werden. Die Wollkämmerei gehört bekanntlich zum N o r d w o l l e- Konzern. Zu der Mitteilung im Montog-„Abend" über die Bremer Wollkämmerei werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Betrieb nicht zum Nordwolle-Konzern gehört, vielmehr völlig selbständig ist. Di« Arbeitsstreckung ist notwendig geworden, weil englische Kredite für Wollkänfe deutscher Firmen in Australien und Argentinien nicht zur Verfügung stehen. Wetter für verlin: Ueberwiegend bewölkt mit zunehmender Regenneigung, ziemlich warm, auffrischende südwestliche Winde.— Für Deutschland: Westostwärts fortschreitende Bewölkungszunahme, in West- und Mitteldeutschland Regen, im Osten noch meist trocken. Slaals Nieale? ilutzoiisr Unter den Linden. Mittwoch, den 2. September 20 Uhr. Ende nach Z2'/i Uhr. Der Troubadour SlaatlJdisuspielluus Ceodamnmirld. Anfang 20 Uhr Die naifirlidie Tochter SAiller-Theater Cliarlottnbnrg. Anfang 20 Uhr Die Mitsdnildigen. 33 Minuten in CrQneberg Mittwoch, 2. Sept. Stadl. Oper Charlottenburg Bismarcksttaße 34 Turnus II Anfang 20 Uhr Angelina. Ende nach 22 Uhr. KletropoMhEaier Täglich 8'/« Uhr die neue Paul- Abraham- Operette Die Blume von Hawai unter persönl. Ltg des Komponisten Pr. der PL: 1.- bis 14.50 Oemsdies roesiei 8 Uhr Kat Schauspiel nach Ernest Hemingway Daghtbi Büfiinbiirbtitiing v. Carl Zuckmayei und Heinz Hilpert Regie: Hein Hiluert Komische oper S'h Uhr Thron zu vergeben Operette v.Neidhart Musik v. Witmann Leux, Elster, Lilien, Hendrik, Fels Preise: 0,50-7,- M 9256 Tflol. S u. 81/2 U. THE 22 INCENUES HUDSON- WONDERS und dai gros. Sapt.-Programm Kurlürsienflamm- TDeater Bismarck 448/49 8Va Uhr Die schöne Helena von lacques onenbaa iiegle; Max Relnhardi Winter * Qcirrerv S.15 Dir Flora 3434 laudieii erlaubt Die Sechs von der Siaatsoper. Cortinis Dollarsejen. Salerno. 12 Bratanos. Rhoenrad-Sen» gs*. »v.uhr CASINO-THEATER»1/. m" Lolhringer Sir aste 37. iiiiifiiniiiiiiiiiDniiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiniiuiiiMiiiia Das große EröffnDDgs-Progranira; Genta&Ylttorlo: 2Blessings Ernst Walter. Direktor HANS BERG konferiert. Dazu: Nur kurze Zelt: Das Parfüm meiner Frau GolsdielB 1-4 Pen. Rang Mitte 1 M, Fauteuil 1,2SM.. Sessel 1,50 M. Parkett 75 Pt. Rang Seite 60 Pf. Theater desWestens Tägl. 5 u. 8'U Volksvnrstellungen Viktoria und ihr Husar Billigster PI. 0.50 M Teuerster PI. 2.50 M. lUeater Im AdmlralsDalasi Täglich 8'U Uhr Rotter-Qdstspiel Die Dubarry mit Gitta Aipar Preise: 0,50 bis 12,50 ii/gung* Restautöil Berlins BETRIEB KEMPiHSKI�J Reichshalien-Theater Wiederholung des Fest'Programms B r 1 1 1 o n SO Jahre Stettiner Sänger Arifaog| 8 1 Uhr Besonders rtMÄiinnl ta.VtnrirtT aä tnbfca aknrtalUd utltig! �(fafchäfie-Jlnsmer (Bezirk füden-Weften jmMrtiNMere.aiR. KMawtBl am.■ MitenUrg 5 Chariotte-StraBe 15 lolmf Westend/ C 4. Wllb. 3225-28 VOLCK& GNÄDIG Reparatur-Werkstatt mit eigener Schweißanlage tür graph. Maschinen Rotations-, Tiefdruck- und Offsetmaschinen Umzüge kompletter Druckereien Berlin SW 61, Qitschiner Str. 15 Tel.: F 1, Mpl. 3677.— Nachtanruf: G 5, Südring 323 und 2341 F 2, Neukölln 4659. ®0J!5£S®rÄa Franz Schönherz Badewannen Spültische>?" 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September 1931 SivÄbimd Stin/wilgntUi tataafC a£ß$6ff S Hieine Sc&eteHdeßnitte aus umeter £tic&(Pteußa Jieut&cktandb �iedexßucfa Der Verlag Willi Pinkert, Berlin-Reinickendorf, gibt außer einer sogenannten humoristischen Zeitschrift„Der Grillentöter" und einer Sammlung von Zehnpfennigbänden, die„Deklamationen für Eis- beinessen und Schlachteseste" enthalten, unter dem Namen „Deutschlands Liederbuch" jene Schlagertexthefte heraus, die von Straßenhändlern und kleinen Papiergeschäften an— nun, an die, die nicht alle werden, vertrieben werden. In Band 1 dieser Hefte findet sich folgendes Machwerk: Cnfcl Max ist arbeitslos! Neue st er Stimmungsschlager. 1. Gute Zeiten überall auf dem Erdenball, allen geht es jetzt famos, weil sie arbeitslos. Auf dem Lande, in der Stadt jeder fein Vergnügen hat, das Stempelgeh'n ist auch ganz schön, man geht nur hin, hält auf die Händ', wenn eine Woche ist zu End', nimmt seinen Lohn— haut ab, denn alle Arbeit ist knapp. Auch unfern Onkel Max, den lieben, sieht man in dem Gedränge schieben, hat auch nur einer ihn erblickt, schreit alles gleich wie verrückt: Refrain: Der Onkel Max ist arbeitslos(lachend), ha, ha, ha. hal Drum ist bei ihm der Dalles groß, ha, ha, ha, ha! Wenn er muß zum Stempeln gehen, spricht er stets„Auf Wiedersehen", in dem Lokal„Zum blauen Affen" laßt uns das bißchen Geld verpaffen, juchhe! 2. Auf dem Ballsaal geht es zu wie im Gänsestall, keiner legt sich mehr zur Ruh', eh' dos Geld nicht all'. Sonntags geht's mit Saus und Braus nach der Hasenheide raus, dort wird geschwoft die ganze Nacht, gezecht, geherzt, geliebt, geküßt, bis daß der nächste Tag erwacht. Geh'n die Moneten dabei auch flöten, es gibt ja frischen„Kies" bald wieder, man sieht dann alle Stempelbrüder, auch Onkel Max ist wieder da: sofort ertönt es„Hurrahl". Refrain. 3. Wer das Stempeln hat erdacht, war ein weiser Mann, ihm zu Ehren stimmen wir heut ein Loblieb an. Ach, wie ist das Leben schön, überall sie müßig stehn: wer sich nicht drückt, der ist verrückt. Laßt doch die andern schuften gehn, wir bleiben lieber draußen stehn, erhalten unser Geld auch ohne Arbeitsfeld. Am End' der Woch' gehn wir kassieren, worüber wir auch gern quittieren, man trifft hier jeden wieder an und alles singt, Mann für Mann: Reftain. Wort« und Musik vo« Max Lüschow, Opus 23t. Verlag Max Lüschow, Bismark(Provinz Sachsen). Abgesehen von der Vergewaltigung der deutschen Sprache, die der Herr Lüschow betreibt— was soll man zu seinem„Opus" tagen? Es wird sich jeder Mensch fragen, wie wohl ein mensch- fehes Gehirn aussehen muß, daß derartige Betrachtungen über eine �xr schrecklichsten Plagen, die je die Menschheit gequält haben, an- stellen kann. Opus 234— und wer weiß, wie viel« solcher„Opuse" noch folgen werden—, also davon leben heute ganze Verlage? Daß solche Kreaturen ungestraft ihre Produkte vertreiben dürfen, daß so etwas geduldet wird! Ach, man soll nicht pathetisch werden. Dieser Lüschow vertritt in seinem„Opus" eben nur die Ansichten jener Kreise, die in ihrer Phantasielosigkeit und Gleichgültigkeit gar nicht daran denken, sich um die Not ihrer Mitmenschen zu kümmern. Lüschow ist ein— wenn auch einer der minderwertigsten— Klopffechter für die, denen die Sozialunterstützungen ein Dorn im Auge sind. Für die, die Staatsgelder verspekulieren, anstatt sie den Wohlfahrtskassen zuzuführen, so daß man sich immer gewundert hat, weshalb olle Leute auf die kirchlichen Wohlfahrtseinrichtungen schimpfen, z. B. auf die Herbergen zur Heimat, deren Schlafräume mit ihren stinken- den Wolldecken auf Holzpritschen in feuchten, kalten Kellern liegen. Fluch ihnen ollen! Hetßeti fftiigsefiex Cluf SiempeCutCauß Urlaub vom Stempeln! Das mag komisch klingen, ist aber gar nicht so komisch. Wer viel« Monate hindurch zur Untätigkeit verurteilt war, wer die nervenzermürbende Arbeitslosigkeit kennt, wer unzählige Male den hoffnungslosen Gang zum Arbeitsnachweis gegangen ist, in dieser langen Zeit nichts als Entbehrung und Not gekonnt hat, der empfindet nur zu oft das Bedürfnis, auszu- spannen von der erzwungenen Untätigkeit, den Gedanken einmal ein« andere Richtung und damit den Nerven Entspannung und Erholung zu geben. Freilich, die Zeit der Erholung wird stets kurz bemessen sein, denn nicht immer wird sich das Arbeitsamt bereit zeigen, den Kdn- trollstempel vor bzw. nach dem vorgeschriebenen Kontrolltage zu geben, wenn dazu keine tristigen Gründe vorliegen. Das hängt ganz und gar von der Einsicht und mehr oder weniger bürokrati- schen Einstellung des betreffenden Beamten ab, von denen aber nicht jeder hinter ein oder zwei nachgesuchten Urlaubstagen einen ge- heimnisvollen Nebenverdienst wittert. Die Frage der Finanzierung der Urlaubsreise ist schnell gelöst. Wir haben kein Geld, um uns den Luxus einer Eisenbahn- fahrt leisten zu können: eine Fußwanderung bis zur Ostsee ist ein wenig weit und unsere Zeit dafür zu knapp. Also bleibt nur noch die Reise per Fahrrad übrig. Uebrigens lassen sich mit dem Fahrrade in verhältnismäßig kurzer Zeit ganz nette Eni- fernungen zurücklegen. So kommt man bequem in z w e i e i n- halb Tagen ins Riesengebirge, und in eineinhalb Tagen an die See. Wer den kürzeren Weg bis Stettin wählt (ISN Kilometer), kann es sogar in einem Tage schaffen, muß dann allerdings des Nachts fahren, um den um 11 Uhr in Stettin ab- gehenden Dampfer nach Swinemünde noch zu erreichen, ist dann aber auch schon um 14 Uhr an der See. Zur Fahrt mit dem Dampfer rat« ich jedem, der den Fahr- preis(2,50 Mark einschl. Rad) erübrigen kann. Sie führt durch den Stettiner Hafen vorbei an Werften und anderen industriellen Be- trieben, die zum größten Teil stillgelegt sind, und uns auch hier ein erschütterndes Bild unserer industriellen Niederlage geben. Die Schiffsbesatzung gibt auf Fragen gern Auskunft und macht auf manches aufmerksam, was uns sehr nachdenklich stimmt. Langsam weitet sich die Wasserfläche zum Großen Haff, in rascher Fahrt geht ti vorwärts, Dampfer gleiten vorüber, weit vor uns taucht Land auf, da» unendlich langsam näher rückt» und endlich steuern wir. m schmaler Fahrtrinne unserem Ziel, Swinemünde, zu. Vom Hafen fahren wir in wenigen Minuten durch prachtvolle Promenaden- anlagen zum Strand. Die See! Was wir noch mit uns geschleppt hatten an heim- lichen Sorgen und Nöten, das fällt hier von uns ab. Vergessen ist unser trauriges Los, wir werden freie unbeschwerte Menschenkinder dieser ruhigen großen Natur. Wir leben, ist das nicht genug? Und wer von diesem Gefühl einmal überwältigt worden ist, der hat Sinn und Zweck dieser Ferienfahrt schon erreicht. S e e l i- sche Erholung! Wer hätte sie nötiger als der Erwerbslose! Er bedarf ihrer noch mehr als der körperlichen Auffrischung, die ihm die wenigen Tage bringen können. In den großen Badeorten ist Nachtquartier nicht unter 1,50 Mark zu haben. In den Fischerdörfern findet man wohl gelegentlich billigen oder gar kostenlosen Unterschlupf, muß dann aber fast immer täglich ein Stück mit dem Rade von und zum Strand fahren und ist an eine bestimmte Zeit gebunden. Das- selbe ist natürlich auch bei den H e r b e r g e n der Fall, die übrigens auch 60 bis 80 Pfennig pro Nacht verlangen. Mir persönlich ist es lieber, meine Hängematte zwischen zwei Bäumen anzuknüpfen, oder mein Zelt irgendwo am Strand aufzuschlagen, mich vom Zauber der Nacht gefangennehmen und von der Bran- dung der See einschläfern zu lassen. Der Rückweg führt uns quer über die Insel Usedom, vorbei am Kleinen Haff, über Anklam und Pasewalk durch die fruchtbare pommersche Tiesebene weiter nach Prenzlau in das seenreiche Ge- biet der Uckermark. Die Bilder der Landschaft wechseln, die Men- schen sind andere, und wer Augen und Ohren offen hält, lernt auf seiner Fahrt ein Stück deutscher Heimat kennen. Irgendwo bleiben wir zur Nacht. Wer seine Stempel- karte bei sich hat, kann im Dorf beim Gemeindevorsteher um einen Quartierschein bitten und dann kostenlos im Dorf- Wirtshaus übernachten. Am nächsten Morgen führt unser Weg durch hügeliges Land nach Angermünde, wo auf der Hinfahrt die Straße nach Stettin abzweigte. Bald kommen wir vorbei am Kloster Chorin und durch das„Märkische Wuppertal" nach dem freundlichen Eberswalde. Die Straße führt durch schönen Wald über Melchow und Biesenchal nach dem alten Bernau. Noch fahren wir durch Felder und Wiesen. Dann tritt die Natur zurück, Häuser wachsen nur noch aus dem Boden, da, ein gelber Fleck, die erste Straßenbahn— Berlin! Berlin, das wir vor wenigen Tagen hinter uns ließen mit zwei lachenden Augen, und das wir jetzt wieder grüßen, trotz allem und dennoch, wenn auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Hof tax £in �enciaC&taß für 5 Wl./ Es ist sehr schwierig, darüber zu reden. Ich weiß nicht, ob mich nicht der Oberreichsanwalt wegen vollendeten Verrats mili- tärischer Geheimnisse beim Kragen nimmt und auf die Anklagebank des vierten Strafsenats beim Reichsgericht setzt. Aber sei es darum! Es handelt sich da nämlich um den nächsten Krieg, den hurra- patriotische Revancheschreier im Verein mit Nazis und Stahlhelm so sehr herbeiwünschen, zu dessen Führung aber die„Helden" dieser nationalistischen„Wehrverbände" nicht ausreichen würden. Es wäre daher um den nächsten Krieg nicht gut bestellt, wenn es nicht einige „echte" Deutsche gäbe, die in der Rüstungsindustrie Hervorragendes schaffen und leisten. Da habe ich zufällig einen Katalog in die Hand bekommen, der Aufschluß gibt über das Vorwärtsschreiten der Kriegsvorberei- tungen. Angeboten werden darin Kriegswasierflugzeuge für 3,50 Mark und Eindecker mit Transportauto zu 6 Mark das Stück. Ein 21-Zentimeter-Mörser kostet mit allem Zubehör 26,25 Mark, während ein Minenwerfer 3,50 bis 4,20 Mark kostet. Ein MG. ist schon für 45 Pfennig zu haben, und auch eine Gasflasche für Gasangriffe kostet ebensoviel. Sogar einen Badezug mit Eni- lausungswagen kann man für 14 Mark erhalten. Alle übrigen Kriegs- und Hilfsmittel wie Waffen, Wagen, Geräte usw. für die deutsche Armee erhält man für einen Spottpreis. Fehlten also nur noch die Mannschaften. Auch dafür ist in diesem Katalog gesorgt. Allerdings sind die Mannschaften nicht so billig wie im letzten Krieg zu haben, wo ein Mann nur eine Dreipfennigpostkarte kostete. Heute muß man schon für 20 Mann, allerdings mit einem Offizier zu Pferd, 2,75 Mark ausgeben. Dafür erhält man natürlich erste Qualität. Die zweite Qualität, für Kanonenfutter sehr geeignet, kostet dieselbe Menge nur 1,20 Mark. Ein einzelner Offizier oder Wachtmeister, ohne Pferd, wird für 35 Pfennig angeboten. Selbstverständlich ist der gewöhnliche In- fanterist billiger und für 20 Pfennig zu haben. Die Leute von der Kavallerie sind pro Stück um 7� Pfennig teurer. Mannschaften und Offiziere wären also ebenfalls da. Wo aber bleiben die oberen Führer? Keine Angst, auch dafür ist ge- sorgt! Da erhält man schon ein ganzes Generalstabsauto, besetzt mit Kaiser Wilhelm II oder dem Kronprinzen oder einem anderen„hohen Tier" für nur 3,50 Mark. Manche Leute sind der Meinung, daß der ganze Generalstob im letzten Krieg nicht viel wert war. Wie er aber bis yeute im Preise gesunken ist, ist geradezu katastrophal. Der ganze deutsche General st ab mit Kaiser Wilhelm II., Ludendorff, Mackensen, Graf Haeseler usw., sowie sämtliches Zu- behör kostet-- sage und schreibe 5(in Worten fünf) Mark! Ein Skandal! Doch wer mit diesem Generalstab allein nicht zufrieden Ist, der erhält für wenige Pfennige noch den alten Blücher, Pork und Gneisenau dazu. Auch der„Alte Fritz", Ziethen, Seydlitz, Schwerin, Wartenberg sind nicht zu teuer und sollen ebenfalls vom Krieg- führen etwas verstehen. Der SA. sei jedoch für ihre Landsknechts- ideale Wallenstein, Pappenheim und Tilly empfohlen. Und wenn mit diesem Aufgebot der nächste Krieg nicht ge- wonnen wird, dann ist die„Freie Vereinigung deutscher Zinnfigurensammler" daran schuld, auf deren Banner zu lesen steht: ,.?rc>?atria ost, dum ludere videmur!" Auf deutsch:„Ts ist fürs Vaterland, während wir zu spielen scheinen!" Von dieser Vereinigung habe ich auch den Katalog mit den vor- stehenden Kriegsrüstungen für-- Zinnsoldaten in die Hand ge- drückt bekommen. Diese Zinnfigurensammler haben sich zusammen- geschlossen»zwecks Hebung und Stärkung des nationalen deutschen Gedankens zum Wohle unseres deutschen Volkes". Die„Freie Ver- einigung" nimmt nur„jeden deutsch denkenden und fühlenden Zinn- figurensammler" als Mitglied auf, sofern er eine Mark Eintrittsgeld und zwei Mark Jahresbeitrag blecht. Für sie ist„die Zinnfigur nicht materialistischer Selbstzweck, sondern idealistisches Mittel zum Zweck", nämlich: der Propagierung des Wehrgedankens und der Kriegsidee durch den— Zinnsoldat. Ihre Vereinszeitschrist heißt„Der standhafte Zinnsoldat". Und so lange der noch steht-- Lieb Vaterland, mach ruhig„Staat", Fest steht und treu der— Zinnsoldat! Und mit dem Spionageverfahren, Herr Oberreichsanwalt, ist es nichts: denn es handelte sich ja nur um Zinnsoldaten. Oder fallen die auch unter das Spionagegesetz von 1914? £uqenie(fyuefxtvaidx ifjhehe%um CLtnü&ietenl* Poesie, Politik, Geschäft, früher streng voneinander geschieden, werden in diesen Zeiten der Bankfeiertage, der Notverordnungen, der Ausverkäufe und der Steuereintreibungen durch den Gerichts- Vollzieher merkwürdig miteinander vermengt. Am Kurfür st endamm vor einem der v o r n e h m st e n Schuhläden war ein Riesenplakat im Vorgarten aufgestellt, daraus ein Gedicht in kindlich anreißerischer Form zu lesen war, so, wie in meiner Kindheit im Sonntagsblättchen ein Herr zu dichten pflegte. Dies als Reklame im Jahre 1931 vor einem Geschäft des „vornehmen" Westens! Jetzt ist das Gedicht verschwunden. Hat vielleicht jemand den Inhaber darauf aufmerksam gemacht, daß nicht jeder Schuster Poet dazu ist? Dafür fordert ein neues Schild in Prosa auf, einzutreten, ganz wie vor einer Jahrmarktsbude, und auszusuchen unter den letzten Schuhpaaren!„Preise zum Amüsieren!" Ach, sie ist gar nicht zum Lachen, diese Aufforderung, sich über die niedrigen Preise zu amüsieren, dieser durch die Not der Zeit geborene Rückfall der Reklame ins Primitive, nur um aufzufallen um jeden Preis! Als der Gerichtsvollzieher in ein Engros-Haus kam, um Steuern zu holen, mußte die Firma ihre Kunden auf Zahlung drängen. Einer, der lang« schon schuldete, und der sicher die Rundfunkrede eines Ministers nicht gehört hatte, daß nämlich jeder seine Schuldner bedrängen soll, schrieb als Antwort folgendes: Im Besitze Ihrer gesch. Zuschrift vom 1. ds. frage ich er- gebcnst an, seit wann Berlin in Hinterpommern liegt, daß dort von den verschiedenen Notverordnungen nichts bekannt ist? Oder lagen Sie die Zeit über iin Dornröschenschlummer, dann beneide ich Sie um das Glück. Diesen Mittwoch werden wohl die bei den Banken eingezahlten Guthaben freigegeben werden, so daß auch Sie in den nächsten Tagen zu Ihrem Geld kommen werden. Wenn Sie nun noch ein übriges tun wollen zur Vermeidung derartiger Zustände, wie wir sie jetzt erlebt haben, dann stimmen Sie kom- menden Sonntag für die Auflösung des Preußischen Landtags, damit wir endlich wieder Männer mit dem nötigen Weitblick in die Regierung bekommen. Hochachtend H. G. Der Preußische Landtag blieb bestehen, der Kunde hat ohne die„Männer mit dem nötigen Weitblick" nicht bezahlt, und der Gerichtsvollzieher macht im Interesse seiner Mitbürger täglich seine Besuche. Es ist zum... Amüsieren! J)er ScHmoctt und die �tau Bekanntlich gibt es von Geburt zwei verschieden« Menschen- rossen und-klaffen: Voltaire drückte es so aus, daß die«nen mit Sporen an den Beinen, die anderen mit Sätteln auf dem Rücken zur Welt komn»en. Sporen und Sättel sind bildlich gemeint, also unsichtbar, aber«in sichtbares Kennzeichen der geborenen Herren und der geborenen Knechte ist der Gang. An ihrem Gange sollt ihr sie erkennen! Erinnert man sich nicht aus der Vorkriegszeit der stehenden Zeitungsformel, darin der Monarch Soundso— und sei er uralt wi« Methusalem oder Franz Josef—„elastischen Schrittes" seinem Salonwagen entstieg: wo hat man je gelesen, daß ein Bergarbeiter elastischen Schrittes einem Vierter-Klasse-Wagen entstiegen sei? Aber auch unterhalb der steilen Höh', wo Fürsten stehen, prägt sich der Unterschied im Gang aus. So gibt ein« große Berliner Zeitung in einem Artikel„Von Frauen und ihrepi Gang", das Lob 0«r modischen langen Kleider singend, folgender Erkenntnis Raum: „Während der„kurzen" Mode konnte man manchmal sehr leicht das nette Dienstmädchen mit der Gnädigen vor- wechseln. Heute?— A n ihrem Gange wirst d u s ie er- kennen!" Wi« scharf gesehen! Wie gut beobachtet! Wie wahr! Es ist so, daß, wenn ein weibliches Wesen dank der Einkommensstuse ihres Mannes ein« Hausangestellte halten kann, das veredelnd auf ihren Gang einwirkt. Da Ordnung in der Weltenfchöpfung herrscht, bc- � gibt es sich nie und nimmer, daß eine„Gnädige" watschelt wie eine Ente und die Zofe daherschreitct wie Artemis, bewahre! Auch Dichter haben das gewußt: Richard Dehme! hat, wenn er es auch nicht ausdrücklich sagt, eine„Gnädige", kein„Dienstmädchen". im Auge gehabt, als er die schönen Vers« schrieb: Ich habe dich Gert« getauft, weil du so schlank bist. Und weil mich Gott mit dir züchtigen will, Und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist, Wie in schmächtigen Pappeln im April. Verblüffend ist nur einigermaßen, daß sich obige Erkenntnis nicht in„Kreuz-Zeitung",„Deutsche Zeitung" oder einem ähnlich „aristokratischen" Blatte findet, sondern im Feuilleton der— Verzeihung!— demokratischen„V o s s i s ch e n Zeitun g". Aber auch das hat sein Gutes. Niemand achtet schärfer auf solche Entgleisungen, um sie unnachsichtlicher anzuprangern, als der Mann mit den fünf Namen, auch Peter Panier genannt: was hat«r nicht schon alles der sozialdemokratischen Presse auf- gemutzt! Peter Panier wird auch der Tante Voß schön eins auf den Hut geben. Oder sollte ihn— aber nicht doch!— der Umstand abhalten, daß er Mitarbeiter dieses doch nicht ganz sowjetistischen Blattes ist? b�'. Die 6-Tage-Motorradprüfung Deutsche Fahrer halten sich sehr gut F. W. Hieran, 2. September.(Eigenbericht.) „.e beiden ersten Fahrtage der 13. Internationalen Ät o t o r r a d- S e ch s t a g e f a h r l, die diesmal durch den Motor Club d'Jtalia zur Durchführung gelangt, haben schon gezeigt, daß es sich hier weniger um eine Maschinenprüfung als in erster Linie um eine Fahrerprüfung handelt. Die schwierigen Gebirgsstraßen mit ihren zahlreichen engen Kurven, ihren starken Steigungen und noch mehr ihrem starken Gefälle erfordern ein Höchstmaß an Fahrkunst und Fahrtechnik. Aeußerst schwer ist es vor allen Dingen für die Seitenwagcnmaschinen, den verlangten Durchschnitt einzuhalten. Ihnen drohen am ehesten die Strafpunkte. Von den 11 Teilnehmern, die Seitenmaschinen fahren, sind denn bereits auch schon 4 ausge- schieden. Man muß aber immer wieder staunen, was die Maschinen für ein Tempo auf diesen schwierigen Gebirgsstraßen anschlagen. Der Zweck der„Six Days" soll eine Zuverlässigkeitsprüfung sein. Diese Aufgabe kann aber nur dann voll erfüllt werden, wenn auch wirklich nur ausgesprochene Tourenmaschinen zur Verwendung kommen. Das ist aber nicht immer der Fall. Vielfach find die Ma> schinen für dies« Fahrt besonders hergerichtet. Die FJCM. sollte sich endlich einmal dazu aufraffen, für solche Zuverlässigkeitsprüfungen eng umrissene Bestimmungen für die Zulassung der Maschinen zu schaffen. Wir wollen hier künftig lediglich nur serienmäßige Maschinen sehen. Auch nur dann kann der Zweck dieser an sich außerordentlich begrüßenswerten Veranstaltung erfüllt werden. Wenn wir oben unterstrichen haben, wie sehr es auf dieser Fahrt gerade auf die Technik des Fahrens ankommt, so soll damit nicht etwa zum Ausdruck gebracht sein, daß die Fahrt etwa für die Maschinen ein Kinderspiel sei. Das ist sie ganz gewiß nicht! Das ewige Kuppeln, Schalten und Bremsen stellt hohe Anforderungen an die Maschinen. Bewundernswert übrigens, wie sich die Kleinen bisher gehalten hoben, wenn auch nicht verkannt werden soll, daß sie manchmal, im Vorteil sind. Das überwiegende Gros aller teilnehmenden Ma- schinen besteht aber aus Motoren von S<)0 Kubikzentimeter und darüber. Wenn von 58 gestarteten Teilnehmern bereits am zweiten Tage nur noch 76 in der Wertung geblieben sind, so zeigt das deutlich, was hier verlangt wird. Und von ihnen sind jetzt nur noch S1 völlig strafpunktfrei. Das deutsche„Sill>er-Vasen"-Team(Hieronymus und Mittenzwei auf Zündapp, Stelzer auf BMW.) liegt mit einem Strafpunkt an zweiter Stelle und die BMW.-Fabrikmannschaft ist noch strafpunktfrei. Sehr beachtenswert fahren wieder die englischen Damen, die sich selbst auf diesen schweren Strecken bisher recht gut behauptet haben. Gewiß bringen die nächsten Tage noch manche Abwechselun- gen, denn die zu fahrenden Strecken sind nicht leichter, sondern eher schwerer als bislang. * Der 3. T a g der Internationalen Moiorrad-Sechstagefahrt war für die Bewerber wieder eine überaus schwere Prüfung. Während der Nacht hatte es unaufhörlich geregnet und auch am Tage gab es kaum«ine Unterbrechung, teilweise nahm der Regen wolkenbruch- artigen Charakter an. Die Straßen waren dadurch sehr schmierig geworden, besonders in den Kurven galt es scharf aufzupassen. Die 373,3 Kilometer lange Schleife mit Start und Ziel in M e r a n führte diesmal nach Süden über Bozen, Calliano, Asiago, Bivio, Rolle-Paß, San Piartino di Castrozzv, Predazzo, Ora, Bozen nach Meran zurück. Besonders die Stelle zwischen Bivio und Fonsaza hatte es in sich. Reifenschäden gab es mehr als genug. Auch der Nürnberger Hieronymus wurde davon betroffen, konnte den dadurch erlittenen Zeitverlust trotz bravouröser Fahrt nicht mehr ganz aus- holen und mußte zwei Strafpünkte hinnehmen, so daß das deutsche Silberoasen-Team, dem weiter noch Mittenzwei-Leipzig und Stclzer- München angehören, drei Strafpunkte hat. Eine ganz famose Fahrt legte der Münchener Weltrekordmann Ernst Henne(BMW.) trotz des' Unwetters an den Tag. Er war stets der Erste in den Kontrollen, immer eine Viertelstunde von den anderen und beendete ebenso wie seine Mannschastspartner im Weit- bewerb um die Internationale Trophäe, v. Krohn-Berlin(Zün- dapp) und Mauermaye r-München(Zündapp), auch diese Schleife strafpunktfrei. Der Holländer Sybrandy(BSA.) kam bei einem Reisenschaden zum Sturz und gab aus. Dadurch ist die holländische B.-Mannschaft im Vasen-Wettbewerb gesprengt worden. Der Ita- liener F u m a g a l l i(Guzzi) und der Holländer den Engelsen (DKW.) hatten erhebliche Zeitverspätung, so daß sich die Liste der Straspunitfreien weiter erheblich verringerte und nach der 3. Schleiie noch 4S Teilnehmer von 74 in Konkurrenz befindlichen Fahrern umsaßt. Der Marsch mit Wasserskiern über den Kanal war nichts Neues Die Nachricht, daß der Acrmelkanal zwischen Frankreich und England vor wenigen Tagen auf Wasserskiern über- quert worden ist, hat gewiß recht viel« überrascht, weil sie von Wasserskiern noch nie etwas gehört haben. Einem Oesterveicher namens N a u m e st n i k ist das Wagestück gelungen. Am Donners- tag, dem 27. August, trat er um 714 Uhr morgens beim Leuchtturm auf Cap Griz Nez(graue Nase) zwischen Boulogne und Calais aus seinen Wasserschuhen aufs Meer hinaus und lief in nordnordwestlicher Richtung direkt aus das 32 Kilometer entfernte Dover an der eng- tischen Küste zu, wo er nach fast neunstündigem Marsch kurz vor 411, Uhr nachmittags glücklich ankam. Es war allerdings kein«in- fachet und leichter Spaziergang, denn die See war recht unruhig, außerdem wehte ein heftiger Wind in der dem Läufer entgegen- geletzten Richtung, so daß er nur mit größter Mühe und völlig er- schöpft sein Ziel erreichen tonnte. Er hat aber durch seinen kühnen Lauf bewiesen, daß richtig konstruiert« Wasserskier nicht nur zum Laufen auf Flüssen und ruhigen Binnenfeen gebraucht werden können, sondern auch auf dem Meere, sogar bei ziemlich stürmischer Sc«. Diese kühne Tat lenkt die Aufmerksamkeit auf den in vielen Ländern und auch bei uns in Norddeutschland noch fast ganz un- bekannten Wasserskisport. Dabei sollte man meinen, daß der Ge- danke ziemlich naheliegt, den so schnell beliebtgewordenen Skisport durch geeigneten Umbau der Stier auf das Wasser zu übertragen. Tatsächlich wurde auch bereits in den fiebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von«inem Mechaniker in München ein Lauf auf der Isar mit von ihm konstruierten Wasserskiern angekündigt und eine große Menschenmenge fand sich an dem betreffenden Sonntag als Zuschauer an den Ufern der Isar ein. Aber das Schauspiel mißlang kfäglich. Nach den ersten Schritten schon stürzte der Wasserläufer und war nicht imstande, sich ohne Hilfe wieder zu erheben. Aber in,'Rußland wird dieser Sport schon lange betrieben, und viel« unserer Kriegsgefangenen lernten ihn dort kennen und sahen die Wasserläufer im Sommer auf der Newa sich tummeln. Doch litten die russischen Wasserschuhe noch an großen Unvollkommenheiten. die das Vergnügen sehr stark beeinträchtigten. Besonder» schwer war es, das Auseinandergleiten der beiden Schuhe zu vermeiden, und bei einem Sturze war es auch hier fast unmöglich, sich ohne fremde Hilfe wieder aufzurichten. Uebrigens hat auch schon in den Iahren 1S01 und 1902 ein Gießener Professor Patent« auf von ihm konstruierte Wasserschuh« genommen und hat auch auf der Lahn vielfach Versuch« mit ihnen angestellt. Doch auch diese Skier litten an so starken Unvollkommen- heiten, daß die Versuche fast völlig in Vergessenheit gerieten. Erst einige Jahr« nach dem Weltkrieg machten sich österreichische Sportler und Ingenieure daran, verbessert« Wasserskier mit Vermeidung der gerügten Mängel zu bauen und im Jahre 1927 brachten Josef und Cölestin K r u p k a in Wien einen recht brauchbaren, zerlegbaren Wasserski, den sogenannten Hy-Ski, heraus, der allen Anforde- rungen zu genügen scheint. Es handelt sich dabei um lange boots- ähnliche Körper, auf denen die Füße vollkommen wasserdicht befestigt sind, und die trotz der nicht unerheblichen Belastung doch im wesentlichen an der Oberfläche des Wassers gleiten können. Wie auf Skiern stehend, schreitet oder läuft aus ihnen der Mensch über das Wasser, wobei er wie auf den Skiern einen Stab oder ein Paddel benutzen kann. In Wien besteht auch schon seit einigen Iahren«in Verein, der Oesterreichische Wasser-Ski-Klub, der auf der Donau tüchtig übt. Der Präsident des Wasier-Ski-Klubs, Professor M i t t e r, hat soeben in der Frankfurter wissenschaftlich-technischen Wochenschrist „Die Umschau" die verschiedenen Formen des Wasser-Sti und ihre Mängel besprochen, wobei er den Krupkaschen Hy-Ski„die Krone des Wasier-Sti" nennt, der erst«inen ernst zu nehmenden Wasser» Ski-Sport ermöglicht hat. Doch hält er noch weitere Verbesie- rungen für möglich und hat sich selbst bemüht, mit Hilfe des Physikers Professor Pupini in Wien, feste Wasser-Skier zu bauen, die er nach einigem Training den Sportbehörden und Sport» oerbänden vorzuführen gedenkt. Der Wasserskilauf wird dort übrigens nicht nur als Sport bc- trieben, sondern es werden auch regelmäßige Uebungen abgehalten, wobei Wanderungen mit recht erheblichem Gepäck unternommen werden. Interessant wäre es, zu erfahren, ob Naumestnik zu seinem Kanallauf die zerlegbaren Krupkaschen Hy-Gkier benutzt hat, oder von ihm selbst konstruierte feste Skier aus Holz. Diese wiegen nicht weniger als 55 Kilogramm, mehr als das Dreifache der Krupkaschen, und sind durch eine Querstange verbunden, die in befestigten Längs- stanzen beweglich ist, aber die seitliche Bewegungsfreiheit hindert, was bei etwaigem Sturz für das Wiederaufrichten sehr gefährlich ist. Allerdings ist N. auf seinen Holz-Skiern schon vor seiner Kanal- fahrt aus dem Inn und der Donau von Innsbruck nach Wien ge- fahren. Hoffentlich wird sich der gesunde Wasscr-Ski-Sport auch auf unseren Flüssen und Seen einbürgern: die Wiener Schule wird interessierten Sportlern gewiß mit Rat und Tot gern zur Seite stehen. Bt. Trotz Krise vorwÄrl» im ATSB. In der am Sonntag in Leipzig abgehaltenen Vorstands- s t tz u n g des Arbeiter-Turn- und Sportbundes konnte wiederum festgestellt werden, daß der Bund mit all seinen Unternehmungen auf einer sehr soliden Grundlage aufgebaut ist. Der Geschäftsführer des Verlages, Schubert, konnte mitteilen, daß ein nennenswerter Rückgang des Warenumsatzes trotz der schweren Krise und Arbeits- losigkeit nicht eingetreten ist, daß auch die Zeitungen in derselben Auflage herausgegeben werden konnten und die Umsätze der Druckerei zufriedenstellend sind. Durch Einsparungen wird aller Voraussicht nach trotz der ernsten Zeit ein befriedigender Jahres- abfchluß zu erwarten sein. Für die Fußballsparte soll ab 1. Januar 1932 eine eigene Zeitung herausgegeben werden, deshalb wurde der Geschäfts- führende Ausschuß beauftragt, hierfür die Vorarbeiten zu treffen und der nächsten Bundesvorstandssitzung Bericht zu erstatten. Der Bundesvorsitzende Gellert berichtete über eine Zunahme von 182 Vereinen im letzten halben Jahre, der Bund zählt gegenwärtig 7195 Vereine. Die Mitgliederbewegung verläuft nor» mal, am 1. April 1921 konnten 746 646 Mitglieder gezählt werden. Besonderer Wert soll bei den künftigen Bundesarbeiten auf eine systematisch durchzuführende Mitgliederwerbung in den Kreisen und Orten gelegt werden. Von 137 Prozessen, die der Bund gegen die Kommunisten führen mußte, sind'j? zu seinen Gunsten entschieden worden, ein Teil der Prozesse schwebt noch. Die lügnerische Be- hauptung der Kommunisten, daß diese Prozesse dem Bund A Millionen Mark kosteten, wird durch die Tatsache widerlegt, daß fast alle Prozesse gewonnen wurden. Gekennzeichnet wurde die bejahende Stellung der kommunistischen Sportler zum Volksentscheid, sie sind zum Schrittmacher der Reaktion geworden und haben sich dadurch als Feinde der Arbeiterklasse gekennzeichnet. Ueber di« Arbeiten der Bundesschule berichtete Bencdix. Die Bundesveranstallungen hatten eine ganz außerordentliche Werbekraft. Der Weltkindertag ist sehr gut verlaufen, annähernd 4000 neue Vorturner sind herangebildet. Kreis- und Bezirks- technikerlehrstunden sollen der Vertiefung des technischen Könnens der Funktionäre dienen. Eine Reihe von Lehrgängen sind für das Jahr 1932 vorgesehen, sie wurden vom Bundesvorstand genehmigt. Im letzten Punkt der Tagesordnung wurde ein Rückblick über den Verlauf der 2. Arbeiterolympiade gegeben, einmütig war die Auffassung, daß diese Veranstaltung dem internationalen Arbeitersport außerordentlich genützt habe. Eine anschließende Filmvorführung gab im Film ein eindrucksvolles Bild des ge- waltigen Aufmarsches und der Schönheit des 2. Weltsportfestes der Sozialistischen Arbeitersportinternationale. Arde!ter-hlan«ldaU Ein zweites Spiel absolviert heute die Städtcmannschaft. als Gegner ist eine kombinierte Mannschaft von Volkssport-Wedding und FTGB.-Süden vorgesehen, die hoffentlich einen guten Gegner abgeben wird. Aus diesem Grunde ist ein reichlicher Besuch zu erwarten. Das Spiel findet um 18 Ilhr im Humboldthain statt. Altersriegenkurnfahrt 6. September nach Aurslenwaldc, Treff- punkt und Fahrkartenausgabe ab 6 Uhr Frankfurter Allee, Ecke Memeler Straße, U-Bahnhof(Weberwiese). Abmarsch mit Musik SV* Uhr nach dem Schlcsischen Bahnhof. Einige Karten a 3,70 M. sind noch an den bekannten Stellen bis Donnerstag zu haben. Vorschau aus Grunewald. Das mit 5600 M. ausgestattete Wilamowitz-Rennen steht im Mittelpunkt des Programms, das am Donnerstag auf der Grunewaldbahn geboten wird. Leider wird für diese Prüfungen nur ein Quartett aufgeboten, und zwar sollen Gregor(O. Schmidt), Kavqstcrist(Böhlke), Adricnne(Zemisch) und Sonnenglaube(Visek) den Kampf über die 2400 Meter aufnehmen. 55®®.,»cjltf Friedenau. Heut«. 20 Uhr, außerordentlich« Bezirksver. itmmUmo, Lokal Noicnau, Laubacher Ecke Varjiner Straße. Die Icßtcn Vor- lommniss« erfordern di« Anweicnchcit aller Mitgltcder. Freier Sportoerei« Sicinickendorf-West. Donnerstag, 3. Septeniotr, nao) dem Trainina. Techniiersiduna im Geschiiitoz immer de» Sportplaßes. �Solidarität-, Ztraftsahrer. Touren fiir Sonntag, f>. September. Abt. Frledrichohain: Bergfclde(flartofftl. und Heringetour). Start 7 Uhr Lairdc. berqer Plaß.— Adt. Norde»: Tornoni-Sc« bei Tcnpitz. Start 7 Uhr Srestr. — Abt. Charlvttenburg: Buckow