BERLIN Mntag 7. September 1931 10 Pf. JIr. 418 B 209 43. Jahrgang ErschetsttSglich außer Senat«««. Zugleich Abendausgabe de».Vorwärts'. Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche. s.eoM. pro Monat. Redaktion und Expedition: BerlinSWss.LindenKr.Z Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 ff ft ff AuzeksenpretSiDi« einspaltigeVvnpareillezeile 8o Pf., Reklawejeile 5 M. Crmäßigunaen nach TariL. Postscheckkonto: DorwärtS-Verlag G. m. b. H- Berlin Nr. s? sss.— Der Verlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Kommunisten kneifen! Sie wollen 30 pf. Eintrittsgeld!— Künstler lehnt ab, ihnen die Kasse zu füllen!- Die Sozialdemokratie lädt nun ein zum nächsten Montag! Die Auseinandersetzung zwischen dem Kommunisten Heinz N e u m a n n und unserm Genossen Franz Künstler. die morgen abend in der„Neuen Welt" stattfinden sollte, ist von der Kommunistischen Partei durch einen üblen Kniff bis auf weiteres vereitelt worden. Nachdem für die Versammlung alles verabredet war, er- ließen die kommunistischen Veranstalter plötzlich in ihrer Presse die Ankündigung, daß sie ein Eintrittsgeld von 30 Pf. erheben würden. Genosse Künstler sollte also als Zugkraft wirken, um die kommunistische Kasse zu füllen! Die sozialdemokratischen Ar- beiter sollten ihre Groschen für die KPD. hergeben! Mit Recht hat Genosse Künstler seine Mitwirkung unter diesen .Umständen abgelehnt. Er hat heute vormittag der Berliner Bezirksleitung der KPD. folgendes Schreiben zugehen lassen: In der„Welt am Abend" vom Sonnabend, dem 5. September 1931, und der„Roten Fahne" vom Sonntag, dem 6. September 1931, fordern Sie für die vereinbarte Versammlung in der„Neuen Welt" ein Eintrittsgeld von 30 Pf., außerdem von den Erwerbslosen ein solches von 10 Pf.— Diese aus Ihrer Angst geborene Forderung entspricht nicht dem Zweck der Auseinander» s e tz u n g. Der Bezirksvorstand Berlin der SPD. lehnt eine finanzielle Belastung der Versammlungsbesucher, besonders der Er- werbslosen, ganz entschieden ab. I In der„Roten Fahne" vom 2., 3., 4. und 5. September 1931 erschienen vier große Ankündigungen ohne jeden Hinweis auf Er- Hebung eines Eintrittsgeldes. Erst als der sozialdemokratische Bezirksvorstand in der Morgen- ausgab« des„Vorwärts" vom Sonnabend, dem 5. September 1931, zum Besuch der Versammlung aufforderte, erschien am selbigen Tag« in der„Welt am Abend" die Mitteilung, daß ein Eintritts- geld erhoben wird. Diese Ankündigung und deren Wiederholung in der„Roten Fahne" vom Sonntag, dem 6. September 1931, zeigen uns klar und deutlich, daß Sie einer Auseinandersetzung ausweichen wollen. Die Sozialdemokratische Partei und beson- ders die Erwerbslosen sind nicht gewillt, die Kassen der Kommuni st ischen Partei zu füllen. Ich lege Wert darauf, öffentlich festzustellen, daß ich die Abrechnung mit der KPD. unentgeltlich vornehme.— Da Sie nicht in der Lage sind, unentgeltlich eine solche Ver- sammlung durchzuführen, sondern die in schwerer Rot befindlichen Erwerbslosen mit Eintrittsgeld belasten wollen, wird nunmehr die Sozialdemokratische Partei eine Versammlung mit dem gleichen Thema einberufen. Franz Künstler. Die Berliner Bezirksleitung der KPD. ist natürlich nicht so dumm, daß sie diese Wirkung ihres Schrittes nicht voraus- gesehen hätte. Offenbar ist ihr bei der Sache nicht wohl ge- wesen, und auf der Suche nach einem Ausweg ist sie auf die Idee der 30-Pf.-Forderung gekommen. Damit hat sie die Auseinandersetzung, der sie mit großen Besorgnissen entgegen- sah, zunächst verhindert. Aber nur zunächst! Denn nunmehr wird die Sozialdemokratische Partei die Ver- anstaltung in ihre Hände nehmen und eine Versammlung mit kostenlosem Eintritt einberufen, in der neben Künstler ein Vertreter der KPD. mit gleicher Redezeit wie der Referent sprechen darf. In die morgige 30- P f.- Ve r sa m mlun g der Kommunisten geht kein Sozialdemokrat! Die KPD. wird vielleicht noch verschiedene Anreißerkunststücke versuchen, um den sozialdemokratischen Arbeitern dennoch die Groschen aus der Tasche zu locken. Kein Genosse darf darauf hereinfallen! Wir gehe« in die kommunistische Versammlung» sondern in unsere eigene, zu der jeder freien Eintritt hat und zu der die Kommunisten eingeladen sind. * Die wir hören, wird Genosse Künstler am Don- tag, dem 14. September, in der.Plenen Welt" seine Abrechnung mit den Kommunisten halten. Die KPD. wird aufgefordert werden, zu dieser Versammlung einen Redner zu entsenden. Diesem werden die gleichen Rechte zugesichert, die bei den Abmachungen über die vereitelte Dienstagversammlung für Genossen Künstler vereinbart waren. Aeuer Winkelzug. Kurz vor Redaktionsschluß wurde uns die Abschrift eines Schreibens übermittelt, das von der kommunistischen Bezirks» leitung an den sozialdemokratischen Bezirksvorstand gerichtet worden sein soll. In diesem Brief wird behauptet, daß die kommunistische Bezirksleihing auf die Erhebung eines Ein- trittsgeldes verzichte. Es war uns nicht mehr möglich, die Echtheit des Schrei» bens nachzuprüfen. In der heutigen Ausgabe des kommunistischen Abend- blattes wirb jedoch trotz des Briefes die Eintrittsgeld- forderung aufrechterhalten. Beruhigte Börse. AMenkurse uneinheitlich- DRentenmarkt fest. Die Stimmung an der Verliner Börse war heule bei ziemlich starkem Geschäft noch sehr uneinheitlich. Allgemein ist man etwas beruhigter: aber eine einheitliche Kursbildung konnte sich noch nicht durchsehen. Es sieht so aus, als ob mau sich in dem noch fort- dauernden allgemeinen Durcheinander auf Chancen besinnen würde, die mit Sicherheit bei einigen Wertpapieren vorhanden sind. So zeigen sich einige bemerkenswerte Kurssteigerungen bei an- erkannt sichereren Papieren und auch bzesonders auf dem Pfandbriefmarkt. Siemens erhöhte sich gegen Freitag von 102 auf 106, JG.-Farben von 93 auf 96%, Salzdetfurt stiegen von 140 auf 140, Reichsbankanteile erhöhten sich von 10214 auf 108. Dagegen gingen Rheinifch-Westfälifches Elektrizitätswerk (RWE.) noch von 78 auf 74 und Deutsche Bank und Dis- k o n t o g e f e l l s ch a f t von 74 auf 7114 zurück. 8prozentige Pfandbriefe wurden ziemlich stark gesucht und tonnten sich um 2 Prozent und darüber verbessern. Auch Kommunalobgligationen waren bei erhöhten Kursen stärker gefragt. Oer revidierie Fünfjahresplan. Kalinin:„Wir müssen ihm die Pferdekur um ein Lahr kürzen, der Torowatschi geht«us sonst dabei ein". Die Revolte in Chile. Bombeuregen auf die Kriegsschiffe. Santiago de Chile, 7. September. Die Regierung gibt bekannt, daß die vor Coqnimbo liegende aufständische Flotte am Sonntagnachmittag von Rogierungsflugzeugen bombardiert worden ist. Die Bombenabwürfe, verbunden mit Maschinengewehrfeuer, währten 20 Minuten. Die Aufständischen erwiderten das Feuer nicht, da sie in den unteren Räumen der Schiffe Schuh gesucht hatten. Sechs Kriegsschiffe wurde« schwer beschädigt. Zahlreiche Tote und Verwundete sind zu verzeichnen. Fünf Kriegsschiffe, darunter zwei U-Boobe, hißte» die weiße Flagge. Kriegsminister Vergara kün- digte au, daß jeder zehnte Aufständische nach der Cr» gebung oder Gefangennahme standrechtlich erschossen werde. Bei der Bombardierung der Kriegsschiffe durch Regierungsflug» zeuge wurde ein dreimotoriges Flugzeug von den Aufständischen� abgeschossen. Das Flugzeug ging in Flammen auf. Kapitulation! Mittags wird aus Buenos Aires gedrahtet: Nach einer chilenischen Meldung haben sich die Aufständischen der Regierung bedingungslos ergeben. Die Nachricht wurde in der Hauptstadt bejubelt, man tanzte und fang auf den Straßen. Eine amtliche Meldung sagt, daß die Waffenstreckung der Aufständischen nach der Androhung eines neuen Bom- bardements erfolgt ist. Kämpfe bis zur Erschöpfung. London, 7. September. Der„Times"-Korrespondent in Santiago de Chile meldet: Die. schweren Kämpfe in Talcahuano dmierten den ganzen Sonntag- nachmittag an. Die Regierungsstreitkräfte griffen das dritte und letzte Fort, das in den Händen der Aufständischen geblieben war, an und eroberten es. Talcahuano befindet sich jetzt völlig in den. Händen der treu gebliebenen Regierungsstreitkräfte. Der Zerstörer Riveros wurde zweimal von der Küftenvertcidigungsartillerie getroffen und kapitulierte. Später st r a n d e t e er. Das Schlacht- schifft Capitan Prat wurde beschädigt. Die U-Boote, die ihre Mutterschiffe verlassen hatten, wurden von Flugzeugen bei Los Bilos festgestellt. Es sind Maßnahmen getroffen worden, um zu verhindern, sich mit der Hauptslotte in Coquimbo zu vereinigen, deren Besahung nach fünf schlaflosen Rächten Zeichen der Erschöpfung zu zeigen beginnt. Der Kreuzer General O'Higgings soll gesunken sein. Der Aus» f ch u ß der Meuterer an Bord des Almirante Latorre, mit dem man verhandelt hatte, bestand aus 80 Unteroffizieren. Aber als eine Vereinbarung schon sicher schien, weigerten sich die Matrosen, die vorgeschlagenen Bedingungen anzuerkennen. Amtliche Meldungen besagen, in Valparaiso herrsche nach der Kapitulation aller Befestigungen Ruhe. Die Luftstreitmacht in Quinteros, die sich am Donnerstag den Rebellen angeschlossen hatte, hat sich bedingungslos ergeben. Ferner wird amtlich versichert, daß Heer und Polizei in der ganzen Republik zuverlässig seien. Regierungsflugzeuge bewarfen die bei Coquimbo liegenden U-Boot« 20 Minuten lang mit Bomben und machten zwei von ihnen kampfunfähig. Die meuternden Besatzungen der beiden Fahrzeuge schwammen an Land. Auch ein Zerstörer soll kampfunfähig gemocht worden sein. Der Kriegsminister General Vergara hat den Befehl erteilt, alle Kommunistenführer zu verhaften, da man an- nimmt, daß die Matrosenmeuterei auf kommunistischen Einfluß zurückzuführen ist. Ueber ganz Chile ist für vorläufig 30 Tage der Belagerungszustand oerhängt worden. Tagung des Völkerbundes Tiitilescu mit knapper Mehrheit zum Präsidenten gewählt Genf. 7. September.(Eigenbericht.) Bei starkem Andrang von Presse und Publikum begann heute vormittag der Aufmarsch der Delegationen zur 12. Vollversamm- lung des Völkerbundes. Als amtierender Ratspräsident eröffnete der spanische Außenminister Lerroux die Versammlung mit der üblichen Betrachtung über Tagesordnung, zuräckliegendes und kommendes Arbeitsprogramm. Sofort wurden alle Vermutungen über eine eventuelle mehrrnonalliche Vertagung der Abrüstungskonferenz widerlegt: Lerroux beglückwünscht den Völkerbund zu deren Einberufung schlechthin und bezeichnete die Konferenz selbst nur als einen Anfang. Dann stellte er die Fortschritte des Schieds- gerichtsgedankens fest. 37 Staaten hätten die obligatorische, 16 die gegenseitige Schiedsgerichtsbarkeit durch den chaager Gerichtshof bereits anerkannt. Die Europakommission und die Weltopium- konferenz werden besonders hervorgehoben, wobei der hervorragen- den Leitung der letzteren durch de Brouckere das hohe Lob zuteil wird, maßgebend zu einem der schönsten Erfolge verholfen zu haben, die der Völkerbund je auf dem Humanitären und mora- lischen Gebiet errungen habe. Am Schluß folgte die zweite be- deutende Feststellung, daß nämlich der durch Hoovers Plan und die Ministerkonferenzen bereits bewiesene Wille zur gemeinsamen Verständigung durch die jetzige Tagung zu einer bedeutenden Solidarität der gegenseitigen Hilfe au»- gebaut werde. Zu diesem Wert rufe er die Völterbundsoersammlung auf. — Nach Zusammensetzung der Mandatskommisston und Feststellung der Fehlens von Delegationen aus Argentinien, Honduras, Ni- caragua und San Salvador wurde die Wahl des Präsidenten durch geheime namentliche Abstimmung vorgenommen. Mit der Mehr- heit von 23 unter 49 vertretenen Staaten wird der rumänische Delegierte T i t u l e s c u zum Präsidenten gewählt. Graf A p- p o n y i- Ungarn erhielt 21 Stimmen, 3 Stimmen waren zer- splittert. Titulescu dankte für die hohe Ehre seiner Wahl und feierte in seiner Einleitungsrede die Bedeutung des Völkerbundes für die Völkerverständigung. Mexiko wird zum Beitritt aufgefordert Deutschland, England, Frankreich, Italien, Spanien und Japan haben beantragt, Mexiko zum Eintritt in den Völkerbund auf- zusordern und an den Arbeiten teilzunehmen, als ob es schon früher dabei gewesen wäre. Die Versammlung wird später darüber be- schließen. Nächste Sitzung Dienstag vormittags. Wahl des Bureaus, Ernennung der Kommissionen, Beginn der Generalaussprache über die Jahresarbeit. Belgisch-Hölländische Zollunion. Ein Plan der Sozialisten. Brüssel, 7. September. Die belgischen und die holländischen Sozialisten werden im Ok- tober zu Beratungen zusammentreten, in denen ein Plan für eine belgisch-holländische Zollunion auf freihändlerischer Grundlage ent- warfen werden soll. Diese Aktion gründet sich auf die Annahme, daß es zu einer zollpolitischen Einigung zwischen Deutsch- land und Frankreich kommen werden und daß Holland und Belgien diesem wirtschaftlichen Block nicht beitreten könnten. Britischer Gewerkschaftskongreß. �ampfparole gegen die Regierung. Bristol. 7. September. heule tritt hier der Kongreß der Gewerkschaften zusammen, der über die gegenwärtige Krise beraten wird und Vorschläge zur Besse- rung der Finanzlage machen soll. Dem Gewerkschaftskongreß in Bristol, dessen erste Vollsitzung am Montag stattfindet, ging am Sonntag eine Kundgebung voraus, auf der Präsident Arthur h a y d a y eine scharfe Absage an die National- regierung richtete. Cr faßte seine Ausführungen in den Satz zu- sammen, daß die Gewerkschaftsbewegung die ihr zugefallene schwere Verantwortung übernehme und beschlossen habe, den Kampf zur Verteidigung der sozialen Selbstschutzmaßnahmen und des Lebensstandards aufzunehmen, für die so viele ihrer Anhänger riesige Opfer gebracht hätten. Minister Thomas ausgeschlossen. London, 7. September. Nach dreistündiger privater Aussprache mit Minister Thomas hat der Generalrat der Arbeiterpartei von Derby dem Minister die Billigung seiner Kandidatur als parlamentarischem Vertreter dieses Wahlkreises entzogen. In der Entschließung heißt es, die Mit- gliedschaft in der Notionalregierung sei unvereinbar mit der Mitgliedschaft der Arbeiterpartei. Thomas erklärte: Die Zeit wird zeigen, wer von uns im Recht ist. Ich bin der Ansicht, daß meine Aktion die Arbeiterklasie vom Ruin gerettet hat. Volkspartei gegen Eurtius. Sie fordert seinen Rücktritt.— Brüning soll sich von der Sozialdemokratie lösen. Emden. 6. September. In einer Mitgliederversammlung der Deutschen Volts- Partei in Leer sprachen die Abgeordneten h i n tz m a n n und S t e n d e l zu den politischen und wirtschaftlichen Gegenwartsfragen. In seiner Rede führte der Reichstagsabgeordnete hintzmann u. a. aus, daß augenblicklich die außenpolitischen VerHand- lungen in Genf und vor allem die Zollunion im Mittelpunkt der Ereignisse stünden. Für die Beurteilung eines politischen Schrittes, wie der Zollunion, sei entscheidend, ob er von Erfolg oder M i ß- erfolg begleitet sei. Daß dieser Schritt ein Mißerfolg sei, liege klar auf der Hand. Nicht parteipolitische, sondern staalspolitische Interessen forderten daher, daß diejenigen, die für diesen vlihersotg verantwortlich seien, daraus die Konsequenzen zögen. Für ihre inneren Maßnahmen brauche die Regierung unbedingt das Ver- trauen des Volkes. Dieses Vertrauen könne aber nicht vorhanden fein, wenn die Regierung nicht die Schlußfolgerungen aus der außenpolitischen Niederlage ziehen würde. Un- verständlich sei es, warum der Staat sich das Treiben der Kommu- nisten noch weiter gefallen lasse. Es scheine, als ob man in dieser Frage auf irgendeine Gruppe oder Partei Rücksicht nehme. Das könne nurdie SPD. sein. Es habe den An- schein, als ob die Regierung wiederum Rücksicht auf die So- zialdemokratie nehme. Man könne sich dem Eindruck nicht verschließen, daß der Einfluß der Sozialdemokraten in den letzten Wochen hemmend auf die Regierung gewirkt habe, denn trotz der Notverordnungen seien die notwendigen Maßnahmen bis- her noch nicht ergriffen. Wenn sich der Reichskanzler weder zu einer Zusammenarbeit mit der Linken noch mit der Rechten ent- schließen könne, bleibe nur die Ausschaltung des Parla- m e n t s. Die Deutsche Volkspartei habe keinen Grund, sich einem solchen Vorgehen zu w i d e r s e tz e n. In der gegenwärtigen Form sei die Deutsche Volkspartei jedoch nicht mehr in der Lage, die Verantwortung mit zu tragen. Die Regierung müsse sich jetzt endlich von der Sozialdemokratie lösen. In der nächsten Fraktions- sitzung werde die Reichstagsfraktion der Deutschen Dolkspartei zu dieser Frage Stellung nehmen. Rüstung für den Winter. Außerordentliche Hilfsaktion in Wien. Die Wiener Stadtverwaltung hat folgende Mitteilung ver- öffentlicht: Die Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit, die immer größere Dimensionen annehmen, werden im kommenden Winter ganz außerordentliche Maßnahmen erfordern. Es ist daher naheliegend, daß man sich vielfach schon jetzt mit allen den Pro- blemcn beschäftigt, und daß schon jetzt von verschiedenen Seiten hilfsmittel zur Erleichterung der Not, wie Geld- und Natural- spenden, angeboten werden. Die Gemeindevertretung und vor allem natürlich das Wohlfahrtsamt beschäftigen sich nun schon seit längerer Zeit mit der Ausarbeitung eines Planes, der es ermöglichen soll, in ökonomischer Weise eine allgemeine Hilfsaktion für den Winter durchzuführen. So schätzenswert und dankenswert die einzelnen Aktionen von privaten Organisationen auch sein mögen, könnten sie doch auch eine gewisse Gefahr bedeuten, nämlich die der Zersplitterung der Mittel und der Doppelunterstützung mit allen üblen Folgen. Deshalb will das Wohlfahrtsamt der Gemeinde, zusammen mit ollen privaten Fürsorgeaktionen, ohne Unterschied der politischen oder konfcsiionellen Bekenntnisse, und zusammen mit allen hilfs- bereiten Privaten eine Organisation schassen, die durch Aufwendung staatlicher, städtischer und privater Mittel einheillich vorgehen und allen Bedürftigen, vor allem den ausgesteuerten Arbeitslosen. weitreichende Hilfe bringen soll. Es wird dabei an eine Organisationsform gedacht, wie sie sich schon im vergangenen Jahre als Kuratorium der hilfs- aktion„Jugend in Not" zur Zufriedenheit aller bewährt hat. Vor allem wird es sich darum handeln, eine ausgiebige Aus- fpeisungsaktion durchzuführen und den Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, ihr heim an den kalten Winter- tagen zu heizen. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß durch diese Aktion die Fürsorgetätigkeit der Gemeinde Wien nicht berührt und gewiß nicht eingeschränkt werden soll. Im Laufe der allernächsten Tage wird der Plan der ganzen Aktion dargelegt und an alle Kreise herangetreten werden, sich an diesem Werk zu beteiligen. Russische Bestellungen in Wien. Aus Wien sind in letzter Zeit hunderte qualifizierte Metall- vrbeiter nach Rußland verpflichtet worden und bereits dahin ab- gereist: auch oer ganze Schlußjahrgang einer Gewerbefachschul« hat sich angeschlossen. Die Sowjetgesandtjchaft hat vor der Abreise des Vizekanzlers Dr. Schober nach Genf den Abschluß eines Handels- vertrpgez mit Oesterreich angeregt, um der ö st e r r« i ch i f ch e n Industrie größere russische Aufträge zu übermitteln. Die österreichische Industrie hat Schober ersucht, die Anwesenheit L i t w i n o w s in Genf zu einer Aussprache vorüber zu benutzen. Dr. Schober wird in Genf mit Litwinow darüber sprechen. Stürme an der Ostseeküste. Schiffe in Seenot.- Hamburger Dampfer gestrandet. S k e k l i n. 7. September. Seit 36 Stunden herrjchl an der Oslseeküste starker Sturm b i» zur w i n d st ä r k e 10. der in der Rächt zum Sonntag zeit. weise zum Orkan anschwoll. Zahlreiche Schisse mußten Sahnih als Rothafen anlaufen. Außer der Schwedensähre und einigen großen Dampfern konnte» am Sonnabend und Sonn- lag ke'ne Schisse den Hafen verlassen. Der Stelliner Dampfer, der Sonntag mittag eintraf, hatte weder in heringsdors noch in Binz anlegen können. Der Stuem, der am Sonntag abend noch wind- stärke L hatte, verursachte in den Wäldern aus Rügen durch Windbruch viel Schaden. Zwischen R1 i s d r o y und Swinemünde strandete der Hamburger Dampfer.Uli". Die Be- sahung konnte gerettet werden. Ein« Bergung des Schisse» wo? bisher nicht möglich. Auch in Swinemünde stockte die Schiffahrt fast ganz. Im Stelliner hass sind bei dem hohen Wellengang einige große Frachtkähne gesunken und sperren zum Teil die Fahrrinne. In vielen Orten waren außerdem längere Zeit der Telephonoerkehr und dl? Stromversorgung unterbrochen. Durch Stauwind und Wolkenbrüche entstanden im Mündungsgebiet der Oder und aus dem niedrigen Gelände Ueberschwemmungen. Auch aus dem o st po m m er s ch e n Küstengebiet werden schwere llnwetterschädcn gemeldet. In Bernhagen bei Raugard stürzte Infolge des Sturmes eine Mauer um und begrub mehrere Arbeiter unter sich. Der Arbeiter Kühl war sofort tot. die übrigen wurden verletzt. Autorennen fordern Tote. Auf der Monza-Baha bei Mailand 4 Personen getötet. TS verletzt. Rom. 7. September.(Eigenbericht.) Auf der Monza-Bahu bei Mailaub, wo vor zwei Jahre« durch den Tobessturz eines Rennfahrers insgesamt 31 Zuschauer getötet wurden, ereignete sich am Sonntag wieder ein schwerer Unglücksfall. Bier Per- s o n e u wurden getötet. IS verletzt. Das Nennen ging um den großen Preis von Monza und war eines der bedeutendsten italienischen Automobil- rennen, das Italien bisher erlebt hat. Der Kampf war im vollen Gange» als der Alfa-Romeo-Fahrer Etau- c e l i n- Frankreich kurz hinter einer Kurve die Ge- Walt über seinen Wagen verlor, gegen das Drahtgitter raste, umschlug und in die Zuschauer- menge stürzte. Während vier Personen auf der Stelle getötet wurden, kam der Rennfahrer mit gering- fugigen Beinverletzungen davon.— Im weiteren Verlauf des Rennens fuhr der Fahrer Pirola. ebenfalls auf Alfa- Romeo gegen einen Baum. Er erlitt schwere Ver- letzungen. Todessturz beim Grillenburger Walö-Rennen Dresden. 7. September. Bei den Grillenbnrger wald-Rennen. die zur Erledigung der Klubmeisterschaf« des Deutschen Motorradfahrerverbande« angesetzt waren, kam es zu zwei schweren Unfällen, die eine Folge der durch den Dauerregen schlüpfrig gewordenen Straßen waren. Die Fahrer Beckert-Ehemnih und Ernstberger-Vresden verloren ihre Sei- wagenfahrer. Becker«» parwer. sein Bruder, starb so- fort, während der Beifahrer Ernstbergers, S u s e i d. besinnungslos ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. In der Meisterschaft siegte erneut der Verteidiger des Titels, der Chemnitzer Motorrad- klub von 1012. Die Ermordete von Spandau. Wahrscheinlich Zlse König. Vor einigen Tagen war die Vermutung aufgetaucht, die Er- mordete, deren Kopf gesunden wurde, sei eine Ilse König, die in Berlin iaderGreaadierstraßcgewohnt hat. Durch die Rachforschungen der Mordkommission und die Zeugenvernehmung ist diese Vermutung fast zur Gewißheit geworden. Ilse König, die am Z.Oktober 1907 in Sternberg geboren ist. war nur 1.30 Meter groß und wirkte dadurch jünger, als sie den Jahren nach war. Am 1. August d. I. zog sie mit ihrem Freunde, einem Maler Gustav S., zusammen in die Grenadierstr. 26. Die po- lizeiliche Anmeldung wurde nicht gleich vorgenommen. Endlich, am 12. August, sollte das besorgt werden. Der Freund ging abends um 6% Uhr nach der Ecke des Königgrabens und der Münzstraße. weil er dort das Mädchen treffen konnte. Er wollte mit ihr über die Anmeldung sprechen. Er traf Ilse auch und sie erzählte ihm, sie habe einen älteren Bekannten gesehen und gesprochen, der sie auf- gefordert habe, mit ihm nach Potsdam zu kommen. Für die Begleitung habe ihr der Bekannte ein größeres Geldgeschenk in Aussicht gestellt. Gustav begab sich in die Wohnung in der Grena- dierstraße zurück. Eine Dreiviertelstunde später suchte er seine Freun- din wieder, weil er die Wohnungsschlüssel von ihr haben wollte. Sie war aber nicht mehr auf der Straße und kehrte auch nicht nach Hause zurück. Seit dieser Zeit hat niemand sie wieder gesehen. Ihr Verschwinden fällt also in die Zeit zwischen 6% und 7% Uhr. Bei den Zeugenvernehmungen, besonders der mit Ilse bekannten anderen Mädchen, kam es zur Sprache, daß sie gern mit reichen Freun- den geprahlt hat. Am Tage chres Verschwindens trug Ilse König ein weißes Kleid mit bulgarischer Stickerei in rot und blau am halse, den Aermeln und dem Rocksaum. Der Rock war sehr kurz und ließ das Mädchen kindlicher erscheinen. Ueber dem Kleide hatte sie einen blauen Trenchcoat und als Kopfbedeckung eine dunkelblaue weiche Kappe aus Strohgeflecht. An der Kappe war als Verzierung ein Edelweiß aus Elfenbein angebracht. Außerdem hatte das Mö�» chen wahrscheinlich eine dunkelblaue Handtasche und einen Schirm aus schwarzer Halbseide mit glattem Griff. Die Mordkommission hat die Zahnärztin ermittelt, die das Mädchen behandelt hat Um die unschöne Lücke zwischen den beiden vorderen Schneidezähnen zu verdecken, ließ sich das Mädchen im Jahre 1926 in Sternberg ein sogenanntes„Fenster" aus Gold einsetzen. Di« Ermitttungen, wo- hin Ilse König an jenem Abend gegangen ist, gestalten sich sehr schwierig, da bisher jeder Anhaltspunkt über den Begleiter fehlt. Tragödie zweier Schwestern. Sie wollten gemeinsam sterben. Am Sonnlagabend oersuchte sich die 72jährige Geschästsinhaberin Fanny L i p s ch ü h und ihre um 5 Iahre jüngere Schwester Emma durch Gas das Leben zu nehmen. Die betagten Frauen betrieben in der Giesebrechtstraße 1 einen kleinen Kunsthandel. Das Geschäft war früher recht gut, in letzter Zeit gingen die Einnahmen jedoch immer mehr zurück. In ihrer drückeirden finanziellen Notlage kamen die Schwestern auf den Ge- danken, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Als am Sonntag- nachmittag die Stütze Ausgang hatte, schritten beide zur Ausführung der Tat Sie schrieben einen Abschiedsbrief an ihre Angehörigen, schlössen sich dann im Schlafzimmer ein und öffneten die Gashähne. Als die Hausangestellte gegen Mitternacht heimkehrte, wurde die Verzweiflungstat der greisen Schwestern entdeckt. � Die zu Hilfe gerufene Feuerwehr nahm Wiederbelebung s- versuche vor, die aber nur bei Emma Lipschütz von Erfolg waren. Schreckensiai eines Zrrenwäriers. Drei Geisteskranke durch Gist getötet. helsingfors, 7. September. In der städtischen Fürsorgeanstalt in V a l k e a l a im Innern Finnlands ist man einem furchtbaren Verbrechen auf die Spur ge- komn�n. Drei Geistesschwache, die in der Anstalt untergebracht waren, sind von einem Anstaltsausseher namens karltunen ermordet mordet, karttunen hat drei seiner Pfleglinge durch Gist au» dem Wege geräumt, nachdem er an ihnen Sittlichkeitsverbrechen verübt hatte. Die Leichen der Opfer wurden jetzt ausgegraben und geöffnet. Die Untersuchung ist noch im Gange: die Beweise sind jedoch bereits vollkommen. Zwei der Opfer sind im vorigen herbst vergiftet wor- den. Der dritte Mord wurde im Sommer verübt. Aufgedeckt wur- den die Mordtaten durch eine Krankenschwester. Zeppelin über der französischen Küste. Friedrichshasen. 7. September. Nach Funkspruch von Bord des„Graf Zeppelin" befand sich das Luftschiff um 6.20 Uhr mitteleuropäischer Zeit 90 Kilometer vor der französischen Küste westlich von La Rochelle. Nach einom Funkspruch von Bord des„Graf Zeppelin", der um 7.30 Uhr die Ortschaft La Roche in der Vendöe überflogen hat, wird das Luftschiff um 13 Uhr in F ri edr i chs hafe n eintreffen. Internationaler Zreidenker-Kongreß Kirche und Kolonialpoliiik— Klerikalismus und Faschismus Der internationale Frcidenkerkongreß wurde gestern im Plenarsaal des früheren Herrenhauses unter Vorsitz von Ronzaal- Oesterreich weitergeführt. Nach einer kurzen Gedenkrede auf August Forel nahm zu- nächst Boulanger-Belgien das Wort zu einem Referat über Kirche und Kolonialpolitik. Er beleuchtete die kirchlichen Machenschaften in den Kolonien und betonte vor allem den großen Einfluß der katholischen Kirche, di« durch die Einfuhr von jungen Missionsschülern die Eingeborenen einer unerhörten Ausplünderung preisgebe. Die belgische Regie- rung habe im Kongo der Missionstätigkeit 300 000 Hektar zur Verfügung gestellt. Der Ertrag aus diesem Gebiet fließt nicht in die Staatskasse, sondern nach Rom.„Wir in Belgien müssen versuchen, im Parlament den antiklerikalen Einfluß zu stärken, damit dieses Geld den Missionsgesellschaften entzogen und für Kultur» und Sozialpolitik verwendet werden kann." Eine lebhafte Diskussion schloß sich an. Siewers-Deutschland hielt sodann sein groß angelegtes Referat über Klerikalismus und Faschismus. Die Frage des Faschismus steht heute im Mittelpunkt der politischen Betrachtungen. Für uns Freidenker erhebt sich die Frage: Wie können wir unseren Bruderorganisationen, den sozialistischen Par- tcien und den Gewerkschaften, bei der Ueberwindung des Faschis» mus helfen? Daneben steht die zweite Frage: Wie steht der Kleri- kalismus zum Faschismus? Der Faschismus hat im letzten Jahr- zehnt erhebliche Armeen gesammelt. Neun Jahre Blutregime Mussolini-Jtalien, Schreckensherrschaft in Polen und Litauen, Dik- taturen auf dem Balkan, Gefahr der Machtergreifung in Deutsch- österreich durch die Heimwehr 1930 und die Hitler-Gefahr in Deutschland, auf die gegenwärtig die Augen der ganzen Welt ge- richtet sind,— das sind die einzelnen Stationen. Was ist der Faschismus? Er ist nichts Einheitliches. Er ist das Schlagwort für jede reaktionäre Gewaltherrschaft. Er ist das Sammelwort für alle die Richtungen, die mit rein physischer Gewalt das Volt unterdrücken und rechtlos machen wollen. Das Staatsideal ist die absolute uneingeschränkte Diktatur, ist der „Führer", der unabhängig ist von dem Kabinett und dem Parla- ment. Er bestimmt alles selbst. Er sucht sich seine wirtschaftlichen und politischen Berater und er unterdrückt das Volk mit roher brutaler Waffengewalt. Er kennt vier Stände: Besitz und die hohe Bürokratie in Verwaltung und Militär sind tonangebend. Die Bauern als zweiter Stand haben besondere Privilegien. Der M i t t e l st a n d hat die Möglichkeit zum Aufstieg, der vierte Stand, die Besitzlosen, ist ohne Aufstiegsmöglichkeit. Der faschistische Grundsatz gleicht dem christlichen:„Wer Knecht ist, soll auch Knecht bleiben." Wirtschaftlich greift man auf den Frühkapitalismus und das Zünftewesen zurück und fügt sozialistische Tendenzen ein, die man bei Marx gestohlen hat.(Sehr richtig!) Man wendet sich schein- bor gegen den Kavitalismus, indem man den anonymen Kapita- listen der Truste, Kartelle und Syndikate durch den Einzelunter- nchmer ersetzt. Es fehlt die Erkenntnis, daß der heutige Zustand des Kapitalismus auf zwangsläufiger Entwicklung beruht. Durch die Rückkehr zum indiv-duellen Unternehmer fall der Klassenkampf beseitigt und verboten werden. Bei der Erziehung steht das Körperliche über dem Geistigen. Allzuviel Wissen schadet und beeinträchtigt die Fähigkeit zum Mili- tärdienst. Nach dem deutschen Programm stehen vier Fächer beim Unterricht im Vordergrund: Deutsch, Rechnen, Schreiben und in verstärktem Maße Religion. Der Lehrer von heute soll wieder der „alte deutsche Schulmeister" werden. Die Einführung dieses barbarischen Regiments mühte das größte "nglück für die Menschheit werden, die in ihrer geistigen Entwicklung künstlich niedergehalten und kulturell um Jahrhunderte zurückgeworfen würde. Welche Chancen hat der Faschismus in den großen Ländern? Die Chancen steigen und fallen in dem Maße, wie es dem Faschismus gelingt, Bundesgenossen zu gewinnen. Stellt sich die Kirche mit ihrer gewaltigen Propaganda und ihren großen Fähigkeiten in den Dienst des Faschismus, so müssen seine Chancen steigen. Als Musso- lini die Regierung antrat, rührte Pius Xl. keinen Finger. Die Katholiken spalteten sich, die Besitzenden gingen ins faschistische Lager, die Arbeiter setzten sich zu Zehntausenden zur Wehr und wurden entrechtet, gemetzelt und gefangen gesetzt. Der Vatikan hatte kein Wort der Empörung. Der Pap st löste die tatho- tischen Gewerkschaften auf und schloß den Lateran-Pakt und das Konkordat. Der Konflikt zwischen Mussolini und dem Papst brachte zwar kein Abrücken von Mussolini, sondern nur ein Eintreten für die katholische Aktion, alle anderen Rechte, die dem geknechteten Volke entrissen waren, berührten den Papst nicht. Als im vergangenen Jahre die faschistische Gefahr in Oester- reich drohte, standen hohe kirchliche Kreise im Anfang hinter der Heimwehr. Die Distanzierung trat erst ein, als der Sieg illusorisch wurde und vor allem tausende von Wiener Arbeitern aus der Kirche austraten. In Deutschland ist von den zwei großen Konfessionen die evangelische zahlenmäßig weit stärker, die katholische aber po- litisch weit machtvoller. In der evangelischen Kirche überwiegen die nationalsozialistischen Tendenzen. Man steht bereits in einer Art Bündnis mit dem Faschis- mus und evangelische Pastoren nennen den Nationalsozialismus eine gottgewollte Bewegung. Der Katholizismus zögert. Er hat in der Republik verschiedenes zu verlieren. Aber seine In- tcressen sind geschmiedet an die Interessen der herrschenden kapita- listischen Klasse. Brüning hat eine günstige Position. Die Faschisten stehen vor dem Ladentisch, er steht hinter dem Ladentisch der Re> gierungsgewalt. Schon heute kann man mit ziemlicher Gewißheit sagen, daß die Nationalsozialisten aus eigener Kraft niemals die Macht erreichen werden.(Lebhaftes Bravo.) Deshalb zeigt sich Brüning zugeknöpft und hält lieber seine Notoerordnungsdiktatur aufrecht, die zu einem Ausnahmegesetz gegen die Freidenker führte. Aber nach meiner Ueberzeugung handelt es sich bei Brüning nur um die Festlegung der Prozentsätze, zu denen die Macht ge- teilt werden soll. Diese Ausfassung sst stark umstritten. Auch anti- faschistische Kreise, bis in die Arbeiterschaft hinein, glauben nicht an ein Bündnis zwischen Zentrum und Nationalsozialisten. An- fang April freilich schrieb die„Germania", daß, wenn Hitler das Genie Mussolinis hätte, man sehr schnell zusammenkommen könne. Nun, Mussolini war früher«in Ketzer und Pfaffenstesser, und er ist auch heute noch kein gläubiger Christ, wenn nicht zehn Jahre Blutregime Kennzeichen eines gläubigen Christen sind.(Stürmische Zustimmung.) Der„Angriff" erwiderte damals, daß unter natio- nalsozialistischem Regiment die Kirche ohne Zweifel eine größere Wirkungsmöglichkeit hätte. Welche Motive führen zu einem Bündnis zwischen Kirche und Faschismus? Es sind die Zwangsläufigkeiten der Wesensverwandt- schaft. Beide, Faschismus und Kirche, wollen die absolute, unum- schränkte Gewalt über Körper und Geist. Die Demokratie schafft dem ganzen Volke die Möglichkeit zur Beteiligung an der Macht und den Aufstieg. Sie nach Möglichkeit zu drosseln und abzubauen liegt im Interesse der Klerisei. Die Wirtschaftskrise hat zu einer Depression in kapi- talistischen Kreisen geführt, die an den Zauberlehrling erinnert, der die Geister nicht los wurde, die er rief. Man will eine Rückwärts- entwicklung, denn hinter einem zusammengebrochenen Kapitalismus steht das Gespenst des Sozialismus. Weil die Kirche den Kapitalis- mus erhalten will, unterstützt sie di« Armeen der Faschisten. In seiner Enr�clica Quadragesimo anno hat der Pap st ein Wirtschaftsprogramm entwickelt, das eine Kopie des faschistischen Program mes ist. Aber auch dies erweist die Einigkeit der beiden gegen den Marxismus. Um dem zu begegnen, muß der Freidenker zu seinem anti- religiösen Bekenntnis ein politisches Bekenntnis hinzu- fügen. Die Kirche ist ein politischer Faktor. Man kann sie nicht nur mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft bekämpfen. Unser polllischer Weg ist klar. Er verlangt di« Treue zu den sozialistischen Parteien, zu den Gewerkschaften und allen mit ihnen streitenden proletarischen Organisationen. Nur durch diese Mitarbeit tragen wir bei zum Sieg über Faschismus und damit auch über die reaktis- nären Gewalten der Kirche.(Stürmischer Beifall.) In der Distusston gab Roel-Frankreich wertvoll« Ergänzungen vom französischen Ge- sichtspunkt aus. Krenn-Schweiz und Reumann-Hamburg verlangten eine Erweiterung der proletarischen Front. Als Neumann die Mög- lichkeiten eines Zusammengehens mit den Kommunisten andeutete, er- hob die Mehrheit des Kongresses lebhaften Widerspruch. Harlwlg-Prag bezeichnete die faschistische Bewegung als eine Revolte der Kleinbürger. Vosman-Holland schilderte den holländi- schen Faschismus als einen„machtlosen Operettensaschismus". Rkaeder-Thüringen und Glaß-Braunfchweig erstatteten Bericht über die reaktionären Umtriebe der Frick und Franzen. In seinem Schlußwort unterstreicht Siewers die restlose Einigkeit aller Diskussionsredner im Willen zum Kampfe gegen den Faschismus. Die Verhandlungen wurden darauf auf Montag, 14 Uhr, vertagt. Jack Londons Modell Oer Einsiedler von Aordland Einer der Haupthekden aus Jack Londons heute weltberühmten Werken, zum Beispiel der Erzählungen„Abenteuer",„Jerry", „Michael" und anderer Südseebücher ist ein Mann, der noch heute am Leben ist und der all die Dinge, die Jack London ihn, wenn auch unter einem anderen Namen, erzählen läßt, selber erlebt hat. C. W. Oeberg heißt dieser Mann und wohnt in einer kleinen Hülle im Bezirk Stora Skedvi in Schweden-Dolarne. Er ist heute fünsundsieben- zig Jahre alt, und'die abenteuerreiche Zeit seiner Jugend liegt weit hinter ihm DieHütte, in der er heute wohnt, hat er sich als ganz junger Mann selber gezimmert, dann aber hat die Abenteuerlust ihn hinaus- getrieben, unwiderstehlich, bis er schließlich wieder heimkehrte,„weil Dolarne das einzig mögliche Land ist, wenn es auf den Herbst geht", wie er selbst sagte. Er fand die selbstgebaute Hütte wohlcrhalten vor, sie hatte auf ihn gewartet und nahm den Abenteurer auf. Jetzt birgt sie die größte ethnographische Sammlung aus der Südsee, die Schweden aufzuweisen hat. Mit der Zeit wird die Besucherzahl immer größer werden, aber der Alle erzählt gern, und er hat so viel erlebt, daß er sich nie wiederholt, wie lange er auch sprechen mag. Seine Stube ist wie eine Kajüte«inzerichtet, nur so kann der alte Seebär sich an Land wohlfühlen. Schon früh begannen die Abenteuer in seinem Leben. Zu Be- ginn der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erlebte er einen Schiffbruch des Dampfers„Baggcn" mit und dann einen zweiten, nämlich den einer deutschen Bark, die bei Tistlarna strandete. In der Nordsee wurde er eines Tages von einer Sturzsee über Bord geschleudert, konnte aber gerellet werden. Einmal stürzte er neun Meter hoch von den Rahen ab, ohne andern Schaden zu nehmen. als daß seine Pfeife zerbrach, und kehrte wohlbehallen von Fahrten heim, bei denen die Pest an Bord gewütet hatte. Sein dritter Schiff- bruch warf ihn an die Küste von Queenslands In der Nähe des Riffs, das dem Schiff verhängnisvoll geworden war, lag ein« kleine paradiesische Insel mit mächtizen Palmen an blauer Lagune, mit einem weißen Sandstrand, den noch nie der Fuß eines Europäers betreten hatte. Diese Insel lehrte den Schweden Oeberg die Südsee lieben, und in der Südsee blieb er, bis der Ruf der Heimat über- mächtig wurde. In der Südsee traf er Menschenfresser, denen sein Gefährte zum Opfer fiel, während er selber entkam. Später richtete er dann auf einer abgelegenen Insel eine Plantage ein und trieb Handel. Auf dieser Insel lebt« er als Häuptling, aber er mußte seine Würde mit der Flinte verteidigen. So sehr ihm das Leben der Wildnis auch zu- sagte, litt er doch unter der Einsamkell, und seiner eigenen Aussag« nach konnte das Verlangen, mit einem weihen Menschen zu sprechen. ihn wie ein« Krankheit plagen. Es war eigentlich nur Aufall, wenn er einmal«inen weihen Kameraden fand, der dorthin verschlagen worden war. Bei seinen Fahrten in der Südsee kam er auch noch den Sa- lomon-Infcln, wo die wildesten Meiischensresser leben. Als er mit seinem Schiff dort Anker warf, sammelten die Eingeborenen sich, scheinbar friedlich und unbewaffnet, am Strande, ober als das Boot sich dem Ufer näherte, hoben sie auf ein gegebenes Signal den im Sande vergrabenen Speer mit den Zehen auf und schleuderten ihn blitzschnell auf den Fremden. Noch heute sind an Oebergs Körper die Narben von diesen Verwundungen zu sehen. Außer Oeberg gab es verschiedene andere und bemerkenswerte Erscheinungen in der Südsee. Auf einer kleinen Insel zum Beispiel herrschte ein ehemolizer Sträfling. Er hielt sein« Insel in muster- hafter Ordnung und zivilisierte seine Untertanen, so weit es ihm möglich war. Als Oeberg zum ersten Mal dorthin kam, fand er in fast jeder Hütte eine Nähmaschine. Außerdem aß dieser schwarze Stamm mit der Gabel. Grauenhaft sind Oebergs Erzählungen von einem Schiffer, dessen Frau von den Angehörigen eines wilden Stammes ermordet wurde. Der Schiffer trieb den ganzen Stamm auf eine öde Klippe im Meer, wo sie achtundoierzig Stunden ohne Wasser und Nahrung bleiben muhten, bis di« Frauen und Kinder massenweise starben. Das aber war dem blutdürstigen Kapitän noch nicht Rache genug. Er steckte die Eingeborenen der Insel systematisch mit den schwarzen Pocken an, durch die die Bevölkerung ausgetilgt wurde.— Teuflisches und Herrliches hat dieser Fünfundsiebzigjährige in seinem an Ereignissen überreichen Leben miterlebt und gesehen, und es sst schon Gewinn, ihn nur von all diesen selssamen und eigenartigen Schicksalen sprechen zu hören. E. V. „Götterdämmerung." Neuinszenierung in der Städtischen Oper. Viel gibt es in diesem Werk, worüber die Zeit Gewalt hat: die Zeit, die uns ändert und formt und uns zu neuer Stellung- nähme zwingt der Vergangenheit gegenüber. Was ist uns Heutigen noch dieses überlebensgroße Finale des Nibelungenringes? Hier überschneiden sich olle Linien der Handlung, hier werden alle Fäden endgültig verwirrt und entwirrt, die Konflikte vertieft und tragisch gelöst, hier sind die dramatischen Angelpunkte und Höhepunkte— Hier ist für uns der Prüfstein der Tetralogie. An das Gedankliche, an das Ethos der Dichtung glauben wir nicht mehr. Hätte Wagner seinen ursprünglichen Plan ausgeführt und in Siegfried den reoo- lutionären Helden erschaffen, der gegen Besitz und Macht kämpft und die Knechtschaft zerbricht, wäre es anders: so überschattet die Tragik Wotans alles. Ueberwindung und Entsagung aber, Götter- dämmerung als Nirvana— das sind keine Wahrheiten mehr, das ist ein artistischer Vorwurf, einer für uns versunkenen Gedanken- welt verhaftet. Im Musikalischen ist's ähnlich: wir empfinden das unaufhörliche Kombinieren tönender Symbole, die auf die Spitze getriebene Leit- motivtechnik als geniale Artistik, oft schon als artistische Routine. Kostbarer als die Instruktionen der Handlung, als die pathetischen Gesten und dramatischen Akzente sind die großartig erschauten und wuchtig gestalteten Sagenbilder. Sie tauchen aus dem Dunkel, sie verdämmern in halbem Licht: Hagens Wache, Siegfrieds Tod, Brün- hild in nächtiger Halle an seiner Bahre— hier schält sich Unver- gängliches aus Vergänglichem, Zeitgebundenem: hier atmen wir verzauberte Luft des Mythos, hier lassen wir uns verzaubern, hier sind wir erschüttert, hier glauben wir noch. Gerade darum sind Wagners Bühnenbilder von großer Wichtigkeit: es ist nicht so, als begäbe sich alles Wesentliche im Gesang und im Orchester. Oft ist die szenische Vision das Primäre, Szene und Musik haben dann eine Einheit zu bilden: die Möglich- leiten des Experimentierens und Modernisierens sind hier sehr ge- gring, das phantastische Element wird dieser Musik immer näher sein als das konstruktive. Otto Kraus hat sich mehr für das konstruktive Element entschieden. Er erhält dadurch in manchen Szenen— Gibichungen-Hall«, wildes Wald- und Felsental am Rhein— zu abstrakte Linien, deren stille Geometrie mit dem färben- schillernden Orchester in Widerspruch gerät. Die Bühne hat durch- aus nicht die Ausgabe, die Phantasie durch sparsame Andeutungen lediglich anzuregen: im Gegenteil, sie soll dem Auge etwas bieten, das mit Musik und Handlung zusammenstimmt. So will es die Oper, so verlangt es noch mehr das Streben nach dem Gesamtkunst- werk. Kraus verschließt sich dem nicht immer, und so gelingt ihm Schönes, wie der Schluß des letzten Aktes.— Gegen das Spiel wäre sowohl in den Einzel- wie in den musikalisch-exakten Ensemble- szenen manches zu sagen gewesen, gesanglich aber gaben alle ihr Bestes: Gertrud Bindernagel als Brünhild, Karl Hart- mann, dem man den Siegfried glaubt, die Onegin als Wal- traute. A n d r e s e n ein finsterer, vierschrötiger Hagen, R. v. Schi- räch, Reinmar, Kandl. Fritz Stiedry brachte die Riesenparti- tur in epischer Breite und schönen Steigerungen zum Klingen: seiner Leistung gebührt der Hauptanteil des Erfolgs. Arnold Walter. „Oer Wittiber" von Ludwig Thoma. Münchener Uraufführung. Das nach Ludwig Thomas Roman„Der Wittiber" von einem jungen Schäuspieler Hanns Schopper bearbeitete Drama wurde um Residenztheater zur Uraufführung herausgebracht und beifällig ausgenommen. Die die meisterhafte Schilderung eines Großbauernmilieus in Thomas Erzählung bewundern, mußten die verunglückte Dramatisierung dieser Meisternovelle beklagen, in der es Ludwig Thoma gelang— Dostojewski nahekommend—, ebensowohl die dumpfe Triebhaftigkeit wie auch die geldgierige Gerissen- heit der bäuerischen Leute in der Umgebung des verwitweten Groß- dauern in psychologisch glaubhafter Weise nachzuzeichnen. In schlichten phrasenlosem Ausdruck wird Seelisches freigelegt. Das aber wird, trotz wörtlicher Herllbernahme verschiedener Dialogstellen, in der Handlung auf der Bühne ausgelöscht. Es gelingt dem Bearbeiter nicht, dem Stück die Atmosphäre zu geben, die sich bei der Lektüre des Romans auch noch zwischen den Zeilen im epischen Grund- charakter des Werkes so ganz selbstverständlich einstellt. Bühnen- mäßig gerettet werden nur einzelne Ensembleszenen(Leichenschmaus und Hochzeitsfeier). Im Drama kam bei der Münchener Aufführung die Psychologie des„Willibers" ins Schwanken, well gerade das Hin und Her zwischen Hilflosigkeit und Energie nicht suggestiv herauskam. Der Darsteller stellte den Großbauern zu jung dar, er war auch zu intellektuell. Der Beifall des Publikums galt der sonst sehr guten Darstellung und zumeist dem Andenken Ludwig Thomas ■Alckred Mayer. wie viele Berliner besuchen da» Kino? Welche Anziehungskraft trotz aller wirtschaftlicher Depression die Kinotheater auf die breiten Massen ausüben, geht aus den Veröffentlichungen des Statistischen Jahrbuches von Berlin eindeutig hervor. Nicht weniger als 38 Mill. Menschen besuchen im Jahre die Lichtspieltheater Berlins, dos entspricht einem täglichen Durchschnitt von fast 160 000 Personen. Fritz Kortner wurde dem Deusschen Theater verpflichtet. Er spielt den»Antonius" in»Antonius und Cleopatra. Rundfunk der Woche Ein Rückblick Ein paar Vorträge im Programm der Funkstunde schlugen Themen an, die aus den schrillen Dissonanzen unserer WirtschastZ- krise geschöpft waren.„Grenzen der Rationalisierung" war der Vortrag überschrieben, den Dr.-Jng. Paul Zucker hielt. Eigentlich war es ein ökonomischer Rückblick. Die Grenzen auszu» zeigen ist heute kaum noch nötig: zahlreiche Wirtschastskatastrophen haben sie weithin sichtbar bezeichnet. Komplizierte Maschinen kreisten, laufende Bänder bewegten sich im Gleichmaß vorwärts, in genau berechneten mechanischen Muskelreflexen wurde für acht Stunden am Tage die Arbeitsfunktion von dem dazugehörigen Menschen gelöst. Alles geschah zur Förderung und Berbilligung der Produktion, genau wie in Amerika. Rur in der Aufnahme- f ä h i g k e i t für die Erzeugnisse hatte man sich verkalkuliert: an- dere Lebensformen und-Notwendigkeiten, vor ollem aber die viel schwächere Kaufkraft führten sehr rasch zu einer wirklichen oder wenigstens scheinbaren Sättigung des einheimischen Marktes, und ein sehr begrenzter Exportabsluß half auch nicht viel. Gegen den Export stemmten sich überall Zollmauern, gegen ihn erhob sich vor allen Dingen die in allen Ländern gesteigerte Neigung zur Selbst- Versorgung. Die Umstellung der deutschen Autoindustrie auf das laufende Band hat etwa drei Viertel dieser Industrie kaputt ge- macht: die Konsumkraft für die auf Massenabsatz berechneten Wagen fehlte. Ein Gegenbeweis für zweckmäßige Rationalisierung liegt darin jedoch nicht. Der Vortragende betonte, daß das Prinzip der Ratio- nalisierung jetzt auf dem Wege der technischen Entwicklung liegt, wie vor hundert Jahren das Prinzip der Maschinisierung. Schein- bar muh jeder Fortschritt im Arbeitsprozeß über Einzelschicksale zermalmend hinweggehen. Die Maschinen nahmen vor hundert Iahren den Handwerkern das Bröl, verurteilten die Weber zum Verhungern. Der rationalisierte Arbeitsprozeß warf die Menschen zu Hunderttausenden auf die Straße. Aber beides konnte nur ge- fchehen, weil die technische Errungenschaft zuerst nicht als eine na- türliche Funktion der wirtschaftlichen Entwicklung angesehen und so gewertet wurde, sondern weil man von ihr eine wunder- bare Umwälzung erwartete. Rußland steht heute noch im Banne dieses Wunderglaubens, der den Traktor und die bis ins kleinste durchrationalisierte oder richtiger amerikanisierte Fabrik für das Volk an die Stelle der Heiligenbilder setzte. Mit solchem Glauben lassen sich aber weder Produktionsprozesse fördern noch Absatzge- biete bereiten. Die in Rußland mit ungeheuren Kosten errichteten Anlagen leisten bei weitem nicht die errechneten Produktionszahlen, da der russische Mensch sich in die Präzision dieses Arbeitsprozesses gar nicht einzugliedern vermag. Vor hundert Jahren kamen die Maschinen einem Massenbe- dürfnis nach Ware entgegen. Machte eins Maschine zehn Hand- werker brotlos, so konnten diese zehn bald als zusätzliche Maschinen- arbeiter aufgenommen werden. Heute aber steht eine beständig ansteigende Güterproduktion einer sinkenden Konsumkraft gegenüber. Der Export, der sich vor hundert Iahren den europäi- schen Ländern in weitem Maße auftat, verschließt sich heute immer mehr. Jfte. Schlußfolgerungen, die der Vortragende aus all diesen Erkenntnissen zog, beschränkten sich auf die Feststellung, daß die durch sinnlose Rationalisierung heraufbeschworen« wirtschaftliche und kulturelle Not zu der Forderung führe,- nicht Rationalisierungs- experimente auf Gebieten zu versuchen, die nicht rationalisierbar sind. Diese akademische Wendung, die ein- Wirtschaftserscheinung, die so tief und schmerzhaft in das Leben zahlloser Menschen ein- schneidet, gleichsam aus einer wissenschaftlich unpersönlichen Be- trachtung entließ, wird viele Hörer befremdet haben. Denn die Gruppierung des Tatsachenmaterials in den vorangegangenen Aus führungen des Vortragenden wurde gerade durch ihre Sachlichkeit zu einer einzigen Anklage gegen eine sinnlose Gesellschaftsordnung, die es zuläßt, daß Engstirnigkeit und Egoismus des Einzelnen Fortschritt in eine Waffe gegen die Menschen verkehren. Auch ein Dortrag von Felix Linke unter dem Titel„D i e am Leben verzweifeln" litt unter einem seltsamen Abstand des Redners zu seinem Thema. Er schüttete eine Fülle von sta- tistischen Zahlen aus, die notdürftig und lehrhaft von Sätzen um- kleidet waren. In immer neuen Wendungen wurden die häufigsten Todesarten den Hörern vorgetragen: die eine als von den Männern „bevorzugt", während sich die Frauen„lieber noch" aus dem Fenster stürzen. Auch zu Giftselbstmorden wie zu Giftmorden neigen die Frauen, und der Vortragende verfehlte nicht daran zu erinnern, daß ja auch schon in der Sage Isolde den Gisttod gesucht habe. Dazwischen versank an einer Stelle der grausige Satz, daß junge Frauen im Gefängnis in den ersten Monaten der Haft häufig Selbstmord begehen. Nur die K i n d e r s e l b st m o r d st a t i st i k ließ den Lortragenden aus seiner Reserve heraustreten. Die Zahlen, die er mitteilte, sind erschütternd: 1920 begingen 103, 1928 90 Kinder im Alter zwischen 5 und IS Iahren Selbstmord. Den größten Pro- zentsatz dieser Selbstmörder stellen auch heute noch die Schüler der höheren Schulen. In Deutschland endete 1928 alle halbe Stunde ein Mensch sein Leben durch eigene Hand. Gegenwärtig soll die Zahl etwas günstiger sein. Aber mit den Schlußfragen: Welchen Sinn haben Wissenschaft, Technik und Kunst, wozu streben wir nach Fortschritt, wenn der Mensch sein Leben vernichten darf, glitt der Vortragende an dem Verstehen seiner statistischen Angaben ebenso vorbei wie mit dem Rat, daß jeder seinem Leben selbst den Sinn geben müsie. Selbstmordwille läßt sich gerade in einer Krisenzeit wie der unseren nur niederringen durch den Glauben an die G e- m e i n s ch a f t, die nur Besserung der Zustände erreichen kann, wenn jeder, der diese Besserungsbedürftigkeit erkannt hat, zum Kampf dafür, nicht aber zum Verzicht entschlossen ist. Ausführungen der Oberschulrätin Genossin Hildegard Weg- s ch e i d e r über„Echte und falsche Frauenbewegung" griffen trotz des scheinbar in historische Richtung weisenden Titels tief in die Probleme unserer Zeit hinein. Nicht einzelne Etappen der Frauenbewegung, sondern ihre Grundzüge hob Genossin Weg- scheider heraus: die historischen Umstände, die diese Bewegung förderten oder hemmten, und die sowohl ökonomischer wie kultureller Art waren. Frauenherrschaft und Männerherrschaft wechselte in vielen Völkergruppen im Laufe der Jahrtausende ab, immer aber auf dem Wege des Kampfes, weil es immer um ein Beherrschen- wollen ging. Erst auf der Basis der Kameradschaft zwischen Mann und Frau kann eine rechte Frauenbewegung sich entfalten, weil es erst hier nicht mehr um Zerstörung der anderen Macht, sondern um die beste eigene Entwicklung von Ptann und Frau geht, die jeden gleichzeitig zum Wohle des anderen und damit zum Wohle der Gemeinschaft fördert. � Tes. Die Gaukonserenz des ZdA. Verstärkte Gewerkschastsarbeit trotz Wirtschastskrise! Am Sonntag ging die Gaukonferenz des Zentralverbandes der Anzstellten zu Ende. Der Vormfttag brachte die große Kundgebung im Lehrervereinshaus, auf der Genosse Fritz Schröder vom Vorstand des ZdA. über die Krise des Kapitalimus sprach. Er betonte, daß die Ueberwindung der Wirtschaftskrise im engsten Zusammenhang mit der �Gesundung des öffentlichen Haus- Halts steht. Die bisherigen drakonischen Maßnahmen haben die Lebenshaltung des Volkes weiter gedrückt und die Krise noch ver- schärst. Auch das Reparationsfeierjahr bringt nicht die erhoffte Entlastung. Der Haushalt des Reichs steht durch den Schrumpfungs- prozctz der Wirtschaft vor neuen Erschütterungen. Die katastrophale Verschärfung der Arbeitslosigkeit zwingt zu erhöhten Ausgaben für die Unterstützung der Arbeits- losen. Statt Privatisierung der öffentlichen Wirtschaft, die auf die Dauer die öffentliche Finanznot vergrößert, muß durch die Ueber- führung der monopolistisch organisierten Wirtschaftszweige in die öffentliche Hand eine gesunde ökonomische Grundlag« für den öffent- lichen Haushalt geschaffen werden. In der Nachmittagssitzung begann die Debatte über den Ge- schäftsbericht. Wer in der heutigen Zeit mit einem Mikgliederzuwachs von über 40 Prozent aufwarten kann, hat naturgemäß keine Mohrenwäsche zu erwarten. So bewegte sich die Debatte durchaus im zustimmenoen Rahmen, die Arbeit der Gauleitung, wurde gutgeheißen, nur ein« bestimmte Reihe von Betrieben soll in Zukunft stärker organisatorisch erfaßt werden. Mit Nachdruck unterstrichen die Redner die Losung: ver- stärkte Gewerkschaftsarbeit trotz Wirtschaftskrise, was sich besonders in tarifpolitischer Hinsicht auswirken möge. Die Vertiefung des bisher schon bestehenden freundnachbarlichen Der- hältnisses zur Sozialdemokrottfchen Partei wurde allseitig begrüßt. Bei der hohen Zahl der weiblichen Mitglieder des Zentral- Verbandes der Angestellten wurde noch darauf hingewiesen, daß diese in Zukunft auch im Funktionärkörper mehr zum Ausdruck kommen müsse, die weiblichen Mitglieder stärker als bisher zur Funktionärarbeit herangezogen werden sollen Mit einer Aenderung wurde die alte Gauleitung wiedergewählt: sie besteht jetzt aus den Genosien Gottfurcht, Fink, Schirm, S t r o b e l t und W o d t k e. Wie Genosse Gottfurcht schon am Sonnabend mitteilte, ist der ZdA. im Gebiet Brandenburg-Mecklen- burg-Vorpommern-Grenzmark zur stärksten Angestelltenorganisation herangewachsen. Dies« Tatsach« findet ihren Ausdruck auch in der steigenden Zahl der Geschäftsstellen Zu den bisherigen Geschäfts- stellen Kottbus, Frankfurt, Brandenburg, Rostock ist vor einiger Zeit Rathenow gekommen Als nächste sollen Luckenwalde, Fürstenwalde und Guben folgen. AEG. Hennigsdorf. Versammlung oller SPD.-Genossen mit Sympathisierenden am Dienstag, dem 8. September, 16 Uhr, im Waldfrieden, Eichenallee. Vortrag des Genossen Braaß über:„Wirt- schastspolrtische Gegenwartsfragen". Im llnstiluk für Sexnalwisienschaft findet der nächste sexual- wissenschaftlich« Frageabend am Montag, dem 7. Sep- tember, abends 8 Uhr, im Ernst-Haeckel-Saal(In den Zelten 9a, Eingang Gartenportal) statt. Unkostenbeitrag 0,20 M., Erwerbslose die Hälfte. Wetter für Verlin: Zunehmende Beruhigung, aber tagsüber noch Neigung zu geringen Schauern. Nach kalter Nacht auch mittags ziemlich kühl.— Für Deutschland: Im Nordosten noch etwas ver- ändevlich mit einzelnen Schauern. Im übrigen Reiche ruhiges Wetter mft kalter Nacht. '�Buch �roieflantismus und Sozialismus In einem Bortrag, der soeben bei Friedrich Cohen in Bon» erscheint, umreißt Paul Tillich") das Verhältnis des Protestan- tismus zum Sozialismus in der gegenwärtigen gesellschaftlich- geschichtlichen Situation. Protestantismus, religiöser Sozialismus und Marxismus gegeneinander abzugrenzen ist die Ausgabe, die sich Tillich gesetzt hat. Tillich ist Protestant, aber dennoch protestiert er gegen die heutig« gesellschastlich-geschichtliche Wirklichkeit des Pro- testantismus. Hier gewinnt Tillichs Gedankenführung ihre poli- tische Aktualität, wobei gleichzeitig die Position der religiösen So- zialisten(protestantischer Richtung) näher umschrieben wird:„Die religiösen Sozialisten haben sich zum Ziel gesetzt, den Protestan- tismus aus den soziologischen Gebundenheiten seiner bisherigen Ent- wicklung zu befreien. Dazu gehört auch das mit dem Staatskirchen- tum verbundene, fast völlige Eingehen des Protestantismus in die nationalistische Ideologie." Es ist von Bedeutung, daß Tillich hier als Theologie spricht. Wie grenzt er nun das„protestantische Prin- zip" gegen die heutige Wirklichkeit des Protestantismus ab? Das protestantische Prinzip steht, so führt Tillich aus, jenseits jeder seiner Verwirklichungen.„Protestantisches Prinzip ist... das Prinzip schlechthin, aber gesehen unter dem Aspekt des christlichen und pro- testantischen Protestes gegen die Erhebung eines Wirklichen zu? Würde des Prinzips." Mit dieser Bestimmung wird das„Prinzip" zur religiösen Kategorie, also unbedingt oder transzendent. Die Ursprungsverfehlung, oder wie es meistens heißt, die Erbsünde deutet für Tillich„auf eine mit der menschlichen Geschichte selbst gesetzte Wesenswidrigkeit des menschlichen Daseins hin". Danrit ist auch die gemeinsame Ebene von Tillichs Protestantismus mit der proletarischen Situation erreicht. Denn auch in ihr spricht sich die Bestimmungswidrigkeit oder die Unfreiheit des Menschen aus. Der Protestantismus muß wie der sich richtig verstehende Sozialismus die Befreiung des ganzen Menschen wollen: man kann und darf die Seele nicht retten wollen, wo der Leib zertreten wird. Wenn der Protestant gläubig das Reich Gottes erwartet, so bestimmt Tillich die Erwartung als ,chie Form, in der das Proletariat un- mittelbar die Beziehung seiner Existenz zum Transzendenten(den „Sinn" seiner Existenz) erlebt". Aber hier scheiden sich, so scheint es mir, die Wege. Der pro. letarische religiöse Sozialismus oerlegt den Sinn des menschlichen Daseins in die„Transzendenz".„Die Vorgeschichte der Menschheit ist nie abgeschlossen", so formuliert Tillich bewußt scharf gegen den marxisttschen Sozialismus, der mit der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft erst die Epoche der menschlichen Geschichte anheben läßt. Dennoch sind beide Positionen einander nicht feindlich: beide kärnpfen um die Befreiung des Menschen. Schöpft der religiös« Sozialist seine Kraft aus der Transzendenz, so fließt sie dem Marxi- sten aus dem Diesseits; um die Freiheit des Menschen aber kämpfen beide. J. P. Mayer. *) Paul Till ich. Protestantisches Prinzip und proletarische Situation. Verlag Cohen, Bonn. 1931. .iloT Montag, 7. September. Berlin. 16.05 Polizei-Oberleutnant Wyneke_n: Polizei on« Priratrecht. 16.30 Querschnitt durch die musikalischen Neuerscbeimmzen. 17.30 Dr. Paul Laven: Kampf der Kunstfliezer. 17.50 Heinz Zucker liest neue Gedichte. 18.05 Ministerialrat Dr. med. Alfred Bayer: Der Mensch auf dem Prüfstand. 18.35 Aktuelle Abteilunc. 11'. 00 Volkstümliches Orchesterkonzert. 20.00 Musik von Anton Dvoräk. Dir.: Bruno Seidler-Winkler. Berliner Funk- Orchester. 1. Konzert für Cello, H-Moll. op. 104.(Arnold Földesy.) 2. Die Mittagsheze, op. 108. sinfonische Dichtung. 20.50 Tages- und Sportnachrichten.— 21.00„Herr von Schiller, Hofrat aus Weimar, nebst Gattin und SShnen steigen Unter den Linden 23 ab..." Berliner Hörspiel von Egon Jacobsohn. Regie: Max Bing. 22.15 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Königswnsterhausen. 16.00 Min.-Rat Erich Hylla; Der Mittelbau der Einheitsschute. 17.30 Lo Bflcheler-Gerfin mit ihrem Kammerorchester. Haydn: Konzert D-Dur, op. 21. 18.00 Fritz Jäger: Nordamerikanische Indianer. 18.30 Major Mareks: Staat und Wehrmacht. 18.55 Wetter für die Landwittschaft. 19.00 Englisch für Anfänger. 19.25 Direktor Tenhaeff: Verwertung der Obsternte. 20.00 Unterhaltungsmusik. 20.45 Dr. Waldemar Ourian: Das ßildungsziel des Bolschewismus. 21.10 Wien: Ein Bummel durch Wien. 22.30 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Ueber den Menschen und Erfinder Arco spricht Rundfunk- kommissar Staatssekretär a. D. Dr. Bredow, der 27 Jahre lang Mit- arbeiter des Grafen Arco war, am Montag, dem 7. September, um 6.3S Uhr, im Programm der Aktuellen Abteilung, aus Anlaß des Ausscheidens des Grafen Arco aus der Funkindustrie. Lerantmorff. für die Redaktion: Setbert Ltpete, Berlin: Anzeigen: Th.«Slode Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag S. m. b. S.. Berlin. Drnek: Vorwärts Buch. bruckeret und Verlagsanstalt Vau! Singer 6t So.. Berlin SB 68, Lindenftrake 8 Sietia 1 Beilage. Staafs Stutsoper Unter den Linden. Montag, den 7. September 20 Uhr. Ende gegen Z2'h Uhr. Eine Nadil In Venedig. Stastlidiaospielhans ÜMianaenmartt, Anfang 20 Uhr Die naiarlicfae Tochter Sei» Kartmerliuf Sdiiller-Iiieater Cbarlottenburo. Anfang 20 Uhr Die Mitsdioldigen 33 Minuten in Grilneliers Barbarossa 9256 Tägl. Su. Sl/zU. THE 22 INCENUES HUDSON- WONOERS und du gross Sspt.-Frogramm siam. Oper Charlottenburg Bismarckstraße 34 Montag, 7. Sept. Volksvorsteltong Kein Kartenverkauf Anfang 20 Uhr DonPasqaale Ende nach 22 Uhr Theater desWestens Tägl. 5 u. SV- Viktoria und ihr Husar Dperette van P. Straham. Billigster PI. 0.50 M. Teuerster PL 2.90 M. Komische oper 8Va Uhr Thron zu vergeben Operette v.Neidhan Musik v. Witmann Leun, Elster, Lilien, Hendrik, Fels Preise; 0,50-7,- M ipngf Kesfaiirant Berlins BETRIEB'K KEMPINSKI«� DBülsdies mm 8 Uhr Kat Schauspiel nach Ernest Hemingway Dntsd» Eähiubrarbutug v. Carl Zuckmayet und Heinz Hilpert »«Iii; Helm Werl Kuriürsteniiamin- Theater Bismarck 448/49 8'/. Uhr Die schöne Helena nm|act|iiBson«nliae Hgole: Mai Beianardi Tüeater im Admlralsnalast Täglich 8�4 Uhr Der Semationscrfolg! Die Dabarry mit BittaAlpar j Preise; 0,50 bis 12�01 »'/.ührCASINO-THEATERav-uh. Lothringer Strafe 37, iiiiiiiimiiiiiiiiMiiiiHiiimuiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiuiiu Nur noch wenige Aufführungen Das Parfüm meiner Frau Dazu das Erßffnungsprogramm von HANS BERG konferiert. Gutschein 1-4 Personen. Parkett nur 50 Pf. Fauteuil u. Balkon f.—, Sessel 1.50 Mk Reichshallen-Theater Abeinls 8 Uhr, Sonntag naänittag J'/z Uhr Das Fest-Programm: B p 1 1 1 o n ■M so JaHi-a Stettiner Sänger � Nachmittags halbe Preise. Berliner IIIKTriO N t■ k 0 1 i a. wLwimjtr. 74/76J VolKsbtthne Schiller-Theater 8 Uhr DieMitsdiQldigen 33 mmuten in arünenerg 0 Pampen 1» ROhren, kl» Ersatifei / ff Praisllste an mKotWsl »ouren. kill« Ersatxlelle Praisllste gratis Kouiaohb). Pumpenfabrik BERUH H BS, Reiniitadorftr Str. 95 TIEINI SCHUFZIHNEII direkt ab Fabrik EngimPreise BERLIN O ffletropoi-meaier Täglich 8'U Uhr dli one Pml-Uralum- Operette Die Blume von Hawai unter persönl. Ltg des Komponisten Pr. der PL; I.- bis 14.50 IM« musiK- inssrumema Liukvianos. Mietpia noo aber. aus preiswert. Vianolabril Link. BrunnenflraBr 35• Mine ][ V-teutmatrage» .Vrimitiima". 31e. tallbetten üufleae. matraken. Cbaiie- longues Walter Etaraarderstralie achtgehn. NeinLaden Sticfcnlaaez, Bcchtleinpiano, BIQtfinecpiana, Ibachpiano. 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September 1931 SlvMsmd Stinlnnlfnan*» ii*ad*A Gestalten ans„großer" KM Die Gräfin von Lichtenau/ von Trübe c Schul; 5m Jahre 1765 heiratete der Neffe und Thronfolger Friedrichs II., der spätere König Friedrich Wilhelm II., seine Kusine Elisa- beth, die Tochter des Herzogs von Braunschweig. Die Ehe, die beide Partner nicht sehr genau nahmen, wurde 1769 mit Einwilligung Friedrichts II. geschieden, der allerdings nur deshalb feine Zu- stimmung gab, weil kein Nachfolger aus ihr hervorzugehen schien, obgleich er dessen Produktion durch«inen Kammerherrn bei der Prinzessin sozusagen amtlich befohlen hatte. Der„große" Friedrich, den seine Verehrer so gern als den fürsorglichen Vater seines Volkes rühmen, war in Wahrheit während seiner Regierung diesem Volke, das er zehn Jahre lang in ehrgeizigen Eroberungskriegen opferte, immer fremd geblieben, und der alternde König sah als wichtigstes Ziel die Erhaltung der Dynastie. Daß diese sich aus dem ausschweifenden, zum Verwalter eines Staates völlig unfähigen Neffen fortpflanzen würde, war ihm daneben unwesentlich. Gleich nach seiner Scheidung ehelichte der Kronprinz Friederike Luise, die Tochter des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, die denn auch vier Söhne und drei Töchter zur Welt brachte. Doch obwohl sie ihren Mann überlebte, wurde dieser noch der Gatt« von zwei weiteren, ihm kirchlich angetrauten Frauen. Er schloß, mit feierlicher Einwilligung eines geistlichen Kon- . sifloriums, zwei Ehen„zur linken Hand". Auerst mit Juli« von V o ß, die 1789 nach der Geburt eines Knaben starb. In der Gunst des Königs war sie bereits durch die Gräfin Dönhoff verdrängt worden, mit der sich dieser dann v 1790 durch den Hofprediger Zöllner trauen ließ. Doch rasch wurde Friedrich Wilhelm II. auch dieser Gattin überdrüssig, und bereits 1792 oerbannt« er sie vom Hofe. Aus dieser Ehe hatte der König zwei Kinder, die den Titel Graf und Gräsin von Branden- bürg erhielten. Der Sohn der Juli« von Voh bekam den Namen Graf von Jngenheim. Der Verbrauch des Königs an Liebschaften neb«n diesen Ehen war ungeheuer groß. Ein« Frau aber erhielt sich dauernd in seiner Gunst: Ivilhelmine Enkc, die Tochter eines königlich preußischen Wald- Hornisten. Wodurch gelang ihr dos Wunder? Vieles Wichtige an Briefen und Dokumenten, was ihr Verhättnis zu Friedrich Wilhelm II. klären könnte, ist von feinem Sohn und Nachfolger Friedrich Wichelm III. verbrannt worden. Dennoch existierten noch genug Auszeichnungen, die ihr Charakterbild spiegeln und so den Schlüssel zum Verständnis dieser dauerhaften Verbindung geben. In einem Roman„Wil» hclmine Enke"(Verlag Ullstein) versucht Bruno Stümk« eine Deutung, die aber so falsch ist, wie fast olle ähnlichen Versuch« in historischen Romanen: der Jheld" oder die„Heldin" sind hier ja geradezu technische Notwendigkeiten. Die Wichelmin« Enke dieses Romans ist keine Wirklichkeit, sondern eine süßlich getuschte Legende. die auch gleich das Porträt des zugehörigen königlichen Herrn mild mit einfärbt. Friedrich Wilhelm II. kannte nur ein Lebensziel: höchsten Genuß für sich selber. Auch die Versuche im Beginn seiner Regierungszeit, sich populär zu machen, entsprangen nicht, wie im Roman vorgetäuscht wird, dem ernsten Willen für die Wohlfahrt des Volkes, sondern waren impulsive Handlungen, die die Gunst des Volkes erkaufen sollten. Eine Wichelmine Enkc, wie Stümke sie zu zeichnen versucht, hingebend und voll Idealismus für Volk und Königtum, hätte diesen König nicht auf lange Dauer fesseln können. h Nur ein Mensch, der wie er den Genuß zu schätzen wußte, mit derben, aufnahmebereiten Sinnen, redete seine Sprache und konnte sich mit ihm verständigen, wenn eine rasche Leidenschast längst verflogen war. Lord Malmesbury, der englische Gesandt« am Hofe Fried- richs II., beschreibt 1776 die 24jährige Wichelmine als„groß von Ge- statt, von munterem Aussehen, nachlässig in der Kleidung; sie gewährt die Vorstellung von einer vollkommenen Bacchantin". Das ist nicht das zarte„Minchen", das bei Stiimke in biedermeierlicher Stille auf den königlichen Geliebten wartet, den sie mit viel Tränen und Sanftmut beschwört, ihr„Menschenkönig", der gerecht« Vater seines Landes zu werden, aber es ist die wirkliche Wilhelmine Enke aus Fleisch und Blut, die jene aus der Revolution hervor- gegangene Vokabel„roi äcs Konimes" als Modephrase in ihren Briefen anwendet. Und diese Wichelmin« ist viel interessanter als Stümkes romantische Heldin, weil ihr von Lieb- und Leidenschaften bewegtes Dasein das Leben der Oberschicht ihrer Epoche spiegelt, während das Minchen des Romans, seltsames Gemisch aus deutschem Gretchen und Shawscher Heiliger Johanna, ein zerfließendes Schatten- wesen ist. Withelmin« lebte keinesfalls, wie Stümke seine Leser glauben machen möchte, nur ihrem geliebten Friedrich Wilhelm. Außer den beiden Kindern vom König, die die Titel eines Grasen und einer Gräfin von der Mark bekamen, setzte sie noch mehrere andere von verschiedenen Vätern ins Leben. Ihre zahlreichen Liebschaften waren kein Geheimnis. Friedrich Wilhelm störte das übrigens wenig. Er wäre auch bereit gewesen, die Frau mit seinem Kammerdien«? Ritz zu teilen. mit dem sie sich aus sein Zureden und aus Verlangen Friedrichs II. sehr gegen ihren Willen vermählen mußte: Stümk« stellt diese Ehe als ein rührendes freiwilliges Opfer Wilhelminens dar, das diese bringt, um den Kronprinzen zum Wohle des Landes aus dem Ein- fluß der Rosenkrsutzer zu befreien. Ihr Mann wird nur gelegenttich als der brave Diener seines Herrn erwähnt, obwohl ein Porträt von ihm. das« einigen Zügen wenigstens der Wirklichkeit nahe ge- kommen wäre, manches zur Charakteristik des Milieus und der Hauptpersonen hätte beitragen können. Ritz war ein übler Schleicher, geduldiger Prügelknab« seines jähzornigen Herrn und fein Vermittler in vielen Liebesaffären, der gegen anders seinen Vertrauensposten mit brutalem Hochmut ausnutzte. Daß Wilhelmine Enk« sich später rühmen tonnte, mit'diesem„ganz gemeinen Meolch««�. wi« ihn der Kriegsrat Cölln in seinen vertrauten Briefen nennt, nie unter einem Dache gelebt zu haben, beweist, daß ihr Instinkt iinnwr noch um vieles sauberer war als die Genußsucht ihres königlichen Geliebten. Aber Wilhelmin« Enke war viel zu klug, um dies«? Genußsucht nicht Rechnung zu tragen. Sie führte Friedrich Wilhelm selber die Geliebten zu und war dabei sehr aus Abwechslung bedacht, und zwar ließ sie ihm diese„Fürsorge" besonders als König zuteil werden, um den mit ihren Reizen allzu Vertrauten auf diese Weise an sich zu fesseln. Natürlich berührt Stümke auch diese Vorgänge mit keiner Silbe. Nur den Kronprinzen macht das Minchen seines Buches auf zwei schöne Operetten(?)säng«rinnen aufmerksam, um durch ein paar flüchtige, aber skandalerregende Liebschaften Friedrich II. die Augen darüber zu öffnen, ein« wieviel taktvollere Geliebte sie für s«inen Neffen abgegeben habe. Etwa um die gleiche Zeit(1792/93), wo die historische Wilhelmine Ente Briefe empfängt wie diesen von einem uns Unbekannten aus dem rheinischen Hauptquartier:„Für Ihren so freundschaftlich hinreißenden Brief, gefährliche Minette, danke ich Ihnen von ganzer Seele, ohnerachtet ich's eigentlich nicht tun sollt«. Denn da denkt man sich natürlich bei der, die ihn schrieb, und nebenher die reizendste Art des Dankes und dann!— wird der Strohsa ct zum Kohlenbeck«n— und ausg«macht wahr soll es sein, daß der mit Mohnköpfen bekränzt« Gott des Schlafes kein Liebhaber von Feuer- qual«n sein soll. Gut, daß ich bei Carthäuscrn wohne!— täglich hundertmal will ich über ihren Türen das trostreiche Memeuto rnori nachlesen, und alle Abend will ich mein Bette mit Weihwasser be- spritzen:— vielleicht gewährt dies meinem Blute und meiner Seele einen gewissen Grad von kalter Ruh«, der vor gewissen Blicken und Briefen— leider, in elektrische Funken übergeht."— um diese Zeit unterhalt«« sich bei Stümke Friedrich Wilhelm II. und Wilhelnrin« so:„Er nahm ihre Hand und küßte sie:„Ich habe nichts mehr als dich, suche keinen anderen mehr als dich!"—„Still, Friedrich, still. Ich weiß es. Wir werden noch Schweres erdulden müssen. Und dennoch wird das Kommend« leichter fein als das Vergongen«. Viel leichter, wefl der Glaub« an unsere Tr«ue uns stärkt." Stümke verfälscht in seinem Roman eben nicht nur einzelne Typen, er verfälscht eine ganze Epoche. Das Volk, unterdrückt, aus- gehungert, durch ungeheure Abgaben verarmt, das er noch im An- sang seines Buches zu gestall«« versucht, wird b«i ihm allmählich durch Wilhelnnn«, das Kind aus dem Volke, ersetzt, dem der König nicht nur seine Gunst, sondern gelegentlich wenigstens auch ein offenes Ohr schenkt. 5n Wirklichkeit drang auch nicht ein Lüftchen freiheitlicher Gedanken in den Lebensraum dieses Königs, und die 1796„wegen ihrer dem königlichen Haufe von Jugend an be- wiesenen Hingebung und„Aufopferung" zur Gräfin von Lichtenau er- hobene Wilhelmine Enke war niemals ein selbstloses, nur auf dos Wohl der anderen bedachtes Westn. Ihr Lebensweg wurde ihr von einem primitiven Jch-Bewußffein diktiert. Sie besaß den Instinkt eines Tieres, und deshalb handelte sie schlecht und gut, klug und dumm, und deshalb war sie keins von allem. Um eine Verfechterin freiheit- licher Gedanken zu werden, dazu besaß sie weder selbstlosen Jdealis- mus noch politsschen Weitblick. Wo sie polittschen Einflüsterung«» zugänglich war, waren diese in ihrem Schlafzimmer, von nächtlichen Liebesschwüren untermsscht, an ihr Ohr gedrungen— und diese Einflüsterungen dienten sicher nicht der Freiheit. So erhielt sie sich über dreißig Jahr« als die Maitresse eines Kronprinzen und Königs, deren cigener Lebenshunger darum auf seine Rechnung kam, weil sie mit ihren für Genuß geschärften Sinnen es stets verstand, den Lüsten ihres Herrn zu dienen. Sie war ihrem Geliebten in ihren Bedürf- nissen sehr ähnlich: was sie zu ihrem Vorteil von ihm unterscheidet, sind nur ihre gesünderen und darum weniger schmutzigen Instinkte. Ihre Primitivität und ihre gesstige Beweglichkeit gewann chr manchen Freund, der ihr auch nach ihrem Sturz treu blieb. Denn obwohl sie von vielen gemahnt wurde, durch rechtzeitige Kapital- anlagen im Auslande sich wirffchaftliche Sicherstellung nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. zu schaffen, verzichtete sie daraus. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm III. konfiszierte ihren Besitz und setzte sie in Glogau gesangen, ließ sie dann aber frei, als die Verdächtigungen, daß die Gräfin Landesverrat getrieben habe, sich als unberechttgt erwiesen hatten, und ermöglichte ihr ein Leben in Wohsstand. Wilhelmine heiratete 1802 den Theaterdichter Franz von Holbein, der sie vier Jahre später wieder verließ: 1820 starb sie, 67 Jahre alt. Dos Volk, von dem sie nichts mußte und nie gewußt hatte, war unfrei, von Lasten bedrückt. Friedrichs II. Staatsschatz von über 50 Millionen, den die Steuerschraube aus dem Volke herausgepreßt hatte, war von Friedrich Wilhelm II. in elf Re- gierungsjahren nicht nur vergeudet worden, sondern darüber hinaus hatte dieser 48 Millionen Schulden hinterlassen: was Wilhelmin« zu- geflossen war, n rächte sehr beträchlliche Summen aus, aber trotzdem nur einen kleinen Teil dieser Beträge. Bolksthcatcr in Griechenlanö Schattenspiele öer Wirklichkeit/ Von Dr. Heinrich kahane Lixourion, im August. Noch wandert, wie seit Jahrhunderten, der Schatten- spiele? mit seiner kleinen Bühne durch Griechenland. In diesem Lande der Traditionen, in dem die Zeit langsam, ganz langsam dahinzieht und nichts so heilig und unantastbar ist wie die Gewohn- heit, hat auch das reizvollste und geheimnisreiche Spiel des Theaters sich kaum verändert. Ein Bretterverschlag, dem Publikum gegenüber durch eine gesttaffte Leinwand unterbrochen, ist sein Haus; und zwischen der Leinwand und scharfem Licht bewegen sich, dem Zu- schauer als Schatten sichtbar, di« P a p p f i g u r e n, zu deren Gesten der eine Spieler mit jeweils verstellt«? Stimme spricht. Karagoez: so heißt, mit türkischem Namen, nach seiner Haupt- figur das Spiel, das von den Türken übernommen wurde: viele der stereotypen Figuren, der Bezir, der Bey, Fatme die Verliebte, sind, wie der Karagoez selbst, türkischen Ursprungs, Typen, die dem Volke vertraut geworden sind, die ihre bestimmte und unpersönliche Auf- gab« und Rolle im Drama haben, den festgefügten Bau darstellend, in dem sich die Streiche und Witze des Karagoez abspielen. Hinter den Spähen und Scherzen aber lebt ein st a r k e r Wirklichkeitssinn. Karagoez, der ewige Habenichts, der Clown des Alltags, der arme Teusel, dqr betrügen will und ge- prügelt wird, gehört zu jenen realistischen, unpathetischen, erdnahen Figuren der Weltliteratur, di« neben den feierlichen und erhabenen in ununterbrochener Entwicklung von der Antike bis zum heutigen Tage ihr sündenfrohes Leben gelebt haben. Es ist das kleine Leben des untragischen Menschen neben dem großen Schicksal des tragischen Helden. Dieses Drama, das seine stärksten und immer lebendigen. immer erneuten Kräfte aus dem Volte zieht, findet im Volk auch das freudigste und dankbarste Publikum: es lebt, ob es Karagoez oder Kasperletheater heißt, ob es der Schatten oder der Marionetten sich bedient, am Rande der Literatur im Vorstadttheater, im Zirkus, auf Jahrmärkten sein unentwegtes Dasein der anspruchslosen Ergötzung fort. Der M i m u s, wie diese Dichtgattung von der Wissenschast ge- nannt wird, hat seine eigenen Lebensgesetze. Das letzte, ewige'und immer unerreichbare Ziel des Karagoez. sich satt zu essen, sich den Mag«n zu stopfen, ist der Ausgangspunkt für alle diese kleinen und heiteren Stücke, die leichthin von der Lost, lachend von der Trüb- seligkeit des täglichen Lebens berichten; sie sind realistisch, weil ihre Geschehnisse die Schicksale von Jedermann und Allerwelt sind, keine großen und erregenden, aber unabwendbare und quälende. Karagoez, der Held der sieben niederen Lebensfreuden, der ewige Ahasverus des leeren Magens, hält dem Publikum«inen ver- zerrenden Lachspiegel vor. Der tafelfreudigen Welt des Karagoez ist eine andere, ebenso sehnsuchtserfüllte gegenübergestellt: die Welt der Liebenden. Die Stücke sind nach einem festen Schema konstruiert, nach dem der einzelne Typus sein typisches Schicksal, seine stereotypen Nöte und Sorgen erleiden muß: der Arme hat Brot, der Reiche hat L.i e b e s s o r g e n zu haben. Aus solchem System der geordneten Unordnung erwachsen die Verwicklungen der Handlung. Von der lliatur sind die beiden Welten, die des Herzens und di« des Magens, getrennt, ab«r die eine bedarf, um zum Ziel zu gelangen, der anderen, der arme Teufel braucht das Geld der Liebenden, die immer freigebig sind, immer todtraurig und todkrank, weil sie nicht zu einander können: die Liebenden aber, die zu verliebt und zu edel sind, um mit den Listen und Verschlagenheiten der irdsschen, mimischen Welt ihr Unglück in Glück zu verwandeln, sind auf des armen Teufels Witz und Einfälle angewiesen, der nie versagt, wenn das Geld winkt. Stereotyp wie die Schicksale der beiden Sphären sind auch die äußeren Mittel, mit denen sie dargestellt und verdeutlicht werden: die immer gleiche Dekoration zeigt links die Hütte des Karagoez, rechts den Palast des Vezirs: die Sprache, die mit den einzelnen Figuren wechselt, zeigt eine reiche Fülle von Abstufungen; die Zweisprachigkeit der Griechen, die neben der all- gemein gesprochenen Umgangssprache eine dem alten Griechisch an- genäherte Schriftsprache kennen, wird ausgenutzt, wie auch das Sprachgemisch von türkischen, italienischen und albanesischen Ele- menten und der Reichtum der Dialekte: so wird es möglich, die sechs oder acht Figuren eines Stückes, die ja alle von einem Schatten- spiele? geführt und gesprochen werden, erkennbar zu unterscheiden und gleichzeitig zu charakterisieren, die Liebe spricht eine andere Sprache als der Hunger und die roheste von allen der albanesische Sklave des Palastes, der nichts zu tun hat als zu prügeln. Gemeinsam ist den Komödien auch das älteste und beliebteste aller Komödienelemente: die Verkleidung. Die Komödie in der Komödie. Karagoez bedarf zu seinen Listen des Kosttims, und es gibt keines, in dem er nicht den Reichtum zu betrügen versuchte, er kommt uns als Arzt und Totengräber, als Hebamme und als Miß Griechenland. Der feste Rahmen wird durch die Neuerungen der Zeit, die Variationen und keine Veränderungen sind, nicht gesprengt. Fest und unwandelbar wie die Weltanschauung, die Psychologie, die Charakteristik, die äußeren Mittel, der Inhalt, der Aufbau sind auch die k ü n st l e r i s ch e n Elemente, die dem Schattenspi«! des Karagoez den eigenen Reiz geben: das Lied und die Prügel. Alles beginnt mit Musik und endet mit Schlägen: die Lyrik des Alltags vor der Dramatik des Alltags. Die Prügel, mit oder ahne Grund in jede Handlung, jede Szene gepfropft, werden zum künst- lerischen Ausdruck der Weltanschauung, die dies«n Komödien des Alltags zugrunde liegt. Drüben, vor d«m Serail, schallen di« Küsse der glücklich Vereinigten, und hier, vor der Hütt« des Karagoez, knallen die Schläge auf den armen, betrogenen Betrüger herab. Das Publikum aber lacht und empsindet, schadenfroh gestimmt und unbekümmert um dos eigene Schicksal, die Prügel des Karagoez als kappz? evci.' Der aber, blau geschlagen, erhebt sich schließlich und kündet, ein ewiges Stehaufmännchen, lustig für morgen ein neues Stück on. Schlu£tag der V er einsmehrkämpf e �Volkssport-Wedding" gewinnt den Kampf der Sportlerinnen, Rathenow ist Jugendsieger Soviel Gluck wie die Arbeiterjportlcr am vergangenen Sonntag bei den Vereinsmehrtämpfen mit dem Wetter hatten, soviel Pech hatten die Sportlerinnen und Jugendlichen gestern in Köpenick. Der schöne, am Wasser gelegene Eiche-Platz hat offen- bar mit dem Wetterverantwortlichen ungünstige Vereinbarungen ge> troffen. Schade! Die wirklich schönen Kämpfe verdienten einen besseren Ausklang. So begleiteten Sprühregen und Sturm den Ab- fchluh der diesjährigen Bahnsaison. Unter diesen Umständen sind die Endkämpfe der Vereine wirklich als eine Prüfung für die Härte der Frauen und Jugendlichen zu werten. Nur wenige blieben dem Start fern. 87 Mannschaften traten zur festgesetzten Zeit an. Ein Beweis dafür, daß der Sport eine vorzügliche Willensschulung ist. Die Kämpfe hielten, was man von ihnen erwartete, nur wenig« Punkte trennen die Vereine im Endergebnis voneinander. Sehr guten Nachwuchs präsentierte wieder Rathenow, während„Volks- sport-Wedding"' bei den Sportlerinnen eine leichte Ueberlegenheit besitzt. Besonders die Stafetten erregten wie stets die größte Auf- merkfamkeit. Die ersten Mannschaften ließen erst nach dem letzten Stabwechsel den Sieger erkennen. Die alten Rivalen in der Frauen- klaffe V.-Wedding, Köpenick und ASC. liefen in dieser Reihenfolge ein. In der Jugendklasse hatte man die voraussichllichen Sieger ASV.-Reukölln, ASC-, V.-Wedding und Rathenow zusammen- gestellt, die mit nur Zehntelsekundenabstand einliefen. Ostring schob sich in einem späteren Lauf unerwartet nach der erzielten Zeit zwischen den genannten an die dritte Stelle. Der anschließende Resultatvergleich gibt am besten ein Bild der erzielten Leistungen. Bestleistung drr Frauen. 100 Meter: SchuU lAST.) 18.1; Lubwig(Rüpenitf) und Sandte(Slocbting) 133.— Kugelstoßen: Kolling(Köpenick) 8,46 Meter: 9io.ii(Wedding) und Schneider(Norbring) 8.11 Meter.— Hochsprung: Weidlich iAST.) 136 Meter: Zeuner(Köpenick) 131 Meter: Kabelit,(Brandenburg) 136 Meter.- Weitsprung: Heidt(AStl.) 430 Meter: Stockmann(Wedding) 4,7! Meter; Liedwig(Köpenick) 4,73 Meter.— Speerwersen: Hille(Ostringl 33,75 Meter: Ortel(Wedding) 3035 Meter: Schul,(ASS.) 203!) Meter.— 4 mal l00.Meter�tafette: V. Wedding&4,6; Iii che(Köpenick) 363; Nord. ring 303- Bestleistung der Zugend. 100 Meter: Bücke(Rathenow) 11,7: Fischer (V. Wedding) 113: Schilbach(Ostring) 113.— 1000 Meter: Zahn(äfoabit) 2:363: Herjoa(Rathenow) 2:363: Schorfs(V. Reulölln) 2:58,9.- Kugelstoßen: Ulinsli(Fürstenwalde) 13,13 Meter; Lehmann(Ostrtng) 1236 Meter; Bücke (Rathenow) 1232 Meter.— Speerwerfen: Schlag(Köpenick) 4435 Meter; Bielig(Rathenow) 44,10 Meter; Schmidt(Mahlsdorf) 4636 Meter.- Hoch- spruna: Pap«(Rathenow) und Schen!(Köpenick) 133 Meter; Benende(Lücken- walb«) 133 Meter.— Weitsprung: Schulz«(Rathenow) 636 Meter; Fischer (V. Wedding) 5,90 Meter; Schlag(Köpenick) 6.78 Meter.— 4 mal lOO-Meter. Stafette: ASB. Reutölln 493: ASC. 493: t'. Wedding 49,6. Resultate der Vereiasmehrlämpfe. Frauen. I. Mannschaften: V. Wedding 30134 Puncktc; Eiche(Köpenick) 49036 Punkte; ASC. 48931 Punkte- Nordring 482,48 Punkte; Ostring 464,27 Punkte: Luckenwalde I 44639 Punkte: ASB.» Wedding 460,73 Punkte; Schönow 429,27 Punkte; Lichtenberg 4l4,90 Punkte: Tegel 49938 Punkte; Wildau 407,69 Punkte; Brandenburg 49736 Punkte; Schönebcrg 394,97 Punkt«: V. Neukölln 378,46 Punkte; Bohnsdorf 368,38 Punkte; Luckenwalde l 364,06 Punkte: Rathenow 343,86 Punkte: Moabit 32134 Punkts: Fürstenwalde 320,18 Punkte; Mohlsdorf 31933 Punkts: Wilmersdorf 31632 Punkte: Kalkbcrgs 295,73 Punkt«; Kaulsdvrf 26237 Punkte.— Frauen. II. Mannschaften: V. Wedding 425,36 Punkte; Eiche(Köpenick) 387,42 Punkte; «SE. 37036 Punkte; Wildau 353,94 Punkte: Ost ring 343,62 Punkte: ÄSV.- Wedding 341,09 Punkte: Schönow.336,71 Punkt«: Moabit 298,73 Punkte; Schöneberg 276,33 Punkte; Nordring 23838 Punkte; Bohnsdorf 117,26 Punkt«.— Punkte: ASC. VI 316 Punkte; V. Wedding V 396,87 Punkte: ASE. V 309.72 Frauen, vi. und IV. Mannschaften: ASC. III 38937 Punkt«: ASC. IV 34134 Punkte: Eiche-Köpenick III 296,19 Punkte; V. Wedding IV 275,23 Punkte; V. Wedding III 26436 Punkte. Zugepd. I. Mannschaften: Rathenow I 43238 Punkt»; V. Wedding 473,97 Punkte: Neukölln 46038 Punkte: Eick«(Köpenick) 464,22 Punkte; Ostring 45130 Punkte: ASC. 449,82 Punkt«: Moabit 44.539 Punkte: Schönow 436,13 Punkt«: Wildau 43434 Punkte: Brandenburg 432,90 Punkte; Neue Schleuse 431,67 Punkte; V. Neukölln 420,17 Punkte; Fürstenwalde 41736 Punkte; Rauls- dorf 406,34 Punkte; Tegel 408,54 Punkte; Schöneberg 40134 Punkte; Luckenwalde T. 40032 Punkt«; Luckenwalde I 395,65 Punkte; Reinickendorf-West 390,87 Punkte; Mahlsdorf 382,93 Punkt«: Kallbergc 372,16 Punkte: Wilmers- dorf 369,94 Punkte; Nordring 362,05 Punkte: Hohenschönhausen 38031 Punkt«: Nordost 321,28 Punkt«: Bohnsdorf D4,74 Punkte: ASB.-Weddina 291,66 Punkte: Lichtenberg 289,46 Punkte.— Jugend. II. Mannschaften: Rathenow 431,44 Punkt«: Eiche(Köpenick) 389 Punkt«: Wildau 382,12 Punkte; Nvrdrinq 364,40 Punkte; Brandenburg 36330 Punkte: V. Wedding 362.13 Punkte; AEB.» Wtdding 34938 Punkte; Ostring 34733 Punkt«: ASP.-Neukölln 29931 Punkte: Nord»st 28936 Punkte; ASB.-Schönebcrg 204.43 Punkte: Mohlsdorf 32836 Punkt«; Moabit 398,22 Punkte; Wildau 369,44 Punkt«.— Jugend. MI. und lV. Mannschaften: V. Wedding 340,76 Punkte; Nordring Z18,57 Punkt«; Eiche (Köpenick) 236,76 Punkte. Handball. Frauen: Luckenwalde gegen Köpenick 2:0(0:0). «V or waris"-Regatta Trotz de» Wetters guter Sport Gestern hatte der Ruderverein„Vorwärts" vor seinem Boothaus in Oberschöneweide seine interne Regatta. Die Niederlage bei der letzten Grünauer Regatta hat den größten Arbeiterruderoerein etwas aufgerüttelt, das zeigte das Regatta- Programm, das neun gutbesetzte Rennen enthielt. Das Wetter war sehr ungünstig. Aber trotz des aufgewühlten Masters und des starken Windes wurden gute Zeiten gefahren und auch technisch ein- wandfreier Sport gezeigt. Im ersten Rennen, dem Einer mit Steuermann, über 1200 Meter, starteten 4 Boote. Schramm und Seifert, zwei alte Kämpen, waren scharfe Gegner. Partsch hielt die erste Zeit noch mit, während Seifert ganz zurückblieb. In hartem Endkampf, mit ruhigem, sicherem Schlag der beiden erstgenannten, tonnt« Schramm mit 7: 31,4 Minuten den Sieg für sich buchen, gefolgt von Seifert, der 7: 32,4 Minuten ruderte. Schramms Steuermann war leider ein Versager.— � Im zweiten Rennen zeigten die Frauen im Doppelvierer über 800 Meter ihre Kraft. Bon den 3 starten- den Mannschaften waren die Hälft« Neulinge im Skullen, und ge- rade die sind sehr gut gefahren. Die siegende Mannschaft(Steuer L. Thiel) hörte schon einige Meter vor dem Ziel auf zu rudern und wäre beinahe um den Sieg gekommen, den sie mit 4: 35.3 Minuten errang. Zweiter wurde die Mannschaft Steuer G. Hohnert mit 4:38 Minuten.— Der Doppelzweier für Männer über 1200 Meter wurde von fünf Mannschaften gefahren. Das Feld zog sich weit auseinander und das Rennen wurde kampflos von Thiel- Weigel(Steuer Arndt) in 6: 0,4 Minuten gewonnen. Mit flottem Start gingen drei Mannschaften im Ersten Riemenvierer in den Kampf. Die Mannschaft mit Wollmann am Schlag ging gleich in Führung und ihr Sieg war nicht zuletzt dem festen sicheren Schlag des genannten zu verdanken. Jentfch hätte bester steuern können. Zeit: 5:43,2 Minuten.— Das Stilrudern für Frauen über 300 Meter sah drei Boote am Start. Bon 64 zu erreichenden Punkten erhielten die beiden Mannschaften Steuer Hübner und Steuer Käthe je 57 Punkte. Im Verhältnis zu der starken Frauenabteilung des Vereins war die Besetzung schwach. Im Jugend st ilrudern über 300 Meter starteten 7 Mann- schaften. Die höchst« Punktzahl mit je 58 erhielten die Jungmädchen Schulze, Zehmisch, Kußmann, Winzer, Steuer Thiel und die Burschen Schilling, Blockhaus, Hehnow, Wildermann, Steuer Rücker.— Drei Mannschaften ruderten im Doppelvierer für Männer über 1200 Meter. Mit einem selten schönen Start ging die Mannschaft Steuer Arndt in Führung, mußte sie aber bald abgeben an die Mannschaft Argurks, Peschmann. Schröjahr, Liebe, Steuer Bartu- schek, die in 5: 32,2 Minuten gewann. Zweiter wurde die Mann- schaft Steuer Münchenhagen in 5:35,2 Minuten.— Auch im ZweitenRiemenvierer über 1200 Meter gingen drei Boote ins Rennen. Der Schlagmann von Boot 1 warf viel Master, die Mannschaft blieb denn auch im Hintertreffen. Das Feld war aus- einandergezogen, der Steuermann von Boot 3, derselbe wie im ersten Rennen, steuerte furchtbar. Die Mannschaft Dees. Mahn. Boll- mann. Brunck, Steuer Rücker ging in 5: 45,3 Minuten durchs Ziel. Das letzte Rennen der Achter über 2000 Meter war bundes- offen ausgeschrieben. Gemeldet waren je eine Mannschaft von Eol- legia, 1913, Reichsbanner und Vorwärts. Reichsbanner startete nicht. Vorwärts trat mit einer ganz neuen Mannschaft an. Die 13er gingen gleich in Führung, dicht gefolgt von Vorwärts. Eol- legia ruderte einen sehr ruhigen 23er Schlag, Vorwärts und 1913 hatten 36er. Bei der 1000-Meter-Marke logen 1913 und Vorwärts fast auf gleicher Höhe, Collegia 1)4 Längen zurück. Durch Zwischen- spurte konnte Vorwärts seinen inzwischen erreichten Gegner über- holen und durch erhöhte Schlagzahl im Endspurt seinen Borsprung vergrößern. Mit sehr guter Technik ging Vorwärts in 8: 09,3 Mi- nuten durchs Ziel. 1913 in 8: 16,1, Collegia in 8:28.1 Minuten. Der Einsmann von 1913 fiel zweimal aus dem Rollsitz,„krebste", und ruderte die ganze Strecke ohne Rollsitz. Sonst wäre das Re- sultat knapper gewesen. A, Pavlik. Das nationale Polizeisportfest Der Polizeisportverein hatte mit seinem natio- nalen Leichtathletilfest am Sonnabend und Sonntag, das als Abschluß der Iubiläumswerbewoche gedacht war, reichlich Pech. Schon am Sonnabend machte der Regen die Ausscheidungskämpse fast unmöglich und auch der Sonntag brachte nichts als Regen. So war es nicht verwunderlich, daß das weite Rund des Polizeistadions in der Ehausteestraß« sehr leer war. In den einzelnen Wettkämpfen, so zum Beispiel bei der 4 mal 100-Meter-Stafsel und bei den 100-Meter-Läufen mußten die Vorläufe ausfallen, da die Teilnehmer es vorzogen, nicht anzutreten. Im 80V-Meter.Lauf gelang es dem Düsseldorfer Lefeber seinen Hauptkonkurrenten mit zwei Metern Vorsprung zu schlagen. Der Weltmeister Hirschfeld konnte im Diskus- werfen und Kugelstoßen einen Doppelerfolg erringen. 100 Meter: 1. Penk(Schöneberg) II; 2. Eldracher(Frankfurt) III.— 200 Meter: 1. Keeher(Dresden) 222; 2. Rogtzka(Deutscher SC.) 2&5.— 100 Meter, Einlatmng: 1. Eldracher 10,9; 2. Vent 11.— 400 Meter: 1. Kraneis (Polizei) 51,2; 2. Dr. Stor,(Charlottenburg) 51,7.— 800 Meter: 1. Lefeber (Düsseldorf) 1:56,2; 2. Kaufmann(Hairnorcr) 1:57,2.— 3000 Meter: 1. Bichl (Brandenburg) 9:11,8.— Mannschaftslaufen: 1. Polizeifchul« Brandenburg mit 6 Punkten.— Die Deutsche Meile: 1. Holthuis(Wener) 23:46,5; 2. Mvlitor (Polizei) 28:51.— 110 Meter, Hürden: 1. Wegener(Schön eberg) 15,9.— 400 Meter, Hürden: 1. Klar(Polizei) 57,4.— 4 mal 109 Meter: 1. Eintracht (Frankfurt) 436: 2. Bar(Kochba) 44,4.— 4 mal 400 Meter: 1. Berliner SC. 3:29; 2. Schönebcrg 10 Meter zurück.— 4 mal 1500 Meter: 1. Teutonia 99 17:16.5; 2. Charlottenburg 30 Meter zurück.— 46 mal 400 Meter: 1. Char. lottenburg 27:11; 2. Polizei(Berlin) 27:68,7.— Weitsprung: 1. Biebach(Halle) 7,46 Meter.— Hochstprung: 1. Beet,(Berliner SC, 165 Meter; 2. Longe (Charlottenburg) 165 Meter.— Kugelstoßen: 1. Hirschfeld(Ottelsburg) 14,76 Meter: 2. Seraitaris(Dresden) 13,66 Meter.— Diskuswerfen: 1. Hipsch. feit» 45,13 Meter; 2. Hänchen(Charlottenburg) 44,29 Meter. hfofurfreunde in Ludkenwalde ' Zchnjahresfcier und Heimweihc Luckenwalde, die Stadt mit der Zweidrittel-Arbeitermajorität, war diesmal das Ziel des westbrandenburgischen Gautreffens der Naturfreunde. Weit über dreihundert au» Berlin, serner stellten die Ortsgruppen Brandenburg, Köpenick, Magdeburg und Rathenow beträchtliche Gruppen. Selbst Eberswalde, Guben und Groß-Räschen im Senftenberger Kohlenrevier waren vertreten. Und trotz der eigenen Not hatte es sich die Luckenwalder Arbeiter- schaft nicht nehmen lasten, alle Gäste in Privatquartieren vorzüglich unterzubringen. Der größte Saal in Luckenwalde war am Sonnabend zur Zehnjahresfeier überfüllt. Musik, Gesang, Rezitationen und sonstige Darbietungen umrahmten wirkungsvoll die Begrüßungs- reden der anwesenden Organisationsoertreter, die der Naturfreunde- arbeit lebendige Aufwärtsentwicklung wünschten. Besonderen An- Nang fanden ein Bewegungschor der Rathenower und ein Laienspiel der Berliner Abteilung Osten. Obwohl es auch am Sonntag früh unaufhaltsam weiterrieselte, sammelten sich Hunderte von Naturfreunden zum festlichen Um- marsch durch Luckenwalde unter Vorantritt der vorzüglichen Luckenwalder Reichsbannerkapelle. Ueberall wehende rote Fahnen, die die sozialistische Gesinnung der Naturfreunde bezeugten: nachher sah man überall Trupps die Stadt durchziehen, um die sehr wert- vollen Schöpfungen der in der Mehrheit sozialdemokratischen Stadt- Verwaltung und der Gewerkschaften zu bewundern. Am Nachmittag sammelten sich weit über tausend am mitten in Wald und Wiesen gelegenen neuen Naturfreundehans„Hammer- fließ" zur H e i m w e i h e. Lau vom Gauoorstand Brandenburg- Cxekentertl ■..... PW/M h V J i«4-.. Mmm# Der erste Tag der H e r b st w e t t f a h r t e n der Gruppe Berlin-Ost des Freien Seglerverbandes auf dem Müggel see fiel dem gestern über Berlin dahinrasenden Sturm zum Opfer. Der Sturm, der Böen bis zu 15 Sekundenmetern mit sich brachte, wühlte den Müggelsee so auf, daß in Rahnsdorf eine Welle von gut anderthalb Metern stand. Welle und Wind brachten es dann auch mit sich, daß von 86 gestarteten Booten die Mehrzahl voll lief und an 20 Boote kenterten. Bis spät abends waren die Motorboote mit Rettungsmannschaften unterwegs, um die havarierten, gestrandeten und gekenterten Boot« einzubringen. Ein«ingehender Bericht folgt morgen. Pommern koimte auch hier wieder Vertreter der verschiedenen ije- nannten Organisationen und Körperschaften begrüß:», namentlich noch als Vertreter des Landrats und des Kreisausschustes vom Kreis Iüterbog-Luckenwalde Dr. M a r i a s ch k- Jüterbog. Zu Hunderten war auch die Arbeiterschaft dieser Orte erschieneii. Stadtrat Kaitz betonte in seiner launigen Weiherede die Notwendigkeit der engen Verbindung zwischen Natur und Arbeiterschaft und der sozialistischen Aufbauarbeit._ 'ARBEiTEH Eintracht schlägt Pankow 5: 1 Der zweite Seriensonntag brachte nicht die erwarteten lieber- raschungen. So gelang es der äußerst spielstarken Eintracht- Mannschaft, gegen den gesürchteten Gegner Pankow mit 5:1 zu gewinnen. Bis zur Pause hatte Eintracht den Sieg trotz des 2: 0-Resultats noch keineswegs sicher. Zwei sichere Torgelegenheiten wurden von Pankow nicht ausgenutzt, auch ein Elfmeter konnte nicht verwandelt werden. Dann gelang es den Reinickendorfern, die nur mit 10 Mann antreten konnten, in der 14. Minute durch Halbrechts zur Führung zu kommen. Gleich nach dem Wechsel verbesserten die Pankower das Resultat auf 2:1. Damit schien aber die Widerstandskraft der Pankower gebrochen Mehr und mehr übernahmen die Reinickendorfer das Kommando. Durch ihr flaches Kombinationsspiel erhöhten sie den Vorsprung bis auf 6:1. dem die Pankower nichts mehr entgegen- setzen konnten.— Adler 0 8 stieß in Neukölln bei Minerva auf harten Widerstand. Auch hier verlief die erste Halbzeit voll- kommen verteilt. Mit 1: 0 wurden die Seiten gewechselt. Erst dann trat die größere Spielerfahrung der Pankower zutage. Mit dem Endresultat von 4:0 blieben die Pankower siegreich.— Mit den Trebbinern scheint eine große Wandlung vorgegangen zu sein. Während sie in der Frühjahrsrunde aus ihrem Platz alle Spiele gewannen, mußten sie gestern von W e i ß e n s e e eine 5: 0-Niederlage einstecken. Auch in den B e z i r k s k l a s s e n gab es interessante Kämpfe um die Punkte. So konnte Wilmersdorf gegen Brück, nachdem die Seiten mit 1:0 gewechselt wurden, bis zum Schluß mit 5: 0 sieg- reich bleiben. Vorwärts-Wedding konnte gegen Weißensees Be- zirksmannschaft mit 2:1(0:1) gewinnen. Hansa 31 schlug Ein- tracht-Bezirksmannschaft mit 5:0. Friedenau gegen Teltow 5:0. Arbeiter- W asscrballscric Lichtenberg-Berlin XII 9; 6/ Charlottenburg- Uchtcnberg 12:0 Am Sonnabend und Sonntag abend fanden im Lunabad wieder Serienspiele der A-Klaste statt. Lichtenberg überraschte am Sonn- abend nach der angenehmen Seite und landete einen verdienten Sieg. Der Gegner Berlin XII hatte nicht die beste Mannschast zur Stelle und blieb besonders in der Abwehrarbeit und auch im Spielaufbau weit hinter seinen sonstigen Leistungen zurück. Die erste Halbzeit sah Lichtenberg als klar überlegene Partei, schnelles, eifriges Spiel brachte ihnen eine 4: 1-Führung. In der zweiten Spielhälfte kam Berlin XII mit nachlastendem Spieltempo teilweise gut ins Spiel und holte 4 Tore auf. Doch spielten die Xller besonders in der Sturmreihe zu unüberlegt, um tonangebend zu bleiben. Lichtenberg kombinierte bester, holte leicht aus und gewann im Endspurt. Ganz groß, wie nicht anders zu erwarten, entledigte sich CHÄ9 lottenburg am Sonntag abend seiner Aufgabe gegen den Sieger des Vorabends. Lichtenberg ging ohne Chancen in den Kampf, hätte ober bei taktisch klügerem Spiel die Niederlage in dieser Höhe ver- hindern müssen. Charlottenburg bewies in jeder Beziehung Meister- können. Die Schnelligkeit jedes Angriffs ließ die an sich eifrig kämpfenden Lichtenberger nie zur Entfaltung kommen Zur Pause hieß es bereits 8:0. In der zweiten Halbzeit kombimerte Lichten- berg zwar verständiger, doch alle Angriffe scheiterten an der harten Hintermannschaft der Charlottenburger, die ihrerseits mit teilweise fabelhaften Leistungen das Endresultat auf 12: 0 schraubten. Aebgelis Kunsiflugmeister Fieselcrs Flüge nicht gcwertcl Der Wettbewerb um die deutsche Kunstslugmeister- schaft, der am Sonntag in Tempelhof stattsand, wurde nicht nur durch das schlechte Wetter beeinträchtigt, sondern litt auch unter einem beschämenden Mangel an organisatorischem Können. Ge- wöhnlich ist in der deutschen Luftfahrtbewegung alles überorgani- siert, am Sonntag aber hatte man den Eindruck, als wenn man erst in letzter Sekunde das Programm für den Wettbewerb entworfen habe. Daß unter den zahlreich erschienenen Zuschauern keine Miß- stimmung aufkam, ist nur dem Schneid der Piloten zu verdanken, die trotz des schlechten Wetters ihr ganzes Können entfalteten. Den Vormittag hatten sämtliche Wettbewerbsteilnehmer ihre Pflichtübungen zu absolvieren. Da teilweise Windstärke 6 bis 8 herrschte, war es für die Piloten besonders schwierig, ihr Pflichtprogramm sauber auszufliegen. Da nach Ansicht der Preis- richter dem Titelinhaber Gerhard F i e s e l e r einige Fehler unter- liefen, wurden seine Flüge nicht gewertet. Er legte sofort Protest ein, drang aber damit nicht durch. Nachmittags um 3 Uhr begannen die Kürübungen. Der Wind hatte zwar etwas nachgelassen, aber für einen Kunstflugwettbewerb war das Wetter immer noch zu schlecht. Als erster startete Gerhard Fieseler und zeigte mit seiner „Tiger-Schwalbe" ganz hervorragende Kunstslugfiguren, die durch- aus neuartig waren. Dann flog Liesel Bach. Obgleich sie keine Konkurrenz zu fürchten hatte— sie war die einzige Frau im Wett- bewerb—, zog sie alle Register ihres hohen Könnens und erzielte 323 Punkte. Graf Schaum bürg erflog sich 637 Punkte, Gull- m a n n 343 Punkte. Gerd A ch g e l i s, der sehr sauber flog, schnitt, da Fieselers Flüge nicht gewertet wurden, mit 674 Punkten am besten ab. Während sich der Pilot Castell noch in der Luft befand. startete Fieseler, dem die Polizei Starterlaubnis erteilt hatte, ober- mals und flog so hervorragend, daß ihm das Publikum bei seiner Landung begeisterte Ovationen darbrachte. Aber die Preisrichter blieben hart. Sie werteten auch diesen Flug nicht und so wurde Gerd Achgelis zum deutschen Kunstflugmeister und Liesel Bach zur K u n st f l u g m e i st e r i n erklärt. Gerd Achgelis, der Mitglied des.Sturmvogels" ist, erklärte sich sofort bereit, schon in der nächsten Zeit seinen neuen Titel gegen Fieseler zu verteidigen. Hamburg— Berlin 3:2 Die Berliner Städtemannschaft der bürgerlichen Fußballbewe- gung mußte gestern erneut eine Niederlage einstecken. Gegen die in stärkster Aufstellung erschienenen Hamburger verloren sie, wenn auch nur knapp, mit 3: 2. Dem Spielverlauf nach hätten die Ham- burger allerdings höher geryinnen müssen. I Die Radrennen auf der Okympiabah» fielen gestern aus.