Morgenausgabe Nr. 451 A 22? 4S.Iahrgang Wöchentlich SS Pf., monatlich 3,80 M. (davon 95 Pf. monatlich für gustel- lung in» Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 4,32 M. einschließlich SO Pf. Poltzeitungs- und 72 Pf.Postbestellge. bithren. Auslands abonnement S,— M. pro Monat; für Länder mit ermäßig» tem Drucksachenporto S,— M. Der„Borwärts' erscheint wochenlög- lich zweimal, Sonntag» und Montag» einmal, die Abendausgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel»Der Abend", Illustrierte Sonntagsbeilage .Voll und Zeit". W ▼ G. berliner Volksblatt Sonnabend 26. September 1931 Groß-Äerlin 10 pf. AuswSris IS Z)f. Die ein sp alt. Nonpareillezeile 80 Pf. Revamezeile 5,— RM.„Kleine An« zeigen" das fettgedruckte Wort 25 Pf. (zulüfstg zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 12 Pf. Rabatt lt. Tarif. Stellengesuche das erste Wort IS Pf, jedes weitere Wort 10 Pf. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmartt Zeile 60 Pf. Familien» anzeigen Zeile 40 Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße 3. wachen« täglich von 8»/, bis 17 Uhr. Der Verlag behalt sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Jentvawvgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68. Lindenstr. 3 Iernspr.: Dönhoss(A 7) 293—297. Telegramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Vorwäris-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: Berlin 37 536.— Bankkonto; Bankder Arbeiter, Angestellten und Beamten, Linbenstr. 3. Dt. B.u.Diic.. meidet. Der Bergbau hat bereits mehrere Aufträge vom Kontinent und viele Anfragen kontinentaler Kohlenimporteure erhalten. Bier Textilfabriken in Lancafhire, von denen zwei feit vier Iahren stillagen, sollen wieder eröffnet werden. Die Barrow Steel Corp. beabsichtigt, am Montag zwei ausgeblasene Hochöfen wieder in Betrieb zu nehmen und 1400 Arbeiter einzu- stellen. Die Liverpooler Baumwollbörse hat am Donnerstag 45 000 Ballen Baumwolle umgesetzt, was den höchsten Umsatz an einem einzigen Tage seit Bestehen der.Börse darstellt!> Britische Währungsrevolution. London, 25. September. Der„Daily Herald" gibt heut« an hervorragender Stelle die vielfach vertretene Ansicht wieder, daß zahlreiche andere europäische Länder dem Beispiel Englands folgen und die Goldwährung aufheben würden. Das Pfund werde, dem Blatt zufolge, sicherlich zu einer neuen wissenschaftlich kontrollierten Währung auf internationaler Grundlage werden, die der auf Gold basier- ten Währung anderer Länder gegenüber tatsächlich stabil und sicher sein würde. Das Blatt glaubt, daß England unmittelbar vor einer Währungsrevolution steht, die ebenso bedeutungsvoll sein dürste, wie die industrielle Revolution. Inflationserscheinungen an der Londoner Börse. London. 25. September.(Eigenbericht.) Die Anpoffung der Aktienkurse quf dc� LyndoneJ� Byrse. an den veränderten Pfundwert geht von Tag zu Tag mehr in Spekulation über. Die Besitzer festverzinslicher Werte steigen in Aktien um, so daß der Abstand zwischen den im Kurse anziehenden Aktien und den sinkenden festverzinslichen Werten immer größer wird. Das find Inflationserscheinungen, obwohl man von Inflation in England im Sinne einer Aufblähung des inneren Kredits bisher nicht sprechen kann. Die Bank von England wird im Gegenteil— damit rechnet man wenigstens in der City— den Diskontsatz, der seit der Aufgabe des Goldstandards 6 Proz. beträgt, noch weiter erhöhen, um einer Ausdehnung des Geldumlaufs vor- zubeugen, welche durch die Belebung des Exports und der inneren Wirtschaft infolge des sinkenden Pfundkurses bestimmt ein- treten könnte. Um die Spekulation zu bekämpfen, ist das Termin- g e s ch ä f t, die übliche Handelsmethode an der Londoner Börse, ab Montag verboten. Es dürfen nur noch Kassageschäfte statt- finden. Das Pfund erholte sich am Freitag in den Nachmittags- stunden infolge von Käufen von Paris und New'Jork. Diese Stützustgstäufe werden in der City damit erttärt, daß man die Sterlingbesitzer an den dortigen Plätzen mit Rücksicht auf die bereits gespannte Lage vor weiteren Verlusten schützen will. Die Schluß- kurse lagen wieder niedriger, Berlin 16, Paris 96, New Bork 3,78%, Berlin steht zur Partei! Keine einzige Stimme für die Sonderbündler! Der Bezirksvorstand der Sozialdemokratischen Partei Berlins teilt mit: Bezirksvorstand und Sreisleiler billigten in ihrer Sitzung vom 25. September einstimmig die vom Parteiausschuh am 22. Sep- tember getroffene Entscheidung.« Auch der Bezirksausschuß de» Bezirks Magdeburg- Anhalt hat einstimmig die Stellungnahme des Partei- ausschnsses gebilligt._ Besuch Brünings in Washington? Eine nicht dementierte„Kombination". Washington, 25. September. Hier waren Gerüchte verbreitet, daß h o o v e r Reichskanzler Brüning nach Washington eingeladen habe. Unterstaats- fekretär Castle erklärte aus Anfrage, daß diese Gerüchte lediglich eine Kombination darstellten. Cr hob jedoch hervor, daß ein Besuch Brünings in Washington äußer st" willkommen sein werde. In Washingtoner politischen Kreisen wird hierzu erklärt, daß trotz dieses Dementis ein Besuch Brünings durchaus im Bereiche der Möglichkeiten liege, selbst wenn bisher, soweit amtlich bekannt, keine Schritte zur Herbeiführung des Besuches unter- uommen worden seien. Lava! hat Einladung angenommen. Paris, 25. September.(Eigenbericht.) Ministerpräsident L a v a l hat den Ministerrat am Freitag von der Einladung des Präsidenten Hoover zu einem Besuch in Washington unterrichtet. � Der Ministerrat hat ein- stimmig die Bedeutung dieser Einladung anerkannt, der der Minister- Präsident Folge le i st« n wird. Die Abreise nach Amerika dürfte Mitte Ottober erfolgen. Laoal und Briand haben ferner über die bevorstehende Berliner Reise und die verschiedenen Fragen, die im Laufe der B e- sprechungen mit den deutschen Ministern behandelt werden, berichtet, Die angekündigte Erklärung über die Berliner Reise wird der Ministerpräsident am Sonnabend abgeben. Der„T e m p s" schreibt am Freitag zu dem Berliner Besuch, es wäre ein Irrtum, von den Berliner Besprechungen eine Art politisches Wunder zu erwarten und zu glauben, daß ihre Ergebnisse das Aussehen Europas mit einem Schlage ändern und die Lösung aller Probleme erleichtern werden. Aber es wäre ein nicht geringerer Irrtum, anzunehmen, daß die Reise einen reinen Höf- lichkeitsbesuch darstelle. Es gebe zwar Fragen, die die Deutschen auf Grund der von ihrer Regierung offiziell eingenommenen Haltung nur schwer erörtern könnten, aber auf dem Gebiet der praktischen Zusammenarbeit und der täglichen Arbeit für die berechtigten Jnter- essen jedes einzelnen Landes ließe sich vielleicht etwas machen. Wenn Franzosen und Deutsche dann dazu kämen, gewisse Probleme ge- meinsam zu diskutieren und ihre Bemühungen zu vereinen, dann wäre ein Anfang der Interessengemeinschaft und eine Atmosphäre geschaffen, die die Anpassung der Politik der beiden Länder an die Forderungen der Zukunft erleichtern würde. Franzosenbesuch und„Kriegsverbrecher". Im Zusammenhang mit der Meldung über den geplanten Empfang der sranzöstschen Minister durch Reichspräsident von Hindenburg ist von der Nationalistenpresse die Frage aufge- warfen worden, ob die französische Regierung amtlich Mitteilung von der Annullierung der„Kriegsverbrecherliste" gemacht habe. Dazu wird von zuständiger Seite vollkommen zutresfend erklärt: „Die Tatsache, daß der franJösifche Ministerpräsident den Wunsch ausgesprochen habe, vom Reichspräsidenten empfangen zu werden, spreche viel mehr für ein Nichtweiterbestehen der Kriegsverbrecher- liste, als eine formal-furistische Regelung der Angelegenheit das tun könne. Es sei unwürdig, die Streichung einer Liste zu ver- langen, die von Deutschland nie anerkannt worden sei. Di« Tot» sache des Besuches beweis« schon, daß Frankreich von. den alten Methoden abgerückt sei." Bon Liebknecht bis Scheringer. Trohky hält der KpO. den Spiegel vor. „Die Fehler der KPD', in der Frage des Volks« entscheids... werden in alle Lehrbücher der revolutionären Strategie als Beispiel dafür aufgenommen werden, was man nicht machen darf." „An der Haltung des Borstandes der KPD. ist alles falsch: falsch die Einschätzung der Situation, falsch das gesteckte Ziel, falsch die Mittel, die zur Erreichung des Ziels angewandt wurden." (L. T r o tz k y in„Bulletin der Opposition, Nr. 24, September 1931.) Trotzky untersucht in dem„Bulletin der Opposition" die Geschichte der Volksentscheidstaktik der KPD. und ihre theoretischen Grundlagen. Er macht sich lustig über das Schreiben vom 21. Juli an die sozialdemokratischen Mit- glieder der preußischen Regierung.„Ist die SPD. nur eine Abart des Faschismus, wieso kann man dann von ihr ver- langen, daß sie zusammen mit der KPD. die Demokratie verteidigt?" Und hat man der SPD. Bedingungen für die gemeinsame Aktion gestellt, warum stellte man den Nazis keine Bedingungen für den gemeinsamen Volks- entscheid? Was für eine„Abart des Faschismus" recht ist, sollte doch auch für die andere billig sein? Man sprach von der„Einheitsfronttaktik".„Aber wieso ist das Auftreten Schulter an SchuHpr mit den Faschisten gegen die SPD. und das Zentrum die Anwendung der Ein- heitsfronttaktik gegenüber den sozialdemokratischen und christ- lichen Arbeitern? Das wird'«in proletarischer Kopf nie ver- steben". „Man den?? vielleicht an die sozialdemokrätischen Ar- beiter, die im Gegensatz zu ihrer Partei an dem Volks- entscheid teilnehmen? Aber wie viele waren es? Unter der Einheitsfront sollte man doch nicht gemeinsame Aktionen mit Arbeitern verstehen, die ihre Partei verließen, sondern mit denen, die ihr treu blieben. Zum Unglück sind es noch sehr viele..." Sodann zerpflückt Trotzky einen nach dem anderen die Gründe, die von Thälmann und seinen Spezialführern für ihre Taktik vorgebracht werden. Im Jahre 1917 vor ihrer Machtergreifung haben die Bolschewiki sehr heftig die Koalitionsregierung Kerensky und die Sozialdemokratische Partei bekämpft. Als jedoch im August 1917 der General Kornilow den Versuch machte, mit der Hilfe eines Teiles der Armee die Koalitionsregierung zu stürzen, eine Rechtsregierung einzusetzen und gegen die Ar- beiterorganisationen vorzugehen, ähnlich, wie es sich die natio- nale Opposition in Deutschland plant. Da Habensich die Bolschewiki auf die Seite der Regierung der SP. Rußlands gestellt und Kornilow bekämpft. „Lenin mußte sich damals vor einem Haftbefehl Kerenskys verstecken. Hat vielleicht das Zentralkomitee der bolschewistischen Partei der Kerenski-Regierung das Ulti- matum gestellt: Entweder befreist du unsere Genossen und nimmst die entehrenden Anklagen gegen sie zurück oder wir kämpfen nicht gegen Kornilow? S o würde wahrschein« lich das ZK. Thälmann- Remmele-Neumann ge- handelt haben. So handelte aber n i ch t L e n i n. Er schrieb damals:„Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, zu denken, daß das revolutionäre Proletariat fähig ist, um sich an den Sozialrevolutionären und Menschewiken„zu rächen"..., siq im Stich zu lassen im Kampf gegen die Konterrevolution. Die Frage so stellen würde heißen: spießerische„Mo- r a l b e g r i s f e" auf das Proletariat übertragen.. Trotzky vergleicht weiter das Kräfteverhältnis in Deutsch, land in den Jahren 1923 und 1931 und kommt zu dem Schluß, daß die Chancen einer proletarisch en Revolu- tion heute viel kleiner sind als 1923. Dabei darf man nicht vergessen, sagt Trotzky, daß die SPD. noch immer eine Partei von Millionen bleibt. Man darf nicht vergessen, daß dank dem grauenhaften Rattenkönig von Fehlern der kommunistischen Führung in den Jahren 1923 bis 1931 die SPD. heute eine viel größere Widerstands- kraft besitzt als 1923. Daß die KPD. im Juli/August 1921 so mächtig war, daß sie einen offenen Kampf gegen die ganze bürgerliche Gesellschaft wagen tonnte, gegen den Faschismus und die SPD., könnte nur jemand behaupten, der soeben vom Mond herunterfiel. Die Parteibürokraten der KPD. glauben das selber nicht. Sie benutzten dieses Argument nur, weil der Volks- entscheid durchgefallen ist und sie deshalb der Notwendigkeit enthoben wurden, die Probe aufs Exempel zu machen. Die stalinistische Bürokratie ist nach Trotzkys Meinung immer mehr bestrebt, den Faschismus mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen, sie entlehnt Farben aus seiner Palette, sie bemüht sich, ihn in der patriotischen Auktion zu überschreien. „Das sind nicht mehr Methoden einer prinzipiellen Klassen- politck, sondern Kunstgriffe kleinbürgerlichen Konkurrenz- kampfes." Es ist schwer, sich eine schändlichere prinzipielle Kapi- tulation vorzustellen... als die Losung der„Bolksreoolution". Durch keinerlei Sophisterei, durch keinerlei Zitatenverdrehung. Neuwahl in Hamburg! Bedeutsame Entscheidung am Sonntag. .Hamburg. 25. September(Eigenbericht.) Die Hamburger Bürgerschaftswahl, die am Sonntag durchgeführt wird, ist mehr als ein lokales Ereignis. Ihr Ergebnis wird von symptomatischer Bedeutung sein zur Zeststelluug der psychologischen und politischen Rück- Wirkungen der Wirtschaftskrise auf die Stimmung des Volkes, zumal die wirtschaftliche und die politische Krise in den letzten Monaten eine so scharfe Zuspitzung zu einer Reich, Länder und Gemeinden erschütternden Vertrauens- und Ainanzkrise erfahren hat, die auch gegenüber dem September des Vor- jahres eine völlig neue Situation geschaffen haben. Das äußerte sich schon in der Führung des Wahlkampfes durch alle Parteien in Hamburg. Eine Hochflut von Flugblättern und Wahizeitungen, von Versammlungen und Aufmärschen beherrschten das Stadtbild. Führende Persönlichkeiten fast aller Parteien sprachen zu ihren Wählern. Ein ungeahntes Ausmaß nahmen die Schwindel- feldzüge und Verleumdungen der Nazis und Kommunisten gegen ihren gemeinfcrmen Gegner, die Sozialdemokratie, an. Die Per- zweiflungsstimmung der notleidenden Massen ist noch nie in einem solchen Maße mißbraucht worden, wie es im Hamburger Wahl- kämpf vornehmlich durch die Kommunisten geschehen istl Demgegenüber steht allerdings die Tatsache, daß die mustergültige sozialdemokratische Organisation in Hamburg mit ihren mehr als SV 000 Mitgliedern einen Wahlkampf geführt hat, der in seiner Aktivität und Begeisterung alle früheren Wahlkämpfe übertrifft. Der sozialdemokratische Wahl- kämpf war getragen von dem Bewußtsein, daß zwölfjährige ent- scheidende Mitverantwortung in Hamburg auf allen Gebieten der Kommunal- und der Landespolitik gerade in der Welthafenstadt Leistungen für die werktätigen Massen ergeben hat, die trotz der furchtbaren Krise als sichtbare Zeugen positiver sozia- liftischer Arbeit im Bewußtsein Hunderttausender Hamburger lebendig sind. Leistungen, die dazu, wie auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, trotz der Krise in großem Ausmaß aufrecht- erhalten werden konnten. Zweifellos ist die soziale Ausbauarbeit in Hamburg durch die Wirtschafts- und Finanzkrise gehemmt und bedroht worden. Ebenso- wenig aber ist es zweifelhaft, daß auch ein Sieg des zerstören- den Radikalismus in Hamburg die Schwierigkeiten kommunaler Arbeit unendlich vermehren und dio Aufrechterhaltung einer sozialen Politik außerordentlich erschweren würde, gar nicht zu reden von den stimmungsmäßigen Folgen eines solchen Sieges des hyper- radikalismus im ganzen Reiche. Hamburg leidet besondere Not. Sein Hafen ist durch die Krise und die verfehlte Wirtschaftspolitik der Reichsregierung ver- ödet. Ueber 80 große Ozeandampfer sind im Hamburger Hafen aus- gelegt. 75 000 Familien erhalten Wohlfahrtsunterstützung, die Zahl der Arbeitslosen, die durch Arbeitslosenversicherung und Krisenfürsorge unterstützt werden, beträgt rund 95 000 Es darf auch nicht über- sehen werden, daß sich in der gegenwärtigen Krise der außerordent- lich große Zuzug nach Hamburg, der gleich nach dem Kriege ein- setzte, oerschärfend bemerkbar macht. Hamburgs Bevölkerungszahl hat wesentlich durch Zuzug in der Nachkriegszeit um 175000 zuge- nommen. Man wird damit rechnen müssen, daß diese Erscheinungen sich im Ergebnis der Hamburger Wahlen auswirken, wie es sich bereits am 14. September 1930 gezeigt hat. Ein ungeschminktes Bild der politischen Kräfteverhältnisse aus Grund der Septemberwahlen 1930 braucht keine Prognose zu enthalten, ist aber doch zur Beurteilung des Wahlergebnisses, wie es auch ausfallen möge, von einiger De- deutung. Die Sozialdemokratie erhielt am 14. September m Hamburg rund 240 000 Stimmen. Das war ein Verlust gegenüber der Bürgerschaftswahl vom Mai 1928 um 15 000 Stimmen. Die stärkere Wahlbeteiligung ergibt aber bei einer Umrechnung aus die Hamburger Bürgerschaft, in der die Sozialdemotratie von 160 Ab- geordneten 60 stellt, eine Verminderung dieser Zahl um etwa 8. Die K o m w u n i st e n steigerten ihre Stimmenzahlen von 116 000 im Mai 1928 auf 135 000 im September 1930. Am stärksten war natürlich der Zuwachs der Nationalsozialisten, die gegen- über 17 000 Stimmen im Mai 1928 im September 1930 144 000 Stimmen erreichten Sehr viel erheblicher als bei der Sozialdemo- kratie waren die Verluste vor allem bei den Deutsch- nationalen, aber auch bei der Deutschen V o l k s p a r t e i und der Staatspartei. Das Ergebnis der Septemberwahlen des Vorjahres hätte aber der jetzigen Hamburger Koalition lSozial- dcmokratie, Staatspartei und Volkspartei) immer noch eine Mehrheit in der Hamburger Bürgerschaft gesichert. Ob auch die jetzt bevor- stehende Bürgerschaftswahl diese Mehrheit ergibt, muß füglich bc- zweifelt werden, in erster Linie im Hinblick auf die Deutsche Volks- Partei und die Staatspartei. Alle Anzeichen deuten daraus hin, daß der Zusammenbruch dieser beiden bürgerlichen Mittelparteien, die in Hamburg immer noch eine relativ starke Stellung haben, weiter fortschreitet. E�kann aber auch nicht geleugnet werden, daß die Wirtschaft- liche Lage und damit die psychologische Situation der breiten Wählermassen in erster Linie den K o m m u n i st e n zugute kommen wird. Wie wenig man darin an sich ein Bekenntnis zum Bolschewis- Mus sehen darf, ist aus der einfachen Tatsache zu ermitteln, daß die Kommunistische Partei in Hamburg bei den Septemberwahlen zwar 185 000 Stimmen erreichte, aber heute nur über kaum 10 000 Mit- glieder verfügt Die kommunistische„Hamburger Volkszeitung" hat in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet nur rund 8500 Abonnenten. Wer die KPD wählt, begeht eben nur eine Verzweiflungstat. Nun lassen gewisse Anzeichen den Schluß zu. als ob es sich bei dem zu erwartenden Erfolg der KPD. nicht so sehr um eine Ab- Wanderung einst sozialdemokratischer Wähler handelt, als vielmehr u)n Stimmen aus der Partei der Nlchtwähler und der Nazis. In der Partei der NichtWähler scheint ein Umgrl�zpierung vor sich zu gehen Es stoßen neue Massen Resignierter hinzu, während andere sich zu einer„politischen" Etttscheidung bequemen. Eine Abwanderung von den Nazis ist durchaus möglich. Nach allen Beobachtungen wird die Naziwelle den Stand vom September 1930 nicht wieder erreichen: obgleich diese S ch l a m m t l u t mit dem September 1930 ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatte So läßt sich schon heute sagen, daß auch tn Hamburg d i e Sozialdemokratie das starke Bollwerk politischer Vernunft und positiver Kommunal- und Staats- Politik bleiben wird. Das gilt in jedem Fall. Das Bürgertum wünscht sich zwar sehnlichst eine bürgerliche Mehrheit in Hamburg. Die Aussichten dafür aber sind geringer denn je. Bei der notorischen Verantwortungslosigkeit der Kommunisten hat natürlich die auch bisher schon vorhandene sozialdemorratisch-kommunistische Mehrheit keine positive Bedeutung Sie verhindert aber eine rein bürgerliche Regierung, die ein Regiment der Nazis wäre. Verliert die 5zam- burger Koalition ihre Mehrheit, dann wird das natürlich für die parlamentarische Arbeit nicht gerade sehr angenehme Folgen haben. Für die Führung des hamburgischen Staates aber wäre die Kon- sequenz, daß der jetzige Senat als geschästsführendcr Senat im Amte bleibt, da sich für die Neubildung eines anders gearteten Senats keine-Mehrheit zusammenbrauen läßt. Gustav Oabrenclork. durch keinerlei Geschichtsfal/chungen läßt Trotzky die Tatsache aus der Welt schaffen, daß man es hier mit einem prin- zipiellen Verrat am Marxismus zu tun hat, zum Zwecke, die Scharlatanerie der Faschisten am besten nachahmen zu können. Das Verbrechen— ja das direkte Verbrechen der stalinistischen Bürokratie besteht, wie Trotzky weiter nach- weist, darin, daß sie sich mit den nationalistischen Ele- menten solidarisiert, daß sie ihre Stinune mit der der Partei identifiziert, daß sie auf die Entlarvung ihrer nationalistischen und militaristischen Tendenzen verzichtet, und die durch und durch kleinbürgerliche, reaktionär-utopistifche und chauvi- nistische Broschüre Scheringers als ein neues Evangelium des revolutionären Proletariats erklä.rt. „Das einzige Bestreben des ehemaligen revolutionären Arbeiters Thälmann besteht nun darin, sich des Grafen Stenbock-Fermot würdig zu zeigen." „Karl Liebknecht wird durch Scheringer ersetzt. Wie bitterer Hohn klingt nun der Titel:„Unter der Fahne des Marxismus"." Man müsse endlich aufhören, die SPD. als F a- s ch i st e n zu brandmarken. Das sei eine Dummheit, die die Kommunisten selbst immer wieder verwirrt. Je eher man mit diesem Blödsinn Schluß mache, desto besser. Aber Trotzky mutet den Koinmunisten nichts weniger als geistigen Selbstmord zu: „Um das feste Vertrauen der Arbeiterschaft zu gewinnen, müssen wir uns vor allem davor hüten, zu flun- kern, unsere Kräfte zu übertreiben, die Tatsachen zu über- sehen, oder noch schlimmer, sie zu verdrehen. Man muß aus- sprechen, was ist... Indem wir die Arbeiter betrügen, be- trügen wir uns selbst." Interessant sind auch die Mitteilungen, die Trotzky über die Stellung Stalins zu Deutschland . macht. Trotzky schreibt, daß im Jahre 1923, als in der Komintern die Frage der deutschen Revolution lebhaft dis- kutiert wurde, Stalin gegen einen Auf st and war. Im August 1923 schrieb er einen ausführlichen Brief in diesem Sinne an Bucharin und Sinowjew. Die Kommunisten in Deutschland, schrieb er, können nicht auf die Faktoren rechnen, die den Sieg der Bolschewiken in Rußland so sehr begünstigten: Streben nach Frieden, Landhunger der Bauern, Sympathie und Unterstützung der großen Arbeiter- und Bauernmassen. Bekommen die deutschen Kommunisten die Macht, werden sie sie„im besten Falle nicht halten können, im schlimmsten Falle werden sie geschlagen und zurückgeworfen." Man müsse die Deutschen zurückhalten und nicht vorwärts treiben. Brandler handelte danach. Als er das Spiel verloren hatte, betätigte sich Stalin als sein... Ankläger! Dieses Doppelspiel betreibt Stalin nach Trotzkys Meinung auch jetzt. Das Zentralorgan der Kommunisten Rußlands, die „Prawda", aber fälscht, wie Trotzky abschließend sagt, die Statistik des Volksentscheides, die der ganzen Welt, nur nicht den Lesern der„Prawda" bekannt sind.«Die A r b e i t e r b e- trügen, ihnen SandindieAugen streuen, das halten diese Leute für ihr gutes Recht." Noch ahnungsloser! - Der„Angriff" deckt die Kursürstendamm-pogromisten. Der am Freitag wieder erschienene„Angriff" ist von der vor- bersten bis zur letzten Seite«ist einziges Wutgeschrei gegen das Urteil im Kurfür st endamm-Prozeß. Der Gerichtsvorsitzende, Landgerichtsdirektor Schmitz, wird in allen Ton- arten beschimpft und die gebührende Rache im Dritten Reich nach dem Motto„Sein Kopf wird rollen" wird ihm von Herrn Goebbels persönlich mit folgenden Worten in Aussicht gestellt: „Eher als wir denken, wird die Stunde kommen, daß das Volk die Macht in unsere Hände legt. Das aber schwören wir: daß wir sie gebrauchen werden." Natürlich nehmen die Leute, die mit diesen Mitteln terroristischer Einschüchterung schon jetzt die Justiz zu beeinflussen suchen, nicht den geringsten Anstand, über mangelnde Unparteilichkeit der Gerichts gegen sie zu klagen. Weil die Landfriedensbrecher vom Kurfürstendamm die verdiente Strafe erhalten haben, ist nach Herrn Goebbels„die ewige Gerechtigkeit zur Dirne des Geldes herabgewürdigt worden". Zwischendurch schlängeln sich ein paar Sätze, die nach außen hin den Vorwand ermöglichen sollen, daß die Leitung derartige Exzesse mißbillige, die aber für den Kundigen das genaue Gegenteil besagen, da sie nur ironisch aufzufassen sind. So etwa, wenn Herr Dr. Goebbels schreibt: „Vielleicht auch wurde einem Sohn des auserwählten Volkes der Ellenbogen ver st auch t. Wirwissenesnicht.(!l) Sollte es der Fall sein, so erscheint uns das bedauerlich." Wer solche Sätze noch schreibt, nachdem acht Tage vorher die Gerichtsverhandlung einwandfrei ergeben hat, daß eine ganze Anzahl Personen, darunter z. B. auch der christliche Rechtsanwalt Möhring, in schwerster Weise mißhandelt wurden(„wir wissen es nicht"!), der mißbilligt diese Taten nicht, sondern deckt sie, indem er sie zu bagatellisieren sucht. Die Unwissenheit bei Goebbels und den Seinen ist aber noch erstaunlicher. Nicht nur, daß sie trotz der Gerichtsverhandlung nichts von den Mißhandlungen wissen, nein, Herr Goebbels findet auch zu folgendem die Stirn: „Die Tatsache, daß sich eine ganze Reihe von SA.-Leuten aus den verschiedensten Gegenden Berlins sowie zwei SA.-Führer gegen 19 Uhr abends an der Gedächtniskirche einfanden, war von vornherein insojern außergewöhnlich, als von der gesamten Berliner SA. niemand wußte, daß an diesem Abend die Juden Neujahr feierten." Damit sind Herr Goebbels und sein„Angriff" noch unter das Niveau der schulbu benhaften Ausreden gesunken, mit denen sich die angeklagten SA.-Leute selber verteidigten. Diese baben wenigstens �erklärt, daß sie„Prost Neujahr!" gerufen hätten und daß sie wegen des jüdischen Neujahrs hätten zeigen wollen, daß es auch Nichtjudcn in Berlin gibt.(Wozu der Gerichts- Vorsitzende bekanntlich meinte:„Das hätte man auch aus dem Adreßbuch feststellen können.") Aber nun erfahren wir aus dem „Angriff", daß diese Unschuldsengel nicht einmal gewußt haben, warum sie„Prost Neujahr" riefen. Für die Schande feiger und lächerlicher Ausreden hat man bei den Nazis jedes Gefühl verloren. . Run in Belgrad. Belgrader Banken den Abhebungen nicht mehr gewachsen. Belgrad, 26. September. Die hiesigen Banken waren am Freitag den zahlreichen Ab- Hebungen nicht mehr gewachsen. Die Regierung stellte in einer ver- traulichen Verordnung den Banken anHeim, die Einleger nur noch Maßgabe der flüssigen Mittel zu befriedigen. Die Banken zahlten demzufolge von jedem Guthaben nur 75 bis 160 M. aus. Auch eine Wirkung des Gonderladens. Zwecklügen der„Welt am Abend" über Hilferding. DI«„Welt am Abend", das Kommunistenblatt aus dem Münzenberg-Konzern, benutzt den Konflikt um di«„Fackel" zur Ausstreuung von Zwecklügen, die einer Abspaltung von der Sozialdemokratischen Partei dienen sollen. Sie verbreitet di« Luge, daß Genosse h i l f e r d i n g die Errichtung einer neuen USPD. begrüße. Er habe dies in einer Besprechung im Kreise der Mit- arbeitcr der„Gesellschaft" dargelegt. Die„Welt am Abend" hat diese Lüge bereits einmal verbreitet. Wir haben sie als Lüge bezeichnet, trotzdem wird sie wiederholt. Genosse Hilserding ermächtigt uns zu der Erklärung, daß diese ganze Erzählung vollständig aus den Fingern gesogen i st. Es ist duimn und lächerlich, wenn die„W elt am Abend" vorgibt, über Vorgänge in der Wohnung hllferjüngs unterrichtet zu sein und Zeugen zu besitzen über eine Aussprache, die niemals stattgefunden hat. Konsequenten und dreisten Lügnern jedoch muß man bei jeder Lüge aus die Finger klopfen. Wir stellen deshalb noch einmal ausdrücklich fest, daß hier eine faustdicke Lüge der „Welt am Abend" vorliegt. Falsche Hoffnungen der Rechtsradikalen. Die„Deutsche Zeitung" freut sich über den Sonderladen der„Fackel"-Genossen. Sie schreibt: „Die Gründung einer neuen, den alten„Unabhängigen" ent- sprechenden Partei unter dem Namen Sozialistische Arbeiterpartei ist bereits vorbereitet. Damit ist die erste Bresche in den marxistischen Turm geschlagen." Das ist das härteste, was wir bisher über die„Fackel"-Genossen gehört und gelesen haben I, Oer Prozeß um Hugenberg. Genosse Zechenbach zv 200 Mark Geldstrafe verurteilt. Detmold, 26. September(Eigenbericht). In dem Beleidigungsprozeß Hugenberg gegen den Redakteur des sozialdemokratischen„Detinolder Voltsblattes" Fechenbach, bei dem es sich um Aeußerungen des preußischen Ministerpräsidenten Braun und des deutschnationalen Parteiführers Hugenberg in Bielefelder Versammlungen handeste, wurde der Be- klagte am Freitag wegen Beleidigung zu 200 Mk. Geldstrafe verurtellt. Di« Beleidigung wird in der Ueberschrift eines Artikels erblickt, der lautet:„Braun fährt hugenberg über das Lügenmaul", und in dem Behauptungen hugenbergs zurückgewiesen wurden.' In der Begründung des Urteils wird gesagt, ob Braun tatsäch- lich die Aeußerung vom oOfachen Millionär hugenberg getan habe oder nicht, könne für die Frage, ob die Ueberschrift de» Artikel» eine Beleidigung darstell« oder nicht, gleichgültig sein. Die Tatsache der Aussage von Zeugen, die bekunden, die Aeußerung gehört zu haben, könne aber nicht aus der Welt geschafft werden, trotzdem könne auch Herr Schreck von dem 60fachen Millionär gesprochen haben. hugenberg habe jedenfalls im besten Glauben seine Behauptung aufgestellt. Er könne also unmöglich wissentlich die Unwahrheit gesagt haben. Auch die Aeußerung hugenbergs, der Marxismus sei schuld an der Arbeitslosigkeit, lönne die Behauptung der Lügen- haftigkeit nicht rechtfertigen. Ob der Marxismus oder der Kapitalis- mus die Arbeitslosigkeit verschuldet hat, könne vom Gericht nicht entschieden werden. Auch wenn der Kapitalismus schuld hat, habe hugenberg doch nur seiner politischen Ueberzeugung Ausdruck ge- geben. Für Aeußerungen seiner Presse sei er nicht verantwortlich. wenn sie nicht aus seine ausdrückliche Weisung erfolgt seien. Der Beweis, daß hugenberg sich in mehrfacher Beziehung als Lügenmaul gezeigt habe, sei nicht erbracht. Oer Hexentanz mit dem Gchuhzoll. Italien erhöht Zölle um 15 proz. um Defizit zu decken. Rom, 25. September.(Eigenbericht.) Der italienische Staalshaushalt weist in den ersten zwel Monaten des laofenden Budgetjahres bereits ein so hohe» Defizit auf. daß sich die Regierung am Freitag zu einer vorläufigen 15prozenkigen Zollerhöhung veranlaßt gesehen hat. Die Erhebung gilt mit einigen Ausnahmen für alle Einfuhrwaren, für die in den bestehenden Handelsverträgen keine Vorzugsbehandlung festgelegt ist. Sie trifft auch die beträchtliche Ausfuhr Deutschlands nach Italien schwer. Die Finanzlage des Staatshaushalls bedarf nach dem auch im dritten Rechnungsmonal weiter gestiegenen Defizit eines sofortigen Ausgleich» um so dringlicher, als Italien ander Gold» bosis seiner Valuta festhält und sie mit allen Mitteln verteidigen will. Das Defizit des letzten Finanzjahres wurde mit einer 12pro- zentigen Herabsetzung der Löhne und Gehälter oller Staatsangc- stellten auszugleichen versucht. Gkrzynski tödlich verunglückt. Warschau. 25, September. Der ehemalige polnische Ministerpräsident Alexander S k r z y n- ski ist heul« bei einem Autozusammenstoß tödlich verun- glückt. Das Unglück ereignete sich auf der Chaussee Wrotoszyn— Ostrom, als der Kraftwagen, in dem sich außer Skrzynsti der Militär- Attache bei der polnischen Gesandtschaft in Berlin, Oberst Mo- r a w s k i. der Chauffeur und ein Jäger befanden, einen anderen Kraftwagen überholen wollte. Skrzynsti war im Begriffe, sich mit seiner Begleitung zur Jagd zu begeben. Bon den Insassen blieb Oberst Morawski und ber Chauffeur unverletzt, während der Jäger mit leichten Verletzungen davonkam. « Nr. 451• 48. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts Sonnabende 26. September 4931 Krieg im Chinesen-Restaurant Japaner werden boykottiert** Chinesen ziehen--- Europa kommt ®U kriegerische» Vorgänge in der Mandschurei bade« ihre Schatte» bis in die chinesische Kolonie Berlins geworse». Tie „Söhne des Himmels" zwangen ihre Restaurateure, durch Plakate bekanntzugeben, daß Japanern der Zutritt zu ihren Lokalen der- boten ist. Das konnte die Politische Polizei nicht dulden und hat die aufreizenden Anschläge abnchmen lasten. Di« Völker des Fernen Ostens geben sich in Charlottenburg bei ihren Köchen, die, wie bei allen Nationen im Ausland, die größte Rolle spielen, ihr Stelldichein. Mittags zwischen 12 und 4 Uhr sind die Restaurants täglich bis auf den letzten Platz besetzt. Dampfende Schüsseln voll Reis stehen auf den Tischen und von allen Seiten langen die übrigens völlig zopflosen Chinesen einträchtig mit Stäbchen hinein. Ein bißchen Geklapper, ein bißchen Balance und graziös verschwinden die weißen Körner im Mund der gelben Männer und Frauen--. Sonst gurgeln Kehllaute in lebhafter Diskussion durch die engen Räum«. Seit Donnerstagabend aber ist es still. Die gelb« Rasse hat ihre Hauptquartier« o erlassen, lieber die Reisschüsseln beugen sich blonde Deutsche. Norweger, Schweden. Dänen und studieren unbeholfen die Riesenspeisekarten, bis sich die Ober erbarmen und beratend eingreifen. Der Auszug der Chinesen aus ihren Restaurants hat seine Vor- geschichte. Bei den ersten Nachrichten über den japanisch-chinesischcn Konflikt bemächtigte sich der zahlreichen chinesischen Studenten in Berlin eine ungeheure Erregung. Das Verhältnis zu chren japanischen Rassegenossen war bis dahin noch erträglich gewesen. Seit den Uebergriffen in der Mandschurei unterblieben die sonst üblichen Diskussionen. Wilde, leidenschaftliche Zurufe von Tisch zu Tisch ersetzten die sachlichen Auseinandersetzungen. Das kriegerische Geplänkel begann. Androhungen von Gewalttätigkeiten kamen die lkponer zuvor und mieteten die Lokal«. Ganz Mutige aber setzten sich der Gefahr aus, eine Abreibung zu bekommen. Die Wirte ver- suchten zu beschwichtigen. Die chinesischen Studenten ließen sich aber auf nichts ein und forderten Abzug der Japaner. Dem wurde statt- gegeben. Plakate mit deutscher und chinesischer Inschrift„Japaner werden hier nicht bedient" wurden an den Fenstern aus- gehängt. Der Boykott war vollkommen. Di« Politische Polizei aber machte einen Strich durch die Rechnung der Chinesen, beide Völker sind Gäste in Deutschland und können unmöglich ihre Kämpfe bei uns zum Austrag bringen. Wenn wir auch nicht verhindern können, daß sie im Fernen Osten aufeinanderschlagen, hier müssen sie Ruh« halten. Die Politische Polizei verlangte deshalb Beseitigung der Anschläge. Die chinesischen Restaurateure kamen der Aufforderung nur zögernd nach, da sie selbst nun mit einem Boykott rechnen mußten. Im Restaurant„Tientsin", Ecke Kant» und Leibnizstraße, dem größten der Unternehmen, das übrigens An- gehörige des Büros der japanischen Militärattaches zu feinen besten Gästen zählt, kam es zu wmultartigen Auseinandersetzungen. Die chinesischen Studenten forderten von dem Wirt, daß er den Boykott gegen die Japaner durchführe und die Plakate wieder zum Aushang bringe. Da er es ablehnte, zogen sie, ohne ihre Reisschüsseln nur angerührt zu haben, geschlossen aus und boykottieren nun ihren Landsmann--. Am Freitagmittag war in dem Restaurant kaum ein Chinese zu sehen. Dafür setzt« aber eine Invasion europäischer Besucher ein. die dem Krieg Iapan-China wahrscheinlich beim Teeglas beiwohnen wollten. Selbstverständlich drehten sich die Gespräche ausschließlich um die jüngsten Vorgänge. Jedem Gast gab der sächsisch« Kellner den offiziellen Kriegsbericht. Bi einem besonderen Trinkgeld verriet er sogar, daß die an den Wänden hängenden Tafeln mit gepinselten Schriftzeichen in keinem Zusammenhang mit der kriegerischen Boykotterklärung stehen, sondern wohlmeinende Verdaaiunzssprüche darstellen. Trotzdem ist Herr Wen. der Inhaber von„Tientsin", von der Polizei verhört worden. Zu sagen, daß er so schweigsam ist, wie es nur ein Chinese sein kann, ist eigentlich überflüssig. In der Kantstraße patroullieren chinesische Studenten harmlos auf und ab. Ihre Freunde, die chren Boykott durchbrechen, werden wcchl nichts zu lachen haben. Di«„Streitbrecherposten" nehmen chre Aufgab« ernst--. Benzinexplosion in Mariendorf. Zwei Decken eingestürzt.— Niemand verletzt. Durch eine schwere Benzinexplosion wurden gestern abend die Bewohner des Grundstücks koslekweg 20 unweit der Luther- straße in Mariendorf in Schrecken verseht. 3n einer Wohnung des Hauses war eine Mieterin mit dem Reinigen von Klei- d e rn beschäftigt, wozu sie Benzin verwandte. Durch allzu reich- liche Verwendung bildeten sich die gefährlichen venzlndämpse, die durch eine offene Flamme zur Entzündung gebracht wurden. Glück- licherweise Halle die Frau wenige Sekunden zuvor den Raum verlassen. Es gab einen mächtigen Knall, der weithin vernehmbar war. Die Fenflerkreuze wurden durch den Luftdruck zertrümmert, ei« Teil der Decke und eine wand stürzten krachend zusammen. Die Tempelhoser Feuerwehr eilte aus den Alarm an die Unglücksstälke und nahm die Absteifungs- und Aufcäuniungsarbeiten vor. Durch eine Stichflamme waren Teile der Möbel in Brand geraten, das Feuer konnte jedoch sehr schnell erstickt werden. Herbstzauber im Tiergarten Das letzte Aufleuchten der Natur, die sich zur großen Winter- ruhe anschickt, erfüllt auch den Tiergarten in diesen Wochen. In allen Farbtönungen von Gelb bis Rot flattert es von den alten Blätter fallen ;->.» -'4� feiiÄ : W4 WBW M?\ •: Hiv.■ �.. ,' X-.....■....:. S Bäumen, schwingt sich einen Augenblick im Spiel der Sonnenstrahlen und sinkt zu Boden, deckt raschelnd die Wege, oder wagt eine letzte knappe Fahrt auf dem Wasser des Landwehrkanals. Noch eine Weile wird sich dieser leuchtende Schmuck halten, dann werden die kahlen Bäume, schmerzverkrampften Fingern gleich ihre Aeste strecken. Unser Bedauern gehört den umgelegten Baumriesen, denen man die letzten Lebensjahre unerbittlich gekürzt hat.„Ach, die schönen Bäume", jammert jeder, der des Weges kommt mit leisem Vorwurf gegen die vermeintlichen Missetäter,„warum eigentlich?" Das Um- legen der Bäume hat aber einen ernsthaften Grund, und zwar handelt es sich um Ulmen, die von einer Pilzkrankheit befallen wurden, die dem Baum feine Kräfte entzieht, so daß er n i ch t m e h r lebensfähig ist: es sind etwa 10 bis 13 Bäume, die von dieser Krankheit, die besonders in diesem Jahre heftig auftrat, befallen wurden und nun umgelegt werden müssen. Es sind 30 bis 30 Jahre alte Bäume darunter, aber auch jüngere. Der herbst hat aber auch noch andere Arbeiten im Gefolge, so müssen die Rasenkanten abge- stachen werden, damit die Rasenfläche nicht zu weit in den Weg hineinwächst, die Eisenteil« der Gitter werden gestrichen und wenn der starke Laubfall einsetzt, dann kommen die Männer mit dem Rechen. 80 bis 100 Gartenarbeiter sind ständig damit beschäftigt, den Tiergarten instand zu halten und dem Ruhesuchenden inmitten der steinernen Wüste der Großstadt auch im Winter eine Möglichkeit der Erholung zu sichern. Berliner Sommerschau 1932. Das Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrs-Amt der Stadt Berlin hat in diesen Tagen die seit geraumer Zeit schwebenden Ver- Handlungen über die Durchführung der Berliner Sommerschau 1032, mit der die Idee einer Berliner Sommerausstellung zum 0. Male verwirklicht wird, zum Abschluß gebracht. Unter der Devise „Sonne, Luft und Haus für alle" gelangt vom 14. Mai bis 7. August 1932 auf dem Berliner Ausstellungsgelände rund um den Funkturm eine große Schau zur Durchführung, die den Fragen des Anbau-Hauses(wachsenden Hauses), Kleingartens und Wochenendes gewidmet ist. ÄOAäW 40) vtw Herr Direktor Marx zögert, denn er weiß nicht recht, wie er anfangen soll.„Wer Anfang ist schwer." Dieses harmlose Sprichwort krallt sich in sein Hirn und vertreibt jeden vernünftigen Gedanken. Das Schweigen wirkt pein- lich, besonders da Nora mit neugierigen Kinderaugen den Papa studiert. Der Herr Direktor verliert die Sicherheit. Er kann beim besten Willen nicht starre Blicke ertragen. Er zieht an der Krawatte herum, die, da sie gelötet ist, ihre deflnitwe, schicksalsbestimmte Form kaum verlieren kann. Die Lage ist unhaltbar geworden. Zum Unglück fällt ihm Mt noch der Gemeinplatz ein:„Wie sage ich es meinem Kinde?" Das Kind macht sich schon bestimmt lustig über ihn. der Mund zuckt verdächtig. Das darf nicht sein. Das wäre Auflehnung. Rebellion gegen ein Naturgesetz. Das Kind hat den Vater zu verehren und ihn nicht zu kritisieren. Nora kritisiert ihn aber, schätzt ihn ab, wiegt ihn und findet ihn zu leicht. Der Herr Direktor schämt sich plötzlich. Er gesteht es sich auch ein, denn er schwärmt für geistige Reinlichkeit. Alle Angestell- ten zittern vor ihm, und er zittert vor einem kleinen Mädchen, obwohl er im Recht ist, ja geradezu das Recht oertritt. Man muß mit der Tür ins Haus fallen: „Du hast in meinem Hause Unzucht getrieben." Ein Teller wird so hart auf den Tisch gestellt, daß er zerspringt. Rosenthaler Ware, zu dumm! Schemenhaft kommt dem Herrn Direktor diese Erkenntnis. Es ist ein Blitz, der nicht einmal eine Sekunde leuchtet..Lüge nicht! Mit meinen eigenen Augen habe ich gesehen, wie du nackt auf der Cautsch lagst, und der junge Sllvester auf dich fiel." Wenigstens stammt der Bengel aus einer anständigen Famllie, überlegt Herr Direktor Marx. Er soll sogar Charakter haben. Biel- leicht kommt er morgen im schwarzen Anzug zu mir, und einen Zylinder wird er sich auch dazu aufsetzen. „Das ist nicht wahr!" Nora ist von den väterlichen Worten niedergeschmettert. Woher weiß er? „Du Frauenzimmer, du wagst noch zu lügen?! Schäm' dich!" Die Stimme überschlägt sich.„Ich betrat das Zimmer, ich konnte doch nicht ahnen, was dort vorging." Nora schreit auf. Sie brüllt und tramvelt mit den Füßeu, Sie speit ihrem Dicker geradezu Vi« Worte ins Gesicht:„Man klopft an, wenn man ein Zimmer betrittl" Schrecklich! Der eigene Vater ist Zeuge ihrer Niederlage gewesen, er hat gesehen, wie Harry sie verschmähte, wie er nicht nahm, was" sie ihm liebevoll reichte. Erst in diesem Augenblick ermißt sie ihre ganze Schande, sie ist abgestempelt, verurteilt, sie ist nicht wert, ein Mensch zu sein, sie ist ein Nichts, ein Stückchen Dreck, das nicht länger leben darf, und sie bildete sich so viel auf ihre Schönheit ein. Ihre Schön- heit?I Sie lacht grell auf. und das Lachen geht in einen Weinkrampf über. Häßlich ist sie, peschäßlich! Und mit ihren spitzen Nägeln zerkratzt sie sich die kunswoll hergerich- teten Wangen, während sie ihren Schmerz heraustobt.„Geh' weg! Ich will dich nicht sehen! Du ekelst mich. Fort, fort! Rühr' mich nicht an.. Ihr ist nicht bewußt, ob sie Harry oder den Vater meint. Sie torkelt aus dem Zimmer. An der Tür stößt sie einen wilden Schrei aus:„Ich kann nicht länger leben!" Was war das? Herr Direktor Marx faßt sich an den Kopf. War das Nora? So spricht ein Kind mit seinem Vater, der von Jugend auf nur das Ideal der Arbeit kennt. Das Ideal der Arbeit? Ja, wofür arbeitet er? Hat die ganze Arbeit überhaupt einen Sinn, wenn sich sein eigen Fleisch und Blut gegen ihn empört? Der Herr Direktor steht steif wie eine Bildsäule da. die Hacken fest zusammengeklappt, den Kopf leicht nach hinten gebogen. Auf dem Tisch liegen Fllet, Pommes frites und Morcheln erkaltet in geronnenem Fett. Eine Gleichgültigkeit, eine Abgeschlossenheit der Welt gegenüber macht den Herrn Direktor unempfindlich. Die lastende Stille dringt ihm in alle Poren. Kein Laut ist zu hören, und vorher schrie hier jemand. Was schrie er doch? Schrie er nicht:„Ich kann nicht länger leben!" Und jetzt diese Stille, diese Totenstille. Die Augen quellen dem Herrn Direktor aus dem Kopf, er schnappt nach Luft und wankt. „Jesus, mein lieber Jesus!" schreit er auf. Dann swrzt er zu Noras Zimmer. Die Tür ist verschlossen und drinnen bewegt sich nichts. Als man die Tür erbricht, findet man Nora schlafend im Bett. Sie lächelt wie ein zufriedenes, müdes Kind. ie „Na. dann geben Se mich man noch'n paar Hörnchen!" Seufzend zieht die Frau mit dem grünkarierten Umschlag- tuch ihr riesiges Portemonnaie hervor.„Es langt all wieder nich! Der liebe Gott wird's bezahlen." „Ich schreib's zu dem anderen", sagt Frau Rosolf freund- lich. Die Eggerten ist eine gute Kundin, und was sich so im Laufe der Woche ansammelt, wird pünktlich am Freitag begltchen. Die Eggerten läßt das Brot und die Tüte mit den Hörnchen in ihrer Wachstuchtasche verschwinden. „Was der Oskar ist, der hat ja nu wieder'ne Stelle. Wer lang hält der Segen nich an." „Was Sie jagen....?" Frau Rosolf tut interessiert. Sie wiegt inzwischen geriebene Semmel auf Vorrat ab. „Ja. mein Oskar, der hat kein Sitzfleisch. So'n tüchtiger Jung, aber er hält nirgendwo aus." „Das gibt sich mit der Zeit. Wenn sie sich erst die Hörner abgestoben haben, werden das die vernünftigsten Menschen". tröstet Frau Rosolf und wendet sich an ein kleines Mädchen mit blondem Lockenkopf:„Was möchtest du. Kleine?" „Für zwanzig Pfennig Räderkuchen und einen Liebes- knochen." „Die werden sich auch mal das Kuchenessen abgewöhnen müssen..." räsoniert die Eggerten, aK das kleine Mädchen gegangen ist. ..Das war doch der Witt ihre, nich? Von der Wohnlaub drüben, anne Eck." „Es ist fo ein niedliches Kind", stellte Frau Rosolf fest, die gern an allem etwas Nettes findet. „Ich wer denn man abschieben", setzt sich die Eggerten langsam in Bewegung. Frau Rosolf atmet auf. Dieses schwatzhafte Wesen kann einen ganz wirr machen. Sie setzt sich an einen wackligen, runden Tisch, vor dem ein ausgefranster Korbsessel und ein kleiner Nohrhocker stehen, und nimmt ein Paar Strümpfe zur Hand, die ausgebessert werden sollen. Julius verliert reinweg die Hacken von den Füßen. Der arme Mann, er muß ja auch so viel herumlaufen, das Geschäft als Weinreisender geht nicht gut. Ehe sich heute jemand entschließt, ein paar Flaschen zu kaufen... Die Kolonialwarenfritzen und Krämer stöhnen auch alle. „Bleiben Sie ruhig sitzen, Frau Rosolf, ich nehm mir all mein Brotchen selbst. So...! Hier leg ich das Geld hin", ertönt eine Frauenstimme. „Ist recht, Frau Patzke", nickt Frau Rosolf. Sie steht auf, nachdem die Kundin den Laden verlassen hat und steckt das Geld in die Kasseste. Es kann doch nicht herumliegen. Aber wenn die Leute denken, einem'n Gefallen zu tun, muß man ihnen den Glauben lassen. Sie überzählt die Vorräte. Die zwei angeschobenen Brote wetden wohl übrigbleiben. Gott- seidank sind die Semmeln gleich weg. Was noch da ist, wird oerkauft, denn gegen sieben kommen noch schnell ein paar Kunden angelaufen. Ich werd''n Stückchen Kranzkuchen für Julius mit nach oben nehmen, den ißt er gern. Und Lili kriegt 'n Nußtörtchen. Wenn sie spät nach Hause kommt, stell ich es ihr ans Bett.(Fortsetzung folgt.) Auf der Kleidersammeltour. Feldzug gegen das Elend. 3n dieser Woche veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft für öffentliche und freie Wohlfahrtspflege. Bezirk Schöneberg, der auch die Arbeiterwohlsohrt angehört, ihre zweite Kleidersammlung. In und vor den Baracken des Arbeitsamtes Schöne- b e r g, Ebsrsstraße, herrscht reges Leben und Treiben. Cs ist Mittagszeit und der Wochenmarkt beginnt gerade seine Zelte abzu- brechen, die Straße ist verstopft mit Fuhrwerk aller Art, Gemüse- und Obstkörbe fliegen geschickt im Bogen auf die Wagen, geschäftig eilen die Marktleute hin und her und die Passanten haben alle Mühe, sich durch den Trubel hindurchzuwinden. Da stehen aber zwischen den Marktwagen noch andere Fuhrwerke, die doch eigentlich hier nichts zu suchen haben: leere Brauerei- und Kohlen- wagen, der Wagen eines Baumaterialien- Händlers und ein paar Reichswehrlastautos. Statt der Ware stehen leere Stühle im Wagen und darüber leuchtet ein Plan mit der Aufschrift„Kleidersammlung". Mit diesen Wagen, die von den Besitzern kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, begeben sich die Kleidersammlerinnen„auf Tour". Gegen 3vl> Fröbelschülerinnen haben sich mit wahrem Feuer- eifer in den Dienst der guten Sache gestellt, sie haben es über- nommen, von Haus zu Haus zu wandern, treppauf, treppab zu klettern, an jeder Wohnungstüre zu klingeln und, mit dem Bettelsack in der Hand, um abgelegte Kleidungsstücke zu bitten. Im Besitze der polizeilichen Genehmigung, eines arbeitsamtlichen Ausweises, der Armbinde mit der Aufschrift„Kleider", angetan mit einem weißen Kittel erhalten sie zunächst genaue Instruktion: jede Leiterin der Sammelwogen hat das genaue Ver- zeichnis der Straßen und Häuser, sie beaufsichtigt, gibt Weisungen und sorgt für die richtige und gewissenhafte Ausführung des so bitter notwendigen Liebeswerkes. Den SammeUagen ging eine Werbefahrt durch sämtliche Straßen des Bezirkes mit Plakaten, Musik und, den Zweck des Ganzen kennzeichnend, ausgehängten Kleidungsstücken, voran: außerdem machten Anschläge an den Litfaßsöusen und der Kinoleinwand, Aufrufe im Rundfunk usw. auf die Veranstaltung aufmerksam. In 20 Bezirke wurde die Gegend aufgeteilt, pro Tag will man fünf Bezirke erledigen mit je 40 Sammlerinnen für den Vor- und Nachmittag. Eben kommt die Bormittagsschicht zurück, sie hat allerlei zusammengebracht, wo man niemand antraf, wurde die Visitenkarte, in Form eines Handzettels, hinterlassen, viele wollten auch erst Sachen zusammensuchen und bestellten die Sammlerinnen auf einen anderen Tag. Nun kommt die Nach- m i t t a g s s ch i ch t an die Reihe, die Wagen werden erklettert, die Pferde ziehen an, es geht los. Bedächtig rumpeln die schweren Wagen, bepackt mit lebensfrohen und jungen Menschenkindern, die sich des Ernstes ihrer Aufgabe bewußt sind, die Straßen entlang. Angefangen wird in den obersten Stockwerken. Ein bißchen oerlegen sind die Sammlerinnen doch, aber sie lassen es sich nicht merken, bloß eine kleine Sekunde zögern sie,„läutest du oder ich, wer wird sprechen?", aber dann geben sie sich einen Ruck, die Klingel tritt in Funktion. Zuerst erscheint stets das mißtrauisch oder ängstlich blickende Auge am Guckloch: dann öffnet sich ein schmaler TürspaU, durch den ein Augenpaar samt Nasenspitze sichtbar wird, oftmals aber auch die ganze Tür. Im ersten Hause gab es, trotz des pessimistischen Signals der Portierfrau„hier is nischt zu holen", einen halben Sack voll Kleider und ein Chaiselongue! Hoch- erfreut über die reiche Ernte standen die Empfänger der um- fangreichen Liebesgabe doch etwas machtlos gegenüber, bis die eine meinte, der Kutscher würde gewiß mit anpacken: blitzschnell huschte sie die Treppe hinunter, der Kutscher glänzte im Augenblick durch Abwesenheit, statt seiner erschienen zwei weitere Helferinnen, eine jede packte das Ding an einer Ecke und fix ging es die Treppe hinunter. Freundlich waren die Geber fast alle, sehr viele gaben etwas und wenn sie nichts geben konnten, dann bedauerten sie dies herzlich. Eine gute Alte überlegte einige Augenblicke, dann ver- schwand sie und kam mit zwei Kinderkleidchen wieder: ganz kurz flogen chre Augen über die Kleider, dann strich ihre Hand noch einmal leise zitternd darüber. Wieder eine andere Frau. Man sieht ihr an, sie hat einst bessere Tage gesehen, aber das ist endgültig vorbei: „Körbeweise Hab ich früher Sachen verschenkt, nun könnte ich sie selbst so gut gebrauchen", meint sie,„aber warten Sie mal, ich Hab doch was für Sie: hier sind ein Paar Schuhe von meinem ver- storbenen Mann, sie sind noch ganz gut", und stolz' z�igt sie aus die guten Sohlen. Wer nur etwas geben und entbehren kann, der läßt die jungen Bittstellerinnen nicht vergebens abziehen. Zwischendurch gibt's auch mal ein paar krötige. Eine von ihnen scheint sich ober doch eines Besseren besonnen zu haben: kaum hatte sie nämlich mit einem knurrigen„Nein" die Tür laut und vernehmlich zugeworfen, rief sie den ein wenig verdatterten Bettelmönchlein nach:„Fräulein, Fräulein, kommen se doch man zurück", und steckte ihnen ein Kleidungsstück durch die halbgeöffnete Türe. Vielfach heißt es, wir haben selbst arme Verwandte, oder wir haben selbst nichts. Während sich im Zimmer der Leiterin der Kleiderkammer die Helferinnen instruieren lassen, steht das Nebenzimmer, die Sleiderausgabestelle, dichtgedrängt voll Menschen und den Ausgeberinnen wird es sauer, so vielen ein Nein sagen zu müssen: da kommt eine dürftige Alte im dünnen, fadenscheinigen Sommerfähnchen, sie brennt auf ein warmes Kleidungsstück, dort ein Junge, dessen Hose wirklich nur mehr ein Fragment ist, da ein junger Mensch, dessen Stiefelsohlcn auf der ewigen Rundreise nach Brot bedenkliche Verfallserscheinungen erlitten haben. Am stärksten ist die Nachfrage nach Männerkleidung und gerade diese kommt so spärlich ein. Die Kleider- und Schuhfrage wird bei Nässe und Kälte mehr als brennend, weil ein ausgehungerter Magen wenig Wärme erzeugt, ein Mensch mit zerissenen Schuhen nicht den Dauerlauf um ein Stück Brot machen kann und ein frierender Körper den besten Nährboden für Krankheit bietet. Tat des Jähzorns. Oer Mann, der seinen Sohn töten wollte. Am 13. Juni erschien beim Amtsgericht in Moabit der 3Sjährige Arbeiter D. und erklärte, seinen fünfjährigen Jungen getötet zu haben, die Leiche lieg« noch in der Wohnung. Als der Kriminal- afsistent eintraf, fand er den D. weinend dasitzen. In seiner Keller- wohnung— D.s Frau ist Plätterin— lag aber der fünfjährige Habdy mit Pflastern beklebt auf dem Bett, er war also nicht tot. Die Mutter erzählte, daß der Mann,«in schwer nervöser und leicht reizbarer Mensch, durch die wirtschaftliche Misere voll Lebens- Überdruß, den Sohn habe töten wollen. D. selbst schilderte bei seiner polizeilichen Vernehmung, er habe mit seiner Frau Zank gehabt, sei mit dem Sohn dann in das andere Zimmer gegangen, habe do.t einen Stuhl ergriffen und auf den Sohn eingeschlagen. Wie das über ihn gekommen sei, wisse er nicht. Beim Verlassen der Wohnung habe er ein R a s i e rm e s s e r eingesteckt, um sich das Leben zu nehmen. Erst am Tage zuvor habe er, als er mit dem Jungen durch den Wald ging, sich gleichfalls mit dem Gedanken getragen, diesen und sich selbst zu töten. Bei dieser Darstellung blieb D. sowohl bei der Untersuchung durch Prof. Strauch als auch beim Unter- fuchungsrichter. Weixjge Wochen aber, nachdem er in der Einzel- zelle des Moabiter Untersuchungsgefängnisses verbracht hatte, wider- rief er fein« Aussage und behauptete, seinen fünfjährigen Jungen mit dem Stuhl nur aus Versehen getroffen zu haben: er habe früher deshalb andere Aussagen gemacht, weil er nicht zur Frau zurück gewollt und gehofft habe, nach Herzberge zu kommen. Vor dem Landgericht I steht ein rundlicher, gutmütig aus- sehender Mensch. Der erste Eindruck war: bei dem ist etwas nicht in Ordnung. Trotz wiederholtem Vorhalt des Vorsitzenden blieb er dabei, daß alles nur ein unglücklicher Zufall gewesen sei. Er habe mit der Frau Zank gehabt, sei bei Betreten des anderen Zimmers, das vom ersten durch«inen Vorhang getrennt sei, über einen Stuhl gestolpert, aus Wut habe er ihn ergriffen, um ihn wegzuschleudern und habe dabei seinen Jungen getroffen, der gerade unter dem Bett hervorgekrochen sei. Er habe überhaupt oft mit der Frau Zank gehabt, weil sie bei der geringsten Kleinigkeit stundenlang schimpfen könne. Den Jungen habe er sehr gern gehabt: er habe wohl öfter geäußert, am besten wäre es doch, der Junge wäre nicht mehr am Leben: auch habe er mehr als einmal Selbstmordgedanken gehabt. Es sei in der Kellerwohnung so eng gewesen, die Frau habe immer gezankt und er habe doch keine Arbeit finden können. Verständlich wurde erst die Persönlichkeit des Angeklagten aus dem Gutachten des Sachverständigen. Sohn eines Trinkers, der im Delirium gestorben ist, äußerst reizbar, neigt er zu Kurzschsuh- Handlungen, daher feine drei Vorstrafen wegen Körperverletzungen. Der Staatsanwalt beantragte gegen D. zwei Monate Gefängnis. Das Urteil lautete auf F r e i f p r u ch: der Ange- klagte Habs seiner ursprünglichen Aussage gemäß im Augenblick der Tat wohl den Gedanken gehabt, seinen Sohn zu töten. Gerade aber aus diesem Umstand« wie auch aus der Taffache, daß er sich schon seit langem mit diesem Gedanken getragen habe, seinen Sohn aus diesem Jammertale zu befreien, sei zu folgern, daß der Ange- klagte bei der ihm zur Last gelegten Handlung sich im Zustande einer Geistesstörung befunden habe. Cr hat sein Kind gern gehabt und es lag kein Grund für ihn vor, den Sohn aus der Welt schaffen zu wollen. Ltmzug am 2. Okiober. Das Polizeipräsidium bringt folgende vesklmwungen für den bcoorstehendeu Umzugstermin in Erinnerung: Wenn Mietwohnungen von den bisherigen Mietern zum l. Oktober 1931 zu räumen sind, so muß die Räumung der Wohnung a) bei kleinen, aus höchstens zwei Wohnzimmern und Zubehör bestehenden Wohnungen am 1. Oktober bis 13 Uhr, b) bei mittleren, aus mehr als zwei bis zu vier Wohnzimmern und Zubehör bestehenden Wohnungen am 2. Oktober bis 13 Uhr, und c) bei allen übrigen Wohnungen am 3. Oktober bis 13 Uhr beendet fein. Die unter b und c des§ 1 vorgesshene Vergünstigung wird den ausziehenden Wohnungsinhabern nur unter der Bedingung gewährt, daß bei Wohnungen bis zu drei Wohn- zimmern mit Zubehör ein Wohnzimmer, bei Wohnungen von mehr als drei Wohnzimmern mit Zubehör zwei Wohnzimmer schon zum I. Oktober 1931 bis 13 Uhr vollständig geräumt und dem Haus- eigentümer bzw. dem einziehenden Mieter zur Unterbringung von Einzugsgut zur Verfügung gestellt werden. Unter Zubehör einer Wohnung sind Alkoven, Küchen, Kammern, Wohnräume, Verfchlägs und Vorratskeller zu verstehen. Ein Mahnruf des Oberbürgermeisters. Im Rahmen einer Tonfilm-Wochenschau äußerte sich der Berliner Oberbürgermeister Dr. S a h m über die Lage der Stadt Berlin und die Sporoerordnung der preußischen Staats- regierung. Er sagte u. a.:„Das Reich wird trotz seiner schwierigen Finanzlage den Städten helfen müssen, und es ist auch anzunehmen, daß es sich an der Deckung des Fehlbetrages mit einem Beitrag zu den Ausgaben für die Wohlfahrtserwerbslosen beteiligen wird." Sahm wies weiter darauf hin, daß er die Stadtverordneten- Versammlung keineswegs völlig ausschalten wolle. Er sagte:„Ich hoffe, daß in den gemeinschaftlichen Beratungen der beste Weg gefunden wird, wie im einzelnen das Sparprogramm gestaltet werden soll. Jedoch die eine Bedingung muh ich von vorn- herein stellen: daß die von mir in Aussicht genommene Summe der Ersparnis erreicht wird. Es hilft aber nicht, nur von heute auf morgen zu disponieren, sondern es soll die Grundlage für eine Gesundung der Finanzen der Stadt auch für die Zukunft geschaffen werden." Sahm schloß mit einem Satz aus einer Denkschrift des City- noch einen Schlag nachgeholt." Auch darauf äußerte ich mich nicht. Als ich nun gehen wollte, sagte Herr Gr.:„Na, wie ist es mit den Nazis?" Ich stellte mich daraus etwas dumm und sagte:„Wie kommt man denn da rein?" Der Herr Obersteuersekretär holte daraufhin sein Portemonnaie hervor, guckte nach und sprach:„Einen Augen- blick, ich komme gleich wieder." Er verlies darauf einige Minuten sein Dienstzimmer, kehrte dann zurück, legte mir drei Mark auf den Tisch und sagte: „Zwei Mark beträgt das Eintrittsgeld, und eine Mark ist für Sie persönlich. Ihrer Wohnung nach gehören Sie zur Sektion Hermann- platz, aber Sie können ruhig fürs erste nach dem Lokal in der Richardstraße effen gehen. Sehen Sie sich mal die Sache an, wenn's Ihnen gefällt, soll's mich freuen." Ich nahm darauf das Geld. G. drückte mir noch die Hand mit den Worten:„Also auf gute Zu- sammenarbeit, und ich werde schon sehen, daß sich hier(er meinte wahrscheinlich eine Beschäftigung im Finanzamt) was machen läßt." Als unser Gewährsmann nach zwei Tagen hinging, um dem rührigen Agitator den Taler wiederzubringen und ihm feine ablehnende Haltung mitzuteilen, meinte dieser, leicht verlegen:„Macht nichts, wenn Sie nicht wollen, Sie sollten sich ja bloß den Rummel mal ansehn: eine Mark ist für Sie." Wie wir hören, ist G. Mitglied der NSDAP, und Nazi- Bezirksverordneter in Neukölln. Ausschusses, der eine Mahnung an die Reichsregierung darstellt. Er lautet: „Größe und Geltung eines Staates hängt heute von Maß und Verfassung seiner Hauptstadl und davon ab. ob und wie diese Stadt als Repräsentant des Staates, als Quelle und Mündung aller seiuer Kräfte fuuktiouiert." Auiobus gegen Siraßenbahn. Sechs Fahrgäste erheblich verletzt. 3n Wilmersdorf an der Ecke Brandenburgische und Kouslanzer Straße ereignete sich gestern nachmittag ein folgenschwerer Zusam- menstoß zwischen einer Straßenbahn der Linie 44 und einem Autobus der Linie T. Der Autobus wurde auf der Straßenkreuzung von dem Trieb- wagen der Straßenbahn seitlich gerammt und schwer beschädigt. Zahlreiche Fensterscheiben gingen bei dem Zusammenprall in Trllm- mer. Während die Fahrgäste der Straßenbahn mit dem Schrecken davonkamen, erlitten mehrere Insassen des Autobus V e r l e tz u n- gen. Sechs Personen erhielten aus der nächsten Rettungsstelle erste Hilfe, eine Sljährige Frau A l i c e M e i ß n e r aus der Barstraße 31 muhte ins Wilmersdorfer Krankenhaus in der Achen- bachstrahe übergeführt werden. Der schwerbeschädigte Autobus mußte aus dem Verkehr gezogen werden. Die Schuldfrage bedarf noch der Klärung. In der O b e r s p r e e st r a ß e in Niederschöneweide«wurde gestern die 24jährige Frau Helene Schulz aus der Leinestraße 33 in Neukölln von einem Dapolinlaftwagen überfahren und tödlich verletzt. Frau Sch. hatte sich mit ihrem Fahrrad an das Laftaulo angehängt. In einer Kurve kam sie dabei so unglücklich zu Fall, daß die Hinterräder des schweren Fahrzeuges über sie hinweggingen. 26 Jahre Arbeiierbiidung. Anläßlich des 2Sjährigen Bestehens des Reichs- ausschufses für sozialistische Bildungsarbcit findet am Sonnabend, dem 3. Oktober, 20 Uhr, im ehemaligen Herrenhaus, Leipziger Straße 3, eine Fe st Versammlung mit Begrüßungskundgebung und einleitendem Vortrag über„2ö Jahre Arbeiterbildung" statt, die von gesanglichen Darbietungen umrahmt wird. Außerdem wird am Sonntag, dem 4. Oktober, 12 Uhr, im Theater der Volksbühne am Bülowplatz eine k ü n st l c r i j che Feier veranstaltet mit der Aufführung der 5. Sinfonie von Beethoven, einer Ansprach« des Genossen Heinrich Schulz, sowie der Uraufführung des Chorwerks �Aufmarsch", Musik von Heinz Tiessen, Text von Max Bartels. Einlaßkarten zum Preis« von SO Pf. für die Sonnabendoeranstaltung und zu 1 M. für die Sonntagsoeranstaktung sind an folgenden Stellen zu haben: Bezirksbildungsausschuß, Lindenstr. 3.— Deutscher Holzarbeiterverband, Buchhandlung, Rungestr. 30.—„Naturfreunde". Johannisstraße 15.— Bank der Arbeiter, Angestelletn und Beamten, Wall- straße 65.— Verlagsgesellschaft des ADGB., Sortiment, Insel- straß« 6a.— Verlag des Bildungsverbandes der Deutschen Buch- MwalNttniter als NaziwciHcr. «Sie sovilen sich fa bloß mal den Rummel ansehen." Ein Parteigenosse schreibt uns: Am 22. Juli 1931 hatte ich wegen meiner Bürger st euer im Finanzamt Neukölln zu tun. Ich wurde mit meiner Angelegenheit nach Zimmer 231 zum Obersteuersekretär G. ver- wiesen. Während meiner Anwesenheit betrat ein älterer Herr das Zimmer und fragte nach einem Buch. Herr G. antwortete:„Das hat ein junger Hilfsarbeiter erledigt, der nächstens wieder eingestellt wird." Nachdem der Mann das Zimmer verlassen hatte, sagte ich zu Herrn G.:„Wenn hier Hilfskräfte eingestellt werden, kann man da nicht aus ankommen? Ich bin auch schon längere Zeit stellungs- los!" Der Herr Obersteuersekretär antwortete:„Leider wird hier zur Zeit keiner eingestellt, sondern es wird immer noch abgebaut, trotzdem wir jetzt mehr zu tun haben als früher. Die Verhältnisse werden sich bei uns erst ändern, wenn die Razis ans Ruder kommen, das ist meine persönliche Meinung! Oder auch die Kom- mune(gemeint sind die Kommunisten), aber die würden ja doch bloß alles verfahren, wie in Rußland. Die Führer und leitenden Köpfe werden erschossen, und heute müssen deutsche Ingenieure drüben helfen, trotzdem sie selber genug hatten." Da ich darauf nichts erwiderte, erledigte G. erst meine Steuerangelegenheit. Dann ließ er sich nochmals mit mir in ein Gespräch ein:„Wie kommen Sie denn mit Ihrer Unterstützung aus? Ich meine, haben Sie gutes Esten? Wollen Sie nicht bei den Nazis essen gehen? In der Richard straße bekommen Sie für 10 Pf. ein gutes Esten. Ich habe selbst schon da gegesten und mir sogar Alle Genossinnen und Genossen MB____>_■■_____ B_____?»_______ ää äää Flugblattverbreitung druck«?. Drelb-umdstr. 5.— Zigarrengeschäft chorsch. Cngelufer 24/25. — Berbant» der graphischen Hilfsarbeiter. Ritterstroße Ecke Luisen- ufer.— ZdA., Hedemannstraße 12.— Außerdem sind Karten für Erwerbslose und Jugendliche unter 18 Jahren zu ermäßigten Preisen gegen Ausweis im Sekretariat der Arbeiterjugend, Linde» straße 3. und in der Buchhandlung I. H. W. Dietz, Lindenstraß« 2» zu haben. Freimilchaktion bleibt erhalten. Kostenlose Lieferung von Milch an die Kinder Erwerbsloser. Bei einer Besprechung im Hauptgesundheitsamt wurde zur F r e i m i l ch a k t i o n für die Kinder Erwerbsloser mit' geteilt, daß die Stadt Berlin bisher sehr erhebliche Mittel bereit' gestellt hatte, um die Kinder Erwerbsloser kostenlos mit Milch zu versorgen. Die schlechte Finanzlage hatte mm leider auch zu einer Einschränkung des für diesen Zweck zur Verfügung stehenden B« träges gezwungen. Um aber die gesundheitlich sehr wichtige Milchversorgung der Kinder der Arbeitslosen nicht zu stark einzuschränken, hat die zentral« Gesundheitsverwaltung mit den an der Milchversorgung beteiligten Kreisen seit längerer Zeit BerhaNdlungen ausgenommen, um durch eine Milchverbilligung das bisherige Milchquantum ausrecht halten zu können. Diese Verhandlungen sind nunmehr zu einem erfreulichen Abschluß gelangt. Milchhondel und Landwirtschast haben sich bereiterklärt, die auf städtische Milchkorten für die Kinder Erwerbsloser abgegebene Milch so zu verbilligen, daß trotz der ver- ringerten Mittel ungefähr das bisherige Milchquantum weit« verteilt werden kann. Die Untersuchung der Schulanfänger und Schulentlassenen im Jahre 1930 ergab, daß von 19 2SS einzuschulenden Knaben 968— 5,03 Pro}., von 18 729 Mädchen 1023— 5,46 Proz. vom Schulbesuch zurückgestellt werden mußten. Bon den zur Eni lassung kommenden Schulkindern wurden von 10096 Knaben 717— 7,1 Proz und von den 10 881 zu entlassenden Mädchen 704— 6,47 Proz. als noch nicht berussfähig befunden. Ltnierschlagungen eines Banttassierers. Fehlgeschlagene Effektenspekulationen. In der veposikenkasse vni der Dresdner Bank om hohenzollernkorso 1 in Tempelhof sind jetzt Unterschlagungen aufgedeckt worden, die der langjährige Kassierer ZN. dieser Zweig- sielle begangen hat. Noch Auskunft der Zentrale der Bank dürste die unterschlagene Summe etwa 20 000 Mark betragen und uicht, wie von anderer Seite mitgeteilt, das Dreifache. Die Unterschlagungen des Kassierers, der jahrelang zu vollst« Zufriedenheit in der Zweigstelle tätig war, sind darauf zurück' zuführen, daß er mit Bankkunden befreundet war und in engerem Verkehr stand. Das Vertrauen dies« Kunden zu ihm war so groß, daß. sie Depotgelder nicht während der Kassenstunden zur Bank brachten, sondern ihm des öfteren nach Schalterschluß des Abends persönlich übergaben, damit er die Einzahlung veranlassen solle. Don diesen Beträgen hat M. dann Gelder für eigene Effektengeschäfte entnommen oder sich auch von seinen Be- kannten für derartige Geschäfte Gelder geben lassen. Während er diese Unregelmäßigkeiten zur Zeit des normalen Bankoerkehrs zum Teil durch gemachte Gewinne wieder ausgleichen konnte, hatten die -Kursrückgänge in der letzten Zeit zur Folge, daß sein« Verschlungen ans Tageslicht kamen. Der ungetreue Beamte wurde sofort vom Dienst enthoben und eine eingehende Untersuchung in die Wege geleitet, die noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Bisher hat die Bank noch keine Strafanzeige erstattet, weil erst durch die genau« Untersuchung und Nachprüfung der Konten festgestellt werden soll. wie hoch der Schaden totsächlich ist, der zu einem Teil durch Effekten- besitz des Kassi«ers ausgeglichen werden dürste. Abschiedsbrief des Mädcheumörders. Der flüchtige Chauffeur Wolf Witte, der seine früher« Der- lobte, die 21 Jahre alte Elisabeth Rex, durch drei Schüsse tötete, konnte noch nicht festgenommen werden. Die Wohnung seiner Mutter in der Von-der-Heydt-Straße hat Witte nicht aufgesucht, obwohl die Kriminalpolizei damit rechnete, daß er dort erscheinen würde. Mehrere Beamte befanden sich in der Wohnung, um die Mutter des Flüchtigen zu vernehmen, als ein Brief des Flüchtigen einging. Er ist, wie der Poststempel beweist, om Freitagfrüh zwischen 6 und 7 Uhr auf dem Postamt Berlin-Friedenau ausgegeben worden. In dem Briefe bittet der Chauffeur seine Mutter um Verzeihung für den Schritt, den er getan. Mit Abschiedsworten an die Mutter schließt der Brief. Ueber seine weUeren Pläne deutet der Chauffeur nichts an. Daß er Berlin verlassen haben könnte, ist kaum anzunehmen, da er nicht im Besitze nennenswerter Geldmittel ist. Vermißte. Seit dem 28. August d. I. wird die 32 Jahre alte Frau Charlotte G i l n e r vermißt, die mit ihrem Manne und zwei Kindern im Alter von 9 bis 11 Jahren in der Jungstraße 20 in Lichtenberg wohnte. Die Verschwundene ist 1,68 Meter groß und schlank, hat dunklen Bubikopf und trug zuletzt ein dunkles Krepp- tleid. Mitteilungen über ihren Aufenthalt erbittet die Vermißten- zentrale im Polizeipräsidium. Seit dem 31. August 1931 wird der 18 Jahre alte Martin Thiemann, Köpenick. Elisabethstr. 20, vermißt. Gekleidet: blaue Schirmmütze, Heller Windjacke, grüne Breecheshose, schwarze Schnür- schuhe mit Ledergamaschen. Größe 1,69 Meter. Mitteilungen er» bitten die Eltern M. Thiemann, Köpenick, Elisabethstr. 20. Billiger Sepkembersonnabend im Zoo. Am heutigen Sonnabend, dem 26. d. M-, kostet von 2 Uhr Nachmittag ab der Eintritt in den Zoologischen Garten für Erwachsene nur 50 Pf., für Kinder 25 Pf.: dieselbe Ermäßigung gilt für das Aquarium. Von 4 Uhr ab Konzert. Zugleich sei daraus hingewiesen, daß die Tierkinderschau, die den lebhaftesten Beifall gefunden hat, in ihr« letzte Woche tritt: sie wird am Sonntag. 4. Oktober, geschlossen. - Generalprobe der Berlin« Feuerwehr. Heute findet eine Generalprobe der Feuerwehr auf dem Flughasen Tempelhos statt. Am Spätnachmittag, etwa von 17 Uhr an. werden die modernsten Hilfs- und Abwehrmittel der Feuerwachen vorgeführt. Nach Ein- bruch der Dunkelheit— gegen 19 Uhr— erfolgt eine Riesenlöfch- aktion mit zehn Zügen auf die Flugzeughallen l— III. Brand- und Rauchbomben werden dos zu bekämpfende Feuer kennzeichnen und die Besucher haben Gelegenheit, aus nächster Nähe die Einkreisung und das Löschen des Flammenmeers zu beobachten. Deutsch,«üsetlschost siir Pil-tuukk. Unentgeltlich, Pilz-rlursionen am Sonn. abend, U. Scotcmb«, in die Jungsernheid« unter Fithrung von Herrn Preuß. Treffpunlt UV; Uhr Bhs. Iungfernheite, und Sonntag, 27. September, in dm aSl�enborjet Wälder unter Führung von Herrn Arndt. Treffpunlt 10 Uhr Beret» ehemalig« Fremdealeglouir« Berlin. Sonnabend, 2t. Septem»«, 20 Uhr, Versammlung im Lokal von Zeidler, Sv.«1, Tempelhof er Str. 12. Notgcmeinschast der kleinen Sewerbetreibeudett.„Selbsthilfe od« Unter- gang des kleingetverbes!- Referent Kollege Toller. Freie Aussprach«. Sonn- tag. 27. September, 10 Uhr, im Lakal Heinrich, Werßense«, Lehderstr. 8(Rühe Antoiiplatz). Unkostenbeitrag 20 Pf. RAUCHEN? WER gewohnt ist, Ansprüche an seine Zigarette za stellen, WER durch dieNot derZeit zur Sparsamkeit gezwungenist, DER wird sie rauchen, denn QQ> ist eine echte NEUERBURG und kostet nur Erna&üfing: Orient auf dem Bücherkarren In dem grauen, milchig unklaren Dunste Berlins stehen die Bücherkarren. Eine absonderliche Auswahl Bücher wartet aus den Käufer. Da liegen die mst Hohn Ausgestoßenen neben solchen, von denen der Besitzer sich nur unter Tränen trennte. Aus dem Bücher- karven erleben sie das gleichmachende Schicksal des Wartens. Viele Hände suchen. Da sind etliche, die müssen in jeder greif» baren Auslage wühlen, das sind die vom Warenhaus her gewöhnt. Dann kommen Hände, lang und gierig, wie Spinnenbeine, sie betasten die Bücher auf ihren Wiederverkaufswert. Wieder ander« Hände können Bücher nur streicheln, für sie werden siemie bedrucktes Papier und Einband, sondern sind und bleiben ein Buchftabenmeer mit eingeschlossenen Seelen. In letzter Zeit marschiert, nahezu regimentsweise, der Orient auf den Bücherkarren. Sei es. daß die Türkei die lateinischen Buch- staben einführte, sei es, daß der Hunger so viele wissenschaftlich interessierte Menschen zur Veräußerung alles Entbehrlichen treibt. Bei ihrer Reif« in das Leben eines neuen Besitzers haben die Bücher ihr« ereignisreichen Schicksal«. Da taust ein Arbeitsloser eine türkische Grammatik mit Schlüsiel, zum Selbstunterricht. Hier in Berlin ist es für ihn kalt, immer kalt, auch im Hochsommer. Er ist schon so lang« aus dem Arbeitsprozeß ausgeschaltet, daß keine erwärmende Freude mehr in sein Innenleben kommt. Daz ewige Riedergeschlagensein macht frösteln. Nie, nie wird er«inen Sonnen- tag im Orient erleben. Wird er mal wieder Arbeit bekommen, dann muh er seine Lumpen mit Kleidern vertauschen, dann muß er wieder essen und sein Magen wird«in richtiges Essen nicht mehr vertragen. Er will die lastende Zeit ausnutzen. Diese Zeichen arabischer Schrift sollen ihm das Tor seiner Sehnsucht, die Pforte zum Orient öffnen. Er lernt das Alphabet, kühn betritt er den Garten der tausend Wirrnisse. Er lernt und lernt und müht sich mit kjäf und lam, die— da man die Vokale wegläßt— aneinandergefügt bedeuten können gel(komme), kel(Krätzig), gül(Rose), gil(Lehm), kül(Asche) und tüll(jeder, alles). Er lernt und lernt, bis er an ein« Stelle kommt, wo drei Seiten im Buche fehlen. Da hört er notgedrungen auf mit feinen Sprachstudien und das ist schade, denn er hätte das Buch erst, wenn er zehn Seiten weiter gewesen wäre, freiwillig in die Eck« geworfen. Da liegt ein persisches Buch„Kalila wa Dumna". Es ist das Fabelbuch des Orients. Die meisten Orientalen sagen, es wäre rot- samer gewesen, dieses Buch statt„Tausendundeine Nacht' in«uro- päifche Sprachen zu übertragen.„Kawila wa Dumna' hat«in« Geschichte, die sich wie folgt lieft:„Ein Gelehrter brachte aus der großen Bibliothek eines indischen Fürsten dem persischen Zaren Kisra Nu Schirwan dieses Buch. Als der Herrscher von dem Inhalt dieser Sammlung von Weisheit in Form von Tierfabeln— der ältesten, die wir kennen— Kenntnis nahm, war er so entzückt, daß er den Gelehrten mit Edelsteinen, Gold und Gewändern beschenkte, ihn an sein« rechte Seite nahm und er seitdem ihm der Allernächste im Leben wurde.' Und hier kauft ein Herr vom Berliner Bücher- karren dieses Fabelbuch, da ihn der Preis, ein Groschen, reizt. In seine Bibliothek wird er es nicht stellen. Schenkt er es der Staats- bibliochek oder heizt er mit ihm diesen Winter den Ofen? Beide Möglichkeiten stehen offen. Da liegen, stark mit arabischen und persischen Worten durchsetzt, türtisch« Gedicht«, die einer Frau nachgerufen wurden, die in Beyruth starb. Sie erinnern nicht nur an diese Tote, sie erinnern an Djaoid Bey. den Finanzminister der Iungtürken, der während seiner Amtszeit unablässig durch Europa jagte, um neue Pumpe für sein geldbedürftiges Land aufzunehmen. Djaoid Bey mußte sterben in der Türkei Mustafa Kemals, die derart arm geworden ist, daß sie sich nur eine Meinung erlauben kann. Djavid Bey aber wollte «ine neue Zeitung, ein Blatt der Opposition gründen. Darum mußte er an den Galgen. Djavid Bey war mit den drei Gütern beschenkt, die das Leben lebenswert machen. Er war gesund, er war klug, er war reich. In feiner letzten Nacht auf Erden weinten in den Groß- städten Europas Damen der Gesellschaft, um diesen vornehm liebens- würdigen Menschen. In dieser, seiner letzten Nacht ging manch' englische traditionelle Selbstbeherrschung verloren: denn man hatte Schritte unternoinmen, um Djaoid zu retten, was als eine Ein- Mischung in innerpolitisch« türkische Angelegenheiten betrachtet wurde und für Djavid die Schlinge des Strickes festzog. In Europa tobt«, weinte und heull« man um Djavid Bey— und Djavid las Gedichte in feiner letzten Nacht. Und die gleichen Gedichte„Das Grab' liegen hier auf dem Bücherkarren in Berlin. In der Türkei räumt man auf mit den Büchern und Hand- schriften in arabischen Lettern. Diensteistige, reformbegeisterte Offiziere kontrollieren Bibliotheken und Archive und merzen aus. Dabei wanderten Staatspapiere, die von dem Verhältnis zwischen Bulgarien und der Tür.kel berichten, unter das Altpapier. Sie flatterten über den ganzen Balkan und sie wurden eifrigst gesammelt von Menschen, die ein Interesse daran haben. In der Türkei opfert man sich selbst und fein Gut dem nationalen Programm und hatte dabei das Pech, die Geschichte seines Landes zu verschleudern. Neulich lagen auf einem Obstwagen in Berlin lose Blätter mit arabischen Schristzeichen. Ob man hier nun wohl in die Geschichte Adrianopels(das 1362 türkischer Macht anheimfiel und zu unserer Zeit die Festung wurde, welche die Jugend zweier Länder mordet«) Pflaumen eindreht? Sternliard Schröder: jCoblia Jäger in den endlosen Sümpfen des Gran Chacos Südameri- kos, liebte ich die Einsamkeit, wenn auch ihre Allmacht mich ins Bodenlose drückte. Als ich einmal im Wasser herumstelzt«, mich bei jeden Knoten im Schilf neigte, um das darunterliegende Tellereisen zu revidieren, erbeutete ich zwei Fischottern. Auf dem Wege zum Ufer glibbert« dunkelbrauner Samt vor meinen Füßen, zwei Fischaugen quollen daraus hervor. Ein breites, reizendes Mäulchen fiepte wie ein Vogel. Eine ganz junge Fischotter war es. Trug ich die Mutter auf dem Rücken? Ich nahm das kleine unschuldige Otterntind auf den Arm und brachte es in meine Baumhöhle. Hier fiepte es so eindringlich, daß ich Schmerz empfand, der mich wiederum stoh inachte. Ich Halle also noch ein Gewissen. Lobo heißt im Spanischen Wolf, doch auch die Fischotter be» zeichnet man im spanisch sprechenden Südamerika mit Lobo. Es geschah, daß ich, der, um zu leben, jeden Tag Tiere tötet«, Lobita zu lieben begann. Nicht mehr allein war ich jetzt. Als sie größer, beweglicher wurde, ging ich mst ihr zu einem nahen Tümpel und warf sie mstten hinein. Ich muß glücklich ausgegese.hen haben dabei, denn Lobita wurde zu einem dicken Aal, der blitzartig unter Wasser hin- und herschoß. Tauchte sie einmal auf. konnte ich mich heiser rufen. Sie oerschwand und gründelte wieder nach Muscheln. Froh über ihre Freude, griff ich zur Pfeif«. Doch— der Tabak lag im Baum. Zurückspringend, dampfte ich bald wieder dem Tümpel entgegen, aber— meine kleine Freundin war weg. Ich lockte. Das Wasser regt« sich nicht. Schnell war das hohe Gras am Ufer abgesucht. Nichts. Nie war mir die Einsamkeit im Sumpf so schauerlich.„Lobita!'— Keine Antwort. Mir war's, als ob ich einen Menschen suchte. Hinter dem Tümpel schlangen sich ver- schlungene Bäume hoch. Das lange Buschmesser zischte wegbahnend hinein.„Lobi— ti— tal'— Totenstiller Urwald. Zurückkriechend suchte ich noch einmal am Tümpel jeden Grasbull ab. Plötzlich saß meine rechte Hand fest. Ich zog: Lobita mit ihren prächtigen Fischräuberzähnen hing daran. Mich erkennend, ließ sie los. putzte sich das Blut von den breiten Lippen und legte sich artig in mein« hohlen Hönde. Sicherlich war Lobita, überanstrengt durch das Schwimmen, unter das Gras gekrochen und fest eingeschlafen, als meine Hand sie aufschreckte. Zuwellen fühlte ich mich so jung wie die Kleine, die mst der Zell sogar etwas schalkhaft wurde. Nicht selten spiellen wir Ver- steck. Auf allen Vieren tollte ich von einem Busch zum andern, hinter unser Haus, legte mich auf den Bauch. Lobita wollt« nämlich schneller sein als ich, hopste hinter mir her, stolpert« Über Ihre kurzen, krummen Schwimmbeinchen, fiepte wie ein Baby und raffte sich wieder auf. Am Ende lieh ich mich doch von der hechelnden Kleinen erwischen. Sie legte sich dankbar an meine Seite, fauchte zufrieden und knüpfte behaglich an den Narben meiner rechten Hand, die zwischen ihren wie geschliffenen Zahnrechen lag. Aber der Tag kam, wo die Winchestermunstion, Tee und Salz alle wurden. Zweimal wanderte ich mst Fellen fünf Tagereisen west zum Fluß. Das drstt« Mal nahm ich Lobita mst. Ein Dampfer brachte uns in acht Tagen nach Buenos Aires. Hier wohnten wir auf dem flachen Dach eines bescheidenen Gasthauses. Di« Wirtstochter wurde eifersüchtig, wenn Lobita sich um die Füße des Kammermädchens schlängelle und sich nicht fortlocken ließ. Der Hausspitz wollte nur noch mst der Sumpfjungfer spielen, war nicht vom Dach zu prügeln. Ja, Artisten wollten mir einen großen Geldschein geben und meine Chaco-Lobita mitnehmen. Die Jagdbeute war schnell verkauft und vierzehn Tag« später hatte unser lebendes Häuschen uns wieder. Und hier, zwischen Sümpfen, Sümpfen, Wäldern, Wäldern, kamen wir uns noch näher,' bildeten unsere Sprache aus. Lobita ging nun auch mit mir zu dem nächsten Sumpf und fing für uns beide Fische. Ein bestimmter Laut von mir, sie verließ das Wasier. Bald wurde sie braun und schlank wie ihre wilden Schwestern. Eine» Morgens war Lobita nicht da. Ich dachte sofort an den Tümpel, ging hin, sah zwei Ollern am Ufer. Lobita mit einem Freund? Wie weit mochte sie den hergelockt haben? Er war dunkler, größer, wild. Si« spiellen. Leise schlich ich mich zurück. Lobita war allein ausgegangen, sie würde allein wiederkommen. Aber ich hörte sie ersi in der Nacht. Schwankend, mit tiefen Biß- wunden, kam sie nach Hause, schlief sofort unter meinen Händen ein. Fortan wurden ihre Bewegungen selbstbewußter, schmiegsamer. Das helle Leibchen dehnte sich, zarte Erhebungen zeigten sich rosig an flaumigen Stellen. Bald. Ich freute mich schon auf die dunkel« braunin Samtkinder. Kurz danach fand mich eine Mondscheinnacht unweit meines Jagdlagers auf einem Baum Unter mir, auf einem Landstreifen zwischen zwei Sümpfen, war ein von dem Jaguar häufig benutzter Wlldwechsel. Ich mußte lang« warten. Vollgesogene Moskitos hingen in meinem Gesicht. E» war so unheimlich still, daß ich sie unter meinen reibenden Händen platzen hörte. Plötzlich«in Schrei in meinem Häuschen. Ich sauste durch die Luft, fühlte Erde, raste. Die am Winchester befestigt« Langrohrlampe blitzt« auf zwei Phos- phorisch leuchtende Kugeln in meiner Baumhöhle. Scharf zackte das Korn in der Kimm« gegen ein» der grüngelben Lichter. Knall. Röcheln im Baum. Finsternis. Nie flog das Messer so schnell zwischen meine Zähne. Wer da grellt« das Lampenlicht wieder in die Höhl«, riß den Jaguar noch einmal hoch. Dann klatschte das Tier tot hin. Lobita lag mst zermalmten Kopf hinten auf ihrem Lager. Was ich in jener Nacht tat, weiß ich nicht mehr. Geschlafen habe ich nicht. Ich war wieder allein mit mir und den Sümpfen. Acht Jahr« sind inzwischen dahingegangen. Immer denke ich an Lobsta. wie man an«in verlorenes, gleichartiges Wesen denkt. Wie ist das möglich? Und nun habe ich mich von einem Druck befrest und endlich Lobitas Geschichte geschrieben, so. wie man sie begreifen kann. Aber wie wenig begreifen wir. Jwan Jteilbul: Während die Familie im Restaurantgarten an einem Kaffeetisch nahe der Steinbrüstung saß und den kleinen Booten und Seglern zusah, die in der Nähe und Weite kreuzten— lag die braungraue Dogge hinter einem der Stühle und leckte beharrlich das Fell an der Pfote. Zwischendurch sah sie zu den Menschen am Tisch hin- auf, vorwurfsvoll und doch nur für einen Augenblick, als ob sie sich wegen ihrer Gedanken genierte. Nämlich die Dogge wartete darauf, ob nicht von den Herren und Frauchen da oben jemand die Hand nach unten zu ihr aus- strecken würde, um freundlich ihr Nackenfell zu durchkrauen. Sie hall« eine trank« Pfote. Und das ist der Vorzug, den Kranke vor Gesunden genießen: Man sagt ihnen Gutes und kraut ihnen im Fell. Was halle nun aber die Dogge von ihrer schlimmen Pfote! Gar nichts. Niemand liebkoste sie. Das Fräulein wandt« manch- mal den Kopf, und dann warf der Hund sehr schnell seinen Blick zu ihr auf— aber sie betrachtete ihn nicht, sondern mich, denn sie ihrersests meinte, ich hätte mein Vergnügen daran, sie zu be- trachten... während ich meinersest» doch die Dogge bellachtet hatte. An einer Seite begrenzt« den Garten der Tanzsalon. Der Wiener Walzer schallt« gedämpft durch die großen Fenster. Das Fräulein sah sich zu den Fenstern um, und auch ihre Muller wurde aufmerksam. Di« Herren beobachteten die kleine Fähre, die schein- bar von Menschen überlastet war: die Herren dachten: man sollt« wetten, ob die Fähre umkippen wird oder nicht.— Dann bekamen sie Lust zum Kartenspielen. Di« Dogge leckte unaufhörlich ihre wunde Pfote. Sie kam durchaus nicht auf den Gedanken, die Leute am Tisch da oben durch irgendeinen Laut aus ihr Weh aufmerksam zu machen. Sie hielt sich dazu nicht für berechtigt. Ihr Mund hing an den Winkeln ha* ab wie bei vereinsamten Menschen. Ich dachte: Wenn es wahr sein sollt«, daß der Mensch eist- sprechend seiner Führung auf Erden verwandelt würde in ein höheres oder in ein niederes Wesen... Mir wurde bange. Ein Hund sein? O Herz, in einer Region seine Tag« leben, wo man sich nur mit Hunden verständlich bespricht: vom Menschen gellennt durch Millionen Etagen. Wie eine Fußmatte stumm auf dem Boden liegen und im tiefsten eine Sehnsucht in sich tragen, well man zu Menschen gehörte, gehört... Der Hund dachte: Kam« jetzt ein Kind mst einem Ball und rollte ihn über die Erde, juchhe zwischen den Beinen von Stühlen und Tischen, juchhe, oder würfe es ihn in die Wellen hinunter.—- Er hörte ihr Geräusch.—- Eine Wunde hat man, dachte der Hund, und man wlld nicht einmal im Fell gekraut. Im Tanzsalon sangen zwei von der Kapelle Worte zum Jazz. Das Fräulein, durch die Männerstimmen sehr interesfiert, starrt« zur Musik hin. Aus dem Rückweg zur See streifte ihr Blick auch die Dogge „Seht, ach. seht ihr, schon wieder die Pfote', rief das Fräulein und genoß mit Vergnügen ihr gutes Herz. Und die Familie be- trachtete nun ihren Hund. Er war sofort in die Höhe gesprungen— auf daz erste An» zeichen hin, daß man den Umgang mit ihm wünscht«. Ich sah ober- halb seiner Vorderpfote ein beträchtliches Stück vom Fell gleichsam abgezogen. Sie liebkosten ihn, sie krauten ihn, sie hielten ihm ein Stück Kuchen hin. Hohe! Er halle die VerbinSung mst Menschen wieder. Er mußte„bitte schön' machen, dreimal, und beim vierten Mal, als seine Demut zur Zufriedenhest der Muller des Fräuleins aus- gefallen war, durfte er, das Stück Kuchen in der Schnauze, um den Tisch herum an seinen alten Platz unterm Stuhl. Er hielt seinen Kuchen zwischen den Pfoten wie«in Löwe sein Fleisch und biß kleine Stücke, behaglich wie ein Rekonvaleszent, mst schrägzuschnappender Schnauze ab. Süß ist es. mst den Menschen zu leben. Später schlang der Herr auf dem Stuhl einen Arm um den braunfelligen Hals der Dogge und ließ sie mst den Vorderpfoten auf der steinernen Brüstung stehen. Das Tier sah aus den See hin- aus, es interessierte ihn sehr. Mitunter blickten die braunen Augen, die sich von Menschenaugen in nichts unterschieden, den Herrn an, der ihm die Erscheinungen auf dem See erklärte. „Siehst du, Robby, das ist ein Motorboot', sagte der Herr, „und das ist ein Paddler— und das Nasie ist der See—* „Darf ich noch hier oben bleiben?' fragten die Augen.„Ja? Danke.— Was bedeutet das alles da—?' enZth- HUarküag in ifpcrn Nun bin ich wieder die gleiche Straße gewandert, über die wir «inst in den dunklen Nächten schritten, in Reihen zu zweien: quer vor der Brust hingen uns Gewehr und Patronengürtel, die den Nocken wundscheuerten und den Atem verklemmten. Damals lohte am Horizont düsterrot der Scheiterhaufen der Front. Das Grollen des Völkerhasscs brach nie ab in unseren Ohren und ließ die Ge- spräche In der Korporalschaft ball» verstummen. Denkst du noch daran, Kam'rad, der du jetzt an der Straße Morslede-Ppern sicher bester schläfst als früher je beim Fourage- Unteroffizier im Heu? Und war das doch schon der Wollust wall- lüstigste, damals, als wir noch auf dieser Straß« über Stacheldraht und glitfchige Baumstämme vorwärts stolperten! In die Nächte des Grauens. „Achtung! Granatloch! Weitersagen! Mensch, tu die Zigarette weg!'- ♦• • In Ppern ist Markttag— du lachst, Kam'rad? E» ist so! Ja. und deinen Appelzinenorden— denn du warst ein braver Sachse aus Crimmitschau und ohne jeden Sinn für Heroisches— deinen Appelzinenorden mit dem empörend gelben Bande, dem du nicht entgehen konntest, als wir beide die Patrouille am Wegekreuz von Brodseinde machten,— oh, deinen schönen gelben Appelzinenorden habe ich hier im„Museum of War' wiedergefunden, neben ver- bogenen und oerrosteten Seitengewehren, zerfetzten und verwitterten Gasmasken, Feldtelephonen. Achselstücken, Koppelschlöstern, die ein geschwätziger Belgier in leidenschaftslosem schlechtem Französisch in einem Keller zeigt. Dort drüben aber ist Markttag. Markt in Ppern! Warum Europa nicht untergehen kann, trotz allem? Schlendere mit mir eine Viertelstunde über den Markt von Ipern, und du weißt, warum! Denn da stehen nur noch die grauen, kläglichen, niedrigen Stumpfen von den einstmals stolzen Tuchhallen dieser Stadt der Weber und kämglichen Kaufherren. Daneben, freilich, die Käthe- drale vom helligen Martin— die Kathedrale, weißt du, die immer die heiße, bellende Wut unsrer Haubitzen erregte, weil der Eng- länder von ihrem Turm in unsre Stellungen, unsre Quartiere, unsre Löcher äugte—, ist neu erstellt in schönem weißem Backstein. Auch sonst ist dieses Ppern, wie alle die anderen Orte, Paschendaele und Vierkaoenhoek, Zonnebeeke und Becelaere, die nur einmal zer- hackte Keller und zerpflügte Friedhöfe waren, auferstanden wie ein Saatfeld im Frühling. Praktisch ist's hier und ein bißchen un- gemüttich, wie alles Neue. Selbst der Dorfschmied von Zonnebeeke darf jetzt auf seinem Wasierklosett sitzen, wenn er will oder muß. Jeder Diehkraul hat noch seinen Granattrichter: aber nicht pro memoria; er ist vielmehr die Tränke, die man gerade dort braucht. Ohne dos Wellblech unsrer.Siegfriedstellung' kein Hühner, stall, kein Karnickelbehälterl Aber Markttag auf dem großen, frisch gepslasterten Rathaus- platz von Ipern— das ist eine Lektion europäischer Geschichte. Ueber Gräbern Geschäfte! Ein Korb grüner, sauber gewaschener Spinat steht auf dem Stumpf einer Säule. Di« Ziegelmauer dort, die immer noch rot blutet, ist geputzt mit Blumenkohl und Peter- silie. Das Mädchen, das Aepfel und Pflaumen verkauft, sitzt auf dem Bauch eines Heiligen ohne Kopf und strickt fleißig, well die Kundschaft noch fehlt. Karo, angeschirrt an seinen Wagen, hat sich in den Eingang des Unterstandes gelegt, in dem noch die Drähte kunterbunt liegen,, die einmal Schrapnell und Gasgranate an- forderten. Er sonnt sich und gähnt und leckt mit der roten weichen Zunge nach der deutschen Hand, die chm jetzt den dicken, struppigen Kopf streicheln will. Ja. Europa ist so unsentimental. Europa ist so vergeßlich! Wär's anders, wir wären längst dort, wo das Feuerland oder Kamtschatka heute noch sind. Es lebe uns« Vergeßlichkeit! Wenn man alles bedenkt: ihr verdanken wir, daß wir immer noch leben. In Europa. In Dpern._ Weltoorrat an Erdöl. Nach neuerlich angestellten Berechnungen soll der Weltoorrat an Erdöl in 80 bis 100 Iahren erschöpft sein. Man nimmt sogar an. daß die Erdölquellen in den Vereinigten Staaten bereits in 20 bis 26 Iahren versiegen werden. Amerika hat auch die größte Ausbeute unter allen Oel gewinnenden Ländern der Gegenwart. Es bringt täglich über 2 Millionen Faß Rohöl in den Handel. <1 Brüning Sei den Industriellen. Ein Alarmsignal.— Die Wirtschastsführer als Seelenretter. Der Reichsverband der Deutschen Industrie hat gestern abend eine Feier zu Ehren von Carl Dulsberg ver- anstaltet, der das Präsidium an Krupp von Bohlen und Halbach abgibt. Bei diesem Anlaß hielt Reichs» kanzler Brüning eine Rede, in der sich die folgenden bemerkenswerten Ausführungen finden: Auch an mein Ohr klingen tagtäglich— dal leise, mal lauter— Zweifel in die Zukunft una bange Rufe nach der Führung. Ich weiß, daß das eine naturgemäße Erscheinung ist. und ich hatte die Eh:«, Ihnen und Ihren Mitarbeitern vor wenigen Tagen darzutun. daß der Umfang der Tätigkeit der Reichsregie» rung in den vergangenen Wochen und Monaten ein viel umfassenderer gewesen ist, als es zur Stunde zweckmäßig erscheint, einer größeren Oeffentl ichkeit mitzuteilen. Abgesehen von diesen, hat �die Reichsregierung eine Fülle anderer Maßnahmen bereits getroffen bzw. zur Veröffentlichung in der nächsten Woche vorbereitet. Dar» über hinaus wird es nötig sein, gewisse noch weittragen» dere Schritte zu tun in dem Augenblick, in dem die B e w e- gung des englischen Pfundes, die am vergangenen Sonn- tag eingesetzt hat, in ihrer weiteren Entwicklung sicher erkannt wer- den kann.� Brünings Ausführungen über den Umfang der Tätigkeit der Reichsregierung beziehen sich auf umfangreiche Subventionen und Stützungen durch die Reichs- regierung, von denen die Oeffentlichkeit bisher noch keine Kenntnis hat und die ft ä r k st e n Industrien gegeben worden sind. Die Andeutungen des Reichskanzlers über weittragende Schritte lassen erkennen, mit wie ernster Sorge in Deutschland die Entwicklung der englischen Inflation verfolgt werden muß. Das Ausmaß der englischen Inflation kann den deutschen Außenhandel auf das schwerste beeinträchtigen. Die Worte des Reichskanzlers zeigen so die ganze Schwere und die kritische Gespanntheit der gegenwärtigen Situation. Herr Dulsberg hat auf die Rede de«s Reichs- kairzlers geantwortet. Er har selbstverständlich die Unter- ( n e h m e r gefeiert, er hat über den Materialismus des Volkes geklagt und schließlich deklamiert: „Den Unternehmern und allen anderen verantwortlichen Persönlichkeiten in der Wirtschaft obliegt es auf der anderen Seite, durch verständnisvolle Förderung einer geistigen Grund- Haltung unseres Volkes auf einer weit höheren Basis, als sie der Materialismus je zu geben vermag, zum Durchbruch zu ver- helfen. Ich bin der festen Ueberzeugung und möchte das gerade am heutigen Tage besonders betonen, daß unser deutsches Volk nur dann die zweite Blüte erleben wird, wenn der deutsche Mensch wiedei; seine deutsche Seele findet, wenn dem Gegeneinander ein Füreinander, dem Ringen um die Macht im Staate ein Ringen um die Macht für den Staat folgt." Jetzt kommen uns die Führer des bankrotten Kapita- lismus mit der Seelei Sie zeigen sich in einer neuen Rolle. Den Beruf zum wirtschaftlichen Führertum glaubt ihnen keiner mehr, also zeigen sie sich in der Rolle der Retter L der deutschen Seele. Wenn sie keine anständigen Löhne zahlen, so wollen sie doch- wenigstens Seelen retten. Vor dem Bankrott redeten sie vom Geldschrank, nach dem Bankrott von der Seele. Wir danken bestens für die Seelenrettung durch die bankrotten Wirtschaftsführer! Oer neue Zndustriepräfident. Krapp von Bohlen und Halbach Nachfolger Dvisbergs. 3n seiner heuligen Sitzung nahm das Präsidium des Reichs- Verbandes der Deutschen Industrie offiziell Kenntnis von dem Rücktritt des bisherigen Vorsitzenden, Gehetmrats Dulsberg. An seine Stelle wurde zum Rachfolger einstimmig Dr. Krupp von Lohten und Halbach gewählt. An Stelle des Chemiekapitals übernimmt also die Schwer- i n d u st r i e mit Herrn Krupp von Bohlen und Halbach die Führung im Reichsverband der Deutschen Industrie. Wenn die Wahl von Herrn Krupp auch gestern einstimmig im Schöße des Präsidiums beschlossen wurde, so ist doch bekannt, daß seiner Kandidatur zum . Präsidenten des repräsentativsten deutschen Unternehmervevbandes doch schwere Reibungen innerhalb der Mitgliedschaft voraus- gegangen sind. Mit dem neuen Präsidenten übernimmt ein Mann die Führung des Reichsverbandes, der zu den schroffen Vertretern der schwerindustriellen Denkweise gehört. Das ganze Rezept, das Herr Krupp von Bohlen und Halbach auf der letzten Generaloersammlung seines Konzerns zur Gesundung der deutschen Wirtschaft präsentierte, bestand in einer scharfen Attacke gegen die Lohn-, Sozial- und Steuerpolitik in Deutschland. Zur Gesundung seiner eigenen upd der ihm befreundeten schwerindustriellen Betriebe schlug Herr Dr. Krupp auf der gleichen Sitzung vor, Arbeitslose nur bei gleichzeitiger Senkung der Löhne ein- zustellen. Das Prinzip war hierbei, bei Derstärkung der Belegschaft die Lohnsumme unverändert niedrig zu lassen. Auch der abgetretene Präsident, Geheimrat Duisberg, gehörte zu den Unternehmern, die alles Uebel der Wirtschaft von der öffent- lichen Derwaltung und der Seite der Löhne herleiteten. Es besteht aber gar kein Zweifel, daß der setzt vollzogene Personalwechsel im Präsidium des Reichsoerbandes der Deutschen Industrie, auch einen Wechsel in der Politik dieses Verbandes mit sich bringen wird, der sich in immer schärferer Betonung des Klassen- kampfgedankens gegen die Arbeitnehmerschaft auswirken wird. Alexanders Ende. Es ist aus mit der Weltrevolvtion in Boitzenburg. Boitzenburg. 25. September.(Eigenbericht.) Die Boitzenburger Stadtverordnetenversammlung beschloß mit 8 gegen 7 Stimmen, die Wohldes kommunistischen Bürgermeisters Dr. Alexander für ungültig zu erklären, well eine Orts- satzung nicht rechtzeitig genehmigt sei. Die mecklenburgische Regie- rung hatte schon vor einiger Zell eine Notverordnung erlassen, nach der der kommunistische Bürgermeister erst am 1. April 1332 sein Amt antreten sollte. Nach dem Beschluß� der Stadtverordneten- Versammlung wird wahrscheinlich eine Neuwahl erfolgen. Eröffnungsvorstellung der Komödie. Donald Ogden Stewart:„Rückkehr". Ein Konversationsstück über Liebe und Ehe mit munterem und lustigem Beginn und beinahe tragischem Ausgang. Wieder be» zaubert Sät« Dorsch ein beifallsfreudiges Publikum. Dsu Kopf in den Sand! Zwei Instanzen haben die«kröffnung de« Strafverfahren« gegen das Soisiemer Raziblatt wegen der Oritten Reich wird sein Kopf in Oer Paragraphenstrauß:»Köpfe in den Sand? Oa sehe ich keine Orohnng. Ick stecke doch selbst den Kopf in de« Sand!" Bückzug des Völkerbundes. Lopaus ungenügende Zugeständnisse. Genf. 25. September.(Eigenbericht.) Die mit Spannung erwartete FreUagnachmittagfltzung des Völkerbundsrats begann mit der Erledigung von Finanzberichten. Die Unterstützung des österreichischen Anleihegesuchs durch das Finanzkomitee erhielt ihre Zustimmung mit b e s o n d e- ren Glückwünschen von Italien, Frankreich, England, Deutsch- land, Polen und Jugoslawien an den Kanzler B u r e s ch und seine Regierung. Durch die angenommene Entschließung zur H i l f e für Ungarn wird das Finanzkomitee ermächtigt, die nötigen Maß- nahmen zur Prüfung und Besserung der ungarischen Finanzlage zu treffen und einen Bericht darüber vor der nächsten Ratstagung zu veröffentlichen. Sodann erinnerte Ratspräsident Lerroux an China» und Japans Antwort. Der Rat danke dafür und unterstreiche die in der japanischen Antwort enthaltene Besserung der Situation durch Zurückziehung des größten Teils der Truppen in die Cisenbahnzone. V o s h i z a wo ttsß Japans. Antwort auf hen Appell des Völker- bundes, den mandschurischen Konflikt beizulegen, ausdrücklich noch- mals vorlesen,.in Anbetracht der Wichtigkeit". Der Rat Härte also nochmal» offiziell die Zurückweisung seiner Einmischung und die Ausrechlerhallung der noch bestehenden Lesehung. solange e» Japan» Sicherheil erfordere! Außerdem ließ Lerroux auch die japanische Darstellung de» Konflikts, die bereits verteill war, noch einmal ver- lesen. Danach hätten Chinesen die Bahnlinie angegriffen und«ine japanische Station überfallen. Die Lag« sei kritisch geworden, weil damals an der ganzen Bahnlinie nur 10 400 japanische Soldaten 220 000 chinesischen gegenübergestanden Höften. Die chinesischen Sol- baten der benachbarten Garnisonen seien entwaffnet und die lokalen Behörden unter Aufsicht der japanischen Truppen gestellt worden. Danach seien die japanischen Truppen zum größten Teil inner- halb der Eisenbahnzone konzentriert worden. Einige Detachements seien in Mukden und Kirin und anderen Orten belassen worden, doch existierte nirgendwo der Zustand einer milllärischen Besetzung. Die Kabinettssitzung vom 13. September habe dem Kommandeur be- sohlen, jede Zuspitzung de» Konflikts zu vermeiden. Auch mit der koreanischen Brigade von 4000 Mann, die nach der Mandschurei ge- zogen worden sei, entspreche die Zahl der dortigen Truppen noch nicht den Ziffern der Verträge mit China. Darauf protestierte Voshizawa gegen die Uebertreibungen gegen japanisch« Truppen, die noch und nach zurückgezogen würden, sobald et die llmstänbe erlaubten. Nirgendswo seien Marinetruppen gelandet worden, ver konslikt könne nur durch direkte Verhandlungen gelöst werden. Di« Besse- rung der Lage erlaube eine Beurteilung in größerer Ruhe. Di« Truppenzurückziehung ginge sogar über die Wünsche de» Rates hin- au». In Mukden und Kirin seien nur noch Beobachtungsposten. Ein chinesischer Minister Hab« direkte Verhandlungen angeboten, die Japan angenommen habe. Dieser Vorschlag sei später zurück- gezogen worden, weil die Ereignisse sich geändert hätten. Nun könnten aber die direkten Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Er habe sich nicht mit den Maßnahmen de» Rate» zu de- fassen, deren Methoden könnten nach den Umständen wechseln. Aber vor allem müsse der Wille der Parteien geachtet werden. Im vorliegenden Falle würde der Rat nach seinem ganzen Charakter einen Akt der Klugheit begehen, wenn er eine verfrühte Einmischung vermeide, die vielleicht Gefahr laufe, eine Situation zu ver- schltmmern, die sich schon auf gutem Wege zur Besserung befinde. Sein« Regierung sei bereit, sofort in Berhandlungen zu einer wirk- lichen Lösung des Zwischenfalle» mit der chtnestschen Regierung«in- zutreten.— Demgegenüber wiederholte Sze-Chlna, daß China vertrauensvoll die Entscheidung in die Hände des Rates gelegt und daher Weisung gegeben habe, keinen Widerstand zu leisten. Daher habe jetzt Japan so groß« Gebiet« besetzt. China garantiere die Sicherhell der Japaner, wenn ihr« Truppen zurückgezogen würden. Der Rat habe geäußert, daß seine Schrille nur vorläufig seien. Er müsse nun durch sofortige Mahnahmen die Herstellung des statu» herbeiführen. China glaub«, das könne garantiert werden durch die Entsendung einer neutralen Kommission. Wenn sich Japan weiter diesen Rotwendigkellen widersetze. so verletze«s seine Verpflichtungen aus Artikel IS des Bölter- bundspaktes. Werde dieser Artikel angewandt, so habe der Rat nach festen Bestimmungen zu handeln. Sze wandte sich dann dem Dorschlag direkter Berhandlungen zu. Die private Unterhaltung Mischen einem chinesischen Minister und dem japanischen Gesandten über Verhandlungen Hab« am 13. September stattgefunden, als man noch einen lokalen Zwischenfall vermutete. Al» sich die chineflsch« Regierung von dem kriegerischen Einfall überzeugt hätte, Hab« sie auf die Mitteilung Japan», e» nehme die Entsendung einer chinesisch-japanischen Kommisfiou«wx geantwortet, jede Verhandlung sei jetz�oöllig ausgeschlossen. Zur allgemeinen lleberraschung erklärte plötzlich Lord Cecil, daß der Rat aus Grund des Artikels 11 au- gerufen worden sei. Cr könne daher die Erwähnung des Aelikets IS nicht verstehen, der nur In spezieller Prozedur an- gewandt werden könne. Der Rat habe nur die Erhaltung des Friedens im gegenwärtigen Zustande der Sache zu verhandeln. Rur dann könne die Regelung erfolgen. Diese Regelung des Zwischenfalls aber sei Sache der Parteien und er müsse flch darin völlig der Anschauung de» japanischen Vertreters an- schließen, et sei denn, daß andere Verpflichtungen der Schieds- gerichlsbarkell in Vetrachl kämen. Daher hätte der Rat die ersten Schritte getan. Roch vor Ihne» seien die japanischen Truppen teilweise zurückgezogen worden und befänden sich jetzt dauernd im Zustand weiterer Zurücknahme Das fei auch von Chinas Vertreter nicht bestritten worden. Ver Räftn-t wünsche die baldige völlige Zurückziehung der Truppen zur Erhaltung de» Friedens von beiden Seiten. Habe der Rat Zweifel an dieser Tatsache, s o müsse er weiter sehen, welche Schritte er unternehmen wolle. Wer bis hierhin habe der Rat seine Aufgabe der Erhaltung de» Frieden» voll und ganz erfüllt Ratspräsident Lerroux verlas abschließend eine Erklärung, wonach die Zurückziehung der Truppen begrüßt wird. An Japan wird der Appell gerichtet, sobald wie möglich alle Truppen zurückzuziehen, an China, die Sicherheit der Japaner zu garantieren. Der Rat wünsche laufend unterrichtet zu sein über die Maßnahmen beider Parteien und vertage die Aussprache über die Frage bis zu neuen Mitteilungen. * Dieser Ausgang ist unbefriedigend und enttäu». s ch e n d. Die Haltung Japans hätte eine schärfer« Zurückweisung verdient. Der Bertreter Chinas war durchaus im Recht, als er dieses Zurückweichen des Dölkerbundsrats beklagte. Die öffentliche Meinung der Welt wird die juristische Unterscheidungen des Lord Cecil zwischen einer Anrufung auf Grund des Artikels 11 und auf Grund des Artikels IS nicht begreifen, sondern nur die Tatsache sehen, daß e, dem Rat weder gelungen fft, ein bindendes Räu- mungsversprechen Japans zu erhalten, noch die japanisch« Regierung zu bewegen, ein« neutrale Untersuchungskommission an Ort und Stelle zu«ntsenden. Ueberdies ist die juristische Argumentation Cecil» höchst anfechtbar. Die Bereitwilligkeit Japans, direkt mll China zu verhandeln, wird durch die Tatsache entwertet, daß solch« Verhandlungen unter dem Druck einer militärischen Aktion erfolgen sollen. Es wäre gewiß übertrieben, von ektan völligen Verjagen des Völkerbundes in diesem Falle zu sprechen. Zweifellos hat das Eingreifen des Rates Japan zu gewissen, wenn auch ungenügenden Zugeständnissen veranlaßt. Die Gefahr einer kriegerischen Explosion ist jetzt zwar nicht gänzlich gebannt, aber doch stark veringert. Wenn es keinen Dölkerbung gäbe, dann stünde der Fern« Osten wahrscheinlich heute schon in hellen Flammen. Dennoch wird man den Eindruck nicht los, daß der Bölkerbund sich als noch. zu schwach erwiesen hat, um einer Großmacht seinen Wilten mif- zuzwingen. Krisenhaftes im Völterbundsrat. Genf. 2S. September.(Eigenbericht.) Im Nomen der nichtständigen Ratsmitglieder sprach der norwegische Außenminister Braadland dem Generalsekretär energische Bedenken über die Behandlung des mandschurischen Konflikt«, durch«ine Geheimtommission der vier ständigen Ratsmächt« und dem Präsidenten aus. Die nichtständigen Rats- Mitglieder befürchteten, daß damit ein P r ä z e d e n z f a l l geschaffen werde, daß gerade d!« wichtigsten Fragen der Erhaltung des Friedens ausschließlich durch ein Komitee der Großmächte behandelt werden. Er macht« ferner gellend, daß der gesamt« Rat nach den Bestimmungen des Pakts hie Verhandlungen zur Friedens- stcherung zu führen habe. Der Generalsekretär bestritt die Möglichkeit eines Präzedenzfalles, da es sich bei der Berufung der vier Großmächte nur um ein« vorübergehende Erleichterung für den Rat»präs>d«nt«n zwischen den Sitzungen des Rats durch «w Studienkomite« handle. Lohnerhöhung in Sowjeirußland? In Wirklichkeit durch Prämien gesteigerter Abbau. on Sowjetrußland, das muß man den derzeitigen Machthabern lassen, versteht man sich auf Reklame. Die Potemkinschen Dö.rfer sind eben mehr als eine historische Episode. Bdr einigen Tagen verkündeten die bürgerlichen Blätter, die das Privileg haben, eigene Korrespondenten nach Rußland zu schicken, daß auf Grund eines Beschlusses des Obersten Volks- wirtschaftsrats der Sowjetunion die Löhne im Kohlenbergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie oerdoppelt worden seien und täglich 13 Rubel betragen würden. Wir waren skeptisch. Ausgerechnet im Kohlenbergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie, wo die Arbeitsleistung nach den Mit- teilungen desselben Obersten Volkswirtschaftsrates st ä n d i g zurückgegangen und, nach dem Sollstand des Mnfjahrplans, am niedrig st en von allen Industrien ist? Ausgerechnet hier eine Erhöhung, ja, eine Verdoppelung der Löhne? In Wirklichkeit sind die bürgerlichen Berichterstatter, die in Lohn- und Arbeitsfragen meist von einer entwaffnenden Ahnungs- lostgkeit sind, einem würdigen Ikachsolger polemkins gründlich aufgesessen. Dafür zeugt folgende Meldung des Oft- Expreß aus Moskau: „Das Organ des Obersten Volkswirtschaftsrats der Sowjetunion, „Sa Industrialifaziu"', beleuchtet in einem Leitartikel die Bedeutung der soeben im Kohlenbergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie erfolgten Lohnerhöhungen. Das Blatt weist darauf hin, daß diese beiden wichtigsten Zweige der Sowjetindustrie mehrere Monate hintereinander die Voranschläge systematisch nicht durchführen. Dies erkläre sich durch eine„chaotische Organisa- tion der Arbeit, die schlechte technische Leitung und das zur Routine gewordene Lohnsystem". Das Lohnniveau im Sohlenbergbau und in der Eisen- und Stähl. induslrie sei niedriger als dasjenige in weniger wichtigen Industriezweigen. Im ersten Halbjahr 1932 lagen die Durchschnittslöhne im Kohlen- bergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie beispielsweise' unter denjenigen in der Gummiindustrie und in der Lederindustrie, die Lohngleichmacherei(!� h. die Lohndrückerei) habe dazu geführt, daß weder die Qualifikation der Arbeiter noch die Schwer« der Arbeit bei der Lohnfestsetzung berücksichtigt wurden. Diese„Linksabirrung" habe sich in den Eisen- und Stahl- werken und in den Kohlenschächten bereits seit Jahren einge- n i st e t. Das neue Lohnsystem beruhe auf dem Grundsatz 5er größtmöglichen Stimulierung der quantitassven und qualitativen Arbeitsleistung. Wenn bisher ein Arbeiter der achten Kategorie(höchste Lohnstufe) in den Eisen- und Stahlwerken 6,50 bis 7,25 Rubel täglich verdiente, so wird er jetzt bei einer lOOprozentigen Durchführung des Voranschlags 13 Rubel täglich erhalten. Die Erhöhung der Löhne sei kein„mechanischer Zuschlag", sondern ein mächtiger Hebel zur Durchführung und Ueberschreitung der produktionsvoronschläge. Dies find« seinen Ausdruck darin, daß die Löhne sich besonders hoch bei einer Durchführung und Ueberschreitung der Vor- anschlüge stellen. Das Prämiensystem für besonders hohe qualifizierte Leistungen müsse die breiteste An- Wendung finden. Endgültig gebrochen werde mit dem unsinnigen System, bei dem der Arbeiter einen garantierten Lohn bei Feierschichten erhalte, der in einigen Fällen sogar höher als der eigentliche Arbeitslohn sei. Große Bedeutung hätten auch die Ge- hallsherauffetzungen beim ingenieurtechnischen Personal. Die In- genieure und Techniker würden von jetzt ab Prämien nicht nur an Festtagen und Jubiläen, sondern regelmäßig von Monat zu Monat entsprechend ihren Leistungen erhalten. Dieses materielle Interesse des ingenieurtechnischen Personals an der Durch- führung des Produktionsvoranschlags sei von größter Bedeutung." Also nach dem Organ des Obersten Volkswirtschaftsrates sind die Löhne in der Eisen- und Stahlindustrie und im Kohlenbergbau niedriger als in anderen Industrien, wo die Arbeit eine weniger schwere ist. Die„Lohnerhöhung" ist in Wirklichkeit„kein mechanischer Zuschlag", also nicht eine Erhöhung der Akkordsätze oder der Stunden- löhne. Nur wenn die Arbeit qualitativ und quantitativ das Soll erreicht und überschreitet, nur dann soll der angebliche Nor- mallohn von 13 Rubel bei den höchstqualifizierten Arbeitern erreicht werden. Also, um es ganz nüchtern zu sagen: Verdoppelung des Lohnes bei verdreifachter Leistung. Gleichzeitig wird das bei der Reichsbahn beliebte, beim Personal aber als Korruptionssystem berüchtigte System der Prä- mien für das leitende Personal eingeführt. Je höher die Leistung der Arbeiter, desto höher ist der Lohn der leitenden Angestellten. Anders ausgedrückt: die leitende Angestellte wird gegen klingende Münze zum Antreiber gemacht. Dieses System ist nicht neu. Es ist der Rumpelkammer des kapitalistischen Systems entnommen, auf das mit Vorliebe die Scharfmacher aller Nationen zurückgreifen. N e u ist nur, daß dieses System, dank der bürgerlichen Presse, von Moskau aus als der Triumph des bolschewistischen Fortschritts angepriesen wird. Verordnung vom 5. Juni waren nur solch« Betriebe berechtigt, deren Aktienkapital sich zu mindestens 50 Proz. im Besitz der öffentlichen Hand befindet. An dem Aktienkapital der Bewag ist die öffentliche Hand jetzt aber nur noch zu 33'/, Proz. beteiligt. Die Bewag fand aber einen Weg, um die Notverordnung vom 5. Juni für ihre Angestellten mittelbar anzuwenden. Sie stützte sich dabei auf die Einleitungsbestimmung des Tarifver» träges, in der es heißt, daß sich die Gehälter der Bewag-Ange- stellten entsprechend den Gehältern der Beamten der Stadt Berlin zusammensetzen und Aenderungcn in den Besoldungsoer- hältnisscn der Beamten ohne weiteres auf die Angestellten der Bewag übertragen werden können. Auf Verlangen des Reiches erhob die Bewag die für die nichtöffentlichen Arbeiter vorgc-- schriebene Krisen st euer von ihren Angestellten, kürzte aber außerdem noch die Gehälter auf Grund der Präambel des Tarif« Vertrages. Waren die Bewagangestellten schon über diese ihrer Auffassung nach ungerechtfertigte doppelte Belastung ungeheuer empört. so sind sie es jetzt um so mehr, als einem erheblichen Teil von ihnen durch die Beanstandung der Berliner Beamtenbesoldung neue Gehaltsabzüge drohen. Genosse Zeitz vom ZdA., der gestern in einer überfüllten Vollversammlung der Bewagangestellten in den Germaniasälen diese Maßnahmen der Bewag kritisch beleuchtete. stellte der Versammlung anHeim, eine der freigewerkschastlichen Ver- trogsorgonisationen zu beauftragen, eine F e st st e l l u n g s k l a g e anzustrengen, ob die Bewag zu den am 1. Juli gemachten Abzügen. sowie zu den neuen Abzügen am 1. Oktober auf Grund der Be» soldungsbeanstandung berechtigt ist. Ein dementsprechender Antrag aus der Mitte der Versammlung wurde gegen 3 Stimmen a n g c» n o m m e n. Lohn- und Nechisabbau bei Beamien. Die Gegenaktion der freien Gewerkschaften. Eine Konferenz der freien Gewerkschaften der Kommunal- beamten Berlins(Reichsgewerkschaft Deutscher Kommunalbeamten, Eesamtverband, Butab, Deutscher Werkmeisteroerband) nahm am Donnerstagvormittag zu der neuen Notverordnung und ihren Aus- Wirkungen auf die Berliner Beamten und Angestellten Stellung. Es wurde beschlossen, an die sozialdemokratische Stadtverordneten- fraktion heranzutreten, damit diese sich im Stadtparlament gegen eine erneute Nachprüfung und Verschlechterung der Berliner Bcsol- dungsordnung wende.(Der von der sozialdemokratischen Stadtver- ordnetenfraktion eingebrachte und mit Mehrheit angenommene Dringlichkeitsantrag ist von uns in der Freitagmorgenausgabe ver- öffentlicht worden. Gleichzeitig soll versucht werden, im selben Sinne auf den Oberbürgermeister und den preußischen Innenminister einzuwirken. Ueber die erbitterte Stimmung und die fortschreitende Radikalisierung der Beamten und Angestellten gab eine am selben Tag stark besuchte Funktionäroersammlung der Reichsgewerkschaft Deutscher Kominunalbeamten Aufschluß. Die Funktionäre aus den Verwaltungen und Betrieben wandten sich mit großer Schärfe gegen die neuen Gehaltskürzungen und die durch die preußische Sparoerordnung eingeleitete Zertrümme- rung der Rechtslagen des Berufsbeamtentums. Von den gewerkschaftlichen Spitzenorganisationen wurden ver- schärfte Kampfmaßnahmen gefordert, nachdem die bis- herigen Proteste und Verhandlungen mit den Behörden ohne Wirkung geblieben sind. Ltm die Löhne der Wachangestellien. Sichern Elendslöhne den Besch? Der Tarifvertrag für die Wachangestellten Groß-Berlins vom Jahre 1929 ist allgemeinverbindlich seit Januar 1930. Eine Lohn- erhöhung, obwohl sie besonders für Separatwächter notwendig ge- wesen wäre, ist inzwischen nicht verlangt worden. Die Monats- löhne der Separatwächter betragen 180 Mark. Die Abzüge betragen 35 bis 40 Mark einschließlich Fahrgeld. Diese Löhne sollen jetzt zu hoch sein. Die Wachzentrale des Westens, Wachgesellschaft für Berlin und Nachbarorte und einige andere Gesellschaften haben zum zweiten- mal die Aushebung der Allgemeinverbindlichkeit beantragt. Die treibende Kraft ist der Geschäftsführer der Wachgesellschaft siir Berlin und Nachbarorte, Rechtsanwalt Hanel. Dieser Herr war stets schon ein Gegner des Tarifvertrages, den er umgangen hat wo er nur konnte, so daß er öfter zum Arbeitsgericht kommen mußte. Herr Hanel sucht sein Ziel beim Rcichsarbeitsministetium. dem Tarifvertrag ein Ende zu bereiten, durch die Argumentation zu erreichen, wenn schlechtere Löhne gezahlt werden können und die Arbeitszeit nicht tariflich festgelegt ist, könnten mehr Wächter beschäftigt werden. Das ist unzutreffend. Selbst alte Geschäfte müssen vielfach ihre Pforten schließen, und Herr Hanel, der sich be- sonders auf Baubewachungen einstellt, weiß, daß diese jetzt mehr und mehr überflüssig werden. Aber den Herrn plagen„die hohen Wächterlöhne", tfer Urlaub und die drei freien Tage. Sie schmälern seinen Profit. Bei verkürzten Löhnen würde nicht ein einziger Wächter mehr eingestellt. Im Gegenteil, die Herren würden oben- drein noch die Arbeitszeit verlängern, um noch mehr Wächter ab- zubauen. Schlecht bezahlte Wächter sind für die Bewachung wertlos, unter Umständen sogar gefährlich. Die Abonnenten müssen immer- hin eine gewisse Gewähr haben, gegen Diebstahl geschützt zu sein, die elend bezahlte Wächter mit überlanger Arbeitszeit nicht bieten können. Das Reichsarbeitsministerium wird hoffentlich den Antrag der kleinen Gesellschaften glatt ablehnen. Vereinbarung für Giraßenbahner. In dem Lohnstreit der r h e i n i s ch- w e st f ä l i s ch e n Straßenbahnen wurde am Donnerstag zwischen den Parteien eine Vereinbarung getroffen, wonach die Löhne ab 1. Oktober um 4 Proz. gesenkt werden: das Hausstandsgeld wird weiter- gezahlt. Die Unternehmer hatten 10 Proz. Lohnabzug und den Fortfall des Hausstandsgeldes verlangt. Die Vereinbarung läuft bis zum 1. März 1932. t Freie Gewerkfchafts-Lugend Verlin Heut«, Sonuabind: Bibli»the«»k«»misst»a: Sitzung im Gewerlschaft»- kau», Zimmer 26.— Gruppe Südwesten: Sitzung im Gewertschaftshau», Zimmer 42.— Morgen Sonntag: Fahnenträger, Funktionäre: Um Uhr Treffen im Clou, Mauerstr. 42. Zutritt nur mit Teilnehmerkarte.— Iugendvorstelluna der Volksbühne am Sonntag, 11. Oktober. Karten zum Preise von 80 Pf. in der Iugendzentral« erhältlich. fä Lugendgruppe des Zentralverbandes der Angestellten Achtung! Morgen, Sonntag, beteiligen sich alle Iugendmitglieder am Herbsttreffen in Zossen. Verantwortlich kür Politik: Vietor Schiff! Wirtschaft: G. Klingelhöfer! Dcwerklchaftsbeweguna: 5 Steiner: Feuilleton: Dr. John Schitowski: Lokale» und Sonstiges: Fritz Karftädt: Anzeigen: Th Glocke: sämtlich in Perlin. Berlag: Vorwärts-Perlaa G. m. b. H.. Berlin. Druck: VorwSr!»-Buchdruckeret und Verlaasanstalt Paul Singer u. Co. Berlin EW 68. Linbensrrah« 6. Hier» 2 Beiloge». Statistik als Lohndruckmittel. Das Statistische Veichsarnt Hilst dabei. 5- Uns wird geschrieben: Vor längerer Zeit ging das Statistische Reichsamt daran, der Tariflohn st atiftik eine breitere Grundlage zu geben. Alles schien in bester Ordnung. Da plötzlich erhoben die Texülfabrikanten Einspruch gegen die Einreihung der Textilarbeiter (Spinner und Weber bzw. Wirter und Stricker) unter die Rubrik der Facharbeiter. Nach Meinung der Syndizi sind die Textil- orbeiter nicht Facharbeiter, sondern nur angelernte Arbeiter. In einer Besprechung, die im Statistischen Reichsamt unter Zuziehung von Vertretern der Unternehmer und Arbeiter stattfand, konnte eine Einigung darüber nicht erzielt werden. Nun hat das Statistische Reichsamt die Tariflohnstatistit auf der neuen, breiteren Grundlage zum ersten Male veröffentlicht („Wirtschaft und Statistik", 1. Septemberheft 1931). Dabei hat der Einspruch der Textilsabrikanten so gewirkt, daß die Statistik ein abschreckendes Beispiel dafür geworden ist, wie eine Statistik nicht sein soll. Man hat nämlich„der besonderen Schwierigkeiten" wegen die Frage offen gelassen, ob die Spinner und Weber unter Facharbeiter oder angelernte Arbeiter einzureihen sind. So bietet denn die Statistik dem Betrachter die Kuriosität, daß die Textilarbeiter mit gleichen Lohnsäßen sowohl unter„Facharbeiter", als auch unter„angelernte Arbeiter" erscheinen. Bei der Durchschnittsbcrechnung hat man dann nach dem Rezept„Man nehme..." die Textilarbeiter zu jeöü Proz. unter „Facharbeiter" und„angelernte Arbeiter" berücksichtigt. Man wäre versucht, über diese Art„Statistik" sich lustig zu machen, wenn nicht ein biterer Ernst dahinter stecke. Das Ziel der Unternehmer ist klar. Sie wollen dadurch, daß sie die Textil- arbeiter nur als angelernte Arbeiter gelten lassen wollen, ver- hindern, daß die niederen Löhne der Tcxtilfacharbeiter in der amtlichen Stat�tik mit den bedeutend höheren Löhnen der Facharbeiter anderer Industrien oerglichen werden. Sie wollen die Gleichstellung der Textilfacharbeiter mit den ange- lernten Arbeitern der anderen Industrie, um so die niederen Lohn- sätze der Textilarbeiter zu oe r s ch l e i e r n. Es wirft auf das Statistische Reichsamt kein gutes Licht, daß es die Einwände der Arbeiter, unter deren Michilfe in vielen Vorbesprechungen(in denen die strittigen Gruppen ganz selbstverständlich als Facharbeiter galten!) die Grundlage für die neue Statistik überhaupt erst geschaffen wurde, außer Betracht ließ. Dagegen brauchten die Unternehmer nur zu fordern, um beim Statistischen Reichsamt weitestes Entgegenkommen zu finden. Die Vermutung liegt nahe, daß eine gewisse Lächerlichmachung der amtlichen Statistik ganz im Sinne der Syndizi lag. Dann allerdings haben die Herren vom Statistischen Reichsamt sich selbst einen Bärendienst erwiesen. Sehr oft schon haben die Unternehmer und ihre Syndizi in Gesprächen zugegeben, daß heute die Textilarbeiter geradezu Künstler ihres Fachs fein müssen. Kein Fabrikant, der wirklich Ein- blick in das Getriebe der Textilindustrie hat, wird behaupten können, daß ein Arbeiter, der berufsfremd in die Textilindustrie kommt, nach sechs, acht, zehn oder zwölf Wochen(wie es die Syndizi be- haupten) in der Lage ist, sechs oder acht gewöhnliche Webstühle oder bis zu vierzig Automatenwebstühle zu bedienen, oder ein Stück hoch- wertigen Herrevstosfes zu weben. Wir empfehlen den Herren Syndizi,«s einmal salbst zu vovrsuchen! Es ist eine bekannte Tatsache, daß gerade aus der Textilindustrie in Zelten guter Konjunktur immer Notrufe kommen über Mangel an Facharbeitern. Wo bleibt da die Logik? Wenn es sich nämlich bei den Textil- arbeitern wirklich nur um angelernte Arbeiter handelte, dann Müßte es der Jndustri« doch ein Leichtes sein, den Facharbeiter- Mangel durch Anlernen von ungelernten Arbeitern in kurzer Zeiß zu beheben. Wozu dann das dauernde Klagen? Wozu dann auch der Aufwand für die L e h r w e r k st ä t t e n, die in größeren Be- trieben eingerichtet wurden? Das alles zeigt doch recht deutlich, daß für die Fabrikanten bei ihren Forderungen loh�- politische Momente ausschlaggebend waren. Um so mehr muß das Nachgeben des Statistischen Reichsamts Entrüstung hervorrufen. Die Textilarbeiterschaft verlangt, daß ent- sprechend der Wertigkeit ihrer Arbeit die strittigen Gruppen als Fachorbeiter, auch in der amtlichen Statistik anerkannt werden! Sie verlangt weiter, daß die amtliche Statistik nicht zu einem H i l f s- mittel der l o h n p o l i t i s ch e n Maßnahmen der Textilsabrikanten herabgewürdigt wird l Fülifiagewoche und Veichsregierung. Man wartet noch ab. Das Wolfsbüro teilt mit: Der Reichsrat hat in seiner Sitzung om Donnerstag die Durchs ührungsbe st immungen zur Einschränkung der Arbeitszeit angenommen, die von der Reichsregierung auf Grund der ihr durch die Notverordnung vom 5.?;uni verliehenen Ermächtigung zur Arbeitszeitverkürzung zu er- lassen sind. Er handelt sich dabei um allgemeine Bestimmungen zur Durchführung dieser Ermächtigung, die maßgebend sind für die nun zu erlassenden Einzeloerordnungen über Arbeitszeitoer- kürzung in bestimmten Gewerbezwcigen oder Gruppen von Arbeitnehmern. Die Durchführungsbestimmungen behandeln die in der Notverordnung vorgesehenen Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung, nämlich die Verkürzung der regelmäßigen Arbeitszeit unter 48 Stunden wöchentlich und die Genehmigungspflicht für die in Tarifverträgen zugelassene Mehrarbeit über- 48 Stunden. Sie regeln be- sonders die Einwirkung von Einzeloerordnungen der Reichsregierung cuf die bei ihrem Erlaß schon bestehenden Tarifverträge und geben dem Arbeitgeber das Recht, den Lohn entsprechend der Arbeitszeitverkürzung herabzusetzen. Ferner wird das Ver- fahren bei der Genehmigung tarisvertraglicher Mehrarbeit und die Zuständigkeit der Behörden geordnet. Zur Zeit schweben mit einer Anzahl von Gewerbezweigen Verhandlungen über eine frei- willige Arbeitszeitverkürzung. Es ist zu hoffen, daß sie durch die Durchführungsbestimmungen gefördert werden. Je nach dem Ergebnis wird, soweit erforderlich, mit Einzeloerordnungen für diese Gewerbezweige vorgegangen werden. Ist die Bewag ein öffentlicher Betrieb? Eine FeststellungsNage der Angestellten. Die Beanstandung der Berliner Beamtenbesoldung hat auch eine ungeheure Empörung hervorgerufen unter den A n g e st e l l t e n der Bewag, die früher ein rein öffentliches Unternehmen war und feit dem 1. Mai eine vorwiegend privatkapitalistische Aktien- gesellschaft ist. Zu der Kürzung der Gehälter am 1 Februar d. I. entsprechend der Notoerordnung vom Dezember v. I. um 6 Proz war die damals noch rein öffentliche Bewag zweifellos berechtigt. Anders lag jedoch die Situation am 1. Juli, als quf Grund der Notoerordnung vcm 5. Juni ein neuer Abbau der Gehälter der öffent- lichen Beamten und Angestellten um 4 bis 7 Proz. erfolgte und die nichtöffentlichen Arbeitnehmer mit der K r i s e n st e u e r be- lastet wurden. Zu dem Abbau der Gehälter, entsprechend der Not-] 2. Beilage des Vorwärts Nr 451- 48. Jahrgang IJOOb ftö Sonnabend 26 September 1931 Die Lleberwindung des Krieges. Deutsch-französische Interessengemeinschaft als Vorbedingung. Mlclfit nur ein neues AulentoMi „Solange nicht die Vezichongea zwischen Deutschland und den anderen europäischen Mächten aus der Grundlage sreund- schastlichen Zusammenarbeilens und gegenseitigen Vertrauens beruhen und dadurch eine wesentliche Ursache innerpolitischer Schwierigkeilen sür Deutschland beseitigt wird, ist keine Gewähr für einen dauernden und friedlichen wirtschaftlichen Aortschritt gegeben." (Aus dem Bericht der Baseler Finanzsachverständigen, Mitte August 1SS1.) Deutlicher als die vorhergegangenen Jahre haben die zwölf Monate, die seit der letzten Reichstagswahl oerstrichen sind, der Oeffentlichkeit der Welt gezeigt, daß das deutsch-franzSjische Bor- hältnis das zentrale Problem ist, voi, dessen Lösung oder Nichtlösung der wirtschaftliche und politische Frieden der Welt ab- hängt. Der Gegensatz beider Völker hat die Perioden Ludwigs XIV. und Napoleons, des zweiten französischen Kaiserreichs und des Krieges 1870/71, den Weltkrieg und auch den Ruhrkrieg über- dauert. Das Problein ist im Laufe der Jahre immer dringlicher geworden. Es geht heute nicht nur die beiden Völker allein an, sondern erschüttert angesichts der gesteigerten internationalen Ver- flechtungen heute den ganzen Erdball. Eine annehmbare Lösung de» Kriegsschulden- und Reparalioasproblems, ein« umfassende internationale Aktion zur lleberwindung der Krise, ein sichtbarer Erfolg in der Abrüstungsfrage ist unmöglich ohne Bereinigung des politischen und wirtschaftlichen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich. Heute ist die ganze Welt an einer Lösung dieses zentralen Pro- blems interessiert. Das privatkapitalistische Interesse hat es ver- standen, seit Iahren gewisse Gemeinschaftsorganisationen zwischen deutschen und französischen Industriegruppen zu schaffen, ohne dah ober damit eine allgemeine wirtschaftliche Interessengemeinschaft zwischen den beiden Völkern zustande kam, die geeignet gelvesen wäre, das Feld der politischen Gegensätze zu bereinigen. Seit 192S kamen schon einige bedeutsam« deutsch-französisch« Interessengemeinschastsverträge zustand«. So schloß sich die Kali- industri« beider Länder zu einem iuternalionalen Syndikat mit der Macht eines Wellmonopols zusammen. Die Teerfarbenindustrien Deutschlands und Frankreichs unterzeichneten gleichfalls einen weitgehenden Interessengemein- schastso«rtrag. Die internationale Rohstahlgemeinjchaft. die in ihrem Kern eine deutsch-französtsche Zusammenarbeit dar- stellt, kam 1925/26 zustande und hat bisher alle Krisenstürme über- dauert, was für die Bedeutung, die beide Partner diesem Kartell beimessen, äußerst bezeichnend ist. Auch bei einer Reihe weiterer internationaler Kartelle— Schienen, Stickstoff, Aluminium und Glühlampen— kam ein enges deutsch-französisches Einvernehmen auf wichtigen wirtschaftlichen Spezialgebieten zum Ausdruck. Don besonderer Bedeutung war der deutsch-französtsche handelsverkrag, der nach langen Schwierigkeiten im August 1927 zustande kam. Dieser Vertrag hat für den deutsch-ftanzösischen Warenhandel in den letzten Iahren einen großen Aufschwung mit sich gebracht, woraus die Exportindustrie aus beiden Seiten bedeutenden Nutzen ziehen konnte. Die Vorschläge, die der französische Ministerpräsident Laval dem Reichskanzler Dr. Brüning machte und noch nahelegen wird, sind zwar im einzelnen noch nicht bekannt, werden sich aber in der Linie eines Ausbaus dieser Zusammenarbeit bewegen. Neben den großen syndikatsmäßigen Zusammenschließungen wich- tiger Industriegruppen kann auf zahlreich« Transaktionen kleineren Formats verwiesen werden, auf den Abschluß vieler Lizenz- und Patentverträg«, auf die gemeinsame Gründung von Industrie-, Handels-, und Bankgesellschaften. Man kann aus all diesen Be- ziehungen, wo zwischen beiden Völkern in voller Gleich- berechtigung, ohne Anwendung von irgendwelchen Gewalt- Mitteln, ohne einseitige Ausnutzung politischer oder wirtschaftlicher vorteile, gegenseitige Bindungen eingegangen sind, folgern, daß beide Teil« sichtbaren Nutzen daraus gezogen haben. Diese Erscheinungen bezeugen, daß es keine Illusion ist, wenn man eine eng« wirtschafllich« Verflechtung Deutschlands und Frankreichs für möglich hält und eine solche Eirtwicklung a l s Grundlage für eine weitergehende Verständigung auch auf poli- tischem Gebiet betrachtet. Eine deutsch- französische Zollunion ist freilich ein Ziel auf lange Sicht, nicht nur weil man m Frankreich allgemein bei einer restlosen Beseitigung der deutsch-französischen Zollgrenze die Ueberlegenheit der deutschen Industrie fürchtet, sondern auch, weil gerade im Zusammenhang mit der Krisenverschär- fung in Frankreich wie in allen Ländern» ein verstärkter Protektionismus in Form von Einfuhrverboten, Einfuhrbeschränkungen und Zollerhöhungen zu beobachten ist. 2lber ein teilweiser Abbau der beiderseitigen Zoll- schranken ist ebenso möglich wie eine syndikatsmäßige Zusammenfassung einer Reche deutscher und französischer Industrie- gruppen: Die Franzosen denken hierbei hauptsächlich an die Textil- industrie, die Glasindustrie und den Steinkohlenbergbau. Die gemeinsame Verwertung französischer Erze und deutscher Kohl« ist in beiden Ländern ein alter Diskussionsgegenstand. Ein Energieaustausch zwischen beiden Staaten, begonnen mit einer gemeinsamen Ausnutzung der Wasserkräfte des Rheins unter Schaffung gemeinsamer Großkraftlinien, kann die rationelle Stromversorgung des europäischen Kontinents sehr fördern. Eine stärkere Heranziehung der deutschen Industrie zur Entwicklung der reichen französischen Kolonien würde sür beide Teile wirtschaftlichen Gewinn auf lange Sicht bringen. Ist Deutschland noch immer der bei weitem wichtigste Industriefaktor des europäischen Kontinente, so hat sich Frank- reich wieder zu einer Finanzmacht ersten Ranges entwickelt und Ist in der Lage, Kapitalien von gewaltigem Umfang außerhalb seiner Grenzen anzulegen. Von französischer Seite wurde im vergangenen Jahr die Zähig- keit Aronkreichs. Kapital zu exportieren, aus etwa 1% bis 2 Milliarden Mark jährlich geschätzt. Nur ein geringer Teil dieser Riesensumme ist tatsächlich nutz- bringendverwertet worden. Der weitaus größte Teil wurde, nutzlos für Frankreich und für die übrige Welt zum Schaden, in Form von Gold in der Bank von Frankreich aufgestapelt und ge- hortet. Sofern Kapitalien in größerem Umfang exportiert wurden. geschah es im Rahmen einer engherzigen Machtpolitik; durch Vergebung großer Staatsanleihen soll die politische Vorherrschaft Frankreichs über eine Reihe osteuropäischer Länder erweitert und aufrechterhalten werden. Man wird die französischen Kapitalien nicht nach Deutschland bringen können, solange die politische und wirtschaftliche Unsicherhell in Deutschland anhält. Schließlich kann der französische Ministerpräsident den Ka- pitalgebern seines Landes nicht raten, Kapitalanlagen zu machen, deren Risiko niemand übernehmen will. Aber selbst, wenn die Dinge anders liegen würden und die französischen Kapitalgeber Deutschland als Anlagemarkt betrachteten, so wäre ein wahlloses Eindringen französischen Kapitals nicht ohne weiteres er- wünscht: auch hier müßte sich die Entwicklung im Rahmen einer von beiden Teilen gewünschten planmäßigen Zusammen- arbeit vollziehen. Es fehlt also keineswegs an gemeinsamen Arbeitsmöglichkeiten. Di« Zeit, den Weg für große Pläne zu öffnen, ist dringlich, denn es handelt sich heute für beide Länder und darüber hinaus für den ganzen Erdtell nicht mehr um die Frage, ob ein solches Zusammen» wirken zweckmäßig ist, sondern darum, daß die Existenz Europas bedroht ist, wenn eine solche Zusammenarbeft nicht zustande kommt. Der deuisch-sranzöftsche Handel Anhaltender Ausschwung seit vier Jahren. Die enge Verbundenheit und glückliche Ergänzung der deutschen und französischen Volkswirtschaft zeigt sich am deutlichsten in der Entwicklung des Handelsverkehrs dieser beiden Nachbar- länder. Seit dem Abschluß des deutsch-französischen Handelsvertrages vom August 1927, der als einer der b e st e n A k t i v p o st e n in der europäischen Handelspolitik der Nachkriegszeit gelten kann, hat der Warenaustausch zwischen Deutsch- land und Frankreich eine anhaltende kräftige Steigerung erfahren. Wie die Tabelle zeigt, nahm Frankreich im Jahre 1927 erst ö.7 Proz. der Gesamtausfuhr Deutschlands auf, erhöhte diesen Satz im folgenden Jahr auf S,8 Proz., im nächstfolgenden Jahr auf 6,9 Proz., um 1930 den Höchststand von 9,5 Proz. zu erreichen Da Frankreich von der Weltwirtschaftskrise noch Verhältnis- mäßig am wenigsten betroffen wurde, hielt sich bi» zum August 1931 der französische Anteil an der Auftiahme des deutschen Gesamt- cxportes auf 9,3 Proz. Andererseits prägt sich dl« Beliebtheit, die bestimmte französische Erzeugnisse auf dem deutschen Inlands- markt genießen, darin aus, daß Frankreichs Anteil an der deutschen % Anteil an der Em-«. Ausfuhr DeutscKlaiwk i Ein f uKr 8 A usf uKr _1_ L. 1913 KS 46 K? KS 49 30 1931 Einfuhr, der 1929 erst 43 Proz. betrug, im darauffolgenden Jahr auf rund S Proz. sich erhöhte und bis zum August d. I. 5, 4 P r o z. erreichte Dies bedeutet mit anderen Worten, daß der fron- zöfifche Import nach Deutschland von der starken Einfuhr- drosielung infolge des anhaltenden Rückganges der innerdeutschen Kaufkraft weit weniger betroffen wurde als andere Ein- fuhrländer, da es auf dem Höhepunkt der deutschen Krise vom Januar bis August 1931 seinen Antell an der deutschen Gesamt- einfuhr um fast 10 Proz. steigern tonnte Noch der französischen Statistik war die französische Handels- bllanz mit Deutschland 1928 im ersten vollen Jahr« nach dem Der- tragsabschluß mit 722 Millionen Franken(1 Franken--- 16 Pfennig) für Deutschland passiv(Mehreinsuhr). 1929 aber bereits mit 1800 Millionen Franken für Deutschland aktiv(Mehraussuhr), und 1930 erreichte nach der französischen Statistik die Aktivität der deutschen Handelsbilanz im deutsch-französischen Warenverkehr sogar 3700 Millionen Mark. Diese französische Statistik erfordert aller- dings eine gewisie Klarstellung, da in ihr keine Trennung der freien deutschen Exporte und der Sachlieferungen auf Reparationskonto vorgenommen ist. Die Sachlieferungen im Rahmen der Reparations- Zahlungen lasten sich aber natürlich nicht als reinen Aktivposten der deutschen Handelsbilanz bewerten. Die deutsche Statistik errechnet folgende Entwicklung des deutsch-französischen Außenhandels: D»»tlch«r Ausfuhr- d,w. Einfuhr. Deutscher Aussuhr- bzw. Einfuhr- Lderfchusi ohne Sachlieferuugeu Überschuh mit Sachlieferuugeu 1928...—550 Mill. Mark—153 Mill Mark 1929...- 255..-s- 232. 1930...-f- 1S5„«-4- 635. Nimmt man also die Sachlieferungen heraus, so zeigt sich, daß Frankreich von der verstärkten Intensität des deutsch-französischen Handels gleichfalls in großem Umfange profitiert hat. Es ist dringend zu hoffen, daß die jetzt auch in Frankreich steigende Welle des Hochschutzzolles und der Einfuhrbeschränkung keineTrübung der Handelsbeziehungen beider Länder mit sich bringt. Im Gegenteil liegen bei dem gegenseitig vorhandenen Volkswirt- schaftlichen Interesse am Güteraustausch beider Länder noch große Äöglichkeiten für einen weiteren Ausbau dieser Beziehungen vor. Dies« Möglichkeiten auszunutzen und hierfür den Weg zu ebnen ist eine Aufgabe, deren Lösung im Rahmen der deutsch- französischen Ministerbesprechungen dieser Tage liegt. Bankbilanzen für August. Verringerte Abzüge.— llmlagervng der Guthaben. Im August, nach Wiedereröffnung der Bankschalter, sind die Wztehungen bei den sechs Berliner Großbanken erheb» lich geringer gewesen als in den beiden Vormonaten. Der Ein- läge»bestand ist von 8167 Millionen Mark Ende Juli aus 8060 Millionen Mark Ende August, also um 107 Millionen Mark zurückgegangen. Im Juli betrug der Rückgang der Einlagen mit 1100 Millionen Mark mehr als das Zehnfache. Die Abziehungen beschränkten sich im August fast ganz auf die Danatbank mit 65 Millionen Mark und auf die D r e s d n e r Bant mit 56 Mit- lionen Mark: der Rückgang bei der Deutschen Bank und Diskonto- gesellschaft um 10 Millionen Mark macht noch nicht einmal 0,3 Proz. aus. Di« andern drei Großbanken aber(Commerzbant, Reichs- kreditgesellschast, Berliner 5)andelsgesellschaft) hatten einen Ein- logenzuwachs zu oerzeichnen, so daß also eine Umlagerung der Bankguthaben stattgefunden hat. Der Rückfluß der ausgeliehenen Gelder, der Debitoren- Abbau, ist immer noch nicht stärker geworden. Der Stand der Debitoren hat sich nur von 5484 aus 5432, also um 61 Mil- lionen Mark oder um 1 Prozent, gesenkt. Verhältnismäßig stärker war der Rückgang der Effektenkredite(Reports und Lom- bards), die sich von 264 auf 216 Millionen Mark ermäßigten, und der Rückgang der Warenvorschüsse(von 1599 auf 1467 Millionen Mark). Das Verhältnis der flüssigen Mittel zu den Ver- pflichtungen, das über die Z a h l u n g- b e r e i t s ch akt. hat sich verbessert, mit Ausnahme der Danatbank und der Dresdner Bank. Die Abzüge bei den 18 Staats- und Landesbanken waren mit ebenfalls 107 Millionen Mark(Kreditoren 1692 gegen 1799 Millionen Mark) verhältnismäßig stark. Hier hat aber auch ein durchgreifender Debitorenabbau von 1223 auf 1079 Mil- lionen Mark stattgefunden. Wie zu erwarten war, hat sich der Einlagenbestand der Giro- zentralen, die die flüssigen Mittel der Sparkassen perwalten, nach Freigabe des Sparkassenverkehrs, sehr stark, von 2613 auf 2149 Millionen Mark ermäßigt. Um diese gewaltige Summe von 466 Millionen Mark an die Sparkassen zahlen zu können, mußten die Girozentralen auf die Reichsbank zurückgreifen: die Akzeptoerpflichtungen erhöhten sich von 23 auf 333 Millionen Mark und die Verpflichtungen aus weiter b e- gebenen Wechseln(Indossamente) von 214 auf 310 Millionen Mark. Darin kommt zum Ausdruck, daß die Not der Zeit weite Kreise der Bevölkerung zwingt, ihre Sparguthaben abzuheben. Man muß anerkennen, daß es den Sparkassen und Girozentralen gelungen ist, den starken Ansprüchen gerecht zu werden. LG.-Verirag Miielflahl-Maxhütie. Jakob Goldschmidt„wirkt" wieder! In der Generalversammlung der Eisenwerk-Gesell- schaft Maximilianshütte, Rosenberg(Oberpfalz), und der Mitteldeutschen Stahlwerke A.-G., Berlin, wurde der Abschluß des Jnteressengemeinschaftsvertrages genehmigt. Dieser Vertrag wird auf zwanzig Jahre abgeschlossen: ein aus Mit- gliedern beider Aufsichtsröte gebildeter Ausschuß wird für ein« einheitliche Betriebsführung und eine wirtschaftliche und sinan- zielle Zusammenarbeit sorgen. Dieses neue Gebilde sieht also einer Fusion zum Verwechseln ähnlich, lediglich in der Gewinn- Verteilung besteht eine besondere und komplizierte Regelung. Der Gewinn beider Gesellschaften wird zunächst in einen Topf geworfen. Nach Ausgleich eines etwaigen Verlustes erholten die„freien" Aktionäre von Mittel stahl 6 Proz. Dividende. Danach wird an die Maxhütte-Aktionäre Dividende verteilt; steigt sie über 8 Proz., erhalten die Mittelstahl-Aktionäre eine Zusatzdividend«. Die Vollsusion ist für die Zeit nach Ablauf des Vertrags vorge- sehen. Es können dann 1000 M. Mittelstahl-Aktien in 600 M. Max- Hütte-Aktien umgetauscht werden. Durch den Abschluß dieses Vertrags hat der Macht, und Aktien- Händler Flick den Ausbau des Mitteldeutschen Stahlblocks beendet. Di« A.-G. Charlotten Hütte, deren Generaldirektor Herr Flick ist, besitzt etwa 80 Proz. des Kapitals(22,5 Million«» Mark) der Maxhütt«: diese wieder hat die Hälfte oes Kapitals(50 Millionen Mark) der Mitteldeutschen Stahlwerke. Es ist bezeichnend, daß die k l e i n st e der Gesellschaften, nämlich die Charlottenhütte mit einem Kapital von 20 Millionen Mark, die anderen beiden beherrscht. Die Eharlottenhütte verteilte für das letzte Geschäftsjahr 14 Proz., die Maxhütte 7 Proz., Mittelstahl 6 Proz. Dividende. Das Paket Mittelstahlaktien der Maxhütte ist von den Vereinigten Stahlwerken anfangs dieses Jahres erworben worden.— Wenn es nicht ein« ernste Angelegenheit wäre, wäre es zum Lachen: Herr Jakob Goldschmidt, der die Danat- dank in Grund und Boden g e wi r ts ch a f t e t hat, waltet anscheinend unbeschränkt seiner Aemter. Er führte wieder den Vorsitz in der Mittelstahl-Generaloersamm- lung, als ob nichts gewesen wäre. Wenn er dort als„Privatmann" iäßs„ brauchte man von dieser Tatsache keine Notiz zu nehmen. Er sitzt aber dort als Chef der Danatbank, deren Zusammenbruch nur durch das Reich mit dem Geld der Steuerzahler verhindert wurde. Wann endlich kommt die Sanierungs-, d. h. V e r l u st- b i l a n z, Herr Staatskommissar für die Danatbank? Die kunstfeideneinfnhr nach den vereinigten Staaten. Die Ein- fuhr von K u n st s e i d e nach den Vereinigten Staaten ist von 131000 Pfund(ein Pfund gleich 453 Gramm) im Werte von 124 000 Dollar im Juli auf 130 000 Pfund im Wert« von 86 000 Dollar zurückgegangen. Der Anteil Deutschlands ist weiter sestiegen. Die deutsche Einfuhr machte mengenmäßig 35 Proz. 47 080 Pfund), wertmäßig sogar 40 Proz(34 000 Dollar) aus. Allgemeine Wetterlage. 25.SepM934. abds. Owalksnlos.O heirer.3 halbbedeckt 9 wolkig,© bededa'RegsoAGraupeln Scbnee;£Neb8l,HGewlttec®Windstil!e Mitteleuropa liegt immer noch zwischen dem ausgedehnten Hochdruckgebiet im Nordwesten und dem westrussischen Tiefdruck- gebiet. Nördliche Winde herrschen in ganz Deutschland. Da aber um das nordwestliche Hochdruckgebiet mildere Luftmassen herum- flössen, waren am Freitag die Temperaturen im Reiche höher als in den letzten Tagen. In Stettin wurden 17 Grad Celsius als Höchst- temperatur gemessen. Jetzt fliehen erneut kalte Polarluftinassen nach Süden. Da sie am Freitag abend bereits die deutsche Ostsee- küste erreicht hatten, wird unser Bezirk am Sonnabend bereits in ihrem Bereich liegen. Damit ist erneut mit sinkenden Temperaturen zu rechnen. welteraussichlen für Verlin. Uebergang zu kühlerem, ver- änderlichem Wetter, ohne erhebliche Niederschläge. Nördliche Winde.— Für Deutschland. Im Norden teils heiter, teils wolkig, trocken, im ganzen etwas kühler: im mittleren Teile des Reiches zunächst noch bewölkt und ziemlich mild, später � Bewölkungsabnahme mit Abkühlung: im Süden vorwiegend trübe, zeitweise etwas Regen, milder. Siasendungen für diese Rubrik sind BerliuSW SS, Lindeustrahe 3, Groß-Berlin stet»»« da» Bezirkasekretariat 2. Hof, 2 Treppe» recht-, z» richte» Beginn aller Veranstaltungen 19Vi llhr. sofern kerne besondere Zeitangabe! 4. Stci». Heute, Snunabcnd. 18 llhr, in der»ulturabteiluuz de,»«»tsche» Tiatallalbeiieruerb-udcz, Liu-eapr. IST, Silunieraaftaltuuz der«»der. sreuudc. Aussühruug der Zilwe:„Die Republik der«»der"»»d„Brüder". Uutssteu für»indcr 20 Pf.. Jugend 30 Pf., Erwachs-»- 4« Pf.«arte» find uoch au der Abendkasse Z4 Stunde»er Beginn zu habe». Die Partei- gcnossc» weiden um rege Teilnahme gebeten. 7. und 8. Kreis. Juristische Svrechstund« findet»», Sannabend, 2*. Septem. Jugendheim Ras zum Ztircheuauetrii im Jugendheim Rafineustrahe statt.— chelegenheit Flugblattverbreitung Sonnabend. 2K. September, von nachstehenden Lokalen aus: 4. Tbt. 17 Uhr nan Brandis, Stralauer Str. 10. 37. Büt. Ab 17>,Z Uhr von den bekannten Lokalen. 38. Abt. 18—18 Uhr von der Juristischen Sprechstunde, Lindenftr. t. 48. Abt. 18 llhr von Eichholz. Cuvrisstr. 23. 37. Abt. Ab 18 Uhr Z. Erupve beim Genossen Schröder, Leibnizpr. 44, 1. und 2. Gruppe im bekannten Lokal. WL«St 18 Uhr bei Mab», Landferystr. m-«L" 89. Abt. 18 Uhr von den bekannten Lokalen. 91. Ab«. 18 Uhr von der' bekannten Lokalen. 99. Abt. 154. Bezirk• 18 Uhr Bersowmlungsraum Hannemannstr. 40. 108a. Abt. 18 Uhr, Bezirk nördliche der Bahn Klose, Wahlsdorfer Straße, flld- lich der Bahn Eisner, Kaiser, ÄUHelm---- 115. Abt. 18 llhr von den bekannten Lokalen. ua. WUI. lö Ul)C DUU UCU UCfcUWIlJC»» 120. Abt. Be-iir!sführer holen Material beim Abteilungslerter ab. � 143. Abt. Heute, 1314 Uhr. erstes Tressen der Krnderfreundegrnpp« Waldchen an der Triberger Straße. Bezirkssilhrer holen heute br, 18 Uhr Mugblattrr ab. Am Mittwoch, 30. September, 19? i Uhr, Borstandssstzung mit Bezirks- filhrern beim Genossen Lehmann. Sonnkag. 27. September. 7. Abt. Arbeitskreis junger Sozialdemokraten: Besichtigung des Botanischen Gartens in Dahlem. Treifounkt 13'4 Uhr an der Normaluhr am Dramen. burger Tor. Fahrpreis 40 Pf._,, 12. Abt. Bezirkssilhrer: Quartalsabrechnung am Sonntag von 10—13 Uhr resp. Montag von 18 Uhr ab beim Genossen Wenzel. Arbeikerwohlsahrt, Bezirksausschuß Groß-Berlia. Dienstag, 29. September, IS'., Uhr pünktlich, im großen Saal d-s SeuHs. mehr, gutritt haben alle Krces. und Abteilungsleitungen, die parteigcn°sstfch> Wohlfahrtspflegcr. und Borsteher der Wohlfahrtskommissionen, die sozialistisch' FUrsorgersinnen), sowie alle amtlich und ehrenamtlich tätigen Genossinnen und Genossen gegen Funktionärausweis und Parteibuch. Arbeitsgemeinschaft der kinderfreunde Groß-Berlin. Köpenick: Dienstag, 29. September. 20 Uhr, Elternabend im Stadttheater, kleiner Saal. 1. Vortrag des Genossen Schulrat Ulrich:„Warum sozialistliche -«r_ ou n m- r___ j,„ o ADC Altern Erziehung?" 2. Aussprache. bitten wir, zu kommen. 3. Winterarbeit und Verschiedenes. «Säsie erwünscht. (Sterbetafel der Groß-Berliner Partei-Organisation 7. Abt Unser Genosse Hermann D-nkhof, Schlegelstr. 3, ist ver- starben. Ehr-(einem Andenken! Einäscherung Sonnabend, 2». September, 14 Uhr, im Krematorium Gerichtstr. 37— ZS. SozjalistjsHeArbel'teri'llgendGroß-Verlin Einsendungen für diese Rubrik nur an das Zugendsekretariat Berlin SW 88, Lindenstraße 3 Alle Genossinnen und Genossen beteiligen sich heute au der Flugblatt. Verbreitung um 18 llhr und gehen zu den bekannten Parteilokolen. 8° Wirtschaftslchrc: Arbeitsgemeinschaft mit Rudolf Abrabam«interhalb- jähr 1931/32. Vorbesprechung Mittwoch, 30. September, 19% Uhr, im Jugendheim EW, 88, Lindensir. 4, vorn 1 Tr, Anmeldungen dort Die Beteiligung ist kostenfrei. heute, Sonnabend. Warschancr Biertel: Litauer Str. 18: Werbefeier in der Luise-Otto-Peter,. Schule, Tor, ______________________________......._.----- 18 Uhr Lokal Kulisch, Lenau- Ecke Hobrechtstraße.— Renkölln VTn: 18 Uhr _ i.v..:_r. /tr j_.i.�t f„i r4u,*C.« Ol,***?.«**« CO Ol* IQ ITT.** slII/ni-Tf** f«n e* 70 Pf.— Reukölln IV: Morgen Fahrt nach Eichwalde. 7 Uhr Bhf. Neukölln. Etwa 30. Pf. SSS. Reinickendorf: Jugendheim Tegel, Schöneberger Str. 3, öffent. ~''' g:„Rationaler oder lnternatlonaler Sozialis. liche Werbeversammlung:_ mu?" Referent Genosse Dr. Klotz. Frei« Aussprache. Beginn 19� Uhr. i s Abt. Bnchholz: Restaurant Pansegrau, Bahnhofstratze, Werbefest. Ea Rezitationen, Gvmnastik, Spieltruppc, Sportvorführungen. Eintritt M 30 Pf. Beginn 20 Uhr. l j Werbebezir? Bedding: Baden, Ctadtbad Wedding, Gerichtstraße, von 19 bis 20lh Uhr. 19 Uhr Bhf. Wedding lEingang Rettelbeckplatz). Woche nendkurfus in Nowawes. Morgen um 7 Ubr ebendort. Werbebezirk Kreozberg: Wochenendkursus in Rüdersdorf. 18 Uhr und 20 Uhr Schief. Bhf. erbcbezirk Tempelbof: Unser Elternabend findet erst am 3. Oktober statt. ..°-------......-- ,, äm' Werb« sttöße 4h. Voriräge, Vereine und Versammlungen Reichsbanner«Schwarz-Rol-Gold". GefchSktsstelle: Berlin S. 14. Eebastianstr. 87—38, Hol 2. Tr. Schöneweide. Johannisthal(Kamerodschaft): Sonnabend, 28. Septem. der, 20 Uhr, Mitgliederpersammlung in der Brückenklause, Brücken. Ecke Spreestraße. Bortrag Kam. Wiegner: Die Presse im Dienste der Repu. blik".— Lichtenberg(Ortsverein): Sonntag, 27. September, 5% Uhr, Antreten zur Fahrt nach Angermllnde. Skandinavische Straße.— Friedrichshain (Iungba): Gründungsversammlung des Vortrupps Montag, 28. September, um 20 Uhr, im Jugendheim Frankfurter Allee 307, Ebert-Zimmer. Aeltere Kamera» den und deren 13 bis lOjahrigen Söhne stnd eingeladen. Für Iungba Pflicht,— Reukölln-Britz, 1. Kameradschaft, 3. Zug: Montag, 28. September, 20 Uhr, Mit. gliederversammlunq an bekannter Stelle. 8. Kameradschaft: 20 Uhr Mitglieder- Versammlung bei Wesenigk. Referat Polizeischulrat Bos«. « Slaals inealer SiüaiscDer Unter den Linden. Sonnabend, den 26. September IB.'a Uhr. Ende 21', st Uhr. Castsplel Moria Jeritna T o s c a StaatLSdiausiilelbaus öwäznsezwiNI. . 16 Uhr CStudiB-Aaffflhrang) DlePr&lunsen des Uioh 20 Uhr Das Hfimbergisdi Ei Sdiiller-Tbeiter Durlotlnbirg. Anfang 20 Uhr Der Kldiler von Zalamea Barbarossa 9256 Tlgl. 5 u. 81/2 U. THE 22 INCENUES HUDSOIU- WONDCBS und das eraBa Sept.-Prooramm TaI.S,B".Stc.2��ii Das große* Varlctß-' Programm• Dia rollend, Revue derlODsblars Ralmonda- Ballett md»eitere»Nrsld. Retchshaücn-Theater JUieails 6 Uhr, Sonntag nadimifiag 31/, Ubr Stefttiner Sänger BrifSon SO. „Ein schöner Traum" Nachmittags halbe Preise. Kennen nXarishsrst Sonnabend, den 26. September, nachmittags 2'/, Uhr Haupt-Kürdenrennen | Die Seck» von der St.atsopcr. 8 CortlnU Dollareegeo. Saierno. 3 12 ßratanoe. Bhocnrad-Sens es». Ii 8.15 Ubf Hm 3434 Kandun erlaubt SoDaabeod und Somtag j« 2 Torstollungen 4 und 8" Uhr.. 4 Uhr kleine Pr. StöfU.oper Charlottenburg Bismarckstraße 34. Sonnabend, d. 26.? Turnus I Anfang 20 Uhr Der Frelsdilitz Ende gegen 23 Uhr WM Theaier 8 Uhr von Schiller Etgie; Mai Rciohanlt Run&rsiendBtnni- Thsaier Bismarck 448/49 «'st Uhr Die schöne Helena von lacunusonssbadi Bagl«: Max Bata&ardi. Die Komödie 8'/- Uhr RQcKKehn Rumödiov. Donald Stewart bgld: Eustil Erfladgoos. Theator desWestens SMsnab. u Sonntag SV« Uhr 2 IMBcdsgattaplili Richard Tauber in„V»e> Land des IiScheln»" Theater am Nollendorfplah Täglich 8>st Uhr Sonntag uadun. 4 Uhr Hax Adalbert n: Der beschleunigte Personenzug Seiehgi udm. hafte Pniie von 1123 M. an Dir. Dr. Robert Klein Tel; WeianilaniB 0846. 8'st Uhr Junge Liebe. 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