BERLIN Montag 5. Oktober 1931 ä 1 i \ 10 Pf. Nr. 466 B 233 43. Jahrgang ErscheiuttSglich außer Sonntag». Zugleich Abendausgabe de».Vorwän«'. Bezugsorei» beide Ausgaben 8d Pf. pro Woche. Z.soM. vro Monat. Redaktion und Expedition: BerlinSW 68, kindenKr.S Fernsprecher: Dönhoff 7) 292—297 J/hwasfa Antetgenprei«: Die einspaltigeNonpareillej-i! e 8o Pf.. Reklamezeile SM. Crmäßigunaeu nach Tar<'. Postscheckkonto: VorwärtS-Verlag G.m. b.H.. Berlin Nr. s? sss.— Der Verlag behält fich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Anitigeu vorl Gtaatsgelder für Nordwolle-Beirüger Kapitalistische Mißtvirischafi in Bremen.- Oingeldey- Senator verschleudert Staatsgelder Der Klein st nat Bremen hat durch die Zu» sammendrüchc des Nordwolle-KonzernS, der Schröder-Bank und der Danat-Bank sehr erheb- liehe Verluste erlitte«. Tie Erregung, die diese Tatsache in der Leffentlichteit hervorrief, führte dazu, daß der Senat einen Untersuchungsausschuß einsehte, der die Verhältnisse der Staatshauptkasse und ihrer Be- Ziehungen zur Privatwirtschaft prüfen soll. Der Aus- schuß ist nach achtwöchiger Arbeit mit seiner Untersuchung fertig und legt nun der Leffentlichkeit einen gedruckten Bericht von 77 Seiten Umfang vor. Bei der Darlegung vieler Geschäfte betont der Bericht, daß die Grenzen staatlicher Aufgaben überschritten worden seien, selbst wenn man die enge Verbundenheit des bremi- schen Staates mit der Wirtschaft berücksichtige. Ter Bericht ging heute den bremischen Parlaments- Mitgliedern und der Presse zn. Er wird in der Bürger- schaftssihung vom S. Oktober öffentlich besprochen werden. Mau rechnet damit, daß die Behandlung des Berichts mehrere Sitzungen in Anspruch nimmt. Der Hauptverantwortliche für die beanstan- beten Geschäfte ist der volksparteiliche Senator Bömers» der am 11. September aus dem Senat aus- geschieden ist. Wir geben im folgenden einen kurzen Ueberblick über die Zusammenhänge und über die Ergebnisse des Berichts. -i- Im Kleinstaat Bremen hat von jeher die e n g st e B e r f l« ch- iung zwischen Staat und Privatwirtschaft, zwischen Verwaltung und Privatkapitalismus bestanden. Schon die Tatsache, daß die Versassungon der Hansastädtc den amtierenden Senatoren aus dem Kaufwannsstand, den Bremer„Fürsten" von Baumwolle und Tabak. Wein und Kasse«, Schissahrts- und Werstindustrie ge- stattete, ihre Privatgeschäfte beizubehalten. Hot einen Zustand ge- schaffen, der die Verwischung der Grenze zwischen Staotsinteresse und Privatinteresse begünstigt. Dazu kommt, daß in diesem Klein- staat die leitenden Persönlichkeiten in Staat und Wirtschast mitein- ander mehr oder weniger verwandt und verschwägert sind. Der Skandal platzte mit dem Zusammenbruch des sattsam be- kannten Lahusen-Kon zerns, dessen Auswirkungen Arbeiter und Angestellte jetzt zu tragen haben. Mit dem Nordwolle-Konzern verbunden bzw. mit der Lahusen-Dynastie verwandt und verschwä- gart waren etliche Persönlichkeiten, die im bremischen Staate und in der bremischen Wirtschast erste Rollen spiellen. Kein Wunder, daß diese Persönlichkeiten teils um die Nordwoll« zu retten, teils um sich selbst vor Rückschlägen zu schützen, den K r e d i t und die Mittel des Staates anspannten. Dieser Kredit und diese Mittel hätten vielleicht ausgereicht, einen Betrieb von lokaler Bedeutung zu retten, ober nicht einen Konzern von der Ausdehnung der Nordwalle, denn die Verluste dieses einen Konzerns überstiegen das Kapital vieler Großbanken, geschweige denn die Ctatsmittcl des bremischen Staates, dessen Hausholt drei Jahre allein von den Verlusten der Nordwolle hätte leben können! Die Nordwoll« zog ihre Konzernbank, die Danat-Bank, mit in den Strudel, die im Bremer Wirtschastsbezirt besonders stark engagiert war und zog serner die Schröder-Bank mit in die Katastrophe, die das bedeutsamste Prwatbankhaus im Nordwest.- deutschen Wirtschaftsbezirk war. Als die Schröder-Lank zusammenbrach, wurde plötzlich bekannt. daß der bremische Staat, würde die Lank nichk gerettet, 25 Millionen eigener Gelder verlieren würde. Das war eine Enthüllung, denn es stellte sich heraus, daß der maß- gebende Mann im Finanzressort des Bremischen Staates, S e« nator Heinrich Bömers, gleichzeitig zweiter Auf- sichtsratsoorsitzcnder der Danak-Bank, der sich in Bremen ein« derart angesehene Position geschaffen hatte, daß man ihn den„ungekrönten König von Bremen" nannte, aus dem Umwege über die Schröder-Bank elliche Millionen in die bremische Industrie und Schisfahrt investiert hatte, die nun in Ge- fahr kamen. Es stellte sich ferner heraus, daß die Schröder-Bank mehr oder weniger ihre Geschäfte darauf beschränkte, ein Staats- kommlsstonär des bremischen Slaaies zu fein: v Am 11. Sepiembcr ist der für diese Geschäsle veraatworlliche velksparicilichc Scaator Lömcrs aus dem Scual ausg«- Tarifrecht und Notverordnung Grundsätzliche Erklärungen Geverings Minden(Westfalen), S. Oktober.(Eigenbericht.) In einer Kundgebung der �Sozialdemokratischen Partei in Rahden in Westfalen, die von mehreren Tausend besucht war. äußerte sich am Sonntag der preußische Innenminister Genosse S e v e r i n g auch über die Notverordnungen und teilte dabei u. a. mit: „Die Gesetzgebung durch Notverordnungen befriedigt wohl niemanden, am allerwenigsten die, die zu ihr durch die allgemeine Notlage gezwungen sind. Neben vielen anderen unerfreulichen Seiten hat sie den Mangel, daß ihre einzelnen Bestimmungen in Ursprung und Absicht v.iel schwerer zu erkennen sind, als die Gesetze der ordentlichen GcsctzgebMz. Auch mit dieser Verantwortung werden die Notverordner belastet, und schließlich werden sie audWür unrichtige Auslegungen verantwortlich gemacht. So hw z. B. eine große Stadtgeineinde in: Widerspruch zu dem— in diesem Falle— klaren Gesctzcstext angeordnet, daß larifv erträglich festgesetzte Kündigungsfristen und Kündigungstermine durch die rcichs- und flaalsrcchllicheu Sondervorschriften außer Kraft gesehi seien. Das wird— wie gesagt— von der preußischen Verordnung nicht gestützt. Die preußische Verordnung hat den Kreis der geschützten Rechte dahin erweitert, daß auch Tarifverträge geschützt bleiben, und daß die Vorschriften von Bestimmungen der Tarifverträge auch dann respektiert werden müssen, wenn Eiazelverträge abgeschlossen sind, deren Inhalt auf dem Tarifvertrag beruht. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit auch gegen die Auf- fassung wenden, als ob die preußisch« Regierung darauf dräng», ständige Arbeiter der städtischen Verwaltungen und Betriebe zu ent- lassen und dafür Wohlsahrtserwerbslose einzustellen. Das wäre aus Gründen sozialer Gerechtigkeit und im Hinblick auf die Erfordernisse eines geregelten Betriebes nicht zu verantworten. Bei den Auflagen an die Gemeinden zur Verminderung des Personalbestandes an Be- amten, Angestellten und Arbeitern ist gezeigt, daß dabei auch eine Entlassung entbehrlicher Arbeiter in Betracht komme. Wenn die Stadtverwaltungen den jinanziellen Effekt dieser Vorschrift auf dem Wege einer Herabsetzung der Arbeitszeit im Sinne des preußischen Erlasses vom 27. März erreichen können und wollen, dann wird das der preußischen Regierung nur willkommen sein." Mussolinis Siegesbericht. Ein Flugzeug warf antifaschistisch« Flugblätter über Rom ab und entkam. „Oer vereinten Tapferkeit der faschistischen Miliz, der Polizei und der Armee gelang es, mehrere aus dem Flug- zeug abgeworfene Flugblätter gefangen zu nehmen..." schieden. Kurz darauf legte der stets zur Mtzeichnnng herangezogene Rechnungsführer der Fiaanzdeputation, der st a a l s- parteiliche 5 r a k l i o ns s ü h r e r w e n h o l d. seineu Rech- nungsfnhrerposten in der Fmanzdepntation nieder. Am Tage der Konknrsanmeldung der Rordwalle hatte der Staatsrat im Finanz- resiort Dr. vlüllershausen seine Demission eingereicht, vorher schon wurde ein Disziplinarverfahren gegen den Direktor der Staatshauplkasse eingeleitet. Lei der Prüfung des Status der Schröder-Bank hatte man entdeckt, daß für diesen Direktor auf der Schröder-Bank ein Spekulationskonlo geführt wurde, dosgleichen für einen Finanzdezernenten des Norddeutschen Oloyd. der der Verbindungsmann zwischen Schröder-Bank und dem Nord- deutschen Lloyd war. Ob nach der Behandlung des Berichtes in der Bürgerschaft noch andere Amtspersonen verschwinden werden. sieht noch dahin. Die Mittel, mit denen der bremische Finanzsenator ohne Be- fragen der parlamentarischen Körperschaften, ja sogar ohne wissen seiner Kollegen im Senat einschließlich der eigenen volksparleilichen Senalskollegen, seine Geschäfte getätigt hat, stammen aus einer im Jahre 1921 abgeschlossenen Anleihe mit der Guaranty Trust Comp. New Jork in Höhe von IS Millionen Dollar, lieber die unverbrauchten Neste dieser Anleihe wurde eben verfügt im Interesse der Industriebetriebe und Reedereien im Bereich der Schröder-Bank. Das Geschäft, dos das größte Aufsehen erregte, war der versuchte Ankauf der Aktienmehrheit von Homburg-Süd. um diese Hamburger Reederei unter den Einfluß des Norddeutschen Lloyd zu bringen. Der IlMersuchungsbericht schildert dieses Geschäft ausführlich. Der Zweck wurde nicht erreicht, weil die Hamburg-Süd einer Einflußnahme durch Schaffung von Vorzugsaktien zuvorkam. Ein besonders bedenkliches Geschäft ist weiter die Beteiligung des bremischen Staates an einem Konsortiuni zur Aufnahme von Danatbank-Aktien. Der Bericht schildert diese Transaktion wie folgt: „Es wurde in Verbindung mit der Besorgung kurzfristiger Kredite der Dermiltlungstätigkeit der Dannstädter- und National- dank gedacht, die-den Bremischen Staat, insbesondere bei lieber- Windung der Finanzkrise 1928/29 erhebliche Dienste(?) geleistet hat. Da«in« Verstärkung des bremischen Einflusses auf die Danatbank wertvoll(?) erschien, um die Hilfe der Lank für den Bremischen Staat und die bremische Wirtschaft zu sichern, be- teiligte sich der Inspektor der Staatshaupttasse (Senator Bömers) im Einvernehmen mit dem Bor- sitzenden(Bürgcrm ei st er Dr. Donandt) und N e ch- nungsführer der Finanzdeputation(W e n h o l d) im Herbst 1939 an einem zunächst bis zum 31. Dezember 1933 dauernden Konsortium zur Uebernahme von 3 Millionen Mark Aknen in Höhe von 600 000 M. Aktien, wogegen die Bank zu- sicherte, dem Staat bei �etwaigen Schwierigkeiten in der Ver- längerung kurzfristiger Schatzanweisungen mit allein Nachdruck zu Helsen.(!?) Zweck des unter der Leitung der Danatbank stehenden Konsortiums war, durch Käufe und Verkäufe im Nahmen eines Bestandes von nickst mehr als 3 Millionen Mark Aktien den Kurs der Danatbank-Aktien nach Möglichkeit zu regulieren.(?!) Die Danatbank verpflichtete sich für' die Dauer des Konsortiums in Vorschuß zu treten. Ter Staat hat alio bisher keinerlei. Auswcndungen gemacht. Bei Auslösung des Konsortiums etwa noch vorhandene Stücke sind in Höhe' einer dann etwa entstehenden Kursdifferenz seitens der Konsorten zu übernehmen. Die Aktien stehen einschließlich Zinsen mit einem Durchschnittswert von etwa 17S Proz. zu Buch(!!)— Dos Risiko dieses Geschäfte, ist im Lause der Entwicklung deutlich in Erscheinung getreten und muß grundsätzlich für den Staat als nicht unbedenNich bezeichnet werden, wenn auch das jetzige Ausmaß des Risikos dabet nichk in Rechnung gestellt werden konnte." In der Tat ein Geschäft von einer Bedenklichkeit, über das man selbst in Berliner Bankkreisen staunen dürfte! Wenn man weiß, daß der Finanzminffter. der dieses visikovolle Geschäft einging gleichzeitig zweiter Ansticht sratsvorsihendcr der Danatbank wir und noch ist, Der AfA-Kongreß Für Einheit der Arbeiterbewegung, gegen jede Gpaltungserscheinung J. St. Leipzig. 5. Oktober.(Eigenbericht.) cheute wurde in Leipzig der 4. AfA-Kongreß eröffnet, nachdem am Sonnabend und Sonntag vorbereitende Sitzungen des AfA- Bundesvorstandes und-Bundesausschufses abgehalten wurden. Neben der Besprechung wichtiger Organisationsfragen ist zu den aktuellen Vorgängen der letzten Tage Stellung genommen worden. Nach den Aeußerungen des Reichsarbeitsministers wird die jetzt herauskam- mende Notverordnung nur die Neuregelung der Hauszinssteuer, Umschuldung der Gemeinden und Etatsfragen enchalten und die von den Gewerkschaften aufgestellten Forderungen zur Aenderung der Juni-Notverordnung zu einem Teil berücksichtigen. Die Cntschei- düngen über weitere sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen hat sich das Kabinett für eine Notverordnung, die Ende Oktober oder Anfang November herausgebracht werden soll, vorbehalten. Vorstand und Ausschuß des AfA-Bundes wenden sich mit oller Entschiedenheit gegen alle Pläne, die daraus abzielen, in die laufen- den Tarifverträge durch Notverordnungen einzugreifen, insbesondere deren Kündigungsfrist herabzusetzen. Die Gehallstarife sind bereits mit außerordentlichen Kündigungsfristen abgeschlossen. Der AfA- Bundesvorstand und-Ausschuß werden dem Kongreß eine ent- sprechende Entschließung vorlegen. Der Vorsitzende des AfA-Bundes eröffnete den Kongreß mit einer bemerkenswerten Rede. Nachdem er die Gäste und die Dele- gierten begrüßt hatte, erklärte er, daß die Zeit des Kongresses karg bemessen ist und daß sie nicht den Delegierten, sondern den Massen draußen gehöre, die unverschuldet arbeitslos vor den Toren der Betriebe stehen. Der AfA-Kongreß fällt in eine ungewöhnlich bewegte Zeit. Ein ganzes Wirtschaftssystem ist in seinen allgemeinen Grund- festen erschüttert. Die Not der Zeit zwingt zur planmäßigen Wirtschaft,. das Ringen geht darum, ob der Staat die Wirt- schaft oder ob die Privatwirtschaft den Staat beherrschen soll. Der Kapitalismus ist gewiß nicht tot, aber ein gewisser Höhepunkt ist überschritten. Das Prioatkapital macht jetzt die größten An- strengungen, um seine unbeschränkte Herrschaft zu behaupten. Wenn die Arbeiterklasse ihre Kräfte bisher nicht in dem Maße entfalten konnte, wie es ihrer Macht entspricht, so lag dies daran, daß politische Spaltungen sie immer wieder daran ge- hindert haben. Erst gestern wieder ist die Arbeiterschaft durch eine neue politische Partei reicher und um die entsprechende Geschlossen- heit ärmer geworden. Wir freien Gewerkschaften sind leider immer wieder das Opfer dieser Spaltungen. Deshalb sind wir nur be- rechügt, hier zu erklären: Wir sind nicht gewillt, unsere Errungen- schaflen, die wir mühsam erkämpft haben und seht ebenso mühsam wieder verteidigen müssen, preiszugeben, weil gewisse Leute die Bedeutung dieser Errungenschosten noch nicht verstanden haben. Wir verstehen es einfach nicht, daß gerade in diesem Augenblick Leute kommen, die sich ein« eigene Kanone kaufen, um damit auf den Kapitalismus zu schießen, lieber den neuesten politischen Laden haben wir hier nicht zu entscheiden, aber aus- sprechen müssen wir es doch, daß mit diesen dauernden politischen Zersetzungen der Geist zerstört wird, den wir brauchen. Unter dem Aushängeschild der �Meinungsfreiheit wjpd jetzt Mieder die Geschlossenheit der Arbeilerschasl gestört. Die Frage istj ob die per- sönliche Freiheit über die Organisationen stehen darf. Hier auf diesem Kongreß sind Persönsichkeite�vertreten mit graßer Verantwortung, leitende Angestellte, Ingenieure, Werk- meister in gehobener Stellung, die stets daraus zu halten haben, ihre Persönlichkeit zu verteidigen. Aber sie sind sich bewußt gc- worden, daß ihre Persönlichkeit nur aus dem Wege des kollektiven Handelns verteidigt werden kann. Die persönliche Frecheit darf nicht über die Disziplin gestellt werden. Es ist eine überholte liberale Auf- fassung, die Persönlichkeit vor die Gesamtheit zu stellen. Entweder wir lassen alles über uns ergehen oder wir entschließen uns zum kollektiven Wollen. Wer noch nicht gelernt hat, in Reih und Glied zu marschieren, der wird auch nicht fähig sein, im entscheidenden Augenblick zu stürmen.(Lebhafter Beifall.) Wir tagen in einer Zeit schwerster sozialer Not und sozialer Reaktion. Mag aber kommen, was will, wir beraten, wir arbeiten und wir kämpfen weiter!(Stürmischer Beifall.) In der Reihe der Begrüßungsreden spricht zunächst der sächsische Innenminister Richter, der dem Kongreß den besten Erfolg wünscht. Ihm folgt im Nomen des verhinderten Reichsarbeüs- Ministers der Ministerialdirektor Dr. S i tz l e r. Sitzler gab u. a. folgende bedeutsame Erklärung ob. die durch lebhaften Beifall und durch Zustimmung unterstrichen wurde: „Zwei Erkenntnisse möchte ich unterstreichen, die sich für jeden Sehenden mit absoluter Gewißheit ergeben. Das eine ist die kollektive Grundlage des Arbeitsrechts. wie sie die Reichsverfassung vorsieht. Ihre kollektiven Berein- borungen mit den Arbeitgeberverbänden, die Tarifverträge, sind die wichtigsten Rechtsquellen und die allgemeine Grundlog« für die Regelung der Arbeitsbedingungen geworden. Diese Tatsache kann nicht wieder aus der Welt geschafft werden, ohne daß unsere sozialen Verhältnisse aufs tiefste erschüttert werden. An dem Grund- gedonken der kollektiven Regelung der Arbeitsbedingungen, der Ein- führung auch von Notmaßnahmen unter Mitwirkung der Gewerk- schaften und der staatlichen Hilfe beim Abschluß von Gesamtverein- barungen, also an dem Grundgedanken des Tarifrechts und auch der Schlichtung will der Herr Rcichsarbeitsminister unbedingt festhalten. Gilt es hier ein« Errungenschaft, Neues über die erste schwere Belastungsprobe hinwegzuretten, so drängt sich auf oll- gemeinem Wirtschaftsgebiete die Ueberzeugung auf, daß etwas Neues im Werden ist. Wie unsere Wirtschaftsordnung sich unter den Schlägen der Weltwirtschaftskrise endgültig gestalten wird, ist noch nicht abzu- sehen, ober ein« Rückkehr zu den früheren Zuständen muß als aus- geschlossen erscheinen." Der Vertreter des Internationalen Arbeitsamts, Direktor Donau, begrüßt hierauf den Kongreß und verweist auf die Ar- beiten des Internationalen Arbeitsamts im Interesse der Ange- stellten. Das Internationale Arbeitsamt wünsche, daß zunächst das Uebereinkommen über die Arbeitszeit der Ange st eilten recht bald ratifiziert werde. In einer Zeit, in der die Forderung der 40-Stunden-Woche von den Gewerkschaften ausgestellt worden ist zur'Verminderung der ungeheuren Arbeits- losigkcit, sollte rnan nicht vergessech daß eine Hilfe für die Erreichung dieses Zieles und für seine Sicherung geschaffen wird durch die gesetzliche langfristige Bindung an die internationale Regelung. so ist„Bedenklichteit" der schonend st e Ausdruck, der für diese Spekulation mit Staatsmitteln zu einem unsicheren Geschäft gewählt werden kann. Wäre der Mann statt Volksparteiler Sozialdemokrat, die ganze Hugenberg-Presse würde wochenlang über„marxistische Mißwirtschaft" Zeter und Mordio schreien und fordern, daß der betreffende„sozialdemokratische Futtertrippen- Verwalter" zum mindesten die Nachbarzell« neben den Brüdern La Husen im Untersuchungsgefängnis besetzen müsse!! Ergänzt man dann noch, daß derselbe volksparteiliche Finanzsenator die Mittel der Slaatshauplkasse zu Sanierungsgeschäften mit der Nordwolle zur Verfügung stellte, (einmal um ein Unterstützungskonsortium von 30 Millionen zu- stände zu bringen, das den Nordwollekonzern vor der Pleite retten sollte, in einem Augenblick, als noch nicht bekannt war, daß Lahufens Verluste 240 Millionen erreichten, und ein anderes Mal zum Ankauf von schwimmender Wolle für den Lahusen-Konzern in Höhe von 3 Millionen Mark, ein Geschäft, das einen guten Abschluß nahm, denn die 3 Millionen kamen zurück in die Staats- Hauptkasse), so erhält man einen kleinen Begriff davon, wie der Staatskapitalismus nicht sein darf. Vertreter des Privatkapitolismus und des Faschismus schreien stets nach„Autorität" und noch„Führernaturen" und beschuldigen die Demokratie, daß sie Korruptionsgeschäste fördere. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Das Beispiel Bremen beweist, wie weit autoritäte Naturen, die sich über die demokratische Kontrolle hinwegsehen, die Mittel des Staates und die Sleuergelder zu bedenklichsten Geschäften verschwenden. Solche Geschäfte können nur verhindert werden durch die Kontrolle der Demokratie. Reinigung ist nur möglich, wenn die Oeffentlichkeit durch ihre parlamentarischen Kontrollorgane sich daran beteiligt und deutlich bekundet, daß die Zeiten nicht nur der Raubritter und der Fron- vögte, sondern auch der Herzöge von Kohle und Eisen, von Wolle und Baumwolle, von Gold und Banknoten vorbei sind. Die Arbeiterklasse weiß, daß es in der kapitalistischen Welt korrekt und reinlich nie zugegangen ist. Der Sinn unseres Sampfes ist. eine Welt auszurichten, in der das Heer der Drohnen und Spekulanten keine Betätigung mehr findet. Die Arbeiter der Mansfeld A.-G. Gegen die Stillegung Halle o. d. S.. S. Oktober. Am Sonntag befaßte sich eine Versammlung der Arbeiterver- tretcr der Mansfeld A.-G. in H e l b r a mit der durch das Scheitern der Subventionsverhandlungen drohenden Belriebseinstellung. An- wesend waren 300 Funktionäre. Die Versammlung nahm e i n st i m m i g eine E n l- sch ließung an. in der die Gewerkschaften noch einmal daraus hinweisen, daß eine Stillegung der Betriebe der Mansfeld A.-G. die schwersten-Erschütterungen für das Mans- fclder Land nach sich ziehen müßten. In letzter Stunde richte die Konferenz an die mahgeben- den Stellen das dringende Ersuchen, die verhältnismäßig gering- sügige Disferenzsumme noch zu übernehmen, um den Arbeitern die Arbeitsstätte zu erhallen. Hertha Metzner gefunden. Elf Tage in Berlin umhergeirrt. Seil dem 24. September, einem Donnerstag, wurde, wie wir berichteten, die 11 Jahre alte Tochter Hertha des Bäckermeisters Mi etzner aus der Prinz-Friedrich-Leopold-Straße in Nikolassee vermißt. Die Befürchtung, daß sich das Kind ein Leid angetan habe, hat sich zum Glück nicht bestätigt. Hertha wurde am Sonntagvormittag in Lichtenberg angehalten. Gegen 9 Uhr sah dort eine Frau in der Krossener Straße ein kleines Mädchen, das ihr recht verwahrlost vorkam, planlos umhergehen. Sie sprach das Kind an und fragte, wohin es wolle. Das Mädchen antwortete, es wolle seine Tante besuchen, die in der Nachbarschaft wohne, und ging geradeaus weiter. Der Frau kam das Mädchen so sonderbar vor, daß sie ihm nachfolgte. Sie beobachtete, daß die Kleine plötzlich um die Ecke in eine andere Straße einbog. Die Frau lief ihr nach und nahm zu gleicher Zeit wahr, daß ein Schupo- beamter ihr und dem Kinde entgegenkam. Das Mädchen versuchte jetzt zu flüchten, doch hatte die Frau den Beamten mit wenigen Worten schnell verständigt, und die kleine Ausreißerin wurde ange- halten. Man brachte sie nach dem 2SS. Polizeirevier, wo sie sofort zugab, daß sie Hertha Mietzner sei. Kriminalkommissar Dräger, der die Nachforschungen nach dem Kinde geleitet hatte und die Eltern wurden von. der Auffindung sofort verständigt. Aus der Schilde- rung, die das Mädchen von seinen Irrfahrten gibt, geht klar her- vor, daß es lediglich aus Angst vor Schlägen aus dem Hause ge- laufen ist. Wie auch durch Zeugenaussagen schon festgestellt werden konnte, ist sie mit der Untergrundbahn immer hin und her gefahren. Am Montagabend war ihr Geld zu Ende. Mitleidige Leute schenkten ihr ab und zu einen Groschen, und auf den Märkten erhielt sie Obst geschenkt. Davon nährte sie sich kümmerlich. Nachtquartter suchte und fand sie auf den Böden und in den Kellern unbewohnter Häuser oder in Neubauten. Obwohl sie oft Hunger litt, ist sie nicht mit fremden Personen mitgegangen, um ein Geldgeschenk oder eine Mahlzeit zu erhalten. Das Kind, das sehr abgemagert und körper- lich heruntergekommen ist, wurde von den Eltern abgeholt. Stollen eingestürzt. Elf Mann eingeschlossen.- Nach zwölfstündiger Bergungei arbeit alle gerettet. Hindenburg. 4. Oktober.< Am Sonntag früh gegen 2,30 Uhr stürzte im Andreas- Flöz(öll-Meter-Sohle) der Eoncordia-Grube die Strecke aus einer Länge von etwa 200 Metern ein. Elf Bergleute, die auf der Strecke arbeiteten, wurden von der Außenwelt völlig ob- geschlossen. Sofort sehten die Bergungsarbeilen ein, die bis Sonn- tag mittag vorerst keinen Erfolg halten. Sie wurden ohne Unterbrechung und fieberhaft fortgesetzt. Nach langen Bemühungen ge- lang es schließlich. Sonntag mittag an die ersten eingeschlossenen Bergleute heranzukommen. Drei von ihnen konnten lebend und unverletzt geborgen werden. Ueber das Schicksal der übrigen acht eingeschlossenen Bergleute war man sehr besorgt, da kaum noch Hoffnung bestand, sie lebend aus dem Schacht zu bergen. Mit doppeltem Eifer wurde die Rcttuugsarbeit fortgesetzt, zumal es ge- lungen war. drei der Eingeschlossenen lebend ans Tageslicht zu bringen. Erst nach zwölfstündigen ununterbrochenen Vergungs- arbeiten waren die fast unmenschlichen Bemühungen der Rettungs- Mannschaften von Erfolg gekrönt. Es gelang schließlich den Mannschaften, kurz nach IS Uhr auch die restlichen Bergleute völlig unversehrt zu bergen. Alle acht Mann sind unverletzt geblieben und konnten nach kurzer Stärkung in ihre Wohnungen entlassen werden. Der Einsturz der Strecke dürste auf ein tektonisches Erdbeben zurückzuführen sein. Wie vom Berg- revier Gleiwitz II zu dem Unglück auf der Concordia-Grube in einem amtlichen Bericht gemeldet wird, trat um 2.43 Uhr eine kräftige erdbebenartige Gebirgsbewegung auf. Diese ist nach Mitteilung der Erdbebenwarte Ratibor um dieselbe Zeit auch in Ratibor selbst sowie in Peiskretscham, Beuchen und Hinden- bürg deutlich verspürt worden. Infolge der Erschütterung sind dann in der Concordia-Grube in Hindenburg im Andreas-Flöz drei und auf der 236-Meter-Sohle einige Strecken zu Bruch gegangen, wobei die elf Bergleute eingeschlossen wurden. Die sehr schwierigen Bergungsarbeiten wurden unter ständiger Aufsicht und Leitung der Bergbehörde durchgeführt. Raubübersall auf Chauffeur. Dom Fahrgast mit dem Tod bedroht. Ein etwa 25jähriger Mann mietete gestern früh am Bahn- h o s N a u e n eine Kraftdroschke. Nachdem die Fahrt über W n st e r- m a r k— Z alkensee gegangen war, ließ der Fahrgast die Droschke im Walde halten, er zog plötzlich einen Dolch und eine Pistole und forderte den Ehauffeur aus, das Geld herauszugeben. Dieser übergab dem Räuber 10 Mark. Der Unbekannte versuchte dann noch den Radreifen zu zerschneiden und verschwand hierauf im Walde. Die Polizei nahm sofort die Verfolgung aus. doch konnte der Täter noch nicht ergriffen werden. Verzweiflungstai eines Ehepaares. Wegen Wohnungssorgen in den Tod. Im Hause Greisswalder Straße 125 spielte sich gestern eine furchtbare Familientragödie ab. Seit Jahren betreibt dort der Sljährige Kaufmann Hermann Bässenroth mit seiner 38jährigen Frau Else ein Woll- und Kurzwarengeschäft. Der Umsatz wurde immer kleiner, so daß die Eheleute in große Not gerieten und schließlich nicht mehr ein und aus wußten. In dieser Verzweiflungsstimmung beschlosien beide aus dem Leben zu scheiden. Am Sonntag bemerkten Mieter starken Gasgeruch. Als die alarmierte Feuerwehr gewaltsam in die Räume eindrang, fanden die Beamten die Lebensmüden in dem völlig mit Gas erfüllten Schlafzimmer regungslos auf. Die Wiederbelebungs- versuche der Feuerwehrsamariter blieben ohne Erfolg. Sozialistische Arbeiter-Zugend Groh-Berlia(Gruppe Hansa): heute. 19� Uhr. im Zugendheim. Bochumer Straße Sb, Neugrün- dung der Abteilung. Neuer Bankraub. Einer Genossenschastsbank 11000 Mark entwendet. Schwerin l. M„ 5. Oktober.(Eigenbericht.) Zn der mecklenburgischen Stadt waren wurde in der Nacht zum Moulag die dortige Filiale der Mecklenburgischen Ge- nossenschastsbonk schwer beraubt. Der Geldschrank wurde gewaltsam geöffnet und aus ihm 11 000 Mark gestohlen. Die Täter sind unerkannt entkommen. Die Polizei nimmt an. daß dieser Bankraub von denselben Einbrechern ausgeführt worden ist, dievor einigen Tagen bei der Landkrankenkasse in T S t e r o w einen Geldschrank geknackt und daraus über 1000 Mark geraubt hatten. Washington schüttelt den Kops. Ueber die Meldungen von einer Sicherheit«!» und Korridor- konferenz. New Park, 4. Oktober. Das von Berliner Zeftungen wiedergegebene Gerücht, wonach Hoover Laval den Entwurf eines neuen Sicherheitspaktes unter- breiten wolle, der auch die deutsche Ostgrenze einschließe, ist in Washington mit starkem Befremden und ungläubigem Kopf- schütteln aufgenommen worden. Hoover und Laval, so erklärt man dort, würden als verantwortliche Führer ihrer Nationen, die gegenwärtig die Schlüsselstellung in der Wettlage einnähmen, Zweifel- los versuchen, eine gemeinsame Grundlage zur Lösung der akuten Probleme(Kriegsschulden, Abrüswng, Goldverteilung und Waren- austausch) zu finden, und dabei sicherlich auch den Plan einer um- fassenden internationalen Konferenz besprechen. Angesichts der unbeugsamen Kongreßopposition gegen jede politische Bindung Amerikas an Europa sei es jedoch höchst unwahrscheinlich, daß Hoover mit einem Sicherheitspaktoorschlag hervortreten werde, um dagegen französische Zugeständnisse in der Frage der Abrüstung und der Kriegsschulden einzuhandeln. Großbank kracht in Kopenhagen. Sie größte dänische Bank in Schwierigkeiten. Kopenhagen. 5. Oktober.(Eigenbericht.) Die größte der drei dänischen Großbanken Handelsbanken" ist in Schwierigkeiten geroten. Der Presse wurde darüber folgende Mitteilung gemacht:„Mit Rücksicht darauf, daß in gewissen Kreisen Zweifel an der Liquidität der Handelsbank zu bestehen scheinen, hat die Nationalbank der Handelsbank, zugesagt, ihre Mittel zur Befriedung möglicher Whebungen in dem Umfange zur Versügung zu stellen, die die Handelsbank für wünschbar erachten sollte." Di« Handelsbank verfügte bisher über ein Aktienkapftol von 30 Millionen Kronen. Sie hat bei dem Zusammenbruch mehrerer industtieller Firmen insgesamt Q'/i Millionen Kronen verloren. vier japanische Kriegsschiffe wurden noch Schanghai beordert, weil dort die Stimmung gegen die Japaner gefährliche Ausmaßo angenommen haben soll. > Nach der Absplitterung Kläglicher Austakt der neuen Partei Am Sonntag wurde in der nach Berlin einberufenen Reichs- konferenz, an der 88 Vertreter aus dem Reiche, darunter gewählte Vertreter aus 25(von insgesamt 32) Bezirken der Sozialdemokratischen Partei, und eine Reihe von Gästen teilnahmen, die„Sozia- listische Arbeiterpartei" gegründet. Zu Parteivorsitzenden wurden gewählt Seydewitz, Dr. Rosenseld und Ströbel, außerdem in den Parteioorstand Portune, Dr. Eckstein-Breslau, Zweiling-Plauen und Frau Dueby. Zu der Gründungstagung hatten die Unabhängige Arbeiterpartei Englands und der ehemalige R-ichstagsabgeordnete Ledebour Begrüßungsschreiben gesandt: Ledebour Hot seinen und seiner Freunde Anschluß an die neue Partei in sichere Aussicht gestellt. In einem„Presseempfang" hat R o s e n f e l d schließlich noch nähere Mitteilungen über die Absichten der TAPisten gemacht. Unter anderem erklärte er. wie die bürgerliche BS.-Korrespondenz berichtet, es sei„erfreulich, daß nur ein richtiger Partei- s c k r e t ä r vorhanden sei und keine Bonzen mitgehen". Wenn Rosenfeld sich die landläufige Schimpfbezeichnung für Partei- und Gewerkschaftsange st«llte zu eigen macht, so mögen Z i e g l e r- Breslau und Seydewitz— von Oettinghaus ganz zu schweigen— ihm ihren Dank abstatten. Sie sind genau so„Bonzen" wie jeder Angestellte der Arbeiter- bewegung. Rur mit dem Unterschied, daß sie über die anderen schimpfen, um die Aufmerksamkeit von sich selber abzulenken. Otto Bauers angebliche Vermittlung. Auf der Gründungskonferenz der„Sozialistischen Arbeiter» Partei" am Sonntag hat nach Pressemeldungen Max Seyde- w i tz behauptet: „daß sich Otto Bauer von der Oesterreichischen Sozialdemokratie tagelang um«inen Frieden zwischen Wels und Seydewitz bemüht habe." Diese Behauptung ist unwahr. Ihr gegenüber sei festgestellt: 1. Ein Brief Otto Bauers an den Genossen Wels ist vom 28. September datiert und erst am 29. September beim Partei vorstand eingetroffen, als die Vorstandssitzung, die den Ausschluß von Rosenfeld und Seydewitz ausgesprochen hatte, schon seit mehr als einer Stunde beendet und der Parteivorstand nicht mehr bei sammen war. 2. Dieser Brief Bauers teilt lediglich mit, daß Prof. Max Adler(Wien)(nicht zu verwechseln mit Friedrich Adler, dem Sekretär der Sozialistischen Arbeiter-Internotionale) bei ihm gewesen sei und ihm gesagt habe, daß Rosenfeld und Seydewitz„den Konflikt sehr gern bellegen und den Bruch mit der Partei sehr gern vermeiden möchten". Auf Wunsch Adlers teile Bauer das dem Gc- Nossen Wels mit. 3. Otto Bauer schreibt in dem Briese wörtlich:„Ich Hab« auf eine Anspielung Max Adlers sofort sehr deutlich erklärt, daß sich weder die österreichische Partei, noch ich persönlich in den deutschen Konflikt einmengen werde". Also erstens kam der Brief zu spät. Zweitens enchielt er nur die Mitteilung Max Adlers von der angeblichen Verständigungs- bereitschast von Rosenfeld und Seydewitz und drittens hat Otto Bauer sowohl für die österreichische Partei wie für seine Person q ehe Einmischung iv den Konflikt abgelehnt. Namensmißbrauch. Genasse Kurt M a t t i ck schickt dem sozialdemokratischen Be- zirksvorstand folgende Protesterklärung gegen den Mißbrauch seines Ramens durch die Spalter: „In der letzten Nummer der„Fackel" wird unter den V e r- traucnsmännern für die einzelnen Bezirke unter anderen auch Kurt M a t t ick genannt. Kurt Mattick erklärt daher, daß er für die Mitarbeit in einer neuen Partei nicht in Frage kommt. Seine Auffassung deckt sich restlos mit der des Genossen Erich Schmidt aus dem Artikel„An die Arbeiter- jugend". Euch noch zur Mitteilung, daß ich meine Vertriebsarbeit für die Fackel bereitsam 15. September niedergelegt Hobe." Schwankende Gestalten. August Siemsen- Jena hatte durch dos Bezirksfekretariat in Weimar mitteilen lassen, daß seine Abmeldung aus der Reichs- tagsfraktion ohne seine Zustimmung erfolgt sei und daß er sich nach wie vor als Parteimitglied betrachte. Heute schickt er uns einen Einschreibebrief, in dem er mitteilt. daß er nachträglich seine Zustimmung gegeben habe und deshalb sich als aus der Sozialdemokratie ausgeschieden be- trachte. Seine vorherige Erklärung an den Genossen Dietrich- Weimar sucht er damit zu rechtfertigen, daß er noch als Mit- glied der Partei einen Kursus bei der Arbeiter- jugend habe zu Ende führen und dort noch über die„inner- politische Lage" habe sprechen wollen. Man nmß staunen über das Maß von— Ehrlichkeit, das in diesen verschiedenen Erklärungen zum Ausdruck kommt. Die Lage in Schlesien. Breslau. 4. Oktober.(Eigenbericht.) DiesozialdemokratischeBezirkskonferenz Mittel- fchlesien nahm am Sonntag in Breslau nach langer Debatte über die Machenschaften der Spalter innerhalb des sozialdemokratischen Ortsvereins Breslau einstimmig eine Entschließung an. in der es u. a. heißt: „Die von langer Hand durch sonderorganisatorische Machenschaften innerhalb der Sozialdemokratie vorbereitete Gründung der Splitterpartei ist in der gegenwärtigen Zeit besonders scharf zu verurteilen. Gerade jetzt ist die Einheit und Geschlossen- heit der Arbeiterschaft wichtigste Vorbedingung für die Fortführung des Abwehrkampfes gegen den Faschismus und gegen den immer heftiger werdenden Ansturm des scharfmacherischen Unternehmer- tum«. Wer die Partei der Spalter unterstützt, h i l f t d e n H i t I c r und Hilgenberg, den V ö g l e r und Thyssen. Die Bezirks- konferenz gelobt deshalb, alle Kräfte einzusetzen, um die Machen- schasten der Spalter zunichtezumachen. Die Bezirkskonserenz ist sich bewußt, daß, abgesehen von unbedeutenden Absplifterungen innerhalb und außerhalb des Bezirks, nur in der Stadt Breslau mit einer geringen Abspaltung zu rechnen ist. Die übergroße Mehr- heit der Breslauer Parteigenossen wird der Sozialdemokratischen Partei die Treue halten. Die Bezirkskonserenz billigt das BtrhaltSn des Be- zlrksvor stände? und spricht ihm das Vertrauen aus. Sie fordert weiterhin alle diejenigen, die von der Partei in ein öffent- liches Ehrenamt gewählt worden sind und sich der Sozialdemokrati- fchen Arbeiter-Partei anzuschließen beabsichtigen, auf, dieses Amt in die Hände der Partei zurückzugeben. Die Bezirks- konferenz ruft alle Genossinnen und Genossen auf, sich opferfreudig und unermüdlich dem Kampf um die Einheit und Geschlossenheit der Sozialdemokratie in ganz Mittelschlesien hinzugeben." * Reichstagspräsident Paul L ö b e hat aus Bukarest von der Tagung der Interparlamentarischen Union an den Vorsitzenden des Bezirks Mittelschlesicn nachstehenden Brief gerichtet: „Mit tiefem Schmerz höre ich, daß auch in B r e s l a u die Möglichkeit einer Abspaltung von der Partei besteht, der ich seit meinem 15. Lebensjahr, also 49 Jahre, diene. Ich habe tKongreßderynlerparlamenlarifchenWnion Europäiscbe Delegierte auf dem Kongreß der Interparlmnen- tarsschen ilnion: Dritter von links Reichstagspräsident Lobe. oft in Opposition zu Beschlüssen' der Reichstagsfraktion gestanden. manchmal die Politik der Partei für falsch gehalten und auch mit der Gruppe um Seydewitz gestimmt. Was aber jetzt von den so- genannten Linken geschieht, ist ein Verhängnis und ein Ver- brechen an der deutschen Arbeiterklasse. Die neue Gruppe wird keinen Einfluß erringen können, aber die Gesomtkraft unser e r K lasse schwächen. Ich hoffe, daß die Mehrheit der Genossen unseres Bezirks der Sache der Sozialdemo- kratie treu bleibt und die Krise überwunden wird." ->° Bezirksvorstand und Unterbezirksleiter der Sozialistischen Arbeiter-Iugend Mittelschlesiens haben am Sonntag mit folgender Entschließung zum Vorstoß der Spalter in Breslau Stellung gc- nommen: „Einmütig und geschlossen steht die SAJ. Mittelschlesiens zur Sozialdemokratie. Wir legen dieses Bekenntnis in dem Bewußtsein ab, daß nur eine starke und einheitliche Arbeiter- partei die Ziele des Sozialismus verwirklichen kann. Deshalb lehnen wir jede Spaltung ab. Die Spalter haben in Breslau eine ideal gesinnte Jugend für ihre egoistischen Zwecke miß- braucht." „Ausmarsch", Chorwerk von Tießen. Uraufführung in der Volksbühne. Die künstlerische Feierstunde, die der„R eich sausschuß für sozialistische B ild u ng s a rt> e i t anläßlich seines 25jährigen Bestehens im Theater der Volksbühne veranstaltete, konnte nicht besser eingeleitet werden als durch Beethovens Fünfte Sinfonie, die nach des Meisters eigenen Worten mit den drohenden Schlägen eines scheinbar unerbittlichen Schicksals beginnt, um sich aus Trauer und angstvoller Verzweiflung züm freiheitstrunkenen Finale durchzuringen. Im Bereich der absoluten Musik gibt es kein glanzvolleres Symbol für die menschheitsverbindende. schick- salsüberwindende Gewalt der sozialistischen Idee. Der Berliner Konzertoerein, das Orchester arbettsloser Musiker, spielte, von seinem Dirigenten Fritz Stiedry angefeuert, mitgerissen und zu großer würdiger Leistung gesteigert. Den Worten Heinrich Schulz' folgte als Uraufführung der „A u f m a r s ch". ein dreiteiliges Chorwerk nach Worten des Ar- beiterdichters Max B a r t h e l von Hefnz T i e ß e n. ließen ist den Arbeiterchören, denen er einen großen Teil seines Schaffens widmet, kein Fremder. Sein Werk ist ein überaus wertvoller Beitrag zur Arbeitermusik. Es bringt die Gegenwartsnot und die Zukunfts- Hoffnungen des werktätigen Volks zum Ausdruck und ruft zum Auf- marsch, zum Kampf der Entrechteten, Unterdrückten, Erbitterten gegen die„höhnischen Herren", zum Kampf für unser aller großes Ziel: die neue Welt zu bauen. Und ist jenseits der Tendenz ein Meisterwerk: meisterhaft in der Anlage des Ganzen, in der Anord- nung der Chöre, der Verflechtung der Themen, der polyphonen Haltung, nicht zuletzt in der kraftvollen und rhythmisch vielgestalteten Thematik selbst. Die wuchtigen Exzesse werden durch ein Mittel- teil unterbrochen, der gleichsam die Funktion des langsamen Satzes übernimmt, der der Besinnung, dem Naturgefülhl, der Beseligung Raum gibt, wenn auch nur für wenige Augenblicke. Die meisten Chöre sind so eingerichtet, daß sie auch ohne Orchesterbegleitung ge- sungen werden können. Gemischte Chöre wechseln mit je einem dreistimmigen Männer-, Frauen- und Iugendchor. Im ersten Teil verdichtet sich die Polyphon!« zu einer vierstimmigen Fuge, die am Schluß zur Krönung wiederkehrt und in dieser feierlichen Form den unerschütterlichen Willen zum Ausdruck bringt: Daß die Welt voll- kdmmen sei, stehen wir zusammen. Die Ausführenden waren der Voltschor Moabit und der Volkschor Harmonie unter dem ausgezeichneten jungen Dirigenten Georg Oskar Schumann. H. W. George Grosz. Vorübergehend sah es fast so aus, als wolle sich der hohnvolle Zcitspiegler Grosz bis zu einem gewissen Grade der ihm von der Geschichte zuerkannten Ausgabe entziehen: Zersetzung und Fäulnis einer sterbenden Klasse einzufangen. Das kühl gemeisterte Bildnis rückte in den Vordergrund seines Schaffens, es genügte ihm, die liebenswürdige Bescheidenheit irgend eines kleinen südfranzösischen Cafös zu malen, und schließlich kam er sogar zu Stilleben mit etwas rätselhaften Gegenständen, die weder künstlerisch noch zeitkritisch sonderlich viel besagten. Wenn auch daneben immer gezeichnete und getuschte Blätter entstanden, deren böser Witz die Sumpsseiten unserer Mitwelt Ekel aufschillern ließ, so strebten doch alle Neu- ausätze des Malers Grosz offensichtlich von dieser Thematik fort. In der Ausstellung ober seiner jüngsten Arbeiten, die jetzt die Galerie Flechtheim zeigt, sind wichtige Neuansätze und künstlerische Vertiefungen zu bemerken gerade in der Richtung der satirischen Vision, des düster blinzelnden Berichtes. Man sieht Bilder, betitelt„Schöneberg" oder„Charlottenburg", Straßen, die aus dem Geflimmer verführerischer Ladenfenster in graubraunes Dunkel ver- sinken, angefüllt mit schemenhaften Passanten, wie sie wesenlos an den glitzernden Lichtern vorüberschatten. Man sieht ein geniales Stück.„Kempinski" genannt, Gewirr andeutender Umrisse, aus dem gerötete Weintrinker-Profile, wie rosa Zuckerguß blinkende Glatzen auftauchen. Die Forben, und darin besteht die neue Wirkung. zucken leicht und bunt aus der fahlen, dunklen Unbeftimmbarkeit des Bildgrundes, was eine seltsame Untergangsstimmung erzeugt. Etwas davon fällt auch auf die Akte, deren quellendes Fleisch eigen- tümlich seidige Changeant-Schattierungen überrieseln. Mit dieser überlegenen und hinterhältigen Malerei hat Grosz unmittelbar den Anschluß an seine beste Wesenskroft neuartig wiederhergestellt. Und damit auch seine stets wieder verblüffenden, bezaubernden, grausam- köstlichen Aquarelle eingeholt, deren kosiges Fleckenspiel seine Domen, Bonnen mit Kinderwagen, Genießer im Dampfbad so süß und giftig umlüstert und aus der Erotik des Schiebers ein so überwältigend widerwärtig schillerndes Gelee herzustellen weiß. W. W. Oer Baskenfilm. Degeto-Matinee im piccadilly. Di« Deutsche Gesellschaft für Ton und Bild brachte im„Piccadilly", Charlotten bürg, den französischen Film "Die Basken" zur deutschen Uraufführung. Das Theater war am Sonntag mittag wenig besetzt. Es bleibt unverständlich, warum die Degeto auf dieselbe Stunde die Vorführung von drei Filmen in verschiedenen Häusern legte. Der Film selbst, den die Firma Gaumont hergestellt hat, ge- hört zu den besten dieser Art. Künstlerischer Ausbau, wundervolle Landschaftshilder verbinden sich mit Aufnahmen, die mit den Sitten des Volksstammes bekanntmachen. Die Basken leben im westlich.-n Abschnitt der Pyrenäen, �der überwiegende Teil in Spanien, der Rest in Frankreich, ungesähr bis Biarritz hinauf. Sic gelten ä!s Nachkommen der spanischen Urbevölkerung und haben sich teilweise ihre nationalen Merkmale bewahrt, besonders in der Kleidung. Allerdings zeigt auch der Film, wie neben dem Notionalkostüm die europäisth-ainerikanische Mode an Einfluß gewinnt. Es ist ein« ackerbautreibende Bevölkerung, deren Häuser an die Bauten in der Schweiz erinnern. Ihr« Geräte weichen in der Form von den in Europa üblichen ab und es gilt noch immer dos Erbrecht des Erstgeborenen. Diese Dinge bilden gewissermaßen die Kulissen des Films, der vor ollem das Leben einsangen möchte, die typischen Züge der arbeitenden und feiernden Bepölkermig. Man sieht Prozessionen und Fondangos, die von Holzbläsern und Trommlern begleitet werden, man wird Zeuge eines Sängerwett- streits im Stil der mittelalterlichen Meistersinger, man hört die merkwürdig artikulierten Schreie, durch die sich die Hirten ver- ständigen. Tatsächlich gibt dieser Film mehr als die gsttzernde Oberfläche: er vermittelt etwas von der Atmosphäre um die Menschen und von ihren in der Heimaterde verwurzeltcn Leben«- gewohnheitcn.— t. „Tiere sehen Oich an." Tauenhien-polast. Ohne jede erkünstelten und erklügelten Aufregungsmomente, ein- fach, aber wahr, schlicht und wunderbar schön erzählt dieser Film von Tieren. Von Tieren, die gefangen sind, jedoch im Tiergarten nach den Hagenbeckschen Methoden gehalten werden, die weder beim beschauenden Menschen noch beim betrachteten Tier das Gefühl des Gefangenseins aufkommen lassen. Der Film ist von Paul E i p p er. Man empfindet bei ihm das ganze Erflllltsein von seiner Aufgabe. Er erschließt manche neue Betrachtungsmöglich- keit, ganz gleich, ob man nun in seltsame Vogelaugen schaut, die zitternde Tagesscheu etlicher Nachttiere miterlebt, sich an der rührenden Fürsorge der Tiermütter erfreut oder die unendliche Eleganz der Tiger ganz auf sich wirken läßt. Aus dem Alltag heraus kann man sogar eine sensationelle Neuheit buchen: denn man sieht eine schwimmende Hyäne. Eipper unterstützte seinen Film durch einen Vortrag, der aus Hinweisen aus das insonderheit Sehenswerte bestand. Man bedauerte mitunter, daß es sich nicht um einen Tonfilm handelte, wurde doch gerade das Lautgeben der Tiere so meisterhost festgehalten. Man sieht z. B. deutlich, daß der Schrei des Löwen aus der Lendengegend kommt, doch bemerkt man nur die'Bewegung und hört nicht dieses furchterregende Gebrüll. e. b. Znlernattonalc der Arbciler-Bricfmarkensammler. In Wien fand kürzlich die Gründung dieser neuen Internationale statt, die 14 Verbände vereinigt. Zum Sitz des Sekretariats wurde Wien gewählt. Jeder der angeschlossenen Verbände ist verpflichtet, in seinem Lande eine Rechtsschutzstelle einzurichten, die dem Sekretariat untersteht. Las Mitteilungsblatt �der österreichischen Arbeiter- Briefmarkensammler wird bis zur Schaffung einer internationalen Zeitung das Organ der Internationale sein. Unterseeboot und Polarforschung. Sir Herbert Wilkins, der aus Bergen in London eingetroffen ist, erklärte:„Der „Nautilus" hat die Durchführbarkeit meiner Theorie bewiesen, daß es möglich ist, unter Packeis hindurchzufahren. Ich hoffe, den Ver- such zu wiederholen, jedoch mit einem anderen Unterseeboot, das abgeändert und entsprechend den vorgefundenen Bedingungen ver- bessert wurde." Wilkins erklärte, eine der seltsamsten Beob- achtungen war die große Sichtweite unter dem Eis. Man konnte aus dem Unterseeboot nach allen Seiten 15 bis 29 Meter weit in das Meer blicken. Die Sondermissiihrtntge»„Butterfln" iu velkstüinlicben Preisen beginnen heute. 9, S9 bis 4,50 M. Do? Rose-Theoter bat anläßlich seines 25jährigen Jubiläums den Wohlfahrtsämtern 3009 Freikarten zur Verteilung übergeben. Altes und Neues Worpswede bildet den Haupteil der diesjährigen Herhstausstelluna der Deutschen Kunstgemeinschaft im Ber- liner Schieß. Tanz. Gettrud Rauh und Eisriede Beckmann, beide hervor- gegangen aus der Iutta-Klamt-Schule Berlin, geben am 15. Oktober im Robert-Schumann-Saal, Lühowstr. 76, ihren ersten eigenen Tanzabend. Rundfunk der Woche Horn Winlerprogramm Der JntendantderBerlinerFunkstunde. Dr. Hans F l e f ch. gab einen Ueberblick über die Grundlinien des Winterprogramms, soweit diese sich auf weite Sicht oorl>erbestimmen lassen. Die Frage:„Was wird der Rundfunk seinen Hörern in den nächsten Monaten bieten?" hat heute für breite Kreise stärkeres Interesse als je. Aber sie ist mit Programm- titeln nicht zu beantworten; denn in ihnen liegt— man kann, im großen gesehen, ebensooft„leider" wie„Gott sei Dank" sagen— nicht sehr häufig ein Maßstab für den geistigen Gehalt der Dar» bietung. Daher sagen die Ankündigung der Goethe- Darbie- tungen aus Anlaß seines liXtj ährigen Todestages und die Ver- heißung eines geistigen Zyklus, der die Zeit von der Französischen Revolution bis zum Wiener Kon» greß umfassen soll, der Mehrzahl der Hörer wahrscheinlich wenig. Nun, über das Goeche-Programm wird man sicher besser erst nach den Darbietungen diskutieren: nicht von den Themen, sondern von ihrer Behandlung wird es abhängen, ob Goethe für die Hörermasse zu Tode gefeiert oder zum Leben erweckt wird. Anders ist es mit dem Ueberblick über eine bedeutend« Epoche. Mancher Hörer mag ihm mit ungerechter Voreingenommenheit gegenüberstehen. Nun sollen hier gewiß keine Vorschußlorbeeren ausgeteilt werden, ober man darf diesem Programmausschnitt jedenfalls mit einigen Er- Wartungen entgegensehen. Soweit man aus den Informationen des Intendanten ersehen kann, ist nur ein ganz lockerer, zeitlich-geistiger Zusammenliang zwischen den einzelnen Darbietungen beabsichtigt. Befürchtungen über schulmäßig lehrhafte Behandlung des Stoffes scheinen daher unangebracht. Das muß allerdings nicht in jedem Einzelfall solche Behandlung ausschließen— wenn sie natürlich auch dort nicht zu hoffen ist. Aber die Durchdringung eines so wesentlichen Zeit- obschnittes in historischer, kultureller und künstlerischer Beziehung kann für den Hörer zu einem sehr wesentlichen Resullat führen, selbst wenn er nicht jede darauf bezügliche Veranstaltung verfolgt. „Wir wollen", sagte der Intendant,„im Dunkel der Vergangenheit ein Fenster öffnen, um die Maschinerie zu sehen, die den Dingen damals das Leben gab." Wenn man das Bild fortführen will, so kann man ergänzend hinzufügen: wenn die Perspektive günstig ge- wählt ist, so wird sie eine Andeutung wenigstens davon erkennen lassen, aus welcher komplizierten Maschinerie jede Gesellschafts- Umformung, also jede geschichtliche und kulturelle Epoche hervor- geht. Die Vortragscheinen, die als nächst« Darbietungen dieses Programmteils genannt wurden(ich weiß nicht, ob vor dem Mi- krophon; jedenfalls stehen sie in dem Manuskript, das der Presse zugestellt wurde), find allerdings mindestens nicht übermäßig glücklich formuliert.„Assignaten und Inflation" mag wegen des Wortes„Inflation" immerhin noch die Neugier auch solcher Hörer wecken, die von den Sorgen der jungen französischen Republik um ihren Etat und damit um chren Bestand sonst nichts wissen; aber„Die Enzyklopädisten" dürste für die meisten eher ein abschreckendes als ein anziehendes Thema sein, obgleich natürlich die Kenntnis der geistigen Wegbereiter der Revolution— denn das waren die Enzyklopädisten— zum Verständnis der ganzen Zeit unerläßlich ist. Da ausdrücklich von dem Intendanten hervor- gehoben wurde, daß alle Darbietungen, also auch die Vorträge, für die geistig Interessierten aller Schichten bestimint sind, wird es notwendig sein, mit der Allgemeinverständlichkeit bei den Tsteln zu beginnen. Einen Haydn-Zyklus, den die Vorschau ankündigt«, kann inan von vornherein freudig begrüßen. Haydn ist heute von seinen genialeren Nachfolgern Mozart und Beethoven unverdient weit in den Hintergrund gedrängt worden. Die durchsichtige Klarheit seiner formenreichen Musik macht diese im besten Sinn volkstümlich. Nach Erläuterungen wird hier wohl niemand Bedürfnis empfinden: jeder. der überhaupt musikalischen Sinn hat, kann diese Kompositionen verstehen oder miterleben.- Der Wille zur Aktualität w�rrde von Dr. Flesch für das Winterprogramm verkündet. Wie er sich im Programm aus- wirken wird, kann sich natürlich erst in seinem Ablauf zeigen. Grundsätzlich sollen täglich 10 Minuten für die Betrachtung aktueller Ereignisse freigehalten' werden, die, wie Dr. Flesch es formulierte, nicht der sensationellen Aktualität dienen, sondern einen Augenblick des Besinnens darstellen sollen; zu hoffen ist allerdings, daß sie Anregung zu verständnisvoller, also kritischer Betrachtung geben. Ein» Darbietungsfolge„Gespräche mit Arbeitern" wurde ohne Kommentar angekündigt, so daß man nur vermuten uno wünschen kann, daß diese Unterhaltungen prinzipiell über wichtige Tagesprobleme geführt werden. Ausgebaut werden soll die bereits im vorigen Winter auf- genommene Arbeit für die Winterhilfe, die gleichzeitig als mittelbare und unmittelbare Hilfsaktion geplant ist. Denn die Werbeaktion für die Winterhilfe soll, wie es heißt, zum großen Tell von arbeitslosen Künstlern ausgeführt werden, die man natürlich genau so gut in anderen Veranstaltungen beschäftigen kann und hoffentlich auch beschäftigen wird, deren Darbietungen ober im Rahmen dieser besonderen Veranstallungen ein« Art sym- bolischer Bedeutung gewinnen. Außerdem sollen von arbeitslosen Musikern Platzkonzerte für die Funkstunde an ver» schieden«» Stellen Berlins veranstaltet uno auch dabei für die Winterhilfe gesammelt werden. Wenn solche Veranstaltungen sich gleichzeitig auch als wirkungsvolle Reklame für die Berliner Funk- stunde erweisen, so wird das sicher niemand mißbilligen. Zu den übrigen Voraussagen kann der Hörer kaum Stellung nehmen. Der Musikfreund wird erwartungsvoll der A u s g e st a l- tung der Opernübertragungen entgegensehen, die viel- leicht ein« wesentliche Verbesserung erfahren, da künftig der Funk- reglsseur an der Probenarbeit der zu übertragenden Bühnenopern teilnehmen und diese hinsichtlich der Hörbildgestaltung beeinflussen soll. Der Bücherfreund wird gespannt die literarische Reil)«„Ver- g c s s e n e— d. h. zu Unrecht vergessene— Bücher" erwarten, die sicher unter den von der Ungunst der literarischen Moden ins Dunkel gedrängten Werken manches wertvolle wieder ans Licht bringen kann. Doch notwendiger als olle solche Rückblicke ist auch auf diesen künstlerischen Gebieten Aktualität, was nicht literarische und musikalische Neutönerei um jeden Preis, sondern geistige Zeil- Verbundenheit heißt. Verbundenheit mit dem Heute wächst aus dem Gestern in das Morgen hinein. Der Sender, der diesen lebendigen Prozeß seinen Hörern am deutlichsten zum Bewußtsein bringt, hat seine funkischen Möglichkeiten am besten erfaßt; denn diese Möglichkeiten liegen nicht in der technischen, sondern in der geistigen Ebene. Tes. Merkwürdige„Wohltäter". Protestkundgebung der Zeitungshändler. Die Berliner freien Zestungshändler, die nicht für«inen be- stimmten Verlag arbeiten, sondern grundsätzlich alle Druckschriften verbreiten, nahmen am Sonntag vormittag in den Germaniasälen zu den Vorgängen auf dem Berliner Zeitungsmarkt Stellung. Die Versammlung war schon lange vor Beginn überfüllt und nahm einen stürmischen Verlauf. Die einzelnen Referenten legten dar, wie die Konkurrenzkämpfe der großen Verleger auf dem Rücken der freien Zeitungshändler ausgetragen werden. Wer zum Beispiel irgend«ine illustrierte Zeitschrift der anderen vorzieht und sie besser zum Aushang bringt, wird von dem Verlag der angeblich benach- teiligten illustrierten Zeitschrift insofern bestraft, als er vom Vertrieb einer Mittagszeitung ausgeschlossen wird. Jetzt sind die großen Verlagsanstalten wie Ullstein, Scherl, Masse, Selle-Eysler noch einen Schritt weitergegangen und haben den Rabatt von bisher 30 Proz. auf 25 Proz. herabgesetzt. Da die Händler aber von diesem Rabatt leben müssen, bedeutet diese Kürzung für sie einen Einkommensverlust von 16 bis 20 Proz. Die Händler sagten gestern mit Recht, daß sich keii-.e Arbeitergruppe einen derartigen Abzug gefallen lassen würde, auch sie müßten sich jetzt zur Wehr setzen, zumal Verhandlungen mit den Großverlegern ergebnislos verlaufen sind. Es kommt hinzu, daß die Existenz des Zeitungshändlers eine immer kärglichere wird. Menschen, die früher die Kunden der alten, schon sseit Jahr- zehnten an einer bestimmten Ecke stehenden Zeitungshändlcr waren, sind arbeitslos geworden und handeln heute selber mit Zei- tungen. Einer nimmt dem anderen das Brot weg. Vielfach müssen Verleger und Grossisten kreditieren, so doß die Zeitungshändler schwer verschuldet sind. Sie verlangen deshalb Zu- rückoahme der Kürzungen, sonst werden sie unter Umständen die Erzeugnisse bestimmter Verleger nicht mehr verbreiten. Besonders empört waren die Händler über die Vrolverleilnng einer verllner Tageszeitung an die Erwerbslosen. Die Händler sagten, es sei sehr billig, täglich tausend Brote zur Verteilung zu bringen, wenn man da» nötige Geld dafür doppell und dreifach durch die Rabali- kürznugen wieder hereinholt. Die Freie Vereinigung der Druck- und Zeitschriftenhändler hat sich deshalb mit einem Schreiben an den Oberbürgermeister Sahm gewandt und ihm mit- geteilt, welche Hintergründe diese Brotverteilung hat. In der Diskussion schämten sich die Vertreter einiger k o m m u- nistischer Blätter nicht, kräftig„Hallet den Dieb" zu rufen. Es hätte ihnen bester angestanden, zu schweigen, zumal jeder Zeitungshändler weiß, daß ja der Münzenberg-Konzern mit seinen Abbaumethoden erst den bürgerlichen Vcrlagsanstallen den Weg gewiesen hat. Die lauten Zwischenrufe bewiesen allerdings, daß sich die Zellungshändler über die Praktiken des Münzcnberg- Konzerns keiner Täuschung mehr hingeben. Der Verlag des„Vor- w ä r t s" hat die bisherigen Rabattsätze nicht herabgesetzt. Wetter für verlin: Meist bewölkt und mild, vereinzelt Regen, etwas ousfrischende, vorwiegend südwestliche Winde.— Für Deutschland: Im Süden und Südosten beständig und vielfach heiter, Nacht- frostgefahr, im Norden und Nordosten meist bewölkt, oercinzelt Regen. eBuch Line'Technologie des StaalsHreichs Unter dem Titel..Techmgtie du Coup d'Etat"(Technik des Staatsstreichs) veröffentlicht der Italiener C. Malaparte«ine Lehre von der Technik des Staotssireichs/") In essayistisch auf- gelockerter Form erzählt er die Geschichte der Staatsstreiche— von der Machtergreifung der Bolschewiken än bis zur deutschen Hitlcrei. Die Taktik des„permanenten Revolutionärs" Trotzki wird wirksam gegen die politische Strategie Lenins abgegrenzt. Pilsicksskis, Prima de Riveras Staatsstreiche werden kurz charallerisiert. Ziemlich ab- wegig und wenig fundiert sind Malapartes Ausführungen über den Kapp-Puffch. Bauer hat damals die Massen keineswegs zur Ver- teidigung des bürgerlichen Staates ausgerufen. Der von den Ge- werkschafien proklamierte Generalstreik galt dem Schutz der sozialen Errungenschasten der Novemberrevolution, um die ja auch heute noch In Deutschland der politische Kampf geht. Mit sichllicher Sym- pathie skizziert dann der Verfasser den faschistischen Staatsstreich in Italien; aber hier zeigt sich deutlich die Grenze seines Buches, das lediglich eine„Heldengeschicht«" der curopäffchen Staatsstreiche ist. Die notwendige Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der einzelnen Länder wird von Molaparte nicht für not- wendig gehalten.„Das Problem der Eroberung und der Verteidi- gung des Staates ist kein politffches, sondern allein ein technisches Problem; die Kunst der Verteidigung eines Staates wird von den gleichen Prinzipien bestimmt wie die Kunst seiner Eroberung. Auch die sür einen Staatsstreich günstigen Bedingungen sind nicht not- wendigerweise politischer und sozialer Natur und hängen nicht von der allgemeinen Lage des Landes ab." Diese Sätze sind sür die Haltung des ganzen Buches typisch. Deshalb kaitn der Verfasser Mufjo- linis Taktik bei der Machteroberung Italiens durch die Faschisten sogar eine„marxistische" nennen, obgleich er im selben Atemzug die gewaltsame Vernichtung der Arbellergewerkschaften erwähnt. Die Unterschiede zwischen den: italienischen und deutschen Faschismus sind überdies keine Unterschiede der.Leiden" Mussolini und Hitler. so geistreich letzterer gelegentlich auch charakterisiert wird.„In der Tat: Hitler ist nur die Karikatur Mussolinis... Sein(Hitlers) Hcldcnideal ist Julius Cäsar im Tirolcrkostüm." Aber die Gefahr der faschistischen SA. wird van Malaparte richtig gewürdigt: er sieht auch ein, daß in der„Legalffienmgs".Tcndenz Hitlers diese Gefahr nahezu überwunden ist. Unsere Zustimmung findet jedoch der Verfasser, wenn er schreibt:„Trotz seiner erstaunlichen Wahl- erfolge ist Hiller noch sehr weit von der Eroberung der deutschen Republik entfernt. Die Kräfte des Proletariats sind noch intakt: dieses mächtige Arbeiterheer, der einzig in die Waage fallende Feind der Nationalsozialisten, ist stärker als je. aufrechter, berell, bis zum Tode die Freihell des deutschen Volles zu verteidigen." Leider war das Buch zu früh abgeschlossen, als daß der Verfasser Gelegenheit gehabt hätte, die kommunistischen Bundesgenossen der Nazis vom 9. August gebührend zu erwähnen.— Die Betrachtungen Mala- partes dringen in die tieferen Schichten der europäischen Gegenwart kaum ein. ober es ist interessant zu sehen, wie aussichtslos einem Au-ländcr die Ehaneen eines nationalsozialistischen Staatsstreiches erscheinen. s.?.dls�er. Paris 1931, Editions Bernord Grosset. Rundfunk am Abend« Montnp. 5. Oktober. Berlin. IS.Oi.. Meuchen uatem-ess". 16.30 Konrert.. 17..30 Jugendstunde. 17.30 Sozialpolitische Umschau 18.15 Unterbaliuntsmusik. IS. 50 Humoresken von Gerhard von Bulosv. 19.10 Prof. L. Öuidde: Die bevorstehende WelfsbrüstunevKOttiereisz. 19.35 Interview der Woche. 20.00 Aus dem Saal des Schfltzenhauses. Frankfurt t. d. O.: wohltitigkeils- konzert. 21.00 Tages- und Sportnachrichten 21.10 Moderne Chöre. 21.20 Friedrich Hölderlin. 22.25 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Anschließend; Tannnusik. Königswnsterhansen. 16.00 Pädagogischer Funk. 17.30 Qoelhe nnd das deutsche Lied.... 18.00 Gott und Glaube.,..: 18.30 Spanisch fSr Anfänger.' t" 19.00 Stunde des Landwirts. V' 19.25 Musiker-Porträts. 19.45 Funktechnik.',' 20.00 Die Lage der Kirche in Rußland. 20.30 Von Leipzig: Sinfoniekonzert. 22.00 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Anschließend bis 0.30: Von Berlin? Tanzmusik. aScrantmotil. für hie Stebofiion: Aich. Bernstein, Berlin:«tu« inen: Sh. Slnde, Beziin. Verlan: Bonnätls Verla«®. m. b.£>., Berlin. Druck: Botinätts SuBandy— Maria Ray. iltar Carlos lehrt und tanzt Rumba— Bissl und Ramo. 2 Albertos uiw. VoiKsbtthne Ttuatir an BOlovplatz 8 Uhr Kampf um Kitsch Schiller-Theater 8 Uhr Die Heirat. Cbarlottenburg äismarckstiaßc 34 Wontag, 5. Oktobei Volksvorstellung Kein Kanenverkau Anfang 20 Uhr Fidelio Ende nach lOVz Uhr Kursflrstßndamm- Theater Bismarck 448/49 8Ve Uhr Die schöne Helena BegU: licqnOTOneahaO H: HuBiUUrdi. Theater am Nollendorfplata Täglich 8Vz Chi Sonntag nadun. 4 Udr Max Adalbert in: Oer beschleunigte Personenzug Sualagi tafn. Mb Pniu von 0.25 M. an »v.uhr CASINO-THEATER»1/- m» Lothringer Strebe 17. iiiiiiiiHMHiiiiiuiniiiiiiiiiiiiiiUMiiiRmuimniiMiiaiuiiiMiniiiiM Neul Sie lachen TrSnen Neul Uber die tolle Posse Dodo, das Bftentliche Aergernis Dazu das neue bunte Progr.) Cutschein l-4 Personen. Parkett nur 50 Pf. Fauteuil I»— Mark, Sessel 1.50 Mark DeotsdiK TDeater 8 Uhr von Schiller (tgii: Mai RiiiMt Die Konrödie 8Vs Uhr ROckkehr RomMiiv.DiiBaU Stewart Regie;(iiistaf UrfloiigiiB. Rgstaumm Berlind BETRIEB /»»V kempihskiM Inferieren brlnct ERPOLG I ROSE-THEATER Nor bis 13. 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Das Äompagniefignal der Hapag heult auf, Gegen- grüße der vorbeifahrenden Dampfer und Barkassen ertönen; der Nundfunkmonn erzählt vom„Michel", dem Wahrzeichen der See- fahrer, er läßt vor seiner chörergemeind« das Bild Hamburgs und des Hafens erstehen: er macht das so gut, daß ich den Seewind zu fühlen und schmecken oermeine, ich sehe die Landungsbrücken, Höfte, Logerschuppen, die Werften mit ihren Hellingen, die an den Duckdalben vertäuten, auf- und niedertanzenden Schlepper, ich höre .ms Klatschen des Wassers gegen Kaimauern und Schiffsbuge, daß Rasseln der Ketten und das Knirschen der Haltctrossen--. Ich liege in Berlin im Bett und träume von Haniburg.„Ham- doch, Dschunge, Dschunge, wat wör dot scheun.. sage ich statt des Morgengruhes, als die Wirtin den Kaffee bringt. Sie guckt mich erschrocken an, sie denkt vielleicht, ich hätte chinesisch gesprochen, dabei bin ich nur ins Hamburger Platt gekommen...„Hambach": die Alster. Diese bewegte, blitzende Wasserfläche. Mit abgefiederten Schoten fliegen schmucke Jachten mit schneeweißen Segeln vor der böigen Brise darüber hin. Schlanke, zerbrechliche Rennboote schießen geschickt gesteuert dazwischen durch. Kommandorufe erschallen:„Hol up, hol up!" Die Riemen greifen im Gleichtakt ins Wasser. Dann die Menge der kleinen Ruder- und Paddelboote, die auseinander- scheuchen, wenn ein Fährdampfcr sein langgezogenes Warnungs- signal brummt, daß sogar die unbekümmerten, anmutigen Alster- schwäne Platz machen. Und es ist Abend. Tausend Lichter blitzen aus und spiegeln sich im Wasser. Buntfarbige Lampions glimmen, Feuerwerk prasselt in die Lust. Vom Alsterpavillon tönk Musik herüber. Die Geiger streicheln so innig und sanft ihre Instrumente, daß die Töne mit dem hauchdünnen Abendnebel zu einem leisen Weinen verschmelzen. Boot an Boot drängt sich an die strahlende, dichtbesetzte Terrasse des Alsterpavillons. Sanft schunkeln die Fahrzeuge aus den leise bewegten Wellen. Das Licht der Gartenkandclabcr fällt greller auf die hellen Damenkleider der vorderen Boote, während die weiter draußen liegenden im stillen Licht des Mondes matter leuchten. Ein Segler gleitet gespenstisch leise heran und läßt die Segel laut- los sinken. Ganz weit draußen, wo das Mondlicht voll auf dem breiten Spiegel der abendlichen Alfter liegt, schweben wie märchcn- hafte Fahrzeuge schlanke Jachten mit der Anmut gleitender Schwäne über dos Wasser. Heimlicher oder dreisterer Flirt von Bord zu l�ord. Die roten und grünen Lichter der Fährdampser huschen vor- über. Der Mond lächelt' satt und prall, obgleich er diese Sommer- nächte nachgerade oft genug gesehen hat. Und wieder hebt die Musik an:„Mondnacht auf der Alst er!" Auf dem Süllbcrg in Blankenese. Hier, an dem hohen Elbufer, dot sich der Reichtum angesiedelt. Prachtvolle Villen grüßen aus dem Dunkel alter Parkanlogen die unten oorbeifahrenden Schiffe. die jenen Reichtum aus allen Welttellen herbeitrugen und tragen. Mächtig rollt der Elbstrom dahin, weiter und breiter als das Auge sehen kann. Ganz hinten, in der Ferne, verschwistern sich Himmel. Land und Wasser zu einem schimmligen Grau. Weich und schmei- chelnd ist das Grau, einlullend wie ein Wiegenlied. Zarte Tönungen Die Landschaft ist still und schwer.— Und nun geht die Sonne unter. Sie sendet von dort, wo der Strom in die See übergeht und sich in Dust und silbernem Glanz verliert, ihre letzten Feuer- grüße. Alles flammt rot auf: die Wolken und das Wasser, die Weiden am Ufer und die Segel auf dem Strom. Ein geteertes Segel, im Abendrot erglühend, gleitet langsam durch das flüssige Gold, silberne Möwenschwingen umzucken es und hoch darüber ziehen unzählige kleine Rosenwölkchen am mattgrünblauen Himmel--. Ja, da kann einer zum lyrischen Dichter werden... Regatta auf der Außenalster. Der Senatsachter wird auf der Bahn vor dem Uhlcnhorfter Fährhaus ausgefahren. Nirgendwo sieht man so viel gutgekleidete Menschen wie hier. Ein- Eleganz. die besticht, die aber einfach, also echt ist und die nicht aufreizend wirkt. Hübsche Frauen, gutgeschnitten- Männerköpfe—: Hamburger Patriziergeschlcchter, die sich im Uhlenhorster Fährhaus, dem Brenn- Punkt des gcsellschafUichcn Lebens in Hamburg, Stelldichein geben. Alle Tische im Garten sind besetzt, die Terrassen sind überfüllt. Ein fröhliches Smnmcn schwebt über' allem. Die Sonne lacht, die Alster glänzt wie ein schuppiger Fischleib. Die Boote liegen dicht an dicht. Am jenseitigen User ziehen sich alte Eichenallecn hin, durch die hin und wieder ein Herrenhaus schimmert oder das hello Smaragdgrün eines englischen Rasens leuchtet.— Stefan Monninger, Professor, Doktor— Haneburgs berühmtester und bester Konzerchauskapcll- uneifter— holt aus feiner Geige und der Kapelle heraus, was er -Herausholen kann. Und er kam,—! Dann: Kommandorufc. Di- Trainer geben letzte Anweisungen. Der Startschuß! Die Riemen Peitschen das Wasser. Im Gleichtall rucken die Rollsitze. Die kühlen. zurückhaltenden Hamburger Kaufmannssöhne stchen auf den Garten- stühlen und beobachten den Verlauf des Rennens durch ihre Gläser. Rufe erschallen, Jubel bricht aus: D-r Favorit hat gewonnen. Er fährt, freudig begrüßt, feine Ehrenrunde. Das Hauptereignis der Hamburger Rudersaison ist' vorbei. Die Musik spielt wieder. Einen leise wiegenden Walzer:„Uh l enh o r st e r Kinder".—— Der Lautsprecher nebenan auf dem Balkon hat längst irgend- einen Dortrag zu schnarren begonnen. Aber in mir ist die Erinne- rung an Hamburg übermächtig geworden, daß ich Heimweh nach Hamburg habe, wo ich so gute Zeiten erlebte... Ich überleg«: wird das Geld jetzt zu einer Fahrt nach Hamburg reichen? Es muß—! 'Jt-amburg, eine freie Jlaniefladf Ich laufe burch die Straßen Hamburgs. Meine Lungen atmen wieder schwere, salzige Lust, die nach Algen, Wasser— und(wie soll man's anders saaen?) nach lzasen und Schiffahrt riecht. Ich spüre den Puls der Hafenstadt, der anders al« der Berlins klopft. Ich muß mich an olles erst wieder gewöhnen, der Uebergang ist ein bißchen plötzlich, so daß ich verwirrt bin. Ich komme durch Anlagen, Parks, da ist die Alfter, der Iungfsrnstieg, die Möncks- bergstraße. Immer bewegt, rastlos flutet das Leben hier«in und aus. Das ist in Berlin auch so. Aber.— ich stehe vor dem im deutschen Renaissancestil gehaltenen Rathaus, einem Sandsteinbau, dessen lll Meter hoher Turm weit über die Stadt ragt, und über dem Portal ist eine Inschrift: Frecheit haben dir, Hamburg, die Väter tapfer errungen. Würdig wahre sie dir bis auf das späteste Geschlecht. Jetzt weiß ich's: Hamburg ist unabhängig von Fürsten- launen geworden. Es verdankt seine Größe und seinen Reichtum dem Meer— und der Freiheit. In Hamburg ist keine Reihe von Gespenstern im Nachtrock, genannt Siegesallse, aufgestellt. Da sind keine bombastischen Denkmäler, die von„kunst"-beflijsenen Spießern beglotzt werden könnten. In Hamburg ist olles harmonisch anein- andergeglicdert, da ist nichts Aufgebautes nur Hingestelltes, alles ist aus Natur und Bedürfnis geworden: das Fabrik- und Werft- viertel, die Arbesterstadt, das Kontorhausviertel, der Hafen. Was der Stadt seinen besonderen Charakter verleiht, ist dos Netz der Wasserstraßen, Fleete, die fast ganz Hamburg durchziehen. Diese Fleete, vielfach überbrückt, erinnern an die venetianischen Kanäle. Das Wasser bespült die Mauern der umliegenden Häuser, — zwar keine Paläste, sondern schlichte, schmucklose Spaicherbauten mit dem Wasser zugekehrten Giebeln und roten, von der Zeit in ihrer Leuchtkraft gedämpften Ziegelwänden. Auf den Fleeten drängt sich ein Gewirr verschiedenartigster Fahrzeuge: Barkassen,<5cha« luppen, Schuten. Die Ewerführer staken und haken mit langen Stangen ihre Boote geschickt durch das Gewirr. Die Luken und Speicher sind geöffnet, die Winden knirschen und knarren die Lasten hinein. Aus dem Fleet steigen die verschiedenartigsten Gerüche auf. kräftige Düste von Fellen, Tran und Petroleum, wunderliche und unbestimmbare, an denen man vergeblich herumrätselt. Und erst bei Ebbe, wenn die Schuten schwer im schwarzen Schlamm liegen und das schmutzige Wasser nur in kleinen Rinnsalen flieht, da kommt dann allerlei zutage, was auch die unbestimmbaren Düfte nicht wunderlich erscheinen läßt. Und die„Fleetenkieker", die stun- denlang über ein Brückengeländer geflegelt ins Wasser starren, be- kommen immer Neues zu sehen... Die meisten und malerischsten Fleete liegen in der Altstadt. Alt-Hamburg. Das alte Gänseviertel an der Steingasse, das Choleraviertel, die Niedernstraße— das ist alles schon abgerissen. Ganz enge Gähchen waren das und Sackgäßchen mit sogenannten Höfen, Wohnblocks. Da waren der Pesthof. der Paradieshof. Die Häuser mit den übergekragten Stockwerken rückten in der Höhe so dicht zusammen, daß man sich aus den gegenüberliegenden Fenstern die Hände reichen konnte, über den Rinnstein hinweg, der nicht nur die Regenwasser abzulesten hatte, sondern der auch als Kehricht- platz diente. Eierschalen, Kartoffelreste, Fischköpse schwammen in den Pflasterlöchern. Eine duftgeschwängerte Atmosphäre: die der Armut, die des Schmutzes. Balken- und Stangenwerk, zwischen den Häusern über die Straße gespannt, stützte die dem Zusammenbruch nahen Gebäude. Die Stangen ersetzten die Wäscheleinen. Lustig flatterten die Wäschestücke die ganze Straße hindurch, fast aus jedem 5?ausz. Der Regen besorgte die. Reinigung der Wäsche... In dem Gänge- viertel hat in den SOer Jahren des vorigen Jahrhunderts die Cholera gehaust. Ganze Straßenzüge ftatben aus. Noch und nach wurden dann die Häuser abgebrochen. Das letzte ungefähr 1926127. Jetzt ist hier das Kontorhausoiertel. Chllehaus, Vallin-Haus, Sprin- ken-Hof und Mahlen-Hof sind Baublöcke moderner architektonischer Gestaltung, sind der Stolz der City. Die neuen Wohnhausviertel im Norden und Osten der Stadt stellen sich dem Kontorhausoiertel würdig an die Seite. Das neuzeitliche bauliche Schaffen ist hier wieder zum rohen Backsteinbau, dem Klinker, zurückgekehrt, der vor Jahrhunderten bereits das Gesicht der Stadt bestimmend geformt hat und erst vor etwa 100 Jahren dem Putzbou gewichen war. Durch diese Rückkehr zum Klinker betont Hamburg auch wieder in seinem Aeußcrn den Charakter einer niederdeutschen Stadt. Sias arbeilende Mamburg In Hamburg, ja in Hamburg wird gearbeitet! In den Kon- toren, Märkten und Läden. Aber wer die Arbest hören, fühlen und sehen will— alles zugleich—, wer die hundertstimmig� Sinfonie der Arbeit spüren will, ihren gewalligen Akkorden und Rhychmen lauschen will, der muß den 5iafen aufsuchen. Dorum: Auf nach Sankt-Pau/i-Landungsbrücken! Don dort fahren die Schiffs der Hafen-Dampfschiffahrts-Gefellschaft zu chren Hafenrundfahrten ab. Dom Dampfer aus blicken wir auf das grüne Stellufer der Elbe, das von der Seewarte, dem Tropeninstitut und vom Bismarck- Roland gekrönt ist. Am anderen Ufer sind die Werftanlagen von Blohm u. Voß, Etülcken u. Sohn, starren die Hellingen der Reiher- stieg-Werft in den Himmel. Dort sind die größten Ueberseedampfcr der Vor- und Nachkriegszeit gebaut worden. Die Dampfer der „Albert-Ballin"-Klasse der Hapag. die„Europa" des Norddeutschen Lloyd. Dicht bei den Sankt Pauli-Landungsbrücken haben die Ozeanriesen der Hamburg-Süd(omcrika) festgemacht: träge qualmend liegen sie da, schwimmende Grand-Hotels.— Der Maschinentelegraph klingelt, die Dampfpfeise schreit, die Maschine stampft— und einen gischtigen Streifen Kielwassers hinter sich lassend, fährt der Rund- fahrtdampfer ab. Der Wind bläst einem frei und frech ins Gesicht. Die Flagge klatscht gegen den Mast. Die Hamburger Flagge mit den drei weißen Türmen in blutrotem Felde. Und plötzlich macht das Boot eine Wendung, so daß der Wind uns, die wir achtern stehen, den schwarzen Qualm aus dem Schlot ins Gesicht wirft. Gischt spritzt hoch. So ist'» richtig! Aber eine alle Tante glaubt schon seekrank werden zu müssen, sie klammert sich ängstlich an das Gc> länder und guckt ousgeregt bald links bald rechte, well sie dentt, unser pustender, schwarzen Rauch auswerfender Steamer würde irgendeine der an uns vorbeitanzenden Jollen und Schuten über- fahren. Scheltwort« fliegen von Bord zu Bord— aber einer weicht dem andern im letzten Augenblick aus.— Der Fährdampfcr besucht, unter Brücken, durch Sckileusen hindurch, einen Hasen noch dem anderen. Asia-, Afrika-, Jndia-, Petroleunchafen usw. Mehr als Sl> Hafenbecken hat Hamburg. Mit dem Hamburger Hofen eng verbunden und wirtschaftlich mit ihm ein« Einheit bildend, sind die Häfen Altona, Harburg-Wilhelmsburg sowie der Hafen der Ham- burgisch-Preußischen Hafengemeinschast. Durch die Vereinbarungen, die Preußen und Hamburg 1928 getroffen haben, ist ein jahrelanger Streit beendet worden. Das gesamte Hafengebiet der Unterelbe führt jetzt den Namen„Hafen Hamburg".— Vor Walterehof, dem jüngsten hamburgischen Hafengebiet, wendet unser Dampfer. Diese gewaltigen Schleusenanlagen! Diese Kaimauern! Wie Tier« der Vorzeit lagern im Strom die gigantischen Getreideheber, hocken über den Kaimauern die Riesenkräne, die Kohlenkipper, die mit den Stahlskeletten der Werschellinge und den rauchenden Schloten des Industriegebietes im Frechafen ein bizarres, überwältigendes Bild hervorzaubern. Und von allen Kais und Werften klappert, kracht, dröhnt, pfeift, klirrt, knarrt und kreischt es. Es ist wie ein unartikuliertes Gestöhn aus dem Schlund eines Riesen, den der Wb drückt.— Schiffswerft. Um sich das Geräusch vorstellen zu können: es ist, als wenn 50 Motorradfahrer bemüht sind, das Aeußersts an Geknatter aus ihren stehenden Maschinen herauszu- holen. Zwischen Kiel und Mastspitze turnt der Schiffsbauschlosser herum, zwischen Bug und Heck, ständig umtost vom nervenpeitschcu- den Lärm... Inmitten des heulenden, gellenden Lärms muh er seine Zeichnung studieren, nach der er arbeitet. Er hantiert mit dem gelenkzermürbenden Preßlufthammer, er muh die tobende Handbohrmaschine meistern, die heimtückisch darauf lauert, sich los- zureißen und um sich zu schlagen... Jnmillen des Höllenlärms muß er heute feinfühlig empfindliche Millimeterarbest ausführen und morgen Zentnerlasten bewegen, wobei geringst« Uuoorsichtigteit Menschenleben aufs Spiel setzt. Im Sommer arbeitet er unter den zolldicken Eiseirplatten des Hauptdecks, wenn die Sonne stundenlang darauf gebrannt hat... Und am frostigen Wintermorgen, hoch oben auf der Back, wenn eisiger Ostwind über die Elbe pfeift, dann wollen die krummgefrorenen Finger den Hammerstiel nicht mehr halle:,... Und jetzt, am Feierobend, nach achtstündiger, anstren- gender Schichtarbeit, setzten die Fähren sie über zu den Landung»- brücken. Und der Ruß aus chren Gesichtern, die Oelflecke auf chrcn Kleidern: sie sind keine Verunreinigung! Sie sind, wie der Schweiß, der von ihren Stirnen troff, ein Zeichen ihrer Würde. Ihre Fäuste haben neben der Leistung der Konstruktion den Haupt- anteil an dem Bau der Ozeanriesen gehabt, die jenseits der Meere in fremlien Ländern von Deutschlands Fleiß und Tüchtigkeit zeugen und Achtung erwerben. Jene Achtung vor dem geschaffenen Werk, die Vorbedingung für das gegenseitige Verstehen der Völker ist! Sias luftige Mamburg So, ich habe Durst bekommen. Weil ich gerade in Sankt Pauli bin... Sankt Pauli, Sankt Lustig oder Sankt Liederlich sagt der Hamburger. Der Auswärtige macht sich ein falsches Bild von Sankt Pauli. Sankt Pauli ist eine Mischung von— das dürste am besten zutreffen:— von Kurfürstendamm und Rummelplatz in Berlin N. Zwei Gegensätze, die meinen Vergleich beweisen: 1. Der„Alkazar", „das Herz des Hamburger Nachtlebens", ist ungeftchr das, was das Cafö Steinmeycr in Berlin ist. 2. Das Hippodrom— Rummelplatz.. Die Amüsierbetriebe der Reeperbahn sind von Kopf bis Fuß auf Nepp eingestellt. Geschenkt! Aber in den Nebenstraßen Sankt Paulis ist's interessant. Da ist Käpp'n Haase, der hier eine Kneipe betreibt.„Museum für Kolonie und Heimat" nennt er sie, weil in ihr alle die in vielen Jahren der Seefahrt zusammengetragenen Trophäen ausgestellt sind. Sich selbst bezeichnet Käpp'n Haase als einen„Professor der unentdeckten Wissenschaften". Für einen„lütten Köhm" kann man alles besichtigen: Seejungfrauen und Haifische, Korallen und alle Waffen, Lowenbabys und Schiffsmodelle, eine Wanduhr, die man 20mal aufziehen kann,— und die trotzdem nicht geht, und tausend andere Dinge mehr. Die größte Sehenswürdig- keit ist ein dienstbarer Geist, von dem selost die Stammgäste noch nicht herausbekommen haben, ob es ein Mädchen oder ein Mann ist. In der Schmuckstraße, die im preußischen Altona Ferdinand- stratze heißt— der Grenzpfahl mit dem Preußenadler steht in der Mitte der Straße—, dort gibt es fast nur chinesische Firmenschilder, Barbiere, Zigarettengeschäste, Wäschereien und Restaurant?. Da sind kleine, gemütliche Lokale, die nur der Eingeweihte kennt. Keine Nepplokale wie„Cheong Shing" oder„Neu-China". Bei Loy Choy beispielsweise kann man ausgezeichnet essen. Da bekommt man Suy-Da-Fan vorgesetzt: eine Rcisspeise mit dreierlei Sorten Fleisch, mit Würze und Brühe dazu. Die china-men bekommen Ehstäbchen, der Fremde Messer und Gabel. Der steundliche kleine Kellner rade- brecht ein spaßiges Deutsch und sagt auch im Englischen ,st" statt„r". Oder, um einen„Nördlichen" zu trinken(d. i. Grog, und zwar nach folgendem Rezept: Rum muß. Zucker kann und Wasser braucht nicht dran zu sein...), geht man am besten zur„Kuh- wärder Fähre" in der Hafcnstraßc. Da ist viel Platz, weil das elektrische Klavier unter der Decke hängt... Dann sind da noch andere nett« Seemannskncipen:„Reu-Hoboken",„Concy-Jsland", „Catham Square",„Cosy Corner" usw. Oder die„Jndian Bor". Da bekommt man für 23 Pfennig ein Glas Bier mit Musik, lind es kann einem passieren, daß man der einzige Weiße unter Indern und Negern ist und die wunderbar-traurigen alten Negersongs von: Mississippi zu hören bekommt. tjapan, AuffHeg stur Welimacht Was uns bei der einzigartigen Entwicklung Japans vor allem interessiert, sind die drei großen Problemkrcisc: die völlige Um- gestollung Japans vom Feudalstaat zum modernen Industriestaat, die dadurch aufgetauchte soziale Frage und ihre mnerpolitische Ge- staltung sowie schließlich die imperialistischen Bestrebungen Japans, der Kampf um eine wirtschaftliche und politische Vormachtstellung im Fernen Osten. Zu oll diesen Fragen wird in dem umfangreichen Buch von Arthur I. Brown„Japan, Ausstieg zur Weltmacht"�) reiches Material angehäuft. Man spürt in jedem Abschnitt, daß der Verfasser Kenner des Landes und der Vorgänge«st. Leider ist es ihm ober nicht gelungen, das reichhaltige Material zu zwinge::. Das Buch vermittelt keinen geschlossenen Eindruck, es fehlt dos Eingehen auf Ursachen und Zusammenhänge. Es kann nicht ge- nügen zu sagen, daß sich dies und jenes geändert, daß sich dies und jenes zugetragen hat. Es muß auch gesagt werden, worin die ein- zelnen Vorgänge ihre Wurzel haben. Diesen tiefergreifenden Fragen wird der Verfasser nicht gerecht. Er bringt in einzelnen Abschnitten Bilder über den Charakter der Japaner, ihren Fleiß und ihre Kriegstüchtigkeit(?), schildert den Aufbau des Staates und das wirtschaftliche Vordringen. Die Llbhebung gegen das feudal« Ja- pan wird nicht überall klar herausgearbeitet und die Behandlung de« sozialen Problems ist schief und unbefriedigend. Die nnpcrio- listischen Strömungen und ihre Auseinandersetzungen mit Amerika sind mit zahlreichem Material der verschiedensten Art belegt, nirgends aber ist eine Entwicklungslinie aufgezeigt, nirgendwo er- hält man einen Einblick in die Zusammenhänge, von dem aus man alles ordnend übersehen und erfassen kann. So ist das Werk wohl ein anerkennenswertes Buch voller Einzelangaben und größerer Episoden, nicht aber ein klargezeich- nete» Bild der überwäüigenden Umwälzungen Japans und Ostasiens. WnÜelm Tietgens. *) Arthur I. Brown:„Java,,, Aufstieg zur Weltmacht"(Auf- bau moderner Staaten. Band 4. Aus dem Englischen überseht von Dr. H. Schoos, mit Zeittafel. SS4 Seiten. Geheftet 12, SO M. Leinen 15 M.). Örell Füllt B erlag, Zürich und Leipzig. 9 Arbeitersport am Sonntag Ueberraschungs~Fu$ba]l~Serienspiele Der gestrige Sonntag brachte im Fußballager einige be» mertenswerte Ueberraschungen. Von Eiche-Köpenick hotte man in den letzten Spielen nicht besonders viel gesehen. Daher kommt die Nachricht von dem Sieg gegen Luckenwalde II, dem Spitzenreiter der Abteilung B, um so überraschender. Die Köpenicker schienen sich aus ihre frühere Form besonnen zu hoben, das ganze Spiel hin- durch waren sie die Tonangebenden. Bis zur Pause tonnten sich die Luckenwalder noch holten, fielen dann aber dem Tempo und dem besseren Spiel Eiches zum Opfer. Mit 3: 1 eroberte sich Eiche die Punkte. Die größte Ueberraschung dürfte allerdings die Niederlage, die Minerva von dem Kreistlassenneuling Teltow bezog, sein. Wenn dos knappe Resultat von 1: 0 auch nicht für einen überzeugenden Sieg spricht, so haben die Teltower bewiesen, daß ihre Eingliede- rung in die Kreisklasse zu Recht besteht. Daß Luckenwalde III gegen Butab gewinnen würde, haben die Techniker sicher nicht er- wartet. Mit 2: 0 konnten die Luckenwalder siegreich bleiben.— Adler 08 wäre es beinahe schlecht gegangen. Mit nur 9 Mann fuhren sie nach Trebbin. Diesen Leichtsinn hätten sie beinahe mit dem Verlust der Punkte bezahlen müssen.■ Erst noch der Pause (2: 2) trat bei Adler der 10. Spieler ein. Dadurch faßten sie wieder neuen Mut. Bald hieß es dann 4: 2. Adler glaubte jetzt den Sieg sicher zu haben. So spielte dann die Hintermannschaft sehr zer- fahren, und nur dem unermüdlichen Arbeiten der Läuferreihe war es zu oerdanken, daß die Trebbiner erst kurz vor Schluß den dritten Treffer buchen konnten. Mit 4:3 blieb Adler mehr' glücklicher als verdienter Sieger.— Pankow-Niederschönharrfen sicherte sich durch einen 4: 1-Sieg über Sl»ondau 25 den Anschluß an die Spitze.— Eintracht-Reinickendorf fühlt sich wohl schon ganz sicher als Ab- terlungsmeister? Anders ist das lasche Spiel gegen Luckenwalde V nicht zu verstehen. Bei dem Seitenwechsel führten die Reinicken- dorser mit 2: 1, um aber noch 3 Minuten bereits mit 4: 1 vorn zu liegen. Dann rissen sich die Luckenwalder zusammen. Bald waren sie auch bis auf 4:3 heran. Nun verloren Eintrachts Stürmer den Kopf', erst als der Mittelstürmer ein fünftes und der Rechtsaußen ein sechstes Tor schössen, waren sie wieder obenauf. So konnten die Reinickendorfer doch noch mit 6: 3 den Sieg erringen. Lichtenberg II konnte gestern sein erstes Spiel gewinnen. Mit 4:1 mußten die Südostler die Segel streichen. Das Debüt Allemania- Karow gegen Vorwörts-Wedding endete mit einer knappen 2: 3- Niederlage. Wilmersdorf gelang es, dem Bezwinger Teltows, Friedenau, mit 2:1 zu schlagen. Normannia und Hoppegarten trennten sich 4: 2. Hansa 31 und Saxonia zeigten vor einer nicht geringen Auschauerzahl ein Spiel, wie man«s sich nicht besser wünschen kann. Die Hanseaten verdankten chren 4: 1-Sieg dem besseren Läufer- und Stürmerspiel. Weitere Resultate: Britz 88 gegen Herzfelde 2:0. Minerva- Bezirk gegen Baumschulenweg 3: 5. Nowawes gegen Cladow 10: 0. Schöneberg gegen ASV. 1-Neukölln 8: 1. Werder gegen Potsdam 0: 3. Südost gegen Lichtenberg I-Bezirk 7: 3. Eiche Bezirk gegen Kogel 4: 0. Wilmersdorf 2 gegen Friedenau 1: 2. Hansa 2 gegen Saxonia 1: 1. Minerva Jugend gegen Nowawes 6: 0. Hockeyresultatc Der gestrige Sonntag schüttelte alle Mannschaften noch einmal tüchtig durcheinander, anders sind die Resultate gar nicht zu ver- stehen. So mußte Tennis-Rot 1 ein 0:7- Ergebnis vom Volks- spart Neukölln-Britz 1 trotz Ueberlegenhest einstecken. Der Arbester- sportverein Rotweiß leistete sich einen 9:3- Sieg gegen VfL. Ost- ring 2 trotz anfänglicher Unsicherhest der Rotweiß-Mannschaft, deren bester Mann neben dem Mittelläufer der jugendliche Rechtsaußen Müller war. Der freie Hockey-Club Spandau brachte es fertig, den Sporwerein Moabit 1 ein 3: 2 abzuknöpfen. Dagegen hatte Freie Turnerschaft Groß-Berlin-Tempelhof alle Hände voll zu tun, um den Athletik-Sport-Club 1 mst 3: 2 zu hosten. Der ASC scheint wieder zu kommen und seine Dornröschenrolle ausgespielt zu haben. Die Hintermannschaft ist berests wieder gut im Zug. Der Arbeiter- Sportverein Schöneberg-Friedenau 07 überrannte Volkssport Neu- kölln-Britz 2 9:0 und läßt für die beginnende Serie all« Hoff- nungen offen. Weitere Resultate: Arbestersportoerein Rotweiß 2 gegen Tennis-Rot 2 5:0, VfL. Ostring 3 gegen Arbeitersportverein Rot- weiß 3 0:2, Athletik-Sport-Club 2 gegen Tempelhof Freie Turner- schast Groß-Berlin 0:0. Bei den Fraüenspielen zeigten die Tennis-Rot-Spielerinnen gute Fortschritte: 2: 0 siegten sie gegen VsL. Ostring 1. Rotweiß-Frauen siegten jederzeit sicher gegen Freie Sportvereinigung Niederschönhausen-Pankow 3: 0. Die Frauen vom Volkssport Neukölln-Britz siegten über Tennis-Rot 2 2:0. Die Langsirecken~Regatta der Freien Ruderer und Kanufahrcr Viel gute Sonntage waren in diesem Jahre den Wassersport- lern nicht vergönnt. Der gestrige Sonntag, an dem dos bereits zur Tradition gewordene Douerrudern und- paddeln der Arbeiter-Wasserfahrer im 1. Kreis stattfand, war eine kleine Eni- schädigung. Wenn es auch für diese Veranstaltung reichlich windig war, so blieben doch wenigstens die Regenschauer aus. Die Boots- Häuser des Reichsbanners in Köpenick und des RK.- Vorwärts in Oberschöneweide, gegenüber dem Plänterwald, trugen den Schmuck der Bundes-, Vereins, und Reichsfarben. Vom Reichsbanner- zum Vorwärts-Bootshaus starteten Kanu- fahrer, die Jugend- und Frauen-Ruderer über die 10-Kilometer- Strecke, vom Vorwärtshaus über Köpenick-Rohrwallinsel und zurück zum Vorwärtshaus die Kanu-Fünfer und die Ruderer über 17 Kilo- meter. Di« Paddler starteten in zwei Minuten, die Ruderer in drei Minuten Abstand. Im Durchschnitt wurde guter Sport ge- zeigt: der starke Wind machte vor allem den steuerjosen Paddel- booten schwer zu schaffen, was sich auch auf die gefahrenen Zeiten auswirkte, die etwas schlechter waren als im Vorjahre, denn die Mannschaften der 17-Kilom«ter-Strecke brauchten in der zweiten Halbzeit des scharfen Gegenwindes wegen etwa vier bis fünf Minu- ten länger als in der ersten Halbzeit. Dem guten Sportgeist kann man es zurechnen, daß von allen gemeldeten Mannschaften nur je eine Riwer- und Kanumannschaft ausfiel. Die Rennen, die fast ausnahmslos gut besetzt waren, zeitigten folgende Resultate: Gruppe A, 10 Ailometcr, Faltb-ot: grri-.»piui-Union 63:20::. ATGB.. 74,4.— Doppelkajak, Sloff« 5, gumoren: Frei« Sanu-Ünton und D.�Sanu.Slejitf, 60,02; 2. Ruder, und Jtanuoecein 1324 60,54.— Doppel. — Leichter Vierer: 1. Rathenow 85,4; 2. RB. VuiaB 86:38,6.— Doppelvierer, Junioren: 1. Vorwärts, Boot 77, 77:43; 2. Vorwärts, Boot 74, 79:24,8.— Riemenvierer, Senioren: 1. Collegia 77:37,8; 2. Vorwärts 80:37,6.— Doppel. vierer, Senioren: Collegia 78:26,4. Das �VasserbaU-nitt�turmer Charlottenburg siegt überlegen Die Veranstaltung des Arbeiterschwimmvereins Möwe am Sonnabend im Stadtbad Neukölln nahm einen span- nenden Verlauf. Trotz der 15 Spiele, die notwendig waren, um den Besten der 6 teilnehmenden Mannschaften im Spiel„Jeder gegen Jeden" festzustellen, kam nie die geringste Eintönigkeit auf. Während der drei Stunden, über die sich die Kämpfe hinzogen, gab es stets wechselnde prächtige Spielmomente, bei denen die Feinheiten des schwersten aller Ballspiele demonstriert wurden. Wir geben nach- stehend an Stelle einer eingehenden Schilderung der einzelnen Kämpfe eine Aufstellung der Spiele in der abgewickelten Folge: 1. Charlottenburg— Möwe 2. Hellas— Neptun... 3. Union— Neukölln.. 4. Eharlottenb.— Neptun. 5. Union— Möwe... 6. Neukölln— Hellas.. 7. Unwn— Neptun... 8. Eharlottenb.— Neukölln 7:2 9. Möwe— Hellas... 3:2 7:1 10. Eharlottenb.— Union. 6:2 2:1 11. Neukölln— Möwe.. 4:2 4:1 12. Hellas— Union... 4:2 4: 2 13. Neptun— Möwe.. 3:2 4:2 14. Eharlottenb.— Hellas. 3:0 5: 1 15. Neptun— Neukölln.. 3:3 7:1 haben. Einer Zufallsbravourleistung fei besonders gedacht. Riß doch beim Springen einem Knirps der Bügelriemen, er sprang ruhig mst nur einem Steigbügel weiter, als jedoch der fehlende Bügel gebracht werden sollte, faßte das Pferd dieses dienstbeflissene Heran- kommen falsch auf, nahm seinem Reiter die Hand und ging durch. Verschiedenttich wurde der vergebliche Versuch gemacht, das Tier aufzuhallen, es raste weiter, um schließlich in den Stall zu laufen. 2luf dem Hals des Pferdes lag der kleine Reiter und— blieb oben. Viel Freude machten auch die Voltigierobtcilungen und die arobi- schen Ponnies. Sic sind sehr edle, genügsame Pferde, die mit aller- bestem Erfolge in Deutschland gezogen werden. Bei den Prüfungen für Gespanne war auch die Reichsfachschule vertreten, die erst seit kurzem in Ruhleben besteht und sich der Fahrcrausbildung widmet. Der Reichsverband versteht es, großzügig Prüfungen aufzuziehen, durch sie hat er der deutschen Pferdezucht nicht nur alte Absatzgebiete erhalten, er hat ihr sogar neue erschlossen. Auf Grund von Oualitätsleistungen betont er sein Lcbensrecht, darum sollte er auch kein Lautsprechgewimmer als Konzertersatz bieten, sondern sich unserer arbeitslosen Berufsmusiker erinnern. laial, arafT« 5: 1. Sämetfftttne ll 71:20.«: 2. Frei« Ponu-Union 74,4.— Doppel. latof, ftlttft« 4(iftunifpanb): 1. Steidisbanjicc 61:44;--'—'— loueitBurg»2:14 F.— Dopp-Naläk, fttoff« 4((, Charlott-ni>urg6Z:14: 2. Frei« Sasu. Union«3;i Junioren: 1."----"—------ oücoio T, FÜ 2. Freie Schwimmer Thor- arple): 1. Freie Schwimmer _.------------- ,2.— Doppelkajol, Plaffe 5, LvÄanubejttt 69:28,2: 2. Schwei ffietne 59:44,4.— F-Itboot, " Ponu-Union 60:10,8.— ftugenb, n, Doppel. Gruppe B. vierer, Junioren: J, Frei« ZÜU«»«i»igzwg Mz»:»; Z. ZZorwärt» 79:34,5. Da für jedes gewonnene Spiel 2 Punkte und für das unent- fchiedcne Spiel 1 Punkt berechnet wurden, ergab sich folgendes Schlußresultat: 1. Charlottenburg mit 10,2. Union mit 6.3. Hellas mit 5,4. Neukölln mit 4,5. Neptun mit 3 und 6. Möwe mit 2 Punkten. Ueberraschend kommt der zweite Platz der Unionleute, die einen ganz großen Tag hatten, gut zusammenspielten und dadurch auch den schwimmschnellen Mannschaften überlegen waren. Für einen Mangel an energischer Spielführung spricht das schlecht« Abschneiden von Möwe. Die besten Leistungen boten zweifellos die erprobten Charlottenburger, die Hervorragendes im Zusammenspiel zeigten und keinen Punkt abgaben. Hellas spielte, wie es die Auf- stellung zeigt, recht uneinheitlich, dagegen überraschte Neukölln ähn- lich wie Union nach der angenehmen Seite. Neptuns Ersatzspieler konnten die fehlenden besten Leute nicht ersetzen. Die Veranstaltung hat bewiesen, daß Blitzturniere dieser Art hervorragend für die Propaganda des Wasserballspicls geeignet sind. DIxmpia-Kebraus Sawall gewinnt den Herausforderungskampf Für die letzte diesjährige Veranstaltung der Olympiabahn hatte Krewer, Sawall und Möller hcrausgesordcrt. Zu den vorgesehenen drei Dreier-Läufcn, die über je 20 Kilometer gingen und in denen jeder Fahrer einmal von der Spitze startete, wollte der Kölner seinen Rivalen den Beweis eines ebenbürtigen Könnens liefern. Schade, daß ein Lenkerdefekt im ersten Lauf den Heraus- fordercr zwang, viel Platz einzubüßen. Im Gcsamtklasse- m e n t besetzte dann auch Sawall den ersten Platz. Im ersten Lauf, der in der Reihenfolge Möller, Sawall, Krewer gestartet wurde, ging es ruhig zu. Möller hielt unangefochten die Spitze, während sich Sawall mit seinem zweiten Platz begnügte. Am schlechtesten war Krewer dran, der infolge Defekts hinten enden mußte. Lebhafter ging es erfreulicherweise im zweiten Lauf zu. Hier hatte Sawall die Spitze vor Krewer und Möller. In der zweiten Hälfte dieses Laufs konnte Sawall, nachdem er immer wieder auf Möller eingedrungen war, diesen zum„schwimmen" bringen und ihn passieren, um dann zu Krewer aufzurücken. Fast drei Runden lagen die Gegner beieinander, bis schließlich Krewer klar die Oberhand behielt. Sawall, nun doch etwas müde, mußte beigeben, als Möller sein« alte Position wieder holen wollte. Der Kölner kam gegen Schluß noch gut auf, so daß Sawall mit nur 8 Metern Vorsprung vor Krewer seinen Sieg sicherstellen konnte. Den dritten Lauf führte Krewer vor Möller und Sawall. Gleich zu Beginn fällt der Hannoveraner, dessen Schrittmacher ein zu scharfes Tempo vorlegt, auf den dritten Platz zurück. Krewer be- hauptete seine Spitzenposition trotz mehrmaliger Angrifte Sawalls bis zum Schluß. Nur vier Meter zurück kam der„Matador" als zweiter ein. Jeder Fahrer hatte also einen Lauf gewonnen: im Ge- samtklassement hatte jedoch Sawall vor Krewer ein Plus von 134 Metern und damit den Sieg. Für die Fohrer der B- K l a s s e gab es zwei Läufe über je 15 KUometer, die von dem Italiener Piano bzw. vom Altmeister Bauer gewonnen wurden. Hier blieb im Gesamtklassement Bauer der Sieger vor dem Forster Pawlack, der mit 40 Meter Rückstand sich einen schönen zweiten Platz erkämpft hatte. Das nach franzö- fischem Muster ausgetragen« Mannschaftsrennen— die Kopitöne Sawall, Krewer und Möller bekamen je zwei Fohrer der B-Klasse zur Unterstützung— brachte bewegte Momente. Der Laus ging über 30 Kilometer und sah im Endergebnis die Mannschaft Sawall-Powlack-Carpus siegreich gegen die Mannschaften Krewer-Bauer-Jürgens und Möller-Lohoff-Piano. Im Einzel- klassement wurde der von Beginn an führende Krewer erster. Sinzelergebnige: Sernussoiderungslompf, 8 mal 20 Pilometer. 1. Lauf: 1. Möller li;06,8; 2. Sawall 90 Meter; 3. Prcwer 230 Meter zurück. 2. Lauf: 1. Sawall 16:57,4; 2. Prewer 8 Meter; 8. Möller 320 Meter. 3. Lauf- 1. Prewer 17:31; 2. Sawall 4 Meter; 3. Möller 40 Meter zurück.— Gesamt: 1. Sawall 59,906 Pilometer; 2. Prewer 59,762 Pilometer; 3. Moller 59,640 Pilometer.— Rennen 6er B.Fahrer, 2 mal 15 Pilometer, 1. Lauf: 1. Piano 13-47 4- 2. Lohoff 25 Meter; 3. Bauer 80 Meter; 4. Corpus 120 Meter; 5. Pawlack 190 Meter; 6. Jürgens 350 Meter zurück. 2. Lauf: 1. Bauer 13:04- 2 Paw- lack 20 Meter: 3. Corpus 200 Meter; 4. Piano 650 Meter; 5. Lohoff 680 Meter- 6. Jürgens 1020 Meter zurück.— Gesamt: 1. Bauer 29,920 Pilometer- 2 Parol lack 29,780 Pilometer; 3. Corpus 29,680 Pilometer; 4. Piano 29,350 PilönteUr- 5. Lohoff 29,295 Pilometer; 6. Jürgens 28,630 Pilometer.— Mannfchofts'ampi' SO Pilometer: 1. Mannschaft Sawall-Powlack-Carpus 89,533 Pilometer- 2 Mannl lchaft Prewer.Bauer.Iürgens 89,460 Pilometer: 3. Mannschaft Möller 89,270 Pilo. zurück. Jugendliche Reiter in Berlin Alle Kreis«, die irgendwie mit der Pferdezucht zu tun haben, sind an einem reiterlichen Nachwuchs interessiert. Züchter und Reiter aber müssen, um das eigene Schaffen und eigene Können überprüfen zu können, Vergleichsmöglichkesten hoben. Darum veranstaltet« der Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts ein Reichstreffen der deutschen Reiterjugend auf der Trabrennbahn Berlin-Ruhleben. Ein gesellschaflliches Ereignis konnte das in heutiger Zeit nicht werden, weshalb beide Tage unter der Devise standen„Zum Besten der B e r l i n e r W i n t e r h i l f e". 259 jugendliche Reiter stiegen in den Sattel. Sie wurden in drei Altersklassen geteilt und es konkurrierten unter sich die Kinder bis zu 12 Jahren, Kinder von 13 bis 16 Jahren und die Jugend van 17 bis 26 Iahren. Es wurden sehr gute Leistungen gezeigt, nament- lich von den Kindern, deren Väter beruflich Vit Pferden zu tun bteue Fesikultur Funktionäre prüfen und proben! Etwa 70 Funktionäre, darunter alle technischen Kreis-, Bezirks- und Gruppenleiter und-leiterinnen im 1. Kreis des Arbeiter- Turn- und Sportbundes fanden sich Sonnabend zusammen, um über neue Wege zu moderner Festgestaltung zu beraten. Der Beisitzer im Bundes-Jugendausschuß F ü ch s e l- Leipzig referierte zunächst über„Neuzeitliche Festkultur" und verstand es meisterhaft, im, mehrstündigen Vortrag alle wissenswerten Gebiete zu behandeln. Ausgehend von der Tatsache, daß gewisse Feste schon seit Jahr« taufenden gewohnheitsmäßig von der großen Masse gefeiert wer- den, darf die gewissenhaste Beachtung anscheinend nebensächlicher Moment« nicht unterbleiben. Periodisch wiederkehrende Feste wer- den im allgemeinen auch heute noä) in„ortsüblichcr" Weise be- gangen. Füchsel wies in trefflichen Worten auf den oft recht kitschigen Beigeschmack hin, den derartige Feiern bei den Zuhörern ausüben. Die Feste der Arbeiterschaft wenden sich nicht mehr einem kleinen Personenkreis zu, sondern sollen den allergrößten Teil der Bewegung«rsasscn. Unsere Feiern sollen nicht nur Zerstreuung bringen und aufheitern, wir wollen den ganzen Menschen in seinem Innern zu packen versuchen, seine Seele, seinen Geist wallen wir in d«n Bann unserer Bewegung ziehen. Die Ausführungen Füchsels gaben hier wertvolle Fingerzeige, die in reger Diskussion bearbeitet wurden.- Die Praxis ließ nicht lange auf sich warten, denn Sonntag früh ging es in die Riesenhallen in der Karlstraße. Otto Zimmer- mann- Leipzig. Lehrer für Sprech- und Bcwegungschor an der Bundesschule, führte sofort praktische Hebungen mit allen Teil- nchmern durch. Bei der Neugestaltung moderner Festkultur geht Zimmermann von der modernen Bewegungsjorm zur tänzerischen Gymnastik über, ein Wagnis, das in seiner Bearbeitung im- sehlbar zum Erfolg führt. Er zeigte gemeinsam mit seiner Uebungsgruppe Beispiele, die geradezu überraschten. Aber er zeigte nicht nur vollendete Mustervorsührungen, er unterwies auch gleich- zeitig in den Anfangsgründen. Aus dem Erlebnis des täglichen Geschehens schöpft er Motive, die verwertet, ausgestaltet und ge- formt werden. Die Kunst des Leiters muß hierbei Hemmungen und Minderwertigkeitsg-efühle der Teilnehmer mildern oder ar�- zuschalten versuchen. Dann wird es möglich sein, die neuen Weg«, die uns Zimmermann weist, erfolgreich zu gehen. Im Zusammenhang mit diesen ersten Versuchen verdient der erste öffentliche proletarische Tanzabend, den Zimmermann mit seiner proletarischen Tanzgruppe am Montag, 19. Oktober, im Lchrcrvereinshaus veranstaltet, besondere Ve- achtung.__ Sonntags-Sportergebnisse Budapest gewinnt Städteboxkampf mit 1?: 4. Mit einer kata- stiophalen Niederlage der Berliner Mannschaft endete der in Buda- pest ausgettagene Städtekampf Berlin-Budapest der Amateurboxer. Die Deutschen tonnten von den acht Kämpfen nicht einen einzigen gewinnen; immerhin gelang es ihnen, vier Kämpfe wenigstens un- entschieden zu gestalten, so daß das Gesamtergebnis 12: 4 für Bu- dapest lautete. Die deutsche Ländermonnschasl der bürgerlichen Handballer konnte einen neuen Sieg verzeichnen; gegen Oesterreichs Vertretung gewannen die Deutschen gestern in Wien mit 10: 9. Damit haben sie von den bisher ausgetragenen sechs Spielen vier gewonnen und zwei verloren. Skandal beim Pariser wcltmeisterschoftskampf. Zu recht un- liebsamcn Szenen kam es am Sonnabend abend im Pariser Sport- palast während des Kampfes zwischen dem Amerikaner Frankie G e n a r o und dem Franzosen A n g e l m a n n um die Welt- Meisterschaft im Fliegengewicht. Der Amerikaner leistete sich immer wieder seine bekannten Regelverstöße, die seinerzeit im Berliner Sportpalast zu seiner Disqualifikation im Kampf mit Harry Stein führten. Das Publikum, das schon während des Kampfes wieder- hott seinem Mißfallen über die enttäuschende Leistung Genaros Ausdruck gegeben hatte, erhob stürmischen Protest, als nach Ablauf des Kampfes dem Amerikaner sogar noch der Punktsieg zugesprochen wurde. Die Skandalszenen nahmen schließlich einen derartigen Umfang an, daß Polizei herangeholt und der Sportpalast gerämnt werden mußte, wobei auch einige gar zu widerspenstige Besucher verhaftet wurden. Schwimmer-Spartenleilung, 1. Preis. Sitzung Miitwoch, 7. Ottober, 19'� Uhc, Preisacschüfisstelle. Volkssport Reutiilfn-Britz. Frauen-Lehrklasse erster Ucbungsabend nicht stcute, sondern Miitwoch, 7. Oltobcr, Lessingstr. 38, obere Halle. 2. Mädchen. abteilung: Heute, 191-j Uhr, Elternversammlung in der Huseisenhalle, Fritz. Rcuter-Allee. Sportkartell Charlottcnburg. Delcgiertenvcrsammlung 6. Ottobcr, 20 Uhr. Lldlerklause. Partcllfragebogrn mitbringen. Dolksfport Wedding. Heute, Montag, Symnastikabend um 20 Uhr in der Lessinghalle. Am 6. Oktober Ädrechnung aller Passierer ab 18 Uhr in, Vereins- lokal. Mittwoch, 7. Oktober. Borstandssitzuna im Bereinslokal um 20 Uhr. Freie Schwimmer Charlottenbnrg Ol e. V. Regelmäsiige Badcabende: Man- tag» 19 Uhr, Donnerstoos 20:„ Uhr Prummc Strohe 10. Touristenoerein„Die Naturireande«, zentrale Wien. Dienstag, 6. Ollober, 26 Uhr. Abt. Friedrichshain: Franklurter Allee 307. Geschäftliches.— Abt. Friedenau: Offenbachrr Str. 5s.— Abt. Humboldthain: Willdenowstrahe. Gruppcnfragen.— Ad: Norden: Sonncnburger Str. 20. Geheimnisvolle Per. sönlichkciten der Neuzeit IDr. Schütte).— Abt. Bedding: Willdenowstr. 5.— Abt. Oberschöneweide: Loufenerstr. 2. Monatsoersammliing.— Abt Osten- Sbertnstr. 12. Heiterer Abend mit Schallplatten.— Mittwoch, 7. Ottober 2« Uhr. Sugendgruppe Osten: Frankfurter Allee 307. Geschäftliches_ Pboto Mitte: Sohannisstr. 15.— Donnerstag. 8. Ottobcr, 20 Uhr. Abt. Lichtenberg' Sunterstt. 44.— Abt. Reukölln: Verg-»r. 29. Pulturpolittsche Taaesfraaen— Abt. Prenzlauer Berg: Danziger Stt. 62. Baracke II. Geschäftliche»— Streich. orchesier: 19 Uhr bei Deihenberger, Frciligrathstr. 9._ Abi. Südwest: Porck. stratze 11. Geschasilichc».— Abt. Tiergarten: Lehrter Str. 18—19 Prit, Reuter — Raturkunblichc Abteilung: Lohannizstr. 15. Wandernde Inletten— Abt' Ros-Nthaler Borstab,: Weinmeiiterstr. 16-17. China- Abt Weihe�ee- �schrittenen kursu»~ e: �"banuisftr. 15(Dunkelkammer), gort.