BERLIN Montag 2. November 1931 Der Abend Erscheint täglich außer Sonntags. Zugleich Abendausgabe des„ Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 m. pro Monat. Redaktion und Erpedition: Berlin SW68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Donhoff( A 7) 292-297 Spätausgabe des„ Vorwärts " 6 10 Pf. Rr. 514 B 257 48. Jahrgang Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezetle 80 Pf., Reklamejeile 5 M. Ermäßigunaen nach Tarif. Poftfcheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b... Berlin Nr. 37 536. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Berlin für Braunschweig Morgen sozialdemokratische Massenversammlungen Die nationalsozialistische Regierungsfomödie von Braunschweig mit ihren blutigen Folgen hat eine tiefe Bewegung in den Maffen des arbeitenden Boltes hervorgerufen und den Abwehrwillen aufs äußerste gesteigert. In Erkenntnis dieser Wahltag in Mecklenburg Stimmung veranstaltet der sozialdemokratische Bezirksvor- Amtsvertretungen neu besetzt/ Nationalsozialisten saugen bürgerliche Parteien auf fland von Berlin morgen. Dienstagabend, 15 Maffenversammlungen Schwerin, 2. November.( Eigenbericht.). Im Freistaat Medlenburg- Schwerin wurden am Sonntag die Neuwahlen der Amtsvertretungen vollzogen, Amt Hagenow: Sozialdemokraten 9212( bei den letzten Reichstagswahlen 7959), Kommunisten 2189( 2199), Nationalsozialisten 9676( 4766), Bürgerliche Einheitsliste 3914( 1930: 7114). Amt Ludwigsluft: Sozialdemokraten 7027( 8229), Kommunisten in denen neben Berliner Genossen auch Redner aus Braunschweig sprechen werden. Durch diese Versammlungen foll zum Ausdruck gebracht werden, daß die Arbeiter- die etwa den preußischen Kreistagen entsprechen. Die Wahlen zeigen 2279( 1872), Mecklenburgischer Bauernverein 1135, Liste für Handel klasse eine faschistische Gewaltherrschaft in Deutschland nicht dulden wird und schon ihren Anfängen zu wehren entschlossen ist. Sofort nach dem Braunschweiger Blutsonntag hat der „ Borwärts" einen Borstoß in das Bürgerkriegsgebiet unternommen, und die Braunschweiger Arbeiter, denen ihr Blatt durch den Minister lagges vorübergehend genommen worden war, über die Ereignisse vom Sonntag und ihre Bedeutung aufgeklärt. Einige Tage darauf hat Genoffe els in einer überfüllten Riefenversammlung in Braunfchweig gesprochen und den Braunschweiger Geneffen erflärt, daß die Gesamtpartei zu ihnen steht. Durch die morgigen diesmal in Berlin Bersammlungen soll zum drittenmal felbft- in wuchtiger Weise zum Ausdruck gebracht werden, daß man in Berlin an den Braunschweiger Borgängen leidenschaftlich Anteil nimmt und zu jeder Unterstützung der schwer tämpfenden Arbeiterschaft Braunschweigs bereit ist. mehr denn je gilt in dieser Zeit verschärften Kampfes das Wort:„ Einer für alle! Alle für einen!" Wir sind überzeugt, daß die morgigen Versammlungen bei massenhafter Beteiligung einen würdigen Verlauf nehmen werden! Braunschweig und der Vorwärts". Mißglückte Berufung auf eine Notverordnung. Daß man in Braunschweig mit den Notverordnungen des Reichspräsidenten nicht recht umzugehen versteht, ist nicht Einen eindrucksvollen Beweis dafür erhielt die Redaktion des Vorwärts", als ihm am 25. August dieses Jahres folgender Brief des Braunschweigischen Staatsministerums zuging: neu. Mit Schreiben vom 15. d. M. habe ich Sie unter Hinweis auf § 1 der Zweiten Berordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen vom 10. d. M.( RGBl. I S. 436) ersucht, eine Entgegnung gegen eine von Ihnen in der Abendausgabe Nr. 376/ B 188 Ihrer Zeitung vom 13. d. M. unter der Ueberschrift ,, Deutschnationale Korruption" enthaltene Meldung aus Braunschweig vom 13. d. M. in Ihrem Blatte aufzunehmen. Die Entgegnung sollte an derselben Stelle der ersten Seite der nächsten Nummer Ihres Blattes im selben Fettdrud wie die Meldung aus Braunschweig vom 13. d. M. erscheinen. Diesem durch die genannte Verordnung nebst Ausführungsbestimmungen begründeten Ersuchen haben Sie nicht Folge geleistet. Sie haben vielmehr die Entgegnung in der Morgenausgabe Nr. 383/ A 193 Ihrer Zeitung vom 18. d. M. auf der dritten( nicht der ersten) Seite und nicht im gleichen Fettdruck wie die bezeichnete Meldung aus Braunschweig vom 13. d. M. gebracht. Dadurch haben Sie den Bestimmungen der genannten Verordnung zuwidergehandelt, die Entgegnung ist dem hiesigen Ersuchen entsprechend nicht ausgeführt. Ich erjuche Sie daher nochmals dringend, meinem Ersuchen nunmehr stattzugeben und die Entgegnung an derfelben Stelle der ersten Seite der nächsten Nummer Ihres Blattes im selben Fettdruck wie die Meldung aus Braunschweig vom 13. d. M. zu bringen unter der von mir gewünschten lleberschrift, die in Buchstaben der gleichen Größe wie die Ueberschrift Deutschnationale Korruption" in der Nummer vom 13. d. M. wiederzugeben ist. Sollten Sie meiner erneuten Aufforderung wiederum nicht nachfommen, so behalte ich mir ein Vorgehen gegen Ihre Zeitung gemäß§ 2 Abs. 2 3iff. 1 der genannten Berordnung vor. Darauf erging am 26. Auguft an das Braunschweigische Staatsministerium folgende Antwort unserer Redaktion: In Beantwortung Ihres Schreibens vom 24. August teilen wir Ihnen mit, daß wir nicht beabfichtigen, 3hre ( Fortfegung auf der 2. Seite.) und Handwerk und Bauern 2263, Nationalsozialisten 8040( 6882) Landvolklifte 2188(-)( 1980: bürgerliche Parteien 8928). Amt Grevesmühlen: Sozialdemokraten 4182( 5166), Kommunisten 1055( 758), Nationalsozialisten 4024( 2822), Einheitsvorschlag für Stadt und Land 3091( 1930: bürgerliche Parteien 4977). das Bild faft aller in letzter Zeit vorgenommenen Abstimmungen: eine starke Radikalisierung der Wählermassen. Vor allem haben die Nationalsozialisten im Vergleich zu den letzten Reichstagswahlen ihre Stimmenziffern noch beträchtlich gesteigert. 3hr„ Sieg" geht vor allem auf Kosten der bürgerlichen Mitte. Die bürgerlichen Parteien haben seit den letzten Reichstags. Amt Güstrow: Sozialdemokraten 8093( 9388), Kommunisten wahlen nicht weniger als zwei Drittel ihrer Stim- 3003( 2704), Nationalsozialisten 10 501( 4867), Bürgerliche Liste für Die Kommunisten haben Stadt und Land 2771(-), Medlenburgische Heimatliste 693( 1930: men an die Nazis verloren. weniger start zugenommen. Ihre Gewinne halten sich in be- burgerliche Barteien 8094). fcheidenen Grenzen. Die Sozialdemokratie hatte wie überall in letzter Zeit einen außerordentlich schweren Wahlkampf zu bestehen. Von jeder zu dem Wahlkampf aufmarschierten Gruppe und jedem Grüppchen wurde wochenlang in Wort und Schrift, mit plakaten und Flug blättern nur gegen die Sozialdemokratie geschimpft. Dazu wurde die Partei in ihrer Wahlarbeit behindert. Auf dem flachen Lande fam es immer häufiger vor, daß ihr Wahllotale verweigert wurden. Den Steigbügelhaltern der Nazis, den Kommunisten, gab man die Lokale um so lieber. Angesichts dieser Umstände bleiben die eingetretenen Berlufte zwar bedauerlich, aber fie tönnen nichts an der Tatsache ändern, daß auch in Mecklenburg die Sozialdemokratie immer noch der im Kern unerschütterte Fels der Republik bleibt. Im einzelnen gestalten sich die Ergebnisse wie folgt: Amt Rostoc: Sozialdemokraten 7175( 11 476), Kommunisten 2338( 2169), Nationalsozialisten 11 638( 8135), Beamte 1282, Nationale Wirtschaftsliste( bürgerliche Einheitsliſte) 4473( bürgerliche Parteien 14 716). Die Mandate verteilen sich wie folgt: Sozialdemokraten 7, Kommunisten 2, Nationalsozialisten 11, Beamte 1, nationale Wirtschaftslifte 4. Amt Wismar: Sozialdemokraten 6999( 8361), Rommuniffen 1737( 1525), Nationalsozialisten 7723( 4398), bürgerliche Einheitslifte 1073(-), Rationale Wirtschaftspartei 2684(-).( 1930: Bür gerliche Parteien 7475.) Der Berbieterich Ner de bot freund Wolk Verbot aller KLagges mmarxistischen Kundgebungen! Klagges Ami Schwerin: Sozialdemokraten 5242( 6589), Nationalsozia liften, 7888( 3644), Bürgerliche Einheitsliste 2181( 1930: Bürgerliche Parteien 7200), Kommunisten 719( 607). listen 10 625( 6906), Kommunisten 2839( 2506), Nationale Oppofition( Bürgerliche Einheitsliſte) 5265( 9466). Amt Malchin: Sozialdemokraten 7606( 10 165), NationalsoziaAmt Parchim: Sozialdemokraten 6026( 7857), Nationaljazialisten 11 388( 7280), Kommunisten 2672( 2260), Liste für städtische Wähler 1020, Nationale Lifte für Stadt und Land( Bürgerliche Einheitsliste) 2386( 1930: Bürgerliche Parteien 9205). Amt Waren: Sozialdemokraten 6520( 8386), Chriftlichsozialer Boltsdienst 894( 728), Wirtschaftsliste für Stadt und Land( bürgerliche Einheitsliste) 1817, Kommunisten 2491( 2309), unpolitische Beamtenliste 659(-), Nationalsozialisten 9400( 4985)( 1930: bürgerliche Parteien 9478). Bei genauer Prüfung der Einzelergebnisse stellt sich heraus, daß der Prozeß der Aufsaugung der bürgerlichen Parteien durch die Nationalsozialisten auch in Mecklenburg sich fortsetzt. Wir fehen, daß die bürgerlichen Parteien bei diesem Wahlkampf fast keine Rolle mehr spielten, mochten sie als„ Wirtschaft" oder„ Stadtund Land" oder als„ Bürgerliche Einheitslifte" auftreten. Um eine Vergleichsmöglichkeit zu geben, haben wir nach dem Ergebnis der Reichstagswahlen von 1930 die sämtliche bürgerlichen Parteiftimmen zusammengezählt( die Nationalsozialisten dabei natürlich ausgenommen). So ergibt sich, daß die überaus starken Verluste des Bürgertums vollkommen von den Nazis aufgesogen sind. Die Vereinheitlichung der Parteiumbildung auf dem Wege über Hitler und unter der Flagge des ,, nationalen Sozialis mus", das ist das Kennzeichen auch dieser letzten Wahl. In Hugenbergs Montag" heißt die Balkenüberschrift diesmal nicht: Großer nationaler Sieg in Mecklenburg" oder„ Siegeszug der nationalen Opposition" oder sonst ähnlich wie einst sondern ganz schlicht: Auch gestern wieder Wahlen, diesmal in Mecklenburg- Schwerin." Bisher hatte man bei solchen Gelegenheiten immer noch illuminiert. Diesmal, zum erstenmal, bleiben die Fenster dunkel. Hitlermann als Mörder. Wieder drei Arbeiter ermordet. Rostod, 2. November.( Eigenbericht.) In Doberan wurden von einem Nationalsozialisten zwei Kommuniffen, die im Begriff standen, Wahlzettel anzufleben, meuchlings niedergeschossen. Einer der Arbeiter war auf der Stelle tot, der andere starb auf dem Transport ins Krankenhaus. Nach vollbrachter Tat steckle der Nazimörder, ein Maschineningenieur Walter Gaedice, sein Mordinftrument ungesichert in die Hosentasche. Plötzlich ging ein Schuß in der Tasche los. Die Kugel drang dem Mörder in den rechten Oberschenkel. Der Mordgeselle wurde ins Krankenhaus geschafft. Die Polizei teilt mit, daß die am Sonntag von einem Nationalfozialisten erfchoffenen kommunisten nicht im Besitz von Aber das, Herr Groener, werden Sie mir doch laffen?" Waffen gewesen find. Die polizeilichen Ermittlungen haben Groener Leim Klagges ¥ fetner ergeben, daß Schüsse ausschließlich von dem Nationalsozialisten abgegeben wurden. Zu der Nacht vom 1. zum 2. November d. 3. wurde in Bad Sülze der Sommnnistensührer Braun in einer Seitenstraße erschlagen aufgefunden. Bermutlich ist er das Opfer einer politischen Schlägerei geworden. Die Ermittlungen nach den Tälern sind noch in vollem Gange. Braunschweig kontra Vorwärts (Fortsetzung von der I.Seite.) von uns schon einmal abgedruckte Entgegnung nochmals nach Ihren Wünschen wiederzugeben. Ihre Berufung aus die Verordnung des Reichspräsidenten vom 10. d. M. ist r e ch t s i r r t ü m l i ch. 1. beruht Ihr Ersuchen aus einer falschen Auslegung der Not- Verordnung. Sie sollte einer Regierung, deren Mitteilungen von einer oppositionellen Presse gar nicht oder oerfälscht wiedergegeben werden, die Möglichkeit geben, mit ihren Auffassungen zu Worte zu kommen. Da Sie bei unserer Art, den politischen Kampf zu führen, mit einer loyalen Wiedergabe Ihrer Berichtigung ohne weiteres rechnen konnten, war die Berufung auf die Not- Verordnung überflüssig: 2. kann ein« Landesregierung auf Grund der Notverordnung Berichtigungen nur Zeitungen zusenden und in ihnen für sie Platz- und Satzvorschristen machen, die in einem Orte ihres eigenen Staatsgebietes erscheinen. Da Berlin nicht in Braunschweig liegt, ist eine Rechtsgrundlage für 3hr vorgehen nicht vorhanden. Bei diesem Bescheid scheint sich das Braunschweigrsche Staatsministerium beruhigt zu haben, denn wir haben von der Angelegenheit seitdem nichts mehr gehört. Klagges auf dem Rückzug. Oer„Volksfreund" darf wieder erscheinen. Brannschweig. Z. November.(Eigenbericht.) ftlagges hat schon am Sonnlog den Rückzug antreten müssen. Am Sonnabend noch halte er dem Verlag des„Volksfreund" eine Verfügung zugestellt, in der er gegen die Entscheidung des Reichsinnenministers die Anrufung des 4. Strafsenats des Reichs- gerichts ankündigte. Der„Voltsfreund" darf infolgedessen zunächst noch nicht erscheinen. Diese Verfügung hat Slagges nicht einmal 24 Stunden aufrechterhalten können. Am Sonntagmorgen mußte er aus den zweiten Sah seiner Verfügung verzichten. Der„Volks- freund" wird also am Montag wieder erscheinen. Die Rückzngsverfügung des Herrn klagges lautet: „Auf Ersuchen des Reichsministers des Innern, das mir heute fernmündlich durch die braunschweigifche Gesandtschaft übermittelt wurde, nehme ich meine Mitteilung vom gestrigen Tage. nach der der„volksfreund" bis zur Entscheidung des Reichsgerichts nicht erscheinen dürfe, hiermit zurück, allerdings nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalt aller Rechte, insbesondere der Entscheidung des Reichsgerichts, hiermit habe i ch bis anf weiteres nichts dagegen einzuwenden, wenn der„Volksfreund" ab morgen wieder erscheint." So stark sich der Konrektor von Venneckenstein auch in seiner neuen Amlssiellung fühlen mochte, gegen den telephonischcn Anpfiff au» dem Reichsinnenministerium wagte er doch nicht mehr aufzumucken. Er Hot den klügeren Teil erwählt und hat„unter vor- beHall" nichts mehr einzuwenden gegen Dinge, die er doch nicht ändern kann. Erregung im Reichsbanner. Die Wirkung von JrickS Rede.- Einberufung des Bundesvorstandes. Die Pressestelle de» Reichsbanners teilt mit: 3m Laufe des Sonntagsvormittags find in einer großen Anzahl von Gauen die erreichbaren Mitglieder vom Gauvorstand zusammen- getreten. Sie melden übereinstimmend, daß die Nachricht über Iricks Rede in Frankfurt a. d. Oder wie eine Brandfackel gewirkt hat. Mit beruhigenden Worten von seilen der Regierungen und Behörden wird die Wirkung von Fricks Ausforderung zu Mord und Totschlag an Tausenden von Funktionären der Arbeiterbewegung nicht aufgehoben und auch nicht mehr abgeschwächt werden können. Nach den Vorgängen in Braunschweig können Frick» Erklärungen nicht als eine rednerische Entgleisung, sondern müssen als ein Teil einer wohlüberlegten, von langer Hand vorbereilelcn Aktion gewertet werden. von den Gauvorständen wird darauf hingewiesen, daß die SA.-Abteilnngen bereits neue Aufmärsche nach Vrann- schweiget Vorbild vorbereiten, und zwar konzentrieren sie sich besonders um Berlin. Es darf nicht übersehen werden, daß die Frühslsicksreden mit hiller auf der einen Seite und die aufreizende Glei6)gültigreil, mit der die Vorgänge in Braunschweig behandelt werden, in den Reihen der Republikaner die Erbitterung auf das höchste gesteigert haben, aber doch die Entschlossenheit aus eine klare Entscheidung über die Fronten innerhalb und außerhalb des Parlaments zu drängen. Der Bundesvorstand des Reichsbanners ist für Montag, den 2. November nach Magdeburg einberufen worden. Berlin ohne Geld. Rest der Gehälter kann nicht gezahlt werden. Das Städtische Nochrichtenamt teilt mit: Mit Rücksicht auf die Kassenlage der Stadt Verlin kann die Zahlung des Restes der Noven»berbezüge für Beamte, Festangestellte und sämtliche Versorgungsempfänger(ehemalige Beamte, Festangestellte, Angestellte und Arbeiter sowie deren Hinterbliebene) erst am 17. November 1931 erfolgen. Aus dem gleichen Grund müssen die Teilbezüge der Angestellten nicht am 15.. sondern am 17. November gezahlt werden. Lava! bringt Goldhaufen mit. Paris, I.November. An Bord der„Bremen" kamen aus New Tork Goldbarren im Werte von 2S(Z Millionen Franken an. die mittels Sonderzug nach Paris befördert wurden. In den Tresors der„Isle de France", die den Ministerpräsidenten Laoal an Bord hat, befindet sich Gold im Werte von Svv Millionen Franken. Gemeindearbeiier-Gchiedsspruch Die dritte Lohnkürzung in diesem Lahre In den frühen Morgenstunden des 1. November fällte die Schlichterkammer im Reichsarbeitsministerium unter Vorsitz des Schlichters Dr. F r i e d l ä n d e r den im„Vorwärts" am Sonntag bereits veröffentlichten Schiedsspruch, der sämtliche am 31. Ok- tober abgelaufenen Bezirkslohntarife und örtliche Lohntarifverträge und Lohnregelungen mit Wirkung vom 1 November 1931 wieder � in Kraft fetzt. Der Spruch kürzt das Einkommen von rund 315 000 Gemeindearbeitern und Straßenbahnern um 4Z4 Prozent. Die viel umstrittenen Lohnschutzklauseln der Frühjahrsabkommen,! die bei einer gewissen Verkürzung der Arbeitszeit die damaligen Stundenlöhne aufrechterhielten, sind dahin abgeändert worden,' daß ihre Bestimmungen ab I.November 1931 auf alle die am I.No- � vember in den Betrieben befindlichen Arbeiter angewendet werden, � die 46 Stunden und weniger, ab I.Januar 1932 44 Stunden und weniger arbeiten. Der Arbeitsverdienst darf jedoch in diesen Fällen nicht höher sein als der eines gleichgearteten Arbeiters bei längerer Wochenarbeitszeit und Bezahlung nach den gekürzten Lohnsätzen. Auf neu einzustellende Arbeiter finden die Lohnschutzklauseln keine Anwendung. Für gewisse Betriebe, in denen besondere Verhältnisse vorliegen (Kranken- und Pflegeanstalten, Forstarbeiter, Landstrahenwärter), können die Parteien bezüglich der Stundenlöhne eine den bezirk- lichen oder örtlichen Verhältnissen angepaßte Abänderung im Ein- Verständnis miteinander vereinbaren. Diese Regelung kann mit einmonatiger Frist zum Monatsfchluß, erstmalig zum 31. März 1932, gekündigt werden Erklärungsfrist ist bis zum 7. November 1931 einschließlich, mittags 12 Uhr. In der Begründung für den Spruch heißt es:„Die Schlichterkammer hielt eine tarifliche Regelung der Arbeitsverhält- nisse der Gemeindearbeiter im Rahmen der ZZ 6 und 7 der zweiten Gehaltskürzung(Notverordnung vom S. Juni 1931 in der Fassung vom 6. Oktober 1931) für notwendig. Die vorgeschlagene Regelung entspricht den im§ 7 Abs. 1 und 4 der genannten Verordnung auf- gestellten Grundsätze. Eine darüber hinausgehende allgemeine Lohn- vermindernng, wie sie von Arbeitgeberseite gefordert wurde, hielt die Schlichlerkammer nicht für gerechlserttgt. Die Schlichterkammer hält weiterhin grundsätzlich eine Aufhebung der in den abgelaufenen Tarifverträgen enthaltenen Lohnschutzklauseln für erforderlich. Da sich aus ihrer poll- ständigen Aufhebung aber für den einzelnen Arbeiter im Zusammen- hang mit der allgemeinen Lohnkürzung zur Zeit eine für ihn un- tragbare Verschlechterung ergeben würde, hat die Schlichterkammer unter Berücksichtigung der beiderseitigen Interessen sich auf die im Schiedsspruch vorgesehene Regelung beschränkt." Der Schiedsspruch bringt den Gemeindearbeitern und Straßenbahnern Deutschlands zum drittenmal eine Lohnkürzung im Laufe eines Jahres. Die direkten Lohnkürzungen betragen damit etwa 17 bis 20 Prozent. Darüber hinaus sind Lohn- kürzungen durch Arbeitszeitverkürzungen eingetreten, die trotz der Sicherungsklauseln das Einkommen zahlreicher Ge- meindearbeiker und Straßenbahuer um ein Drillet verringert haben. Was bedeuten demgegenüber alle schönen Erklärungen des Reichs- kanzlers und des Reichsarbeilsministers, daß Lohnkürzungen nicht das lehle Riiltel zur Behebung der Wirischafiskrisc sein dürfen! Der ADGB. und sämtliche Spitzen der Gewerkschaften haben sich mit aller Entschiedenheit gegen die Lohnabbaumaßnahmen ge- wandt. Erklärungen der Regierung sind an allen möglichen Orten und Stellen erfolgt. Die Regierungslohnabbaumaschine geht unbe- irrt ihren Weg. Die Regierung muß sich darüber klar sein, daß das Blaß des überhaupt Erträglichen durch die neuesten Lohn- cibbauanfprüche überschritten und der überheizte Sessel am Platzen ist. Die Reichsiorifkommission der Gemeindearbeiter und Straßenbahner und die Bezirksleiter des Gesamtverbandes haben am Sonntag zu dem Schiedsspruch Stellung g e- n o m m e n. Einmütig war die Verurteilung der neuen Lohnsenkung. Aus zahlreichen Bezirken wurden Erklärungen ab- gegeben, daß die dortigen Gemeindearbeiter und Straßenbahner unter keinen Umständen kampflos die neue Kürzung über sich ergehen lassen würden. Da die Schiedssprüche, obwohl in Form und Inhalt gleich- mäßig für 25 Bezirke gelten, die bisher in ihren Lohnentschei- düngen selbständig waren, hat der Verbandsvorstand und die Reichs- tanfkommission die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung der Schiedssprüche den einzelnen Bezirken überlassen. Die Entschei- düngen der Bezirke werden in den Bezirkskonferenzen dieser Woche fallen. Antwort an Frick Reichsbanner in höchster Akiiviiäi/ Damm gegen den ltebermut der Faschisten Die mordhetzerische» Reden nationalsozialistischer Führer und die Vorfälle in Braunschweig haben die Ab- wehrfront der Republikaner zu höchster Aktivität ge- bracht. Das Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold als.die große Organisation der republikanischen Front- soldaten, ist entschlossen, dem faschistischen lieb er- mut eine Grenze zu setzen. Gester« hallteu die Straße« von Teltow, der kleinen Berlin vorgelagerten Kreis- stadt, von den Marschtritten einiger tausend Berliner Reichsbannerlente wider, die. Sturmriemen herunter, nach einem mehrstündigen Geländemarsch anf dem Markt» Platz Aufstellung nahmen. Sier sprach der technische Leiter des Gaues Berlin-Brandcnburg. Kamerad Neid- Hardt. Seine Ausführungen stellten die Antwort des Reichsbanners an die Provokatorische Rede des Heimkriegers Frick in Frankfurt a. d. Oder dar. Der technische Leiter des Gaues Berlin-Brmrdenburg. Kamerad Neidhardt, erklärte: Seit einem Jahre treiben die Führer der nationalsog ialistischen Bewegung eine widerliche Mord hetze gegen chre republikanischen Gegner. Den Reigen eröffnete der staatenlose politische Abenteurer Hitler, der vor dem höchsten deutschen Gericht ungestraft dos Wort aussprechen durfte, es würden einst Köpfe rollen. Seit dieser Drohung hat Hitler selbst sich Reserve auferlegt und. um regierungs- fähig zu werden, eine Legalitätserklärung nach der an- deren abgelegt. Das hat seine Unterführer und die nationasozia- listische Presse nicht gehindert, tagtäglich dies« Morddrohungen zu wiederholen und gerade da« Reichsbanner im Gau Berlin hat die Wirkungen dieser Mordhetze zu spüren bekommen. Um mir zwei Beispiele zu erwähnen: in der Silvesternacht schössen Nazis unseren Kameraden Schneider in seiner Wohnung und vor den Augen seiner Mutter nieder, während vor einigen Monaten in L a g o w vertierte Stozis unseren Ortsgruppenvorsitzenden, den Kanteraden Müller, niederstachen und mit dem Messer im Rücken liegen ließen! Den Gipfel nationalsozialistischer Frechheit stellten jedoch Ausführungen dar,' die der ehemalige thüringische Minister Frick in einer Rede in Frankfurt a. d. O. machte, in der er erklärte, daß die Nationalsozialiften 24 Stunden nach ihrer Machterzreifung nach dem„vorbildlichen italienischen Muster" den Marxismus mit „Stumpf und Stil" ausrotten würden. Diese Ausführungen Fricks sind eine klare und eindeutige Aufforderung zum Massenmord an politischen Gegnern, die wie eine Brandfackel gewirkt hat. Wir legen feierlich Verwahrung ein gegen diese unverhüllte Mord- und Bürgerkriegshetze durch einen prominenten Nazifunktionär und fordern rücksichisloses Einschreiten der Staatsgewalt gegen den Mann, der die verbrecherische Drohung gegen Zchntausende verfassungstreuer Staatsbürger aussprach. Mit beruhigenden Worten von feiten der Regierungen und Behörden wird die Wirkung von Frick» Ausfordernng zu Mord und Totschlag nicht ausgehoben und auch nicht mehr ab- geschwächt werden können. itach den Borgängcn in Braunschweig, wo di« Probemobil- machung zum Marsch auf Berlin mit drei Toten und siebzig Verletzten abschloß, können Fkicks Erlärungen nicht als eine rednerische Entgleisung angesehen werden, sondern müssen als ein Teil einer wohlüberlgten, von langer Hand vorbereiteten Aktion gewertet werden. Wir im Reichsbanner zusammengeschlossenen ehemaligen Front- soldaten. erklären, daß wir die Drahupgen des Heimkriegers Frick ernsthaft zur Kenntnis genommen haben. wir. die wir in den Schlachten des Weltkrieges täglich dem Tode ins Auge sehen mußten, derweil Herr Frick in Pirmasens sein kostbares Leben in der Schreibstube dem vakerlande erhielt, sind mit ganz anderen Gegnern fertig geworden als den Horden Adolf Hillers. Der Etappenkrieger Frick darf überzeugt sein, daß wir uns nicht widerstandslos von den vertierten Nazihorden abschlachten lassen, sondern, wenn es erforderlich ist, Gewalt gegen Gewali setzen werden. Die Verantwortung dafür tragen die Leute, die das Feuer des Bürgerkrieges entfachen. Bis zu diesem Entscheidung-- kämpf kommt es darauf an, daß wir die Nerven behalten und nicht durch Unbesonnenheiten den Gegnern die Verantwortung abnehmen. Wir erklären noch einmal mit allem Nachdruck: Das Reichs- bannet ist die Organisation der verfasiungstreuen aktiven Republk- kaner, die gelobt haben, die Republik gegen alle Anschläge von recht- und links zu schützen. Wir rufen die Republikaner in Stadt und Land aus, sich mit uns in Reih und Glied zu stellen und mit aus- richten zu helfen die große republikanische Kampffront gegen die Volke- und Staatsverderber um Hiller und Konsorten. Wir halten unser Gelöbnis und betonen in dieser ernsten Stunde noch einmal mit aller Eindeutig- kcit und Klarheit, daß wir bereit sind» für die Republik selbst das Leben einzusetzen! Das wollen wir bekräftigen, indem wir rufen: Der demokratischen Republik und ihrer mit ihr aus Gedeih und Verderb verbundenen Schutztruppe, dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ein dreifaches Frei Heil. Nach dem Appell Neidharbts hielt noch der Leiter des Kreises Süden des Berliner Reichsbanners, der Kamerad Jockel-Meyer, eine kurze Ansprache, in der er erklärte: Das Reichsbanner S6)worz- Rot-Gold rufe dem deutschen Volke zu: Hier steht die große Organi- sation der Frontsoldaten, die viereinhalb Jahre lang die Heimat vor dem Chaos bewahrten, und die es rnzch jetzt niemals zulassen werden, daß das deutsche Volk von faschistischen Mordbuben beherrscht werte. Die Reichsbannersormationen marschierten dann, ohne daß es zu Zwischenfällen gekommen wäre, geschlossen nach Verlin zurück. In Teltow, das als ein Hort der Nationalsozialisten und des Stahl- Helms bekannt ist, hatte sich kaum ein Hitler-Mann aus den Straßen sehen lassen. Dafür hatte man in der Nacht vorher die Bürgersteige mit roten Hakenkreuzen„verziert". Die Landjägerei und auch einzelne Vertreter der städtischen Schutzpolizei schienen da- gegen ihre Hauptausgabe darin zu sehen, das Reichsbanner nach besten Kräften zu schikanieren. Berliner Schutzpolizisten, die in den Reichsbannerreihen mitmarschieren, hatten so Gelegenheit zu sehen, wie Dienst am Volke nicht geübt werden darf. GA.-Lteberfall auf Reichsbanner. Schießerei zwischen Nazis und Kommunisten. 3n der Fritschestraße iu Eharlottenburg, dem Gebiet des berüchtigten SA.- Mordsturms 33. wurde am Sonntagnach- mittag ein Reichsbannermann von einer Nazihorde überfallen. Der Reichsbaanerkamerad setzte sich heftig zur wehr und schlug dir Burschen zurück. Als Polizeibeamte anftouchten. nahmen die Helden Reißaus. Einer der Täter konnte sestgencmmen und der politischen Polizei Übergeben werden. In der W i e b e st r a ß e in Moabit kam es in der Nacht zum Sonntag zwischen Hakenkreuzlern und Kommunisten zu einem R e- volverkampf. Es wurden zahlreiche Schüsse gewechselt. Zwei Hakenkreuzler wurden festgenommen. Eine zweite Schießerei ent- spann sich bald daraus in der Spenerstraße. Mehrere an der Schießerei Beteiligte wurden festgenommen. In beiden Fällen wurden aus der Straße Zahlreiche leergeschossene Patronenhülsen gesunden Außerdem wurde in einem Haustor ein mit vier Patronen geladener Trommelrevolver entdeckt. 127. Abt. Die. für heute, Montag, angesetzte Fmcktionörsstzung findet nicht statt. Sozialistische Krisenlösung. Reschluß der Internationale in Paris. Paris. 2. November.(Eigenbericht.) Das Büro der Sozialistischen Internationale hat am Sonntag- abend nach einer langen und zum Teil heißen Debatte einstimmig eine ihm von Leon Blum unterbreitete Entschließung über die Wirtschaftskrise angenommen. In der Entschließung heißt es: Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft ist nicht auf die Aktionen der Arbeiterregierungen und Arbeiterparteien zurückzu- führen. Er bedeutet vielmehr eine endgültige Verurteilung des kapitalistischen Systems� der Kapitalismus hat sich als unfähig er- wiesen, die Probleme zu lösen, die er selbst aufgeworfen hat. Er tonn teilweise und provisorische Maßnahmen zur Be- seitigung der Krise nur auf dem von dem Sozialismus vorgezsich- neten Wege suchen. Die Wirkungen der Wirtschaftskrise sind durch die Währungs- und Kreditkrise vermehrt worden. Nur eine inter- nationale Verständigung kann die Devisenspekulation verhindern. Nur eine internationale Organisation kann endgültig die Währungen stabilisieren, die kurzfristigen Kredite konsolidieren, die Schwierig- leiten beseitigen, die sich aus dem Mangel in der schlechten Ver- tcilung des Goldes ergeben und die erneute Prüfung des Schulden- und Reparationsproblems ermöglichen. Es ist absurd und trüge- risch, das Heilmittel in einer Verringerung des Ertrages des Pro- duktionsapparates zu suchen. Die einzig vernünftige und wirksame Anstrengung muß daraus hinzielen, den verbauch und den Warenumsatz anzuspornen. Erhöhung der Kaufkraft, rationelle Verteilung des Kredits an die Nationen, deren Lebensniveau herabgedrückt ist, und Herabsetzung der Zollschranken seien die wesentlichsten Bedingungen für eine Um- bildung der Krise. Damit ist notwendigerweise die Aufrechterhaltung der Löhne, die Kürzung der Arbeitszeit, die Ausführung großer internationaler Arbeiten, der Ausbau der Arbeitergesetzgebung und die Erhöhung des Arbeiterwohlstandes verbunden. Zum Schluß ruft die Entschließung die Arbeiter zu einer internationalen Aktion auf; die Formen dieser Aktion können zwar nicht überall gleich sein, sondern müssen sich nach den politischen Bedingungen und der Natur der Widerstände in den verschiedenen Ländern richten. Aber die Aktionen müssen in ihrem Geiste und in ihren Zielen e i n h e i t- l i ch bleiben. Die Kundgebung schließt:„Die solidarischen An- ftrengungen, die der Kapitalismus zu seinem eigenen Hell nicht liefern kann, wird die Arbeiterklasse zu ihrer Verteidigung und Befreiung vollbringen." Das Büro der Internationale beschloß ferner einstimmig die Absenkung eines Telegramms an den Vorsitzenden der englischen Arbeiterpartei Henderson. In dem Telegramm wird Hender- son und die Partei dazu beglückwünscht, daß sie gegen die Koalition oller antisozialistischen Kräfte den Block der Arbeiterklasse u n v e r- sehrt aufrecht erhalten und in einer äußerst schwierigen Lage die Ehre des englischen Sozialismus gerettet haben. Ein weiteres Telegramm wurde an das Zentralorgan der polnischen Sozia- listen, dem„Robotnik", abgesandt, in dem das Büro Dr. Lieber- mann und die anderen Angeklagten dazu beglückwünscht, daß sie trotz der in Brest Litowsk erlittenen Martern ihre moralischen Kräfte bewahrt haben und stellt fest, daß die lächerliche und absurde An- klage gegen sie die Empörung und Verachtung aller derjenigen hervorgerufen habe, die noch Sinn für Gerechtigkeit haben. Schließ- lich nahm das Büro auf Vorschlag Bauers und Vandcrveldes ein- stimmig eine Entschließung an, die gegen den japanischen Ge- w a l t st r e i ch in der Mandschurei protestiert und bedauert, daß der Völkerbund bisher nicht imstande gewesen ist, diesem für den Frieden so gefährlichen Konflikt ein Ende zu machen. Grubenunglück in Schottland. Zehn Äergleute 600 Meter unter der Erde erstickt. London, 2. November. Durch eine Explosion auf der Bowtzill-Grnbc bei Lochgellt, in der schottischen Grasschaft Fifeshire wnr- de» zehn Bergleute getötet. Die Grube ist eine der größten in Schottland und hat eine Belegschaft von 1 440 Mann. Die Morgenschicht hatte die Grube am Sonnabendnachmtttag gerade verlassen, als die heim- lehrenden Bergleute eine Detonation hörten, die die ganze Ortschaft Lochgelly erschütterte, so daß die Fenster- scheiden klirrten. Sofort füllten sich die Straßen mit Nlcnschen und die Bevölkerung eilte zur Grube. Rettungs- Mannschaften organisierten sich und stiegen hinab. Sie nahmen sechs Kanarienvögel mit, um die Luft zu prüfen. Die Bögel starben aber sämtlich unter dem Einfluß der Gase. Trotzdem hielt die Mannschaft weiter aus. Nach sechsstündiger schwerer Arbeit mußte sie jedoch wieder zurückkehren, ohne Erfolg gehabt zu haben. Wel�pre Rettungsmannschaften wurden hinabgesandt und nach vielen Stunden eifriger Arbeit gelang es ihnen endlich, in den Nachtstunden an die Unglücksstelle zu gelangen, wo sie zehn vollkommen verstümmelte Leichen unter den Trümmern fanden. Das Unglück ereignete sich tivv Meter unter der Erde. Am Eingang der Grube wartete« Frauen unter Tränen auf weitere Nachricht, bis sie endlich die Unglückstuwdc erhielten. TaS Unglück ist daS größte, das sich jemals in dem Kohlenbergwerk von Fifeshire ereignet hat. IKettungSmannschasten selbst in Lebensgefahr. Erst 24, Stunden nach der Explosion aus der Bowhill-Grubc in Fifeshire gelang es, die Leichname der zehn verunglückten Bergleute zutage zu fördern. Iimner wieder mußten die Rottungsntannschasten ihre Arbeit wegen der Gase ausgeben und an die Oberfläche zurück- kehren. Die meisten von chnen waren vollkommen erschöpft, als sie dos Tageslicht erblickten, und mußten sich zum Teil ärMchcr ReHandlung unterziehen. Die ganze Nacht hindurch warteten große Menschenmengen am Ausgang der Grube auf dos Ergebnis der Bergungsarbeiten. Das Unglück ereignete sich, als die Bergleute «inen Ventilator von einem Abschmtt der Grube zu einen anderen schaffen wollten._ Kurzarbeitsabkommen verbindlich. Für die Ehemische Industrie Mitteldeutschlands. halle(Saale). 2. November. Das am 28. Februar 1331 abgeschlossene Kurzarbeitcrabkommen für die chemische Industrie(Sektion Si>) ist mit Wirkung ab 1. No- »emper 1931 für allgemeinverbindlich erklärt worden und zwar für die Provinz Sachsen, für den Freistaat Thüringen und Anhalt. Die Sezession im neuen Heim Eine Ausstellung der künstlerischen Lugend Die Sezession hat im„Romanischen" Hause(an der Kaiser- Wilhelm-Gedächtniskirchc) ein neues Heim bezogen, ihr viertes und hoffentlich endgülitges, das um vieles angenehmer und brauch- barer ist als das bisherige an der Tiergartenstraße. Die Räume sind ganz in Weiß gehalten, nicht sehr groß und daher anheimelnd. Man wird aber vor allem aufs angenehmste überrascht von der vortrefflichen Art, mit der gehängt worden ist und vor allem von dem, was zur Eröffnung an Gemälden und Skulpturen heran- gezogen wurde. Es ist eine der trefflichsten und anregendsten Ausstellungen der Sezession seit dem Kriege geworden. Die bekannten Mitglieder haben sich zurückgehalten, sie sind jeweils nur durch ein vorzügliches Bild vertreten, und dies alles paßt so gut in den Rahmen frischer vorwärtsdrängender Jugend hinein, daß man ihrer Leitung Gluck wünschen kann. Man sieht ein vortreffliches Porträt unseres Kultusministers Grimme von Charlotte Berend, schön bewegte und liebens- würdige Landschaften von Fritsch, Jacobi, Birkle. Kraus köpf, ein Mädchen voller pikanter Grazie von Kohl- hoff, ein starkes Figurenbild von Michelfon: Peiffer- Watenphul romantisiert den Strand von Etretat, P a e f ch k e liebt das lustige Chaos von steigenden Drachen, und Champion das von Fischernetzen und Takelage, Geigenberger die streng geschlossene Landschaftssorm der Halbinselstadt Wasserburg. Von A n n o t ist ein reizendes Sonneschirm-Aper�u da, von Hermann H u b e r ein Trio von Kindern im Obstgarten, seiner besten Mal- laune entsprungen, S ch r i m p f sendet seine vegetativ schönen Bauernmädchen am Fenster und G l e i ch m a n n die schwermuts- voll anmutige Halbfigur einer„Jungen Dame im Pelz". Besonders hervorgehoben durch klein« Kollektionen find L e s f e r U r y, dessen Verlust uns durch einige bezaubernde Bildchen aus seinen glück- lichsten Tagen schmerzlich zum Bewußtsein gebrocht wird: Werner Gilles mit feinen mystisch erregenden Phantasien, die Nahes und Fernstes in der malerischen Einbildung zusammen- bringen: und Werner Scholz, dessen aggressive Malerei in Ab- bildern von Frömmelei und Mutterliebe zu großer Eindruckskraft und Bildrnößigkeit gereift ist. An Zahl der Werke überragt aber die Jugend diese aus- gezeichnete Auswahl bekannter Künstler, und auch ihre Qualität steht fast überall so hoch, daß es schwierig ist, die wichtigsten heraus- zuheben. Auch die nicht Genannten haben ihre Verdienste: die Menge, die da andrängt, ist zu groß: es scheint, daß unsere Fähig- leiten in dem Maße wachsen, als die materielle Basis für unsere Künstler immer schmaler wird. Da sind zunächst die Maler der blühenden Phantasie, voller Geist und Wechsel im formalen Ausdruck ihrer Bisionen Martha Hegemann bezaubert durch ein anmutig verspieltes und gleich- wohl streng konstruiertes Traumbild„Revue", S ch a m o n i durch die winzigen Tafeln„Sirene" und„Ikarus", die soviel zärtlich antiken Spuk enthalten. Die konstruktivistisch gefestigten Er- scheinungen in grauen Tönen von Jene, die lockeren Farben- Visionen Schobingers und die starken und strengen Bilder Döbels legen den Nachdruck ganz aut eine malerische Ausdrucks- kraft der Farbe, fast mit Verlust des Gegenstandes. Die anderen bleiben im Umkreis einer naturnäheren Dar- stellung, vertiefen sie aber durch Bejonderheiten des Kolorits und des Auftrags— Dinge, die im bloßen Wort unscheinbar wirken, den Bildern selber aber ihren ganz wesentlichen und gestalterischen Wert geben. Die„große Abendlandschaft" von A. Bode ist auch im geistigen Sinne groß, eine geheimnisvolle Vision des Grüne- waldes. Lindgens bezaubernder Einfall eines„Ve regneten Fensters", Pa Nizzas reiche und dunkeifarbige Strandlandschaft, Szpingers Helles Farbengewebe mit dem Reiz von Gobelin, und Eu l e n st e i ns Fischerhafen sind Beispiele, wie unvergleichlich die in entsprechende Technik umgesetzte Anschauung Landschasts- motive verwandeln kann. Aehnliche Verzauberung erlebt man vor den tonschönen und zarten Figurenbildern Kohlers, Nie- meyer-Holsteins, dem stillen Interieur von T e u b e r. dem starken Selbstbildnis Kutters, der ungemeinen Zartheit in der „Familie" von Büchner und der„Korbträgerin" von Fleisch- mann, der süßen Schwermut der Bildnisse von Inge Dinand und S t r ü b e. Unter den Skulpturen ragen durch Strenge des Stils die Mädchenfiguren von F e h r l e, der wundervolle Kopf E m m y R o e d e r s und die Gruppe junger Menschen von M i l l y Steg er hervor, durch Lebendigkeit der Natur und Empfindung die Kleinplastiken von Jenny Wiegmann, L. F. Keller, Isen stein. Eine Mittelstellung zwischen Stil und Naturwahrheit nehmen die Reliefs von L ö r ch e r und Otto Baum, die „Mutter" von Garbe und die herrliche Holzgruppe von R a t h l e f f- K e i l m a n n ein. IPaul F. Schmidt. Erwin Lendvai-Abend im Volkschor. Jedes Unglück hat auch sein Gutes. Eine Zeit, die einem Berliner Voltschor nicht mehr gestattet, eigene, wenn auch noch so bescheidene Konzerte zu geben, zwingt wenigstens zur Kon- zentratwn und wehrt die flachen Programme ab, die so oft gut rentierende Konzert« schmückten. Ein Lendoai-Abend in dem dicht gefüllten Andreas-Reolgymnasium, ausgesührt durch die .�-oapella-Vereinigung des Berliner Volkschors unter Dr. Zander und den Jugend- und Kinderchor unter W. H ä n e l ist eine Tat, die zwanzig andere Konzerte aufwiegt. Lendoai ist einer der wenigen ganz Notwendigen. Nach den orientierenden Worten Hänels sind selbst seine größten Lob- preiser ikl der Praxis bis zu dem epochemachenden Lendoai-Abend der Michaelsche» Chöre in Hannover in der Praxis sehr- saumselig gewesen. Auch Dr. Zander klagt sich an. jetzt endlich«in« Ehren- schuld abtragen zu müssen. Die Hauptsache ist, daß beide Diri- genten mit voller Liebe in chre Aufgabe sich vertieft haben und namentlich Dr. Zander mehrere