BERLIN Sonnabend 5. Sezember 1931 10 Pf. Ar. 520 B 285 43. Jahrgang ErscheinttSzlich außerSonntag«. Zugleich Abendausgabe des„Vorwärts'. Betugspreis für beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche. 3,60 M. pro Monat (davon 95 Pf. monatlich für Zustellung ins Haus) im voraus »ahlbar. Postbezug 4,32 M. einschließlich 60 Pf. Dostzeitungs- und 72 Pf. Pcstbestellgebühren. SfiaJaubgaße Jßh ffybihütUfa Mnjefgtnprefls Tie tinfpalHat WontJatrfllejrfle 80 Vi. Wrflamcjetlc SM. Ermäßigungen nach Tarif. Vostschecklnuto! Vorwärts-Veriag G.m.b.H., Berlin Rr. S7SZS.- Der Verla» behält ilch das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anjcigen vor l Redoktion und Ervedition: Berlin SWK8, LindcnNr. 3 Fernsprecher: Dönvosi i�<> 292—297 Aufruf der Gewerkschaften Kort mit der Reparationslasi— Kort mit dem Terror! Die Spißenverbände der Gewerkschaften der Arberter, Angestellten und Beamten haben sich, wie bereits mitgeteilt, in gemeinsamen Besprechungen mit der politischen und wirtschaftlichen Lage eingehend beschäftigt. An den Besprechungen waren beteiligt der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, der AfA-Bund, der Allgemeine Deutsche Beamtenbund(212)35.), der Deutsche Beamtenbund(DBB.), der Deutsche Gewerkschaftsbund(christlich) und der Gewerk- schaftsring(H.-D.). Die Spitzenverbändc wenden sich heute mit folgender gemeinsamen Erklärung an die Oeffentlichkeit: wenigen Tagen tritt in Bafel der«onderausschust jue Begutachtung der wirtschaftlichen Lage Teutschlands zusammen,«eine Pflicht ist, die Folgerungen aus der Erkenntnis zu ziehen, dast die Teutschland auferlegten Meparationsvcrpflichtungcu eine der wesent- lichsten Ursachen für die weltwirtschaftlichen Störungen der Nachkriegszeit geworden sind. Sie haben die Erschütterungen des internationalen Kredit- shstems herbeigeführt... Tie W iedc rherstellu ng des Vertrauens und der Miederaufbau des internationalen Kredites ist die zentrale, wirtschaftliche und politische Aufgabe. Tie Reparationslasten haben das Mast der durch den Krieg verursachten Schäden längst überschritten. Tamit ist ihnen jede moralische und wirtschaftliche Berechtigung entzogen. Sie sind heute nur noch ein Hemmnis der wirtschaftlichen Entwiiklung der Welt. Ihre Beseiti- g u n g ist ein Gebot wirtschaftlicher und staatsmännischcr Einsicht. Zur Wiederherstellung deS internationalen Vertrauens ist aber auch die Beruhigung der inneren Lage Teutschlands notwendig. Die groste Not des Volkes, die Massenarbeitslosigkeit und die Verarmung der Mittelschichten bereiteten in Teutschland den Boden vor für die Äerzweiflungsstimmung, Sie Sem heimlichen Bürgerkrieg täglich neue Nahrung zuführt. ES sind zumeist die ärmsten Söhne deS Volkes, die in diesem sinnlosen Kampf fallen, blühende Jugend, die in beruflicher Kameradschaft zusammenwirken könnte, Ar- beitslose, in deren Herzen das gemeinsame Elend Verständnis füreinander wecken sollte. Tie Getverkschaften der Arbeiter, Angestellten und Beamten verurteilen diesen volkszersehenden Brudcrkampf und fordern die Regierung auf, die ganze Autorität des Staates einzusehen, um zu erreichen, dast die innerpolitischen Auseinandersehungen ausschliestlich mit geistigen Waffen geführt werden. Wir wenden uns an alle, die sich in dieser Zeit gewissenloser Oemagogie und brutaler Oro- Hungen Verantwortungsbewußtsein, Mut und Besonnenheit bewahrt haben, und fordern von ihnen, mit uns die Front zu stärken für Z�echt und Freiheit gegen Terror und Gewalt! Mildes Gonntagswetter. Das milde Wetter dürfte in den nächsten Tagen noch fortdauern. Für den morgigen Sonntag ist aller Voraussicht nach mit trockenem und teilweise sonnigem Wetter zu reckinen. Ueber England hat sich ein flacher Hochdruckausläufer gebildet, der langsam dem Konti- ncnt zustrebt und in dessen Bereich unser Gebiet morgen gelangen dürste. Später ist allerdings wieder Eintrübung zu erwarten, da aus dem Westen warme ozeanische Luftmassen herannahen. Bei einer ausgesprochenen W e st w i n d l a g e ist dann mildes und recht wechselndes Wetter zu erwarten. Die Temperaturen werden erheblich über V Grad liegen. Berlin hatte heute mittag 8 Grad Wärme, in der vergangenen Nacht, in der Berlin von einem schweren Sturm heimgesucht wurde, wurden sogar 10 Grad Wärme gemessen. Der Hänge-Zenke „»ein Blutvergießen gibt e» für solche, die mit Drecksau, Dreck- hnud. Schwetueigel usw. tituliert wcrdco. Kein, diese lassen wir baumeln. S» sollen ihnen nur die Zunqen heraushäugeu. und die Strick« müssen dick und stark sein, daß sie zum abschreckenden Betspiel aus lang« Zeit hangen bleibe»— die Körper sollen nicht»ersaulcn, sondern ausdörren.� Oberposiselretär Ienkr, Rcicholag-abgeordnetcr der NSDAP. Borsicht, Herr Lenke! Solch ein Heiligenschein kann seinem Träger eines Tages verhängnisvoll werden! Gtrandung eines deutschen Dampfers. Sturm an der friesischen Küste. Norddeich, 5. Dezember. Der deutsche Dampser„T h e o d o r", der sich zur Zeit auf 23,19 Grad Nord und 4,33 Grad Ost in der Nordsee befindet, meldet funktelegraphisch, daß chm das Maschinensteuerruder und das Hondsteuerruder gebrochen sind, und daß er hilflos gegen das Ufer treibt. Eine weitere Meldung besagt, daß der Dampser in der Nähe von Texel gestrandet ist. Die L. O. L.-Ruse wurden um 1.39 Uhr früh aufgenommen. Der auf Borkum stationierte Bergungsschlepper „Simson" der Bugsier-Reederei Hamburg ist sofort zur Hilfeleistung ausgelaufen. Er wird jedoch wahrscheinlich wieder umkehren, da inzwischen Nachrichten eingelaufen sind, daß sich bereits mehrere Schiffe um das in Seenot befindliche Schiff bemühen. An der ostfriesischen Küste herrscht starker Sturm. Borkum meldet Windstärke 8. Hamburg vom Sturm stark mitgenommen. Hamburg, S. Dezember. Am Freitag abend kam im norddeutschen Küstengebiet starker West- wind auf, der in der Nacht zum Sturm anwuchs und in einzelnen Böen sogar Orkan stärke erreichte. Die Stationen an der Nord- und Ostsee meldeten Windstärke 8 bis 9. Am Sonnabend vormittag flaute der Sturm au der Küste etwas ab. Das Hauptsturmfeld Heute und morgen treten alle Parteigenossen und •genossinnan an zur allgemeinen Fiugbiattuerbraitung liegt jedoch mehr landeinwärts: Hamburg hatte z. B. am Sonn- abend morgen Windstärke 9 bis 19. Die Vormittagstide bringt i'A Meter höheres Wasser. Hamburg wird gegen mittag eine mittlere Sturmflut zu erwarten haben. Im Hafen hat der Sturm bereits zahlreiche Fahrzeuge von der Vertäuung losgerissen: sie konnten jedoch wieder festgemacht werden. In allen Fällen ist lediglich Sachschaden entstanden. Auch im Ham- burger Stadtgebiet hat der Sturm größeren Schaden an- gerichtet. Von dem Turm der Katharinenkirche wurde ein Kupfer- schild iin Gewicht von einem halben Zentner heruntergerissen und Reklameschildcr stürzten auf die Straßen. Viele Fenster- scheiden wurden eingedrückt. In der Billhorner Brücken- straße riß der Sturm eine zwei Meter hohe und sechs Meter lange Mauer um, die auf die Straße fiel. Menschen sind nicht verletzt worden. Lewit und seine Heiser. Zwei Fälschungen, um ihn herauszuhauen. Die Versetzung des„republikanischen" Polizeimajors Lcwit nach Gleiwitz wegen seiner wiederholten Verstöße hat den„Lokal- Anzeiger" auf den Plan gerufen. Um ihn zu decken und ihn als ein verfolgtes Unschuldslamm darzustellen, läßt sich das Blatt dazu verleiten, mit Auslassungen und Fälschungen zu arbeiten. Zum Beweise, daß Lewit nur treu und brav die Befehle seiner Vorgesetzten ausführte, als er die Teilnehmer an der Sportpalast- Kundgebung des Reichsbanners festnehmen ließ, wird zunächst ein» mal ein Kommandobefehl des Obersten Hcimannsberg vom 39. September 1939 veröffentlicht— aber der wichtigste Satz ist ausgelassen worden. Der Befehl lautet nämlich nicht nur, daß lär- wende Ovationen für Bersammlungsredner oder-leiter nicht mehr zu dulden seien, sondern unmittelbar daran war der im Hugenbcrg- Blatte ausgelassene Satz gefügt: „Dagegen soll auch künftig gegen einzelne Personen, die in unmittelbarem Anschluß an politische Versammlungen in unmittel- barer Umgebung des Versammlungslokals ihre Parteirufe ausstoßen, auch nach 22 Uhr nicht eingeschritten werden� sofern diese nicht Ausmaße annehmen, die eine grobe Störung der nächtlichen Ruhe darstellen." Der„Lokal-Anzeiger" hat also gar keinen Grund zu lamen, tieren, wenn Herr Lewit nach Gleiwitz strafversetzt wurde, weil er sich über diese seit einem Jahr bestehende Vorschrift hinwegsetzte. Noch deutlicher aber wird das Verhalten Lewits und de- „Lokal-Anzeigers" aber, wenn man daraus verweist, daß anläßlich der Vorfälle vor dem Herrenhaus, wo Severing sprach, die Polizei von neuem aus diesen Befehl hingewiesen worden ist. Es heißt in dieser am 27. November im„Vorwärts" übrigens veröffentlichten Verfügung noch schärfer, daß nach Versammlungen„innerhalb eines angemessenen Kreises um den Versammlungsort"„ein Einschreiten nur gegen offenbar böswillige Personen oder gegen absichtlich ruhe- störenden Lärm zulässig ist". Der Polizeimajor hat also offenbar auch gegen diese Verfügung gehandelt. Auch hiervon hat der Informator des„Lokal-Anzeigers" diesem und dieser seinen Lesern keine Kenntnis gegeben: beide Auslassungen zeigen, wie schlecht die Sache und das Gewissen derjenigen ist, die den Polizeimajor gegen den Polizeipräsidenten in der Oeffentlichkeit zu rechtfertigen suchen. „Schupo verrecke!" Ein deutschnationales Schwindelmanöver. Um den Polizeimajor herauszupauken, klammert die deutsch- nationale Presse sich an die Behauptung, daß nach der Sportpalast- Versammlung aus den Reihen des Reichsbanners der Ruf ertönt sei: „Schupo verrecke!" Dieser Schwindel erstickt an seinem eigenen Unsinn. Genau so könnte man behaupten, daß ein Nazi-Sturmtrupp„Hitler ver- recke!" gerufen habe. Den Reichsbannerkameraden ist sehr wohl bekannt, daß eine große Anzahl Berliner Schutz- Polizeibeamte selb st dem Reichsbanner ange- hören bzw. mit ihm und der Republik sympathisieren. Die von den Kommunisten ermordeten Polizeiwachtmeister F i e b i g und Kuhfeldt waren beide Mitglieder des Reichsbanners: das Reichs- banner hat sie mit hohen Ehren bestattet. Soll wirklich ein vernünftiger Mensch den Unsinn glauben, daß das Reichsbanner seinen eigenen Mitgliedern und Zlnhängern den Tod wünscht?! Faschismus odersozialeDemokratie? Oer geistige Arbeiter in der Krise des Kapitalismus Der Deutsche Studenterwerband hatte gestern abend im Reichs- wirtschaftsrat zu einer kontradirtatorischen Aussprache über das Thema„A n t i k a p i t a l i s m u s" eingeladen. Die Studentenschaft war von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken vertreten, um das Referat von Professor de Man anzuhören. Die überfüllte Versammlung, die bei Beginn eine Weile gesperrt wurde, verlies in bemerkenswerter Ordnung, was einerseits der straffen und vornehmen Leidlmg und dem ausgezeichneten Ordnungsdienst, andererseits ober dem Vortrag des Genossen de Man zu danken ist. Immer wieder von Beifall unterbrochen, führte Genosse de Man aus: Die gegen- wärtige Krise beschränkt sich nicht allein aus Deutschland. Alle Länder erleben diese Krise. Das kapitalistische System ist in seinen Grundlagen erschüttert. Es ist nicht eine Krise der Jirstitutionen, die wir heute erleben, es ist eine Krise des Menschentums schlechthin. Die proletarisierten Mittelschichten wenden sich in dieser Krise gegen den Kapitalismus, aber ihr Antikapitalismus wird antidemokratisch und nationalistisch, weil sie sich gegen den proletari- schen Sozialismus innerlich und äußerlich wehren. So lassen sich diese Schichten von einer Bewegung mißbrauchen, die eine Kamps- bewegung gegen die Freiheit ist. Die bürgerliche Freiheit(Rechts- gleichheit) gab den Boden ab, von dem aus das Proletariat die bürgerliche Demokratie erst vollenden konnte. Die engen Bin- düngen, die zwischen Kapitalismus und Demokratie bestehen, zeigen sich auch in dem Verhältnis von Kapitalismus und natro- naler Idee. Heute versteht«s ein angeblicher Rationalismus, soziale Ressentimentstnnmungen. unbewußte Herabwertungen des Versagten, in nationale Ressentiments auszupeitschen. So verschleiert der Faschismus den wahren Schuldigen, den Kapitalismus. der in der Bewegung des proletarischen Sozialismus nie verkannt wurde. Die antikapitalistischen Stimmungen werden zur Vcrteidi- gung des Kapitalismus mobilisiert. Deshalb ist dieser Radikalismus keine Bewegung, die das heutige System in seinen Wurzeln trifft, noch überhaupt treffen will. Der proletarische Sozialisinus allein ist der echte Radikalismus, weil in ihm die Rebellion gegen die Unnatur des heutigen Systems immer schon machtvoll durchgebrochen ist. Das Werk des jungen Marx ist ein einziger Protest gegen die Verlorenheit des Menschen in die kapitalistischen Zustände, hier schon wird die Ausgabe des Sozialismus als die Befteiung des Menschen zu seiner wahren und eigentlichen Menschlichkeit gefaßt. Der I Faschismus aber macht halt vor dem monopolistischen Besitz der Produktionsmittel in den Händen Weniger, ja er läßt sich von eben diesem Kapitalismus aushalten. Rur im proletarischen Sozialismus wird heute in Wirklichkeit gegen das kapitalistische System gekämpft. Schon ist es gelungen, andere Mächte in die heutige Wirklichkeit einzubauen: Sozialgesetzgebung, Schlichtungs- wcsen, Genossenschaftswesen sind dem Kapitalismus abgerungen worden. Gewiß ist auch heute noch Demokratie eine Aufgabe. Die heutige Republik ist nur der Ausgairgspunkt, der Kampfboden für die wahre Demokratie. Genosse de Man verlangt Verständnis für die Tatsachs, daß die heutige Republik nicht mit der Begeisterung verteidigt werden kann, mit der sie die Faschisten angreifen. Rur wenn der proletarische Sozialismus die Zielsetzung der sozialen Demokratie, der echten Demokratie im Auge behält, wird die Verteidigung des Heutigen zum Kampf für die Zukunft, zum Kampf für die sozialistische Gesellschaft. Die Diskussion zeigte mit geringen Ausnahmen kein besonderes Niveau. Aber auch sie oerlief in völliger Ruhe. Es scheint also doch, als ob auch heute noch ehrlich uird offen über Gegensätze in politi- schen und weltanschaulichen Fragen diskutiert werden kann. Ein Diskussionsredner bat Prof. de Man, sich auä, gegen den Kommunismus abzugrenzen. Ein Vertreter der Linken Katholiken trat mit eindrucksvoller Entschiedenheit für die gemeinsnme Kamps- front gegen den Faschismus ein. Obwohl, wie versichert wird, Nationalsozialisten anwesend waren, wagt« es keiner, das Wort zu« ergreifen. Wahrscheinlich ist das der neudeutsche Manncsmut, einer geistigen Auseinandersetzung feige aus dem Wege zu gehen. In seinein Schlußwort betonte Genosse de Man. daß ihn nur das Zuwenig an Demokratie vom Kommunismus trenne. Lenin habe jedenfalls nie von Kommunismus ohne Demokratie gesprochen. Es gibt keinen Sozialismus ohne Demokratie, ohne Freiheit. Matteotti war es, so wandte sich Genosse de Man aufrüttelnd an die Versammlung, der die Worte gesprochen hat: ,.N u r wer die Freiheit verloren hat. weiß, was sie bedeutet." Großer Beifall dankte dem Redner. Diese Veranstaltung des Deutschen Studenteiwerbandes war eine wichtige Kundgebung gegen den Faschismus. Wer an dieser Versammlung mit offenen Ohren teilgenommen hat, weiß, wo der geistige Mensch, heute, in der Krise, stehen muß. Japans Verschleppungstaktik. Ungeduld im Völkerbundsrat. Paris. S. Dezember.(Eigenbericht.) Die offiziellen Verhandlungen über die Regelung des ch i- nesifch-japanischen Konfliktes sind am Freitag wieder- aufgenommen worden. Der erste japanische Delegierte P o f h i z a w a stattete am Nachmittag dem Ratspräsidenten Briand einen Besuch ab und unterrichtete ihn über die Ansicht seiner Regierung in bezug auf>io Schaffung einer neutralen Zone. Die japanischen Dorschläge gehen dahin, über die Organisation dieser Zone direkte B e r- Handlungen zwischen Tokio und den chinesischen Behörden, d. h. dem Marschall Tschanghsueliang einzuleiten und zu gleicher Zeit den Völkerbundsrat zu bitten, durch eine Kommission die Chinesen von der Zweckmäßigkeit zu überzeugen, ihre Truppen zurückzuziehen, bevor ein Abkommen zwischen Tokio und den chinesischen Be- Hörden zustande gekommen ist. Die Verwaltung der neutralen Zone soll nach dem Wunsche der Japaner durch gemeinsame An- ordnungen des japanischen und chinesischen Truppcnkommandanten geregelt werden. Auch der chinesische Delegierte Sze setzte Briand von den Instruktionen seiner Regierung in Kenntnis. . Kurz nach 18 Uhr trat der Völkerbundsrat ohne die Vertreter Japans und Chinas zusammen, um sich über die chinesischen und japanischen Antworten unterrichten zu lassen. Die Beratungen drehten sich fast ausschließlich um die Schaffung der neutralen Zone, verliefen aber wieder völlig ergebnislos, so daß sich der meisten Ratsmitglieder eine gewisse Ungeduld bemäch- tigtc. Denn aus den Mitteilungen Briands und Lord Cecils ging hervor, daß die Japaner ihre alte Verschleppungstaktik weiter verfolgen und immer neue Forderungen stellen. Sie wollen zwar dem Rat gegenüber die Verpflichtung übernehmen, die neutrale Zone zu achten, aber sie beanspruchen das Recht, durch die Zone durchzumarschieren, falls in Nordchina�un- vorhergesehene Ereignisse eintreten, durch die japanisches Leben und Eigentum gefährdet wird. Das bedeutet nichts anderes, als daß die Japaner immer weiter nach Süden in Richtung auf Tien- tfin vordringen wollen, falls dort chinesische„Banditen" auftauchen. Zudem ist in den japanischen Instruktionen der Begriff Nordchina nicht genau umschrieben und es ist auch nicht angegeben, wie die Japaner auf ihrer Seite die neutrale Zone abgrenzen wollen. An- gefichts dieser Unklarheiten hat der Rat den Redaktionsausschuh beauftragt, ein Schreiben an Japan aufzusetzen, in dem um eine präzisere Formulierung der japanischen Forderungen ersucht werden soll. Was die chinesische Antwort anbetrifft, so hat die Re- gierung von Nanking prinzipiell nichts gegen den Enffchliehungs- entwurf und gegen den Plan der Schaffung der neutralen Zone einzuwenden, macht aber ihre endgültige Stellungnahme von den japanischen Einsprüchen abhängig. Die Lage ist also heute ver- w i ck e l t e r denn je. „Nazi-Rechtsanwalt." Billige Beamtenmißhandlung/ Teure Kritik. Das verschiedene Strafmaß, das gewisse Gerichte gegen rechts und links anwenden, kann nicht besser.illustriert werden als durch einen Fall, der sich in Spandau ereignet hat. Am 17. Januar d. I. hatte � der damalige Vernehmungsrichter, jetzige Rechts- anwalt Fischer in Spandau, nachts ein Renkontre mit einer Schupostrcife, die er ohne Grund beschimpfte und beleidigt«. Als der ein« Beamte ihn zur Ruhe wies, brüstete sich Fischer mit den Worten:„Wissen Sie, wer ich bin? Ich bin der llnlersuchungsrichker von Spandau." Ms sich der Polizist hierdurch nicht imponieren ließ, beschimpfte Fischer ihn als„dämlichen Banausen" und„Ganove n", schließlich versetzte er, als er festgestellt werden sollte, dem Beamten Tobinski einen wuchtigen Schlag ins Gesicht. Alles dies wurde damit geahndet, daß der Oberstaatsanwalt des Land- gerichts III gegen Fischer einen Slrasbefehl über 150 Mark erließ! Fischer nahm nach anfänglichem Einspruch die Strafe an, um zu oerhindern, daß durch öffentliche Verhandlung die Sache in die Presse käme. Trotzdem bekam das„Spandauer Volksblatt" von der Sache Wind und brachte über den Tatbestand einen Artikel mit der Ueber- schrift:„Nazi-Rechtsanwalt pöbelt Beamte an". Wegen dieser Ueberschrift erhob Fischer gegen den verantwortlichen Schrift- leiter die Beleidigungsklage. Die Beleidigung sah er in der Bezeich- nung als„Nazi", der er nicht zu sein behauptete. Nun hatte der Artikel auch nicht Fischer als organisiertes Mitglied der National- soziolisten bezeichnet, sondern in der Ueberschrift„Nazi-Anwalt" nur seine ollgemeine Einstellung kennzeichnen wollen, die Fischer selber gegenüber dem Polizeibeamten recht drastisch durch die Redensart zum Ausdruck gebracht hatte:„Wartet mal, in acht Wochen seid ihr durch die neue Reichstagswahl erledigt." Das Gericht unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Dr. L ö b e r erkannte wegen Beleidigung und übler Nachrede gegen den onge- klagten Redakteur Genossen Schröder auf 150 Mark'Geldstrafe und — 500 Mark Buße an den Kläger, weil dieser durch den Artikel in seiner Anwaltspraris geschädigt worden sei! In der Urteils- begründung erklärte der Amtsrichter: Es tue nichts zur Sache, daß der Tatbestand des Artikels erwiesen sei. Dieser sei nur geschrieben worden, um den Kläger verächtlich zu machen, das gehe aus der Ueberschrift hervor! Der Kläger selber hatte in seiner Klageschrift die Beleidigung darin gesehen, daß die Zugehörigkeit eines Beamten zur Nationalsozialistischen Partei disziplinarisch geahndet werde, was wohl auch für einen Anwalt gelten müsse! Mithin kostet die Beleidigung und Mißhandlung eines Beamten durch einen Richler Senat und Abrüstungskonferenz. Wie die deutschen Hochverratstprozesse in Frankreich wirken. Paris, 5. Dezember(Eigenbericht.) In der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses des Senats er- stattete der elsässische Senator Eccard einen eingehenden Bericht über die„ständige Erhöhung der militärischen Ausgaben Deutsch- londs, die sowohl in das Reichswehrbudaet wie in andere Budgets de» Reichs, der Länder und Gemeinden eingeschrieben sind". Er stellte dann einen Vorgleich zwischen diesen Ausgaben und denen Frankreichs vor und noch dem Kriege aui. Weiter lenkte Eccard die Aufmerksamkeit des Ausschusses auf die zahlreichen Hochverrats- Prozesse in Deutschland, bei denen hohe Strafen über Personen verhängt worden seien, die Verfehlungen Deutschlands an Bo- ftimmunaen des Versailler Vortages enthüllt hätten. Die Schluß- folgerungen des Berichterstatters werden, wie es in dein Kommunique über die Sitzung heißt, vertraulich behandelt, und der Vorsitzende hat Eccard für diese Mitteilungen gedankt, die auf die Kommission einen starken Eindruck gemacht hätten Vetler sür Berlin. Zunächst ziemlich heiter, später wieder Eintrübung mit auskommender neuer Niederschlagsneigung.— A ir Dentschlovd. Im Osten noch veränderlich mit einzelnen Schauern, die mittleren Teile des Reiches zeitweise heiter, am Tage jehr mild, im Westen wieder allmähliche Wetterverschlechterung. „Immer erst den Anwalt fragen." Lessing-Theater. Bis die Pointe herausspritzt, geht viel kostbare Zeit verloren, jene drei Akte, die erzählen, welches Unheil der Londoner Nebel an- richten kann. Vornehme Gesellschaft, die im Hotel Wohltätigkeit«- Kostümfest feiert, kann wegen des Nebels nicht nach Haufe. Also Feldschlacht um Klubsessel, Billard und ähnliche Schlafgelegenheiten. Siegreich geht aus dem Krieg hervor Rechtsanwalt L., der sogar ein Appartement erobert. Es besteht aus Schlafzimmer in der Mitte, Badezimmer links, Salon rechts. Aus dieser Hotelgeographie, aus diesem Nebel, aus diesen drei Räumen und der bald auftretenden Dame Leslie und dem rechtmäßigen Mieter der Zimmer erblüht dann die Komik der Komödie. Man ahnt alles: sie will zunächst nur in dos Schlafzimmer, um sich auszuruhen. Cr will, obwohl er anfangs bärbeißig ist, zu anderen Zielen gelangen. So ergibt sich aus Widerstand, Verwechslung und ähnlichen für den Verfasser Gilbert W a k e s i e l d ganz neuen Verwicklungen schließliche Um- armung. Das Stück wurde nach dem deutschen Theaterdirektorenprinzip importiert: kauft nur britische Waren. Beim Auspacken wurde es als bescheidene Mittelwaro befunden und dann mit Rücksicht auf die Kassenebbe etwas protzig firmiert. Das Stück wurde schließlich schau- spielerisch gedehnt und auf die Rollenwalze gelegt. Die Künstler- temperainente sollen sich ausleben. Ohne ausreichende Textunterlage ist das aber stets gefährlich. Der Bonvivant Georg Alexander will mehr scheinen als er ist. Die muntere Liebhaberin Maria B a r d scheint mehr als sie fein will. Karl Meinhard, der einstmals Generaldirektor vieler Theater und Erfinder der Kre-slerbühne war, tritt unverzagt in die Truppe zurück. Er ist durchaus berechtigt, künf- tighin ein besseres Stück zu besserem Erfolg zu führen.>1. II. Henny Porten als„Luise". Atrium. Die unabhängige Geschichtsschreibung hat längst bewiesen, daß die Königin Luise, einst der Schwärm und das Idealbild des deutschen Bürgertums, durchaus nicht für eine heroische Legenden- bildung geeignet ist. Sie war eine schöne Frau, sie war lebens- lustig, liebte schöne Kleider und rauschende Feste und ließ sich auch in den Tagen der tiefsten Erniedrigung Preußens möglichst wenig abgehen(„beim Mittagessen haben wir nur vier Schüsseln, am Abend drei, und das ist alles"). In dem verarmten Preußen ver- brauchte der Hofhalt im ersten Quartal 1808 fast ein Fünftel des gesamten Etats. Soweit die Königin in die Politik eingriff, hat sie keine glückliche Hand gehabt. Sie hat Stein, den Reorganisator Preußens, fallen lassen, als er ihr die Reise zu dem von ihr um- schwärmten russischen Kaiser nicht bewilligen wollte. Sie ist auch nicht an gebrochenem Herzen gestorben, sonders an den Folgen dieser Winterreise. � Henny Porten ist erkoren, die Königin Luise darzustellen. Man hat um sie herum einen Film veranstaltet, dessen Manuskript (nach dem Roman von Walter von Molo) keineswegs geglückt ist. Und Karl Fröhlich, sozusagen der Svezialregisseur der Parten, bat diesmal auch keine besonders glückliche Hand gehabt. Der Film ist zum Teil langstielig. Andererseits zerfällt er in viele kurze Szenen, es fehlt die große Linie und die Spannung. Aber er hat einen Vorzug: er macht nicht nach berühmten Mustern die Königin Luise zum Racheengel sür den nächsten Krieg mit Frankreich. Im Gegenteil, sie stirbt als resignierte Pozi-fistin. Dafür wird freilich dem militärischen Elan ein reichliches Opfer gebracht in den end- losen Militärmärschen und Paradeaufzügen der preußischen Armee. Der Film, der nach allen Seiten Konzessionen macht, bemüht sich, die Königin auf der anderen Seite als gute Ehefrau und zärtliche Mutter in den Vordergrund zu stellen. Henny Porten wird ihrer Rolle in jeder Weife gerecht, sie ist die schöne, anmutige Frau, die die Empiretrachtcn mit viel Geschmack zu tragen weiß. Sie reprä- sentiert nicht nur, sondern verkörpert auch glücklich die Gefühls- feiten. Der südwestdeutsche Dialekt, den man sie reden läßt, ver- leiht ihr eine frische Natürlichkeit. Die historische Königin Luise ist sie gewiß nicht, aber diese hier ist nicht unsympathisch- Auch der ewig zaudernde König Friedrich Wilhelm kommt in einer ent- schieden geschmeichelten Form heraus. Gustav Gründgens macht ihn zu einer erträglichen Figur, die mit ihrer Abneigung gegen den Krieg sogar Beifall auelöst. Friedrich K a y ß l e r ist ein kraftvoller Freiherr vom Stein, der die impotente Generalsclique rücksichtslos bekämpft. Ganz mißglückt ist der Napoleon des Paul Günther, das ist eine lächerliche Karikatur. Eher trisst schon Gaidarow den wankelmütigen Zaren Alexander. Sehr gut sind die Kinderrollen besetzt. Wir haben vor Jahren einen stummen Film Luise gehabt mit Mady Christians als Königin. Die Regie Bergers war in mancher Weise besser Aber was soll uns ein historischer Kostümftlm mit Luise im Mittelpunkt bedeuten? Höchstens das eine, daß er mit erschreckender Deutlichkeit zeigt, wie schnell der absolutistische Staat Friedrichs II. zusammenbrach, als er mit dem überlegenen System zusammenstieß, das die französische Revolution geboren hatte. D. „Helden der Lust." Ufa-pavillon. Um eine Spielhandlung im amerikanischen Magazingeschmack gruppieren sich unerhört schöne Aufnahmen von den Scheegebirgen der Slldpolarregionen und von Flugzeugen und Luftschifsen. Der Film ist in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Marine her- gestellt worden. Er kann also als«in« Art von wirksamer Propaganda für die Luftflotte der USA. betrachtet werden, darüber hinaus ist«r aber«in Werk von hohem Niveau. Der Südpol soll bezwungen werden, und die amerikanische Regierung stellt dem Expeditionsleiter einen Zeppelin zu diesem Zweck zur Verfügung. Das Luftschiff zerbricht im Schneesturm, die Besatzung kann sich retten. Diese Aufnahmen gehören zu den grandiosesten und technisch vollendetsten, das der Film zu bieten vermag. Der Untergang des Luftschiffes wird mit höchster künst- lerifcher Meisterschaft dargestellt. Der Regisseur Frank R. C a p r a hat das Gefühl für die male- rifchon Werte einer Landschaft und nicht nur dafür. Er zeigt ihre Größe. Das ungeheure Schweigen der Schneewüsten lastet auf den Bildern. Gewaltige, unbetretene Gebirge lagern in scharfer Sil- hou«tte am Horizont. Was bedeutet der Mensch in dieser monu- mentalen Natur? Cr ist ein Nichts, und selbst seine technischen Wunderwerke, wie Flugzeug und Luftschiff, oersinken vor deni Massiv der vergletscherten Berg«, vor der Ewigkeit des Steins. Menschen quälen sich. Warum? Sie sind besessen von einer Idee, von einem fanatischen Forschungsdrang, sie werden zu Helden und stillen Duldern. Es ist schade, daß eine banale Liebeogcschichtc den Rahmen bildet und damit dem Film einen Teil seiner herben Größe nimmt. Die Helden verwandeln sich beim bappz- end wieder in langwellige Konfektionsamerikaner. Gut die deutsche Synchronisierung. FJJch. Vitamin C künstlich hergestellt. Vor einer großen Versammlung der Akademie der Wissen- schaften in Oslo hielt der junge norwegische Wissenschaftler Ottar Rygh einen Vortrag über die Resultate, die er und seine Mitarbeiter während ihrer Untersuchung über die Vitamine C erhalten hätten. Rygh stellte fest, daß ihnen die Herstellung des Vorstadiums des Vitamins C, seines sogenannten Provitamins, gelungen sei. Es sei erwiesen, daß dieses identisä) mit Narkotin sei, einer den Wissenschasten wohlbekannten Substanz. Systematische Versuche haben bewiesen, daß verhältnismäßig große Quantitäten von Rar- kotin in jungen Pflanzen und unreifen Früchten vorkommen. Das Narkotin verschwindet während des Reifungsprozesses und ver- wandelt sich in Vitamin L. Ihm und seinen Mitarbeitern sei es gelungen, die gleiche Ver- Wandlung des Narkotins im Laboratorium herzustellen, wie sie er- folgt, wenn das Narkotin sich in der Natur in das Vitamin C verwandelt. Aus dem Narkotin sei es möglich, aktive C-Vitamine her- zustellen, sowohl auf rein chemischem Wege, als auch durch Zu- setzung gewisser Enzyme. Auch durä) ultraviolette Strahlen scheine das Narkotin aktiviert zu werden, aber in sehr geringem Grade. Museumiiiihrunge«: Sonntag, 0. Dezcmbcr. 3 Uhr: Dr. von Majsow über den Wiederaufbau des Pcrgamon-Allars im Per- aamon-Muscum; 10 Uhr: Dr. Rosenborg über die altdeutsche Land- schaftSkunst im Kupfcrstich-Kabinctt; 10 Übt: Professor Schottmüller übet Porträt undAltarbilddor italienischen Renaissance; 10 Uhr: Professor Krickeberg über Kunst der V! a y a s. Anton Kuh hält Sonnabend, 20.30 Uhr, im Kursürstendamm-Theatcr einen Portrag unter dem Titel„Warum haben wir kein Gel d?" Tie« ist eine Wiederholung seines in Wien und Prag gehaltenen so- genannten„Amstclbank-Vortragcs". Matinee im Planetarium. Sonntag, 0. Dezember, 11 Uhr. findet im Planetarium ein Film, und Lichtbildervortrag statt unter dem Titel: „Winter in den Salzburger Alpen". Die„Schanspiclerhilse" veranstaltet zum Besten erwerbsloser Schau- lvicler Montag, 8 Ubr, im Schubert-Saal, Bülowstr. 104, einen St.- Elisabeth-Adcnd. Wcihnachtsvorstcllungen der Staotsripcr. Am 1. Wcihnachtsfciertage wird„A i d a" mit Beta Schwarz in der Titelrolle, am 2. Weihnachw- feiertage werden„D i e M e i st e r f i n g e r von Nürnberg" gegeben. Sonntag, 27. Dezember,„(£ o{ i{ a n t« 1 1 IVandeningen durch die Hiark Brandenburg Als Theodor Fontane seine„Wanderungen durch die Mark Brandendurg" schrieb, war das Zeitalter des Individualismus, der Persönlichkeitswertung. Infolgedessen sieht man in diesem Werk überall historische Persönlichkeiten lebendig werden und im Mittel- punkt der Darstellung. Das Land selbst jedoch bleibt gewissermaßen nur Hintergrund der 5)andlung und wurde von den wenigsten Lesern aufgesucht. Heute dagegen haben wir uns die Geheimnisse der Landschaft wirklich erwandert, in unserer Zeit strömen sonn- taglich Zehntausendc hinaus, um Erholung zu finden. Ihr Blick ist wenig in die geschichtliche Vergangenheit gerichtet, er ist viel- mehr für die Schönheit der Landschast und für Leben und Arbeit der Bewohner geöffnet. Diese naturnahe Einstellung führt sehr schnell zu der Frage nach der Entstehung der Landschaft und ihrer Formen, ist es doch allemal eine Bereicherung für den Beobachter und eine Steigerung der Freude, wenn er mit geschärftem Blick einer Sache gegenüber- tritt. Darum war der geographische Verlag Dietrich Reimer gut beraten, als er einen längst fehlenden Wanderführcr herausbrachte, das Buch von Dr. Johannes Matz„Geographische Wanderung durch die Mark Brandenburg"(mit zahlreichen Textskizzen und Karten, geologischer Zeittafel, Erklärung der Fachausdrücke, Literaturnachweis und Register, Dietrich Reimer u. Ernst Vohsen, Berlin, gebunden 3 Mark). Die„Geographischen Wanderungen" unterscheiden sich von den üblichen Reisebüchern dadurch, daß sie in wissenschaftlicher Zuverlässigkeit durch die Mark sichren und das Landschaitsbild in Aufbau und Entwicklung erkennen lassen. Sie entsprechen daher den gut bewährten geologischen Führern, sind aber viel umfassender, weil sie in der vielseitigen geographischen Betrachtungsweise den gcolo- gischen Aufbau wie die Obcrslächenformcn des Landes, die Wachstumsmöglichkeitcn wie ihre wirtschaftliche Ausnutzung, die daran anknüpfende Besiedlung und die ihr folgende Verkehrsver- slechtung darstellen, und zwar im gegenwärtigen Zustand und nach den Entwicklungsgesetzen. Der Stoff ist methodisch so angeordnet, daß nach einer allgemeinen Uebersicht mehrere ein- und zwei- tägige Wanderungen von Berlin aus in die einzelnen Landschaftstypcn der Mark führen, etwa ins Spree- Urstromtal, in die Endmoränenlandfchast Chorinchen— Oderberg, in die Havelniedcrungen oder in den Fläming. Bei jeder Wanderung steht die Besonderheit der jeweiligen Landschast im Mittelpunkt d?r Betrachtung, jedoch ist überall der Zusammenhang mit dem Ganzen gewahrt, so daß ein geschlossenes Bild der Mark entsteht. Zahlreiche Textskizzen unterstützen das Werk. Besonders hervorgehoben zu werden verdienen die Skizzen, die die Entwicklung der Siedlungen darstellen und die die wirtschaftlichen Bedingungen der Mark Brandenburg veranschaulichen. Aber ein Wandcrfiihrer will nicht in der Stube, sondern im Gelände geprüft sein. Darum habe ich mit Hörern der Arbeiter- bildungsschule und der Volkshochschule Wanderungen an Hand des Buches gemacht. Der Erfolg war überraschend gut. Die jungen Leute sind schnell und sicher in die Fragestellungen eingeführt worden, ihr Blick wurde geschärft, ihr Interesse an der Landschaft" gehoben. Daher bin ich sicher, daß die„Geographischen Wanderungen" ein vielbegehrtes Buch für Schulen, Volkshoch- schulen, Wandergruppen und Einzelwanderer sein werden. Leider hat der Verlag zwei Mängel durchgehen lassen: das Format ist für Draußenbenutzung unpassend, und die Textskizzcn sind bei dem rauhen Papier vielfach undeutlich. Bei einer zweiten Auslage, die dem Buch sehr zu wünschen ist, müssen diese Mängel ausgemerzt werden, desgleichen muß der Verfasser unnötige Fach- ausdrücke vermeiden. Dr. Wilhelm Tictgens. Theater der Woche. Vom 6. bis 14. Dezember. Volksbühne: Throter am Bulomplatz: 6..Litiom. 7. bis 10. Der griinc Kakadu, �er Kammersänger. 11. aeschlassen. Ab 12. Die Srotzhcrzogrn von Gerolstein. 6. II'. Uhr. Tanzmalinec. 13. Iii; Uhr. Die Unüberwindlichen. Slaats-Thealer: Oper Unter den Linden: ti. Oberem. 7. Entführung aus dem Serail. 8. Das Herz. 9. Die schalkhafte Witwe. 19. Die Meistersinger von Nürnberg. 11. Der fliegende Holländer. 12. Eine Nacht in Venedig. 13. Die Zauberflöte. 14. Schwanda, der Dudelsackpfeifer. Staatliches Schauspielhaus: 8.. 9., 11., 13. Wallensteius Lager. Die Picco, lomini. 7., 8., 19.. 14. Liebelei. 12. Wallensteius Tod. Städtische Oper Lharlottenburg: 9., 8., 19. Die verkaufte Braut. 7. Cop- pelia. Iosefslegcnde. 9. Boheme. 11. Zar und Zimmermann. 12. Macbeth. 13. Götterdämmerung. 14. Soldaten. Staatliches Scknllcr-Theater: 9. Die Journalisten. 7. Der Richter von Zalamea. 8., 19., 12., 13., 14. Datterich. 9. Dr. Klaus. 11. Die Mitschuldigen. Ballett. Thealer mit festem Spielplan: Kurfürstendamm-Theotcr: Geschlossen.— Deutsches Theater: Bis 19. Ge- schichten aus dem Wiener Wald. Ab 11. Antonius und Cleopatra.— Kammer« spiele: Geschlossen.— Die Komödie: Jemand.— Deutsches Künstlertbeater: j Nina.— Theater in der Stresemannstraste: Kopf in der Schlinge.— M�ropol« Theater: Die Blume von Hawaii— Theater des Westens: Der Vogelhändler. — Lustspielhaus: Der Herr seines Herzens.— Tbeater im Admiralspalast: Die Dubarry.— Komische Oper: Zur goldenen Liebe.— Groftes Schauspielhaus: Hoffmanns Erzählungen.— Lcfsing-Theater: Immer erst den Anwalt fragen.— Theater am Rollendorsplah: Gasparone.— Zentral- Theater' Schwarzwaldmädel.— Theater in der Behrenstroße: Der Mann mit den grauen Schläfen.— Neues Theater am Zoo: Ich Hab dich einmal geküßt.— Die Tribüne: Die Waterloo-Brücke.— Kleines Theater(Internationales Theater): Affentanz.— Wallner-Tbeatcr: 7. Sturm im Wasserglas. Ab 8. Versicherung aegen Ehebruch.— Rofc-Theatcr: Die keusche Eilsanne.— Casino�Tbeator: Wenn Kinder beiraten.— Plaza: Der Graf von Luremburg.— Skala, Winter« garten: Internationales Variet«'-.— Reichshallcv'Theatcr: Stettiner Sänger. Nachmittagsvorstellungen: Volksbühne. Theater am Bülowplatz: 9. Der grüne Kakadu. Der Schlachlen- ltnker.— Deutsches Künstlcrtheater: 0., 9., 12., 13. Bob und Bobby.— Metropol�Theater: 9., 13. 11'.- und 17 Uhr. Die Blume von Hawai. 12. Der silberne Tannenzapfen.— TKeater des Westens: 6., 13. 14U und 17� Uhr. Der Vogelhändler.— Komische Oper: 6., 9., 12., 13. Das neugierige'Stern- lein.— Lesfinq.Theater: 9. Die andere Seite.— Theater am Nolleudoriplatz: 9., 13. 19' i Uhr. Gasparone. 9., 13. 11 Uhr. 9.. 12. 16 Uhr. Knecht Ruppreckts Fahrt ins Märchenland.— Zentral-Theater: 9., 13. 17'. Uhr. Schwarzwold. ninbcl. 9.. 13. 15 Uhr. 9. 19 Uhr. Rotkäppchens Weihnachtstraum.— Neues Theater am Zoo: 9. Häusel und Gretes. 12. Dornröschen. 13. Frau Holle.— Wollner Theater: 9., 12. 19 Uhr. 9., 13. 14' i Uhr. Hansel und Gretel. 13. 17 Uhr. Versicherung gegen Ehebruch.— Rose-Theater: 9.. 12., 13. 18 Uhr. Die keusche Susanne. 19. I6V3 Uhr. Max und Moritz und der Weihnachtsmann. 13. 15 Uhr. Schneewittchen und die sieben Zwerge.— Plaza: Der Graf von Luxemburg.— Skala: Internationales Barrett.— Wintergarten: 9., 12.. 13. Internationales Variete.— Rcichshalicn Theater: 9., 13. Stettiner Sänger. Erstaufführungen der Woche: Dienstag. Schiller-Theater: Datterich.— W a l I n e r- T h e a t er: Versicherung gegen Ehebruch.— Freitag. Deutsches Theater: Antonius und Cleopatra.— Sonnabend. Volksbühne: Die Großherzogin von Gerolstein. Rundfunk am Abend« Sonnabend, 5. Dezember. Berlin. 1(5.05 Jochen Klepper liest eigene Erzählungen. 10.40 Blasorchester-Konzert. 17.50 Zehn Minuten Film. 18.00 Die Erzählung der Woche.(Sprecher; Viktor von Kohlcncgg.) 13.30 Ticrbücher.(Mikrophon: Prof. Dr. Joh. Moser.) 18.40 Fritz Kirchhofer: Kurz vor Redaktionsschluß. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 Hans Goslar spricht einleitende Worte zu der Ucbertragung..Figaros Hochzeit" am Sonntag, dem 6. Dezember, um 19.30 Uhr. 19.30 Wien:„Aus Mozarts letzten Tagen." 20.30 Foelckersam;„Novelle". 21.00 Tages- und Sportnachrichten. 21.15„Trautes Heim, Glück allein". Bunter Abend. 22.15 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Königswusterhausen. 16.00 A. Pretzel: Die deutsche Schule. 19.30 Hamburg; Konzeit. 17.30 Prof. Dr. Dresel: Unsere Lebensnerven. 13.00 Günther: Deutsch für Deutsche. 18.30 Prof. Dr. Konstantin Reichert: Germanisches Kulturerbe. 18.55 Wetter für die Landwirtschaft. Anschließend Englisch für Anfänger. 1�.15 Frhr. von Brandenstein: Kauft deutsche Ware. 1O.30 Wien: Aus Mozarts letzten Tagen. 20.20 Köln: Lustiger Abend. Sonnlasr,<>. Dezember. Berlin. 6.30 Funkgymnastik. 8.90 Für den Landwirt. 8.55 Morgenfeier. 10.0.5 Wetter. 12.00 Lyrik: A R. Meyer und Arthur Silbergleit. 12.30 Gr. Schauspielhaus: Matinee. 13.45 Hörbericht von der Nikolausfeier der Siedlung St. Joseph in Berlin-Britz. 14.15 Ella Waldenburg: Eigene Tiergeschichten. 14.45 Wcihnachtsliedcr.(Berliner Funk-Chor. Ltg.; J. Bürger.) 15,15 Justizrat Dr Rhode: Besuch auf St. Helena. 15.35 Volkstümliches Orchesterkonzert. 18.90 Bunte Stunde um Weihnachten. Zusanimeustcliung: Renee Christian. 18.50 Sportnachiichten. 19.00 Clara Viehig. Der Stern überm dunklen Hof. 19.25 Rcichssendung. Reichsminister Dr. GrÖner: Von der Verantwortung des Staatsbürgers. 19.40 Langenberg: Reichsscndung:„Figaros Hochzeit". 22.55 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Anschließend bis 0.30: Tanzmusik. Königswusterhausen. 7.U0 Hamburg: Bremer Hafenkonzert. 10.05 Von Berlin: Wetter. 11.00 Rektor Hanns Gicscler: Bücher für Kinder. 11.30 Bach-Kautatc. 12.00 Hans Kyscr: Scharnhorst. 13,45 Drei Spukgeschichten von H. Fr. Blunck. 14.10 Goethe:..Irrlichter".(Gelesen von Grete Maria Markstein.) 15.15 Dr. Wolfgang Born: Maler als Bildhauer. 18.00 Dr. D. J. Wölicl: Auf den Spuren einer Eiszeilrasse. 18.25 Dvorak: Klavierquintett A-Dur op. 81.(Steiner-Quintett.) 19.40 Richard Billinger spricht Baucrngcdichtc und liest aus seinem Buche „Die Asche des Fegefeuers". 20.00 Aus der Philharmonie, Berlin: Wiener Abend. Philharmonisches Orch. Dirig.: Franz Veit. Deranttvortl. für die Redaktion: Rich. Bernstein, Berlin; Anzeigen: Th. Glocke. Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G. m. b. S.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer 5c Co.. Berlin SD 68. Lindenstrasie 3. Hierzu 1 Beilage. j Trotz alledem Böcher zu Weihnachten!| | Besucht unsere| Weihnachtsausstellungen Das gute und billige Jugend- u. Kinderbuch 1. Lindenstraße 2-3( Vorwärtshaus), täglich S1�— 19 Uhr 12 Siedlung Britz, Fritz-Reuter-Allee 46) Sonnab u.Sonntag 1 3. 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Auf dem Flugplatz in Olmütz loudete kürzlich bei stürmischem Weiter Herr Franz Äratochvil, Besitzer einer kleinen-Autoreparaturwerkstatt in Prag, in seinem selbstgebastelten Monstrum von Flugzeug— ohne Fliegerschein und ohne— Höhenfteuer... Durch die Gassen der guten Stobt Prag ging der Tod und suchte ein Opfer. Er hatte sich vorgenommen, einmal etwas ganz Besonderes zu unternehmen, nämlich einen kerngesunden Menschen in den besten Jahren aus ganz unerklärliche Weise zur Strecke zu bringen: so etwas, er wußte es aus Erfahrung, imponierte der Welt am meisten. So kam es, daß er auf Franz Kratochvil stieß. Franz Kratochvil stand mit schmierigen chänden auf dem chof seiner kleinen Werkstatt und schaut« sehnsüchtig einem Verkehrs- flugzeug nach, das in ziemlicher Höhe selbstsicher dahinzog, Der Tod machte sich sofort unsichtbar, kroch mitten in Franz Kratochvils Hirn und flüsterte dort:„Wie wäre es, Franz Kra- tochvil, wenn du selbst mal fliegen würdest?" Franz Kratochvil, der natürlich annehmen mußte, es seien seine eigenen Gedanken, die so zu ihm sprachen, antwortete:„Ich habe doch kein Geld, um mir ein Flugzeug zu kaufen." „Kannst dir doch eins bauen!" meinte der Tod. „Kostet auch Geld!" meinte hinwieder Franz. „Wozu hast du eine Autoreparatur-Werkstatt?" drängte aber der Tod.„Siel mal, da liegen zwei alte Rader, daraus könnt« das Flugzeug zum Beispiel starten. Und dort sind ja auch em paar alte Zeltbahnen, stopfe die Löcher zu, dann gibt das die Flügel. Jene Kiste da als Führersig, ein paar Spieren und Bretter werden sich ja wohl finden." „Fehlt noch immer der Motor!" wandte Franz Kratochvil ein. „Vielleicht kommt der auch noch dazu!" tröstete der Tod, fuhr für eine kurze Weile aus Franz Kratochvil heraus und m«inen vom Geschwindigkeitsfimmel besessenen Hcrrensahrer hinein(denn mit den Herrensahrern steht der Tod auf sehr gutem Fuße, er schätzt sie fast noch höher als Aerzte und Apotheker)—; fuhr also in den Herrenfahrer hinein und mit dem Herrenfahrer und mit dem Auto gegen«inen Baum, so daß Kühlerhaube und Motor hin waren: und zwar genau vor Franz Kratochvils Werkstatt. Gab weiter dem blessierten Herrenfahrer den Gedanken«in, seinen Wagen gleich bei Franz reparieren und auch durch Franz einen neuen Motor einbauen zu lassen, so daß Franz nun einen alten Motor besaß, wenn auch einen reichlich deformierten. Hierauf begab er sich wieder auf seinen alten Posten in Franz Kratochvils Hirn: er wußte ja, daß der Herrenfahrer auch ohne ihn in seinem Sinne weiter wirken würde. „Siehst du," flüsterte er nun,„da hätten wir ja auch den Mo- tor! War ja man ein kleiner Wagen, bloß zwanzig I'S bat das Ding, und dann, mußt du ihn auch repariere»— aber du bist ja ein fixer Kerl, paß auf, du wirst es schaffen!" Iknd der arme Franz bastelte tatsächlich las, wälzte Bücher über Flugwesen, wurde Stammgast auf dem Flugplatz und hatte, wie die Leute sagten, seine fixe Idee— in Wirklichkeit hatte er aber den Tod ini Leibe. Es dauerte gar nicht mal so lange, da hatte Franz Kratochvil tatsächlich aus den Rädern, der Kiste, dem Motor, der Leinwand und einigen Brettern und Latten ein Etwas zusammengebaut, das an den Drachen des Nibelungenliedes erinnerte(ich meine die Stelle, in der geschildert wird, wie jammervoll Siegsried den Drachen zu- gerichtet hat). Franz Kratochvil selbst bezeichnete das Etwas aller- Vings als Aeroplan und behauptete, es könne fliegen, und es werde fliegen— womit er freilich bei ollen, denen er es erzählt«, nur auf ein höhnisches Grinsen und unzweideutige Gesten nach der Stirn stieß. Indes kümmerte das Franz Kratochvil wenig: der Tod saß ihm schon zu fest im Hirn. Er bemüht« sich zunächst um einen Zulassungsschein: doch ver- säumt« er leider, der Behörde mitzuteilen, daß es sich um ein Flug- zeug handle. Infolgedessen bekam er nach einiger Zeit 6ie Nach- richt vom Justizministerium, man sei bereit, ihm den Apparat als neuartige Vorrichtung zur modernen und unbedingt sicheren Voll- streckung der Todesstrafe abzukaufen. Franz Kratochvil schüttelte den Kopf, stimmte bei der nächsten Wahl gegen die Regierung und beschloß, ohne Zulasiungsichein zu fliegen. Er war ein romantischer Mensch, und er hatte drüben in Olmütz eine Jugendgeliebt« sitz«n: infolgedessen beschloß er, ihr einen Besuch abzustatten und zunächst mal nach Olmütz zu fliegen:«inen Nonstopflug nach Amerika wollte er erst als zweite Fahrt unternehmen, was immerhin sllr«ine ge- wisse Vorsicht zeugt. Er meldete sich also für einen Sonntag bei der Jugendgeliebten an und bot sie, ihn auf dem Olmützer Flugplatz zu erwarten. Als der angesagte Sonntag da war, stellte es sich heraus, daß das Wetter außergewöhnlich stürmisch war. Ein Geschwadersluq der Heeresstafsel wurde der damit verbundenen Gefahr wegen abgesagt. und dt« regelmäßigen Vostslugzeugc der Lufthansa verkehrten an diesem Tage nicht. Das Wetter hatte natürlich der Tod so be- stellt, denn er glaubte Franz Kratochvils sicher zu sein und zu wissen: der Kerl flog doch! Und Franz Kratochvil flog! Er transporti«rte sein Vehikel auf ein« Wiese nahe bei seinem Hause und wun-erte sich nicht im geringsten, daß die Räder und der alt gekaufte Propeller sich tat- sächlich drehten. Uel erhaupt war alles genau so, wie Franz es sich vorgestellt hatte. Zwar schwankte und bebte das Flugzeug, als ob es betrunken wäre: dafür hatte aber Franz vor lauter Aufregung vorher nichts gegelien, so daß er nicht luftkrank wurde. Bedeutend übler hingegen ging es dem Tod. Der hatte in der Vorfreude auf seinen Sieg sich schon tüchtig gestärkt, und als nun das wahnwitzige Gerüttel und Geschüttel losging, wurde ihm ganz schlecht: er begab sich schleunigst aus Franz Kratochvils Hirn heraus und legte sich p'att und zitternd auf den einen Flügel, um wenig- stens frische Luft zu schnappen. Das hätte er aber nicht tun sollen. Denn nun, als der Tod aus seinen Gedanken heraus war, dachte Franz Kratochvil ganz kühl und sachlich. Und als tüchtiger Kerl,. ver er nun mal war, hatte er bald das richtige Luftbenehmen weg. Er fing Böen ab wie ein Alter, er behandelte den Motor genau richtig, er hatte auch das G'ück, mit dem Winde zu fliegen: so flog er, wie sich später her- ausstellte, mit 120 Kilometer Stundengeschwindigkeit. Indessen schien es ihm, daß er etwas niedrig fliege': er hatte sich die Höhe größer vorgestellt.'" So stellte er denn, als er sich«inivermaßen {icher fühlte, dos Höhensteuer«ntjprechend ein: es fiel ihm zwar auf, daß das sehr schwer ging, aber er meint«, dos käme vom Luft- widerstand. In Wirklichkeit jedoch hatte sich der Tod, der sich auf dem glatten Flügel nicht mehr sicher fühUe, inzwischen an das Höhensteuer ge- klammert: und somit bekam er denn jetzt, als Franz Kratochvil bis aus 900 Meter stieg, die ersehnte frisch« Luft aus erster Hand. Allzu sehr aus erster Hand: er drohte fortgesetzt hinuntergeweht zu werden und mußte sich mit allen Kräften an das schwach« Gebäu des ge- vastelten Steuers hallen. Es war ihm jämmrelich zumute, und er beschloß reuig, Franz Kratochvil in Ruhe zu lassen, bis er freiwillig würde sterben wollen— wenn er nur selbst, der Tod, lebendig wie- der hinunter käme! So ging das ein« ganze Weile weiter mit Rütteln und Schütteln und Pendeln und Schwanken, und Franz Kratochvil dacht«, das gehöre nun mal zum Fliegen, und hatte seine Freude daran. Plötz- lich freilich merkte er, daß sein Aparat nicht mehr stieg, sondern unsicher aus und nieder glitt— da aber sah er schräg vor sich, 900 Meter tiefer, Olmütz mit seinem Flugplatz liegen: er stellte den Motor ab und ging in Gleitflug über. Es ging merkwürdig langsam mit dem Hinuntcrkommen. Am Höhensteuer mußte irgend was nicht in Ordnung sein. Indes: schließ- lich war er doch unten, landete in einer Schleife, die ihm selbst sehr elegant vorkam, und blieb gerade vor der wartenden Jugendgelieb- ten stehen: denn, wie gesagt, er war«in Romantiker. Nun stürzten allerlei Leute herbei, die zum Personal des Flug- Platzes gehörten, und von denen man also annehmen jollte, sie verstünden was vom Fliegen; dem war aber nicht so, beim sie wollten Franz Kratochvll llipp und klar beweisen, daß man mit seinem Vehikel nicht fliegen könne, obwohl sie ihn doch eben hatten fliegen sehen. Als allerdings Franz sich sein Flugzeug noch mal ansah, mußte er selbst zugeben, daß sie recht hgtten: denn, um Gotteswillen, wie sah das Ding aus! Di« Flügel total verbogen, die Streben gegeneinander verschoben, und das Höhensteuer— dos Höhensteuer war weg! Einfach weg! Es mußte unterwegs abge- fallen sein, glattweg abgefallen. Franz Kratochvll schüttelte den Kopf: daß man auch ohne Höhensteuer fliegen könne, hatte selbst er nicht angenommen. Wir freilich können uns denken, wie das gekommen war: der Tod war eben doch zu schwer gewesen und war schließlich mit dem ganzen Steuer, an das er sich ängsllich geklammert hatte, abgefallen. Nun wird er ja wohl irgendwie davongekommen sein; der Tod selbst ist ja leider untötbar, selbst ein Franz Kratochvil kann ihn nicht zur Streck« bringen, obwohl er der Nächste dazu wäre. Aber soviel ist sicher: wenn einer von uns mal nach Prag kommen sollte und er würde sehen, wie jemand um das Haus Franz Kratochvils (der allerdings sein Vehikel mit der Bahn zurückbesördern lassen mußte)«inen großen, einen ganz großen Bogen macht, dieser Jemand, das ist dann bestimmt— der Tod! Hie Hosf dez? Tofeii fttcnschenschicJzsale und. Flaschenposten /Hans'Bauer Mit einer gewissen Regelmäßigkeit tauchen immer dann, wenn Ozeanflieger oder Nordpolsahrer verschollen sind oder wenn sensatio- nelle Schiffsunglücke sich ereignet haben, Meldungen über auf- gefundene Flaschenposten auf, die angeblich letzte Mit- teilungen und letzte Grüße der Verunglückten enthalten. Zumeist handelt es sich dabei um Mystifikationen oder Irrtümer: Schon ein oberflächliches Ucberprüfen der Möglichkellen läßt uns die Ungewißheit des Schicksals ahnen, dem ein so kleiner Gegenstand wie eine Flasche verschrieben ist, der auf der unendlichen Welle der Weltmeere dahintreibt. Aber wir find bei der Abschätzung des Wahrscheinlichkellskoefsizienten, der für die Auffindung einer Flaschenpost maßgebend ist, nicht auf Vermutungen angewiesen. Es sind genug Experimente veranstallet worden, und wir besitzen reichhaltiges Zahlenmaterial, dos freilich nicht ganz ein- deutig ist. Der umfangreichste Versuch ist von der schottischen Fischereibehördc unternommen worden. Van 3SZ0 Flaschen, die an verschiedenen Stellen der englischen Nordsecküste dem Wasser übergeben wurden, wurden S72 Flaschen wieder aufgefunden. Ein ähnliches Verhältnis von ausgesetzten zu eingebrachten Flaschen weist der Versuch des Für st en von Monaco aus, der in den Jahren 1885 bis 1888 im Nordatlantik 1675 Flaschen auswarf, von denen sich im Lause der folgenden Jahre 227 wieder einstellten. Weit ungünstiger operierte der amerikanische Admiral M e l o i l l e, der an verschiedene Zollkreuzer 50 Treibspindeln ver- teilen und nördlich der Beringstraße auf Eisschollen setzen ließ. Nur zwei Stück verschollen nicht für immer. Die eine, nordwestlick) van der Wrangell-Jnsel ihrem Schicksal übergebene, landete in der Äolintschinbai, und die zweite, die am 13. Seplember 1899 bei Kap Barrow aus eine Scholle gelegt worden war. wurde am 7. Juni 1905 bei Kap Round Nupr gefunden. Sie hatte einen Weg von etwa 4600 Kilometern zurückgelegt und den innersten Nordpolraum durchwandert. Noch weniger erfolg- reich war ein Versuch, den der einstige Leiter der Hamburger See- warte, Dr. N e u m a y e r— übrigens der Vater des Wortes „Flaschenpost"— veranstaltete. Von 60 zwischen Australien und dem Aequator dem Meer übergebenen Flaschen wurde nur eine einzige wiedergesunden. Alle diese Versuche sind freilich nuk in zweiter Linie um der Ermittelung der Auffindungshäufigkeit willen unternommen worden. In erster Linie sollten die Triften: die Strömungen er- forscht werden, und die Schlußfolgerungen, die aus dem von Treibkörpern zurückgelegten Weg gezogen wurden, gehen bis auf den griechischen Philosophen Teophrast zurück, dem es auffiel, daß der Meeresstrom abgerissenen Tang durch die Straße von Gibraltar mit beharrlicher Regelmäßigkeit vom Atlantik her in dos Mittelländische Meer trieb. Immerhin reicht die Erkenntnis von der Unumstößlichkeit des Flaschenpostweges noch nicht allzuweit zurück. Noch der Nordpolsahrer John Roß schleuderte gegen eine von Pierre Daussy der Pariser Akademie eingereichte AbHand- lur.g, die, an Hand von 97 Urkunden über Flaschenposten, eine Triftkarte zu entwerfen versuchte, das harte Wort vom„bottle fullacy", vom Flaschenpostschwindel. Die Flasche, sagte er, folge dem Winde und sage über die Strömung nicht das geringste aus. Aber Roß hatte Unrecht, und es steht heute fest, daß der Weg eines Trcibkörpers, wiewohl er durch starken Wind beeinflußt werden kann, doch ganz vorwiegend ein Produkt der Strömung ist. Fast ein halbes Jahrhundert unterlvegs! Einer der ersten historisch beglaubigten Berichte von der Be- deutung der Flaschenpost als Instrument der Nachrichten- -«bermittelung findet sich in den Tagebüchern des Kol» m- b u s. Auf seiner Rückfahrt von dem neuentdeckten Kontinent geriet er in einer Winternacht des. Jahres 1493 in einen starken Sturm, der ihn den Untergang des Schiffes befürchten ließ. Er verschloß in dieser Situation ein Pergament mit einer Auszeichnung seines Weges in einer Tonne und vertraute sie den aufgeregten Wogen an. Die Tonne ist verlorengegangen. Aber glücklicherweise erreichte Kolumbus den Hafen, so daß der Verlust nicht allzu schmerzlich war. Aus den folgenden Jahrhunderten liegen keinerlei Berichte über Flaschenposten vor. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wandten dann der schon erwähnte Franzose Daussy, der Engländer Becher und das„N a u t i c a l Magazin", eine englische Fach- zellschrift, dem Problem der Flaschenpost Interesse zu. Daussys früheste Urkunde über eine aufgesundene Flaschenpost stammt aus dem Jahre 1763, während Becher, der 119 Belege beibringt, als älteste Urkunde, deren er habhaft werden konnte, einer Flasche Er- wähnung tut. die 1808 bei Kapverde ausgesetzt wurde und bei Martinique antrieb. Neuerdings existieren natürlich zahlreiche beglaubigte Flaschen- postzettel. In Deutschland werden sie im Maritime n Museum der Hamburger Seewartc gesammelt und ihre Zahl beläust sich auf etwa 760. Es ist erklärlich, daß der Inhalt oft erschütternd ist. Letzte Schreie werden ausgestoßen, letzte heiße Grüße übermittelt: kurz vor dem Sterben. Eine der berühmtesten Flaschenposten ist fast ein halbes Jahrhundert unter- w c g s gewesen. Sic stammt von Mitgliedern der österreichisch- ungarischen Expedition, die in den Jahren 1872 bis 1874 auf dem Dampfer Tegetthoff das Gebiet des Nordpols erforschen wollte, ist bei Franz-Josefs-Land ins Meer gegeben und auf Nowaja Semlja angettieben worden. Vizeadmiral B r o s ch, einer der wenigen Ueberlebenden der Expedition, hat die Authentizität der Flaschenpost bestätigt. Wähvcnb des Weltkrieges.«. Zahlreich sind die Flaschenposten, die während des Welt- k r i e g s von untergehenden Schiffen ins Meer geworfen wurden. Sie sind in verschiedenen Sprachen abgefaßt, mal in französischer, mal in englischer, mal in deutscher: aber es ist dach immer die gleiche Sprache, in der sie geschrieben sind: die Sprache letzter Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.„Ich bin der letzte Matrose und bitte, meiner Frau, Elisabeth Smith, London, Birmingham Stteet 57, mitzuteilen, daß ich und die anderen vom Schiff alle ertrunken sind," schrieb in der Nacht vom 9. zum 10. November 1917 ein Sterbender des englischen Schiffes„M a r y", und vom 31. Mai 1916 datiert ist ein Zettelcyen eines deutschen Opfers der Seeschlacht bei Helgoland, auf dem ge- schrieben steht:„Der letzte Gruß gilt Dir, meine Braut. Marine- seemann Rudolf Petersen S. M. S. Pommern." Eine andere Flaschenpost, die während des Krieges im Skagerrak anttieb, gibt schaurige Nachricht von dem L u f t sch i f f I.. 19, das in der Nordsee havarierte. Nicht weniger als sechzehn dem Tod geweihte Menschen, der Kommandeur und 15 Mann Besatzung, haben ihre letzten Gefühle und Herzensregungen einer Bierflasche anbefohlen und davon Kenntnis gegeben, daß im Augenblick, da sie dies schrieben, wohl olle noch lebten, aber nichts mehr zu essen hätten. Frühmorgens sei der englische F i s ch d a m p s e r King Stephan an ihnen vorübergefahrcn, Hobe sie ober nicht retten wollen. Auch eine der entsetzlichsten Schiffskatastrophen aller Zeiten, der Untergang der„Titanic", hat mancherlei Flaschenpost- spuren hinterlassen und erst vor einigen Jahren, im Oktober 1928, ist an der Küste von Soanjea zu Nordamerika ein neues Doku- ment dieser Schisfstragödie angespült worden. Es heißt auf dem Zettel:„Die letzten Augenblicke der„Titanic" sind gekommen. Ich besinde mich mit meinem Schwager, seiner Frau und einem kleinen Kinde schon auf dem Verdeck, nachdem das letzte Rettungsboot uns verlassen hat Die Kapelle spielt immer noch. Verschiedene Passa- giere sind verrückt geworden. Eine Gruppe von Männern ist um den Pastor versammelt, der mit- erhobenen Händen und kniend betet." «cliecks in der Flaschenpost! Zuweilen erhalte» Flaschenpostzettel freilich auch erfreulichere Mitteilungen, als solche über einen schrecklichen Tod und gar nicht so selten stopfen, besonders in Amerika natürlich, reiche Leute nickst gerade Geldbeträge— so unvorsichtig sind sie denn doch nicht!— aber Scheckanwcisungen in Flasche npo st en Der glückliche Finder darf sich dann das Geld abheben. So wurde, um ein beglaubigtes Beispiel anzuführen, am 22. Mai 1927 anläßlich der Nachricht von Lindberghs Ozeanüberquerung, von einer auf dem Dampfer„Präsident Roofevelt" befindlichen Reisegesellschaft eine Flasche ausgesetzt und«in Hamburger Dentist legte ihr eine Anweisung auf einen ansehnlichen Dollorbetrag bei. Ungefähr ein Jahr später wurde die Flasche in der Nähe von Saffi in Marokko von der Inhaberin eines Modegeschäftes gesunden. Saisonschhi£ auf dem Nürbur�ring Ein ereignisreiches Jahr: Die großen Rennen, die«Sfandard-30-Taöc-Fahrf/ Vorschau auf 1932 Länger als in früheren Jahren hielt diesmal die Saison auf Deutschlands idealer Zlutorenn- und Prüfungsstrecke, dem N ll r- l> u r g r i n g. an. Ein Rückblick auf das nunmehr abgeschlossene Sportjahr läßt recht erfreuliche Feststellungen zu. Zunächst das eine: alle Rennen, angefangen vom Meistcrschaftslauf für inest- deutsche Amateure bis zum großen internationalen Kampf der Wagen, hatten eine Besetzung aufzuweisen, die alles bisher Da- gewesene in den Schatten stellte. Erfreulich auch, daß der Nach- muchssport auf dem Nürburgring in einem Umfang einsetzen konnte, wie man es bislang noch nicht durchzusetzen oermochte. Jene drei Läufe um die„W e st d e u t s ch e K r a s t r a d m e i st e r s ch a f t" waren ein verheißungsvoller Auftakt für den deutschen Motorsport. Es folgten dann die beiden„M eifterschaftsläufe für Motorräder mit Seitenwagen", es folgte das„E i f e l- rennen für Motorräder und Wagen", das erstmalig seit langer Zeit in diesem Jahre wieder jene rühmliche Besetzung fand, die wir aus den Anfängen des Nachtriegsmotorfports von Nideggen her keimen. Dann kam der„Große Preis für Motorräde r", zwar wiederum ein englischer Sieg, aber ein ebenso großer Erfolg der deutschen Fahrer, die gegenüber den Eng- ländern mit' ihrem reichen Stab von Managern und technischem Personal schon im voraus gehandicapt waren, durch gute Plätze jedoch einen unbeugsamen Kampfeswillen bewiesen haben und so zu der Hoffnung berechtigten, daß auch hier noch einmal ein deutscher Sieg erstritten wird. Dami aber kam der„Große Preis für Wagen", der eins so hervorragende internationale Klasse an de» Start brachte, wie sie selbst das Ausland bisher noch nicht erlebte! Und fragt man heute einmal, wie denn nun der Nürburgring, diese schönste Rennstrecke Europas, mit seinem Erfolg zufrieden ist. so darf man ohne Uebertreibung sagen, daß der publizistische Erfolg dieses Jahres geradezu unübertrefflich ist. Auch in wirt- s ch a f t l i ch e r Hinsicht muß man, wenn alle Umstände, die Schwere der Zeit, die Krisis im motorischen Verkehr, berücksichtigt werden sollen, zufrieden sein. Ausgaben und Einnahmen konnten dank sporsamer Dispositionen in Einklang gebracht werden, und so hat der Nürburgring mit seinem i» die Hunderttausende gehenden Großverkchr wieder einmal seine Anziehungskraft bewiesen. Ein großer Erfolg für den Nürburgring und die Industrie war die 3l)-Tage-Fahrt. Erinnert man sich eininal jener Zeiten, da der Nürburgring gebaut wurde, so weiß man, daß den deutschen Fabriken hier die Möglichkeit gegeben werden sollte, ihre Produkte auf der schwierigsten Prüfungsstraße der Welt aus- z u p r o b i e r e n. Die deutsche Automobil- und Zubehörindustric hat von dieser Möglichkeit in den vergangenen Jahren auch aus- giebig Gebrauch gemacht. Was sich jedoch in den 30 Tagen im Oktober-November hier abspielte, stellt alles bisher Dagewesene weit in den Schatten. Zwanzig Wagen rollten dreißig Tage und dreißig Nächte über den Nürourgring, ein großer Stab von Fach- spezlalisten, Ingenieuren und Chemikern, von Klubfunktionären und von sachlich vorgebildeten Kontrolleuren sorgte für eine einwand- freie Durchführung dieser größten Wirtschaftlich keits- Prüfung der Welt. Schauen wir nun weiter ins Jahr l 9 3 2. so können wir fest- stellen, daß schon jetzt die Vorarbeiten für die nächstjährige Saison getroffen sind. Und wenn nicht alles trügt, wird auch das nächste Jahr wiederum eine stattliche Zahl großer Veranstaltungen auf dem Nürburgring bringen. Der„Große Preis für Motorräder", veranstaltet von der OMB.(19. Juni), und der„Große Preis für Wagen", veranstaltet vom AvD.(19. Juli) liegen bereits fest. Auch die Verhandlungen über das Eifelrennen, das im nächsten Jahre vom ADAC.-Gesamtklub am 5. Juni veranstaltet werden soll, stehen vor dem Abschluß. Dieses Rennen soll wieder sehr groß aufgezogen werden. Im Juni findet dann noch die vom ADAC.-Gesamtklub veranstaltete„Internationale l44-Stund«n>Fahrt für Kraftwagen" statt. Die in diesem Iahren aufgezogenen Rennen des DMV. zur Förderung des Nachwuchses werden auch 1932 ausgefahren werden. Die üblichen kleinen Veranstaltungen werden nicht fehlen, wahr- scheinlich auch nicht— und das wiederum ist als großer Erfolg zu werten— die zweite 30-Tage-Fahrt für Wagen, für die heute bereits beste Stimmung in den Kreisen der Industrie zu finden ist. Vom sportlichen Borsenstand Auch Sportwerte haben ihren Kursstand, und nicht nur Ma- schmen- und Rennsportwerte, sondern auch schon wirkliche Leibes- Übungen. Je mehr sich der Kampfsport zum Berufssport entwickelt, um so unruhiger werden die Kurse, d. h. um so mehr müssen sich die Kanonen beider Geschlechter anstrengen, um auf der Höh« ihres Wertes zu bleiben. Manche zeigen sich dabei von geradezu fabel- hafter Widerstandsfähigkeit. So steht Nurmi immer noch an der Spitze der Läufer auf ziemlich einsamer Höhe. Es scheint, als ob fein Kapital sich immer noch oermehrte und sein Fundus jeder Ab- nützungstheorie Hohn spräche. Er ist übrigens der einzige Läufer, der über eine vollendete Technik verfügt. Er ist der lotrechte Läufer der Welt. Ein Phänomen. Helens Mayer, genannt„He", hat zum erstenmal Kursoerlust gchabt: sie wurde bt England geschlagen. Das ist für die bürgerlichen deutschen Sportbelange sehr betrüblich, denn nun stcht der große Max als deutscher Weltmeister allein auf weiter Flur. Um ihn steht es auch nicht zum Besten. Ob er beim nächsten Gange sich wird behaupten können, erscheint mehr als zweifelhaft. Auf dem Tennismarkt steht Deutschland auch nicht besonders günstig. Zwar hat die Kölnerin Cilly A u h e m sich recht und schlecht behauptet, aber der neue„Tilde n" des Herrn N ü ß l e i n hat sich vorläufig als eine unreife Nuß erwiesen. Uebrigens Herr Tilden! In Köln sollte er den Rundfunkhörern vorgestellt werden: aber für 5 Minuten Amerikanisch verlangte der Mann 1000 Mark. Das geht noch über den Film. Den Kölnern schien das im Zeichen des Lohn- abbaues zu teuer, und sie verzichteten auf ihren Ohrenschmaus. Uebrigens ist Mister Tilden auf dem Tenmsfelde ein Nurmi, dem keiner etwas aichaben kann. Das gleiche läßt sich von Sonja sagen, der norwegischen Eis- königin. Im Vorjahre glaubten ihr Sportbörfenjobber schon den Abstieg voraussagen zu können: heute müssen sie zugestehen, daß sie noch höher gestiegen ist. Sie ist nun auch volljährig geworden und kann ohne väterlichen Schutz reisen. Darum will der norwegisch« Verband die Reisekosten für Papa und Mama Henie nach Lake Placid in Amerika, wo die Wintersportolympiade stattfindet, nicht mehr tragen. Das ist bitter für die elterlichen Managers, von denen man sagt, daß sie ein großes Kapital in der Tochter investiert haben. Die Prominenten vom Sport haben es wirklich nicht leicht. Immer Training. Training, Training, damit sie in Form bleiben und ihren Kürswert behalten. Es ist schlimmer als beim Film. Schwinden Jugend, Schönheit und Gestalt, dann ist es mit dem Geldoerdienen vorbei. Aber solange die Kanonen auf der Höhe sind, lohnt sich das Geschäft. Man sollt« meinen, daß sich in dieser Notzeit die Talente auf dem Sportmarkt mehren würden. Das scheint nicht so zu sein, denn sonst müßten es die bürgerlichen Verein« nicht nötig haben, auf den Kauf von Arbeitersportlern zu gehen. In letzter Zeit m«hren sich solche Fälle in beängstigendem Maße. Nicht immer führen sie zum Ziel, aber manch ehrlicher Arbeitersportler läßt sich doch ver- führen, wenn lange Arbeitslosigkeit seine moralische Widerstandsfähigkeit erschüttert hat. Wir werfen deshalb auf niemanden einen Stein: aber das System des Kaufes ist abscheulich! Im Sommer nächsten Jahres soll mm in Kalifornien die große Börse für den bürgerlichen Sport, die Olympiade, abgehalten werden. In allen Ländern macht die Finanzierung große Sorgen. Ja, wenn man wenigstens sicher wäre,, daß einige Leute das Rennen machen. dann würde sich der Kapitalaufwand wenigstens lohnen. Aber nuin kann ja nie wissen. In der Hauptsache dürfte diese Ochmpiade eine amerikanische Angelegenheit werden. Neugierig kann man sein, wie unsere deutschen„unpolitischen" Herrschasten den nötigen Zimmt herbeischaffen werden. Die Geschichte paßt doch gar zu schlecht in den Streifen des Rückmarsches ins Borkriegszeitalter. Mit der „Autarkie" wollen es wohl manche Leute auch auf dem Sportmorkte versuchen: sie scheint aber dort ebensowenig durchführbar wie auf dem Wirtschaftsmarkt. Auch der Sportkapitalismus ist international, trotz aller natio- nalen Phrasen._ Im Spidiern-Rmg Das übliche Fehlurteil und ein schlechtes Match Di« gestern nicht zum Spichern-Ring gingen, haben nichts oersäumt, nur ein einziger Kampf ragte etwas hervor, obwohl er eine ziemlich einseitige Angelegenheit war: N o v o t n y- H e i n> f ch. Der Tscheche stellte sich als ein sehr feiner Distanzboxer vor, schnell, beweglich, mit fleißiger Beinarbeit, nur das Herz war nicht sehr groß. Heinisch hatte diesem Gegner wenig entgegenzusetzen. Er wartete auf die Chance, einen Volltreffer zu landen, konnte den Tschechen aber nie richtig stellen: vereinzelt kam er doch durch, ohne aber den Gegner aufhalten zu können. In der fünften und siebenten Runde mag Heinisch leichte Vorteile gehabt haben, sonst war er nie im Bilde: Novotny hatte den Kampf klar gewonnen, und wie die Richter hier zu einem„Unentschieden" kommen konnten, ist rätsechaft. Der Münchener N e f z g e r, 60 Kilogramm, traf auf' einen angehenden Mittelgewichtler, den Prager Novak, 68 Kilogramm. Es war ein schlechtes Match, dos kam schon in den Körperverhält- nissen der beiden zum Ausdruck. Ncfzger tat angesichts dieser Ueber- macht sein Möglichstes: auf halber Distanz hatte er stets das bessere Ende, aber zum Schluß konnte er doch nicht mehr so mithallen. Das Unentschieden, das hier gegeben wurde, ist zu vertreten, wenn ein Mittelgewicht ein Leichtgewicht nicht klar schlagen kann, hat er nicht gewonnen. Novak erreichte auch nicht entfernt die Klasse von Novotny. Der Mitelgewichtler Fortmann gewann dank sestier besseren Linken gegen Gebstedt-, Dalchow-Urban trennten sich nach einem Kampf, in dem vom Boxen nicht viel zu sehen war, unentschieden._ F. C. Lyon-Rotweilj Berlin 6: 0 Wie nach den am ersten Tage gezeigten Leistungen kaum anders zu erwarten mar, hat der T e n n! s k l U b t o m p f zwischen F. C. Lyon und Rot-Weiß Berlin mit dem überlegenen Siege der Franzosen geendet, die alle Spiele gewinnen konnten. Am Freitag gab es in der Wilmersdorser Tennishalle gleich zu Beginn dos interessanteste Gefecht des Abends. C o ch e t traf auf den deutschen Spitzenspieler v. C r a m m, den er leichter schlug als das Resultat von 7:5, 9:7, 7:5 es zum Ausdruck bringt. Cachet überließ v. Cramm fast immer Lorteile, im entscheidenden Moment war er dann aber absolut Herr der Situation. Schneller als erwartet wurde Cochets Schüler Merlin mit Roderich Menzel fertig, den er in rund 25 Minuten mit 6:1, 6:3 distanzierte. Der in blendender Form befindliche Franzose erinnerte wiederholt an die Spielwcise seines großen Lehrmeisters. Den Beschluß machte wieder ein Doppelspiel zwischen Cochet- Merlin und v. C ra m m- M c n z c l. Die Franzosen gewannen dos Spiel erst nach Verlust des ersten Satzes mit 3:6, 8:6, 6:3, 6:2. Kanadier und Tschechen im Sportpalast Neben der kanadischen Eishockeymannschaft aus Ottawa, die am Freitag in Paris eingetroffen ist, werden am 1 2. u n d 1 3 De- z e m b e r im Berliner Sportpalast auch Tschechen gastieren. Es handelt sich um die Mannschaft des Lawn-Tennis-Kkub Prag, die zu den spielstärksten der Tschechoslowakei gehört. Spart am SonntaK werbckurnen der JIGB. in Karlshorsl. Der durch die Er- ösfnung einer Abteilung für Frauen über 25 Jahre vergrößerte Bezirk Karlshorst der Freien Turncrfchaft Groß-Berlin veranstaltet am Sonntag ein Schauturnen mit allen seinen Abteilungen in der Turnhalle Treskowallce 44. Da die bundestreuen Arbeitersportler in Karlshorst sich bei Partciveranstaltungen stets zur Verfügung stellen, erwarten auch sie zahlreichen Besuch. Beginn der Veran- staltung 14)4 Uhr, der Eintritt ist frei. Freie Turnerschasl Groß-Berlin und Volkssport Tvedding. Der Chari-vari-Abend am 5. Dezember tm Swinemünder Gesellschasts- Haus, Swinemündcr Str. 42, beginnt um 20 Uhr. Eingeladen sind olle Genossinnen und Genossen, die Freude am gemeinschaftlich gesungenen Lied haben. Das FTGB.-Musikkorps wirkt mit. Arbeikerwasierballvorschau. Neptun spielt am Sonntag, 20)4 Uhr, im Lunabad gegen Union. Die Mannschaft mit der bc- ständigeren Form ist Union, trotzdem muß man das Spiel als ofscn bezeichnen, da auch Neptun«in gutes Stellungsspiel pflegt. Arbeiterschach. Morgen. Sonntag, um 10 Uhr, wird in der �-Gruppe der Freien Slrbciter-Schach-Bereinigung Groß-Berlin die vierte Runde in den Mannfchaftswetttämpfen unter Teilnahme folgender Abteilungen gespielt: Lichtenberg gegen Westend, Gärtner- straße 33, bei Sauter: Humboldthain gegen Treptow, Brunnen- strahe 140, bei Müsch: Wcdding gegen Weißensee, Müllerstr. 26, bei Herms: Friedrichshain gegen Kreuzberg, Straßmannstr. 42, bei Albrecht: Charlottenburg gegen Prenzlauer Berg, Bismarck- straße 57, bei Walter. Waldlauf des VfL.-Ostriug im pläntcrwald. Genau wie früher, so ist auch in diesem Jahre vom„Verein für Leibesübungen Oü- ring" geplant, jeden Monat mit einer Waldlaufveranstaltung auf- zuwarten. Für die Sprinter ist der 1000-Meter>Lauf beibehalten, und als Neuerung kommt für die Sportler eine Waldstafetts zum Austrag. Zu einer Mannschaft gehören drei Läufer, von denen jeder die Strecke zu durchlausen hat. Der Wechsel ist stets an dem gleichen Ort, so daß es möglich ist, das Rennen zu übersehen. Start, Wechsel. Ziel und Umkleidung im„Alten Eierhäuschen". Der Laus führt vom' Lokal zur großen Spielwiese, die zu umlaufen ist, und zurück Der Start der nächsten Veranstaltung, am 13. Dezember (also nicht morgen!), erfolgt um 15 Uhr/ Und zwar starten zuerst die Sprinter, um 15.10 Uhr die Alterssportler und Sportlerinnen über je 1000 Meter, um 15.20 Uhr die Jugend über 2000 Meter, und zum Schluß die Sportler um 15.35 Uhr zur Waldstafelte 3X2000 Meter. Anschließend findet, im Lokal ein Beisammensein mit Tanz statt. Alle Anhänger des Arbeitersports werden er- sucht, die Veranstaltung durch regen Besuch zu unterstützen. Aus- kunft in allen Fragen erteilt W. Traxel, O. 112: Kronprinzen- straße 27/28(Tel. Andreas 5192). + Die Trabrennen zu Mariendorf beginnen morgen um IVA Uhr. Arbeiter-Schugenbund, Ortsgruppe Berlin. Sonntag, 6. Dezember, Klein- kaliberschießen auf dem KKS.-Sportplatz Friedrick)sfelde, Am Upstallweg. An- fang 10 Uhr. Kartelloezirk Treptow. Kartellsitzung für Monat Dezember fällt aus. Nächste Sitzung 4. Januar 1932. Arv�itcr-Tnrn. und Sportbuud, 1. Kreis. Montag, 7. Dezember. 20 Uhr, Fortsetzung des Lehrganges für Sprech- und Bewegungschor in Weißensee. Pistoriusstr. 128. Fahrt bis Antonplatz. Neuanmeldungen werden dort an, genommen. Bezirkskartell Friedrichshain. Montag, 7. Dezember, 19� Uhr. Kartell W'nt«är ■ Garten' »v.uhr CASlNO-THEATERw. uh. Lothringer Strafe 37. Wieder ein neuer Schlager! Wenn Kinder heiraten Daxu dai£■ ofjr Fcii-Progremm! Kdttli Bach. Die Rundfunknachtigall. Burliuv u. Berty. Gesang u. Tanz, Chang-Tee-See, Chinesen-Truppe Outschein 1-4 Personen: Parkett 50 Pf., pauteuil 1— Mark. Sessel I.5U Mark. wirksam sind die KLEINEN ANZEIGEN in der Gesamtauflage des„Vorwärts-* und trotzdem iü m Rose- Theater Snh Fnikfurttr Stnii 131 Iii. Wiiduil E 7 34» 6 und 9 Uhr Die keusche Susanne Theater im Aümiralsoaiasi Täglich SV, Uhr Die Dubarry mit Gitta Aipar Preise v. 0,50 M. an Schenken Jfe ehvas Opilsdies 7 um Weihnochisfesfe g.'l-vfcäS» ,s"X-i i_._._______ Dresdeners�. 131 am&IHvnrr Tor/ Lieferant samti. Krankenkassen Uhren undGoldwaren Großes Lager in Standuhren Passenäß WeiHnaäitssescäenke zu billisen Preisen Paul Heckert, S, Oraniensir. 45 &ür den fflerm Kauft man e u t und preiswert H&tCy Mützen, Oberhemden, Krawatten, sowie alle modernen Hcrrenariikel im Spezialgeschäft CPaul lllsnual Köpenick, Sch'.ofjsirsge 17, Sonntag, d. 6. Dezember nachmittags Uhr Die einzige Ersatzkasse für sämtliche Berufszweige ist üie----------------- Kranken- und Sierbekasse für«las Deaiscbe Reick •m fB.drtsd�srts-dwletr Cirs;«s{.onra KGC5-3«iotid-saacst*:« die Versicnerungspflichtigen und Nichtversicherungspflichtigen ausreichenden Krankenversicherungsschutz bietet Hauiotfverwaltfuntf: Berlin imS4. 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