B 292 48. Zahrgsnc, BERLIN Montag 14. Sezember 1931 ErscheinttSglich außerSonntags. Zuslei» Abcndausgadc de«»Borwärt«'. BejOgivrei« für beide Aufgaben 8z Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monol (baron 93 Pf. monoNich für Zpftrlloog inj Haus) im roraut ladibar. P o il b e j u z 4,32 M. einschließlich M Pf. Postjeitungs. und 72 Pf. Postbcstellgedührea. SfuUcu&tfaße xlei Anzeisenprekt: Die einspaltige Nonraretllejetle 80'Vf.. Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif,'vostschecktonto: Borwärts-Verlag G.m.b.H.. Berlin Rr. 27bW.- Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor' Redaktkon und Erpedition: Berlin SW 68, Lindenilr. 3 Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 Heimwehr-Putsch vor Gericht Der Llniversaldreh:„Abwehr roter Herrschast"! Graz, 14. Dezember. lEigenbericht.) Vor dem Grazer Schwurgericht begann heute der Prozeß gegen Dr. Pfrimer und andere Hcimwchrführer, die am 13. September den Putschversuch unternommen haben. Eine Anzahl Faschisten, die sehr aktiv an der Aufbietung der Heimtvehrbandcn beteiligt waren, aber behaupteten, von dem hochverräterische» Charakter des Unternehmens— nichts gewußt zu haben, so der Stabs- leitcr Rauter, der bayerische Baron Prankh und der Fürst Starhemberg, sind überhaupt nicht angeklagt. Die Angeklagten sind fast ausschließlich obersteirische Heimwehr- führer, und zwar: der Weinhändler Konstantin Kammerhofer, die pensionierten Offiziere Oberst Richard Flechner, Oberst Viktor Hofer, Hauptmann Harter, Oberstleutnant Johann Ried- lechner, der Forstrat Seitner und der Jndustrieangestellte Kirl Harrant. Die Anklageschrift gibt auf S8 Seiten interessante Einzel- heitcn der Putschvorbercitungcn. Dr. Pfrimer hatte bei seinem Unternehmen vor allem die von der AIpine-Montangesell- s ch a f t hochgezüchteten und finanzierten obersteirischen Heiniwehren hinter sich, während di« durch den Kärntner Hcimwehrführcr General Hulgerch repräsentierte gemäßigtere Richtung die Putschpläne ab- lehnte. Dr. Pfrimer hat die„Notroendujteit" des Putfches den Heimwehrführern immer wieder damit begründet, daß eine sozial- demokratische Koalitionsregierung zustande kommen oder ein sozialdemokratischer Bundespräsident gewählt werden könnte. General Hülgerch wollte wegen der Putschpläne Pfrimers nach am 1». September feine Stell« zurücklegen und hat davon nur auf die ausdrückliche Versicherung Pfrimers. daß er seine Aussassung »eile und ohne sein Einverständnis nichts unternehmen wolle. davon Abstand genommen. Dies« Versicherung hat Pfrimer noch am 11. September drei Kärntner Heimweh r- führ ern gegenüber wiederholt. Am selben Tag aber teilte er dein obersteirischen Hoimwehrführer Kammerhofer mit, daß es anläßlich einer sozialdemokratischen Versammlung in Obcrsteiermark am nächsten Tag zu Unruhen„und im Zusammenhang damit zur Alarmierung des Heimatschutzes zur Unterstützung der Staatsexekutive und zur Ucbcrnahme der Staatsmacht" kommen werde. Kammerhofer erklärte daraufhin, daß er gegen die Staatsautorität nichts unternehme, ließ sich ober dann, wie die An- klage ausführt,„durch die unter Handschlag undEhrenwort von Dr. Pfrimer und Karl Lamberg gegebenen Zusicherungen, daß der Aushebung Vereinbarungen mit führen. den Stellen im Bunde zugrunde liegen, wobei bestimmte Männer in der Regierung genannt wurde», dcrc» Romen kammerhofer nicht angeben will, und daß der Landeshauptmann von Steier- mark, die Gendarmerie und das Bundeshecr mittue. beschwichtigen und sag« die Befolgung der ihm erteilten Befehle zu." Wie sehr di« Putschisten damit gerechnet hatten, daß die Staats- gcwalt sich passiv verhalten werde, geht auch daraus hervor, daß Kammerhofer dem Kominondanten der Brucker Gcndarmcrieschuie einen Brief übergehen konnte, den«r von Pfrüner erhalten hatte und der von dem Mitglied der steinschcn Landesregierung, dem Gendarmerieoffizier Meyßner, ebenfalls ein Hnm- wehrführcr, geschrieben war. Der Brief hatte solgenden Wortlaut: „Lieber Ortner! Der Heiinatschutz ist zu einer größeren Uebung aufgeboten und ich bitte dich, dalls die Roten Störungen versuchen sollten, den H e i m a t s ch u tz zu schützen!" Totsächlich hat sich auch dieser Gendarmeriekomniaiidant während des Putschsonntags dann, wie auch viele andere steirische Behörden, passiv verhalten und hat nicht das geringste gegen die Gewalttäter und Hochverräter unternommen. Es ist bezeichnend sür die Milde der Regierung gegenüber den Faschisten, daß solche Gendarmeriekonnnadaiiten noch i m m c r aus ihren Posten bleiben dürsen, Weiter sagt die Ankiageschrist:„Dr. Walter Pfrimer hatte schon 14 Tage vor dem Staatsstreich in verschiedencii mit einigen Unterführern abgehaltenen Besprechungen den von« Grafen L a in b e r g stammenden Plan besprochen und gutgeheißen, daß nämlich einer für die nächste Zeit erwarteten sastaldeniokratischen Versammlung in Liezen vom Heimatschutz eine Störung dieser Versammlung zu unternehmen sei, was dann, da mit dem„Hochgehen" des sozial- (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Der Held und Händler Hitler übergab seinen offenen Brief an Brüning zunächst der Hearst-presse. „Well, Mister Hitler, Ihre Briefe werden in Wallstreet .Brief und Geld' gehandelt." Gewerkschafien bei Brüning. Tleue Aussprache über die Notverordnung. Die von den gewerkschaftlichen Spitzenverbänden er- betcne Aussprache mit dem Reichskanzler ist für heute nachmittag in Aussicht gcnoinmen. Bergarbeiterverbande protestieren I Gemeinsames Schreiben an den Reichskanzler. Essea, 14. Dezember. In einem gemeinsamen Schreiben an den Reichskanzler wenden sich die vier Bergarbeiterverbände gegen die Bestimmungen der Notverordnung, die die Bergarbeiterschast betreffen. In dem Schreiben heißt es unter anderem: Di« Ausnahmebchondlung. die die Borgorbetter in der neuen Notoerordnung dadurch erfahren, daß ihr« Löhn« verhältnismäßig stärker gesenkt werden als in den onde- ren Berufen, muß als Härte bezeichnet werden. Der wiederholte Lohnabbau im Bergbau hat die Tariflöhne in den wichtigsten Rc- vieren bereits soweit hcrabgedriickt, wie das die Notverordnung als allgemeines Ziel der amtlichen Lohnpolitik vorschreibt, Daß wegen des überaus scharf gedrosselten Beschäftigungsgrades das tatsächliche Bergarbeitereinkomme» noch viel tiefer liegt, kommt erschwerend hinzu. Dagegen hat die Schichtleistung der Bergarbeiter sich fortgesetzt stark erhöht, so daß seit Ansang 1930 im-Ruhrrevier eine Lohnsenkung um zwei Mark je Tonne eingetreten ist. Schon die r Tatsache würde die durchaus notwendige Kohlenpreissenkung ermöglichen, ohne nochmals den unter ungeheuren Opfern an Ge- sundhcit und Lebenskrast schassenden Bergarbeiter,, weitere Eni- bchrungeu aufzuerlegen. Gegen, eine solche Ausnahmebehandlung legen wie die schälsste Verwahrung ein und fordern die Ablehnung dieses für die Bergarbeiter wie für den Bergbau gleichermaßen verhängni-vollen Unrechts._ 4 Haussuchung auf Schloß Rotenberg. Sine Aktion der badischen Polizei. 1V i e s l o ch(Baden), 14. Dezember.(MTB.) Aus S 6) l o ß Rotenberg bei Wiesloch, das dem Gesandten z. D. von Reichenau gehört, wurde gestern nach- mittag eine Haussuchung durch die Schuhpolizei vor- genommen. Die polizeiliche Aktion erfolgte, als aus dem Schloß eine Besprechung slaltsand, an der Herren und Damen ver- schiedener Parleirichlungcn und auch Personen ohne ausgesprochen politische Tendenz teilnahmen. Der Gesandle und seine Frau wurden polizeilich verhört und ein Teil des vorgesundcuen schriftlichen Materials beschlagnahmt, lieber den Grund zu der Haussuchung war von den Polizeibeamlen keine Auskunst zu erhalten. Von Reichenau soll der nalionalsozialistischen Bewegung nahestehen. Weihnachtskrieg in Hamburg. Kommunisten provozieren blulige Schießerei. Hamburg, 14. Dezember.(Eigenbericht.) Am Sonntagabend kam es aus dem Hamburger„Dom", dem Hamburger Volksfest, das jedes Zahr vor Weihnachten auf dem heiligen Geistfeld stattfindet, zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Kommunisten und der Polizei. In der Rolwehr schössen die Beamten scharf. Ein Arbeiter wurde gc- töte», fünf Personen wurden schwer und zahlreiche leicht verletzt. Etwa gegen 5 Uhr abends versuchten kommunistische Trupps immer wieder auf die Menge einzuwirken. Tu einer der Quer- reihen, die von den mächtigeu drei vergnüguagsstrahen abzweigen. begann zunächst ein Kommunist, von dem Podium einer Schaubühne herab eine Ansprache zu hallen. Die Folge war, daß sich in wenigen Minuten weit über 200 Personen ansammelten, die Tnter- nationale sangen und Schmähruse gegen die Republik und die Polizei ausstießen. Auch von anderen Podien herab hielten Som- münisten immer wieder Reden. So wurde die Erregung der Menge systematisch gesteigert. Mehrere Schaubndenbesitzer benachrichtigte» deshalb die vomwache der Polizei. Bald erschienen süns Beamte. die bei dem versuch, die Menge aufzulösen, beschimpft und um- ringt wurden. Schließlich wurden sie mit Steinen und Eisen st ücken beworfen. Ein Teil der Demonstranten ging sogar mit Latten und Balken gegen die Beamten vor. Jetzt zogen die Beamten ihre Pistolen und gaben mehrere Schreckschüsse ab. Als die Menge auch dann noch nicht zurückwich und zwei Beamte bereits verletzt waren, wurde scharf geschossen. Panikartig wich die Menge zurück. Amtlich wird über den Vorfall berichtet:„Am Sonntagabend. gegen 17 Uhr. versuchten Kommunisten auf dem heiligen Geist- scld während des Dommarktes zu demonstrieren. Es traten an mehreren Stellen Redner aus. Als einige Ordnungspolizisten einen der Redner festgenommen hallen, wurden sie von Teilnehmern der Demonstration angegriffen, mit Latten geschlagen und mit Steinen beworfen, so daß die Beamten schließlich von der Schußwaffe Ge- brauch machen muhten. Tödlich verletzt wurde der etwa 22 Zahre alte, in Altona wohnhast gewesene Karl Wittrock, der einen Brustschuß erhalten hat. Vier weitere Männer und ein Schulknabc erlitten Bein- und Armschußwunden. Einer der Redner und vier weitere Demonstranten konnten festgenommen werden. Lohnverhandlung abgebrochen. Die heutigen Lohnverhandlungen in der Berliner Metallindustrie vor dem Schlichtungsausschuß wurden ergebnislos abgebrochen. Runmehr wird der Schlichler auf Grund der Rotver- ordnung die neue Lohnkürzung der Berliner Melallarbeiterlöhne von sich aus durchführen. Hitlers Flugträume. Er möchte ein Kampfgeschwader haben. In dem neuesten„Verordnungsblatt" der Leitung der Rational- sozialistischen Partei verfügl Hitler die Organisation eines Fliegerkorps. Bis zum 20. Dezenüier sollen„alle mit der Fluglvaffe ausgebildeten" Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei, die„in der Lage und gewillt" sind, sich für die Bildung der nationalsozialistischen Fliegerkorps zur Verfügung zu stellen, listen» mäßig ersaßt werden. Vor niehreren Wochen sollen bereit-, wie ein Montagsblatt b'c- richtet, bei den Akbatros-Werken in Berlin-Iohaniiistlml etwa 25 Flugzeuge von Anhänger» der Nationalsozialistischen Partei be- stellt worden sein. Die Abnähme der Flugzeuge ist angeblich in Anwesenheit beauftragter SA.-Leute erfolgt. Die�e Meldung witd' allerdings von den Albatros-Werken wie von ihren) Arbettcrrat ö e stritt e». Oer letztere teilt uns dazu mit, daß ihm von Austragen dieser Art nichts bekannt sc!. Jni Gegenteil werde von ihm oersucht, beim Verkehrsministerium A u f- träge zu bekommen, um die geplante Stillegung der Albatros- Werke zu verhindern. Das Märchen der Mordbuben Becker will nichi der Gchüße gewesen sein Das Märchenerzählen in dem Naziprozeß dauert an. Heute machte der Angeklagte Becker den Anfang damit. Er hatte die höhere Realschule besucht, wurde Kaufmann, war seit 1929 ohne feste Anstellung und schloß sich gegen den Willen seines Vaters der NSDAP, an, um auch seinerseits an der„Befreiung des deutschen Volkes� teilzunehmen. Er gehörte dem Sturm 2 an und war für die Silvesternacht der Wache in der„Angriff*- Filiale Elbinger Straße, beigeordnet. Er hatte seine Pistole mit, die er angeblich bereits 5— 6 Jahre besaß und aus der er noch nie geschossen hatte. Die Siloesternacht schien ihm die beste Gelegenheit, sie endlich mal auszuprobieren. Kurz vor 12 Uhr ging er mit den SA.-Kameraden auf die Straße, um am Neujahrstrubel teilzunehmen, auf dem Arnswalder Platz gab er drei Schüsse ab, dabei löste sich vom Revolverkolben ein Teil der Verschalung. In der Wohnung eines Parteigenossen stellte er fest, daß die dritte Kugel im Lauf geblieben war; er entfernte sie und entsicherte seine Waffe in der Absicht, unterwegs noch einen vierten Schuh abzufeuern. Es kam aber nicht dazu. Sie befanden sich erst kurze Zeit wieder Im„Angriff*-Laden, als plötzlich jemand in den Keller hineinrief:„Alle raus, das Lokal Krischke wird von Reichsbannerleuten gestürmt." Er eilte als letzter seinen Kameraden nach. In der Hufelandstraße vor dem Zigarrenladen Schneider standen etwa 5 bis 6 Leute, darunter auch Hauschke und Kollatz. Das Lokal von Krischke war finster. Das fiel ihm auf. Die Tür zum Zigarrenladea stand offen. Sollten etwa Kameraden hineingeschleppt sein und festgehalten werden. Da muh man schnell zur Hilfe eilen. Kommt Kinder, sehen wir mal nach, ob da nicht Kameraden drin sind, rief er den anderen SA.-Leuten zu, er glaubte, sie würden ihm folgen und ging ins Haus hinein. Der Laden war leer, im Wohnzimmer saßen zwei Frauen. Eine Frau trat ihm entgegen und fragte, was er hier eigentlich wolle.„Sie haben hier Nationalsozialisten hereingeschleppl, geben Sie sie heraus!" Sie machte Spektakel, schrie ihn an:„Wie kommen Sie eigentlich dazu, hier einzudringen, scheren Sie sich raus!" Er sah auf dem Bett ein Jackett liegen, nahm es in die Hand und sah ein Reichsbannerabzeichen dran. Auf der Schwelle der Ausgangstllr stieß er mit einem jungen Menschen zusammen, der eben zur Tür hereinkam, und von dem er behauptet, daß er„ein Stück Stahl in der Hand* hatte. Er zog die Pistole und schoß. Er beschreibt ausführlich, wie er gestanden hat und wo Schneider und Kollatz gestanden haben. In der allgemeinen Aufregung gelang es ihm, davonzulaufen. Im„Angrisf*-Laden tauschte er seinen Mantel und seine Mütze aus einen anderen Mantel und einen Hut aus und ging nach Hause. Schon am 2. Januar erwog Becker die Flucht. Er begab sich zur Hedemannstraße zur Gaukanzlei, erzählte hier dem Adju- tauten des Oberführers Jansen von der nächtlichen Schießerei, mochte ihm, wie er behauptet, nur die Andeutung, daß er sich durch die Flucht ans Berlin der Verhaftung entziehen wolle, worauf dieser gemeint habe, das sei seine Angelegenheit, er möge das mit sich selbst ausmachen. Zehrgeld habe er nicht bekommen. Zur Hedemannstraße sei er überhaupt nur gegangen, und dort billig Mittag zu essen. Aus der Gaukanzlei begab er sich nach Hause, steckte öS Mark, die zur Rückzahlung einer Schuld bestimmt waren, und die Pistole ein, fuhr in ein SA.-Verkehrslokal, erzählte auch hier, daß er zu flüchten beabsichtige.„Ganz zufällig" im Laufe der Unterhaltung sei dann Mecklenburg als Gegend bezeichnet worden, wo man am ehesten Arbeit und auch bei Kameraden Unterkunft finden könne. Auch wurde der Ort F e l d b e r g und der örtliche Sturmführer S ch e i b n e r genannt. Auf der Fahrt nach Oranienburg will er feine Pistole aus dem Fenster geworfen haben. Auch sei er außerordentlich erstaunt gewesen, als er auf dem Bahnhof Oranienburg„ganz unerwartet auf Hauschke und Kollatz" gestoßen" sei, die das gleiche Fahrtziel hatten wie er. In Neubrandenburg will sich der Angeklagte Becker von Hauschke getrennt haben. Er behauptet, nach Berlin zurückgefahren zu sein, ln der Münzstraße«inen polizeilichen Abmeldeschein getaust und von einem Bekannten noch 35 Mark geliehen zu haben. Er ist noch Feldberg zurückgefahren und von dort über Magdeburg und Halle nach München und weiter nach Innsbruck. Die Adresse des Herrn v. Maltitz hat er im Taschenbuch der NSDAP, als des Innsbrucker SA.-Führers herausgefunden. Vors.: Kannten Sie den Namen v. Maltktz überhaupt? Angekl.: Nein; v. Maltitz konnte ihm aber keine Arbeit besorgen, er fuhr weiter nach Wien und erhielt «ine Anstellung bei dem Wiener Parteiorgan„Der Kampfruf*. Am 11. Juni wurde er verhaftet. Er hatte nicht gewußt, sagte er, daß Oesterreich politische Verbrecher ausliefern kann. Staatsanwalt: Augenzeugen behaupten, daß Si- mit bereits gezogener Pistole in den Laden gingen. Angekl.: Das bestreite ich ganz entschieden. Staatsanwalt: Weshalb haben Sie überhaupt geschossen? An g e k l.: Ich war einfach von der allgemeinen Erregung hin- gerissen. Nelenkläger Rechtsanwalt Dr. Joachim: Hat sich der Angeklagte nicht vergewissert, ob seine Leute ihm in den Laden folgen? Angekl.: Rein. Nebenkläger: Wer hat Ihnen die Karte nach München besorgt? Angekl.: Ich habe sie mir selbst besorgt. Rechtsanwalt Dr. T r i b e l, der Verteidiger der Ange- klagten, macht das Gericht darauf aufmerksam, daß der Nebenkläger eigentlich kein Recht habe, an die Angeklagten Fragen zu einem Anklagekomplex zu richten, wegen besten er nicht zugelassen ist. Die Zulassung des Vaters des getöteten Willi Schneider beziehe sich lediglich auf Hausfriedensbruch.— Vors.: Wir wisten ja gar nicht, wie der Kammergerich'tsbeschluß lautet. Außerdem können ja die Fragen den Zweck haben, die Glaubwürdigkeit des Angeklagten zu prüfen. RA. Dr. T r i b e l: Ich glaubte ja nur im Interesse der Abkürzung des Verfahrens die Anregung machen zu müssen. Als nächster wird der Angeklagte Hauschke vernommen. Oer pfrimer-putsch. (Fortsetzung von der 1. Seite.) dcinokratiischen Schutzbundes zu rechnen sei, als Anlaß benutzt werden solle, um den Heimo ischutz aufzubieten und die Angelegenheit ins Rollen zu bringen." Auf dem Schloß Pichlarn m Obersteiern, ark erfolgte die ent- scheidende Besprechung zwischen Pfrimer und den Unterführern. Dabei teilte Pfrimcrs Adjutant Graf Lemberg mit,„daß Landes- Hauptmann von Steiermark Dr. Rintelen mittue und die stei- rifche Brigade des Bundesheeres auf den Semme- ring schicken werden und daß auch ein niederösterreichifches ArtillerieregimeM ganz auf Seite der Heimwshr stehe. Es sei alles vorbereitet, daß Schlag 11 Uhr der Landeshauptmann von Ober- öfterreich, Innenminister Winkler und Wehrminister Vaugoin in sicheren Gewahrsam gebracht werden und Dr. Pfrimer die Regierungsgewalt übernehmen wird." Dr. Pfrimer, der später zu dieser Besprechung kam, teilte mit, daß er bereits die Macht im Staate ergriffen habe.— Charakteristisch für die Art. wie sich der Faschismus selbst einen Anlaß zum �Einschreiten" schafft, ist die Mitteilung in der Anklageschrift, daß Unterführer auf Ber- langen Pfrimers ihm schriftlich meldeten, daß der Heimatfchutz von Sozialdemokraten überfallen worden sei, daß sie deshalb ihre Truppen aufgeboten hätten rnti) ihn um Unterstützung ersuchten, ob- wohl sie natürlich genau wußten, daß es zu t e i n e r l e i Zwischen- fällen gekommen war. Mit solchen bestellten Meldungen und Be- fehlen, die dann auch in Flugblättern verbreitet wurden, wurden die Unterführer und die Heimwehrmitglieder aufgeputscht. Die Anklage schildert dann die Verbrechen, die während des Putfches verübt wurden, wie die Verhaftung zahlreicher Personen, die Beschießung von Arbeiterheimen mit Maschinengewehren, die Ermordung zweier Ar- b e i t e r in Kapfenberg, die Besetzung von Postämtern und Bezirkshauptmannschaften. Charakteristifch für das Verhalten eines Teils der Gendarmerie ist folgende Epi- fude, die sich in Selztal zutrug: Dort begab sich der Heimwehr- kommandant zum Kommandanten des Gendarmeriepostens, teilte ihm mit, daß Dr. Pfrimer die Macht im Staate ergriffen habe und übergab ihm einige Manifeste, nach denen Pstimer die Ber- fassung außer Kraft setzt und das Standrecht verkündet, mit dem Auftrag, diese Manifeste an den öffentlichen Gebäuden anschlagen zu lassen. Der Gendarmeriekommandant führte diesen „Auftrag" des Hochverräters nicht nur aus, sondern nannte dem Heimwehrkommandanten auch die Namen der führenden Sozialdemokraten des Orts und gab den Heimwehrleuten, die diese Sozialdemokraten verhaften sollten, Gendarmen als Af f i st e n z mit! Während sich die angeklagten Unterführer in der Vcktunter- suchung damit verantworteten, sie hätten geglaubt, es habe sich um ein„mehr oder weniger legales Unternehmen gehandelt", er- klärte Pfrimer, er„habe den Heimatschutz in der Erwägung aus- geboten, daß nach den ihm zugekommenen Mitteilungen die Sozialdemo- traten zu einem Schlage rüsteten, und>n diesem Falle wäre im ganzen Bundesgebiet ein Bürgerkrieg ausgebrochen, den er durch die Aufbietung des Heimatschutzes verhüten wollte. Er habe durch den beabstchtigten Aufmarsch und durch den beab- stchtigten Marsch nach Wien einen Druck auf die Marxisten und auf die Regierung ausüben wollen, durch den die M a r x i st e n gezwungen werden sollten, sich des Einslustes auf die Regierungs- geschäfte zu begeben und die Regierung zum Rücktritt bewogen werden sollte, worauf er unter Ausschaltung des Parla- m e n t s eine neue Verfassung ausarbeiten lasten wollte". Des Hochverrats bekenne er sich aber nicht schuldig. Der Prozeß wird wohl auch etwas von der«olle enthüllen, die der Landeshauptmann Rintelen nnd gewisse führende Christ- lichsoziale in dieser Affäre gespielt haben. Der Staatsanwalt wird zwar nach Möglichkeit an diese für den rechten Flügel der Christlichsozialen sehr gefährlichen Fragen nicht rühren. Die Anklageschrift erklärt auch zu den Behauptungen über die Zusicherung der Beteiligung einzelner Teile der Exekutive, daß diese sich durch die Aussagen des Landeshauptmanns leicht widerlegen ließen. Für die Oeffentlichkeit, die das fragwürdige Verhalten dieses Landeshauptmanns während des Putschsonntags kennt, sind seine Behauptungen nicht sehr beweiskräftig. Auch hat Pfrimer in der Voruntersuchung angekündigt, daß er die Namen derer nennen werde, die an der Ausarbeitung seiner Hochverräte- rischen Proklamationen im Jahre 1929 beteiligt waren. Man ist gespannt, ob es gelingen wird, diesen Prozeh zu Ende zu führen. ohne daß dabei bürgerliche führende Politiker schwer kompromittiert werden. Im Interesse der Republik müßte über alle diese Dinge volle Klarheit geschaffen werden, damit die Säuberung der Regierungsstellen und der Exekutive von jenen Personen er- folgt, die durch die stille Duldung, wenn nicht Förderung des hoch- verräterischen Treibens die Mitschuld an dem Verbrechen des 13. September tragen. Gelbstmord eines ungarischen Putschisten. Budapest, 14. Dezember. General Franz Schill, der im Zusammenhang mit der Putsch- assäre vor einigen Tagen in Haft genommen wurde, hat heute früh nn Gefängnis Selbstmord durch Erhängen verübt. Er war bis vor kurzem Kommandant der gesamten Gendarmerie. Explosion bei Helmstedt. Gestohlener Sprengstoff. Braunschweig. 14. Dezember.(Eigenbericht.) Ein geheimnisvoller Spreng st offdieb stahl beschäftigte die Helmstedter Polizei. Am Sonntagabend wurde die Stadt durch eine gewaltige Detonation erschreckt. Nachforschungen ergaben, daß in einer Ziegelei unweit der Stadt bisher unerkannte Täter aus ebenfalls noch nicht aufgeklärten Gründen in die M u- nitionskammer eingedrungen waren und dort 22!4 Pakete Ammonit- und Salpetersprengstoff im Gesamt- gewicht von 112� Pfund nebst 90 Sprengkapseln gestohlen hatten. Beim Abttansport dieser gefährlichen Diebesbeute kam es dann zu einer Explosion, deren Ort und Auswirkung bis Montagmittag von der Polizei noch nicht entdeckt werden konnte. Es wird angenommen, daß die Sprengstofsdiebe iuns Leben gekommen sind. Zu der Sprengstofsexplosion wird noch berichtet, daß die Explosion im Walde in einer Entfernung von etwa einem Kilometer von dem Mumtionshäuschen, aus dem der Sprengstoff gestohlen worden war, erfolgt ist. Der durch die Explosion ent- standen« Trichter im Erdboden ist 70 bis 80 Zentimeter tief und hat einen Durchmesser von etwa 2 Metern. Wie die Feststellungen ergeben haben, kommt eine absichtliche, Sprengung nicht in Frage,(?) Wettere Einzelheiten, besonders über den Verbleib der Täter, liegen noch nicht vor. Erfolg in Mittelbeutschland. Gemeindewahlen in Hohenwölfen. Zeih. 14. Dezember.(Eigenberichts Am Sonntag fanden in der Stadt Hohenmölsen die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt, die durch die Ein- gemeindung eines Bergarbeiterdorfes notwendig geworden waren. Das Ergebnis ist: Sozialdemokratie 738 Stimmen(? Sitze), Kam- munisten 696 Stimmen(5), bürgerliche Einheitsfront 531 Stimmen (3), Nationalsozialisten 467 Stimmen(3 Sitze) Die Sozialdemokratie hat ihre Stimmenzahl gegenüber der letzten Gemeindewahl im November 1929 um 40 Stimmen zu stei- gern vermocht. Die Reichstagswahlen im September 1930 können nicht zum Vergleich herangezogen werden, weil bei der Reichstags- wähl die 200 Mann bettagende Belegschaft des Knappschastskranken- Hauses mitwählte, die jetzt bei der Stadtverordnetenwahl als orts- fremd nicht mitwählen durste. Der Wahlausgang ist für die Sozial- demokratie um so erfreulicher, als alle gegnerischen Parteien von den Kommunisten bis zu den Nattonalsozialisten den Kampf im Zeichen der vierten Lohnabbau-Notvcrordnung gegen die Sozial- demokratie führten. Die Sozialdemokratie behauptet also ihre Mandatszisfer. Hohenmölsen leidet unter der Arbeitslosigkeit der Bergarbeiter ganz besonders, weil alle Gruben stillgelegt sind und etwa 40 Proz. der werktätigen Bevölkerung arbeitslos sind. Die Bestie im Menschen. Mädchenmord bei Frankfurt aufgeklärt. Bei Frankfurt a. d. 0. wurde kürzlich ein gräßlicher Blödchenmord entdeckt. Ein siebzehnjähriges Mädchen, Erna Wolf, war tot an einem Bahndamm aufgefunden worden. Der Mörder, der 25 Zahre alle Martin heinze ans Frankfurt a. d. O., hat jetzt ein Geständnis abgelegt und eine Darstellung des furchtbaren Verbrechens gegeben. Heinz« hatte mtt der Wolf ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen blieb. Diese Totsache hörte er aber nicht zum ersten Male von einem Mädchen, denn im Jahre 1927 hatte er ein 12jähriges Mädel vergewaltigt, das ebenfalls ein Kind von ihm erwartete. In dem jetzigen Falle wollte er die Wolf oeranlassen, eine„weise* Frau* aufzusuchen. Er verabredete sich mit ihr auf den 5. Ro- vember in Fintenheerd. Das Mädchen wollte aber von seinem Plan nichts wissen. Gegen 9 Uhr abends traf er sich noch einmal mtt ihr in Buschmühle. Er benutzte für die Hinfahrt ein Motor- rad, das er sich lieh, und in dem Ott Tzschetzschnow unterstellte. Er ging mit dem Mädchen durch die dunkle Gegend und führte es unter einem Vorwand auf den Bahndamm. Dott muß er ihr die tödlichen Kopfverletzungen beigebracht Hecken. Heinze sagt, daß sich die Wolf selbst auf die Schienen gelegt habe. Er sei einige Schritte zurückgetreten, um da« Ueberfahre« des Mädchens abzumatten. Die Lokomotive des heranbrausenden Zuges habe aber die W. nicht überfahren, sondern nur zur Sette geschleudert. Jetzt will e r sie an derselben Stelle mit dem Kopf auf die Schienen gelegt, und in einiger Entfernung auf das Herannahen eines Zuges gewartet haben. Da auch dieser Zug nicht den Kopf vom Rumpfe trennte, sondern der Räumer der Lokomotive den Körper wieder zur Sette schleudette, will er sie zum zweiten Male auf die Schienen gelegt haben. Dann habe er sich entfernt, um seine Schlafstelle in Tschetzschnow aufzusuchen.— Als er die Kammer betrat, sei ihm eingefallen, daß er am Bahndamm einen Gegen- stand vergessen hatte, der ihn oerraten könnt«. Er sei wieder zurückgelaufen und habe diesen an sich genommen. Als er den Schienensttang betrat, will er gesehen haben, daß der Körp'r der Erna Wolf nochmals zur Seite geschleudert worden war. E� will nun herangetteten sein, um sich zu überzeugen, ob sie noch an, Leben sei. Trotzdem sie bereits allem Anschein nach tot war, habe er sie zum dritte» Male auf die Schienen gelegt. Das U n g.e h e u e r l i ch st e in dem Geständnis des Mörders ist die Tatsache, daß er nach dem Reinigen seines Anzuges eine Stulle verzehtte, sich eine Zigarette anzündete und zu einem Mädchen ging, bei dem er die Nacht verbrachte, die Nacht nach dem Mord. Greisin im Schlaf erstickt. Verhängnisvoller Wohnungsbrand in Eharlottenburg. Im Hause Mommsenstraße 35 in Charlottenburg ereignete sich m der vergangenen Nacht ein folgenschweres Brandunglück. bei dem die 85 Jahre alte Frau Auguste B a i e r einen furchtbaren Tod fand. Die Greisin bewohnte im 4. Stockwerk eine kleine Dachstube. In den späten Abendstunden hatte Frau B. vor dem Schlafengehen den eisernen Ofen noch mal geheizt. Aus dem Feuerloch fielen unbe- merkt glühende Kohleteilchen und setzten den Fußboden in Brand. Das Feuer schwelte weiter und griff auf die Möbel über. Durch die stickigen Rauchgase wurde die Frau im Schlaf erstickt. Der Brand wurde zuerst von Passanten bemerkt, die aus den Dachluken Qualm- schwaden emporsteigen sahen. Die alarmierte Feuerwehr drang durch das Dachfenster in dem völlig verqualmten Raum ein und löschte den Brand in kurzer Zeit. Die Leiche der alten Frau wurde beschlagnahmt und ins Schauhaus gebracht. Ehrenfest vechastet. Er wollte nach Amerika. Wie«. Ii. Dezember. Räch einer Meldung aus Lissabon wurde dort der frühere Direktor der Kreditanstalt Frih Ehrenfest aus Grund eines österreichischen Steckbriefes von der Hafen- Polizei vehaftet, als er sich au Bord eines Ueberfee- dampfers begeben wollte. Silberner Sonntag im Regen. Grau in grau wie die ganze Weihnachtsstimmung präjen- tierte sich diesmal auch der Silberne Sonntag: es regnete vom frühen Morgen an und erst in den Nachmittagsstunden trat eine kleine Besserung ein. Trotzdem wimmelte es in den Geschäfts- straßen von Menschenmassen, die Verkehrsmittel waren dicht be- setzt und das äußere Strahenbild bot den üblichen Anblick. Aber auch nur nach außenhin; gekauft wurde wenig, erschreckend wenig, und die Zahl der Paketbeladenen konnte man fast an den Fingern abzählen. So hatten erst mal wenigstens die Conferenciers der Straße ihr Publikum und vielfach gab es solch einen Interessentenkreis, daß er fast zur Verkehrsstörung wurde; ob die Kauflust aller- dings der Sehfreude die Waage hielt, bleibt dahingestellt. Es hatte mehr den Anschein, als sollte der Kleinmarkt für aktuelle Neu- heiten, hauptsächlich auf dem Gebiete der billigsten Spielwaren, gemustert werden. Der Mann mit dem neuesten mechanischen Spielzeug braucht« beispielsweise seine Ware nicht einmal im Fortissimo anzupreisen, in dichten Reihen stand da olles um ihn herum und blickte voll stiller Bewunderung aus die Alpenbahn, die ihre Waggons samt den Passagieren auf mechanischem Wege nach oben bugsiert, auf den Skiläufer, der eine vollständig einwand- freie„Trockenübung" absolviert und noch viele andere Herrlich- leiten. In den großen Kaufhäusern war es zeitweise in ver- schiedenen Abteilungen knüppeldick voll, beispielsweise zeigte sich starkes Interesse für Morgenröcke, Haushaltschürzen und billige Konfektion, ebenso bei Schallplatten, bei den Haushaltartikeln und vor allem in der Spielwarenabteilung, wo wunschbeseelte Augen kleiner Leute von Tisch zu Tisch wanderten, da eine Trompete, dort einen Baukasten prüfend musterten; merkwürdigerweis« sind Soldatenspiele überhaupt nicht gefragt und es scheint fast, als ob all der kriegerische Geist, der so überall herumspukt, im nutzlosen Bramarbassieren seine Erfüllung findet. In den Schuh läden war gut zu tun, in den billigen Konfektionsgeschäften ebenfalls. Die Zahl der Paketbeladenen war jedoch recht dünn gesät. Ledig- lich BVG. und Schupo hatten richtig zu tun, am Alexanderplatz war durch Seilspannung sogar eine neue Fußgängerordnung ge- schaffen worden. Oer Meisterjongleur gestorben. E n r i c o R a st e l l i ist 34 Jahre alt, am Gehirnschlag in seiner Heimatstadt Bergamo gestorben. Rastelli entstammte einer uralten Artistenfamilie. Alles andere sollte er werden, nur kein Jongleur. Er arbeitete als Luftturner, als Mädchen verkleidet. Wie er sich einmal ins Netz fallen ließ, blieb ein« Haarnadel seiner Perücke m einer der weiten Netzmaschen hängen und entlarvte ihn. Das viel- tausendstimmige Hohngelächter forderte seine Energie heraus, er setzte seinen Plan durch, er wurde Jongleur. Und zwar der berühmteste aller Zeiten, der u. a. immer wieder in Deutschland größte Erfolge hatte. Sein Name war so volkstümlich, oaß schon jeder jonglierende Seelöwe auf den Namen Rastelli hörte. Rastelli selbst arbeitete unaufhörlich und seine Balltricks ahmten viele Jongleure nach. Das verbitterte ihn und der Ehrgeizige brachte neue Tricks mst Fußbällen heraus und ließ sie gesetzlich schützen. Er, der Italiener, war ganz Grazie, ganz schöne Bewegung, das Publi- kum sollte nicht ahnen, wie schwer seine Arbeit war, und doch wurde er sehr mißmutig, als ein Rundfunkansager seine Unterredung mit Rastelli mit den Worten schloß:„Möge das Leben für das Publi- tum das sein, was es für den Meisterjongleur Rasteüi ist, ein buntes Spiel mit leichten Bällen."_ Millionen Wohlsahrisenverbslose. 90 000 sind im November hinzugekommen. wie der Deutsche Slädtelag mitteilt, ist die Zahl der Wohl- fahrtserwerbslosen im November weiter stark gestiegen. Allein in den Städten mit mehr als 25 000 Einwohnern betrug der Zuwachs 6 2 0 0 0, d. L 6,5 Pro;, des Standes am Ende des Vormonats. Zur die Gesamtheit der Gemeinden und Gemeindeverbände ist demnach der Zuwachs aosmehralsg0000 zu beziffern, so daß die Gesamtzahl der Wohlfahrtserwerbslosen am 30. November 1931 rund 1,5 Millionen betrug. Stillegungen. Die Ilseder Hütte will ihre Erzbergwerks- betriebe vorübergehend stillegen. In Kattowitz sollte die Königshütte samt den Werkstätten- betrieben vom 12. Dezember bis 12. Januar stillgelegt werden. Jetzt wurde diese Stillegung auf unbestimmte Zeit verschoben, ein Beweis, daß der Stillegungsantrag sachlich schwach begründet, wo- Möglich gar nur ein Lohndruckmanöver war. Offenbach in der Volksbühne „Die Großherzogin von Gerolstein" Offenbachs Werke sind Operetten in der ursprünglichen, unver- fälschten Bedeutung des Worts und mit den geistlosen, nach erprobten Rezepten, sozusagen am laufenden Band verfertigten Produkten der Vergnügungsindustrie unserer trübseligen Tage nicht zu vergleichen. Die nahe Beziehung zur Oper— deren Gegensatz und Widerspiel, deren verzerrtes Spiegelbild sie sind— ist für sie durchaus charakteristisch. Sie parodieren die glorreich« Epoche de- zweiten Kaiserreichs so gut wie Meyerbeers bombastisches Pathos, sie sind politische und Kunstsatirc in einem, sie sind die großartigste Demaskierung der Lüge und Heuchelei chrer Zeit wie deren offizieller feierlicher Kunst; und während sie ironisieren, was sich nur ironisieren läßt, erfüllen sie ihren negativen Berus mit positiver Kraft und finden ihre eigene Form, sind eben„Operetten": kleine Opern. Die glanzvollen Tage der Kaiserin Eugenie jedoch sind lang vorbei, und die Oper hat Stützungsaktionen nötiger als erbarmungs- lose Parodie: Witz, Satire und Ironie sind da eigentlich ohne tiefere Bedeutung. Wenn wir(in Ermangelung eines eigenen musikalischen Zeitsatirikers von Rang) Offenbachs Werke aufführen, wird im Grunde gegen Windmühlen gefochten. Ilm sie nach Ge- bühr zu achten, muß man sich das Paris des vorigen Jahrhunderts, die Well der großen Oper ins Gedächtnis rufen; wir sind gar nicht mehr in der Lage, Kühnheit und Treffsicherheit dessen recht zu schätzen, was da gesagt wurde, wir müssen uns darauf beschränken. uns an der Grazie zu erfreuen, mit der es gesagt ist. Offenbachs Werke zu bearbesten(diesmal hatte es Walter Mehring) unternommen) ist keine leichte Aufgabe.' Die Ver- suchung liegt nahe, sie— die in vielem einer Aktualität entrückt sind, die einst ihr innerstes Wesen ausmachte— im einzelnen zu modernisieren und zu aktualisieren. Der Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, ist Mehring nicht immer Herr geworden. Er hat die Handlung aus dem 1. Jahrhundert in den Anfang des 19., in den Vormärz verlegt, er inacht Fritz, den Rekruten und General, zum Volkshelden(er wird zum Schluß von der Grohherzogin zum Führer der Opposition ernannt), er unterstteicht insbesondere im ersten(wenig oeränderten) Teil des Werks die kösttiche Parodie des Militarismus, die leider heute so zeitgemäß ist, wie damals, und stellt in General Bumm eine exzellente Persiflage einer ver- trottelten, kommandierenden Exzellenz auf die Bein«. Es ist eine sehr brauchbare Bearbeitung, bei der alle vorhandene Musik der „Großherzogin", die wir bisher nur in gekürzter Fassung kannten, Verwendung fand. Auch die schwierige Neugestaltung der Gesangs- texte ist als gelungen zu bezeichnen. R a b e n a l t s und Rein- k i n g s Inszenierung ist von dem Revuezauber anderer Offenbach- .Renaissancebestrebungen angenehm weit entfernt— sie setzt sich nicht selbst in Szene, sie dient dem Werk, dessen parodistische Tendenz sie geschickt unterstreicht. Die von Theo Mackeben dirigierte Aufführung ist sehenswert. Käthe Dorsch mimt die liebessüchtige Potentattn mit unnachahmlichem Charme, Her- mann Valentin als General Bumm, Kurt Mühlhardt als Rekrut Fritz, Paul Morgan als Baron Puck und Hubert v. Meyerinck als Prinz Paul sind prächttge Typen. Das Publikum amüsiert« sich großartig und dankte durch stürmischen Beifall. A. W. Der Mörder und seine presse Der Berliner Briefträgermörder Ernst R e i n s ist zum Tode verurteill worden. Eine grauenvolle Tat, an der nichts zu be- schönigen ist, fand die härtest« Sühne. Wenn man unterstellt, daß Ernst Rems vorsätzlich und bewußt gemordet hat, und. wenn man seine Behauptung, daß er sein Opfer nur habe betäuben wollen, für eine dreiste Lüge hält, dann kann man die Richter, die ans Gesetz gebunden sind, wegen ihres Spruches nicht schelten. Aber man kann das Gesetz für schlecht halten, das zu solchen Urteilen zwingt. Wer dem Prozeß gegen Reins von Anfang an beiwohnte und auch alles dos mitanhörte, was nicht in die Zeitung kam, der kann allerdings kaum der Meinung fein, daß das Todes- urteil der Menschheit, diesem Menschen und seiner Tai gerecht wird. Die Familie Reins schenkte der Gesellschaft, die die Geburten- Verhütung als Verbrechen betrachtet, schon achtzehn Geisteskranke! Die Linkspresse hat die Problematik des Falles erkannt und insofern gewürdigt, als sie ihren Lesern nichts verschwieg. Die Rechtspresse, besser Unrechtspresse genannt, pöbelt sie daraufhin an, wie könnte das anders sein. Die politischen Methoden der Blätter triumphieren auch im lokalen Teil. Der„Lokal-Anzeiger" zum Beispiel findet nichts dabei, die Aussage eines Zeugen glatt umzufälschen, damit Ernst Rems als der oberflächliche Geck er- scheine, der er gewiß nicht war. Auch sonst erfährt der Leser dieses Organs der publizistischen Gewissenlosigkeit weniger, was in der Verhandlung gesagt wurde, als was der Herr Gerichtsberlchterstatter zu ihr sagen möchte. Der Bußtag des Angeklagten wird zum Schmustag der Zeitung. Im übrigen schießt den Vogel, den sie hat, wie stets, die „Deutsche Zeitung" ob. Sie erregt sich unter der kreischenden Ueberschrist„Sowjeterziehung hinter Zuchthausmauern" über einen vom„Berliner Tageblatt" veröffentlichten Brief an Ernst Reins. Absender dieses Briefes ist der Onkel des Verurteilten, Friedrich Rems; er sitzt im Zuchthaus zu Celle. Friedrich Reins hat sein Kind umgebracht, um ihm— so begründete er wenigstens seine Tat— ein Ende im Zuchthaus oder in der Irrenanstalt zu er- sparen. Es heißt darin:„... Man braucht sich nicht das Wort Dostojewskis zu eigen zu machen, daß die Insassen der Straf- anstalten den wertvollsten Bestandteil eines Volkes ausmachen. Man wird Dir wahrscheinlich später Gelegenheit geben, Deinen Frieden in der Gefellschaft zu machen. Die Gesellschaft wird aber keinen mit Dir machen wollen. Du bist ckeclasse geworden, denn die Strafe gilt in der Gesellschaft schon ev ipso als etwas Be- schimpfendes. Anstatt daß eine Strafe reinigen soll, befleckt sie bei der herrschenden Gesellschastsmoral..." Die ach so„Deutsche Zeitung" kommt nur dazu, ein paar un- vollständige Bruchstücke zu zitieren, dann gerät sie gleich aus dem Redaktionshäuschen in der Hedemannstraß« und schreibt:„Also: man liest Dostojewski, beschäftigt sich mit der„herrschenden Gesellschastsmoral" und den bestehenden gesellschaftlichen Zuständen", treibt kommunistisch« Polttik. Im Zuchthaus! Der Aufenthalt dort ist als Strafe gedacht, soll bessern, läutern und— erzieht zum Sowjetstaat. Es wird, scheint es, höchste Zeit, daß die Regie- rungsb«Hörden einmal mit einem prüfenden Blick in unsere Straf- anstalten hineinschauen." Sowett die angeblich„Deutsche Zeitung". Ist es auch dämlich, hat es doch Methode. Zwischen den Zeilen klingt Sadismus: den Gefangenen geht«s zu gut. Deshalb möchten sie den Reins-Fall zum Reinfall eines Zuchthausdirektors machen, denn sie haben ihn im Verdacht der Humanttät— offenbar in diesen Kreisen ein entehrender Verdacht. Und so benutzen sie die nicht unklugen Gedanken eines Sträflings zu einer allerdings unglaublich dumm abgefaßten Denunziatton jenes Direktors, der durch erlaubte Doftojewsti-Lektüre zum Sowjetstaat erzichen soll... Hetze ohne Niveau. Für Reins steht das Schafott bereit. Wo aber der Pranger für die da? Erirti Gottgetreu. Karl Kraus:„Oie Llnüberwindlichen." Sonntagsmatinee in der Volksbühne. Vor zwei Jahren spielle die Volksbühne„Die Unüberwindlichen". Nachkriegsdrama von Karl Kraus. Jetzt übernimmt die Inszenie- rung des Leipziger Komödienhauses. Dos Stück behandell, anknüpfend an Wiener Vorgänge, Er- Pressungen der Boulevardpresse und gibt«ine sehr scharfe Satire auf den früheren Wiener Polizeipräsidenten Schober und auf die Er- eignisse bei der Erstürmung des Justizpalastes im Sommer 1927. Diese Dinge sind hier bereits eingehend besprochen worden. Der fanatische Wahrheitssucher und Moralist Karl Kraus entrüstet sich prachtvoll, aber er vergißt, daß er sich in einem Drama entrüstet und daß die Ausnahmefähigkeit des Zufch�iers. besonders wenn es hauptsächlich um dialektische Uebungen geht, Grenzen findet. Die Aufführung währt fast vier Stunden. Lotte F r a n ck- W i t t, die die Regie führt, Hot nicht den Mut zu Streichungen, da Karl Kraus, wie das Programm sagt, bei der Inszenierung mitarbeitete, ist dieses Zögern verständlich. Krau? fragt weniger nach der dramatischen Wirkung, als nach der Möglichkeit, immer von neuem die Lächerlichkeit und Erbärmlichkeit seiner Personen darzustellen. Er sagt alles dreimal, und durch diese Be- wegung im Kreise bringt er sich selbst um den künstlerischen Erfolg seines sprachlichen Witzes. Was in einem Artikel die Wirkung steigert, zerstört sie auf der Bühne. Der Regisseur müßte also in erster Linie das dramatische Gerüst klar herausarbeiten und die Details, die sich allein auf Porträtähnlichkeit beziehen, auf ein Mni- mum reduzieren. Das ist hier nicht geschehen. Andererseits verfügen die Schauspieler auch nicht über genügend Nuancen, um dem Gleichbleibenden ein neues Gesicht zu geben. Gut in der Anlage der Figuren der rhetorisch hochbegabte Peter I h l e und Kurt Meister, ein behutsamer und geistvoller Charakteristiker. Sonst arbeitet man nnt zu viel Stimmaufwand. Man dämpft nicht und bleibt dazu öfters beim groben Umriß stehen. Gruppen kleben zusammen und bewegen sich nicht. Trotzdem starker Beifall. F. Sch. Gtudentenkabarett. Sozialistische Studenten werben. Die Soziali st ische Studentenschaft hatte im Spichernsaal ein Studentenkabarett aufgemacht. Der Leipziger Otto Zimmermann, auch den Berlinern kein Unbekannter mehr, hatte die Leitung und spielte als Solist— mit Recht— die erste Rolle. Otto Zimmermann rezitiert, Otto Zimmermann tanzt — meist tut er beides zusammen. Mit tänzerischen Bewegungen illustriert er das gesprochene Wort, gesellschastskrittsche Verse mo- derner Autoren. Großen Beifall und Zustimmung errangen seine Solotänze und die Gruppenvorführungen, besonders„Die tanzende Straße". Ueberhaupt war er dort, wo er kritisch-ironisch sein konnte, wo er parodieren konnte, am stärksten, während dort, wo proletarisches Schicksal gestaltet werden sollte, manches noch ge- künstelt und unsicher schien. Trotzdem jedoch bleibt„Der Tanz zur Internationale" als ein großartiger Versuch bestehen. Gewaltig und mitteihend zum Schluß der gemeinsam gesprochene Schwur zum Kampf für die Freiheit, der vielleicht in einem weniger rein intellektuellen Publikum noch wirkungsvoller sein könnte, etwa in unseren großen Massenversammlungen. Unseren Studenten wird dieser in jeder Beziehung gelungene Abend als ein großer Austakt der Werbung im Wintersemester sicher vollen Erfolg bringen. Die neue Ortsgruppe des Schuhverbandes. Dem Aufruf, aus der Berliner Ortsgruppe des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller auszutreten und eine neue, von Parteizank freie Organisation zu schassen, sind in wenigen Tagen 300 Mitglieder gefolgt. Im Ab- geordnetenhaus« fand die konstituierende Sitzung der neuen Orts- gruppe Berlin-Brandenburg statt. Sie gab sich eine Satzung, die ihren überparteilichen Charakter sichern soll. Die Vorstandswahl ergab, da der Begründer der neuen Organisatton, Dr. Monty Jacobs, die Annahme eines Amtes ablehnte: Max Barthel und Dr. Theodor Bohner, M. d. L., Vorsitzende; Georg Hermann, Alice Berend, Wolfgang Goetz, Dr. Heinrich Spiro, Robert Seitz, Beisitzer. Weitere Anmeldungen zur Mitgliedschaft sind zu richten an Max Barchel, Berlin 65, Corkerstt. 1. Ein Völkerbundsausschuß tagt in der Goethestadt. Der Völker- bundsausschuß für Kunst und Literatur hatte be- schlössen, seine nächste Tagung anläßlich der Goethe-Iahrhuirdert- Feier in Frankfurt a. M. abzichalten. Die Verlegung der Tagung nach Frankfurt a. M. war jedoch in der letzten Zeit fraglich geworden. Nunmehr ist diese Tagung definitiv beschlossen. Der Aus- fchuß wird sich infolgedessen vom 12. bis 14. Mai in der Goethe- stadt versammeln. Ueber..«egenwartssrageu der Kunst" strickt heute abend 8 Ilhr in der Knesebeckstr. 24(Charlottenburg) Paul W c st h e i m im Rahmen cincs ofrentlrchen Diskussionsabends des Reichsderbandcs bil- dender Künstler. In der Gesellschaft sör«mhirischc Philosophie spricht Dienstag, 8 Uhr. «ochumannstr. LI. Mmisterialrat Ziertmann über:„Empirische Pädagogik". Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag, 8 Uhr, Fischereidirektor Dr. Zchweigger über:„Fische. Vögel und Guano an der K ü st e P e r u s". Ja der llrauia wird Dienstag. 8.15 Uhr. im Langenbeck-Birchow-Haus die„Filmreise durch den Menschenkörper" mit dem Begleit- vortrog von Kr. Äaufiuann wiederholt. Rundfunk Programm und Politik Die Klagen der Hörer über eine zeitfremde Einstellung der berliner Funkstunde waren seit längerer Zeit merklich zurück- gegangen. Jetzt beginnen sie wieder laut zu werden. Daß das seine guten Gründe hat, ist leider nicht zu leugnen. Es braucht an dieser Stelle wohl kaum noch betont zu werden, daß nicht die 'Ansprüche jener Hörer hier verteidigt werden sollen, die ein Programm nach ihrem privaten Geschmack fordern. Das Ver- ständnis dafür, daß der Rundfunk zu allen Volksschichten sprechen muß, hat sich offensichtlich bereits bei einem sehr großen Teil der Hörerschaft Bahn gebrochen. Zuschriften aus dem Leser- kreis, die sich gegen eine bestimmte Darbietung wenden nur mit der Begründung, daß sie einem einzelnen nichts zu sagen gehabt oder daß sie ihm in der Ausführung nicht gefallen habe, sind sehr selten geworden. Dogegen nehmen die Einwände gegen die Tendenz einzelner Darbietungen und die G e s a m t ha l t u n g des Programms merklich zu. Es wird in den Zuschriften immer wieder betont, daß die Funkstunde es an politischem Verständnis und an Verständnis für die Gegenwart überhaupt fehlen lasse und daß sie vor allem von der Welt der werktätigen Masse, die den überwiegenden Teil ihrer Hörerschaft stellt, recht wenig zu wissen scheine. Dieser letzte Vorwurf wurde früher von den maßgebenden Stellen gern zu entkräften versucht niit der Begründung, daß aus Zuschriften gerade aus Arbeitcrkreifen immer wieder der Wunsch nach leichter. Unterhaltung spräche. Das ist natürlich keine Widerlegung. Selbstverständlich will und braucht der werktätige Mensch abends Ausspanung, was für die meisten gleichbedeutend ist mit Unterhaltung. Diese so anregend und allgemeinverständlich zu gc- stalten, daß der Hörer sie als„leicht" empfindet, ist eine der wesen:- lichsten Aufgaben des Rundfunks, eine Aufgabe, an deren Lösung heute noch viel fehlt. Die Berliner Funkstunde kündigte den Hörern für ihr Winterprogramm unter anderem einen großzügigen Ueberblick über die Zeit von der großen Französischen Revolution bis zum Sturz Napoleons an. In einer Anzahl von Verträgen und künstlerischen Darbietungen sollte das Bild dieser Epoche sich aufbauen. Man hätte sich denken können, daß hier Unterhaltung und Belehrung zur Einheit werden und die 5)örer sich durch das Unterhaltende gleichzeitig belehrt, durch das Belehrende unterhalten fühlen würden. Denn„Unterhaltung" ist für die meisten Menschen gar kein so enger Begriff, wie es manchem scheinen mag. Man fühlt sich gewöhnlich durch das unter- halten,- was einem„interessant" ist— ured wie viele Aus- legungen es für das Wort„interessant" gibt, dürfte der Deutsche Sprachverein Wißbegierigen gern mitteilen. Leider waren bisher die meisten Vorträge dieses großen Zyklus im Stil eines Hoch- schulkurses gehalten z sie beschränkten sich aus einem kleinen wissenschaftlichen Ausschnitt, ohne dem Hörer auf weitere Zusammen- hänge zu verweisen. Der„ungebildete" Mensch, das heißt der Hörer, dem die Volksschule von gestern nur einen höchst unklaren Ueberblick über geschichtliche Zusamenhänge mit auf de» Lebensweg gegeben hat, konnte mit diesen Vorträgen begreiflicherweise wenig anfangen. Leider waren auch viele der literarischen Darbietungen in dieser Reihe nicht für ihn bestimmt. Denn diese bauten sich zum Teil auf der stillsAzweigendc» Boroussctzung literaturgcfchichtlicher und kulturgeschichtlicher Kenntnisse auf, die höchstens von der höheren Schule vermittelt wurden. Erläuterungen über die Musik jener Zeit wurden nicht versucht, so daß es den meisten Hörern wohl überhaupt nicht zum Bewußtsein kam, wenn Kompositionen aus jener Epoche gesendet wurden. Doch war hier die Auswahl so getroffen, daß im allgenieinen sehr viele Musikfreunde auf ihre Kosten gekommen sein dürfen. Der zu späte Anfang wichtiger Darbietungen gibt immer wieder Anlaß zu Klagen aus dem Hörerkreisc. Auch in der Zeit- einteilung des Programms kann sich sehr deutlich das Verständnis für die Hörerschaft beweisen. Wer zufällig am vergangenen Dienstag von 15.20 Uhr an den Berliner Sender einschaltete, erlebte eine eigenartige Folge eigen- artiger Darbietungen. Zuerst kam ein Vortrag von Martha Große, betitelt„Die Frau als Hüterin der Tradition". Es wurde den Hörerinnen darin empfohlen, bei festlichen Gelegenheiten das Familiensilber aus dem Glasschrank zum Schmuck des Tisches zu verwenden. Mit dem Weben und Sticken pon Kissen und Decken, so meinte die Vortragende, sollten sich die Frauen beschäftigen, denn es sei ein erfreulicher Anblick,„wenn ein seiner Frauenkops sich über den Stickrahrnen beugt". Auch die Pflege von Volkslieder» und Mysterienspielen wurden ihnen ans Herz gelegt, und die Kultur eines behaglichen Lzeiins, das weder ein„Boudoir"»och ein„Büro" werden dürfe. Daß es immerhin Frauen gibt,'die mit einer viel- kvpfigen Familie auf engstem Raum hausen müssen, war der Bor- der Woche ] tragenden wenigstens nicht völlig unbekannt. Wenn sie allerdings � den Schrebergarten als gesunden„Ausweg" pries, so bewies sie damit, daß sie proletarische Verhältnisse wahrscheinlich nur vom Hörensagen kennt. Der Schrebergarten bietet heute für viele Prole- tarier die einzige Möglichkeit, der Familie, vor allem den Kindern, Aufenthalt in freier Luft zu schaffen: cr hilft, den allzu mageren Küchenzettel der Kurzorbeiter und der Arbeitslosen etwas aufzu- bessern. Mit Wohnungskultur und„Hütung der Tra- d i t i o n" hat das alles aber gar nichts zu tun. In der Laube, die heute bei sehr vielen die Wohnung ersetzt, gibt es keine liebgcwordenen Möbelstücke, sondern nur Betten, meist nebeneinander und über- einander, soviele nur irgend hineingehen. Und selten gehen genug herein, selten sind überhaupt genug vorhanden. Man lebt in den Wohnlauben bei schlechtem Wetter und in der kalten Jahreszeit unter Verhältnissen, die sich Frau Martha Große wohl nicht einmal in der Phantasie ausmalen kann: von„Seele" und„Gemütlichkeit" ist in diesen Lauben jedenfalls nichts zu spüren. An diese Ausführungen schloß sich ein Vortrag„Zum G e- donktag der Seeschlacht bei den Falklandinsel n". Die Schlacht fand statt vor siebzehn Jahren. Es ist im allgemeinen nicht üblich, noch solchem Zeitabschnitt besondere Gedenkfeiern ab- zuhalten. Der Massenopser des Krieges wollen wir uns immer wieder erinnern, und an sie wollen wir auch immer wieder jene erinnern, die sie vergessen zu haben scheinen und die nach neuen Kriegsvorbereitungcn, nach neuen Kriegen rufen. Aber wir wollen nicht die Gedenktage von Schlachten„feiern", besonders dann nicht, wenn wirklich gor keine Veranlassung dazu vorliegt. Der Hhrcr, der noch weiter am Lautsprecher blieb, erfuhr nach Abschluß dieser Rede, daß„W ilhelmshaven heute seinen großen Tag" habe, und daß man ihm die Teilnahme daran selbstverständlich nicht vorenthalten wolle. Was war los? Die „Emden" kehrte von ihrer Ausfahrt zurück. Von diesem großen Tag konnte man selbstverständlich den Rundfunkhörern eine Repor- tage nicht vorenthalten. Daß ein Sturm anderer Meinung war und die Reportage völlig unverständlich machte, oeranlaßte den Sender nicht, die Darbietung abzustellen. Es schien, daß ihm dafür der Tag zu groß war. Nach diesen drei Vorträgen mußte man sich bestürzt die Augen reiben: hatte man geschlafen und geträumt von einem Rundfunk im Jahre 1910? Leider war man wach gewesen. Und auch der vom „Vorwärts" schon entsprechend gekennzeichnete Vortrag„Faschis- mus und Republik von Dr. F. B c j e a u war kein schöner Traum der Hakenkreuzler, sondern eine wirkliche Sendung der Berliner Funkstunde. Tes. (). J{. fKoflar: £m fostiaier Stoman- und cht„fostialer" E. P. Tals Verlag in Wien bringt in einer Ausstattung von äuheAter, uyab geschmgckogMcr.. Einsachhiiüt,. welchc big. Haltbarkeit eines gebundenen Buches mit der WöhlfeKhest eines broschierten vereinigt, zwei Proletarierromane heraus, die zu einem lohnenden VergMch" miffvrdern. Der eine,„Ein Mensch ertrinkt", spielt in Paris und ist geschrieben von C l a i r e Göll, der andere, „Liebe der Arme n", von H. S. Milde(ein Pseudonym?), schildert einen Wiener Hinterhof. Das zweite Werk: herbe, sachliche Schilderung des Milieus und der Menschen, letztere in einer erstaun- iichcn Vielzahl, die dennoch keinen zu kurz kommen läßt: Furcht- losigkeit in der Darstellung auch gewagtester Szenen, die aber stets notwendig sind und tragisch überschattet: scharf profilierte Klar- legung der komplizierten Verhältnisse, in welche die Armut einfache Menschen stellt, während es den„komplizierten" Neichen leicht wird. sich einfache Lösungen aus mißliebigen Siwotionen zu schaffen: rücksichtslose Aufdeckung innerer Roheit, Gemeinheit und Selbstjucht, die doch nur aus äußerem Schmutz, aus Enge und Verkommenheit des Milieus erwachsen— kurz: scharfe Erkenntnis und warmes Verständnis, auch welcher Mischung allein der wahrhaft gute soziale Roman erwächst. Dagegen das Buch von C l a i r e Göll: ein Pariser Dienst- mädchcnschicksal, geschrieben mit einem literarischen und sprachlichen Können, über das der in dieser Hinsicht beinahe unbeholfene Ge- stalter der„Liebe der Armen" nicht entfernt im gleichen Maße ver- fügt: mit heißem Bemühen auch um die Darstellung des Aiilieus, der man nur eben die gemachten„Äudien" anmerkt, und um die Verständlichmachung der inimcr mißbrauchten und endlich zugrunde gehenden Heldin, die dennoch Schablone bleibt: handfest im Gefühls- kitsch, schauermoritatenhaft in der Handlung— nicht ungekonnt, aber: ungckannt! Die Menschen des Buches bleiben dem Leser fremd, well sie ihrem Autor vermutlich fremd sind. Es geschieht sogar Schlimmeres als dos Fremdbleiben: sie werden unsympathisch, vor allen Dingen deshalb, weil ihre Sinnlichkeit, unter der die Verfasserin sich vermutlich etwas„Erdhaftes" gedacht hat, als dekadente Geilheit herauskommt— unnützes Bemühen vielleicht einer in Paris lebenden Deutschen, es hierin französischen Schriftstellern gleichzutun, denen dergleichen mühelos gelingt. Diese„Sinnlichkeit" tobt sich Seite um Seite in schlechthin widerwärtigen Szenen aus — wobei die Gerechtigkeit es erfordert, zu sagen, daß unter den schätzungsweise sünfunddreißig Kapiteln des Buches immerhin zwei oder drei sind, in denen nicht„geliebt" wird... Schade um eine nicht nur technische Könnerin, die vergessen hat oder nicht weiß, daß die Not des Proletariats da erst beginnt, wo das Buch bereits aufhört, sich in denjenigen Dingen nur zuweilen manifestiert, in deren Darstellung der Autor sich erschöpft. Guter Wille allein tuts nicht, Können allein auch nicht, Demut vor den unheimlichen Tiefen des Themas und demzufolge Verzicht auf literarische Eitelkeit gc- hören dazu, und es ist sehr notwendig, zwischen wahrhaft sozialen und sogenannt sozialen Romanen aufs schärfste zu unterscheiden. 3.(1. dlostar. Montag, 14. Dezember. Berlin. 17.00 Staatssekretär z. D. Hcinr. Scbulz: Die Gemeinschaft als Kunstmäzen. 17.15 Unterhaltungsmusik. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 Studenten diskutieren. National oder international?(Ltg.: Prof. Dr. Ludwig Bernhard) 19.40 Mitteilungen des Arbeitsamtes. 19.45 Lieder. 20.15 Neue Lyrik: Oskar Loerke(Sprecher: Gerd Fricke). 20.45 Fantastische Sinfonie und Lelio von Hector Berlioz. Ltg.: Hans von Benda. Dir.: Oskar Fried. 22.20 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. 16.00 Prot. Willi Fender: Beruf und Berufsschule. 16.30 Leipzig: Konzert. 17.30 Dr. Oswald Jonas: Die Wiederholung in der Musik. 18.00 Prof. Dr. William Stern: Die Seele des Kindes und Jugendlicher. 18.30 Botschafter Dr. Nadolny: Die Türkei und Europa. 18.55 Wetter für die Landwirtschaft. 19.20 Kann sich Deutschland wirtschaftlich unabhängig machen?(Prof. Dr. M. J. Bonn, Geh. Reg.-Rat Dr. Quaatz, M. d. R.) 20.00 Hamburg: Orientalische Skizzen. Königswusterhausen. 16.00 Prof. Willi Fender: Beruf und Berufsschule. 16.30 Leipzig: Konzert, 17.30 Dr. Oswald Jonas: Die Wiederholung in der Musik. 18.00 Prof. Dr. William Stern: Die Seele des Kindes und Jugendlicher. 18.30 Botschafter Dr. Nadolny: Die Türkei und Europa. r8.55 Wetter für die Landwirtschaft. 19.20 Kann sich Deutschland wirtschaftlich unabhängig machen?(Prof. Dr. M. J. Bonn, Geh. Reg.-Rat Dr. Quaatz, M. d. R.) 20.00 Hamburg: Orientalische Skizzen. * Heute wichtiger Rundfuntoorlrag über die Alietsenkung.„lieber die Mietscnktmg und die Regelung der Wohnung-wirtschaft dimchg.» die neue Notverordnung" spricht Oberregierungsrat D u r st heute abend, 19 Uhr, für alle deutschen Sender. Die„Stimme zum Tag" fällt aus.......•--- Groß-Berliner parteinachrichien. 4. Kreis: Achtung. Abteilungskassierer! Die Eintrittskorten zum Film„Kameradschaft" müssen bis morgen Dienstag, 18 Uhr, beim Genossen Seelbinder restlos abgerechnet sein. 20. kreis: Dienstag, 15. Dezember, Kreismitglicdcrversamm- lung im Schützenhaus. Reinickendorf-Ost, Refidenzstraße 1. Franz Künstler spricht über:„Unsere Stellung zur Notverordnung." Wetter für Berlin. Feucht-mildes Wetter niit zeitweiligen leichten Niederschlägen und mäßigen westlichen Winden.— Für Deutschland. Im Süden des Reiches nebelig-trübe mit schwacher Lustbewegung und vereinzelten Nachtfrösten. Im übrigen Reiche fcucht-mildes Westwindwetter mit verbreiteten, aber meist leichten Niederschlägen. „Aravenraucher." Eine englische Eisenbohngesellschaft hat in zwei Klassen ihrer Wagen Raucherabteile eingerichtet, die nur von Frauen benutzt werden dürfen. Verantwortl. für die Redaktion: Rich, Bernstein, Berlin: Anzeigen: Th. Glocke, Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G.m.b.H., Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckcrci und Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin 6® 68, Lindenstr. 3. Hierzu 1 Beilage. Monla�. den 14, Dezember Staatsoper Unter fien Linden 20 Uhr SGhuianda,dBrDudeisacKpleifer Stsatlitepiiliuüs Geodarnenraarkt. 20 Uhr Liebelei Schiller-Theater Chirltttaibirj. 20 Uhr Datterich »■aUhrCASINO-THEATER�uh. Lothringer Strafe 37. iiiiiiiiiintiiiniiiiiiiiMiiiniiniiiininitiHiiiiiiiiiiiiiiiifiiniHiHiiii Wenn Kinder heiraten und das große Fest- Programm 1 Gutschein 1-4 Personen: Parkett 50 Pf., t-auteuii 1.— Mark. Sessel 1.50 Mark. An allen Feiertagen nachm. suhr für Erwachsene und Kinder Vcaterns Wunderkur und daa FcL Programm. Preise: 30 Pf., 0,50, 9(75, I,— Mark. B.I5 Ubf Flora 3434 Raudieii trlai Das beliebte Clown-Tri Barraceta Esovsky-Baüett, Luisita Leers „Paolo" der jOngsfe gall-Jongleur Siädl.Oper Charlotlenburg BismarckstraBe 34 Montag, d. 14. Der. Kein Kartenverkauf Volksvorstellung Anfang 20 Uhr Soldaten Ende 22,30 Uhr Theater am Nollendorlplati bgi>; Htiru SiilnW] Täglich 8'.'. Uhr Sonntag 41/1, Uhr aasparone Mittwoch 4 Uhr KoeM Rüpprüth Fahrt ins Mlfdienlane V Ollis btthne Thtaler am BDIowplatz 8 Uhr Die Großhmogin von Gerolsleln Slaatl. Sdiiller- Theater 8 Uhr Datlerich Staatsoper Unter den Linden 8 Uhr Sdiwanda iler Dudelsackpfeifer Jeden Dien., Mittw. Dann. u. Sonnall. 3':■ Das groBe Zaubermärchen Plim Plane Plini Preise der Plätze von 78 Pfennig an Rose- Theater Gnli Frankfirltr Sfraüe 132 Tel. Wiithul E 3 3422 8.15 Uhr Die keusche Susanne rnetropoi-itteater Täglich 81/* Uhr Die Blume von Hawai Praiu von 50 Pf. an Theater desWestens Täglich 8>/. Uhr Der Yogelbändler Ahlers, Jäfcen, Carola PreiulPlät2ev.50Pf.an ROBBnHBS Gebrauchte Büro-Möbel Lindenstralle; 7i;|72 . Hofspeicher. Oeortdies meater 8 Uhr Anlonlas und Cleopatra von Shakespeare Hagle; Haina Hilpert Die Komödie SV, Uhr Jemand von Franz Molnar Segle: Cuslal QrGndgans mit Albert Bassarniann TDeater im AdralralSDalasi Täglich 8V« Uhr Die Dubarry mit Gitta Aipar Preise v. 0,50 M. an Kaffee- und Lebensmittel-Vertriebs-AG. Pia» 1*3«iiier Co. Zentrale: BERLIN N65, KüllersftraOe 166a-167 Fernsprecher: Sammelnummcr D 6 Wedding 6434 Filialen: Müllerdr. 167— Müll enir. 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Die vier großen, flimmernden Sterne des südlichen Kreuzes rücken in jeder Nacht ein Stück höher ibcr den Horizont hinauf. Am Abend des elften Tages flaut der Wind ab. Die Segel werden eingeholt. Am nächsten Morgen ist es völlig windstill. Die Sonne steigt groß und rot aus dem spiegelnden, glatten Wasser. Heute liegen wir den vierten Tag fest. Wir haben keine besondere Eile, es schadet nichts, wenn wir einige Tage später ankommen. Trotzdem hat die Situation etwas merkwürdig Deprimierendes. Dos große Schiff schaukelt hilflos in dem glatten Wasser. Die hohen Mosten mit den breiten Nahen, die großen schweren Segel und die vielen Taue und Rollen, dieser Riesen- apparat erscheint bei der Windstille so sinnlos und überflüssig. Alles ist so mustergültig in Ordnung und jede Arbeit hat etwas ärgerlich Müßiges. Außerdem schläft man sehr viel, was bei sonst tätigen Leuten die gute Laune nicht gerade fördert. Es herrscht an Bord bereits die richtige F l a u t e st i m m u n g, die sich dann auch schließlich im Laufe des Bormittags in einer kleinen Keilerei Luft macht. Der Koch und ein Matrose sind aneinandergeraten. Als wir hinzukamen, hat der Koch den Matrosen mit einer großen Schöpfkelle niederschlagen. Der Matrose liegt besinnungslos auf den Planken. Der Koch hat seine Hosen heruntergelassen und bc- trachtet eine tiefe Bißwunde in seinem Gesäß, die ihm der Malrose im Verlause der Auseinandersetzung beigebracht hat. Am Mittag geraten der Steuermann und der Steward in eine lange Debatte über das Für und Wider der Keilerei. Sie endet damit, daß der Steward dem Steuermann die Suppen- terrine an den Kopf wirst und sich dann rechtzeitig in die Geschirrkammer zurückzieht. Da die beiden sonst gute Freunde sind, kommt der Steward nach einer Weile mit einein Essiglappen in der Hand wieder hervor. Er drückt dem Steuermann liebevoll den Lappen aus die dicke Beule in der Stirn. In der folgenden Nacht bekommen wir Wind. Beim Morgengrauen sind alle vierzehn Segel gesetzt und das Schisf ist in voller Fahrt. Am 24. Tag unserer Reise wird der Wind erheblich st ä r k c r. Die lange Dünung schiebt sich zu hohen, spitzen Wellenbergen zusammen. Das Schisf hat wenig Ladung, nur � gerade genug als Ballast. Jede Welle wirft es hoch und legt es auf die Seite. Die hohen Masten mit der schweren Takelage schchdlKik' äveit aus und verltihsn jeder' Bewegung einest noch- haltiaen Schwung. Gegen Abend sind wir mitten im schönsten Sturm. Die gespannten Taue brunimcn in dem pfeifenden Wind. Mächtige, graue Wellenberge mit weißen, zerzausten Schaumkronen kommen durch die Dämmerung herangezogen. Das Schiff fliegt hoch und legt sich auf die Seile, dann stößt der Bug tief hinab und das Wasser rauscht über das Deck. Mit donnerähnlichem Krachen schlagen die schweren Brecher gegen die Bordwand, dos Schiff zittert vom Kiel bis zu den Masten. Unten im Laderaum hört man den Klabautermann polternd und rumorend die Ladung nach- stauen. Alles Bewegliche fliegt und rollt umher. Die Matrosen stehen in hohen Gummisticseln auf dem Deck und vertäuen einige Fässer und Kisten der Deckladung. Auch der Steward klemmt jede Schüssel auf dem Tisch zwischen den Schlingcr- brcttern fest. Beim Abendessen schießt der Kassee in dickem Strahl aus der Tülle der sorgsöltig auf dem Tisch befestigten Blechkanne. Die gebratenen Eier fliegen in der Messe umher. Je zwei und zwei mit einer Scheibe Schinken als Unterlage er- heben sich wie in einer spiritistische» Sitzung aus der tiefen, fest- gemachten Schüssel und klatschen gegen die Wand. Eine solche Eierportion ist auf der Schulter des Steuermanns gelandet, er greift hin, um sie herunter zu nehmen. Im selben Augenblick holt das Schiff wieder über. Mit einem Satz wie eine scheue Katze springen die Eier mit der Schinkcnunterlage von der Schulter des Mannes auf die Dielen, bevor seine Hand sie erreichen konnte. Dorr rutschen sie langsam und ruckweise weiter, einen gelben, fettigen Streifen hinter sich lassend. Als der zweite Steuermann am andern Morgen von der Brücke zum Frühstück kommt, muß er die eiserne Bortür zum Achterdeck nicht richtig zugemacht haben. Man hört die Tür mit dem Stampfen des Schiffes ein paarmal auf- und zuschlagen. Als der Mann wieder zurückgehen will, um die Tür zu schließen, haut unter donnerndem Krachen ein Brecher inittschiffs über die Reling. Man hört, wie die Wassermassen dröhnend auf das Deck stürzen. Im selben Augenblick knallt die hölzerne Jnnentllr, die von der Messe auf Deck führt aus dem Schloß. Rauschend stürzt das Wasser in �den Raum, klatscht an der gegenüberliegenden wand hoch und gurgelt wieder zurück. Im Handuindrehen ist das Wasser in alle rings um die Messe liegenden Kabinen gelaufen. Der Steward steht in Filzpantoffeln bis zu den Knien im rauschenden Wasser und beginnt furchtbar zu toben. Der Steuermann läuft schnell hinaus und macht die Tür von außen zu. Dann schickt er drei Matrosen nach hinten, die das Wasser mit Eimern und Schippen wieder hinausschaffen. Im Laufe des Bormittags reißt das vordere Unter- Marssegel. Die Matrosen in gelben Oeljacken und langen Gummistiefeln kommen langsam aus Deck. Sie stehen� irgendwie festgeklammert auf der Leeseite zwischen den Deckaufb'auten und sehen nach oben zu dem flatternden Segel hinauf. Bon Zeit zu Zeit wäscht eine See über das Deck. Dann stehen die Männer tief im schäumenden Wasser. Sie müssen sich mit aller Krafr s e st h a l t e n, um nicht von den Brechern über Bord gespült zu werden. Wenn das geschieht, besteht wenig Hoffnung auf Rettung. Das große Segelschiff kann nicht wenden und gegen den Wind zurückfahren. Es dauert lange, bis eni Boot ausgesetzt ist. sosern das im Sturm überhaupt möglich ist. Das eiskalte Wasser lähmt sofort die Glieder und macht längeres Schwimmen unmöglich. Der Sturm heult in allen Tonarten im Takelwerk. Er singt, pfeift, wimmert, quietscht und brummt. Manchmal ertönt es wie � ty langgezogenes gellendes Schreien und lautes meckerndes Lachen. Man könnte wirklich glauben, der Klabautermann spricht dort oben mit den Geistern. Das Schiff rollt zuweilen so stark aus die Seite, daß eine Reling tief im Wasser verschwindet. Die hohen Masten fahren in weiten, mächtigen Schwingungen über den grauen Himmel. Der Steuermann beginnt an den Strickleitern hinaufzuklettern. Je weiter er nach oben kommt, desto mehr schwingen die Masten aus. Schritt um Schritt arbeitet er sich höher. Die Matrosen steigen langsam hinterher, nachher kleben alle hoch oben in dem schwankenden Takclwcrk. Der Sturm ergreift das gelockerte Segel und zerreißt es vollends. Lange, jchmale Streifen, wie von einem Rasiermesser abgetrennt, reißen sich los und wirbeln davon. Langsam. Stück um Stück, entreißen die Männer die steife Lein- wand der Gewalt des heulenden Windes. Eine Ecke macht sich wieder los, mit dumpfen Knall schießt sie heraus und steht knatternd und dunkel gegen den Himmel. Ein Mann hängt an der äußer st enSpitze der auf- und absausenden Rahe hoch und klein über den schäumenden Wellen. Er sucht vergebens das steife Tuch wieder heranzuziehen. Mit einem Ruck reißt es ab. Sich wild überschlagend fliegt das große Stück Segel über die Wellen davon, so daß die Albatrosse erschreckt zur Seite streichen. Nach anderthalbstündiger Arbeit ist der Rest des Segels geborgen und liegt als großer, dunkelgroucr Haufen unten am Mast. Man sieht jetzt erst, wie groß so ein Segel ist. Zehn Mann haben Mühe, die schwere nasse Leinwand fortzutragen. Am nächsten Morgen ist der Slurm vorüber. Es ist windstill und neblig. Zuweilen ist der Nebel so dick, daß der Wachtmann vorne am Steven im grauen Dunst verschwindet. Der Kapitän kommt mit dem Sextanten auf die Brücke, aber Sonne und Horizont bleiben unsichtbar. Die Berechnung des bisher zurückgelegten Weges ergibt, daß wir unserem Reiseziel nicht mehr fern sind. Die Insel muß dicht vor uns liegen. Außerdem de- finden wir uns in einer Gegend, in der regelmäßig Eisberge treiben. Die nähere Begegnung mit einem Eisberg könnte für das mürbe, alte Segelschiff, das sich nur schwer steuern läßt, ver- Alexander Graf S t e n b o ck- F e r m o r hat eine Reise durch die proletarischen Provinzen Deutschlands unternommen und legt darüber einen bebilderten Bericht vor.(„Deutschland von u n t e n", Verlag I. Engclhorns Nachf., Stuttgart.) Der Berfasser hat sich als Schriftsteller mit den Büchern„Meine Erlebnisse als Bergarbeiter" und„Freiwilliger Ctenbock" in die deutsche Literatur eingeführt. An diesen Sprößling aus baltischem Adclsgcschlecht läßt sich der tiefgreifende goselljchostiichc Umschichtungsprozeß demonstrieren, der alle Klassen unserer Welt ersaßt hat. Aus dem Sohn eines dem Zarismus dienstbaren deutschen Junkers, der aus seinem Gut in den Ostsceprovinzen wie ein asiatisclxr Fürst herrschte, wird innerhalb der schwarzrotgoldenen Grenzpfähle ein Werkstudent, der in Hamborn mit den Kumpels in die Grube fährt, Kohlen hackt, im Bullentlofter lebt und saures Prolctaricrbrot ißt. Kein Wunder, daß so aus dem proletarisierten geistige» Arbeiter, der als Siebzehn- jähriger m der baltischen Landoswehr Landsknechtdicnste tat und da- bei miterlebte, wie an gefangenen bolschewisiifchcn Soldaten bestialische Grausamkeiten verübt wurden, ein Adept des K o m m u n i s- m u s wird. Das Buch„Deutschland von unten", eine Reportage über das soziale Elend, ist so etwas wie ein« Fleißarbeit van dem zur pro- letanschen Bewegung als Neuling gestoßenen Aristokraten. Formt er in seinen beiden älteren Büchern— rückblickend und geläutert durch den Abstand der Zeit und der Erkenntnis— persönliche Erlebnisse, so schreibt er in„Deutschland von unten" unmittelbar frisch Erschau- tes und Erhörtes nieder. Was dabei entsteht, ist ein grauenhaftes Bild vom Zerfall unsercrKultur. Da sind die hungernden Flößer im Frankenwaid, denen die Wirtschaftskrise mit einem Schlage die Existenz abschnitt.'Nun sitzen die starken Männer, die von altcrsher über die großen Ströme in die großen Städte das Holz der Berge zu Tal brachten, arbeitslos herum. Ein ganzes Dort mit 2ö00 Einwohnern brotlos! Arbeitslosengeld, Krisenunterstützung, Wohlfahrtsempfang, dos hilft zunächst über das Gröbste hinweg. Aber was soll werden? Die Ausweglosigkeit solchen proletarischen Schicksals wiederholt sich nach in manchen anderen Gegenden Deutsch- lands: ini klassischen deutschen Hungerlnnd der schlesischen Weber- peoend, um Langenbielau im Erzgebirge, im Thüringer Wald, in Berlin. Die Webergegend zählt auch heute»och der Seufzer viele. Die Heimarbeit ist überall das finsterste Jnferuo der Besitzlosen, und so nimmt diese äußerste Ausbeutung, die Kind und Weib, Herd und Bett mit einspannt in den zermürbenden Arbeitsprozeß, einen breiten Raum in dem Buchs Stenbock-Fermors ein. Heimarbeit der Spielzeugschnitzer im Erzgebirge, der Glasbläser und Christbaum- schmuckherstellcr in Thüringens Dörfer, der Korbflechter im Franken- walo. Im», er wieder liest man: große Familien leben in entsetz- lchen Wohnlöchern, zusammengepfercht, von 7 bis 12 Mark Wochen- lohn: immer wieder Tuberkulose, Säuglingssterblichkeit, Rachitis. Der Autor unterstützt seine Arbeit mit dokumentarischem Photomaterial, das sehr beweiskräftig wirkt, weil es ohne tendenziöse Verzerrungen ausgewählt wurde. Im Text stützt sich der Berfasser weitgehend auf Publikationen, die die von ihm eindrucks- mäßig geschilderte Pauperislerung fachmännisch erfassen und statistisch erhärten. Auf eine Schrift Dr. Karl Ohles über den Kreis Waldenburg, die der Landkreis Waldenburg in Schlesien heraus- ocgeben hat, wird besonders Bezug genommen. Diese streng ob- jettive und saästiche Darstellung ist in Nicderschlesicii allgemein als zutreffend bestätigt worden. Seine Thüringer Beobachtungen belegt hängnisvoll werden. Alle Wachen sind darum verstärkt, der Steuermann steht in höchsteigener Person vorne auf dem Ausguck. Plötzlich ertönt ein unbestimmter heiserer Laut dicht neben dem Schiff. Dann hört man es plumpsen und plätschern. Nach einer Weile schießt ein merkwürdiges Tier dicht vor dem Steven aus dem Wasser. Es hat kleine Flügel an dem plumpen Körper und einen roten Schnabel. Mit einem heiseren Schrei plumpst es wieder in das Wasser und taucht unter. Es ist ein Pinguin, wir müssen also dicht unter Land sein. Gegen vier Uhr nachmittags erscheint die Küste von Süd- Georgien als dunkle Silhouette über einer dicken, grauen Nebelbank. Die Sonne bricht durch und das Meer glänzt auf wie flüssiges Blei. Nachher fahren wir hart unter der Küste. Die Felsen steigen schwarz und hoch aus der weißen Brandung. Breite Gletscher schieben ihre wildzerrissenen Eismassen bis in das Meer hinaus. Bon Zeit zu Zeit lösen sich große Blöcke von ihren Kanten und stürzen donnernd in dos aufschäumende Wasser. Bon d.m schwarzen Bergen rollt ein vielfaches Echo durch die Stille. Am Fuße der mächtigen Geröllhalden und auf den Plateaus der Küstenfelsen steht hohes, fahlgrllnes Gras. Es ist die einzige höhere Vegetation der Insel, Sträucher oder gar Bäume fehlen gänzlich. Mit dem Feldstecher erkennt man zwischen dem Grase kleine, weiße Flecke. Es sind große Albatrosse, die unbeweglich auf ihren Nestern sitzen. Ueber ihnen stehen weiß und gewaltig die eis- bedeckten Gipfel hoher Berge. Di« Firnfelder glänzen durch den dünnen Nebel und an den Hängen kleben dicke, grünliche Eismassen. Gegen Abend steuern.wir in einen Fjord, der sich bogen- förmig zwischen den Bergen bis tief in das Land hineinschiebt. In dem grünen, glasklaren Wasser treiben weiße Eisstücke und große, braune Tange. Die Segel werden eingeholt. Der rhythmische Gesang der Männer hallt von den Bergen und Gletscherwänden zurück. Am Ende des Fjords erscheint ein Haufen von Häusern, Schuppen und Baracken. Im Hintergrund steht unter einem hohen Felskegcl eine kleine hölzerne Kirche. Rechts und links neben der Siedlung ist der Strand weithin nnt riesigen, gebleichten Wallnochcn bedeckt. Ein pcstilenzortigcr Gestank schlägt uns ent- gegen. Wir sind am vorläufigen Ziel unserer Reise angekommen. Bor uns liegt eine der Walfang st ationen von Süd- Georgien. Stcnbock-Fermor mit einer Schrift, die Gottfried Brandet für den Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands geschrieben hat. Graf Stenbock-Fcrmor hat seine Quellen nicht mit in seine Be- obachtungen und Eindrücke hineinverarbeitet. Er wandt« eine Art Montage an, die mit Ueberschncidungen und Ikberblendungen arbeitet. Da der Verfasser neben den Heimarbeitern und Erwerbs- losen auch auf die Industriearbeiter der Schwerindustrie aus dem Ruhrgebiet und Mitreldeutschland zu sprechen kommt, gibt sein Buch immerhin ein einigermaßen umfassendes Panorama des deutschen Proletariats. Schade, daß die eine Notwendigkeit, die sich so zwingend aus dem Geschilderten ergibt, nämlich, daß auch die wirtschaftlichen Or- ganisationcn der Arbeiterschaft, die Gewerkschaften, zu stärken und nicht durch Spaltung zu schwächen sind, von den neuen politi- schen Freunden des Grafen Stcnbock-Fermor nicht anerkannt wird. Dabei beweist gerade das Buch„Deutschland van unten", zu wie vielen wichtigen Positionen unserer Klasse diese Bastionen Schlüssel- stellungen sind. Georx Schwarz; ScrJ Urennecbe: Abenteuer in Metropolis Zu einer Tageszeit, als die Subwaystationen immer neue Menichenmassen ousschlucken und die Btetropolis aufkocht wie ein von unsichtbaren Giganten geheizter Höllenkessel, geschieht es, daß in der 36. Etage eines Wolkenkratzers in der 123. Avenue ein Fenster aufgerissen wird. Ein junges, bildhübsches Mädchen erscheint im Fensterrahmen. In die tosende Brandung unaufhaltsam vorüberflutender Menschen sällt gellender Hilferuf. Jäh abbrechend, denn neben dem Mädchen steht plötzlich ein riesiger, mit äußerster Eleganz gekleideter Mann mit einer schwarzen Maske. Ein Kampf entspinnt sich. Das Mädchen wird vom Fenster zurückgerissen. Unten stauen sich die Menschen. Signalpfiffc der Schutzleute verhallen ungehört. Man starrt. Gestikuliert. Frauen fallen in Ohnmacht. Da plötzlich....! Der Elegante erscheint wieder. Schwingt sich auf das Fenstersims. Wägt die Entfernung bis zum nächsten Vorbau. Springt. Springt gut. Ein zweiter Mann wird sichtbar. Auch er wägt die Entfernung. Springt. Springt gut. Der Elegante mit der Maske, jetzt kletternd an der äußersten Ecke des Vorbaues, sieht den Verfolger. In seiner Hand blitzt ein Browning auf. Er zielt kurz und schießt. Aber schon hat ihn der Zweite erreicht. Auf dem schmalen Vorbau entwickelt sich ein wilder, verzweifelter Kampf. Mann gegen Mann. Sekunden vergehen. Alles starrt in äußerster Spannung. Was ist das? Zum größten Erstaunen der auf dem Brodway harrenden Menge lassen die beiden Männer voneinander ab und reichen sich die Hände. Zur gleichen Zeit entrollt sich von oben ein riesiges Plakat mit der Inschrift: in der„Harald Tribüne"! So beginnt der n.eue Romas « Beuisehiand von unten Ein Panorenta des Proletariats Allerlei Soi ARBEITEfL 7U3SSALL Adler 08 schlägt Minerva 10:0 Das war gestern gerade kein günstiges Wetter für die Fuß- baller. Der aufgeweichte Boden machte Spielern und den Zu- schauern viel Sorge. Die größte Sorge hatte allerdings Minerva 2 8. In Pankow holten sie sich von Adler 0 8 eine 10: 0-Nieder- löge. Gewiß, die Neuköllner spielten fast eine halbe Stunde lang nur mit 10 Mann, von denen sich jeder ein Tor in die Tasche steckte. Solange die volle Mannschaft zur Stelle war, gelang es den Pankowern nicht, zählbare Erfolge zu buchen. Dann hatte ein Spieler Minervas das Pech, mit einem Pankower zusammenzu- schlagen, so daß er verletzt den Platz oerlassen mußte und dann war es mit dem Widerstand der Neuköllner vorbei. Die restliche Zeit bis zur Pause benutzten die Pankower dazu, dem Minerva- Torwart den Ball sechsmal zwischen die Pfosten zu setzen. Auch die zweite Spielhälfte stand stets im Zeichen der Pankower. Noch viermal holte Minervas Torwart den Ball aus dem Netz, während es den Neuköllnern nicht einmal gelang, den Pankower Torwart zu überwinden. So blieb Adler 08 sicherer Sieger und damit auch sicherer Spitzenreitek der Abteilung L. Lichtenberg I mußte gegen Luckenwalde I mit meh- rcren Ersatzleuten spielen. Trotzdem konnten die Luckenwalder nur mit 4: 3 als Sieger die chcimreise antreten. Mit dem Resultat 2: 2 ging es in die Pause. Dann legten die Luckenwalder zwei Tore vor, von denen das letzte aus einem Elfmeter resultierte. Die Lichten- bcrger machten nun alle Anstrengungen, um doch wenigstens un- entschieden wie in Luckenwalde zu spielen. Immer gefährlicher wurden die Angriffe, ober der„Lange" im Luckenwalder Tor hielt eben alles, bis auf einen Schuß des kleinsten Lichtenbergers. Zum Aus- gleich reichte es aber nicht mehr. Eintracht- Reinickendorf und Hansa 31 lieferten sich in einem Klubkampf eine vollkommen gleichwertige Partie. Die Reinickendorfer hatten schwer zu kämpfen, um den 3: 1-Vorsprung, den die Hanseaten sich errungen hatten, wieder einzuholen. Aber im Endspurt reichte es dann doch noch zum 4: 3-Sieg für Ein- tracht. Die Hanseaten zeigten wieder einmal, daß sie mit zu den spielstärksten Mannschaften des Nordens gehören.— Die zweiten Mannschaften trennten sich mit dem sicheren Sieg der Eintrachtleute von 4: 1. Eintracht hat somit den Klubkampf mit 4: 0 Punkten gewonnen.— Lichtenberg II und die zweite Mannschaft der Pan- kower Adler lieferten sich einen harten Kampf, der unentschieden 3: 3 endete.— Butab scheint sich jetzt wieder erholt zu haben. Das Freundschaftstreffen gegen Britz 88 konnten sie mit 5: 3 gewinnen. — Lichtenberg I 2 gegen Deutsch-Wusterhausen 4: 1. Südost 2 gegen Wacker 2 7:0. Friedenau gegen Osten 5: 2. Minerva Jugend gegen Eintracht 8: 2. Lichtenberg I Jugend gegen Nor- mannia 0: 2. * Ilürnberg-Osl wieder nordbayerischer Meisler. Der Exbundesmeister hat seinen letzten Widersacher, den Koburger Bezirksmeister Fr. T. Schney, mit 7: 2(3: 1) überzeugend geschlagen. In den ersten Minuten des Spiels sah es so aus, als würde Schney einen ebenbürtigen Gegner abgeben. Schney lag in diesem Zeitabschnitt mehr im Angriff als Nürnberg. Bald trat Nürnbergs Ueberlegen- heit in Erscheinung und Schney war nur noch in der ersten Halbzeit in der Lage, ein ernsthafter Gegner zu sein. Schneys vorzüglicher Torwart verhinderte eine höher« Niederlage. Der Landesmeister spielte zugunsten der Minlerhilse. Lor- beer 06-Hamburg und Bergedorf 1S85 führten einen temperamentvollen und abwechslungsreichen Kampf durch, den Bergedorf mit S: 4 gewann. Zur Halbzeit lag Lorbeer mit 3: 2 in Führung. Der finanzielle Ertrag des Spiels ist der Winterhilfe der Arbeiter- wohlfahrt überwiesen worden.— Wo bleibt Berlins Arbeiter- spart? Handball im Morast Leider machte der Regen durch das sehr reiche Arbeiter- Handballprogramm einen großen Strich, denn die meisten Spiele mußten ausfallen. Insbesondere litten die Spiele der ersten Klasse Die in der Borschau zum Ausdruck gebrachten Vermutungen sind fast alle eingetroffen. So kehrte in der Abteilung A die FTGB-. Nordost siegreich aus Hennigsdorf zurück. Zwar reichte es nicht zum zweistelligen Sieg wie bei der ersten Begegnung, aber 4: 0 bringt immerhin noch die Berechtigung für die 1. Klasse zum Ausdruck. Des weiteren setzt« sich die Freie Turn- und Sportvereinigung No- wawes über den Volkssport Wedding 3 sicher durch. Da- 5; 3 mutet schon anders an als 5:3.— Lediglich in der Abteilung L gab es bei dem einzigen ausgetragenen Spiel zwischen Volkssport Neukölln und FTGB.-Nordost eine Üeberraschung. Der Volkssport brachte es fertig, mit 4:1(1: 1) zu gewinnen. Nordring präsentierte eine ganz unmögliche M rnnschaftsaufstellung, die nie gute Leistungen erzielen wird. �rbeitertiockey 3n den ausgetragenen Spielen ist Tennis-Rot in Spandau gegen den dortigen Freien Hockeyklub mit 5: 1 Toren unerwartet hoher Sieger geblieben Spandau wurde wieder einmal ein Opfer verkehrter Mannschaftsaufstellung. Im Spiel Volkssport Neukölln gegen. den Athletik-Sportklub fanden die Neuköllner schwachen Widerstand und konnten 7: 1 siegen. Der Sportklub spielte sehr aufgeregt und ließ jeden einheitlichen Spielaufbau vermissen. Bei den Frauen befestigte Tennis-Rot 1 im Spiel gegen Volkssport Neu- kölln-Britz die führende Position durch einen knappen, aber sicheren 1:0-Sieg. Weitere Resultate: Freier Hockeyklub Spandau 2 gegen Turnverein Bernau I 3:1. Volkssport Neukölln 2 gegen Sport- verein Moabit 2 1: 4. Freie Turnerschaft Groß-Berlin-Iempelhof 2 gegen Sportverein Moabit 3 5:3. Die angesehlen Eishockeyspiele der Arbeilersporkler mußten aus- fallen, da das eingetretene Tauwetter die Plätze spielunfähig ge- macht hat.. Cxeratetvetücampt Eberswalde-Berlin Daß die Geräteserienwettkämpse der Arbeiterturner immer mehr Interesse finden, bewies der gestrige Kampf zwischen den Mannschaften der A-Älasse aus Eberswalde und Berlin-Moabit. Mehr als 200 Zuschauer hatten sich in der Turnhalle der Kirschner- schule iy der Turmstraße eingefunden. In der Hauptsache waren es die Eberswalder die mit großer Sicherheit an die Geräte gingen. So war es auch nicht zu verwundern, daß sie den Kampf mit 517 zu 514 Punkten gewannen. Im einzelnen ergaben sich folgende Resultate: Eberswalde: Borren 153 Punkte, Pferd 160 und Reck 162 Punkte. Moabit: Barren 158, Pferd 159 und Reck 166 Punkte. Als Umrahmung der Veranstaltung hatte man leichtothletische Weit- kämpfe eingefügt. Wenn hierbei das Tempo etwas beschleunigt worden wäre, hätte es bestimmt nichts geschadet. Man mußte lange warten, bevor die Wettkämpfer erschienen. Ueberhaupt zur Pünkt- lichkeitssragc noch einige Worte. Den Zeitungen wurde 13 Uhr als Beginn der Kämpfe angegeben, auf dem offiziellen Programm stand 13.30 Uhr; angefangen wurde aber erst um 14.15 Uhr. Das ist ein bißchen langes akademisches Viertel. „Ostring"- W aldlauf ASC. gewinnt die grotje Stafette Am Sonntag führten die Arbeitersportler Berlins im Planier- wald ihren ersten Winterwaldlauf durch. In der Stadt sah es durch das trübe, regnerische Wetter wenig verlockend aus. Man vermutete ein aufgeweichtes Gelände, doch draußen war vom Regen wenig zu spüren. Die Wegstrecke befand sich in vorzüglicher Ver- fassung. 170 Sportler stellten sich pünktlich dem Starter. Zuerst gingen die Sprinter über die 1000-Meter-Strecke. Im dichten Rudel liefen sie ein. Braunsdorf(Volksfport-Neukölln) gewann mit geringem Vorsprung. Bei den Frauen bürgert sich die Mittelstrecke zusehends ein. Der größte Teil der 30 gestarteten Sportlerinnen bewältigte die 1000 Meter in guter Verfassung: Edith Dumte(Ostring) erreichte 10 Sekunden vor Margarete Törn- blad(Proles) das Ziel. Die gleichzeitig gestarteten älteren Sportler sahen in dem früheren Kreissportwart Lippert(Ost- ring) den Besten. Auf der langen Strecke über 6000 Meter gab es durch einen Wassersportler eine Üeberraschung. Der Ruderer Czischke(RD. Vorwärts) siegte mit guten Vorsprung vor Bergens ll (Schönow). Beim 2000-Meter- Iugendlaufen präsentierte Ost- ring in Schumann einen guten Nachwuchsläufer, der knapp vor dem Favoriten Scharf(Volkssport-Neukölln) einkam. Das größte Interesse beanspruchte natürlich die 3x2000-Meter-Sta- fette. Die Wechselmarke lag am Ziel und gestattete dadurch einen guten Einblick in den Verlauf des Rennen. 23 Mannschaften er- schienen am Ablauf: beim ersten Wechsel war das Feld bis auf 100 Meter auseinandergezogen. ASC. führte bereits mit 15 Meter vor Ostring. Dichtauf folgten 2 Mannschaften von Schöneberg sowie Volkssport-Neukölln. Die zweite Runde entschied schon das Ende. AST. lag 20 Meter vor Ostring. Es folgten Schöneberg I und Volkssport-Neukölln. In dieser Reihenfolge endete das Rennen. Nur im Hinterfelde verschoben die letzten Läufer noch ihre Position. Ivvll Meter, Sprinter: l. Braunsdorf(Polksfport-Neulölln) 4:00,3: 2. Quist (VflrinjO 4:02,2; 3. Schönebeck(Raulsbotf); 4. Artiger(DSV. RotWeiß).— iOOO Meter, Sportlerinnen: 1. Dumte(Ostring) 4:39,7; 2. Törnblad(Proles) 4:49,9; 3. Stanislawski(Proles); 4. Monge(Osten).— 1000 Meter, ältere Sportler: I. Lippert(Ostring) 4:20; 2. Halbig(Osten); 3. Aroll(Ostrtng); 4. Berard(Ostring).— 0000 Meter, Sportler: 1. Cztschke(RV. Vorwärts! 18:23; 2. Bergens(Schönow) 18:49.4; 3. Teet(Volkssport Neukölln; 4. Iäbnchen (Aaulsdorf).— 2000 Meter, Jugend: 1. Schumann(Ostring) 3:48,1; 2. Scharf (Volkssport Neukölln); 3. Loest(Ostring).— 3 mal 2000,Mcter-Stafette: 1. ASC. I lö:S0ch; 2. Ostring r 16:07: 3. Schöneberg 17:49,4; 4. Pollssport Neukölln: 3. ASC. II: 6. ASC. IN; 7. Wildau: 8. Rot-Deiß: 9. Schöneberg II; 10. Proles l; 11. Ostring 11; 12. Ostring III; 13. Schöneberg HI; 14. Oft. ring IV; 15. Volkssport Neukölln._ Arbeiterwasscrballseric Spandau— Neptun 6:6 Die Mannschaften zeigten sich gegen ihre letzten Spiele trotz Umstellungen merklich verbessert und lieferten ein ausgeglichenes Treffen. Zu Beginn war Neptun durch die Schwäche der Spandauer Hintermannschaft leicht überlegen, aber Spandau spielte mit großem Ehrgeiz und zeigt« in der zweiten Halbzeit besseren Zusammenhang. Das Spieltempo war nicht übermäßig schnell, dafür sorgten beide Mannschaften durch vorbildlichen Spieleifer für einen stets spannen- den und wechselvollen Kampf. Besonders Spandau spielte im Gegensatz zum letzten Treffen gegen Hellas verbessert und hat in dieser Form noch gute Aussichten. Neptuns Mannschaft wird sich noch besser einspielen müssen, um wieder an seine frühere Form anzuschließen._ Keine Weihnachtsfeiern— Sonnenwendfeiern begehen die Arbeitcrsportler Eine Wintersonnenwendfeier, keine Weihnachtsfeier im landläufigen Sinne, sollte es fein, was der Arbeiterschwimmklub Neptun-Weißensee am Sonnabend im Weißenseer Gesellschafts- haus veranstaltete. Und die Weißenseer hatten damt recht getan. Vor vollem Hause sprach der Vorsitzende der Berliner Sozialdemo- kratie, Franz Künstler, über die Bedeutung der Sonnenwende für die arbeitende Klasse. Wenn man vor Jahrhunderten zur Freude große Holzstöße verbrannte, so werden jetzt, auf Grund einer falschen Auslegung über die Bedeutung des Tages, aus- geputzte Tannenbäume zur Schau gestellt. Die Kirche, die noch im Mittelalter Gegner dieser Feiern war, benutzte dann die Gelegen- heit, um für sich soviel als möglich herauszuholen. Den Bäuchen wurden Sterne und Kreuze angehängt, und Lichter ersetzten den Feuerschein der Holzstapel. Dieser Brauch hat sich bis in unsere Tage erhalten. Trotz aller Süßigkeiten, trotz aller Sterne und Kreuze ist die Not noch nie so groß gewesen, wie gerade heute. Im Zeichen des Kreuzes wurden in den Jahren 1914— 1918 Millionen von Menschen zur Schlachtbank geführt. Das Kreuz von Nazareth und das inter- nationale Kapital haben durch Jahrhunderte hindurch nur Unglück über die Menschheit gebracht: das in allen Kassenbüchern stehende „Gott mit uns" dient nur als Aushängeschild für den internatio- nalen Kapitalismus. Wir Sozialisten und Arbeitersportler wollen das Reich der Glückseligkeit nicht erst im Himmel sondern bereits hier auf Erden schaffen. Der Wandel in der Natur ist für uns das Signal zum Freiheitskampf, zum Kampf für den Sozialismus. Arbeitersportler, Sozialdemokraten und freie Gewerkschaftler reichen sich die Hände zum gemein- samen Kampf gegen die Unterdrückung, für die Freiheit. An dem Tage, an dem die Waffen des militärischen Staates in den Museen verschwunden sind, wird der wirkliche Friede auf Erden eingekehrt sein. Arbeitersportler sind Sozialisten, Sozialisten sind Kämpfer für den Sozialismus, für die Freiheit. Nach diesen Worten öffnete sich der Vorhang. Unter den Klängen der Internationale sah man eine Gruppe Arbeitersportler, die, rote Fahnen schwingend, die Freiheit begrüßten. Die Feier wurde von gesanglichen Darbietungen des Weißenseer Volkschors und eines Mandolinendoppelquartetts umrahmt. Das Arbeiterphoto Die dem Arbeiter-Lichtbild-Bund angeschlossene Freie Foto- Vereinigung veranstaltet im Städtischen Film- und Bildamt eine sehenswerte Photoaus st ellung. In dieser Bereinigung, der das Photographieren und zwar das positiv gestaltende Photo- graphieren Hauptaufgabe geworden ist, zeigen sich die Früchte solchen konsequenten Handelns. Die Landschaft ist in dieser Photo- schau als Motiv schwach vertreten, um so mehr sind Großauf- nahmen, Einzelmontageversuche, dokumentarische Porträts, Tier- aufnahmen vorhanden. Begrüßenswert, daß auch in der Technik keine Spielereien versucht werden, sondern der Hauptwert auf das Schwarzweißphoto gelegt wird und bis in die feinsten Halbton- nuancen vom Hell zum Dunkel getönt ist. Neben der guten tech- nischen Durchbildung der Photos ist aber auch die Motivgestaltung der Photos anzuerkennen, wobei Nachahmungen bekannter Photos erfteulicherweise vermieden wurden. Auf eine beachtenswert« Neue- rung sei hingewiesen, die auf allen Photoausstellungen zu finden sein sollte: Von jedem Photo ist in einem Katalog eine Original- kopie zu finden, unter der gleichzeitig angegeben ist, in welcher Weise das betreffende Photo zustande gekommen ist. Blende, Bc- lichtungszeit, Entwicklung, Art des Photopapiers usw. sind dadurch für den Besucher kein Geheimnis mehr, sondern die schwarze Kunst wird in ihrem technischen Werdegang rücksichtslos offenbart. Im Rahmen der Ausstellung hielt dieser Tage der Direktor des Städt:- scheu Film- und Bildamtes Dr. Günther einen Experimentol- Vortrag über das Sehen von Film und Bild. An Hand praktischer Beispiele bewies der Referent, daß dem Menschen die Fähigkeit, zu sehen, langsam abhanden gekommen ist und daß der einzelne sich erst langsam wieder dazu erziehen muß. Der Besuch der Photoausstellung, die bis zum 22. Dezember in der Levetzowstr. 1 Z nahe Gotzkowskybrücke(werktags von 14— 20 Uhr und Sonntags von 10— 20 Uhr) stattfindet, ist sehr zu empfehlen. Die Kanadier spielten hervorragend im Sportpalast Am Sonnabend spielten dieEishockeyleuteausOttawa in Kanada im Sportpalast gegen eine Nationolmarmschaft des Berliner Schlittfchuhklubs. Das ganz Heroorragende Kombinations- spiel der Kanadier war eine gehörige Lektion für die BSC.-Leutc, die sich überhaupt nicht zusammenfanden und so schlecht wie am Sonnabend wohl kaum jemals gespielt haben. 8:0 lautete das Resultat für die Kanadier, d. h. also, es hat für die Berliner noch nicht einmal zu einem Ehrentor gelangt. Die Zwischenresultate waren 1:0, 3:0, 4:0. Das zweite Spiel zwischen der Brandenburgischen Bevbandsmannschaft und dem LTC. Prag endete unentschieden 1:1(0:1, 0:0, 1:0). Am Sonntag stellte man den Kanadiern die Internationalen des BSC. gegenüber. Der Schlittschuhklub, dem durch die Teil- nähme von Lincke im Tor das Gefühl einer sicheren Verteidigung gegeben war, vollbrachte eine ganz große Leistung und gab sich nur knapp mit 2:1(2:1, 0:0, 0:0) geschlagen. Nach Beginn des Spieles. das vor nicht übermäßig gefülltem Hause stattfand, sah es zunächst so aus, als ob die Kanadier mit ihren Gegnern Katze und Maus spielen würden, aber bald ging auch der BSC. zum Angrisf über und dann wogte die Schlacht hin und her. Beide Torhüter bekamen reichlich Arbeit, wobei sich Lincke seinem Gegenüber St. Denis eben- bürtig zeigte. Im letzten Abschnitt machten die Ottawa-Leute einen ziemlich ermüdeten Eindruck, ihr Spiel ließ immer mehr nach was die Berliner zu immer besseren Leistungen anspornte. Gegen diesen Kampf fiel die zweite Begegnung, das Spiel zwischen dem LTC. Prag und einer kombinierten deutschen Mannschaft stark ab. Die Tschechen waren meist überlegen und gewannen schließlich mit 2:0(1:0, 1:0) Toren._ Kleiner Sport von überall Verlin verliert 1:6 im Fußball- Stadlekampf gegen Paris. Ob- wohl die Erwartungen auf sin erfolgreiches Abschneiden der Berliner Fußball-Städtemannschaft in Paris nicht allzu hoch geschraubt waren. so kommt der hohe Sieg von 6:1(3:1) Toren der Pariser Elf doch recht überraschend. Zwar fehlten in der Berliner Mannschaft die Standard-Verteidiger von Tennis-Borussia, Emmerich und Brunke, auch Sobek und einige andere gute Spieler waren nicht mit von der Partei, aber so kläglich durften Berlins Vertreter nicht ab- schneiden. „Hellas" zum siebenten Male wasserballmeister. Aus dem End- kämpf um die bürgerliche deutsche Wasserballmeisterschaft zwischen Hellas-Magdeburg und Weißensee 96 sind nun doch die Magdeburger als Sieger hervorgegangen, da sie dem Berliner Meister, der im ersten Endspiel ein Unentschieden(4:4) herausholen tonnte, im Rück- spiel mit 5:3(3:2) das Nachsehen gaben.- 10-Tage-Aahrt ins Riesengebirge für 63 IN. Der letzte Anmelde- termin für die Beteiligung an dieser Fahrt ist Mittwoch, 16. De- zember, 20 Uhr. Zu dieser Zeit findet in der Geschäftsstelle des Touristenvereins„Die Natursreunde", Iohannisstr. 14, eine Bc- sprechung mit den Fahrtteilnehmern statt. Zwei Filme vom Wintersport Der Touristenverein„Die Naturfreunde" und der Arbeiter- Turn- und Sportbund, 1. Kreis, veranstalten Dienstag, 15. De- zember, 20 Uhr, in der Aula der Schule Gleimstr. 49 einen Film- abend. Gezeigt werden zwei Filme vom Wintersport, und zwar die Arbeiter-Wintersport-Olympiade in Mürzzuschlag 1931 und der Skilauflehrfilm„Der große Sprung". Unkostenbeitrag: 50 Pf., für Erwerbslose und Jugendliche bei Vorzeigen der Stempel- karte bzw. des Arbeitersportoereinsausweises 30 Pf. Die Aula wird um 19.30 Uhr geöffnet. Fahroerbindungen: 47, 48, 49, Omnibus 9, U-Bahn bis Nordring. Kartenverkauf in der Geschäftsstelle des Touristenvereins, Iohannisstr. 15, Telephon: v 1(Norden) 4177, und in der Warenvertriebsstelle des Arbeiter-Turn- und Sport- Bundes, Königsberger Str. 6, Telephon: E 7(Weichsel) 0660. Stüde geht nach Amerika Es steht nunmehr bestimmt fest, daß die Daimler-Benz-Werke sich im nächsten Jahr an keinerlei Rennen beteiligen werden. Von den beiden Europa-Bergmeistern Rudolf Caracciola und Hans v. Stuck hat ersterer seine Engagementsverhandlungen mit ita- lienischen Firmen noch nicht abgeschlossen. Hans v. Stuck tritt am 12. Januar in Begleitung von zwei LSK-Wagen die Reise nach S ü d a m e r i k a an. Er wird zunächst in ArgenUnien und Bra- silien Rennen bestreiten und sich dann nach Nordamerika be- geben, um dort hauptsächlich im Westen der USA. an den Start zu gehen. Bekanntlich wollen auch die beiden erfolgreichen Bugatti- Fahrer Chiron und V a r z i während des europäischen Winters Rennen in Südamerika bestreiten. Ernst Henne als Flieger Der bekannte Münchener Motorradrennfahrer Ernst Henne, der sich besonders durch seine zahlreichen Weltrekordfahrten auf BMW. einen Namen gemacht hat, ist unter die Flieger gegangen. Er schult zur Zeit noch bei der Deutschen Verkehrsfliegerschule in Schleißheim, hat aber bereits die ersten Alleinflüge hinter sich.