BERLIN Alitwoch 23. Sezember 1931 10 Pf. Rr. 600 B 300 48. Jahrgang Erscheint tfialidj außer Sonntag j. ß M££> W H j 1 1 s c it 8 r f 1 1:?Ie Noncarrto-j-lle 80 TU Z-glki» Adcnd�usgadk te«.Vorwä'l«' Bejiigivret« für C§M/ a H jf U t®® Rktlam-zeile»M Srmäßtgungm-a« Tarif.>vogsa>««ktonl»: deide Ausgabkn 8öTf. srv JBodie. 3,6(1 ÜK. rro SRonat m. rri F. f// B ff.."'Sormärtä-r«las®, m. b. StiHn flr. 37 536.- Ccr Bttln« (taron 95 Tf. monatitcb für SuftfUan« �äuf) im ODran« HA» Jj g/ JL£/f /*> Ä/VBJL. dryäl« da« Recht»er«dlahim»,«Ich! genrd«-r Anictg«, aar' labidar D a il b«« II z«.32 M. cinschllrßlich R> Pf. Pogiritung». �J'g G yCQ �U\XXJ 99 f W«edattib» and Srvrbilton Berlin SWS�. LindenNr» »nb 72 Pf. Paiibrilcllzrbüdrr». f ff Ff Sf rn f t r ecbr r• Eänbaff fA 71 292—297 Deutsch-russisches Abkommen W,;' 1 Neue Vereinbarungen unterzeichnet- Genehmigung vorbehalten Goerdelers Weihnachtsgeschenke Amtlich wird mitgeteilt: Tie am 14. November von dem Reichswirtschafts- minister Professor Warmbold mit dem Führer der Delegation der UdSSR.. Botschafter Chintchuk» er- öffneten Wirtschaftsverhaudlungen, die dem Zwecke dienten, den gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen eine festere Grundlage und Möglichkeiten für eine weitere Ausgestaltung zu schaffen, sind am 22. Dezember durch Unterzeichnung eines Protokolls zum Abschluß gebracht worden. Die Beschlüsse dieses Protokolls, die der G e n e h m i- guug der beiden Regierungen unterliegen. dienen besonders der Beseitigung von Schwierig- ketten, die infolge der Weltwirtschaftskrise auf allen Absahmarkte« und somit auch im deutsch-russischen Waren- verkehr in der letzten Zeit entstanden waren. Der Verlauf der Besprechungen, die unter Hinzu- ziehung der beiderseitigen beteiligten Wirtschaftskreise geführt worden sind» läßt erwarten, daß das den Per- Handlungen gesteckte Ziel erreicht werden wird. Das Feierjahr gebilligt. Parlamentsausschaltung künstig verbeten. Washington. 23. Dezember. Der Senat hat das Hoaver-Maratorimn mit 69 gegen 12 Stim- men ratifiziert. Die vom Repräsentantenhaus beschlossene Zusatzerklärung gegen künftigeReoision oderAnnullierung der Kriegsschulden wurde vom Senat ohne jede Erörterung g c- billigt. Die Moratoriumsvorlage hat damit Gesetzeskraft erhalten. Im Verlauf der Sitzung wurde ein Ergänzungsantrag, in dem die Revision des Vers ai Her Vertrages als Vorbedingung des Schuldenfeierjahres gefordert wurde, abgelehnt. Die Annahm« des Hoooer-Moratorimns erfolgte nach elfftündiger Debatte. Fast olle progressistischen Senatoren stimmten d a- gegen, und sie waren fast die einzigen, die vor mehr oder weniger leeren Bänken die angegebene Zeit hindurch sprachen. Ihre Angriffe richteten sich nicht gegen Deutschland oder gegen die dem Moratorium zugrunde liegende seinerzeitige Abwehr einer deutschen Zinanzkatastrophe, sondern gegen Frankreich, das unverdient von dem Moratorium profitiere, und gegen choover, der verfassungswidrig über die Finanzen der Union im Interesse des Auslandes verfüge, sich aber geweigert habe, die gleiche chilfe den bedrängten eigenen Lands- l e u t c n durch Emberufung einer außerordentlichen Session des Kongresses zu verschaffen.. Sie beantragten Zusätze, die alle ab- gelehnt wurden. Hastenilassungen im Helldorf-Prozeß. Drei verheiratete Angeklagte entlassen. Das Ergebnis des Hastprüfungstermins wurde heule morgen von dem Gericht nicht in öfsentlicher Sitzung mitgeteilt, sondern als schriftlicher Beschluß den Parteien zugestellt. Aus der Haft entlassen wurden nur die Angeklagten Friske, Kuhn und B a r h mit der Begründung, daß sie verheiratet seien. Die Entlassung der übrigen in hast befindlichen Angeklagten wurde abgelehnt. Sicherung der Lohnzahlung bei Borsig. Llm das Schicksal der Werksparkasse. Die Firma Borsig war heule in erster Linie bemüht, die Auszahlung der am morgigen Donnerstag fällig werdenden Löhne in höhe von 150 000 Mark zu sichern. Nach Mitteilung der Werk- leilung bestand heute vormittag alle Aussicht dafür, daß die Lohn- Zahlung morgen ohne Schwierigkeiten erfolgen würde. Man hosst besonders noch auf das hereinkommen größerer Beträge aus den erheblichen Außenständen der Firma, die man dann auch in acht Tagen, wenn Gehälter und Löhne in höhe von ZOO 000 Mark fällig werden, dringend benötigt, was das Schicksal der Werksparkasse betrifft, so wird heule abend eine vom Betriebsrat im Einvernehmen mit der Betriebsleitung einberufene Versammlung sich mit dieser Frage beschästigen. Es. wird voraussichtlich ein Ausschuß gebildet werden, der die Znleressen der Werksparer im«eiteren ZZerlaus der Angelegenheit wahrnehmen soll. Der preisdikiator berichtei über seine Arbeit Der Reichskommissar Dr. Goerdeler machte heule mitlag einige Mitteilungen über den Stand der Preissenkungs- a k l i o u. Was den Brolpreis anbelangt, so haben die Brotfabriken bereit, zugesagt, den Preis ab 28. Dezember von 52 auf 48, vielleicht sogar auf 47 Pfennig zu senken. Die Berliner Bäckereien werden ab 1. Zanuar eine zehn- prozentige Senkung des Brotpreises vornehmen. Die höchst- spanne soll künftig 14 Pf. betragen, so daß sich der Preis von 50 Pf. auf 45 Pf. pro Kilo ermäßigen würde. Bei Fleisch ist die Handelsspanne gesenkt // Vorwärts" 10 proz. billiger! Der ,.Vorwärts"-Bcrlag hat eine Ermäßigung seines Abonnementsprcises ab 1. Januar um 10 Prozent beschlossen. worden. Sie betrug bisher pro Pfund: bei Schweinefleisch 1(5,5 Pf., künftig 15 Pf., bei Riodsleisch 24 Pf.(20 Pf.), bei Kalbfleisch 29 Pf.(25 Pf.), bei Hammelfleisch 2K.4 Pf.(25 Ps.). Den städtischen Verkehrsunternehmungen wird die Befärdernugssteuer generell erlassen, aber nur insofern sie die ersparten Beträge zur Senkung ihrer Tarife verwenden. Die Gemeinden Leipzig und Dresden haben gleichartige Ermäßigungen wie Berlin beschlossen. Die Gaswerke müssen bis zum ZI. Dezember dem Reichskommissar ihre Vorschläge über Tarissenkungen berichten, d«r dann Beschluß fassen wird. Bei den Elektrizitätswerken wird diese Frist am 10. Januar ablaufen. Für Berlin schweben gegenwärtig noch die Verhandlungen zwischen dem Reichskommissar und der Bewag. Die meisten Zelluugsverlage haben eine zehnpro- zenll ge herabsehung des Abonnemenlspreises bereits be- schloffen. Ueber Preissenkungen im Buchhandel wird morgen zwischen dem Kommissar und der Leipziger Börsenverelnigung des Gpiritusgeld für die DNVP. Für je 400 Liier Spiritus will die pommerfche Spiriws-Verwertungsgeiellschast einen Groschen an die deuischnationale Parteitasse zahlen. Buchhandels verhandelt werden. Es gibt da gewisse Schwierigkeiten wegen der Verrechnung mit den Sortimenlsbuchhändlern.+ Im Einverständnis mit der bayerischen Regierung ist dem Reichskommissar Goerdeler der Präsident des bayerischen statistischen Landesamtes, von Zahn, als bevollmächtigter Vertreter für Bayern zugeteill worden. Ob auch für die anderen Länder ähnliche Bevollmächtigte ernannt werden, steht noch«ficht fest. Darüber wird noch mit einzelnen Länderregierungcn verhandelt. Oer Schnaps dient der Verdummung;- warum soll nicht auch der Erlös der Volksverdummung dienen?! Die Wirrungen in der Handelspolitik. . Die Schweiz erhöht den Butterzoll. Der Schweizerische Nationalrat hat mit 88 gegen 30 Stimmen den Bundesrat ermächtigt,„zum Schutze der in chren Lebensbedingungen bedrohten nationalen Produktion" und zur Be- kämpfung der Arbeitslosigkeit vorübergehend die Einfuhr bestimmter Waren zu beschränken. In der Aussprache sagte der Vorsteher des Polkswirtschafts-Departements von der Kündigung des deutsch- schweizerischen Handelsvertrages, daß diese nicht den Zollkrieg be- deuten solle, sondern weitere Verhandlungen durchaus ermögliche. Als erste Einschränkungsmaßnahme beschloß der Bundesrat, den Zoll für alle Buttersorten vorübergehend, und zwar bis längstens 31. März 1932 um einen weiteren Zuschlag von 60 Franken je 100 Kilogramm zu erhöhen. Bisher betrug der Zoll 20 bis 30 Franken(gegenüber einem SO-Mark-Zoll in Deutschland). In der Schweiz, dem Viehzüchter- und Butterland, soll sich gegen- wärtig die Einfuhr der nordischen Buttcrländer, deren Währungen gestürzt sind, fühlbar auswirken. Die Ruhrzechen verlangen einen Kohlenzoll. In der Mitgliederversammlung des R h e i n i s ch- W e st f ä l i« schen Kohlensyndikats wurde über die schlechte Entwick- lung des Kohlenabsatzes im Dezember berichtet und gesagt, daß man für Januar noch ungünstigere Mengen- und Erlösergebnisse er- warte. In der nächsten Zeit sei infolge der Absatzentwicklung und des Pfundsturzes ein weiterer Belegschaftsabbau möglich in der höhe von vielleicht 20 000 Mann. Bei dieser Sachlage sei die so- fortige Senkung der Küstentarife, eine Verschärfung der Kontingents- Politik und ein Kohlen zoll gegen englische Kohle notwendig. Man soll mit dem Kohlenzoll vorsichtig sein. Roch läßt sich nicht übersehen, wie die bisherigen Frachten- und übrige» Kostensenkungen sich auswirken, die bei der Kohle besonders weit- greifend waren. In der Kontingentierung sind ebenfalls noch Mög- lichkeiten vorhanden. So sehr auf Deutschlands Gesamtinteresse zu achten ist bei den gegenwärtigen handelspolitischen Wirren in der Welt, so hat Deutschland doch selbst das größte Interesse daran, nicht von sich aus das weltwirtschaftliche Tollhaus vollkommen zu machen. Anwalt springt in die Spree. Nervenüberreizung durch Nikotinvergistung. In d«r letzten Nacht sprang am G r ö b e n u f e r ein älterer Herr in die Spree, konnte aber von Droschkenchauffeuren, die den Vorfall beobachtet hatten und sofort zu Hilfe eilten, noch lebend aus dem Wasser gezogen und nach dem Urban-Krankenhaus gebracht werden, hier stellte sich dann heraus daß es sich um einen 34jährigen Rechtsanwalt und Notar Dr. h. aus Berlin handelte. Der Anwalt, der sich großer Wertschätzung in Kollegenkreisen erfreut, litt seit einiger Zeit infolge einer Nikotinvergiftung, die er sich durch übermäßigen Tabakgcnuß zugezogen hatte, an einer Nervenüberreizung. Gestern abend hatte er sein Büro im Zentrum der Stadt wie gewöhnlich verlassen, war aber in seine in Wilmersdorf gelegene Wohnung nicht zurückgekehrt, sondern ist an- scheinend in seinem krankhaften Zustande in Berlin umhergeirrt, wn sich schließlich in selbstmörderischer Absicht in die Spree zu stürzen. Weihnachlsamnestie in Frankreich. Der Senat in Paris ver- abfchiedete das Amnestiegefetz. Das Gesetz geht der Kammer zur Bestätigung zu. Oer Spuk der Goldklausel. Wann macht die Regierung diesem Llnsug ein Ende? Das Kartellgericht hat Ende voriger Woche in dem Konflikt der Warenhäuser gegen industrielle Lieferfirmen, die ihre Rechnungen in G o l d m a r k ausstellten oder mit der Goldklausel versahen, eine Entscheidung gefällt, die von weittragendster wirtschaftlicher Bedeutung ist. Es handelt sich bei diesem Konflikt darum, daß der Verband der deutschen Waren- und Kaufhäuser an der Goldmarkfakturierung der Industrie Anstoß nahm, weil er mit Recht darin einmal ein ausgeprägtes Mißtrauen gegen die deutsche Währung sowie den Versuch erblickte, das Valutarisiko auf den Handel abzu- wälzen. Da die industriellen Lieferanten auf den Protest der Einzelhandelsverbände nicht reagierten, hat der Warenhausverband über mehrere industrielle Unternehmungen den Boykott verhängt. Gegen diesen Boykott hatte die Gegenseite das K a r t e l l g e r i ch t angerufen, das de» Rechtsstandpunkt des Warenhausverbandes an- erkannte. Ueberraschenderweise fühlt sich jetzt der Reichsverband der Deutschen Industrie dazu berufen, dieses Urteil des Kartellgerichts zu attackieren und in einem Rundschreiben seine Mit- glieder zu einer Rebellion gegen den Spruch des Gerichts auf» zuputschen. Es macht dem Spitzenverband der Industrie dabei nichts aus, daß er noch vor wenigen Monaten in der Frage der Goldmarkrechnungen einen völlig entgegengesetzten Standpunkt eingenommen hat. Dieser Vorstoß des Reichs- Verbandes hat zu einer Einheitsfront der Spitzenoerbände des Einzelhandels geführt, denn die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels hat sich mit dem Warenhausverband solidarisch erklärt. In einer Presiebßsprechung brachten die Vertreter dieser Organi- sationen zum Ausdruck, daß eine Goldrechyzmg nur dann sinnvoll wäre, wenn sie durch die ganze Wirtschaft ginge, d. h. wenn Löhne und Gehälter gleichfalls mit der Goldklausel versehen würden. Aeußerst charakteristisch für die währungspolitische Einstellung be- stimmter industrieller Kreise ist die Tatsache, daß seit den Nazi- wählen im September 1930 die Fakturierungen in Gold einen un- geahnten Aufschwung genommen haben, wobei sich besonder» die „Schwerindustrie des Textilgewerbes", die Spinnereien, auszeich- lieten. Gegenwärtig ist der Konflikt in ein neues Stadium ge- treten. Der Warenhausverband hat zunächst zehn weitere Liefer- firmen zum Boykott eingereicht und steht mit insgesamt 399 Firmen wegen Abschaffung der Goldklausel in Verhandlung. 5)iervon sind 171 Firmen bereit, mit dem Unfug der Goldmarkrech- »ung aufzuräumen. Andererseits kündigen industrielle Verbände „Gegenmaßnahwen" an. Die Vertreter des Handels und der Warenhäuser sind aber nicht gewillt, in dieser Frage nachzugeben. Sie erwarten, daß die Reichs- regierung durch eine Notverordnung endlich mit dieser industriellen Unsstte Schluß macht. Wenn die Regierung auf diesem Wege nicht einschreiten will, soll zum mindesten die R e i ch s b a n k durch diskont- und deoisenpolitifche Maßnahmen die widerspenstige Industrie sehr nachdrücklich an chre Pflichten gegenüber der deutschen Währung erinnern. Weniger denn je ist es gegenwärtig angebracht, einer Jntcressentengruppe innerhalb der Gesamtwirtschaft ein P r i- vilegium einzuräumen. Neue Schlappe Lavals. Llm die Sanierung der Transatlantischen Schiffahrtsgesellschast. Der russische Hauptausschuß tagt. Eröffnungssitzung des Zentralexekutivkomitees. Moskau, 23. Dezember.(Sowjetagentur.) Di« Tagung de» Zentralexekutiokomitess der Sowjetunion wurde durch den Vorsitzenden des Zentralexekutiokomüees P e> trowssi im Kremlpalost eröffnet. Der Eröffnung wohnten bei: die Mitglieder des diplomatischen Korps. Vertreter der Fabriken, der Kommunistischen Partei und der verschiedenen Or- gamsationen sowie in- und ausländische Pressevertreter. Stalin, der während der Rede Petrowskis auf der Tribüne erschien, wurde durch eine minutenlang dauernde stllrnnsche Ovation der Versammel- ten begrüßt. P e t r o w s k i führt« aus: Da« Zentralexekutivkomstee tritt am Vorabend des Alischluhjahres des Fünfjahrplanes zusammen. In den abgelaufenen orei Jahren des Fünfjahrplanes find gewaltige Erfolge im sozialistischen Aufbau auf allen Gebieten erzielt worden. Die Industrie hat im laufenden Jahre 2 7<)c>l>l)9 neue Arbeiter herangezogen. 1932 werden für den Bau neuer Werke 21 Milliarden Rubel angelegt werden, das Volkseinkommen wird 19 Milliarden Rubel erreichen. Die Erfolge sind auf Festigung des Sowjetsystems zurückzuführen, das immer neue Millionen Werk- tätiger zum sozialistischen Aulbau heranzieht. Während die Sowjet. union erfolgreich den Sozialismus aufbaut, verstärkt sich in den kapitalistischen Ländern die Krise und verschlechtert sich die Lag« der Werktätigen immer mehr. Unter den Imperialisten verschie- dener Länder tobt der Kampf um die Märkte und wird ein neuer imperialistischer Krieg im Fernen Osten und Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitet. Indem die Tagung des Zentralexekutivkomitees die Ergebnisse dreier Jahre des Fünf- jahrplanes beurteilt und die Kontrollziffern für 1932 feststellt, führen die Regierung und die Partei die breiten Massen im Jahre 1932 zur Vollendung des Fünfjahrplanes in vier Jahren. Nach der Annahme der Tagesordnung erhielt M o l o t of f das Wort zum Bericht über die Kontrollziffern für 1932. * Das weite industriearme Rußland kann beim Aufbau einer gewaltigen Produktion seine Arbeitermassen beschäftigen. Noch so große Bewunderung dieser erfolgreichen Riesenarbeit kann nicht vergessen machen, daß in den Industriestaaten Mittel- und West- europas alles und noch mehr als in Rußland geschaffen wird, schon vorhanden— ja die rationalisierte Uebei Produktion dieser kapitalistisch bewirtschafteten Länder eine Hauptursache der ungeheuren Arbeitslosigkeit ist. Westlich von der Sowjetgvenze kommt eine Verwendung der Arbeitslosen zu industriellem Aufbau gar nicht in Frage. Die Lohnkürzung in der Kali-Lndustrie. Halle, 23. Dezember. Der vom Reichsarbcitsminister eingesetzte Sonderschlichter llldinisterialrat Dr. C l a s s e n hat am 22. Dezember für die deutsche Kaliindustrie folgende Entscheidung in der Lohnsrag« gefällt: Die in der Lohntafel vom 1. Februar 1929 festgesetzten Lohnsätze werden ab 1- Januar 1932 um IS Proz. gekürzt. Die Kürzung um IS Proz. erstreckt sich nicht auf die Leistungsprämien und Zulagen, ferner nicht auf»die in dem Arbeitsabkommen vorgesehenen festen Sonderzuschläge. i Poris, 22. Dezember.(Eigenbericht.) Die Regierung ist heute abend in der Kammer wieder ein- mal in die Minderheit geraten. Seit dem Vormittag beriet die Kammer über einen Gesetzentwurf, auf Grund desien der Com- pagnie Generale Transatlantique, der größten französischen Schiff- fahrtsgesellschaft, die im Sommer in Zahlungsschwierig- keiten geraten ist, vom Staat eine Garantie für eine Anleche von 399 Millionen Franken gegeben werden soll. Als Gegen- leistung soll die Gesellschaft dem Staat Hypotheken aus ihre Ge- schäftshäuser und Schiffe geben. Die Berichterstatter der Finanzkommisiion und der Kommission für die Handelsmarine befürworten den Entwurf, kritisieren aber die bisherige Geschäftsführung der Gesellschaft und bedauerten, daß das Parlament nicht die Sicherheit habe, daß die vorgesehenen 399 Millionen die letzten seien. Nachdem der im Sommer mit der Sanierung der Gesellschaft beauftragte Regierungskommissar Ger- main-Martin die Kritik als teilweise berechtigt anerkannte und sogar zugegeben hatte, daß die Gesellschaft im Jahre 1939 eine g e fälschte Bilanz vorgelegt habe, gingen die beiden Sozialisten L a f o n t und R e y n aud zum Generalangriff gegen den Entwurf vor. Reynaud erklärte, die Kammer dürfe nicht weiter eine Rolle spielen, die nicht zu ihren Aufgaben gehöre. Diese Rolle mache aus der Kammer ein „Generalunlernehmcn für Sanieruagen". Er kritisierte, daß der trotz der Krise in Angriff genommene Bau eines Riefenluxusfchiffes mehrere hundert Millionen koste und bemerkte, daß die der Regierung als Gegenleistung gebotenen Hypotheken wertlos seien. Schließlich beantragte Reynaud die Zurückverweisung der Vorlage an die Kommission. Diesem Antrage schlössen sich ein Redner der Regierungsmehrheit und der Sozialist M o ch an, der eine Abstimmung über den Antrag ver- langte. Der Mini st er der Handelsmarine, der bereits vorher für die schnelle Verabschiedung des Entwurfs eingetreten war, da die Gesellschaft sonst den Konkurs erklären müsse, b c- kämpfte den Antrag. Trotzdem sprach sich die Kammer mit 275 gegen 266 Stimmen für die Zurückverweisung an die Kommission aus. Weihnachtsamnestie für Autonomisten. Paris, 22. Dezember.(Eigenbericht.) Nach einer kurzen Debatte, in der Justizminister Berard den elsässifchen Autonomismus verurteilte, aber erklärte, die Einhest Frankreichs sei so stark im Herzen des Volkes verankert, daß die Regierung diejenigen amnestieren könne, die die wahren Kräfte des französischen Volkes für einen Augenblick vergessen haben, wurde die Amnestievorlage mit einigen geringfügigen Aenderungen angenommen. Sie muß nur noch von der Kammer ratifiziert werden. Belgische Heeresverstärkung. Jandervelde gegen die zwei Arten von Völkern. Brüssel, 22. Dezember.(Eigenbericht.) DiebelgischeKammer befaßte sich am Dienstag mit einem Regierungsentwurf, der das jährliche Heereskonttngent von 33999 auf 34999 Mann erhöht. Vandervelde be- kämpfte den Entwurf und legte den Standpunkt der Arbeiterpartei zu der bevorstehenden Abrüstungskonferenz dar. Er verlas bei dieser Gelegenheit einen Auszug aus eine Rede des französischen Kriegs- Ministers Maginot, in der es heißt, Frankreich müsse allein darüber urteilen, was es für seine Rüstungen nötig habe. Dieses sei— so sagte Vandervelde— ein unzulässiger Standpunkt zu einer Zell, in der andere Staaten, wie Deutschland und Oesterreich, zwangsweise entwaffnet worden seien. Es könnten in Europa un- möglich zwei Kategoriem von Völkern nebeneinander leben. Die Siegerstaaten hätten die Pflicht, das in Versailles ge- machte Versprechen einzulösen. Wenn die Genfer Abrüstungskonfe- renz ergebnislos bleiben sollte, dann werde Deutschland das Recht beanspruchen, wieder aufzurüsten, und das würde zu einem neuen internationalen Wettrüsten und schließlich zur Katastrophe führen. Wenn es aber so weit komme, dann würden sich in allen Ländern Millionen von Männern finden, die sich weigerten, an einem Krieg teilzunehmen. Man würde es dann nicht mit einem Krieg von Volt zu Volk, sondern mit einem blutigen Bürger- krieg innerhalb jeden Volkes zu tun haben, der den Untergang der Zivilisation nach sich ziehen würde. Brennende Trümmer. Ein drittes Todesopfer in Stuttgart festgestellt. Stuttgart, 23. Dezember. Die Feuerwehr war auch heute früh um KS Uhr mit allen Zügeu damit beschäftigt, fch Brand am Nordflügel de» Alteu Schlosses zu löschen. Da sich etwa im ersten Drittel des Nordslügels gegenüber dem neuen Schloß eine Brandmauer befindet, die schon am Montag das Feuer aufgehalten hat, ist ein Uebergreifen des Feuers auf weitere Teile des Nordslügels nicht zu befürchten. Dagegen besteht jetzt nach der zweiten Brandnacht für den oberen Teil des Nordostturmes ernste Einsturzgefahr. Aus diesem Grund? ist heute früh für den gesamten Straßenbahn- und Autobus- oerkehr Verkehrssperre auf der Planie, um eine Erschütte- rung der Straße zu vermeiden, polizellich angeordnet worden. Im Laufe des Vormittags soll der obere Teil des Nordost- turmes umgelegt werden. In dem fast vollkommen aus- gebrannten Ostflügel gegenüber dem Karlsplatz und in dem Südost- türm gegenüber der Markthalle schwelte das Feuer die ganze Nacht weiter. Der bisherige Wasserverbrauch für die Löscharbesten ist ganz ungeheuer. Er betrug bis gestern abend nach einer Feststellung des Wasserwerkes 1,54 Millionen Kubikmeter. Zum Teil wird das Wasser durch Pumpen wieder ausgesaugt und noch einmal zum Löschen des Brandes benutzt. Während der vergangenen Nacht haben sich keine weiteren Unfälle mehr ereignet. Einer der schwerverletzten Feuerwehrleute ist g e st o r b e n, so daß die Zahl der Todesopfer des Brandes sich jetzt auf drei beläuft. Politik im Ausland. Ein kleiner Adolf in Paris. Man schreibt uns: Den Geschäftsführer des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes in Paris, V o e l k e r, hat der Ruhm Hitlers nicht schlafen lassen. Er hat dem Vertreter � eines illustrierten Sensationswochenblattes„Voila� eine Unterredung gewährt und sich dabei in einer das deutsche Ansehen schwer schädigenden Weise geäußert. Der Vertreter des französischen Blattes hatte zunächst eine Unterredung mit dem Korrespondenten des„Völkischen Beobachters" Albert Körber und ist von dort zu dem DHV.-Geschäftsführer Voelker gegangen. Der Vertreter des DHV. antwortete auf die ihm gestellte Frage: „Ich bin nicht Nationalsozialist, sondern Nationalist. Aber Hitler ist notwendig für Deutschland, wie Mussolini es für Italien gewesen ist. Wir werden die Verantwortlichkeit für den Krieg nicht anerkennen. Wir wollen nicht 69 Jahre lang die Strafe für einen Konflikt tragen, den wir nicht verschuldet haben und von dem wir nichts wußten. Wir wollen den Frieden, aher Sie denken nur an den Krieg, wenn Sle 3hre Reparationen; haben wollen, müssen Sie sie in Berlin suchen gehen." Diese Aeußerung des deutschnationalen Geschäftsführers hat nicht nuXin den Reihen der Mitglieder des DHV. in Paris eine große Erregung hervorgerufen, sondern auch die Deutsch« Lotschaft soll Aufklärung beim DHV. oerlangt haben. Der DHV. hatte im April dieses Jahres eine Sondernummer seiner Auslandszeitschrift herausgegeben, in der sich in Frank- reich wohnende Mitglieder über Frankreich selbst ge- äußert haben. Diese Aeußerungen der Mitglieder des DHV. über Frankreich sind um deswillen besonders wertoyll. weil es sich um deutschnationale Angestellte handest. Sie kommen in ihren Aufsätzen zu einer wesentlich anderen Beurteilung, und selbst Herr Voelker läßt in einem Aufsatz Frankreich volle Gerechtigkeit wider- fahren. Ein deutschnationaler Angestellter schreibt: „Und ich muß gestehen, daß mir persönlich kaum jemals ein Franzose feindselig gegenübergetreten ist." Aus einem anderen Aufsatz in der gleichen Rummer sind föl- gende Sätze gerade in diesen Tagen besonders wert festgehalten zu werden: „Man mag über den früheren Kaiser denken wie man will, aber man soll den Franzosen gegenüber nie schlecht über den Kaiser oder die alte Armee sprechen. Ebenso zu verwerfen ist aber auch die Bemerkung eines Deutschen in Lyon, die neue deutsche Fahne sei:„noir-rauxe- mereie."(D. h. schwarz-rot-Dreck! Red. d.„Vorw.") Das sind innenpolitische Angelegenheiten, die einen Aus- länder nichts angehen. Uebrigens: Selbst der glühendste französische Monarchist würde so etwas nie von der Triko- lore sagen." „Jeder Deutsche, der nach Frankreich gebt, soll sich bewußt sein, daß er von der Bevölkerung viel kritischer beobachtet wird als irgendein anderer Ausländer Er foll sich daher so benehmen, daß er seinem Vaterlande kein« Unehre macht." Diese Stimmen deutschnationaler in Frankreich tätiger Ange- stellten zeigen, daß die Mitglieder des DHV. anderer Ansicht sind als der Geschäftsführer. Furcht vor rotem Tuch. Sine überflüssige Anfrage und eine devfliche Aniwort. In Ermangelung besserer Aufgaben hat die auf Wbau gestellte Fraktion der sogenannten Volkspartei im Preußischen Landtag eine Kleine Anfrage gestellt, in der sie sich darüber beschwerte, daß bei der Trauerfeier für den im Dienst verstorbenen Polizeihaupt- mann Stark, die in Gegenwart des Polizeipräsidenten von Berlin im Staatskrankenhaus stattfand, eine rote Fahne mit dem Aufdruck:„Proletarier aller Länder ver- einigt euch!" gezeigt worden sei. Das Staatsministerium wurde gefragt, wie die Anwesenheit der roten Fahne bei einer dienstlichen Feier mit dem allgeiiMnen Verbot, im Dienst Partei- abzeichen und dgl. zu zeigen, in Uebereinstimmung zu bringen sei. Der preußische Minister des Innern hat jetzt folgende Antwort ertellt: Die Trauerfeier war eine private Veranstaltung, an der Kameraden des Verstorbenen in der üblichen Weise teil- genommen haben. An dem privaten Charakter der Veranstal- tung vermag auch die Tatsache nichts zu ändern, daß ein Teil der Feier nicht, wie ursprünglich vorgesehen, im Krematorium, sondern in dem Dienstgebäude des Staatskrankenhauses der Polizei stattfinden mußte. Da Polizeihauptmann Start der Sozialdemokratie als Mitglied a»gehörte, beteiligt« sich an der Leichenfeier auch eine Abordnung er genannten Partei mit ihrer Parteifahne. Di« Anwesenheit dieser Abordnung steht mit den erlassenen Bestimmungen nicht in Widerspruch. Die Kleinsiedlung. Kleinere Giedlungsvorhaben zunächst zurückgestellt. Der Reichskommissar für die vorstädtische Kleinsiedlung teilt mit, daß alle kleineren Siedlungsvorhaben von weniger als 199 Stellen vorerst zurückgestellt werden müssen, bis der vordring- lichste augenblickliche Bedarf der Notstandsgebiete gedeckt ist. Ex stellt weiter fest, daß bereits jetzt eme erhebliche Senkung des Preises der Baustoffe eingetreten ist, so daß zu dem vor- gesehenen Höchstpreis von 3999 Mark sowohl in Massiobauweise wie in solider Holzkonstruktion ein Gebäude hergestellt und errichtet werden kann, das'in jeder Weife den Lebensbedürfnissen der Er- werbslosen entspricht und von ihnen als erstrebenswertes Eigenheim betrachtet werden wird. Da in erster Linie kinderreiche Familien angesiedelt werden sollen, müssen neben einer geräumigen Wohn- küche mindestens drei Schlafräume vorgesehen werden, von denen ein Teil durch Ausbau des Dachgeschosses geschaffen werden darf. Neben den Wohn- und Schlofräumen sollen die Häuser noch ent- halten: einen Stall für Kleintiere, ein Klosett, einen ausreichenden Abstell- und Kellcrraum und einen zur Lagerung von Vorräten ge- eigneten Dachboden. Schlägerei und Schießerei in Verlin O. Eine wilde Schießerei spielle sich am Dienstagabend gegen 19K Uhr vor dem Hause KSnigsberger Straße 18 ah. Der 37 Jahre alle Arbeller Karl H. aus der Memeler Straße geriet mll mehreren jungen Burschen in Streitigkeiten. Es ent- wickelte sich eine wüste Schlägerei und Schieß eret, bei derH. am Kopf getroffen wurde. Der Einsturz im Vatikan. Vier Arbeiter vermißt.- 20000 Bücher vernichtet. Rom. 23. Dezember. Bei dem Deckeneinsturz in der vatikanischen Biblis- t h e k wurden rund 20 Ml) Bände, bei denen es sich fast ausschließ- lich um Druckwerke handelt, unter den Trümmern begraben. Die unersetzlichen Manuskripte, die bis ins vierte Jahrhundert nach Christus zurückreichen, dürften mit ganz wenigen Ausnahmen un- beschädigt geblieben sein. Nach den in letzter Abendstunde von vatikanischer Seite vor- genommenen Feststellungen fehlen noch vier Arbeiter, die wahrscheinlich unter den Trümmern begraben sind. Drei Ar- beiter, die im Erdgeschoß beschäftigt waren, konnten sich wie durch ein Wunder noch rechtzeitig außer Gefahr bringen. Ueber die U r s a ch e n des Einsturzes ist man vorerst auf Ver- mutungen angewiesen. Es wird angenommen, daß infolge des Nach- gebens von drei Pfeilern im eigentlichen Bibliothekssaal des dritten Stockwerkes das Dach über dem Querflügel eingestürzt ist und da- durch die Katastrophe verursacht wurde. Drei Todesopfer geborgen. Unker den Trümmern des eingestürzten Teils der vatikanischen Bibliothek sind die Leichen eines Bibliothckbenuhers und zweier Arbeiter gefunden worden. Die Feuerwehr seht die Räumungs- arbeiten fort._ „Die Nacht ohne pause." Titania. . Am laufenden Band serviert man uns ein paar Schlager, Max Adalbert und Siegfried Arno. Die beiden bewährten Darsteller müssen sich durch viel« Szenen hindurch langweilig ulkift benehmen, bis Siegfried Arno, der Ge- schäftskompagnon, zur Ehe geeignet erscheint. Will doch die Tochter des Hauses durchaus einen Mann isiit Vorleben. Arno kommt zu diesem, indem er das Bild eines Filmstars tauft und Max Adalbert dieses BUd mit einer von glühenden Liebesworten strotzenden Wid- mung versieht. Dadurch wird der bislang unbeachtete Mann Plötz- lich zum Held des Tages, bis die Diva persönlich in der Kleinstadt erscheint. Das gibt dann zu den verschiedensten Berwickelungen und einem guten Ende den Anlaß. Ein paar vortreffliche Szenen enthält der Film: wenn die Film- leute sich über sich selbst lustig machen. Sonst vermeiden die Re- gisseure Franz Wenzler und B Morton peinlichst neue Ein- fälle. Darum sind auch Adalbert und Arno nicht vor Aufgaben von Bedeutung gestellt. Recht nett war diesmal Ida W ü st, die ihre Rolle mit persönlicher Anmut spielte. Camilla Horn sah fabelhaft aus und Ilse K o r s e ck spielte nicht sich selbst, sondern nur den Typ der Camilla Horn. Die Filmindustrie hat es in der Schoblonisierung also wirklich beträchtlich weit gebracht. e. b. Walter Kinkel— 60 Jahre. Genosse Walter Kinkel, Professor der Philosophie an der Universität Gießen, begeht am 23. Dezember seinen sechzigsten Ge- burtstag. Kinkel, ein Schüler des Marburger Philosophen Hermann Cohen, hat sich große Verdienste um die Geschichte der Philosophie erworben. Sein Hauptwerk, die große sünfbändige„Allgemeine Geschichte der Philosophie" betrachtet und untersucht die philosophische Lehre im Zusammenhang mit allen kulturellen Er- scheinungen. Daneben hat Kinkel eine große Reihe wertvoller Unter- suchungen über einzelne Perioden- und einzelne Philosophen ver- ösfentlicht. Eine liebevolle Darstellung ist dem Leben und dem Werk seines Lehrers Hermann Cohen gewidmet. Kinket, der aus der Famllie des Dichters Gottfried Kinkel stammt, hat neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten eine Reche feinsinniger Gedicht- und Essaybände verfaßt. Für soziale Gerechtigkeit ist Walter Kinkel stets mit besonderem Mut eingetreten, auch in Zeiten, als das Bekenntnis zum Sozialis- mus für einen Universitätsprofessor nicht ungefährlich war. In Wort und Schrift hat er zu den großen praktischen Fragen der Gegenwart mit Entschiedenheit Stellung genommen. Die wissenschaftlichen Pro- bleme des Marxismus nehmen einen breiten Raum in seinen Schriften und Vorlesungen ein. Seine Untersuchung über„Ibsen und der Sozialismus" erschien im Dietz-Verlag. Sechstes philharmonisches Konzert. Furtwängler eröffnete es mit Paul Graeners„Flöte von Sanssouci", eine Suite im alten Stil. Sie besteht aus Prälu- dium und Sarabande. Gavotte. Air und Rigaudon, hat ganz hübsche Einfälle und ist ordentlich gearbeitet, im übrigen aber eines der vielen Produkte rückwärts gewandter Sehnsucht und idealisierender Interpretation des 18. Jahrhunderts. Wilhelm K e m p s. der Solist des Abends, spielte Schumanns.�-Moll-Konzert in dem höchstpersön- lichen Stil, mit all den leidenschaftlichen Temporückungen und be- sessenen Ekstasen des romantischen Virtuosen. Schluß und Höhe- punkt war Beethovens 7. Sinfonie, von Furtwängler herrlich ge- tönt, schattiert, aufgebaut und zu höchster Wirkung gebracht. A. W. Beitragssenkung der Volksbühne. Im Hinblick auf die ver- mincerten Löhne und Gehälter hat die Derwaltung der Volksbühne beschlossen, ihre Mitgliederbeiträge ab 1. Januar um 10 Proz. zu senken, wenigstens soweit es sich um Bonstellungen des eigenen Theaters handelt Der Besuch einer Aufführung kostet demnach sauf sämtlichen Plätzen) künftighin nicht mehr 1,70, sondern 1,53 M Um technische Schwierigkeiten zu umgehen, wirb der Differenzbetrag von 17 Pf. für ied« Vorstellung bei Erhebung des letzten Beitrags im Jahr verrechnet SBerStörle WunUh Di« Ruinen des Alten Schlosses von Stuttgart, das mit seinen keichen Kunstschätzen einem verheerenden Brande zum Opfer fiel. Ein Blick in den großen Saal der Bibliothek des Vatikans, in der durch Einsturz einer Decke schwerer Schaden an historischen Kunstwerken angerichtet wurde. „Oer Hauptmann von Köpenick." Mozart-Saal. Carl Zuckmayer nennt sein Theaterstück eine deutsche Legende. Das persönliche Schicksal des Hauptmanns von Köpenick ist nicht wichtiger als das Milieu, als die ganze wllhelminische Aera, denn erst der Fetischismus der Uniform erklärt die Vorgänge. Der Film, vom Autor und Albrecht Josef geschrieben, folgt dem Drama. Auch die Besetzung der meisten Rollen entspricht der des Deutschen Theaters. Hier im Film kommt die Idee des Ganzen prägnanter heraus als auf der Bühne. Ein Mensch, in die Ma- schinerie des Gesetzes geraten, kann sich trotz aller Anstrengung nicht rangieren. An der Serie seiner Verfehlungen hat die Gesellschaft schuld, die ihm keine Möglichkeit zum Wiedereintritt bietet. Und dieser Mensch weiß die Gesellschaft dort zu packen, wo sie am emp- findlichsten ist, an ihrem Glauben an die Uniform. Der Regisseur Richard Oswald findet den Ausgleich zwischen den beiden Elementen. Es entsteht das unrettuschierte Bild einer militärwütigen Gesellschaft. Der Reserveleutnant bleibt das Ideal des Bürgers, der restlos glücklich ist, wenn er das bunte Tuch tragen darf. Ein paar Szensa illustrieren diese Einstellung, in der sich die gesamte Gesellschaft wohlfühlt. Ueber das Erleben Wilhelm Voigts hinaus runden sich diese Bilder zu einem soziologischen Por- trät einer Epoche und ihrer Menschen. Der Film wird, da er in seinem Darstellungsbereich weiter spannt, noch mehr als das Drama zu einer Kritik, zu einer außerordentlich witzigen Kritik jener Zeit, die heute noch-wm vielen als höchster Wunschtraum verehrt wird. Oswalds künstlerisches Verdienst liegt darin, daß er die Quintessenz einer Szene gibt, und in jeder Szene die Grundmelodie anschlägt. Alles bezieht sich auf das Zentrum, auf den Altar der Uniform. Max Adalbert ist der Träger der Hauptrolle. Gedrückt, Nein, schicksalshaft ergeben, schuldig-unfchuldig verwandelt er sich selbst, wenn er die Uniform angezogen hat. Auch er, der mit der Uniform spielt, verfällt ihrem Zauber. Erschütternd die rührende Einfachheit seiner Klage. Ausgezeichnet die Nebenrollen. In jeder Beziehung ein Werk, das die künstlerischen Möglichkeiten des Ton- films demonstriert. F. Sch. „Stichwort Feldena." Die Tribüne? Die Schauspielerin Else Eckersberg läßt sich in drei ver- schiedenen Gestalten bewundern, als Darstellerin eines Bühnenstars, als ihre Doppelgängerin uno als Verfasserin. Sie hat das Spiel „Stichwort Feldena" selbst geschrieben und sich dabei natürlich mit einer netten Rolle bedacht Sie läßt alle Künste ihrer eigenwilligen Persönlichkeit spielen, und wir hätten gewünscht, daß sie als Autorin denselben Charm entwickelt wie als Schauspielerin. Die Idee, die dem Stück zugrunde liegt, ist gar nicht so schlecht: Ein Bewunderer der berühmten Schauspielerin Maria Felden erfährt zu seinem Schrecken, daß sie auf einfachen Telephonanrus jederzeit für ein gutes Honorar zu einem Schäferstündchen bereit ist Er stellt sie in ihrer Garderobe zur Red«, und da kommt heraus, daß eine Un- bekannte ihren Namen mißbraucht und aus ihrer Aehnlichkei! mit dem Filmstar Kapital schlägt. Um die Schwindlerin zu entlarven, verabredet der Anbeter auf die ü'liche Weise die nächste Zusammen- kunst, und die abenteuerlustige Maria Felden bekommt den Einsall, dabei ihre eigen« Doppelgängerin zu spielen Das gibt ein« einiger- maßen lustige Szene m dem eleganten Absteigequartier Sie be- nimmt sich so gekünstelt und geziert, daß er tatsächlich glaubt, die falsche Felden vor sich zu haben. Nachdem sie ihn völlig verwirri hat, gesteht sie ihm endlich, daß sie das Abenteuer mit ihm ge. sucht hat. Else Eckersberg hat es gereizt, neben der Darstellung der Doppel- rollen aufregenden und anregenden Bühnenbetrieb zu zeigen. Die ersten zwei Akte spielen im Theater, aber was wir da zu sehen bekommen, sind olle Kamellen. Der Blick hinter die Kulissen er- öffnet keine interessanten Perspektiven. Auch sonst zeichnen sich die Dialoge durch erhebliche Längen und Banalitäten aus. Zum Schluß gibt es außerdem ein Uebermatz an Sentimentalität, das schwer auf die Nerven geht Uebrig bleibt nur die Freud« am Spiel der Else Cckersberz. Sie brilliert mit ihrem Temperament, ihrer Anmut und Verwandlungsfähigleit und ihrer stets erfrischenden Munter- keit. Einen lieben netten Jungen spielt Hans Brausewetter. Der herzliche Beifall, der am Schluß ertönt«, ist auf Konto der beiden Hauptdarsteller zu setzen. Dsr. Ein neuer Operettenfilm. „Ronny" im Gloria-palast. Zu Weihnachten, sagte sich Reinhold Schünzel, der Re- gisseur des entzückenden Films„Der kleine Seitensprung", muß man den Leuten ein hübsches Filmmärchen darbieten mst viel Zuckerzeug und Marzipan. Am besten eignet sich dazu ein Duodez- Hofstaat mit einem jungen Fürsten, der eine Oper komponiert hat, mit einer netten Militärspielerei— die Soldaten marschieren im ! Tanztakt— und geschmackvollem Luxus. Man kann dabei das Ope- ! rettenfürstentum mit feinen schiebenden und traditionsgemäß den � Hof mit kleinen Pompadourchen versorgenden Ministern und die ganze Kleinstadt, die mit dem Hof tanzt, hübsch und zierlich ver- ulken. Man kann prachtvoll geschwungene Treppen zeigen und viele Pagenbelne- Emmerich Kaiman wird eine hübsche Musik dazu machen, vor allem aber man hat Käthe von N a g y, eine eat- zückend frische und anmutige Frau, die von einer kleinen Theater- angestellten sogleich zum Star des fürstlichen Theaters avanciert und im Sturm den Herrn der Herrlichkeit erobert, aber keine Maitresse sein will, sondern eine ehrliche Geliebte. Schließlich ist Willy F r i t s ch nicht zu vergessen, der hier seine ganze nette und liebenswürdige Art entfalten kann. Dazu ein Hofstaat mit Otto W a l l b u r g(ulkiger Theaterintendant), Aribert Wäscher und Hans W a ß m a n n. Also, sagte sich Neinhold Schünzel. und ging mit erprobten Mitteln ans Wert. Das Resultat ist eine leichte süffige Sache mit Treffern, die sich schon so und so oft bewährt haben. Man wird immer wieder an all die anderen Liebeshöfe der bald männlichen, bald weiblichen Operettenfürstlichkeiten erinnert und stellt resigniert fest: Nun ja die Tonfilm„kultur" besteht in der Wiederholung: sie spekuliert auf ein Publikum, das sich durch Märchen über die Wirk- lichkeit wegtäuschen läßt. r. (Ein Königspalast in El Amarna entdeckt. Bei den Ausgrabungen in El Amarna stieß man auf Spuren eines 3l)t)i1 Jahre alten Königs- palastes, der wahrscheinlich der Palast der Königin Nofretete nach ihrem Sturz war. Jarmila Novotna singt in der Städtischen Oper als Gast in der Sil- vesteraufführung der„V e r k a u s t e n Braut" die Maria. Im Lessing-Muscum, Brüderstr. 13, und S-.-. schen stehen:... mit Musik von Albert Lortzing und„Ein Groteske mit Musik von Dittersdorf. zelongen allwöchentlich > Freitags „Musikali- rogramm ........ Spieluhr", oman in der Waschküche" eine Die Märchenoper„Hansel und Grete!" wird am 1. Feiertag mn 2 Uhr, am 3. Feiertag um 2.30 Uhr, am 30. Dezember um 2 Uhr, am 1. Januar um 2 Uhr, am 2. Januar 2.30 Uhr in der Städtischen Oper gegeben. Ausstellung AUamerikanischer Kunst in der Akademie ist auch an den beiden Weihnachtsseiertagen geöffnet von 10— 2 Uhr. Silvesteraussiihrunge». Am Silvesterabend wird in der Staatsoper die neu bearbeitete Operette Geisha gegeben. Im Staatlichen Schau- s p i e l h a u s wird„E h a r l e n s T a n t e": im S ch i l l e r«? h e a t e r: „Die göttliche Jette" gegeben. Ksi'ne Feier ohne Meyer Htroiann Mtytr V C o«. Ac*.6tC> Weihnachtsmarkt am Arbeitsamt Keieriagsgescha'st für Artisten, Musiker, Kellner gleich Null Auf den Nachweisen der weihnachtlichen Saisemorbeiter drängeln sich oerzweiseltc Menschen mit einem letzten Rest Hoffnung im Herzen... In der„P a r e n n a", dem Nachweis für Artisten, stehen die Gänge gepfercht voll Menschen. Unablässig rasselt das Telephon mit Anfragen um Engagement, der Postbote schleppt Briefstöhe herbei, deren Inhalt nur den einen Sag umkreiset:„Ich liege frei: vielleicht ein kleines Weihnachtsgeschäft?" Traurig zieht das heitere Soubrettchen im allzuleichten Mäntelchen die Türe des Nerinittlerzimincrs hinter sich zu. Aus des Spaßmachers Stirne gräbt sich eine neue, tiefe Svrgenfalte... Dag Weihnachtsgeschäfl ist so gut wie nicht der Rede wert. Seit dem Juli hat das ganze Vergnügungsgewerbe den letzten, ganz schweren Stoß nach unten erhalten, die Gagen stürzten um etwa SlZ Proz., die Arbeitsplätze sind aus ein Minimum zusammen- geschrumpft. Wo einer verlangt wird, stehen zwanzig da, einige kleine Vereine engagieren sich für ein, zwei Tage ein paar Kräfte, ein paar Cafes nehmen die Feiertage über zwei künstlerische Ein- lagen, eine Soubrette und einen Spaßmacher: nur Heiteres hat überhaupt noch einige Existenzberechtigung. IM, höchstens 2V0 Menschen kommen Weihnachten über in ein kurzes Arbeits- Verhältnis, ihnen stehen 8000 arbeitslose, darbende Kollegen gegenüber... Ist es bei den Künsllern traurig, dann ist es bei den Musikern geradezu katastrophal: seit dem ungeheuren Arbellsrückgang durch Tonfilm und Apparatnuisik folgten Wirtschaftskrise und Notver- ordnung, die das Musikergewcrbe vollends zu Boden warfen. Was noch an minimaler Verdienstmöglichkeit übrig blieb, das schnappen Nebenberufler, Beamte, Mililärmusiker uud die Schmuh. konkurrenz der Dilettanten, der sogenannten„Konfektionsnmsiker", weg, die für jeden möglichen. besser gesagt unmöglichen Lohn arbeiten. Im Vorjahre, das eben- falls schon im Zeichen schlechtester Konjunktur stand, waren um diese Zeit wenigstens 20 Aufträge für Silvester vorhanden: in diesem Jahre ward bisher e i n ganzer Musiker gefordert und keiner hofst, daß noch Nennenswertes sich ereignen wird. Das Weihnachtsgeschäst, das ungefähr dem Sonntagsbetrieb gleichzählt, bringt also keinerlei freudige Ucberraschungen. Für Sonirtag laufen ein bis zwei Aufträge ein. Jeder Unternehmer reduziert heute seine Kapelle auf den kleinsten Spielkörper, es werden hauptfächlich zwei bis vier Mann, oder gar nur ein einziger Klavierspieler verlangt: hat einer Glück gehabt und ein Sonnabend- oder Sonntagsgeschäft erwischt, dann darf er aber seine Beine in die Hand nehmen, denn Sonnabendabend muß unbedingt zu Kontrollzwecken in die Stempelstelle in der Besselstraß« marschiert werden. Wer nun das Pech hat, daß fem Zahltag gerade auf den Sonnabend fällt, der hat das Vergnügen, zweimal an einem Tags den„Spaziergang" zu machen, egal, ob er in Rieds rfchönhaufen oder in Treptow, in Reinickendorf oder in Britz wohnt. Wie slehis mit dem verdienst? Ein Musiker, der einen ganzen langen Abend spielt, geht mit 7 Mark nach Hause— im Vorjahr waren es noch 12 Mark—, ein Ballmusiker, dessen Arbeitszeit von 8 Uhr abends bis 5 Uhr morgens währt, hat ganze 20 Mark verdient, aber beileibe nicht netto, da geht laut Notoerordnung etliches davon in Abzug. Kapell- meister und Stehgeiger müssen unbedingt jung, hübsch und gutangezogen sein, sonst heißt es: einmal und nicht wieder. Dasselbe trostlose Bild ist bei den Gastwirtsangestelltcn. Voriges Jahr um diese Zeit waren«s„nur" über 9000 Arbeitslose, heute zählt man ihrer in Berlin über 14 000, wobei die Frauen die überwiegende Mehrheit bilden. Das Gastwirts- gewerbe pflückt ja als letztes die Früchte wirtschaftlichen Wohl- standes, denn, erst wenn die Menschen Arbeit und Verdienst haben, können sie ins Restaurant oder ins Cafs gehen. Am Nachweis wird für all die Bedauernswerten das Menschenmöglichste getan. Der Leiter der Vermittlungsstelle ist chnen ein richtiger Vater. Er nützt all seine Verbindungen, hat täglich 80 Freitische ergattert, eben sind ihm schriftlich M Weihnachtspakete mit Lebensmitteln zugesagt worden. Auch hier rangiert das Weihnachtsgeschäft dem Sonntagsbetrieb gleich, das bedeutet eine Vermittlungsziffer von etwa 150 Kellnern. Das letzte gute Weihnachtsgeschäft war 1929 mit 300 Vermitllungen. Auch hier arbeitet Schmutzkonkurrenz: etwa 15 Kellnervereine bieten zu Schundlöhnen ihre Arbeit an. Jeder siebente Gastwirtsangestellte ist ausgesteuert! 563000 Arbeitslose in Berlin Schars ansteigende Noi Das Tempo der Verschlechterung der Arbeits- Marktlage hat sich auch im Bezirk des Landesarbeitsamles Brandenburg In der ersten Dezemberhälsle beschleunigt. U m- fangreichen Entlassungen in allen Berufegruppen standen nur gcringsügige Einstellungen gegenüber. Neben dem Zugang aus den Außenbe rufen wurden auch aus der Industrie wieder größere Freistellungen von Arbeilskräflen als Folge von Bctriebscioschränkungen gemeldet. Die Zahl der Arbeilsuckz enden erhöhte sich im Gesamtbezirk deg Landesarbeitsamtes um 47 0S2 aus 7 7 g S Z 4. in Berlin um 24 842 aus 562 5 19 Personen. 3n der Arbcltsloscnocrsichcrung betrug der Zugang 16 552 per. sonen. so daß am Schlüsse der Lerichtszeit 194 467 Personen Ar- beitslaseuunlerstutzung bezogen, davon 127 092 in Berlin. Aus Alitleln der Krisenfürsorgc wurden 197 030 Personen unter- stützt sin Berlin 141 633). Wohlsahrtserwerbslose wurde», am 39. November d. 3. im Gebiete des Landcsyrbeitsamles 222 45? gezählt, in Berlin 184 87 5. Daraus ergibt sich die ungeheure Belastung Berlins durch die Wirtschaftskrise. Im einzelnen wird gemeldet: In der Glasindustrie im Arbeitsamtsbczirk Senftenberg wurden von vier Firmen Entlassungen vorgenommen: ein Betrieb zeigte Kurzarbeit an, zwei meldeten völlige Stillegung und ein vierter Teilstillegung an. In der Metallindustrie lzat sich die Lage weiterhin verschlechtert. Bon der im Vorbericht gemeldeten Stillegung der Brennaborwerke in Brandenburg a. d. H. wurden 1782 Arbeitskräste betroffen, das find 11 Proz. der am 13. Dezember 1931 im gesamten Gebiet des Arbeitsamtes Brandenburg a. d. H. gezählten Arbeitsuchenden. In Berlin nahm die Elektro-, Radio- und Kabel- Industrie erneut zahlreiche Entlassungen vor, denen in der erstgenannten Branche noch weitere umfangreichere folgen sollen. Im T e x t i l g e w e r b e hat sich die Lage der Tuchindustrie verschlechtert, dagegen zeigte sich die Sorauer-Linderoder-Leinen- industric weiter nufnahmesähig: in den Arbeitsamtsbezirken Fürsten- walde und Teltow machte sich eine Belebung in der Teppichweberei bemerkbar. Soweit das Bekleidungs- gewerbe in Frage kommt, lagen Einzelanjorderunge» für kurz- friftige Arbeiten aus der Konfektions- und Maßbranche vor. Die Lage in der Hutindustrie war in den einzelnen Arbeitsamts- bezirken sehr verschieden. Die kurze Frostperiode Anfang des Monats AZejexnber brachte das Baugewerbe züm Erliegen: die Arbelten wurden beim Nachlassen des Frostes zögernd und. in geringem Umfange wieder aufgenommen, dürsten jedoch durch den erneuten Frost- einbruch inzwischen berclls wieder eingestellt sein. Der Kälte- einbruch, verbunden mit der abflauenden Kampagne in der Kartoffel- und Rübenindustrie, führte auch in.der Berufsgruppe Lohnarbeit wechselnder Art zu einer bedeutenden Verschlechterung der Arbeitemarktlage. In den A n g c st e l l t e n- berufen war nur der Abruf von jüngeren Ver- käuferinnen für den Wechnachtsverkauf etwas lebhafter. Der Zugang von Stcllcnsuchcndcn aus der Metallindustrie war noch sehr erheblich. Mittionsnheer von Ltnierstühien. Trockene Zahlen der preußischen Etatisiit. Die Zahl der von den Gemeinden betreuten Wahlfahrts- erwerbslosen ist im November weiterhin stark gestiegen. Nach der Erhebung des Preußischen Statistischen Landesamts vom 30. November sind in Preußen 999 585 vom Arbeitsamt an- erkannte Wohlfahrtserwerbslose bei den Bezirksfürsorgeverbän- den gezählt worden gegenüber 920 408 am Ende des Vormonats. so daß sich im November eine Zunahme um 79177 oder 8,6 Proz. ergibt, die noch etwas stärker ist als der Zugang im Oktober (71 282) und den im Acrgleich-monat des Vorjahres(42 748) bei weitem übertrifft. Auf 1000 Einwohner entfallen im Staatsdurchschnitt jetzt 26,2 Wohlsahrtserwerbslose. Gegen den 30. November 1930 hat sich die Wohlfahrtsenverbslofenzahl um 472 609 oder 89,7 Proz. erhöht. Einschließlich der unterstützten Wohlfahrtserwerbslosen, deren An- erkennung durch das Arbeitsamt nur am Stichtage noch nicht aus- gesprochen gewesen ist(Ende November 19 858), sowie der strittigen Fälle(5360), ist die Gesamtzahl der von den preußischen Be- zirksfürsorgeverbänlden laufend unterstützten Wohlfahrtserwerb slofen von rund 939 000 Ende Oktober auf 1025 000 Ende November angewachsen. Von den Wohlfahrtseriverbslosen haben 57 470(Oktober 62 591) in Fürsorge- oder Notstandsarbeit gestanden. In den Landgemein- den(+ 14,3 Proz.) und kreisangehörigen Städten(+ 13 Proz.) ist der Zugang an Wohlfahrtserwerbslosen während des Berichts- monats, infolge des weiteren Rückströmens der vorübergehend in der Landwirtschaft, in Zuckerfabriken und mit Außenarbeiten bc- schäftigten Wohlfahrtserwerbslosen, wie im Vormonat, erheblich stärker gewesen als in den Stadtkreisen. Gtadtbankkrediie an Gklarek. Leo SNarek in der Offensive. 3m Sklarek-Prozeh ging es am Rliilwochmorgen wieder einmal hoch her. Lea Sklarek wandte bei der Erörlerung des Sladtbank- komplexes die gleiche Methode au, die er während des ganzen pro- zesics nicht ohne Erfolg angewandt hat. Bon der Bcrleidigung ging er zum Angriff über. Den Angriffspunkt bildet der Amtsdireklor hoffmana. Leo Sklarek bestreitet, gewußt zu haben, daß die Stadtbank der Firma Sklarek Kredite auf Rechnung gewährt habe, hinter denen keine Waren steckten. Er behauptet aber, daß auch die Stadt- bankdirektoren H o f f m a n n und Schmidt davon Kenntnis gc- habt hätten, daß sie, Sklareks, der Ansicht gewesen wären, daß diese Vorlegung von Rechnungen nur Formalitäten darstellten, die Sklareks erhiellen ihren Kredit auf Grund ihres guten Namens. Das Geheimnis dieser Kreditgewährung, erklärt Leo Sklarek, sei in der Allmacht eines Hintermannes zu suchen, dessen Namen er vorläufig noch nicht nennen wolle. Dieser Mann würde vor Gericht als Zeuge ähnlich den» Zeugen Schüning gezwungen sein, die Wahrheit zu sagen. Hossmann und Schmidt sei dieser.Mann gut bekannt. Wenn sie nicht so feige wären, würden sie hier seincii Namen nennen. Hosfmann legte gegen den Vorwurf der Feigheit Verwahrung ein.„Ja, feige!" wiederHoll Leo Sklarek. Aus dem Munde eines der Verteidiger fällt der Name des Stadtrats Rosen- thal, der mit den» allmächtigen Hintermann gemeint sei.„Ja", sagt Leo Sklarek,„gerade den meinte ich. Mar Sklarek, die Direktoren Hoffniann und Schmidt, Stadtrat Rosenthal und der Stadtkäminercr Lange seien es gewesen, die die Kreditgewährungen an die Firma Sklarek ermöglichten. Jedesmal, wenn dm Kreditausschuß tagte, saßen Direktor Hofsmann mit Rosenchal beisammen. Rosenthal war es, der die Dinge noch zu Lebzeiten des Justizrats Bambergsr schob? nach dessen Ableben war man sich sofort einig, daß Rosenthal in den Kreditausschuß kommen müsse. In einer Stunde war olles erledigt. Er war ja auch der einzige Kopf»rntor all den Leuten." Leo Sklarek redet sich wieder ozarm. Rechtsanwalt Glogauer will wissen, kkb Leo Sklarek behauptet, daß auch Rosenthal von den „Irregularitäten" bei der Kreditgewährung Bescheid gewußt habe. Leo Sklarek: Ich habe mit ihm darüber nie gesprochen. Er hatte nmncr nur mit Max zu tun, aber gelegentlich einer Jagd in Waren war ich zugegen, wie er sagte, daß das noch nicht existierende Kails- haus der Brüder Sklarek die Million bekommen würde, und er war es auch, der uns erklärte, daß der Kredit der Sklareks auf 214 Mil- lionen Dollar ansteigen würde. Zu Zusammenstößen kam es auch bei der Erörterung der bei den Brüdern Sklarek durchgeführten Revisionen. Sklarek be- haupkek, Hofsmann habe ihm gelegentlich seiner Beschwerden über die Unruhe, die die ständigen Revisionen. in dem Sklarek- Betrief», verursachen, gesagt: Die Revisoren sind unsere Angestellten, wir werfen sie einfach hinaus. Der Angeklagte Hoffmann wi.dcrfprich't dieser Belzauptung sehr energisch. Im Gegenteil, als Leo Sklarek sich über die Revisoren beschwerte und erklärte, er ließe sich das nicht gefallen, sagte ich zu chin: Ich zweifle zwar keinen Augenblick daran, daß bei Ihnen alles in Ordnung ist, Revisionen müßten aber aufs peinlichste durchgeführt werden. Worauf Leo Sklarek sagte: „Wie könnte dem» auch bei uns irgendeine Unregelmäßigkeit vor- kommen! Wir haben dazu viel zu viel Personal." Die Sklareks find ehrenwerte Leute. 3m Eisenbahnzug gestorben. Der nsuernannte Botschaftsrat Orhan Scheinst Bey von der Türkischen Botschaft in Berlin ist im internationalen Schlafwagen Berlin— Konstantinopel des»Zuges 33. der in Breslau Montag inittag cintrog, plötzlich gestorben. Die Todesursackje war vermutlich Herzschwäche. Genossin Emma Gries in Slrolau, Krachtftraße 11, wird heute, am 23. Dezember, 70 Jahre alt: sie gehört der Partei seit 1906 an und ist Vorwärtsleserin seit 188 4, Bereits unter dem Sozialistengesetz war sie Kämpferin für unsere Cache. Sie ist Mutter von 2 2 Kindern, hat aber trotzdem jede freie Minute genützt, um sür die große Sache der Arbeiter zu wirken. Die Partei dankt ihr und wünscht ihr von Herzen einen frohen Lebensabend. 'Die Geschäftsstelle des Arbeiker-Samaritcr-Vundes E. V.. Kolonne Berlin, wird am 24. Dezember und 31. Dezember 1931 um 13 Uhr geschlossen. Wetter für Verlin: Wechselnd bewölkt ohne wesentliche Nieder- schlüge, wieder milder, westliche Winde,— Für Deutschland: In Süd- und Mitteldeutschland Fortbestand des trockenen Frostwetters, im Norden, namentlich an der Küste, langsamer Temperaturanstieg bis über Null Grad. Pcrantwortl. für die Redaktion: Rich. Berustcia, Berlin: Anzeigen: Th. Glocke, Berlin. Bcrlaa: Vorwärts Verlag G.m.b.H.. Berlin. Druck: Vorwärts Buäi. druckcrei und Bcrlagsanstalt Paul öinger Co., Berlin SW SS. Lindenstr, Z. Hierzu l Beilage. | Iltealct Lichtspiele usw Xau.«---»�>1�.1.. jjjf Staats 1% Theater Mlilwoch, den 29. Dezember staatsoper unter den Linden| 20 Uhr Ein Maskenball siam. Oper Chariotienbur" Sismarckstraße 34 Mittwoch, 23. Dez. Turnus II Anfang 1930 Uhr Syrern iere der Neueinstudierung Der Troubadour ende etwa 22,30 U. StaatLSdiauspielliaus Gendirmeonarkt 20 Uhr Walieosielos Ted Sdilller-Theater Charlottenburj. 20 Uhr Datterich Rose- i neater CnSt Franiforler StnSt 132 TU. Wiidiul E 7 3422 9 Uhr Eine Frau von Format Theater im Nollendorlptata Rajti; Beim Sjjtinbon Pallas 7051 Täglich S'.'i Uhr ßssparone Adolf Bosse Uhrmacher und Juwelier NW 40. Ait-moapft III. Tel.Moailil 0272 Reichhaltiges Lager In Uhren, Juwelen. Gold-, Silberwaren und Bestecke. Preiswerte Geschenkarlikel für lede Gelegenheit. Reparafurwerkstalt iür Uhren und Goldwaren, erstklassig und billig Tnnchen-Chren, Arm band- l'hren Wecfeer... Snlon-Thren.. Ik.«.SO 3.7S 2.4« £8.0« VdlHsbUltne Tiisatei am BQIowülatz 8 Uhr Die Großherzogin von Gerolslein Staatl. Sdiiiler-Thcater « Uhr Datterich KarlUrsi8nfia;nm- Thealer 1 1 448- S'/i Uhr istsii. mufiidit-Piadiilit. Pfahadonny von Brecht u Weill Ins:.: Htter. 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Zwei Jahre schriftliche Garantie Reisewecker, Taschenuhren grofie Auswahl Hermann Wiese SÄ il Koltbu-ser Damm 2 « I r k s a■ sind die KLEINEN ANZEIGEN in derOeeamtaatlage des»Vorwärts" und {Beilage Mittwoch, 23. Dezember 1931 torlttnril SfuUauxqaßc Jei VtttoärU Mussolini erobert die Wüste Der Leidensweg der libyschen Bevölkerung— Bon s. seeimaeser Als im Jahre 1911 innere Unruhen wegen des Wahlgesetzes in Italien ausbrachen, ging die damalige Regierung an die Verwirk- lichung ihrer langgehegten nordafrikanischen Kolonialpläne. Auf Tripolitanien und Cyrcnaika hatte man schon seit langem ein Auge geworfen, und jetzt schien die Gelegenheit günstig, durch die Inangriffnahme dieses Projekts die öffentliche Meinung ab, zu- lenken. Die italienische Regierung stellte der Türkei ein Ultimatum, in dem sie sich über die Zustände in Tripolitanien— wo Italien schon seit 1SM besondere Handelszugeständnisse besatz— beschwerte und mit einer militärischen Besetzung drohte. Es kam zum Krieg. Die Eingeborenen verteidigten sich unter der Führung der Türken mehr als ein Jahr lang erfolgreich. Mit ihrer neuen Kolonie erlebten die Italiener bald eine Ent- täuschung. Der fortgesetzte Kleinkrieg der Eingeborenen, der dürstige Boden und das ungünstige Klima machten die Gründung italienischer Niederlassungen zunächst unmöglich. Bis auf den heutigen Tag(im wahrsten Sinne des Wortes) ist Libyen aus dem latenten Kriegs- zustand nicht herausgekommen. In den Randgebieten der Küste konnten sich die Italiener zwar festsetzen, aber noch heute wagen sie sich nicht tiefer in das unermeßlich weite Territorium hinein. Und die letzten Monate sahen wieder eine neue welle kleiner Einzelausstände, die überall emporflackern. Jtalienisch-Libyen mit seinen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika wird im Westen von Tunis, im Südosten von dem eng- lisch-ägyptischen Sudan und im Osten von Aegypten begrenzt. Berber und Beduinen bilden den Hauptbestandteil der Bevölkerung. Sie stehen unter dem ausschlaggebenden politischen Einfluß! der S e n u s s i, einer religiösen Sekte, die eine radikale Spielart des � Islam predigt. In Libyen besitzen die Italiener eine Kolonie, die> siebenmal so groß ist wie das Mutterland. Für die A n s i e d l u n g von Kolonisten kommt jedoch nur ein verhältnismäßig sehr schmaler Landstreifen an der Mittelmeerküste entlang in Betracht, wo ge- nügcnd Wasser vorhanden und der Boden dem von SüdUalien und Sizilien gleicht. Das fast uferlose Hinterland besteht aus reinem, tells sandigem, teils felsigem Wüstengebiet. Noch heute zähll es zu den am wenigsten erforschten Teilen Afrikas. Die Italiener selbst geben an, daß die Eroberung Libyens und die dauernden kämpfe sie bis- her über 100 000 Soldaten und annähernd 5.5 Billionen Goldmark gekostet haben — nicht zu reden von den Opfern an Gut und Blut auf feiten der Eingeborenen. Es wäre ein« lehrreiche Jllustratwn zu dem Kapitel „Für und wider Kolonien", zu errechnen, welche au» der Kolonie gewonnenen Aktivposten Italien diesen Zahlen gegenüberstellen kann. Seitdem die Faschisten am Ruder sind, haben die Italiener ihre Anstrengungen, Libyen zu unterjochen, erhöht. Neben die regu- lären Kolonialtruppen stellte Mussolini bald nach der Machtergreifung die f a s ch i st i s ch e K o l o n i a l m i l i z. Rücksichtslos und grausam gingen die Schwarzhemden gegen die„Rebellen" vor. Hier sollen kurz die Ereignisse geschildert werden, die sich während der letzten Monate abgespielt haben. In Italien selbst gibt es nur wenige Leute, die die Verhältnisse wirklich kennen, und diese wenigen hüten sich, den Mund auszumachen. Merkwürdigerweise war auch in den großen internationalen Blättern bisher nichts darüber zu lesen, obgleich, hätte der Faschismus nicht schon Beweise übergenug er- bracht, seine„Befriedungemethoden" in Tripolitanien und Cyrenaika allein genügten, ihn als das hinzustellen, was er ist— die Verkörperung der rohen Brutalität und der blutigen Gewalt. Eine friedliche Zusammenarbeit zwischen Italienern �und der arabischen Bevölkerung existiert nur in den Spalten der faschistischen Presse. Das Gegenteil ist der Fall. Seit kurzem haben die aufrührerischen Eingeborenen ihre Aktivität gegen die Unterdrücker im schwarzen Hemd wieder erheblich gesteigert. Ihre bewaffneten Haufen schwär- men durch die Wüste und tragen den Keim der Revolte von einer Oase zur anderen. Es gibt keinen Stamm, der nicht direkt oder indirekt an dem Aufstand beteiligt wäre. Die faschistische Kolonialmiliz wird von dem General G r a- z i a n i und dem Herzog von Puglie befehligt, beides typische Faschisten: der eine ein wütender Militarist, der andere der letzte Sproß eines degenerierten Fürstengeschlechts. Alle Eingeborenen er- füllt ein wilder Haß gegen die italienischen Beherrscher, die die Stimmung der Araber sehr wohl kennen. Sie wissen, daß morgen die noch nicht aufrührerischen Volksteile offen zu den„Rebellen" übergehen können, mit denen sie heute längst insgeheim paktieren. Auch die S o l i d a r i t ä t der in A e g y p t e n lebenden Mohammc- daner mit ihren unterdrückten libyschen Glaubensbrüdcrn macht den Italienern viel zu schaffen. Denn von der ägyptischen Grenze her bekommen die Aufständischen große Mengen Waffen, Muni- tion und Lebensmittel geliefert. Graziaai und der Herzog von Puglie planen daher, die Grenze zwischen Cyrenaita und Aegypten hermetisch zu verschließe n. Ein durch in Zemenlsockeln ruhende Eisenpfähle gestütztes De- sestigungswerk von dreihundert Kilometer Länge ist bereits im Bau! Drei Meter hoch und zehn Msier breit, soll dieser Steinwall alle 20 Kilometer einen Verteidigungsturm erhalten, der von Milizen besetzt sein wird. Tag und Nacht sollen P a n z e r a u t o s, die be- sonders zu diesem Zweck konstruiert werden, die Wüstenmauer abpatrouillieren. Man kann sich ausmalen, welche Summen das den schon reichlich ausgeplünderten Massen des italienischen Volkes kostet. Im übrigen sind diese Maßnahmen in ihrem praktischen Wert sehr problematisch: Eine Hunderte von Kilometern lange Strecke afrikanischer Wüst« läßt sich nicht durch Zementwälle und Panzer- autos verteidigen, am wenigsten einem Feind gegenüber, dem das Klima keine Schwierigkeiten macht, der die örtlichen Verhältnisse genau kennt und zu allem entschlossen ist. Auch den Wassen- und Nahrungsmittelschmuggel aus Aegypten wird man dadurch kaum unterbinden. Die Empörung der einheimischen Bevölkerung richtet sich vor allem auch gegen dieZwangsdexortationeuvongallzen Stämmen, die die Italiener vornehmen, angeblich, um damit die Befriedung des Landes zu fördern, in Wirklichkeit, um günstig ge- legene- fruchtbares Terrain für eigene Kolonisatoren freizubekommen. Der Deporlakion verfielen bisher 35 000 Araber. Die ägyptische und arabische Presse schilderte schon vor vielen Wochen das tragische Schicksal dieser Leute. Endlose Züge von Männern, Frauen und Kindern schleppen sich durch die glutheiße Wüste, flan- kiert von den schwerbewafsneten Milizsoldaten. Zehntausende von Menschen, Kamelen und Mauleseln, beladen mit Hausgeräten und Eßvorräten, Schaf- und Schweineherden, wälzen sich in unüberseh- baren Kolonnen über unwegsame Steppen und zerrissene Hochebenen. Tausende dieser Unglücklichen erliegen dem Hunger und Durst, den Krankheiten und Anstrengungen der verzweifelten Märsche. Wei- gern die Eingeborenen sich, den Weg fortzusetzen, so schreiten die Führer der Miliz zum Dezimierungssystem, dessen Be- Währung die faschistischen Kulturträger in Libyen bereits weitgehend erprobt haben. Jeder zehnte Mann wird aufgehängt. Galgen führt die Kolonialmiliz stets mit sich... Der Appell des„Komitees für den Schutz Libyens" an den Völkerbund, stellt ein wahres Dokument des Schreckens dar. Es wird u. a. berichtet, daß die die Marschkarawanen der Deportierten be- gleitenden MUizsoldaten die arabischen Frauen und Mädchen zu ver- gewaltigen und die Araber, die das zu verhindern suchen, nieder- zuschießen pflegen. Die Eingabe beschwert sich ferner über die Weg- nähme von Moscheen, die von italienischen Offizieren in Freuden- Häuser umgewandelt wurden. Um eine weitere Ausbreitung der Revolten zu verhindern, wendet man ein mit raffinierter Grausamkeit ausgeklügeltes Verfahren an. Die Araber, die der Verbindung mit aufständischen Ele- menten verdächtig sind, werden aus ihrem Stamm, mitten aus ihren Familien herausgerissen und in besonöere Gefangenen- lager übergeführt, die sogenannten„campi chiusi". Dort stehen sie unter schärfster Bewachung, dauernde? Kontrolle und völliger Abriegelung von der Außenwell. Diese llnlernierungslager umfassen gegcnwärkig etwa 12 000 ZNenfcheu. Stämme, von denen man weiß oder annimmt, daß Angehörige von ihnen auf der Seite der„Rebellen" kämpfen, werden streng isoliert. Die cyrenaikischen Eingeborenentruppen werden aufgelöst und ent- waffnet. Die Senussipriester schüren und kommandieren in vorderster Front die Widerstandsbewegung. Bei der unbegrenzten Autorität, die sie unter den einheimischen Bewohnern genießen, be- deuten sie eine ernste Gefahr. Man hat daher alle Senussischulen und-organisationen geschlossen, ihren Besitz eingezogen und die Führer verhaftet. Die Maßnahmen der Faschisten beweisen, wie bedenklich sie selbst die Situation einschätzen. Die von glühender Freiheitsliebe beseelten Araber lassen sich freilich nicht einschüchtern, sie setzen chren Klein- krieg nur um so verbissener fort. Es ist bezeichnend, daß die Italiener ihre eingeborene Koloniallruppe auflösen mußten. Wie reagiert nun die mohammedanische Well auf diese saschisti- schen Kolonialmethodcn? Schon vor Monaten ist durch ihre höchsten Repräsentanten der Boykott auf alle italienischen Waren proklamiert und allen Muselmanen befohlen worden, keinerlei Beziehungen mehr zu Italienern zu unterhalten. In einem von dem„Komitee für den Schutz Libyens" herausgegebenen Mani- fest heißt es, daß„die ganze islamitische Welt von Italien in ihren heiligsten Gefühlen verletzt worden sei" und daß es gelte,„den Kampf der Glaubensbrüder in Libyen mit der größten Intensität und Ausdauer zu unterstützen". Es werden dann die Einzelheiten des Boykotts ausgezählt: Von Italienern darf nichts gekauft, an sie nichts verkauft werden. Kauf und Verkauf italienischer Produkte ist verboten, Gelder auf italienischen Banken sind sofort abzuheben. Mohammedanische Kinder dürfen keine italienischen Schulen besuchen. Italienische Krankenhäuser und Aerzte sind zu meiden, italienische Schiffe nicht zu benutzen. Diese umfassende Boykotterklärung wurde in den Zeitungen sämtlicher von der Religion des Propheten be- herrschten Länder veröffentlicht, sie ist verbindlich für die Bewohner aller arabischen Staaten, ganz Nordafrikas, Aegyptens, Kleinasiens, der Türkei, sehr großer Teile Asiens— kurz, für alle Jslamanhänger der Erde. Auch auf dem vor wenigen Tagen in Jerusalem abgehal- tenen islamitischen Weltkongreß wurden äußerst heftige Angriffe gegen Italien gerichtet. Ein Dichter schreibt Geschichte Randbemerkungen zu einem Buch- Von®. h. Mvswr Des öfteren schon haben sich Gefchichtsprofessoren unter die Dichter gemischt. Sie schrieben dann historische Romane, die, well ihre Verfasser des trockenen Tones satt waren, meist allzu tränen- feucht wurden. Dennoch fanden sie dereinst an allerhöchster Stelle viel Förderung und Verständnis: sie durften ja, los und lod-ig der Verpflichtung zur geschichtlichen Treue, a conto der dichterischen Frei- hell allerlei Tatsachen ummodeln oder verschweigen, die der aller- höchsten Stelle peinlich zu hören waren. Was allerdings Wilhelm den Zweiten betrifft: dem war selbst des guten Felix Dahn ausgiebiger„Kampf um Rom" noch nicht ungeschichtlich genug: denn gelegentlich eines Hofballs wandte sich Wilhelm huldvoll an den Auw? und sprach also:„Ihr Buch gefällt mir ausgezeichnet, Herr Professor: nur eines stimmt nicht: daß die Goten unterliegen!! Die Goten müssen siegen, Herr Professor!" Und als Dahn stammelte: „Aber Majestät, historisch sind doch mm einmal die Goten unter- legen!"— da erklärte Majestät, berells«m beleidigten Abgehen: „Das ist mir ganz egal! Die Goten haben zu siegen!" Ja, so war das damals. Es herrschte Ordnung. Hohenzollernmoralordnung. Die Goten hatten zu siegen, die brnndenburgisch-preußischen Herrscher hatten ausnahmslos gottbegnadete Heroen zu sein, den linken Fuß vorzustellen und die Siegcsallee zu bilden. Und als in dieser Zeit, zum wohl ersteimeal seit Schiller, auch ein Dichter sich unter die Historiker mischte und eine Art preußische Geschichte schrieb, da war der Dichter danach und seine Geschiäste auch. Der Dichter hieß— Rudolf Herzog... Nun, es ist kein Plus für die Republik, daß der dritte Post, der deutsche Geschichte schrieb, und der erste, der sie heute schrieb, kein Rudolf Herzog ist. Zwar ist es auch kein Schiller, aber es ist W o l f g a n g G o e tz, der preisgekrönte Novellist, der Dramatiker des„Gneisenau". Es bedeutet gerade für diesen Mann keinen Tadel, sondern fast ein Lob, wenn man den einschränkenden Titel, den er seinem bei Ullstein in vorzüglicher Ausstattung erschienenen Werke gab: Eine deutsche Geschichte(nicht: D i e deutsche Geschichte), noch einmal einschränkt: Seine deutsche Geschichte: Wolsgang Goetz' spezielle deutsch« Geschichte. Denn Goetz ist ein Einzelgänger, weit über das Maß hinaus, in welchem es jeder Dichtende üblicherweise ist. Er ist mit Hingabe Einzelgänger, er ist es fast aus Prinzip, und hätte er weniger Format, so wäre er einfach ein Querkopf. Indes er hat iiinner noch mehx zu sagen als zu widersprechen, und so ist er mehr. Immerhin ist seine innere Situation als Geschichtsschreiber eigentümlich genug. Denn das Goetzsche Herz ist, man fühlt es oft, vielleicht ein r e v o- luzzerndes, aber kein reoolntiomires, kein„linkes" Heiz: die Tradition liebt es, aber den Fortschritt anerkennt es nur: es fühlt individualistisch(„Persönlichkeiten machen die Geschichte", sagt Goetz, nicht allzu frei nach Mussolini!!): es hängt im Grunde an vielen, an fast allen Illusionen nationalistischer Geschichtsschreibung: es wahrt ihr gegenüber oft die Haltung der„allergetreuesten Oppo- sition". Aber: Aber daneben, ja darüber steht, nicht hoch genug anzuerkennen bei einem Dichter, der auch in der Historie das Recht lzätte, den Zug des Herzens des Schicksals Stimme sein zu lassen— darüber steht der Goetzsche Intellekt mit seinem starken und tiefen Bedürfnis nach Wahrheit, nach objektiver Wahrheit. Und so erlebt man Seite für Seite, wie ein unerbittlicher Geist die Illusionen des eigenen Herzens zerschlägt. Das falsche Hängen an ach so schönen und so geliebten Traditionen kostet nach Goetz das deutsche Volk seine Einig- keit und seine politische Geltung, die Persönlichkeiten, welche die Geschichte machen sollen, sind bis auf wenige Ausnahmen eben keine oder höchst zweifelhafte Persönlichkeiten, jede große geistige Bewegung, deutsches Kaisertum, deutsche Freiheit, deutsche Re- formation, deutsche Einigung— jede ist nur einen weltgeschichtlichen Augenblick lang wirklich da, wirklich vorhanden, rein und lauter vor- handen— eine Minute später ist sie bereits nichts mehr als ein Porwand für die Großen, zu schachern, sich zu bereichern, sich zu beweihräuchern, und das Volk, aus dem die Idee kam und dem sie galt, leidet ärger als zuvor— immer wieder, immer wieder... So daß man, wenn man diese zahllosen Porträts der Mächtigen aus deutscher Geschichte betrachtet, an Anton Kuhs gewagtes Wort denken muß:„Wie sich der kleine Moritz die Welt- geschichte vorstellt— genau so ist sie!" Nein, es bleibt wirklich verdammt wenig von all dem Heroischen, das wir in der Schule gelernt haben, und das leider auf Schulen und Universitäten auch heute noch ausgiebig gelehrt wird— der Gelehrte Goetz zerschlägt das Heroische, und der Dichter Goetz möchte es doch so gern« postulieren! Dieser Widerstreit zwischen Forschcrehrlichkeit und Menschensehnsucht gibt dem Werk etwas ungeheuer Dramati- sches, ergibt in jeder Zell« die Forderung an den Leser, sich selbst damit auseinanderzusetzen. Zugegeben, daß die Darstellung einen Bruch hat: daß, je weiter die Tatsachen zurückliegen, desto mehr das illusionslos Wchre herrscht, je näher wir aber ans Heute heranrücken, das Bodürfnis nach idealistischer Auffassung sich durchsetzt, was zweisellos nicht ausschließlich darin seinen Grund hat, daß hier die Quellen noch nicht so geklärt sind wie dort, sondern eben in dem spezifisch Goetzischen Kampf zwischen Wunsch und Wahrheit — zugegeben. Dennoch bleibt jener Wert des Anregenden, das zu eigener Stellungnahm« Zwingenden, und überdies erhellt aus diesem Manko schlaglichtartig die Position des wohlnieinenden, heute leben- den, aber gestern geborenen Bürgers. Bleibt als letzter und nicht geringster Vorzug, daß Goetz bei so beschaffenen inneren Nöten einen Rettungsanker brauchte und ihn fand in eii.em sarkastischen, oft geradezu schnoddrigen Humor, im Humor des Berliners(obwohl Goetz, glaube ich, aus Sachsen stammt und Sachsen in seiner Darstellung denn auch miserabel abschneidet). Der Fenstersturz von Martinstz und Slavate anno 1618 etwa, bei dem ein Misthaufen die Stürzenden vorin Zerschellen rettete, aber nicht das Reich vor dem Zvjährigen Krieg, wird also koimnentiert: „Noch heute lobpreist eine Säule die Engel, die jene drei Märtyrer ihres Glaubens so sanft auf ihren Fittichen hinabgeleitet hatten. Dem Misthaufen hat man kein Denkmal gesetzt." Und daß siebzig Jahre früher der Schmalkaldische Bund trotz großer Machtmittel ver- sagte, wird durch den lapidaren Satz ausgedrückt:„Mit großer Mühe gelang es ihnen dennoch, den Krieg zu verlieren." Während dem Schauspieler Paul Wegener deshalb ein Plätzchen in der deutschen Geschichte reserviert wird, weil er, als man ihm während des Krieges zum Eisernen Kreuz erster Klasse gratulierte, antwortete: „Danke. Es war zum Kotze n." st, So sei denn dies Buch, trotz aller Extravaganzen, trotz aller n' rsprüche, trotz aller Privatnieinungen empfohlen. Man ver- üa.e es seinem Verfasser nicht, wenn er etwa die Sozialisten lobt und den Sozialismus nicht recht mitinachcn will, wenn er Kriege für unvermeidlich hält und doch recht oft klar macht, wie meist nur unfähige Diplomaten Kriege verschulden— man verüble es ihm nicht, sondern setze sich mit ihm auseinander. Goetz' Lieb« zu seinem Polk ist die rechte Liebe zimi Volk, heiß und krititbereit, meilenweit entfernt von der Art Vaterlandsliebe, die gewisse Leute im Munde führen— gewisse Laute, die auch heute noch von einer Geschichtsschreibung verlangen,„daß die Goten zu siegen haben.. � Buch Ernst Mädchens." 16 Jahren Xcfäfe Weihnachtsbücher Preczang:„Ursula, Geschichte eines kleinen (Büchergilde Entenberg.) Ein Buch für Mädchen von aufwärts, aber auch ein Buch für reife Menschen. Ursula wächst bei chrer Tante in einer Atmospäre ängstlich ge- hüteter Bürgerlichkeit aus, obwohl die tägliche Not die Lebensformen dieser Frau längst proletarisiert hat. Doch sie will diese Wirklich- keit nicht sehen und umgrenzt sich immer enger mit einer Schein- welt, in der ihre Sinne und ihr Herz verdorren. Ursula findet ihren Weg in die Freiheit. Preczang hat es gelockt, diesen Gegensatz von proletarisiertcm Bürgertum und klassenbewußtem Proletarmt zu gestalten, der in diesem Buch zu einem Gegensatz zwischen gestern und morgen wird Es ist kein Zufall, daß der Weltkrieg den allerdings nur angedeuteten Hintergrund der Erzählung abgibt: er ist eine deutliche Scheidegrenze zwischen diesen beiden Welten. Die Kinder dieser Zeit hatten es besonders schwer, ihren Platz zu finden. Mehr noch als durch die wirtschaftliche wurden sie durch die seelische Unsicherheit der Erwachsenen hin und her gezerrt. und viele Kinder hoben verwirrt und beängstigt wie die kleine Ursula den Hurra- Patriotismus altjüngferlicher, geschlechtsloser Lehrerinnen und Lehrer über sich ergehen lassen müssen. Preczang setzt sich in seinem Buch in unaufdringlicher Klarheit mit diesen Dingen.auseinander: Neben- gestalten und Nebenhandlungen werden dabei manchmal ziemlich flüchtig abgetan. Das fällt gerade bei dem künstlerisch hohen Niveau von Sprache und Gestaltung besonders auf. Für junge Menschen ebenso wie für Erwachsene ist auch ein Heft bestimmt, das in Bildern erzählt. Es trägt den Titel„I a p a n" und setzt die Reihe der Bilderatlanten von Cläre With fort, die im Verlag von Müller u. E. Kiepenheuer erschienen sind. Man sollte aus solchen Atlanten an allen Schulen Geographie lehren, dann wäre keine dieser Unterrichtsstunden langweilig, keine ver- loren. In humorvoller Sachlichkeit berichten kleine Zeichnungen von Land und Leuten, von Kulturgeschichte und Volkswirtschaft. Spannend wie eine Abenteurergeschichte wird dieser Bilderatlas Jugendlichen erscheinen. Der Erwachsene aber findet darin reiche Möglichkeit, seine Kenntnisse über Japan aufzufrischen und zu ver- vollständigen. Drei Bücher für kleinere Kinder sind noch in letzter Stunde eingetroffen. Der Verlag Tradition, Berlin, legt ein Licht- b i l d e r b u ch vor, das heißt ein Buch, dessen Anschauungsmaterial Reproduktionen von Photographien sind. Unter den achtzig Bildern gibt es eine ganze Anzahl sehr hübscher Aufnahmen: aber auch wenn manche der darunter gesetzten Verse weniger mißraten wären, müßte man zu der Feststellung kommen, daß der Preis des Buches von 6,S0 M. für das Gebotene viel zu hoch ist. Der Dietz-Verlag gibt mit seinen Bilderbüchern„W as tut Marianne?" und ,.W a s wird aus Waldemar?" ein paar wohlfeile Bilder- bllcher heraus. Zu naiv kindlichen Versen sind lustige Bilder ge- zeichnet, die zum Teil darauf warten, von den kleinen Lesern selbst koloriert zu werden. Inwte E. Sdiulz. WlaxSSarthel: Wettrennen nach dem Qlück Wieder ein neues Buch von M a x B a r t h e l. Es ist dies- mal in der Büchergilde Gutenberg erschienen, nennt sich„W e t t- rennen nach dem Glück" und enthält Erzählungen.„Petra- grad ist in Gefahr" berichtet über die Sturmtage der russischen Re- oolution, über den schicksalhasten November 1917. Immer ist Barchel, dieser derbe, gesichksreiche und auch in der Prosa durchaus lyrisch empfindende Dichter, besonders stark, wenn er sich an so große, substanzhaltige Objekte heranmacht.„Vergeistigung der Ma- terie" führt in das Spanien der ersten Nachkriegsjahre, das von anarchistischen Wirrköpfen für die Diktatur Primo de Rivera reif gemacht wird. Unerhört lebensecht ist der Miniaturroman„Vom Baume der Großstadt", nach Barchels Angaben eine von einem Fensterputzer im nördlichen Berlin verfaßte und chm, dem Barchel, zur Verwertung übergebene Lebensgeschicht« Was sich hier in schlechtgekonnten Sätzen mit gelegentlichem ornamentalen Schnörkel Ausdruck zu verschaffen sucht, das ist fürwahr der kleine Mann wie er leibt und lebt, der im letzten Grunde herz- und ideallose Spieß- bürger mit der ewigen Kitschsehnsucht und der Begeisterungsfähig- keit für die Großartigkeit einer Phrase. Dann wird uns noch, in der Erzählung„Weidner hat recht", eine Tischgesellschaft vorgeführt, deren Mitglieder allerlei merkwürdige Erlebnisse zum besten geben. Am reizvollsten ist die Geschichte, wieder eine Kleinbürgergeschichte, von dem Handwerker, der aus Ostpreußen hergereist ist, um seinem gestorbenen Bruder, einem Gewerkschaftler und Sozialisten, einen Kranz mit schwarzweißroter Schleife aufs Grab zu legen und die von dem armseligen, oerhungerten Labarandelli, der sich unter dem Protektorat eines Messers, das er in der Hand hält, im Restaurant das Fleisch von den Tellern der Gäste annektiert. Einige andere Erzählungen, die die Methoden stanzösischer Fremdenlegionswerber, ein Jungproletarierschicksal und Tippel- brüdererinnerungen zum Inhalt haben, fügen sich der großen von Barchel verfolgten Linie ein, sind wirklichkeitsnah und unterirdisch aufgewühlt zugleich, können aber nicht immer bis zur letzten Zeile fesseln. Hans Bauer. Segelflug als Volkssport Der motorlose Flug am Scheidewege Mittwodi, 23. Dezember. Berlin. 16.05 Fritz Heymann:„Italien, abseits der großen Heerstraße." 16.30 Schubert-Lieder.(Tiny Debüser, Sopran Flügel: Karl Rockströh.) 16.50 Bücher für die Jugend(Joh. Reiske). 17,10 Bücberstunde Historische Erzählungen.(Am Mikrophon: I. P. Mayer.) 17.30 Unterhaltungsmusik. 15.55 Mitteilungen des Arbeitsamtes. 19.00 Stimme zum Tag 19.10 Orgel Vorträge(Dr. Hans Luedtke, Wejgle-Orgel.) 19.30„Auf allen Wegen" von Otto Buchmann(Sprecher: Der Autor.) 30.00 Das Spiel von den heiligen drei Königen von Felix Timmcrmans. Aus dem Flämischen übertragen von Anton Kippenberg. Musik: Walter Gro- nostay Regie; Alfred Braun. 21.15 Tages- und Sportnachrichten. 21.25 Weihnachtsliedet jJ 22,10 Wetter*, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. �. Königswusterhausen. 16.00 Hamburg: Konzert. 17.30 Des Knaben Wunderhorn(Lore Komell. Dr. Felix Günther, Dr. H. Michaelis) 18.00 Dr. J Lewin: Die Erschließung Sibiriens und die Mandschurei. 18.30 Prof Dr. Georg Biermann. Die alten Meister. 18.55 Wet.er für die Landwirtschaft. 19.00 A Meurei• Moderne Beamteniugend. 19.30 Breslau Abendmusik. 20.35 München: Weihnachten in fremden Lindcru. 21.05 München, Wir putzen den Chrlstbaura. 22.20 Räuscher: Zeitungsscbau. Die Segelfliegerei Hot mit Abschluß des Jahres 1931 einer» wichtigen Wendepunkt erreicht. Ihre gewaltige technische und wissenschastliche Entfaltung verdankt sie in erster Linie den akade- mischen Fliegergruppen. Der ausgenommenen Gleitfliegerei haben die jungen Studenten sich nicht nur mit beharrlichem Eifer, sondern auch mit ihrem ganzen technischen Können hingegeben. Bald be- gannen ärodynamische Fragen den damaligen Leistungen im Gleit- fliegen am Hang Grenzen zu setzen und regten zu weiterem Nachdenken und Forschen an. Noch war es nicht gelungen zu segeln, sondern man mußte sich mit Gleitflügen am Hang, die je nach Windstärke und Flugeigenschaften der Maschinen länger oder kürzer waren, also flacher oder steiler zu Tal führten, begnügen. Man konnte mit den motorlosen Maschinen noch nicht steigen. Die Jahre 1926 und 1927 gingen damit hin, die Formen der Gleitflugzeuge so zu verbessern, daß ihre ärodynamische Leistung stieg. Erst 1928 gelangen an der Kurischen Nehrung die ersten Steigflüge, die sehr rasch zu bewunderter Dauerflugleistung an- wuchsen. Durch einen Zufall wurde im Jahre 1929 ein Segel- flieger— um Segelfliegen handelt es sich nun, denn man hatte ja schon gelernt, ohne Motorkraft zu steigen— von Aufwinden in eine Gewitterfront gezogen und segelte damit über Land So lernte man die Aufwindzone vor den Gewittern kennen und aus- nützen. Was zum ersten Male ungewollt und mit Zagen durch- geführt wurde, der Flug vor dem Gewitter, wurde nachher noch oft Stunde um Stunde, nicht selten Tag um Tag, sehnsüchtig er- wartet: die Gewitterfront, an derep Vorderseite die Auf- windzone enllanglief.% Wenn bei den großen Segelflugwettbewerben auf der Mhn eine solche im Anmarsch war, wurde das ganze Lager alarmiert und Maschine um Maschine gestartet, um den Anschluß an die Bäenfahrt zu bekommen. Ueberlandflüge von mehr als 256 Kilometer Entfernung gelangen Wolfgang Hirth, Groenhoff und Krön- feld, Höchstleistungen, die ihr« Anerkennung fanden. Das Ausland horchte auf, ja staunte, denn man konnte dort die Zusammenhänge nicht erfassen und wollte diese Leistungen nicht glauben. Deutsche Segelflieger wurden eingeladen nach Amerika und England, um dort vorzumachen, was man nicht für möglich hallen wollte: ohne Motor Hunderte von Kilometer über Land zu fliegen, weit weg vom Hang, ohne dessen Aufwind man sich doch keinen Segelflug vorstellen konnte. Doch der Segelflug hatte noch nicht aufgehört, mit neuen Ueberraschungen zu kommen. War es bisher unseren Segelfliegern nur vergönnt, bei Gewitter und Regen, in Hagelschauern und über grauschwarzen Wolken ihre weiten Flüge über Land zu machen und nur ganz vereinzelt bei gutem Wetter Aufwind zu finden, so sollten im Jahre 1936 auf einmal Flüge möglich werden bei schön- stem Wetter und lachendem blauen Himmel. Vom Hangwind zum Wolkenaufwind hatte man den Weg entdeckt zu den thermischen Aufwinden und Kontensationswinden. Man halle die Stellen kennengelernt, die dazu beitrugen, die über ihnen liegende Luftschicht mehr als ihre Umgebung zu erwärmen und damit zum Aufstieg zu bringen, also neue Aufwindzonen zu bilden. Diese erhoben sich kaminförmig über derartigen Gebieten. Wolf Hirth begegnete einmal in 1666 Meter Höhe einigen Schmetter- lingen, die unweit von chm fast senkrecht in die Höhe stiegen. „Nanu, hier oben gibt es doch keinen Honig und auch keine Blumen, was wollt chr denn hier? Euch scheint ein Auswind mit nach oben gtirommen zu haben. Wo konrmr der denn her? Da unten ist doch kein Hang?" Er flog hin zu den Schmetterlingen und stellte für kurze Zeit eine Aufwärtsbewegung seines Flugzeuges fest, die jedoch sehr bald wieder aushörte. Als er zurückflog, fand er an der gleichen Stelle den Aufwind wieder und wußte nun, daß der Aufwind- schacht ganz schmal war. Damll war vieles verständlich geworden, man hatte nun die Erklärung für das geheimnisvolle Kreisen der Raubvögel, die fast ohne Flügelschlag beträchtlich an Höhe gewinnen. Auch der lustig trillernd«, beinahe senkrechte Aufstieg der Lerche war nun zu oerstehen, beide bedienen sich der chermischen Auswinde, und beide Flugarten kann man deshalb auch nur an warmen, sonnigen Tagen beobachten. Der Mensch halte den Vögeln einen Teil ihres Fluggeheimnisses abgelauscht! Doch blieben immer noch die Schwierigkellen des Startes: gutes Gelände mit ausreichenden Hang-Aufwinden war meist weit abgelegen und schwer zu erreichen, die langen Anmarsch- zelten machten S«gelflugübungen an Wochentagen meist unmöglich. Das Jahr 1931 brachte mit seinen zusätzlichen Startmethoden hierin die ersten Besserungen. Man begann damit, die Segelflugzeuge als Anhänger an Motorflugzeugen in eine entsprechende Höhe zu schleppen, und dort hing man si« ab, so daß es dem Segel- flieger überlassen war, sich Aufwinde zu suchen, mit denen er weiter steigen konnte. Wenn er sie nicht fand, verlor er eben lang- sam im Gleitflug immer mehr von seiner Höhe und mutzte dann wieder landen. Da auch Motorflugzeuge nicht immer zur Ver- fügung standen oder doch im Betrieb zu teuer waren, machte man Versuche, die Segler mit einem Kraftwagen anzuschleppen: es gelang auch, es ist aber nicht ungefährlich. Man sieht, der Segelslug hat bis zum Jahre 1931 eine absolut aufsteigende Entwicklung aufzuweisen, er war in der Lage, stets neue Rekorde und Höchstleistungen zu vollbringen. Diese EMwick- lungsperiode muß aber nun als abgeschlossen angesehen werden, weitere Steigerungen dieser Einzelleistungen sind nicht zu erwarten. Die Segelfliegerei steht am Scheidewege, sie muß in den nächsten Jahren eine bedeutsame Richtungsänderung durchführen, eine die entscheidend dafür ist, ob sie als Sportbewegung anerkannt werden kann. Sie muß sich abwenden von Rekorden und Höchst- leistungen und ihren Ruhm darin suchen, den Segelflug als Sport ins Volk zu tragen. Der„Sturmvogel", Flugverband der Werktätigen, ist die Organisation, die sich für die Arbeiterschaft diese Ausgabe gestellt hat. Ja oder nein? Profest gegen Sdimeling- Dempsey Die Hallung eines großen Teiles der amerikanischen Bläller gegenüber dem Schmeling-Dempsey- Kampf beginnt schon feindselig zu werden. Die Opposition richtet sich in erster Linie gegen die Manager der Borer: aber auch Schmeling kommt dabei nicht immer gut weg, man meint, daß es genug Gegner gäbe, an denen er seine pugilistischen Qualitäten beweisen könne. Demsey sei heute über 36 Jahre alt, gesundheitlich nicht in bester Verfassung und nicht mehr fähig, auch nur millelmäßig« Boxer zu besiegen. Er soll jetzt einen Gegner erhallen, der elf Jahre jünger ist als er, im Zenllh seines Ruhmes steht, in vollster Jugend- kraft und sehr hart schlagend. Man soll uns nicht glauben machen wollen, daß die finanzielle Seite dieses Kampfes Nebensache sei, und daß der Amerikaner Dempsey etwa Schmeling den Titel wieder ab- nehmen werde. Das mag glauben wer will. Der Kampf kann nur ein Anlaß sein, recht viel Geld mll dem klangvollen Namen des alten Champions zusammenzuraffen, aber der Sport wird solche Experimente nicht oertragen, die bester oermieden werden sollten Der Freie Fußballverein Minerva 28 sucht zu den Feiertagen Gegner für die erste Mäimermannschost aus eigenem Platz. Anrufe heute von 19 bis 22 Uhr unter F 2 Neukölln 9772.— Die F u ß- ballabteilung des ASV.-Südost sucht für zwei Männer- Mannschaften an beiden Feiertagen Gegner. Anrufe unter F 8 7589. Skisprung von 81 Meter weite. Bei einem Sprungwettbewerb in Salt Lake City(Utah) vollbrachte der amerikanische Skispringer Alf Engen mit einem Sprung von nicht weniger als 81 Meter Weite die weitaus beste Leistung. Die Schanze, aus der ein solcher Sprung möglich ist, weist natürlich weit überdurchschnittlich« Maße aus. Deihnach:»- turiic.i- _____„_______________,_______.., SUlÖCr« bezirk! Weihnachtsfeier am 2. Feiertag, 16 Uhr, bei Echmibt, Nieherfchoneweide, Berliner Str. S7— 98. Freie iianu»U»iou«raß. Berlin,«. V. Sonntag, 27. Dezember. 17 Uhr. Sonnenwendfeier in Vogel» Festsiilen, Briickenstr. 2. Eintritt 30 Pf. Eiige herzlich willkommen. Frei« Faltbootsahr«« Berlin, e. B. Weihnachtsfahrten. Truppe Norden: Freitag, 23. Dezember, 1. Thorinchen— Plagefenn, Führer: Hennig, Abfahrt 7.46 Uhr Bahnhof Gesundbrunnen. Rilckfahrkarte Thorinchen. 2. Bernau, Stand, ouartier Kllnemund, Uetzdorf, Führer: Hans Meyer.— Gruppe Südosten: Sonn- abend, 26. Dezember. Hermsdorf— Kindlgebiet—Birkenwerder. Führer: Grau. ouartier Kllnemund, Uetzdorf, Führer: Hans Meyer.— Gruppe Südosten: Sonn- abend, 26. Dezember. Hermsdorf— Kindlgebiet—Dirkenwerder, Fll' Tr«ffpunkt 9 Uhr Bahnhof H-rmsdorf. Gäste überall willkommen. ASV. Schöneberg-Friebenau 97 und SC. Aegir 22. Heute beginnt der Bade- abend im Stadtbad Dennewitzstr. 24» um 19� Uhr. Am 30. Dezember Badeabend um 203i Uhr. Freie Schwimmer Charlottenburg. Di« Badeabend« am Donnerstag, 24. De- zember, und 81. Dezember, fallen aus. Am 2. Feiertag Weihnachtsfeier bei Ahlert, Berliner Str. 72. Generalversammlung Sonntag, 24. Januar. Rätsel- Ecke des„Abend (( Kreuzworträtsel. aagerecht: 2. Göttin: 5. Musikinstrument; 8. Münze; 9. Wagknteil; 11. Teil der Rundsunkanlage: 12. Nachtvogel: 14. Hebe. Maschine; 19. Bekleidungsstück: 22. Lanzenreiter: 25. Lest: 27. Ge- dicht: 28 Nebenfluß der Donau: 36. Erdteil.— Senkrecht: 1. kleine Brücke: 3. Stadt am Rhein: 1- turnerischer Ausdruck: 6. Titel: 7. Hausflur: 8. Fisch: 16. Artikel: 13. Baum: 15. Hand- werkszeug; 17. Haustier: 18 Gegenteil von„niedrig": 26. ein- mastlges Schiff: 21. Artikel: 22. Figur der Nibelungensage: 23. weiblicher Vorname: 24. Fluß in Italien: 28. Fluß in Sibirien: 29. Künstler.— Die Ziffern 16 und 25 waagerecht ergeben einen Glückwunsch für unsere Leser. H. S. Versteckräisel Den nachstehenden 13 Wörtern sind je 3 zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen(bei dem letzten Wort 2 Buchstaben). welche richtig geordnet eine bedeutende Kulturorganisation der Arbeiterschaft ergeben: Postkarte, Gestell, Oelsüllung, Rarität, Ar- beiter, Gewitter, Sportsmann, Wertung, Sandkasten, Körperbau, Kupferplatte, Kausleute, Singer. L. G. Bersräisel Mit„K" ist es in mancher Frucht, mit„B" man in der Schweiz es sucht: doch wenn man mit„St" es liest, ein Himmelskörper es dann ist. H. Z. Zahlenralsel In nachstehendem Rätsel sind gleiche Zahlen jeweils durch gleiche Buchstaben zu ersetzen.— Eine in letzter Zeit viel ang-- wandte politische Maßnahme der Reichsregierung und der Länder- regierungen besteht aus den Buchstaben 1234562671 8 19. Durch diese Maßnahmen sollte der 1 2 3 gesteuerl und 2 6 7 1 8 1 9 geschaffen werden. Aber in Süd und 1 2 6 7 war man mit den 1 2 3 4 5 6 2 6 7 1 8 1 9 5 1 oft recht unzufrieden und man sprach sogar davon, daß durch sie die 12 3 geradezu 456267153 würde. Gegen viele Bestimmungen wurden Bedenken laut und 4 2 1 verschiedenen Seiten wurde ein 4 5 3 2 eingelegt. Auch die Sozialdemokratie war der Meinung, daß wir solcher 456267181951 wirklich 9 5 18 9 hätten und daß man mit anderen Mitteln die Verhältnisse 2 6 7 1 5 1 könnte.___ hl. Auflösungen der letzten Rätselecke Schrägworträtsel: 1—2 Gas: 2—3 Sog: 4—5 Lack: 5— 6 Kate: 7—8 Aarau: 8—9 Ursel.— Glaskugel. Wortspiel: Manna, Mann, Airna. Silbenrätsel: 1. Domino: 2. Eisenerz: 3. Rossini: 4. Alma; 5. Neapel- 6. Tolstoi: 7. Indus: 8. Selam: 9. Efeu; 16. Monismus-, 11. Island: 12. Trompete: 13. Ingwer: 14. See- Hund:.15. Moskau: 16. Usedom: 17. Samum: 18. Idee: 19 Saturn- 26. Tarock: 21. Dekade: 22. Ewer: 23. Rubel: 24. Skrofulöse.— „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle." Füllrätsel: 1. Vogel; 2. Aoola; 3. Vivat; 4. Larve; 5. Vesuv. *