Jetzt Preußen! BERLIN Montag 11. April 1932 10 Pf. Nr. 1 69 B 85 49. Jahrgang Erscheint täglich außer Sonntag«. Zugleich Abendausgabe des..Vorwärts� BejugSvreiS für beide Ausgaben 75'Vf. oro Woche. 3,25 M pro Monai (tanon"»7 Pf monatlich für Zustellung tnS Haus) im voraus iahlbar P o st d e j o g 3.97 M. einschließlich 6v Pf. Postjeitungs- und 72 Pf. Postbestellgebüdren. SficUauitfaSe xle6 Unjrtgrnprrfl: öl itnsvaINg« SRlatmctrricdt 80•!», Riklamijiili 2.— M Eimißigungin nach Tarn PoNschnkkanlo: Lorwärls-Vcrlag G. m. d. H.. Birlin Rr. 37 58».- Eft ZZrrlag dchäll«Ich da« Richl dir Adlehnun» nicht«rnidmir Anirtgin aar! Ridnttto» und Srvidllton: Birlin DW S«. eindinstr. 8 Frrnsvrrchir! Döndoff(A 71 292—297 Der dritte Ichlag! Schlagt Hitler, wählt Braun-Severing! Das Ziel. Hitler im zweiten Wahlgang noch schwerer zu schlagen als im ersten, ist erreicht. Hindenburg hat die absolute Mehrheit, er hat also seine Stellung gegenüber dem ersten Wahlgang noch verbessert. Die Mehrheit des deutschen Volkes hat der nationalsozialistischen Demagogie eine unzwei- deutige Absage erteilt. Der Faschismus ist nach den Spiel- regeln der Demokratie, auf die er sich selber so gerne beruft. regelrecht geschlagen. Sorgen wir dafür, daß dieser zweiten Niederlage die dritte auf dem Fuße folgt. Es gab Illusionisten, die sich einbildeten, die Front der Reaktion werde unter dem Eindruck des ersten Wahlgangs wie eine Schafherde auseinanderlaufen. Sie find erstaunt und enttäuscht, weil Hitler im zweiten Wahlgang noch rund 2 Millionen Stimmen zugenommen hat. Aber schon am 13. März hatten fast 14 Millionen Wähler von rechts gegen Hindenburg gestimmt, nämlich 11,3 Millionen für Hitler und 2,6 Millionen für Duesterberg. Auch ohne die Katastrophe der Kommunisten konnte Hitler mit rund 14 Millionen Stim- meu rechnen, wenn ihm seine Wähler noch vier Wochen lang treu blieben und wenn das Gros der Hugenberg-Leute zu ihm stieß. Ungefähr so ist es denn auch gekommen. Hitler ist mit 13,4 Millionen noch um einige hunderttausend unter der Stimmenzahl geblieben, die er für sich erwarten mußte. Schon heute morgen haben wir daran erinnert, daß die reaktionäre Rechte bei der Präsidentenwahl von 1925 nicht weniger als 14,7 Millionen Stimmen aufbringen konnte und damals mit dieser Stimmenzahl gesiegt hat, während sie diesmal geschlagen worden ist. Aber auch bei den Reichstags- wählen vom 14. September 1939 sind für die Parteien rechts vom Zentrum und der Bayerischen Volkspartei 14,5 Mil- lionen Stimmen abgegeben worden. Es hat sich gezeigt, daß diese Wähler der Rechten fast restlos für Hitler gestimmt haben, und das kennzeichnet den Radikalifierungsprozeß, der sich auf der Rechten vollzogen hat. Für uns, die Sieger des 19. April, besteht aber nicht der geringste Grund, ein Lamento darüber anzustimmen, daß die Schäflein Hugenbergs größten- teils zu Hitler gelaufen find und nicht zu Hindenburg. Deswegen bleibt es doch nicht weniger wahr, daß der Zersetzungsprozeß im Lager der geschlagenen Rechten im vollen Gange ist. Nach außen ist das binnen vier Wochen noch nicht sichtbar geworden. Nun— in zwei Wochen wollen wir noch einmal sehen! Der 19. April hat für die Landtagswahlen in Preußen, Bayern und den anderen Ländern zwei sehr wichtige Vor- entscheidungen gebracht. Erstens: Das deutsche Volk hak mik einer überwälkigenden Mehrheit— 63,2 gegen 36,8 Proz.— eine schwarzweiß- rote Hakenkreuzregierung abgelehnt. Diese Ablehnung ist gleichermaßen in Preußen erfolgt wie in Bayern, Württemberg und den anderen Ländern, in denen am 24. April neue Volksvertretungen gewählt werden. Ln ganz Preußen, in allen Provinzen mit der einzigen Aus- nähme von Pommern, bietet sich das gleiche Bild. In Bayern und Württemberg ist es noch viel deutlicher. Unsere Aufgabe ist also nur, bei den Landtagswahlen den wirklichen Volks- willen, wie er sich gestern gezeigt hat, zur Geltung zu bringen und zu verhindern, daß er durch irgendwelche Schiebungen umgefälscht wird. Die am 19. April geschlagene Rechte hat in den Regie- rungsstuben Preußens, Bayerns, Württembergs usw. nichts zu suchen. Die bei den Reichspräsidentenwahlen auseinander- gefallene Harzburger Front hat ihre Regicrungs- unfähigkeit bewiesen. Die Idee, Braun, Severing und Grimme etwa durch F r i ck, K u b e und den Pastor Münchmeyer zu ersetzen, wird ouf�ewig eine verspätete Faschingsidee bleiben. Hat die Harzburger Front ihre Regierungsunfähiglseit bewiesen, so haben auf der anderen Seite die Parteien, die im Kampf um die Reichspräfidentschaft die Hauptlast getragen haben, einen neuen Beweis dafür geliefert, daß p o l i t i- fches Können nur bei ihnen ist. Das gilt besonders für Das Ergebnis in Prozenten. Das Wahlergebnis gestaltet sich nach Prozenten der abgegebenen Stimmen berechnet, wie folgt: 10. April 13. März Hindenburg.«.«. 53 49,0 Hitler..»... 30,8 30,1 Duesterberg.«...— 0,8 Thälmaun..... 10,2 13,2 Wahlbeteiligung... 82,0 80,2 die Sozialdemokratie und ihre glänzend geschulte und diszi- plinierte Anhängerschaft. Wer am 19. April für Hindenburg ge- stinimt hat, muß am 2 4. April dafür sorgen, daß in Preußen die Regierung Braun- Severing bleibt. Zweitens: Die Aussichten der Rechken, im Landtag zur Herrschaft zu kommen, sind durch die Niederlage der KPD. sehr verschlechtert und wahrsdjeinlich vernichtet worden. Die Rechte ist ohne die kommunistische Hilfe ohnmächtig. Sie' ist mit 36,8 Proz. eine Minderheit und wird auch in Preußen eine Minderheit bleiben. Ihre Spekulation geht dahin, mit Hilfe der kommunistischen Bundesgenossen die Regierung Braun-Severing zu stürzen und sich an ihre Stelle zu setzen. Die Rechte ist darum lebhaft daran interessiert, in der KPD. einen leistungsfähigen Bundes- genossen zu haben. Der aber ist, wie es scheint, seit dem 19. April nicht mehr vorhanden. Die grandiose Kavallerie des Reitergenerals T h ä l- mann ist gestern nach allen vier Himmelsrich- t u n g e n auseinandergaloppiert. Ein Teil folgte dem be- währten Kommando und blieb ekkitreu. Der andere ritt mit verhängten Zügeln zu H i t l e r hinüber, der dritte führte die Pferdchen in den Stall, und der vierte schließlich tat das einzig Vernünftige, was in dieser Situation zu tun übrig blieb: er Heute abend UM 8 Uhr sind alle im Sportpalast! Es sprechen; Otto Braun Otto Irsing Otto Wels über den folgte nämlich den Fahnen der Sozialdemokratie und stimmte für Hindenburg. Man darf annehmen, daß dieser Vorgang in Harzburg nicht weniger Entsetzen erregen wird als in Moskau. Die einigen hunderttausend kommunistischen Ueberläufer zu Hitler haben den Hakenkreuzkohl nicht fett gemacht, aber sie sind für die KPD. eine moralische Kata- strophe. Der Rückgang der KPD.-Stimmen um 25 Proz. verschlechtert in gleichem Maß die Aussichten der Rechten in Preußen. Die Reaktion wird in Preußen ganz klein werden, wenn es gelingt, ihr die kommunistischen Stelzen unter den Beinen wegzuschlagen. Die Führung der KPD. will ihren schmutzigen Klassenverrat fortsetzen, indem sie den Kampf gegen die Sozialdemokratie„verschärft". Nun diese„Verschärfung" hat ihr in vier Wochen einen Verlust von 1,3 Millionen Stimmen gebracht. Das soll nur ein Anfang sein. Die kommunistischen Arbeiter, die nod) ehrliche Sozialisten und Klassenkämpfer sind, müssen den schmutzigen Der- rat ihrer Führer wieder gutmachen, indem sie am 24. April für Braun und Severing stimmen! Dies aber ist die Bilanz des 19. April: Der Faschismus hat seine Durchbruchsschlacht verloren. Er ist steckengeblieben und zurückgeschlagen. Er wird niemals durchkommen. Seine unentbehrliche Hilfstruppe, die Kommu- niftische Partei, ist noch schwerer geschlagen als er selbst. Die Sozialdemokratie geht mit erhöhtem Ansehen, mit gestähltem Selbstbewußtsein in den neuen Kampf. Schlagk Hitler! Wählt Braun-Severing't Aufruf Hindenburgs. Reichspräsident von Hindenburg erläßt aus Anlaß seiner Wiederwahl folgende Kundgebung an das deutsche Volk: „Bkit Dank für das mir von dem deutschen Volke erneut bekundete Vertrauen und mit dem Gelöbnis, auch weiterhin mit meiner ganzen Kraft dem Vaterlande und dem deutschen Volke zu dienen. nehme ich die auf mich gefallene Wiederwahl zum Ncichspräsidcntcn an. Getrau meinem Eide werde ich mein Amt weiterführen im Geiste der lleberparteilichkeit und der Gerechtigkeit mit dem festen Willen, unserem Vaterland zur Freiheit und Gleich- berechtigung nach außen, zur Einigung und zum Aufstieg im Innern zu verhelfen. An alle deutschen Männer und Frauen aber, an die- jenigen, welche mir ihre Stimme gaben, wie an die, welche mich nicht gewählt haben, richte ich die Mahnung: Laßt nun den Hader ruhen und schließt die Reihen! So wie schon einmal bei meinem Amtsantritt vor sieben Jahren fordere ich auch heule unser ganzes deutsches Volk zur Mitarbeit auf. Die Zusammenfassung aller Kräfte ist notwendig, um der Wirrnisse und Röte unserer Zeit Herr zu werden. Rur wenn wir zusammenstehen, sind wir stark genug, um unser Schicksal zu meistern. Darum: In Einigkeit vorwärts mit Gott! Berlin, den 11. April 1932. von hindenburg." Brünmgs Rückirittsgefuch. Schon eingereicht und sofort abgelehnt. Dein internationalen Brauch entsprechend, wonach der Chef der amtierenden Regierung nach der Wahl oder Wiederwahl des Staats- Oberhauptes sein Amt zur Verfügung stellen soll, hat Reichskanzler Dr. Brüning bereits heute vormittag entsprochen und dem Reichs- Präsidenten seinen Rücktritt angeboten. Wie nicht anders zu erwarten war, hat der Reichspräsident dieses Gesuch nicht angenommen. KPO.-Zusammenbruch in Berlin Wie die Weltrevoluiion marschiert �8 Listen zur preustenwahl. Die Zersplitterung besteht weiter. Die Frist für die Einreichung von Wahlvorschlägen für die preußische Landtagswahl ist jetzt abgelausen. Beim preußischen Wahlleiter, dem Präsidenten des preußischen Statistischen Landesamts, sind insgesamt 18 Wahlvorschläge zur Neuwahl des Preußenparlaments am 24. April eingegangen. Ob all diese Vorschläge zugelassen werden und in welcher Reihenfolge sie auf dem Abstimmschein erscheinen, steht noch nicht fest. Die Eni- scheidung darüber fällt der Landcsausschuß, der unter dem Vorsitz des Landeswahlleiters am kommenden Mittwoch zusammentritt. Der Landeswahlausfchuß besteht außerdem aus Beisitzern, die von den sechs größten Parteien gestellt werden. Jede Gruppe, die bisher noch nicht im Landtag vertreten war, muhte in einem Wahlkreis Süll Unterschriften aufbringen, um einen Wahlvorschlag einreichen zu dürfen. Der Wahlkreisleiter hatte dann zu prüfen, ob gegen diese Unterschriften nach den Bestimmungen des Wahlgesetzes nichts einzuwenden sei. Die 18 Listen für die kommende Preußenwahl zeigen die gleiche Zersplitterung, die sich schon bei den letzten Landtagswahlen bemerk- bar gemacht hat. Besonders haben auch die Vertreter der polnischen Minderheit wieder einen Wahlvorschlag eingereicht, doch ist kaum anzunehmen, daß bei dem erhöhten Wahlquotienten von 50 000 eine der Splittergruppen Aussicht auf die Erlangung eines Mandates hat. Es ist daher zwecklos, die Namen der übrigen Splittergruppen zu nennen, ehe der Landesausschuß entschieden hat, ob sie überhaupt zugelassen werden. Auch Basel Hai gut gewählt. Gewinne der Linken auf Kosten derNechten und Kommunisten Basel, 11. April. Die Neuwahl des Baseler Kantonrats zeigt die K o m m u- nisten in starkem Abnehmen, ebenso die Rechte, während Sozialdemokraten und Freisinnige zuge- nommen haben. Es ergibt sich folgende vorläufige Sitzverteilung (in Klammern die bisherigen Mandate): Radikaler Freisinn........ 25— 26(20) Sozialdemokraten.»... 38— 40(34) Bürgerpartei...... s ä.. 14—15(16) Liberal-Konservative... s... 16(19) Evangelische.......... 3(—) Kommunisten.......... 18(25) Die bisherigen fünf Regierungsräte wurden wiederbestätigt. Llrieil gegen Schermger. Zwei Jahre sechs Monate Festungshaff. Leipzig, 11. April. Reichsgerichtsrat Dr. Baumgarten verkündete im Hoch- verratsprozetz gegen Scheringer folgendes Urteil: Der Angeklagte Leutnant a. D. Scheringer ist wegen fortgesetzten Verbrechens der Vorbereitung des Hochverrats in Tateinheit mit fort- gefetztem Vergehen gegen Z 4 Abs. 1 des Republikschutzgesetzes zu 2 Jahren 6 Monaten Festungshaft verurteilt. Sechs Monate der Untersuchungshaft werden angerechnet.— Damit hat das Gericht voll dem Antrag des Reichsanwalts entsprochen. Di« Hitl-r-Hil?« der KPD. Auch im Ausland wohlbemerkt. Paris, 11. April.(Eigenbericht.) Der sozialistische„P o p u l a i r e" schreibt:„Hitler ist ge- schlagen, aber er hat die Zahl seiner Stimmen dank der Unter- stützung der monarchistischen und k o m m u n i st i s ch e n Stimmen erhöht. Das ist eine Schande für den Bolschewismus. Andererseits hat die a n t i f a s ch i st i s ch e Front ihre Stimmen- zahl dank der Tatsache erhöht, daß ein Teil der Kommunisten sich der Vormundschaft ihrer Partei entledigt hat: diese beginnen klarer zu sehen und nähern sich ihren sozialistischen Brüdern." London, Ii. April. Der sozialistische„Daily Herald", der von der Annahme ausgeht, daß die Zunahme der Hitler-Stimmen auf k o m m u- n i st i s ch e Hilfe zurückzuführen sei, meint, daß hierdurch die Sozial- demokraten eine wertvolle Wahlparole für die Preußenwahlen erhalten hätten. Die ganze ernstgeschriebene Auslandspresse gibt ihrer Freude über den Sieg Hindenburgs und seinen großen Stimmenzuwachs Ausdruck und sieht darin ein deutliches Zeichen der S e l b st b e- s i n n u n g weiter Volksmassen in Deutschland, aber auch der Energie des republikanischen Abwehrwillens. Deutschlandfeindliche Nationalistenblätter nützen selbstverständ- lich den Stimmenzuwachs Hitlers aus, um Deutschland als r e v a n ch e w ü t i g hinzustellen, weshalb man weder ab- rüsten, noch ihm Finanzhilfe gewähren dürfe... Der Anschlag aus Or. Luiher. Attentäter Loosen sühtt sich als Märtyrer. Die polizeilichen Ermittlungen über den Anschlag gegen den Reichsbankpräsidenten Dr. Lulher sind noch am gestrigen Sonntag zum Abschluß gebracht worden. Danach hat sich ergeben, daß Dr. R o o s e n und k e r t s ch e r offenbar die einzigen Beteiligken an diesem Attentat sind und daß der zunächst ebenfalls verdächtigte hypokhekenmakler Walter Hein, bei dem Roosen in der Düsseldorfer Straße wohnte, mit dieser Sache nichts zu tun hat. Die Akten über die polizeilichen Ermittlungen sind der Staatsanwaltschaft I zugeleitet worden, nachdem sich Oberstaatsanwalt Köhler noch im Laufe des gestrigen Sonntags im Polizeipräsidium über den Stand der Untersuchung persönlich informiert hat. Für die Anklagebehörde handelt es sich nämlich um die Frage, ob die Sache dem Schnellschöfsengericht zugewiesen werden kann oder ob sie vor das Schwurgericht kommt. Hamburg, 11. April. Der Attentäter auf Dr. Luther, Max Roosen, ist, wie Er- kundigungen über seine Persönlichkeit ergaben, in sungen Jahren aus Buenos Aires nach Hamburg gekommen, hat in verschiedenen Städten studiert und sich dann in Hamburg vor dem Kriege als Anwalt niedergelassen. Nach dem Kriege— er hatte sich in- zwischen verheiratet und war nach Berlin gezogen— beschäftigte Roosen sich mit Währungsfragen. Er betätigte sich auch literarisch, schrieb mehrere Bühnenwerke, von denen eines in Hamburg auch aufgeführt wurde 1926 war fein Wirtschaftsprogramm, betitelt: „Grundlinien für die Entwicklung der Wirtschaft, die Umgestaltung der Sozialversicherung und die Rationalisierung des öffentlichen In Groß-Berlin erhielten die Kommunisten bei der I Neichstagswahl vom 14i. September 1.930 739 235 Stimmen. Am 13. März 1932 erhielten sie 685111 Stimmen, sie verloren gegenüber der Reichstagswahl rund 51 999 Stimmen. Am 19. April 1932 erhielten sie 575 638 Stimmen. Gegenüber der Reichstagswahl haben sie demnach 163 597 Stimmen verloren. Gesiammsl der Lleberlaufer. „Note Fahne" entschuldigt die konunnmstlschen Hitler-Wähler Der katastrophale Stimmenrückgang der Kommunisten, der B e r- r a t ihrer Anhänger, von denen ein großer Teil zu Hitler überlief, hat der sonst so großsprecherischen„Roten Fahne" das Konzept oer- derben: ihre am Montag früh erschienene Sonderausgabe bringt statt des vorhergesehenen Siegesartikels ein blödes Gestammel, in dem man nur eines vergebens sucht— die nach dem ersten Wahlgang so stolz verheißene„bolschewistische Selbst- k r i t i k". Es kann nur komisch anmuten, wenn die„Rote Fahne" in den um 6U Millionen oder 25 Proz. verminderten Thälmann- Stimmen des zweiten Wahlganges eine„neue revolutionäre Demonstration für d«n Kommunismus" erblickt. Das revolu- tionäre Moment besteht offenbar darin, daß die im März als„ein- ziges Bollwerk gegen den Faschismus" gerühmten fünf Millionen Stimmen des ersten Wahlganges bereits im April zu einem Fünftel dem Faschismus zugeflossen sind. Im übrigen will die„Rote Fahne" es längst gewußt und immer gesagt haben, daß im zweiten Wahlgang die kommunistische Stimmen- zahl zurückgehen würde. Dabei hatte sie am 15. März angesichts der damaligen 5 Millionen Stimmen stolz ausgerufen:„Dieses Heer wird wachsen!" Es ist nach unten gewachsen, und natürlich hat die„Rote Fahne" mit ihrer Prophezeiung auch nichts anderes gemeint! Als lahmes Entschuldigungsmoment führt dann die"Rote Fahne" an: Ein Teil ihrer Anhänger habe geglaubt, es handle sich nur um eine Stichwahl zwischen Hitler und Hindenburg, und die kommunistischen Wähler könnten daher nicht noch einmal für Thälmann stimmen. Damit will die„Rote Fahne" wohl darwn, wie aufmerksam sie von ihren Anhängern gelesen wird und welch enormen geistigen Einsluh sie auf die kommunistische Wählerschaft ausübt, die offenbar die Parolen der„Roten Fahne" gar nicht liest! Rur von einem spricht die„Rote Fahne" sehr, sehr dunkel: von dem scharenweisen Ueberlaufen ihrer Wähler zu Hitler. Moskauer Hltlcrwählcr „vis Ksuptgcfahr ist Ssvsring!" So hörte laut man schmüsn Vis„Rote Fahno" und dann ging Ihr Anhang Hitler wählen! „Den Hauptstoß richtet gegen Wels! VVeSs— Hitier ist das gleiche." Das Rund des Moskau-Karussells Hielt drauf beim Dritten Reiche. la, das ist rrrevolutienär: Die Stimme dem Faschisten! Der Klassenkampf jedoch— ja der... Der gilt den Sozialisten! Jonathan. Etats", abgeschlossen. Roosen versuchte, sich für seine Ideen Gehör zu verschaffen, wurde aber abgewiesen. Wiederholt äußerte er, man müsse unter Umständen radikaler vorgehen, Cr trat damals in die NSDAP, ein, über deren politische und wirtschaftliche Theorie und Praxis er später seine Enttäuschung aussprach, Angehörige und Bekannte in Hamburg erklären, daß Roosen unmöglich einen Mord geplant haben könne. Es müsse sich um eine reine Demon- stration gehandelt haben: Roosen fühle sich als Märtyrer und hoffe nur, in einem großen Prozeß sein Programm der Oeffent- lichkeit vorlegen zu können. Gleich bei den ersten Vernehmungen wurde bekannt, daß die beiden Täter, die den Anschlag auf Reichsbanfpräsident Luther oer- übt haben, Anhänger der sogenannten Schwundgeldtheorie sind und in ihrem fanatischen Glauben an diese Lehre den Wahrer der deutschen Währungspolitik beseitigen zu müssen glaubten. Wenn Roosen auch in Fachkreisen nicht ernst genommen wird, so hat seine Lehre doch in gewissen Bevölkerungsschichten, speziell in der Jugend- bcwegung, teilweise Anhänger gefunden. Es existiert auch ein söge- nannter„F r e i l a n d- F r e i g e l d- B u n d", der mit seinen Nebenbllnden diesem Programm anhängt. „Die einzige Front" Wie sie am 10. April zu Hitler desertierte! [ Dieser Punkt des Wahlergebnisses wird nur ganz verhüllt den Lesern zur Kenntnis gebracht, nämlich durch folgendes Gejammer: Insbesondere die Hitler-Partei schreckte nicht vor den schmutzigsten Wahlmanövern zurück, wie der Verbrei- tung gefälschter Flugblätter, die sich den Anschein gaben, kommunistischen Ursprungs zu sein und zur Wahl Hitlers ausforderten, um dadurch gegen das heutige System zu demonsirleren und die revolutionäre Krise zu beschleunigen. Also einem plumpen Wahlschwindel sollen die kommunistischen Anhänger aufgesessen sein. Das sind ja schöne Revolutionäre, die der Gegner durch ein plump gefälschtes Flugblatt widerstandslos in sein Lager führen kann! Aber die Sache liegt ganz anders: Bereits acht Tage vor der Wohl hat die M ü n z e n b e r g- P r e s j e sich sehr scharf gegen Strömungen in der Kommunistischen Partei gewandt, die genau aus der Motivierung der angeblich ge- fälschten Hitler-Flugblätter heraus zur Wahl Hitlers auf. forderten. Aus den Reihen der Kommunistischen Partei, ja sogar der kommunistischen Funktionäre ist die heimliche Wahlparole sür Hitler entstanden, die mindestens von einem Fünftel der Thal- mann-Anhänger— und zwar gerade von dem disziplinierten Teil, befolgt worden ist. Kommunistische„Hochburgen". Die Moskauer Wegbereiter für den Faschismus. In zwei rein industriellen Wahlkreisen steht Hitler mit seiner Siimmenzahl an der Spitze: in Halle-Merseburg und m Chemnitz-Zwickau, In Halle-Merseburg wurden abge- geben für Hitler 351 000 Stimmen gegen 304 000 für Hindenburg, in Chemnitz-Zwickau 557 000 für Hitler gegen 445 000 sür Hinden- bürg. Dieses Ergebnis ist außerordentlich interessant angesichts der Tatsache, daß ja ein Jahrzehnt lang diese beiden Wahlkreise als die Hochburgen des Kommunismus galten. Chemnitz- Zwickau war der erste Reichstagswahlkreis, der— im Jahre 1920— Kommunisten in den Reichstag wählte, Halle-Merse- bürg war das Zentrum des wahnwitzigen„mitteldeutschen Aufstandes" von 1921. In beiden Wahlkreisen war es den Kommunisten gelungen, die Sozialdemokratie zu überflügeln, und dann durch ungeheuren Terror in einem Teil der Betriebe die Herr- schaft an sich zu reißen, zeitweilig die Gewerkschaften und Genossen- schaften zu„erobern", um sie alsbald zu ruinieren, wie den Konsumverein Halle-Merseburg. Und die Folge? Auf den Trümmern der von den Kommunisten zerstörten Zlrbeilerorganifalionen wuchert allenthalben der Ralional- sozialismus. Die Thälmann-Phrase ist der Hitler-Phrase gewichen. Welche Rolle die Kommunisten selber in ihren ehemaligen„Hoch- bürgen" noch spielen, zeigt klar das folgende Ergebnis. Am 10. April erhielt Thälmann in den genannten Wahlkreisen Stimmen: Zn Halle-Merseburg: Thälmann 165 060 von 822 000, d. h. rund 20 Proz. 3n Chemnitz-Zwickau: Thälmann 178 000 von 1 180 000, d. h. rund 15 Proz. In Halle-Merseburg musterten die Kommunisten gerade nod) ein Fünftel, in Chemnitz-Zwickau noch nicht ein Sechstel cher Gesamtwählerschaft. Dagegen erhielt Hitler in Halle-Merseburg mehr als das Doppelte der Thälmann-Stimmen, in Chemnitz-Zwickau mehr als das Dreifache der Thälmann- stimmen! Der einzige Erfolg der jahezehntelangen kommunistischen Wühlerei in diesen beiden Wahlkreisen ist also gewesen, daß sie für den Faschismus die Bahn freigemacht haben. I Eine Lehre. Devisenschieber aufgeflogen. Geheimagenten einer holländischen Bank verhaftet. Die Zollfahndungsstelle hat wieder zu einem großen Schlage ausgeholt und dabei zwei A g e n t e n, die im Auftrags einer holländischen Bank Devisenschiebungen vornahmen, verhaftet. Die Festnahme erfolgte in einem Cafe in der Friedrichstraße. Es handelt sich um zwei Polen K a tz und 5) i r s ch f e l d. Gegen beide ist be- reits Haftbefehl erlassen worden. Bor der Festnahme gelang es dem Mittelsmann der beiden, einem gewissen Gerstner, ebenfalls ein Pole, unter Mitnahme großer Summen zu flüchten. Gegen einen vierten Mann, den Juwelier W., der sich ebenfalls an den Geheim- geschäften beteiligt hatte, ist ein Verfahren eingeleitet worden. Wir erfahren dazu folgende Einzelheiten: Katz und Hirsch feld hatten bei Berliner Banken hau- fige und größere Geldumsätze, durch die sie sich auffällig gemacht hatten. Bankdetektive setzten die Zollsahndungsstelle davon in Kennt- nis, die nun ihrerseits die beiden Leute unter Beobachtung stellte. Das war aber nicht einfach, denn die beiden Polen entzogen sich eine Zeitlang in ganz geschickter Weise den Beamten. Die Zoll- fahndungsstelle arbeitete bereits mehrere Tage hindurch an der Auf- klärung der Geheimgeschäfts, die da unzweifelhaft gemacht wurden. Schließlich gelang es, festzustellen, daß sich die beiden Männer mit anderen Personen in verschiedenen Cafes der Friedrichstgdt trafen. Nunmehr setzte eine umfangreiche Aktion gegen die Schieber ein. Mittlerweile stellte es sich heraus, daß die Polen über einen Mit- t e l s m a n n, von dem sie ihre Aufträge erhielten, als Geheim- agenten einer holländischen Bank Devisengeschäfte vornahmen. Der Mittelsmann war Gerstner, der den beiden Schiebern in kleinen Paketen und in geheimnisvoller Weise Wertpapiere zusteckte, die die Polen alsdann umwechselten. So war ein„Geschäft" über 200 000Markz. B. zustande gekommen. Nach und nach ergaben sich aber weit größere Summen, die schließlich die Höhe von 600 000 Mark annahmen. Dieses deutsche Geld wurde dann nach Holland gebracht. Als die Beamten in ihren Ermittlungen so weit waren, schritten sie zur Verhaftung. Todesuriei! üösr Turksib-Beamie. Konterrevolution und Sabotage. Moskau, 11. April. Der Gerichtshof in Alma-Ata(auch Wjerny, Trotzkis Verbau- nungsort) hat sechs Beamte der Turksib wegen Konter- revolution und Sabotage zum Tode verurteilt. Die obersten In- stanzen haben das Urteil bestätigt. Es wird in nächster Zeit voll- streckt werden. Wahlresuliate aus Anstalten. Einige Aufschlußreiche Ergebnisse. Zur Erleichterung der Stimmabgabe derjenigen Personen, die in Anstalten untergebracht sind, war diesmal bestimmt worden, daß in allen An st alten, in denen sich mehr als Sl) Per- sonen aufhalten, ein besonderer Stimmbezirk ge- bildet werden sollte. Diese Maßnahme sollte der Bequemlichkeit dienen, hatte aber auch den Nachteil, daß da, wo sich vor allem Alte und Gebrechliche aufhalten, die Gefahr der Wahlbeeinflussung durch das Aufsichtspersonal in starkem Maße besteht. Der größte Stimmbezirk für eine solche Anstalt lag im Wedding und war im Virchow-Krankenhaus eingerichtet. Für bett- lcigerige Kranke wird ein fliegender Wahloorstand ge- bildet, der von Bett zu Bett und gegen Abgabe des Stimmscheins d e Wahlkuverts entgegennimmt. Das Personal wählt besondere— ?m Gerhard-Stift in der Müllerstraße war es infolge der Weigerung der Direktion des Krankenhauses nicht möglich, einen Stimmbezirk zu bilden, und das Wahlamt war nicht befugt, von sich aus einen Wahlvorstand zu bestimmen. Im Jüdischen Krankenhaus in der Exerzierstraße ist das Ergebnis das folgende: Sjindenburg 238 Stimmen(108), ch i tl e r 8 Stim- den(8), T h ä l m a n n 22 Stimmen(28). Die größere Stimmenzahl gegen die Wahl vom 13. März erklärt sich durch das Hinzu- kommen von 114 Personen, die im Altersheim untergebracht sind. Interessant ist immerhin, daß 80 Hitlerianer sich unter den Schug der Juden geflüchtet haben. Neu sind die Stimmbezirke im Kaiserin-Augusta-Stift und das Hospital zum Heiligen G e i st. Im Kaiserin-Augusta-Stist wurden abgegeben sur Hindenburg 202, für Hitler 29 und für Thälmann 6 Stimmen. Im Hospital Heiliger Geist ist das Abstimmungsergebnis das folgende: Hindenburg 220, Hitler 103 und Thälmann 1 Stimme. Im Virchow-Krankenhaus stellt sich das Ergebnis der Ab- ftimmung von Personal und Patienten zusammen wie folgt: Hindenburg 800(885). Hitler 396(315), Thäl- ni a n n 408(512).(Duesterberg 99.) Der größte Teil der Hitler- Stimmen im ersten Wahlkampf stammte vom Personal, von dem allein 220 Stimmen abgegeben wurden, während von den Patienten nur 95 auf Hitler entfielen. Diesmal wurden vom Personal 227 Hitler-Stimmen aufgebracht, während von den Patienten 189 Stimmen für Hitler abgegeben wurden. Die Thälmann- Stimmen, die bei der ersten Wahl 198 vom Personal aufgebracht wurden, verringerten sich auf 98 Stimmen, während die übrigen Stimmen von Patienten herrühren. Wahlausfall und Kinanzweli. Stimmungsbild aus dem Baseler Generalrat. Basel, 11. April. Der Verwaltungsrat der Bank für internationalen Zahlungs- ausgleich ist heute vormittag zu seiner ersten Sitzung des dritten Geschäftsjahres unter dem Vorsitz seines Präsidenten Macgarrah zusammengetreten. Der Ausgang der Reichspräsidentenwahl hat bei den Notenbank-Gouverneuren große Genugtuung ausgelöst, obwohl man an der Wiederwahl Hindenburg? nicht zweifelte. Immerhin hat das Anwachsen der Hitler-Stimmen einige Besorgnis hervorgerufen und wird als Anzeichen dafür gewertet, daß die Welle ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Diese Lage müsse bei künftigen Besprechungen, an denen internationale Finanzleute maßgebenden Einfluß hatten, berück� sichtigt werden, und es müsse alles daran gesetzt werden, um Deutschlands Lage zu erleichtern und damit seine innere Stabilität zu sichern._ Aazis überfallen Wähler. Aber sie empfingen eine Abkühlung. Eisenach, 11. April.(Eigenbericht.) Am Sonntag versammelten sich kurz vor Beendigung des Wahl- aktes vor einem Wahllokal im Osten der Stadt zirka 5 0 Na- tionolsozialisten und pöbelten die Wähler an. Als diese nicht darauf reagierten, fiel die Mehrzahl der SA.-Leute aus den Befehl ihres Führers mit Koppeln, Knüppeln und Ketten bewaffnet über die Passanten her, die sich jedoch zur Wehr setzten. Hinzukommende Arbeitersportler griffen zum Schutze der Passanten ein. Im Verlaufe des Gefechts wurden zwei Nationalsozialisten i» die Hörsel geworfen. Zuschauer beobachteten, wie einige Nazis beim Nahen der Polizei Pistolen und Schlagringe ins Wasser warfen. lleberfälie in Braunscbweig. Braunschweig, 11. April.(Eigenbericht.) In den beiden letzten Nächten kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zu großen Schlägereien. Die National- sozialisten griffen Reichsbannerleute an, die von einer Kundgebung der Eisernen Front kamen, und entrissen ihnen drei mitgeführte eingerollte Fahnen. An einer Stelle geschah der Angriff durch eine Motorradstaffel. Ein Fahnenträger wurde ohnmächtig geschlagen, ein Begleiter mit einem Revolver bedroht. Eine Fahne wurde in einem Schrebergarten zerschlagen und zerfetzt wiedergefunden. Es gab etwa 15 Verletzte, von denen einige dem Krankenhaus zugeführt werden muhten. �Berlins Schupo tvähU Trotz der erhöhten Alarmbereitschaft der Berliner Polizei, muß den Beamten Zeit zur Ausübung ihrer Wahlpflicht gegeben werden. Aus diesem Grunde stimmten die Beamten bereits in den frühen Vormittagsstunden ab. Schutzpolizisten, die in Reihen anstehen, um ihre Stimme abzugeben. In Moskau wird man aber diese Wahlschlangen bald als Beispiel ausgeben, wie in Deutschland die Polizei sogar nach— Lebensmitteln anstehen muß. Am Sonntagnachmittag wurde die von Arbeitern bewohnte Friesenstraße durch die Polizei von 6 Uhr an für jeden Durchgang gesperrt. Die Polizei forderte sämtliche Bewohner aus, Türen, Fenster und Fensterläden geschlossen zu halten. Hervorgerufen wurde die Absperrung durch einen Nationalsozialisten, der mit dem Motor- rad durch die Friesenstraße gejagt war, nachdem er auf einen Passanten einen Schuß abgegeben hatte. Iungbannermann niedergeschiaaen. Hannover, 11. April.(Eigenbericht.) Am Sonnabendabend übersielen Nationalsozialisten mehrere Reichsbannerleute, wobei ein Jungbannermann einen doppelten Schädelbruch erlitt und Messerstiche erhielt. Die Aerzte zweifeln an seinem Aufkommen. 45 National- sozialisten wurden verhaftet, bei denen zahlreiche Waffen und Schlagwerkzeuge gefunden wurden. SA. von SA. erschlagen. Das Nowdytum strast sich selbst. Essen, 11. April.(Eigenbericht.) In den Morgenstunden des Sonnlag versuchte ein Trupp Nationalsozialisten die Geschäfts stelle der fozialdemokra- tischen„v o l k s w a ch t" in Willen an der Ruhr zu stürmen, nachdem die in der Geschäslsslelle untergcbrachle Rcichsbannerwache sie beim Abreißen von Hindenburg-Plakaten ge- störl halle. Es kam zu einer schweren Schlägerei, wobei ein S A.- M a n n in der Hitze des Gefechts von feinen eigenen Kameraden einen Schlag mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf erhielt und einen Schädelbruch erlitt. Er wurde ins Hospital geschafft, wo er in lebensgefährlichem Zustande daniederliegt. Dynamitexplosion im Wohnhaus. In Springfield ereignete sich in einem dreistöckigen M i e t h a u s eine furchtbare Explosion. Die Erschütterung wurde in der ganzen Stadt gefühlt. Fünf Personen wurden ge- tötet und sechzehn verwundet. Unter den Toten befinden sich vier Frauen, darunter die Gattin des Leiters der syrischen Kolonie in Springfield. Die Polizei führt die Explosion auf einen Dynamitanschlag zurück. SPD.-Araktion Rudolf-Virchow-Srankenhaus. Fraktionsver- sammlung morgen. Dienstag, 16 Uhr. Föhrerflraße 7. Afrikanische Skulpturen. Ausstellung in der Sezession. Wunderbar sind die. Schätze des Berliner Volkerkunde-Mufeums, nach der Neuordnung vor einigen Jahren in einer Uebersichllichkeit und Schönheit aufgebaut, wie man sie nur in modernsten Samm- lungen kennt. Daß auch diese Ordnung nicht das letzte hergeben kann, bewies die herrliche Schau altamerikanischer Kunst in der Akademie, beweist jetzt wieder die Ausstellung afrikanischer Plastik in der Sezession(im„Romanischen Haus" an der Gedächtniskirche). Auch wer sich als vollkommener Laie den Holz- und Elfenbein- skulpturen der Afrikaner gegenüber fühlt, wird mit Beglückung die Besonderheit dieser Schau empfinden und sogleich in ein näheres Verhältnis zu ihr treten können. Es kommt sehr darauf an, w i e man Kunstwerke ausstellt. Die lockere und mit Verständnis gefchmack- volle Anordnung der dunklen Skulpturen vor den weißen Wänden der Sezession gibt den auserlesenen Stücken ihr künstlerisches Eigen- leben. Die besten stammen aus dem Berliner Museum für Völker- künde, dann aus den Museen von Köln und Hannover, aus einem Dutzend Privatsammlungen. Die unvergleichliche Schönheit der Bronzen aus Benin, 15. bis 17. Jahrhundert, deren kulturhistorische und künstlerische Herkunft den Forschern noch immer ein Rätsel ist, die späteren Holzstatuen, Schemel, Masken, Kleinwerke vor allem aus Kongo und Kamerun, aus Poruba, der Goldküste und Inner- sudan scheinen uns heute unfaßbar in ihrer grandiosen Mischung von Naturechtheit und höchst strenger Stilisierung. Daß diese gesamte Kunst in der beispiellosen Formgröße ihrer Plastizität schließlich auf die ägyptische Kunst zurückgehen muß, ist auch dem Laien klar: unbegreiflich sind nur dem Historiker die Zusammenhänge über 2000 bis 3000 Jahre eines unbekannten Zwischenstadiums, unfaßbar dem Psychologen die Sicherheit ihrer monumentalen und ausdrucks- gewaltigen Formwerdung aus dem Nichts und die Formoerwandt- schaft all dieser Dinge, deren Urheber durch Tausende von Kilometern Landes voneinander getrennt sind, ohne die Wahrscheinlichkeit einer kulturellen Verbindung. Dem Spezialforscher, dem sammelnden Liebhaber sind die for- malen Unterschiede der einzelnen Gebilde, nach Herkunft und Rasse, vertraut. Jenseits aller Verschiedenheiten aber erscheint uns die Bildnerei der Neger als ein unbestreitbar herrliches und unermeßlich reiches Gebiet der darstellenden Kunst, das kennenzulernen höchst beglückend ist, und deren Werke immer wieder die Phantasie des Menschen als verehrungswürdige Schöpfertraft erkennen lassen. p.£. seh. Die Glche gedeihen in Ostpreußen. Die letzten gesetzlichen Maßnahmen, die zugunsten des Elch- wildes 1929 erlassen wurden, forderten den unbedingten Schutz dieser Tiere, die noch als Ueberrest« einer fernen Vergangenheit in unsere Zeit hineinragen. Nur wenige Stücke wurden in den ersten Jahren abgeschossen, um die Zucht zu verbessern. Dann aber konnte der Abschluß in großem Umfange gestattet werden, wie Scharein im „Deutschen Jäger" ausführt. In den Regierungsbezirken Königsberg und Gumbinnen wurden in den privaten Jagdbezirken 25 Stangen- Elche und 16 Schmaltiere zum Abschuß freigegeben. Diese Lichtung der Bestände war dadurch gerechtfertigt, daß dieses große Wild nicht unbeträchtliche Schäden an dem jungen Holz in den Forsten anrichten kann. Bei der Jagd wurde natürlich darauf geachtet, daß Haupt- sächlich solche Stücks beseitigt werden, die wegen schlechter Geweih- form oder sonstigen Unzulänglichkeiten einer gesunden Nachzucht im Wege stehen. Man braucht ja heute nicht mehr vor allem darauf zu sehen, daß die ostpreußischen Elche überhaupt erhalten bleiben, denn ihr Bestand entspricht bereits wieder dem der Borkriegszeit. Das Hauptziel ist vielmehr, daß die Körperbeschasfenheit des Wildes sich von Jahr zu Jahr bessert und die Veredelung der Geweihsorm fortschreitet. Jahresbericht des Archivs für Dolksbilduag. Das Archiv für Volksbildung im Reichsministerium des Innern, die zentrale Sammelstelle für alle das Volksbildungswesen betreffenden Fragen, teilt in seinem soeben herausgegebenen Jahresbericht mit, daß es in der letzten Zeit fein« Bestände neu geordnet und wesentlich ergänzt hat. Die Bibliothek umsaßt zur Zeit 10 000 Bände. 3n_ seiner neuen Gestalt ist das Archiv für jeden an den Volksbildungsfragen Jnter- essierten eine wertvolle Arbeitsstätte. Die Benutzungsordnung kann von der Archivleitung(Berlin NW. 40, Platz der Republik 6) ein- gefordert werden. Das Archiv veröffentlicht laufend in der Zeitschrist ."Freie Volksbildung" eine Bibliographie des Volksbildungswesens und brachte eine Broschüre:„Aus der Praxis der Erwcrbslosenhilfe an Jugendlichen" heraus. Den Volksbildungsverbänden und-zeit- schriften stellt das Archiv Mitteilungen über Gesetze, Verordnungen, Tatsachenbericht usw. zu. Die Herausgabe eines Handbuches der deut- schen Erwachsenenbildung ist geplant. „Kuhle Wampe" erneut verboten. Die F i l m o b e r p r ü f- st e ll e hat sich in Uebereinstimmung mit dem Reichsinnenministerium für die Aufrechterhaltung des Verbots des Films„Kuhle Wampe" ausgesprochen. Der von Brecht und Ottwald verfaßte, von Regisseur Dudow gedrehte Film war von der Prüfftelle Berlin auf Grund der das Pichtspielgesetz ergänzenden Notverordnung wegen Gefähr- dung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit verboten worden. Rabelais' Geburtshaus. Das kleine Landhaus La Devinier, etwa 12 Kilometer südöstlich von Chinon, wird beut für die Stätte gehalten, an der der große französische Dichter Frangois Rabelais 1494 das Licht der Welt erblickte-, zweifellos fest steht, daß er hier die ersten Jahre seines Lebens verbracht hat. Der Rabelais-Forfcher Abel Lefranc hat kürzlich zu zeigen versucht, daß viele Züge aus der Jugend seines Helden Gargantua mit seinen eigenen Kindheits- erinnerungen verknllpst sind und daß die gigantischen Kämpfe, von denen hier die Rede ist, auf einen Zwist zurückgehen, den die Fa- milie Rabelais mit ihren Nachbarn auszufechten hatte. Das Haus wurde jetzt vom französischen Staat angekauft und soll Besuchern zugänglich gemacht werden. Reform des österreichischen Arheberrcchts. Wie aus Wien ge- meldet wird, sind die bereits feit längerem um die Angleichung des österreichischen Urheberrechts an das deutsche geführten Verhandlun- gen nunmehr zu einem Abschluß gelangt. Der ursprüngliche Wunsch Oesterreichs, die Schutzsrist auf 50 Jahre zu erstrecken, ist sollen ge- lassen worden. Eine französische Friedensmarke. Wie Pariser Blätter melden, will der französisch« Postminister eine neue Briefmarke ausgeben, die als Sinnbild des Friedens gelten soll. Die neue Marke wird mit dem Wert von 1 Franken 15 Centimes herausgebracht und soll hauptsächlich im internationalen Verkehr Verwendung finden. Durch diese Marke soll Frankreichs Friedensliebe im Geiste des ver- storbenen Briand der ganzen Welt vor Augen geführt werden. In Italien erscheint eine Serie von 15 Briefmarken, von denen 5 für die Luftpost bestimmt sind zu Ehren der Jahr- Hundertfeier Garibaldis Die Bilder sind dem Leben Garibaldis und seiner Gattin Anita entnommen Das Theater der Schauspieler hat nach vielen Bcrhandlungen es nun- mehr doch durchgesetzt, für ihre„M aria-Stuar t"-Ausführungen das Lcssing-Thcatcr zu bekommen. Die Premiere findet am 14. April, 7.30 Uhr, statt. Im Bunde geistiger Berus« sprechen Dr. Gustav Wyncken, Dr. H. Bud- zislawski, Dir. Linneke, Dipl.-Jng. F. Boening Dienstag, 8 Uhr, im Schubert-Saal am Nollcndorsplatz. Einen Wilhelm-Busch-Abend veranstaltet die Jean-Paul- Gesellschaft heute, 8 Uhr, im Landwehrkasino. Eintritt frei. Fiir die Kabarett-Matince der VsllSbiiHne, die Sonntag, 11.30 Uhr, im Theater am Bülowplatz stattfindet, wurden als Mitwirkende gewonnen: Joscvh Plaut, Peter Dolmoff mit seineu Jazz-Sinsonikern, Ernst Bufch, die Grotcsktänzcr Fred und Toms, Artur Mainzer, der Karikatürcnzeichner Werner Saul, die Solotänzcrinncn der Städtischen Over Hedi und Margot Höpfner, Ilse Trautschold, die Bortragskünstlerin Hilde Wenzel- Manny Ziener. Die Confsrence hält Frank Günther. Das Sgjähriac Bestehen des Berliner Philharmonischen Orchesters wird durch Konzerte feierlich begangen. Wilhelm Furtwängler leitet das 1. Fest- konzert in der Philharmonie am 15. April mit vorangehender öffentlicher Boraufführung am 14. April. Frida Leider wird nach ihren großen Erfolgen im„Parsisal" als Kundrh und in„Tristan und Isolde" als Isolde am Dimstag, dem 12. April, unter Furtwänglers Leitung singen. Ltrlaubsanspruch nach Gireik. Wiederaufnahme der Arbeit ist keine Tteueinstellung. Bei Siemens u. Halste in Berlin war Mitte Oktober 1930«in größerer Streik ausgebrochen. Er wurde durch eine Vcr- einbarung der Tarifvcrbände am 26. Oktober 1936 beigelegt. Die Arbeit wurde zu den alten Bedingungen wieder ausgenommen. Mehrere Arbeiter machten nach dem Streik ihren tariflichen Urlaub geltenö. Die beklagte Firma hat die II r l a u b- a n j p r ü ch e ab- gelehnt. Sie stiigt sich dabei auf eine Entscheidung des Haupt- ausschusses vom 6. September 1927. Die Entscheidung sieht vor, dag dem Arbeiter, der fristlos aus einem von ihm selbst ver- schuldeten wichtigen Grunde entlassen war, auch wenn er inner» halb von 2 Monaten wieder eingestellt wird, keinen Urlaubs- a n s p r u ch erlangt. Die Kläger erblicken dagegen in der Ablehnung eine Verletzung vcr am 28. Oktober 1936 zwischen den Tarifparteicn vereinbarten Friedensklausel. Ihre Klage auf Feststellung ihres Ur- laubsanspruchs ist von den beiden Vorinstanzen abgewiesen worden. Sie haben Revision eingelegt, in der sie geltend machten, daß sie nach dem Streik von der Beklagten zu den alten Be- dingungen wieder eingestellt wurden. Sie hätten va- her Anspruch aus Urlaub. Das Reichsarbeitsgericht hob das vorinstanzliche Ur- teil auf und entschied zugunsten der Kläger. Das Vorbringen der Beklagten, das sich auf die Entscheidung des 5)auptausschusses stützte, der vis Auslegung des Tarifvertrags zu regeln hatte. sei nicht durchschlagend gewesen. Di« Kläger seien zu der zwischen den Tarifparteien vereinbarten Friedensklauscl wieder eingestellt worden und hätten nach den alten Bedingungen auch Anspruch auf Urlaub.(RAS. 624/31.) Eine generelle Verweigerung des nach einem Streik fällig wer- denven Urlaubs käme einem Racheakt gleich. Verweigerte man aber dem Tell der Arbeiter, der vor dem Streik noch keinen Urlaub hatte, dessen Freigabe nach dem Streik, dann bedeutete dies eine Unge- rechtigkeit. Vereinigung von Gewerbeaufsichisämtern. Der preußische Minister für Handel und Gewerbe hat die Bezirke der Gewerbeaussichtsämter der Stadt Berlin, wie folgt, festgelegt: 1. Die Gewerbeaufsichtsämter Berlin-Gesundbrurmen, Berlin- Wedding und Pankow-Reinickendorf werden zu einem Gewerbe- aussichtsam t Norden zusammengelegt. Das Gewerbeaus- sichtsmnt Norden befindet sich Berlin N 4, Chausseestraße 9Z/97, Fernsprecher 0 1. Norden 3143. 2. Das Gewerbeaufsichtsarnt Lutsenstadt wird mit dem Gewerbe- aufsichtsamt Berlin-Mitte vereinigt. Das Gewerbeaufsicht s- o m t Mitte befindet sich Berlin C. 25. Alexanderstr. 71, 6. Stock. 3. Die Gewerbeaufsichlsämler Neukölln und Treptow-Köpenick werden zu einem Gewerbeausslchrsamt Neukölln- Oberspree zusammengelegt. Das Gewerbeaufsichtsamt Neukölln- Oberspree besindet sich Berlin SO 36, Bouchestraßc 87/166, Fern- sprccher U 8 Oberbaum 2493. Die Aenderungen treten mit dem 1. April in Kraft. Das Gewerbeaufsichtsamt Atitle umsaßt das Polizeiamt Mitte mit den Polizeirevieren 1 bis 17, das Gewerbaufsichtsamt Norde«, das Polizeiamt Wedding mit den Polizeirevieren 41 bis 53 und die Polizeiämter Pankow und Reinickendorf mit den Polizeirevieren 281 bis 366, das Gewerbeaufsichtsamt Neukölln-Oberspree die Polizei- ämter Neukölln, Treptow und Köpenick mst den Polizeirevieren 211 bis 256. Die Bezirke der übrigen Berliner Gewerbeaufsichtsämter bleiben mwerändert. 1. kreis Mille. Die Genossinnen werden gebeten, sich morgen (Dienstag) früh 7 Uhr zur Handzettelverteilmrg im Lokal Lohann, Vrüderstraße 16. zahlreich einzufinden.- Melier für Berlin: Unbeständig und kühl mit einzelnen Schauern. Frische nordwestliche Winde.— Jür Deutschland: Allgemein veränderlich, wiederholte Schauer, recht kühl. � Buch £udrcig Vlarcufe:'.Heinrich Jfeiuc*) Ein anregendes Buch: ja, man könnte vielleicht sogar, wenn uns heute nicht andere als literarische Fragen allzu sehr erregten, nach der Lektüre dieses Buches sich gezwungen fühlen, festzustellen: ein aufregendes Buch. Ausregend nämlich für den, der, über die Liebe hinaus, die er dem Dichter Heine entgegenbringt, in ihm den unbeirrbaren Kämpfer gegen reaktionäre Gewalten sieht. Eis» wasserbäche der Entgötterung des geliebten Idols ergießen sich über den glühenden Heine-Verehrer, der Dichter der„Wanderratten", der politische Dichter, der mit scharfgeschlisfenen Versen seine Gegner töten wollte und ihnen doch gerade damit zur Unsterblichkeit ver- half, dieser Sanger der Freiheit enthüllte sich als„ein ängstlicher Held". Diese Darstellung Heines, der in der Liebe seiner Verehrer ebenso wie im Haß der ewigen Mucker und Ducker, die sich von seinem ätzenden Spott getroffen fühlen, weiterlebt, verzichtet aus die kleinen biographischen Einzelheiten, um dieses Leben„zwischen Gestern und Morgen" in einem großartigen Zeitbild verständlich werden zu lassen. Zwischen der reichgewordenen Bourgeoisie und dem aufstrebenden Proletariat stand Heine und blies die Fanfaren der Frecheit. Aber dieser Kämpfer gegen Reaktion und Zensur, dieser scharfe Kritiker des Juste-milieu konnte sich, im Gegensatz zu Börne, der als Wortführer in der Front des vormarxistischen Radi- lalismus stand, in der die revolutionären Kräfte des Bürgertums und des Proletariats zusammenströmten, Heine konnte sich für die „Anbeter der Egalite", die die„allgemeine Küchengleichheit" ein- führen wollten, nicht entscheiden. Er erkannte die innere Fäulnis des Bürgertums und fürchtete doch den Umsturz,- da er an eine neue Ordnung nicht glaubte. Und er entschied sich gegen die Zu- kunst, für die Gegenwart, da ihm der Untergang des Bürgertums, das er gleichwohl durchschaut hatte, gleichbedeutend war mit dem Untergang der Kultur und aller Schätze, die er liebte. Daß durch das Proletariat eine neue Ordnung entstehen sollte, erkannte er nicht, mit tiefer Trauer befürchtete er, wie nach dem Siege des Proletariats seine Gedichte„ins Grab sinken werden mit der ganzen alten romantischen Welt". So sieht Marcuse die Gestalt Heines und seine tragische Stellung in der Welt und einer Gesellschaft, die den Poeten zwingt, ein Kämpfer zu sein. Dieses Bild, mit nachfühlender Liebe gezeich- net. wird farbig belebt durch die beiden Frauengestalten Mathllde und die letzte große Liebe, die„Mouche". Man liest das Buch von Marcuse, dos in sprachlicher Gestaltung und formeller Gliederung ausgezeichnet ist, in manchen Einzelheiten nicht ohne Widerspruch, im ganzen aber zustimmend und begrüßt es als eins wertvolle Be- reicherung der Heinc-Litcratur. Ricliarck Junge. Rundfunk der Woche Vortragsfolgen für Erwerbslose In der vergangenen Woche brachte die Funkstunde einen Vor- tragszgklus„Aus Arbeit und Leben" mit dem Untertitel„Technik", der an fünf aufeinanderfolgenden Wochentagen je eine halbe Stunde füllte. Mit ihm wurde eine im Programm der Berliner Funkstunde neuartige Darbietungsfolge eröffnet, die hauptsächlich für die arbeitslosen Hörer bestimmt ist. Sie soll in den kommenden Wochen fortgesetzt werden. In dieser Woche wird das Thema „Siedlung" behandelt: daran anschließend sollen folgen Aus- sprachen über„Recht",.Lemand wird krank",„Fabrik",„Freizeit". Grundsätzlich wird man sagen dürfen, daß alle diese Themen bei richtiger Auswahl des Inhaltes wesentliche Fragen für den arbeits- losen Menschen behandeln können. Die Funkstunde schreibt in dem Mitteilungsblatt, das diese Vor- tragsreihe ankündigt:„An fünf Tagen der Woche soll ein bestimmtes Gebiet unter dem Gesichtspunkt des Zusammenhangs mit dem prak- tischen Leben dargestellt werden. Es soll dies nicht nur durch Vor- träge geschehen, sondern auch durch Gespräche, Hörberichte, Lehr- spiele, Meinungsaustausch usw. Dabei ist an die Bildung von HSrergemeinschaflen gedachk, die sich aus Erwerbslosen zusammensetzen. Dem Gemeinschaftsempfang soll eine gemeinsame Erörterung des Gehörten im Kreise der Zuhörer folgen. Einem Beauftragten aus den Hörergemeinschaften soll Gelegenheit gegeben werden, seine Ge- danken am Tage daraus mit dem jeweiligen Leiter der Vor- tragsreihe in gemeinsamer Erörterung vor dem Mi- k r o p h o n der Funkstunde vorzutragen." Die gedrängte Folge der Einzeldarbietungen und die Wahl der Stunde— von 15.26 bis 15.45 Uhr— sind auf Grund dieses Plans verständlich. Der Arbeitslose hat leider genügend Zeit zum regel-, mäßigen Abhören, und er wird den gesamten Stoff um so besser erfassen, je geringer der Abstand zwischen den einzelnen Teilen ist. Trotzdem dürfte es sich als unzweckmäßig erweisen, eine fest in sich geschlossene Serie von Fortsetzungen zu bieten, die sinnvoll nur für den ist, der sie lückenlos hört: denn der Hörer, der sich von einem Vortrage abkehrt, weil er ihm formal oder inhaltlich nicht zusagt, würde sich damit aus der ganzen Vortragsreihe ausschalten. Bereits für den Empfang der ersten vorkragsfolge hallen sich zahlreiche hörergemeinschaftea zusammengeschlossen. Durch viele Arbeitsämter und durch gewertschaft- liche Organisationen wurden ihnen Räume zum Abhören zur Verfügung gestellt. Das Thema„Technik" ist für den Arbeits- losen von heute ja außerordentlich bedeutungsvoll. Ist nicht er, sind nicht seine Millionen Kollegen von der Stempelstelle Opfer dieser Technik, die die Menschen aus den rationalisierten, mechanisierten Betrieben scharenweise vertrieb?„Bringt die Technik den Menschen Segen oder Unheil?" hieß die erste Aussprache dieser Reihe: sie wurde von Ober-Ing. Hartmann und Ministerial- rat Prof. Woldt geführt. Form und Inhalt waren sehr glücklich gewälilt. Man schlug in dieser Aussprache schon das Grundchemo der ganzen Reihe an, bereitete die dafür notwendige geistige Spannung bei den Hörern vor, gab aber trotzdem eine in sich geschlossene Dar- stellung. Die geistige Aufnahmefähigkeit des Hörers wurde nicht durch eine Fülle vorläufig offenbleibender Fragen überspannt. Das, was in späteren Aussprachen vertieft, sozialisiert werden sollte, wurde bereits in der ersten zu einem vorläufigen Abschluß gebracht, mit dem der Hörer sich gewiß nicht ohne weiteres einverstanden erklären sollte, der ihm aber den Ueberblick über das zur Behandlung gestellte Stoffgebiet außerordentlich erleichterte. Vereiks an dieses Zwiegespräch schloß sich am folgenden Tag eine Hörerdiskussion: es folgte ein Hörbericht, dann wieder eine höreranssprache, als letzte Sendung ein zufammenfasiender Schlußvortrog. Die Disposition der für diese Woche vorgesehenen Sendung zeigt, daß man bei der Funkstunde nicht die Absicht hat, diese Vor- tragsfolgen in ein starres Schema zu pressen, sondern nach der dem jeweiligen Thema angemessensten Form sucht. Selbstverständlich bleibt die Aussprache mit Hörern vor dem Mikrophon bei dieser Darbietungsreihe immer wichtig, selbst dann, wenn der oder die Vortragenden die Fragen bequemer ohne das Hörbarwerden der Fragesteller beantworten könnten. Denn diese Vortragsreihe muß vor allen Dingen bemüht bleiben, den Hörern das Gefühl einer unmittelbaren Verbundenheit mit den Rednern zu geben: der s Hörer muß immer das Bewußtfein haben, daß fein Einwand, wenn er wesentlich ist, durch ihn selber oder durch einen anderen, der an seiner Stelle steht, öffentlich vorgebracht und bis zur Klarlegung mit dem Redner durchgesprochen wird. Diese stillschweigende Voraus- setzung wird vielfach die unerläßliche Bedingung für aufmerksame Teilnahme an den Sendungen sein. Der Hörer kann hier zum wirklichen Zuhörer erzogen werden. Der Mensch von heute ist ja innerlich so selten bereit, Ausführungen zu folgen, die nicht in der von ihm erwarteten oder gebilligten Linie liegen: er lehnt sie ob, versperrt sich dagegen, findet sie unwesentlich oder falsch, ohne sich überhaupt der geistigen Anstrengung unterzogen zu haben, sie einmal durchzudenken. Diese Begrenztheit ist in vielen Fällen nichts anderes als eine Art Selbstschutz, da der Vertreter der abweichenden Meinung im allgemeinen ja seinerseits auch kaum geneigt ist, sich mit der Einstellung des anderen vertraut zu machen. Die Teilnehmer an diesen Vortragsfolgen müssen zu der Ueber- zeugung gebracht werden, daß es hier anders ist. Auch wenn selbst- verständlich nicht jeder zu Wort kommen, wenn nicht jedes— aus Zeitmangel vielleicht sogar nicht jedes wichtige— Argument berücksichtigt werden kann. Es wird für jeden vernünftigen Hörer nicht so sehr die Erledigung des Einzelfalles als die Atmosphäre der ganzen Darbietung wichtig werden. hier aber muß dafür gesorgk bleiben, daß der lebendig frische Luftzug, der sich mit der ersten Sendefolge ankündigte, nicht nur erhalten bleibt, sondern daß er sich zu einem kräftigen reinigenden wind auswächst, der allen muffigen, lebensfremden Vit- dungsstaub fortwirbell. Das praktische Leben ist im Rundfunk bisher viel zu kurz gekommen, weil er viel zu wenig mit Menschen des praktischen Lebens Fühlung genommen und ihre wirk- lichen Bedürfnisse erforscht hat. Erst wenn der Hörer daran glauben lernt, daß der Rundfunk jetzt wirklich ihn unmittelbar sucht und aus seiner Mitarbeit Werte für die gesamte Hörerschaft schöpfen will, erst, wenn diese neuen Vortragsfolgen den Arbeitslosen wirklich zu diesem Glauben brin- gen, dann werden sie sich lebendig zum Nutzen aller entwickeln können. Dieser Glaube blüht schwerlich über Nacht auf: er kann sich nur langsam entfalten. Mancher mag dieser ersten Sendefolge noch ablehnend gegenübergestanden haben, weil sie nicht seinen privaten Wünschen entsprach. Mancher mag an den Diskussionen Vielseitigkeit, geistige Beweglichkeit zum Teil vermißt haben. Aber die Diskussionen sind schließlich nur das Spiegelbild der Hörerschaft. Je aufmerksamer, je gründlicher jeder den einzelnen Darbietungen folgt, je besser er zu ihren Kernpunkten vordringt, desto beweglicher, desto erhellender werden die Höreraussprachen vor dem Mikrophon werden. Wer die erste Sendung vom Beginn bis zu den Schlußvorträgen aufmerksam abgehört hat, kann gewiß gegen Einzelheiten Einwände vorbringen, kann an der einen oder anderen Stelle mit der Ab- grenzung des Themas nicht immer einverstanden sein. Die Gesanit- darstellung aber war zweifellos sehr wirksam. Die abschließende Antwort auf die Lebensfrage:„Bringt die Technik den Menschen Segen oder Unheil?" konnte nicht eindringlicher und klarer für alle Hörer gegeben werden als mit dem Zitat aus einer Rede van Oskar von Miller, das Professor Woldt im Schlußwort der Sendung gab:„... Die Technik ist gewiß nicht schuld an den jetzigen Ver- Hältnissen. Schuld ist vielmehr, daß die Menschen den Fortschritten der Technik auf anderen Gebieten nicht schnell genug folgen können, z. B. mit ihren sozialen Anschauungen und ihren s i n« n-z» wirtschaftlichen Organisationen... Es hilft nichj, piel, wenn man den Menschen sagt, sie sollen ihre Bedürfnisse einschrän- ken. Den Verbrauch erhöhen und die Menschenarbeit einschränken, das sind die einzigen Möglichkeiten. Davor hat man eine furchtbare Angst. Die Einschränkung der Menschenarbeit erfolgte ja tatsächlich. aber so planlos, daß man Arbeitswillige auf die Straße fetzt und ihnen dann Unterstützung zahlt. Ich glaube, man kann die Menschen- arbeit viel planmäßiger einschränken. Das wäre kein Unglück. Statt der zehn-, zwölf- und vierzehnstündigen Arbeitszeit sind wir jetzt mit einem kürzeren Arbeitstag gut ausgekommen." Eine Vortrags- folge, deren vielseitige Darbietungen am Ende ihren Sinn in diese Sätze zusammenfassen lassen, hat zweifellos damit ihre aktuelle Be- deutung bewiesen. Tes. Berantwortl. für blf Redaktion: Rich. Bernstein. Berlin: An» Berlin Verlag.----_ druckcrei und Aier»n l Beilage. tlir dt» Redaktion:«ich. Bernstein. Berlin: Anzeigen: TI,.«sloNe. ag: Vorwärts Verlag<5> m. b. H.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin EW 68, Lindenstr. 3. Wintesj. "Garten- 8.1 S Ulli Flora 3434 Faodien erlaubt| Die neue Varlef�-Revne .,Ftlnf Im Käsewagen*' mit Ehrlich. Halmay. Morgan, Theimer. Sönelnnd usw. PLAZA IHahfSAIes.Bhf. 5 q. B13, stji.r. s, c3 u.Tii.; n Weidml MI. Hin Lied der Liebe *) Erschienen im Verlag Rohwolt, Berlin. -Tliealerln dvk» Sircscmannslr- Täglich SVs Ü.hr fleiiuRQbmann i» DerMüstergatte Schwank in 3 Akt Unter den Linden Merkur 1�24 Täglich SVi Uhr Rose- ineater iroi« Frankftnei Slnli 13? Iii. Wtiihsrl E 7 342? S" Uhr Die Frau. die jeder sudit GROSSES SCHAÜSPIELHAÜS Wegion Vorbereitung zur Max- Reinhardt- Insrenierur.g „Die schöne Helena" bis einschlieülch 18. April geschlossen Premiere: 19. April. HAÖMAND MNMIO Hestauait Berlins WM Stadl. Oper Charlatienburg 3ismarckstraBe 34 Montag. II. Apiil 18,30 Uhr Volksvorstellang Kein Kartenverkaul Parsifal Amerling, Bmgwinkel, Reinmar, Andräsen, Pechner Ende 23,30 Uhi Iii. im Siimiralspalssl raglich 8'?. Uhr Käthe Dorsch Gastaf Gründgens LiseSott' Siupiklv.EiMKIiiuielie Theater desWestens Täglich S'k Uhr N'ur bis II. April lieopoldinc Konstantin in: in jeder Ede. »•.Uhr CASINO-THEATERw- vh, Lothringer Strafe 37. iiiniiTtiiimiiiiiiiniiifiiiiiiiiiinniiiiikJiuiiniuiiiiiintinKiimoii Berlins neuestes öperetten- Theater! Operette in Z Akten. Musik tou R.Stolj Erstkl. Gcsangskr. Neue Bühnenausst Gutschein 1—4 Personen; Parkett 5ü Pt. fauteuil 1.— Mark, Sessel 1.50 Mark. VoiüsDUtine ihealer am EQIovglatz 8 Uhr Kamrad Kasper Volkssitick von Paul Schurek Regie: GUnther Stark Stiall. Sdiiller-Iheatei 8 Uhr Die Geschwister Hierauf: Der zerbrochene Krug MMa Tüeafer 8 Uhr Vor Scmolergaog v. Cerh-Haupimann Regie Max Reinhardt metropoi-ltiesier Täglich SV* Uhr Cnrt GUie in Zirkus Aiisee Operette von Curt Götz, Musik von Benatzky Ziehung I. Klasse 22, und 23. April Prenfl. Slaaislolterie Gesamtgewinne in 3 Klassen über l14NHiionenRN. Höchstgewinn im gl. Falle: Eine Million Hauptgewinne: 500000 3OOOO0 200000 fOOOOO Doppel- 1/, !/< Vs Loge zu SC.- 40.- 20.- 10.- 5.- M Porto und Liste 30 Pf. extra. Sdmarz Beriln Neue Königstr. 86 Postscbeck-Konto: Berlin 31 1 50 Telegramm- Adresse: GLÜCKSGOTT, Berlin I mm-Tlieater Täglich 8V« Uhr Der oiolte Erlolg Erika v.Thellmami Kort Vcoipermann in: Morgen gehts uns gut I Theater a.Kollendorfpiatt Pallas 7051 W«Uhr,Stg. P!t Uhr TraiMeriaelit Operette In 3 Akten v.Lad.Woütu. Karl Behl Musik von Hans May Regle: Heinz Saltenborg Rundfunkh halb.Pr Stgs. 4t; Uhr Kl. Pr. liadnaebilse. Vlatinabtälle Queckiilber Zinn» metalle. Silber. schmelze Eoldschmel, zerei. Cbriftionat, Röpenickersirake 39. Laltestelle Adalbert» itrake_ nserate im Vorwärts llchera Lrfolgl föeiloge Montag, 11. April 1932 SprjwKÄ SfiäJaulQaäe Aa IbteäsJt 3iunger in CU.S.A. SSrief eines deutfchett.Arbeiters/ ton Sisgruber Lieber Bruder, Du möchtest gerne etwas Authentisches über die Auswirfungen der Arbeitslosigkeit in USA. wissen. Nun, ich schätze, wir sind hier nicht mehr allzu weit von Euren europäischen Ver- Hältnissen entfernt, soweit ich diese aus Deinen Briefen und aus den Zeitungsnachrichten beurteilen kann. In mancher Hinsicht wirkt sich die Arbeitslosigkeit hier noch schlimmer aus als bei Euch, weil die sozialen Gegensätze hier größer sind und die Armut nicht wie bei Euch, durch eine soziale Gesetzgebung wenigstens vor dem Aeußersten bewahrt ist. Meine Arbeitszeit hat sich, nachdem ich als gelernter, qualifi- zierter Arbeiter seit meiner Ankunft vor vier Iahren ununter- brachen Vollarbeit hatte, im Laufe der letzten Monate von 50 Stunden wöchentlich auf zwölf Stunden reduziert. Heute nachmittag habe ich meine unfreiwillige Muße benutzt, um einen alten Kollegen zu besuchen, der vor einem halben Jahre bei uns aus- gestellt wurde. Er hat sich seitdem schier die Beine ausgerissen, um Arbeit zu bekommen. Umsonst. Schließlich verkaufte er nachein- ander seine Habseligkeiten, zuletzt das Auto, und jetzt bettelt er, d. h. er stellt sich den Tag über an die Straßenecke und bietet Acpfel zum Verkauf an. Die Aepfel sind aber nur Attrappe, Borwand zum Betteln. Die Posianten wisien das schon und wenn einer doch nach einem Apfel greift, bettelt man den Apfel zurück. Alle Straßenecken wimmeln hier von„Aepfelverkäufern" und das Wort ist schon gleichbedeutend geworden mit„Arbeits- loser". Auf der Nachhausefahrt habe ich ein paar Iungens mitfahren lassen. Auf die Frage, was sie in der Stadt wollten, erwiderten sie: „Was zum Essen betteln. Bater ist arbeitslos." Gestern schrieb die„B. Post": .Leist! Die Babys bekommen statt Milch, die sich die Mütter nicht mehr kaufen können, schwarzes Brot! 3n einer Häuserreihe sind innerhalb acht Tage fünf Babys verhungert. Die Leute halten nicht mal Geld, um die Kinder zu beerdigen. Sie wandten sich an die Gemeinde, die sich aber weigerte, mit der Begründung, daß sie nur mehr Arme, die im Armenhaus gestorben seien, begraben könne. Den Eltern blieb nichts anderes übrig, als aus alten Brettern selber Särge zu zimmern und die armen Würmer irgendwo zu verscharren..." Mein Nachbar, Leo Selis ein wohlhabender, als Wohltäter bekann- ter Schuhmacher, hat einer Wol)ltäiigkeitsorganifation 1000 Gutscheine zum kostenlosen Besohlen von Schuhen geschenkt. Die sämtlichen 1000 Gutscheininhaber haben sich bereits innerhalb weniger Tage bei Selis gemeldet und jetzt wird er ein paar Monats umsonst Schuhe besohlen müssen. Als ich ihn vor einigen Tagen besuchte, kam u. a. ein' Mann mit drei Kindern und einem Gutschein und bat Selis flehentlich, er möge ihm auf dem Gutschein doch die fünf Paar Schuhe ferner Familie besohlen, sie könnten überhaupt nicht mehr aus dem Haus; er sei seit lö Monaten arbeits- I o s und sein Notpfennig sei durch den Bankkrach verlorengegangen. Der Bankkrach hat eine Unzahl von Arbeiterfamilien in tiestte Not gestürzt, denn er hat ihnen nicht nur die Arbeit, fondern auch noch den Sparpfennig genommen. Jahrelang haben sie Cent auf Cent gelegt und als sie Gebrauch davon machen wollten, war der Notpfennig in den Taschen der Finanzhyänen verschwunden. Du kannst Dir vorstellen, wie erbittert die kleinen Leute itber diese Aus- beutcrschicht sind. Leider aber sehen sie nicht die Zusammenhänge: sie trösten sich entweder mit der Heilsarmee oder sonst einer Sekte, oder sie reagieren ihren Zorn bei irgendeinem a n a r ch i- stisch-radikalen Klüngel ob, um ihm vierzehn Tage später ernüchtert wieder den Rücken zu kehren. Daß es hier keine sozialen Gesetze, ähnlich der deutschen Ar- beitslosenversicherung gibt, wißt Ihr ja. An ihrer Stelle fungiert, oder besser gesagt grassiert hier die freie Wohltätigkeit. D. h. so ganz freiwillig ist die Sache nicht, wenigstens nicht für den Arbeiter. Es gibt da ein Komitee, das sich„Cerarnunity{und" nennt, eine Art von„Vereinigten Wohltätigkeitsverbänden". Dieser C. F. sammelt freiwillige Gaben. Aber nur die Wohlhaben- den, die Unternehmer dürfen wirklich freiwillig gsben. Dem A r- b e i t e r und Angestellten wird von der Werksleitung„nahe- gelegt", z. B. ein Prozent des Iahreseinkaminens ab- zuführen. Es ist selbstverständlich, daß jeder Arbeiter gerne seinen Obulus für die Notleidenden gibt, solange er oerdient, wenngleich man gerne die Verteilung nach anderen als Heilsarmee-, Ebrcxtien scisnce. und sonstigen Sektengrundsätzen vorgenommen sähe. Aber wenn schon der Arbeiter mit sanftem, aber unnachgiebigem Druck — Du kannst Dich natürlich weigern, die„nahegelegten" Prozente abzuführen, aber Du wirst dann bald„überzählig" im Betrieb — einen bestimmten Prozentsatz abzuliefern hat, dann sollte das doch erst recht für die Großverdiener gelten. Ein vergleich der Steuer mit den Zeichnungsliste» aber ergibt, daß diese durchschnittlich nicht den zwanzigsten Teil von dem geben, was die Arbeitnehmer gebe» müsien. Daß der E. F. und die dahinterstehenden Vertcilungsorgani- sationen natürlich eine Menge Spesen verschlingen, versteht sich am Rande. Und daß die Auswahl der Bedürftigen— Ledige bekommen überhaupt nichts— nach Klüngelgesichtspunkten erfolgt, ist gleichfalls klar. Weh Dir, wenn Du nur Hunger, aber keine frommen Ambitionen hast! Aber auch die Auserlesenen kriegen wenig und oft erst, wenn es zu spät ist. Sie müssen nachweisen, daß sie keinen Spargroschen, kein Auto und kein Radio mehr haben und daß sie von keinem Verwandten mehr unterstützt werden. Mancher ist schon, ehe ihm der Nachweis gelungen war, nachweislos ins Jenseits gewandert. Ist der Nachweis aber gelungen, oder bist Du durch langjährige Zugehörigkeit zur Sekte als vertrauenswürdig genug befunden, dann bekommst du hie und da, solange eben der Vorrat reicht— und er reicht nicht lange— etwas Lebensmittel, vielleicht auch mal ein Kleidungsstück, in besonders günstigen Fällen wird Dir auch mal die Miete bezahlt. Gewöhnlich sind die Wohl- tötigkeitskasien bald erschöpft bei der Riesenzahl der Bedürftigen. Bei uns in L a l t i m o r e, einer Stadt mit rund einer M i l° lion Einwohnern, weist die Statistik für das verflossene Jahr nicht weniger als 41S000 von den Organisationen Un- t e r st ü tz t e aus. Und diese Stadt gilt noch als„gut situierte". Da- bei darf man nicht vsrgesien, daß in dieser Zahl die ledigen Cr- werbslosen und die Kurzarbeiter nicht inbegriffen sind. Die Arbeikszeikkürzungen in meinem Betriebe innerhalb der letzten Monate betragen bis zu S0 Prozent, die Lohnkürzungen schwanken zwischen 2